Kulturbüro

Ivan Sterzinger (Hg.)
Das Kulturbüro-Weissbuch
Scheidegger & Spiess 2009, 107 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 85881 262 9
Herzlichen Glückwunsch zum zehnten Geburtstag, Kulturbüro Zürich! Grün vor Neid bin ich als Österreicherin beim Lesen der Jubiläumspublikation des Schweizer Projektes zur Unterstützung von Kulturschaffenden geworden! Das Kulturbüro hilft praxisnah und unbürokratisch. UNBÜROKRATISCH - gleich mehrmals las ich dieses magische Wort, sogar laut. Ich musste es mir regelrecht auf der Zunge zergehen lassen. Aber es kam noch besser!
Ein Künstler ist jemand, der sich selbst als solcher definiert und nicht in erster Linie jemand, der bereits zahlreiche Auszeichnungen gewonnen hat, schreibt Hedy Graber, Leiterin Direktion Kultur und Soziales Migros-Kulturprozent, im Vorwort von “Das Kulturbüro-Weissbuch” über die “Haltung” des Kulturbüros. “Wow!” war mein erster, sich zugegebenermaßen nicht durch intellektuelle Reflexion auszeichnender, Gedanke. Entzückt über so viel Aufgeschlossenheit und Weitsicht einer Fördereinrichtung, versenkte ich meine Nase wieder in das Buch.
Dank der zahlreichen charmanten, humorvollen und nützlichen Beiträge, ist die anlässlich des 10-jährigen Bestehens des Kulturbüros erscheinende Festschrift “Das Kulturbüro-Weissbuch” zugleich Dokumentation und Ratgeber. Das Kulturbüro wurde 1998 in Zürich gegründet. Seine Räume sind Treffpunkt, Atelier und Büro zugleich. Hier können Kulturschaffende arbeiten und netzwerken, sich bei den engagierten Mitarbeitern der unkonventionellen Einrichtung Rat holen, kostengünstig Geräte ausborgen oder die Infrastruktur des Büros nutzen. Wofür das Kulturbüro steht, wie es zu seiner Gründung kam und welche Leistungen es anbietet, wird als Auftakt und Abschluss des Buches erzählt. Von Seite 15 bis 54 dürfen LeserInnen Hand anlegen: Perforierte Seiten müssen vorsichtig aufgerissen werden, um an die Tipps von zwanzig Kulturschaffenden zu kommen, wie unerwartete Hürden oder Engpässe überwunden werden können. Von Rezepten für Kunstblut über die Beschaffung von kostenlosen Fonts bis zu Tricks mit deren Hilfe Geräten das Maximum des technisch Machbaren entlockt werden kann, reicht das Spektrum der Improvisationskunststücke und Notlösungen.
Ein wenig ernster geht es dann im Leitfaden zum Verfassen von Gesuchen zu. Die meisten in der Gesuchsanleitung angeführten Punkte sind allgemein gültig und als Hilfestellung auch für Österreicher und Deutsche brauchbar. Einige wenige Empfehlungen sind allerdings eher als landestypisch zu betrachten. Wirklich nur für Schweizer hilfreich ist der Adressenteil “Die gelben Seiten”. Nach dieser Serviceleistung schwenkt “Das Kulturbüro-Weissbuch” wieder auf die Dokumentationsschiene. Witzig fand ich die Porträtfotos der hart für die Kulturschaffenden arbeitenden Geräte. Da sich das Kulturbüro Zürich als bahnbrechendes Erfolgsprojekt erwies, wurden nach und nach Niederlassungen in Bern (1999), Genf (2006) und Basel (2008) eröffnet. Das vorletzte Kapitel fängt mithilfe eines fotografischen Essays die Stimmung in den Räumen der vier Kulturbüros ein.
Was in Österreich zu einer schwerfälligen Jubelpostille für Politiker und deren Versuch, sich in zahlreichen Vor-, Geleit- und Einleitungsworten inklusive Foto zu profilieren, verkommen würde, wird in der Schweiz zu einer Publikation, in deren Mittelpunkt das gefeierte Projekt steht und in der Menschen zu Wort kommen, die tatsächlich etwas mit dieser Einrichtung zu tun hatten oder haben. Nicht nur Konzept und Tonfall von “Das Kulturbüro-Weissbuch” sind aufgeschlossen und individuell, auch die optische Gestaltung des Buches kann sich sehen lassen. Nur der blaue Schutzumschlag wollte sich ständig aus dem Staub machen.
Das Kulturbüro ist eine Bereicherung der Schweizer Kulturlandschaft, “Das Kulturbüro-Weissbuch” für jedes Bücherregal.
© Ch. Ranseder
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