Archiv für die Kategorie ‘Allgemein’

Versteckte Seiten - Schlafzimmerbild

Montag, 07. Mai 2012

Vorn Hochzeitstraum hinten Albtraum

Hochzeitstraum

Kleinbürgerliches Handtuchformat

Vor rund 100 Jahren kamen sie erstmals auf den Markt: Schlafzimmerbilder im Handtuchformat. Finanziell leistbar und angepasst auf die Wohnungen der unteren bis mittleren Schichten. Also alle jene Zimmer der Sozialbauten und privaten Eigenheime, die im Gegensatz zu herrschaftlichen 3,80 m Raumhöhe die Decke nahezu in Griffweite haben.

Einer der Pioniere war der österreichische Maler Hans Zatzka, der ab 1914 regelmäßig und zuweilen zwei Gemälde wöchentlich an Kunstdruckanstalten lieferte. Mit massentauglicher Kunst überbrückte er jene kargen Zeiten, die durch den Kanon geadelte Kunst bis heute kennzeichnet. Schlafzimmerbilder waren mit ihren profanen und religiösen Motiven “Kunst für Alle” - lange vor Andy Warhol. In Massen wurden diese Bilder gekauft. Je nach Geldbeutel fiel der Rahmen mehr oder minder hochwertig aus und je nach persönlicher Vorliebe wurde ein religiöses Motiv wie “Jesus am Ölberg” oder weltliche Fantasien wie “Elfenreigen” gewählt. Sie wurden zu Hochzeiten verschenkt und spätestens mit dem Tod der Besitzer angewidert von den Erben entsorgt. Inzwischen sind sie tatsächlich selten geworden. Da und dort haben die qualitätvollen Rahmen mit ihren noch schwer neu befüllbaren Maßen von ca. 52×120 cm überlebt.

Historischer Spaßfaktor

Eines davon in der Wohnung zu haben, ist übel. Eine ganze Menge davon auf einer Wand zu versammeln, ist hingegen zumindest ein Eyecatcher. Egal, über Geschmack und Spaß lässt sich nicht streiten. Spaß macht (mir!) jedenfalls die Jagd nach diesen Bildern und deren Transport in öffentlichen Verkehrsmitteln.

Zeitung 1933

Reinigen und Restaurieren kann hingegen weniger spaßige als mühselige Aspekte bekommen. Die Krönung ist allerdings, wenn spannende Informationen wie z. B. Datierungshinweise auf den Bildern zu finden sind. Die ramponierte Rückseite des “Hochzeitstraumes” musste erneuert werden - offensichtlich nicht zum ersten Mal. Eine Zeitung mit obskuren und verhetzenden Meldungen wurde zum terminus ante quem. Der Öldruck sollte also älter als die zur Festigung verwendete Zeitung sein, wenn man davon ausgeht, dass Tageszeitungen nicht jahrelang herumliegen. Mit einem verstümmelten Hinweis auf den 11. November war jedenfalls nicht viel anzufangen - aber mit den restlichen Meldungen.

Gestriges Österreich

Zeitung 1933Eine Obrechnungsratswitwe kann es nur in Österreich geben, ebenso wie man nur auf dem Wiener Zentralfriedhof ein Grab einer Hausbesitzerswitwe finden kann. Die österreichische Frau wurde am Erreichten des Mannes definiert. Viel hat sich seither nicht geändert. Noch heute wird in ländlichen Gemeinden eine Frau oft nur mit “Frau Doktor” angesprochen, wenn ihr Ehegatte ebenfalls einen Doktor hat oder sie tatsächlich Ärztin (!) sein sollte.

Zeitung 1933

Steuerhinterziehung in die - wie ja auch nicht anders zu erwarten - an Geld und Einfluss Reichen der Zeit verwickelt waren. Darunter möglicherweise auch der Weihbischof von Paris und spätere Kardinal Baudrillat. Dass in den Steuerskandal Großunternehmer und hochrangige Offiziere sein sollen, verwundert nicht. Schönreiche Unverantwortungsträger, die heute in die Schweiz reisen, haben schließlich auch einen unberührbaren Diplomatenkoffer dabei.

Ein hetzerischer Artikel macht den Zeitgeist in besonders hässlichen Braunschattierungen deutlich und lässt zunächst an ein späteres Erscheinungsdatum der Zeitung denken. Schließlich verkaufte sich Österreich immer als erstes Opfer und den gewählten “Anschluss” nicht als überwältigend mehrheitliche Geisteshaltung.

Zeitung 1933

Das hier erwähnte “Braune Haus”, war die Wiener Parteizentrale der NSDAP. Sie war von 1931 bis 1933 im 6. Bezirk, Hirschengasse 25, untergebracht. Ab März 1932 wurde dieser Standort Adolf-Hitler-Haus umbenannt, da die Bezeichnung “Braunes Haus” der Parteizentrale in München vorbehalten bleiben sollte. Der Schreiber gab vermutlich aus Gründen der Bekanntheit den braunhäusigen Begriff gegenüber dem  parteilich Gewünschten den Vorzug. In Anbetracht des Tränengasanschlags auf das Kaufhaus “Gerngroß” im Dezember 1932, bekommt der Artikel eine besondere Dimension des Grauens. Das gleiche Grauen, das man beim Gedanken empfindet, dass diese Zeitung Käufer und der Inhalt Zustimmung gefunden hat.

Filmpremiere - Datierungshilfe

Zeitung 1933

Der entscheidende Hinweis für die erste Reparatur des Bildes ergab sich durch die schon etwas mitgenommenen Rubrik “Tonfilm”. Die Verfilmung von Franz Lehars “Friederike”, damals als Tonfilmoperette bezeichnet, kam ab 16. Januar 1933 in die Kinos.

Das Bild muss ja schon einige Jahre auf der Wand gehangen sein, bis die Rückseite mit einem Zeitungsrest beklebt wurde. Ein Profi war dabei jedenfalls nicht am Werk. Auch der Grund für das Aufkleben ist nicht (mehr) erkennbar. Von der Wand ist dürfte das Bild nicht gefallen sein, denn der Jugendstilrahmen (!) ist gut erhalten - obwohl die Vergoldung unter Putzattacken gelitten hat. Eine Datierung anhand des Makartstils mit dem historisierenden Ambientes sowie des weiblichen Erscheinungsbildes alleine, wäre jedenfalls nicht gut möglich.

Dieser “Hochzeitstraum” wurde irgendwann ab ca. 1914 gekauft. Anfang 1933 wurde der Öldruck mit einer  Zeitungsseite beklebt. Schließlich wurde er 2012 auf einem Flohmarkt - inklusive seiner verborgenen historischen Informationen - neu entdeckt.

© S. Strohschneider-Laue

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Sex sells - Buch nicht immer

Donnerstag, 10. November 2011

Notiz

Leseprobe gefällig?

Rogenfänger vom Spreu ungetrennt © Sistlau

Wie den Lesehunger befriedigen, wenn man (noch) keinen eigenen Lesegeschmack entwickelt hat und (noch) nicht weiß, wie - sprichwörtlich - vielseitig die Literatur tatsächlich ist?
Wer buchmäßige Fremdbestimmung ohne Probleme akzeptiert, dem blüht vielleicht folgendes Schicksal:

  • Themenkaufwütiger werden, sobald (z. B.) “Sex” im Titel versprochen wird.
  • Passend zur Selbstdarstellung (z. B.) Markenfüllfeder, Maßanzug und Nobelschlitten die Lektüre auf den goldgeprägten Schweinsledereinband zum Laufmeterpreis reduzieren.
  • Mainstreambuchkonsum anheimfallen, um mitreden zu können.
  • Mitleser im Freundeskreis werden, dabei kann sich überaus Erstaunliches auftun.
  • Als Nervtöter BuchhändelerInnen zur Verzweiflung treiben, wäre ebenfalls eine Option der Unselbstständigkeit und Fremdbestimmungssucht.

Um diesen Einseitigkeiten zu entgehen, einige Tipps für die Annäherung an das Fremdobjekt “Buch”.

ErstleserInnen und LeseeinsteigerInnen
Seien Sie abenteuerlich, betreten Sie eine Bibliothek oder Buchhandlung. Seien Sie offen für Alles und kaprizieren Sie sich nicht gleich auf ein einziges Genre. Öffnen Sie viele Bücher, um sich selbst eine Meinung zu bilden. Greifen Sie nicht nach der schulischen Pflichtlektüre, es gibt mehr als eine Galaxie im Universum.

Äußere Äußerlichkeiten
Beurteilen Sie Menschen nach Äußerlichkeiten? Nein? Dann tun Sie es auch nicht bei Büchern.
Bild, Autor, Titel, Empfehlungen und Awards sind nur die halbe Miete. Ein hässlicher Bucheinband ist sowieso Geschmackssache, ein in Riesenlettern gesetzter Autorenname ist kein Qualitätsgarant, ein kruder Titel ist meist nicht mehr oder weniger als eben “krude” und eine Bestsellerliste ist letztlich nur ein Verkaufsliste. Entscheiden Sie auch nicht nach männlichen und weiblichen Autorennamen. Vielleicht ist es ein Pseudonym und hinter diesem kann jede/r stecken. James Tiptree Jr. schrieb erstklassige SF-Kurzgeschichten und hieß eigentlich Alice B. Sheldon.

Frisch aufgeschlagen
Beurteilen Sie Menschen nach deren Lebenslauf? Nein? Dann tun Sie es auch nicht bei Büchern.
Klappentexte sind Werbetexte, die (zu) oft von Externen geschrieben werden. Die Ärmsten hatten u. U. keine Ahnung vom tatsächlichen Inhalt. Sie fassten in aller Eile und in wohlgesetzten Worten zusammen, was per “Stille Post”, ggf. aus ebenso diversen wie widersprüchlichen Quellen, bei ihnen inhaltlich angekommen ist.
Der Autorensteckbrief kann, aber muss nicht hilfreich sein. Er ist eine Miniimagekampagne für den Autor und nicht notwendigerweise für das betreffende Buch. Ein Medizinstudium ist jedenfalls keine Entschuldigung für den 13th Warrior.

Reingeblättert
Seien Sie forsch, seien Sie neugierig. Lesen Sie hinein: am Anfang, in der Mitte und niemals auf den letzten Seiten. Eine Leseprobe ist wichtig. Autos, Weine, Käse und andere Luxuswaren kauft man ja auch nicht ohne vorher überzeugt worden zu sein. Interessiert Sie der Inhalt und fesselt er Sie? Passt Ihnen auch noch die Schriftgröße? Der Umfang ist auch akzeptabel? Na, dann seien Sie doch Individualist und kaufen Sie das Buch aus freier Entscheidung.

Zuletzt
Lesen Sie ihren Kindern vor und akzeptieren sie ein “noch mehr” ebenso wie ein “das ist langweilig”. Kinder müssen nicht die gleichen Bücher wie Sie großartig finden. Der Lehrplan wird Ihrem Kind außerdem noch genug Pflichtbuch zumuten. Geben Sie Ihren Kindern die Chance zu blättern, zu schmökern und Bücher auszuwählen. Bücher und Hunde sind nämlich die einzigen wahren Freunde, die man kaufen kann.

© S. Strohschneider-Laue

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Rezension (un)erwünscht?

Dienstag, 08. November 2011

Notiz

Dann eben nicht!

Verteilerknoten © Sistlau

Manche von Steuergeldern getragenen öffentlichen Institutionen sind sich selbst genug. Finanziert und nicht angewiesen auf BesucherInnen und Verkauf. Der Eintritt ist inzwischen derart exorbitant, dass sich der Normalverdiener mit Familie den regelmäßigen Besuch in Kulturinstitutionen ohnedies gut überlegt, bevor er - abseits der bereits entrichteten Steuer - tief in die Geldbörse greift. Kein Wunder, dass sich die Besucherzahlen zumeist aus zwangsverpflichteten Schulklassen und Touristen ergeben, während der Steuerzahler lieber sein Restgeld für andere Genüsse ausgibt.

Zugleich häufen sich z. B. Ausstellungen, die um Leihgaben herumdrapiert werden, damit diese durch das präsentierende Haus zertifiziert werden, eine Wertsteigerung erfahren. Der Auktionstermin für die betreffenden Leihgaben steht bereits vor Ausstellungseröffnung fest und findet vor Ende der Laufzeit statt. Kein Wunder, dass sich so mancher im Selbstverlag produzierter Katalog wie ein Werbefolder liest. An dieser Stelle wird keinerlei Vermutung nachgegangen, die sich auf Gebahrungen rund um Leihende, Verleihende, Berater etc. beziehen könnten.

Beim Pressetermin wird jedenfalls zeitintensiv geredet und ebenso zeitintensiv gegenseitig belobhudelt. Natürlich findet auch eine abendliche Eröffnung mit der gleichen Belobhudelung statt. Vor allem Politikern wird dabei die Gelegenheit eines Gratisbesuchs - ggf. inkl. Bankett im historischen Ambiente - in Kombination mit Eigenwerbung vor den Adabeiblicken gegeben.

Allerdings wurmt eines schon: Honorarfreie Pressefotos werden nur an Zeitungsvertragspartner weitergereicht - also tagesaktuelle Medien, deren Halbwertszeit sich in etwa auf zwölf Stunden beläuft. Na dann, dann berichten wir hier eben nicht über die aktuelle, chronologisch gehängte Bilderbeschau mit dem moralinsauren Vorhang.

© S. Strohschneider-Laue

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Bücherfrau des Jahres 2011: Britta Jürgs

Freitag, 14. Oktober 2011

Britta Jürgs - Bücherfrau 2011
Aviva Verlag

Im Rahmen der Frankfurter Buchmesse (12. bis 16. Oktober ‘11) luden die Bücherfrauen zur Ehrung der Bücherfrau des  Jahres 2011. Gastgeberin war Karina Schmidt, Vorsitzende der Bücherfrauen - das Netzwerk von Frauen für Frauen aus allen Bereichen der Buchbranch. Sie konnte ein erfreulich großes Publikum begrüßen, unter das sich tatsächlich auch unfällig einige wenige Männer verirrt hatten. Die Buchbranche ist weiblich und kaum wird es deutlicher als bei diesem Ereignis. Dennoch sind eindeutig zu wenige Frauen in Führungspositionen und selbst dann sind sie zu wenig sichtbar, zu wenig laut und zu wenig gefeiert. Umso wichtiger sind Auszeichnungen wie diese, die 2011 an Britta Jürgs für ihre verlegerische Tätigkeit und ihr frauenspezifisches Engagement verliehen wurde.

Die Laudatio hielt Esther Dischereit. Eloquent spannte sie den Bogen von Autorinnenwunsch über Verlergerinnennotwendigkeit zum frauenspezifischen Stand der Dinge, der im besonderen Maße mehr als nur wirtschaftlichen Zwängen unterworfen ist.

Der Avia Verlag in Ebensolch Rez-E-zine: Schwarze Hunde. Bunte Hunde: Künstlerinnen und Schriftstellerinnen und ihre Hunde - Rezension

© S. Strohschneider-Laue

Siehe auch die Studie zu Frauen in der Buchbranche:
MehrWert: Arbeiten in der Buchbranche heute

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Kritik und KritikerInnen

Sonntag, 18. September 2011

Notiz

Kritik oder Nichtkritik, ist hier die Frage …

Buchstapel © Sistlau

Es ist wie beim Essen: Wenn Masse für gut gehalten wird, liegt es zumeist daran, dass Beliebigkeit vergleichbar ist.
Wenn Klasse nicht erkannt wird, liegt es an der fehlenden Bewertungsfähigkeit.
Wer nur Würsteln kennt, kann nur Würsteln vergleichen. Eine solide Grundlage für einen objektiven Vergleich.
Wer Klasse hat, urteilt nicht über Würsteln, wenn er Würsteln hasst. Mit subjektiver Ablehnung wird ein objektiver Vergleich nur sehr schwer möglich sein.

So scheint es mir auch mit der Rezensionskultur zu stehen, zu der Henrike Heiland einen verreißend guten Beitrag geschrieben hat.

Personalkritik - hier Rezensentenbeurteilung - bedeutet, sich zu überlegen, warum jemand einen Verriss schreibt. Es macht Mühe, es kostet Zeit und man kann sich gewaltig in die Nesseln setzen.
Wenn ein Buch tatsächlich so grottenschlecht ist, liest man es nicht (zu Ende) und schickt das Rezensionsexemplar zum Wohle des Verlages, der haushalten muss, und des Autors, der zufrieden bleibt, retour. Man isst ja schließlich weder ein faules Ei auf noch müllt man seine Bibliothek zu.

Was bleiben also für Gründe übrig? Selbstdarstellung, Groupie(un)wesen, Wichtigtuerei und Auch-mitreden-wollen sind sicher einige davon - wenn (so oder so) lancierte Besprechungen ausgeschlossen werden dürfen.
Schlechte Kritiken können Bücher zum Bestseller machen oder einstampfen, bevor die Druckerschwärze trocken ist. Und manchmal kann man nicht einmal mehr ausmachen, wie das Eine zum Anderen führte. Es stellt sich wohl eher die Frage: Kann man die Wirkung einzelner Kritiken abschätzen- abgesehen von der verheerenden Wirkung auf die AutorInnen?

Textlich diskreditieren sich ja manche “schreibende LeserInnen” ins Unermessliche und relativieren inhaltlich auf: Eigentlich wollte ich von meinem spannenden Leben, das viel interessanter ist, erzählen, aber dann habe ich über den Tellerrand des grauen Buchs geschaut und mein Mann ist deswegen verhungert, obwohl die Pornografie unerträglich war, habe ich es trotz seiner langweiligen 594 Seiten schnell zu Ende gelesen und bin jetzt noch mehr gegen Drogen.

Halten solche Meinungsäußerungen tatsächlich alle/viele potenzielle KäuferInnen ab oder nur den niveaugleichen Freundeskreis der Schreibenden?

Sicher ist, dass der im Wildwuchs gepflückte Rezensionsstilblütenstrauß aus … hilfreiche Kritik der Endverbraucher gerne vergrößert werden darf.

© S. Strohschneider-Laue

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Glücksmomente

Dienstag, 05. Juli 2011

Notiz

Glücksmomente

Mohn © Sistlau 2007

Viele gute Wünsche werden zu Geburtstagen ausgesprochen. Täglich einen kleinen Glücksmoment am Wegesrand zu finden, ist unter diesen lieben Wünschen ganz besonders wertvoll.

Glücksmomente sind unaufdringlich und werden daher gerne übersehen oder als selbstverständlich erachtet. Das ist Verschwendung purer Lebensenergie. Das Leben ist wie ein großes leeres Album, das man mit Highlights - fantastischen und schmerzhaften Erinnerungen - füllt. Bei manchen dominieren Gefühle und Bilder, aber Klänge und auch Geschmack sowie Geruch sollten im Album gesammelt werden.

Der Schwimmbadklang der Kindheit.
Der Duft des Tees, den man mit den Eltern trinkt. 
Das selbstgefertigte Geschenk des bitterarmen Freundes.
Der tiefe Atemzug des sterbenskranken Kindes.
Nach einer Ewigkeit wieder einmal Meersalz auf den Lippen.
Die extra von der Freundin gebackenen Buchteln.
Weiche, warme und wunderhübsche selbstgestrickte Wollsocken.
Das absolute Nichts, wenn Schmerzen endlich weg sind.
Vertrauen, das bestätigt wird.

Das Album hat bisher bunte und düstere Seiten. Mal sehen, was die kommenden weißen Seiten für Glücksmomente einfangen.

© S. Strohschneider-Laue

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Spaghetti Bolognese in Kenia?

Sonntag, 26. Juni 2011

Notiz

Essen oder speisen?

Lebensmittel © Sistlau

Beliebigkeit dominiert die Speisekarten:

Würfelbouillion mit exakt einem grünen Fettauge als Vorspeise. 
Frisch zubereitetes Tiefkühlschnitzel - formgleich - als Hauptgang.
Zur Auswahl plastikpinke oder fugengipsbraune Maschinentorte als Nachspeise. 

Wenn die Fabriksnorm dominiert, wird sie zur Masse. Wenn Masse für gut gehalten wird, liegt es zumeist daran, dass Beliebigkeit vergleichbar ist. Alles, was nicht vergleichbar ist, wird unbeliebt, weil unbeliebig. Wer also zur Mehrheit gehören und von dieser akzeptiert werden will, bevorzugt Fabriksprodukte, die massengesellschaftskonform sind.

Fertiggerichte werden möglichst billig erzeugt. Durch Fooddesign (Form, Farbe, Konsistenz, Bissgeräusch, Aromen etc.), Verpackung und Namensgebung werden sie aufgewertet. Werbung und Massentouristenhaltung sorgen für den Gewöhnungsvorgang. So kann auch daheim die Illusion vom “Speisen wie im Urlaub” vermittelt werden.

Uniformes Essen ist kein Qualitätsmerkmal, sondern ein gelungenes Verkaufsgespräch.

Kein Vergleich also zur Rindfleischsuppe mit Gartengemüse, dem Zwiebelfleisch mit Zucchini und den Nussecken, die meine Mutter zubereitet. Solch unglaublicher Genuss bleibt jenen vorbehalten, die Individualität bevorzugen. Andererseits fahren wir nicht nach Kenia, um Spaghetti Bolognese zu essen.

© S. Strohschneider-Laue

Gastmahl | Ama/Koch/zon/e 
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Ehrengrab: Ida Pfeiffer

Montag, 16. Mai 2011

Notiz

Weltreisende
Ida Pfeiffer

Ida Pfeiffer © Sistlau 2007

Auf dem Wiener Zentralfriedhof befindet sich das Ehrengrab von Ida Pfeiffer. Sie wurde 1797 in Wien geboren und durch ihren Vater mehr intellektuell gefördert, als es der Mutter lieb war. Nach dem Tod des Vaters bereitete die realistisch denkende Mutter die kleine Ida auf das typische Frauenschicksal jener Zeit vor: ordentliche Hausfrau, treue Gattin, fürsorgliche Mutter. Aber Idas Ehe scheiterte, die  zwei Söhne zog sie alleine auf. Mit 45 Jahren war sie endlich frei, frei ihre erste lang ersehnte Reise anzutreten. Es folgten 16 ebenso entbehrungsreiche wie abenteuerliche - aber sicher auch geistig erfüllte - Jahre für Ida Pfeiffer. Sie reiste, forschte, sammelte, schrieb Bücher und pflegte Kontakte zu führenden Wissenschaftern. 1858 starb sie völlig geschwächt, nachdem sie von Madagaskar zurück nach Wien gekommen war.

Ida Pfeiffer vollbrachte zu einer Zeit als Frauen gar nichts zugebilligt wurde mehr als ihre Zeitgenossen. Sie reiste und sammelte ethnografische und naturkundliche Objekte ohne jene generösen Förderungen - selbst Konservierungsmaterialien wurden abgelehnt -, die Männern mit geringeren Potenzial und großem Eigenkapital oft unbeantragt zuteil wurden. Viele Museen, darunter das Naturhistorische Museum und das Museum für Völkerkunde in Wien, verdanken ihr tausende Objekte.

Ida Pfeiffer Ehrengrab Zentralfriedhof wien, Gruppe 0, Reihe 1, Nummer 12 © Sistlau 2007

Und ich frage mich:
Was hat es Ida Pfeiffer zu Lebzeiten genutzt, dass es heute veschiedene Arten -  Palaemon idae (Garnele), Myronides pfeifferae (Stabheuschrecke), Vaginula idae (Schnecke), Rana idae (Frosch) - nach ihr benannt sind?
Was hat es Ida Pfeiffer zu Lebzeiten gebracht, dass ihr Leichnam auf massives Drängen des “Vereins für erweiterte Frauenbildung” vom Friedhof St. Marx in eines der Ehrengräber, die nur dazu dienten Wienern den entlegenen Friedhof schmackhaft zu machen, umgebettet wurde?
Gibt es Hoffnung, dass jemals angemessen nach tatsächlicher Leistung, aber nicht nach politischen und persönlichen Kriterien gefördert wird?

© S. Strohschneider-Laue

siehe dazu auch:
Eine Wiener Biedermeierdame erobert die Welt: Die Lebensgeschichte der Ida Pfeiffer (1797 - 1858)
Eine Frau fährt um die Welt: Die Reise 1846 nach Südamerika, China, Ostindien, Persien und Kleinasien
Verschwörung im Regenwald: Die Reise nach Madagaskar
Abenteuer Inselwelt - Die Reise 1851 durch Borneo, Sumatra und Java
Nordlandfahrt: Eine Reise nach Skandinavien und Island im Jahre 1845
Ida Pfeiffer: “Wir leben nach Matrosenweise”: Briefe einer Weltreisenden des 19. Jahrhunderts

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Stempel, Walzen & Schablonen

Mittwoch, 06. April 2011

Non-Fiction

Traci Bunkers
Stempel, Walzen & Schablonen 
52 Ideen für selbstgemachte Druckwerkzeuge 

Haupt 2011, 160 S. zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 2586 0027 7

Stempel, Walzen & Schablonen

Seit ich “Stempel, Walzen und Schablonen” gelesen habe, kann ich nicht mehr einkaufen gehen, ohne gedankenverloren vor Regalen zu stehen und mich zu wundern, wie der Abdruck dieses oder jenes Gegenstandes wohl aussehen würde. Besonders ergiebige Jagdgründe sind Baumärkte und 1-Euro-Shops. Ob Hühneraugenpflaster, Zehenspreizer, Flaschenverschlüsse, Haargummis, Rohrleitungsisolierungen, Draht, Beilagscheiben oder Papierzierdeckchen – Traci Bunkers beweist in ihrem mitreißendem Buch, dass es möglich ist, mit fast allem interessante Muster zu drucken. Die Begeisterung, mit der sich die erfinderische amerikanische Künstlerin an die Arbeit macht und ihre Freude am Experimentieren sind ansteckend. Das liegt zum einen am entspannten Plauderton der Texte, zum anderen an den exzellenten Anleitungen zur Herstellung und Verwendung zahlreicher Druckwerkzeuge.

Traci Bunkers beginnt ihre Einführung in die faszinierende Welt des experimentellen Druckens mit einer kleinen Materialkunde. Sie erklärt auf welchem Trägermaterial die Fundstücke zur besseren Handhabung montiert werden können und welche Klebstoffe sich dazu eignen, vergleicht die Eigenheiten von Acrylfarben und Stempelkissen, listet Ausrüstungsgegenstände vom einfachen Schneidemesser bis zum Embossingfön auf und gibt Tipps zum Reinigen der Druckwerkzeuge.

Der Hauptteil des Buches ist in vier Kapitel – “Druckstöcke und Stempel”, “Stempel aus formbarem Schaumstoff”, “Walzen” und “Schablonen” – gegliedert. In insgesamt 52 Projekten führt Traci Bunkers nachvollziehbar vor Augen, wie aus Alltagsgegenständen innovative Druckwerkzeuge werden. Jede Projektbeschreibung besteht aus einer Liste des benötigten Materials, einem Erfahrungsbericht der Künstlerin und einer leicht verständlichen Anleitung. Tipps helfen, gute Ergebnisse zu erzielen und mögliche Tücken des Materials zu meistern. Hinzu kommen zahlreiche Abbildungen, darunter Druckbeispiele vom einfachen Abdruck bis zu komplexen Mustern, die durch Kombination mit anderen Werkzeugen erzielt werden können. Sehr benutzerfreundlich sind auch die Vergleiche des Druckbildes bei Verwendung von Farbe und Stempelkissen.

Zu guter Letzt können aus einer Galerie mit Anwendungsbeispielen weitere Anregungen geschöpft werden.

“Stempel, Walzen und Schablonen” ist ein packendes Buch, das die Fantasie beflügelt. Auf den Spuren von Traci Bunkers zu wandeln ist weder aufwendig noch teuer, macht aber jede Menge Spaß. Möge Ihnen dieses Buch ebenso viele glückliche Stunden kreativen Schaffens bereiten wie mir!

© Ch. Ranseder

Stempel, Walzen & Schablonen

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Hass zwischen Fotos

Montag, 21. Februar 2011

Notiz

Die Fotos der Rosi Z.

Bilder aus der Vergangenheit sind spannend. Sie sind stumme Zeitzeugen. Ich liebe es, sie zu betrachten, zu hinterfragen und zu enträtseln. 

Zwei Schuhschachteln, vollgestopft mit Fotos und Postkarten völlig fremder Menschen, kamen heute in meinen Besitz. Stundenlang packte ich aus und sortierte vergnügt vor mich hin. Jahrhundertwendefrauen mit riesigen Hüten und Batistkleidern mit Lochstickereien, Bubiköpfe aus den 20er-Jahren, Gruppenfotos von Wirtshausangestellten und Wohnungsinterieur aus den 30er-Jahren sowie beschriftete und unbeschriftete Postkarten von allen wichtigen Ausflugszielen der damaligen Zeit. 

Es war eine Bilderflut unbekannter Momente, Geschichten und Menschen aus der langsam ein wiederkehrendes Gesicht und ein Name an die Oberfläche gespült wurde: Rosi/Rosie/Rosy Z. Ihre Streckenkarte aus dem 3. Wr. Gemeindebezirk von 1933 um 18,00 S., das Hochzeitsbild vor dem Krieg und ein Kindergrab nach dem Krieg. Bis zu 120 Jahre alte Familienbilder hatten plötzlich durch sie einen Namen bekommen.

Ein unbeschwerter Nachmittag, bis mir eine Postkarte auffiel: Die Ausstellung “Der ewige Jude”. Die antisemitische Schau wurde vom 2. August bis 23. Oktober 1938 in der Nordwestbahnhalle in Wien (Eröffnungsrede im Archiv der Österreichischen Mediathek abrufbar) gezeigt. Sie schürte Hass und bereitete die Novemberprogrome mit vor.

Der ewige Jude, Wien 1938

Anscheinend war auch Rosi unter den fast 420.000 BesucherInnen der Wanderausstellung. Sie kaufte die Karte und hob sie über 70 Jahre auf.

Und ich frage mich:
Was hat Rosi Z. gedacht, als sie 1938 die Ausstellung betrat?
Was hat Rosi Z. gedacht, als sie die Ausstellung wieder verließ?
Was hat Rosi Z. gedacht, als sie die ersten Bilder aus den befreiten KZs sah?
Was hat Rosi Z. gedacht, wenn ihr die Karte beim Kramen unterkam?
Hat Rosi Z. gedacht?

© S. Strohschneider-Laue

Siehe auch
Kleist kam zu erst
Michael Yerry/Terry Ramirez Jr.
Loving Memory
Kriegsbriefe

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Was baust du?

Mittwoch, 16. Februar 2011

ab acht

Yusuke Yonezu
Was baust du?
minedition 2011, 24 S., gestanzt, farbig Illustriert.
ISBN 978 3 8656 6105 0

Was baust du? Was baust Du?

Ein Pappbilderbuch mit Stanzungen für die Kleinsten unter den Nachwuchskünstlern.

Die bunte Welt der Bauklötzchen und ihre Grundfarben wurden hier eingefangen. Wenn es Zeit wird, die Klötzchen wegzuräumen und zur Ruhe zu kommen, kann das Buch als Ausklang genutzt werden. Reizvoll ist es, aus dem Betrachten ein Ratespiel zu machen. Die Stanzungen lassen ahnen, was die nächste Seite zeigen könnte. Egal ob die Kleinen hindurchgreifen, die Spannung durch Abdecken der nächsten Seite erhöht wird oder durch die Stanzung ein Plüschtier schaut, der Spaß kommt für Groß und Klein nicht zu kurz.

Die kurzen Sätze auf jeder Seite sind Spielanregungen für die Vorlesenden. Für etwas ältere Kinder bedeuten sie die ersten Begegnungen mit Buchstaben und Wörtern. Das polyglotte Zeitzeichen Lautmalerisches in Englisch zu schreiben -  “choo choo” wurde nicht mit “tschu-tschu” übersetzt - wird dabei nicht stören.

Gelungen: Ein wunderbuntes Spielbilderbuch zum Bauklötzchen staunen!

© S. Strohschneider-Laue

Was baust Du?

Mehr von Yusuke Yonezu
Chamäleon 
Fünf kleine Äpfel 
Fang mich NORI, wenn du kannst

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Eitelkeitstest für AutorInnen

Donnerstag, 18. November 2010

Notiz

Ich schreibe, wie ich schreibe

Psychotests sind nichts für mich. Mich interessiert nicht, was meine Handtasche über mich verrät - solange sie nicht selbstständig mit meinem Handy telefoniert. Ob ich ein Kugelschreibertyp bin oder nicht, kann ich entscheiden, wenn ich wieder einen Kuli mit einem Bettelbrief zugeschickt bekomme. Zu meinem Selbstwertgefühl und meiner Persönlichkeit tragen jedenfalls Tests nicht bei - ganz abgesehen davon, dass ich das Ausfüllen langweilig finde.

Grade bekam ich von mindestens 150 Seiten einen Eitelkeitstest für AutorInnen - vor allem für solche, die es noch werden wollen - aufgedrängt. Ich erlag dem Druck der Menge. Aber nicht um mich mit durch Namen anderer Autoren quasi selbst “fremd zu beweihräuchern”, sondern um einen Tauglichkeitstest anhand meiner Publikationen durchzuführen. Das Ergebnis wird wohl nicht so schnell an Unterhaltungswert zu überbieten sein.

Wissenschaftsartikel habe ich natürlich in Unmengen verfasst. Trotzdem weiß ich nicht, ob ich jetzt einen Komplex bekommen soll oder nicht, wenn diese durchwegs mit Sigmund Freud verglichen werden.
Bei meiner Fabel musste aus unerfindlichen Gründen Josef Roth herhalten.
Ausgerechnet meine feministischen und sozialkritischen Berichte, bei denen ich mich so richtig in Saft geschrieben habe, werden Franziska zu Reventlow untergeschoben.
Sobald ich mehr als ein “ich” mit einigen “Austriazismen” textlich verpaare, wird meine Schreibe zu der Peter Handkes.
Dass Günter Grass für meine einfachsten Kleinkindergeschichten herhalten musste, zaubert permanent ein höhnisches Lächeln in meinen linken Mundwinkel.
Für Ironisches muss Uwe Johnson und für Nachdenkliches darf Ingo Schulze Vorbild sein.
Wenn ich im Text eine im Antiquariat erworbene Kleistausgabe in einem vollständigen Zitat vorstelle, wird Heinrich Kleist höchst persönlich zum Patenonkel.

Ich bleibe von den Ergebnissen bis auf den Spaß unberührt. Aber für Werbung könnte es wirksam sein: Ghostwriterin Sistlau schreibt - laut des unbestechlichen Tests in der FAZ - verschroben wie Freud, schlicht wie Grass, österreichisch wie Handke, ironisch wie Johnson, altbacken wie Kleist, feministisch wie Reventlow, nachdenklich wie Schulze und exakt wie Strohschneider-Laue.

© S. Strohschneider-Laue

Eitelkeitstest für AutorInnen

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Pipi(ng)

Donnerstag, 07. Oktober 2010

Notiz

Toilettendesaster

Die Buchbranche ist feine und sinnige Frauensache.

Die Architektur ist großk(l)otzige Männersache.

Paritätisch geht es hingegen bei der Toilettenfrage zu. Männer planen sie und Frauen benutzen (putzen) sie am häufigsten. Mit anderen Worten: Es gibt immer und überall zu wenige Damentoiletten. Außerdem sind die Etablissements immer zu klein. Dass sie jetzt auch ungebetene Einblicke gewähren, ist neu. Hingegen ist eine altbekannte Tatsache, dass Frauen sich zu helfen wissen. Dass Frauen sich in einer der raren und winzigen Zelle zuerst mit einer Klopapier-Verstopfungsaktion beschäftigen müssen, bleibt hoffentlich einmalig!

Erlebt, mitverstopft und fotografiert auf einem großen Messegelände in Deutschland.

© S. Strohschneider-Laue

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MehrWert: Bücherfrauen

Donnerstag, 07. Oktober 2010

Vom MehrWert der Bücherfrauen
MehrWert: Arbeiten in der Buchbranche heute

Frankfurter Buchmesse 6. bis 10. Oktober ‘10

Auf der Frankfurter Buchmesse luden die Bücherfrauen zur Präsentation der aktuellen Studie “MehrWert. Arbeiten in der Buchbranche heute”. Am Podium (v.l.n.r.) saßen Bücherfrau Karina Schmidt, Ausführende der Studie Prof. Dr. Romy Fröhlich sowie die Verlegerin und “BücherFrau des Jahres 2009″ Ulrike Helmer. Im Publikum 50 interessierte Frauen sowie zwei von meiner Sitzposition in der letzten Reihe sichtbare Männer.

Die Bücherfrauen sind ein Netzwerk von Frauen für Frauen aus allen Bereichen der Buchbranche. Umso verständlicher, dass das engagierte Netzwerk wissen wollte, wie es tatsächlich um die Arbeitssituation für Frauen in der Bücherwelt bestellt ist.

Die vermeintlich gute Nachricht lautete: Die Buchbranche ist weiblich.

Bei einer erstaunlich hohen Beteiligung konnten umso fundiertere, wenn auch umso tristere, Ergebnisse erzielt werden. Egal wie es Frauen anstellen, ob sie Karrierebrüche - z. B. durch Kinder - haben oder nicht, und egal wie hoch ihre Qualifikationen sind, am Ende werden sie um 25% schlechter bezahlt als ihre männlichen Arbeitskollegen. Ein Gustostück am Rande: Männer schaffen es im Gegensatz zu Frauen, Familienzuwachs mit einer Lohnerhöhung zu verbinden, während werdende und frischgebackene Mütter ggf. mit einer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen - inkl. Lohnkürzungen - rechnen müssen.

Aller Schönrederei zum Trotz tritt die Gleichberechtigung und Gleichbezahlung auf der Stelle, wie auch mit dieser Studie deutlich aufgezeigt wird. Nachdem es noch keine vergleichbare Untersuchung für die Buchbranche gab, kann man nur vermuten, dass es sich um einen Abwärtstrend handelt, der mit dem Rückzug der Männer aus dem Berufsfeld begann. Wie schlimm es wirklich war, ist und sein wird, wird erst die nächste Studie in einigen Jahren zeigen. Buchmesseaktuell lässt sich bereits ein Vergleich herstellen. Die Buchbranche mag zwar weiblich sein, aber die breitenwirksame Plattform des Blauen Sofa gehört in diesem Jahr eindeutig den Männern.

© S. Strohschneider-Laue

MehrWert: Arbeiten in der Buchbranche heute

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Deutschproblem II

Freitag, 01. Oktober 2010

Notiz

Verträglichkeiten

Vertragen muss der Mensch in seinem Leben vieles. Manches ist der Verträglichkeit abkömmlich. Wie unverträglich müssen erst Sessel sein, die man nicht vertragen darf?

Eine schwer verträgliche Beschriftung - besonders unverträglich in einer LehrerInnenausbildungsanstalt.

© S. Strohschneider-Laue

Siehe auch: Deutschproblem I

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Mediencamp Wien

Montag, 20. September 2010

Notiz

Gehaltvoll: Mediencamp Wien
18. September ‘10

Wer am Mediencamp war, wird auf das nächste warten. Wer nicht dort war, kann zumindest einige Sessions im Video nacherleben ohne das Nachsehen zu haben und via Twitter den #mcvie TeilnehmerInnen folgen. Was man nicht instant geliefert bekommt, sind die Pausengespräche und die gelungene Organisation von Susanne Liechtenecker, Veronika Mauerhofer und ihrem Team.

Für viele war es das erste aber sicher nicht das letzte Mediencamp - auch nicht für mich. Wer so wie ich häufig das zweifelhafte Vergnügen hat Tagungen zu organisieren, daran als Vortragende oder Zuhörerin teilzunehmen, weiß, dass Pausengespräche oft mehr bringen als alle Sessions zusammengenommen. Erfrischend zu erleben, dass es gleichwertig sein kann. Das mag u. a. daran liegen, dass die TeilnehmerInnen sich nicht durch gruppentypische Konventionen genötigt fühlen mehr Wert auf äußere Form, denn treffsicheren Inhalt zu legen und aus karrierespezifischen Erwägungen zwanghaft den Mund halten. Zugleich war es den Anwesenden klar, dass ohne Sponsoren es kein derartiges Mediencamp gäbe. Es war daher gar nicht nötig von jedem Sponsor Grußworte zu hören. Grußworte, die bei anderen Veranstaltungen den halben Vormittag mit Firmen- und Wahlwerbung verbrauchen und dazu führen, dass der Zeitplan zusammenbricht. Hier kamen alle mit allen Beteiligten mit ihren zwar vorbereiteten aber dennoch ad hoc angebotenen Sessions und durch sie zur Sache. Erfrischend auch, dass der Wechsel zwischen den Sessions, die parallel in drei Räumen abgehalten wurden, ohne Zickenkrieg der RednerInnen und Timetable-Terror der OrganisitorInnen funktionierte.

Es überrascht daher nicht, dass es keine Konfrontation zwischen Bloggern und Journalisten gab. Sind doch die Grenzen schon längst fließend. Die etablierten Medien haben ihre Blogs, die Journalisten sind Blogger und die Blogger müssen sich immer häufiger fragen, ob sie sich statt der früheren Anfeindung plötzlich einer Vereinnahmung stellen müssen. Schließlich geht es immer auch ums leidige Geld. Die einen fürchten den Verlust zahlender LeserInnen und Anzeigenkunden, die anderen fragen sich, wie finanziere ich meine Serverkosten, ohne meine inhaltlichen Ziele aus den Augen sowie meine LeserInnen zu verlieren. Ein Thema, das - u. a. in “Monetarisierung meines Blogs” oder “Eigenverlag” - ebenso vielseitig diskutiert wurde wie der Nutzen der Social Media. Selbst die skurrile Session zu einem bereits bestehenden Portal war aufschlussreich. Aufschlussreich, weil jetzt jeder weiß, dass es “trollisch” ist, wenn man Kreditkarten- und Tourismuswerbung im Namen eines Medienmolochs macht, statt tatsächlich “Work in progress” oder “Best practice” zur Diskussion zu stellen.

Ich habe mich kaum so wohl auf einer Tagung gefühlt und am Ende ganz enspannt so viel inhaltlich mitgenommen. Andereseits habe ich mich zuvor nie gefragt, ob ich denn genug für andere TeilnehmerInnen beigesteuert habe.

© S. Strohschneider-Laue

Mehr Reviews sind zurzeit auf Nur ein Blog, Wirtschaftsblatt und Der Standard.

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Schule schaut Kunst

Montag, 01. März 2010

Österreichweiter Aktionstag
2. März ’10
Albertina, Kunsthaus Bregenz, Kunsthistorisches Museum Wien, Landesmuseum Kärnten, Landesmuseum Niederösterreich, Leopoldmuseum, MAK, Museum Moderner Kunst Kärnten, Oberösterreichisches Landesmuseum, Österreichische Galerie Belvedere, Salzburg Museum, Tiroler Landesmuseen, Volkskundemuseum Wien, Wien Museum.

Am 2. März findet der österreichweite Aktionstag “Schule schaut Kunst” statt. Initiiert wurde der Aktionstag vom Universalmuseum Joanneum. Als Kooperationspartner wurden - mit Ausnahme des Burgenlandes - österreichweit Museen und Vertreter der kreativen Fächer gewonnen. Ziel ist es, Schulen zum Museumsbesuch zu animieren und zugleich allgemein auf den Lernort “Museum” aufmerksam zu machen. Obwohl dabei die kreativen Fächer in den Mittelpunkt gerückt werden, ist offensichtlich, dass Lernen im Museum trotz des Schwerpunkts “Kunst” auch alle anderen Unterrichtsfächer betreffen kann.

Werbung braucht die Veranstaltung nicht mehr, die Vermittlungsangebote sind ausgebucht. Der Aktionstag benötigt hingegen Öffentlichkeit - und nicht nur der Aktionstag. Es ist die Bildung, die über “Ausbildung” hinausreichen muss, um Allgemeinbildung zu sein, die dringend Öffentlichkeit finden muss.

“Bildung ist, was bleibt, wenn der letzte Dollar weg ist”, zitiert Sabine Haag, Generaldirektorin des Kunsthistorischen Museums, dazu ganz passend den aus einer verarmten Familie stammenden Mark Twain. PolitikerInnen hingegen zitieren gerne die Kreativwirtschaft als den kulturellen Motor des Landes. Wenn die Kreativität ein Wirtschaftsfaktor ist, dann sollte damit nicht gemeint sein, kreative Möglichkeiten der Geldbeschaffung zu entwickeln. Bedauerlich daher, dass alles was dazu nötigt ist, um gehaltvoll kreativ tätig sein können, den Lehrplanveränderungen und der desaströsen Lehrpersonalpolitik zum Opfer fällt. Inhaltlich betrifft das mehr als “nur” die Fächer Musik-, Kunst- und Werkerziehung. Humanistische Grundlagen tragen wesentlich zum historischen sowie kulturellen Verständnis bei. Kulturkompetenz kommt schließlich nicht von ungefähr. Wer nicht das Glück hat aus einem bildungsaffinen und finanziell abgesicherten Umfeld zu stammen, wird es weniger leicht gemacht sich diese Fähigkeiten anzueignen, vor allem wenn der Pflichtunterricht sich ausschließlich auf das Erlangen von Kernkompetenzen und Sport beschränkt.

In den Bundesmuseen zahlen Kinder und Jugendliche - auch außerhalb des Klassenverbandes - keinen Eintritt. Dennoch werden sich bei den derzeitigen Eintrittspreisen viele Eltern schon aus wirtschaftlichen Gründen überlegen müssen, ob sie ihre Sprösslinge in die Museen begleiten können. Der Anreiz für Kinder und Jugendliche alleine ins Museum zu gehen, wird wohl schon aus Schwellenängsten eher gegen Null tendieren - falls unbeaufsichtigten Minderjährigen überhaupt der Zutritt gestattet wird. Was für die Mehrheit bleibt, ist der Museumsbesuch im Klassenverband. Für die meisten Kinder die einzige Gelegenheit ein Museum von innen zu sehen.

Museen haben den Auftrag zu sammeln, zu bewahren, zu forschen und auszustellen. Dass es mit dem Ausstellen nicht getan ist, sondern jede Ausstellung von ihrer publikumsgerechten Aufbereitung und Vermittlung lebt, ist inzwischen hinreichend bekannt. So liegt es zuletzt an den KulturvermittlerInnen, meist das schwächste Glied in der hierarchischen Struktur der Museen, jungen Menschen positive und gehaltvolle Erinnerungen an das Erlebnis “Museumsbesuch” zu verschaffen. Vielleicht sind nach dem Besuch einige unter ihnen, die wieder kommen und der Institution auch als Erwachsene positiv gegenüberstehen. Nicht zuletzt benötigen selbst die großen Museen in Österreich hohe Besucherzahlen, die nicht von zwangsverpflichteten SchülerInnen dominiert werden, sondern auch erwachsene BesucherInnen aufweisen sollten.

Dem ambitionierten Ansatz des Aktionstages “Schule schaut Kunst” ist hoffentlich über den 2. März 2010 hinaus Erfolg beschieden.

© S. Strohschneider-Laue

Aktuelle Ausstellungskataloge
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Apfeliges Copyright

Montag, 04. Januar 2010

Notiz

Wem gehört das Paradies oder ist da der Wurm drin?

Copyright kann seltsame Blüten treiben. 

2009 wurden Pfotenspuren auf Selbstgestricktem zu klagbaren Plagiaten erklärt - zumindest solange bis der betreffende Konzern mit massiven Imageverlusten zu kämpfen hatte.

2010 ist der Apfel erstmals seit Willhelm Tell wieder zur Zielscheibe der Rechtsverbindlichkeit geworden. Und wie man weiß, ist nicht nur Schneewittchen ein angebissener Apfel zum Verhängnis geworden.

Denn als der Apfel aus dem Paradies geschmuggelt wurde, bekamen Adam und Eva mehr Ärger mit dem illegalen Obstbau als der ganze Most durch den Apfel-Erstbiss wert war. Sogar einer ihrer Söhne züchtete in Folge lieber vierbeinige Vegetarier als das gesunde Zeug selber zu konsumieren. Der nachfolgende Familienzwist ist übrigens bis heute nicht geschlichtet.

Daher stellt sich folgende besorgte und berechtigte Frage:
Welcher der beiden biblischen Großkonzerne mit Monopolansprüchen, die bereits zu Beginn der Apfelmisere - die zum paradiesischen Menschenkonkurs führte - beteiligt waren, hat das Copyright-C auf den Apfel gestempelt?

© S. Strohschneider-Laue

Siehe auch: Eindeutig zweideutig

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Liebe zwischen den Seiten - Kriegsbriefe

Mittwoch, 16. Dezember 2009

Notiz

Kriegsbriefe deutscher Studenten

Postkarte: Lieber Karl 16.IV.1940

Bücher sind Freunde, gehören zur Familie. In den späten 70ern des letzten Jahrhunderts kam der kleine spitzartige Hund “Kleist” (Kleist kam zu erst) in unsere Familie. Er schlich sich geschmeidig über Heinrich Kleist’s sämtlicher Werke ein und gehört seither dazu. Etwa 2007 zog das ruhige Michael-Baby (Michael Yerry/Terry Ramirez Jr.) mit The Mummy bei uns ein. Seit dem dritten Advent 2009 wohnen Karl und Josef in Kriegsbriefe gefallener Studenten bei uns.

Eigentlich sollte ich es besser wissen und einen großen Umweg um Buchflohmärkte machen. Aber der Advent-Flohmarkt im Pfarrheim hatte eine ganz unchristliche, magische Anziehungskraft. Satte dreizehn Euro habe ich dort gelassen. Ein hoher Stapel Parental-Advisory-Schwermetall-Cds, die die anständigen Kirchgänger geflissentlich ignorierten, hat dort eindeutig auf mich gewartet und natürlich ist auch ein Buch an mir hängen geblieben:

Philipp Witkop
Kriegsbriefe gefallener Studenten
© Georg Müller Verlag 1928, 
161. bis 170. Tausend. Volksausgabe 1933

Ich kannte den Titel nicht, dachte aber sofort an den Antikriegsroman von Erich Maria Remarque “Im Westen nichts Neues”. Tatsächlich habe ich das Buch aber gekauft, weil drei Schriftstücke, die auf der letzten Seite im Schutzumschlag eingeklemmt waren, mein Interesse weckten.

  Klemens Tilmann, Todesverächter, Ein Tatsachenbericht aus der Geschichte der Kirche in Fern-Ost Klemens Tilmann, Todesverächter, Ein Tatsachenbericht aus der Geschichte der Kirche in Fern-Ost

Oberschütze Karl Haugeneder aus böhmisch Krum(m)au (Český Krumlov) hat im April 1940 zwei Bücher in Wien gekauft: von Witkop “Kriegsbriefe” (3 Reichsmark 60 Reichspfennige) und von Tillmann “Todesverächter” (3 Reichsmark 20 Reichspfennige). In Anbetracht der damaligen Einkommensverhältnisse kein billiger Einkauf und inhaltlich schwere Kost. Denn obwohl die jüngeren Ausgaben der “Kriegsbriefe”, die ab 1933 erschienen den Lesern todesbereiten Heldenmut für Deutschland suggerieren sollten, konnte das inhaltlich wohl kaum erreicht werden. Der Hurrapatriotismus jener jungen Männer, die weltfremd, indoktriniert und ohne klaren Gedanken in den Ersten Weltkrieg stürmten, wird von Brief zu Brief mehr und mehr relativiert. Sie sehnten sich nach ihren Müttern, klammerten sich an göttliche Heilsversprechungen und lebten von Adrenalinschub zu Adrenalinschub, während der lebenslang eingedrillte Gehorsam und die unreflektierte Pflichterfüllung sich bis zum Tode erschöpfte. Die Konfrontation mit der Kriegsrealität, die mit den Bierbankgesprächen in den Studentenverbindungen so gar nicht übereinstimmten, ließen sie die bittere Wahrheit dieses und jeden anderen Krieges kurz vor ihrem Tod erkennen. Die Briefe, die die jungen Männer von der Einberufung, vom Marsch, von der Front und aus den Lazaretten schrieben, sind zeitlos.

David-Postkarte Lieber Karl 16.IV.1940

David hat Goliath besiegt. Gerade deshalb war die Postkarte von Josef aus dem Zisterzienserstift Wilhering an Karl in Krummau in diesen “unruhigen Zeiten” schlecht gewählt. Auch die Hoffnung Josefs, dass Karl sich “in den schönen kräftigen Inhalt einlesen und auch Freude aus diesem Buch schöpfen” könne, spricht nicht für den Schreiber, der “den Geist des Ganzen” (noch) nicht erfasst haben dürfte. 1940 wurde das Stift durch die Nationalsozialisten beschlagnahmt und enteignet, die Mönche kamen ins Gefängnis oder wurden zum Kriegsdienst eingezogen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt sollte auch Josef klarer gesehen haben.

Die Kriegsbriefe gefallener Studenten aus dem Ersten Weltkrieg verbinden sich zweiundzwanzig Jahre nach Kriegsende durch die Lebensspuren von Karl und Josef mit dem Wahnsinn des Zweiten Weltkriegs. Ein erschütterndes Zeitzeichen, das mich nur einen Euro gekostet hat, aber dessen Inhalt mit vielen Leben bezahlt wurde.

© S. Strohschneider-Laue

siehe auch
Kleist kam zu erst
Michael Yerry/Terry Ramirez Jr.
Loving Memory
Die Fotos der Rosi Z.

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Kundinnen II

Samstag, 03. Oktober 2009

Notiz

Alltagsdrama: Ausstellungsmacherin trifft auf Autohändler

Warum sollte es einer Freundin in Sachen Männerkommunikation besser gehen als mir (siehe dazu Kundinnen I)?

Besagte Freundin ist eine typische Bleifuß-Frau, die sich so fortbewegt wie es Gott für den Menschen offenbar vorgesehen hat: Mit dem Auto. Immer auf großen Strecken zwischen Wien - Linz - Salzburg - Graz sowie dem zugehörigen Umland pendelnd, fährt sie zwischendurch noch einige Touren quer durch Europa. USA, Mali und China hat sie dieses Jahr notgedrungen - Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel - mit dem Flugzeug angesteuert. Diese Megastrecken hält das beste Auto auf Dauer nicht aus und irgendwann verlassen uns auch die robustesten unter ihnen. Nur um es vorweg zu nehmen, sie ist zwar viel unterwegs aber trotzdem keine Drogendealerin, sondern als Austellungsarchitektin eine echte Spezialistin für Kommunikation und Gestaltung. Das bedeutet, dass ihre Brieftasche nicht prall gefüllt ist und sie ein finanzierbares Auto mit großen Transportflächen aber nicht mit Versteckmöglichkeiten braucht. Jedenfalls war sie auf der Suche nach einem neuen fahrbaren Untersatz.

Ihre Odyssee durch die Autohäuser ihrer Heimatprovinz sei in nachfolgendem Dialog zusammengefasst.

Er: Guten Tag. Auf der Suche nach einem roten Frauenauto?

Sie: Eigentlich habe ich an etwas Flottes, Strapazfähiges für lange Autobahnfahrten gedacht. Ein Cello sollte auch noch Platz finden.

Er: Na, Internetanschluss in Kleinwagen gibt’s noch nicht! HAHAHA. Aber wir haben hier einige rote Modelle.

Sie: Ich meine “Cello” nicht “Chello”. Das eine ist ein Musikinstrument, das andere ein Provider.

Er: Der ist auch gut. HAHAHA Wie gefällt Ihnen dieser schicke rote Kleinwagen? Sehr kompakt und wendig, gut geeignet für den Stadtverkehr.

Sie: Langstrecken, schnell und groß sind meine Anforderungen. Stadtverkehr ist das geringste Problem.

Er (unbeirrt): Schaun’s, in den Roten passen gleich drei Bierkisten für den Mann rein und der Kindersitz für den Spross seiner Lenden hat trotzdem genug Platz.

Sie (schon ausgereizt): Ich trink das Bier nicht aus Kisten und der Spross meiner Eierstöcke braucht keinen Kindersitz, sondern Platz für ihr Cello. Na, dieser große Geländewagen da wäre schon passender.

Er: Na, das ist aber kein guter Stadtwagen zum Einkaufen. Sie werden nur Schwierigkeiten beim Einparken haben und in rot gibt es dieses Modell auch nicht. Das ist eher ein richtiges Männerauto.

Sie: Ich habe nie Schwierigkeiten beim Einparken. Mein Problem sind Autoverkäufer, die nicht zuhören.

Er: Na welches Glück, dass ich jetzt für Sie da bin. Ich habe den idealen Wagen für Sie. Sehr klassisches Modell, seit Jahren unverändert und ausschließlich in rot erhältlich. Kein technischer Schnickschnack. Wird fast ausschließlich von Frauen gekauft. Damen legen ja doch mehr Wert auf Sicherheit als auf Geschwindigkeit.

Sie ist sehr friedfertig, sie hat ihn und die vielen andern Autoverkäufer nicht erschlagen, sogar der nette Herr vom Automobilclub, der - zur modellspezifischen Unfallstatistik befragt - meinte “Frauen kaufen sich meist ein rotes Auto”  lebt noch. Aber wie meine Freundin schließlich zu ihrem Auto - natürlich ist es nicht rot - gekommen ist, ist mir ein Rätsel. Vielleicht hat sie irgendwo eine Autoverkäuferin gefunden, die zugehört hat.

© S. Strohschneider-Laue

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Kundinnen I

Donnerstag, 24. September 2009

Notiz

Alltagsdrama: Sprachfrau trifft auf Baumarktmann

Neulich wollten wir unsere Wohnung wieder etwas auffrischen. Eine neue Brausetasse sollte es unter anderem sein. Bei solchen Gelegenheiten möchte man nicht die gleichen Fehler - egal ob geschmäcklerischen oder bautechnischen - wiederholen und nochmals zehn Jahre den Anblick der letzten Fehlentscheidung ertragen müssen. Wir einigten uns auf ein technisch-futuristisch anmutendes Badezimmerdesign. Möglichst viel Chrom und Glas sowie möglichst kein weißes Porzellan oder Plastik sollte es sein.

Dass Männer und Frauen nicht die dieselbe Sprache sprechen - auch wenn sie die gleiche nutzen -, dürfte wohl allgemein bekannt sein. Dass das Zuhören und Verstehen aber auch wesentliche Aspekte sind, wird immer unter den Tisch gekehrt. Wie gravierend sich dies beim Einkaufen auswirken kann, wenn es nicht um Grundnahrungsmittel, Hygieneprodukte und Bekleidung geht, sei hier am ersten Beispiel dargestellt. Es war ein Ding der Unmöglichkeit den diversen Angestellten in den zahlreichen Baumärkten und Heimwerkerzentren diese Wünsche darzulegen. Die Dialoge zwischen den durchwegs männlichen Angestellten und mir - definitiv Frau - entspannten sich zusammenfassend etwa so:

Ich: Guten Tag, ich bräuchte ein Brausetasse - möglichst 90 x 90 - im Nirosta-Design.

Er: So was gibt’s nicht.

Ich: Was gibt’s nicht, die Größe oder das Nirosta?

Er: Die Größe gibt’s schon.

Ich: Haben Sie wirklich keine Metalltassen?

Er: Doch, aber das baut man heute nicht mehr ein. Die Restbestände stehen dahinten in der Ecke.

Ich: Nein, die meine ich nicht. Das sind Emailwannen.

Er: Was? Bei E-Mail haben’s wohl was verwechselt. HAHAHA

Ich: Sehr witzig, selten so gelacht. Das ist Gusseisen mit Emailschicht - was nichts mit E-Mail zu tun hat. Ich will ein Hochglanz-Edelstahl-Produkt. Sehr hygienisch, wenn Sie das verstehen.

Er: So was gibt’s gar nicht. Putzen muss man sowieso alles.

Ich: Es geht nicht ums Putzen, sondern um Material und Oberflächenqualität. Brausetassen aus Nirosta gibt’s sehr wohl. Nirosta wird oft in Fabriken oder auf Raststationen eingebaut.

Er: Wenn’s so schlau san, dann schau’n mir mal in den Katalog, da ist alles drin was’ gibt.
Gelangweiltes Blättern folgt, wobei sämtliche Plastik- und Emailwannen von ihm triumphierend durch Fingerklopfer hergezeigt werden.  Da schaun’s her, so schau’n Brausetassen aus.

Ich (bereits ausgereizt): Guter Mann, ich bin sogar mit der Benutzung vertraut. Ich will aber eine aus Metall ohne Email. So ein Ding, das aus schaut wie eine Küchenspüle, bloß die flache und quadratische Variante, zum Reinstellen von Menschen.

Er: Warum sagen’s das nicht gleich? Das haben wir hier gleich hier.

Er stapfte zwei Regalreihen weiter. Zufrieden zeigte er auf ein rechteckiges Metallobjekt, das meinen Wünschen nur mit äußerster Fantasie ähnlich war. In den mediterranen Ländern nennt man so etwas eine Stehtoilette.

“Baumarktberatung” ist ein Oxymoron und ich war einem “Ox-Moron” ausgeliefert.

© S. Strohschneider-Laue

siehe auch Kundinnen II

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Eierbowle mit Weihnachtsmann

Sonntag, 13. September 2009

Notiz

Frohes Fest in Wien

Der Realitätsschock Juli bis August ‘09:

Weihnachtskalender Ende Juli im Papiergeschäft.
Lebkuchen Anfang August im Supermarkt.
Taschen mit Aufdruck “Frohes Fest” im passenden Design beim türkischen Bäcker Ende August.

Die Zukunftsvisionen für September ‘09 bis August ‘10:

Schoko-Weihnachtsmänner im September.
Schoko-Weihnachtsmänner mit Raketen im Oktober.
Schoko-Weihnachtsmänner mit Hasenohren im November.
Ostereier unterm Weihnachtsbaum im Dezember.
Ostereier für den Recycling-Ganzjahresbaum im Januar.
Ostereier im Weihnachtsmänner-Faschingsoutfit im Februar.
Weihnachtsmann bringt Ostereier im März.
Weihnachtsmänner mit Zuckereiern oder Ostereier gefüllt mit Weihnachtsmännern am 1. April.
Eierbowle mit Weihnachtsmanngeschmack im Mai.
1000jährige Eiermänner im Juni.
Fondue aus Beständen der unverkäuflichen 1000jährigen Männereiern im Juli.
Schultüten mit Weihnachtseiern und Ostermännern im August.

© S. Strohschneider-Laue

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Liebe zwischen den Seiten - Loving Memory

Samstag, 01. August 2009

Notiz

Albert Francis Rosa hat diese Welt verlassen

Albert Francis Rosa *1915 †2006

Bücher sind Freunde, gehören zur Familie. In den späten 70ern des letzten Jahrhunderts kam der kleine spitzartige Hund “Kleist” (Kleist kam zu erst) in unsere Familie. Er schlich sich geschmeidig über Heinrich Kleist’s sämtlicher Werke ein und gehört seither dazu. Etwa 2007 zog das ruhige Michael-Baby (Michael Yerry/Terry Ramirez Jr.) mit The Mummy bei uns ein.

Langsam aber sicher wird unsere Wohnung immer kleiner. Egal, es gibt keine schöneren Tapeten und Wandisolationen als überquellende Bücherregale. Nicht immer kommen neue Bücher dazu. Manchmal sind die Titel schon vorhanden: Allerdings übersetzt und das ist nicht genug. Nein, sie müssen auch im Original zur Wohnraumverkleinerung beitragen. 2008 wurde unsere Tochter auf dem Neubaugassen-Flohmarkt fündig. Englische Taschenbücher, gebraucht, billig, in Mengen und das am Taschengeldtag! Weihnachten, Geburtstag und Ostern zusammengefasst, ist nichts dagegen. Im Stapel befand sich schließlich wieder eines dieser mit Überraschung gefüllten Pralinenschachtel-Bücher:

Paula Volsky
The Luck of Relian Kru
Ace Fantasy 1987

Gleich beim ersten Durchblättern fiel ein Sterbebildchen heraus. Eines jener mit Heiligen bedruckten Zettelchen, die bei Begräbnissen an die Trauergemeinde verteilt werden. Es ist eine Darstellung der Vogelpredigt des Franz von Assisi. Auf der Rückseite wird an Albert Francis Rosa (June 25, 1915 - August 23, 2006)  begleitet von einem Zitat aus “The Littel Prince” von Antoine de Saint-Exupéry gedacht.

Ich weiß nicht, wer der 91jährige Herr war. Die liebevolle Auswahl des Gedenkbildes spricht aber für einen Menschen, der gemocht wurde. Es ist eine schöne Vorstellung, dass er nicht alleine seine letzte Reise angetreten hat, sondern begleitet wurde. Und es gab zu mindest einen Menschen, der das “Loving Memory” Zettelchen nicht gleich entsorgt hat. Es nicht nur behalten hat, sondern auch mit dem Buch immer wieder zur Hand nahm und erinnert werden wollte. Es war wohl ein Versehen, dass Albert Francis Rosa schließlich in dem Buch blieb. Dass er nach seinem Tod zum Mysterium werden würde, hätte ihn vielleicht sogar amüsiert. In einem kanadischen Buch in Wien in Begleitung eines italienischen Gedenkbildchen und eines ins Englische übersetzten Zitats eines französischen Autors angetroffen zu werden, wäre selbst für Sherlock Holmes eine Herausforderung und für James Bond verdächtig gewesen.

Für seine Freunde und Verwandten lebt Albert Francis Rosa im Herzen und in den Sternen, wenn sie in klaren Nächten aufblicken. Bei uns ruht die Erinnerung an ihn in The Luck of Relian Kru.

© S. Strohschneider-Laue

Siehe auch
Kleist kam zu erst
Michael Yerry/Terry Ramirez Jr. 
Kriegsbriefe 
Die Fotos der Rosi Z.

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Wiener Prater

Samstag, 04. Juli 2009

Notiz

Tradition: Wiener Prater

Prater 1996 © S. Strohschneider-Laue

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Manchmal sind Traditionen gar nicht so schlecht; denn nicht alle sind vorgestrig und/oder moralinsauer. Eine schöne Wiener Tradition ist es, während der Kindheit zu bestimmten Anlässen (Einschulung, Erstkommunion) in den Prater gehen zu dürfen. Es ist quasi ein vorgezogener Tapferkeitsbonus, ein Haftaufschub, ein Freigang bevor es so richtig ernst mit der realen (Schule) und der spirituellen Hölle (Kirche) wird.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Ich kam in den Genuss dieser Tradition, weil ich zur richtigen Zeit statt in Frankfurt in Wien war. Als Minitouristin mit den Eltern genau rechtzeitig vor meiner Einschulung. Natürlich wurden Fotos gemacht: Kind am Pferd, Kind im Karussell, Kind im Miniauto. Meist ist das Kind - also meine Person - kaum erkennbar und oft lugte nicht einmal mein Kopf über die Lenkstange hinaus. Diese Fotos sind vermutlich familienunabhängig austauschbar. Es gibt sie sicher zu Millionen in den Schubladen von Eltern, Großeltern, Paten und unzähligen anderen mehr oder minder Anverwandten.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Rund dreißig Jahre nach meinem Praterspaß, ereilte unsere Tochter - eine typische Wienerin mit Wurzeln in ganz Europa - der Praterbesuch zum Schuleinstieg. Es war wie erwartet. Bei den meisten Fahrbetrieben musste man den Besuch aufgrund elterlicher Verantwortung ablehnen. Teuer war es auch, aber an einem solchen Tag haben Eltern und vor allem Großeltern Spendierhosen an. Schön ist es trotzdem, wenn man feststellt, dass sich das eigene Kind trotz des Überangebotes als bescheiden erweist. Riesenrad, Achterbahn, Autoscooter, Geisterbahn und sämtliche supermodernen Speed- und Höhenvarianten auf “Kotz mehr” und “Schneller Hirntod”, wurden bestaunt aber nicht gewünscht. Am Ende waren es eine Zuckerwatte, einige Lose bei der blonden Plastikpuppen- und rose Plüschtier-Tombola, eine Runde Ponyreiten und unbedingt die Autorennbahn. Das Rennbahnrelikt aus den 1960ern oder noch früher, existierte tatsächlich noch. Mindestalter war schon damals “12 Jahre” als ich Schulanfängerin war und unbedingt Rennen fahren wollte. Und ganz genau wie damals klettere mein Vater - nun mit der Enkeltochter - in das Vehikel. Und er sagte ganz genau dieselben Dinge zu ihr wie dreißig Jahre vorher zu mir: “Den schnappen wir, den kriegen wir, mehr Gas und schnell vorbei”. Natürlich blieb es nicht bei einer Runde.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Und ganz genau wie damals stand meine Mutter am Rand der Bahn und war zutiefst besorgt, dass der scheppernde Höllenritt - wie man dem Foto entnehmen kann - Opas kriegsversehrten Rücken schaden würde. Nun war auch ich Mutter, aber ich war nicht besorgt. Ich war eifersüchtig und noch dazu auf das eigene Töchterchen. Pech, dass es “meinen” blauen Wagen von damals nicht mehr gab. Ich hätte es den beiden gezeigt, schließlich hatte ich den gleichen Fahrlehrer.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Bei diversen Gelegenheiten waren wir in nachfolgenden Jahren mit Freunden und ihren Kindern im Prater. Die Bahn war geschlossen. Es war als ob ich ein Stück Kindheit verloren hätte. In Wirklichkeit gehen doch alle mit den Kindern in den Prater, um noch einmal das zu tun, was sie selbst als Kind so genossen haben - ich bin keine Ausnahme. Quasi ein glückliches Ausleben des verborgenen Peter-Pan-Komplexes. Was passiert aber, wenn es diese Kindheitserinnerungen plötzlich nicht mehr gibt? Nein, man muss trotzdem nicht erwachsen werden. Nein, denn wir haben doch alle die unzähligen Fotos. Wenn unsere alten Fotos nicht die Farbe verloren hätten, könnten wir unsere Fotos glatt verwechseln. Bis auf eines: Es ist einzigartig, zumindest für mich und sicher für unsere Tochter.

© S. Strohschneider-Laue

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Prioritäten setzen

Freitag, 19. Juni 2009

Notiz

Ausstellungsmacher

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Dozent G., der alteingesessene Chef des Museums, blickte wohlwollend auf seine Untergebenen. Nach einer gut berechneten Pause räusperte er sich und hob mahnend den Zeigefinger: “Liebe Mitarbeiter und -innen. Demnächst müssen wir einen neuen Publikumsmagneten in unsere Ausstellungshallen bringen. Die leider noch lebende Künstlerin war nicht etabliert genug, so dass nur 6.000 Besucher bei uns verzeichnet wurden. Das ist halt das Problem mit Frauen in der Kunst. Gut, dass wir vom Frauenministerium, dem Genderverein und den Gewerkschafterinnen ausfinanziert wurden. Aber jetzt, jetzt brauchen wieder einen richtigen Erfolg, also einen Mann. Gute Kritiken in den Zeitungen sind nicht genug. Meine Damen und mein Herr, ich erwarte ihre Vorschläge.”

Mit hochgezogenen Augenbrauen blickte er über den Brillenrand erwartungsvoll in die betroffenen Gesichter der drei Anwesenden. Eine Weile hörte man nur das eifrige Kratzen des Bleistifts der Sekretärin, die immer minutiös jedes Wort protokollierte. Es herrschte tiefes Schweigen, das durch das nervöse Herumwetzen und Fußscharren der Angesprochenen abgelöst wurde.

Magister W. ergriff beflissen das Wort: “Nun da drängt sich doch Picasso gerade zu auf, obwohl Monet auch immer gut geht. Wobei von Picasso gibt’s mehr Bilder und Chagall zeigt leider gerade die Konkurrenz.”

Nun mischte sich auch Doktorin R. ein: “Sie vergessen, dass Monet und Picasso in den letzten Jahren bereits zweimal in der Stadt - ebenfalls von der Konkurrenz - präsentiert wurden. Wir sollten doch ein wenig innovativer vorgehen. Wie wäre es mit einer Themenausstellung ohne sich auf einen einzigen Künstler zu kaprizieren? Ich denke dabei an das beliebte Thema ‘Impressionismus’. Die Bilder will doch jeder auf der Wand hängen haben.”

Dozent G. schnitt den gerade zur Rede ansetzenden Magister W. das Wort ab und meinte begeistert: “Ja, so machen wir das. Perfekt! Ich finde doch immer wieder unsere Teamsitzungen mit dem regen Brainstorming meinerseits erfrischend. Sie haben ein halbes Jahr Zeit, um die Ausstellung vorzubereiten. Ich möchte am Montag ihre Vorschläge zur Bildauswahl vorgelegt bekommen! Ich bitte Sie mich jetzt zu entschuldigen, ich habe jetzt noch einen wichtigen Termin im Kaffeehaus.”

Seine Mitarbeiter erhoben sich und verließen gemeinsam den Raum. “Prima, hat das geklappt”, meinte Magister W. grinsend, “damit sollten wir überhaupt keine Arbeit haben!”

 ”Na, na”, beschwichtigte Doktorin R., die Köpfe müssen wir schon noch zusammenstecken, aber aus dem Vollen schöpfen können wir noch immer.”

 TeeTextTasse © Ch. Ranseder Am nächsten Montag legten sie den Konzeptentwurf vor:

  • Die bedeutendsten Künstler des Impressionismus sollten an Hand ihrer wichtigsten Werke präsentiert werden.
  • Statt die Bilder wie üblich zeitlich geordnet auf den Wänden zu verteilen, sollte thematisch vorgegangen werden, um den Besuchern Vergleiche zu erleichtern.
  • Zudem sollten alle Künstler durch ein Portrait vertreten sein, um auch die Maler persönlich und nicht nur ihre Werke vorzustellen.
  • Wenn möglich, sollte ein passendes Bild die Wohnsituation und das Atelier des Künstlers dokumentieren. Ein aktuelles Foto sollte den heutigen Zustand des Hauses oder der Umgebung zeigen.
  • Der Katalog sollte den Umfang eines Taschenbuches nicht überschreiten. Klein, übersichtlich erschwinglich und vor allem sprachlich zugeschnitten auf ein interessiertes Laienpublikum.
  • Die Kunstvermittler sollten während der gesamten Vorbereitung eingebunden werden, um das Publikum später optimal an die Ausstellung heranführen zu können.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder ”Also”, begann Dozent G.”, das ist ja mal wieder typisch für Sie beide. Sie sind doch betriebsblinde Ignoranten. Selbstverständlich kommen die wichtigsten französischen Impressionisten nicht in Frage. Wir haben mit den entsprechenden Häusern keine Leihverträge. Das ist außerdem viel zu kompliziert, zumal die dort nur auf französisch verhandeln, seitdem wir das eine ausgeliehene Bild aus dem Rahmen genommen haben und es zu Transportzwecken aufrollten wie eine Tapete. Wie hätten wir es denn sonst durch unsere Museumstür bringen sollen, wenn es doch glatt um fünf Zentimeter zu groß ist? Wer rechnet denn schon m solchen Dimensionen? Aber die müssen sich ja immer gleich so haben. Na, wie auch immer!”

Er schüttelte wieder den Kopf und schaute strafend über den Brillenrand: “Kommen Sie mir nicht mit diesem didaktischen Quatsch. Wozu soll es denn gut sein die Bilder thematisch zu hängen. Bilder hängt man ausschließlich nach ästhetischen Aspekten und ästhetisch heißt, nach Größe sortiert!”

Wieder kehrt kurzes Schweigen ein, während Dozent G. weiter las: “Die Portraits sind völlig sinnlos. Kein Mensch interessiert sich für den ungepflegten Monet oder den versoffenen van Gogh, nur ihre Werke zählen. Genauso egal sind mir deren Absteigen. Wir sollten auf jeden Fall den Platz darauf nicht vergeuden, sondern ein einziges - besonders großes - Bild als zentralen Blickfang auswählen. Damit halten wir die Leihgebühren und Versicherungsbeiträge niedrig und mit zwei weiteren haben wir die erste Halle voll.”

Mit gerunzelter Stirn blätterte Dozent G. weiter und schlug plötzlich heftig mit Hand auf den Tisch. Empört riss er sich die Brille von der Nase. “Also, dass ist doch der Gipfel der Borniertheit! Taschenbuch? Erschwinglich? Leicht verständlich? Was glauben Sie eigentlich, wo Sie sitzen? In der Schulbuchkommission? Ich weiß ja nicht, was Sie von sich halten, aber ich bin renommierter Wissenschafter. Meine Publikationsliste als Herausgeber ist lang. Kein Vorwort der letzten Jahre, das nicht von mir wäre! Die Kollegen, von denen wir die Bilder leihen, sehen das sicher genauso. Sie müssen mit ihren Beiträgen im Katalog als Autoren vertreten sein. Und wenn nicht jeder Hinz und Kunz mit meinem wissenschaftlichen Anspruch etwas anfangen kann, ist das mir nur recht. Wo kommen wir denn dahin, wenn jeder glaubt schreiben zu können? Es kann ja schließlich auch nicht jeder malen! Nur mit einem tiefsinnigen Verständnis des kulturhistorischen Gesamtkontextes und einem metaphysischen Zugang, bezogen auf das psychologische Substrat ist man befähigt den Weg des Künstlers vom Gegenständlichen zum schwarzen Quadrat auf weißer Leinwand - aufgehängt im Herrgottswinkel - verfolgen zu können. Das heißt aber noch lange nicht, dass jedes hingepinselte schwarze Quadrat auf weißer Leinwand von irgendwem gleich bedeutend ist. Nein, denn nur aus dem fundamentalakademischen Zusammenhang und der unverrückbaren Philosophie des Kanons erwächst die Kunst!”

Eine Ader begann an der Stirn von Dozent G. zu pochen. “Und ich gehe sicher richtig in der Annahme, dass Sie in ihren Kalkulationen nicht die entsprechenden Autorenhonorare für die jeweiligen Institutionsleiter berücksichtigt haben”, dabei strich er sich unbewusst über die Brieftasche. “Mit 80.000 Euro für den Katalog - ohne Druckkosten versteht sich - ist mindestens zu rechnen. Die Qualität sind wir unserem Publikum schuldig. Ich will ihnen beiden keine Bereicherung vorwerfen, obwohl ich annehme, dass wohl irgendwer aus Ihrem Freundeskreis schnell etwas um die 5.000 Euro, die Sie da veranschlagt haben, zusammengeschreibselt hätte. Es muss sogar Ihnen klar sein, dass etwas derartig Billiges auch nur billig sein kann.”

Es folgte Kopfschütteln. “Und was wollen Sie eigentlich dauernd mit ihrer Vermittlung? Diese Bilder sprechen für sich selbst. Ich wünsche keine Platzverschwendung an auffällig groß geschriebene Raumtexte. Für die dezente Beschriftung der Werke genügt der Name des Künstlers, das Entstehungsjahr und selbstverständlich gut lesbar der Name des Leihgebers. Audioguides reichen völlig. Der unerträgliche Lärm, der durch Führungen entsteht, wird vermieden und jeder Besucher kann in erhabener Andacht die Stimmungen der Bilder aufnehmen.”

Langsam lehnte Dozent G. sich zurück und blickte eine Weile strafend auf seine zusammenschrumpfenden und inzwischen um ihre Jobs bangenden Mitarbeiter. “Da ich schon geahnt habe, was ich von ihnen erwarten kann, erkläre ich ihnen wie wir das machen werden. Die Ausstellung wird heißen: 
Das unbekannte Werk der Impressionisten - Gemälde aus Privatsammlungen
Der Hochglanz-Katalog wird mindestens A4-formatig und auf jeden Fall 800 Seiten umfassen. Ich denke dabei an einen Verkaufspreis von rund 95,00 Euro bei einer Auflage von 1000 Exemplaren zum freien Verkauf und weiteren 500 zu Geschenkzwecken an Autoren, Sammler und meine wichtigsten politischen Kontakte.”

Selbstgefällig blickte er in die Runde: “Was die Zusammenstellung der Werke betrifft, rufe ich einige meiner Freunde an, die Impressionisten sammeln. Sie geben uns ihre Bilder ohne hohe Leihgebühren. Schließlich haben sie ihre Sammlungen nur meiner finanzgünstigen Beratung zu verdanken und jetzt können sie durch die Präsentation in unserem Haus zusätzlich eine Wertsteigerung ihrer Stücke erzielen. Leider zählen keine amerikanischen und japanischen Sammler zu meinen Kontakten. Ich werde wohl wieder in den sauren Apfel beißen müssen und die Beziehungen vor Ort knüpfen. Das bedeutet, dass ich die nächsten Monate kaum im Haus sein werde.”

Er begann seine Ausführungen mit seinem rechten Zeigefinger zu unterstreichen: “Frau Doktor, Sie übernehmen während meiner Absenzen die Verhandlungen mit der Druckerei.
Das Lektorat der Texte wird meine Frau als externe Fachberaterin zu entsprechenden Konditionen übernehmen.
Selbstverständlich fungiere ich wieder selbst als Herausgeber. Schließlich sollte man so etwas Essentielles wie das Vorwort keinesfalls delegieren.
Herr Magister, Sie kümmern sich um den Transport der Exponate, für die Ausstellungsgestaltung stelle ich Ihnen meine Tochter zur Seite. Sie ist versiert im Umgang mit dem Computer. Mit ihren verschiedenen Sim-Programmen hat sie schon als Teenager ganze Häuser dekoriert.”

Er wedelte enthusiastisch mit seinen Notizen vor der Nase der Sekretärin, die durch ihr stetiges Nicken oder von den vielen fremden Worten bereits etwas desorientiert wirkte. “Besorgen Sie mir zunächst ein Flugticket nach Tokio für März, im April sollte ich die Verhandlungen in New York aufnehmen und ab Mai werde ich dann Sydney angehen, dann bleibt noch genug Zeit für Paris im Juni. Buchen Sie bitte adäquate Hotels in den Stadtzentren. Juli und August reserviere ich für meinen wohl verdienten Urlaub mit meiner Familie. Im September habe ich dann sicher wieder genug Kraft für die letzten Gespräche in Toronto. Achja, stellen Sie mir die wichtigsten Fakten für das Vorwort zusammen. Nicht mehr als zehn Seiten, damit ich das ganze auf etwa eine Seite komprimieren kann. Wenn ich nicht so ein Arbeitstier wäre, würde hier alles stagnieren. Ja, von mir können Sie alle hier noch jede Menge lernen.”

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Vergeuden Sie nicht Ihre Energie an Inhalte, arbeiten Sie endlich für Ihre Karrieren!

© S. Strohschneider-Laue

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Allergie: TV-Jogurt

Samstag, 13. Juni 2009

Notiz

Allergie auf TV-Jogurt ab 2007

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Ich liebe Reklame. Als Zeitzeichen spiegelt sie aktuelle Befindlichkeiten und zuweilen hat sie mit kürzesten Kurzgeschichten sogar Unterhaltungswert.

Schon als Kind Ende der 1960er habe ich Reklame gemocht - vor allem die TV-Werbung. Zu meinem Missvergnügen haben meine Eltern mehr oder minder erfolgreich danach getrachtet, mich um dieses Vergnügen zu bringen. Auch heute noch wechseln sie sofort den Sender, wenn die Werbepause beginnt.
Ihr unwiderlegbares Argument lautet: “Die wollen doch alle nur, dass man ihren Kram kauft!”
Eine durchaus gesunde Basis für ein selbstbestimmtes - soweit das überhaupt möglich ist - Kaufverhalten. Mir war das damals natürlich nicht einsichtig, weil sowieso meine Eltern den Einkauf bestimmten. Nachdem ich die Kaufentscheidungen meiner Eltern nicht manipulieren konnte, nahm ich mit kindlicher Unschuld und Vertrauen an, dass es auch kein anderer könnte.

Beschäftigte mich im Volksschulalter noch die Frage, ob meine Mutter wirklich von ihrem Gewissen geplagt wurde, weil sie nicht diesen ganz bestimmten bzw. gar keinen Weichspüler nahm, sind es heute ganz andere Aspekte vergleichbarer Spots. Übrigens hat meine Mutter kein schlechtes Gewissen wegen ihrer Weichspülerabstinenz. Sie meinte schon damals, dass man in gut ausgespülte Wäsche keine neue Chemikalie reinspülen sollte, die sich dann ungehindert auf der Haut verteilt. Ein sehr vernünftiger Gedanke, lange bevor sich jeder über allerlei Hautallergien oder Neurodermitis den Kopf zerbrochen hat. Mein Vater, ein mit sehr empfindlichem Geruchssinn ausgestatteter Liebhaber teurer Parfums, kann die “billigen” Weichspülerwolken nicht ausstehen. Ich erlebte dagegen während der Hochphase dieser Werbekampagne um das “gute Gewissen” einen gewissen sozialen Druck, den weniger kritisch aufgezogene Kinder ausübten. Sie fragten mich tatsächlich, ob meine Mutter denn kein “schlechtes Gewissen” hätte. So etwas nennt man dann wohl den Teufelskreis sekundärer Werbewirkung.

Mit Genuss habe ich aber ab und an vermerkt, dass auch meine Eltern nicht immer ganz werbungsungeschädigt geblieben sind. Der berüchtigte “Eumel” (Grauschleier verursachender Gardinenschädling) der frühen 1970er ist nahtlos von der Waschmittelwerbung in ihren Wortschatz übernommen worden, während sie das in meinen Ohren so genussvoll klingende “schokoschmackig” nicht goutierten.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Nachdem Eltern alles besser machen wollen als ihre eigenen Altvordeeren, galt dieses lästige “Werbeverbot” bei meinem Kind ab Mitte der 1990er nicht. Nicht ganz uneigennützig, denn sonst hätte ich meine TV-Spot(t)sucht nicht befriedigen können. Es war eine gute Entscheidung. Denn durch unseren Spaß Werbung ständig zu kommentieren und sie zu veralbern, ist aus unserer Tochter eine kritische Beobachterin geworden. Besonders stressabbauend ist es den Ton abzudrehen und eigene Spontantexte zu sprechen.

2007 erklärte meine Jungfeministin, dass sie es gründlich satt hätte, jedes vermeintliche Verdauungsproblem von der Werbung als Frauensache deklariert zu sehen. Sie hat gut beobachtet und schön, dass sie es gleich satt hatte! Egal, ob es sich um bakterieninfizierte Milch- oder rein chemische Pharmaprodukte handelt, immer - außer man bedient sich der Popularität eines Medienmannes - sind Frauen von unerwünschten Darm(in)aktivitäten befallen. Magengurgeln, verschlagene Winde, Stuhlprobleme und Übergewicht werden zur “Frauensache”, wenn es darum geht dem Publikum diverse - mehr oder minder natürliche -Jogurtvarianten aufzuschwatzen. Da drängt sich doch die Frage auf, ob man die Käuferinnen nicht eher auf diesem Umweg dazu bewegen will, die Produkte ihren Flatulenzmännern und ewig lesenden Klobesetzern aufzutischen. Junge, schlanke, hellhaarige und dynamische Powerfrauen, die ansatzweise auch mütterlich wirken dürfen, weihen ihre weniger jungen, dickeren, dunkelhaarigen und undynamischeren Freundinnen in ihr Milchproduktgeheimnis ein. Die Jogurtfläschchen-Party ersetzt die Plastikboxen-Party. Die bio- und gesundheitsbewussten Korkschlapfen-Fans unter den potentiellen Kundinnen werden mit fernöstlichem Yoga-Göttinen-Charme beworben. Das schlechte Gewissen wird Müttern vermittelt, die ihre Familien nicht mit vergammelter Milch gegen allerlei Krankheiten immunisieren. Was wären alle diese Marktschreier ohne Frauen?

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Genau da setzt unser liebstes Werbespiel ein: Geschlechterumkehr!
Was wäre, wenn nicht der Frau der Rock von den jogurtschlanken Hüften rutschen würde, sondern Mannes Knackpo in einem Stringtanga zu sehen wäre? Was wäre, wenn sich nicht eine Frau mit dem Seifenprodukt verschämt ihre Vorderseite abschäumen würde, sondern ein Mann lässig seine aufpolierte Kehrseite - wir wollen ja nicht übertreiben - präsentieren würde?

Knackige Männer wären uns beiden Frauen eindeutig lieber, aber das lässt die Zensur natürlich nicht zu. Vor nackten Frauen müssen die Zuschauer anscheinend nicht beschützt werden, vor nackten Männern hingegen schon. Oder ist die fragwürdige Fauendominanz eine wirtschaftliche Entscheidung: Es gibt mehr herzeigbare Auswahl und sie sind billiger zu haben?

Frauenautos müssen sicheren Platz für ihre Kinder und seine Bierkisten bieten und sie lassen ihre Besitzerinnen tüchtig erscheinen. Männerautos hingegen bewältigen jede Fahrsituation von der Mondlandschaft bis zur Rennstrecke und sie machen ihre Besitzer attraktiv. Eine nette Vorstellung zur Abwechslung einmal einen Mann im Kampf mit dem Wocheneinkauf und den sabbernden Nachwuchs rund um den roten Kleinsttranspoter zu beobachten oder eine Frau mit ihrem schnittigen Zweisitzer beim Aufriss zu zeigen.

Die Mehrheit der einkaufenden Frauen scheint wirklich zu glauben, dass sie von den diversen Produkten schlank, schön, begehrenswert wird und eventuell sogar gesund bleibt. Wenn es nicht so wäre, würden es die Werbefirmen ja wohl nicht ständig mit dieser Masche versuchen. Dabei funktioniert es aber auch anders. Das hat u. a. jene Körperpflegelinie bewiesen, die sich für ihre Spots und Plakate ganz normale, (über)füllige, schwangere, sommersprossige, narbige und tätowierte Frauen jedes Alters ausgesucht hat, die durchwegs realistische Identifikationsfiguren darstellen. Männer können auch interessante Werbeträger sein, es gibt keinen Grund sie zu unterdrücken, sie als Trottel oder Machos zu zeichnen oder es nur mit Superstars zu versuchen. Obwohl für uns Sport völlig uninteressant ist, gefallen uns jene Spots, in denen das berühmte boxende Brüderpaar zu sehen ist. Zwei unterschiedliche Produkte, keines davon verbindet man mit Boxchampions, sondern inhaltlich und somit werbetypisch mit Kindern sowie besorgten Müttern. Auch das österreichische Skiteam, deren Pistenerfolge uns völlig egal sind, macht sich beim unterhaltsamen Verzehr von Tiefkühlkost nicht schlecht.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Wir sind für die Emanzipation der Männer in TV-Spots!
Zeigt uns attraktive Männer! Wir wollen wohlproportionierte, gepflegte und schick gekleidete (Haus)Männer sehen, die realistisch kochen, putzen, waschen, bügeln und Kinder wickeln und trotzdem nicht das Hirn bei der Kasse abgegeben haben. Wir mögen keine ungepflegten und schlecht gekleideten Typen, die herablassend verkünden, sie wüssten es besser als Frauen nur weil sie Männer sind. Wer mag schon dummdreiste Überheblichkeit? Die Arroganten, die ihren zittrigen vorgestrigen Müttern die Gegenwart zeigen und ihnen den Unterschied zwischen Waschrumpel und Waschmaschine sowie den Gebrauch von Wasserenthärtern erklären, weil Frauen die letzten 50 Jahre Fortschritt verpasst haben, sind letztklassig. Und wer interessiert sich schon für Typen, die von ihren Übermüttern belehrt werden? Formbar ist ja ganz nett, aber abgenabelt von Mami sollten Werbemänner schon sein. Supermänner, Schlaumeier oder Waschlappen sind unerwünscht.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Vor unseren inneren Augen schwebt der gestylte Mann, der seiner lässig-sportlichen Partnerin den Einkauf ihrer Monatshygiene abnimmt, während sie sich um die Kondome kümmert…
Und dann sind wir aufgewacht!

© S. Strohschneider-Laue

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Liebe zwischen den Seiten - Ramirez Jr.

Sonntag, 07. Juni 2009

Notiz

Michael Yerry/Terry Ramirez Jr. kam nach Kleist

Micheal Yerry/Terry Ramirez jr.

Bücher sind Freunde, gehören zur Familie. In den späten 70ern des letzten Jahrhunderts kam der kleine spitzartige Hund “Kleist” in unsere Familie. Er schlich sich geschmeidig zwischen den Buchseiten von Heinrich Kleist’s sämtlicher Werke ein und gehört seither dazu. Seine Story habe ich in Kleist kam zu erst erzählt.

Vor einem oder zwei Jahren zog wieder ein Flohmarktbuch mit darin verstecktem Bewohner bei uns ein. Meine Tochter kaufte das Buch gemeinsam mit einem ganzen Stapel anderer englischer Taschenbücher auf dem Naschmarkt-Flohmarkt in Wien. Sie fand schon immer, dass man Geld grundsätzlich in Bücher, möglichst in englischsprachiger Horror- und Fantasyliteratur, angelegen sollte. Und eigentlich kann ich ihr nur beipflichten und zugleich sämtlichen religiösen und magischen Ritualen huldigen, die verhindern sollen, dass wir mit unseren Bücherbergen vom vierten in den dritten Stock durchbrechen. Antiquarisch kam also auch folgendes - bis dahin schmerzlich vermisste - Horror-Werk in unserer Wohnung:

 Anne Rice
The Mummy
Ballantine Books 1991

An der spannendsten - hoffentlich nicht der blutigsten - Stelle fand sich der kleine Michael. Ein ruhiges Kind, das eine ganze Weile unbemerkt zwischen den Seiten schlummerte. Auf der Seite stand “Tschaikowski 4. Symphonie”. Vielleicht war der kleine Michael deshalb so friedlich; denn er hörte die ganze Zeit gute Musik und erwartete sein weiteres Schicksal.

Auf der Rückseite des Babyfotos waren Name, Gewicht und Geburtsdatum vermerkt. Ein Glück, denn wenn es nicht so gewesen wäre, wäre es ihm wie Kleist ergangen, der seinen Namen dem “Fundbuch” zu verdanken hat. Irgendwie wäre gemäß deutscher Ausprache ”Mummy” für das Baby noch möglich, aber korrekt ”The Mummy” wäre inhaltlich doch etwas mehr als nur befremdlich für so ein kleines Geschöpf gewesen.

Wir verdanken dem kleinen Michael Yerry/Terry Ramirez Jr. (*15. August 1993) jedenfalls ungezählte Diskussionsstunden allein um des Buben Mittelname: Jerry, Yerry oder Terry? Und in Anbetracht der allgemeinen Globalisierung war es erfrischend, dass zwar weltweit Einheits-Papp zum Essen angeboten wird, aber die Maßeinheiten (lbs/oz/in) noch nicht erfolgreich überall vereinheitlicht wurden. Also über seine Idealmaße konnten wir uns vor lauter Schrägstrichen und/oder Einsen ohne Aufstrich* natürlich auch nicht einigen.

Somit gehört Michael der Minirätsel-Bub zur Familie. Er ist brav und verträgt sich auch mit Kleist gut. Seine eigentliche Familie hat ihn zwar aus dem Fotoalbum verloren, aber das unersetzbare Original behalten dürfen. Schön, wir wünschen ihm, dem Original und seiner Familie jedenfalls das Beste. Und falls Michael Yerry/Terry Ramirez jr. das hier liest, soll er immer daran denken, Er war jemanden so wichtig, dass er sogar beim Lesen - einer echten Solistentätigkeit - immer dabei sein durfte.

© S. Strohschneider-Laue

*Nicht der streichfähige Brotbelag, sondern der halbe Anlauf, den man hierzulande der Zahl “eins” auf der linken Seite als kurzes Stricherl von halb-links unten nach ganz-rechts oben vergönnt.

Siehe auch
Kleist kam zu erst
Loving Memory
Kriegsbriefe
Die Fotos der Rosi Z.

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Hasen, Angsthasen, Hasenhirne

Dienstag, 19. Mai 2009

Notiz

Von Hasen, Angsthasen und Hasenhirnen

Es war einmal ein sehr ängstliches und sehr dummes Häschen, ein richtiger ungebildeter Hasenfuß, ein echter einfältiger Angsthase. Das Häschen glaubte tatsächlich, dass jeder, wirklich jeder, es auffressen wollte. Da sagte es zu sich: „Wenn ich groß und stark wäre, müsste ich mich nicht fürchten, dann müssten sich alle anderen vor mir fürchten. Ich muss etwas tun, denn ausgewachsen bin ich schon und kräftiger werde ich sicher auch nicht mehr. Jetzt gehe ich mir ordentlich Mut antrinken, finde andere Hasen und ändere die Welt.” Zunächst begann das zittrige Häschen sich mit einem Glas frisch gebrauten Möhrli von der beliebten Möhrenbar an der Ecke zu stärken. Und dann stärkte es sich mit noch einem Möhrli und mit noch einigen weiteren frisch gezapften Möhrlis, bis sein Zittern vorbei und seine Zunge locker genug war, um seine Angst laut genug herauszuschreien. Als es daher so an der Theke der Möhrenbar stand und sich endlich möhrenstarken Mut angetrunken hatte, fragte es schließlich das Kaninchen neben sich: „Haben Hasen Angst gefressen zu werden?”

Und der andere Möhrlitrinker trommelte begeistert mit der Pfote auf die Theke und antwortet lautstark: „Ja, alle Hasen haben Angst!”

Erstaunt über die laute Zustimmung, schrie das Häschen möhrenmutig in die Runde, so dass alle anwesenden Kaninchen, Hasen und Meerschweine es hören konnten: „Wollen Hasen Angst haben gefressen zu werden?”

NEIN!”, brüllte die angeheiterte Möhrligesellschaft sehr laut und unkritisch zurück.

„Was wollt ihr Hasenherze dann?”, brüllte das von Möhrli und Zustimmung berauschte Angsthäschen von Neuem.

„Nie mehr Angst”, „nie mehr Angst”, nie mehr Angst”, grölten sie alle trunken im Chor.

Hasen, Kaninchen und Meerschweine stießen mit vielen Gläsern Möhrli gemeinsam auf die angstfreie Zukunft der Hasen an. Dazwischen sangen und sprangen sie durcheinander: „Nie mehr Angst”, „nie mehr Angst”, nie mehr Angst”! Das ängstliche Häschen thronte inzwischen wagemutig auf den Schultern von zwei Meerschweinen und dirigierte die Sprechchöre mit seiner welken Karotte.

Als plötzlich ein schon sehr unsicher auf seinem Barhocker schwankendes Kaninchen vernehmlich fiepte: „Nie mehr Angst und Freiheit für die Kaninchen!” Da wurde es blitzartig still und einige Kaninchen begannen zustimmend zu nicken.

Das ehemals ängstliche Häschen, genau der dumme Hasenfuß mit dem alles angefangen hatte, zeigte gebieterisch mit seinem Karottenszepter auf das vorlaute Kaninchen und befahl: „Nieder mit den Verrätern, nieder mit den Hasenfeinden!”

Im Nu fielen alle Hasen und Meerschweine gemeinsam über die Kaninchen her und zerrissen sie in tausend Stücke. Beglückt über ihren Sieg, stimmten sie wieder ihren Chor an: „Nie mehr Angst”, „nie mehr Angst”, nie mehr Angst”.

Als plötzlich ein schwer mit Möhrli angetrunkenes Meerschwein zu weinen anfing. Denn es gab auf einmal viel mehr Platz in der Möhrenbar, aber ohne die Kaninchen war es gar nicht mehr so kuschelig wie zuvor. Da wurde es wieder ganz still und die Meerschweine blickten sich betroffen um.

Das Anführerhäschen, ja wieder genau das ehemals so zittrige Angsthäschen mit dem alles angefangen hatte und das sich inzwischen ganz selbstbewusst von den Hasen herumgetragen ließ, zeigte nun gebieterisch mit seinem Karottenszepter auf das weinerliche Meerschwein und befahl streng: „Nieder mit den Verrätern, nieder mit diesen Kaninchenfreunden!”

Im Nu fielen nun die Hasen über die Meerschweine her und zerrissen sie in tausend Stücke. Aber nach diesem letzten Massaker waren nur noch die Hasen übrig und statt eines Sprechchors gegen Angst gab es nur noch Schweigen aus Angst, denn nun hätten sich die wenigen verbleibenden Hasen nur noch gegenseitig in Stücke reißen können.

Und die vielfältige Moral aus der Geschichte des einfältigen Angsthasen?

Fingerzeig © S. Strohschneider-LaueReden ist viel, Zuhören ist mehr und Verstehen ist alles! Denn hätten die Kaninchen, Hasen und Meerschweinchen weniger frisch gezapftes Möhrli getrunken und besser zugehört, hätten sie vielleicht verstanden, dass Angst Gewalt schafft und Gewalt keine Lösung ist! Und die Angsthasen wären stattdessen gemeinsam mit den Kaninchen und Meerschweinen eine vielfältige und kritikfähige Gemeinschaft gewesen, die jederzeit gemeinsam gegen Angst und Gewalt aufgetreten wäre.

© S. Strohschneider-Laue

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Wienerwald NEU(lich)

Samstag, 18. April 2009

Notiz

Wienerwald NEU(lich)

Wienerwald 2009 © S. Strohschneider-Laue

Vieles wird neu in Österreich.
Noch mehr wird umgefärbt in Österreich.
Und alles ist ganz anders in Wien.

Wenn das Eine allgemein auffällig Mist gebaut hat, bekommt es einfach “NEU” voran gestellt und/oder wird frisch eingefärbt. Das wurde bei Vereinigungen der Politik, Verbänden der Interessen und Verwaltungen des Geldes bereits im Sinne des “Gleich-Anders” praktiziert.

Das Frühjahr ist endlich gekommen und die WienerInnen strömen in ihren Hauswald. Und damit sie dort wieder herauskommen und weiter brav Steuern zahlen, um die TEuro-Finanzierung von Vereinigungen, Verbänden und Verwaltungen zu gewährleisten, wurden die Wanderwege frisch markiert bzw. neu eingefärbt.

Ob es die richtigen Wege zum Ziel sind, wird sich erst in langfristigen Feldversuchen am lebenden Subjekt bzw. toten Objekt zeigen. Verantwortungsbewusste, überlebende BügerInnen verhindern in diesem Wienerwaldachterl schon jetzt die Verschwendung von Steuergeldern für regelmäßige Suchtrupps durch die warnende Zusatzinfo “IRRWEG”. Schade, dass das bei Gleich-Anderem kaum möglich ist.

Ungeklärt ist, ob die alte Einritzung unterhalb der Bemalung und oberhalb des linksgerichteten Pfeils “Vu” oder “Vv” bedeutet. Möglich sind (je nach PISA-Stand):
Voll unterirdisch
Veg unbrauchbar
Viel Unbill
Voll valsch
Veg verfehlt
Viel Vorsicht

© S. Strohschneider-Laue

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Wiener Aktion 2009

Montag, 23. März 2009

Notiz

Hundstrümmerlkunst (A)/Hundehaufenkunst (D) in der zweiten Runde

Wiener Aktion 2009 © S. Strohschneider-Laue

Nach dem Aufflammen des Wiener Aktionismus 2008 wurde neulich eine weiteres Statement fotografisch dokumentiert. Nun ist Hundstrümmerlkunst keine Singularität mehr. Die Straßenszene hat die bürgerliche Empörung endgültig aufgespießt. Mit für Wiener Verhältnisse vehementer Eigendynamik (immerhin liegt erst ein Jahr zwischen dieser und der ersten Beobachtung) kam es daher zur bezirksübergreifender Spontansolidarität. Vom 16. auf den 7. übertragen, ist es nur noch eine Frage der Zeit bis die Wiener Innenstadt um eine flexible Attraktion reicher wird.

Eine neuerliche Stellungnahme des künstlerischen Leiters der Halle zu dieser Kunstform fiel nach einem Jahr tiefer Gedankenkrise überraschend aus, denn ”…seine Vorstellung von Kunst hat das virtuell Unfassbare hinter sich gelassen und bedient sich jetzt aus dem reichen Fundus ungeschützter freier Ideen junger Ungenierter…”

Eine Stellungnahme seitens kommunal Engagierter konnte wieder nicht eingeholt werden. Wohlinformierte Kreise kolportieren, dass Bürgernähe in Zeiten der Krise nicht notwendig sei, da wir ohnedies alle im selben Rinnstein lägen. Die Kommission, die bereits die letzte Aktion aufgriff, hat jetzt den undotierten “Rinnstein”-Wettbewerb ausgeschrieben. Die nicht unbeträchtliche Teilnahmegebühr soll - nach Abgeltung der Sitzungstantiemen für Funktionsträger aus Politik und Wirtschaft - an jene KünstlerInnen refundiert werden, die für die Kommission bisher gratis Ideen und Entwürfe geliefert haben.

Übrigens: Die minderjährigen Schaschlikspießschnitzer in Südostasien bleiben von etwaigen Nutzungsrechten ausgeschlossen und das Spießchen ist ab sofort unter Denkmalschutz gestellt.

© S. Strohschneider-Laue

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