Impressionismus - Wie das Licht auf die Leinwand kam

Impressionismus - Wie das Licht auf die Leinwand kam
Albertina
11. September ‘09 bis 10. Januar ‘10

“Nicht schon wieder Impressionisten”, mögen manche beim Ausstellungstitel denken. Keine Sorge, es ist keine Déjà-vu verursachende Personale eines Impressionisten, Seerosenschau oder Sonnenblumenpräsentation. Diese Ausstellung bringt dem Publikum den frischen Wind der Freiluftmalerei und den flüchtigen Augenblick in großen Inszenierungen und mikroskopisch kleinen Details näher. So viel und so genial strukturierte Information bekommt man in österreichischen Museen selten geboten. Kein Wunder, ist die Ausstellung doch vom Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corbud konzipiert worden und dort scheint man sich nicht auf rein chronologische Hängungen spezialisiert zu haben. Und noch schöner ist es, dass sich die Albertina dazu entschloss die Ausstellung, die bereits in Köln erfolgreich war, zu präsentieren.

Was unterscheidet diese Ausstellung von den zahlreichen anderen Impressionisten-Präsentationen?
Es ist der gelenkte Blick auf Details, die sonst nicht herausgestrichen werden. Minutiöse Untersuchungen brachten es an den Tag: Selbst so große Werke wie die “Trocknende Wäsche an der Seine” entstanden im Freien und nicht im Atelier. Eine Pappelknospe blieb in der feuchten Farbe haften. Gustave Caillebotte hatte sie beim Malen in der Allee wohl übersehen. Das Forscherteam um die Restauratorin Iris Schaefer vom Wallraf-Richartz-Museum hat die Knospe nach rund 100 Jahren entdeckt und kann dadurch ein weiteres Puzzelstück zur Entstehungsgeschichte des Bildes gefunden. Und das ist längst noch nicht alles, was mit detektivischer Akribie, Mikroskop, Röntgen und dem Einsatz anderer Technologien entdeckt wurde. Farbflächen verraten den Handlungsablauf beim Werden eines Bildes. Randliche Farbfehlstellen belegen die Befestigung des Bildes im Malkoffer oder auf der Feldstaffelei. Löcher und Druckstellen rühren von Abstandhalter zwischen den frischen Bildern her. Vorzeichnungen, Ergänzungen, Übermalungen relativieren sowohl die Spontaneität der Künstler als auch die Wertschätzung der späteren Besitzer. Die Bilder wurden nicht nur künstlerisch “verbessert”, sondern auch gefirnist, ihrer schlichten Rahmen beraubt und mit Prunkrahmen versehen. Und all diese erstaunlichen Erkenntnisse werden in vergrößerten Bildausschnitten deutlich gemacht, so dass es ist eine Freude ist, selbst nach dem winzigen Indiz auf dem Original zu fanden. Es lohnt sich zusätzlich zum Ausstellungsbesuch die Online-Publikation zum Forschungsprojekt anzusehen. Sie wartet mit vielen weiteren überraschenden Entdeckungen und das in guter optischer Qualität sowie perfekten Texten auf.
Inszenierungen, Vitrinen mit Malmaterialien und Künstlerutensilien, darunter die dunkle Brille von Edgar Degas, Farbtuben von Vincent van Gogh und die Palette von Georges Seurat sowie wandfüllende Porträtfotos, würdigen die Künstler und ihre Malweise über die 125 ausgestellten Gemälde hinaus.
Erfrischend informativ und kein begehbares Buch; definitiv ein Pflichttermin, an den man sich gerne und vor allem mit inhaltlichen Mehrwert erinnern wird.
© S. Strohschneider-Laue
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Tags: Ausstellung, Ebensolch Rez-E-zine 55/09, Frankreich, Impressionismus, Kunst, Sistlau, Technik