Friedhof Freitag: Das Tantengrab am Wiener Zentralfriedhof
17. August 2012
Ebensolch Rez-E-zine 71/12
Das letzte Grundstück am Zentral

1874 wurde der Wiener Zentralfriedhof seiner Bestimmung übergeben. Die größte Leichenansammlung Europas hatte etliche Startschwierigkeiten als Endlagerstätte für Verstorbene. Heute ist der Zentralfriedhof eine Touristenattraktion mit viel mehr Leben (Es lebe der Zentralfriedhof
) als manche Wohnsiedlung.
Religiös-politisches Schlachtfeld
Wie bei fast allen Wiener Vorhaben wird zuerst etwas beschlossen, irgendwie umgesetzt und zuletzt festgestellt, dass die nötige Infrastruktur - mal ganz abgesehen vom projektbegleitenden gesunden Menschenverstand mit zugehörigem Fingerspitzengefühl - fehlt. Ein Friedhof für die wachsende Stadt war tatsächlich dringend nötig geworden. In der multikulturellen und ultrakatholischen Monarchie der Habsburger waren die innerstädtischen Friedhöfe eine still schwelende, überbelegte Problemzone. Den Lebenden war es sehr wichtig, wie, wo und vor allem neben welchen anderen Toten ihre Verstorbenen die letzte Ruhe finden sollten; denn nicht einmal nach dem Tode sind alle Menschen gleich. Der riesige Zentralfriedhof war konfessionslos geplant. Ein nicht exklusiv katholischer Friedhof sowie ein nicht den jüdischen Gepflogenheiten entsprechendes Areal waren tatsächlich ein Affront. Ein Affront, der wie üblich eher religiös übertünchte, besitzrechtliche Hintergründe gehabt haben dürfte. Geld floss ebenso reichlich, wie die Woge der Empörung anschwoll. Die Wogen wurden wienerisch geglättet - die einen zahlten, die anderen bekamen ihren Auftritt - und der schöne Schein blieb für alle heilig gewahrt. Inzwischen wird übrigens durch die verschiedenen Abteilungen gewährleistet, dass sich die buddhistischen und evangelischen Toten sich nicht mit jenen in den islamischen und orthodoxen Arealen verbünden und die katholische Mehrheit um ihren Seelenfrieden bringen. Tatsache war, es kam, wie es kommen musste: Es gab einen Friedhof und niemand wollte dort beerdigt sein.
Friedhofskult als gesellschaftlicher Status
Der Zentral lag weit außerhalb von Wien. Er war unattraktiv und es gab dort keine Toten (un-)heiliger Prominenz, deren Nähe man über den Tod hinaus zur Statussicherung gesucht hätte. Ab 1881 wurde dieses Manko durch die ersten Ehrengräber beseitigt. Den Auftakt machte die Beisetzung des genialen Konstrukteurs Franz von Uchatius. Der Zentralfriedhof hatte somit eine erste prominente Persönlichkeit und zugleich war Uchatius Selbstmord auf dem offiziell konfessionslosen Friedhof kein Thema. Prominente Leichen aus Kunst, Kultur und Wissenschaft, die sich nicht mehr wehren konnten, folgten. Gebeine wurden exhumiert und auf dem Zentralfriedhof ehrenhalber nachbestattet. Darunter auch einige wenige Frauen wie die berühmte Weltreisende Ida Pfeiffer. Ehrengräber für Politikern oder aus politischen Intentionen gewidmete Ehrengräber mehrten sich ebenfalls. Der Ehrengräberstatus wird diesen natürlich schneller als anderen entzogen, wenn die darin Bestatteten, auch wenn sie sich primär gar nicht darum gerissen hatten als Ehrenleiche zu enden, politisch nicht mehr tragbar sind. Ein weiterer Anreiz den Zentralfriedhof den Wienern attraktiv zu machen, waren die deutlich günstigeren Preise. Schließlich war die teure “schöne Leich’” nicht für den Toten, sondern für die Lebenden. Eine ruinös-pompöse Beerdigung war eine gute Gelegenheit zu zeigen, wer der Tote war und was die Familie leisten kann - gut, wenn man bei der Friedhofsgebühr einsparen konnte.
Gräber als vererbbare Immobilien
Urgroßvater Bick, ein wohlhabender Erzeuger von Bändern und Gummiwirkwaren sowie Bürger von Wien, erwarb zwei dieser Grundstücke. Das erste Grab befindet sich in einem 1916 angelegten Bereich, als die erste von drei Töchter an TBC starb. Drei Beisetzungen wurden zwischen 1916 und 1919 ausgerichtet. Die bildhübschen lebensfrohen jungen Frauen hatten sich gegenseitig angesteckt. Es ist ein prächtiger schwarzer Grabstein mit goldener Inschrift und Porzellanbildern, der sich markant von den umgebenden Grabstätten abhebt. Die Familie war reich und demonstrierte das zeittypisch konservativ über den Tod hinaus. Einen Weltkrieg und eine Weltwirtschaftskrise später reichte das Geld nur noch für einen bescheidenen Grabstein auf der Grablege in einem anderen Bereich. Die Urgroßeltern Bick teilen sich das zweite Grab u. a. mit Tochter Josephine, Enkeltochter Margarethe und Urenkelin Bärbel. Dieses Grab ist voll, genauso wie der Zentralfriedhof mit seinen 330.000 Gräbern. Heute gibt es keine Grundstücke mehr auf Friedhofsdauer zu erwerben. Die Immoblienpreise am Wiener Zentral liegen nämlich deutlich über jenen, der in Wien unerschwinglich gewordenen Wohnungen. Ein Familienbesitz mit dem sich letztlich wenig anfangen lässt - außer der alljährlichen Bewunderung bei der Grabpflege. © S. Strohschneider-Laue
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