Möbel als Medien
19. September 2011
Ebensolch Rez-E-zine 68/11
Sebastian Hackenschmidt, Klaus Engelhorn (Hg.)
Möbel als Medien
Beiträge zu einer Kulturgeschichte der Dinge
Transcript 2011, 312 S.
ISBN 978 3 8376 1477 0
Möbel als Medien: Beiträge zu einer Kulturgeschichte der Dinge
Alte Möbel mit Farben und Mustern aufzupeppen, im Englischen als upcycling bezeichnet, liegt seit einigen Jahren voll im Trend. Auch das Buch “Möbel als Medien” steht ganz im Zeichen der Wiederverwertung, besteht es doch aus einer Sammlung von - für diese Publikation eigens überarbeiteten - Aufsätzen, die vor einiger Zeit bereits andernorts veröffentlicht wurden. Das Ergebnis dieses Akts des intellektuellen Recyclings ist ein Lesebuch das sich in 18 Essays den unterschiedlichen Möbeln und Raumausstattungen aus kunst- und kulturhistorischer, philosophischer und literarischer Sicht nähert.
Jenseits ihrer Funktionalität dienen Möbel als Kommunikationsmittel und Bedeutungsträger. Die Dinge mit denen wir uns umgeben, spiegeln unsere Selbstsicht und Wünsche, verraten unsere Gruppenzugehörigkeit und sozialen Status. Möbel können Werte, Normen und Lebensgefühl vermitteln - ganz unabhängig davon, ob es sich, wie im Buch, um Hochzeitstruhen des 15. oder Ikonen des Stuhldesigns des 20. Jahrhunderts handelt. An Kabinettschränken lässt sich sogar ablesen, wie sich das Verständnis der Ordnung der Welt wandelte. Nicht nur die Gestalt eines Möbels, sondern auch das Material aus dem es angefertigt wurde, kann Zeichenfunktion annehmen und gerade in der Moderne, die uns Stahlrohr und Resopal schenkte, bei BenutzerInnen zwiespältige Gefühle auslösen.
In der politischen und wirtschaftlichen Sphäre spielt der mit Mobiliar inszenierte Innenraum eine weitaus bedeutendere Rolle als das Einzelmöbel. Das Ritual seiner Nutzung als Instrument der Machtausübung lässt sich von den Raumfluchten der absolutistischen Herrscher bis in die heutigen Chefetagen verfolgen. Die Umwidmung öffentlicher in private Räume kann wiederum an der Wahl und Aufstellung von Möbeln abgelesen werden. Bis zur bürgerlichen Wohnkultur des 19. Jahrhunderts lassen sich die geschlechtsspezifischen Konnotationen von Wohnräumen zurückverfolgen. Das Attribut der heilenden Wirkung schließlich wird manchen Werken der Innenarchitektur nicht erst seit dem Wellness-Boom zugeschrieben.
Medientheoretische Überlegungen, philosophische Betrachtungen und literarische Kostproben runden den Band ab und halten für jene LeserInnen, die mit einer bildhaften Fantasie gesegnet sind, so manche Perle unfreiwilliger Komik bereit.
Das oben angerissene Spektrum, der um die Trias Einzelmöbel-Raumausstattung-Material kreisenden Themen, lässt es bereits erahnen: Das Buch “Möbel als Medien” ähnelt Dank seiner bunten Mischung an Aufsätzen einer Wundertüte. Manches entpuppt sich als freudige Überraschung, anderes als herbe Enttäuschung. Aber so wie man heute seinen Teller nicht mehr leer essen muss, besteht auch keine moralische Verpflichtung ein Buch von der ersten bis zur letzten Seite zu lesen.
© Ch. Ranseder
Möbel als Medien: Beiträge zu einer Kulturgeschichte der Dinge
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