Archiv für die Kategorie ‘Ausstellung’

Albertina: Heinrich Kühn & Walton Ford

Samstag, 19. Juni 2010

Heinrich Kühn und Walton Ford
Vollkommene Fotografie und Bestiarium
Albertina 
Heinrich Kühn 11. Juni bis 29. August ‘10
Walton Ford 18. Juni bis 10. Oktober ‘10

Zwei großartige Künstler erhalten in der Albertina eine würdige Plattform. Ihre Gemeinsamkeiten sind stilistisch unkonventionell, in ganz eigener Weise retro und zugleich narrativ zu sein. Es ist ein Glück für das kunstinteressierte Publikum, dass beide Ausstellung fast zeitgleich in der Albertina gezeigt werden.

Heinrich Kühn (1866 Dreden - 1944 Innsbruck)
Heinrich Kühn: Die vollkommene Fotografie 

Der technisch fortschrittlich orientierte Heinrich Kühn  vervollkommnete stets aufs Neue seine fotografischen Möglichkeiten, um künstlerisch harmonische, impressionistische Bilder zu fertigen. Den Schnappschusscharakter vieler seiner Fotos erzielte er durch minutiöse Planung und oft langwierige Sitzungen.

 

Im Mittelpunkt seiner Fotografie standen zu meist seine vier Kinder. Der festgehaltene Blick des Fotografen auf die eigene Familie und die umgebende Landschaft lässt seine großbürgerlichen im 19. Jahrhundert verhafteten Ansichten deutlicher hervortreten als es die künstlerische Unschärfe im ersten Moment der Betrachtung vermuten lässt. Seine patriarchalische Gesinnung gegenüber Frauen und Kindern ist trotz der idyllischen Sujets unverhohlen. Bedauerlicherweise wird dieser persönliche Aspekt Kühns ungeachtet des großen Blocks privater Fotografien nicht herausgearbeitet. Seine technischen Verdienste sowie seine Stellung innerhalb der internationalen Fotografie werden hingegen gelungen präsentiert. Ein exzellenter Kurzfilm verschafft zuletzt noch jenen Fotos, die nicht für Abzüge gedacht waren, einen passenden Auftritt.

  

Walton Ford (1960)
Walton Ford: Pancha Tantra

 

Altmeisterlich, perfekt und zugleich boshaft-humorig sind Walton Fords gewaltige Werke. Kein Wunder, dass sich ihre Besitzer nur ungern von ihnen für Ausstellungsprojekte wie dieses trennen. Mit Walton Fords Bildern lebt man, den Picasso hat man halt auch. Beliebigkeit kann man den Bildern jedenfalls nicht vorwerfen, stehen sie doch in einen kulturhistorischen Kontext und fordern eine Stellungnahme ein.

 

Zudem ist jedes Einzelne eine Augenweide. Lebensgroß, dramatisch und technisch ausgereift, zeigen sich die an alte Naturstudien erinnernden Bilder. Bei Verharren und Betrachten wird man entweder in das Geschehen hineingesogen oder spürt die bedrohliche Situation auf sich zukommen. Kalt lässt jedenfalls keines der gezeigten Themen. Man gönnt dem Toten, dass der Gorilla sein Gewehr verbiegt, besonders, da der Originalbericht, der dem Bild zugrunde liegt, eine andere Situation schildert. Abgeschlachtete und aufgestapelte Beutelwölfe, ein Monsterstar, der von anderen nach Amerika eingeschleppte “Shakespeare-Vögel” gefüttert wird oder wie das sinnlose Kanonenfutter von Borodino zu sinnvollem Futter für die Wildtiere wird. Es ist erfreulich zu sehen, wie meisterhaft Inhalt und Form qualitätvoll in einer Zeit zueinanderfinden in der seit Jahrzehnten schnell gequirlte Scheiße als aussagekräftige Kunst gilt. Und noch erfreulicher ist, dass dies in der Albertina gewürdigt wird, wo es gewisse Techniken, Materialien und Formate seit geraumer Zeit sehr schwer haben die Absolution zu erhalten.

Fazit: Beide Ausstellungen gemeinsam betrachtet, sind genussvoll wie ein mehrgängiges Haubenmenu. Man benötigt ausreichend Zeit, muss genau beobachten und anschließend zwischen den Zeilen lesen. Ein Genuss für Menschen, die Inhalt zu schätzen wissen.

© S. Strohschneider-Laue

Heinrich Kühn: Die vollkommene Fotografie 
Walton Ford: Pancha Tantra

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Dornröschen - Sleeping Beauty

Dienstag, 15. Juni 2010

Schlafende Schönheit
Meisterwerke viktorianischer Malerei aus dem Museo de Arte de Ponce (MAP)
Belvedere 15. Juni bis 3. Oktober 2010

Es ist ein großes Glück, dass das MAP zur Zeit ausgebaut wird und die Gemälde bis Oktober statt auf Puerto Rico in Wien zu sehen sind. 1959 wurde das durch den Industriellen, Politiker, Musiker und Kunstsammler Don Luis Alberto Ferré Aguayo (1904-2003) gegründete MAP eröffnet. Grundstock der Sammlung bildeten 71 von ihm gestiftete Gemälde. Unter zahlreichen bedeutenden Gemälden europäischen Kunstschaffens befinden sich auch etliche Schlüsselwerke viktorianischer Malerei in der Sammlung. In den 60er Jahren wurden sie weit unter ihrem heutigen Wert verkauft, da sie u. a. dem Zeitgeschmack nicht mehr entsprachen.

 

Nach Präsentationen in London, Madrid, Den Haag und Stuttgart werden die Werke, darunter auch das Monumentalgemälde von Burne-Jones “The Sleep of King Arthur in Avalon”, im Belvedere ausgestellt, bevor sie zurück nach Puerto Rico reisen. Hinter dem etwas unglücklichen Titel “Schlafende Schönheit”, unter dem man im Englischen ”Dornröschen” verstehen würde, verbirgt sich viel mehr als das Märchenthema. Die Schau im Belvedere hat es sich zur Aufgabe gemacht, die 65 gezeigten Gemälde in einen größeren Kontext im Vergleich zwischen Nazarener und Präraffaeliten zu zeigen sowie einen Querbezug zu den gleichzeitig in Österreich wirkenden Künstlern herzustellen.

Dass hingegen das Märchenthema nicht minder zu schätzen ist, wird durch Burne-Jones’ Gemäldezyklen deutlich. Auf dem ersten Bild ist der Ritter zu sehen, wie er vor der Dornenhecke steht und fünf  - nicht wie behauptet vier - tote Ritter und Reste der Ausrüstung im Gestrüpp vorfindet. Das zweite zeigt den schlafenden König mit seinem Hofstaat und das letzte Bild schließlich das schlafende Dornröschen mit drei Dienerinnen. Betrachtet man diese Bilder in Zusammenhang mit den Walter Crane geschaffenen Buchillustrationen, wird deutlich wie prägend die Bildsprache des 19. Jh. und deren Rezeption für das Märchenverständnis bis in die Gegenwart geblieben ist. Zugleich zeigt das Beispiel “Buch als Gesamtkunstwerk” wie obsolet die Unterscheidung zwischen Kunst und Kunstgewerbe ist.

 

Besonders gut gelingt der Querbezug zu Österreichs Kunstschaffenden jener Zeit in der Gegenüberstellung von Frederic Leightons “Flaming June” mit anderen erotisch positionierten Schläferinnen. Darunter sticht vor allem das “Leda-Motiv” hervor, das seine Krönung in Reiters “Schlummernder Frau” erfährt. Hier reduziert sich der - gerupfte - Schwan auf ein pralles Federbett, dessen bauschige Form an den “entschlafenen” Vogel erinnert.

  

So sehr dies auch die BetrachterInnen heute zum Schmunzeln bringen mag, ist die im 19. Jahrhundert zwar ebenso heiß begehrte wie in dieser moralinsauren Zeit schwer verkäufliche Erotik geschickt und vielfältig in Szene gesetzt. Dem Zeitgeist entsprechend wird religiöses und/oder nationales Gedankengut aufgegriffen. Die Künstler des 19. Jh. bedienten sich wie ihre Vorgänger u. a. mythologischer Themen, um nackte Körper an den “Mann” zu bringen. Denn es sind Männer, die das nötige Kleingeld besaßen, um Gemälde zu erwerben. Und natürlich waren - und sind bis heute - mit dem Erwerb eines Gemäldes persönliche Ziele verbunden. Zum einen kann der öffentliche Eindruck und zum anderen das weit gesteckte Feld des privaten Vergnügens gefördert werden. 

 

Unabhängig vom Sujet, bleibt Schönheit ein erfreulicher Anblick. Auch wenn zerbrechliche Frauen in Leidens- und Opferrollen nicht “jederfraus” Geschmack treffen, sind - unabhängig von den überragenden künstlerischen - die komplex erzählerischen Qualitäten der Werke eine wunderbare Entschädigung. Genugtuung verschafft daher die genaue Betrachtung Millais’ ”The Escape of a Heretic”. Dem mit dem eigenen Rosenkranz geknebelten Priester, der mit auf den Rücken gebundenen Händen noch nach dem Umhang der Flüchtenden greift, gilt die Häme der BetrachterInnen.

Fazit: Definitiv eine Ausstellung, die man mit einem Lächeln verlässt. Unbedingt mit der ganzen Familie mit oder ohne Themenführung ansehen! Anschließend nicht vergessen den exquisiten und trotzdem erschwinglichen Katalog zu kaufen, so dass man sich auch daheim noch an den Bildern erfreuen kann.

© S. Strohschneider-Laue

siehe auch:
Frederic, Lord Leighton (1830-1896): Maler und Bildhauer der viktorianischen Zeit 
Edward Burne-Jones · The Flower Book
William Morris 
Die Nazarener. Religion, Macht, Kunst
Präraffaeliten
Gustav Klimt. Auf der Suche nach dem Gesamtkunstwerk

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Juden, Christen und Muslime

Donnerstag, 06. Mai 2010

Juden, Christen und Muslime
Interkultureller Dialog in alten Schriften

ÖNB Prunksaal
7. Mai bis 7. November ‘10

Juden, Christen und Muslime: Interkultureller Dialog in alten Schriften

Der Titel wird der fantastischen Ausstellung thematisch nicht gerecht. Geht es doch um Naturwissenschaft, die inhaltlich Menschen eint, welche politisch-religiös geschürtes Kalkül deutlich zu trennen sucht.

Das Streben nach Erkenntnis und das Suchen nach Antworten ist das Kennzeichen des Wissenschaft. Dazu wird auf bestehende Grundlagen aufgebaut, werden diese ergänzt oder verworfen. Heute publiziert die Naturwissenschaft überwiegend auf Englisch. In der Antike waren Latein oder Griechisch, später auch Arabisch oder Hebräisch die Sprachen, die die Welt der Wissenschaft regierten. Vor dem maschinellen Druck, der große Auflagen ermöglichte, wurde handschriftlich - oft kunstvoll illustriert - vervielfältigt. Wichtige Schriften wurden von einer Sprache in die nächste, vielleicht sogar in weitere übersetzt. Wenn das Original verloren ging, blieben nur die mehrfach übersetzten, vermutlich gekürzten, ergänzten und jeden Fall veränderten Kopie erhalten. Den Orignalwortlaut in diesem Babel aus Abschriften und Mehrfachübersetzungen zu finden, war bereits damals und ist erst recht heute eine gigantische Herausforderung. Der Reibungsverlust in der Wissensvermittlung entstand aber nicht durch die Sprachvielfalt, sondern durch den immer neu belasteten interkulturellen Dialog, der durch Vorurteile, religiöse Dogmen und politische Differenzen ausgebremst wurde oder zeitweilig völlig zum Erliegen kam.

Die Österreichische Nationalbibliothek stellt sich mit jeder neuen Ausstellungen der Herausforderung die Finger auf die wunden Punkte des interkulturellen Dialogs zu legen. Bei dieser ist es dem Team um Dr. Andreas Fingernagel, Direktor der Sammlung von Handschriften und alten Drucken der Österreichischen Nationalbibliothek, besonders gut gelungen diesen Aspekt deutlich werden zu lassen.

Die Herstellung von Schriften und Büchern in griechisch-byzantinisch, lateinisch, arabischen und jüdischen Schriftkulturen, die die Spätantike und das europäische Mittelalter dominieren, sowie die damit verbundenen Traditionen führen in die Ausstellung ein. Zwei Bereiche der Naturwissenschaften greift die Ausstellung anschließend vertiefend auf: Medizin und Pharmakologie auf der einen Seite, auf der anderen Seite Astronomie und Astrologie.

  

Erstaunliche Kostbarkeiten werden dazu für kurze Zeit präsentiert. Darunter auch astronomische Handbücher mit beweglichen Teilen, die als exakte Messgeräte zur Himmelbeobachtung oder zur Erstellung von Horoskopen dienten. Oder solche wie das Losbuch, die mit ihrer Himmelsdarstellung stark an die bronzezeitlichen Fund der Himmelsscheibe von Nebra erinnern. Astronomische Beobachtungen und ihre Resultate sind über zahlreiche Kulturen, weite Räume und lange Zeiten vermittelt und zusammengetragen worden. So gesehen könnte, das Universum als das ewig verbindende Element der Völker und Kulturen bezeichnet werden.

Die empfindlichen Schriften werden nach Ablauf der Ausstellung aus konservatorischen Gründen wieder dunkel und gut klimatisiert aufbewahrt werden müssen, um auch für künftige Generationen erhalten zu bleiben.

 

Besonders empfindlich und einzigartig ist der “Wiener Dioskurides” (vor 512), der zum UNESCO-Weltdokumentenerbe zählt. Das älteste erhaltene wissenschaftliche Werk der Spätantike mit Darstellungen von Ärzten, Tieren und Pflanzen wird nur bis zum 16. Mai im Original zu sehen sein; anschließend wird statt des Originals ein Faksimile zu sehen sein. Die von diesem Buch inspirierten Schriften wie z. B. Herbarien belegen den langfristigen Einfluss, den Grundlagenwerke wie dieses gehabt haben.

 

Beispielgebend für interkulturellen Dialog, für kulturelle Anpassung unwandelbarer Inhalte ist der “Eid des Hippokrates”. In der Ausstellung werden die “Medizinischen Schriften” des Hippokrates in einer der ältesten griechischen - und somit originalsprachigen - Ausgaben gezeigt. Das Standardwerk der Medizin war auch für den Arzt des Mittelalters noch maßgeblich.

   

Kranken zu helfen, wie es die Klöster von der fürsorgenden Seite betrieben, und Krankheiten zu prophylaktischen Zwecken erforschen, sind unterschiedliche medizinische Ansätze, die in den Schriften deutlich werden.

 

Der Bogen spannt sich von Anleitungen zu gesunder Lebensführungen, über Therapien im Erkrankungsfall bis hin zur Verarbeitung von Früchten und Gewinnung von Arzneimitteln.

  

Detailreiche Illustrationen zur Behandlung sowie den benötigten chirurgischen Instrumenten zeichnen die Lehrbücher aus - obwohl etliche dazu beitragen, dass man für den heutigen Forschungsstand dankbar ist, sollte man ärztliche Hilfe benötigen.

Fazit: Der Prunksaal ist immer einen Besuch wert. es erstaunt immer wieder wie es den Abteulungen der Nationalbibliothek gelingt diesen ausstellungstechnisch völlig ungeeigneten so gelungen zu bespielen. Die Der großartige erzählerische Bogen und die stimmige Auswahl der in jeder Hinsicht eindrucksvollen Werke sind mehr als nur einen Besuch wert. Die zweisprachig (dt./engl.) abgefassten Ausstellungstexte sind eingängig und machen Lust auf mehr. Das “Mehr” bietet der zugehörige Katalog, der m. E. auch in jeder Schulbibliothek vertreten sein sollte.

© S. Strohschneider-Laue

Juden, Christen und Muslime: Interkultureller Dialog in alten Schriften

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Barock: Jakob Prandtauer

Donnerstag, 06. Mai 2010

350 Jahre Jakob Prandtauer
Einem barockem Lebensgefühl auf der Spur
Landemuseum Niederösterreich 9. Mai ‘10 bis 26. April ‘11
Stadmuseum St. Pölten 7. Mai bis 31. Oktober ‘10
Diözesanmuseum St. Pölten  8. Mai bis 30. Oktober ‘10
Stift Melk 9. Mai bis 7. November _10

Das 350. Geburtsjahr des genialen Barockarchitekten Jakob Prandtauer ist Anlass seine Persönlichkeit, seinwerk und seine Zeit einer näheren Betrachtung zu unterziehen. Vier Museen in St. Pölten und Melk zeigen zu Leben und Werk des Barockarchitekten inhaltlich gut auf einander abgestimmte Ausstellungen. Ausstellungsbegleitend erscheinen drei Kataloge und im Landesarchiv wird vom 23.-25. September ‘10 ein Symposium stattfinden.

Jakob Prandtauer (1660-1726) war einer der bedeutendsten Barockbaumeister. Der aus Tirol stammende Maurerlehrling wurde vor 1692, das Jahr seiner Heirat mit der gräflichen Kammerzofe Maria Elisabeth Rennberger, in St. Pölten (Klostergasse 15) heimisch. Zunächst als Bildhauer beschäftigt, erhielt er bald die ersten Bauaufträge. Im Laufe seines schaffensreichen Lebens war er Architekt von kleinen und gewaltigen Projekten. Obwohl der Baumeister Jakob Prandtauer und Stift Melk untrennbar sind, sind auch seine Brückenentwürfe, Keller, Pfarrhöfe oder Schlösser bedeutende Zeugnisse barocker Architektur. Als Prandtauer 1726 starb, hatte er die Landschaft zwischen St. Pölten und St. Florian durch seine Bauwerke entscheidend und bis heute geprägt.

Leben im Barock
Das Landesmuseum Niederösterreich präsentiert das Leben im Barock aus der Sicht des Baumeisters Jakob Prandtauers und seiner Gattin Maria Elisabeth. Als Einstimmung auf die weiteren Ausstellungen, die sich schwerpunktmäßig Prandtauers Werk widmen, ist sie ideal geeignet. Die Präsentation widmet sich den kulturellen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Faktoren, die Prandtauers Leben maßgeblich bestimmten.

  

In vielen Bereichen war das Leben um 1700 streng reguliert. Von der Kleiderordnung über das Recht auf Kutschfahrten bis hin zu Gewerbeverordnungen oder zum Bürgerstatus reichten die gesellschaftlichen Bestimmungen. Um angenehm und abgesichert über die Runden zu kommen, bedurfte es nicht nur ein regelmäßiges Einkommen, sondern auch einer bestens organiserten Haushaltsführung. Mit den Einkünften des viel beschäftigen Baumeisters und der hauswirtschaftlichen Fähigkeiten seiner Frau war der fünfköpfigen Familie Prandtauer ein wohlsituiertes, bürgerliches Leben möglich.

  

Mit einer klaren Leitlinie und erzählerischer Kraft gelingt es der Ausstellungskuratorin Dr. Elisabeth Vavra (Direktorin des Instituts für Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit) den Barockalltag im Privatleben und im öffentlichen Raum lebendig werden zu lassen. Die zum Teil stark zurückgenommene Gestaltung der Ausstellung nimmt der frischen Erzählweise und der sprechenden Objektauswahl nicht den Elan.

Der Profanbaumeister
Die weltlichen Aufträge des Baumeisters stehen im Mittelpunkt der Ausstellung des Stadtmuseums. Der erste Stock bietet, Raum für Raum übersichtlich durch die Kuratorin und Barockspezialistin Dr. Huberta Weigl gegliedert, einen Überblick über das Gesamtwerk Prandtauers.

  

Die von Text und Bildern dominierte Ausstellung bindet, wo es denn möglich ist, Originalobjekte, zeitgenössische Ansichten und Modelle ein. Die übersichtliche Struktur sowie der geschickte Einsatz von optischen Reizen macht die Informationsfülle leicht aufnehmbar. Besucherfreundlich formuliert, ist den Begleittexten zu den Bauwerken u.a. vorangestellt, ob es sich um gesicherte oder des Œuvre des Meisters zugeordnete Objekte handelt.

Die Umsetzung des attraktiven Entwurfs hätte etwas sorgfältiger ausfallen können, doch der exzellent aufbereitet Inhalt wird spielend die Aufmerksamkeit bündeln.

Planen und Bauen im Dienste der Kirche
Im Diözesanmuseum wird der Kirchenbaumeister Prandtauer u. a. in den beeindruckenden Räumen der Bibliotheken und im Gartenpavillon, gewürdigt.  Vor allem seine “Großbaustellen” wie Stift Melk, Herzogenburg oder St. Florian werden den meisten BesucherInnen geläufig sein. Überraschen werden hingegen die zahlreichen kirchlichen Wirtschaftsbauten.

   

Die Entstehungsgeschichte dieser Bauten, die Wechselwirkung zwischen Architekt und Auftraggebern sowie die Kooperation des Baumeisters mit den Handwerksbetrieben zeigen die enorme Dimension der Großbaustellen auf. BesucherInnen, die selbst einmal ein Gebäude errichten ließen, umgebaut oder renoviert haben, werden entdecken, dass sich seit der Barockzeit nicht alles - egal ob zum Besseren oder Schlechteren - gewandelt hat. 

   

Die Kuratorin Dr. Weigl setzt die im Stadtmuseum die vorgegebene Struktur - angepasst an die Räumlichkeiten - konsequent fort. BesucherInnen werden auch dadurch beide Ausstellungen inhaltlich gut miteinander verbinden können.

Dem Meister auf der Spur
Stift Melk, das beeindruckende und mächtige Hauptwerk Prandtauers, ist unabhängig vom Gedenkjahr immer einen Besuch wert. Das UNESCO-Weltkulturerbe Stift Melk widmet seinem Architekten im sog. Prandtauerkeller einen Werkschau, die als Überblick und Verweis auf die Sonderausstellungen in St. Pölten zu verstehen ist.

Fazit: Unbedingt ansehen, aber auch genug Zeit für die vier Standorte einplanen. Mit dem großen oder kleinen Prandtauerticket lässt sich dies übrigens kostengünstig und zeitunabhängig managen. Zu den Ausstellungen in St. Pölten sind drei, einander ergänzende Kataloge erschienen. Einerseits spiegeln sie den aktuellen Forschungsstand, andererseits sind sie spannende sowie publikumsgerechte Lektüre über das Leben im Barock sowie Jakob Prandtauer. Zugleich lädt das übersichtliche Werkverzeichnis ein, dieses als kompetenten Reiseführer für Entdeckungsfahrten in Nieder- und Oberösterreich zu verwenden.

© S. Strohschneider-Laue

siehe auch:
Jakob Prandtauer: Die Klosterbauten
Der Barockbaumeister Jakob Prandtauer

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Silhouettenwechsel

Dienstag, 04. Mai 2010

Isabella Belting
Mode sprengt Mieder
Silhouettenwechsel

Hirmer 2010, 144 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 7774 2491 0 

Mode sprengt Mieder: Silhouttenwechsel

Das männliche Begehren bestimmt das Erscheinungsbild und die Chancen von Frauen. Deren Komplizenschaft ist den Männern sicher. Seit Jahrhunderten wird die Form des weiblichen Körpers gnadenlos manipuliert, um dem gerade herrschenden Schönheitsideal zu entsprechen.

In der Vergangenheit wurden Frauenleiber hemmungslos eingeschnürt, aufgepolstert und in Drahtkäfige gesteckt. Die Phasen der Befreiung von Korsett und Reifrock waren kurz und umstritten. Erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts wurde das Mieder zum optionalen Extra. Das Buch “Mode sprengt Mieder. Silhouettenwechsel” folgt dem Schrumpfen und Expandieren der Konturen von Busen, Taille und Po. Ausgangsbasis für die Zeitreise durch die Geschichte der formenden Unterwäsche sind Kleider aus den Sammlungen des Münchner Stadtmuseums. Illustrationen aus Modejournalen und medizinischen Abhandlungen, Karikaturen, Anzeigen und Modefotos dienen als Beispiele für die Vermarktung der vorgestellten Modetrends und ihrer Rezeption in der Öffentlichkeit.

Die Entwicklung der Damenmode vom 18. bis zum 20. Jahrhundert wird in Form einer Erzählung präsentiert. Durch diesen ebenso originellen wie gewöhnungsbedürftigen Zugang ist es Isabella Belting möglich, kostüm- und sozialgeschichtliches Wissen spielerisch zu verweben. Die, bedauerlicherweise stereotype Geschlechterrollen tradierende, Rahmenhandlung ist schnell wiedergegeben. Ein - natürlich - männlicher Professor schickt eine zwar fachlich versierte, aber naive und fügsame Studentin mittels einer als Korsett getarnten Zeitmaschine in die Vergangenheit, um Daten für sein Forschungsprojekt zu sammeln. Samanta, so heißt das Versuchskaninchen, darf am eigenen Leib erfahren, wie sich die Mode der Epochen, die sie als Zeitreisende besucht, trägt.

Als Dienstmädchen muss sie im Jahr 1780 mitansehen, wie bereits kleine Mädchen brutal geschnürt werden, damit sie später am Heiratsmarkt Erfolg haben. Tiefer Ausschnitt, schlanke Taille und mit Drahtgestellen oder Polsterungen verbreiterte Hüften gelten als erotisch. Wenige Jahrzehnte später darf Samanta ohne Korsett als Bürgerstochter im hauchdünnen Chemisenkleid frieren. Besonders Mutige lassen sogar die Unterwäsche weg und zeigen, im neuen Körpergefühl schwelgend, alles. Die Freiheit währt nicht lange. Ab 1815 wird wieder geschnürt, dass das Fischbein kracht und den Frauen die Luft wegbleibt. In die Jahre um 1900 versetzt, sammelt Samanta Erfahrungen mit einem s-förmig geschwungenem Korsett der Sans-ventre-Linie und den billigen Mieder einer Dienstbotin. Zu dieser Zeit sind die durch das Schnüren verursachten gesundheitlichen Schäden bereits gut dokumentiert. Dennoch findet das lose Reformkleid bei den Frauen, die noch immer darauf angewiesen sind eine gute Partie zu machen, wenig Anklang - es ist einfach nicht sexy. Erst in den Zwanzigerjahren gewinnen die Frauen an Unabhängigkeit. Ihre neue Stellung in der Gesellschaft spiegelt sich in der modernen Silhouette der Kleidung, die ohne Korsett auskommt. Doch diese Epoche überspringt Samanta, um sich an den femininen Kleidchen und der zugehörenden modellierenden Unterwäsche der 50er Jahre zu erfreuen. Erst bei ihrem letzten Zeitsprung in die 60er-Jahre verabschiedet sie sich endgültig vom Schnürmieder. Im letzten Kapitel kehrt Samanta wieder in die Gegenwart und deren modische Vielfalt zurück. Das Schlusswort hat - wie könnte es anderes sein - der Professor.

“Mode sprengt Mieder. Silhouettenwechsel” bietet einen launig geschriebenen Überblick über das Wechselspiel der historischen Modetrends. Die Erzählform eignet sich bestens dazu auch die Leiden jener, deren Körper nicht mit dem modischen Ideal harmoniert, zu schildern. Letztendlich ist es ein Buch, das nachdenklich machen sollte. Des Zwangs zum Korsett hat sich Frau entledigt. Werden ihn Diät und Schönheitsoperation ersetzen?

© Ch. Ranseder

Mode sprengt Mieder: Silhouttenwechsel

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Anton Romako

Mittwoch, 28. April 2010

Meisterwerke im Fokus
Anton Romako - Tegetthoff in der Seeschlacht bei Lissa
Belvedere 29. April bis 25. Juli 2010

In der Ausstellungsreihe “Meisterwerke im Fokus” des Belvedere steht mit dem außergewöhnlichen Werk des Künstlers Anton Romako (1832-1889) zugleich ein wichtiger militärhistorischer Aspekt im Mittelpunkt.

   

Im Zuge des dritten italienischen Unabhängigkeitskriegs 1866, der durch die Verluste an der zweiten Front im Krieg zwischen Österreich und Preußen zu Gunsten Italiens verlief, war die österreichische Seite in einigen Schlachten gegen Italien siegreich. Eine davon ist die Seeschlacht bei Lissa (kroatische Insel Vis) bei der die größere und modern ausgerüstete Flotte Italiens trotz des erstmaligen Einsatzes von Panzerschiffen den in jeder Hinsicht veralteten österreichischen Holzschiffen unterlag. Der österreichische Konteradmiral Wilhelm von Tegetthoff erzielte den Seesieg bei Lissa aufgrund seiner Rammmanöver, die durch die mangelnde Vorbereitung und Desorganisation der italienischen Admiralität zusätzlich begünstigt wurden.

Der Fokus liegt auf Anton Romakos Interpretation der Seeschlacht bei Lissa. Begleitend werden Objekte, Fotografien und Kunstwerke, die in Zusammenhang mit Tegetthoff und der Schlacht bei Lissa stehen - darunter auch ein Modell des k.u.k. Flaggschiffs Erzherzog Ferdinand Max - gezeigt. Die raren Fotografien von Gustav Jägermayer (1834-1901) dokumentieren den industriellen Aspekt, der hinter dem Kriegsgeschehen stand.

Die Interpretation Anton Romakos sticht unter den damals üblichen Darstellungen von Kampfhandlungen aus verschiedenen Gründen heraus. Seine unkonventionelle Sichtweise auf das Geschehen, über die emotionale Dramatik im Ausdruck der Beteiligten wich grundlegend von der herkömmlichen distanziert-heroischen und zugleich emotionslos beobachtenden Dokumentation der Gesamtsituation ab. Nicht die Gewalt der der enormen Materialschlacht, sondern der Einsatz des Einzelnen und deren Emotionalität im Zuge der Kampfhandlungen werden gezeigt. Das Bild wurde in Wien abgelehnt, obwohl durch Kaiser Franz Josef I. eine zweite Fassung privat angekauft wurde.

  

Anton Romako hatte mehrere Talente. Sein größtes Talent war nicht sein künstlerisches Können oder seine stilistischen Eigenheiten, sondern hinter die Fassade zu blicken und die dramatischen und emotionalen Aspekte in seinen Werken zum Ausdruck zu bringen. Seine künstlerische Exzentrizität sowie die Tatsache seiner Zeit stilistisch weit voraus zu sein, verhinderten seine allgemeine Anerkennung. Verbunden damit häuften sich gegen Ende seines Lebens wirtschaftliche Rückschläge, die von privaten Niederlagen und Tragödien gefolgt waren.

Von den über 880 Werken Anton Romakos befinden sich 50 in der Sammlung des Belvedere. Die kleine aber feine für die Ausstellung getroffene Bildauswahl repräsentiert das Oeuvre des Künstlers ohne vom inhaltlichen Schwerpunkt der Ausstellung abzulenken. Darunter beeindruckende Porträts, u. a. Kaiserin Elisabeth bar des verklärenden Sisi-Mythos, und Landschaften.

Fazit: Unbedingt ansehen, aber zum tieferen Verständnis des historischen Zusammenhangs sind Führung und Ausstellungskatalog (Hirmer Verlag) sowie für den Überblick zu Leben und Werk Anton Romakos ist das Werkverzeichnis (Verlag Bibliothek der Provinz) nötig!

© S. Strohschneider-Laue

siehe auch:
Anton Romako. 24 Aquarelle
Katalog der Gedächtnisausstellung Anton Romako, Akademie der Bildenden Künste, Wien, 25. März - 14. Mai 1950
Der Maler Anton Romako 1832-1889

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Aliens - Neobiota

Dienstag, 23. März 2010

Aliens - Pflanzen und Tiere auf Wanderschaft
Landesmuseum Niederösterreich 14. März ‘10 bis 13. Februar ‘11

Aliens. Neobiota in Österreich

Das Jahr, als die tief greifenden Veränderungen begannen, war 1492. Kolumbus entdeckte damals statt eines Seewegs nach Indien aus Versehen einen Kontinent: Amerika. Die Wikinger hatten das zwar schon 500 Jahre zuvor geschafft, aber mit so geringen Folgen, dass ihr Siedlungen noch gar nicht so lange bekannt sind. Kolumbus hingegen löste folgenschwere und weltweite Transporte von Pflanzen, Tieren und mehr aus. Mit teilweise verheerenden Folgen haben alle nachfolgenden Generationen diesen Lebendtransport mehr oder weniger absichtlich bis heute fortgeführt.

Die Ausstellung im Landesmuseum Niederösterreich steht ganz unter dem Zeichen der Neobiota, also jener Aliens, die nach 1492 in alle Welt transportiert wurden.

 

Heute werden die biologischen Invasoren nicht mehr mit der Santa Maria transportiert. Sie reisen zeitgemäß auch mit dem Flugzeug ein. Daher präsentiert sich die gesamte Ausstellung ganz passend als Airport. Beginnend von den klaren Wegweisern bis zu den farblich deutlich von einander abgetrennten Themenbereichen besticht die optisch klare Struktur der Ausstellung.

 

Die Ausstellung wird - gemeinsam mit winzigen Süßwasserquallen - durch ein Gate betreten und informiert im ersten, tief schwarz gehaltenen Raum zunächst über Fachbegriffe. Zugeben wird kaum jemand, dass er die meisten Begriffe nicht einmal im Biologieunterricht gehört hat. Aber die Klappen, hinter denen sich die Erklärungen befinden, macht großen und kleinen EntdeckerInnen Spaß und fesseln die Aufmerksamkeit. Der Informationsfluss findet auf diese Weise fast unbemerkt statt.  

 

Im Verbindungsgang begrüßt strahlendes Gelb der “Alien Airlines”. Hier werden die “Formalitäten” der Einreise erledigt: Wer kommt auf welchem Weg und warum,  wer bleibt und findet seinen Platz, wer reist weiter und wer verursacht wodurch Schwierigkeiten. Der Gang widmet sich nicht nur der Situation in Österreich und Europa, sondern betrachtet Neobiota und ihre Wirkungen weltweit. So werden auch Dominoeffekte der biologischer Katastrophen aufgezeigt, die durch absichtlich eingeführte Hasen, Füchse, Katzen oder Kröten ausgelöst werden können, wenn diese Tiere dort nicht ursprünglich beheimatet waren.

 

Folgt man dem Gang bis zu seinem Ende bieten drei Kuben zu Klimawandel, Gesundheit und Naturschutz pointierte Informationen, die das Alien-Thema abrunden. Damit man die Zuwanderer optisch und akustisch erkennen kann, lädt ein Simulator zum Ausprobieren ein.

Der Sonderausstellungsraum ist ganz den Neobiota in Österreich gewidmet. Präparate und lebende Tiere werden BesucherInnen dadurch überraschen, dass sie nicht Einheimische, sondern Zuwanderer sind. Strahlende Farben unterstreichen die Themen der räumlich voneinander abgegrenzten Bereiche.

Umgeben von Grün und Blättern wird man in der Botanik so manchen Gartenfreund sowie hübsches oder lästiges Unkraut erkennen. 

  

Blau und türkis erstrahlt der nächste Abschnitt. Signalkrebs und Rotwangenschildkröte werden hier mit anderen Wasserlebewesen als Zuwanderer vorgestellt. Die Geschichten ihrer Einreisen und ihrer Auswirkungen werden dabei sicherlich überraschen.

  

In Violett machen sich Schwan, Waschbär, Damwild und das lebende Rattenpärchen richtig gut. Die hier gezeigten Wirbeltiere sind u.a. Kulturfolger oder wurden als Nutztiere eingeführt. Pelzträger sind manchmal auch aus Zuchtanlagen entkommen.

 

Und so niedlich ein Waschbär auch ist, wenn er nächtens Mülltonnen ausräumt, macht er sich schnell unbeliebt. Und wer hätte das gedacht, selbst der Schwan ist ein Alien. 

  

Da man bei vielen genau hinschauen muss, um die kleinen Fremdlinge zu entdecken, verleiht ihnen Magenta zusätzliches Flair. Selbst eine wenig einnehmende Made gewinnt bei dieser Farbe an Attraktivität. Nicht minder spannend sind die Wirbellosen, die sich nach und nach in Österreich verbreitet haben. Der Kartoffelkäfer, der mit seiner Lieblingsspeise aus Amerika eingewandert ist, ist hier ebenso zu finden wie asiatische Marienkäferchen, die für den Weinbau keine Glücksbringer sind.

  

Als erschreckend beeindruckend erweist sich das Gespräch dreier WissenschafterInnen. In dunkler Atmosphäre kann man den Ausführungen im letzten Abschnitt sitzend lauschen, während leises Grauen die Haare im Nacken aufstellen lässt; denn manche Neobiota können Ihre Gesundheit gefährden.

 

Übrigens, wenn sie diesem hübschen Kerlchen im Burgenland begegnen, sehen sie keinen Wolf, keinen Hund, keinen Fuchs, sondern einen Goldschakal.

Fazit: Unbedingt ansehen und ein tolles Erlebnis für die ganze Familie. Gönnen Sie Ihren Kindern genug Zeit, um das Museumslabor zu erkunden und winzig Kleines riesig groß zu sehen!

© S. Strohschneider-Laue

siehe auch:
Aliens. Neobiota in Österreich

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Augenschmaus

Sonntag, 07. März 2010

Non-Fiction

Ingried Brugger, Heike Eipeldauer (Hgg.)
Augenschmaus
Vom Essen im Stillleben

Prestel 2010, 248 S., zahlr. Farbabb. 
ISBN 978 3 7913 5016 5

Augenschmaus: Vom Essen im Stillleben

Das schmucke Buch “Augenschmaus. Vom Essen im Stillleben” hält was sein Titel verspricht. Ob staunenswerter Riesenrettich, prunkvolles Tischgeschirr oder die Reste einer kargen Mahlzeit - die ausgewählten Kunstwerke sind ein sinnlicher Genuss, der die Fantasie beflügelt. Die Vorstellung von Geschmack und Geruch der dargestellten Nahrungsmittel, das Erfinden von passenden Rezepten und das Spekulieren über illustre Tischgesellschaften spornen zu vergnüglicher geistiger Tätigkeit an. Heute setzen Food-Stylisten Leckereien und Geschirr für Lifestyle-Magazine und edle Kochbücher in Szene, früher griffen virtuose MalerInnen zum Pinsel.

Die kunstfertig komponierten Stillleben berichten nicht über heroische Taten, der Mensch ist in ihnen nur indirekt präsent. Dennoch kann, wer sehen will, in ihnen Geschichten von den kleinen Freuden und Ritualen des häuslichen Alltags entdecken. Stillleben erzählen von Hingabe und Askese, Sinnesfreuden und deren Beherrschung, dem Stolz an Besitz von Statussymbolen, Prunksucht und Bescheidenheit, Lebenslust und dem Bewusstsein der Sterblichkeit. In Zeiten periodisch wiederkehrender Hungersnöte mag ein stattlicher Schinken den ultimativen - und daher bildwürdigen - Luxus verkörpert haben. Kostbare Pokale aus Edelmetall, chinesisches Porzellan und andere Preziosen waren in der frühen Neuzeit alles andere als gewöhnlich.

Die Geburt des autonomen Stilllebens im Lauf des 16. Jahrhunderts belebte den Kunstmarkt. Sammler und Genießer schätzten die Werke von KünstlerInnen, die Nahrungsmittel, Hausrat und exotische Kuriositäten einsetzten, um Aussagekräftiges und Schönes zu schaffen. Von den Mitgliedern der akademischen Kreise, in denen Historiengemälde als die Krönung der malerischen Schöpfung galten, wurde das Stillleben jedoch lange Zeit als niedrig geschmäht. Diese Beurteilung erwies sich als kurzsichtig, denn das geringe Ansehen des Stilllebens wurde von KünstlerInnen als Chance begriffen: In diesem Genre konnten sie sich ganz der Lust am Malen hingeben und so neue Wege beschreiten. Diese Flexibilität des Stilllebens als vielseitiger Bedeutungs- und Ausdrucksträger lässt sich an den mehr als 90, in “Augenschmaus. Vom Essen im Stillleben” präsentierten, Kunstwerken ablesen. Zeitlich spannt sich der Bogen von den Anfängen des Stilllebens, als die in den Vordergrund gerückten Lebensmittel noch von szenischen Darstellungen begleitet waren, über das goldene Zeitalter des autonomen Stilllebens im 17. Jahrhundert bis zur zeitgenössischen Videokunst. Damit bietet sich BetrachterInnen die einzigartige Möglichkeit des mühelosen Vergleiches.

Der Wandel der Sachkultur lässt sich an den Stillleben ebenso ablesen wie die Verschiebung der Interessen ihrer Schöpfer. Die MalerInnen des 16. und 17. Jahrhunderts brillierten in der Darstellung der sinnlichen Qualitäten von Nahrungsmitteln und Gegenständen. Sie waren Meister der Wiedergabe unterschiedlicher Texturen, Oberflächen und Spiegelungen. Den KünstlerInnen des 19. und 20. Jahrhunderts hingegen waren die Überwindung der Form, das Experiment mit malerischen Ausdrucksmitteln und schließlich die technischen Möglichkeiten der Neuen Medien ein Anliegen.

Die zahlreichen in “Augenschmaus” versammelten Essays und Katalogbeiträge beleuchten das Phänomen des kulinarischen Stilllebens von allen Seiten. Wie ein gutes Büffet bietet das Buch von allem etwas: Kunsthistorische Analysen des Genres, Betrachtungen zu Esskultur und Tischsitten, tiefsinnige philosophische Überlegungen zur Konsumkultur, Gender-Aspekte der Stilllebenmalerei und vieles mehr. Nur die Realienkunde wird - wie so oft - außer acht gelassen. Das ist schade, denn Stillleben stellen gemeinsam mit Archäologie und musealen Sammlungen eine hervorragende Quelle für die Erforschung der Sachkultur dar. Hungrige Hobbyköche werden sich über die in den Katalogteil eingestreuten Rezepte von Starköchen freuen. Die Zeichen der Zeit gehen auch an Begleitpublikationen von Ausstellungen nicht vorbei.

Die Ausstellung “Augenschmaus. Vom Essen im Stillleben” ist noch bis zum 30. Mai ‘10 im Bank Austria Kunstforum in Wien, zu sehen.

© Ch. Ranseder

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Kontroversen

Mittwoch, 03. März 2010

Notiz

Kontroversen
Justiz, Ethik und Fotografie
KunstHausWien
4. März bis 20. Juni ‘10

150 Jahre Fotografie im historischen, gesellschaftspolitischen und vor allem im juristischen Kontext präsentiert das KunstHausWien. Die vom Musée de l’Elysée Lausanne entwickelte Ausstellung ist ein Pflichttermin für alle, nicht nur für jene, die mit Fotografie beruflich befasst sind, ihr ein größeres Interesse entgegenbringen oder selbst gerne auf den Auslöser drücken.

Chronologisch gehängt, werden rd. 90 Fotografien gezeigt, die schon seit den Anfängen der Fotografie polarisierten und Juristen beschäftigten. Bis heute bieten Fotografen und ihre Werke immer wieder Anlass für Kontroversen. Das sogenannte “Caroline-Urteil”, das vom europäischen Gerichtshof für Menschenrechte 2004 gefällte Urteil, das die Bildberichterstattung über Prominenten einschränkt, ist wohl vielen bekannt. Wie viele sehr differenzierte oder nur oberflächlich ähnliche Streitfragen rund um die Fotografie vor Gericht landen, ist hingegen kaum  bekannt. Es geht dabei weniger häufig um Abgeltung finanzieller Rechte der Urheber, sondern um viele andere, rechtlich abzuklärende Fallbeispiele. 

Fotografie muss nicht gleich Kunst sein, um an ethische, politische oder sonstige zeitgeistige Grenzen zu stoßen. Zu dem sind Zurückhaltung sowie Veröffentlichungen von Fotos ein probates politisches Mittel zur Steuerung der öffentlichen Meinung wie es u. a. für die Atomwaffentests gehandhabt wurde. Dokumentationen, Kriegs- und Katastrophenfotografien können genauso Anlass für Diskussionen, Verbote und rechtlichen Konsequenzen sein. Manipulationen, die die Fotografie selbst betreffen können oder den Kontext in den Fotografien gestellt werden, sind vielfältig und machen zuweilen auch Abgeklärte fassungslos.

Bei 78 eher fragwürdigen als originalen Abzüge von Man-Ray-Fotos ging es um die Rückerstattung von  2,3 Millionen Dollar. Originalfotos und deren retuschierte Varianten oder in einem anderen politischen Kontext interpretierte Fotos belegen politische Zielsetzungen mit Hilfe von Bilddokumenten.

“Alice im Wunderland” oder “Lewis Carrol im Kinderpornoland” war 1858 das Gerücht, das zu kursieren begann, als Carroll die kleine Alice Liddell als Bettelmädchen ablichtete. Die Gerüchte sind auf Grund von ihm selbst vernichteter Fotos und Säuberungsaktionen seiner Familie nach seinem Tod zwar nicht mehr zu bestätigen, können aber auch genauso wenig widerlegt werden. Wo die Kinderpornografie vermeintlich beginnt und wo sie vermeintlich aufhört, ist sowieso ein breites Feld der Interpretation wie auch anhand etlicher Beispiele in der Ausstellung aufgezeigt wird.

Wie gerechtfertigt Fotos sein mögen, die von Sterbenden, Toten und deren Körperteilen gemacht werden, bietet seit dem unautorisierten Foto des Otto von Bismarck im Sterbebett reichlich Konfliktstoff. Egal ob es eine zerfetzte Hand  vom 11. September 2001, das zu Tode erschöpfte und vom Geier beobachtet Kleinkind im Sudan oder die sterbende Omayra Sánchez in Kolumbien ist. Es sind Fotos die polarisieren, sich einprägen, strikte Ablehnung und spontane Hilfsbereitschaft auslösen.

Zwischen freiwilliger Selbstzensur und bedingungsloser Verteidigung der Freiheit der Kunst angesiedelt, sind Entscheidungen, die die Veröffentlichung von Bildern betreffen, die auch nur ansatzweise gegen ein bestehendes Verbot verstoßen könnten. Es ist dennoch subjektiv, ob z. B. die Pose von Angelina Jolie mit Pferd als sodomistisch interpretiert wird oder nicht.

Es hat sich seit jeher für Künstler ausgezahlt die Reichen und Schönen nicht nur wegen ihrer - oft vermeintlichen -Zahlungskraft zu porträtieren. Die Porträts bieten einerseits Einnahmen durch den Verkauf der Abzüge und andererseits das große Potenzial eine Schar zahlungswilliger, weniger berühmter bzw. gänzlich unbedeutender Kunden zu gewinnen. Die Rechtsstellung der Porträtfotografie als Kunstwerk sowie die Sicherung des Urheberrecht am Foto wurde in den USA bereits 1883 durch ein Porträt von Oscar Wilde ausgelöst, das kopiert wurde.

Die großartige Ausstellung mit hohem Mehrwertfaktor benötigt vor allem eines: Zeit. Zeit um die Bilder anzusehen, noch mehr Zeit die erstaunlichen Inhalte der Texte zu erfassen und sehr viel Zeit zum Nachdenken. Während eine Personale nach einem kurzem Rundgang oft das Gefühl der Leere hinterlässt, ist hier der hohe und breitgefächerte Informationsgehalt von bleibenden Wert.

Überraschend ist hingegen die freiwillige Selbstzensur der Ausstellung. Kinder unter 14 Jahren haben keinen Zutritt, sensiblen Personen wird von der Ausstellung abgeraten. Es sollte zumindest Erziehungsberechtigten diese Entscheidung überlassen bleiben, ob sie ihre Kinder mit in die Ausstellung nehmen oder nicht. Unverständlich, denn tagtäglich ist jeder Mensch - unabhängig von Alter und Sensibilität - einer Flut vergleichbarer visueller Eindrücke ausgesetzt, deren kulturhistorischer Kontext und rechtliche Tragweite dabei verschlossen bleiben. Unverständlich, weil auch die unprofessionelle, private Bilderflut, die tagtäglich im Internet veröffentlicht wird, von den gleichen rechtlichen Aspekten und Folgen betroffen ist.

Fazit: Pflichttermin!

© S. Strohschneider-Laue

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Schule schaut Kunst

Montag, 01. März 2010

Österreichweiter Aktionstag
2. März ’10
Albertina, Kunsthaus Bregenz, Kunsthistorisches Museum Wien, Landesmuseum Kärnten, Landesmuseum Niederösterreich, Leopoldmuseum, MAK, Museum Moderner Kunst Kärnten, Oberösterreichisches Landesmuseum, Österreichische Galerie Belvedere, Salzburg Museum, Tiroler Landesmuseen, Volkskundemuseum Wien, Wien Museum.

Am 2. März findet der österreichweite Aktionstag “Schule schaut Kunst” statt. Initiiert wurde der Aktionstag vom Universalmuseum Joanneum. Als Kooperationspartner wurden - mit Ausnahme des Burgenlandes - österreichweit Museen und Vertreter der kreativen Fächer gewonnen. Ziel ist es, Schulen zum Museumsbesuch zu animieren und zugleich allgemein auf den Lernort “Museum” aufmerksam zu machen. Obwohl dabei die kreativen Fächer in den Mittelpunkt gerückt werden, ist offensichtlich, dass Lernen im Museum trotz des Schwerpunkts “Kunst” auch alle anderen Unterrichtsfächer betreffen kann.

Werbung braucht die Veranstaltung nicht mehr, die Vermittlungsangebote sind ausgebucht. Der Aktionstag benötigt hingegen Öffentlichkeit - und nicht nur der Aktionstag. Es ist die Bildung, die über “Ausbildung” hinausreichen muss, um Allgemeinbildung zu sein, die dringend Öffentlichkeit finden muss.

“Bildung ist, was bleibt, wenn der letzte Dollar weg ist”, zitiert Sabine Haag, Generaldirektorin des Kunsthistorischen Museums, dazu ganz passend den aus einer verarmten Familie stammenden Mark Twain. PolitikerInnen hingegen zitieren gerne die Kreativwirtschaft als den kulturellen Motor des Landes. Wenn die Kreativität ein Wirtschaftsfaktor ist, dann sollte damit nicht gemeint sein, kreative Möglichkeiten der Geldbeschaffung zu entwickeln. Bedauerlich daher, dass alles was dazu nötigt ist, um gehaltvoll kreativ tätig sein können, den Lehrplanveränderungen und der desaströsen Lehrpersonalpolitik zum Opfer fällt. Inhaltlich betrifft das mehr als “nur” die Fächer Musik-, Kunst- und Werkerziehung. Humanistische Grundlagen tragen wesentlich zum historischen sowie kulturellen Verständnis bei. Kulturkompetenz kommt schließlich nicht von ungefähr. Wer nicht das Glück hat aus einem bildungsaffinen und finanziell abgesicherten Umfeld zu stammen, wird es weniger leicht gemacht sich diese Fähigkeiten anzueignen, vor allem wenn der Pflichtunterricht sich ausschließlich auf das Erlangen von Kernkompetenzen und Sport beschränkt.

In den Bundesmuseen zahlen Kinder und Jugendliche - auch außerhalb des Klassenverbandes - keinen Eintritt. Dennoch werden sich bei den derzeitigen Eintrittspreisen viele Eltern schon aus wirtschaftlichen Gründen überlegen müssen, ob sie ihre Sprösslinge in die Museen begleiten können. Der Anreiz für Kinder und Jugendliche alleine ins Museum zu gehen, wird wohl schon aus Schwellenängsten eher gegen Null tendieren - falls unbeaufsichtigten Minderjährigen überhaupt der Zutritt gestattet wird. Was für die Mehrheit bleibt, ist der Museumsbesuch im Klassenverband. Für die meisten Kinder die einzige Gelegenheit ein Museum von innen zu sehen.

Museen haben den Auftrag zu sammeln, zu bewahren, zu forschen und auszustellen. Dass es mit dem Ausstellen nicht getan ist, sondern jede Ausstellung von ihrer publikumsgerechten Aufbereitung und Vermittlung lebt, ist inzwischen hinreichend bekannt. So liegt es zuletzt an den KulturvermittlerInnen, meist das schwächste Glied in der hierarchischen Struktur der Museen, jungen Menschen positive und gehaltvolle Erinnerungen an das Erlebnis “Museumsbesuch” zu verschaffen. Vielleicht sind nach dem Besuch einige unter ihnen, die wieder kommen und der Institution auch als Erwachsene positiv gegenüberstehen. Nicht zuletzt benötigen selbst die großen Museen in Österreich hohe Besucherzahlen, die nicht von zwangsverpflichteten SchülerInnen dominiert werden, sondern auch erwachsene BesucherInnen aufweisen sollten.

Dem ambitionierten Ansatz des Aktionstages “Schule schaut Kunst” ist hoffentlich über den 2. März 2010 hinaus Erfolg beschieden.

© S. Strohschneider-Laue

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Prinz Eugen - Feldherr, Philosoph und Kunstfreund

Dienstag, 23. Februar 2010

Prinz Eugen - Feldherr, Philosoph und Kunstfreund
Belvedere 11. Februar bis 6. Juni ‘10

Prinz Eugen Feldherr Philosoph: Der edle Ritter als europäischer Kulturheros.

Prinz Eugen Franz von Savoyen-Soissons (1663-1736) ist in seiner Sommerresidenz, Belvedere Wien, eine Sonderausstellung gewidmet. In sechs Abschnitten wird der Versuch unternommen, ausgewählte Aspekte seiner Persönlichkeit zu beleuchten und seine Leistungen zu würdigen. Der Franzose mit italienischen Wurzeln machte als Türkenbezwinger in Österreich Militärkarriere. Vor dem Hintergrund einer bewegten Zeit, deren höfische Intrigen die politisch angespannte Lage zusätzlich anheizten, wird das öffentliche Leben von Prinz Eugen vorgestellt.

  

Vor allem wird dabei Prinz Eugens Bautätigkeit und seine Sammelleidenschaft hinsichtlich Büchern, Gemälden, Pflanzen und Tieren besondere Beachtung gezollt. Das Belvedere steht dabei nicht nur als Präsentationsfläche zur Verfügung, sondern bildet zu gleich den passenden Mittelpunkt. Die Residenz des Prinzen war und ist bis heute eines der schönsten und geschmackvollsten Schlösser Österreichs. In vielen Bereichen noch im Originalzustand, fehlt dennoch Wesentliches, um den Geist des ehemaligen Bewohners spürbar werden zu lassen: Die unermessliche Sammlung.

Für kurze Zeit gelingt es, diese vergangene Pracht - trotz der Fülle exzeptioneller Exponate nur in kleinen Ansätzen - sichtbar zu machen. Selbst im Kriegslager beschäftigte sich Prinz Eugen mit Bauplänen und Ankäufen für seine Sammlung. 

 

Er kaufte niemals unbedacht, auch wenn er hin und wieder überhöhte Preise zahlte, denn es standen ihm ausgezeichnete Berater zur Seite. Und seine Planungen waren niemals oberflächlich. Sie betrafen nicht nur den Ankauf, sondern auch die Verpackung und den geeigneten Transport.

  

Naturwissenschaftlich interessiert, war es ihm daher auch wichtig exotische Wildtiere artgerecht über Unterbringung bis hin zum geeigneten Futter zu halten.

 

Ungewöhnlich für eine Zeit in der Tiere zur Hatz und Belustigung dienten. Ein Schicksal, dass den Tieren nach dem Tod des Prinzen nicht erspart blieb. Sie wurden an Schausteller verkauft.

Die Bibliothek des Prinzen Eugen war und ist bis heute legendär. Seine Bücher bilden den Grundstock der heutigen Österreichischen Nationalbibliothek. Etliche Werke sind so einzigartig, dass sie in dieser Ausstellung aus konservatorischen Gründen nicht im Original gezeigt werden und man mit vielen Faksimiles vorlieb nehmen muss. Unverständlich ist zuweilen für die Schau getroffene Auswahl der Bücher. Etliches lässt sich weder durch Präsentationsform, inhaltlichen Zusammenhang noch durch Beschriftung erschließt. So hätte man u. a. erwarten dürfen, dass man von der berühmten Tabula Peutingeriana (mittelalterliche Abschrift aus dem 13. Jh. einer römischen Straßenkarte des 4. Jh. n. Chr.) jenes Blatt auswählt auf dem Wien zu sehen ist. Dass es sich ehemals um eine Pergamentrolle und nicht um Einzelblätter gehandelt hat, wird dem Laienpublikum in dieser Präsentationsform ebenfalls verborgen bleiben. Was bleibt, ist jedenfalls der Eindruck von vielen, schönen und wertvollen Büchern. 

Die Ausstellung spart weitgehend Persönliches aus. Das anscheinend als heikel empfundene Thema “Homosexualität” gehört auch dazu und man versäumt dadurch die Gelegenheit den tatsächlichen Menschen hinter dem Kriegshelden, Kunst- und Büchersammler darzustellen. Dafür beschäftigt sich der letzte Ausstellungsraum um so großzügiger mit dem Verbleib des Erbes. Der politische Entscheid, der sich leicht als juristisch korrekter Entscheid darlegen lässt, zu Gunsten der Nichte Prinz Eugens, führte zu einer massiven Ausverkauf des enormen Erbes. Ankäufe, die das Kaiserhaus nicht hätte tätigen können, wenn statt Prinzessin Anna Maria Viktoria von Savoyen Kardinal Colonna geerbt hätte. Ohne die prekäre Ausgangssituation der Erbin, ein typisches Frauenschicksal dieser Zeit, dem interessierten Publikum hinreichend darzulegen, entsteht ein völlig anderer Eindruck. Was bleibt, ist die Büste einer älteren, übergewichtigen Frau, die in ihrer Lebensechtheit das Bild einer gierigen, hässlichen Banausin in den Köpfen der BesucherInnen verankern hilft.

Fazit: Unbedingt ansehen, aber zum tieferen Verständnis sind Führung und Katalog nötig!

© S. Strohschneider-Laue

siehe auch:
Prinz Eugen Feldherr Philosoph: Der edle Ritter als europäischer Kulturheros. Katalogbuch zur Ausstellung im Wien, Belvedere, 11.02.2010-06.06.2010

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James Cook

Mittwoch, 09. Dezember 2009

Non-Fiction

Kunst und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Museum für Völkerkunde Wien, Historisches Museum Bern (Hgg.)
James Cook und die Entdeckung der Südsee
Hirmer 2009, 276 S., zahlr. Farb- und Sw-Abb.
ISBN 978 3 7774 2121 6

James Cook und die Entdeckung der Südsee

Nichts vermag den Ruhm so zu beflügeln wie ein unerwarteter Tod unter ungeklärten Umständen. Das gewaltsame Ableben von James Cook auf Hawaii ist keine Ausnahme. Dem Seefahrer wurden posthum Gedichte, Theaterstücke, Gemälde, Münzen und Medaillons gewidmet. Sein Name wurde zum Synonym der Erforschung der Südsee.

Auch in dem Buch “James Cook und die Entdeckung der Südsee”, das anlässlich der gleichnamigen Ausstellung erschienen ist, dient Cook als Leitfigur. Die drei Reisen unter seinem Kommando führen als roter Faden durch die Weiten des Themenspektrums einer stattlichen Anzahl von Aufsätzen, die als Inseln des Wissens von den im Geiste mitreisenden LeserInnen angelaufen werden können. Entlang des Weges ist die Person James Cooks (1728-1779) der Ausgangs- und Referenzpunkt für die Erzählung über die Geschehnisse und Leistungen, die in Verbindung mit den Weltumsegelungen stehen: Von den Errungenschaften der an den Expeditionen teilnehmenden Wissenschaftler und Künstler über den zu dieser Zeit herrschenden Forschungsstand bis zu den Begegnungen mit den Bewohnern des Pazifiks spannt sich der Bogen der 26 Essays. Erfreulich ist der in den Texten dargebotene Facettenreichtum der Sichtweisen. Cooks Tod durch die Hand eines hawaianischen Kriegers ist dafür ein gutes Beispiel. Sowohl die eurozentrische Schilderung und Interpretation der Bluttat als auch die hawaianische Sicht des historischen Ereignisses und seines Kontexts werden ausführlich dargelegt. Dass nicht nur die Perspektive der Entdecker, sondern auch jene der Entdeckten berücksichtigt wird, ist eine Bereicherung des Wissens über eine Epoche die prägend für das europäische Selbstverständnis war.

Die Abenteuer des unerschrockenen Kapitäns, der vor allem als Kartograph und Navigator große Leistungen vollbrachte, stehen in engem Zusammenhang mit der Aufklärung und dem Bestreben die Welt zu erforschen. So hatte Cook nicht nur den Auftrag Land für England in Besitz zu nehmen und den großen Südkontinent zu suchen, er sollte auf seiner ersten Reise auch Tahiti anlaufen, um dort gemeinsam mit dem Astronom Charles Greene den Venusdurchgang zu beobachten. Weitere Stationen dieser von 1768 bis 1771 dauernden Entdeckungsfahrt waren Neuseeland, Australien und Batavia. Dass sich gerade Cooks erste Reise als Meilenstein für die Wissenschaft erwies, war jedoch weder ihm noch der Weitsicht der Admiralität, sondern dem Privatgelehrten Joseph Banks zu verdanken, der sich auf eigene Kosten mit seinem Forschungsteam an der Reise beteiligte. Die von ihnen gesammelten Pflanzen und Tiere, ethnografischen Objekte, Zeichnungen und Gemälde gingen in die Tausende. Kaum zurück in England war Mr. Banks Reise in aller Munde. An der nächsten Expedition in die Südsee nahm Joseph Banks wegen seines Zerwürfnisses mit der Admiralität nicht teil. Als Cook 1772 neuerlich in See stach, befanden sich als Naturforscher Johann Reinhold Forster und sein Sohn Georg an Bord. Die Fahrt ging nach Neuseeland, Tahiti, Tonga, Vanuatu, Neukaledonien sowie zu den Oster- und Marquesas-Inseln. Diesmal gehörte nach der Rückkehr 1775 die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit ganz James Cook - der es sich nicht nehmen ließ, den Abschlussbericht selbst zu schreiben.

Für die dritte Reise, die 1776 begann und nach Tonga, Tahiti, der nordamerikanischen Pazifikküste und Hawaii führte, verzichtete Cook auf die Mitnahme von offiziellen Wissenschaftlern. Die Bedeutung der bildlichen Dokumentation wurde allerdings erkannt und in die Hände des Malers John Webber gelegt.

Den von zahlreichen Abbildungen aufgelockerten Essays des Buches “James Cook und die Entdeckung der Südsee” steht ein vortrefflich bebilderter Katalog zur Seite, der 599 Einträge umfasst. Nahezu jedes der Objekte ist mit einer ausführlichen Erklärung versehen. Es zahlt sich aus, in diesen zumindest zu schmökern, denn sie geben - zum Teil belebt durch Zitate aus den Aufzeichnungen der Expeditionsteilnehmer - faszinierende Details preis. Von den zwischenmenschlichen Beziehungen der Expeditionsteilnehmer ist im Kleingedruckten ebenso zu lesen wie über Beobachtungen von Ritualen und die Verwendung von Navigationsinstrumenten oder ethnografischen Artefakten.

Wer Auszüge aus den Reisedokumentationen und repräsentative Objekte im Original bestaunen möchte, hat bis Februar 2011 noch an folgenden Orten die Gelegenheit zu einem Besuch der Ausstellung “James Cook und die Entdeckung der Südsee”:
Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland 28. August 2009 bis 28. Februar 2010, Museum für Völkerkunde Wien 10 Mai bis 13. September 2010, Historisches Museum Bern 7. Oktober 2010 bis 13. Februar 2011

© Ch. Ranseder

James Cook und die Entdeckung der Südsee

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Tag des Denkmals: Kreativität & Innovation

Freitag, 18. September 2009

Notiz

Tag des Denkmals 2009
Kreativität und Innovation
Bundesdenkmalamt
25. September ‘09 - Denkmaltag für Schulen
27. September ‘09 - Denkmaltag für Alle

Seit elf Jahren wird auch in Österreich der Tag des Denkmals durchgeführt - und das sehr erfolgreich. Am 25. September findet ein eigener Termin für Schulen mit speziellem Programm statt. Der 27. September ist für alle Interessierten organisiert worden.

Das diesjährige Programm steht unter dem Motto “Kreativität und Innovation” und verspricht in allen Bundesländern außergewöhnliche Einblicke. Einblicke, die sowohl die Arbeit des Bundesdenkmalamtes, als auch die Arbeit und Attraktionen hinter den Kulissen betreffen. Das Angebot ist so vielfältig wie die Aufgaben der obersten Denkmalschutzbehörde Österreichs. Da für einige Programmpunkte Anmeldungen erforderlich sind, lohnt es sich rechtzeitig die Folder (siehe unten) der Bundesländer durchzusehen und aus über 200 Veranstaltungsorten zu wählen.

Exemplarisch für die Angebote, die von der Urgeschichte bis in die Gegenwart reichen, soll an dieser Stelle u. a. die revitalisierte Brenner-Wohnung genannt werden. Der Architekt entwarf in den 20er Jahren einen bis zu den Möbeln in den Wohnungen durchgestylten Wiener Gemeindebau. Das überraschend moderne, funktionale Design auf 38 m² wird in seinem Nutzfaktor bestätigt, da der Architekt selbst in dieser Wohnung lebte. In Aschach an der Donau (OÖ) kann man seine Erlebnisse in Schloss und Museum zusätzlich beim Ortsrundgang um den barrierefreien Kulturwanderweg bereichern oder in Feldkirch (Vbg.) den Dachboden der Dompfarrkirche Hl. Nikolaus betreten.

Zusätzliche Würze erhält der Tag des Denkmals durch die erste Ausgabe der Publikumszeitschrift “Denkmal heute”, die an diesem Tag gratis in ganz Österreich an die BesucherInnen “Tag des Denkmals” verteilt wird. Zweimal jährlich soll das neue Magazin in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Gesellschaft der Denkmalfreunde herausgegeben werden. Abonnements können ab sofort per Kontaktformular beim Bundesdenkmalamt bestellt werden.

Fazit: Unbedingt hingehen!
Burgenland
Kärnten
Niederösterreich
Oberösterreich
Salzburg
Steiermark
Tirol
Vorarlberg
Wien

© S. Strohschneider-Laue

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Karl der Kühne

Montag, 14. September 2009

Notiz

Karl der Kühne
Kunsthistorisches Museum
15. September ‘09 bis 20. Januar ‘10

Karl der Kühne (1433-1477), der letzte Herzog von Burgund, war einer der reichsten und mächtigsten Fürsten seiner Zeit. Die kurze Lebensspanne Karl des Kühnen ist geprägt von prunkvoller Hofhaltung und zahlreichen Kriegszügen. Verwandtschaftliche Bindungen und wirtschaftliche Macht festigten zunächst seine politische Position. Zuletzt teilte es das Schicksal vieler seiner Soldaten. 44jährig fiel er am Schlachtfeld. Nackt und bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, konnte er nur mit Mühe identifiziert werden. Die Ehe seiner einzigen Tochter Maria mit Maximilian I. wurde im selben Jahr geschlossen. Sie ermöglichte den Habsburgern durch das burgundische Erbe den Aufstieg zur Weltmacht.

Wer war Karl der Kühne? Dieser Frage geht die Ausstellung im Kunsthistorischen Museum anhand exquisiter Objekte auf den Grund. Die bereits in Bern und Brügge gezeigte Ausstellung wird bis Januar 2010 in Wien - um zusätzliche Objekte aus österreichischen Sammlungsbeständen erweitert - präsentiert. Inhaltlich werden in acht Räumen Familienbande, Kunst und Frömmigkeit, Diplomatie und Kriege, Tod und Erbe, Orden vom Goldenen Vlies, Prachtentfaltung, Haus Habsburg sowie Burgundisches Erbe in der Wiener Schatzkammer dem Publikum näher gebracht.

 

Unter vielen anderen Beispielen höfischem Auftretens ist die Ledertasche aus den Beständen der Hofjagd- und Rüstkammer zu sehen. Die Tragweise am Gürtel eines Mannes ist auf dem Cäsarenteppich (Historisches Museum Bern) dargestellt. Und schön ist es, dass dieser Vergleich den BesucherInnen leicht gemacht wird, da der Teppich direkt hinter der Vitrine hängt. Neben all den Kunstschätzen sind gerade diese Tapisserien, die Gewänder und Stoffe echte Highlights, da es nur wenige erhaltene weltliche Gewänder gibt. Die Darstellung höfischer Bekleidung auf dem Cäsarenteppich sowie die ausgestellten Stoffe und Tapisserien belegen einen unglaublichen Prunk bis ins letzte Detail.

 

Der letzte Herzog von Burgund hat dieser Pracht in allen Belangen gefrönt. Seine beeindruckenden Auftritte bei öffentlichen Anlässen, die auch das Gefolge einschloss, ist mehrfach beschrieben worden. Die in der Ausstellung gezeigten Rechnungen von Ausstattern belegen sein Prestigebedürfnis sowie seine Ausgaben dafür in zierlicher Schrift und großen Zahlen. Wie es mit seiner Zahlungsmoral bestellt war, wird allerdings verschwiegen. Immerhin ist für Maximilian I. belegt, dass er zu Verpfändungen gezwungen war, aber auch bestrebt war “Versilbertes” wieder auszulösen.

Die Ausstellung ist sichtlich bemüht die konservativen Ausstellungsgepflogenheiten des Hauses aufzubrechen. Raum- und Objekttexte bieten ausreichende Basisinformationen. Videozuspielungen ermöglichen zusätzliche inhaltliche Vertiefung. Querbezüge zwischen Objekten und Bildquellen regen die Schau- und Entdeckerlust des Publikums an. 
Dem gewichtigen Gesamtkatalog “Karl der Kühne” für die drei Ausstellungsorte wird zusätzlich die Begleitpublikation “Schätze burgundischer Hofkunst in Wien” zur Seite gestellt. Sogar an ein Kinderheft wurde gedacht, dem allerdings eine sprachliche Überarbeitung - auch hinsichtlich der Sinnzusammenhänge - gut getan hätte. Auch scheinen zwei Euro im Vergleich strapazfähigen, farbigen Kinderkatalogen (z. B. aktuell in Braunschweig zum Kaiserjahr 2009: Otto IV.- vom Pagen zum Kaiser: Ein Kurzführer für Kinder ab 9 Jahren zur Ausstellung Otto IV. Traum vom welfischen Kaisertum) in Kunstdruckqualität um den selben Preis doch ein wenig überzogen. Zumindest ist es löblich, dass - im Gegensatz zu anderen österreichischen Museen und Großausstellungen - überhaupt an eine Kinderbroschüre gedacht wurde.
Zuletzt noch ein Hinweis auf das attraktive Begleitprogramm, das den Informationsgehalt der Ausstellung mit interessanten Themen bereichert.

Fazit: Unbedingt ansehen!

© S. Strohschneider-Laue

siehe auch:
Kleidung und Mode im Mittelalter

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Impressionismus - Wie das Licht auf die Leinwand kam

Donnerstag, 10. September 2009

Notiz

Impressionismus - Wie das Licht auf die Leinwand kam
Albertina
11. September ‘09 bis 10. Januar ‘10

“Nicht schon wieder Impressionisten”, mögen manche beim Ausstellungstitel denken. Keine Sorge, es ist keine Déjà-vu verursachende Personale eines Impressionisten, Seerosenschau oder Sonnenblumenpräsentation. Diese Ausstellung bringt dem Publikum den frischen Wind der Freiluftmalerei und den flüchtigen Augenblick in großen Inszenierungen und mikroskopisch kleinen Details näher. So viel und so genial strukturierte Information bekommt man in österreichischen Museen selten geboten. Kein Wunder, ist die Ausstellung doch vom Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corbud konzipiert worden und dort scheint man sich nicht auf rein chronologische Hängungen spezialisiert zu haben. Und noch schöner ist es, dass sich die Albertina dazu entschloss die Ausstellung, die bereits in Köln erfolgreich war, zu präsentieren.

Was unterscheidet diese Ausstellung von den zahlreichen anderen Impressionisten-Präsentationen?
Es ist der gelenkte Blick auf Details, die sonst nicht herausgestrichen werden. Minutiöse Untersuchungen brachten es an den Tag: Selbst so große Werke wie die “Trocknende Wäsche an der Seine” entstanden im Freien und nicht im Atelier. Eine Pappelknospe blieb in der feuchten Farbe haften. Gustave Caillebotte hatte sie beim Malen in der Allee wohl übersehen. Das Forscherteam um die Restauratorin Iris Schaefer vom Wallraf-Richartz-Museum hat die Knospe nach rund 100 Jahren entdeckt und kann dadurch ein weiteres Puzzelstück zur Entstehungsgeschichte des Bildes gefunden. Und das ist längst noch nicht alles, was mit detektivischer Akribie, Mikroskop, Röntgen und dem Einsatz anderer Technologien entdeckt wurde. Farbflächen verraten den Handlungsablauf beim Werden eines Bildes. Randliche Farbfehlstellen belegen die Befestigung des Bildes im Malkoffer oder auf der Feldstaffelei. Löcher und Druckstellen rühren von Abstandhalter zwischen den frischen Bildern her. Vorzeichnungen, Ergänzungen, Übermalungen relativieren sowohl die Spontaneität der Künstler als auch die Wertschätzung der späteren Besitzer. Die Bilder wurden nicht nur künstlerisch “verbessert”, sondern auch gefirnist, ihrer schlichten Rahmen beraubt und mit Prunkrahmen versehen. Und all diese erstaunlichen Erkenntnisse werden in vergrößerten Bildausschnitten deutlich gemacht, so dass es ist eine Freude ist, selbst nach dem winzigen Indiz auf dem Original zu fanden. Es lohnt sich zusätzlich zum Ausstellungsbesuch die Online-Publikation zum Forschungsprojekt anzusehen. Sie wartet mit vielen weiteren überraschenden Entdeckungen und das in guter optischer Qualität sowie perfekten Texten auf.

 

Inszenierungen, Vitrinen mit Malmaterialien und Künstlerutensilien, darunter die dunkle Brille von Edgar Degas, Farbtuben von Vincent van Gogh und die Palette von Georges Seurat sowie wandfüllende Porträtfotos, würdigen die Künstler und ihre Malweise über die 125 ausgestellten Gemälde hinaus.

Erfrischend informativ und kein begehbares Buch; definitiv ein Pflichttermin, an den man sich gerne und vor allem mit inhaltlichen Mehrwert erinnern wird.

© S. Strohschneider-Laue

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modellbauhaus

Freitag, 28. August 2009

Non-Fiction

Bauhaus-Archiv Berlin, Stiftung Bauhaus Dessau, Klassik Stiftung Weimar (Hgg.)
modellbauhaus
Hatje Cantz 2009, 376 S., 302 Abb., 236 davon farbig.
ISBN 978 3 7757 2414 2

Modell Bauhaus Modell Bauhaus

Was den Österreichern die Wiener Werkstätte, ist den Deutschen das Bauhaus. Dessen neunzigster Geburtstag ist Anlass für die neuerliche, breitenwirksame Auseinandersetzung mit der Institution, die fast schon zu einem modernen Mythos geworden ist. Und mit nichts lässt sich der Diskurs über die, von Beginn an die Meinungen polarisierende Ausbildungsstätte besser fortsetzen, als mit Ausstellungs- und begleitenden Publikationsprojekten. 2009 darf sich das kunstinteressierte Publikum daher an “modellbauhaus” erfreuen.

Die Deutungsmöglichkeiten der Geschichte und Erzeugnisse des 1919 von Walter Gropius gegründeten Bauhauses sind so facettenreich wie die an ihm lehrenden Persönlichkeiten, darunter Künstler wie Paul Klee, Oskar Schlemmer oder Wassily Kandinsky. Die berühmte Lehranstalt war eine Spielwiese für Individualisten. Das wird auch an den 68, für “modellbauhaus” ausgewählten, Objekten deutlich. Unter ihnen befinden sich natürlich Design-Ikonen, wie der Clubsessel B3 von Marcel Breuer, das Tee-Extraktkännchen von Marianne Brandt oder das Bauhaus-Gebäude in Dessau. Aber auch Kleinigkeiten, die etwas über das Leben am Bauhaus erzählen sind dabei. Das 1919 herrschende Wirgefühl und die Aufbruchsstimmung könnte nicht schöner als in der informellen Einladung in Form eines an die Tür gehefteten Zettels “Unser Spiel, unser Fest, unsere Arbeit” zum Ausdruck kommen. Von Objekt zu Objekt erschließt sich im Rahmen der Werkanalysen langsam die Geschichte des Bauhauses, an dem bildende Kunst, Architektur, Design und Bühnenbild gelehrt wurden. Die Arbeiten von Bauhauslehrern und -schülern dienen als Ausgangspunkt für die Betrachtung von Einzelaspekten wie Schulpolitik, Unterrichtsmethoden und die dem Bauhaus zu Grunde liegenden Philosophien. Der Plural steht hier ganz bewusst, denn es war nicht eine Ursprungsidee, die am Bauhaus Jahr für Jahr starr umgesetzt wurde. Ganz im Gegenteil. Walter Gropius verband in seinem ersten Programm Vision und Praxis und legte damit den Grundstein für einen Entwicklungsprozess, der zu keiner Zeit des Bestehens der das Experiment begrüßenden Schule abgeschlossen war. Vom Gründungsmanifest bis zur Auflösung durch die Nationalsozialisten 1933 erfand sich das Bauhaus immer wieder von Neuem. Jeder seiner drei Leiter, Walter Gropius, Hannes Meyer und Ludwig Mies van der Rohe, drückte ihm seinen Stempel auf. Jeder Wechsel des Standortes - zuerst Weimar, dann Dessau und schließlich Berlin - hinterließ seine Spuren. Nur eines blieb konstant: Der hohe Stellenwert der Architektur.

Trotz der Vielzahl unterschiedlicher Haltungen und der großen Bandbreite der Produkte war das Bauhaus auch ein frühes Beispiel für eine gelungene Markenbildung. Alles war vorhanden: Wort-Bild-Marke, bewusster Einsatz der Sprache, gezielte Pressearbeit, Selbstpräsentation durch Feste, Ausstellungen, Publikationen und nicht zuletzt ein passendes - Stichwort Corporate Architecture - Schulgebäude.

“modellbauhaus” nimmt die unter dem Dach der Marke Bauhaus geeinte künstlerische Pluralität auf und zeigt sich ebenso bunt wie die unvergessliche Ausbildungsstätte. Mit 77 Essays ist die Publikation ein Katalog der Superlative, der mit den vereinten Kräften aller drei der Pflege des Bauhaus-Erbes gewidmeten deutschen Institutionen - Bauhaus-Archiv Berlin, Museum für Gestaltung, Stiftung Bauhaus Dessau und Klassik Stiftung Weimar - entstand. Ein schneller Überblick über die Bauhausgeschichte ist mit einer derartigen Fülle an Beiträgen nur schwer zu erlangen, obwohl die chronologische Gliederung die Orientierung erleichtert. Stattdessen lässt sich das Phänomen Bauhaus in Jahresschritten genießen. Jeder Jahreswechsel wird von einem Trennblatt markiert, dem auf der farbigen Seite Daten zur Entwicklung des Bauhauses und auf der grautonigen Seite Informationen zum Geschehen in Deutschland entnommen werden können. Jahr für Jahr und Kunstwerk für Kunstwerk gewährt “modellbauhaus” LeserInnen die Freiheit nach Herzenslust zu Schmöckern ohne den roten Faden zu verlieren und so eine Institution kennen zu lernen, die Designgeschichte geschrieben hat.

Die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, Berlin, ist noch bis 4. Oktober zu sehen. 

© Ch. Ranseder

Modell Bauhaus

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Herrenhäuser Gärten jr.

Dienstag, 11. August 2009

ab acht

Kirsten John 
Tobi in den Gärten 
Ein Kinderführer durch die Herrenhäuser Gärten

Nicolai 2009, 65 S., zahlr. Farbfotos und Illustration
ISBN 978 3 8947 9484 2

Tobi in den Gärten, Herrnhäuser Gärten Tobi in den Gärten: Ein Kinderführer durch die Herrenhäuser Gärten

Großer Garten, Berggarten, Georgengarten und Welfengarten bilden zusammen die Herrenhäuser Gärten. Die ehemalige Sommerresidenz der Herzöge, Kurfürsten und Könige von Hannover und England ist voller Überraschungen und mehr als nur einen Besuch wert. Verschiedene historische Gartenstile, Bau- und Kunstwerke locken vor allem Erwachsene in die Anlage. Es gibt aber für Kinder viel mehr zu entdecken als nur das Sealife im Berggarten, man muss nur wissen wo und genau hinschauen.

Natürlich bedarf es ein wenig Hintergrundinformation, um die offensichtlichen und versteckten Besonderheiten zu erkennen. Genau hier setzt “Tobi in den Gärten” an. Kirsten John verbindet geschickt die Geschichte eines Gärtnerjungen aus der Barockzeit mit dem modernen Erscheinungsbild des großen Gartenareals. Einerseits stellt die Autorin das historische dem modernen Erscheinungsbild der Anlage vor und andererseits zeigt sie die sozialen Bedingungen sowie die Situation eines arbeitenden Kindes auf.

Auf den Umschlaginnenseiten sind die Gartenpläne zu finden. Vorne ist der Große Garten, hinten ist der der Berggarten abgebildet. Schwarze, rote und blaue Passagen gliedern den Text in übersichtliche Lesehäppchen. Der schwarze Text, erzählt Tobis Geschichte und folgt seinen Weg durch den Park. Blau hervorgehoben sind in Tobis Story jene Gebäude und Objekte, die auf den Plänen eingezeichnet sind. Rote Textteile bieten Hintergrundinformationen zu Persönlichkeiten und Sehenswürdigkeiten. Auf diese Weise können Kinder nach Lust und Laune leicht die - ohnedies informative - Geschichte verfolgen oder auch nur die Zusatzinformationen lesen. Schade, dass diese geschickte Textgliederung den jungen LeserInnen vorab nicht erklärt wird. Optisch ergänzt wird der Text von ausgezeichneten Fotos, historischen Stichen und zeitgenössischen Illustrationen von Henriette von Bodecker.

Flockig-locker geschrieben und auf das Wesentlichste reduziert, wird das Buch GrundschülerInnen vor als auch nach dem Besuch in den Herrenhäuser Gärten fesseln. Ein Pflichtkauf, wenn man die historische Gartenanlage mit Kindern nicht nur besuchen, sondern kennenlernen möchte.

© S. Strohschneider-Laue

Tobi in den Gärten: Ein Kinderführer durch die Herrenhäuser Gärten

Und für Erwachsene::
Die Herrenhäuser Gärten
Hannover: Die Stadt an der Leine entdecken und erleben. Ein illustriertes Reisehandbuch

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Tiergarten Schönbrunn: Artenschutztage

Donnerstag, 06. August 2009

Notiz

Artenschutztage

Artenschutztage, Große Nussjagd © Sistlau 2009

Vom 6. bis 9. August steht im Tiergarten Schönbrunn der Artenschutz mit interessanten Informationen und Angeboten im Mittelpunkt. Schwerpunktthemen sind Projekte der Österreichischen Zoo Organisation (OZO) am 6. August, Artenschutz vor der Haustür am 7. August, Tierische Wahrzeichen des Naturschutzes am 8. August und die ‘Großen’ unter den Tieren am 9. August.

 Artenschutztage © Sistlau 2009 Zahlreiche Infostände säumen die Löwenallee. Große und Kleine Tierfreunde erfahren hier Neues rund um Biotop- und Artenschutz und werden herzlich zum Mitmachen und Miterleben eingeladen.

Artenschutztage © Sistlau 2009 Österreichischen Bundesforste, Lebensministerium (Projekt Vielfalt Leben), Wiener Veterinäramt, Biosphärenpark Wienerwald, Vier Pfoten, WWF, BirdLIfe, Verein Auring, Amphibienschutz Wienerwald, Koordinationsstelle Fledermausschutz und -forschung, Tierschutz macht Schule, Waldrappteam, Jane Goodall Institue, Sharkproject, Arbeitsgruppe Bioakustik der Universität Wien, Nationalpark Donau-Auen, Verband der Naturparke Österreichs, Naturschutzbund, Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie sowie Nikon unterstützen die Artenschutztage und sind mit Infoständen vertreten.

Große Nussjagd © Sistlau 2009 Dass es nicht immer die Riesen oder Prominenten die interessantesten Tiere sein müssen, beweist die “Große Nussjagd“. Hier sind NachwuchsforscherInnen herzlich willkommen. Gesucht wird im Wienerwald die winzige, verschlafene Haselmaus. Welcher Kern der aufgenagten Nüsse im Magen einer Haselmaus gelandet ist, erfährt man bei den Artenschutztagen im Tiergarten Schönbrunn und beim “Langen Fest der falschen Mäuse” am 29. August zwischen 14:00 und 22:00 Uhr in Mauerbach, Kasgraben (gegenüber Gasthaus “Zum grünen Jäger”).

Artenschutztage Welche Tier man in freier Wildbahn antreffen kann. Welchen Nutzen einheimische “Schädlinge” in der Natur haben und welchen Schaden zu Jagdzwecken aus fernen Ländern eingeführte Tiere verursachen, mag Viele überraschen.

Artenschutztage Erschreckend sind die Zahlen: 44.838 Arten sind gefährdet, 869 Arten sind ausgestorben und 16.928 Arten sind akut vom Aussterben bedroht. Dies gilt es bei jeder Gelegenheit zu vermitteln. Zoos leisten einen wesentlichen Erhaltungsbeitrag, aber sie können und dürfen nicht die letzten Refugien sein ebensowenig wie sie die freie Wildbahn ersetzen können. 

Artenschutztage Die Vielfalt des Lebens zu erhalten und zu fördern muss das Anliegen aller sein. Um Verständnis für vom Aussterben bedrohte Tiere zu erzielen, bedarf es umfassender Informationen sowie dem Ausmerzen von Irtrtümern und Vorurteilen. Bartgeier schlagen keine Lämmer, allerdings ist es richtig, dass Frösche nur in einer intakten Umwelt leben. Eine intakte Umwelt, ist eine vielfältige Umwelt und benötigt der Mensch selbst zum Überleben.

Netzwerk Natur © Sistlau 2009

Der Tiergarten Schönbrunn leistet wichtige Beiträge zum Artenschutz und ist an zahlreichen Forschungsprojekten beteiligt. Das bei den Artenschutztagen lukrierte Geld wird in ein Schutzprojekt für den Roten Panda in der Indischen Provinz Sikkim fließen. Aber auch vor der eigenen Haustür ist der Tiergarten Schönbrunn aktiv. Tiergarten und Schlosspark von Schönbrunn sind eine der verborgenen Naturoasen Wiens. In Zusammenarbeit mit der Wiener Umweltschutzabteilung wurden im Zoo Informationstafeln aufgestellt. BesucherInnen dürfen jetzt überrascht feststellen, dass Wechselkröten in den Tigerteich eingezogen sind, Feldgrillen vor dem Kaiserpavillon leben und Dohlen sich als Nahrungsgast bei den Pelikanen eingeladen haben.

Karin Büchl-Krammerstätter, Dagmar Schratter, Anton Weissenbacher © Sistlau 2009

Die Wiesenotter wird das nicht allein schaffen. Sie braucht als seit den frühen 1970er Jahren verschwundene Art Unterstützung bei der Wiederansiedlung. Die giftige Wiesenotter lebt von Insekten. Sie ist scheu und durch ihr kleines Maul für den Menschen - solange man sie nicht reizt - nicht gefährlich. Ab heute leben im Tiergarten Schönbrunn vier in Ungarn nachgezüchtete kleine Wiesenottern. Das Terrarien-Suchspiel lohnt sich. Mit etwas Geduld und einem systematischen Blick entdeckt man die hübsch gezeichneten Tiere sicher. Hoffen wir, dass es bald auch wieder insektenreiche Wiesen mit diesen Tieren geben wird. 

© V. Strohschneider

siehe auch:
Atlas der bedrohten Arten
Von Kaiser bis Känguru

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WunderWeltWald

Montag, 20. Juli 2009

Notiz

WunderWeltWald
BöhmerWALDArena
ab 18. Juli 2009

BöhmerWaldArena © Sistlau '09

Die BöhmerWaldArena steht auf der österreichischen Seite des Dreiländerecks mit Deutschland und Tschechien. In der zwischen Tradition und Moderne positionierten Architektur wird seit 18. Juli 2009 die komplett barrierefrei eingerichtete Ausstellung “WunderWeltWald” gezeigt.

Orientierungspult Tastplan, Audiodeskription © Sistlau '09
Tatsächlich ist die Ausstellung über 400 Millionen Jahre Waldgeschichte mit Schwerpunkt Böhmerwald etwas Besonderes. Sie ist nämlich mehr als nur rollstuhlgerecht. Es wird den BesucherInnen gute Mobilität gewährleistet und zusätzlich alle Sinne angesprochen. Optische Eindrücke erwartet man als BesucherIn, aber das ist für sehbeeinträchtigte und blinde Menschen sowie Personen mit eingeschränktem oder fehlendem Hörvermögen zu wenig.

Tastschiene: Felle, Tierspuren, Bodenqualitäten © Sistlau '09 Waldelement Luft, Geruch des Waldes ©  Sistlau '09 
Die Ausstellung bietet eindeutig mehr als der Titel “WunderWeltWald” verspricht. BesucherInnen werden über den Wald informiert und gleichzeitig für die Bedürfnisse anderer BesucherInnen sensibilisiert; denn diese Ausstellung kann man mit allen Sinnen sehen, hören, riechen und tasten.

Bereichstafel Waldstockwerke Text, Audio, Video © Sistlau '09 
Wie differenziert Bedürfnisse sein können, wird deutlich, wenn man Audiodeskriptionen - gesprochene Informationen inklusive Informationen zur Orientierung im Raum - hört oder auf kleinen Monitoren Zuspielungen in Gebärdensprache sieht. Ganz abgesehen davon, dass die Audiodeskriptionen für alle BesucherInnen von Vorteil sind, die lieber zuhören als lesen möchten.

Touchwall © Sistlau '09 
Von Informationen werden BesucherInnen in Ausstellungen oft überflutet. Hier wird sie bedarfsorientiert angeboten. Bei individuell per Knopfdruck abgerufenen Informationen sind BesucherInnen empfänglicher für das “etwas mehr”. Interaktive Stationen sorgen darüber hinaus für abwechslungsreiche Erlebnisse.

Waldstimmung mit Monitoren und Interviews © Sistlau '09 Waldelemente und Klimakurve © Sistlau '09 
Der Böhmerwald, das Original, befindet sich unmittelbar vor der Tür, die abstrahierte Form in der Ausstellung. Die moderne Inszenierung lädt zum Mitdenken ein. Sie bietet zugleich einen zeitgemäßen Kontrast zur traditionsreichen Waldwirtschaft. Auftakt macht ein Säulenwald mit Monitoren. hier werden sowohl Waldbewohner (Fuchs, Kauz, etc.) gezeigt als auch Waldnutzer (Förster, Pilzsucher etc.) mit Interviews vorgestellt. Das Keimen des Samen bis Heranwachsen eines jungen Baumes ist in neun Vitrinen verfolgbar. Gleich daneben zeigt ein 3D-Kino wie ein Baum fällt/fehlt. Vitrinen zu den Waldelementen zeigen die Bedeutung von Licht, Luft, Wasser und Boden im Wald.

Fauna und Flora des Waldes © Sistlau '09 Begehbarer Baumstamm © Sistlau '09
Zwei großzügige Raumelemente zeigen auf ihren Außenseiten die Klimakurve und die Bedeutung der Forstwirtschaft. Im Inneren umschließen sie die Themenbereiche Fauna und Flora. Bäume sind Wunderwerke der Natur. Wurzel, Stamm und Blatt eines Baumes haben differenzierte Funktionen. Drei begehbare Elemente verdeutlichen diese Aufgaben.

Waldbibliothek © Sistlau '09 Eichhörnchen © Sistlau '09
Besucher dürfen die Exponate zum Teil auch anfassen. Die empfindliche “Waldbibliothek” - ein in Buchform angelegtes Baumherbarium - ist durch eine Vitrine geschützt, aber Eichhörnchen, Fuchs und Hirsch laden zum Streicheln ein. Ein eigens entwickelter Fällsimulator erlaubt es BesucherInnen gefahrlos mit einer Motorsäge zu hantieren und sich im Holzschneiden zu üben.

Waldformen © Sistlau '09 Der Wald ist mehr als die Summe der Bäume © Sistlau '09 
Egal ob Plantagen, Urwälder oder naturnahe Waldwirtschaft, der Wald ist definitiv mehr als nur die Summe seiner Bäume. Ein tolles Ausstellungserlebnis für ALLE Menschen (Universelles Design von prenn_punkt), dem nur noch gute Begleitpublikationen fehlen.

© S. Strohschneider-Laue

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Fotografie als Bühne

Donnerstag, 09. Juli 2009

Non-Fiction

Gerald Matt, Peter Weiermair (Hgg.)
Das Porträt Fotografie als Bühne
Verlag für moderene Kunst Nürnberg 2009, 232 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 941185 60 9

Das Porträt Fotografie als Bühne Das Porträt: Fotografie als Bühne

Katalog und Ausstellung in der Kunsthalle Wien widmet sich den Porträtfotografie ab 1980 mit Werken von Roger Ballen, Tina Barney, Valérie Belin, Dirk Braeckman, Clegg & Guttmann, Andrea Cometta, Anton Corbijn, Rineke Dijkstra, Amy Elkins, JH Engström, Bernhard Fuchs, Albert García-Alix, Luigi Gariglio, Anthony Gayton, Nan Goldin, Greg Gorman, Kathy Grannan, Jitka Hanzlová, Peter Hujar, Jean-Baptiste Huynh, Leo Kandl, Barbara Klemm, Gerhard Klocker, Andreas Mader, Sally Mann, Robert Mapplethorpe, Hellen van Meene, Judith Joy Ross, Thomas Ruff, Stefano Scheda, Beat Streuli und Wolfgang Tillmans.

Der zweisprachige Katalog gliedert sich in das Vorwort von Gerald Matt, Direktor der Kunsthalle Wien, die kuratorischen Leitgedanken von Peter Weiermair und einen Exkurs zu Porträts in Zeiten der digitalen Wirklichkeit von Ulrich Pohlmann. Rund 180 Seiten sind der Werkschau der FotokünstlerInnen gewidmet. Biografien und Werk in der Ausstellung/Abbildungsverzeichnis schließen den von Dieter Auracher grafisch nicht nur benutzerfreundlich, sondern auch ansprechend aufbereiteten Katalog. Ein unverzichtbarer Katalog zur Ausstellung und ganz besonders für die Porträtfotografie.

Die für diesen Katalog und die Ausstellung eingeladenen FotografInnen und deren Werke sind der Versuch einen möglichst breiten Querschnitt durch die Entwicklung der Porträtfotografie ab den 1980ern zu legen. In den ausgewählten Porträts ist die Spannung, die sich zwischen Voyeur und Exhibitionist während des fotografischen Akts aufgebaut hat spürbar. Egal ob formalistische Studiofotografie, fotografische Dokumentation oder unverfälschte, schnappschussartige Tagebücher, sie haben den gelenkten Blick gemeinsam. Gemeinsam ist Ihnen auch, dass sie nicht alle Menschen gleichsam faszinieren können. Es wird gezeigt, was die Porträtfotografie zu bieten vermag. Das nicht jedes Porträt gefällt, hat unterschiedliche Gründe, aber das ist die Essenz der Blickwinkel die Vielfalt von Einfalt unterscheidet.

Meine FavoritInnen sind jedenfalls jene - Roger Ballen, Barbara Klemm und Wolfgang Tillmans (Kulturpreis 2009) gehören dazu -, die nicht oder unsichtbar arrangieren. Porträts deren erzählerisches Moment im Vordergrund steht. Tapetenfreie Sujets, die mein Interesse wecken und gleichzeitig zum Nachdenken anregen. Und ich kann mich der Spannung hingeben, die die Lichtmaler unter den Fotografen wie Anton Corbijn oder Robert Mapplethorpe in menschlichen Stillleben erzeugen.

Dokumentationen des Lebensumfeldes, die in ihrer fotografischen Beliebigkeit austauschbar sind oder Menschen vor oder in ihrem Biotop darstellen, sind zugleich Porträts des Zeitgeistes als auch der FotografInnen selbst. Geschminkt oder ungeschminkt, das ausdruckslose, nackte Schulterstück in Passfoto- oder Kalenderbildoptik, entkleidet von Attribut und Aussage erschließt sich nur durch Zusammenspiel von Foto und künstlerischem Gesamtkonzept der FotografInnen. Auf diese Konzepte muss sich man sich im Vorfeld einlassen oder auf einen Großteil des Zusammenhangs verzichten.  

Porträtfotografie ist nicht nur das festgehaltene äußere Abbild - selten der persönlichen, charakterlichen Befindlichkeit -  der abgebildeten Person, es ist zugleich Selbstreflexion der Fotografinnen. Entstanden sind sie alle in dem Spannungsfeld der Exhibitionistinnen und VoyeurInnen. Und auch deshalb steht nicht der Abgebildete als komplette Persönlichkeit im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, sondern nur Aspekte seiner oder ihrer Sexualität. Selten sind es die im Vorbeigehen eingefangenen Abbilder von Menschen, die erst durch das Fotografieren aus der Menge herausgehoben und wieder zu massenfernen Individuen werden, wie es in der Fotografie von Beat Streuli der Fall vermögen.

Spannend von Porträt zu Porträt, von Fotografin zu Fotografen und keinesfalls nur als zeitgenössischer Kunstband zu betrachten. Obwohl mich inhaltlich wenig anspricht und vieles technisch nicht gefällt, möchte ich auf diesen Katalog nicht verzichten. Er ist eine Bereicherung für jede Bibliothek in dem Fotografie und/oder Porträts einen Schwerpunkt einnehmen. Zugleich ist der Katalog eine wundervolle Möglichkeit für Fotobegeisterte eine Begegnung mit der Fotokunst herbeizuführen.

Die Porträtauswahl ist noch bis zum 18. Oktober 2009 im Großformat in der gleichnamigen Ausstellung der Kunsthalle Wien zu bewundern.

© S. Strohschneider-Laue

Das Porträt: Fotografie als Bühne

siehe auch Ausstellungsrezension

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