Léonard & Marie Antoinette
17. April 2009
Ebensolch Rez-E-zine 50/09
Léonard Autié
Léonard der Coiffeur der Königin
Galantes, Frivioles und Extravagantes vom Hofe der Marie-Antoinette
edition ebersbach 2009, 263 S., Sw-Abb.
ISBN 978 3 938740 84 2
Der Friseur als Beichtvater?
Der Friseur als Künstler?
Der Friseur als minutiöser Beobachter einer intriganten Gesellschaft, die mit vollen Haarsegeln (inklusive Fregatte) auf den Untergang zu steuert?
Stimmt alles, aber vor allem war Léonard ein ehrgeiziger und bauernschlauer Gascogner, ein genialer Klatschreporter, der auf der fetten Adelssuppe surfte. Mitten zwischen dekadenten Adel und überfressenem Klerus ein Friseur, der die Locken so hoch auftürmt wie es der Adel der Kundinnen erforderte und so willig war wie es die Kundinnen wünschten. Er hatte seine Augen und Ohren offen, denn er wusste eindeutig Zweideutiges zu berichten und die jeweilige Gunst der Stunde zu nutzen. Die Locken- und Bettenkarriere eines Mannes, der der Adelsgesellschaft gab, was sie wollte, bevor das Volk ihr gab, was sie verdiente.
In diesem Buch ist es aufgeschrieben das Galante, Frivole und Dekadente der auftoupierten Glanzzeit von Marie-Antoinette und ihren Zeitgenossinnen. Egal ob Léonard die amüsanten und geistreich formulierten Anekdoten selbst schrieb oder nicht - das Buch kam deutlich nach seinem Tod in den späten 30ern des 19. Jahrhunderts erstmals auf den Markt und vielleicht war Georges Touchard-Lafosse der Ghostwriter - es ist eine pikant-glamouröse Betrachtung jener Gesellschaft, die durch Eitelkeit zusammengehalten wurde.
So gesehen, hat das Buch Aktualitätswert bis in die Gegenwart. Auch wenn die dümmliche Eitelkeit der Frauen heute eher durch Untergewicht unter und Silikon auf den Rippen, blonde Haare sowie übergroße Sonnenbrillen repräsentiert wird. Während sich die unersättliche Gier der Männer durch unkontrolliertes Scheffeln aus den versiegenden Geldpool und den Lohntüten der Angestellten manifestiert. In Anbetracht, dass am Ende von Léonards Karriere die Flucht vor der französischen Revolution stand, stellt sich die Frage in welchen Untergang die vollständig aufgetakelte heutige Upperclass segelt.
Hinter rosa Umschlag und passend verspieltem Layout mit etlichen historischen Abbildungen verbirgt sich nicht nur pures Lesevergnügen und ein historischer Einblick. Carolin Fischer wählte für diese erste Deutsche Ausgabe jene Episoden, die in unmittelbaren Zusammenhang mit Marie-Antoinette stehen. Anmerkungen und Zeittafel runden die hintergründige Betrachtung des Ancien Régime ab.
© S. Strohschneider-Laue
