Historische Fotografie: Kinder

24. November 2013
Non-FictionEbensolch Rez-E-zine 76/13

Kinder, wie die Zeit vergeht!

Kleine Prinzen und große Mädchen in historischen Fotografien

Österreichische Nationalbibliothek - Prunksaal
22. November ‘13 bis 23. Februar ‘14

Kinder, wie die Zeit vergeht! Kleine Prinzen und große Mädchen in historischen Fotografien Kinder, wie die Zeit vergeht!

Fotografie im Kinderspiegel der Zeit

Der Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek ist immer einen Besuch wert. Dass man in diesem opulenten Raum zusätzlich ganz besondere Ausstellungen präsentiert, ist wie ein Festmahl mit doppelten Dessert. Aktuell werden vom 22. November ‘13 bis 23. Februar ‘14 hier Kinderfotografien, die zwischen 1860 und 1970 entstanden sind, unter dem Titel Kinder, wie die Zeit vergeht! gezeigt. In chronologischer Abfolge werden zusätzlich Themen wie Geschlechterinszenierung, Festtage, Gesundheit, Mode, Schule, Spielen, Werbung, Familie dem Publikum nähergebracht. Dazwischen gestreut, finden sich zeittypische Kinderbücher - darunter auch die mehrsprachigen Bücher von Kronprinz Rudolf - sowie Spielzeug.

Mehr als nur Erinnerungen

Die spannende Ausstellung, die sich der Kinderfotografie breit gefächert annimmt, benötigt Zeit. Die Zeit, um die Fotos anzusehen, die informativen Texte zu lesen und am meisten Zeit, um über das Gesehene  nachzudenken. Dabei ist man schnell versucht, sich an die im eigenen Familienfundus vorhandenen Bilder zu erinnern - und daheim angekommen, selbige mit neuem Blick zu betrachten. Jedes Bild sollte Informationen über die abgebildete Person liefern. So die Theorie. Oft verrät ein Foto mehr über zeitgeistige Tendenzen, den Fotografen und liefert möglicherweise noch weitere Informationen, während das Kind auf dem Foto anonym bleibt. Aber wer kennt sie nicht, die Fotos im eigenen Fundus, die - wenn überhaupt - äußerst informativ mit “Oma” beschriftet sind.

Porträtfotografie ist mehr das festgehaltene äußere Abbild und selten die persönliche, charakterliche Befindlichkeit. Porträts sind Reflexionen der Zeit, in der sie entstanden sind. Posen, Bekleidung sowie umgebendes Interieur sind bestimmten Gesetzmäßigkeiten unterworfen. Trendsetter ihrer Zeit - seien es nun einflussreiche Personen des öffentlichen Lebens oder die Fotografen selbst - geben den Stil vor und die Masse der Uninspirierten und Angepassten folgt.

Aus der ungeheuren Fülle von Kinderbildern aus der Sammlung der Nationalbibliothek wurden für die Ausstellung rund 250 ausgewählt, die Kinder als Zeugen in ihrer Zeit zeigen.

Kinder oder kleine Erwachsene

Erzherzogin Marie Valerie mit Bernhardiner 1871 Victor Angerer © Österreichische Nationalbibliothek © Österreichische Nationalbibliothek Kronprinz Rudolf in Oberstuniform des 19. Infanterieregiments Wien, 1861 Ludwig Angerer © Österreichische Nationalbibliothek Porträt zweier anonymer Kinder Wien, um 1970 Photo Simonis © Österreichische Nationalbibliothek
Jedes aufgegriffene Thema könnte locker eine eigene Ausstellung bestreiten. Der Verdienst des Katalogs und der Ausstellung liegt vor allem darin, diese einzelne Aspekte aufzugreifen, vorzustellen und damit zur Reflexion anzuregen.

Die chronologische Präsentation ist zugleich die Geschichte der erzieherischen Gewalt, die durch Eltern und Staat auf Kinder ausgeübt wird. Gewalt, die Formen des Missbrauchs annehmen kann. Allein die Fotos von Kronprinz Rudolf, vor dem Hintergrund der katastrophal-barbarischen Erziehungsmethoden betrachtet, treiben den Schweiß auf die Stirn.

Allesamt in die Form von kleinen Erwachsenen gepresste Kinder, mit denen “Staat gemacht werden konnte”. Man beeindruckte mit ihren Fotos im besten Gewand und ordentlicher Pose sich selbst und vor allem die Nachbarn. Der “richtige” Fotograf machte eben erzherzogliche Fotos von allen KundInnen.

Ferdinand Schmutzer mit Sohn Johannes um 1914/1915 Alice Schmutzer (vermutlichs © Österreichische Nationalbibliothek Lotte, Hans und Walter Kühn spielen am Wasser um 1908. Heinrich Kühn © Österreichische Nationalbibliothek Umso mehr leuchten jene Aufnahmen, die von sog. Amateuren im privaten Bereich gemacht wurden, heraus. Sie zeigen Kinder (und Eltern) nicht in kommerzieller Möchtegern-Beliebigkeit, sondern von ihren schönsten Seiten in liebevoller Zuwendung und privaten Momenten. Es ist nicht die unpersönliche Fremdsicht, sondern der liebevolle Blick der eigenen Familie (Alice und Ferdinand Schmutzer) oder auch die Fähigkeit mit farbigem Licht Fotos zu malen (Hans Kühn).

Politischer und wirtschaftlicher Missbrauch

Allein die Kinder, die den Machthabern ihrer Zeit Blumen überreichen, Ständchen bringen, könnten Säle füllen. Aber es ist nicht nötig. Im Prunksaal wird es auch schlaglichtartig deutlich: Kinderhuldigung in Schönbrunn für den Kaiser zum 60. Jubiläum und Hitlertorte als Kinderausspeisung zu Führers 50er. Dazwischen Werbungs- und Propagandafotos zu allerlei Anlässen.

Sohn des k.u.k. Oberst Otto Freiherr Ellison von Nidlef in militärischer Adjustierung Dolomitenfront, 1915 k.u.k. Kriegspressequartier © Österreichische Nationalbibliothek Kleines Mädchen inmitten von Trümmern Wien, 1945 Wilhelm Obransky © Österreichische Nationalbibliothek Die Eltern, die Kinder mit dem richtigen Spielzeug und Gedankengut für ihre Zukunft auf Kinder gebärende Mütter und im Krieg dienende Väter rüsteten, ließen ihre Weltanschauung und Ziele durch die Fotografie dokumentieren. Sie stehen solchen Fotos gegenüber, die die reale Seite heroischer Kriegsherrlichkeit zeigen.

Der positiven Ausstrahlung von Kindern waren sich alle bewusst: Die Werbung nutzt sie seither, um Mütter zu besseren Wäscherinnen, Köchinnen, Pflegerinnen zu machen. Politiker lassen sie menschlicher, vertrauenswürdiger erscheinen. Parteipolitische Ziele können noch immer über die Krankenbetten und Schulbänke von Kindern transportiert werden. Konträr dazu stehen jene Bilder, die arbeitende Kinder auf Betriebsfotos beiläufig mitdokumentieren.

Fazit

Eine wunderbare Ausstellung, die mit Fotos von aufgemascherlten und entzückenden Kindern punktet und trotzdem bittere Wahrheiten zeigt. Es sind alle dabei: reiche Kinder in goldenen Käfigen und arme Kinder in Elendsquartieren. Es sind die konform Gedrillten, individuell Geförderten und die von allen Vernachlässigten zu sehen. Und am Ende möchte man sie alle mitnehmen, die Fotos und die Kinder, die darauf zu sehen sind.

Was noch gesagt werden muss: Der bei Residenz zur Ausstellung erschienene Katalog behält die chronologische und thematische Gliederung bei. Michaela Pfundner, Margot Werner und Uwe Schlögel unterziehen das Material einer näheren Betrachtung und liefern einen Überblick über das fotografische Kinderbild in Österreich. Einziger Wermutstropfen ist das fehlende Literaturverzeichnis im Anhang. Der moderate Preis hingegen ist das Zuckerl, das diesen Pflichtkauf versüßt.

© S. Strohschneider-Laue

Kinder, wie die Zeit vergeht! Kleine Prinzen und große Mädchen in historischen Fotografien Kinder, wie die Zeit vergeht!
Michaela Pfundner, Margot Werner (Hg.)
Kinder, wie die Zeit vergeht!
Kleine Prinzen und große Mädchen in historischen Fotografien
Residenz
2013, 207 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 7017 3323 1

Siehe auch

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Bildbestimmung: Identifizierung und Datierung von Fotografien 1839 bis 1945

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