Archiv für die Kategorie ‘Non-Fiction’

Humanbiologie

Montag, 21. Juni 2010

Wolfgang Clauss, Cornelia Clauss 
Humanbiologie kompakt 
Spektrum 2009, 458 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 8274 1899 9

 Humanbiologie kompakt (Bachelor)

Für angehende AnthropologInnen, BiowissenschaftlerInnen und MedizinerInnen ein unentbehrliches Handbuch für den Einstieg ins Thema. Die Grundlagen werden in diesem übersichtlichen Werk, didaktisch perfekt aufbereitet, vorgelegt. Siebzehn Kapitel informieren beginnend mit der Stammesgeschichte des Menschen und Paläogenetik über den Bauplan und Funktion des Systems “Mensch” bis zur Humanökologie und -ethologie minutiös über sämtliche Aspekte - inklusive Gesundheit und Krankheit -  der Humanbiologie.

Den Kapiteln sind die jeweiligen Lernziele vorangestellt. Anschließend folgen nach dem logischen Prinzip “Vom Allgemeinen zum Besonderen” gegliedert die Details zu diesem Abschnitt. Strukturiertes und überschaubares Lernen ist für Studierende durch diesen Aufbau in jedem Fall gewährleistet. Deutliche Schwächen zeigt der in humanbiologischer Hinsicht ausgezeichnete Bandes bezüglich aktueller prähistorischer Forschung. Wesentliche Charakteristika der Epochen und ihrer Zeitstufen, die durch ihre Sachkultur ebenso gekennzeichnet sind wie durch Lebensspuren und Überreste des Menschen selbst, sind falsch oder fehlen völlig. Dadurch wird das bisher durch archäologische Methoden gewonnene Bild der Menschheitsentwicklung stark verzerrt. Ein Verzicht auf die bis zur Unkenntlichkeit umgezeichneten Werkzeuge, unter denen die Wichtigsten fehlen, wäre jedenfalls besser gewesen.

Unabhängig vom wissenschaftlichen Inhalt, muss die die herausragende grafische Gestaltung des Bandes erwähnt werden. Die zahlreichen Grafiken, Diagramme, Formeln und Tabellen sind in übersichtliche Form gebracht und ergänzen harmonisch den Fließtext. Mit nur einer Schmuckfarbe, einem kräftigen “Tintenblau” wird Wesentliches sofort optisch hervorgehoben. Blaue mit abfallend gedruckten Linien eingefasste und mit Rufzeichen versehene Einschübe, heben Definitionen, Forschungsmeinungen hervor und kennzeichnen Kernaussagen deutlich.

Fazit: Hier liegt tatsächlich kompakte Humanbiologie vor. Schon vor dem Studium sollte der Band in OberstufenschülerInnen zur Vorbereitung auf ein einschlägiges Studium in Schulbibliotheken zur Verfügung stehen.

© S. Strohschneider-Laue

Humanbiologie kompakt (Bachelor)

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Mazzesinsel Kochbuch

Montag, 21. Juni 2010

Katja Sindemann  
Mazzesinsel Kochbuch 
Kulinarische Streifzüge durch das jüdische Wien  

Metroverlag 2009, 160 S., zahlr. Farbfotos.
ISBN 978 3 9025 1789 0

 Mazzesinsel Kochbuch: Kulinarische Streifzüge durch das jüdische Wien

Die Leopoldstadt in Wien ist die Mazzesinsel. Die Insel zwischen Donau und Donaukanal, der heutige 2. Bezirk, ist seit dem frühen 17. Jahrhundert trotz Verfolgung und Terror bis in die Gegenwart mit jüdischem Leben verbunden. Das Mazzesinsel Kochbuch rund um jüdische Festtage ist mehr als nur ein geschmackiger Wienbezug. Es ist Stadtgeschichte, Lifestyle und Kulinarium zugleich.

Die jüdische Esskultur ist vielfältig und rein gefühlsmäßig scheint der Gefilte Fisch das weltweite Bindeglied zu sein. Die in Wien zubereiteten Speisen zeichnen sich durch Einflüsse aus der gesamten Donaumonarchie aus. Die jüdische Küche ist da keine Ausnahme, dennoch kommen in Wien vor allem osteuropäische Einflüsse zum Tragen. Und zugleich spiegeln die nach rituellen Speisevorschriften zubereiteten Gerichte Religion und Geschichte gleichermaßen wider. 

Ein essenzielles Merkmal ist, dass die Zutaten von der Herstellung über die Aufbewahrung bis zur Verarbeitung koscher, also den Speisevorschriften entsprechend, sein müssen. Dass es dabei oft nicht leicht nachvollziehbare Regeln gibt, hat u.a. verschiedene historische und regionale Gründe. Was für kühlschranklose vergangene Zeiten in heißen Regionen sinnvoll war, mag heute überholt anmuten. Religiöse Traditionen werden von Gläubigen selten hinterfragt, wie man ja auch an der Tatsache erkennen kann, dass Christen den Biber wegen seines schuppigen Schwanzes ohne Zögern zum fastentauglichen Fisch erklärten. Mit einem flotten Text, dessen steter Informationsfluss Gehalt mit etlichen treffenden Witzen angereichert ist, wird das komplexe “koscher” verständlich umrissen.

Im Jahreskreis der jüdischen Feiertage werden die Gerichte vorgestellt und die Parallelen zur allgemeinen Küche sind unverkennbar. Die koscheren Produkte und die koschere Zubereitungsweise sind oft der wesentliche Unterschied von wientypischen Rezepten.

Schabbat, das jüdische Jahr, Rosh Hashana, Jom Kippur, Sukkoth, Chanukka, Purim, Pessach und Schawuoth heißen die Kapitel, unter denen die Kulinaria gelistet sind. Die Kapitel leiten mit einer, oft sehr unterhaltsamen, Beschreibung des betreffenden Festes zu den passenden Speisen über. Viele der Rezepte sind auch für ungeübte KöchInnen zu meistern und nur wenige benötigen umfassende Kocherfahrung. Und im Vertrauen, wer sich nicht an die vielen fantastischen Süßspeisen heranwagt, dem ist sowieso nicht zu helfen. Benutzerfreundliche Rezeptregister, ausgewählte Adressen und Literaturhinweise schließen einen wahren Prachtband im Kochbuchformat.

Die stimmigen Fotos von Christine Wurnig und das gelungene Layout machen das inhaltliche Vergnügen des “Mazzesinsel Kochbuchs” zu einem optischen Genuss.

Gelungen und erfreut nicht nur solche, die gerne in der Küche stehen!

© S. Strohschneider-Laue

Mazzesinsel Kochbuch: Kulinarische Streifzüge durch das jüdische Wien 

siehe auch:
Wiener Wirtshauskochbuch 
Koscher & Co: Über Essen und Religion 
Am Anfang war die Ökologie. Naturverständnis im Alten Testament 
Der koschere Knigge: Trittsicher durch die deutsch-jüdischen Fettnäpfchen

Gastmahl | Ama/Koch/zon/e
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Der kleine Erotiker

Sonntag, 20. Juni 2010

Fiction

Dennis DiClaudio
Der kleine Erotiker
DVA 2010, 208 S., zahlr. Sw-Abb.
ISBN 978 3 4210 4410 5

 Der kleine Erotiker: Lexikon der unzüchtigen Vergnügungen 
 

Nach Der kleine Hypochonder folgte Der kleine Neurotiker. Mit einer Steigerung war eigentlich nicht mehr zu rechnen, bis der neue Geniestreich auch auf Deutsch vorgelegt wurde. Wer den Neurotiker und den Hypochonder gelesen hat, kommt an diesem lüsternen Brevier nicht vorbei. Die Pflichtlektüre für unbefangene SchmunzlerInnen lässt kein schrilles Verlangen aus und hat der Übersetzerin Anne Uhlmann einiges abverlangt.

Wer die ersten beiden Bände versäumt hat, sei gesagt, dass es sich auch hierbei nicht um ein medizinisches Nachlagewerk handelt, dafür wurden zu viele Fakten ausgelassen. Es ist auch keine Anleitung für Experimentierfreudige, dazu ist es ebenfalls zu unpräzise. Worin es wirklich präzise ist, ist die Absurdität der menschlichen - im größeren Ausmaß männlicher - Neigungen.

Mit den Titeln schöner Schmerz, Körperteile und ihre Funktionen, unbeseelte Gegenstände, im Land der Fantasie(n), Fauna und Flora, Kostüm und Rollenspiel unterteilt er feinsäuberlich den Lustgewinn in Kapitel. Wie oft dabei der sexuelle Mehrweit durch Ein- und - mehr oder weniger erfolgreich - Abgeführtes erreicht wird, davon können wohl nur Chirurgen berichten, die Sammlungen von allerlei kalziniertem Getier, floralen Resten oder unbeseelten Objekten wie - anscheinend aus gutem Grund torpedoförmigen - Marienstatuetten vorweisen können. Wer jemals gehört hat, dass Liebe durch den Magen geht, denkt an gutes Essen und hat nicht unbedingt mit Hüttenkäse gefüllte Badewannen im Sinn. Ja so sind manche Sinnsprüche von mehr Doppelbödigkeit als man annehmen möchte. Sollten Sie jemals den Spruch “wie die Nase des Mannes, so sein Johannes” gehört haben, sind sie eindeutig noch nie einer Nasophilien begegnet. Ihr ist nämlich der Johannes mit seinem Johannes völlig gleichgültig, wenn sie nur sein unwiderstehliches Riechorgan ohne den restlichen Johannes behalten könnte. Was den nasophilen ihn hingegen beflügelt, lesen Sie lieber selbst nach.

DiClaudio behauptet, dass er bestimmte Details ausgelassen habe, wenn man allerdings jene liest, die er zu publizieren willens war, verzichtet man gerne auf den Rest, aber nicht auf “Der kleine Erotiker”.  Dass er in vielen Belangen recht hat, bestätigt folgendes Zitat: “Jahrzehnte hindurch, in denen Fetischisten gezwungen waren, ihre Lebensweise geheim zu halten, galten Leder und Latexbekleidung als Marken- und Erkennungszeichen des Bondage. Heute gehen Zehn- bis Zwölfjährige so in die Schule. Die Zeit hat schon einen schrägen Sinn für Humor.” Und so beweist auch Dennis DiClaudio mit seinen Büchern immer wieder seinen schrägen Sinn für Humor, den seine Fans lieben!

© S. Strohschneider-Laue

Der kleine Erotiker: Lexikon der unzüchtigen Vergnügungen 

siehe auch:
Der kleine Neurotiker 
Der kleine Hypochonder

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Blattgold

Montag, 07. Juni 2010

Karin Havlicek
Vergolden mit Blattgold
Schritt für Schritt

DVA 2010, 192 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 4210 3713 8

 Vergolden mit Blattgold: Schritt für Schritt

Gold. Das Wort allein ist eine Verheißung. Die Symbolkraft des wertvollen Edelmetalls ist legendär. Seine Materialeigenschaften sind kaum zu übertreffen. Zu Blattgold geschlagen, lassen sich mit den hauchdünnen Blättchen Oberflächen so perfekt veredeln, dass die Objekte wirken als bestünden sie aus massivem Gold. Unzählige Bilder- und Spiegelrahmen, Wandvertäfelungen und Statuen verlangten in längst vergangenen Jahrhunderten nach der kundigen Hand des Vergolders. Wie geschäftig es in deren Werkstätten zugegangen sein muss, lässt ein Stich in der von Denis Diderot ab 1751 zusammengestellten “Encyclopédie, ou Dictionaire raisonné des sciences, des arts et des métiers” erahnen. Heute ist es um das traditionsreiche Handwerk stiller geworden. Der Beruf des Vergolders scheint langsam in Vergessenheit zu geraten - ein Schicksal, das er mit anderen Handwerken, die auf Qualität statt Massenfertigung setzen, teilt. Doch solange es MeisterInnen gibt, die bereit sind ihr Wissen nicht nur an Auszubildende, sondern auch an interessierte Laien weiterzugeben, werden die alten Techniken nicht verloren gehen. Karin Havlicek ist eine von ihnen. In ihrem herrlich informativen Buch “Vergolden mit Blattgold” bietet die Schreinerin und Vergoldermeisterin eine umfassende Einführung in die Techniken des Vergoldens.

Der Aufbau des Buches ist übersichtlich und logisch. Ausgehend von der Materialkunde werden zunächst Blattmetalle und Vergoldungsarten vorgestellt. Der Hinweis auf die Bedeutung der richtigen Beschaffenheit und Sauberkeit von Arbeitsplatz und Werkzeugen für das Gelingen einer perfekten Vergoldung dient als Überleitung zur Vorbereitung des Untergrundes, die besonders sorgfältig erfolgen muss. Im Anschluss daran folgen die Kapitel zu den unterschiedlichen Vergoldungsarten. Der Bogen spannt sich dabei von der Polimentvergoldung über Mixtionvergoldungen/Anlegevergoldungen, Vergoldung mit dem Kölner Instacoll-System bis zu Hinterglasvergoldungen und Mordentvergoldungen.

Karin Havlicek führt mit ihrem präzise formulierten, leicht verständlichen und mit nützlichen Tipps gespickten Text Schritt für Schritt durch den jeweils erforderlichen Arbeitsvorgang. Hervorragende Fotos begleiten die verbalen Erklärungen und machen es möglich, die einzelnen Arbeitsschritte sowie die Handhabung der Werkzeuge auch optisch nachzuvollziehen. Benötigte Materialien und Arbeitsgeräte sowie die Abfolge der Arbeitsschritte in Kurzform werden als Listen präsentiert. Sogar Rezepte verrät die Autorin.

Der Verwendung von Blattgold für die Veredelung von Büchern (Goldschnitt) und anderen mit Leder bezogenen Werkstücken (Vergoldung von Lederprägungen) ist ein eigener Abschnitt am Ende des Buches gewidmet. Zu guter Letzt wird es kulinarisch, denn Blattgold kann auch zur Verzierung von süßen Leckereien verwendet werden. “Vergolden mit Blattgold” ist ein Buch mit hohem Informationsgehalt, das als Anleitung und Nachschlagwerk unverzichtbar ist. Karin Havlicek gelingt es, mit den Grundlagen auch die vom Vergolderhandwerk ausgehende Faszination zu vermitteln. Obwohl sie vor Augen führt, wie arbeitsauswendig eine Vergoldung ist, wie viel Übung und Sachkenntnis zu ihrer Ausführung benötigt wird, bleibt der Tonfall des Textes ermutigend. Unterstützt von der attraktiven Gestaltung - für die unter anderem stimmungsvolle Nahaufnahmen von Blattgold zum Einsatz kommen - weckt das Buch

“Vergolden mit Blattgold” die Lust zumindest einige der vorgestellten Techniken selbst auszuprobieren.

© Ch. Ranseder

Vergolden mit Blattgold: Schritt für Schritt

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Aktuelle Ausstellungskataloge

Landschaftsarchitektur visualisieren

Montag, 07. Juni 2010

Elke Mertens
Landschaftsarchitektur visualisieren
Funktionen, Konzepte, Strategien
Birkhäuser 2010, 192 S., zahlr. Farbabb., 1 DVD
ISBN 978 3 7643 8788 4

 Landschaftsarchitektur visualisieren: Funktionen, Konzepte, Strategien

In der Welt des Designs ist es üblich, mit Bildern und Modellen zu kommunizieren. Auch Landschaftsarchitekten vermitteln ihre Ideen und Gestaltungsvorschläge für Freiräume mit Hilfe von Visualisierungen aller Art, deren Anfertigung ein integraler Bestandteil des Arbeitsprozesses ist. Die Wahl der Ausdrucksmittel und -modi richtet sich dabei nach der Planungsaufgabe und der Zielgruppe, mit der es gilt in Dialog zu treten. Im Lauf der Auseinandersetzung mit einem Projekt entstehen zahlreiche bildliche Darstellungen, die nicht für die Augen der Auftraggeber bestimmt sind, sondern nur der bürointernen Kommunikation im Rahmen der Ideenfindung sowie der Optimierung von Entwürfen dienen. Sie sind im allgemeinen von einer größeren Spontanität und Unmittelbarkeit geprägt als die ausgefeilten Reinzeichnungen, welche für die Weitergabe an Externe angefertigt werden.

In dem Buch “Landschaftsarchitektur visualisieren” sind alle Typen der visuellen Kommunikation planerischer Inhalte, die im Rahmen der Freiraumgestaltung zum Einsatz kommen können, vertreten. Das Spektrum reicht vom Scribble bis zum Film, vom nüchternen Bestandsplan bis zur Collage, die emotional ansprechen soll. Obwohl auch flüchtige Handskizzen Aufnahme in den Reigen der Abbildungen gefunden haben, wurde bei der Auswahl des reichhaltigen Bildmaterials der Schwerpunkt auf Darstellungen, die einen hohen Grad der optischen Perfektionierung aufweisen, gelegt.

Das grafisch übersichtlich gestaltete Buch ist in drei farbcodierte Teile gegliedert, denen einführende Worte zu Ideen- und Gestaltfindung sowie einige Beispiele historischer Darstellungsweisen vorangestellt sind.

Teil 1 - Funktionen - befasst sich mit der Darstellung von Fläche, Raum und Zeit. Zweidimensionale Ansichten, also Grundrisse und Schnitte, sind die Grundlage der visuellen Kommunikation in der Landschaftsarchitektur. Auf sie beruhen die zur Analyse eines Areals unabdingbaren Bestandspläne ebenso wie Vorentwurfs- und Entwurfspläne, Struktur- und Flächennutzungspläne, Pflanzpläne sowie Geländequerschnitte mit Terrain- und Vegetationshöhen. Dreidimensionale Darstellungsmodi umfassen Perspektiven, Axonometrien und Modelle. Mit ihrer Hilfe können Raumeindrücke wiedergegeben werden. Ansichten aus der Vogelschau erleichtern sowohl die Vorstellung des Zusammenspiels von Gelände, Entwurfsstruktur und Vegetation, als auch der Eingliederung einer Neuplanung in den bestehendem städtischen oder ländlichen Kontext. Durch die Wahl eines ungefähr der Augenhöhe späterer Nutzer entsprechenden Blickwinkels kann das intendierte Raumerlebnis angedeutet werden. In ihrer Extremform wird die dreidimensionale Darstellung - künstlerisch aufgewertet durch gewagte Perspektiven oder mit positiv besetzten Elementen (wie Schmetterlingen, Vögeln, bunten Blüten etc.) versehen - zum reinen Stimmungsträger. Der Faktor Zeit schließlich spielt vor allem für Beleuchtungskonzepte und die Zusammensetzung der Bepflanzung eine Rolle. Zuweilen ist die Einbeziehung der besonderen Geschichte eines Ortes opportun oder wird vom Auftraggeber explizit gewünscht.

Teil 2 - Konzepte - legt anhand von Fallbeispielen dar, wie Visualisierungen im tatsächlichen Planungsprozess und im Rahmen von Wettbewerben zum Einsatz kommen. Erst die überzeugende Komposition individueller Pläne und Zeichnungen, deren aussagekräftiges Ineinandergreifen in Bildfolgen, ermöglicht die erfolgreiche ganzheitliche Vermittlung einer komplexen Planung.

Teil 3 - Strategien - setzt sich mit der Herausforderung großräumiger Planungen im gesellschafts- und umweltpolitischen Kontext auseinander. Das Wachstum der Städte, die Zersiedlung der Landschaft und der Klimawandel wird in der nicht allzu fernen Zukunft auch die Fähigkeiten der Landschaftsarchitekten auf die Probe stellen.

“Landschaftsarchitektur visualisieren” gibt einen Querschnitt durch die Bandbreite der Kommunikationsmittel und Stile, derer sich Landschaftsarchitekten für die Präsentation vielschichtiger Inhalte bedienen. Unabhängig davon, ob sie lieber mit dem Bleistift oder mit dem Computer zeichnen, ist ihre Bildsprache international. Das belegt die Auswahl der Beispiele aus der Praxis von Büros aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Dänemark, der Schweiz, den Niederlanden, Israel, Kanada, den USA, Kolumbien, Japan, China und Australien. Es ist nicht zu leugnen, dass sich unsere Sehgewohnheiten durch den zur Selbstverständlichkeit gewordenen Einsatz von Computern und die globale Ausweitung der Märkte verändert und vereinheitlicht hat. Die Freiheit als Landschaftsarchitekt eine individuelle Handschrift des grafischen Ausdrucks zu entwickeln, ist dennoch beträchtlich. Schließlich geht es in der Berufspraxis auch um die Entfaltung von Überzeugungskraft. Ansprechende Präsentationsunterlagen mit ästhetischem Mehrwert helfen, Entscheidungsträger und Geldgeber, Wettbewerbsjuroren und befragte künftige Nutzer für sich und ein Projekt zu gewinnen. Durch seinen weit gefassten Überblick der heutigen Darstellungsmöglichkeiten ist das Buch eine hervorragende Inspirationsquelle für die Erarbeitung eines eigenen Stils. Welche technischen Daten (z. B. Bemaßung, Nivellements, Maßstab, Nordpfeil) auf Plänen für ein tiefgreifenderes Verständnis jenseits des visuellen Oberflächenreizes hilfreich sind, wie sich Legenden sinnvoll zusammensetzen oder wie die Positionen von Schnitten auf Grundrissen markiert werden können, sodass der Zusammenhang auch Laien auf den ersten Blick klar wird, erschließt sich durch das Betrachten und den Vergleich des Anschauungsmaterials. Leider sind durch die beträchtliche Größenreduktion der Bilder deren Originalbeschriftungen fallweise so klein geraten, dass der Griff zur Lupe fast unausweichlich ist. Mit der Vorstellung der Darstellungsformen und -techniken nimmt bei der Lektüre von “Landschaftsarchitektur visualisieren” auch der berufliche Alltag von Landschaftsarchitekten schemenhaft Gestalt an.

“Landschaftsarchitektur visualisieren” ist ein fachlich fundiertes Buch, dessen unbeschwerter Text und grosses Spektrum sorgfältig kommentierter visueller Erscheinungsbilder zahlreichen Studienanfängern die Tore zur Erkenntnis öffnen werden.

© Ch. Ranseder

Landschaftsarchitektur visualisieren: Funktionen, Konzepte, Strategien

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Aktuelle Ausstellungskataloge

Giftmord

Mittwoch, 12. Mai 2010

Helga Schimmer  
Giftmord 
Gerichtschemiker in ihrem Element  

Kremayr&Scheriau 2009, 192 S., Sw.-Abb.
ISBN 978 3 2180 0801 3

 Giftmord: Gerichtschemiker in ihrem Element

Wie die Gerichtsmedizin zur heutigen Wissenschaft wurde, bietet die Grundlage zu den nachfolgenden spektakulären, unheimlichen und nahezu perfekten Todesfällen durch Gift.  Säuberlich in giftige Elemente und anorganische Verbindungen sowie toxische organische Verbindungen getrennt, legt Helga Schimmer die passenden Verbrechen zu den entsprechenden Substanzen vor.  In flotter journalistischer Manier wird erzählt, wie forensischen Toxikologen die jeweiligen Fälle nachweisen konnten. 

Über die Wirkung und den Erfolg von Gift war man vermutlich schon in Urzeiten, aber ganz sicher ab der Antike bestens informiert. Den Nachweis des freiwilligen oder meist eher unfreiwilligen Giftkonsums zu erbringen, war - und ist es teilweise heut noch jedenfalls - nicht so einfach. Mal ganz abgesehen davon, dass bekanntlich “die Dosis das Gift macht”, kann in kleinen Mengen durchaus Verträgliches - wie z. B. Alkohol - in großen Mengen konsumiert zum Tode führen. Die minutiöse wissenschaftliche Spurensuche und ihre Beweise konnten sich vor Gericht außerdem nicht seit jeher behaupten. Auch James Marsh musste 1836 erst einen besseren Arsennachweis als den des Homöopathen Samuel Hahnemann entwickeln - die sog. Marshsche Probe -, um seine wissenschaftliche Glaubwürdigkeit vor Gericht durchsetzen zu können. Wegen der guten Nachweisbarkeit ist Arsen bei Giftmischern aus der Mode gekommen - zumindest solange bis die Gerichtsmedizin begann Arsentests zu vernachlässigen.

Egal ob Arsen, Thallium, Selen, Blausäure dem Essen, Getränken oder Medikamenten beigemischt werden oder ein bisschen Knollenblätterpilzgift heimtückisch unter die Haut gespritzt wird, das Ergebnis ist in jeden Fall verheerend. So locker und flockig auch die Schreibe sein mag, die Autorin weiß, worüber sie berichtet. Helga Schimmer nicht nur Chemikerin, sondern auch bestens mit Giftstoffen und ihren Wirkungen in realen Vergiftungsfällen vertraut. Ihr Buch ist eine fesselnde Lektüre für KrimispezialistInnen, schließlich wollen AutorInnen und LeserInnen wissen, welche Mittelchen probate Opferproduzenten sind. Und wer dann noch nicht genug von Gift hat, wird unter der weiterführenden Literatur sicher fündig werden.

© S. Strohschneider-Laue

Giftmord: Gerichtschemiker in ihrem Element

Siehe auch:
Kriminologie: Eine praxisorientierte Einführung mit Beispielen
Mordmethoden: Ermittlungen der bekanntesten Kriminalbiologen der Welt
CSI-Forensik für Dummies
Von Arsen bis Zielfahndung: Das aktuelle Handbuch für Krimiautorinnen und Neugierige

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Die Eiszeit

Mittwoch, 12. Mai 2010

Brian M. Fagan (Hg.) 
Die Eiszeit 
Leben und Überleben im letzten großen Klimawandel 

Theiss 2009, 240 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8062 2287 6

 Die Eiszeit: Leben und Überleben im letzten großen Klimawandel

Eiszeiten sind ein wiederkehrendes Klimaphänomen. Der Wechsel zwischen kalt-trockenen und warm-feuchten Perioden zeichnet den Verlauf von Eiszeiten aus. Die Veränderungen des Lebensraum beeinflusste die Entwicklungsgeschichte des Menschen wesentlich. Die letzten zwei Millionen Jahre klimatischen Unbill waren zu bewältigen, ob das bei der derzeitigen Rasanz des Klimawandels auch so sein wird, wird in diesem Band ebenfalls hinterfragt.

Der Anthropologe Brian M. Fagan, der Geograf Mark Maslin, der Spezialist für das Leben in arktischen und alpinen Umweltbedingungen John F. Hoffecker sowie die Archäologin und Paläontologin Hannah O’Regan unterziehen die “Eiszeit” einer genauen Analyse. In acht Kapitel, fantastischen Fotos und gut fassbaren Grafiken führen sie in die Eiszeitforschung und die damit verbundene Problematik ein. Der Bogen spannt sich von der Entdeckung und Erforschung der Eiszeit über die die Tierwelt und die Menschheitsgeschichte bis hin zu einem Ausblick in die klimatische Zukunft.

Die eindeutige Stärke des Buches liegt in der klaren Sprache und der damit verbunden leichten Fassbarkeit des anspruchsvollen Inhalts. Die gute Struktur sowie die überwältigende Fülle von exzellenten Fotos und Grafiken machen das Buch zu einem ansprechenden Reiseführer in die klimatische Situation der letzten zwei Millionen Jahre.

Die ausschließlich englische Literaturliste bietet Möglichkeiten sich vertiefend mit der Materie zu befassen. In Anbetracht, dass hauptsächlich interessierte Laien Zielpublikum des Bandes sind, wäre eine Ergänzung aktueller deutschsprachiger Literatur - auch aus dem Programm des Theiss Verlags - wünschenswert und auch möglich gewesen. Das benutzerfreundliche Register beschließt den empfehlenswerten Band.

© S. Strohschneider-Laue

Die Eiszeit: Leben und Überleben im letzten großen Klimawandel 

siehe auch:
Wetter, Klima, Menschheitsentwicklung: Von der Eiszeit bis ins 21. Jahrhundert 
Klimatologie: Klimaforschung im 21. Jahrhundert - Herausforderung für Natur- und Sozialwissenschaften 
Antarktis: Forschung im ewigen Eis 
Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa. Sonderausgabe: Von der Eiszeit bis zur Gegenwart Kulturgeschichte des Klimas: Von der Eiszeit zur globalen Erwärmung
Die Neandertaler: Auf dem Weg zum modernen Menschen 
Mammut, Mensch & Co.: Steinzeit in der Eiszeit

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Mittelalter: Interkultureller Dialog in alten Schriften

Freitag, 07. Mai 2010

Andreas Fingrnagel (Hg.) 
Juden, Christen und Muslime 
Interkultureller Dialog in alten Schriften 

Kremayr & Scheriau 2010, 256 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 2180 0809 9 

Juden, Christen und Muslime: Interkultureller Dialog in alten Schriften

Der interkulturelle Dialog sollte sich ein Beispiel an dieser Publikation nehmen: strukturiert, sachlich, verständlich und weltoffen. Der Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek bietet einen erfrischend modernen Rahmen für die Jahrhunderte gekommenen Kostbarkeiten.

Vier große Schriftkulturen - griechisch, lateinisch, arabisch und hebräisch - dominierten das mittelalterliche Europa. Der wissenschaftliche Austausch basierte daher einst wie heute auf Fremdsprachenkenntnisse und Übersetzungen. Dazu kommt, dass Wissenschafter bis heute geniale Überleser des politischen und religiösen Kotau sind. Jene Unterwerfung, die bis heute in Geleit- und Vorworten oder politisch korrekten Formulierungen seinen Ausdruck findet. Damit war der Mindesttribut an die staatliche und kirchliche Förderung und Anerkennung abgeleistet. Übersetzungen sparen ggf. solche Formulierungen aus oder passen sie an den entsprechenden kulturellen Kontext an. Wissenschafter legen eben mehr Wert auf den Inhalt.

Die gleiche wissenschaftliche Sorgfalt zeichnen Struktur und Inhalt der Beiträge diese Katalogs aus. Andreas Fingernagel, Ernst Gamillscheg, Christian Gastgeber, Solveigh Rumpf-Dorner und Friedrich Simader nehmen sich den Grundlagen sowie des interkulturellen Dialogs in Medizin, Astronomie und Astrologie an.

Grundlagen für das Verständnis der schriftlichen Kommunikation bietet das lapidar bezeichnete Kapitel “Einleitung”, das wesentlich mehr bietet als man es bei thematischen Einleitung gewohnt ist. Hier werden die griechischen, arabischen, hebräischen und abendländischen Handschriften nicht nur hinsichtlich der jeweiligen Sprache, sondern auch in Bezug auf die Produktionstechniken minutiösen und überaus spannenden Betrachtungen unterzogen. Rolle oder Codex, Papyrus oder Pergament, Majuskel oder Minuskel waren die Entscheidungen, die sich kaum vom heutigen Herstellungsprozess unterscheiden. Die Alternativen ob und wie illustriert wird oder nicht, waren stets mehr als nur die Entscheidungen über schön und praktisch. Zuletzt musste noch über einen passenden mehr oder minder schönen aber jedenfalls strapazfähigen Einband entschieden werden. Das gesamte Layout der Produkte spiegelt durch diese Entscheidungen den jeweiligen kulturellen Kontext sowie die Ansprüche des Zielpublikums wider. Viel verändert hat sich an diesen Faktoren wenig. Seit Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern sind Schriften zu Massenmedien geworden, die den Zauber individuell gestaltete Werke im Laufe der Jahrhunderte mehr und mehr eingebüßt haben. Trotzdem muss und soll an dieser Stelle - auch weil es viel zu selten erwähnt wird - eine Lanze für den modernen Herstellungsprozess gebrochen werden. Ein ansprechendes Layout ist fast ebenso wichtig wie ein exzellenter Inhalt. Gestaltung ist deshalb nur “fast” so wichtig, weil die Zielgruppe “Wissenschaftler” weniger  design- und qualitätskritisch und ggf. weniger am unwissenschaftlichen Puls der Zeit interessiert ist. Erfreulich - aber auch logisch -, dass in der Nationalbibliothek hohe Produktqualität nicht nur den Inhalt betrifft. Das perfekte grafische Konzept von “Juden Christen und Muslime” ist Ekke Wolf zu verdanken, der auch Geografische Kostbarkeiten gestaltete. Die an sich schon übersichtliche Textstruktur wird durch das stimmige Layout hervorragend unterstützt. In Kombination mit den ausgezeichneten Abbildungen in hochwertiger Qualität ist es ein bibliophiler Genuss auch unabhängig vom Inhalt in dem Band zu blättern. Bücher sind schließlich mehr als abrufbarer Content.

Den Auftakt des zweiteiligen Wissenschafts- und Publikationsvergleichs macht die Medizin. Medizin im Mittelalter ist ohne Hippokrates und Galen undenkbar. Die Bestseller unter den medizinischen Schriften wurden in alle Sprachen übersetzt und von dort weiter- und wieder rückübersetzt. Von den Veränderungen und Erweiterungen aber auch Übersetzungsverlusten die diesen Prozess begleiteten ganz zu schweigen. Frei nach dem Motto: “Wer nur einen Autor abschreibt ist ein Plagiator, wer viele zitiert ist Wissenschafter”, entstanden zahlreiche aufeinander aufbauende oder spezialisierte medizinische Werke, die sich auch mit Themen wie Schlangenbissen oder chirurgischen Instrumenten befassten. Von den antiken Originalquellen sind nur wenige erhalten. Der spätantike “Wiener Dioskurides” (vor 512), ein pharmakologischer-zoologischer Sammelband, ist so ein faszinierendes Beispiel. Er war Vorlage für zahlreiche ähnlich angelegte Herbarien.

Der Vergleich der Schriften vor dem historischen Hintergrund lässt einen regen wissenschaftlichen Informationsaustausch erkennen, der umso deutlicher bei der Astronomie in Erscheinung tritt. Die wissenschaftliche Entwicklung vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild zeigt wie wichtig für erfolgreiche Foschung internationale Kooperationen sind. Kooperationen, die am Übergang zur Neuzeit die Leistungen von Kopernikus und Keppler erst möglich gemacht haben. Obwohl daran deutlich zu erkennen ist, wie schwierig das wissenschaftliche Streben nach Erkenntnis mit religiöse Positionen - und somit staatspolitischen Interessen - zu vereinbaren ist. Wer weiß wie das spannungsgeladene Verhältnis zwischen Astronomie und Religion ausgegangen wäre, wenn nicht die Berechnungen des Osterfestes, Gebetszeiten- und -richtungen sowie Fastenzeiten wichtig gewesen wären. Erstaunliche Werke entstanden daher zu Astronomie und Astrologie. Manche davon waren neben ihren exakten Berechnungstabellen zusätzlich kleine technische Wunderwerke, die didaktische Modelle für Astrolabien mit beweglichen Teilen boten.

Ganz unabhängig vom Ausstellungsbesuch ist dieser Katalog eine Pflichtlektüre. Die leicht fassbaren Texte und exzellenten Abbildungen sind mehr als ein historischer Überblick zu wissenschaftlichen Publikationen des Mittelalters. Sie sind ein Plädoyer für den interkulturellen Dialog, der keinesfalls durch Vorurteile, Intoleranz und vor allem durch Gewinnsucht religiöser und politischer Demagogen, die die Dummheit ungebildeter Massen für ihre Zwecke nutzen, ausgebremst werden darf.

© S. Strohschneider-Laue

Juden, Christen und Muslime: Interkultureller Dialog in alten Schriften

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Ötzi, die Räter und die Römer

Dienstag, 04. Mai 2010

Non-Fiction

Luisi Righi, Stefan Wallisch
Ötzi, die Räter und die Römer
Folio 2009, 175 S., zahlr. Farbfotos und Karten
ISBN 978 3 85265 486 9

 Ötzi, die Räter und die Römer

Wandern ist kurzweilig und lehrreich, wenn es mehr als nur Bewegung im Freien ist. Die vorliegenden archäologischen Ausflüge Südtirols lohnen sich daher sowohl für Bewegungsfreudige wie Bildungshungrige. Südtirol hat in jeder Hinsicht viel zu bieten. Es ist landschaftlich reizvoll, klimatisch überraschend vielfältig und bietet archäologisch ab der Steinzeit ein breites Spektrum an Sehenswürdigkeiten.

Das Autorenteam dieses Bandes schlägt 46 archäologische Wanderungen in Südtirol - mit dem Herzstück des Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen - vor, die es sprichwörtlich “in sich” haben. Zehn Schwerpunkte gliedern die Wanderungen, die auch einen Abstecher nach Osttirol inkludieren. Den Auftakt machen Exkursionen zum Archäologie Museum in Bozen sowie zum berühmten Südtiroler “Ötzi” und in seinen Lebensraum.  Jagd, Wohnen, Handwerk und Waffen, Götter, Steine, Räter, Römer, Antike Straßen und Begegnungen, die Archäologie und Mysterium verbinden, sind die nachfolgend aufgegriffen Themenbereiche.

Der praktische und strapazfähige Begleiter, passt in jedes Wandergepäck. Die gut struktuierten Überblicksinformationen kombiniert mit praktischen Tipps, guten Fotos, übersichtlichen Wegbeschreibungen und kleinen Karten bieten eine solide Basis und machen Lust auf mehr. Die gewünschte “Mehrinfo” bieten die Museen, die in den Wanderrouten eingebunden sind. Streckenangaben, Rastmöglichkeiten und andere wichitige Informationen werden unter “kurz & bündig” zu jedem Routenvorschlag benutzerfreundlich am Ende zusammengefasst. In den ausklappbaren Umschlagseiten verbergen sich Pläne und die numerisch kartierten Sehenswürdigkeiten. Literaturhinweise runden den kompakten Reiseführer zur Archäologie in Südtirol ab.

© S. Strohschneider-Laue

Ötzi, die Räter und die Römer

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Silhouettenwechsel

Dienstag, 04. Mai 2010

Isabella Belting
Mode sprengt Mieder
Silhouettenwechsel

Hirmer 2010, 144 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 7774 2491 0 

Mode sprengt Mieder: Silhouttenwechsel

Das männliche Begehren bestimmt das Erscheinungsbild und die Chancen von Frauen. Deren Komplizenschaft ist den Männern sicher. Seit Jahrhunderten wird die Form des weiblichen Körpers gnadenlos manipuliert, um dem gerade herrschenden Schönheitsideal zu entsprechen.

In der Vergangenheit wurden Frauenleiber hemmungslos eingeschnürt, aufgepolstert und in Drahtkäfige gesteckt. Die Phasen der Befreiung von Korsett und Reifrock waren kurz und umstritten. Erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts wurde das Mieder zum optionalen Extra. Das Buch “Mode sprengt Mieder. Silhouettenwechsel” folgt dem Schrumpfen und Expandieren der Konturen von Busen, Taille und Po. Ausgangsbasis für die Zeitreise durch die Geschichte der formenden Unterwäsche sind Kleider aus den Sammlungen des Münchner Stadtmuseums. Illustrationen aus Modejournalen und medizinischen Abhandlungen, Karikaturen, Anzeigen und Modefotos dienen als Beispiele für die Vermarktung der vorgestellten Modetrends und ihrer Rezeption in der Öffentlichkeit.

Die Entwicklung der Damenmode vom 18. bis zum 20. Jahrhundert wird in Form einer Erzählung präsentiert. Durch diesen ebenso originellen wie gewöhnungsbedürftigen Zugang ist es Isabella Belting möglich, kostüm- und sozialgeschichtliches Wissen spielerisch zu verweben. Die, bedauerlicherweise stereotype Geschlechterrollen tradierende, Rahmenhandlung ist schnell wiedergegeben. Ein - natürlich - männlicher Professor schickt eine zwar fachlich versierte, aber naive und fügsame Studentin mittels einer als Korsett getarnten Zeitmaschine in die Vergangenheit, um Daten für sein Forschungsprojekt zu sammeln. Samanta, so heißt das Versuchskaninchen, darf am eigenen Leib erfahren, wie sich die Mode der Epochen, die sie als Zeitreisende besucht, trägt.

Als Dienstmädchen muss sie im Jahr 1780 mitansehen, wie bereits kleine Mädchen brutal geschnürt werden, damit sie später am Heiratsmarkt Erfolg haben. Tiefer Ausschnitt, schlanke Taille und mit Drahtgestellen oder Polsterungen verbreiterte Hüften gelten als erotisch. Wenige Jahrzehnte später darf Samanta ohne Korsett als Bürgerstochter im hauchdünnen Chemisenkleid frieren. Besonders Mutige lassen sogar die Unterwäsche weg und zeigen, im neuen Körpergefühl schwelgend, alles. Die Freiheit währt nicht lange. Ab 1815 wird wieder geschnürt, dass das Fischbein kracht und den Frauen die Luft wegbleibt. In die Jahre um 1900 versetzt, sammelt Samanta Erfahrungen mit einem s-förmig geschwungenem Korsett der Sans-ventre-Linie und den billigen Mieder einer Dienstbotin. Zu dieser Zeit sind die durch das Schnüren verursachten gesundheitlichen Schäden bereits gut dokumentiert. Dennoch findet das lose Reformkleid bei den Frauen, die noch immer darauf angewiesen sind eine gute Partie zu machen, wenig Anklang - es ist einfach nicht sexy. Erst in den Zwanzigerjahren gewinnen die Frauen an Unabhängigkeit. Ihre neue Stellung in der Gesellschaft spiegelt sich in der modernen Silhouette der Kleidung, die ohne Korsett auskommt. Doch diese Epoche überspringt Samanta, um sich an den femininen Kleidchen und der zugehörenden modellierenden Unterwäsche der 50er Jahre zu erfreuen. Erst bei ihrem letzten Zeitsprung in die 60er-Jahre verabschiedet sie sich endgültig vom Schnürmieder. Im letzten Kapitel kehrt Samanta wieder in die Gegenwart und deren modische Vielfalt zurück. Das Schlusswort hat - wie könnte es anderes sein - der Professor.

“Mode sprengt Mieder. Silhouettenwechsel” bietet einen launig geschriebenen Überblick über das Wechselspiel der historischen Modetrends. Die Erzählform eignet sich bestens dazu auch die Leiden jener, deren Körper nicht mit dem modischen Ideal harmoniert, zu schildern. Letztendlich ist es ein Buch, das nachdenklich machen sollte. Des Zwangs zum Korsett hat sich Frau entledigt. Werden ihn Diät und Schönheitsoperation ersetzen?

© Ch. Ranseder

Mode sprengt Mieder: Silhouttenwechsel

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Rahmenkunst

Dienstag, 04. Mai 2010

Bayerische Staatsgemäldesammlungen München (Hg.)
Rahmenkunst
Auf Spurensuche in der Alten Pinakothek

Hatje Cantz 2010, 264 S., zahlre. Farbabb.
ISBN 978 3 7757 2606 1

Rahmenkunst: Auf Spurensuche in der Alten Pinakothek

Was wäre ein Gemälde ohne einem passenden Rahmen! Er gibt der Leinwand Halt, definiert die Grenze des Dargestellten und erleichtert die Integration des Bildes in ein übergreifendes Raumkonzept. Meist nicht minder kunstvoll gefertigt als das Werk, das er schützend umschließt, sollte er dieses dennoch nicht überstrahlen.

Wie vielfältig die Designaufgabe, einen Bilderrahmen zu entwerfen, gelöst werden kann, zeigen 91 erlesene Exemplare, die für das schmucke Buch “Rahmenkunst” aus dem Bestand der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen ausgewählt wurden. Vom schlichten schwarz-goldenen Leistenrahmen bis zum nahezu vollplastisch geschnitzten und üppig vergoldeten Prunkrahmen reicht deren stilistisches Spektrum.

Fünf reich illustrierte Essays werfen Licht auf die Herstellung von Bilderrahmen und die Einrichtung von Galerien im 18. Jahrhundert, das Wechselspiel zwischen der Art der Hängung und der für passend erachteten Rahmenleisten sowie die Geschichte der Rahmensammlung der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Besonderes Augenmerk wird auf die Ausstattung der Residenz Würzburg mit Gemälderahmen gelegt.

Eine Abbildung im Textteil des Buches, die vier Hofdamenporträts von Hans Schöpfer d. J. zeigt, erweist sich als besonders aufschlussreich. Jedes der Frauenbildnisse aus dem 16. Jahrhundert ist anders gerahmt. Die Variationen reichen von der schlichten grauen Leiste des Originalrahmens bis zu einer Neurahmung im Stil des Rokoko. Die Gegenüberstellung zeigt einerseits deutlich, wie subtil eine Rahmung die Wirkung eines Gemäldes beeinflusst. Andererseits ist sie auch ein Hinweis darauf, dass Bild und Rahmen von ihren Besitzern nur selten als untrennbare Einheit gesehen wurden. Mit jedem Rahmenwechsel erhielten die Gemälde einer Sammlung ein neues, dem Geschmack der Zeit entsprechendes Kleid, um mit der Innenraumgestaltung zu harmonieren.

An der Herstellung eines Rahmens waren zahlreiche Handwerker beteiligt, darunter Kistler, Bildhauer und Vergolder. Nicht nur Holz wurde verarbeitet und mit Blattgold oder -silber veredelt. Unter den Bilderrahmen, die in dem Buch “Rahmenkunst” bestaunt werden können, sind auch jeweils ein Exemplar mit einer aufgelegten Platte aus Jaspachat, mit Strohintarsien und mit einem Muschel- und Ledermosaik zu finden.

Im großzügig gestalteten Katalog wird jeder Rahmen seitenfüllend abgebildet. Einer detaillierten Beschreibung können Informationen zu Besonderheiten, Herstellung, Provenienzgeschichte und zugehörigem Gemälde entnommen werden. In einigen Fällen wird auch die Rahmenrückseite wiedergegeben, um eine Schlagmarke, Aufkleber oder Beschriftungen zu zeigen.

Am Beginn des chronologisch geordneten ersten Katalogteils, der einen Überblick über die Rahmenkunst gewährt, steht ein um 1560 geschaffener runder Kapselrahmen. Den zeitlichen Abschluss des Streifzugs durch die Rahmenkunst macht ein um 1830 datierender Empirerahmen.

Viele der im Buch vorgestellten Galerie- und Kabinettrahmen entstanden im Zusammenhang mit Raumausstattungen bayerischer Schlösser, Residenzen und fürstlicher Gemäldegalerien. Im zweiten Teil des Katalogs sind die Rahmen daher nach den Orten, für die sie angefertigt wurden, gereiht.

“Rahmenkunst” ist ein Buch voller Überraschungen, das dazu animiert beim nächsten Museumsbesuch nicht nur den gemalten Kunstwerken, sondern auch ihren wunderbaren Rahmen Aufmerksamkeit zu schenken

© Ch. Ranseder

Rahmenkunst: Auf Spurensuche in der Alten Pinakothek

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Anton Romako

Mittwoch, 28. April 2010

Meisterwerke im Fokus
Anton Romako - Tegetthoff in der Seeschlacht bei Lissa
Belvedere 29. April bis 25. Juli 2010

In der Ausstellungsreihe “Meisterwerke im Fokus” des Belvedere steht mit dem außergewöhnlichen Werk des Künstlers Anton Romako (1832-1889) zugleich ein wichtiger militärhistorischer Aspekt im Mittelpunkt.

   

Im Zuge des dritten italienischen Unabhängigkeitskriegs 1866, der durch die Verluste an der zweiten Front im Krieg zwischen Österreich und Preußen zu Gunsten Italiens verlief, war die österreichische Seite in einigen Schlachten gegen Italien siegreich. Eine davon ist die Seeschlacht bei Lissa (kroatische Insel Vis) bei der die größere und modern ausgerüstete Flotte Italiens trotz des erstmaligen Einsatzes von Panzerschiffen den in jeder Hinsicht veralteten österreichischen Holzschiffen unterlag. Der österreichische Konteradmiral Wilhelm von Tegetthoff erzielte den Seesieg bei Lissa aufgrund seiner Rammmanöver, die durch die mangelnde Vorbereitung und Desorganisation der italienischen Admiralität zusätzlich begünstigt wurden.

Der Fokus liegt auf Anton Romakos Interpretation der Seeschlacht bei Lissa. Begleitend werden Objekte, Fotografien und Kunstwerke, die in Zusammenhang mit Tegetthoff und der Schlacht bei Lissa stehen - darunter auch ein Modell des k.u.k. Flaggschiffs Erzherzog Ferdinand Max - gezeigt. Die raren Fotografien von Gustav Jägermayer (1834-1901) dokumentieren den industriellen Aspekt, der hinter dem Kriegsgeschehen stand.

Die Interpretation Anton Romakos sticht unter den damals üblichen Darstellungen von Kampfhandlungen aus verschiedenen Gründen heraus. Seine unkonventionelle Sichtweise auf das Geschehen, über die emotionale Dramatik im Ausdruck der Beteiligten wich grundlegend von der herkömmlichen distanziert-heroischen und zugleich emotionslos beobachtenden Dokumentation der Gesamtsituation ab. Nicht die Gewalt der der enormen Materialschlacht, sondern der Einsatz des Einzelnen und deren Emotionalität im Zuge der Kampfhandlungen werden gezeigt. Das Bild wurde in Wien abgelehnt, obwohl durch Kaiser Franz Josef I. eine zweite Fassung privat angekauft wurde.

  

Anton Romako hatte mehrere Talente. Sein größtes Talent war nicht sein künstlerisches Können oder seine stilistischen Eigenheiten, sondern hinter die Fassade zu blicken und die dramatischen und emotionalen Aspekte in seinen Werken zum Ausdruck zu bringen. Seine künstlerische Exzentrizität sowie die Tatsache seiner Zeit stilistisch weit voraus zu sein, verhinderten seine allgemeine Anerkennung. Verbunden damit häuften sich gegen Ende seines Lebens wirtschaftliche Rückschläge, die von privaten Niederlagen und Tragödien gefolgt waren.

Von den über 880 Werken Anton Romakos befinden sich 50 in der Sammlung des Belvedere. Die kleine aber feine für die Ausstellung getroffene Bildauswahl repräsentiert das Oeuvre des Künstlers ohne vom inhaltlichen Schwerpunkt der Ausstellung abzulenken. Darunter beeindruckende Porträts, u. a. Kaiserin Elisabeth bar des verklärenden Sisi-Mythos, und Landschaften.

Fazit: Unbedingt ansehen, aber zum tieferen Verständnis des historischen Zusammenhangs sind Führung und Ausstellungskatalog (Hirmer Verlag) sowie für den Überblick zu Leben und Werk Anton Romakos ist das Werkverzeichnis (Verlag Bibliothek der Provinz) nötig!

© S. Strohschneider-Laue

siehe auch:
Anton Romako. 24 Aquarelle
Katalog der Gedächtnisausstellung Anton Romako, Akademie der Bildenden Künste, Wien, 25. März - 14. Mai 1950
Der Maler Anton Romako 1832-1889

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Augenschmaus

Sonntag, 07. März 2010

Non-Fiction

Ingried Brugger, Heike Eipeldauer (Hgg.)
Augenschmaus
Vom Essen im Stillleben

Prestel 2010, 248 S., zahlr. Farbabb. 
ISBN 978 3 7913 5016 5

Augenschmaus: Vom Essen im Stillleben

Das schmucke Buch “Augenschmaus. Vom Essen im Stillleben” hält was sein Titel verspricht. Ob staunenswerter Riesenrettich, prunkvolles Tischgeschirr oder die Reste einer kargen Mahlzeit - die ausgewählten Kunstwerke sind ein sinnlicher Genuss, der die Fantasie beflügelt. Die Vorstellung von Geschmack und Geruch der dargestellten Nahrungsmittel, das Erfinden von passenden Rezepten und das Spekulieren über illustre Tischgesellschaften spornen zu vergnüglicher geistiger Tätigkeit an. Heute setzen Food-Stylisten Leckereien und Geschirr für Lifestyle-Magazine und edle Kochbücher in Szene, früher griffen virtuose MalerInnen zum Pinsel.

Die kunstfertig komponierten Stillleben berichten nicht über heroische Taten, der Mensch ist in ihnen nur indirekt präsent. Dennoch kann, wer sehen will, in ihnen Geschichten von den kleinen Freuden und Ritualen des häuslichen Alltags entdecken. Stillleben erzählen von Hingabe und Askese, Sinnesfreuden und deren Beherrschung, dem Stolz an Besitz von Statussymbolen, Prunksucht und Bescheidenheit, Lebenslust und dem Bewusstsein der Sterblichkeit. In Zeiten periodisch wiederkehrender Hungersnöte mag ein stattlicher Schinken den ultimativen - und daher bildwürdigen - Luxus verkörpert haben. Kostbare Pokale aus Edelmetall, chinesisches Porzellan und andere Preziosen waren in der frühen Neuzeit alles andere als gewöhnlich.

Die Geburt des autonomen Stilllebens im Lauf des 16. Jahrhunderts belebte den Kunstmarkt. Sammler und Genießer schätzten die Werke von KünstlerInnen, die Nahrungsmittel, Hausrat und exotische Kuriositäten einsetzten, um Aussagekräftiges und Schönes zu schaffen. Von den Mitgliedern der akademischen Kreise, in denen Historiengemälde als die Krönung der malerischen Schöpfung galten, wurde das Stillleben jedoch lange Zeit als niedrig geschmäht. Diese Beurteilung erwies sich als kurzsichtig, denn das geringe Ansehen des Stilllebens wurde von KünstlerInnen als Chance begriffen: In diesem Genre konnten sie sich ganz der Lust am Malen hingeben und so neue Wege beschreiten. Diese Flexibilität des Stilllebens als vielseitiger Bedeutungs- und Ausdrucksträger lässt sich an den mehr als 90, in “Augenschmaus. Vom Essen im Stillleben” präsentierten, Kunstwerken ablesen. Zeitlich spannt sich der Bogen von den Anfängen des Stilllebens, als die in den Vordergrund gerückten Lebensmittel noch von szenischen Darstellungen begleitet waren, über das goldene Zeitalter des autonomen Stilllebens im 17. Jahrhundert bis zur zeitgenössischen Videokunst. Damit bietet sich BetrachterInnen die einzigartige Möglichkeit des mühelosen Vergleiches.

Der Wandel der Sachkultur lässt sich an den Stillleben ebenso ablesen wie die Verschiebung der Interessen ihrer Schöpfer. Die MalerInnen des 16. und 17. Jahrhunderts brillierten in der Darstellung der sinnlichen Qualitäten von Nahrungsmitteln und Gegenständen. Sie waren Meister der Wiedergabe unterschiedlicher Texturen, Oberflächen und Spiegelungen. Den KünstlerInnen des 19. und 20. Jahrhunderts hingegen waren die Überwindung der Form, das Experiment mit malerischen Ausdrucksmitteln und schließlich die technischen Möglichkeiten der Neuen Medien ein Anliegen.

Die zahlreichen in “Augenschmaus” versammelten Essays und Katalogbeiträge beleuchten das Phänomen des kulinarischen Stilllebens von allen Seiten. Wie ein gutes Büffet bietet das Buch von allem etwas: Kunsthistorische Analysen des Genres, Betrachtungen zu Esskultur und Tischsitten, tiefsinnige philosophische Überlegungen zur Konsumkultur, Gender-Aspekte der Stilllebenmalerei und vieles mehr. Nur die Realienkunde wird - wie so oft - außer acht gelassen. Das ist schade, denn Stillleben stellen gemeinsam mit Archäologie und musealen Sammlungen eine hervorragende Quelle für die Erforschung der Sachkultur dar. Hungrige Hobbyköche werden sich über die in den Katalogteil eingestreuten Rezepte von Starköchen freuen. Die Zeichen der Zeit gehen auch an Begleitpublikationen von Ausstellungen nicht vorbei.

Die Ausstellung “Augenschmaus. Vom Essen im Stillleben” ist noch bis zum 30. Mai ‘10 im Bank Austria Kunstforum in Wien, zu sehen.

© Ch. Ranseder

Augenschmaus: Vom Essen im Stillleben

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Barrierefreie Architektur

Donnerstag, 04. März 2010

Non Fiction

Joachim Fischer, Philipp Meuser (Hg.)
Barrierefreie Architektur: Handbuch und Planungshilfe.
Alten- und behindertengerechtes Planen und Bauen im 21. Jahrhundert

DOM 2009, 330 S., ca. 300. Abb.
ISBN 978 3 9386 6646 3

 Barrierefreie Architektur: Handbuch und Planungshilfe

Die überaus spannende Publikation überrascht schon beim ersten Anblick: Strahlendes Magenta weckt die Neugierde, verlockt dazu, das Buch in die Hand zu nehmen, mehr zu erfahren. Piktogramme, deren klare grafische Umsetzung an Brailleschrift erinnert, machen bereits am attraktiv gestalteten Cover klar, dass barrierefreie Architektur mehr ist als Rampen bauen für mobiltätseingeschränkte Personen. Noch vor dem Öffnen des Buches wird so unaufdringlich, aber effizient die Sensibilität des Lesers / der Leserin gegenüber den potentiellen Zielgruppen und NutznießerInnen barrierefreier Lösungen in der Architektur geweckt. Im Kern setzt sich die klare Gliederung fort - jedem der großen Schwerpunkte der Publikation ist eine eigene Kontrastfarbe gewidmet. Noch vor dem Lesen und tatsächlichen Einstieg in die Inhalte wird so eine Orientierung ermöglicht. So werden nicht nur die Forderungen von barrierefreiem Bauen vorbildlich in eine schriftliche Publikation umgesetzt, sondern gleichzeitig gezeigt, dass Barrierefreiheit durchaus attraktiv umgesetzt werden kann.

Vertieft man sich in „Barrierefreie Architektur - Handbuch und Planungshilfe”, herausgegeben von Kommunikationsberater und Autor Joachim Fischer und Architekt Philipp Meuser, erhält man eine hervorragende Zusammenfassung für alten- und behindertengerechtes Planen und Bauen im 21. Jahrhundert.

Die Ausstattung mit Rampen, Türöffnern und Sanitäranlagen für bewegungsbeeinträchtige Menschen wird in Europa zum Teil bereits vorbildlich umgesetzt. Barrierefreiheit heißt jedoch mehr als rollstuhlgerecht. Dies umso mehr, als angesichts der Überalterung unserer Bevölkerung und dem Auftrag zur möglichst uneingeschränkten Zugänglichkeit in Zukunft auch älteren Mitbürgern eine verbesserte Lebensqualität zu ermöglichen sein wird.

Das umfassende Thema wird in vier große Schwerpunkte gegliedert.
In “Essays” werden die LeserInnen durch kurze und prägnante Artikel der vier AutorInnen Philipp Meuser, Lothar Marx, Christine Degenhart und Meinhard Erlacher in die Thematik eingeführt. In komprimierter Form werden anhand von Barrieren im Alltag Lösungsvorschläge aufgezeigt.

“Projekte” stellt über 25 “best practise” Projekte vor - die Palette reicht vom Altenwohn- und Pflegeheim über Museen bis hin zur Fußgängerbrücke, berücksichtigt aber auch Wohnungen und Wohnbereiche sowie Fertighäuser. Im anschließenden Themenschwerpunkt “Planungsgrundlagen für barrierefreie Wohnungen” wird auf unterschiedliche Beeinträchtigungen und die daraus folgenden spezifischen Planungsanforderungen eingegangen. Besonders hilfreich für alle NutzerInnen des Buches sind die praktischen Erläuterungen zu den Planungsanforderungen. Schlusspunkt der Publikation bildet der Architekten- und Bildnachweis.

Das exzellente “Handbuch und Planungshilfe - Barrierefreie Architektur” ist allen, in diesem Bereich Tätigen, uneingeschränkt zu empfehlen!

© Doris Prenn

Barrierefreie Architektur: Handbuch und Planungshilfe. Alten- und behindertengerechtes Planen und Bauen im 21. Jahrhundert

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Nullerjahre

Donnerstag, 07. Januar 2010

Fiction

Judith-Maria Gillies 
Unsere Nullerjahre  
Das Jahrzehnt der Bagels, Blogs und Billigflieger
Eichborn 2009, 233 S.
ISBN 978 3 8218 6501 0

 Unsere Nullerjahre: Das Jahrzehnt der Bagels, Blogs und Billigflieger

Biene Maia, Bircher-Müsli und Bubblegum sind Schnee von vorgestern, Relikte des letzten Jahrhunderts. Die Relikte von morgen sind die noch immer aktuellen modischen und/oder menschlichen Höhen und Tiefen der letzten 10 Jahre. Was haben Alcopops und Botox bzw. Prinzessin Lillifee und Paris Hilton gemeinsam? Ja, da können so manche Parallelen gezogen werden. Vor allem aber polarisierten sie und sie teilen sich daher die Buchseiten der Nuller(!)jahre mit Autofähnchen und Tattoos bzw. Bob dem Baumeister und Dieter Bohlen.

Allein die Stichworte zu lesen genügt, um den Schweiß auf die Stirn zu treiben. Die Texte dazu sind jedenfalls ein Born des Genusses. Jene, die sich gegen irreversible Modesünden entschieden haben, werden sich über die Entsorgungsproblemen ArschgeweihlerInnen amüsieren. Es ist eben einfacher “Ugly-Boots” und tiefgelegte Beinkleider zu entsorgen als ins Fleisch geprägte Bekenntnisse. Ob man zukünftig anderem importierten Grauen wie Halloween entkommen mag, ist wohl leider zu bezweifeln.

Herrlich böse und wunderbar amüsant ist die lexikalische Abrechnung mit dem zur Schau getragenen Lebensgefühl im neuen Jahrtausend. Für die meisten ist das Buch ein romantisch-nostalgischer Blick retour, viele werden nachdenklich gestimmmt und für die Verweigerer aller Trends ist es ein hämischer Blick auf das zusammengefasste Verkaufsgespräch eines Jahrzehnts. Egal unter welchen Voraussetzungen man zu schmökern beginnt, am Ende wird man mit einem lachenden und weinenden Auge in Erinnerungen kramen. Grenzgeniale Pflichtlektüre für Trendjunkies und Verweigerer ist das Buch in jeden Fall - auch wenn man den Eindruck bekommt, dass Frauen die größten Torheiten begehen und männliche Volltoren allseits bejubelt Karriere machen.

Prosit 2010 und alles was bis Ende 2019 kommen mag!

© S. Strohschneider-Laue

Unsere Nullerjahre: Das Jahrzehnt der Bagels, Blogs und Billigflieger

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Wenn sie ein Mann wäre

Freitag, 01. Januar 2010

Non-Fiction

Michael Spang  
Wenn sie ein Mann wäre
Leben und Werk der Anna Maria van Schurman

WBG 2009, 240 S.
ISBN 978 3 534 21630 7

 Wenn sie ein Mann wäre: Leben und Werk der Anna Maria van Schurmann (1607-1678)

Anna Maria van Schurman (1607-1678) war hochbegabt, daran besteht kein Zweifel. Ihr künstlerisches Schaffen bewegte sich auf professionellem Niveau. Sie erlernte über 12 Sprachen, beherrschte die Regeln des wissenschaftlichen Diskurses und machte sich einen Namen als in der Theologie versierte Gelehrte, die sich auch mit dem Zugang von Frauen zu Bildung beschäftigte. Ihr selbst wurde das Privileg zuteil, Vorlesungen an der Universität besuchen zu dürfen - versteckt in einem aus Holz gezimmerten und mit Stoff bespannten Verschlag sitzend.

Wer war diese zu ihren Lebzeiten berühmte Frau? Was trieb sie an? Antworten auf diese Fragen sind in der Biographie “Wenn sie ein Mann wäre. Leben und Werk der Anna Maria van Schurman” zu finden. Michael Spang schildert in diesem hervorragenden Buch wortgewaltig und wissenschaftlich fundiert den Lebensweg der wissensdurstigen Tochter aus höherem Haus vor dem Hintergrund des politischen und religiösen Zeitgeschehens. Das gelingt ihm so vortrefflich, dass er mich als Rezensentin ein wenig in die Zwickmühle bringt. Ein guter Text lässt, ganz wie ein großartiges Kunstwerk, Spielraum für eine Vielzahl an Deutungsmöglichkeiten. Die Lektüre von “Wenn sie ein Mann wäre” rief in mir Assoziationen und Interpretationen wach, die in meinem Geist eine (Re-)Konstruktion der Persönlichkeit Anna Maria van Schurmans mit dunkleren Untertönen entstehen ließen, als sie im Buch präsentiert wird.

Für mich ist Anna Maria van Schurman eine Zerrissene, an deren Biographie sich sehr gut ablesen lässt, welchen Belastungen ein wacher Geist in einem restriktiven, religiös dominierten Umfeld unterworfen ist. Ihre Transformation vom gelehrten Wunderkind zum religiösen Groupie ist letztlich die Geschichte eines Scheiterns, auch wenn sie selbst dies im Rückblick auf ihr Leben nicht so gesehen hat. Die frühe Indoktrination durch van Schurmans strenggläubigen Vater, der dem Mädchen neben der religiösen Unterweisung einen von ihm kontrollierten Zugang zu Bildung ermöglicht, führt dazu, dass für sie lebenslang jeder Erwerb von Wissen oder Fertigkeiten auf die Religion hin ausgerichtet ist. In ihren Jugendjahren wirkt sie wie eine Getriebene: Dichtung, Malerei, Plastik, Kupferstich, Sprachen, Theologie, ihr Wissensdurst scheint keine Grenzen zu kennen. Studium als Selbstgeißelung? Als Ablenkung von den Verlockungen der Welt und der Freude an den eigenen Leistungen? Anna Maria van Schurman glänzt in jedem Fach, wird bekannt und zeigt ja doch einen Hauch von Extrovertiertheit. Schon als 15-Jährige klinkt sie sich in den Briefwechsel der Gelehrtenrepublik ein. Briefe bleiben ihr bevorzugtes Medium - sie sind einer Frau angemessen, werden aber dennoch von den (männlichen) Empfängern weitergereicht, in einigen Fällen auch publiziert. Eine geschickte Taktik für jemanden, der immer wieder beteuert, nicht gerne in der Öffentlichkeit zu stehen. Zumal so auch vermieden wird, durch eine eigenständige Publikationstätigkeit in offene Konkurrenz zu den Gelehrten zu treten. Auffallend ist auch, dass Anna Maria van Schurman nach dem unerwarteten Tod des Vaters, 1623, nach Vaterfiguren und väterlicher Autorität zu suchen scheint. Die im Buch “Wenn sie ein Mann wäre” zitierten Beispiele aus ihren Briefwechseln zeigen eine emotionale Schaukelbewegung aus Demutsbekundung - eigene Meinung vertreten - Demutsbekundung, bei der sich die Frage aufdrängt: Ist das jetzt Unsicherheit oder Kalkül?

Ein Thema, das van Schurman lange Zeit beschäftigt, ist die Frauenbildung. 1641 veröffentlicht sie ihre “Dissertatio”, ihr einziges eigenständig publiziertes Werk. Weitergebracht hat diese Schrift den Emanzipationsdiskurs nicht. Van Schurmann ist keine Wegbereiterin. Im Gegensatz zu anderen Frauen, die sich für Frauenbildung und Frauenrechte einsetzen, ist ihr Blick rückwärts gewandt, ihre Haltung traditionsgebunden. Aus heutiger Sicht lesen sich Anna Marias Argumente für die Frauenbildung wie die Rechtfertigung ihres eigenen Tuns, gepaart mit einer gehörigen Portion Standesdünkel. Nur christlichen, begabten Frauen mit Vermögen, die dazu die Muße hätten, solle Bildung durch privaten Unterricht zuteil werden. Van Schurmann war reich, unverheiratet und hatte jede Menge Zeit - zumindest bis zum Tod ihrer Mutter, 1637. Ist vielleicht die von ihr in einem -quasi als Test für die “Dissertatio” dienendem - Brief aus demselben Jahr vertretene Ansicht, für Ehefrauen und andere mit Haushalts- und familiären Angelegenheiten betraute Frauen sei Bildung keineswegs notwendig, auf einen Groll angesichts der von der Mutter auf sie übergegangenen zeitraubenden Pflicht der Haushaltsführung zurückzuführen?

Mit fortschreitendem Alter geht jedenfalls Anna Marias Beschäftigung mit wissenschaftlichen Fragen zurück. Stattdessen gewinnt ihre Religiosität, die selbst für damalige Verhältnisse zum Extrem tendiert, die Oberhand. Die Abneigung der gebildeten Frau gegen alles Weltliche wächst ebenso wie ihre Ansicht, dass es mit der Kirche bergab gehe. In letzter Konsequenz gibt die vielseitig Begabte ihr Leben in Utrecht auf, um sich der Sekte von Jean de Labadie anzuschließen. Ihm folgt sie in ihren letzten Jahre von Amsterdam nach Herford, Altona und schließlich auf Schloss Walta. In diesen Jahren verfasst sie ihre Autobiographie “Eukleria oder die Wahl des besseren Teils”. Anna Maria van Schurman - eine gequälte Seele, die im Alter innere Ruhe gefunden hat?

“Jede Biographie ist eine Hypothese, ist eine Wirklichkeit von vielen und notwendig subjektiv.” schreibt Michael Spang in der Einleitung des Buches. Das Verarbeiten der in einem Text dargebotenen Information ist nicht minder subjektiv. LeserInnen mögen sich also eine eigene Meinung bilden.

“Wenn sie ein Mann wäre. Leben und Werk der Anna Maria van Schurman” ist ein lesenswertes Buch über eine Frau, die in einem inneren Kampf zwischen Begabung und Bestimmung gefangen, gerade durch ihre Ambivalenz fasziniert.

© Ch. Ranseder

Wenn sie ein Mann wäre: Leben und Werk der Anna Maria van Schurmann (1607-1678)

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Porträt: Los Angeles

Mittwoch, 16. Dezember 2009

Non-Fiction

Jim Heimann (Hg.)
Kevin Starr, David L. Ulin

Los Angeles - Porträt einer Stadt
Taschen 2009, En./Fr./Dt., 572 S., über 500 Sw- und Farbfotos
ISBN 978 3 8365 0291 7

 Los Angeles

Städte sind wie ihre Bewohner ständigen Veränderungen unterworfen. Sie wachsen, werden erwachsen und ihre Entwicklung wird dokumentiert. Das großformatige Stadtalbum von Los Angeles ist eine Hommage an historische Momente, die nicht nur die Stadt der Engel, sondern die ganze Welt bewegten. Mehr als 500 Fotos aus privaten Sammlungen, Galerien, Museen und Instituten spüren der Stadt und ihren BewohnerInnen ab den 1860ern nach.

Von den bescheidenen Anfängen über den Bevölkerungsboom, zur Unterhaltungsmetropole und tief in die Wirtschaftskrise sowie durch die goldenen Jahre bis in die Gegenwart spannt sich der fotografische Bogen. Exzellente Texte umreißen dazu die historischen Rahmenbedingungen und richten das Augenmerk auf jene Details, die die Bilderflut zu fassbaren Dokumenten werden lassen.

Die Megastadt mit ihrer magnetischen Anziehungskraft auf Künstler, Reiche und Schöne hat einen Hang zum potemkinschen Dorf. Protzige Kulissen und verwahrloste Ecken treffen auf polierten Reichtum und bittere Armut. Die Auswahl der Fotos präsentiert vordergründig das schöne, moderne, aufstrebende, schillernde und wachsende Los Angeles. Die Würze erhält diese zunächst glatt anmutende Auswahl jedoch durch Schlaglichter auf die gärenden, unruhigen, nicht immer erwünschten oder geförderten Aspekte der Stadt. Verhaftete Transvestiten, verzweifelte aber fröhliche Marathontänzer, den Sieg über Japan Feiernde individualiseren die multikulturelle Menschenmasse und lassen ihre Sorgen, Nöte und Interessen hinter den Hausfassaden und auf den Straßen erahnen. Die realistische, ungeschminkte Seite, die die Geschichte von Mafiaopfern, Volksgruppenaufständen, Elendsdemonstrationen und politische Ereignisse anreißt, zeigt den Moloch hinter dem Glamour. Neben bekannten Fotos, die untrennbar mit Los Angeles und Ereignissen verbunden sind, finden sich in dem Band viele kaum oder unbekannte Aufnahmen. Sie zeichnen ein abwechslungsreiches Bild von einer Stadt in der täglichen geschossen wird - mit Waffen und Kameras. 

Unersättliche, die mehr über Los Angeles wissen wollen, können sich durch ein breites Spektrum an Film-, Musik- und Literaturempfehlungen arbeiten. Biografien der renommiertesten Fotografen und eine Bibliografie schließen das aufwändige Coffee Table Book.

Los Angeles ist nebenan!

© S. Strohschneider-Laue

Los Angeles
Berlin - Rezension

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Magie & Magier

Mittwoch, 16. Dezember 2009

Non-Fiction

Noel Daniel (Hg.)
Mike Caveney, Rick Jay, Jim Steinmeyer 

Magic Book 1400s-1500s
Taschen 2009, En./Fr./Dt., Riesenformat, 670 S., zahlr. Farb- und Sw-Abb.
ISBN 978 3 8365 0977 0

 Magic Book: 1400s - 1950s

Immer wenn man glaubt, größer, bunter und prächtiger geht es nicht mehr, übertrifft Taschen seine eigenen Produkte. Die Geschichte des magischen Showbiz ab dem 15. Jahrhundert ist ein dreisprachiger Riesenwälzer in fantastisch-magischen Bildern und spannenden Texten.

Lassen Sie sich verzaubern, verblüffen und überraschen. Die größten Illusionisten, Magier, Zauberer und Taschenspieler geben hier eine Vorstellung im Bühnenformat. Über 500 Jahre hinweg wird in über 1000 plakatgroßen Bildern von einer ganz eigenen Kunst Zeugnis abgelegt. Von den Jahrmärkten zu den Unterhaltungspartys der Reichen bis zu den Varieté- und Showbühnen haben Zauberer und Illusionisten ihre (un)durchschaubaren Tricks vorgeführt. Schwebende Jungfrauen sind genauso dabei, wie mit Zähnen aufgefangene Pistolenkugeln, unechte Chinesen, Entfessler, Schwertstecher, Sägefreudige, Feuermeister und Goldmacher. Vom Schamanen zum Showman war es nur ein kleiner Schritt, wie die einzelnen Kapitel belegen.

Und immer wieder drehte es sich um Leben und Tod, Teufelswerk, Geister und anderem übernatürlichen Spuk. Hinter allem standen Menschen mit Gespür für den richtigen Moment und ihr Publikum. Einige der Künstler sind sprichwörtlich wie Houdini geworden, der einzige, der sogar dem Tod entkommen könnte und ausgerechnet an Halloween gestorben ist. In Vergessenheit geraten, sind dagegen die vielen namenlosen Assistentinnen und auch die wenigen weiblichen Illusionistinnen. Madame Girardelli, Adlaide Hermann, Mercedes Talma, Marian Chavez, Suzy Wandas, Evelyn Maxwell oder Margo begeisterten zu ihrer Zeit aber genauso wie ihre männlichen, noch dazu deutlich unattraktiveren Kollegen. Weiblicher Aufputz, der sich freiwillig zersägen ließ oder über die Bühne schwebte, wurde mehr und mehr eingesetzt, denn nicht jeder Magier konnte sich selbst nackt wie Houdini exhibitionieren. Der schmächtige Körper des Holländers Theodore Bamberg hatte erst in chinesischen Outfit unter dem Namen Okito etwas zu bieten. Das verbindende Element aller Magier, Taschenspieler und Illusionisten ist, dass sie eine einsame Kunst, deren Geheimnisse das Kapital stellen, ausüben. Dazu gehört bis heute eine beeindruckende Persönlichkeit und gute Werbung - am besten mit roten faustischen Teufelchen, die hart an der Niedlichkeit vorbeischrammen.

Und seien wir doch ganz ehrlich: Wissen ist Macht und macht zugleich vieles furchtbar langweilig. Wenn man nicht weiß, wo der Spiegel und der Projektor steht, warum es raucht, wieso das Kügelchen verschwunden bleibt und weshalb die zersägte Frau sich putzmunter verbeugen kann, ist das Leben zumindest für eine kurze Zeit wesentlich bunter und überraschender.

Ein genial von Noel Daniel editiertes Buch zu dem Mike Caveney, Rick Jay, und Jim Steinmeyer exzellent recherchierte und aufbereitete Texte beigetragen haben. Die schönste Pflichtlektüre für Illusionisten -Laien und Profis gleichermaßen -, Designer, Werbeleute, Historiker und andere ewig Verzauberte.

© S. Strohschneider-Laue

Magic Book: 1400s - 1950s

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Mamerot - Chronik der Kreuzzüge

Donnerstag, 10. Dezember 2009

Non-Fiction

Thierry Delcourt, Danielle Quéruel, Fabrice Masanès 
Sébastien Mamerot - Chronik der Kreuzzüge
Von Karl dem Großen bis Sultan Bajsit
Taschen 2009, 2 Bände, 224 S., zahlr. Farb- und Sw-Abb.
ISBN 978 3 218 00795 5

Mamerot - eine Chronik der Kreuzzüge

Das wunderbar illuminierte Manuskript “Les Passages d’Outremer” aus dem 15. Jahrhundert befindet sich in der französischen Nationalbibliothek in Paris. Text und Bilder erzählen die Geschichte der Kreuzzüge ab Karl dem Großen bis zum Aufstand in Genua (1462). Das unbezahlbare Original in Händen zu halten, ist nur Wenigen vergönnt. Um so schöner ist es, dass Taschen ein hochwertiges Faksimile in herausragender Detailtreue und mit Goldhöhung vorgelegt hat. Begleitet wird dieses Werk von einem umfassenden Kommentarband, der eine vollständige Übersetzung enthält. Prachtband und Kommentarband werden gemeinsam durch einen königsblauen Schuber mit goldenen Lilien geschützt. Zieht man die beiden Bände heraus, hält man zwei gewichtige rot gebundene Bücher in Händen, deren aufwändige Ausstattung jedem Bibliophilen das Herz höher schlagen lassen.

Mit der Entstehung des Originals sind vor allem drei Namen verbunden: Sébastien Mamerot (um 1430-1490), der Autor,  Jean Colombe (um 1430-1493), der Illustrator, und Louis de Laval (1411-1489), der Auftraggeber. Jean Colombe ist für seine unsterblich schöne Buchmalerei der ”Très Riches Heures” des Duc de Berry berühmt und nicht minder fantastisch sind die Illustrationen, die er für “Les Passages d’Outremer” schuf.

Die Kreuzzüge verursachten tiefgreifende politische und soziale Veränderungen. Die vordergründig religiös motivierten Kreuzzüge, hatten wie alle Kriege wirtschaftliche und strategische Hintergründe. “Jenseits des Meeres” (Outremer) vollzogen sich daher auch für die teilnehmenden Adeligen zahlreiche gesellschaftliche Ereignisse, die ihre Wirkung bis in die jeweilige Heimat entfalteten. Eines dieser tiefgreifenden Ereignisse ist wohl den meisten Menschen bekannt: Der berühmte Streit zwischen Richard Löwenherz und Leopold von Österreich vor Akkon im Jahr 1191. Der Zwist mündete schließlich in der Gefangenschaft Richard Löwenherz bei seiner Rückreise 1192 durch Österreich. Das hohe Lösegeld, das seine Untertanen für ihn aufbringen mussten, ermöglichte schließlich den Ausbau der Stadtbefestigung von Wien. Die Beschreibung der gegenseitigen Provokationen vor Akkon, das undiplomatische Verhalten kann man sowohl dem Faksimile als auch der Übersetzung im Kommentarband entnehmen. Die lebendige Schilderung lässt die Mächtigen der damaligen Welt durchaus als postpubertäre, machtgeile Männer erscheinen, die in ihrer Überheblichkeit jegliche, damals üblichen Umgangsformen weit hinter sich ließen. Das erfreut nicht nur Historiker, sondern verschafft noch immer - nach rund 550 Jahren - ein überraschendes Lesevergnügen.

Thierry Delcourt steuert im Kommentarband das umfassende Essay “Die Passages d’Outremer, ein Meisterwerk der französischen Buchmalerei des 15. Jahrhunderts” bei. Gemeinsam mit Danielle Quérel verfasste er zu dem “Editorische Anmerkungen”. Die Übersetzung des Originals besorgten Eva Dewes, Hubertus von Gemmingen und Regine Schmidt. Die Bildkommentare und die Zusammenfassung übernahm Fabrice Masanès. Abgerundet wird der Kommentarband von einer umfassen Bibliografie.

Ein herrliche Anschaffung, die ihren Wert behält!

Mamerot - eine Chronik der Kreuzzüge

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Botanischer Garten Bern

Donnerstag, 10. Dezember 2009

Non-Fiction

Fred Zaugg, Adrian Moser
Botanischer Garten Bern 
Haupt 2009, 240 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 258 07540

 Botanischer Garten Bern

In einem Außenbezirk von Wien, dort wo Stadtrandverbauung und Wienerwald aufeinander treffen, steht ein Apfelbaum. Ich kenne und liebe ihn seit meiner Kindheit. Jeden Frühling verleihen ihm tausende Blüten das Aussehen einer fröhlichen Wolke. Jeden Herbst biegen sich seine Äste unter der Last der vielen, dicht an dicht hängenden roten Äpfelchen. Jetzt steht das Grundstück zum Verkauf und ich fürchte den Tag an dem das Geräusch der Motorsäge erschallt und das Leben dieses wunderbaren alten Baums jäh beendet wird.

In Bern, Schweiz, befindet sich ein herrlicher botanischer Garten. Auch er ist bedroht.

150 Jahre ist es her, dass der Botanische Garten Bern seinen Standort in Rabbental gefunden hat. Zum Jubiläum ist ihm ein ungewöhnliches Buch mit dem schlichten Titel “Botanischer Garten Bern” gewidmet. Es ist so schön und vielfältig wie die Anlage, von der es berichtet. Schon der Bucheinband verheißt, ganz wie der Garten selbst, stille Freuden: Wie von Mondlicht beschienen, zeichnen sich die cremeweiß schimmernden Schattenrisse von Pflanzen auf dem, in einem geheimnisvollen Grünton gehaltenen, Leinen ab. Im Buchinneren offenbart sich in den Fotografien von Adrian Moser die ganze Pracht des Botanischen Gartens Bern. Ob der Blick nun über Alpinum, Jahreszeiten-Wildgarten, Teichufer, Waldgarten, Grotte, Bauerngarten, Schmetterlingsgarten oder Heilpflanzengarten schweift: Ein Areal ist schöner als das andere. Stattliche Bäume, üppiges Grün und buntes Blütenmeer verlocken zum Erkunden. Namenschildchen verraten, was man vor sich hat. In den Glashäusern sind die Exoten und Empfindlichen untergebracht. Aus ungewöhnlichen Blickwinkeln aufgenommene Pflanzenporträts machen mit dem botanischen Bestand im Freiland und unter Dach bekannt. Ob die Schnecke am Wegesrand, der Farbenrausch der herbstlich verfärbten Blätter oder das Glitzern des alles bedeckenden Schnees - gekonnt fängt der Fotograf die zauberhafte Stimmung des Gartens ein. Auf einigen Bildern betreten Menschen die Bühne der Natur. Wer sie sind und warum sie einen Platz in dem Buch über den Botanischen Garten Bern gefunden haben, ist aus den Texten von Fred Zaugg zu erfahren. Und mit dem Wort kommt auch der Schock der Ernüchterung, werden BetrachterInnen der idyllischen Bilder schnell wieder in die brutale, von der Jagd nach Rendite bestimmte, Realität zurückgeholt.

Dreimal drohte dem Botanischen Garten Bern seit 1999 die Schließung. Fred Zauggs Texte sind ein Plädoyer für dessen Erhalt. Mit seinen vielschichtigen, sehr persönlich gefärbten Essays, Porträts und Erzählungen hat er eine elegante Lösung gefunden, um darzulegen wie wichtig der Botanische Garten Bern ist: Als Ort des Forschens und Bewahrens, Lernens und Entdeckens, der Inspiration und Erholung.

Was der Botanische Garten für die Menschen bedeutet, wird in den auf Interviews basierenden Porträts von Männern und Frauen deutlich, die für den Fortbestand dieses einzigartigen Ortes kämpfen oder als BesucherInnen hier Kraft und Inspiration schöpfen. Es sind diese zwanzig, für die Kapitel “Die Menschen und ihr Garten” Befragten, die LeserInnen auf den Fotos aus der üppigen Vegetation entgegenblicken. Wie sie zum Botanischen Garten gefunden haben, ist so verschieden wie die von ihnen genannten Lieblingsblumen.

In den “Gartenräume”-Kapiteln hingegen, wird die Aufmerksamkeit auf einzelne Bereiche dieser Oase mitten in der Stadt und zu bewundernde botanische und zoologische Schätze gerichtet. Von Alpinum und Heilpflanzengarten über die ältesten Bäume und die in Palmenhaus und Wildgarten flatternden Schmetterlinge bis zum Herbarium und den Angeboten der Gartenpädagogik spannt sich der Bogen. Nicht nur einheimischen Pflanzen und Tieren begegnet man auf Freiflächen und in Glashäusern, sondern Schönheiten aus der ganzen Welt. Schritt für Schritt offenbart sich der Artenreichtum der Natur. Studenten des Instituts der Pflanzenwissenschaften der Universität Bern können hier ihr Wissen vertiefen, während andere Besucher sich ganz dem Genuss des schönen Anblicks hingeben.

Die Geschichte des Botanischen Gartens schlängelt sich als roter Faden durch das Buch. Zu ihr gesellen sich in den als “Geschichten” ausgewiesenen Kapiteln Erzählungen, die den Garten und seine Pflanzen mit Erinnerungen des Autors, historischen Begebenheiten, Literatur, Kunst und Philosophie vernetzten. Geschickt verpackt wird wortgewandt Stoff zum Nachdenken geboten: über Kleinigkeiten, welche das Leben lebenswert machen; über die Auswüchse des modernen Kulturbetriebs; oder über die Symbolkraft eines Baumes. Mehrmals bezieht Fred Zaugg im Buch auch expliziter Stellung und findet deutliche Worte zum Überlebenskampf des Botanischen Gartens Bern und der Kurzsichtigkeit der Politik. Hut ab, vor diesem Mut!

Botanische Gärten gehören zu den großen kulturellen Errungenschaften der Menschheit. In einer Zeit, in der Pflanzen und Tiere mit beängstigender Geschwindigkeit von unserem Planeten verschwinden und sich die Menschen Zusehens ihrer Umwelt entfremden, lässt sich der Wert eines öffentlichen Raums, der ein stilles Genießen der reichen Gaben der Natur ebenso ermöglicht wie selbstbestimmtes Lernen, nicht in Geld bemessen. Es sollte in unser aller Interesse sein, diese lebenden Archive zu schützen und für ihren Fortbestand zu sorgen. So bleibt zu guter Letzt nur zu hoffen, dass dieses wunderbare Buch über den Botanischen Garten Bern nicht zum Schwanengesang vor dessen Untergang wird. Für die nächsten vier Jahre ist der Betrieb wenigstens gesichert. Mehr über den Botanischen Garten Bern und seine botanischen Kostbarkeiten ist im Internet auf den vorzüglichen Seiten zu erfahren.

© Ch. Ranseder

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