Raoul Korty
11. April 2008
Ebensolch Rez-E-zine 39+40/08
Zur Erinnerung an schönere Zeiten…
Österreichische Nationalbibliothek
29. Februar bis 13. April 2008
Der Ausstellungstitel greift die Widmung auf, die Raoul Korty unter sein Porträt in Husarenuniform schrieb. Entstanden ist die Aufnahme 1919 als der Krieg vorbei, die Monarchie abgelöst und die kaiserliche Uniform bereits Geschichte war. Er blieb Offizier und Lebemann. Seine Einstellung Ich habe den Rock des Kaisers getragen, da werde ich Hitler nicht fürchten wurde ihm 1944 schließlich zum Verhängnis. Auch Raoul Korty überlebte Auschwitz nicht.
Korty seine die Sammelleidenschaft für Fotografien
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Der Stammhalter des wohlhabende Kaufmanns Siegfried Hermann Kohn, der 1896 den Namen Korty(i) annahm, wurde am 4. Februar 1889 in Wien geboren. Die Erziehung des jungen Raoul dürfte wohl der Zeit entsprochen haben, dennoch blieb die vom Vater gewünschte Entwicklung aus. Raoul entpuppte sich bereits in früher Jugend als besessener Fotosammler. Ein Ratenkauf, um an eine bedeutende Fotosammlung zu gelangen, endete beim Anwalt. Briefe der Mutter an den 12jährigen sind wohl nicht umsonst mit Sammler oder Ansichtskartenkrampfinhaber betitelt und mahnen brav und fleißig zu sein. Die 50.000 Damenporträts aus einem Nachlass, den er mit dem väterlichen Geld erwarb, werden ebenfalls nicht zur Bewahrung des häuslichen Friedens - angeblich hat aufgrund des Chaos das Stubenmädchen gekündigt - beigetragen haben.
Fotosammler ist kein Fotograf
Der junge Sammler beendete die Realschule und trat in die Wiener Kunstakademie ein, die er aber durch Eintritt in den Präsenzdienst und Ausbruch des Ersten Weltkrieg nicht beendete. Korty kehrte als Oberstleutnant heim, er war während des Krieges mit einer silbernen Tapferkeitsmedaille 2. Klasse ausgezeichnet worden. Ohne Ausbildung aber mit einer begüterten Familie war die Rückkehr ins bürgerliche Leben für Raoul Korty sicher leichter als für viele andere Heimkehrer. Seine Leidenschaft für Fotografie legte die Gründung des Fotoateliers Gorgette nahe. Keine kluge Entscheidung. Exzessive Sammler sind Süchtige. Ein Jahr später stand das Studio bereits vor dem Ruin. Foto(sammel)leidenschaft und organisiertes wirtschaftliches Denken scheinen sich bei Raoul Korty ausgeschlossen zu haben, obwohl das Atelier nicht unproduktiv gewesen war. Um 20.000 Kronen war Vaters Geldbeutel schmaler geworden als die Firma 1929 aufgelöst wurde. Nach seiner Heirat mit einer Nichtjüdin blieb ihm Vaters Geldbeutel verschlossen. Andererseits war die Sammlung auf rund 250.000 Fotos angewachsen. Das erste große Fotoarchiv auf das Printmedien zugreifen konnten, begann Geld einzubringen. Allerdings nicht genug. In den 30er Jahren begannen Korty aus Geldnot Teile seiner Sammlung zu verpfänden und zu verkaufen. Mit dem Anschluss Österreichs brach die Welt um ihn zusammen. Zu spät dachte er an Emigration. Am 28. Oktober 1944 wurde der Sammler und Chronist einer versunkenen Zeit Raoul Korty nach Auschwitz deportiert.
Beschlagnahmung und der ewige Weg zur Restitution
Unter den nahezu 500.000 Objekte, die durch die Beschlagnahmungen während des Nationalsozialismus in die Österreichische Nationalbibliothek gelangten, befanden sich auch die letzten 30.000 Fotos, die Raoul Korty noch geblieben waren. Seit 1939 harrten sie in Transportkisten verpackt ihrer Wiederentdeckung. Es ist gut bekannt und wenig diskutiert, dass Österreich besonders vergesslich mit der Zeit des Nationalsozialismus umgeht. Die Gedächtnislücken sind besonders ausgeprägt, wenn es um die Rückgabe von Raubgut geht. Die Österreichische Nationalbibliothek hat sich auch nicht beeilt. Bereits 1946 nahmen die Hinterbliebenen von Raoul Korty mit den Verantwortlichen für die Rückstellung auf, aber erst 66 Jahre nach der Beschlagnahmung wurde die Fotosammlung der Tochter Kortys rechtmäßig abgekauft. Erfreulich ist, dass die Österreichische Nationalbibliothek sich ihrer unrühmlichen Erwerbsstrategien in aller Offenheit stellt und gemäß des Kunstrückgabegesetzes von 1998 endlich agiert.
Aufarbeitung von Adleigen und Künstlern
Seit 2007 wird die Sammlung Korty aufgearbeitet. Ein Katalog, auf den zurückgegriffen werden könnte, exitiert nicht; denn Raoul Korty hatte wie jeder besessene Sammler seine Objekte, deren Erwerb und die zugehörigen Hintergründe im Kopf. Der “spärliche” - gemessen an einst 250.000 Fotos - Bestand stellt somit eine große Herausforderung dar. Der Monarchist und Lebemann Korty spiegelt sich deutlich in seiner Sammlung. Der Schwerpunkt liegt auf Porträts von Adeligen und KünstlerInnen.

Michaela Pfundner, Margot Werner (Hg.)
Zur Erinnerung an schönere Zeiten
Bilder aus der versunkenen Welt des jüdischen Sammlers Raoul Korty
ÖNB 2008, 103 S. zahlr. Abb.
ISBN 978-3-01-000037-6
Die von 29. Februar bis 13. April 2008 im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek gezeigte Ausstellung Zur Erinnerung an schönere Zeiten. Bilder aus der versunkenen Welt des jüdischen Sammlers Raoul Korty wird der komplexen Thematik mehr als nur gerecht. Ausgehend von der Persönlichkeit Kortys spannt sich der Bogen über Adel, Gesellschaft, Bühne und Kurioses bis zum Sammlungsschicksal selbst. Übersichtlich struktruiert und äußerst ansprechend präsentiert, ist es eine Freude von Vitrine zu Vitrine zugehen und sich mit dem gut aufbereiteten Inhalt zu beschäftigen. Flüssige Texte, stimmig gewähltes Fotomaterial sowie einige Schmuck- und Bekleidungsstücke verdeutlichen die Lebenswelt Kortys und zeigen die informative Breite des Bestandes auf.
Die Ausstellungen im Prunksaal sind immer interessant, viele sind gelungen und immer zeigen sie Besonderes. Diese Ausstellung ist außergewöhnlich. Die exzellenten Texte und die frische Grafik stellen die rund 300 Fotos, deren Fülle man kaum bemerkt, nicht nur in einen informativen Zusammenhang, sondern sparen auch die Forschungsgeschichte nicht aus.
Definitiv eine Ausstellung bei der man keinesfalls auf den Katalog verzichten sollte. Die Persönlichkeit Kortys, das Sammlungsschicksal und die Bildauswahl werden so spannend vorgestellt, dass man den auch grafisch attraktiven Band erst aus der Hand legt, wenn man die rund 100 Seiten gelesen hat.
© S. Strohschneider-Laue
Raoul Korty:
Franz Joseph I. in 100 Bildern
Kaiserin Elisabeth von Österreich in zweihundert Bildern
