Versteckte Seiten - Schlafzimmerbild

07. Mai 2012
NotizEbensolch Rez-E-zine 71/12

Vorne Hochzeitstraum hinten Albtraum

Hochzeitstraum

Kleinbürgerliches Handtuchformat

Vor rund 100 Jahren kamen sie erstmals auf den Markt: Schlafzimmerbilder im Handtuchformat. Finanziell leistbar und angepasst auf die Wohnungen der unteren bis mittleren Schichten. Also alle jene Zimmer der Sozialbauten und privaten Eigenheime, die im Gegensatz zu herrschaftlichen 3,80 m Raumhöhe die Decke nahezu in Griffweite haben.

Einer der Pioniere war der österreichische Maler Hans Zatzka, der ab 1914 regelmäßig und zuweilen zwei Gemälde wöchentlich an Kunstdruckanstalten lieferte. Mit massentauglicher Kunst überbrückte er jene kargen Zeiten, die durch den Kanon geadelte Kunst bis heute kennzeichnet. Schlafzimmerbilder waren mit ihren profanen und religiösen Motiven “Kunst für Alle” - lange vor Andy Warhol. In Massen wurden diese Bilder gekauft. Je nach Geldbeutel fiel der Rahmen mehr oder minder hochwertig aus und je nach persönlicher Vorliebe wurde ein religiöses Motiv wie “Jesus am Ölberg” oder weltliche Fantasien wie “Elfenreigen” gewählt. Sie wurden zu Hochzeiten verschenkt und spätestens mit dem Tod der Besitzer angewidert von den Erben entsorgt. Inzwischen sind sie tatsächlich selten geworden. Da und dort haben die qualitätvollen Rahmen mit ihren noch schwer neu befüllbaren Maßen von ca. 52×120 cm überlebt.

Historischer Spaßfaktor

Eines davon in der Wohnung zu haben, ist übel. Eine ganze Menge davon auf einer Wand zu versammeln, ist hingegen zumindest ein Eyecatcher. Egal, über Geschmack und Spaß lässt sich nicht streiten. Spaß macht (mir!) jedenfalls die Jagd nach diesen Bildern und deren Transport in öffentlichen Verkehrsmitteln.

Zeitung 1933

Reinigen und Restaurieren kann hingegen weniger spaßige als mühselige Aspekte bekommen. Die Krönung ist allerdings, wenn spannende Informationen wie z. B. Datierungshinweise auf den Bildern zu finden sind. Die ramponierte Rückseite des “Hochzeitstraumes” musste erneuert werden - offensichtlich nicht zum ersten Mal. Eine Zeitung mit obskuren und verhetzenden Meldungen wurde zum terminus ante quem. Der Öldruck sollte also älter als die zur Festigung verwendete Zeitung sein, wenn man davon ausgeht, dass Tageszeitungen nicht jahrelang herumliegen. Mit einem verstümmelten Hinweis auf den 11. November war jedenfalls nicht viel anzufangen - aber mit den restlichen Meldungen.

Gestriges Österreich

Zeitung 1933Eine Obrechnungsratswitwe kann es nur in Österreich geben, ebenso wie man nur auf dem Wiener Zentralfriedhof ein Grab einer Hausbesitzerswitwe finden kann. Die österreichische Frau wurde am Erreichten des Mannes definiert. Viel hat sich seither nicht geändert. Noch heute wird in ländlichen Gemeinden eine Frau oft nur mit “Frau Doktor” angesprochen, wenn ihr Ehegatte ebenfalls einen Doktor hat oder sie tatsächlich Ärztin (!) sein sollte.

Zeitung 1933

Steuerhinterziehung in die - wie ja auch nicht anders zu erwarten - an Geld und Einfluss Reichen der Zeit verwickelt waren. Darunter möglicherweise auch der Weihbischof von Paris und spätere Kardinal Baudrillat. Dass in den Steuerskandal Großunternehmer und hochrangige Offiziere sein sollen, verwundert nicht. Schönreiche Unverantwortungsträger, die heute in die Schweiz reisen, haben schließlich auch einen unberührbaren Diplomatenkoffer dabei.

Ein hetzerischer Artikel macht den Zeitgeist in besonders hässlichen Braunschattierungen deutlich und lässt zunächst an ein späteres Erscheinungsdatum der Zeitung denken. Schließlich verkaufte sich Österreich immer als erstes Opfer und den gewählten “Anschluss” nicht als überwältigend mehrheitliche Geisteshaltung.

Zeitung 1933

Das hier erwähnte “Braune Haus”, war die Wiener Parteizentrale der NSDAP. Sie war von 1931 bis 1933 im 6. Bezirk, Hirschengasse 25, untergebracht. Ab März 1932 wurde dieser Standort Adolf-Hitler-Haus umbenannt, da die Bezeichnung “Braunes Haus” der Parteizentrale in München vorbehalten bleiben sollte. Der Schreiber gab vermutlich aus Gründen der Bekanntheit den braunhäusigen Begriff gegenüber dem parteilich Gewünschten den Vorzug. In Anbetracht des Tränengasanschlags auf das Kaufhaus “Gerngroß” im Dezember 1932, bekommt der Artikel eine besondere Dimension des Grauens. Das gleiche Grauen, das man beim Gedanken empfindet, dass diese Zeitung Käufer und der Inhalt Zustimmung gefunden hat.

Filmpremiere - Datierungshilfe

Zeitung 1933

Der entscheidende Hinweis für die erste Reparatur des Bildes ergab sich durch die schon etwas mitgenommenen Rubrik “Tonfilm”. Die Verfilmung von Franz Lehars “Friederike”, damals als Tonfilmoperette bezeichnet, kam ab 16. Januar 1933 in die Kinos.

Das Bild muss ja schon einige Jahre auf der Wand gehangen sein, bis die Rückseite mit einem Zeitungsrest beklebt wurde. Ein Profi war dabei jedenfalls nicht am Werk. Auch der Grund für das Aufkleben ist nicht (mehr) erkennbar. Von der Wand ist dürfte das Bild nicht gefallen sein, denn der Jugendstilrahmen (!) ist gut erhalten - obwohl die Vergoldung unter Putzattacken gelitten hat. Eine Datierung anhand des Makartstils mit dem historisierenden Ambientes sowie des weiblichen Erscheinungsbildes alleine, wäre jedenfalls nicht gut möglich.

Dieser “Hochzeitstraum” wurde irgendwann ab ca. 1914 gekauft. Anfang 1933 wurde der Öldruck mit einer Zeitungsseite beklebt. Schließlich wurde er 2012 auf einem Flohmarkt - inklusive seiner verborgenen historischen Informationen - neu entdeckt.

© S. Strohschneider-Laue

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