Temple of Flora

Non-Fiction

Robert John Thornton
The Temple of Flora
Einleitung und Tafelbeschreibungen von Werner Dressendörfer
Taschen 2008, Dt./Engl./Frz./Span., Kassette, Booklet 44 S., zahlr. Abb., Mappe mit 33 Tafeln (53 x 42,5 cm)
ISBN 978 3 8228 5273 6

The Temple of Flora Thornton, Temple of Flora

Im sanften Licht des Mondes entfaltet die “Königin der Nacht” (Selenicereus grandiflorus) ihre Blütenpracht. Über ihr erhebt sich am Ufer eines Flusses die Ruine eines Glockenturmes, dessen Uhr die zwölfte Stunde anzeigt. An Romantik ist die im Jahr 1800 für “The Temple of Flora” angefertigte botanische Illustration kaum zu übertreffen. Es handelt sich um eine der stimmungsvollsten Tafeln in einem Werk, dem zu seiner Entstehungszeit - trotz seiner Schönheit - nur wenig Erfolg vergönnt war.

“The Temple of Flora” ist die Frucht der Leidenschaft eines Mannes, die ihn in den finanziellen Ruin trieb. Robert John Thornton ist ein gutes Beispiel dafür, dass Begeisterung allein noch keinen guten Geschäftsmann macht. Der studierte Mediziner praktizierte als Arzt in London, bewies sich als Autor und wurde zum “Public Lecturer on Medical Botany” ernannt. Seine Liebe zur Botanik gipfelte in einem monumentalen, dreiteiligen Publikationsvorhaben mit dem Titel “New Illustration of the Sexual System of Carolus Von Linnaeus”, mit dessen drittem Teil “The Temple of Flora” er dem großen Botaniker Carl von Linné huldigen wollte.

Das Fortsetzungswerk, dessen erste Lieferung 1799 erschien, vereinte wissenschaftlichen Anspruch mit emotionalem Überschwang. Während im ersten Teil (”Preliminary Observations”) Grundbegriffe der Botanik vermittelt werden, lässt das dem zweiten Teil (”The Prize Dissertation on the Sexes of Plants by Carolus Von Linnaeus, Written Anno Domini 1759″) vorangestellte Motto bereits Robert J. Thorntons Hang zur Poesie anklingen. Die folgende englische Übersetzung der bahnbrechenden Arbeit von Linné wird demgemäß nicht nur von Thorntons ergänzenden Kommentaren, sondern auch von lyrischen Ausbrüchen und überschwänglicher Kalligrafie begleitet.

“The Temple of Flora” schließlich setzt sich aus den botanischen Bildtafeln zusammen. 70 großformatige Pflanzenabbildungen sollten es werden, doch nicht einmal die Hälfte der geplanten Tafeln konnten umgesetzt werden. Die Kosten für die Maler der als Vorlage dienenden Ölbilder und die aufwändige Herstellung der Farbdrucke hatten Robert John Thorntons Vermögen verschlungen. Der Verkauf lief schleppend, die zu Werbezwecken eröffnete Galerie blieb erfolglos und auch eine Lotterie brachte nicht die erhoffte Finanzspritze. Das Projekt war nicht mehr zu retten. Thornton starb 1837 verarmt. Von seinem Enthusiasmus für Botanik geleitet, hatte er den Markt für seine unkonventionelle Publikation und deren Produktionskosten falsch eingeschätzt.

Die zahlungskräftige, der Pflanzenkunde zugeneigte Bevölkerungsschicht verlor durch den Krieg mit Napoleon, der nicht nur neue Steuern für den Erhalt des Militärs sondern 1806 auch die Kontinentalsperre zur Folge hatte, das Interesse an botanischen Publikationen. Für die Wissenschaft hatte der “Temple of Flora” wenig Wert, denn die Darstellung der Pflanzen folgte nicht den Regeln der botanischen Illustration. Auch die Landschaften, in denen die Gewächse wiedergegeben wurden, zeigte nicht deren tatsächliches natürliches Umfeld, sondern was die Maler dafür hielten.

Heute sind es gerade die malerische Qualität, die emotionsgeladene Dramatik und der - unfreiwillige - Humor der Darstellungen, die ihren Charme ausmachen. Wer kann sich schon das Schmunzeln verkneifen, wenn ein sanft errötender Amor durch den Dschungel pirscht und seinen gespannten Bogen auf eine ahnungslose Strelizie richtet? Oder Flora, blass und sichtlich verausgabt, in den Wolken schwebt, um “ihre wohltuenden Gaben über die Erde” zu verteilen?

Die Tafeln des “Temple of Flora” sind hübsch anzusehen. Noch mehr Spaß macht es, sich Geschichten zu den Hintergrundszenen einfallen zu lassen. Was denkt sich der Eingeborene, der den Puderquastenstrauch bestaunt? Werden die Schiffe, die der Sturm im Hintergrund von Meads Götterblume über das aufgewühlte Meer treibt, kentern? Wer wohnt in der abgelegenen, tief verschneiten Holzhütte hinter der Anhöhe, auf der Schneeglöckchen und Krokus den nahenden Frühling ankündigen? Fordert der Vulkanausbruch am Horizont der Landschaft mit Drachenwurz Menschenleben? Wird sich ein Liebespärchen im antikisierenden Rundtempel hinter der weißen Lilie treffen? Mit ein wenig Fantasie wird “The Temple of Flora” zur Unterhaltung der ganzen Familie.

Es sind die wunderbar unkonventionellen Tafeln von “The Temple of Flora” die Robert J. Thornton seinen Platz in der Geschichte der botanischen Illustration gesichert haben. Auch in der Veröffentlichung des Taschen Verlags bilden sie das Herzstück. Für jene, die sich einer so eindrucksvollen botanischen Publikation mit dem ihr gebührenden Ernst widmen wollen, hält ein Maxi-Booklet eine Vielzahl wissenswerter Fakten über das Werk, Robert J. Thornton und die beteiligten Künstler bereit. Hier sind auch die, den ersten und zweiten Teil des Gesamtwerkes zierenden, Grafiken und kalligraphischen Blätter abgebildet. Als Vergleichsbeispiele angeführte Seiten aus anderen botanischen Werken verdeutlichen die Einzigartigkeit des “Temple of Flora”.

In der Produktgestaltung hat sich der Taschen Verlag wieder einmal selbst übertroffen. Schon das Auspacken des Buches ist ein Erlebnis, ein fast erotisches Vergnügen des Enthüllens. Zuerst fällt die Verpackung aus braunem Karton. Schicht für Schicht dringt man zu den Tafeln vor… Und steht zu guter Letzt vor der Entscheidung: Lässt man sie in ihrer berückend schönen Hülle oder erfreut man sich ihrer als Wandschmuck?

© Ch. Ranseder

Thornton, Temple of Flora

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