Archiv für die Kategorie ‘Publikationen’
Montag, 02. Januar 2012

Staatliche Kunsthalle Karlsruhe (Hg.)
Von Schönheit und Tod
Tierstillleben von der Renaissance bis zur Moderne
Kehrer 2011, 416 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978-3-86828-275-1
Tierstillleben: Von Schönheit und Tod
Willem van Aelst treibt in seinem Stillleben mit Jagdgeräten und toten Vögeln (1668) die Ästhetisierung eines blutigen Sports auf die Spitze. Nichts weist auf den gewaltsamen Tod des anmutig mit ausgebreiteten Flügeln an einer Schnur hängendem Rebhuhns hin, dessen Kopf auf dem blauen Samt einer Jagdtasche ruht, als würde es sich in einem Nickerchen von den Strapazen des Gejagtwerdens erholen. Gefieder, Samt und die materielle Beschaffenheit der kostbaren Geräte, die auf die Ausübung von Fang-, Hetz- und Beizjagd verweisen, sind mit atemberaubender Kunstfertigkeit wiedergegeben. Es ist ein Gemälde, das den Blick einfängt und einen geradezu sinnlichen visuellen Genuss beschert. Allzu leicht lässt sich darüber vergessen, dass diese elegante Zusammenstellung von Statussymbolen eigentlich der standesgemäßen Selbstdarstellung des Adels diente, der subtil auf sein Jagdprivileg hinwies.
Jagdstillleben können als Paradebeispiel für Bilder, deren Hauptmotiv tote Tiere sind, herangezogen werden. Ein Monopol auf die Darstellung des Lebens beraubter Fauna haben sie jedoch nicht. Das führt der Prachtband “Von Schönheit und Tod. Tierstillleben von der Renaissance bis zur Moderne” eindrucksvoll vor Augen.
Im Tierstillleben verwischen die Grenzen zur Landschafts-, Porträt-, Genre- und Historienmalerei. Das macht es spannend und abwechslungsreich. Erlegtes Wild, geschlachtete Haustiere, Fische und Schalentiere türmen sich im Vordergrund zahlreicher Markt- und Küchendarstellungen, während im Hintergrund Episoden aus mythologischen oder christlichen Geschichten erzählt werden. Auf anderen Bildern verweisen Fisch- und Geflügelverkäufer mit beredtem Blick und anzüglicher Geste nicht nur auf die Vorzüge ihrer Ware, sondern auch auf sexuelle Handlungen, wenn nicht gar Dienstleistungen. Imposante Landschaften oder protzige Gartenanlagen dienen als Kulisse für unter freiem Himmel platzierte Arrangements aus den Leibern toter Tiere, Früchten und Blumen. Fein gekleidete Herren posieren mit Jagdbeute und -hund am Waldesrand, um ihre soziale Stellung zu kommunizieren. Graf Carl Gustaf Tessin fand sogar seinen geliebten Dackel Pehr eines eigenen Bildnisses würdig und ließ den treuen Begleiter - wenig heroisch, doch dafür umso lebensnaher - 1740 von Jean-Baptiste Oudry auf Leinwand verewigen.
Bei aller Ambivalenz zur Darstellung des Todes, lässt sich an den Gemälden aus Beginn und Blütezeit des Tierstilllebens noch heute die Freude der Künstler an der Pracht von Gefieder und Fell, Schuppen und Panzern ablesen. Anders als ihre Kollegen, die sich der wissenschaftlichen Illustrationen zur Bestandsaufnahme der Welt verschrieben hatten, konnten sich die Maler von Tierstillleben künstlerische Freiheiten - ja sogar Scherze - erlauben. So setzte Abraham Mignon in seinem Stillleben mit totem Geflügel (1663/64) einen gewöhnlichen Hahn in Szene als wäre er kostbare Jagdbeute. Das prachtvolle Gefieder des kopfüber hängenden Vogels explodiert gleichsam in alle Richtungen, sodass jede einzelne Feder - selbst die sonst verborgenen - bewundert werden können. Indem er die Dynamik des Augenblicks mit malerischen Mitteln festhielt, nahm Abraham Mignon die fotografische Momentaufnahme vorweg.
Nicht minder virtuos, doch voller schalkhafter Vorfreude auf kulinarische Genüsse, ist François Desportes Stillleben mit bratfertigem Wild (1716) in dem ein lebender Papagei über gespicktes oder in Speck gewickeltes Geflügel, einen Hasen, mächtige Fleischstücke und eine Schüssel mit Zitrusfrüchten wacht. Das für Herzog Philippe II. d´Orleans, der gelegentlich selbst den Kochlöffel schwang, geschaffene Gemälde repräsentiert eine weitere Form des Tierstilllebens.
Von solchem Augenschmaus sind die Arbeiten des 19. und 20. Jahrhunderts weit entfernt. Im Mittelpunkt des Interesses der Künstler dieser Zeit standen die malerischen Ausdrucksmittel, nicht die Schönheit und Opulenz der Natur. Das Medium und die eigene Befindlichkeit wurden wichtiger als das Motiv. Das Tier mutierte zum Ding. Doch über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten und in einem breit angelegten Überblickswerk darf die moderne Kunst natürlich nicht fehlen.
“Von Schönheit und Tod. Tierstillleben von der Renaissance bis zur Moderne” ist die erste Monografie zum Thema Tierstillleben und als solche unverzichtbar. Die für das Buch getroffene Auswahl der Bilder ist brillant. Der Katalog allein umfasst 124 ganzseitig abgebildete, mit ausführlichen Kommentaren versehene Werke. Er beginnt mit dem Aquarell “Tote Ente” von Albrecht Dürer, dem Wegbereiter der realistischen Wiedergabe der Natur und endet mit der auf die Tierstillleben des 17. Jahrhunderts Bezug nehmenden Fotografie “Fasan” von Robert Mapplethorpe. Zwischen diesen beiden Polen gibt es so viel zu bestaunen, dass man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen möchte. Auf dem Streifzug durch die 500-jährige Geschichte des Tierstilllebens begegnen nicht nur Abbilder toter, sondern auch lebender Tiere - vom treuen Jagdhund, der mit ins Bild musste, über Papagei und Äffchen bis zum gerade noch dem Jäger entkommenen Eichhörnchen.
Zusätzliches Bildmaterial begleitet die sieben fundierten Essays des Buches. Sie bieten neben einem Abriss zu Geschichte und Besonderheiten des Tierstilllebens eine hervorragende Übersicht über die bedeutendsten Maler dieses Genres, darunter Stars wie Jean Siméon Chardin, Jan Weenix und Jean-Baptiste Oudry. Exkurse zu den gegenseitigen Beeinflussungen und Arbeitsweisen der Künstler sowie dem kultur- und sozialgeschichtlichen Hintergrund, dessen Kenntnis ein tieferes Verständnis der Gemälde ermöglicht, vervollständigen das vermittelte Grundlagenwissen. Das perfekte Zusammenspiel von Bildauswahl und leicht lesbaren Texten macht das Buch zum Lesevergnügen, seine inhaltliche Tiefe prädestiniert es als Nachschlagwerk.
“Von Schönheit und Tod. Tierstillleben von der Renaissance bis zur Moderne” schließt eine Lücke in der Auseinandersetzung mit der Gattung Stillleben. Die Ausstellung, aus derem Anlass die stattliche Publikation erschien, ist in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe vom 19. November ‘11 bis 19. Februar ‘12 zu sehen.
© Ch. Ranseder
Tierstillleben: Von Schönheit und Tod
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Tags:Barock, Biologie, CRans, Ebensolch Rez-E-zine 70/11, Katalog, Kunst, Moderne, Neuzeit, Renaissance, Stillleben
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Samstag, 10. Dezember 2011

Waschbären
Kleine Banditen mit Maske
Neumann-Neudamm 2011, 96 S., durchgehend Farbfotos.
ISBN 978 3 7888 1381 9
Waschbären: Kleine Banditen mit Maske
Waschbären (indian. Aracun, engl. Raccoon) sind in Nordamerika beheimatete Kleinbären. Die ersten “europäischen” Waschbären waren allerdings keine Zuwanderer, sondern Flüchtlinge aus Pelztierfarmen der 20er-Jahre. Dazu gesellten sich - u. a. ab 1934 am hessischen Edersee - offiziell ausgesetzte Waschbären. Egal wie man nicht einheimische Tiere, sog. Neozoen, beurteilt, Waschbären gehören zu den Niedlichen. Ihre auffällige Fellzeichnung, ihre Art und Weise mit den Händchen zu scharren, tasten, drehen und wenden, macht sie liebenswert. In den nahezu 100 Jahren haben sie sich an die hiesigen Naturräume gut angepasst - leider auch an die Zivilisation mit ihren Mülltonnen. Viele Städte haben deshalb schon ihre eigenen Waschbärpopulationen und das nicht etwa innerhalb von Zoos.
Niedlich hin oder her, Waschbären sind Wildtiere zum Beobachten und keine Haustiere zum Halten. Eine Tatsache, die auch durch die vielen erstklassigen, großformatigen Fotos und einen eigenen Abschnitt in diesem Band deutlich gezeigt wird. Die durchgehende Fotostrecke wird von Steckbriefen der kleinen Banditen begleitet. Herkunft, Verbreitung und Biologisches werden dabei ebenso berücksichtigt wie die Jagd auf die Pelzträger. Launig werden auch ihre Eigenschaften als ebenso ungebetene wie ungebührliche Untermieter in Haus und Hof vorgestellt. Denn wer glaubt, dass ein Waschbär ein reinlicher, ruhiger Gast ist, der irrt sich.
Dieses Buch lebt von den unglaublich vielen Fotos und den darauf eingefangenen - oft absurden - Situationen. Darunter viele Schnappschüsse in erstklassiger Qualität, deren Entstehung - vor allem das Fotomodell - man gerne selbst erlebt hätte. Tierliebe Kinder und naturverbundene Erwachsene werden bereits beim Durchblättern ihre Freude haben. Ein Buch zum gemeinsamen Anschauen, zum Lesen und Informieren sowie zum gefahrlosen Genießen des waschbärigen Knuddelfaktors. Wer dieses Buch hat, braucht keinen Waschbären mehr.
© S. Strohschneider-Laue
Waschbären: Kleine Banditen mit Maske
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Tags:ab acht, Biologie, Ebensolch Rez-E-zine 70/11, Europa, Sistlau, USA
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Donnerstag, 08. Dezember 2011

Antje Hinz
Spanien hören
Silberfuchs Verlag 2011, 1 CD, Laufzeit 80′, 15 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 9406 6514 9
Spanien hören
Die kulturelle Vielfalt Spaniens wird in 80 Minuten und in 21 Häppchen als geniales Menü serviert. Die Länderreihe hat sich eindeutig zu einer stattliche Sammleredition mit steter Wiederhörqualität entwickelt. Historische, literarische und musikalische Clips lassen auf dieser CD ein ganz besonderes Bild von Spanien entstehen.
Beginnend mit den, zu den ältesten Kunstwerken der Welt zählenden, Höhlenmalereien von Altamira spannt sich ein kultureller Bogen über die Iberische Halbinsel. Phönizier, Griechen, Vasconen, Iberer, Kelten, Römer, Westgoten, Mauren bildeten die vielfältige Basis. In Spanien ist untrennbar mit dem kulturellen Aufstieg während des Mittelalters auch politisch-religiöse Macht verbunden: Islam und Christentum. Das kulturelle Zentrum in islamischer Zeit war Córdoba. Hier entwickelte sich zugleich ein multikulturelles “Mekka der Wissenschaften”. Wie oft wechseln Toleranz und Verfolgung einander ab. Toledo profitiert vom Zuwachs Intellektueller als sie die Stadt verfolgte Juden und Christen aufnimmt. Schließlich wird vom Norden ausgehend die Rückgewinnung Spaniens unter dem fadenscheinigen Deckmäntelchen der (Re-)Christianisierung vorgenommen. Dies mündet letztlich in der Inquisition. Systematische Verfolgung wird in Folge zum religiös untermauerten Staatsgeschäft, das die blühende Multikultur mit ihren Wissenschaftlern und Künstlern vernichtete. In Folge ging für Katholizismus, Kolonialismus und das Reich die Sonne nicht mehr unter. Marienverehrung, Askese auf der einen Seite sowie Don Quijote und das pralle spanische Volkstheater auf der anderen Seite sind nicht nur Gegensätze, sondern logische Folgen der Repressalien. Unter den Bourbonen sank der Stern des Katholizismus, Wissenschaft und Bildung wird zum Staatsanliegen. Dann kam Napoleon. Den Widerstand und den Kriegsgräuel zeigt niemand besser auf als Goya, der modernste, provozierendste, politisch und sozial kritischste Künstler - nicht nur zu seiner Zeit. Der Weg zur Verfassung und Republik war steinig, war aber auch der Weg zur nationalen Musik. Multikulturell, darunter die Musik und Sprache der Galizier, Basken, Katalanen und Roma, wird salonfähig. Ein fruchtbarer Nährboden auf denen einerseits Gaudi, Miró, Dalí, Picasso sich entfalten und andererseits im Zuge von Bürgerkrieg, Diktatur und neuer Nation Lorca, Celaya, Semprún, Marsé ihre Eindrücke in eindringliche, unvergängliche Worte fassen.
Dietmar Mues (†) präsentiert die Vielfalt außergewöhnlich abwechslungsreich vor dem Hintergrund vieler Musikzitate. Den optischen Genuss steuert Roswitha Röschs Grafik bei.
© S. Strohschneider-Laue
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Mittwoch, 23. November 2011

Von Fischen, Vögeln und Reptilien
Meisterwerke aus den kaiserlichen Sammlungen
ÖNB Prunksaal
24. November ‘11 bis 29. Januar ‘12
Von Fischen, Vögeln und Reptilien: Meisterwerke aus den kaiserlichen Sammlungen

1492 vergrößerte sich die Welt ins Unermessliche. Nach der Entdeckung Amerikas gab es kein Halten mehr. Jeder, der etwas auf sich hielt und es sich verschaffen konnte, wollte ein Stück von der Welt haben. In der Renaissance ging daher in einigen Reichen die Sonne nicht mehr unter, während so manchem Reichen endlich ein Licht aufging. Es begann die Blüte der Kuriositätenkabinette, der Wunderkammern und ersten wissenschaftlichen Sammlungen.
Unter diesen Sammlern war auch Kaiser Rudolf II. (1552-1612). Politisch unfähig und psychisch labil betätigte er sich bevorzugt als Kunst- und Wissenschaftsmäzen. Gut so, denn das Licht der Monarchie verlosch, während sein künstlerisches und wissenschaftliches Erbe bis heute Bestand hat. Bestand u. a. dadurch, dass die Österreichische Nationalbibliothek die Restaurierung des “Bestiaire” von Rudolf II. durchführte. Das zweibändige Werk mit 181 Ölbildern, das zwischen 1570 und 1611 von mehreren Künstlern - darunter Daniel Fröschel (1563-1613), Hans Hans Hoffmann (1530-1591/92) und Guiseppe Arcimboldo (1526-1593) - mitgestaltet wurde, ist eine in jeder wissenschaftlichen und künstlerischen Hinsicht reiche Fundgrube.
Einzigartige Bilder belegen einerseits die Kunstfertigkeit der Ausführenden, andererseits das Bestreben nach wissenschaftlicher - unter den gegebenen Umständen - und exakter Dokumentation. Zugleich spiegeln die Abbildungen ebenso das persönliche Interesse Rudolfs als auch sein Repräsentationsbedürfnis sowie die damals lebend gehaltenen Tiere bzw. das gesammelte tote Material wider.
Manche dieser Tiere fristeten offensichtlich mehr schlecht als recht ein Dasein inmitten der staunenden Gesellschaft. So zeigt die atemberaubend schöne und zugleich minutiöse Darstellung eines Molukkenkakadus, ein überfüttertes Tier. Der Schnabel schreit förmlich nach einer Korrektur bei einem Tierarzt, der zusätzlich einen artgerechten, reduzierten Diätplan - harte Sämereien statt weichen Gebäcks - verordnet hätte. Spannend, was aus den Bilddokumenten - zusätzlich zur genussvollen Betrachtung der Kunstwerke - abzulesen ist.
Das Album von Erzherzog Ferdinand II. (1529-1595) wurde ebenfalls restauriert. Selbstverständlich sieht man auch den Fischen an, ob sie fangfrisch oder konserviert bis mumifiziert den Künstlern als Zeichenvorlage dienten. So zeigen sie sich farbenprächtig oder trist gebräunt je nach dem jeweiligen Erhaltungszustand. Frische Fische hatte jedenfalls Giorgio Liberale (1527-vor 1580) zur Verfügung. Über 1100 Bilder der adriatischen Meeresfauna - oft in Originalgröße - verbinden ästhetischen Anspruch mit wissenschaftlicher Dokumentationsqualität. Ein besonderes Highlight seine deckungsgleichen Darstellungen der Ober- und Unterseite z. B. eines Krebses auf Pergamentvorder- und -rückseite. Wendet man das Blatt, wendet man quasi den Krebs.
Zuweilen wurden große Herausforderungen an die ausführenden Künstler gestellt. Vage und bruchstückhafte Informationen, die wie beim Spiel “Stille Post” durch mehrere Münder und Ohren weitererzählt waren, sollten in einer überzeugenden Visualisierung münden. Das dreifarbige Zebra, heute von hohem Unterhaltungswert, sorgte sicher auch damals, obwohl aus anderen Gründen, für Erstaunen.
Fazit: Im beeindruckenden Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek ist eine ebenso tierische wie gute Auswahl der frisch restaurierten Blätter aus zwei Bilderzyklen - Bestiaire von Rudolfs II. und Fauna der Adria von Ferdinand II. - zu bestaunen. Abgerundet wird die Ausstellung mit Illustrationen von Carolus Clusius (1526-1609), Ulisse Aldrovandi (1522-1605) sowie Jacopo Ligozzi (1547-1627). Ein Besuch der sich für Groß und Klein, Laien und Fachpublikum - durchaus mehrmals - lohnt. Die zweisprachig (dt./engl.) abgefassten Ausstellungstexte bieten einen ersten Überblick. Wer mehr wissen möchte, als eine einschlägige Themenführung bieten kann, dem sei der umfangreiche Katalog empfohlen.
Von Fischen, Vögeln und Reptilien: Meisterwerke aus den kaiserlichen Sammlungen
Die Kuratorin der Ausstellung Christina Weiler ist auch Herausgeberin des Katalogs. Beiträge von Christa Hofmann, Ksenija Tschetschik und Daniel Siderits sowie zahlreiche Abbildungen machen den stattlichen 255-seitigen Band zu einer angenehmen (!) Pflichtlektüre.
Die Kapitel gliedern sich in “die Tierwelt der Adria”, “das Reich der Tiere”, “die Konservierung von Tierbildern auf Pergament”, “Kunstwerk und Naturobjekt” sowie “Tierillustration der frühen Neuzeit”. Der benutzerfreundliche Anhang mit Literatur, Abbildungsverzeichnis und Tierregister rundet den qualitätvollen Band ab.
Dass der Katalog eine Augenweide ist, ist nicht nur den herrlichen Bildquellen und der Druckqualität zu verdanken, sondern auch dem übersichtlichen sowie attraktiven Layout von Ekke Wolf.
Übrigens: Der Preis ist bestechend moderat!
© S. Strohschneider-Laue
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Donnerstag, 10. November 2011

Leseprobe gefällig?

Wie den Lesehunger befriedigen, wenn man (noch) keinen eigenen Lesegeschmack entwickelt hat und (noch) nicht weiß, wie - sprichwörtlich - vielseitig die Literatur tatsächlich ist?
Wer buchmäßige Fremdbestimmung ohne Probleme akzeptiert, dem blüht vielleicht folgendes Schicksal:
- Themenkaufwütiger werden, sobald (z. B.) “Sex” im Titel versprochen wird.
- Passend zur Selbstdarstellung (z. B.) Markenfüllfeder, Maßanzug und Nobelschlitten die Lektüre auf den goldgeprägten Schweinsledereinband zum Laufmeterpreis reduzieren.
- Mainstreambuchkonsum anheimfallen, um mitreden zu können.
- Mitleser im Freundeskreis werden, dabei kann sich überaus Erstaunliches auftun.
- Als Nervtöter BuchhändelerInnen zur Verzweiflung treiben, wäre ebenfalls eine Option der Unselbstständigkeit und Fremdbestimmungssucht.
Um diesen Einseitigkeiten zu entgehen, einige Tipps für die Annäherung an das Fremdobjekt “Buch”.
ErstleserInnen und LeseeinsteigerInnen
Seien Sie abenteuerlich, betreten Sie eine Bibliothek oder Buchhandlung. Seien Sie offen für Alles und kaprizieren Sie sich nicht gleich auf ein einziges Genre. Öffnen Sie viele Bücher, um sich selbst eine Meinung zu bilden. Greifen Sie nicht nach der schulischen Pflichtlektüre, es gibt mehr als eine Galaxie im Universum.
Äußere Äußerlichkeiten
Beurteilen Sie Menschen nach Äußerlichkeiten? Nein? Dann tun Sie es auch nicht bei Büchern.
Bild, Autor, Titel, Empfehlungen und Awards sind nur die halbe Miete. Ein hässlicher Bucheinband ist sowieso Geschmackssache, ein in Riesenlettern gesetzter Autorenname ist kein Qualitätsgarant, ein kruder Titel ist meist nicht mehr oder weniger als eben “krude” und eine Bestsellerliste ist letztlich nur ein Verkaufsliste. Entscheiden Sie auch nicht nach männlichen und weiblichen Autorennamen. Vielleicht ist es ein Pseudonym und hinter diesem kann jede/r stecken. James Tiptree Jr. schrieb erstklassige SF-Kurzgeschichten und hieß eigentlich Alice B. Sheldon.
Frisch aufgeschlagen
Beurteilen Sie Menschen nach deren Lebenslauf? Nein? Dann tun Sie es auch nicht bei Büchern.
Klappentexte sind Werbetexte, die (zu) oft von Externen geschrieben werden. Die Ärmsten hatten u. U. keine Ahnung vom tatsächlichen Inhalt. Sie fassten in aller Eile und in wohlgesetzten Worten zusammen, was per “Stille Post”, ggf. aus ebenso diversen wie widersprüchlichen Quellen, bei ihnen inhaltlich angekommen ist.
Der Autorensteckbrief kann, aber muss nicht hilfreich sein. Er ist eine Miniimagekampagne für den Autor und nicht notwendigerweise für das betreffende Buch. Ein Medizinstudium ist jedenfalls keine Entschuldigung für den 13th Warrior.
Reingeblättert
Seien Sie forsch, seien Sie neugierig. Lesen Sie hinein: am Anfang, in der Mitte und niemals auf den letzten Seiten. Eine Leseprobe ist wichtig. Autos, Weine, Käse und andere Luxuswaren kauft man ja auch nicht ohne vorher überzeugt worden zu sein. Interessiert Sie der Inhalt und fesselt er Sie? Passt Ihnen auch noch die Schriftgröße? Der Umfang ist auch akzeptabel? Na, dann seien Sie doch Individualist und kaufen Sie das Buch aus freier Entscheidung.
Zuletzt
Lesen Sie ihren Kindern vor und akzeptieren sie ein “noch mehr” ebenso wie ein “das ist langweilig”. Kinder müssen nicht die gleichen Bücher wie Sie großartig finden. Der Lehrplan wird Ihrem Kind außerdem noch genug Pflichtbuch zumuten. Geben Sie Ihren Kindern die Chance zu blättern, zu schmökern und Bücher auszuwählen. Bücher und Hunde sind nämlich die einzigen wahren Freunde, die man kaufen kann.
© S. Strohschneider-Laue
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Mittwoch, 09. November 2011

Alfried Wieczorek, Wilfried Rosendahl (Hgg.)
Schädelkult
Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen
Publikationen der Reiss-Engelhorn-Museen 41
Schnell + Steiner 2011, 388 S, zahlr. Fotografien und Grafiken.
ISBN 978 3 7954 2454 1
Schädelkult: Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen
Der gewichtige Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Reiss-Engelhorn-Museum ist beispielgebend. Die herausragende inhaltliche Qualität ist optisch und haptisch in einer attraktiven Publikation umgesetzt worden. Über 50 AutorInnen aus verschiedenen Forschungsbereichen unterziehen menschliche Schädel minutiösen Betrachtungen und interpretieren deren kulturgeschichtliche Bedeutung.
Das Thema wird in fünf Kapiteln gegliedert, die Sinnvoll und Geistreich - der Schädel, Vom Neandertaler bis zur Völkerwanderung - Ein Gang durch die Vor- und Frühgeschichte, Von Schrumpfköpfen, Schädelbechern und Schillerschädeln - Ein Gang durch die Weltkulturen, Schädelfaszination heute und Schädelgalerie betitelt sind. Den einzelnen Beiträgen sind umfassende Literaturzitate angeschlossen.
Im ersten Kapitel stehen Seele-Herz-Hirn - damit Sinn und Verstand - in antiker Vorstellung (Elisabeth Ahner), Schädel als Knochenstruktur (Helmut Wicht) sowie operative Eingriffe am Schädel (Kurt W. Alt) quer durch die Zeiten im Mittelpunkt. Wahrlich spannend, was aus dem Unikat des Schädels “herausgeholt” werden kann. Einerseits wurden schon früh medizinische und philosophische Betrachtungen mit dem Kopf verbunden, andererseits wurden bereits in prähistorischer Zeit mehr (!) oder minder erfolgreiche Eingriffe im Schädelbereich vorgenommen.
Eine spannende Zeitreise durch die Vor- und Frühgeschichte wird im zweiten Kapitel unternommen. Beiträge führen von der Alt- und Mittelsteinzeit (Joachim Wahl) über das Neolithikum (Jörg Orschiedt, Andrea Zeeb-Lanz), Bronzezeit (Christiane Ana Buhl) und Eisenzeit (Axel von Berg, Béatrice Vigié) mit einem Abstecher ins Alte Ägypten (Tanja Pommering und Stan Hendricx) und zu den Skythen (Claudia Braun). Betrachtungen zur Antike (C.B.) und Spätantike (Gerhard Hotz) schließen den genialen Überblick. Schädelkult, Kannibalismus, der Ritualplatz von Herxheim, Masken und Schädeldeformationen sind nur einige Aspekte, die berücksichtigt werden.
Der Blick auf die Weltkulturen im dritten Kapitel wirft Schlaglichter aus Afrika (Andrea Schlothauer), Asien (Katja Müller, Paolo Maiullari, Richard Kunz, A.S.), Ozeanien (Bernd Leicht, Alexandra Wessel, Antje Kelm, Wilfried Rosendahl, Christian Fink, Heaether Gill-Frerking, Thomas Henzler, Markus Monreal, Stefan Schlager, Ursula Wittwer-Backofen), Nord und Mesoamerika (Martin Schultz, Nikolaus Stolle, Ursula Thiemer Sachse, W.R., Sinas Steglich) Südamerika (A.S., Anna-Maria Begerock, Virgina und Michael Tellenbach, Sabine Bernschneider-Reif, Timo Gruber, Reiner Sörries, Dario Piombino-Mascali, Alber Zink, Ulrike Neurath-Sippel, Eva-Maria Günther, Elisabeth Ahner, Rudolf Maurer, U.W.-B., Daniel Möller, Uwe Hoßfeld, W.R., Gisela Gruppe, Marina Vohberger). Kopfjagd, Schädelschmuck, Skalps, Kristallschädel und Schrumpfköpfe zeigen u. a. vielfältige Rituale rund um Triumph und Trauer in außereuropäischen Kulturen auf. Während Heilmittel, religiöse und weltliche Reliquien sowie Rassenkunde Beispiele für europäischen Schädelkult sind.
Der ungebrochenen Schädelfaszination in der Gegenwart wird im vorletzten Kapitel Rechnung getragen. Die schwarze Szene (C.A.B.), das Totengedenken in Mexiko (Ulrike Umstätter), Kriminalistik (U.W.-B.), Hirnforschung (Hans Günter Gassen) und Totenkopfsymbolik (Magdalena Pfeifenroth) sind hier die zentralen Themen. Tristesse und Zuckerwerk, Kriminalistik und Forschung sowie Symbolkraft stehen für die breitgefächerte, moderne Schädelfaszination.
Mit der Schädelgalerie schließt das fünfte Kapitel. Als Highlights zur Ausstellung (Doris Döppes, A.-M.B., D.M., W.R., A.S., A.W.) werden herausragende Beispiele wie z. B. Trophäenköpfe und künstlich deformierte Schädel aus Peru oder für die Aufbewahrung im Beinhaus bemalte Schädel aus Hallstatt in Österreich in hochwertiger Fotoqualität inklusive Kurzinformationen gezeigt.
Autorenregister und Bildnachweis beschließen den - auch durch seine übersichtliche und attraktive Gestaltung - hochwertigen Band. Ein Pflichtkauf in Fachkreisen und für kulturgeschichtlich Interessierte ebenso.
© S. Strohschneider-Laue
Schädelkult: Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen
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Donnerstag, 03. November 2011

“O, schaurig ist’s übers Moor zu gehn …”
220 Jahre Moorarchäologie
Schriftenreihe des Landesmuseums Natur und Mensch Oldenburg 79
Philipp von Zabern 2011, 260 S, zahlr. Fotografien und Grafiken.
ISBN 978 3 8053 4361 9
O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn. 220 Jahre Moorarchäologie
175 Jahre Oldenburger Landesmuseum Natur und Mensch ist Anlass die Bedeutung der Moorarchäologie seit 220 Jahren aufzuzeigen. Die Begleitschrift zur Ausstellung im Landesmuseum Natur und Mensch in Oldenburg 2011 widmet sich dem Thema Moorarchäologie.
In acht gut strukturierten Kapiteln mit jeweils beigefügtem Literaturverzeichnis werden archäologische Forschungen rund ums Moor vorgelegt. Die spektakulärsten - aber nicht unbedingt immer aufschlussreichsten - Funde sind Moorleichen, sie werden in diesem Band ausgespart. Der Faszination Moorleichen ist nämlich ein eigener Band gewidmet worden.
Carsten Ritzau und Lena Strauch setzen sich einleitend mir dem Hochmoor als einmaligen Lebensraum und “nassen Geschichtsbuch” auseinander. Von der Moorentstehung über den Lebensraum bis hin zur Bedeutung von Mooren als einzigartige archäologische Tresore spannt sich der inhaltliche Bogen. Ein komprimierter Überblick über die einzigartige (Fund-)Landschaft.
Mystische Moorlandschaften stehen zusätzlich noch bei Lena Strauch im Mittelpunkt. Zwischen wirtschaftlicher Nutzung und künstlerischer Inspiration bieten Moore eine weite Spanne für Realität und Fantasie.
Frank Both und Mamoun Fansa, die auch für den Band “Faszination Moorleichen” verantwortlich zeichnen, bieten in zwei Kapitel Überblicke über Moorwege und ihre Forschungsgeschichte im Weser-Ems-Kreis. Moore sicher und schnell zu durchqueren, war zu allen Zeiten ein Anliegen. Die dazu angelegten Bohlenwege sind der Forschung schon lange bekannt. Ihre Bauweise und ihr feuchtbodenbedingter exzellenter Erhaltungszustand bieten der Forschung mehr Erkenntnisse als so manch anderer zur Sensation aufgeblasener Einzelfund.
Vier hölzerne Übungsschwerter stellt Philipp Roskoschinski vor. Die durch sie gewonnen Einblicke in die militärische Ausbildung im Babaricum der älteren Römischen Kaiserzeit, spricht für ein regelmäßiges Waffentraining.
Frank Both unterzieht Rad und Wagenentwicklung einer genaueren Betrachtung. Aus Wagenresten, die quer durch die Urgeschichte bis in das Mittelalter nachgewiesen wurden, sind Rückschlüsse auf Transport und Verkehr möglich. Eine Reihung dieses Beitrags im Anschluss an die Ausführungen über Bohlenwege wäre m. E. thematisch sinnvoller gewesen.
Erhard Cosack stellt Überlegungen zu einem Brotopfer beim Bohlenweg XII (Ip) im Ipweger Moor an. Vom am Schreibtisch interpretiertem Brotopfer bis zum im Experiment verwendeten Achsfett”brot” reichen die interessanten Ausführungen.
Zuletzt wird noch das “Erfolgsmodell Einbaum” von Christina Wawrzinek näher beleuchtet. Denn auch diese sind aus Feuchtgebieten des Oldenburgerraumes bekannt und werden hier katalogsystematisch vorgestellt.
Der Band bietet einen guten Überblick über die Feuchtbodenfunde und den Forschungsstand in Nordwestdeutschland. Deutlich wird dabei, wie wesentlich organische Reste zum Klären offener chronologischer, wirtschaftlicher und ganz allgemein lebenspraktischer Fragen beitragen. Spannend aufbereitet und somit für Fach- und Laienpublikum gleichermaßen wertvoll.
© S. Strohschneider-Laue
O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn. 220 Jahre Moorarchäologie
Siehe auch:
Faszination Moorleichen. 220 Jahre Moorarchäologie
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AugenBlick | AmaZino
Tags:Archäologie, Biologie, Deutschland, Ebensolch Rez-E-zine 69/11, Eisenzeit, Katalog, Mittelalter, Römer, Sistlau
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Donnerstag, 03. November 2011

Frank Both und Mamoun Fansa
Faszination Moorleichen
220 Jahre Moorarchäologie
Schriftenreihe des Landesmuseum Natur und Mensch 80.
Philipp von Zabern 2011, 119 S, zahlr. Sw- und Farbfotografien.
ISBN 978 3 8053 4360 2
Faszination Moorleichen. 220 Jahre Moorarchäologie
Im Rahmen der Ausstellung 220 Jahre Moorarchäologie im Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg sind zwei Begleitschriften erschienen. Vorliegende stellt die Moorleichen aus dem Weser-Ems-Raum in den Mittelpunkt.
Moorleichen sind ein steter Quell überraschender Erkenntnisse, die weit über das Erscheinungsbild des Menschen zwischen Eisenzeit und Mittelalter hinausgehen. Zugleich werfen sie leider oft mehr Fragen auf, als sie Antworten liefern. Was auch daran liegt, dass sie zumeist Zufallsfunde ohne ideale wissenschaftliche Bergungsbedingungen sind. Für die Ausstellung konnten jedenfalls neue Untersuchungen vorgenommen werden, deren Ergebnisse in diesem Band - inklusive einer Überschau aller bisherigen Funde - vorgelegt werden.
Komplette Moorleichen, ein Zopf, ein Hautstück sowie ein Knochen in einem Schuh bieten ganz unterschiedliche Aspekte zum Tod der einzelnen Individuen. Auch die Beifunde, der Beitrag von Julia Gräf widmet sich minutiös dem Fellumhang der Kayhauser Moorleiche, lassen nicht automatisch durch ihre exzellente Erhaltung einen allgemeingültigen “modischen” Rückschluss auf den gesamten Zeithorizont zu. Fundumstände, Erhaltungsbedingungen und Interpretationen, die sich im Laufe der Zeit - nicht nur aufgrund labortechnischer Möglichkeiten - verändern, zeigen, wie schwierig es ist, mit diesen spektakulären Funden zu verfahren. Andererseits ist der im Moor beerdigte 1828 verstorbene Hausierer Jan Spieker für die Archäologie ein wunderbares Beispiel dafür, wie Erhaltungs- und Verfallsprozesse im Moor in einem exakt überschaubaren Zeitrahmen ablaufen. Dennoch sorgen von der Analyse über Interpretation bis hin zur Präsentation im musealen Rahmen Leichen(teile) aus Mooren immer wieder für neuen Diskussionsstoff.
Der Verdienst des Bandes ist es, die historischen Fakten von Fund und Befund inklusive reichen Bildmaterials, durch ein Literaturverzeichnis abgerundet, vorzulegen und diese durch aktuelle Untersuchungen zu ergänzen. Der wichtige Beitrag zur Moorarchäologie ist zugleich auch breitenwirksam vorgelegt und kann daher dem interessierten Laienkreis ebenfalls empfohlen werden.
© S. Strohschneider-Laue
Faszination Moorleichen. 220 Jahre Moorarchäologie
Siehe auch:
O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn. 220 Jahre Moorarchäologie
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Donnerstag, 03. November 2011

Neil Leifer
Guts and Glory
The Golden Age of American Football 1958-1978
Taschen 2011, Dt, Engl., Fr., 296 S, zahlr. Fotografien.
ISBN 978 3 8365 2786 6
Guts & Glory
“Amerikanischer Fußball” hat seine Wurzeln im Rugby und Fußball und seine Tradition reicht bis ins 19. Jh. zurück. Seit 1912 existiert die National Football League (NFL), über die immer wieder - vor allem ab den späten 80er-Jahren und als 1991 die World League of American Football veranstaltet wurde - in deutschsprachigen Sportkanälen berichtet wird. Raumgewinn lautet das Motto des American Football. Raumgewinn nach sehr vielen ausgefeilten Regeln, denn die Verletzungsgefahr ist trotz der schützenden Ausrüstung hoch.
Wie bei den meisten Sportarten ist es ein enormer Unterschied ein Spiel im Stadion oder bei einer Übertragung zu verfolgen. Taktik, Schnelligkeit und Körpereinsatz machen American Football im Stadion zu einem unvergesslichen Erlebnis. Dieses Erlebnis auf Fotos zu bannen, ist 1958-1978 - in den aufgehenden Sternstunden des American Football - keinem besser gelungen als Neil Leifer.
Der bei Taschen erschienene hochqualitative Fotoband zeigt American Football von seinen spektakulärsten Seiten. Dreisprachig stellen der Fotograf Neil Leifer und der Journalist Jim Murray den Sport und seine Bedeutung für diese Zeit vor. Den Hauptpart nehmen dennoch die Fotografien ein, die großartige Spielszenen, aber auch Spieler, Trainer, Security, Cheer Leader und Publikum in ganz persönlichen Momenten einfangen. In Regen und Sonnenschein, Eis und Schnee, Matsch und Staub wird um jedes Yard hart gekämpft.
Der Band wird ein umso größerer Bedeutungsträger je mehr sich die Betrachter für den Sport begeistern. Hardcorefans werden ihn für unverzichtbar erachten, sind doch bedeutende Mannschaften, Spieler und ihre wichtigsten Spiele dokumentiert. Fotografen werden sich für die eingefangenen Situationen, Perspektiven und Ausschnitte wie auch für Qualität der Bilder über den Rahmen von Dokumentation und Berichterstattung hinaus begeistern. Antisportler wie ich, die sich am American-Football-Fieber bei den Vienna Vikings angesteckt haben, werden Band nicht ins Regal schieben können, ohne ernsthaft über die Anschaffung einer neuen Kamera vor dem nächsten Spiel nachzudenken.
© S. Strohschneider-Laue
Guts & Glory
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Dienstag, 25. Oktober 2011

Gustav Klimt | Josef Hoffmann
Pioniere der Moderne
Belvedere
25. Oktober ‘11 bis 4. März ‘12
Gustav Klimt / Josef Hoffmann: Pioniere der Moderne

Mit dieser Ausstellung wird bereits jetzt das Klimt-Jahr 2012 im Unteren Belvedere eingeläutet. Im Mittelpunkt der Schau steht die Kooperation von Gustav Klimt (1862-1918) und Josef Hoffmann (1870-1956) im Sinne eines ganzheitlichen Kunstschaffens, das in alle Lebensbereiche hineinwirkt.
Tatsächlich gelingt es der Ausstellung den Themenkreis rund um die beiden Künstler und ihrer Weggefährten anschaulich und äußerst lebendig zu präsentieren. Den gegenseitigen - auch internationalen - Impulsen unter den Künstlern Raum zu geben und u. a. Werke von George Minne, Ferdinand Khnopff oder Jan Toorops zu zeigen, trägt zusätzlich zu einer inhaltlich ausgewogenen Präsentation bei.
Dem dekorativ-geschwungenen Jugendstil und den geometrischen Gestaltungsprinzipien der Wiener Moderne werden zahlreiche neue Facetten abgewonnen. Was auch darin begründet liegt, sich nicht auf die Malerei zu beschränken, sondern den künstlerisch-gestalterischen Gesamteindruck zu vermitteln. Diese Gestaltungsprinzipien können sich BesucherInnen quasi als “Katalog zum Abreißen” direkt von der Wand mitnehmen.
Nicht minder berücksichtigt wird daher auch der Aspekt des Kunsthandwerks, das nicht nur als Impulsgeber eine wesentlichen Anteil an der Stilrichtung und somit an der Umsetzung in der Malerei hatte. BesucherInnen können sich davon überzeugen, wie viele Objekte ihre Attraktivität bis in die Gegenwart beihalten haben. Allein die Bibliotheksleiter von Josef Hoffmann setzt ein bis heute gültigen Maßstab für funktionales Design.
Vor 100 Jahren entstand das als Gesamtkunstwerk zu betrachtende Palais Stoclet in Brüssel. Das bis ins kleinste Detail minutiös durchgestaltete Gebäude, zu dessen Ausstattung zahlreiche Künstler beigetragen haben, ist ein Meisterwerk und zugleich architektonisches Hauptwerk von Josef Hoffmann. Das noch immer in Familienbesitz befindliche Anwesen ist nicht öffentlich zugänglich. Immerhin kann man nun im Rahmen dieser Ausstellung nicht nur ein maßstäbliches Modell des Palais, sondern gleich einen annähernd originalgroßen Nachbau der Eingangshalle bewundern.
Beethoven-Ausstellung 1902, kuvolinearer Stil, geometrischer Stil, Wien-Brüssel Beziehungen, Moderne Raumkunst, Gustav Klimt und Emilie Flöge - Kostbarkeiten, Hermine Gallia - Klimt im Boudoir sowie Barbara Flöge und die Sonnenblume - der Mensch und die Natur sind zentrale Ausstellungsthemen. Die wichtigsten Basisinformationen können publikumswirksam per “Katalogseiten-Abriss” - man muss allerdings genau hinschauen, damit man die sich harmonisch in die Wandgestaltung einfügenden Seiten bemerkt - mitgenommen werden.
Der bei Prestel erschiene Katalog Gustav Klimt / Josef Hoffmann: Pioniere der Moderne
erweist sich als ein unverzichtbarer Ausstellungsbegleiter. Darüber hinaus ist der gewichtige, aber erschwingliche Band eine Bibliotheksbereicherung für alle, die sich dem Zauber der Wiener Moderne nicht entziehen können.
Fazit: Der Mehrwert des Ausstellungsbesuchs liegt auch darin begründet, viel mehr zu sehen als “nur” Bilder von Gustav Klimt. Die Erlebnistour durch die Räume lässt in exzellent gewählten Ausschnitten das Raumgefühl der Zeit anklingen.
© S. Strohschneider-Laue
Gustav Klimt / Josef Hoffmann: Pioniere der Moderne
Aktuelle Ausstellungskataloge
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Mittwoch, 19. Oktober 2011

Die Höhle der vergessenen Träume - Film
Film von Werner Herzog Frankreich/USA/Großbritannien/Deutschland 2010, 90′, 3D, Kinostart 4. November ‘11.
Trailer
Die Sondervorführung des Films “Höhle der vergessenen Träume” fand im Haydnkino statt. Zu dieser Preview, die zusätzlich zum Pressetermin abgehalten wurde, waren insbesondere ArchäologInnen eingeladen.
Im Mittelpunkt des Films steht die Grotte Chauvet in Südfrankreich. Die Höhle, die den Namen des Höhlenforschers und Entdeckers Jean-Marie Chauvet trägt, wurde erst Ende 1994 entdeckt. Sie offenbarte eine erstaunliche Menge und Vielfalt an erstklassig erhaltener, altsteinzeitlicher Höhlenkunst, deren Alter die bisher bekannten Malereien wie z. B. in Lascaux übertrifft. Die ältesten Bilder entstanden in der Zeit vor 35.000-32.000 Jahren, die jüngsten vor rund 25.000 Jahren. Ein Felssturz vor 22.000 Jahren, der die Höhle verschloss, verhinderte seither das Betreten des Gangsystems durch Menschen, trug aber zugleich zum guten Erhaltungszustand der Kunstwerke bei. Der restriktive Zugang, nur einem ausgewählten Wissenschaftsteam ist es vorbehalten die Höhle zu Forschungszwecken zu betreten, soll dazu beitragen, dass der Höhle nicht der derselbe Verfall droht, wie jener von Lascaux. Dort waren die Bilder von 1948 bis 1963 zu viel Licht, Wärme, Besuchsströmen und damit der Schimmelbildung ausgesetzt und konnten nur durch aufwendige Restaurierungsarbeiten vor dem vollständigen Verlust bewahrt werden. In der über 8.000 m² großen Chauvet-Höhle befinden sich vier Säle, an deren Wänden zahlreiche Tiere (u. a. Mammuts, Wollnashörner, Rentiere, Großkatzen, Bären, Hyänen) sowie Symbole und Handabdrücke zu sehen sind. Auf dem Höhlenboden hat sich eine menschliche Fußspur erhalten. Knochenfunde - vor allem von Höhlenbären - komplettieren das Fundspektrum aus der Höhle.
Interessierten war es bisher nur möglich wissenschaftliche Publikationen und Berichte zu verfolgen, um den Stand der Dinge rund um die Chauvet-Höhle zu erfahren. Der große Verdienst des Filmes ist es daher, einen 3D-Eindruck des reichen Bildschatzes zu vermitteln, der aus Denkmalschutzgründen nur wenigen Menschen zugänglich gemacht wird. Mit dem Film “Die Höhle der vergessenen Träume” werden 3D-Eindrücke der Höhle nach außen gebracht, die kein Printmedium in diesem Ausmaß bieten kann. Dafür erträgt man im Kino gerne eine zusätzliche Brille. Erfreut sich das Fachpublikum auch an dem ausführlich gebotenen Überblick im Inneren der Höhle, so schränkt sich die Freude bei der Interpretation, die weit über den wissenschaftlichen Rahmen hinausgeht, deutlich ein. Woran es auch liegen mag - seien es sprachliche Missverständnisse, Interviewmethoden oder mediale Ungeschicklichkeit der WissenschaftlerInnen - es gibt wissenschaftlich Unbelegbares, erzählerisch Unnötiges und zukunftsorientiert Spekulatives, das in einer an sich seriösen Dokumentation nichts verloren hat. Andererseits ist es ein Film von Werner Herzog. Er lebt seinen Hang zu poetischen Bildern, mystischen Zusammenhängen und zu spirituell angehauchter Musik aus und bringt andere dazu, es ihm gleichzutun - zumindest solange bis er sie bei seiner Vision von sprechenden Atom-Krokodilen im Epilog endgültig verliert.
© S. Strohschneider-Laue
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Mittwoch, 19. Oktober 2011

Mehr als ich kann - Film
Ein Film über den Pflegealltag im Verborgenen
Was es noch dazu zu sagen gibt (Zusatzfilm)
Ein Film von Herbert Link 2011, Dt., Gehörlosen Fassung, 45′, Zusatzfilm 13′.
Trailer

Die Filmpremiere im Votiv Kino war ein besonderer Abend, deshalb war bereits 14 Tage zuvor die letzte Karte vergeben. Der Saal war restlos ausgebucht, 200 InteressentInnen mussten abgewiesen und auf den 26. November ‘11 im Cine Magic vertröstet werden. Das Publikum war überraschend jung, wesentlich jünger als erwartet. In einer immer langlebigeren Gesellschaft sind es tatsächlich die Jungen, die - auch am Beispiel ihrer Großeltern und Eltern - erkennen oder erkennen sollten, dass auch sie länger alt sein werden, als sie je jung waren. Die Premiere leitete Birgit Meinhard-Schiebel (Präsidentin der Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger) ein.
Nach dem Film über die Hospizbewegung und SR Mag.a Hildegard Teuschl CS (*1937-†2009), widmet sich der Filmemacher Herbert Link dem Pflegealltag. Die drei Kapitel des Hauptfilms “Mehr als ich kann” zeigen Aspekt zu “Warum wir?”, “Was darf ich noch leben?”, “Du bist die Starke!”. Bewegende, fesselnde und aufrüttelnde 45 Minuten, die alle Menschen betreffen. Der Zusatzfilm bietet noch weitere 15 Minuten über das “Was es noch zu sagen gibt …”.
Unverkennbar die Handschrift des Regisseurs: Unaufgeregtheit und Ruhe sind seine magischen Schlüssel, die die InterviewpartnerInnen öffnen. Zu Wort kommen Pflegende und Pflegebedürftige. Es sind sehr junge und alte Menschen - auf beiden Seiten des Pflegealltags. Kinder, die über das alterstypische Fürsorgemaß hinaus versorgt werden müssen und Schulkinder, die ihre hilfsbedürftigen Eltern versorgen. Vor allem Kinder agieren völlig unerkannt. Die Dunkelziffer soll laut Birgit Meinhard-Schiebel bei 20.000 Kindern in Österreich liegen, die als PflegerInnen von Angehörigen aktiv sind. Es sind sehr viele kranke und/oder alte Menschen, die in der Familie gepflegt werden und das ohne jene Unterstützungen, die für einen weniger aufreibenden Ablauf notwendig wären. Im Pflegealltag eingebundene Personen schildern in diesem Film ungedrängt ihre persönliche Situation. Oft verlieren sich die Pflegenden während der Pflege selbst, reiben sich unaufhörlich auf. Es ist ein 24-Stunden-Job ohne finanzielles Entgelt und Urlaubsanspruch oder Anerkennung. Ein gewaltiges Burnoutrisiko geprägt von Angst, Schuldgefühlen und Überforderung - selbst bei jenen, die aus der Branche kommen, den Umgang mit Patienten gelernt haben. Schuldgefühle, die von gesellschaftlichen Erwartungshaltungen, die am Land stärker sind als in der Stadt, noch verstärkt werden.
Herbert Link verschafft den Betroffenen genau jene private Zeit in der Öffentlichkeit, die sie benötigen, um über das Kostbarste zu sprechen: Veränderung, Gesundheit, Zeit und (fehlende) Zuwendung. In Zeiten der budgetären Kürzungen in unwirtschaftlich geltenden Bereichen - somit alle soziale, bildungsrelvante und kulturelle Angelegenheiten - muss der alle Menschen betreffende Pflegealltag besonders laut und deutlich in die Öffentlichkeit getragen werden.
Die Botschaft des Films lautet daher: Werden Sie laut! Sprechen Sie über Pflege - besonders bevor sie notwendig wird. Der Pflegealltag findet (noch) im Verborgenen statt, das darf nicht so sein, das muss anders werden.
Filmvorführungen in Verbindung mit einer Lesung von Bärbel Danneberg aus Alter Vogel flieg können über die Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger gebucht werden.
© S. Strohschneider-Laue
Mehr als ich kann ist zu beziehen bei avp
Siehe dazu auch:
Ein “…ganz langsamer Walzer”, Film (30′) über das Wirken der Hospiz-Pionierin Sr. Hildegard Teuschl CS. Der Film ist bei avp erhältlich.
Alter Vogel flieg - Rezension
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Sonntag, 09. Oktober 2011

Michaela Lochner (Hg.)
mit Beiträgen von Alexandrine Eibner, Michaela Lochner, Albin Paulus und Beate M. Pomberger
Sitularia
Klänge aus der Hallstattzeit
ÖAW 2011, 1 CD, Laufzeit 40′31”, 104 S. farbig mit Fotos und Zeichnungen illustriertes Booklet
ISBN 978 3 7001 7002 0
Sitularia: Klänge aus der Hallstattzeit
Das Archäologinnen- und MusikerInnenteam um die Herausgeberin Michaela Lochner lädt zu einer Ohrenreise in die Klangwelt vor mehr als 2.500 Jahren ein. In minutiöser Zusammenarbeit werden die Mittel der Musikarchäologie voll ausgeschöpft, um das Spektrum der Instrumente als auch das damit verbundene Klangerlebnis zu rekonstruieren.
Die Hinweise auf Musikinstrumente aus der Hallstattzeit (ca. 800 -500 v. Chr.) sind spärlich. Obwohl der kulturelle Raum von Ostfrankreich bis in das Karpatenbecken und von Norditalien über Adria bis Balkanhalbinsel reicht. So stehen mehr Bildquellen als tatsächliche Reste von Musikinstrumenten zur Auswertung zur Verfügung. Seiten-, Blas- und Rhythmusinstrumente, die zum Teil eine Tradition bis in die Gegenwart haben, sind in Form und in Spielweise nur bedingt rekonstruierbar.
Das zugehörige Booklet - eigentlich eine ausgewachsene Publikation mit gehaltvollen 104 Seiten - bietet in drei Kapiteln einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand. Im ersten Kapiteln wird die Quellenlage vorgestellt. Erstaunlich aus wie vielen winzigen Details - meist Abbildungen auf Tongefäßen sowie Metallarbeiten und weniger tatsächliche Überreste von Objekten - Instrumente rekonstruiert werden können, wobei der Gesang, das natürlich gegebene Instrument, am schwersten fassbar wird. Diese Bildquellen werden im zweiten Kapitel einer genaueren Betrachtung unterzogen. Da sie auch Einblicke in Alltag und Feste gewähren und damit deutlich werden lassen, wann, wo, wie und von wem musiziert wurde. Dem Instrumentenbau ist das dritte Kapitel gewidmet. Rekonstruktion von Instrumenten ist eine große Herausforderung, die neben den archäologischen Quellen auch historische, ethnologische Vergleiche zieht und einen großen Part musikalische Erfahrung berücksichtigt. Anmerkungen und ein umfangreiches Literaturverzeichnis beschließen den archäologischen Publikationsteil. Die letzten 20 Seiten sind den Musikstücken, dem Ensemble Cantlon und den Biografien gewidmet.
Das Ensemble Cantlon (Albin Paulus, Nadège Lucet, Niki Fliri, Patrick Feldner) sowie Gastmusikerin Beate Maria Pomberger und Dichter David Stifter haben die ältere Eisenzeit auf der CD anklingen lassen. Rund 40 Minuten hallstattzeitliche Klangsphäre begleiten das Lesevergnügen. Erstklassige Musik mit dem “Gerne-wieder-hören-Faktor”, die sicher häufiger gespielt werden wird.
Die Kombination aus wissenschaftlicher Publikation und Klangsphäre ist jedenfalls einzigartig. Dazu kommt noch der optische Genuss durch exzellente Bebilderung und grafische Gestaltung.
© S. Strohschneider-Laue
Sitularia: Klänge aus der Hallstattzeit
Höre auch:
Knochenklang: Klänge aus der Steinzeit
Ensemble Cantalon: Syrinx, Leier & Co.
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Teeblätter | AmazonStory/e
Gastmahl | Ama/Koch/zon/e
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Sonntag, 09. Oktober 2011

Sandra López
Nardo y los Zapatitos de Oro
Amiguitos 2011, 31 S., farbig illustriert (Nardo und die goldenen Schuhe erscheint 31.10.’11)
ISBN 978 3 9430 7911 1
Nardo und die goldenen Schuhe
Mit diesem Kinderbuch hat die Autorin Sandra López dem wohl berühmtesten Sportler Ecuadors ein literarisches Denkmal gesetzt. Jefferson Leonardo Pérez Quezada ist dreifacher Weltmeister und Olympiasieger in der Disziplin „Gehen”. Seine Goldmedaille 1996 war die erste Olympiamedaille, die ein Sportler aus Ecuador gewonnen hat. Bis heute ist er trotz wiederholter Verletzungen erfolgreicher Teilnehmer an Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen. Damit ist er zu einem Idol einer ganzen Nation geworden.
Jefferson „Nardo” Peréz stammt aus einem ärmlichen Vorort der ecuadorianischen Stadt Cuenca. Sein Vater ist früh verstorben, seine Mutter musste 5 Kinder alleine aufziehen, die neben der Schule alle mithelfen mussten, die Familie finanziell über Wasser zu halten. Kinderarbeit steht in diesem Viertel und vielen anderen Gegenden Lateinamerikas ganz selbstverständlich auf der Tagesordnung. Das Buch begleitet den achtjährigen Nardo, wie ihn seine Mutter nannte, und seinen sechsjährigen Bruder Fabian auf einem sehr kurzen Stück ihres Weges. Es sind die letzten Ferienwochen, bevor Fabian eingeschult wird und auch für Nardo ein neues Schuljahr beginnt.
Die Schuluniformen sind bereits unter großen Entbehrungen angeschafft. Der größte Wunsch der beiden Kinder sind dazu passende neue Schuhe, wie sie in einer Auslage ein Paar gesehen haben.
Die Geschichte schildert, wie die beiden gemeinsam mit Ausdauer, maximalem Einsatz und Fleiß zusätzlich Geld verdienen, um diese Schuhe, die für sie „den Preis von Gold” haben, kaufen zu können. Rückschläge und Enttäuschungen bleiben ihnen nicht erspart, doch am Ende erreichen sie ihr Ziel.
Die Form des Kinderbuches wurde wohl gewählt, weil mit dieser wahren Geschichte den Kindern und Jugendlichen aus armen und meistens tristen Verhältnissen Mut gemacht werden soll. Es soll gezeigt werden, dass auch Ihnen alle Möglichkeiten offenstehen, wenn sie ein Ziel vor Augen haben, für das sie bereit sind, Entbehrungen in Kauf zu nehmen und konsequent daran arbeiten, es zu erreichen. Die Geschichte vermittelt auch den Wert von Freundschaft und vom Zusammenhalt der Familie und lässt nicht unberücksichtigt, dass es auf dem Weg zum Erfolg oft Helfer und Förderer gibt, die in diesem Buch Schutzengeln genannt werden.
Der Erfolg dieses Buches in Ecuador ist zweifellos mit dem Namen des berühmten Sohnes dieser Nation verbunden. Das Erscheinungsdatum 2009, also nach dem Gewinn der zweiten Olympiamedaille (olympisches Silber 2008 in Peking) spielt dabei natürlich eine wichtige Rolle. Für die deutsche Übersetzung würde ich die Erwartungen nicht zu hoch schrauben und vor allem ist dieses Buch aus meiner Sicht in unserem Kulturkreis keinesfalls für Kinder in der Altersklasse, an die es sich aufgrund des sprachlichen Niveaus und der Illustrationen richtet, geeignet. Die Lebensumstände von Nardo und seiner Familie, Kinderarbeit von früh morgens bis spät abends mit guten Chancen, auf dem Heimweg überfallen und ausgeraubt zu werden, bedürfen einer Erklärung. Die idealisierende Darstellung der Lebenssituation der Menschen in diesem armen Viertel, die durch die fröhlichen Illustrationen verstärkt wird, ist zu hinterfragen.
Für Jugendliche kann man allerdings sowohl die deutsche Übersetzung und das spanische Original als Unterrichtsmaterial empfehlen, um die gesellschaftliche und wirtschaftliche Situation vieler lateinamerikanischer Länder zu erläutern.
Weltweiter Erfolg ist dem Buch jedenfalls zu wünschen, denn mit dem Erlös aus dem Verkauf wird die Jefferson Perez Stiftung unterstützt, die „Nardo” ins Leben gerufen hat, um Kinder und Jugendliche aus finanziell benachteiligten Schichten zu unterstützen. Er selbst hat neben seiner Sportlerlaufbahn auch ein Universitätsstudium abgeschlossen und nützt nun seinen Ruhm und seine finanziellen Möglichkeiten, um soziale Verantwortung für all jene wahrzunehmen, die noch dort stehen, wo auch er als Kind begonnen hat: am äußersten Rand der Gesellschaft.
© P. Kunz
Siehe auch:
Cantado y contado para los amiguitos. Spanisch für Kinder
El tesoro de cuentos / Der Märchenschatz: Cuentos y fábulas de España y Latinoamérica / Geschichten und Fabeln aus Spanien und Lateinamerika

El tesoro de cuentos / Der Märchenschatz: Hörbuch zum Buch CUENTOS Y FÁBULAS DE ESPAÑA Y LATINOAMÉRICA / Geschichten und Fabeln aus Spanien und Lateinamerika
- Rezension
fútbol en España / Fußball in Spanien
- Rezension
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Tags:ab acht, Amerika, Biografie, Ebensolch Rez-E-zine 68/11, PeKu, Sozial, Spanien, Sport
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Montag, 19. September 2011

Sebastian Hackenschmidt, Klaus Engelhorn (Hg.)
Möbel als Medien
Beiträge zu einer Kulturgeschichte der Dinge
Transcript 2011, 312 S.
ISBN 978 3 8376 1477 0
Möbel als Medien: Beiträge zu einer Kulturgeschichte der Dinge
Alte Möbel mit Farben und Mustern aufzupeppen, im Englischen als upcycling bezeichnet, liegt seit einigen Jahren voll im Trend. Auch das Buch “Möbel als Medien” steht ganz im Zeichen der Wiederverwertung, besteht es doch aus einer Sammlung von - für diese Publikation eigens überarbeiteten - Aufsätzen, die vor einiger Zeit bereits andernorts veröffentlicht wurden. Das Ergebnis dieses Akts des intellektuellen Recyclings ist ein Lesebuch das sich in 18 Essays den unterschiedlichen Möbeln und Raumausstattungen aus kunst- und kulturhistorischer, philosophischer und literarischer Sicht nähert.
Jenseits ihrer Funktionalität dienen Möbel als Kommunikationsmittel und Bedeutungsträger. Die Dinge mit denen wir uns umgeben, spiegeln unsere Selbstsicht und Wünsche, verraten unsere Gruppenzugehörigkeit und sozialen Status. Möbel können Werte, Normen und Lebensgefühl vermitteln - ganz unabhängig davon, ob es sich, wie im Buch, um Hochzeitstruhen des 15. oder Ikonen des Stuhldesigns des 20. Jahrhunderts handelt. An Kabinettschränken lässt sich sogar ablesen, wie sich das Verständnis der Ordnung der Welt wandelte. Nicht nur die Gestalt eines Möbels, sondern auch das Material aus dem es angefertigt wurde, kann Zeichenfunktion annehmen und gerade in der Moderne, die uns Stahlrohr und Resopal schenkte, bei BenutzerInnen zwiespältige Gefühle auslösen.
In der politischen und wirtschaftlichen Sphäre spielt der mit Mobiliar inszenierte Innenraum eine weitaus bedeutendere Rolle als das Einzelmöbel. Das Ritual seiner Nutzung als Instrument der Machtausübung lässt sich von den Raumfluchten der absolutistischen Herrscher bis in die heutigen Chefetagen verfolgen. Die Umwidmung öffentlicher in private Räume kann wiederum an der Wahl und Aufstellung von Möbeln abgelesen werden. Bis zur bürgerlichen Wohnkultur des 19. Jahrhunderts lassen sich die geschlechtsspezifischen Konnotationen von Wohnräumen zurückverfolgen. Das Attribut der heilenden Wirkung schließlich wird manchen Werken der Innenarchitektur nicht erst seit dem Wellness-Boom zugeschrieben.
Medientheoretische Überlegungen, philosophische Betrachtungen und literarische Kostproben runden den Band ab und halten für jene LeserInnen, die mit einer bildhaften Fantasie gesegnet sind, so manche Perle unfreiwilliger Komik bereit.
Das oben angerissene Spektrum, der um die Trias Einzelmöbel-Raumausstattung-Material kreisenden Themen, lässt es bereits erahnen: Das Buch “Möbel als Medien” ähnelt Dank seiner bunten Mischung an Aufsätzen einer Wundertüte. Manches entpuppt sich als freudige Überraschung, anderes als herbe Enttäuschung. Aber so wie man heute seinen Teller nicht mehr leer essen muss, besteht auch keine moralische Verpflichtung ein Buch von der ersten bis zur letzten Seite zu lesen.
© Ch. Ranseder
Möbel als Medien: Beiträge zu einer Kulturgeschichte der Dinge
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Tags:Ausstellung, CRans, Ebensolch Rez-E-zine 68/11, Kommunikation, Kultur, Kunst, Literatur
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Samstag, 17. September 2011

Axel Brennicke
Wollen sie wirklich Wissenschaftler werden?
… dann los!
Spektrum 2011, 214 S.
ISBN 978 3 8274 2755 7
Wollen Sie wirklich Wissenschaftler werden? …dann los!
Wissenschaft ist eine Berufung und von der Berufung lässt sich selten die Miete zahlen. Neugier statt Rampenlicht, systematisches Entschlüsseln statt Geld zählen, lautet die Warnung, die von diesem Buch an Studierende ausgeht. Das Buch ist dazu da, Anstoß zu geben und zu nehmen sowie darauf anzustoßen, wenn sich wieder jemand trotz aller Warnungen für die Wissenschaft entschieden hat. Amüsant ist es obendrein - besonders bei der bitteren Wahrheit, denn Mäßigung ist nicht der zweite Vorname des Autors.
Vorwörter und Vorgeplänkel leiten das Buch ein. Ein kurzes Anlesen genügt, um süchtig zu werden und zu vergessen, dass man nach 50 flotten Seiten nicht einmal einen Blick ins Inhaltsverzeichnis geworfen hat. Ja, es gibt ein Inhaltsverzeichnis. Am Ende des Buches kann man durchaus auch feststellen, dass es sieben systematisch aufgebaute Kapitel gibt, die mit Entscheidung, Auf dem Weg, Wissenschaftler - heimatlos in der Welt, Freischwimmer, Später, Typologie des Profs und Danach betitelt sind.
Ungeschminkt erzählt Axel Brennicke, der es als Wissenschaftler am besten wissen muss, über die gestellten Fragen, die beantwortet werden, damit man vor dem Ergebnis warnen kann. Eine Tatsache, die jeder Forscher tief ins Auge sehen muss, ist, dass seine Antworten zwar überall gehört werden, seine Warnungen aber ungehört verhallen. Eine weitere Tatsache ist: Grundlagenforschung wird nicht das Einzige sein, das man Laien kaum verständlich machen kann.
Obwohl aus der Erfahrungsecke des Professors für Molekulare Botanik geschrieben, kann sich das ganze Spektrum der Wissenschaftler wiederfinden - vielleicht mit Ausnahme der Juristen. Das unvermeidliche Frauenkapitel glänzt durch brillante Formulierungen aus der Kategorie Eiertanz. Nach einer Umfrage unter meinen Wissenschaftskolleginnen hat sich in diesem Buchabschnitt außer Amüsement bei der Stellenbesetzungspolitik, keine Identifikation breitgemacht. Hofieren scheint eine männliche Formulierung für normales Interagieren zu sein, wenn es darum geht, dass ein Mann der Frau den Kaffee eingießt und nicht umgekehrt. Das brillante Buch schmälert das keinesfalls.
Was es noch darüber gesagt werden muss:
Es sollte Pflichtlektüre im Abitur-/Maturajahr sein - auch für die Eltern.
Es sollte Pflichtlektüre für jene politisch Verantwortlichen sein, die Studenten, Institute, Universitäten, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen und das zugehörige Personal aushungern.
Ich habe es bereits dreimal verschenkt und ich verschenke nur, was ich erstklassig finde.
© S. Strohschneider-Laue
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Dienstag, 06. September 2011

Karina Grömer
Textilkunst in Mitteleuropa
Geschichte des Handwerks und der Kleidung vor den Römern
Mit Beiträgen von Regina Hofmann-de Keijzer (Färben) und Helga Rösel-Mautendorfer (Nähen).
Veröffentlichungen der Prähistorischen Abteilung (VPA) 4
Naturhistorisches Museum Wien 2010, 474 S., 474 Seiten mit über 200 Fotos, Grafiken und Illustrationen.
ISBN 978 3 9024 2150 0
ISSN 2077 - 3943
Prähistorische Textilkunst in Mitteleuropa 
Die Leichtigkeit des Textes lässt kaum vermuten, dass die kulturhistorisch spannende Publikation aus einem internationalen Forschungsprojekt resultiert. Das EU-Projekt „DressID ‒ Clothing and Identities. New Perspectives on Textiles in the Roman Empire“, ermöglichte die genaue Untersuchung vorrömischer Textilien am Naturhistorischen Museum Wien.
Fünf gut untergliederte Kapitel führen interessierten Laienkreis und wissenschaftliches Fachpublikum gleichermaßen in den aktuellen Forschungsstand rund um das Textilhandwerk ein. So bietet die Einführung einerseits Basiswissen zum urgeschichtlichen Mitteleuropa und andererseits fundierte Grundlagen rund um prähistorische Textilfunde. Chronologietabelle, Lebensbilder und zahlreiche Fotos ergänzen den Text.
„Handwerkstechniken ‒ von der Faser zum Stoff” präsentiert den gesamten Herstellungsablauf vom Rohmaterial über Aufbereitung, Verarbeitung und Veredelung bis hin zum genähten Endprodukt von Textilien. Bestechend ist das erarbeitete Schema, das zusätzlich zu zahlreichen Grafiken und Fotos die Arbeitsabläufe leicht nachvollziehbar sowie optisch gut fassbar macht.
Das archäologische Fundmaterial besteht selten aus ganz erhaltenen Textilien. Zumeist sind nur winzige “Stofffetzen” erhalten geblieben. Dass sich daraus dennoch Herstellungstechniken, Produktionsabläufe und Vertriebsstrukturen rekonstruieren lassen, ist minutiösen Analysen zu verdanken. Überraschend offenbaren sich dabei Produktionsniveaus, soziologische Aspekte sowie der enorme Stellenwert der Textilproduktion, dessen Arbeitsanteil im Tagespensum hoch war.
Textilien wurden nicht nur für Bekleidungszwecke erzeugt. In prähistorischer Zeit war der Gebrauch in allen Lebensbereichen üblich und schloss somit auch das Totenbrauchtum ein. Textilien waren aufwendig herzustellen und daher wertvoll. Flicken und recyceln von Geweben bis zum endgültigen Verschleiß waren selbstverständlich. Das Schema zur Gewebeverwendung macht die zahlreichen Primär- und Sekundärnutzungen deutlich.
Der Bekleidung wird auch aus trachtgeschichtlichen Gründen Aufmerksamkeit zuteil. Chronologisch gegliedert und über den Textilanteil hinausgehend vermittelt die Autorin, aus wie vielen zeitlich und räumlich verteilten Quellen kostümkundliche Rekonstruktionen schöpfen. Dieses Gewebepuzzel ist zu lückenhaft, um allgemeingültig zu sein. Neben zahlreichen Beispielen werden Bekleidungsreste - ein Ausnahme-Ensemble - der Gletschermumie vom Hauslabjoch „Ötzi” ausführlich vorgelegt.
Eine kurze englische Zusammenfassung rundet den Band ab. Im Anhang sind das benutzerfreundliche Glossar zu textilkundlichen und archäologischen Begriffen, das Abbildungs- und das umfangreiche Literaturverzeichnis sowie Namens-, Orts- und Sachregister zu finden.
Ein großer Verdienst des Werkes ist es, publikumswirksam das Vorurteil einer in grau-braune Wolle gehüllte Urgeschichte zu einer Vorstellung zu wandeln, die designreiche und farbenfrohe Stoffvielfalt vorzieht. Der vorgelegte aktuelle Forschungsstand belegt, dass ausgefeilte Techniken, kreative und organisierte Schaffensprozesse bei einer erstaunlich vielfältigen Produktpalette bereits in prähistorischer Zeit Standard waren. Die großzügige Illustration von Produktions- und Nutzungsprozessen runden den Lesegenuss optisch perfekt ab.
Ein unverzichtbares Standardwerk!
© S. Strohschneider-Laue
Prähistorische Textilkunst in Mitteleuropa
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Dienstag, 16. August 2011

Annette Philp
Sehstern
Wie Kinder von der Kunst lernen
Kerber 2011, 95 S., zahlr. Fotos
ISBN 978 3 8667 8508 3
Sehstern
Kunstvermittlung wird nicht nur in den Münchner Pinakotheken gerne angenommen. Begegnungen von Kindern mit Kunst an der Schnittstelle von Kreativität und Ökonomie werden hingegen viel zu selten einer genaueren Analyse unterzogen. Umso wichtiger, dass die Ergebnisse des Projekts “Sehstern”, das zwischen 2007 und 2010 an den Münchner Pinakotheken angeboten wurde, mit dieser Publikation vorgestellt werden.
Ausgehend von einer historischen Übersicht zu Kreativität und Begabtenförderung wird an die während des Projektes gewonnen Erkenntnisse herangeführt. Im Zuge dessen werden elf Grundsätze, die sich auf die Arbeit im Museum beziehen, aufgestellt. Systematische Präsentation der Praxis - Kindergarten, Kinderworkshop, Exkursionen, Jugendprojekt - lassen die Herangehensweisen deutlich werden. Textbeiträge von Ingmar Ahl, Kristine Oßwald und Martina Scherf runden die Analyse ab.
Eine der wichtigsten Erkenntnisse sollte allen zu denken geben: Unkonventionelles Vermitteln öffnet der kindlichen Neugier und Kreativität jenen Spielraum, den Heranwachsende benötigen, um die Kunstobjekte selbst - im Sinne eines Lehrers - anzunehmen. Neugier und Kreativität bieten daher die Basis, um den Weg zur Erkenntnis beschreiten zu können, um dadurch Wissen tatsächlich auch lebenslang zu erwerben.
Fotos aus dem Projektverlauf begleiten den Inhalt anschaulich. Schade ist, dass die Seitenangaben im Inhaltsverzeichnis nicht immer stimmig sind, was dem Inhalt selbst natürlich keinen Abbruch tut.
Eine Basispublikation für alle mit Kulturvermittlung innerhalb und außerhalb von Museen Befasste.
© S. Strohschneider-Laue
Sehstern: Mit begabten Kindern die Pinakotheken durchforschen
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Tags:Ebensolch Rez-E-zine 67/11, Kommunikation, Kulturvermittlung, Kunst, Sistlau
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Freitag, 22. Juli 2011

Corinna Hesse
Italien hören
Silberfuchs Verlag 2011, 1 CD, Laufzeit 80′, 15 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 9406 6523 2
Italien Hören
Feste, Tradition und ohne Gegensatz dazu steter Wandel zeichnen Italien aus. Vom klassischen Erbe, das aus griechischer Tradition schöpfte und sich anschließend mit der gesamten damaligen Welt verband bis zur Gegenwart führt der kulturelle Streifzug.
In 19 kulturellen Häppchen wird das italienische Werden als perfektes Dinner für die Ohren serviert. Von göttlichen Wurzeln, den Etruskern und deren Städtebündnis ausgehend, entstand die antike Weltmacht Rom. Das römische Imperium verfällt, das Christentum setzt seinen Siegeszug fort und prägt Literatur, Kunst und Kultur. Mit Beginn der Neuzeit rücken der Mensch und sein Schaffen wieder in den Mittelpunkt. Architektur, Kunst, Literatur und Musik schwingen sich zu ungeahnten Höhen. Der Drang zur Einheit und Unabhängigkeit führt schließlich im 19. Jh. zum Königreich über ein wirtschaftlich duales Land. Der Blick nach vorn mündet schließlich nach dem Ersten Weltkrieg im Faschismus. Hier offenbart sich die Schwäche der CD, denn zwischen der Machtergreifung Mussolinis und dem Einmarsch der Alliierten klafft eine schmerzliche Lücke, die auch die anschließende gute Dokumentation der Nachkriegszeit nicht wettmacht.
Die sonore Stimme von Rolf Becker leitet wohl moduliert durch 80 kurzweilige Minuten. Passende Musik- und Literaturzitate lassen die Geschichte vor dem inneren Auge auferstehen. Roswitha Röschs Grafik unterstreicht von Cover über Booklet passend das Werden Italiens von seinen antiken Wurzeln bis in die Gegenwart.
Ein weiteres Qualitätsprodukt aus der mit dem Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichneten Länderreihe. Gemeinsam ist allen bereits produzierten Hörreisen der “Gerne-wieder-hören-Faktor”, der auch auf “Italien hören” zutrifft.
© S. Strohschneider-Laue
Italien Hören
höre auch:
Polen hören
Argentinien hören
Australien hören

Indien hören
China hören 
Deutschland hören 
Frankreich hören
Griechenland hören 
Israel hören
Niederlande hören 
Russland hören 
Türkei hören 
Ungarn hören
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Tags:Ebensolch Rez-E-zine 67/11, Europa, Hören, Italien, Kultur, Kunst, Literatur, Musik, Reise, Sistlau, Völkerkunde
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Freitag, 22. Juli 2011

Christopher Howgego
Geld in der Antiken Welt
Eine Einführung
Philipp von Zabern 2011², 229 S., zahlr. Sw-Fotos
ISBN 978 3 5342 3940 5
Geld in der Antiken Welt: Eine Einführung
Numismatiker und Studierende Alter Geschichte und archäologischer Disziplinen kommen an diesem Buch nicht vorbei. Zum einen, da Geld als “drittes Gut” historischen Abläufen eine eigene Dynamik verleiht und zum anderen dieses auch alle anderen nichtmonetären Gemeinschaften nachhaltig beeinflusst. Darüber hinaus darf nicht vergessen werden, dass Münzen nicht nur eine Datierungshilfe sind, sondern auch sonst schwer fassbare politische Geschehnisse dokumentieren und ökonomische Verhältnisse und Netzwerke offenbaren.
Die Stärken des Buches offenbaren sich bereits in seiner zielgerichteten Gliederung und seinem Hauptaugenmerk auf geldhistorischen Fakten, die letztlich auch in modernen nationalökonomischen Strukturen nachvollziehbar werden.
Die sechs Kapitel widmen sich
•Geld (Geschichte des Münzgeldes, gesellschaftliche Veränderungen, Gebrauch in Athen und Rom),
•Münzprägung (Metallvorkommen, Münzstätte, Emissionen, Prägegründe, Prägung und Staatshaushalt),
•Großreiche (Münzprägung und Imperialismus, Athen, Persien, Philipp II und Alexander, Seleukiden, Ptolomäer, Attaliden, Rom),
•Politik (Münztypen und Politik, Repräsentation in Griechenland und Rom, Typenwahl und Intention, Publikum und Rezeption, Bildrepertoire und Sprache), Themen der Macht (Göttlichkeit, Legitimation und Nachfolge, kaiserliches Bildrepertoire, Ideologie der Wohltätigkeit),
•Geldumlauf (Überlieferung und Grenzen, Gründe des Umlaufs, archaische Zeit, spätklassische und hellenistische Zeit, römische Zeit - städtisch und regional, Ausfuhr, Chronologie, Analyse, Dezentralisierung),
•Krise (Athen und Rom, Währungen unter Druck, römische Geldmanipulation, Inflation - Geldmenge, Münzverschlechterung, Geldreform-, Krise des 3. Jh.).
Das ebenso fundierte wie exzellent strukturierte Werk wird durch einen umfangreichen und benutzerfreundlichen Anhang inkl. Register komplettiert. Das ohnedies schon komplexe Literaturverzeichnis wird zusätzlich mit der nach 1996 erschienen Publikationen in den Literaturnachträgen ergänzt und kapitelbezogen auf den aktuellen Forschungsstand gebracht. Der Tafelteil belegt die Kapitel in perfekter Auswahl und Bildqualität.
Eine unersetzliche Pflichtpublikation, die in der aktualisierten Neuauflage nochmals gewonnen hat.
© S. Strohschneider-Laue
Geld in der Antiken Welt: Eine Einführung
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Tags:Antike, Archäologie, Ebensolch Rez-E-zine 67/11, Handbuch, Römer, Sistlau
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Donnerstag, 21. Juli 2011

Bernd Hüppauf
Vom Frosch
Eine Kulturgeschichte zwischen Tierphilosophie und Ökologie
transcript 2011, 417 S., Farb- und Sw-Abb.
ISBN 978 3 8376 1642 2
Vom Frosch: Eine Kulturgeschichte zwischen Tierphilosophie und Ökologie 
Das Mensch-Tier-Verhältnis wird in dem Werk am Beispiel des Frosches einer näheren Betrachtung unterzogen. Erstaunlich, wie nahe sich Menschen und ausgerechnet eine Amphibie stehen können. Wer allerdings einen kurzweiligen Einstieg in die Mensch-Frosch-Beziehung erwartet, wird enttäuscht sein. Wer Grundlagenforschung vermutet, wird eine persönlich geprägte, kulturgeschichtliche Materialsammlung vorfinden. Diese Sammlung offenbart allerdings immer wieder massive Schwächen durch ihre breite Fächerung. Den wissenschaftlichen Diskurs am aktuellen Stand zu verfolgen und Interpretationen nicht aus dem Zusammenhang zu reißen, ist eben schwierig. So geraten dem Autor in Folge nicht nur die “steinzeitlichen Figurinen”, “linearkeramischen Figuren von Frauen” mit der sog. “Frauenkröte aus Maissau” in einen nicht nachvollziehbaren mind. 30.000 Jahre umfassenden chronologischen und zum Frosch völlig belanglosen Zusammenhang.
Das ausdrückliche Ziel von Bernd Hüppauf ist es allerdings, “den Frosch im kulturell Imaginären” zu suchen. Die Einleitung widmet sich daher dem Mensch-Tier-Verhältnis, wirft einige Schlaglichter auf Frösche an sich und ihren kulturellen Stellenwert. Die nachfolgenden Kapitel sind der Theologie und Magie, Frosch und Wissenschaft sowie zuletzt dem Ökofrosch gewidmet. Da es sich hier nicht primär um eine naturwissenschaftliche Analyse rund um den Frosch handelt - obwohl Spiegelneuronen mehrfach thematisiert werden, sollte man keinen zoologischen Fokus inklusive Storch oder Ringelnatter als natürliche Feinde erwarten. Aber mit der Feststellung, dass Frosch und Mensch zu einem gemeinsamen Ökosytem gehören, das es zu erhalten gilt, befindet sich Hüppauf auf Augenhöhe mit den zeitgeistigen tierphilosophischen Betrachtungen und ökologischen Forderungen.
Nahezu 50 Seiten im Anhang betreffen den Kapiteln zugeordnete Endnoten. Sie stellen beim Lesen eine Herausforderung an die Handhabung dar. Die Literaturliste ist ebenso umfangreich, wie das Register, das sich auf die zitierten Persönlichkeiten beschränkt, enttäuschend.
© S. Strohschneider-Laue
Vom Frosch: Eine Kulturgeschichte zwischen Tierphilosophie und Ökologie
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Tags:Biologie, Ebensolch Rez-E-zine 67/11, Kultur, Kunst, Literatur, Sistlau
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Montag, 27. Juni 2011

Doris Hansmann
Künstlerkolonie Worpswede
Prestel 2011, 142 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 7913 4523 9
Künstlerkolonie Worpswede
“Ich fand ein höchst originelles Dorf, das auf mich einen durchaus fremdartigen Eindruck machte; der hügelige, sandige Boden im Dorfe selbst, die großen bemoosten Strohdächer und nach allen Seiten (so weit man sehen konnte), alles so weit und groß, wie am Meer.”
Dies vertraut Otto Moderson am 3. Juli 1889 kurz nach der Ankunft in Worpswede seinem Tagebuch an. Er war dem Ruf seines Freundes Fritz Mackensen gefolgt, der als erster die Schönheit der Landschaft um den abgelegenen kleinen Ort im Teufelsmoor entdeckt hatte. Wenig später reist auch Hans am Ende an und damit ist das Trio der Gründerväter der Künstlerkolonie Worpswede komplett. Ihren Vorbildern - den Malern der Schule von Barbizon - nacheifernd, zieht es die jungen Künstler ins Freie. Enthusiastisch malen sie Moorkaten, Wolkenstimmungen, Birkenalleen, Wasserläufe und den weiten Horizont des flachen Landes. Bald gesellen sich der Landschaftsmaler Fritz Overbeck und der dem Jugendstil zugeneigte Heinrich Vogeler zu ihnen. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten, schon 1895 gelingt den Malern mit ihrer Ausstellung im Münchner Glaspalast der künstlerische Durchbruch. Das verwundert wenig, denn die Bilder der in ihrem Habitus standesgemäß bürgerlichen Künstler geben sich modern, ohne radikal zu sein. Avantgardistische Positionen halten erst mit den Frauen, allen voran Paula Becker, Einzug in Worpswede.
Doris Hansmann erzählt in ihrem Buch “Künstlerkolonie Worpswede” gekonnt von Entstehung und Schicksal der kleinen Gemeinschaft aus Künstlern und Künstlerinnen, deren Werk noch heute zu bezaubern vermag. Dabei menschelt es ganz gewaltig - Paare finden zueinander und trennen sich wieder, illustre Gäste kommen zu Besuch, Freundschaften zerbrechen und Karrieren erblühen. Die Geschichte der Künstlerkolonie ist geprägt von Freundschaft und Liebe, Eheglück und Beziehungskrisen, gemeinsamen Unternehmungen und heller Lebensfreude, künstlerischen Erfolgserlebnissen und Experimenten, Konkurrenzdenken und beleidigten männlichen Egos, weiblicher Resignation und persönlichen Tragödien. Zahlreiche Zitate vermitteln im Originalton die Aufbruchsstimmung und Befindlichkeiten der KünstlerInnen, die darüber hinaus durch eine Auswahl historischer Fotografien präsent sind. Ihre wichtigsten Lebensdaten sind in tabellarischen Kurzbiografien am Ende des Buches zusammengefasst.
Die umfassende, hervorragend mit Beispielen illustrierte Werkanalyse wirft Licht auf die stilistische Vielfalt in der Künstlerkolonie und stellt das erstaunlich reichhaltige Motivspektrum vor. Dessen Bandbreite reicht von Darstellungen der von den Narben des Torfstichs geprägten Landschaft mit ihren Moorkaten, Torfkähnen und atmosphärischen Farbspielen über Ansichten des Dorfes und der Wohnstätten der KünstlerInnen bis zu Porträts und Akten. Als Modelle dienten den MalerInnen unter anderem Angehörige der bäuerlichen Familien und Alte aus dem Armenhaus, deren Lebenswelten von der Autorin einfühlsam geschildert werden. Darüber hinaus griffen die Worpsweder Kreativen, allen voran Vogeler und Moderson, vereinzelt auch Themen aus der Märchenwelt auf.
Mit dem Buch “Künstlerkolonie Worpswede” ist ein exzellenter Überblick zu Leben und Arbeiten in der berühmtesten Künstlerkolonie Deutschlands gelungen. Sein flott geschriebener Text steht in einem ausgewogenen Verhältnis zu der abwechslungsreichen Bebilderung und die ausgewählten Arbeiten von Otto Moderson, Fritz Mackensen, Heinrich Vogeler, Hans am Ende, Fritz Overbeck, Carl Vinnen, Paula Moderson-Becker, Ottilie Reylaender, Clara Rilke-Westhoff, Marie Bock und Hermine Overbeck-Rohte sind ein überraschend opulenter Augenschmaus.
© Ch. Ranseder
Künstlerkolonie Worpswede
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Tags:CRans, Deutschland, Ebensolch Rez-E-zine 67/11, Gender, Kunst, Moderne
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Montag, 27. Juni 2011

Saeta Godetide, Carolin Küllmer
Wikinger Kochbuch
J. Neumann-Neudamm, FEL!X 2011, 161 S., zahlr. Farbfotos.
ISBN 978 3 7995 0859 9
Das Wikinger-Kochbuch
Aus wenigen Epochen liegen Küchenrezepte vor, auf die man bei seinen Recherchen aufbauen kann. Kochbücher, wie das des römischen Starkochs Apicius, haben quer durch die Geschichte Seltenheitswert. Hinter historischen Kochbüchern steckt daher sehr viel Arbeit. Es gilt in Originalquellen zu recherchieren, Funde und Befunde von Ausgrabungen zu analysieren und mit viel Sachkenntnis rund um die zeitgenössische Flora und Fauna sowie mit Geduld zu experimentiert. Nicht zuletzt gilt es persönliche Opfer zu bringen, wenn es um das Verkosten der Erstversuche geht. Dass sich alle diese Mühen lohnen, zeigt das vorliegende Buch.
Dass die beiden Autorinnen nicht im luftleeren Raum ihren Brei rührten, belegen die Einführungskapitel. Zuerst werden Zeitrahmen, Umfeld und Bewohner vorgestellt; denn über die Wikinger kursieren zwar unausrottbare Gerüchte, aber um so weniger bekannte Gerichte. Göttermythen, Ausgrabungsfakten und vor allem eine riesige Portion Reenactment-Erfahrung liefern eine nachvollziehbare Basis, die es auch ermöglicht, selbst eine Lagerküche auszustatten.
Der übersichtlich gestaltete Rezeptteil folgt der heutigen Tradition, das Essen mit der Suppe beginnen zu lassen und es nach der Hauptspeise mit dem Dessert zu beenden. 50 Rezepte mit Angaben wie viele (oft sehr viele!) Personen man damit verköstigen kann und wie viel Aufwand es bedeutet, diese Speisen über einem offenen Feuer zu kochen, lesen sich wie ein appetitlicher Erfahrungsbericht. Lebenspraktisch und nachvollziehbar sind die Beschreibungen, die selbstverständlich auch in einer modernen Küche zubereitet werden können. Zahlreiche Fotos begleiten die Rezepte, sodass an einem appetitlichen Ergebnis kein Zweifel aufkommen kann.
Wildkräuter- und Brotsuppe, Sauerteigbrot mit Kräuterquark, Gemüsespieße, Dinkelsalat oder vegetarische Buletten erfreuen auch Vegetarier. Fleisch in Unmengen kam nämlich auch bei den Wikingern nicht auf den Tisch. Aber Fisch ist ja auch nicht zu verachten. Allein die Heilbuttsuppe und die Fischbällchen sind es wert, das Fleisch stehen zu lassen. Andererseits mag auch ein Fleischtopf mit Rotkohl, ein Methuhn oder Hammel mit Kohl viele Anhänger gewinnen. Hirsebrei, Eierkuchen und Holundersuppe mit Grießklößchen ist hingegen der Traum für alle Leckermäulchen. Andere Spezialitäten polarisieren wahrscheinlich. Gesengter Lammkopf und der berüchtigte fermentierte Hai sind eher etwas für unverdrossene und mutige Esser.
Nützliche Tipps abseits der Rezepte schließen sich zuletzt an. Wann man am besten zu Wildfrüchten und Kräutern kommt, verrät der Sammelkalender und Saetas Einkaufsliste sollte man wie eine Gabe der guten Küchenfee beherzigen. Literaturliste und Internetverweise beschließen das ebenso lebensfroh wie reich bebilderte Wikingerkochbuch inhaltlich.
© S. Strohschneider-Laue
Das Wikinger-Kochbuch
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Tags:Archäologie, do-it-yourself, Ebensolch Rez-E-zine 67/11, Genuss, Mittelalter, Sistlau
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Samstag, 25. Juni 2011

Marcel Robischon
Planet der Insekten
Haupt 2011, 224 S., zahlr. Farbfotos.
ISBN 978 3 2580 7655 3
Planet der Insekten
Insekten sind die wahren Herrscher der Erde. Wer es nicht glaubt, sollte sich mit dem Gedanken vertraut machen, dass Insekten mit 1,5 Milliarden pro Mensch allein mengenmäßig enorm im Vorteil sind. Die Dunkelziffer liegt viel höher. Die Methode, die Insekten verwenden, um ans Ziel ihrer Wünsche - die Eroberung der Weltmeere gehört nicht dazu - zu gelangen, degradieren jede menschliche Intrige, jede menschliche Strategie und jede menschliche Erfindung zu Kinderkram. Wer es insektenfrei will, muss sich daher Kiemen wachsen lassen und in (!) die Ozeane übersiedeln.
Genau an diesen Extremen und den Erfolgskonzepten des Insektenreichs setzt dieses faszinierende Buch des Forstwissenschaftlers Robischon an. Was in solchen Massen vorkommt und zum Teil noch unentdeckt kreucht und fleucht, mag zwar vielgestaltig sein, ist aber trotzdem meist namenlos - bis die Wissenschaft es mühsam versucht zu klassifizieren, zu benennen und seines Geheimnisses zu entkleiden.
In 19 Kapiteln stellt Marcel Robischon den mühseligen aber ungemein spannenden Weg der Forschung durch die Jahrtausende vor. Gleichzeitig zeigt er auch den täglichen Siegeszug der Insekten - darunter manche, die bereits als ausgestorben galten. Pointiert und an außergewöhnlichen Beispielen belegt er die Vielgestaltigkeit, Zähigkeit und enorme Leistungsfähigkeit von Insekten. Insekten benutzen z. B. ihr eigenes kaltes Licht oder laden ihre “Flugbatterien” mit Sonnenlicht auf und sie lassen sich von Tieren und Pflanzen durch gute Taten sowie mit bösen Tricks durchfüttern. Erstaunlich sind ihre Flugfähigkeiten, Kommunikationsmittel und Sinnesleistungen. Sie sind vermehrungsfreudig und zu enormen “sportlichen” Hochleistungen u. a. hinsichtlich Ausdauer, Tempo oder Sprungkraft fähig. Zugleich sind sie für den Menschen Fluch und Segen - u. a. als Seidenraupen, Honigbienen oder Zirkusflöhe. Sie sind Nützlinge, Schädlinge und wichtige Indikatoren für Umweltbelastungen und Anzeiger des Klimawandels.
Ein großartiges Buch, das gleichzeitig als spannende fachwissenschaftliche Lektüre, historische Anekdote sowie fotografische Augenweide - ohne ein oberflächlich-hübscher Bildband zu sein - besticht. Ob man Insekten liebt oder hasst, mehr über sie zu wissen, ist ein Gewinn und mit dieser Lektüre ist dieser Gewinn auch noch überaus fesselnd.
Literatur und Quellen werden im Anhang umfangreich angeboten, sodass ein vertiefender thematischer Einstieg leicht möglich ist. Ein benutzerfreundliches Register beschließt den außergewöhnlichen Band.
© S. Strohschneider-Laue
Planet der Insekten: Von duftenden Ameisen, betrügerischen Leuchtkäfern und gespenstischen Faltern
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Montag, 20. Juni 2011

Amazonen
Das Brustkrebs-Projekt von Uta Melle
Kehrer 2011, 128 S., zahlr. Fotos.
ISBN 978 3 8682 8209 2
Amazonen - Das Brustkrebsprojekt von Uta Melle
Brustkrebs ist weiblich - das Risiko für Männer liegt “nur” bei 1:100. Brustkrebs ist mit fast 30% die häufigste Krebserkrankung. Brustkrebs tötet mehr Frauen als jede andere Krebsart und bei Brustkrebs kommt mehr als der Kampf ums nackte Überleben hinzu.
Die Diagnose Brustkrebs ist niederschmetternd und sie war viel zu lange ein Tabu. Ein Tabu, das erst in den letzen Jahren durch Gesundheitskampagnen an Bedeutung verliert. Es ist für betroffene Frauen wichtig zu sagen: Wir kämpfen, wir leben, wir sind schön, wir sind verletzlich - obwohl wir stark sind - und wir sehen dem Tod ins Gesicht. Es darf nicht sein, dass das Umfeld erst am Fehlen der Haare merkt, dass Frauen um ihre Würde ringen und ihr Leben kämpfen.
Als Uta Melle an Brustkrebs erkrankte, nahm sie 2009 mit einem aufsehenerregenden Fotoshooting von Jackie Hardt Abschied von ihren Brüsten. Mit weiteren Frauen, die ebenfalls durch die Brustkrebshölle gingen, tritt sie im Frühjahr 2010 auch vor die Kamera von Esther Haase. Vorliegender Band versammelt die einzigartigen Fotos dieser Shootings. Die Texte von Sophie Albers und Beate Wedekind fangen dazu den O-Ton der Protagonistinnen und persönliche Eindrücke ein. Nadine Barth (Herausgeberin) und Julia Wagner (Art Direktorin) schufen aus der harten Realität einen ebenso harmonischen wie fantastischen Band.
Die Fotos von Jackie Hardt und Esther Haase zeigen starke, schöne, fröhliche, verletzliche und beispielgebende Frauen: facettenreiche Amazonen in Farbe und kontraststarke Aktivistinnen in Schwarz-Weiß.
Eine der Amazonen ist Mareike. Sie bringt es auf den Punkt: “Bilder sagen mehr als 1.000 Worte.”
Insbesondere das Foto von Ursula, jene Amazone, die den Kampf gegen den Krebs im Dezember 2010 mit ihrem Leben bezahlte.
© S. Strohschneider-Laue
Amazonen - Das Brustkrebsprojekt von Uta Melle
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Tags:Ebensolch Rez-E-zine 67/11, Fotografie, Gender, Kunst, Sistlau, Sozial
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Donnerstag, 09. Juni 2011

Anton Holzer, Frauke Kreutler (Hgg.)
Trude Fleischmann
Der selbstbewusste Blick | A Self-Assured Eye
Hatje Cantz 2011, Dt./Engl., 199 S., zahlr. Sw-Fotos.
ISBN 978 3 7757 2780 8
Trude Fleischmann: Der selbstbewusste Blick
Trude Fleischmann (1895-1990) hatte ein Atelier in Wien, das von 1920 bis zu Ihrer Flucht 1938 ein kultureller Treffpunkt war. Porträts, Tanz, Mode und Werbung, aber auch Reisemotive standen im Mittelpunkt ihrer Tätigkeit. Die rasche Umwegrentabilität von Promifotos und Skandalbildern, die Bekanntheitsgrad steigern und Business ankurbeln, ist heute hinlänglich bekannt. Damals wurde ähnlich gearbeitet, aber zumeist nicht mit ganz so schnellem Effekt. Die Aktfotografien der Tänzerin Claire Bauroff, die erst durch die polizeiliche Beschlagnahmung in Berlin sprunghaft an Bekanntheitsgrad gewannen, verhalfen jedenfalls beiden Frauen zu nachhaltigem Erfolg. Das Wien Museum kaufte bereits 1936 Fotografien aus ihrer Atelier für die Sammlung an.
Nach dem Anschluss Österreichs beantragte Trude Fleischmann ein Ausreisevisum. Sie wurde enteignet und verließ mit nur wenig persönlicher Habe 1938 Wien. Sie emigrierte in die USA, wo es Ihr gelang eine neue Existenz in New York aufzubauen. Trude Fleischmann hatte Glück im Unglück - nicht allen Wiener Fotografinnen jüdischer Herkunft war dasselbe Schicksal beschieden.
Die Begleitpublikation zur gleichnamigen Ausstellung im Wien Museum hat über diese hinaus Bestand. Zweisprachig abgefasst, zeigt es überwiegend im Bestand des Museums befindliche Fotografien. Es gab sie auch schon zu dieser Zeit: Frauen hinter der Kamera und mit eigenem Studio. Schön, dass einer dieser - überraschend zahlreichen - Atelierfotografin eine Ausstellung und ein Katalog gewidmet wurde. Fotografinnen aus der Zwischenkriegszeit, deren Werke im Katalog abgebildet sind - Edith Barakovich, Marianne Bergler, Stephanie Brandl, Papa Feldscharek, Trude Geiringer, Edith Glogau, Kitty Hoffmann, Dora Horowitz, Dora Philippine Kallmus, Hella Katz und Grete Kolliner -, werden ebenfalls mit biografischen Notizen gewürdigt. Beiträge von Astrid Mahler, Frauke Kreutler, Anton Holzer, Marion Krammer, Heike Herrberg informieren über Leben und Werk von Trude Fleischmann sowie fotografisches und kulturelles Umfeld jener Zeit.
Ein umfangreiches Literaturverzeichnis rundet den exzellenten Katalog ab. Eine gelungene, da ebenso gut gegliederte wie flüssig abgefasste, Pflichtlektüre zur Fotografie, Zeitgeschichte und Frauenforschung. Dass das Gesamtlayout die Fotografien stimmig begleitet und ein harmonischen Gesamteindruck erzeugt, ist ein zusätzlicher Bonus.
© S. Strohschneider-Laue
Trude Fleischmann: Der selbstbewusste Blick
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Tags:Biografie, Ebensolch Rez-E-zine 67/11, Fotografie, Gender, Katalog, Kunst, Sistlau, Wien
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Mittwoch, 08. Juni 2011

Paul Jackson
Von der Fläche zur Form
Falttechniken im Papierdesign
Haupt 2011, 224 S., zahlr. Abb. und Diagramme, CD-ROM.
ISBN 978 3 2586 0019 2
Von der Fläche zur Form: Falttechniken im Papierdesign
Wenn Sie über viel Zeit, gute Nerven und eine gehörige Portion Ehrgeiz verfügen, ist “Von der Fläche zur Form. Falttechniken im Papierdesign” das richtige Buch für Sie. Falls Sie sich im Beruf oder in der Ausbildung mit der hohen Kunst des Faltens auseinandersetzen müssen, werden Sie seinem Autor Paul Jackson vermutlich ewig dankbar sein, dass er dieses grundlegende Werk zu Papier gebracht hat. Schritt-für-Schritt erklärt er darin eine große Zahl unterschiedlicher Falttechniken, die - einmal erlernt - ein mächtiges Gestaltungswerkzeug abgeben.
Dem harmonischen Zusammenspiel von präzisen Texten, Faltdiagrammen, Fotos wichtiger Momente im Arbeitsprozess und Abbildungen der fertigen Faltobjekte ist anzumerken, dass Paul Jackson jahrelang als Kursleiter Erfahrung sammeln konnte. Die hervorragende Gliederung des Buches und die große thematische Bandbreite machen “Von der Fläche zur Form” sowohl für Anfänger als auch für Fortgeschrittene attraktiv.
Kapitel 1 vermittelt Grundlagen wie Papierunterteilung, die symmetrische Verdopplung von Mustern, die Gestaltungsmöglichkeiten durch Streckung und Neigung sowie Anregungen für das Arbeiten mit Polygonen.
Kapitel 2 ist den Grundfalten - also Ziehharmonika-, Messer-, Kasten- und Verlaufsfalten - gewidmet.
Kapitel 3 untersucht Spiralfalten, das Zusammenfassen von Falten und verdrehte Falten.
Kapitel 4 stellt die wandlungsfähigen V-Falten und ihre Variationen in den Mittelpunkt.
Kapitel 5 zeigt wie Wölbungen in Form von Bögen und Sattelflächen erzeugt werden können.
Auch Schachteln und Schalen lassen sich falten. Anleitungen dazu sind in Kapitel 6 zu finden.
Dass aus einem einfachen Blatt Papier mithilfe von Pseudo- und Einzelfalten Objekte mit skulpturalen Qualitäten entstehen können, beweist Kapitel 7.
Wild geknittert wird schließlich in Kapitel 8.
Wie jeder gute Lehrer führt Paul Jackson in einer logischen Abfolge vom Einfachen zum Komplizierten, ohne dabei gleich alle Tricks zu verraten. Fallweise ist selbstständiges Denken und Experimentieren gefragt. So werden z. B. nicht alle Faltdiagramme von einer Aufschlüsselung jedes einzelnen Handgriffs begleitet. Ich bin beim Zusammenschieben der Falten von zwei der komplizierteren Muster ganz schön ins Schwitzen gekommen. Das Erfolgserlebnis bei den beiden geglückten zweiten Versuchen war dafür umso süßer.
“Von der Fläche zur Form” ist ein Buch, auf das man sich einlassen muss, um nachhaltig von ihm zu profitieren. Mit Lesen allein ist es nicht getan. Probieren Sie die unterschiedlichen Techniken aus, indem Sie den Anleitungen folgen - die Faltdiagramme können als pdf von der CD-ROM abgerufen werden - oder lassen Sie ihrem Spieltrieb freien Lauf. Es lohnt sich. Ich habe seit meiner Schulzeit, als ich im Handarbeitsunterricht ein Ei falten musste, ein gestörtes Verhältnis zu Origami. Trotzdem hat mir die Auseinandersetzung mit dem - übrigens auch sehr schmuck gestalteten - Buch “Von der Fläche zur Form” viel Spass gemacht und mein kreatives Schaffen bereichert, ganz abgesehen von seinem therapeutischen Effekt. Paul Jackson ist mit “Von der Fläche zur Form. Falttechniken im Papierdesign” ein hervorragendes Handbuch gelungen, das ebenso unentbehrlich wie inspirierend ist.
© Ch. Ranseder
Von der Fläche zur Form: Falttechniken im Papierdesign
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Tags:CRans, Design, do-it-yourself, Ebensolch Rez-E-zine 66/11, Kunst
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Mittwoch, 08. Juni 2011

Gregory Claeys
Ideale Welten
Die Geschichte der Utopie
Theiss 2011, 224 S., 150 Abb.
ISBN 978 3 8062 2461 0
Ideale Welten: Die Geschichte der Utopie
Der Wunsch nach einem besseren Leben ist so alt wie die Menschheit. Gregory Claeys verfolgt in seinem Buch “Ideale Welten. Die Geschichte der Utopie” die Sehnsucht nach einer anderen Gesellschaft von den alten Griechen bis ins 21. Jahrhundert. In 14 kurzen Kapiteln spannt er den Bogen von den Proto-Utopien der antiken Welt über Thomas Morus bahnbrechendes Werk Utopia und dessen Auswirkungen auf die Literatur der folgenden Jahrhunderte bis zu den gesellschaftlichen Experimenten des 20. Jahrhunderts, um schließlich bei den futuristischen Szenarios der Science-Fiction zu landen. Die Breite der angeschnittenen Themen zeigt, dass die Erforschung der nun schon Jahrhunderte in Anspruch nehmenden Suche nach einer funktionierenden besseren Gesellschaftsordnung sowie der gerechteren Verteilung von Ressourcen und Gewinn wahrlich ein weites Feld ist. Schon die Definition von Utopia bietet Stoff für unzählige Diskussionen. Gregory Claeys tapferes Ringen nach einer Begriffserklärung und der Komprimierung des umfassenden Quellenmaterials auf 224 Buchseiten, resultiert in dem Bestreben drei Aspekte von Utopia in den Mittelpunkt der Betrachtungen zu stellen. Die Idee, ihr Niederschlag in der utopischen Literatur und die Versuche der praktischen Umsetzung ziehen sich wie ein dreistrangiger roten Faden durch den Text. Die Auswahl der Beispiele, die sich um diese inhaltliche Leitlinie gruppieren, ist denkbar weit gefasst und bewegt sich zuweilen hart an der Grenze zur Beliebigkeit.
Als Einstieg in die Wunderwelt der Utopien wird dem Traum vom Goldenen Zeitalter, den Schriften Platons und den christlichen Archetypen und Mythen ebenso Beachtung geschenkt wie den außereuropäischen Modellen der idealen Gesellschaft. Mit Thomas Morus und seinem wegbereitenden Buch Utopia betritt die Utopie als eigenständiges Genre die Bühne. Von diesem Moment in der Geschichte gibt es kein Halten mehr. Sowohl den Erfindungsreichtum der Autoren von utopisch angehauchten Erzählungen als auch die ernsthaften Bestrebungen von Weltverbesserern belegen unzählige literarische Werke, darunter Berichte von tatsächlichen Reisen in die Neue Welt sowie fantastischen Entdeckungsfahrten zu erfundenen Orten, Traktate mit Entwürfen für ein besseres Leben, große Romane wie Robinson Crusoe und gesellschaftskritische Satiren, allen voran Gullivers Reisen. Politische Utopien und die Versuche ihrer Verwirklichung als sich egalitär gebende, staatstragende Systeme werden im Zusammenhang mit den sehr realen Revolutionen in Frankreich und Amerika sowie ihren diversen Ausprägungen in Anarchismus, Kommunismus und Sozialismus durchleuchtet. Auf der Ebene der zwischenmenschlichen Beziehungen erfolgt die Prüfung der zahlreichen Entwürfe des Zusammenlebens Gleichgesinnter, von den Shakern über die Anhänger Robert Owens bis zu den Hippies, auf ihre utopischen Qualitäten. Auch Technikgläubigkeit, Eugenik und der Reiz des Primitiven hinterließen in Utopien ihre Spuren. Selbst städtebauliche Experimente und architektonische Visionen haben einen kurzen Auftritt im Buch.
Besondere Aufmerksamkeit wird der Science-Fiction - sowohl in ihrer Ausprägung als Roman wie als Film - geschenkt: Das Spektrum der erwähnten Autoren reicht von Cyrano de Bergerac über Jules Verne bis Ursula Le Guin, jenes der Filme von den ersten Versuchen mit dem neuen Medium über Blockbuster wie Star Wars bis zu filmischen Endzeitvisionen. Im 20. Jahrhundert laufen schließlich die Dystopien den Utopien den Rang ab. Dies lässt sich nicht nur an den als Beispielen gewählten literarischen Werken von Aldous Huxley, George Orwell und Margaret Atwood ablesen, sondern auch den Hinweisen auf die Realität totalitärer Regime entnehmen.
Das Buch “Ideale Welten. Die Geschichte der Utopie” gibt sich bunt und abwechslungsreich. Dazu tragen nicht zuletzt die zahlreichen Abbildungen und in Infokästen präsentierten Mini-Biografien wichtiger Protagonisten bei. Jedoch geht die thematische Vielfalt auf Kosten der inhaltlichen Tiefe. Eine ausführlichere kritische Analyse im Rahmen der Einbettung der zeitspezifischen Utopien in den jeweiligen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Kontext, aus dem das Bedürfnis nach einer anderen Gesellschaftsordnung erst erwuchs, wäre wünschenswert gewesen. Als Einstieg in die Thematik und erster Überblick ist das kurzweilige Buch jedoch bestens geeignet.
© Ch. Ranseder
Ideale Welten: Die Geschichte der Utopie
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Montag, 16. Mai 2011

Stefanie Knorr
Süßes im Glas
Thorbecke 2011, 187 S., zahlr. Farbfotos.
ISBN 978 3 7995 0859 9
Süßes im Glas
Stefanie Knorr weiß, was wichtig ist, daher sind die Basics die Overtüre dieser süßen Oper. Vom Aprikotieren bis zur Rührmasse und von “Bl” wie Blatt und “Tl” wie Teelöffel hält sie unmissverständlich fest, was gemeint ist. Und da nicht nur das Produkt selbst wichtig ist, sondern auch das Ambiente, in dem es genossen wird, informiert sie in einem Kurzüberblick über historische bäuerliche und bürgerliche Essgewohnheiten sowie über die stilvolle Kaffeetafel.
Obwohl natürlich ein einheitlich aufgedeckter Tisch als klassisch und in der Gastronomie als üblich zu betrachten ist, unterschreibe ich persönlich nicht, dass von ihr geforderte Muss nach einheitlichem Geschirr. Selbst das den Text illustrierende Foto beweist, wie nett individuell gemischtes Geschirr - zu sehen sind zwei verschiedene Sammelgedecke, die ab den 50er-Jahren in Mode kamen - für jeden Gast sein können. Harmonisch abgestimmte Vielfalt gegen konforme Einfalt ist m. E. bei einigen Gelegenheiten die bessere Variante. Grundsätzlich gilt aber, dass jedes der Rezepte als krönender Abschluss für ein perfektes Dinner oder als denkwürdige Köstlichkeit zum Kaffeeplausch geeignet ist.
Aufgeteilt in die beiden Kapitel Desserts und Kuchen, überwiegen bei den Desserts eindeutig Zubereitungen mit Früchten, die allerdings auch bei den Kuchen nicht zu kurz kommen. Die alphabetische Reihenfolge ist praktisch. Bestechend hingegen sind die übersichtlich und wohlstrukturiert aufgebauten Rezepte, die oft von Tipps oder mit Variationsvorschlägen abgerundet werden, ohne den Kreativenfreiraum zu beschneiden. Schließlich wäre ja die Angabe jedes einzelnen Handgriffs beim Anrichten in Gläsern und Tassen der Tod der Kreativität, die letztlich einen Großteil des Dessertzaubers ausmacht. Wer es mit diesen Rezepten und fotografischen Serviervorschlägen nicht schafft ein geschichtetes Granatapfeldessert oder Espresso-Panna-Cotta zu zaubern, dem ist nicht zu helfen.
Selbst bei den Kuchen wurde auf leichte Zubereitungen gesetzt. Was exzellenten Geschmack und Konsistenz der Produkte, die alle miteinander nur edelste Zutaten enthalten, nicht mindert. Wer allerdings Nährwerttabellen etc. zum Leben braucht, sollte sowieso auf diese Desserts verzichten. Hier wird nicht zum Hinterfragen, sondern zum ultimativen Genießen aufgefordert.
Appetitlich wie die Desserts ist das praktische Buch. Das zart apricot bis rosa abgestimmte Farbkonzept unterlegt die Rezepte zurückhaltend. Die herrlichen Fotografien von Martin Schröder laden zusätzlich zum Ausprobieren ein.
© S. Strohschneider-Laue
Süßes im Glas
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Donnerstag, 12. Mai 2011

Welten in der Schachtel
Mary Bauermeister und die experimentelle Kunst der 1960er Jahre
Kerber 2010, 176 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8667 8449 9
Welten in der Schachtel: Mary Bauermeister
Im Mittelpunkt des Buches “Welten in der Schachtel. Mary Bauermeister und die experimentelle Kunst der 1960er Jahre ” stehen die sog. Linsenkästen, die eine Schlüsselstellung im Œuvre der Künstlerin einnehmen. Der Konzeptkunst zuzuordnen, ist diese Werkgruppe gekennzeichnet durch das Spiel von Transparenz und Dichte, Nahsicht und Distanzierung, räumlicher Beschränkung und Sprengung derselben durch die Einbeziehung von Betrachter, Rahmen oder angrenzender Wandfläche.
Mary Bauermeister machte sich in den 1960er Jahren die Schachtel als künstlerisches Medium zu eigen. Durch ihre unverwechselbare visuelle Sprache, die den Zeitgeist der Epoche einfängt, und eine humorvolle Absurdität setzen sich die Arbeiten Bauermeisters klar von den Werken ihrer männlichen Kollegen, die sich ebenfalls der Box bedienten, ab. Es war ein glücklicher Zufall, der die Künstlerin 1961 in einem Antiquitätengeschäft den Nachlass eines Uhren- oder Brillenmachers entdecken ließ. Inspiriert durch diesen Fund begann Mary Bauermeister Uhrgläser, Lupen und Linsen in ihre Arbeiten zu integrieren. Das Ergebnis waren geheimnisvolle, mit Tuschezeichnungen und Texten überzogene Kästen, in deren dreidimensionalem Innenraum Kugeln zu schweben schienen. Durch eine gläserne Barriere dem Zugriff der Betrachter entzogen, konnte dennoch mittels auf der Glasplatte aufliegender Linsen jedes Detail der tragbaren Installation gemustert werden.
Mit diesen sog. Linsenkästen gelang Mary Bauermeister, die 1962 nach New York ging, ausgehend von Amerika der künstlerische Durchbruch. In dem reich illustrierten Buch “Welten in der Schachtel”, das anlässlich einer gleichnamigen Ausstellung erschien, wird diese Werkgruppe erstmals umfassend präsentiert und in den Kontext der im Rahmen der Konzeptkunst der 1960er und 1970er Jahre bespielten mobilen Kleinräume gestellt.
Die Idee des Mikrokosmos in der Schachtel hat eine lange Tradition. Alexander Eiling gibt in seinem Essay “Welten in der Schachtel. Vom Reliquienkasten zur Boîte-en-Valise” einen Überblick über die mannigfaltigen Ausprägungen der Kunst im Kästchen.
Kerstin Skrobanek verfolgt in “Welten in der Schachtel. Mary Bauermeister und die experimentelle Kunst der 1960er Jahre” Genese und Entwicklung der sog. Linsenkästen und untersucht deren Stellung im Rahmen der experimentierfreudigen, konzeptorientierten Kunst dieser Zeit.
Mary Bauermeister reüssierte nicht nur als Künstlerin, sondern spielte auch als Gastgeberin für die Kölner Kunstszene eine bedeutende Rolle. Wulf Herzogenrath spürt in “Die Geburt der Kunstmetropole Köln im Atelier von Mary Bauermeister 1960″ den Performances, Ausstellungen, Konzerten und geselligen Treffen des Kreises um Mary Bauermeister und ihrem späteren Ehemann Karlheinz Stockhausen nach.
Als Ergänzung der Essays widmen sich sechs als “Boxen” betitelte Kurztexte Aspekten der künstlerischen Auseinandersetzung mit Schachteln, Kisten und Boxen aller Art, die in den 1960er Jahren eine Blütezeit erlebte. Eine ausführliche von zahlreichen Fotos begleitete Biografie Mary Bauermeisters bildet den Schlusspunkt des in deutscher und englischer Sprache verfassten Buches.
“Welten in der Schachtel. Mary Bauermeister und die experimentelle Kunst der 1960er Jahre” ist die späte Würdigung der einzigartigen Arbeiten einer eigenwilligen Künstlerin.
© Ch. Ranseder
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Tags:Biografie, CRans, Ebensolch Rez-E-zine 66/11, Katalog, Kunst
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