Archiv für die Kategorie ‘Ausstellung’

China Schätze

Freitag, 11. April 2008

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Schätze aus dem Nationalen Palastmuseum, Taiwan

1000 Jahre haben die chinesischen Kaiser gesammelt und etliches davon war schon damals bedeutend älter. Sie schöpften dabei aus der kulturellen Fülle und den wertvollsten Ressourcen ihres riesigen Reichs. Bereits zur Gründungszeit der Sammlung (Song-Dynastie 960-1279) wurde sie - ganz im bürokratischen Sinne dieser Zeit - katalogisiert. Unter allen Herrschern wuchs der KaisersiegelKaisersiegelBestand an. Während der Qing-Dynastie (1644-1911) erreichte er seinen Höhepunkt. Kaiser Qianlong (1736-1795) zeichnete sich unter der langen Reihe als eifrigster Sammler aus. Gemeinsam ist allen diesen kaiserlichen Sammlern, dass sie bis heute über die Stücke - oft auch sehr persönlich - fassbar werden. Nicht nur ihre politische und philosophische Weltsicht, sondern auch ihre Vorlieben und kreativen Fähigkeiten sind erkennbar. Die Bewahrung des kulturellen Erbes gehörte zur Erfüllung des “himmlischen Mandats” des chinesischen Herrschers, von dem auch erwartet wurde nicht nur Kunstkenner, sondern auch selbst Künstler zu sein.

Die Sammlung überdauerte Dynastien, Fremdherrschaften, Kriege und die Odyssee zwischen 1933 und 1965, die sie an ihren jetzigen Standort in Taipeh (Taiwan) führte. Das Nationale Palastmuseum beherbergt heute eine Sammlung mit über 650.000 Objekten. Das KHM zeigt von 26. Februar bis 13. Mai 2008 aus dem reichen Bestand 120 ausgewählte Stücke.

Die erzählerische Kraft der Stücke ist groß. So sieht man von Kaiser Xuande nicht nur ein Prunkporträt, sondern auch eine von ihm gefertigte meisterliche Pinselzeichnung von Affenmutter mit Kind.
Das kupferrote Kännchen mit eingeschnittenem Lotosblütendekor, das unter Xuande in die Sammlung kam, ist einmal im Original und einmal auf einem Bild von Guiseppe Castiglione (1688-1766) zu sehen. Der Jesuit war Hofmaler unter drei Qing-Kaisern und beeinflusste die chinesische Malerei durch seinen westlichen Stil maßgeblich.

Dass auch Kaiser irren können, zeigt sich in der Fehlbeurteilung einer flachen Schale. Die wertvolle Schale deren Füßchen - vermutlich nach einer Beschädigung - kunstvoll entfernt worden waren, wurde fälschlich als Hundenapf bezeichnet. Eine nette Geschichte, die zeigt wie lebendig Sammlungsgeschichte sein kann.

Kalligraphien sind ebenso vertreten wie bildliche Darstellungen, die mit Texten kombiniert sind. Schade, dass die Mehrheit die Schriftzeichen nicht lesen können und so die Inhalte verborgen bleiben und nur die ansprechende Form gefällt. Die 1736 entstandene Bildrolle zum Begräbnisfest ist hingegen eine Entdeckungsreise für alle. Sie ist elf Meter lang und von einer erzählerischen Kraft, die man bei TV-Produktionen vergeblich sucht. Die Besucher nähern sich beidseitig des Flusses und über die Brücke den Stadtmauern. Jeder Mensch, jedes Tier, Gebäude, Fahrzeug oder Schiff erzählt eine Geschichte. Eine Flut von Darstellungen halten Abschnitt für Abschnitt die Augen gefangen. Kaum meint man alles entdeckt zu haben, wird ein weiteres winziges Detail sichtbar, vom vollgepackten Händler bis zum Haus mit westlichen Elementen. Allein mit dieser Rolle könnte man sich Ewigkeit beschäftigen. Hier nimmt man gerne in Kauf, dass das gedimmte Licht dem Schutz der Rolle dient.

Man sollte sich Zeit nehmen für diese Ausstellung und nicht nur um den üblichen exorbitanten Eintrittspreis ins KHM auszunutzen. Die Objekte verdienen und erfordern eine genaue Betrachtung. Über eine gute körperliche Beweglichkeit sollte man aber auf jeden Fall verfügen oder von Natur aus kleingewachsen sein. Teeschalen, die besonders exquisit verziert sind, stehen nämlich nicht auf einem Spiegel oder auf einem Sockel, der in etwa der Augenhöhe des ohnehin kleinen Durchschnittsösterreichers entspricht. Leider befinden sich die meisten Schalen in Hüft- und Bauchhöhe, was wenig Sinn macht, wenn nicht die Innenseite, sondern die Außenseite das attraktivere von beiden ist. Die beste Sicht hat man daher, wenn man sich mit regelmäßigen Kniebeugen durch die Ausstellung bewegt. Den Vorteil groß zu sein schöpft man hingegen aus, wenn man Stücke, die rundum geschnitzt oder bemalt sind, genauer betrachten möchte. Auf einem langestreckten Sockel stehen die Objekte in einer Doppelreihe. Jedes davon mit einem gläsernen Sturz bedeckt und daher am besten in der Frontalen zu sehen. Nun schlägt die Stunde der großen BesucherInnen. Sie erheben sich von ihren Knien auf die großen Zehen. Balancierend renken sie sich den Hals schlangengleich aus, um auch das letzte erzählerische Detail auf der Rückseite aufnehmen zu können. Aber Sport ist ja gesund und für diese Stücke lohnt es sich davor auf die Knie zu fallen oder sich zu recken.

Zu viel Information darf man natürlich in den beiden Räumen nicht erwarten, schließlich möchte das Haus auch einen Katalog verkaufen. Nach einer chronologischen Übersicht kann man sich mit den ersten Raumtexten zu den wichtigsten Materialien wie z. B. Jade, Porzellan oder Bronze informieren. Die Objekttexte sind erfreulicher Weise nicht nur auf Objektansprache, Datierung sowie die Inventarnummer reduziert. Sie bieten bei ausgewählten Stücken auch spannende Zusatzinformationen. Die Texte selbst sind wie üblich im akademisch getragenen Stil des 19. Jh. abgefasst und passen gut zur Erbauung des Hauses. Das interessierte Publikum, das nicht in höhere akademische Sphären entschwebt ist, sondern einen Brotberuf ergriffen hat, sei daher ein Fremdwörterlexikon empfohlen. Dass die Lauflänge der Texte zu groß, der Durchschuss zu schmal und die Schriftgröße zu klein ist, hat schon missgestalterische Tradition. Wer ein Lesebrille braucht, muss sie sowie so parat haben, um die Details der Objekte wirklich erforschen zu können.

Hingehen und in aller Ruhe anschauen. Die Ausstellung ist ein gutes Beispiel dafür, dass es nicht immer Unmengen sein müssen. Es ist erfreulich, dass das vielfach überstrapazierte Wort “Gold” hier für den Ausstellungstitel nicht verwendet werden konnte. “Jade” ist aufgrund des fehlenden kulturellen Kontextes im Westen nicht so zugkräftig und deshalb hat man voll und ganz gerechtfertigt auf “Schatz” zurückgegriffen. Schönheit, Qualität, Einzigartigkeit und historischer Zusammenhang machen den Hauptanteil des Schatzes aus, dass die Objekte ebenso unersetzlich wie unbezahlbar sind, steht sowieso außer Frage.

© S. Strohschneider-Laue

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Chinesische Jade

Sichuan Restaurant Wien

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Tutanchamun

Freitag, 11. April 2008

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Blockbuster oder Geldmaschine?
Tutanchamun in Wien
9. März - 28. September 2008

Zugegeben, bei Pressekonferenzen ist manche Ausstellung noch “work in progress”, aber diese machte leider den Eindruck fertig eingerichtet zu sein. Sie weckte nicht die Hoffnung, dass es bis zum 9. März, dem Tag an dem zahlendes Publikum eingelassen wird, gehaltvoller wird. Aber hoffentlich wird bis dahin der Eingang in die Ausstellung gekennzeichnet sein, schon durch den heutigen Erfahrungswert, dass viele Journalisten im Anschluss an die Pressekonferenz orientierungslos herumirrten und nur die endlose Schlange vor dem einzigen (!) WC fanden, sich brav anstellten und dachten, es wäre der Eingang zur Ausstellung.

Aber zurück zur Ausstellung und was dort für viel Geld alles (nicht) geboten wird.

“Tutanchamun und die Welt der Pharaonen” lautet der vielversprechende Ausstellungstitel. Rund 140 Funde aus dem Grab des Tutanchamun und aus weiteren Fundstätten werden von 9. März bis 28. September 2008 im Museum für Völkerkunde gezeigt. Tutanchamun ist zwar der Werbeträger bzw. Titelgeber der Ausstellung, aber nur die Hälfte der Funde - und vor allem, die weniger bekannten - stammen aus dem Grab des ebenso ob seines reichen Grabes berühmten wie politisch unbedeutenden Pharaos. Die Ausstellung spannt sich zeitlich sehr großzügig von der 4. Dynastie bis in die Späte Periode (2600 bis 660 v. Chr.) und wird somit auch der Ankündigung “Einblicke in die Welt des Tutanchamuns” zu bieten nicht wirklich gerecht.

Die Räume sind einzelnen Themen zugeordnet:
“Pharaonen des Alten, Mittleren und Neuen Reichs” - bietet Bildnisse wichtiger Pharaonen
“Familie und Privatleben” - hier ist unterstreicht unter anderem ein steinerner Toilettensitz ganz prosaisch die menschlichen Aspekte des Pharaodaseins
“Hof des Pharaos” - gibt Einblicke in den Beamtenstab
“Religion” - imposant leitet der Kolossalkopf des Echnaton zu seinem Nachfolger über
“Gold des Pharaos” - zeigt die Goldmaske des Psusennes, die als durchaus eindrucksvoller Ersatz für die des Tutanchamuns dient, die Kairo nicht mehr verlassen darf
“Vorkammer” - ab hier begegnet man ausschließlich Funden aus dem Grab des Tutanchamun
“Anbau” - der geweißte Holzstuhl
“Schatzkammer” - ist der kleine Kanopensarg des Tutanchamun zu sehen
“Grabkammer” - zeigt ausgewählte Objekte darunter die goldenen Sandalen und je einen Satz der goldenen Finger- und Zehenhülsen
“Schicksal des Pharaos” - macht mit politischen Praxis monumentaler Resteverwertung anhand des nach dem Tode des Tutanchamuns mehrfach umbenannten Kolossalstatue vertraut

Rund 140 fantastische Objekte geben einen streiflichtartigen Überblick zu den Pharaonen. Der Schwerpunkt im zweiten Ausstellungsteil liegt auf dem Grab Tutanchamuns. Ausgewählte Objekte geben Einblick in Alltagsleben, Jenseitsglauben und Totenkult des jung verstorbenen Pharaos gleichermaßen. Alles in allem recht hübsch und interessant, aber definitiv überbezahlt.

Im ersten Raum wird ein Werbefilm für die Ausstellung gezeigt. Vielleicht dient er dazu, um die Besucherströme zu unterbrechen, Gruppen einen Vorsprung zu geben und die Wartezeit zu verkürzen. Informativ ist er nicht, schließlich hat man sich ja schon aufgrund einer spezifischen Erwartungshaltung eine Eintrittskarte gekauft und braucht keinen auf drei Schirme verteilten Trailer mehr, um die Ausstellung zu besuchen. Der gesprochen Text des Films ist Deutsch, die Untertitel sind Englisch. Gehörlose BesucherInnen werden davon wenig profitieren. Der erste Eindruck entspricht der üblichen Ausstellungsgestaltung für “Schatz/Gold und/oder Archäologie/Ägyptologie”: Schummrige Lichtverhältnisse und überwiegend beige-braunes Farbkonzept ist alles andere denn innovativ. Aber immerhin weckt es sofort Erinnerungen an Howard Carter der bei Betreten der Vorkammer gesagt haben soll: “…als meine Augen sich an das Licht gewöhnt hatten, konnte ich langsam Einzelheiten der Kammer sehen….”

Inszenierung wird man vergeblich suchen und dafür mit klobigen transportfähigen Klimavitrinen konfrontiert sein, die Nützlichkeit über Design stellen und den abgegriffenen Charme der späten 70er bis frühen 80er Jahre verbreiten.

Ich bin eine (einsame) Gegnerin von Audioguides. Geräte, die sich tausende Menschen vor mir an ihre Ohren gehalten, übergestülpt oder hineingesteckt haben, und seither vermutlich nicht gereinigt wurden, finde ich abstoßend. Abgesehen davon, bin ich eine extrem schnelle Leserin und bevorzuge Raum-, Bereichs- und Objekttexte, die präzisen und pointierten Einblick bieten. Hier kann ich nach eigenem Ermessen lesen und betrachten ohne darauf zu warten bis der Audioguide es endlich - hoffentlich - auf den Punkt bringt. Aber vielleicht sind die Geräte gerade für diese Ausstellung empfehlenswert, die gedruckten Texte sind es leider nicht. Von den üblichen Kritikpunkten, die das wie immer schwer lesbare Layout (zu klein, zu wenig kontrastreich und von barrierefrei keinen Spur) betreffen, ganz abgesehen, sind die Texte miserabel aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt worden. Damit ist nicht gemeint, dass sich Schreibfehler und neue oder alte Rechtschreibung abwechselnd durch die Texte ziehen. Bedauerlicherweise hat anscheinend kein deutschsprachiger Ägyptologe die Texte jemals auf ihren fachliche Richtigkeit überprüft, sondern ein Übersetzer ohne thematische Sachkenntnisse ins Deutsche Übertragenes geliefert. Hier einige Kostproben: Aus “beads” werden völlig irreführend “Kunstperlen”, statt die Materialbezeichnung (z. B. Lapislazuli) in Kombination mit dem deutschen Universalwort “Perle” bzw. die korrekten Ansprache des betreffenden Objekts zu wählen. Aus “openwork” wird “Flechtwerk” statt “Durchbruchsarbeit” nicht nur bei der wunderbaren Gürtelbeschlag (immerhin wurde “plaque” nicht mit “Zahnbelag” gleichgesetzt). Auch wird man den Horusfalken vergeblich “auf dem Stuhl sitzend” vorfinden, sondern ihn als Durchbruchsarbeit (!) der Rückenlehne bewundern können. Einen Kanopendeckel als “Stopfen” zu bezeichnen, hat zumindest Unterhaltungswert, was das ab und an aufblitzende “Denglisch” definitiv nicht hat. Qualität geht über Quantität ist eine lobenswerte Devise. Leider kann die unbestreitbare Qualität der Objekte über die unsensible und schlampige Präsentation nicht hinwegtäuschen.

Durch ein “leeres Kammerl” verlässt man die Schau und betritt blinzelnd die helle Halle des Museums. Ein letzter Blick gilt den naturwissenschaftlichen Untersuchungen an der Mumie, die in einer Nische untergracht sind. Einige Wandtafeln und eine filmische Präsentation wird alle jene erfreuen, die die diversen Berichte, Dokumentationen und Filme, die regelmäßig durch die TV-Kanäle geistern, noch nicht gesehen haben.

Was erwartet man, wenn man als Erwachsener 18,00 € oder als Familie mit zwei Kindern 43,00 € für den Eintritt bezahlt hat? Egal ob die Karten vorbestellt oder unter den wenig tutanchamunmäßigen aber dafür pyramidenförmigen Zelten vor dem Museumseingang erworben wurden, sie gelten nur für ein schmales Zeitfenster, das man nicht versäumen darf, sonst bleibt man um viel Geld ärmer und eine böse Erfahrung reicher vor der Tür. Man erwartet viele eindrucksvolle Objekte zu sehen, eine spannende Inszenierung und natürlich einen informativen Mehrwert. Was man nicht erwartet, ist enttäuscht und vom amerikanischen Personal auf englisch angesprochen zu werden. Übrigens lassen Sie ihre kleineren Kinder lieber daheim. Die Ausstellung bietet schlicht und ergreifend dem jungen Einzelbesucher nichts außer dem unvermeidbaren Shop, der einem ägyptisierten Plastikdisneyland gleicht und nur wenige und dafür englische Publikationen anbietet.

Am besten ist sowieso, wenn Sie Ihr Geld für einen ebenso erholsamen wie genuss- und kulturreichen Urlaub in Ägypten ausgeben. Letztlich werden Sie für viel weniger Geld mehr Tutanchamun - und alle anderen Pharaos samt ihren Lebensräumen und Sterbestätten - geboten bekommen als Sie konsumieren können. Selbst der Touristenkitsch ist in Ägypten besser, aber vielleicht werden einige Fußballfans an den plüschigen Pharonenhauben oder Indiana-Jones-Hüten gefallen finden…

© S. Strohschneider-Laue

Katalog Tutanchamun Tutanchamun, Katalog zur Ausstellung

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Raoul Korty

Freitag, 11. April 2008

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Österreichische Nationalbibliothek
Zur Erinnerung an schönere Zeiten…

29. Februar bis 13. April 2008

Raoul Korty in der Uniform des Husarenregiments Nr.5, 1919 © Österreichische Nationalbibliothek Der Ausstellungstitel greift die Widmung auf, die Raoul Korty unter sein Porträt in Husarenuniform schrieb. Entstanden ist die Aufnahme 1919 als der Krieg vorbei, die Monarchie abgelöst und die kaiserliche Uniform bereits Geschichte war. Er blieb Offizier und Lebemann. Seine Einstellung Ich habe den Rock des Kaisers getragen, da werde ich Hitler nicht fürchten wurde ihm 1944 schließlich zum Verhängnis. Auch Raoul Korty überlebte Auschwitz nicht.

Carte de Visite: Beidseitig betrachtbar 1865 © Österreichische NationalbibliothekCarte de Visite: Beidseitig betrachtbar 1865 © Österreichische Nationalbibliothek Der Stammhalter des wohlhabende Kaufmanns Siegfried Hermann Kohn, der 1896 den Namen Korty(i) annahm, wurde am 4. Februar 1889 in Wien geboren. Die Erziehung des jungen Raoul dürfte wohl der Zeit entsprochen haben, dennoch blieb die vom Vater gewünschte Entwicklung aus. Raoul entpuppte sich bereits in früher Jugend als besessener Fotosammler. Ein Ratenkauf, um an eine bedeutende Fotosammlung zu gelangen, endete beim Anwalt. Briefe der Mutter an den 12jährigen sind wohl nicht umsonst mit Sammler oder Ansichtskartenkrampfinhaber betitelt und mahnen brav und fleißig zu sein. Die 50.000 Damenporträts aus einem Nachlass, den er mit dem väterlichen Geld erwarb, werden ebenfalls nicht zur Bewahrung des häuslichen Friedens - angeblich hat aufgrund des Chaos das Stubenmädchen gekündigt - beigetragen haben.

Schauspielerin Mizzi Palme, um 1900 © Österreichische Nationalbibliothek Der junge Sammler beendete die Realschule und trat in die Wiener Kunstakademie ein, die er aber durch Eintritt in den Präsenzdienst und Ausbruch des Ersten Weltkrieg nicht beendete. Korty kehrte als Oberstleutnant heim, er war während des Krieges mit einer silbernen Tapferkeitsmedaille 2. Klasse ausgezeichnet worden. Ohne Ausbildung aber mit einer begüterten Familie war die Rückkehr ins bürgerliche Leben für Raoul Korty sicher leichter als für viele andere Heimkehrer. Seine Leidenschaft für Fotografie legte die Gründung des Fotoateliers Gorgette nahe. Keine kluge Entscheidung. Exzessive Sammler sind Süchtige. Ein Jahr später stand das Studio bereits vor dem Ruin. Foto(sammel)leidenschaft und organisiertes wirtschaftliches Denken scheinen sich bei Raoul Korty ausgeschlossen zu haben, obwohl das Atelier nicht unproduktiv gewesen war. Um 20.000 Kronen war Vaters Geldbeutel schmaler geworden als die Firma 1929 aufgelöst wurde. Nach seiner Heirat mit einer Nichtjüdin blieb ihm Vaters Geldbeutel verschlossen. Andererseits war die Sammlung auf rund 250.000 Fotos angewachsen. Das erste große Fotoarchiv auf das Printmedien zugreifen konnten, begann Geld einzubringen. Allerdings nicht genug. In den 30er Jahren begannen Korty aus Geldnot Teile seiner Sammlung zu verpfänden und zu verkaufen. Mit dem Anschluss Österreichs brach die Welt um ihn zusammen. Zu spät dachte er an Emigration. Am 28. Oktober 1944 wurde der Sammler und Chronist einer versunkenen Zeit Raoul Korty nach Auschwitz deportiert.

Sammlung Raoul Korty ab 1939 in der ÖNB © Österreichische NationalbibliothekUnter den nahezu 500.000 Objekte, die durch die Beschlagnahmungen während des Nationalsozialismus in die Österreichische Nationalbibliothek gelangten, befanden sich auch die letzten 30.000 Fotos, die Raoul Korty noch geblieben waren. Seit 1939 harrten sie in Transportkisten verpackt ihrer Wiederentdeckung. Es ist gut bekannt und wenig diskutiert, dass Österreich besonders vergesslich mit der Zeit des Nationalsozialismus umgeht. Die Gedächtnislücken sind besonders ausgeprägt, wenn es um die Rückgabe von Raubgut geht. Die Österreichische Nationalbibliothek hat sich auch nicht beeilt. Bereits 1946 nahmen die Hinterbliebenen von Raoul Korty mit den Verantwortlichen für die Rückstellung auf, aber erst 66 Jahre nach der Beschlagnahmung wurde die Fotosammlung der Tochter Kortys rechtmäßig abgekauft. Erfreulich ist, dass die Österreichische Nationalbibliothek sich ihrer unrühmlichen Erwerbsstrategien in aller Offenheit stellt und gemäß des Kunstrückgabegesetzes von 1998 endlich agiert.

Bearbeitung: 30.000 Bilder, 2007 © Österreichische Nationalbibliothek Seit 2007 wird die Sammlung Korty aufgearbeitet. Ein Katalog, auf den zurückgegriffen werden könnte, exitiert nicht; denn Raoul Korty hatte wie jeder besessene Sammler seine Objekte, deren Erwerb und die zugehörigen Hintergründe im Kopf. Der “spärliche” - gemessen an einst 250.000 Fotos - Bestand stellt somit eine große Herausforderung dar. Der Monarchist und Lebemann Korty spiegelt sich deutlich in seiner Sammlung. Der Schwerpunkt liegt auf Porträts von Adeligen und KünstlerInnen.

Non-Fiction

Michaela Pfundner, Margot Werner (Hg.)
Zur Erinnerung an schönere Zeiten
Bilder aus der versunkenen Welt des jüdischen Sammlers Raoul Korty
ÖNB 2008, 103 S. zahlr. Abb.
ISBN 978-3-01-000037-6

Katalog: Raoul Korty Die von 29. Februar bis 13. April 2008 im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek gezeigte Ausstellung Zur Erinnerung an schönere Zeiten. Bilder aus der versunkenen Welt des jüdischen Sammlers Raoul Korty wird der komplexen Thematik mehr als nur gerecht. Ausgehend von der Persönlichkeit Kortys spannt sich der Bogen über Adel, Gesellschaft, Bühne und Kurioses bis zum Sammlungsschicksal selbst. Übersichtlich struktruiert und äußerst ansprechend präsentiert, ist es eine Freude von Vitrine zu Vitrine zugehen und sich mit dem gut aufbereiteten Inhalt zu beschäftigen. Flüssige Texte, stimmig gewähltes Fotomaterial sowie einige Schmuck- und Bekleidungsstücke verdeutlichen die Lebenswelt Kortys und zeigen die informative Breite des Bestandes auf.

Die Ausstellungen im Prunksaal sind immer interessant, viele sind gelungen und immer zeigen sie Besonderes. Diese Ausstellung ist außergewöhnlich. Die exzellenten Texte und die frische Grafik stellen die rund 300 Fotos, deren Fülle man kaum bemerkt, nicht nur in einen informativen Zusammenhang, sondern sparen auch die Forschungsgeschichte nicht aus.
Definitiv eine Ausstellung bei der man keinesfalls auf den Katalog verzichten sollte. Die Persönlichkeit Kortys, das Sammlungsschicksal und die Bildauswahl werden so spannend vorgestellt, dass man den auch grafisch attraktiven Band erst aus der Hand legt, wenn man die rund 100 Seiten gelesen hat.

© S. Strohschneider-Laue

Raoul Korty
Franz Joseph I. in 100 Bildern
Kaiserin Elisabeth von Österreich in zweihundert Bildern

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Lucien Clergue

Freitag, 11. April 2008

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Lucien Clergue
Magie und Mythos

KunstHausWien 2007, Dt./Engl, 224 S. mit zahlr. Farb- und Sw-Abb.
ISBN 978-3-901247-17-0

Lucien Clergue, Magie und Mythos Lucien Clergue: Magie und Mythos. Ausstellungskatalog

Lucien Clergues Fotografien ist eine poetische Stille eigen, die zur Kontemplation über das prekäre Verhältnis von Mensch und Natur, Vergänglichkeit und Permanenz, einlädt. Zwischen den Polen Tod und Leben angesiedelt, gehören der Stierkampf und der weibliche Akt, das Wasser und der Sand zu den Leitthemen seines Lebenswerkes. Ein Querschnitt durch das Schaffen des 1934 in Arles geborenen Künstlers ist derzeit in einer rund 200 Arbeiten umfassenden Ausstellung des KunstHausWien sowie dem als Begleitbuch erschienenen Katalog “Lucien Clergue - Magie und Mythos” zu bewundern. Die reich bebilderte Publikation zeichnet in chronologischer Abfolge den künstlerischen Werdegang Lucien Clergues nach. Ein den Bildteil vorangestellter Essay von Karen Sinsheimer schildert die wichtigsten Stationen in der Biografie des vielfach ausgezeichneten Fotografen, der sich auch erfolgreich mit dem Medium Film beschäftigt.

In den Nachkriegsjahren erkundet Lucien Clergue mit seiner Kamera das zerbombte Arles und sein Umland. In den Ruinen der Stadt inszeniert er “tableaux vivantes” mit als Zirkusartisten verkleideten Kindern, deren starre Posen und Anordnung im Bildraum aus heutiger Sicht Assoziationen mit der Modefotografie wachrufen. In starkem Kontrast zu dieser, in ihrer Grundstimmung seltsam melancholisch wirkenden, Bildserie stehen die reportageartigen Fotografien der Zigeuner, die Lucien Clergue eine Zeit lang begleitet. Doch nicht nur der Mensch, auch die Natur fesselt den Fotografen. Seine Aufnahmen von sich im Wasser einer Überschwemmung spiegelnden Weinstöcken, von Maisstauden und der kargen Vegetation der Küste besitzen durch Nahsicht und die betonte Licht-Schatten-Wirkung eine abstrakte Qualität, die sie der modernen Malerei nahe bringt. Begegnungen mit Picasso und Jean Cocteau eröffnen dem jungen Fotografen neue Wege. Lucien Clergue entdeckt das künstlerische Potential des weiblichen Körpers. Der Frauentorso - von Wasser umspült, als Projektionsfläche für Zebramuster aus Licht und Schatten oder in Doppelbelichtungen mit historischen Gemälden kombiniert - wird für ihn zum bildlichen Symbol des Lebens.

Mit der “Sprache des Sandes”, einer Sammlung von Aufnahmen der von natürlichen und künstlichen Spuren gezeichneten Übergangszone zwischen Wasser und Land, erwirb der Meister der Schwarz-Weiss-Fotografie 1979 den Doktorgrad an der Universität von Marseille-Provence. Die behutsame Annäherung an die Farbfotografie erfolgt erst spät. 1981 beginnt Lucien Clergue mit einer Polaroid-Kamera zu experimentieren - mit überraschenden Resultaten. Zu Sequenzen aneinandergereiht, erhalten die kleinformatigen Farbbilder eine zusätzliche rhythmisch-grafische Dimension. Schließlich entstehen auch großformatige Arbeiten, die durch das Spiel mit Doppelbelichtungen eine geheimnisvolle Tiefe erhalten. Das Buch “Lucien Clergue - Magie und Mythos” stellt eine exzellente Einführung in das Werk des großen Fotografen dar. Wer es in Händen hält, sollte übrigens auf keinen Fall verabsäumen die Umschlagklappen aufzuschlagen. Hier sind insgesamt 108 weitere Fotos versteckt, die erahnen lassen, welche Schätze das Archiv des Künstlers noch birgt.

Die Ausstellung “Lucien Clergue - Der Dichter mit der Kamera”, seine erste Retrospektive in Österreich, ist bis 17.02.2008 im KunstHausWien zu sehen. Danach gastiert sie vom 07.03. bis 18.05.2008 im Graphikmuseum Pablo Picasso Münster und vom14.06. bis 20.07.2008 in der Städtischen Galerie Erlangen.

© Ch. Ranseder

Lucien Clergue: Magie und Mythos. Ausstellungskatalog

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