Sinti und Roma hören
26. Juli 2012
Ebensolch Rez-E-zine 71/12
Anja Tuckermann
Sinti und Roma hören
Silberfuchs Verlag 2011, 1 CD, Laufzeit 80′, 20 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 9406 6525 6
Menschen ohne Land - Volk ohne Staat
Am Anfang (um 1018) stehen Eroberung der hinduistischen Pilgerstadt Kanauj in Indien und Versklavung von 150.000 Menschen. Sklaven, die zunächst den Tross, bestehend aus Handwerkern, Händlern und Künstlern, des muslimischen Heeres begleiteten. Was danach folgte, ist nur lückenhaft zu rekonstruieren. Mündliche Überlieferungen einerseits und die Sprachforschung andererseits versuchen durch die Einflüsse, die auf dem weit verzweigen Weg von Nordindien über Kleinasien bis nach Westeuropa aufgenommen wurden, nachzuvollziehen.
Wertvollster Besitz: Kultur und Sprache
Es sind verschiedene militärische Ereignisse, die die Roma, Sinti und Kalé ab dem 13. Jh. nach Europa brachten. Sie bleiben Vertriebene, Heimatlose, Sklaven und Rechtlose bis in die Mitte des 19. Jh. Ihre Verfolgung bis zur Vernichtung (Zwangssterilisation und Ermordung) erreichte unter den Nationalsozialisten einen letzten tragischen Höhepunkt. Die Diskriminierung und der Kampf um Menschenrechte dauern aber bis in die Gegenwart an.
Die anwachsende kulturelle und sprachliche Schmelze, die oft einziger Besitz und einzige Heimat war, macht die langen, verschlungenen Wege der “Zigeuner” nachvollziehbar. Das kulturelle Gepäck konnten weder Sprachverbote noch Kindesentzug völlig zerstören. Die einzigartige und doch universelle Sprache der Musik brachte man nicht zum Verstummen. Die Musikzitate im Hörbuch spiegeln die prägnante Vielfalt. Die Klänge und Texte sind Belege von Erinnerungskultur, Erzählkunst und Visionen stets getriebener Menschen, die sich nicht gesellschaftlich, politisch und selbstverständlich nicht sprachlich oder kulturell vereinheitlichen lassen.
Ohrenschmaus und Augenweide
Die Stimmen von Rolf Becker und Anne Moll sorgen für einen stimmlich sowohl ausgewogenen wie abwechslungsreichen Vortrag. Die Aufmerksamkeit bleibt vom ersten bis zum letzten Klang gefesselt.
Ein Verdienst, das nicht nur den beiden exzellenten Sprechstimmen zu verdanken ist, sondern auch der Autorin Anja Tuckermann. Ihr gelingt es, aus der komplizierten und weitgehend verborgenen Genese von Roma und Sinti die prägendsten Momente zu filtern. Dabei verbirgt sie nicht, dass es keine lineare Entwicklung und viel Trennendes unter den Gemeinsamkeiten der Roma, Sinti und Kalé gibt - Faktoren, die maßgeblich zu den Verfolgungen beigetragen haben.
Roswitha Rösch gestaltete grafisch wieder passend Cover und Booklet der klingenden Reise durch die Kulturgeschichte der Roma und Sinti. Basis dazu bildet die offizielle Fahne der Roma und Sinti, die ihrerseits Bezug auf ihre gemeinsamen indischen Wurzeln nimmt.
Fazit
Die Hörreisen aus dem Silberfuchs Verlag sind immer gut recherchiert, spannend aufbereitet und haben den Wiederhörenfaktor. Mit Sinti und Roma ist dem Team allerdings ein besonderer Wurf gelungen, da der kulturelle und musikalische Überblick tatsächlich einzigartig ist und wertfrei neugierig auf mehr Information macht. An der Schnittstelle von Information und Unterhaltung angesiedelt, wird mit “Sinti und Roma hören” eine Basis für Toleranz und Akzeptanz geboten.
© S. Strohschneider-Laue
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