Venus von Willendorf

Walpurga Antl-Weiser
Die Frau von W.
Die Venus von Willendorf, ihre Zeit und die Geschichte(n) um ihre Auffindung
Veröffentlichungen der Prähistorischen Abteilung (VPA) 1
Verlag des Naturhistorischen Museums 2008, 207 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 902421 25 8
Erfrischend jung präsentiert die Prähistorikerin Walpurga Antl-Weiser die betagte Frau von W. Mit deutlich erkennbaren Vergnügen wandelt sie auf den vielfältigen Spuren, die viele Männer aber auch Frauen rund um die Willendorferin hinterlassen haben. Und kaum hat man das Buch zur Hand genommen, ist man auch ganz locker immer tiefer in die Materie eingetaucht als man anfänglich vermutet hätte. Eindeutig: Auch 100 Jahre nach ihrer Entdeckung hat die dralle Wachauerin ihren nicht nur medialen Reiz - wie allein derzeit 16.000 Verweise beim “Googeln” belegen - beibehalten.
In neun Kapiteln wird der zeitliche Bogen von der Gegenwart bis zur Altsteinzeit gespannt. Den Auftakt macht ein ebenso amüsanter wie nachdenklich stimmender Blick auf die vielfältig anderen “Aspekte” der Venus von Willendorf, darunter ist der “Willendorf-Award” für medizinische Studien zur Fettleibigkeit m. E. einer der schrägsten.
Obwohl die nachfolgenden Kapitel sich den steinharten Fakten um die Venus von Willendorf zuwenden, bleibt es bei aller Fachlichkeit mehr als nur spannend; denn stets werden - echte und verzerrte - Fakten kritisch in Frage gestellt und auf ihren Wahrheitsgehalt und ihre Relevanz hinterfragt.
Was hat sich im Auffindungsjahr der Venus 1908 abgespielt? Ausgehend vom damaligen Forschungsstand über Tatsächliches und Vermeintliches rund um Fundort und Entdecker, den Tatbestand der Auffindung selbst nähert sich die Autorin in immer engeren Kreisen den Herstellern der Willendorferin und dem modernen Stand der Forschung.
Interpretative Betrachtungen folgen den Fakten zur Frage nach Stellenwert der Venus und ihren beiden weniger attraktiven - vermutlich deshalb auch weniger bekannten - ”Schwestern” aus Willendorf. Mit unglaublich trockenem und deshalb umso vergnüglicheren Augenzwinkern stellt Antl-Weiser die Denkansätze und deren Schwachstellen zu gravettienzeitlichen (Frauen-)Plastiken vor.
Im nachfolgenden Kapitel über die Frauen der Altsteinzeit, in dem ausgiebig männliche und weibliche Blickwinkel kritisch beleuchtet werden, werden deutlich die Grenzen von Interpretationen aufgezeigt.
Die Bedeutung der Fundstelle Willendorf für die Paläolithforschung schließt den bemerkenswerten Band.
Dem in ihrer Vorbemerkung angekündigten Anspruch ein lebendiges Bild von der Willendorf-Forschung, der Zeit und der Figurine selbst zu zeichnen, ist der Autorin jedenfalls beispielgebend gelungen, auch wenn der Generaldirektor des NHM in seinem Vorwort fälschlicherweise schreibt, dass sie zögern würde sich festzulegen. Man kann nur hoffen, dass dieser frische gehaltvolle Stil bei den nachfolgenden Publikationen der prähistorischen Abteilung beibehalten wird.
Das Layout von Brigitte Kimbacher unterstreicht die gute Gliederung optisch durch ein abgestuftes Farbschema. Der großzügige Weißraum ermöglicht ein zusätzliches Hervorheben der Abbildungen sowie der Bildunterschriften. Die zahlreichen und exzellenten Abbildungen machen das Buch darüber hinaus zu einem Augenschmaus. Besonders erfreulich ist auch die lesefreundliche Schriftgröße. Die Lesefreundlichkeit wäre allerdings noch optimaler gewesen, wenn die San Serifen nicht nur in den Überschriften, sondern auch im Fließtext verwendet worden wären. Schade, dass dem für wissenschaftliche Publikationen typische Horror vacui in Vorspann und Anhang wieder vollauf gefrönt wird: Flattersatz und bis zu jedem Rand ausgenutzte Seiten sind bei dieser schönen Publikation allerdings die einzigen echten Wermutstropfen.
© S. Strohschneider-Laue
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Tags: Archäologie, Österreich, Ebensolch Rez-E-zine 39+40/08, Eiszeit, Sistlau, Steinzeit