Gletschermumie “Ötzi”
07. August 2012
Ebensolch Rez-E-zine 71/12
Angelika Fleckinger (Hg.)
Ötzi 2.0
Eine Mumie zwischen Wissenschaft, Kult und Mythos
Theiss 2011, 160 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 8062 2432 0
Der Mann, der im Eis starb
Sensation im Alpinzirkus
1991 rückten die Ötztaler Alpen in den Mittelpunkt medialer Aufmerksamkeit. Das deutsche Ehepaar Simon fand beim Bergwandern am Tisenjoch einen aus dem Eis ragenden Leichnam. Sie meldeten den Fund. Die einzige ordnungsgemäße Tat in einer nachfolgenden Serie mangelnder Professionalität und exzeptioneller Peinlichkeiten. In Anbetracht der Vorgehensweise bei der Bergung - völlig unabhängig von der Bedeutung dieses besonderen Fundes betrachtet - verwundert es nicht, dass die Aufklärungsrate bei Verbrechen im Argen liegt.
Andererseits ist es bezeichnend, dass das große Medieninteresse nach Sommerloch bzw. Schulbeginn die Prominenzdichte in der Region ins Unermessliche katapultierte. Während sich Politiker, Bergfexe und andere Wichtigkeiten ins Rampenlicht begaben, um u. a. die Grenze zwischen Österreich und Italien sowie sich selbst zu definieren, begannen Wissenschaftler mit der tatsächlichen Arbeit. Archäologen untersuchten die Reste der verwüsteten Fundstelle systematisch. Anthropologen begannen die massiv beschädigte Feuchtmumie ersten Analysen zu unterziehen. Erst danach wurden mehr und mehr fundierte Aussagen zu “Ötzi” publik. Seither haben sich zahlreiche Fachrichtungen in interdisziplinärer Zusammenarbeit an den Untersuchungen beteiligt und immer wieder Erstaunliches feststellen können.
Wissenschaft, Kult und Mythos
Vierzehn Autoren setzen sich in diesem Sammelband mit 20 Jahren Rummel und Erkenntnisse rund um den Eismann auseinander. Beiträge, die die internationale mediale Aufmerksamkeit und Faszination aufgreifen, sind daher ebenso vertreten wie solche, rund um die bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse und kriminalistisch anmutende Spurensuche. Die Rekonstruktion des Erscheinungsbildes vom Mann aus dem Eis, die wirtschaftlichen Aspekte zwischen Pietät, musealer Präsentation - zu der auch die sichere Konservierung gehört - sowie Sensationslust werden ebenso ausführlich vorgestellt.
Fazit
Den Autoren von “Ötzi 2.0″ B. Grugger, A. Putzer, E. Rastbichler Zissernig, M.-S. Buchele, E. Egarter-Vigl, H. K. Peterlini, C. Straus, K. C. Berger, E. Vallazza, L. Hermes da Fonseca, R. Sörries, K. Hersel, V. Bedin und A. Zink ist es gelungen, eine übersichtliche Zusammenfassung der letzten 20 Jahre “Eismann-Forschung” vorzulegen. Spannend auch deshalb, weil Aspekte rund um Medienwirksamkeit und Museologie berücksichtigt werden, die normalerweise zu wenig Beachtung finden. Grade deswegen ist der Band nicht nur für Archäologiefans und Mumienbegeisterte interessant.
Die attraktive gletscherblaue Gestaltung ist inzwischen ebenso typisch für Publikationen rund um die Gletschermumie “Ötzi” geworden, wie die viele anderen Archäologiepublikationen bzw. -ausstellungen Erdtöne für sich okkupiert haben. Designaffine wissen also noch vor dem Lesen, um welches Thema es sich handelt. Deutlich sichtbare statt der transparent-bläulichen Seitenzahlen, die nicht auf der linken Seite im Buchfalz verschwinden und registerhaltiger wirken, wären im Inhaltsverzeichnis auf jeden Fall benutzerfreundlicher gewesen. Zahlreiche Abbildungen begleiten den Text ebenso attraktiv wie inhaltlich unterstützend. Schade, dass es nicht konsequent durchgezogen wurde, die Autoren des Bandes gut ins Bild zu bringen - wie es bei wenigen Beiträgen der Fall ist. Der werbetechnische Kniff hätte durchgehend, sowohl die Glaubwürdigkeit unterstützt als auch eine positive Bindung zu den Lesern hergestellt. Schließlich ist es nicht nur interessant einem 5000-Jährigem ins Auge zu blicken, sondern ausnahmsweise auch Autoren und Wissenschaftlern.
© S. Strohschneider-Laue
