Archiv für die Kategorie ‘Allgemein’

Schule schaut Kunst

Montag, 01. März 2010

Österreichweiter Aktionstag
2. März ’10
Albertina, Kunsthaus Bregenz, Kunsthistorisches Museum Wien, Landesmuseum Kärnten, Landesmuseum Niederösterreich, Leopoldmuseum, MAK, Museum Moderner Kunst Kärnten, Oberösterreichisches Landesmuseum, Österreichische Galerie Belvedere, Salzburg Museum, Tiroler Landesmuseen, Volkskundemuseum Wien, Wien Museum.

Am 2. März findet der österreichweite Aktionstag “Schule schaut Kunst” statt. Initiiert wurde der Aktionstag vom Universalmuseum Joanneum. Als Kooperationspartner wurden - mit Ausnahme des Burgenlandes - österreichweit Museen und Vertreter der kreativen Fächer gewonnen. Ziel ist es, Schulen zum Museumsbesuch zu animieren und zugleich allgemein auf den Lernort “Museum” aufmerksam zu machen. Obwohl dabei die kreativen Fächer in den Mittelpunkt gerückt werden, ist offensichtlich, dass Lernen im Museum trotz des Schwerpunkts “Kunst” auch alle anderen Unterrichtsfächer betreffen kann.

Werbung braucht die Veranstaltung nicht mehr, die Vermittlungsangebote sind ausgebucht. Der Aktionstag benötigt hingegen Öffentlichkeit - und nicht nur der Aktionstag. Es ist die Bildung, die über “Ausbildung” hinausreichen muss, um Allgemeinbildung zu sein, die dringend Öffentlichkeit finden muss.

“Bildung ist, was bleibt, wenn der letzte Dollar weg ist”, zitiert Sabine Haag, Generaldirektorin des Kunsthistorischen Museums, dazu ganz passend den aus einer verarmten Familie stammenden Mark Twain. PolitikerInnen hingegen zitieren gerne die Kreativwirtschaft als den kulturellen Motor des Landes. Wenn die Kreativität ein Wirtschaftsfaktor ist, dann sollte damit nicht gemeint sein, kreative Möglichkeiten der Geldbeschaffung zu entwickeln. Bedauerlich daher, dass alles was dazu nötigt ist, um gehaltvoll kreativ tätig sein können, den Lehrplanveränderungen und der desaströsen Lehrpersonalpolitik zum Opfer fällt. Inhaltlich betrifft das mehr als “nur” die Fächer Musik-, Kunst- und Werkerziehung. Humanistische Grundlagen tragen wesentlich zum historischen sowie kulturellen Verständnis bei. Kulturkompetenz kommt schließlich nicht von ungefähr. Wer nicht das Glück hat aus einem bildungsaffinen und finanziell abgesicherten Umfeld zu stammen, wird es weniger leicht gemacht sich diese Fähigkeiten anzueignen, vor allem wenn der Pflichtunterricht sich ausschließlich auf das Erlangen von Kernkompetenzen und Sport beschränkt.

In den Bundesmuseen zahlen Kinder und Jugendliche - auch außerhalb des Klassenverbandes - keinen Eintritt. Dennoch werden sich bei den derzeitigen Eintrittspreisen viele Eltern schon aus wirtschaftlichen Gründen überlegen müssen, ob sie ihre Sprösslinge in die Museen begleiten können. Der Anreiz für Kinder und Jugendliche alleine ins Museum zu gehen, wird wohl schon aus Schwellenängsten eher gegen Null tendieren - falls unbeaufsichtigten Minderjährigen überhaupt der Zutritt gestattet wird. Was für die Mehrheit bleibt, ist der Museumsbesuch im Klassenverband. Für die meisten Kinder die einzige Gelegenheit ein Museum von innen zu sehen.

Museen haben den Auftrag zu sammeln, zu bewahren, zu forschen und auszustellen. Dass es mit dem Ausstellen nicht getan ist, sondern jede Ausstellung von ihrer publikumsgerechten Aufbereitung und Vermittlung lebt, ist inzwischen hinreichend bekannt. So liegt es zuletzt an den KulturvermittlerInnen, meist das schwächste Glied in der hierarchischen Struktur der Museen, jungen Menschen positive und gehaltvolle Erinnerungen an das Erlebnis “Museumsbesuch” zu verschaffen. Vielleicht sind nach dem Besuch einige unter ihnen, die wieder kommen und der Institution auch als Erwachsene positiv gegenüberstehen. Nicht zuletzt benötigen selbst die großen Museen in Österreich hohe Besucherzahlen, die nicht von zwangsverpflichteten SchülerInnen dominiert werden, sondern auch erwachsene BesucherInnen aufweisen sollten.

Dem ambitionierten Ansatz des Aktionstages “Schule schaut Kunst” ist hoffentlich über den 2. März 2010 hinaus Erfolg beschieden.

© S. Strohschneider-Laue

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Apfeliges Copyright

Montag, 04. Januar 2010

Notiz

Wem gehört das Paradies oder ist da der Wurm drin?

Copyright kann seltsame Blüten treiben. 

2009 wurden Pfotenspuren auf Selbstgestricktem zu klagbaren Plagiaten erklärt - zumindest solange bis der betreffende Konzern mit massiven Imageverlusten zu kämpfen hatte.

2010 ist der Apfel erstmals seit Willhelm Tell wieder zur Zielscheibe der Rechtsverbindlichkeit geworden. Und wie man weiß, ist nicht nur Schneewittchen ein angebissener Apfel zum Verhängnis geworden.

Denn als der Apfel aus dem Paradies geschmuggelt wurde, bekamen Adam und Eva mehr Ärger mit dem illegalen Obstbau als der ganze Most durch den Apfel-Erstbiss wert war. Sogar einer ihrer Söhne züchtete in Folge lieber vierbeinige Vegetarier als das gesunde Zeug selber zu konsumieren. Der nachfolgende Familienzwist ist übrigens bis heute nicht geschlichtet.

Daher stellt sich folgende besorgte und berechtigte Frage:
Welcher der beiden biblischen Großkonzerne mit Monopolansprüchen, die bereits zu Beginn der Apfelmisere - die zum paradiesischen Menschenkonkurs führte - beteiligt waren, hat das Copyright-C auf den Apfel gestempelt?

© S. Strohschneider-Laue

Siehe auch: Eindeutig zweideutig

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Liebe zwischen den Seiten - Kriegsbriefe

Mittwoch, 16. Dezember 2009

Notiz

Kriegsbriefe deutscher Studenten

Postkarte: Lieber Karl 16.IV.1940

Bücher sind Freunde, gehören zur Familie. In den späten 70ern des letzten Jahrhunderts kam der kleine spitzartige Hund “Kleist” (Kleist kam zu erst) in unsere Familie. Er schlich sich geschmeidig über Heinrich Kleist’s sämtlicher Werke ein und gehört seither dazu. Etwa 2007 zog das ruhige Michael-Baby (Michael Yerry/Terry Ramirez Jr.) mit The Mummy bei uns ein. Seit dem dritten Advent 2009 wohnen Karl und Josef in Kriegsbriefe gefallener Studenten bei uns.

Eigentlich sollte ich es besser wissen und einen großen Umweg um Buchflohmärkte machen. Aber der Advent-Flohmarkt im Pfarrheim hatte eine ganz unchristliche, magische Anziehungskraft. Satte dreizehn Euro habe ich dort gelassen. Ein hoher Stapel Parental-Advisory-Schwermetall-Cds, die die anständigen Kirchgänger geflissentlich ignorierten, hat dort eindeutig auf mich gewartet und natürlich ist auch ein Buch an mir hängen geblieben:

Philipp Witkop
Kriegsbriefe gefallener Studenten
© Georg Müller Verlag 1928, 
161. bis 170. Tausend. Volksausgabe 1933

Ich kannte den Titel nicht, dachte aber sofort an den Antikriegsroman von Erich Maria Remarque “Im Westen nichts Neues”. Tatsächlich habe ich das Buch aber gekauft, weil drei Schriftstücke, die auf der letzten Seite im Schutzumschlag eingeklemmt waren, mein Interesse weckten.

  Klemens Tilmann, Todesverächter, Ein Tatsachenbericht aus der Geschichte der Kirche in Fern-Ost Klemens Tilmann, Todesverächter, Ein Tatsachenbericht aus der Geschichte der Kirche in Fern-Ost

Oberschütze Karl Haugeneder aus böhmisch Krum(m)au (Český Krumlov) hat im April 1940 zwei Bücher in Wien gekauft: von Witkop “Kriegsbriefe” (3 Reichsmark 60 Reichspfennige) und von Tillmann “Todesverächter” (3 Reichsmark 20 Reichspfennige). In Anbetracht der damaligen Einkommensverhältnisse kein billiger Einkauf und inhaltlich schwere Kost. Denn obwohl die jüngeren Ausgaben der “Kriegsbriefe”, die ab 1933 erschienen den Lesern todesbereiten Heldenmut für Deutschland suggerieren sollten, konnte das inhaltlich wohl kaum erreicht werden. Der Hurrapatriotismus jener jungen Männer, die weltfremd, indoktriniert und ohne klaren Gedanken in den Ersten Weltkrieg stürmten, wird von Brief zu Brief mehr und mehr relativiert. Sie sehnten sich nach ihren Müttern, klammerten sich an göttliche Heilsversprechungen und lebten von Adrenalinschub zu Adrenalinschub, während der lebenslang eingedrillte Gehorsam und die unreflektierte Pflichterfüllung sich bis zum Tode erschöpfte. Die Konfrontation mit der Kriegsrealität, die mit den Bierbankgesprächen in den Studentenverbindungen so gar nicht übereinstimmten, ließen sie die bittere Wahrheit dieses und jeden anderen Krieges kurz vor ihrem Tod erkennen. Die Briefe, die die jungen Männer von der Einberufung, vom Marsch, von der Front und aus den Lazaretten schrieben, sind zeitlos.

David-Postkarte Lieber Karl 16.IV.1940

David hat Goliath besiegt. Gerade deshalb war die Postkarte von Josef aus dem Zisterzienserstift Wilhering an Karl in Krummau in diesen “unruhigen Zeiten” schlecht gewählt. Auch die Hoffnung Josefs, dass Karl sich “in den schönen kräftigen Inhalt einlesen und auch Freude aus diesem Buch schöpfen” könne, spricht nicht für den Schreiber, der “den Geist des Ganzen” (noch) nicht erfasst haben dürfte. 1940 wurde das Stift durch die Nationalsozialisten beschlagnahmt und enteignet, die Mönche kamen ins Gefängnis oder wurden zum Kriegsdienst eingezogen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt sollte auch Josef klarer gesehen haben.

Die Kriegsbriefe gefallener Studenten aus dem Ersten Weltkrieg verbinden sich zweiundzwanzig Jahre nach Kriegsende durch die Lebensspuren von Karl und Josef mit dem Wahnsinn des Zweiten Weltkriegs. Ein erschütterndes Zeitzeichen, das mich nur einen Euro gekostet hat, aber dessen Inhalt mit vielen Leben bezahlt wurde.

© S. Strohschneider-Laue

Kleist kam zu erst
Michael Yerry/Terry Ramirez Jr.

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Kundinnen II

Samstag, 03. Oktober 2009

Notiz

Alltagsdrama: Ausstellungsmacherin trifft auf Autohändler

Warum sollte es einer Freundin in Sachen Männerkommunikation besser gehen als mir (siehe dazu Kundinnen I)?

Besagte Freundin ist eine typische Bleifuß-Frau, die sich so fortbewegt wie es Gott für den Menschen offenbar vorgesehen hat: Mit dem Auto. Immer auf großen Strecken zwischen Wien - Linz - Salzburg - Graz sowie dem zugehörigen Umland pendelnd, fährt sie zwischendurch noch einige Touren quer durch Europa. USA, Mali und China hat sie dieses Jahr notgedrungen - Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel - mit dem Flugzeug angesteuert. Diese Megastrecken hält das beste Auto auf Dauer nicht aus und irgendwann verlassen uns auch die robustesten unter ihnen. Nur um es vorweg zu nehmen, sie ist zwar viel unterwegs aber trotzdem keine Drogendealerin, sondern als Austellungsarchitektin eine echte Spezialistin für Kommunikation und Gestaltung. Das bedeutet, dass ihre Brieftasche nicht prall gefüllt ist und sie ein finanzierbares Auto mit großen Transportflächen aber nicht mit Versteckmöglichkeiten braucht. Jedenfalls war sie auf der Suche nach einem neuen fahrbaren Untersatz.

Ihre Odyssee durch die Autohäuser ihrer Heimatprovinz sei in nachfolgendem Dialog zusammengefasst.

Er: Guten Tag. Auf der Suche nach einem roten Frauenauto?

Sie: Eigentlich habe ich an etwas Flottes, Strapazfähiges für lange Autobahnfahrten gedacht. Ein Cello sollte auch noch Platz finden.

Er: Na, Internetanschluss in Kleinwagen gibt’s noch nicht! HAHAHA. Aber wir haben hier einige rote Modelle.

Sie: Ich meine “Cello” nicht “Chello”. Das eine ist ein Musikinstrument, das andere ein Provider.

Er: Der ist auch gut. HAHAHA Wie gefällt Ihnen dieser schicke rote Kleinwagen? Sehr kompakt und wendig, gut geeignet für den Stadtverkehr.

Sie: Langstrecken, schnell und groß sind meine Anforderungen. Stadtverkehr ist das geringste Problem.

Er (unbeirrt): Schaun’s, in den Roten passen gleich drei Bierkisten für den Mann rein und der Kindersitz für den Spross seiner Lenden hat trotzdem genug Platz.

Sie (schon ausgereizt): Ich trink das Bier nicht aus Kisten und der Spross meiner Eierstöcke braucht keinen Kindersitz, sondern Platz für ihr Cello. Na, dieser große Geländewagen da wäre schon passender.

Er: Na, das ist aber kein guter Stadtwagen zum Einkaufen. Sie werden nur Schwierigkeiten beim Einparken haben und in rot gibt es dieses Modell auch nicht. Das ist eher ein richtiges Männerauto.

Sie: Ich habe nie Schwierigkeiten beim Einparken. Mein Problem sind Autoverkäufer, die nicht zuhören.

Er: Na welches Glück, dass ich jetzt für Sie da bin. Ich habe den idealen Wagen für Sie. Sehr klassisches Modell, seit Jahren unverändert und ausschließlich in rot erhältlich. Kein technischer Schnickschnack. Wird fast ausschließlich von Frauen gekauft. Damen legen ja doch mehr Wert auf Sicherheit als auf Geschwindigkeit.

Sie ist sehr friedfertig, sie hat ihn und die vielen andern Autoverkäufer nicht erschlagen, sogar der nette Herr vom Automobilclub, der - zur modellspezifischen Unfallstatistik befragt - meinte “Frauen kaufen sich meist ein rotes Auto”  lebt noch. Aber wie meine Freundin schließlich zu ihrem Auto - natürlich ist es nicht rot - gekommen ist, ist mir ein Rätsel. Vielleicht hat sie irgendwo eine Autoverkäuferin gefunden, die zugehört hat.

© S. Strohschneider-Laue

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Kundinnen I

Donnerstag, 24. September 2009

Notiz

Alltagsdrama: Sprachfrau trifft auf Baumarktmann

Neulich wollten wir unsere Wohnung wieder etwas auffrischen. Eine neue Brausetasse sollte es unter anderem sein. Bei solchen Gelegenheiten möchte man nicht die gleichen Fehler - egal ob geschmäcklerischen oder bautechnischen - wiederholen und nochmals zehn Jahre den Anblick der letzten Fehlentscheidung ertragen müssen. Wir einigten uns auf ein technisch-futuristisch anmutendes Badezimmerdesign. Möglichst viel Chrom und Glas sowie möglichst kein weißes Porzellan oder Plastik sollte es sein.

Dass Männer und Frauen nicht die dieselbe Sprache sprechen - auch wenn sie die gleiche nutzen -, dürfte wohl allgemein bekannt sein. Dass das Zuhören und Verstehen aber auch wesentliche Aspekte sind, wird immer unter den Tisch gekehrt. Wie gravierend sich dies beim Einkaufen auswirken kann, wenn es nicht um Grundnahrungsmittel, Hygieneprodukte und Bekleidung geht, sei hier am ersten Beispiel dargestellt. Es war ein Ding der Unmöglichkeit den diversen Angestellten in den zahlreichen Baumärkten und Heimwerkerzentren diese Wünsche darzulegen. Die Dialoge zwischen den durchwegs männlichen Angestellten und mir - definitiv Frau - entspannten sich zusammenfassend etwa so:

Ich: Guten Tag, ich bräuchte ein Brausetasse - möglichst 90 x 90 - im Nirosta-Design.

Er: So was gibt’s nicht.

Ich: Was gibt’s nicht, die Größe oder das Nirosta?

Er: Die Größe gibt’s schon.

Ich: Haben Sie wirklich keine Metalltassen?

Er: Doch, aber das baut man heute nicht mehr ein. Die Restbestände stehen dahinten in der Ecke.

Ich: Nein, die meine ich nicht. Das sind Emailwannen.

Er: Was? Bei E-Mail haben’s wohl was verwechselt. HAHAHA

Ich: Sehr witzig, selten so gelacht. Das ist Gusseisen mit Emailschicht - was nichts mit E-Mail zu tun hat. Ich will ein Hochglanz-Edelstahl-Produkt. Sehr hygienisch, wenn Sie das verstehen.

Er: So was gibt’s gar nicht. Putzen muss man sowieso alles.

Ich: Es geht nicht ums Putzen, sondern um Material und Oberflächenqualität. Brausetassen aus Nirosta gibt’s sehr wohl. Nirosta wird oft in Fabriken oder auf Raststationen eingebaut.

Er: Wenn’s so schlau san, dann schau’n mir mal in den Katalog, da ist alles drin was’ gibt.
Gelangweiltes Blättern folgt, wobei sämtliche Plastik- und Emailwannen von ihm triumphierend durch Fingerklopfer hergezeigt werden.  Da schaun’s her, so schau’n Brausetassen aus.

Ich (bereits ausgereizt): Guter Mann, ich bin sogar mit der Benutzung vertraut. Ich will aber eine aus Metall ohne Email. So ein Ding, das aus schaut wie eine Küchenspüle, bloß die flache und quadratische Variante, zum Reinstellen von Menschen.

Er: Warum sagen’s das nicht gleich? Das haben wir hier gleich hier.

Er stapfte zwei Regalreihen weiter. Zufrieden zeigte er auf ein rechteckiges Metallobjekt, das meinen Wünschen nur mit äußerster Fantasie ähnlich war. In den mediterranen Ländern nennt man so etwas eine Stehtoilette.

“Baumarktberatung” ist ein Oxymoron und ich war einem “Ox-Moron” ausgeliefert.

© S. Strohschneider-Laue

siehe auch Kundinnen II

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Eierbowle mit Weihnachtsmann

Sonntag, 13. September 2009

Notiz

Frohes Fest in Wien

Der Realitätsschock Juli bis August ‘09:

Weihnachtskalender Ende Juli im Papiergeschäft.
Lebkuchen Anfang August im Supermarkt.
Taschen mit Aufdruck “Frohes Fest” im passenden Design beim türkischen Bäcker Ende August.

Die Zukunftsvisionen für September ‘09 bis August ‘10:

Schoko-Weihnachtsmänner im September.
Schoko-Weihnachtsmänner mit Raketen im Oktober.
Schoko-Weihnachtsmänner mit Hasenohren im November.
Ostereier unterm Weihnachtsbaum im Dezember.
Ostereier für den Recycling-Ganzjahresbaum im Januar.
Ostereier im Weihnachtsmänner-Faschingsoutfit im Februar.
Weihnachtsmann bringt Ostereier im März.
Weihnachtsmänner mit Zuckereiern oder Ostereier gefüllt mit Weihnachtsmännern am 1. April.
Eierbowle mit Weihnachtsmanngeschmack im Mai.
1000jährige Eiermänner im Juni.
Fondue aus Beständen der unverkäuflichen 1000jährigen Männereiern im Juli.
Schultüten mit Weihnachtseiern und Ostermännern im August.

© S. Strohschneider-Laue

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Liebe zwischen den Seiten - Loving Memory

Samstag, 01. August 2009

Notiz

Albert Francis Rosa hat diese Welt verlassen

Albert Francis Rosa *1915 †2006

Bücher sind Freunde, gehören zur Familie. In den späten 70ern des letzten Jahrhunderts kam der kleine spitzartige Hund “Kleist” (Kleist kam zu erst) in unsere Familie. Er schlich sich geschmeidig über Heinrich Kleist’s sämtlicher Werke ein und gehört seither dazu. Etwa 2007 zog das ruhige Michael-Baby (Michael Yerry/Terry Ramirez Jr.) mit The Mummy bei uns ein.

Langsam aber sicher wird unsere Wohnung immer kleiner. Egal, es gibt keine schöneren Tapeten und Wandisolationen als überquellende Bücherregale. Nicht immer kommen neue Bücher dazu. Manchmal sind die Titel schon vorhanden: Allerdings übersetzt und das ist nicht genug. Nein, sie müssen auch im Original zur Wohnraumverkleinerung beitragen. 2008 wurde unsere Tochter auf dem Neubaugassen-Flohmarkt fündig. Englische Taschenbücher, gebraucht, billig, in Mengen und das am Taschengeldtag! Weihnachten, Geburtstag und Ostern zusammengefasst, ist nichts dagegen. Im Stapel befand sich schließlich wieder eines dieser mit Überraschung gefüllten Pralinenschachtel-Bücher:

Paula Volsky
The Luck of Relian Kru
Ace Fantasy 1987

Gleich beim ersten Durchblättern fiel ein Sterbebildchen heraus. Eines jener mit Heiligen bedruckten Zettelchen, die bei Begräbnissen an die Trauergemeinde verteilt werden. Es ist eine Darstellung der Vogelpredigt des Franz von Assisi. Auf der Rückseite wird an Albert Francis Rosa (June 25, 1915 - August 23, 2006)  begleitet von einem Zitat aus “The Littel Prince” von Antoine de Saint-Exupéry gedacht.

Ich weiß nicht, wer der 91jährige Herr war. Die liebevolle Auswahl des Gedenkbildes spricht aber für einen Menschen, der gemocht wurde. Es ist eine schöne Vorstellung, dass er nicht alleine seine letzte Reise angetreten hat, sondern begleitet wurde. Und es gab zu mindest einen Menschen, der das “Loving Memory” Zettelchen nicht gleich entsorgt hat. Es nicht nur behalten hat, sondern auch mit dem Buch immer wieder zur Hand nahm und erinnert werden wollte. Es war wohl ein Versehen, dass Albert Francis Rosa schließlich in dem Buch blieb. Dass er nach seinem Tod zum Mysterium werden würde, hätte ihn vielleicht sogar amüsiert. In einem kanadischen Buch in Wien in Begleitung eines italienischen Gedenkbildchen und eines ins Englische übersetzten Zitats eines französischen Autors angetroffen zu werden, wäre selbst für Sherlock Holmes eine Herausforderung und für James Bond verdächtig gewesen.

Für seine Freunde und Verwandten lebt Albert Francis Rosa im Herzen und in den Sternen, wenn sie in klaren Nächten aufblicken. Bei uns ruht die Erinnerung an ihn in The Luck of Relian Kru.

© S. Strohschneider-Laue

Kleist kam zu erst
Michael Yerry/Terry Ramirez Jr. 

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Wiener Prater

Samstag, 04. Juli 2009

Notiz

Tradition: Wiener Prater

Prater 1996 © S. Strohschneider-Laue

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Manchmal sind Traditionen gar nicht so schlecht; denn nicht alle sind vorgestrig und/oder moralinsauer. Eine schöne Wiener Tradition ist es, während der Kindheit zu bestimmten Anlässen (Einschulung, Erstkommunion) in den Prater gehen zu dürfen. Es ist quasi ein vorgezogener Tapferkeitsbonus, ein Haftaufschub, ein Freigang bevor es so richtig ernst mit der realen (Schule) und der spirituellen Hölle (Kirche) wird.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Ich kam in den Genuss dieser Tradition, weil ich zur richtigen Zeit statt in Frankfurt in Wien war. Als Minitouristin mit den Eltern genau rechtzeitig vor meiner Einschulung. Natürlich wurden Fotos gemacht: Kind am Pferd, Kind im Karussell, Kind im Miniauto. Meist ist das Kind - also meine Person - kaum erkennbar und oft lugte nicht einmal mein Kopf über die Lenkstange hinaus. Diese Fotos sind vermutlich familienunabhängig austauschbar. Es gibt sie sicher zu Millionen in den Schubladen von Eltern, Großeltern, Paten und unzähligen anderen mehr oder minder Anverwandten.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Rund dreißig Jahre nach meinem Praterspaß, ereilte unsere Tochter - eine typische Wienerin mit Wurzeln in ganz Europa - der Praterbesuch zum Schuleinstieg. Es war wie erwartet. Bei den meisten Fahrbetrieben musste man den Besuch aufgrund elterlicher Verantwortung ablehnen. Teuer war es auch, aber an einem solchen Tag haben Eltern und vor allem Großeltern Spendierhosen an. Schön ist es trotzdem, wenn man feststellt, dass sich das eigene Kind trotz des Überangebotes als bescheiden erweist. Riesenrad, Achterbahn, Autoscooter, Geisterbahn und sämtliche supermodernen Speed- und Höhenvarianten auf “Kotz mehr” und “Schneller Hirntod”, wurden bestaunt aber nicht gewünscht. Am Ende waren es eine Zuckerwatte, einige Lose bei der blonden Plastikpuppen- und rose Plüschtier-Tombola, eine Runde Ponyreiten und unbedingt die Autorennbahn. Das Rennbahnrelikt aus den 1960ern oder noch früher, existierte tatsächlich noch. Mindestalter war schon damals “12 Jahre” als ich Schulanfängerin war und unbedingt Rennen fahren wollte. Und ganz genau wie damals klettere mein Vater - nun mit der Enkeltochter - in das Vehikel. Und er sagte ganz genau dieselben Dinge zu ihr wie dreißig Jahre vorher zu mir: “Den schnappen wir, den kriegen wir, mehr Gas und schnell vorbei”. Natürlich blieb es nicht bei einer Runde.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Und ganz genau wie damals stand meine Mutter am Rand der Bahn und war zutiefst besorgt, dass der scheppernde Höllenritt - wie man dem Foto entnehmen kann - Opas kriegsversehrten Rücken schaden würde. Nun war auch ich Mutter, aber ich war nicht besorgt. Ich war eifersüchtig und noch dazu auf das eigene Töchterchen. Pech, dass es “meinen” blauen Wagen von damals nicht mehr gab. Ich hätte es den beiden gezeigt, schließlich hatte ich den gleichen Fahrlehrer.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Bei diversen Gelegenheiten waren wir in nachfolgenden Jahren mit Freunden und ihren Kindern im Prater. Die Bahn war geschlossen. Es war als ob ich ein Stück Kindheit verloren hätte. In Wirklichkeit gehen doch alle mit den Kindern in den Prater, um noch einmal das zu tun, was sie selbst als Kind so genossen haben - ich bin keine Ausnahme. Quasi ein glückliches Ausleben des verborgenen Peter-Pan-Komplexes. Was passiert aber, wenn es diese Kindheitserinnerungen plötzlich nicht mehr gibt? Nein, man muss trotzdem nicht erwachsen werden. Nein, denn wir haben doch alle die unzähligen Fotos. Wenn unsere alten Fotos nicht die Farbe verloren hätten, könnten wir unsere Fotos glatt verwechseln. Bis auf eines: Es ist einzigartig, zumindest für mich und sicher für unsere Tochter.

© S. Strohschneider-Laue

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Prioritäten setzen

Freitag, 19. Juni 2009

Notiz

Ausstellungsmacher

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Dozent G., der alteingesessene Chef des Museums, blickte wohlwollend auf seine Untergebenen. Nach einer gut berechneten Pause räusperte er sich und hob mahnend den Zeigefinger: “Liebe Mitarbeiter und -innen. Demnächst müssen wir einen neuen Publikumsmagneten in unsere Ausstellungshallen bringen. Die leider noch lebende Künstlerin war nicht etabliert genug, so dass nur 6.000 Besucher bei uns verzeichnet wurden. Das ist halt das Problem mit Frauen in der Kunst. Gut, dass wir vom Frauenministerium, dem Genderverein und den Gewerkschafterinnen ausfinanziert wurden. Aber jetzt, jetzt brauchen wieder einen richtigen Erfolg, also einen Mann. Gute Kritiken in den Zeitungen sind nicht genug. Meine Damen und mein Herr, ich erwarte ihre Vorschläge.”

Mit hochgezogenen Augenbrauen blickte er über den Brillenrand erwartungsvoll in die betroffenen Gesichter der drei Anwesenden. Eine Weile hörte man nur das eifrige Kratzen des Bleistifts der Sekretärin, die immer minutiös jedes Wort protokollierte. Es herrschte tiefes Schweigen, das durch das nervöse Herumwetzen und Fußscharren der Angesprochenen abgelöst wurde.

Magister W. ergriff beflissen das Wort: “Nun da drängt sich doch Picasso gerade zu auf, obwohl Monet auch immer gut geht. Wobei von Picasso gibt’s mehr Bilder und Chagall zeigt leider gerade die Konkurrenz.”

Nun mischte sich auch Doktorin R. ein: “Sie vergessen, dass Monet und Picasso in den letzten Jahren bereits zweimal in der Stadt - ebenfalls von der Konkurrenz - präsentiert wurden. Wir sollten doch ein wenig innovativer vorgehen. Wie wäre es mit einer Themenausstellung ohne sich auf einen einzigen Künstler zu kaprizieren? Ich denke dabei an das beliebte Thema ‘Impressionismus’. Die Bilder will doch jeder auf der Wand hängen haben.”

Dozent G. schnitt den gerade zur Rede ansetzenden Magister W. das Wort ab und meinte begeistert: “Ja, so machen wir das. Perfekt! Ich finde doch immer wieder unsere Teamsitzungen mit dem regen Brainstorming meinerseits erfrischend. Sie haben ein halbes Jahr Zeit, um die Ausstellung vorzubereiten. Ich möchte am Montag ihre Vorschläge zur Bildauswahl vorgelegt bekommen! Ich bitte Sie mich jetzt zu entschuldigen, ich habe jetzt noch einen wichtigen Termin im Kaffeehaus.”

Seine Mitarbeiter erhoben sich und verließen gemeinsam den Raum. “Prima, hat das geklappt”, meinte Magister W. grinsend, “damit sollten wir überhaupt keine Arbeit haben!”

 ”Na, na”, beschwichtigte Doktorin R., die Köpfe müssen wir schon noch zusammenstecken, aber aus dem Vollen schöpfen können wir noch immer.”

 TeeTextTasse © Ch. Ranseder Am nächsten Montag legten sie den Konzeptentwurf vor:

  • Die bedeutendsten Künstler des Impressionismus sollten an Hand ihrer wichtigsten Werke präsentiert werden.
  • Statt die Bilder wie üblich zeitlich geordnet auf den Wänden zu verteilen, sollte thematisch vorgegangen werden, um den Besuchern Vergleiche zu erleichtern.
  • Zudem sollten alle Künstler durch ein Portrait vertreten sein, um auch die Maler persönlich und nicht nur ihre Werke vorzustellen.
  • Wenn möglich, sollte ein passendes Bild die Wohnsituation und das Atelier des Künstlers dokumentieren. Ein aktuelles Foto sollte den heutigen Zustand des Hauses oder der Umgebung zeigen.
  • Der Katalog sollte den Umfang eines Taschenbuches nicht überschreiten. Klein, übersichtlich erschwinglich und vor allem sprachlich zugeschnitten auf ein interessiertes Laienpublikum.
  • Die Kunstvermittler sollten während der gesamten Vorbereitung eingebunden werden, um das Publikum später optimal an die Ausstellung heranführen zu können.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder ”Also”, begann Dozent G.”, das ist ja mal wieder typisch für Sie beide. Sie sind doch betriebsblinde Ignoranten. Selbstverständlich kommen die wichtigsten französischen Impressionisten nicht in Frage. Wir haben mit den entsprechenden Häusern keine Leihverträge. Das ist außerdem viel zu kompliziert, zumal die dort nur auf französisch verhandeln, seitdem wir das eine ausgeliehene Bild aus dem Rahmen genommen haben und es zu Transportzwecken aufrollten wie eine Tapete. Wie hätten wir es denn sonst durch unsere Museumstür bringen sollen, wenn es doch glatt um fünf Zentimeter zu groß ist? Wer rechnet denn schon m solchen Dimensionen? Aber die müssen sich ja immer gleich so haben. Na, wie auch immer!”

Er schüttelte wieder den Kopf und schaute strafend über den Brillenrand: “Kommen Sie mir nicht mit diesem didaktischen Quatsch. Wozu soll es denn gut sein die Bilder thematisch zu hängen. Bilder hängt man ausschließlich nach ästhetischen Aspekten und ästhetisch heißt, nach Größe sortiert!”

Wieder kehrt kurzes Schweigen ein, während Dozent G. weiter las: “Die Portraits sind völlig sinnlos. Kein Mensch interessiert sich für den ungepflegten Monet oder den versoffenen van Gogh, nur ihre Werke zählen. Genauso egal sind mir deren Absteigen. Wir sollten auf jeden Fall den Platz darauf nicht vergeuden, sondern ein einziges - besonders großes - Bild als zentralen Blickfang auswählen. Damit halten wir die Leihgebühren und Versicherungsbeiträge niedrig und mit zwei weiteren haben wir die erste Halle voll.”

Mit gerunzelter Stirn blätterte Dozent G. weiter und schlug plötzlich heftig mit Hand auf den Tisch. Empört riss er sich die Brille von der Nase. “Also, dass ist doch der Gipfel der Borniertheit! Taschenbuch? Erschwinglich? Leicht verständlich? Was glauben Sie eigentlich, wo Sie sitzen? In der Schulbuchkommission? Ich weiß ja nicht, was Sie von sich halten, aber ich bin renommierter Wissenschafter. Meine Publikationsliste als Herausgeber ist lang. Kein Vorwort der letzten Jahre, das nicht von mir wäre! Die Kollegen, von denen wir die Bilder leihen, sehen das sicher genauso. Sie müssen mit ihren Beiträgen im Katalog als Autoren vertreten sein. Und wenn nicht jeder Hinz und Kunz mit meinem wissenschaftlichen Anspruch etwas anfangen kann, ist das mir nur recht. Wo kommen wir denn dahin, wenn jeder glaubt schreiben zu können? Es kann ja schließlich auch nicht jeder malen! Nur mit einem tiefsinnigen Verständnis des kulturhistorischen Gesamtkontextes und einem metaphysischen Zugang, bezogen auf das psychologische Substrat ist man befähigt den Weg des Künstlers vom Gegenständlichen zum schwarzen Quadrat auf weißer Leinwand - aufgehängt im Herrgottswinkel - verfolgen zu können. Das heißt aber noch lange nicht, dass jedes hingepinselte schwarze Quadrat auf weißer Leinwand von irgendwem gleich bedeutend ist. Nein, denn nur aus dem fundamentalakademischen Zusammenhang und der unverrückbaren Philosophie des Kanons erwächst die Kunst!”

Eine Ader begann an der Stirn von Dozent G. zu pochen. “Und ich gehe sicher richtig in der Annahme, dass Sie in ihren Kalkulationen nicht die entsprechenden Autorenhonorare für die jeweiligen Institutionsleiter berücksichtigt haben”, dabei strich er sich unbewusst über die Brieftasche. “Mit 80.000 Euro für den Katalog - ohne Druckkosten versteht sich - ist mindestens zu rechnen. Die Qualität sind wir unserem Publikum schuldig. Ich will ihnen beiden keine Bereicherung vorwerfen, obwohl ich annehme, dass wohl irgendwer aus Ihrem Freundeskreis schnell etwas um die 5.000 Euro, die Sie da veranschlagt haben, zusammengeschreibselt hätte. Es muss sogar Ihnen klar sein, dass etwas derartig Billiges auch nur billig sein kann.”

Es folgte Kopfschütteln. “Und was wollen Sie eigentlich dauernd mit ihrer Vermittlung? Diese Bilder sprechen für sich selbst. Ich wünsche keine Platzverschwendung an auffällig groß geschriebene Raumtexte. Für die dezente Beschriftung der Werke genügt der Name des Künstlers, das Entstehungsjahr und selbstverständlich gut lesbar der Name des Leihgebers. Audioguides reichen völlig. Der unerträgliche Lärm, der durch Führungen entsteht, wird vermieden und jeder Besucher kann in erhabener Andacht die Stimmungen der Bilder aufnehmen.”

Langsam lehnte Dozent G. sich zurück und blickte eine Weile strafend auf seine zusammenschrumpfenden und inzwischen um ihre Jobs bangenden Mitarbeiter. “Da ich schon geahnt habe, was ich von ihnen erwarten kann, erkläre ich ihnen wie wir das machen werden. Die Ausstellung wird heißen: 
Das unbekannte Werk der Impressionisten - Gemälde aus Privatsammlungen
Der Hochglanz-Katalog wird mindestens A4-formatig und auf jeden Fall 800 Seiten umfassen. Ich denke dabei an einen Verkaufspreis von rund 95,00 Euro bei einer Auflage von 1000 Exemplaren zum freien Verkauf und weiteren 500 zu Geschenkzwecken an Autoren, Sammler und meine wichtigsten politischen Kontakte.”

Selbstgefällig blickte er in die Runde: “Was die Zusammenstellung der Werke betrifft, rufe ich einige meiner Freunde an, die Impressionisten sammeln. Sie geben uns ihre Bilder ohne hohe Leihgebühren. Schließlich haben sie ihre Sammlungen nur meiner finanzgünstigen Beratung zu verdanken und jetzt können sie durch die Präsentation in unserem Haus zusätzlich eine Wertsteigerung ihrer Stücke erzielen. Leider zählen keine amerikanischen und japanischen Sammler zu meinen Kontakten. Ich werde wohl wieder in den sauren Apfel beißen müssen und die Beziehungen vor Ort knüpfen. Das bedeutet, dass ich die nächsten Monate kaum im Haus sein werde.”

Er begann seine Ausführungen mit seinem rechten Zeigefinger zu unterstreichen: “Frau Doktor, Sie übernehmen während meiner Absenzen die Verhandlungen mit der Druckerei.
Das Lektorat der Texte wird meine Frau als externe Fachberaterin zu entsprechenden Konditionen übernehmen.
Selbstverständlich fungiere ich wieder selbst als Herausgeber. Schließlich sollte man so etwas Essentielles wie das Vorwort keinesfalls delegieren.
Herr Magister, Sie kümmern sich um den Transport der Exponate, für die Ausstellungsgestaltung stelle ich Ihnen meine Tochter zur Seite. Sie ist versiert im Umgang mit dem Computer. Mit ihren verschiedenen Sim-Programmen hat sie schon als Teenager ganze Häuser dekoriert.”

Er wedelte enthusiastisch mit seinen Notizen vor der Nase der Sekretärin, die durch ihr stetiges Nicken oder von den vielen fremden Worten bereits etwas desorientiert wirkte. “Besorgen Sie mir zunächst ein Flugticket nach Tokio für März, im April sollte ich die Verhandlungen in New York aufnehmen und ab Mai werde ich dann Sydney angehen, dann bleibt noch genug Zeit für Paris im Juni. Buchen Sie bitte adäquate Hotels in den Stadtzentren. Juli und August reserviere ich für meinen wohl verdienten Urlaub mit meiner Familie. Im September habe ich dann sicher wieder genug Kraft für die letzten Gespräche in Toronto. Achja, stellen Sie mir die wichtigsten Fakten für das Vorwort zusammen. Nicht mehr als zehn Seiten, damit ich das ganze auf etwa eine Seite komprimieren kann. Wenn ich nicht so ein Arbeitstier wäre, würde hier alles stagnieren. Ja, von mir können Sie alle hier noch jede Menge lernen.”

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Vergeuden Sie nicht Ihre Energie an Inhalte, arbeiten Sie endlich für Ihre Karrieren!

© S. Strohschneider-Laue

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Allergie: TV-Jogurt

Samstag, 13. Juni 2009

Notiz

Allergie auf TV-Jogurt ab 2007

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Ich liebe Reklame. Als Zeitzeichen spiegelt sie aktuelle Befindlichkeiten und zuweilen hat sie mit kürzesten Kurzgeschichten sogar Unterhaltungswert.

Schon als Kind Ende der 1960er habe ich Reklame gemocht - vor allem die TV-Werbung. Zu meinem Missvergnügen haben meine Eltern mehr oder minder erfolgreich danach getrachtet, mich um dieses Vergnügen zu bringen. Auch heute noch wechseln sie sofort den Sender, wenn die Werbepause beginnt.
Ihr unwiderlegbares Argument lautet: “Die wollen doch alle nur, dass man ihren Kram kauft!”
Eine durchaus gesunde Basis für ein selbstbestimmtes - soweit das überhaupt möglich ist - Kaufverhalten. Mir war das damals natürlich nicht einsichtig, weil sowieso meine Eltern den Einkauf bestimmten. Nachdem ich die Kaufentscheidungen meiner Eltern nicht manipulieren konnte, nahm ich mit kindlicher Unschuld und Vertrauen an, dass es auch kein anderer könnte.

Beschäftigte mich im Volksschulalter noch die Frage, ob meine Mutter wirklich von ihrem Gewissen geplagt wurde, weil sie nicht diesen ganz bestimmten bzw. gar keinen Weichspüler nahm, sind es heute ganz andere Aspekte vergleichbarer Spots. Übrigens hat meine Mutter kein schlechtes Gewissen wegen ihrer Weichspülerabstinenz. Sie meinte schon damals, dass man in gut ausgespülte Wäsche keine neue Chemikalie reinspülen sollte, die sich dann ungehindert auf der Haut verteilt. Ein sehr vernünftiger Gedanke, lange bevor sich jeder über allerlei Hautallergien oder Neurodermitis den Kopf zerbrochen hat. Mein Vater, ein mit sehr empfindlichem Geruchssinn ausgestatteter Liebhaber teurer Parfums, kann die “billigen” Weichspülerwolken nicht ausstehen. Ich erlebte dagegen während der Hochphase dieser Werbekampagne um das “gute Gewissen” einen gewissen sozialen Druck, den weniger kritisch aufgezogene Kinder ausübten. Sie fragten mich tatsächlich, ob meine Mutter denn kein “schlechtes Gewissen” hätte. So etwas nennt man dann wohl den Teufelskreis sekundärer Werbewirkung.

Mit Genuss habe ich aber ab und an vermerkt, dass auch meine Eltern nicht immer ganz werbungsungeschädigt geblieben sind. Der berüchtigte “Eumel” (Grauschleier verursachender Gardinenschädling) der frühen 1970er ist nahtlos von der Waschmittelwerbung in ihren Wortschatz übernommen worden, während sie das in meinen Ohren so genussvoll klingende “schokoschmackig” nicht goutierten.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Nachdem Eltern alles besser machen wollen als ihre eigenen Altvordeeren, galt dieses lästige “Werbeverbot” bei meinem Kind ab Mitte der 1990er nicht. Nicht ganz uneigennützig, denn sonst hätte ich meine TV-Spot(t)sucht nicht befriedigen können. Es war eine gute Entscheidung. Denn durch unseren Spaß Werbung ständig zu kommentieren und sie zu veralbern, ist aus unserer Tochter eine kritische Beobachterin geworden. Besonders stressabbauend ist es den Ton abzudrehen und eigene Spontantexte zu sprechen.

2007 erklärte meine Jungfeministin, dass sie es gründlich satt hätte, jedes vermeintliche Verdauungsproblem von der Werbung als Frauensache deklariert zu sehen. Sie hat gut beobachtet und schön, dass sie es gleich satt hatte! Egal, ob es sich um bakterieninfizierte Milch- oder rein chemische Pharmaprodukte handelt, immer - außer man bedient sich der Popularität eines Medienmannes - sind Frauen von unerwünschten Darm(in)aktivitäten befallen. Magengurgeln, verschlagene Winde, Stuhlprobleme und Übergewicht werden zur “Frauensache”, wenn es darum geht dem Publikum diverse - mehr oder minder natürliche -Jogurtvarianten aufzuschwatzen. Da drängt sich doch die Frage auf, ob man die Käuferinnen nicht eher auf diesem Umweg dazu bewegen will, die Produkte ihren Flatulenzmännern und ewig lesenden Klobesetzern aufzutischen. Junge, schlanke, hellhaarige und dynamische Powerfrauen, die ansatzweise auch mütterlich wirken dürfen, weihen ihre weniger jungen, dickeren, dunkelhaarigen und undynamischeren Freundinnen in ihr Milchproduktgeheimnis ein. Die Jogurtfläschchen-Party ersetzt die Plastikboxen-Party. Die bio- und gesundheitsbewussten Korkschlapfen-Fans unter den potentiellen Kundinnen werden mit fernöstlichem Yoga-Göttinen-Charme beworben. Das schlechte Gewissen wird Müttern vermittelt, die ihre Familien nicht mit vergammelter Milch gegen allerlei Krankheiten immunisieren. Was wären alle diese Marktschreier ohne Frauen?

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Genau da setzt unser liebstes Werbespiel ein: Geschlechterumkehr!
Was wäre, wenn nicht der Frau der Rock von den jogurtschlanken Hüften rutschen würde, sondern Mannes Knackpo in einem Stringtanga zu sehen wäre? Was wäre, wenn sich nicht eine Frau mit dem Seifenprodukt verschämt ihre Vorderseite abschäumen würde, sondern ein Mann lässig seine aufpolierte Kehrseite - wir wollen ja nicht übertreiben - präsentieren würde?

Knackige Männer wären uns beiden Frauen eindeutig lieber, aber das lässt die Zensur natürlich nicht zu. Vor nackten Frauen müssen die Zuschauer anscheinend nicht beschützt werden, vor nackten Männern hingegen schon. Oder ist die fragwürdige Fauendominanz eine wirtschaftliche Entscheidung: Es gibt mehr herzeigbare Auswahl und sie sind billiger zu haben?

Frauenautos müssen sicheren Platz für ihre Kinder und seine Bierkisten bieten und sie lassen ihre Besitzerinnen tüchtig erscheinen. Männerautos hingegen bewältigen jede Fahrsituation von der Mondlandschaft bis zur Rennstrecke und sie machen ihre Besitzer attraktiv. Eine nette Vorstellung zur Abwechslung einmal einen Mann im Kampf mit dem Wocheneinkauf und den sabbernden Nachwuchs rund um den roten Kleinsttranspoter zu beobachten oder eine Frau mit ihrem schnittigen Zweisitzer beim Aufriss zu zeigen.

Die Mehrheit der einkaufenden Frauen scheint wirklich zu glauben, dass sie von den diversen Produkten schlank, schön, begehrenswert wird und eventuell sogar gesund bleibt. Wenn es nicht so wäre, würden es die Werbefirmen ja wohl nicht ständig mit dieser Masche versuchen. Dabei funktioniert es aber auch anders. Das hat u. a. jene Körperpflegelinie bewiesen, die sich für ihre Spots und Plakate ganz normale, (über)füllige, schwangere, sommersprossige, narbige und tätowierte Frauen jedes Alters ausgesucht hat, die durchwegs realistische Identifikationsfiguren darstellen. Männer können auch interessante Werbeträger sein, es gibt keinen Grund sie zu unterdrücken, sie als Trottel oder Machos zu zeichnen oder es nur mit Superstars zu versuchen. Obwohl für uns Sport völlig uninteressant ist, gefallen uns jene Spots, in denen das berühmte boxende Brüderpaar zu sehen ist. Zwei unterschiedliche Produkte, keines davon verbindet man mit Boxchampions, sondern inhaltlich und somit werbetypisch mit Kindern sowie besorgten Müttern. Auch das österreichische Skiteam, deren Pistenerfolge uns völlig egal sind, macht sich beim unterhaltsamen Verzehr von Tiefkühlkost nicht schlecht.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Wir sind für die Emanzipation der Männer in TV-Spots!
Zeigt uns attraktive Männer! Wir wollen wohlproportionierte, gepflegte und schick gekleidete (Haus)Männer sehen, die realistisch kochen, putzen, waschen, bügeln und Kinder wickeln und trotzdem nicht das Hirn bei der Kasse abgegeben haben. Wir mögen keine ungepflegten und schlecht gekleideten Typen, die herablassend verkünden, sie wüssten es besser als Frauen nur weil sie Männer sind. Wer mag schon dummdreiste Überheblichkeit? Die Arroganten, die ihren zittrigen vorgestrigen Müttern die Gegenwart zeigen und ihnen den Unterschied zwischen Waschrumpel und Waschmaschine sowie den Gebrauch von Wasserenthärtern erklären, weil Frauen die letzten 50 Jahre Fortschritt verpasst haben, sind letztklassig. Und wer interessiert sich schon für Typen, die von ihren Übermüttern belehrt werden? Formbar ist ja ganz nett, aber abgenabelt von Mami sollten Werbemänner schon sein. Supermänner, Schlaumeier oder Waschlappen sind unerwünscht.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Vor unseren inneren Augen schwebt der gestylte Mann, der seiner lässig-sportlichen Partnerin den Einkauf ihrer Monatshygiene abnimmt, während sie sich um die Kondome kümmert…
Und dann sind wir aufgewacht!

© S. Strohschneider-Laue

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Liebe zwischen den Seiten - Ramirez Jr.

Sonntag, 07. Juni 2009

Notiz

Michael Yerry/Terry Ramirez Jr. kam nach Kleist

Micheal Yerry/Terry Ramirez jr.

Bücher sind Freunde, gehören zur Familie. In den späten 70ern des letzten Jahrhunderts kam der kleine spitzartige Hund “Kleist” in unsere Familie. Er schlich sich geschmeidig zwischen den Buchseiten von Heinrich Kleist’s sämtlicher Werke ein und gehört seither dazu. Seine Story habe ich in Kleist kam zu erst erzählt.

Vor einem oder zwei Jahren zog wieder ein Flohmarktbuch mit darin verstecktem Bewohner bei uns ein. Meine Tochter kaufte das Buch gemeinsam mit einem ganzen Stapel anderer englischer Taschenbücher auf dem Naschmarkt-Flohmarkt in Wien. Sie fand schon immer, dass man Geld grundsätzlich in Bücher, möglichst in englischsprachiger Horror- und Fantasyliteratur, angelegen sollte. Und eigentlich kann ich ihr nur beipflichten und zugleich sämtlichen religiösen und magischen Ritualen huldigen, die verhindern sollen, dass wir mit unseren Bücherbergen vom vierten in den dritten Stock durchbrechen. Antiquarisch kam also auch folgendes - bis dahin schmerzlich vermisste - Horror-Werk in unserer Wohnung:

 Anne Rice
The Mummy
Ballantine Books 1991

An der spannendsten - hoffentlich nicht der blutigsten - Stelle fand sich der kleine Michael. Ein ruhiges Kind, das eine ganze Weile unbemerkt zwischen den Seiten schlummerte. Auf der Seite stand “Tschaikowski 4. Symphonie”. Vielleicht war der kleine Michael deshalb so friedlich; denn er hörte die ganze Zeit gute Musik und erwartete sein weiteres Schicksal.

Auf der Rückseite des Babyfotos waren Name, Gewicht und Geburtsdatum vermerkt. Ein Glück, denn wenn es nicht so gewesen wäre, wäre es ihm wie Kleist ergangen, der seinen Namen dem “Fundbuch” zu verdanken hat. Irgendwie wäre gemäß deutscher Ausprache ”Mummy” für das Baby noch möglich, aber korrekt ”The Mummy” wäre inhaltlich doch etwas mehr als nur befremdlich für so ein kleines Geschöpf gewesen.

Wir verdanken dem kleinen Michael Yerry/Terry Ramirez Jr. (*15. August 1993) jedenfalls ungezählte Diskussionsstunden allein um des Buben Mittelname: Jerry, Yerry oder Terry? Und in Anbetracht der allgemeinen Globalisierung war es erfrischend, dass zwar weltweit Einheits-Papp zum Essen angeboten wird, aber die Maßeinheiten (lbs/oz/in) noch nicht erfolgreich überall vereinheitlicht wurden. Also über seine Idealmaße konnten wir uns vor lauter Schrägstrichen und/oder Einsen ohne Aufstrich* natürlich auch nicht einigen.

Somit gehört Michael der Minirätsel-Bub zur Familie. Er ist brav und verträgt sich auch mit Kleist gut. Seine eigentliche Familie hat ihn zwar aus dem Fotoalbum verloren, aber das unersetzbare Original behalten dürfen. Schön, wir wünschen ihm, dem Original und seiner Familie jedenfalls das Beste. Und falls Michael Yerry/Terry Ramirez jr. das hier liest, soll er immer daran denken, Er war jemanden so wichtig, dass er sogar beim Lesen - einer echten Solistentätigkeit - immer dabei sein durfte.

© S. Strohschneider-Laue

*Nicht der streichfähige Brotbelag, sondern der halbe Anlauf, den man hierzulande der Zahl “eins” auf der linken Seite als kurzes Stricherl von halb-links unten nach ganz-rechts oben vergönnt.

Siehe auch
Kleist kam zu erst
Loving Memory
Kriegsbriefe

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Hasen, Angsthasen, Hasenhirne

Dienstag, 19. Mai 2009

Notiz

Von Hasen, Angsthasen und Hasenhirnen

Es war einmal ein sehr ängstliches und sehr dummes Häschen, ein richtiger ungebildeter Hasenfuß, ein echter einfältiger Angsthase. Das Häschen glaubte tatsächlich, dass jeder, wirklich jeder, es auffressen wollte. Da sagte es zu sich: „Wenn ich groß und stark wäre, müsste ich mich nicht fürchten, dann müssten sich alle anderen vor mir fürchten. Ich muss etwas tun, denn ausgewachsen bin ich schon und kräftiger werde ich sicher auch nicht mehr. Jetzt gehe ich mir ordentlich Mut antrinken, finde andere Hasen und ändere die Welt.” Zunächst begann das zittrige Häschen sich mit einem Glas frisch gebrauten Möhrli von der beliebten Möhrenbar an der Ecke zu stärken. Und dann stärkte es sich mit noch einem Möhrli und mit noch einigen weiteren frisch gezapften Möhrlis, bis sein Zittern vorbei und seine Zunge locker genug war, um seine Angst laut genug herauszuschreien. Als es daher so an der Theke der Möhrenbar stand und sich endlich möhrenstarken Mut angetrunken hatte, fragte es schließlich das Kaninchen neben sich: „Haben Hasen Angst gefressen zu werden?”

Und der andere Möhrlitrinker trommelte begeistert mit der Pfote auf die Theke und antwortet lautstark: „Ja, alle Hasen haben Angst!”

Erstaunt über die laute Zustimmung, schrie das Häschen möhrenmutig in die Runde, so dass alle anwesenden Kaninchen, Hasen und Meerschweine es hören konnten: „Wollen Hasen Angst haben gefressen zu werden?”

NEIN!”, brüllte die angeheiterte Möhrligesellschaft sehr laut und unkritisch zurück.

„Was wollt ihr Hasenherze dann?”, brüllte das von Möhrli und Zustimmung berauschte Angsthäschen von Neuem.

„Nie mehr Angst”, „nie mehr Angst”, nie mehr Angst”, grölten sie alle trunken im Chor.

Hasen, Kaninchen und Meerschweine stießen mit vielen Gläsern Möhrli gemeinsam auf die angstfreie Zukunft der Hasen an. Dazwischen sangen und sprangen sie durcheinander: „Nie mehr Angst”, „nie mehr Angst”, nie mehr Angst”! Das ängstliche Häschen thronte inzwischen wagemutig auf den Schultern von zwei Meerschweinen und dirigierte die Sprechchöre mit seiner welken Karotte.

Als plötzlich ein schon sehr unsicher auf seinem Barhocker schwankendes Kaninchen vernehmlich fiepte: „Nie mehr Angst und Freiheit für die Kaninchen!” Da wurde es blitzartig still und einige Kaninchen begannen zustimmend zu nicken.

Das ehemals ängstliche Häschen, genau der dumme Hasenfuß mit dem alles angefangen hatte, zeigte gebieterisch mit seinem Karottenszepter auf das vorlaute Kaninchen und befahl: „Nieder mit den Verrätern, nieder mit den Hasenfeinden!”

Im Nu fielen alle Hasen und Meerschweine gemeinsam über die Kaninchen her und zerrissen sie in tausend Stücke. Beglückt über ihren Sieg, stimmten sie wieder ihren Chor an: „Nie mehr Angst”, „nie mehr Angst”, nie mehr Angst”.

Als plötzlich ein schwer mit Möhrli angetrunkenes Meerschwein zu weinen anfing. Denn es gab auf einmal viel mehr Platz in der Möhrenbar, aber ohne die Kaninchen war es gar nicht mehr so kuschelig wie zuvor. Da wurde es wieder ganz still und die Meerschweine blickten sich betroffen um.

Das Anführerhäschen, ja wieder genau das ehemals so zittrige Angsthäschen mit dem alles angefangen hatte und das sich inzwischen ganz selbstbewusst von den Hasen herumgetragen ließ, zeigte nun gebieterisch mit seinem Karottenszepter auf das weinerliche Meerschwein und befahl streng: „Nieder mit den Verrätern, nieder mit diesen Kaninchenfreunden!”

Im Nu fielen nun die Hasen über die Meerschweine her und zerrissen sie in tausend Stücke. Aber nach diesem letzten Massaker waren nur noch die Hasen übrig und statt eines Sprechchors gegen Angst gab es nur noch Schweigen aus Angst, denn nun hätten sich die wenigen verbleibenden Hasen nur noch gegenseitig in Stücke reißen können.

Und die vielfältige Moral aus der Geschichte des einfältigen Angsthasen?

Fingerzeig © S. Strohschneider-LaueReden ist viel, Zuhören ist mehr und Verstehen ist alles! Denn hätten die Kaninchen, Hasen und Meerschweinchen weniger frisch gezapftes Möhrli getrunken und besser zugehört, hätten sie vielleicht verstanden, dass Angst Gewalt schafft und Gewalt keine Lösung ist! Und die Angsthasen wären stattdessen gemeinsam mit den Kaninchen und Meerschweinen eine vielfältige und kritikfähige Gemeinschaft gewesen, die jederzeit gemeinsam gegen Angst und Gewalt aufgetreten wäre.

© S. Strohschneider-Laue

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Wienerwald NEU(lich)

Samstag, 18. April 2009

Notiz

Wienerwald NEU(lich)

Wienerwald 2009 © S. Strohschneider-Laue

Vieles wird neu in Österreich.
Noch mehr wird umgefärbt in Österreich.
Und alles ist ganz anders in Wien.

Wenn das Eine allgemein auffällig Mist gebaut hat, bekommt es einfach “NEU” voran gestellt und/oder wird frisch eingefärbt. Das wurde bei Vereinigungen der Politik, Verbänden der Interessen und Verwaltungen des Geldes bereits im Sinne des “Gleich-Anders” praktiziert.

Das Frühjahr ist endlich gekommen und die WienerInnen strömen in ihren Hauswald. Und damit sie dort wieder herauskommen und weiter brav Steuern zahlen, um die TEuro-Finanzierung von Vereinigungen, Verbänden und Verwaltungen zu gewährleisten, wurden die Wanderwege frisch markiert bzw. neu eingefärbt.

Ob es die richtigen Wege zum Ziel sind, wird sich erst in langfristigen Feldversuchen am lebenden Subjekt bzw. toten Objekt zeigen. Verantwortungsbewusste, überlebende BügerInnen verhindern in diesem Wienerwaldachterl schon jetzt die Verschwendung von Steuergeldern für regelmäßige Suchtrupps durch die warnende Zusatzinfo “IRRWEG”. Schade, dass das bei Gleich-Anderem kaum möglich ist.

Ungeklärt ist, ob die alte Einritzung unterhalb der Bemalung und oberhalb des linksgerichteten Pfeils “Vu” oder “Vv” bedeutet. Möglich sind (je nach PISA-Stand):
Voll unterirdisch
Veg unbrauchbar
Viel Unbill
Voll valsch
Veg verfehlt
Viel Vorsicht

© S. Strohschneider-Laue

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Wiener Aktion 2009

Montag, 23. März 2009

Notiz

Hundstrümmerlkunst (A)/Hundehaufenkunst (D) in der zweiten Runde

Wiener Aktion 2009 © S. Strohschneider-Laue

Nach dem Aufflammen des Wiener Aktionismus 2008 wurde neulich eine weiteres Statement fotografisch dokumentiert. Nun ist Hundstrümmerlkunst keine Singularität mehr. Die Straßenszene hat die bürgerliche Empörung endgültig aufgespießt. Mit für Wiener Verhältnisse vehementer Eigendynamik (immerhin liegt erst ein Jahr zwischen dieser und der ersten Beobachtung) kam es daher zur bezirksübergreifender Spontansolidarität. Vom 16. auf den 7. übertragen, ist es nur noch eine Frage der Zeit bis die Wiener Innenstadt um eine flexible Attraktion reicher wird.

Eine neuerliche Stellungnahme des künstlerischen Leiters der Halle zu dieser Kunstform fiel nach einem Jahr tiefer Gedankenkrise überraschend aus, denn ”…seine Vorstellung von Kunst hat das virtuell Unfassbare hinter sich gelassen und bedient sich jetzt aus dem reichen Fundus ungeschützter freier Ideen junger Ungenierter…”

Eine Stellungnahme seitens kommunal Engagierter konnte wieder nicht eingeholt werden. Wohlinformierte Kreise kolportieren, dass Bürgernähe in Zeiten der Krise nicht notwendig sei, da wir ohnedies alle im selben Rinnstein lägen. Die Kommission, die bereits die letzte Aktion aufgriff, hat jetzt den undotierten “Rinnstein”-Wettbewerb ausgeschrieben. Die nicht unbeträchtliche Teilnahmegebühr soll - nach Abgeltung der Sitzungstantiemen für Funktionsträger aus Politik und Wirtschaft - an jene KünstlerInnen refundiert werden, die für die Kommission bisher gratis Ideen und Entwürfe geliefert haben.

Übrigens: Die minderjährigen Schaschlikspießschnitzer in Südostasien bleiben von etwaigen Nutzungsrechten ausgeschlossen und das Spießchen ist ab sofort unter Denkmalschutz gestellt.

© S. Strohschneider-Laue

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Galerie Gulliver

Dienstag, 10. März 2009

Notiz

Von der großen Kunst im kleinen Raum

Galerie Gulliver © Inge Link

So manches Großes in der Welt der Kunst ist einfach nur aufgeblasen. Und wenn man genauer schaut, ist ganz schnell die Luft raus.

Andererseits hat so manches Kleine in der Welt der Kunst die Kunst für sich entdeckt wirklich größer zu sein als der umgebende Raum. Und wenn man genauer schaut, ist man immer noch draußen und trotzdem schon mittendrin.

Der Ausstellungsraum (B80 x T34 x H20 cm) der Galerie Gulliver ist hiermit für den RDG-Award “Größte unter den kleinsten Galerien” nominiert. Sponsoren für den soeben geschaffenen RDG-Award werden noch gesucht. Von der RDG (=Relativität der Größe) des Sponsorings hängt die Umbenennung des Awards nach Wünschen des Hauptsponors und unter Rücksichtnahme auf bereits rechtlich geschützte Namen wie BASTA, Pasta oder Oscar ab.

© S. Strohschneider-Laue

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Women’s World Congress

Donnerstag, 05. März 2009

Notiz

Feminismus ist nicht neu


 
Begrüßung und Eröffnung

Der Women’s World Congress (4. bis 5. März ‘09) im Wiener Rathaus muss sich gefallen lassen, schlecht beworben worden zu sein. Er hat nämlich seine Zielgruppe nicht erreicht. Wie von etlichen Frauen, die auch nur durch diverse Zufälle vom Kongress erfahren hatten, bemerkt wurde. Zumindest wurden Frauen nicht am ersten Tag herbeigelockt - und übrigens auch nicht am zweiten. Und da nutzte auch die enorme Zeitverzögerung zu Beginn nichts, die ging nur zu Lasten des ersten Themenblockes. Der Festsaal blieb zu leer und er wurde noch wesentlich leerer als die Journalisten nach der Eröffnung ebenso verschwanden wie die Stadträtin für Frauenfragen und nach der Pause die hinteren Stuhlreihen.


  
Feminismus im Wandel:
Brauchen wir einen “neuen” Feminismus?

Schön ist, dass sich der Feminismus trotzdem nicht umbringen lässt - auch wenn das natürlich nicht Ziel der ansonsten sehr engagierten Veranstaltung ist, sondern das genaue Gegenteil. Feminismus lässt sich auch nicht umbenennen. Auch wenn die Politik es gerne sähe, wenn das Wörtchen “neu” davor stünde. Etwa so wie beim ÖGB “neu” von allerlei ablenken soll. “Neu” macht es zum Beispiel nämlich nicht besser, dass Österreich beim Einkommen der Frauen fast das Letzte ist. Also um genau zu sein: Österreich rangiert an unter den EU-Ländern an 26. Stelle, was zahlenmäßig fast deckungsgleich mit 25,5% weniger Lohn für Frauen ist. Die feurige Eröffnungsrede von Stadträtin Sandra Frauenberger in der “neu” eine tragende Rolle spielte, stieß deshalb nicht auf ungeteilte Zustimmung im Laufe der Veranstaltung. Wie besonders eloquent von Sibylle Hamann zusammengefasst wurde, dass für feministische Anliegen “neu” nicht kennzeichnend sei. Mal ganz abgesehen davon, was war denn am “alten” Feminismus so schlecht, wenn er uns Frauen doch soviel gebracht hat, dass wir “neu”erdings wieder verlieren? Mal abgesehen davon, dass der alte Feminismus noch so viele offene Forderungen hat.


 
Multikulturalität und Feminismus:
Wo bleiben die Migrantinnen?

Der Unterschied zu den “alten” Zeiten, die noch gar nicht lange her sind, ist, dass sich in der Forschung viel getan hat; Gender Mainstreaming macht den Inhalt verwaltbar, ändert aber nichts an der Realität. Und nichts scheint ein erfreuliches Ergebnis zu bieten. “Männer sind noch immer nicht kinderlos” wie Alexandra Weiss treffend zu hierarchischer Heterosexualität und dem konservativem Bild als Rettungsanker bemerkte. Dass es Männer mit Feminismus wirklich schwer haben, legte Erich Lehner dar. Die Privilegierten, haben eine interne Hackordnung, die den Nährboden für die geringe Präsenz in der Familie, geringe Lernintention, Konkurrenzstress und Gewaltneigung bietet. Da kann man ganz schnell vom Alpha zum Omega werden, wenn man bei der Familienarbeit in die Pflicht genommen wird.

Dass der moderne Feminismus nicht mehr auf die Straße geht wurde bei der Vorstellung des Missy Magazine durch Stefanie Lohaus deutlich. Missy dient nicht der Selbstverbesserung, sondern unter anderem Vielfalt sichtbar zu machen. Sehr gut, denn die Anliegen des Feminismus sind ebenso vielfältig, wie die Frauen selbst. Ich werde mir die neue Ausgabe zu legen, denn allein der Spruch “Missy ist gut, nicht ‘obwohl’, sondern ‘weil’ es von Feminismus handelt” so genial. Junges - nicht “neues” - feministisches Engagement findet über Publikationen, im Internet statt und es geht frische, engagierte, selbstbestimmte Wege wie Amanda Ruf aufzeigte, denn kein Mädchen ist wie Barbie.


Barbie weint nicht

Das Motto unter dem die 10 “Barbie”-Kuben der Ausstellung anlässlich der 10 Jahre  ”Amazone” stehen. Die Bemerkung, dass es eine Angela-Merkel-Barbie gäbe, löste allerdings bei mir folgende feministische Assoziation aus: Wird Barbies Ken zu Helmut Kohl?

Eine Forderung des “neuen” Feminismus ist es, die Migrantinnen zu berücksichtigen. Als ob Feminismus Frauen klassifizieren würde. Migrantinnen sind kein monolithischer Block. Es geht nicht um feministische Missionierung. Es geht um pluralistische Betrachtung. Wobei eine Selbstreflexion der weißen Frauenbewegung nie schaden kann, wenn es um Farbe bekennen geht, wie Belinda Kazeem formulierte.


 
Gewalt, Geschlecht, Kultur:
Wege aus der Sackgasse

Menschenhandel und Sklaverei sind ein massives Problem. Kinder, Frauen und Männer sind davon betroffen. Und es fand gestern, findet gerade jetzt und morgen statt, überall, jederzeit, immer wieder und unvorstellbar grausam in seiner Menschenmassen (12 Millionen!)  traumatisierenden Vielfalt. Und wieder sind die meisten Opfer Frauen. Opfer, Überlebende und überraschend häufig Täterinnen. Häufiger als in allen anderen Formen der Gewalt. Joana Adesuwa Reiterer beleuchtete die (Un)Perspektive der Opfer:
Glaubt mir jemand?
Wird mir geholfen?
Wem kann ich trauen?
Schadet es meiner Familie?

Männer sind Konsumenten und dadurch Förderer der sexuellen Ausbeutung. Und Vergewaltigung ist das größte Kriegsverbrechen. Edith Schlaffer weist daher deutlich darauf hin, dass Sicherheit ein abstrakter Begriff ist und dass Angriff die beste Verteidigung ist. Und der stete Angriff hat mit Worten zu erfolgen und nicht mit Waffen oder Schweigen. Deshalb sollten alle Menschen sich die Worte von Betty Williams zu Herzen zu nehmen: Nicht schweigen, aufzeigen, reden, Verständnis für einander erwirken, aufklären und vor allem sofort aktiv werden. Ihr Wunsch ist es, dass Frauen nach diesem Kongress dazu motiviert sind.

Das ist auch mein Wunsch und hoffentlich werden am zweiten Tag mehr Frauen erreicht.

Und um noch einmal die treffsichere Sybille Hamann zu zitieren:
Feminismus macht das Leben schöner.
Feminismus tut nicht nur Frauen gut.
Feminismus bringt handfeste ökonomische Vorteile.
Ohne Feminismus verschwenden wir Ressourcen.

© S. Strohschneider-Laue

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Liebe zwischen den Seiten - Kleist

Donnerstag, 26. Februar 2009

Notiz

Kleist kam zu erst

Kleist der Hund © S. Strohschneider-Laue

Bücher sind Freunde, gehören zur Familie. In meine Familie kam in den späten 70ern des letzten Jahrhunderts folgendes in lindgrünes Leinen gebundenes Buch:

Heinrich von Kleist’s
sämtliche Werke
in zwei Bänden

Herausgegeben
von
Eduard Grisebach
Erster Band
Mit einem Bildnis Kleist’s
——————–
Leipzig
Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
(Das Vorwort des Herausgebers wurde  im Oktober1883 in St. Petersburg verfasst.)

Ich kaufte das Buch gemeinsam mit einer tollen, uralten Ausgabe von Schillers Werken in einem Berliner Antiquariat, irgendwo auf dem Weg zwischen Jugendherberge und Ku’damm. Von meinem Taschengeld investierte ich damals 5 D-Mark und fand sie besser angelegt als alles andere, das ich mir während der Klassenfahrt nach Berlin hätte gönnen können.

Tatsächlich enthält das Buch dem Titel gegenübergesetzt ein Bildnis “Kleist’s”. Des Literaten Kleist, der die Werke, die darin abgedruckt sind, verfasst hat. Aber der wahre Kleist dieses Buches ist er trotzdem nicht. Den wahren Kleist fand ich auf den letzten Seiten, was übrigens ein echter Beweis ist, dass ich alle 459 Seiten tatsächlich gelesen habe, weil der wahre Kleist nämlich dort feststeckte. Kleist hat alle diese Jahre in diesem Buch verbracht und ist nie herausgefallen. Kleist wartete geduldig bis ich ihn abholte und ihn vor mehr als 30 Jahren in die Familie aufnahm.

Kleist ist das Foto eines goldigen Hundes. Er sitzt auf einem Stuhl. An seiner linken Seite befindet sich ein Tisch und darauf eine Kaffeetasse. Im Hintergrund ist die Lehne einer hölzernen Sitzbank (?) zu sehen. An der Wand hängen eine Uhr (?) und ein mit Blumenranken und Spruch besticktes Tuch. Kleist ist aufmerksam. Seine Aufmerksamkeit gilt aber nicht dem Fotografen, der rechts vor ihm hockt. Kleist starrt nach oben, wo vermutlich ein Leckerli irgendwo außerhalb des Bildausschnittes auf ihn wartet. Kleist ist ein Spida bzw. Daspi, die lebendig gewordene Liebe zwischen einem Dackel und einem Spitz.

Kleist wurde geliebt. Er wurde gebürstet, war stolzer Träger einer Hundemarke und Kleist durfte auf die Möbel springen. Man hat also Geduld, Zeit, Geld (Halsband, Hundemarke und Fotografie beweisen das) und Zuneigung in ihn investiert. Und jetzt, nachdem Kleist schon lange verblichen ist, darf er noch immer auf dem Stuhl sitzen, sich auf das Leckerli freuen. Regelmäßig wird er von mir aus seiner Kleistausgabe an die frische Luft und jetzt sogar in seiner ganzen virtuellen Realität in das Web entlassen. Dann freut sich Kleist, weil ich keine Ahnung von ihm habe. Ich kann sein hohes Kläffen förmlich hören, ich kann sehen wie er wedelnd um mich herumspringt und dann ein ganz braves Männchen macht, um das Leckerli von mir zu bekommen.

Und ich frage mich, hat er Else gehört, die das Buch 1928 gewidmet bekam?

Unserer lieben Else,
zur freundlichen
Erinnerung.
Ernst u. Erna Hertzberg
Wilmersdorf im August 1928

Und ich frage mich, wer waren Else, Ernst und Erna?

© S. Strohschneider-Laue

Siehe auch
Michael Yerry/Terry Ramirez Jr. 
Loving Memory 
Kriegsbriefe

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Hunger auf Kunst und Kultur

Dienstag, 10. Februar 2009

Notiz

Ist Armut (un)sichtbar?

Sieht man reichen Leuten ihr Geld an? Nicht unbedingt! Es hängt von der Lebensphilosophie ab. Nicht alle Menschen erfüllen die an sie gerichteten Erwartungshaltungen hinsichtlich ihres Erscheinungsbildes. Nicht alle Superstars laufen ständig im Glamourlook herum, nicht alle erfolgreichen Banker gehen in karierten Knickerbockern Golf spielen, nicht alle betuchten Österreicher tragen Steireranzüge und nicht alle Promifrauen tragen Etikettenmuster.

Also ich persönlich kenne einige reiche Leute, darunter mehrfache Euro-Millionäre, die Handstrickpullis von ihrer Mutter bevorzugen, grundsätzlich am Flohmarkt ihre Ledersachen kaufen und niemals Werbung - außer in eigener Sache - auf Bekleidung oder Accessoires herumtragen würden. Diese Gruppe wird ständig falsch eingeschätzt, was unter anderem einen Teil ihres Erfolges ausmacht.

Andererseits kenne ich bedeutend mehr Leute, die überhaupt nicht mit ihrem Geld auskommen. Nicht nur, weil sie wenig Einkommen haben mit dem es wirklich schwer ist ein Auskommen zu finden, sondern weil sie sich mit jedem etikettierten Firlefanz - auch wenn es asiatische Fakeware ist -  ausstaffieren, der nach fünf Minuten auseinanderfällt oder modisch untragbar wird. Diese Gruppe wird ebenfalls falsch eingeschätzt, was wiederum einen Hauptteil ihrer erfolgreichen Überlebensstrategie ausmacht.

Und dann gibt es noch jene unfassbare Masse, von deren Geldbörsel man absolut nichts weiß und die man gar nicht einschätzen kann. Leute aller Schichten, die irgendwann einmal ein mehr oder minder teures Qualitätsprodukt für die Ewigkeit gekauft haben. Genau das Gewand, das man früher als “gutes Sonntagsgewand” bezeichnet hat und nur zu besonderen Anlässen aus dem Schrank geholt wurde. Anlässe wie Hochzeiten, Taufen, Beerdigungen, Museums-, Konzert- und Theaterbesuche. Auch mein Vater hat so einen Anzug - der nach 50 Jahren bereits zum dritten Mal modern ist - im Schrank. Die Konfirmation meines Bruders machte den Anfang. Bei meiner Hochzeit und Victorias Taufe hat er ihn auch getragen. Das gute Stück macht noch immer etwas her und bietet nicht zuletzt immer erstklassigen Gesprächsstoff. Einerseits weil mein Vater unverschämter Weise noch immer hineinpasst und andererseits, dass er Anzügen immer mit einer Wendigkeit ausweicht, dass es einem Hasen schwindlig würde und er deshalb das Stück tatsächlich als ebenso neuwertig wie historisch wertvoll bezeichnen kann. Das ist eindeutig der Stoff, aus dem Erb- und Museumsstücke gemacht werden. 
Armutskonferenz
Und solche Sonntagskleider gibt es in vielen Schränken. Auch in den Schränken von Menschen mit so einem schmalen Geldbeutel, dass es monatlich nicht einmal zum Essen reicht und die Wiener Tafel aushelfen muss. Nur Gelegenheit das gute Stück anzuziehen gibt es für arme Menschen keine. Es gibt keine Konzertabende, keine Theateraufführungen und keine Museumsbesuche für die sie sich gerne fein anziehen würden - auch um das Besondere, das kulturelle Ereignis durch beste Bekleidung vom Überlebens-Alltag abzuheben. Die Kosten für nur einen einzigen kulturellen Genuss im Monat, der eigentlich  selbstverständlich oder zumindest leistbar sein sollte, sind für erschreckend viele Menschen völlig unerschwinglich.

Armut ist (un)sichtbar
Als ihr Mann noch lebte, sind sie häufig gemeinsam ins Konzert gegangen. Von der Mindestrente ist das für die Witwe nicht mehr möglich. Der edle Persianer, das “Must-Have” der 60er Jahre, hängt seit dem Tod ihres Mannes gut eingemottet im Schrank. Eine tiefschwarze Erinnerung an glücklichere Zeiten. Die Nachbarn halten sie für eine zurückhaltende Person. Immer sauber gekleidet, immer gleich, immer im Stil ihrer besseren Jahre.

Armut ist (un)sichtbar
Der Herr mit den Krücken ist Rentner. Er hat sein rechtes Bein durch Diabetes verloren. Bei schönem Wetter sitzt er im Park und spielt mit den anderen Tarock. Eigentlich würden er und seine Frau gerne ab und an ins Theater gehen, aber finanziell ist bei den vielen Medikamenten, die sie brauchen, und dem wenigen Geld, das sie gemeinsam haben, schon lange nicht mehr möglich. Er würde seinen dunklen Anzug und den Mantel anziehen und sie das blaue Kostüm mit der weißen Bluse. Die Nachbarn halten sie für stilles altmodisches Ehepaar. Er geht einkaufen, sie macht den Haushalt und abends sind sie immer daheim.

Aktionstag 2007 © lucy lynn, www.lynn-art.com

Wie ihnen geht es Vielen. Die AlleinerzieherInnen, die Geschiedenen, die MindestlohnempfängerInnen, die ProjektarbeiterInnen mit den “neuen Sonderverträgen” und die, die verzweifelt auf Arbeitssuche sind, weil sie nie die Voraussetzungen erfüllen und natürlich die Flüchtlinge aus allen Winkeln dieser Welt. Viele davon sind ebenso hungrig auf Kunst und Kultur wie auf das Essen, das sie oft genug nicht selbst bezahlen können. Und nur Wenigen sieht man die Armut wirklich an.
Ich habe die Armut auch nicht gesehen bei der Alleinerzieherin, deren Tochter in dieselbe Schule ging wie meine. Wir saßen im selben Businesskurs des Arbeitsamtes. Beide Uniabsolventinnen, beide auf der Suche nach neuen beruflichen Herausforderungen. “Herausforderung”, auch nur eine blöde Formulierung für: arbeitslos, zu alt (über 35!), überqualifiziert und obendrein auch noch weiblich. Im Gegensatz zu mir begann für sie die wirkliche Herausforderung schon beim täglichen Essen, setzte sich beim Schulmaterial kaufen fort und endete beim verzweifelten Hoffen, dass der Ex irgendwann einen Teil der Alimente zahlen würde. Die Bekleidung von der Caritas, um beim Vorstellungsgespräch einen guten Eindruck machen zu können, war ein wirtschaftlicher Einbruch für einen ganzen Monat. Ihr hätte eine Auszeit im Theater, bei dem sie ihr schönes, aber ansonsten nutzloses Standesamt-Kleid hätte tragen können, sicher neue Kraft gegeben. Heute arbeitet die studierte Biotechnikerin für eine Versicherung. Sie gönnt sich wieder Kultur und spendet für andere, die es sich nicht leisten können, ab und an eine Eintrittskarte. Wie sie, halte ich es ab sofort auch; denn hungrig auf Kunst und Kultur sollte man nicht bleiben. Denn nicht nur der Magen gefüllt, sondern auch das Kulturbedürfnis muss gestillt werden, um dem Alltag begegnen zu können.

Aktionstag 2007 © lucy lynn, www.lynn-art.com

Und dass der Kulturhunger nicht zu groß wird, ist der Aktion Hunger auf Kunst und Kultur zu verdanken. Armutskonferenz und Schauspielhaus Wien initiierten die Aktion. Seit 2003 gewinnt “Hunger auf Kunst und Kultur” Kulturinstitutionen als Partner, um Menschen, die es sich nicht leisten können, den Zugang zu den Musentempeln zu erleichtern. Die Kulturpartner sind für die Finanzierung der Karten durch Veranstaltungen, Privatspender, die z. B. an der Museumskasse einfach den Wert einer Eintrittskarte spenden, und Großsponsoren selbst verantwortlich. Das Netzwerk der Armutskonferenz, karitative und soziale Hilfsorganisationen und das AMS übernehmen die Ausgabe der Kulturpässe. Menschen, die unter der Armutsgrenze leben, die Sozialhilfe, Notstandshilfe oder Mindestpension beziehen und Flüchtlinge können auf diese Weise trotz ihrer fundamentalen Existenzsorgen ab und an Kunst und Kultur genießen.
Details wie es funktioniert, wie Sie Eintrittskarten spenden können oder wie Sie falls nötig einen Kulturpass beantragen können, erhalten Sie auf den Seiten von Hunger auf Kunst und Kultur.

Armut beginnt nicht erst in der Gruft.
Armut ist oft unsichtbar.
Armut kann jeden treffen.
Armut wohnt neben an.
Armut ist weiblich.
Armut grenzt aus.
Armut macht krank.
Armut macht hilflos.
Armut macht einsam.
Armut tut weh.
Armut muss nicht sein.

© S. Strohschneider-Laue

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Torso

Montag, 12. Januar 2009

Notiz

KopftypInnen auf den Roten Listen! 

Torso © Sistlau

Man(n) braucht keinen Kopf, um vorwärts zu kommen. Vom Socken in der Hose bis zum Nippelwonderbra unter der Bluse oder die Chirurgenvarianten, egal der nackte, blanke, rudimentäre Torso ist “in”.

Und schon fragt sich der Kopftyp und -typin - auch ohne “Troja” gesehen zu haben: “Ist das alles, wirklich alles?”

Nein, denn man muss alles, wirklich alles, wirklich-wirklich alles geben, um ein echter Torso zu werden: Kopf, Arme, Beine.

Aber immerhin ist die Freizeitindustrie noch an Armen und Beinen interessiert. Irgendjemand muss ja noch die im Winter die Bretteln, im Frühjahr die Räder, im Sommer die Flossen und im Herbst die Walkingstöcke kaufen.

Nur beim Kopf sinkt die Nachfrage mehr und mehr. Im öffentlich-rechtlichen Medienbereich ist der Kopf innerhalb wie außerhalb schon ziemlich “out”. Befüllte Köpfe erweisen sich zudem für staatspolitische Interessen als zu schwer kontrollierbar. Wirtschaftlich relevant sind nur noch die rudimentären - also hohlen - Köpfe. Andererseits wurden schon immer die besten Geschäfte mit der Blödheit der Leute gemacht.

Fazit: Investieren in den Torso lohnt sich, verblöden dürfen wir gratis.

© S. Strohschneider-Laue

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PrivatRevier

Montag, 15. Dezember 2008

© Chr. Ranseder

Privatleben? Ja, bitte!
Revierverhalten? Nein, danke!

Menschliches Revierverhalten zu beobachten, kann recht interessant sein, wenn man nur unbeteiligte Lauscherin sein darf und nicht selbst sein Revier markieren muss. Dasselbe gilt für das Privatleben, insbesondere MEIN Privatleben, das ich gerne privat, das bedeutet “nicht öffentlich”, lebe.

Letztlich war ich wieder bei einem von diesen “Wie blase ich mich zum Platzen besser und glänzender auf als alle anderen”-Festln.

“Bussi-Bussi wie geht’s! Du bist so blass, du Arme, bist du auch ganz gesund? Oder warst du dieses Jahr etwa noch nicht auf Urlaub?”

Eine Antwort auf diese Begrüßung erübrigt sich grundsätzlich. Das ist nur ein rhetorisches Mittel der Bussi-Bussi-Person, um ihre eigene Krankengeschichte gemeinsam mit dem Teuer-Urlaub im Luxusghetto für unselbständig Touristen im 5-Turban-Ressort in der Zivilisationsferne anzubringen.

“Also mit meinen Hautproblemen will ich dich ja gar nicht erst belasten. Furchtbar sage ich dir! Furchtbar! Also die müssen da in der Wüste echt noch dazu lernen. Stell dir vor, da scheint den ganzen Tag die Sonne und die tun nichts dagegen. Wir waren ja drei Wochen ganz tief drinnen. In der Wüste meine ich. Fantastisch sage ich dir! Fantastisch! Diese unerträgliche Weite, da bist du direkt froh, wenn du den ganzen Tag in der Anlage beim Swimmingpool bleiben kannst. Na, beim Essen müssen die dort noch viel lernen, was eine anspruchsvolle Österreicherin will. Man will es ja nicht schlechter haben als daheim. Außer Spaghetti Bolognese und Pommes kann man ja dort nichts essen. Lauter klebriger Süßkram, staubiger Brei und dünne Fladen, gekochte kleine Gurken, im Obstkorb war weit und breit kein Apfel zu finden und Bestecke muss man fast schon verlangen. Und dafür zahlt man soviel Geld und ist fast einen Tag mit dem Flugzeug unterwegs. Schlimm sage ich dir! Schlimm! Und die Affen! Die laufen da frei rum. So etwas gehört doch aus der Anlage vertrieben. Na, wenigstens halten die Mauern die Einheimischen draußen. Also im Urlaub brauche ich diese mageren Gestalten mit den Blähbäuchen wirklich nicht. Das verdirbt einem ja die ganze notwendige Erholung. Da spende ich ohnedies jedes Jahr für “Licht ins Dunkel” satte zehn Euro. Da können die dort mit ihrer Familie einen Monat davon leben. Aber zur Arbeit im Ressort kann man die Leute nicht gebrauchen. Die wissen ja nicht einmal was ein Stuhl ist. So gesehen, leben die doch glatt von meinem sauer verdienten Geld. Geführt wird die Anlage von einem Engländer. Die Angestellten sind ein internationales, ganz junges Team. Das ist schon gut so, dann muss man sich nicht mit diesem Kauderwelsch herumschlagen. Uns hat ja immer dieser deutsche Kellner bedient. Das war richtig angenehm. Naja, bis auf seinen Akzent…”

Genau in der Atempause ergriff ich die Flucht: “Sorry, dass ich deine überaus persönlich erhellenden Ausführungen so rüde unterbrechen muss, aber ich möchte schnell drüben auch ‘hallo’ sagen. Ich bin sicher, du vergisst nicht, was du mir noch erzählen wolltest.”

Ich hätte es lassen sollen! Bei meiner vorigen Gesprächspartnerin wusste ich ja schon vorher, dass sie eine Chauvinistin mit (zu)viel Geld und (zu)wenig Hirn ist. Aber alles lässt sich übertreffen, sogar der Unkulturschock.

“Bussi-Bussi, schön, dass du auch hier bist! Jetzt haben wir uns ja schon eine Weile nicht gesehen und die Kinder sind doch schon so groß geworden. Wir müssen unbedingt einmal so von Mutter zu Mutter sprechen. Hat deine auch schon einen Freund?”

Mir rutschte das Herz in die Hose. Da war die Frage, die ich so hasse, weil ich nie weiß, wie ich reagieren soll. Was geht die gesamte Weltbevölkerung das Privatleben meiner Tochter an? Das Wort “privat” bedeutet “nicht öffentlich”. Das ist genau die Art von Frage, die im Stellenwert gleich nach der Stubenreinheit der Kinder angesiedelt ist. Ich habe mich immer gefragt, ob ich mich im Gegenzug höflich nach der beginnenden Inkontinenz älterer Familienmitglieder erkundigen sollte. Frei nach dem Motto: “Ach, wenn wir schon beim Windelthema sind. Geht dein/e Vater/Mutter noch alleine oder musst du sie schon windeln? Ausgerechnet jetzt, wo dein Fünfjähriger endlich aus dem Gröbsten (bezogen auf die Windeln nicht auf die Manieren) raus ist?” Aber ich hasse speziell die Frage nach “dem Freund” und wenn ich einen Sohn hätte, würde mich die Frage nach “der Freundin” genauso ärgern. Wenn Männer fragen, drängt sich bei mir automatisch der Gedanke auf, ob sie sich damit nach ihren Chancen oder pikanten Details erkundigen wollen und bei Frauen, ob sie die Konkurrenz fürchten. Achja und möglicherweise wird ja auch gefragt, ob die Kinder auch die richtige Entscheidung (bzgl. Geschlecht, Herkunft oder was auch immer - für die Fragenden - relevant sein mag) getroffen haben. Letztlich nervte mich eine entfernte Bekannte mit genau dieser direkten Frage nach dem Stand der sexuellen Aktivität meiner Tochter. Im letzten Moment hatte ich meine Gegenfrage, die schon auf der Zungenspitze hing, wieder hinuntergeschluckt. “Schläfst du auch schon wieder mit jemanden oder hast du dem Sexleben abgeschworen?” Es wäre nicht nur unverschämt gewesen, die Frage hätte mich auch auf dasselbe impertinente Niveau gebracht. Stattdessen sagte ich: “Interessante Frage! Nun auch sie hat ein Privatleben.” Was vielleicht ein Fehler war, vielleicht wollte sie genau nach ihrem Sexleben gefragt werden und hatte nur einen “höflichen” Umweg gemacht…
Jedenfalls wurde bei dieser Party wie beim “How do you do” keine Antwort erwartet, ob “sie einen Freund hat”.

“Also meine hat einen, der studiert schon. Sie ist ja so beliebt. Sie legt soviel Wert darauf, dass ihr Freund etwas hermacht. Mit jedem würde sie sich ja nicht einlassen, der muss schon einen Haarschnitt haben und ordentlich angezogen sein. Und ich muss mir endlich keine Sorgen mehr machen, wo sie ist, wenn es abends spät wird. Meine ist ja so aktiv. Sie hat ja viele Freunde und ist immer so viel unterwegs. Du müsstest ihre Handyrechnungen sehen. Verheerend sage ich dir! Verheerend! Aber so ist dann nun mal bei aktiven jungen Frauen, die im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen und gefragt sind…”

Das war der Punkt, an dem wir zu Tisch gerufen wurden. In diesem unreflektierten Redeschwall hätte es sicher keine Atempause für meine Flucht gegeben. Und ab irgendeinem Punkt hätte ich sicher etwas Unpassendes gesagt. Irgendetwas wie: “Von mir aus kann er Haare haben wie ‘Cousin It’ von der Adams Family, Hauptsache er hat ein Gehirn - und benutzt es. Und sie verstehen sich prächtig, vor allem wenn sie gemeinsam Saurier in Wyoming ausgraben. Wofür sie beide mit Leiberln überaus korrekt bekleidet sind…”

Bei Tisch saß ich mit mir mehr oder minder bekannten Frauen zusammen, die mir bei der Vorspeise erklärten, wie sie durch die Schwangerschaften und Geburten gelitten hatten. Bei der Suppe wusste ich wessen Plazenta die schwerste, beste und schönste war. Ich beschränkte mich auf geringe Nahrungsaufnahme an der Grenze zur Höflichkeit, da mir die Themen mehr als genug zum Verdauen gaben. Meine Wortspende, die sich mir innerlich aufdrängte, schluckte ich ebenfalls runter. Dass ich bei der Geburt meiner Tochter durch optische Abwesenheit glänzte, weil ich keine Brille auf hatte - und dafür nach wie vor unendlich dankbar bin - und am liebsten in Cafeteria gesessen wäre und diesen Scheißjob meinen Mann überlassen hätte, wäre sicher auf totales Unverständnis gestoßen. Beim Hauptgang erfuhr ich Details über Myome, die ich lieber nicht gewusst hätte. Als ich die Gebärmuttergeschwulste mit den Größen der diversen Fleischstückchen auf meinem Teller zu vergleichen anfing, wurden plötzlich die besten Kosmetikinstitute und ihre Wirkung auf das aktuelle Aussehen diskutiert. Bevor das Dessert serviert wurde, wechselte ich vorsichtshalber zur Herrenrunde. Die waren gerade dabei diverse Potenzmittelchen durchzuhecheln. Als ich mich danach erkundigte, welches davon denn ihrer Erfahrung nach das Beste sei und wie sich ihre Leistung dadurch im Vergleich zu vorher verbessert hätte, wurde blitzartig Sport und ihre überragenden Leistungen in verschiedenen Disziplinen zum Hauptthema.

Am besten hat es mir an diesem Nachmittag bei den Jugendlichen gefallen. Übrigens würde man ihnen niemals diese Eltern zutrauen, aber vielleicht muss man ja nur noch einige Jährchen warten bis sich die Ähnlichkeiten ausprägen… Persönliches wurde mit der besten Freundin am Klo - auch nicht gerade der heimeligste Ort, aber immerhin relativ (relativ, wenn man zu zweit hineingeht) privat - besprochen. Ansonsten drehten sich die Gespräche um die letzten Konzerte, die besten Bands und Solisten,  Filme, die Oscarverleihung und “was soll ich bloß gegen die Pickel tun” oder nach der Schule anfangen. Da gab’s haufenweise Themen rund um zeitgenössische Kultur, Ängste, Hoffnungen und Zukunftsvisionen. Es war echt interessant, lustig und kein bisschen prätentiös.

Ganz anders bei den “Erwachsenen” - was immer das auch sein mag - deren Standortbestimmung zur Cocktailstunde beim beliebten Gesellschaftsspiel “Wertevergleich” angekommen war. “War euer Urlaub weiter weg als unserer”, “Kaufst Du auch beim ‘Teure-Etiketten-Laden”, “Diese Automarke kauft doch heute kein Mensch/Mann mehr” sind anscheinend die beliebtesten Messlatten. Natürlich wurde auch ich befragt. Es war unvermeidlich, aber ich hatte meine Tageslektion gelernt oder ein unweibliches Bier - ich hasse Prosecco - zuviel geschlürft, abgesehen davon begann mich mein böser Teufel zu reiten:

“Unser Urlaub war eine Individualreise. Ich will mich da nicht extra verbreitern, aber so etwas ist natürlich sehr planungsintensiv und benötigt eine eigene Betreuung. Über die Kosten möchte ich daher lieber auch nicht reden. Was meine Bekleidung betrifft, bevorzuge ich exklusiv für mich von meiner eigenen Designerin Entworfenes und von meiner Schneiderin Angefertigtes. Sie hat seit Jahren meine Maße und arbeitet ausschließlich für meine gesamte Familie. Man will ja schließlich nicht mit einem Blick abtaxiert werden. Oder noch schlimmer auf einer Party ertappt werden, dass man das gleiche Kleid wie eine andere trägt. Ja und was das Autofahren betrifft, bin ich sehr konservativ, was immer eine Frage des Geldes ist. Ich liebe meinen Oldtimer. Ja, ich weiß, die sind recht pflegeintensiv und teuer, aber irgendwie ist ja Mainstream nicht unbedingt alles, man möchte sich doch von der breiten Masse abheben.”

Schön, wenn man so viele Partygäste so für sich einnehmen und begeistern kann - und das ohne wirklich Wesentliches preiszugeben… Also tatsächlich waren wir in Bad Aussee. Es wäre weit gewesen, wenn wir eine Route rund um den Globus mitten durch die Touristenghettos gewählt hätten, aber auf Grund guter gemeinsamer Planung sind wir direkt hingefahren.
Tja, was die Bekleidung betrifft, mag ich Stangenware tatsächlich nicht besonders, vor allem wenn sie echter Etikettenschwindel ist.
Warum sollte ich Teuer-Irgendetwas links herum tragen, damit man das Teuer-Irgendetwas-Etikett sieht?
Warum sollte ich ein Teuer-Irgendetwas tragen, dessen Etikett man nicht rauschneiden sollte (die unnötigen Dinger kratzen so fürchterlich), weil es dann nur noch ein Billig-Irgendetwas wäre?
Was spicht für ein Teuer-Irgendetwas, das sich trotzdem nur irgendwie - Betonung auf irgendwie - um den Körper herumspannt oder sackartig an den entscheidenden Stellen herunterhängt?
Wozu ein Teuer-Irgendwas, dass sich durch nichts absolut nichts von Fakeware unterscheidet, weil es aus der selben Dritte-Industriewelt-Billig-Kinderarbeit-Fabrik abgezweigt wurde, die die Teuer-Irgendetwas herstellen?
Gott-sei-Dank hat meine Mutter ein Auge für Stoffe und Qualität. Sie kann wunderbar nähen und sie arbeitet exklusiv nur für uns. Was will ich mehr?
Und was das Auto betrifft, fahre ich seit sieben Jahren dasselbe. Es wird regelmäßig gewartet und unregelmäßig geputzt. Es hat mich noch nicht im Stich gelassen. Naja, in Frankreich ist es uns dieses Jahr fast an seinem vollen Katalysator erstickt, aber die Luxemburger Mechaniker haben einen neuen eingebaut und jetzt spult es wieder die Kilometer rauchfrei und wesentlich schneller als 40km/h runter. Warum sollte ich das treue Gefährt entsorgen, das inzwischen sogar geruchsmäßig zur Familie gehört und nicht mehr nach Plastik und Fabrik riecht?
Manchmal frage ich mich, ob mein erweiterter Bekanntenkreis mich für desinteressiert hält? Ob meine Zurückhaltung persönliche Fragen zu stellen, falsch eingeschätzt wird? Ich stelle tiefgehende persönliche Fragen nur deswegen nicht, weil ich selbst nicht gestellt bekommen möchte. Freunde, die etwas mitteilen möchten, sollen und dürfen das aus freien Stücken machen. Es wird immer mein Ohr erreichen und nicht über meine Zunge in den weiteren Umlauf gebracht werden. Genauso wie ich es haben möchte, wenn ich nur wenigen ausgewählten Menschen mein Vertrauen schenke, meine Sorgen und Nöte mitteile. Privates, das zur Superstory mit Beschleunigungsfaktor mutiert, ist nicht mehr privat, sondern öffentlich und ich bin definitiv keine “öffentliche Frau”. Das ist der essentielle Unterschied zwischen Freunden und Bekannten, der Unterschied zwischen Bussi-Bussi und Komm-lass-dich-drücken, der Unterschied zwischen Fundament und Fassade.
Bin ich froh, dass ich/wir kritikfähige, diskrete, unprätentiöse FreundInnen haben.
Bin ich froh, dass bei diesem Bussi-Bussi-Festl und meinem Party-Outing als Frau mit Designerkleidern, Oldtimer und geplanten Individualurlaub niemand aus diesem Kreis dabei gewesen ist. Sie wären vor Lachen gestorben und ich will definitiv, dass meine FreundInnen ewig leben.

© S. Strohschneider-Laue

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