Hermann Obrist

Eva Afuhs, Andreas Strobl (Hgg.)
Hermann Obrist Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900
Museum Bellerive, Staatliche Graphische Sammlung München
Scheidegger & Spiess 2009, Dt./Engl., 248 S., zahlr. Abb. ISBN
ISBN 978 3 85881 239 1
Hermann Obrist: Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900
Hermann Obrist (1862-1926) war ein Suchender. Vielseitig begabt und leicht zu langweilen, kam er über den Umweg der Naturwissenschaften zur Kunst. Vier “Visionen” brauchte es, bis der junge Hermann seine Berufung erkannte und sich ganz dem Kunstgewerbe verschrieb. Wie sein Werdegang verlief, erzählt der Künstler, der einst in München den deutschen Jugendstil maßgeblich formte, in der Autobiografie “Ein glückliches Leben”. Seine Erinnerungen bilden - durch Papier, Farbe und mittige Platzierung von den wissenschaftlichen Beiträgen abgehoben - das Herzstück des Buches “Hermann Obrist. Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900″.
Das künstlerische Schaffen von Hermann Obrist ist nur noch lückenhaft erhalten. Vieles kam nie über das Entwurfsstadium hinaus, ging verloren oder wurde im zweiten Weltkrieg zerstört. Nahezu das gesamte bildhauerische Werk sowie eine fotografische Dokumentation der Grabmäler und Brunnen befinden sich heute im Museum für Gestaltung, Zürich. Ein weiterer bedeutender Teil seines Nachlasses hat sich in der Staatlichen Graphischen Sammlung, München, erhalten. Das als gemeinsames Projekt der beiden Institutionen entstandene Buch “Hermann Obrist. Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900″ und die begleitende Ausstellung führen erstmals diese Teile des Nachlasses zusammen.
Unter welchen dramatischen Bedingungen Teile des Werkes von Hermann Obrist gerettet werden konnten, schildert der erste Beitrag des reich bebilderten Buches. Eva Afuhs und Andreas Strobl stellen in “Erste Grundlagen zu einem fragmentierten Werk” den Nachlass vor. Im Zuge dessen untersuchen sie sowohl die künstlerische Entwicklung des Bildhauers als auch die Rezeption und Bedeutung seines Werkes im Kontext des damaligen Kunstverständnisses. Hermann Obrist wollte neue Wege beschreiten. Er fand neue, originelle Ausdrucksformen und experimentierte als einer der Ersten mit den Materialien Plastilin und Zement. Als Inspirationsquelle für seine Plastiken, Textilien und Zeichnungen sammelte er Abbildungen aus Zeitschriften. Damit nahm er die “mood-boards” heutiger Designer vorweg. Wäre Hermann Obrist noch am Leben, könnte er vermutlich als Ausstatter von Fantasy-Filmen Erfolge feiern. Seine bildhauerischen Arbeiten wirken fantastisch-fremdartig, bisweilen sogar bedrohlich. Eva Afuhs und Andreas Strobl benutzen den treffenden Ausdruck “biomorph”. Obrist orientierte sich an der Natur, jedoch ohne sie zu kopieren. Er fing Bewegung und Wachstum als Ausdruck der inneren Kraft eines Organismus ein und verkörperlichte sie als Spirale oder Peitschenschlaglinie. Für ihn sollte Kunst das Gefühl des Lebens in übersteigerter Form erfahrbar machen.
Annika Waenerberg legt in “Lebenskraft als Leitfaden” dar, welche Faktoren sowohl Obrists Ringen nach einem einzigartigen persönlichen Stil als auch seine kunsttheoretischen Ideen beeinflusst haben. Die Erforschung der Wahrnehmung und der abstrakten Form beschäftigten den Künstler auch in seinen Zeichungen.
Stacy Hand geht in ihrem Beitrag “Feuer in Schwarzweiss” der Frage nach, welche Bedeutung Wahrnehmungspsychologie und naturwissenschaftliche Illustration für das Werk von Hermann Obrist hatten. Dieser widmete sich ja nicht nur der Praxis sondern auch der Theorie und Lehre. Als Mitbegründer der “Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk” dürfte er gut mit anderen Künstlern vernetzt gewesen sein.
Ingo Starz wirft in “Ornamental-Plastik” Licht auf den Dialog und die, anlässlich der Werkbundausstellung in Köln 1914 erfolgte, Zusammenarbeit mit Henry van de Velde.
Dass Hermann Obrist sich der Bedeutung seiner Grabmäler und Brunnen bewusst war, darf aus der qualitativ hervorragenden fotografischen Dokumentation der Werke geschlossen werden. Viola Weigel analysiert in “Hermann Obrist und die Fotografie” das im Nachlass erhaltene Konvolut von 49 Aufnahmen. Im Zuge dessen legt sie dar, wie der Blick durch das Objektiv die Wahrnehmung der Arbeiten und ihrer Platzierung im Raum beeinflusst.
Warum Obrist ausgerechnet der Gestaltung von Grabmälern besondere Aufmerksamkeit schenkte und welche Erfolge er mit seinen Werken verbuchen konnte, beschäftigt schließlich Hubertus Adam in “Symbolische Erinnerungen an die Natur”.
“Hermann Obrist. Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900″ ist die erste Monografie über den eigenwilligen Bildhauer, Textildesigner, Zeichner, Theoretiker und Lehrer. Die in deutscher und englischer Sprache wiedergegebenen Essays leisten einen bedeutenden Beitrag zur Erforschung des Gesamtwerkes von Hermann Obrist. Zu den hervorragenden Texten und der großzügigen Bebilderung gesellt sich für designbewusste LeserInnen ein zusätzlicher Bonus. Das Buch besticht mit einer edlen Gestaltung, die es wohltuend von der Masse der verfügbaren Kunstpublikationen abhebt. Mehr sei hier nicht verraten.
© Ch. Ranseder
Hermann Obrist: Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900
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