Modisches Mittelalter

Margaret Scott
Kleidung und Mode im Mittelalter
Theiss 2009, 160 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8062 2199 2
Kleidung und Mode im Mittelalter
Kritik am Aussehen experimentierfreudiger, junger Menschen und Hetzreden gegen Frauen mit Chic sind nicht neu. Im Mittelalter stießen unter anderem die Kürze der Gewänder, die Tiefe der Ausschnitte, die Kostbarkeit der Stoffe, die übertrieben langen Spitzen der Schuhe und die für ein gepflegtes Aussehen aufgewendete Zeit, auf Missbilligung. Männerhaar erregte seit dem Ende des 11. Jahrhunderts periodisch immer wieder die Gemüter.
Kaum wurde Neues ausprobiert und damit Standes- oder Geschlechtergrenzen in Frage gestellt, hagelte es von Kirche und Obrigkeit auch schon Tadel oder gar Verbote. Mit Kleiderordnungen versuchten die Gesetzgeber, den Materialaufwand einzuschränken und die Menschen durch die Festlegung standesgemäßer Kleidungsformen auf ihre Plätze in der sozialen Hierarchie zu verweisen. Doch die Lust an kostbaren Kleidungsstücken und Stoffen, fröhlichen Farben, Zierrat und Putz ließ sich nicht so leicht im Keim ersticken.
Margaret Scott erzählt in “Kleidung und Mode im Mittelalter” wortgewaltig und mit enormem Wissen über das Entstehen der Mode und den Aufstieg der Textilindustrie in der Zeit von 840 bis 1570. Als Quellen dienen ihr illuminierte Handschriften, deren Entwicklung sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht, und eine Vielzahl von schriftlichen Aufzeichnungen, von der Chronik bis zum Inventar. Erfrischend ist das Anliegen der Autorin “…, dem Leser zu zeigen, wie Handschriften - mit angemessener Vorsicht - anhand der Kleidung ‘gelesen’ werden können.” Mit leichter Feder erklärt sie die wechselnden Konventionen der Darstellung, stilistische Vorlieben und maltechnische Beschränkungen, die bei der Entschlüsselung der Bildquellen berücksichtigt werden müssen. So wird Wissenschaft nachvollziehbar.
Tatsächlich ist die üppig mit Abbildungen ausgestattete Publikation weit mehr als eine Kostümgeschichte - nicht zuletzt weil es sich Margaret Scott verkneift, reine Formenkunde zu betreiben. Stattdessen sieht sie Kleidung in ihrem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kontext. Die Hülle aus Stoff sollte schließlich nicht nur wärmen, sondern TrägerInnen auch als Ausdrucksmittel dienen. Kleidung war und ist schließlich ein wichtiger Bedeutungsträger. An ihr lassen sich Macht und sozialer Status, die Zugehörigkeit zu einer Berufsgruppe und vieles mehr ablesen. Scott entlockt den Quellen Informationen über nationale Unterschiede, Gemeinsamkeiten oder gegenseitige Beeinflussungen und zeigt wer die Trendsetter waren. Mittelalterliche Kleidungsstücke hatten so exotisch klingende Namen wie Houppelande, Surcote, Hoike oder Skaramangion. Fortschritte in der Schnitttechnik brachten bahnbrechende Neuerungen wie das Armloch und vorne mit Knöpfen geschlossene Gewänder. Und mit der Zeit wurde Kleidung nicht mehr in den Haushalten selbst, sondern von spezialisierten Handwerkern hergestellt.
Ein zweiter Erzählstrang ist den technischen Neuerungen in der Weberei und den verfügbaren Stoffqualitäten gewidmet. Deren Namen verheißen Luxus: Lampas-Seide, Tatarische Seide, Brokat, Sendal, Samt, Scharlach. Aus England kam die beste Wolle, Italien tat sich in der Seidenproduktion hervor - und der Handel blühte. Auch die merkantilen Aspekte des aufstrebenden Wirtschaftszweiges werden durch die Jahrhunderte verfolgt. Margaret Scott formuliert ihre akribisch recherchierten Texte elegant und mit Humor. Sie versorgt LeserInnen sogar mit ausführlichen Erklärungen der prächtigen, detailreichen Buchmalerei. Jede Abbildung wird von einem Text begleitet, in dem die dargestellte Kleidung interpretiert und mit den in der Szene gezeigten Handlungen und Personen in Beziehung gesetzt wird. “Kleidung und Mode im Mittelalter” ist zu gleichen Teilen ein Lesevergnügen und eine Augenweide. Wer noch mehr erfahren will, findet am Ende des Buches zusätzlich zu dem hervorragend gegliederten Literaturverzeichnis ein exzellentes Glossar.
“Kleidung und Mode im Mittelalter” ist ein herrliches Buch, das auf den Spuren der ersten Fashion Victims durch die Welt des Mittelalters führt.
© Ch. Ranseder
Kleidung und Mode im Mittelalter
Tags: CRans, Ebensolch Rez-E-zine 54/09, Handbuch, Kunst, Mittelalter