Liebesleben

Non-Fiction

Edvard Koinberg
Herbarium Amoris
Das Liebesleben der Pflanzen
Essays von Henning Mankell und Tore Frängsmyr 
Taschen 2009, 152 S., zahlr. Farbfotos.

ISBN 978 3 8365 1781 2

Herbarium Amoris  Koinberg - Herbarium Amoris

Sex sells! Ob das auch schon Carl von Linné (1707-1778) wusste? Immerhin bediente er sich einer sexuell aufgeladenen Sprache, um seine Methode der Klassifizierung von Planzen nach Zahl und Anordnung der Staubgefäße und Fruchtblätter publik zu machen. Seine Zeitgenossen waren erwartungsgemäß schockiert und Linnés Name in aller Munde. Doch seinem Systema sexuale war kein Glück beschieden, schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts war es überholt. Aber so ist die Wissenschaft. Zu dauerhaften Ruhm kam Lineé dennoch. Mit dem Werk Species plantarum verhalf er 1753 dem binominalen System zum Durchbruch und legte damit den Grundstein für ein standardisiertes, noch heute gültiges System der Pflanzenbenennung. Doch genug von Linné, schließlich steht nicht er im Mittelpunkt des Bildbandes “Herbarium Amoris. Das Liebesleben der Pflanzen”, sondern die wunderbaren Fotografien seines Landsmanns Edvard Koinberg. Dieser ließ sich vom Werk des großen Ordnungsliebenden nicht nur zu dem Projekt inspirieren, sondern gliedert auch die in der Publikation dargebotene Bilderflut nach dessen Calendarium florae. Linné kommt natürlich trotzdem nicht zu kurz. Ganz ohne Huldigung geht es nicht. Und so haben der bekannte Krimiautor Henning Mankell und der angesehene Wissenschaftler Tore Frängsmyr jeweils einen Essay über Carl von Linné beigesteuert.

Trotz des liebestrunkenen Titels geht es in dem Prachtband ganz züchtig zu. Keine Biene schwirrt von Blüte zu Blüte, kein Lüftchen treibt Pollen vor sich her. Dafür gibt es Pflanzen zu sehen, die in herkömmlichen Blumenbüchern mit künstlerischem Anspruch meist fehlen. Edvard Koinberg durchstreifte seinen Garten zu jeder Jahreszeit auf der Suche nach attraktiven Modellen. Blüten von Garten- und Wildpflanzen, Fruchtstände, knospende Zweige von Bäumen, ja sogar attraktives Gemüse holte er vor die Kamera. Die betörend schönen Aufnahmen von Flamingoblume und Zimmercalla belegen Abstecher zur Fensterbank.

Nicht auf jedem Foto sind die Porträtierten makellos. Manche sind bereits verwelkt und trocken, haben die beste Zeit ihres Lebenszyklus schon hinter sich. Schön sind sie dennoch. Erst im Vergehen tritt die Farbe zugunsten der Struktur zurück, gibt der Verfall den Blick auf Blattadern frei. Fest geschlossene Knospen hingegen lassen die kommende Blütenpracht erahnen. Was bei ihnen als Versprechen beginnt, wird von den am Höhepunkt ihrer Entwicklung festgehaltenen Blumen, die mit kräftiger Farbe und elegantem Wuchs verführen, erfüllt.

Edvard Koinberg spielt mit Schärfe und Unschärfe, Nahaufnahme und Dreiviertelporträt. Obwohl auf den Fotografien keine kunstvoll kombiniertten Blumensträuße zu sehen sind, erinnert die Lichtführung an die Blumenmalerei des 16. und 17. Jahrhunderts. Manchmal ist es nur eine vom Stängel getrennte Einzelblüte, die vor dem schwarzen Hintergrund zu schweben scheint. Ein andermal wächst die Gestalt einer in gedämpftes Licht getauchten Pflanze geradezu aus dem mystischen Dunkel heraus.

Der prächtige Bildband “Herbarium Amoris. Das Liebesleben der Pflanzen” besteht fast ausschließlich aus seitenfüllenden, stimmungsvollen Fotografien. Als Abschluss des Buches sind die Pflanzenporträts nochmals klein abgebildet und mit Beschreibungen versehen - damit das Rätselraten um die Identität der Dargestellten ein Ende hat.

© Ch. Ranseder

 Koinberg - Herbarium Amoris

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