Archiv für die Kategorie ‘Non-Fiction’

Design Thinking

Donnerstag, 30. September 2010

Non-Fiction

Gavin Ambrose, Paul Harris
Design Thinking 
Stiebner 2010, 200 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8307 1381 4

 Design Thinking: Fragestellung, Recherche, Ideenfindung, Prototyping, Auswahl, Ausführung, Feedback

Was müssen DesignerInnen im Arbeitsalltag alles können? Welche Schritte durchläuft ein Projekt vom Auftrag und der ersten Idee bis zum fertigen Produkt und dem Feedback der KundInnen? Woher nehmen Kreative ihre Ideen? Band acht der Reihe Basics Design - “Design Thinking” - steht ganz im Zeichen des kreativen Denksports der DesignerInnen und der Methoden, die den Weg zu Höchstleistungen weisen. Die Gliederung des Buches folgt den Phasen, die im Rahmen des Designprozesses durchlaufen werden. Der häppchenweise präsentierte Text bringt Prinzipien, Lösungsmöglichkeiten, Techniken und Tipps gekonnt auf den Punkt. Zahlreiche Fallbeispiele führen vor Augen, wie kreative Einfälle mit kommerziellen Zielen meisterhaft vereint werden, damit das Endprodukt seinen Zweck erfüllt.

Das einführende Kapitel “Designphasen und Design Thinking” steckt mit der Vorstellung der sieben Phasen des Designprozesses den inhaltlichen Rahmen des Buches ab.

Zu Beginn eines Projektes heißt es Informationen sammeln! Das Kapitel “Recherche” zeigt, worüber sich GestalterInnen Hintergrundwissen aneignen. Überschneidungen mit den Interessen der Marktforschung sind kein Zufall. Kenntnisse über Zusammensetzung und Lebensstil der Nutzergruppe, aka des Zielmarkts, sind bei der Erarbeitung von Designlösungen wichtig.

In “Ideenfindung” geht es um die Erarbeitung von Konzepten und die Suche nach der optimalen Lösung der Gestaltungsaufgabe. In diesem Kapitel werden mögliche Denkansätze, Kreativtechniken und Inspirationsquellen vorgestellt, die Helfen das Thema eines Auftrages zu ergründen und Entwurfsideen zu generieren.

“Verfeinerung” zeigt, wie DesignerInnen an einer Idee feilen. In dieser Phase geht es um das Spiel mit Bildern, Zeichen, Formen, Proportionen, Schriftarten, Farben, Worten, Assoziationen und einer Prise Humor.

“Prototyping” stellt die Idee auf den Prüfstand, schließlich soll die zu kommunizierende Botschaft auch ankommen. Das Kapitel macht mit den Knackpunkten bei der Entwicklung eines konsequenten Gestaltungs- und Kommunikationskonzeptes inklusive der Festlegung des Designvokabulars sowie den Arten von Prototypen vertraut.

Haben KundInnen ein Design genehmigt, geht es an die “Umsetzung”. Das abschließende Kapitel stellt nicht das Zusammenspiel mit den ausführenden Produzenten, z. B. Druckereien, in den Mittelpunkt, sondern weist auf die Potenziale von Materialen, Veredelungstechniken, Formaten, Maßstäben und Medien hin.

Ein Glossar, in diesem Band gepaart mit elf Design-Thinking-Tipps, rundet das Buch in bewährter Weise ab.

Gavin Ambrose und Paul Harris stehen in “Design Thinking” Studenten und Berufseinsteigern abermals mit gutem Rat hilfreich zur Seite. Dieser Band der Serie Basics Design sollte allerdings auch für AuftraggeberInnen Pflichtlektüre sein. Selten wurde so klar vor Augen geführt, dass Design ein Prozess ist, der viele Arbeitsschritte umfasst, großes Wissen voraussetzt sowie Zeit und gewisse Spielräume benötigt. Der Gedankensprung von diesen hohen Anforderungen zu grundlegenden Themen wie faire Honorare und Vertragsbedingungen sowie des Umgangs mit Nutzungs- und Urheberrechten liegt nahe, wird jedoch von den Autoren auf den rund 200 Seiten des Buches nicht vollzogen. Das ist erstaunlich und lässt auf einen Folgeband hoffen.

© Ch. Ranseder

Design Thinking: Fragestellung, Recherche, Ideenfindung, Prototyping, Auswahl, Ausführung, Feedback

siehe auch:
Designraster: Struktur oder Muster aus Linien
Layout: Entwurf, Planung und Anordnung
Druck & Veredelung: Bild, Textreproduktion, Aufwertung von Printprodukten
Bild & Grafik: Visuelle Information
Typografie: Schriftgestaltung, Satzgestaltung, Textgestaltung
Format: Größe, Form, Ausstattung
Farbe: Sinneseindruck
Grundlagen des Grafikdesigns
This End Up: Verpackungsdesign

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Argentinien hören

Dienstag, 28. September 2010

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Antje Hinz, Josef Tratnik
Argentinien hören
Silberfuchs Verlag 2010, 1 CD, Laufzeit 80′, 16 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 940665 19 5

Argentinien hören

Argentinien, dem Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse, ist die musikalische Reise nach von Antje Hinz gewidmet. Dramatische Musikzitate verbunden mit der fesselnden Erzählstimme von Josef Tratnik lassen die gehaltvollen 80 Minuten viel zu kurz erscheinen.

Das Konzept der Hörreisen ist ebenso innovativ wie zeitlos. Exzellent recherchierte Inhalte und für einen flüssigen Vortrag geschriebene Texte garantieren, dass aufmerksames Zuhören selbstverständlich wird. Musikzitate begleiten, akustisch gleichberechtigt, den chronologisch aufgebauten Text. Stimmungsvoll erzählt und perfekt produziert, kann man sicher sein, in jeder Hinsicht ein Qualitätsprodukt zu erwerben. Das eingespielte Team und die konsequente Linie des Silberfuchsverlags spiegeln sich auch im Cover und im attraktiv-übersichtlichen Booklet wider, das von Roswitha Rösch gestaltet wurde.

Zu Argentinien hat wohl jeder eine bestimmte Vorstellung und erfasst damit meist nur einen schmalen Aspekt dieses riesigen Landes. So vielfältig wie Geografie und Klima ist auch die Kultur und die schmerzhafte Geschichte des Argentiniens. Das Silberland (lat. argentum = Silber) mit seinem Silberfluss (Rio de la Plata) war Lebensraum von 30 Ethnien bevor im 16. Jahrhundert Spanier und Katholizismus über das Land hereinbrachen. Einwanderungswellen bildeten seither einen kulturellen Schmelztiegel. Reiche und Arme, Wirtschaftsflüchtlinge, politisch Verfolgte und verfolgte Politiker begegnen sich in Argentinien. Alles ist hier möglich: Jesuiten und Gauchos, Perón und Borges, Königreich, Diktatur und Republik, Terror, Theater und Tango. Jorge Luis Borges sagte treffend über seine Landsleute: “Sie sind Italiener, die Spanisch sprechen und gerne Engländer wären, die glauben, in Paris zu leben”.

Argentinien in 80 Minuten gelungen zu präsentieren, kann nur den Silberfüchsinnen gelingen. Von den Mythen der Ureinwohner in Feuerland, über indigene Völker und Zuwanderungswellen wird der Bogen über Kultur und Politik unter Berücksichtigung der gesellschaftlichen Traumata bis in die Gegenwart gespannt. “Argentinien hören” ist ein Hauch Tango in den Ohren.

Hörproben

© S. Strohschneider-Laue

Argentinien hören

höre auch:
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Frida Kahlo Retrospektive

Sonntag, 19. September 2010

Martin-Gropius-Bau, Bank Austria Kunstforum (Hgg.)
Frida Kahlo
Retrospektive
Prestel 2010, 256 S., zahlr. Farb- und Sw.-Abb. 
ISBN 978 3 7913 5009 7

 Frida Kahlo. Retrospektive

Nach der erfolgreichen Ausstellung in Berlin sind noch bis 5. Dezember ‘10 Werke von Frida Kahlo im Kunstforum in Wien zu bewundern. Tatsächlich können die BesucherInnen der Künstlerin aus Mexiko durch ihre Werke und in Fotos näher kommen - näher als es kaum ein anderer Kunstschaffender zulässt. Auch durch Fremdbetrachtungen, denn nichts anderes sind die gezeigten Fotos, ist es möglich, die Einfluss nehmende Persönlichkeit Frida Kahlos zu spüren.

Über Frida Kahlo ist viel publiziert worden. Zahlreiche Bände über ihr Werk, ihr Leben liegen bereits vor. Umso überraschender ist es, dass es den AutorInnen dieses haptisch und optisch hochwertigen Ausstellungskatalogs gelingt, neue Aspekte in den Vordergrund ihrer Betrachtungen zu rücken.

Ingried Brugger, Direktorin des Bank Austria Kunstforums, widmet sich in “Eine kleine Welt, die so groß geworden ist …” einer Frau, die sich im männlich dominierten Kunstbetrieb nicht aufdrängte, es vielleicht auch nicht wollte. Und sie verweist auf die Künstlerin, deren Leben und Werk eine Einheit voller Widersprüche zu sein scheint, die letztlich erst ihre wirkliche Persönlichkeit ausmachten.

“Die himmlische Liebesgeschichte und chiffrierte Geheimschriften im Werk von Frida Kahlo” unterzieht Helga Prignitz-Poda einer näheren Betrachtung und räumt bereits zu Beginn mit zahlreichen Falschmeldungen auf. Den Katalog bereichert sie überdies noch durch ihren Beitrag “Die Zeichnungen”, während “Fotografien. Das Bild als Zeugnis: Frida Kahlo und die Fotografie” von Cristina Kahlo vorgestellt werden.

Unter der doppelten Betrachtung “Fridas Freunde sind auch meine Freunde. Oder: Wer sammelt Kunst von Frida Kahlo?” analysiert Salomon Grimberg Künstlerin und ihre SammlerInnen zu gleichen Teilen. Denn alle, die ein Werk von Frida Kahlo kauften, reklamierten sich zugleich in ihr Leben, standen ihr nahe oder wünschten es zumindest.

Die literarischen Aspekte der Künstlerin werden in “Frida Kahlo, die Poetin. Zu den Briefen, Gedichten und Aufzeichnungen einer literarischen Künstlerin” vorgestellt. Peter von Becker lässt Frida Kahlo für sich selbst sprechen. Zugleich stellt er überaus spannend die betreffenden Stationen ihres Lebens ihren Texten sowie ihre Werke den betreffenden literarischen Querbezügen gegenüber.

Florian Steininger, der ebenso wie Heike Eipeldauer und Helga Prignitz-Poda Textbeiträge zum Katalog beistellt, legt mit “‘Frida Icon’. Das autoritäre Auge bei Frida Kahlo” einen Beitrag zur Rezeption christlicher Heiligendarstellungen im Werk der Künstlerin vor.

Mit “Frida Kahlo. Das Leben, ein Schmerz” bringt Arnoldo Kraus die körperliche Krankengeschichte der Künstlerin in ein Spannungsverhältnis zu ihrem seelischen Schmerz und deren Verarbeitung durch ihr Kunstschaffen.

Die politische Dimension der Künstlerin und ihrer Weggefährten wird von Francisco Reyes Palma in “Frida Kahlo: Eine antistalinistische Bombe, als Geschenk verpackt” über die Metapher hinaus gewürdigt.

Im abschließenden Essay unterzieht Jeanette Zwingenberger “Frida Kahlos Körperräume” Vergleiche mit etlichen KünstlerInnen, darunter auch Dalí und O’Keefe. Deren surrealistischer Blick ist voller symbolhaften Doppeldeutigkeiten sowie zeitlich-räumlichen Widersprüchen. Sichtweisen, die auch Frida Kahlo kennzeichnen.

Der Katalogteil wird durch Bildessays ergänzt, während die Zeichnungen und Fotografien gesondert vorgestellt werden. Eine übersichtliche Biografie, das Verzeichnis der ausgestellten Werke, ausgewählte Literatur sowie eine Übersicht über die AutorInnen beschließen den prächtigen Band.

© S. Strohschneider-Laue

Frida Kahlo. Retrospektive 
Frida Kahlo: Die Lebensgeschichte
Frida Kahlo - Die Malerin und ihr Werk
Frida Kahlo - Ihre Photographien
Jetzt, wo Du mich verläßt, liebe ich dich mehr denn je

Aktuelle Ausstellungskataloge
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Tropische Fische Ostindiens

Donnerstag, 16. September 2010

Non-Fiction

Samuel Fallours
Theodore W. Pietsch 

Tropische Fische Ostindiens
Taschen 2010, Faksimile 104 S., En./Fr./Dt Booklet 100 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8365 2531 2 

Samuel Fallours: Tropische Fische Ostindiens

Bücher mit Abbildungen bunter Fische sind heute keine Seltenheit. Aber es wäre nicht Taschen, wenn dieses Buch nicht doch eine Seltenheit wäre. Der vorliegende Prachtband verbindet die Qualitäten eines historischen Grundlagenwerks mit denen eines hochqualitativen Faksimiles und eines Coffee Table Books.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts war die farbenprächtige Publikation über tropische Fische eine Novität. Kuriositätenkabinette waren vornehme Pflicht, die Beschäftigung mit Naturalien ein beliebtes und teures Hobby des Adels und der reichen Bürgerschaft. Doch was als Präparat in Europa ankam, entsprach selten der prachtvollen lebenden Realität. Umso überraschter, wenn auch skeptischer, reagierten Sammler und Forscher auf die Farbenpracht, die die Tafeln offenbarten. Fische zeigten sich bunter als Papageien, Schmetterlinge und Blumen.

Die Auftragsarbeit des Generalgouverneurs Adriaen van der Stel in Ostindien entstand im Laufe von rund 17 Jahren. 460 Kupferstiche zeigen 415 Fische, 41 Krebse, zwei Stabheuschrecken, einen Dugong sowie eine Meerjungfrau. Nur 10% der Abbildungen sind Fantasiegebilde, alle anderen lassen sich tatsächlich lebenden Spezies, Gattungen und Familien zuordnen. Verschiedene Künstler trugen zur Entstehung bei, Samuel Fallours ist allerdings jener über den am meisten bekannt ist. Er fertigte zahlreiche Kopien seiner Zeichnungen für Sammler an. Oft auch - ganz kundenorientiert - reichlich bizarre Neuinterpretationen, die aus tatsächlichen Vorlagen und Augenzeugenberichten hervorgingen.

Als frühestes Farbwerk zu tropischen Fischen gehört es zugleich auch zu den seltensten. Fasziniert heute vor allem der hübsche Anblick, so sollte nicht vergessen werden, dass das Buch an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert ein bedeutendes naturwissenschaftliches Werk war und einen tiefen Einblick in die Wissenschaftsgeschichte bietet. Die spannende Hintergrundgeschichte zu “tropische Fische Ostindiens” wird von Theodore W. Pietsch minutiös und dennoch fesselnd anhand zahlreicher Quellen in einem beigefügten dreisprachigen Booklet nachvollzogen. Herausnehmbar erweist sich das Booklet beim Betrachten der Tafeln als hilfreich. Jede Tafel ist im Briefmarkenformat abgebildet und bestimmt die gezeigten Tiere. 

Wer nicht das Glück hat, das Original in der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen ansehen zu dürfen, wird mit dem Faksimile von Taschen ein ebenso großes Vergnügen haben.

© S. Strohschneider-Laue

Samuel Fallours: Tropische Fische Ostindiens

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Humanbiologie

Montag, 21. Juni 2010

Wolfgang Clauss, Cornelia Clauss 
Humanbiologie kompakt 
Spektrum 2009, 458 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 8274 1899 9

 Humanbiologie kompakt (Bachelor)

Für angehende AnthropologInnen, BiowissenschaftlerInnen und MedizinerInnen ein unentbehrliches Handbuch für den Einstieg ins Thema. Die Grundlagen werden in diesem übersichtlichen Werk, didaktisch perfekt aufbereitet, vorgelegt. Siebzehn Kapitel informieren beginnend mit der Stammesgeschichte des Menschen und Paläogenetik über den Bauplan und Funktion des Systems “Mensch” bis zur Humanökologie und -ethologie minutiös über sämtliche Aspekte - inklusive Gesundheit und Krankheit -  der Humanbiologie.

Den Kapiteln sind die jeweiligen Lernziele vorangestellt. Anschließend folgen nach dem logischen Prinzip “Vom Allgemeinen zum Besonderen” gegliedert die Details zu diesem Abschnitt. Strukturiertes und überschaubares Lernen ist für Studierende durch diesen Aufbau in jedem Fall gewährleistet. Deutliche Schwächen zeigt der in humanbiologischer Hinsicht ausgezeichnete Bandes bezüglich aktueller prähistorischer Forschung. Wesentliche Charakteristika der Epochen und ihrer Zeitstufen, die durch ihre Sachkultur ebenso gekennzeichnet sind wie durch Lebensspuren und Überreste des Menschen selbst, sind falsch oder fehlen völlig. Dadurch wird das bisher durch archäologische Methoden gewonnene Bild der Menschheitsentwicklung stark verzerrt. Ein Verzicht auf die bis zur Unkenntlichkeit umgezeichneten Werkzeuge, unter denen die Wichtigsten fehlen, wäre jedenfalls besser gewesen.

Unabhängig vom wissenschaftlichen Inhalt, muss die die herausragende grafische Gestaltung des Bandes erwähnt werden. Die zahlreichen Grafiken, Diagramme, Formeln und Tabellen sind in übersichtliche Form gebracht und ergänzen harmonisch den Fließtext. Mit nur einer Schmuckfarbe, einem kräftigen “Tintenblau” wird Wesentliches sofort optisch hervorgehoben. Blaue mit abfallend gedruckten Linien eingefasste und mit Rufzeichen versehene Einschübe, heben Definitionen, Forschungsmeinungen hervor und kennzeichnen Kernaussagen deutlich.

Fazit: Hier liegt tatsächlich kompakte Humanbiologie vor. Schon vor dem Studium sollte der Band in OberstufenschülerInnen zur Vorbereitung auf ein einschlägiges Studium in Schulbibliotheken zur Verfügung stehen.

© S. Strohschneider-Laue

Humanbiologie kompakt (Bachelor)

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Mazzesinsel Kochbuch

Montag, 21. Juni 2010

Katja Sindemann  
Mazzesinsel Kochbuch 
Kulinarische Streifzüge durch das jüdische Wien  

Metroverlag 2009, 160 S., zahlr. Farbfotos.
ISBN 978 3 9025 1789 0

 Mazzesinsel Kochbuch: Kulinarische Streifzüge durch das jüdische Wien

Die Leopoldstadt in Wien ist die Mazzesinsel. Die Insel zwischen Donau und Donaukanal, der heutige 2. Bezirk, ist seit dem frühen 17. Jahrhundert trotz Verfolgung und Terror bis in die Gegenwart mit jüdischem Leben verbunden. Das Mazzesinsel Kochbuch rund um jüdische Festtage ist mehr als nur ein geschmackiger Wienbezug. Es ist Stadtgeschichte, Lifestyle und Kulinarium zugleich.

Die jüdische Esskultur ist vielfältig und rein gefühlsmäßig scheint der Gefilte Fisch das weltweite Bindeglied zu sein. Die in Wien zubereiteten Speisen zeichnen sich durch Einflüsse aus der gesamten Donaumonarchie aus. Die jüdische Küche ist da keine Ausnahme, dennoch kommen in Wien vor allem osteuropäische Einflüsse zum Tragen. Und zugleich spiegeln die nach rituellen Speisevorschriften zubereiteten Gerichte Religion und Geschichte gleichermaßen wider. 

Ein essenzielles Merkmal ist, dass die Zutaten von der Herstellung über die Aufbewahrung bis zur Verarbeitung koscher, also den Speisevorschriften entsprechend, sein müssen. Dass es dabei oft nicht leicht nachvollziehbare Regeln gibt, hat u.a. verschiedene historische und regionale Gründe. Was für kühlschranklose vergangene Zeiten in heißen Regionen sinnvoll war, mag heute überholt anmuten. Religiöse Traditionen werden von Gläubigen selten hinterfragt, wie man ja auch an der Tatsache erkennen kann, dass Christen den Biber wegen seines schuppigen Schwanzes ohne Zögern zum fastentauglichen Fisch erklärten. Mit einem flotten Text, dessen steter Informationsfluss Gehalt mit etlichen treffenden Witzen angereichert ist, wird das komplexe “koscher” verständlich umrissen.

Im Jahreskreis der jüdischen Feiertage werden die Gerichte vorgestellt und die Parallelen zur allgemeinen Küche sind unverkennbar. Die koscheren Produkte und die koschere Zubereitungsweise sind oft der wesentliche Unterschied von wientypischen Rezepten.

Schabbat, das jüdische Jahr, Rosh Hashana, Jom Kippur, Sukkoth, Chanukka, Purim, Pessach und Schawuoth heißen die Kapitel, unter denen die Kulinaria gelistet sind. Die Kapitel leiten mit einer, oft sehr unterhaltsamen, Beschreibung des betreffenden Festes zu den passenden Speisen über. Viele der Rezepte sind auch für ungeübte KöchInnen zu meistern und nur wenige benötigen umfassende Kocherfahrung. Und im Vertrauen, wer sich nicht an die vielen fantastischen Süßspeisen heranwagt, dem ist sowieso nicht zu helfen. Benutzerfreundliche Rezeptregister, ausgewählte Adressen und Literaturhinweise schließen einen wahren Prachtband im Kochbuchformat.

Die stimmigen Fotos von Christine Wurnig und das gelungene Layout machen das inhaltliche Vergnügen des “Mazzesinsel Kochbuchs” zu einem optischen Genuss.

Gelungen und erfreut nicht nur solche, die gerne in der Küche stehen!

© S. Strohschneider-Laue

Mazzesinsel Kochbuch: Kulinarische Streifzüge durch das jüdische Wien 

siehe auch:
Wiener Wirtshauskochbuch 
Koscher & Co: Über Essen und Religion 
Am Anfang war die Ökologie. Naturverständnis im Alten Testament 
Der koschere Knigge: Trittsicher durch die deutsch-jüdischen Fettnäpfchen

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Der kleine Erotiker

Sonntag, 20. Juni 2010

Fiction

Dennis DiClaudio
Der kleine Erotiker
DVA 2010, 208 S., zahlr. Sw-Abb.
ISBN 978 3 4210 4410 5

 Der kleine Erotiker: Lexikon der unzüchtigen Vergnügungen 
 

Nach Der kleine Hypochonder folgte Der kleine Neurotiker. Mit einer Steigerung war eigentlich nicht mehr zu rechnen, bis der neue Geniestreich auch auf Deutsch vorgelegt wurde. Wer den Neurotiker und den Hypochonder gelesen hat, kommt an diesem lüsternen Brevier nicht vorbei. Die Pflichtlektüre für unbefangene SchmunzlerInnen lässt kein schrilles Verlangen aus und hat der Übersetzerin Anne Uhlmann einiges abverlangt.

Wer die ersten beiden Bände versäumt hat, sei gesagt, dass es sich auch hierbei nicht um ein medizinisches Nachlagewerk handelt, dafür wurden zu viele Fakten ausgelassen. Es ist auch keine Anleitung für Experimentierfreudige, dazu ist es ebenfalls zu unpräzise. Worin es wirklich präzise ist, ist die Absurdität der menschlichen - im größeren Ausmaß männlicher - Neigungen.

Mit den Titeln schöner Schmerz, Körperteile und ihre Funktionen, unbeseelte Gegenstände, im Land der Fantasie(n), Fauna und Flora, Kostüm und Rollenspiel unterteilt er feinsäuberlich den Lustgewinn in Kapitel. Wie oft dabei der sexuelle Mehrweit durch Ein- und - mehr oder weniger erfolgreich - Abgeführtes erreicht wird, davon können wohl nur Chirurgen berichten, die Sammlungen von allerlei kalziniertem Getier, floralen Resten oder unbeseelten Objekten wie - anscheinend aus gutem Grund torpedoförmigen - Marienstatuetten vorweisen können. Wer jemals gehört hat, dass Liebe durch den Magen geht, denkt an gutes Essen und hat nicht unbedingt mit Hüttenkäse gefüllte Badewannen im Sinn. Ja so sind manche Sinnsprüche von mehr Doppelbödigkeit als man annehmen möchte. Sollten Sie jemals den Spruch “wie die Nase des Mannes, so sein Johannes” gehört haben, sind sie eindeutig noch nie einer Nasophilien begegnet. Ihr ist nämlich der Johannes mit seinem Johannes völlig gleichgültig, wenn sie nur sein unwiderstehliches Riechorgan ohne den restlichen Johannes behalten könnte. Was den nasophilen ihn hingegen beflügelt, lesen Sie lieber selbst nach.

DiClaudio behauptet, dass er bestimmte Details ausgelassen habe, wenn man allerdings jene liest, die er zu publizieren willens war, verzichtet man gerne auf den Rest, aber nicht auf “Der kleine Erotiker”.  Dass er in vielen Belangen recht hat, bestätigt folgendes Zitat: “Jahrzehnte hindurch, in denen Fetischisten gezwungen waren, ihre Lebensweise geheim zu halten, galten Leder und Latexbekleidung als Marken- und Erkennungszeichen des Bondage. Heute gehen Zehn- bis Zwölfjährige so in die Schule. Die Zeit hat schon einen schrägen Sinn für Humor.” Und so beweist auch Dennis DiClaudio mit seinen Büchern immer wieder seinen schrägen Sinn für Humor, den seine Fans lieben!

© S. Strohschneider-Laue

Der kleine Erotiker: Lexikon der unzüchtigen Vergnügungen 

siehe auch:
Der kleine Neurotiker 
Der kleine Hypochonder

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Blattgold

Montag, 07. Juni 2010

Karin Havlicek
Vergolden mit Blattgold
Schritt für Schritt

DVA 2010, 192 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 4210 3713 8

 Vergolden mit Blattgold: Schritt für Schritt

Gold. Das Wort allein ist eine Verheißung. Die Symbolkraft des wertvollen Edelmetalls ist legendär. Seine Materialeigenschaften sind kaum zu übertreffen. Zu Blattgold geschlagen, lassen sich mit den hauchdünnen Blättchen Oberflächen so perfekt veredeln, dass die Objekte wirken als bestünden sie aus massivem Gold. Unzählige Bilder- und Spiegelrahmen, Wandvertäfelungen und Statuen verlangten in längst vergangenen Jahrhunderten nach der kundigen Hand des Vergolders. Wie geschäftig es in deren Werkstätten zugegangen sein muss, lässt ein Stich in der von Denis Diderot ab 1751 zusammengestellten “Encyclopédie, ou Dictionaire raisonné des sciences, des arts et des métiers” erahnen. Heute ist es um das traditionsreiche Handwerk stiller geworden. Der Beruf des Vergolders scheint langsam in Vergessenheit zu geraten - ein Schicksal, das er mit anderen Handwerken, die auf Qualität statt Massenfertigung setzen, teilt. Doch solange es MeisterInnen gibt, die bereit sind ihr Wissen nicht nur an Auszubildende, sondern auch an interessierte Laien weiterzugeben, werden die alten Techniken nicht verloren gehen. Karin Havlicek ist eine von ihnen. In ihrem herrlich informativen Buch “Vergolden mit Blattgold” bietet die Schreinerin und Vergoldermeisterin eine umfassende Einführung in die Techniken des Vergoldens.

Der Aufbau des Buches ist übersichtlich und logisch. Ausgehend von der Materialkunde werden zunächst Blattmetalle und Vergoldungsarten vorgestellt. Der Hinweis auf die Bedeutung der richtigen Beschaffenheit und Sauberkeit von Arbeitsplatz und Werkzeugen für das Gelingen einer perfekten Vergoldung dient als Überleitung zur Vorbereitung des Untergrundes, die besonders sorgfältig erfolgen muss. Im Anschluss daran folgen die Kapitel zu den unterschiedlichen Vergoldungsarten. Der Bogen spannt sich dabei von der Polimentvergoldung über Mixtionvergoldungen/Anlegevergoldungen, Vergoldung mit dem Kölner Instacoll-System bis zu Hinterglasvergoldungen und Mordentvergoldungen.

Karin Havlicek führt mit ihrem präzise formulierten, leicht verständlichen und mit nützlichen Tipps gespickten Text Schritt für Schritt durch den jeweils erforderlichen Arbeitsvorgang. Hervorragende Fotos begleiten die verbalen Erklärungen und machen es möglich, die einzelnen Arbeitsschritte sowie die Handhabung der Werkzeuge auch optisch nachzuvollziehen. Benötigte Materialien und Arbeitsgeräte sowie die Abfolge der Arbeitsschritte in Kurzform werden als Listen präsentiert. Sogar Rezepte verrät die Autorin.

Der Verwendung von Blattgold für die Veredelung von Büchern (Goldschnitt) und anderen mit Leder bezogenen Werkstücken (Vergoldung von Lederprägungen) ist ein eigener Abschnitt am Ende des Buches gewidmet. Zu guter Letzt wird es kulinarisch, denn Blattgold kann auch zur Verzierung von süßen Leckereien verwendet werden. “Vergolden mit Blattgold” ist ein Buch mit hohem Informationsgehalt, das als Anleitung und Nachschlagwerk unverzichtbar ist. Karin Havlicek gelingt es, mit den Grundlagen auch die vom Vergolderhandwerk ausgehende Faszination zu vermitteln. Obwohl sie vor Augen führt, wie arbeitsauswendig eine Vergoldung ist, wie viel Übung und Sachkenntnis zu ihrer Ausführung benötigt wird, bleibt der Tonfall des Textes ermutigend. Unterstützt von der attraktiven Gestaltung - für die unter anderem stimmungsvolle Nahaufnahmen von Blattgold zum Einsatz kommen - weckt das Buch

“Vergolden mit Blattgold” die Lust zumindest einige der vorgestellten Techniken selbst auszuprobieren.

© Ch. Ranseder

Vergolden mit Blattgold: Schritt für Schritt

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Landschaftsarchitektur visualisieren

Montag, 07. Juni 2010

Elke Mertens
Landschaftsarchitektur visualisieren
Funktionen, Konzepte, Strategien
Birkhäuser 2010, 192 S., zahlr. Farbabb., 1 DVD
ISBN 978 3 7643 8788 4

 Landschaftsarchitektur visualisieren: Funktionen, Konzepte, Strategien

In der Welt des Designs ist es üblich, mit Bildern und Modellen zu kommunizieren. Auch Landschaftsarchitekten vermitteln ihre Ideen und Gestaltungsvorschläge für Freiräume mit Hilfe von Visualisierungen aller Art, deren Anfertigung ein integraler Bestandteil des Arbeitsprozesses ist. Die Wahl der Ausdrucksmittel und -modi richtet sich dabei nach der Planungsaufgabe und der Zielgruppe, mit der es gilt in Dialog zu treten. Im Lauf der Auseinandersetzung mit einem Projekt entstehen zahlreiche bildliche Darstellungen, die nicht für die Augen der Auftraggeber bestimmt sind, sondern nur der bürointernen Kommunikation im Rahmen der Ideenfindung sowie der Optimierung von Entwürfen dienen. Sie sind im allgemeinen von einer größeren Spontanität und Unmittelbarkeit geprägt als die ausgefeilten Reinzeichnungen, welche für die Weitergabe an Externe angefertigt werden.

In dem Buch “Landschaftsarchitektur visualisieren” sind alle Typen der visuellen Kommunikation planerischer Inhalte, die im Rahmen der Freiraumgestaltung zum Einsatz kommen können, vertreten. Das Spektrum reicht vom Scribble bis zum Film, vom nüchternen Bestandsplan bis zur Collage, die emotional ansprechen soll. Obwohl auch flüchtige Handskizzen Aufnahme in den Reigen der Abbildungen gefunden haben, wurde bei der Auswahl des reichhaltigen Bildmaterials der Schwerpunkt auf Darstellungen, die einen hohen Grad der optischen Perfektionierung aufweisen, gelegt.

Das grafisch übersichtlich gestaltete Buch ist in drei farbcodierte Teile gegliedert, denen einführende Worte zu Ideen- und Gestaltfindung sowie einige Beispiele historischer Darstellungsweisen vorangestellt sind.

Teil 1 - Funktionen - befasst sich mit der Darstellung von Fläche, Raum und Zeit. Zweidimensionale Ansichten, also Grundrisse und Schnitte, sind die Grundlage der visuellen Kommunikation in der Landschaftsarchitektur. Auf sie beruhen die zur Analyse eines Areals unabdingbaren Bestandspläne ebenso wie Vorentwurfs- und Entwurfspläne, Struktur- und Flächennutzungspläne, Pflanzpläne sowie Geländequerschnitte mit Terrain- und Vegetationshöhen. Dreidimensionale Darstellungsmodi umfassen Perspektiven, Axonometrien und Modelle. Mit ihrer Hilfe können Raumeindrücke wiedergegeben werden. Ansichten aus der Vogelschau erleichtern sowohl die Vorstellung des Zusammenspiels von Gelände, Entwurfsstruktur und Vegetation, als auch der Eingliederung einer Neuplanung in den bestehendem städtischen oder ländlichen Kontext. Durch die Wahl eines ungefähr der Augenhöhe späterer Nutzer entsprechenden Blickwinkels kann das intendierte Raumerlebnis angedeutet werden. In ihrer Extremform wird die dreidimensionale Darstellung - künstlerisch aufgewertet durch gewagte Perspektiven oder mit positiv besetzten Elementen (wie Schmetterlingen, Vögeln, bunten Blüten etc.) versehen - zum reinen Stimmungsträger. Der Faktor Zeit schließlich spielt vor allem für Beleuchtungskonzepte und die Zusammensetzung der Bepflanzung eine Rolle. Zuweilen ist die Einbeziehung der besonderen Geschichte eines Ortes opportun oder wird vom Auftraggeber explizit gewünscht.

Teil 2 - Konzepte - legt anhand von Fallbeispielen dar, wie Visualisierungen im tatsächlichen Planungsprozess und im Rahmen von Wettbewerben zum Einsatz kommen. Erst die überzeugende Komposition individueller Pläne und Zeichnungen, deren aussagekräftiges Ineinandergreifen in Bildfolgen, ermöglicht die erfolgreiche ganzheitliche Vermittlung einer komplexen Planung.

Teil 3 - Strategien - setzt sich mit der Herausforderung großräumiger Planungen im gesellschafts- und umweltpolitischen Kontext auseinander. Das Wachstum der Städte, die Zersiedlung der Landschaft und der Klimawandel wird in der nicht allzu fernen Zukunft auch die Fähigkeiten der Landschaftsarchitekten auf die Probe stellen.

“Landschaftsarchitektur visualisieren” gibt einen Querschnitt durch die Bandbreite der Kommunikationsmittel und Stile, derer sich Landschaftsarchitekten für die Präsentation vielschichtiger Inhalte bedienen. Unabhängig davon, ob sie lieber mit dem Bleistift oder mit dem Computer zeichnen, ist ihre Bildsprache international. Das belegt die Auswahl der Beispiele aus der Praxis von Büros aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Dänemark, der Schweiz, den Niederlanden, Israel, Kanada, den USA, Kolumbien, Japan, China und Australien. Es ist nicht zu leugnen, dass sich unsere Sehgewohnheiten durch den zur Selbstverständlichkeit gewordenen Einsatz von Computern und die globale Ausweitung der Märkte verändert und vereinheitlicht hat. Die Freiheit als Landschaftsarchitekt eine individuelle Handschrift des grafischen Ausdrucks zu entwickeln, ist dennoch beträchtlich. Schließlich geht es in der Berufspraxis auch um die Entfaltung von Überzeugungskraft. Ansprechende Präsentationsunterlagen mit ästhetischem Mehrwert helfen, Entscheidungsträger und Geldgeber, Wettbewerbsjuroren und befragte künftige Nutzer für sich und ein Projekt zu gewinnen. Durch seinen weit gefassten Überblick der heutigen Darstellungsmöglichkeiten ist das Buch eine hervorragende Inspirationsquelle für die Erarbeitung eines eigenen Stils. Welche technischen Daten (z. B. Bemaßung, Nivellements, Maßstab, Nordpfeil) auf Plänen für ein tiefgreifenderes Verständnis jenseits des visuellen Oberflächenreizes hilfreich sind, wie sich Legenden sinnvoll zusammensetzen oder wie die Positionen von Schnitten auf Grundrissen markiert werden können, sodass der Zusammenhang auch Laien auf den ersten Blick klar wird, erschließt sich durch das Betrachten und den Vergleich des Anschauungsmaterials. Leider sind durch die beträchtliche Größenreduktion der Bilder deren Originalbeschriftungen fallweise so klein geraten, dass der Griff zur Lupe fast unausweichlich ist. Mit der Vorstellung der Darstellungsformen und -techniken nimmt bei der Lektüre von “Landschaftsarchitektur visualisieren” auch der berufliche Alltag von Landschaftsarchitekten schemenhaft Gestalt an.

“Landschaftsarchitektur visualisieren” ist ein fachlich fundiertes Buch, dessen unbeschwerter Text und grosses Spektrum sorgfältig kommentierter visueller Erscheinungsbilder zahlreichen Studienanfängern die Tore zur Erkenntnis öffnen werden.

© Ch. Ranseder

Landschaftsarchitektur visualisieren: Funktionen, Konzepte, Strategien

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Giftmord

Mittwoch, 12. Mai 2010

Helga Schimmer  
Giftmord 
Gerichtschemiker in ihrem Element  

Kremayr&Scheriau 2009, 192 S., Sw.-Abb.
ISBN 978 3 2180 0801 3

 Giftmord: Gerichtschemiker in ihrem Element

Wie die Gerichtsmedizin zur heutigen Wissenschaft wurde, bietet die Grundlage zu den nachfolgenden spektakulären, unheimlichen und nahezu perfekten Todesfällen durch Gift.  Säuberlich in giftige Elemente und anorganische Verbindungen sowie toxische organische Verbindungen getrennt, legt Helga Schimmer die passenden Verbrechen zu den entsprechenden Substanzen vor.  In flotter journalistischer Manier wird erzählt, wie forensischen Toxikologen die jeweiligen Fälle nachweisen konnten. 

Über die Wirkung und den Erfolg von Gift war man vermutlich schon in Urzeiten, aber ganz sicher ab der Antike bestens informiert. Den Nachweis des freiwilligen oder meist eher unfreiwilligen Giftkonsums zu erbringen, war - und ist es teilweise heut noch jedenfalls - nicht so einfach. Mal ganz abgesehen davon, dass bekanntlich “die Dosis das Gift macht”, kann in kleinen Mengen durchaus Verträgliches - wie z. B. Alkohol - in großen Mengen konsumiert zum Tode führen. Die minutiöse wissenschaftliche Spurensuche und ihre Beweise konnten sich vor Gericht außerdem nicht seit jeher behaupten. Auch James Marsh musste 1836 erst einen besseren Arsennachweis als den des Homöopathen Samuel Hahnemann entwickeln - die sog. Marshsche Probe -, um seine wissenschaftliche Glaubwürdigkeit vor Gericht durchsetzen zu können. Wegen der guten Nachweisbarkeit ist Arsen bei Giftmischern aus der Mode gekommen - zumindest solange bis die Gerichtsmedizin begann Arsentests zu vernachlässigen.

Egal ob Arsen, Thallium, Selen, Blausäure dem Essen, Getränken oder Medikamenten beigemischt werden oder ein bisschen Knollenblätterpilzgift heimtückisch unter die Haut gespritzt wird, das Ergebnis ist in jeden Fall verheerend. So locker und flockig auch die Schreibe sein mag, die Autorin weiß, worüber sie berichtet. Helga Schimmer nicht nur Chemikerin, sondern auch bestens mit Giftstoffen und ihren Wirkungen in realen Vergiftungsfällen vertraut. Ihr Buch ist eine fesselnde Lektüre für KrimispezialistInnen, schließlich wollen AutorInnen und LeserInnen wissen, welche Mittelchen probate Opferproduzenten sind. Und wer dann noch nicht genug von Gift hat, wird unter der weiterführenden Literatur sicher fündig werden.

© S. Strohschneider-Laue

Giftmord: Gerichtschemiker in ihrem Element

Siehe auch:
Kriminologie: Eine praxisorientierte Einführung mit Beispielen
Mordmethoden: Ermittlungen der bekanntesten Kriminalbiologen der Welt
CSI-Forensik für Dummies
Von Arsen bis Zielfahndung: Das aktuelle Handbuch für Krimiautorinnen und Neugierige

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Die Eiszeit

Mittwoch, 12. Mai 2010

Brian M. Fagan (Hg.) 
Die Eiszeit 
Leben und Überleben im letzten großen Klimawandel 

Theiss 2009, 240 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8062 2287 6

 Die Eiszeit: Leben und Überleben im letzten großen Klimawandel

Eiszeiten sind ein wiederkehrendes Klimaphänomen. Der Wechsel zwischen kalt-trockenen und warm-feuchten Perioden zeichnet den Verlauf von Eiszeiten aus. Die Veränderungen des Lebensraum beeinflusste die Entwicklungsgeschichte des Menschen wesentlich. Die letzten zwei Millionen Jahre klimatischen Unbill waren zu bewältigen, ob das bei der derzeitigen Rasanz des Klimawandels auch so sein wird, wird in diesem Band ebenfalls hinterfragt.

Der Anthropologe Brian M. Fagan, der Geograf Mark Maslin, der Spezialist für das Leben in arktischen und alpinen Umweltbedingungen John F. Hoffecker sowie die Archäologin und Paläontologin Hannah O’Regan unterziehen die “Eiszeit” einer genauen Analyse. In acht Kapitel, fantastischen Fotos und gut fassbaren Grafiken führen sie in die Eiszeitforschung und die damit verbundene Problematik ein. Der Bogen spannt sich von der Entdeckung und Erforschung der Eiszeit über die die Tierwelt und die Menschheitsgeschichte bis hin zu einem Ausblick in die klimatische Zukunft.

Die eindeutige Stärke des Buches liegt in der klaren Sprache und der damit verbunden leichten Fassbarkeit des anspruchsvollen Inhalts. Die gute Struktur sowie die überwältigende Fülle von exzellenten Fotos und Grafiken machen das Buch zu einem ansprechenden Reiseführer in die klimatische Situation der letzten zwei Millionen Jahre.

Die ausschließlich englische Literaturliste bietet Möglichkeiten sich vertiefend mit der Materie zu befassen. In Anbetracht, dass hauptsächlich interessierte Laien Zielpublikum des Bandes sind, wäre eine Ergänzung aktueller deutschsprachiger Literatur - auch aus dem Programm des Theiss Verlags - wünschenswert und auch möglich gewesen. Das benutzerfreundliche Register beschließt den empfehlenswerten Band.

© S. Strohschneider-Laue

Die Eiszeit: Leben und Überleben im letzten großen Klimawandel 

siehe auch:
Wetter, Klima, Menschheitsentwicklung: Von der Eiszeit bis ins 21. Jahrhundert 
Klimatologie: Klimaforschung im 21. Jahrhundert - Herausforderung für Natur- und Sozialwissenschaften 
Antarktis: Forschung im ewigen Eis 
Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa. Sonderausgabe: Von der Eiszeit bis zur Gegenwart Kulturgeschichte des Klimas: Von der Eiszeit zur globalen Erwärmung
Die Neandertaler: Auf dem Weg zum modernen Menschen 
Mammut, Mensch & Co.: Steinzeit in der Eiszeit

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Mittelalter: Interkultureller Dialog in alten Schriften

Freitag, 07. Mai 2010

Andreas Fingrnagel (Hg.) 
Juden, Christen und Muslime 
Interkultureller Dialog in alten Schriften 

Kremayr & Scheriau 2010, 256 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 2180 0809 9 

Juden, Christen und Muslime: Interkultureller Dialog in alten Schriften

Der interkulturelle Dialog sollte sich ein Beispiel an dieser Publikation nehmen: strukturiert, sachlich, verständlich und weltoffen. Der Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek bietet einen erfrischend modernen Rahmen für die Jahrhunderte gekommenen Kostbarkeiten.

Vier große Schriftkulturen - griechisch, lateinisch, arabisch und hebräisch - dominierten das mittelalterliche Europa. Der wissenschaftliche Austausch basierte daher einst wie heute auf Fremdsprachenkenntnisse und Übersetzungen. Dazu kommt, dass Wissenschafter bis heute geniale Überleser des politischen und religiösen Kotau sind. Jene Unterwerfung, die bis heute in Geleit- und Vorworten oder politisch korrekten Formulierungen seinen Ausdruck findet. Damit war der Mindesttribut an die staatliche und kirchliche Förderung und Anerkennung abgeleistet. Übersetzungen sparen ggf. solche Formulierungen aus oder passen sie an den entsprechenden kulturellen Kontext an. Wissenschafter legen eben mehr Wert auf den Inhalt.

Die gleiche wissenschaftliche Sorgfalt zeichnen Struktur und Inhalt der Beiträge diese Katalogs aus. Andreas Fingernagel, Ernst Gamillscheg, Christian Gastgeber, Solveigh Rumpf-Dorner und Friedrich Simader nehmen sich den Grundlagen sowie des interkulturellen Dialogs in Medizin, Astronomie und Astrologie an.

Grundlagen für das Verständnis der schriftlichen Kommunikation bietet das lapidar bezeichnete Kapitel “Einleitung”, das wesentlich mehr bietet als man es bei thematischen Einleitung gewohnt ist. Hier werden die griechischen, arabischen, hebräischen und abendländischen Handschriften nicht nur hinsichtlich der jeweiligen Sprache, sondern auch in Bezug auf die Produktionstechniken minutiösen und überaus spannenden Betrachtungen unterzogen. Rolle oder Codex, Papyrus oder Pergament, Majuskel oder Minuskel waren die Entscheidungen, die sich kaum vom heutigen Herstellungsprozess unterscheiden. Die Alternativen ob und wie illustriert wird oder nicht, waren stets mehr als nur die Entscheidungen über schön und praktisch. Zuletzt musste noch über einen passenden mehr oder minder schönen aber jedenfalls strapazfähigen Einband entschieden werden. Das gesamte Layout der Produkte spiegelt durch diese Entscheidungen den jeweiligen kulturellen Kontext sowie die Ansprüche des Zielpublikums wider. Viel verändert hat sich an diesen Faktoren wenig. Seit Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern sind Schriften zu Massenmedien geworden, die den Zauber individuell gestaltete Werke im Laufe der Jahrhunderte mehr und mehr eingebüßt haben. Trotzdem muss und soll an dieser Stelle - auch weil es viel zu selten erwähnt wird - eine Lanze für den modernen Herstellungsprozess gebrochen werden. Ein ansprechendes Layout ist fast ebenso wichtig wie ein exzellenter Inhalt. Gestaltung ist deshalb nur “fast” so wichtig, weil die Zielgruppe “Wissenschaftler” weniger  design- und qualitätskritisch und ggf. weniger am unwissenschaftlichen Puls der Zeit interessiert ist. Erfreulich - aber auch logisch -, dass in der Nationalbibliothek hohe Produktqualität nicht nur den Inhalt betrifft. Das perfekte grafische Konzept von “Juden Christen und Muslime” ist Ekke Wolf zu verdanken, der auch Geografische Kostbarkeiten gestaltete. Die an sich schon übersichtliche Textstruktur wird durch das stimmige Layout hervorragend unterstützt. In Kombination mit den ausgezeichneten Abbildungen in hochwertiger Qualität ist es ein bibliophiler Genuss auch unabhängig vom Inhalt in dem Band zu blättern. Bücher sind schließlich mehr als abrufbarer Content.

Den Auftakt des zweiteiligen Wissenschafts- und Publikationsvergleichs macht die Medizin. Medizin im Mittelalter ist ohne Hippokrates und Galen undenkbar. Die Bestseller unter den medizinischen Schriften wurden in alle Sprachen übersetzt und von dort weiter- und wieder rückübersetzt. Von den Veränderungen und Erweiterungen aber auch Übersetzungsverlusten die diesen Prozess begleiteten ganz zu schweigen. Frei nach dem Motto: “Wer nur einen Autor abschreibt ist ein Plagiator, wer viele zitiert ist Wissenschafter”, entstanden zahlreiche aufeinander aufbauende oder spezialisierte medizinische Werke, die sich auch mit Themen wie Schlangenbissen oder chirurgischen Instrumenten befassten. Von den antiken Originalquellen sind nur wenige erhalten. Der spätantike “Wiener Dioskurides” (vor 512), ein pharmakologischer-zoologischer Sammelband, ist so ein faszinierendes Beispiel. Er war Vorlage für zahlreiche ähnlich angelegte Herbarien.

Der Vergleich der Schriften vor dem historischen Hintergrund lässt einen regen wissenschaftlichen Informationsaustausch erkennen, der umso deutlicher bei der Astronomie in Erscheinung tritt. Die wissenschaftliche Entwicklung vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild zeigt wie wichtig für erfolgreiche Foschung internationale Kooperationen sind. Kooperationen, die am Übergang zur Neuzeit die Leistungen von Kopernikus und Keppler erst möglich gemacht haben. Obwohl daran deutlich zu erkennen ist, wie schwierig das wissenschaftliche Streben nach Erkenntnis mit religiöse Positionen - und somit staatspolitischen Interessen - zu vereinbaren ist. Wer weiß wie das spannungsgeladene Verhältnis zwischen Astronomie und Religion ausgegangen wäre, wenn nicht die Berechnungen des Osterfestes, Gebetszeiten- und -richtungen sowie Fastenzeiten wichtig gewesen wären. Erstaunliche Werke entstanden daher zu Astronomie und Astrologie. Manche davon waren neben ihren exakten Berechnungstabellen zusätzlich kleine technische Wunderwerke, die didaktische Modelle für Astrolabien mit beweglichen Teilen boten.

Ganz unabhängig vom Ausstellungsbesuch ist dieser Katalog eine Pflichtlektüre. Die leicht fassbaren Texte und exzellenten Abbildungen sind mehr als ein historischer Überblick zu wissenschaftlichen Publikationen des Mittelalters. Sie sind ein Plädoyer für den interkulturellen Dialog, der keinesfalls durch Vorurteile, Intoleranz und vor allem durch Gewinnsucht religiöser und politischer Demagogen, die die Dummheit ungebildeter Massen für ihre Zwecke nutzen, ausgebremst werden darf.

© S. Strohschneider-Laue

Juden, Christen und Muslime: Interkultureller Dialog in alten Schriften

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Ötzi, die Räter und die Römer

Dienstag, 04. Mai 2010

Non-Fiction

Luisi Righi, Stefan Wallisch
Ötzi, die Räter und die Römer
Folio 2009, 175 S., zahlr. Farbfotos und Karten
ISBN 978 3 85265 486 9

 Ötzi, die Räter und die Römer

Wandern ist kurzweilig und lehrreich, wenn es mehr als nur Bewegung im Freien ist. Die vorliegenden archäologischen Ausflüge Südtirols lohnen sich daher sowohl für Bewegungsfreudige wie Bildungshungrige. Südtirol hat in jeder Hinsicht viel zu bieten. Es ist landschaftlich reizvoll, klimatisch überraschend vielfältig und bietet archäologisch ab der Steinzeit ein breites Spektrum an Sehenswürdigkeiten.

Das Autorenteam dieses Bandes schlägt 46 archäologische Wanderungen in Südtirol - mit dem Herzstück des Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen - vor, die es sprichwörtlich “in sich” haben. Zehn Schwerpunkte gliedern die Wanderungen, die auch einen Abstecher nach Osttirol inkludieren. Den Auftakt machen Exkursionen zum Archäologie Museum in Bozen sowie zum berühmten Südtiroler “Ötzi” und in seinen Lebensraum.  Jagd, Wohnen, Handwerk und Waffen, Götter, Steine, Räter, Römer, Antike Straßen und Begegnungen, die Archäologie und Mysterium verbinden, sind die nachfolgend aufgegriffen Themenbereiche.

Der praktische und strapazfähige Begleiter, passt in jedes Wandergepäck. Die gut struktuierten Überblicksinformationen kombiniert mit praktischen Tipps, guten Fotos, übersichtlichen Wegbeschreibungen und kleinen Karten bieten eine solide Basis und machen Lust auf mehr. Die gewünschte “Mehrinfo” bieten die Museen, die in den Wanderrouten eingebunden sind. Streckenangaben, Rastmöglichkeiten und andere wichitige Informationen werden unter “kurz & bündig” zu jedem Routenvorschlag benutzerfreundlich am Ende zusammengefasst. In den ausklappbaren Umschlagseiten verbergen sich Pläne und die numerisch kartierten Sehenswürdigkeiten. Literaturhinweise runden den kompakten Reiseführer zur Archäologie in Südtirol ab.

© S. Strohschneider-Laue

Ötzi, die Räter und die Römer

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Silhouettenwechsel

Dienstag, 04. Mai 2010

Isabella Belting
Mode sprengt Mieder
Silhouettenwechsel

Hirmer 2010, 144 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 7774 2491 0 

Mode sprengt Mieder: Silhouttenwechsel

Das männliche Begehren bestimmt das Erscheinungsbild und die Chancen von Frauen. Deren Komplizenschaft ist den Männern sicher. Seit Jahrhunderten wird die Form des weiblichen Körpers gnadenlos manipuliert, um dem gerade herrschenden Schönheitsideal zu entsprechen.

In der Vergangenheit wurden Frauenleiber hemmungslos eingeschnürt, aufgepolstert und in Drahtkäfige gesteckt. Die Phasen der Befreiung von Korsett und Reifrock waren kurz und umstritten. Erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts wurde das Mieder zum optionalen Extra. Das Buch “Mode sprengt Mieder. Silhouettenwechsel” folgt dem Schrumpfen und Expandieren der Konturen von Busen, Taille und Po. Ausgangsbasis für die Zeitreise durch die Geschichte der formenden Unterwäsche sind Kleider aus den Sammlungen des Münchner Stadtmuseums. Illustrationen aus Modejournalen und medizinischen Abhandlungen, Karikaturen, Anzeigen und Modefotos dienen als Beispiele für die Vermarktung der vorgestellten Modetrends und ihrer Rezeption in der Öffentlichkeit.

Die Entwicklung der Damenmode vom 18. bis zum 20. Jahrhundert wird in Form einer Erzählung präsentiert. Durch diesen ebenso originellen wie gewöhnungsbedürftigen Zugang ist es Isabella Belting möglich, kostüm- und sozialgeschichtliches Wissen spielerisch zu verweben. Die, bedauerlicherweise stereotype Geschlechterrollen tradierende, Rahmenhandlung ist schnell wiedergegeben. Ein - natürlich - männlicher Professor schickt eine zwar fachlich versierte, aber naive und fügsame Studentin mittels einer als Korsett getarnten Zeitmaschine in die Vergangenheit, um Daten für sein Forschungsprojekt zu sammeln. Samanta, so heißt das Versuchskaninchen, darf am eigenen Leib erfahren, wie sich die Mode der Epochen, die sie als Zeitreisende besucht, trägt.

Als Dienstmädchen muss sie im Jahr 1780 mitansehen, wie bereits kleine Mädchen brutal geschnürt werden, damit sie später am Heiratsmarkt Erfolg haben. Tiefer Ausschnitt, schlanke Taille und mit Drahtgestellen oder Polsterungen verbreiterte Hüften gelten als erotisch. Wenige Jahrzehnte später darf Samanta ohne Korsett als Bürgerstochter im hauchdünnen Chemisenkleid frieren. Besonders Mutige lassen sogar die Unterwäsche weg und zeigen, im neuen Körpergefühl schwelgend, alles. Die Freiheit währt nicht lange. Ab 1815 wird wieder geschnürt, dass das Fischbein kracht und den Frauen die Luft wegbleibt. In die Jahre um 1900 versetzt, sammelt Samanta Erfahrungen mit einem s-förmig geschwungenem Korsett der Sans-ventre-Linie und den billigen Mieder einer Dienstbotin. Zu dieser Zeit sind die durch das Schnüren verursachten gesundheitlichen Schäden bereits gut dokumentiert. Dennoch findet das lose Reformkleid bei den Frauen, die noch immer darauf angewiesen sind eine gute Partie zu machen, wenig Anklang - es ist einfach nicht sexy. Erst in den Zwanzigerjahren gewinnen die Frauen an Unabhängigkeit. Ihre neue Stellung in der Gesellschaft spiegelt sich in der modernen Silhouette der Kleidung, die ohne Korsett auskommt. Doch diese Epoche überspringt Samanta, um sich an den femininen Kleidchen und der zugehörenden modellierenden Unterwäsche der 50er Jahre zu erfreuen. Erst bei ihrem letzten Zeitsprung in die 60er-Jahre verabschiedet sie sich endgültig vom Schnürmieder. Im letzten Kapitel kehrt Samanta wieder in die Gegenwart und deren modische Vielfalt zurück. Das Schlusswort hat - wie könnte es anderes sein - der Professor.

“Mode sprengt Mieder. Silhouettenwechsel” bietet einen launig geschriebenen Überblick über das Wechselspiel der historischen Modetrends. Die Erzählform eignet sich bestens dazu auch die Leiden jener, deren Körper nicht mit dem modischen Ideal harmoniert, zu schildern. Letztendlich ist es ein Buch, das nachdenklich machen sollte. Des Zwangs zum Korsett hat sich Frau entledigt. Werden ihn Diät und Schönheitsoperation ersetzen?

© Ch. Ranseder

Mode sprengt Mieder: Silhouttenwechsel

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Rahmenkunst

Dienstag, 04. Mai 2010

Bayerische Staatsgemäldesammlungen München (Hg.)
Rahmenkunst
Auf Spurensuche in der Alten Pinakothek

Hatje Cantz 2010, 264 S., zahlre. Farbabb.
ISBN 978 3 7757 2606 1

Rahmenkunst: Auf Spurensuche in der Alten Pinakothek

Was wäre ein Gemälde ohne einem passenden Rahmen! Er gibt der Leinwand Halt, definiert die Grenze des Dargestellten und erleichtert die Integration des Bildes in ein übergreifendes Raumkonzept. Meist nicht minder kunstvoll gefertigt als das Werk, das er schützend umschließt, sollte er dieses dennoch nicht überstrahlen.

Wie vielfältig die Designaufgabe, einen Bilderrahmen zu entwerfen, gelöst werden kann, zeigen 91 erlesene Exemplare, die für das schmucke Buch “Rahmenkunst” aus dem Bestand der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen ausgewählt wurden. Vom schlichten schwarz-goldenen Leistenrahmen bis zum nahezu vollplastisch geschnitzten und üppig vergoldeten Prunkrahmen reicht deren stilistisches Spektrum.

Fünf reich illustrierte Essays werfen Licht auf die Herstellung von Bilderrahmen und die Einrichtung von Galerien im 18. Jahrhundert, das Wechselspiel zwischen der Art der Hängung und der für passend erachteten Rahmenleisten sowie die Geschichte der Rahmensammlung der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Besonderes Augenmerk wird auf die Ausstattung der Residenz Würzburg mit Gemälderahmen gelegt.

Eine Abbildung im Textteil des Buches, die vier Hofdamenporträts von Hans Schöpfer d. J. zeigt, erweist sich als besonders aufschlussreich. Jedes der Frauenbildnisse aus dem 16. Jahrhundert ist anders gerahmt. Die Variationen reichen von der schlichten grauen Leiste des Originalrahmens bis zu einer Neurahmung im Stil des Rokoko. Die Gegenüberstellung zeigt einerseits deutlich, wie subtil eine Rahmung die Wirkung eines Gemäldes beeinflusst. Andererseits ist sie auch ein Hinweis darauf, dass Bild und Rahmen von ihren Besitzern nur selten als untrennbare Einheit gesehen wurden. Mit jedem Rahmenwechsel erhielten die Gemälde einer Sammlung ein neues, dem Geschmack der Zeit entsprechendes Kleid, um mit der Innenraumgestaltung zu harmonieren.

An der Herstellung eines Rahmens waren zahlreiche Handwerker beteiligt, darunter Kistler, Bildhauer und Vergolder. Nicht nur Holz wurde verarbeitet und mit Blattgold oder -silber veredelt. Unter den Bilderrahmen, die in dem Buch “Rahmenkunst” bestaunt werden können, sind auch jeweils ein Exemplar mit einer aufgelegten Platte aus Jaspachat, mit Strohintarsien und mit einem Muschel- und Ledermosaik zu finden.

Im großzügig gestalteten Katalog wird jeder Rahmen seitenfüllend abgebildet. Einer detaillierten Beschreibung können Informationen zu Besonderheiten, Herstellung, Provenienzgeschichte und zugehörigem Gemälde entnommen werden. In einigen Fällen wird auch die Rahmenrückseite wiedergegeben, um eine Schlagmarke, Aufkleber oder Beschriftungen zu zeigen.

Am Beginn des chronologisch geordneten ersten Katalogteils, der einen Überblick über die Rahmenkunst gewährt, steht ein um 1560 geschaffener runder Kapselrahmen. Den zeitlichen Abschluss des Streifzugs durch die Rahmenkunst macht ein um 1830 datierender Empirerahmen.

Viele der im Buch vorgestellten Galerie- und Kabinettrahmen entstanden im Zusammenhang mit Raumausstattungen bayerischer Schlösser, Residenzen und fürstlicher Gemäldegalerien. Im zweiten Teil des Katalogs sind die Rahmen daher nach den Orten, für die sie angefertigt wurden, gereiht.

“Rahmenkunst” ist ein Buch voller Überraschungen, das dazu animiert beim nächsten Museumsbesuch nicht nur den gemalten Kunstwerken, sondern auch ihren wunderbaren Rahmen Aufmerksamkeit zu schenken

© Ch. Ranseder

Rahmenkunst: Auf Spurensuche in der Alten Pinakothek

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Anton Romako

Mittwoch, 28. April 2010

Meisterwerke im Fokus
Anton Romako - Tegetthoff in der Seeschlacht bei Lissa
Belvedere 29. April bis 25. Juli 2010

In der Ausstellungsreihe “Meisterwerke im Fokus” des Belvedere steht mit dem außergewöhnlichen Werk des Künstlers Anton Romako (1832-1889) zugleich ein wichtiger militärhistorischer Aspekt im Mittelpunkt.

   

Im Zuge des dritten italienischen Unabhängigkeitskriegs 1866, der durch die Verluste an der zweiten Front im Krieg zwischen Österreich und Preußen zu Gunsten Italiens verlief, war die österreichische Seite in einigen Schlachten gegen Italien siegreich. Eine davon ist die Seeschlacht bei Lissa (kroatische Insel Vis) bei der die größere und modern ausgerüstete Flotte Italiens trotz des erstmaligen Einsatzes von Panzerschiffen den in jeder Hinsicht veralteten österreichischen Holzschiffen unterlag. Der österreichische Konteradmiral Wilhelm von Tegetthoff erzielte den Seesieg bei Lissa aufgrund seiner Rammmanöver, die durch die mangelnde Vorbereitung und Desorganisation der italienischen Admiralität zusätzlich begünstigt wurden.

Der Fokus liegt auf Anton Romakos Interpretation der Seeschlacht bei Lissa. Begleitend werden Objekte, Fotografien und Kunstwerke, die in Zusammenhang mit Tegetthoff und der Schlacht bei Lissa stehen - darunter auch ein Modell des k.u.k. Flaggschiffs Erzherzog Ferdinand Max - gezeigt. Die raren Fotografien von Gustav Jägermayer (1834-1901) dokumentieren den industriellen Aspekt, der hinter dem Kriegsgeschehen stand.

Die Interpretation Anton Romakos sticht unter den damals üblichen Darstellungen von Kampfhandlungen aus verschiedenen Gründen heraus. Seine unkonventionelle Sichtweise auf das Geschehen, über die emotionale Dramatik im Ausdruck der Beteiligten wich grundlegend von der herkömmlichen distanziert-heroischen und zugleich emotionslos beobachtenden Dokumentation der Gesamtsituation ab. Nicht die Gewalt der der enormen Materialschlacht, sondern der Einsatz des Einzelnen und deren Emotionalität im Zuge der Kampfhandlungen werden gezeigt. Das Bild wurde in Wien abgelehnt, obwohl durch Kaiser Franz Josef I. eine zweite Fassung privat angekauft wurde.

  

Anton Romako hatte mehrere Talente. Sein größtes Talent war nicht sein künstlerisches Können oder seine stilistischen Eigenheiten, sondern hinter die Fassade zu blicken und die dramatischen und emotionalen Aspekte in seinen Werken zum Ausdruck zu bringen. Seine künstlerische Exzentrizität sowie die Tatsache seiner Zeit stilistisch weit voraus zu sein, verhinderten seine allgemeine Anerkennung. Verbunden damit häuften sich gegen Ende seines Lebens wirtschaftliche Rückschläge, die von privaten Niederlagen und Tragödien gefolgt waren.

Von den über 880 Werken Anton Romakos befinden sich 50 in der Sammlung des Belvedere. Die kleine aber feine für die Ausstellung getroffene Bildauswahl repräsentiert das Oeuvre des Künstlers ohne vom inhaltlichen Schwerpunkt der Ausstellung abzulenken. Darunter beeindruckende Porträts, u. a. Kaiserin Elisabeth bar des verklärenden Sisi-Mythos, und Landschaften.

Fazit: Unbedingt ansehen, aber zum tieferen Verständnis des historischen Zusammenhangs sind Führung und Ausstellungskatalog (Hirmer Verlag) sowie für den Überblick zu Leben und Werk Anton Romakos ist das Werkverzeichnis (Verlag Bibliothek der Provinz) nötig!

© S. Strohschneider-Laue

siehe auch:
Anton Romako. 24 Aquarelle
Katalog der Gedächtnisausstellung Anton Romako, Akademie der Bildenden Künste, Wien, 25. März - 14. Mai 1950
Der Maler Anton Romako 1832-1889

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Augenschmaus

Sonntag, 07. März 2010

Non-Fiction

Ingried Brugger, Heike Eipeldauer (Hgg.)
Augenschmaus
Vom Essen im Stillleben

Prestel 2010, 248 S., zahlr. Farbabb. 
ISBN 978 3 7913 5016 5

Augenschmaus: Vom Essen im Stillleben

Das schmucke Buch “Augenschmaus. Vom Essen im Stillleben” hält was sein Titel verspricht. Ob staunenswerter Riesenrettich, prunkvolles Tischgeschirr oder die Reste einer kargen Mahlzeit - die ausgewählten Kunstwerke sind ein sinnlicher Genuss, der die Fantasie beflügelt. Die Vorstellung von Geschmack und Geruch der dargestellten Nahrungsmittel, das Erfinden von passenden Rezepten und das Spekulieren über illustre Tischgesellschaften spornen zu vergnüglicher geistiger Tätigkeit an. Heute setzen Food-Stylisten Leckereien und Geschirr für Lifestyle-Magazine und edle Kochbücher in Szene, früher griffen virtuose MalerInnen zum Pinsel.

Die kunstfertig komponierten Stillleben berichten nicht über heroische Taten, der Mensch ist in ihnen nur indirekt präsent. Dennoch kann, wer sehen will, in ihnen Geschichten von den kleinen Freuden und Ritualen des häuslichen Alltags entdecken. Stillleben erzählen von Hingabe und Askese, Sinnesfreuden und deren Beherrschung, dem Stolz an Besitz von Statussymbolen, Prunksucht und Bescheidenheit, Lebenslust und dem Bewusstsein der Sterblichkeit. In Zeiten periodisch wiederkehrender Hungersnöte mag ein stattlicher Schinken den ultimativen - und daher bildwürdigen - Luxus verkörpert haben. Kostbare Pokale aus Edelmetall, chinesisches Porzellan und andere Preziosen waren in der frühen Neuzeit alles andere als gewöhnlich.

Die Geburt des autonomen Stilllebens im Lauf des 16. Jahrhunderts belebte den Kunstmarkt. Sammler und Genießer schätzten die Werke von KünstlerInnen, die Nahrungsmittel, Hausrat und exotische Kuriositäten einsetzten, um Aussagekräftiges und Schönes zu schaffen. Von den Mitgliedern der akademischen Kreise, in denen Historiengemälde als die Krönung der malerischen Schöpfung galten, wurde das Stillleben jedoch lange Zeit als niedrig geschmäht. Diese Beurteilung erwies sich als kurzsichtig, denn das geringe Ansehen des Stilllebens wurde von KünstlerInnen als Chance begriffen: In diesem Genre konnten sie sich ganz der Lust am Malen hingeben und so neue Wege beschreiten. Diese Flexibilität des Stilllebens als vielseitiger Bedeutungs- und Ausdrucksträger lässt sich an den mehr als 90, in “Augenschmaus. Vom Essen im Stillleben” präsentierten, Kunstwerken ablesen. Zeitlich spannt sich der Bogen von den Anfängen des Stilllebens, als die in den Vordergrund gerückten Lebensmittel noch von szenischen Darstellungen begleitet waren, über das goldene Zeitalter des autonomen Stilllebens im 17. Jahrhundert bis zur zeitgenössischen Videokunst. Damit bietet sich BetrachterInnen die einzigartige Möglichkeit des mühelosen Vergleiches.

Der Wandel der Sachkultur lässt sich an den Stillleben ebenso ablesen wie die Verschiebung der Interessen ihrer Schöpfer. Die MalerInnen des 16. und 17. Jahrhunderts brillierten in der Darstellung der sinnlichen Qualitäten von Nahrungsmitteln und Gegenständen. Sie waren Meister der Wiedergabe unterschiedlicher Texturen, Oberflächen und Spiegelungen. Den KünstlerInnen des 19. und 20. Jahrhunderts hingegen waren die Überwindung der Form, das Experiment mit malerischen Ausdrucksmitteln und schließlich die technischen Möglichkeiten der Neuen Medien ein Anliegen.

Die zahlreichen in “Augenschmaus” versammelten Essays und Katalogbeiträge beleuchten das Phänomen des kulinarischen Stilllebens von allen Seiten. Wie ein gutes Büffet bietet das Buch von allem etwas: Kunsthistorische Analysen des Genres, Betrachtungen zu Esskultur und Tischsitten, tiefsinnige philosophische Überlegungen zur Konsumkultur, Gender-Aspekte der Stilllebenmalerei und vieles mehr. Nur die Realienkunde wird - wie so oft - außer acht gelassen. Das ist schade, denn Stillleben stellen gemeinsam mit Archäologie und musealen Sammlungen eine hervorragende Quelle für die Erforschung der Sachkultur dar. Hungrige Hobbyköche werden sich über die in den Katalogteil eingestreuten Rezepte von Starköchen freuen. Die Zeichen der Zeit gehen auch an Begleitpublikationen von Ausstellungen nicht vorbei.

Die Ausstellung “Augenschmaus. Vom Essen im Stillleben” ist noch bis zum 30. Mai ‘10 im Bank Austria Kunstforum in Wien, zu sehen.

© Ch. Ranseder

Augenschmaus: Vom Essen im Stillleben

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Barrierefreie Architektur

Donnerstag, 04. März 2010

Non Fiction

Joachim Fischer, Philipp Meuser (Hg.)
Barrierefreie Architektur: Handbuch und Planungshilfe.
Alten- und behindertengerechtes Planen und Bauen im 21. Jahrhundert

DOM 2009, 330 S., ca. 300. Abb.
ISBN 978 3 9386 6646 3

 Barrierefreie Architektur: Handbuch und Planungshilfe

Die überaus spannende Publikation überrascht schon beim ersten Anblick: Strahlendes Magenta weckt die Neugierde, verlockt dazu, das Buch in die Hand zu nehmen, mehr zu erfahren. Piktogramme, deren klare grafische Umsetzung an Brailleschrift erinnert, machen bereits am attraktiv gestalteten Cover klar, dass barrierefreie Architektur mehr ist als Rampen bauen für mobiltätseingeschränkte Personen. Noch vor dem Öffnen des Buches wird so unaufdringlich, aber effizient die Sensibilität des Lesers / der Leserin gegenüber den potentiellen Zielgruppen und NutznießerInnen barrierefreier Lösungen in der Architektur geweckt. Im Kern setzt sich die klare Gliederung fort - jedem der großen Schwerpunkte der Publikation ist eine eigene Kontrastfarbe gewidmet. Noch vor dem Lesen und tatsächlichen Einstieg in die Inhalte wird so eine Orientierung ermöglicht. So werden nicht nur die Forderungen von barrierefreiem Bauen vorbildlich in eine schriftliche Publikation umgesetzt, sondern gleichzeitig gezeigt, dass Barrierefreiheit durchaus attraktiv umgesetzt werden kann.

Vertieft man sich in „Barrierefreie Architektur - Handbuch und Planungshilfe”, herausgegeben von Kommunikationsberater und Autor Joachim Fischer und Architekt Philipp Meuser, erhält man eine hervorragende Zusammenfassung für alten- und behindertengerechtes Planen und Bauen im 21. Jahrhundert.

Die Ausstattung mit Rampen, Türöffnern und Sanitäranlagen für bewegungsbeeinträchtige Menschen wird in Europa zum Teil bereits vorbildlich umgesetzt. Barrierefreiheit heißt jedoch mehr als rollstuhlgerecht. Dies umso mehr, als angesichts der Überalterung unserer Bevölkerung und dem Auftrag zur möglichst uneingeschränkten Zugänglichkeit in Zukunft auch älteren Mitbürgern eine verbesserte Lebensqualität zu ermöglichen sein wird.

Das umfassende Thema wird in vier große Schwerpunkte gegliedert.
In “Essays” werden die LeserInnen durch kurze und prägnante Artikel der vier AutorInnen Philipp Meuser, Lothar Marx, Christine Degenhart und Meinhard Erlacher in die Thematik eingeführt. In komprimierter Form werden anhand von Barrieren im Alltag Lösungsvorschläge aufgezeigt.

“Projekte” stellt über 25 “best practise” Projekte vor - die Palette reicht vom Altenwohn- und Pflegeheim über Museen bis hin zur Fußgängerbrücke, berücksichtigt aber auch Wohnungen und Wohnbereiche sowie Fertighäuser. Im anschließenden Themenschwerpunkt “Planungsgrundlagen für barrierefreie Wohnungen” wird auf unterschiedliche Beeinträchtigungen und die daraus folgenden spezifischen Planungsanforderungen eingegangen. Besonders hilfreich für alle NutzerInnen des Buches sind die praktischen Erläuterungen zu den Planungsanforderungen. Schlusspunkt der Publikation bildet der Architekten- und Bildnachweis.

Das exzellente “Handbuch und Planungshilfe - Barrierefreie Architektur” ist allen, in diesem Bereich Tätigen, uneingeschränkt zu empfehlen!

© Doris Prenn

Barrierefreie Architektur: Handbuch und Planungshilfe. Alten- und behindertengerechtes Planen und Bauen im 21. Jahrhundert

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Nullerjahre

Donnerstag, 07. Januar 2010

Fiction

Judith-Maria Gillies 
Unsere Nullerjahre  
Das Jahrzehnt der Bagels, Blogs und Billigflieger
Eichborn 2009, 233 S.
ISBN 978 3 8218 6501 0

 Unsere Nullerjahre: Das Jahrzehnt der Bagels, Blogs und Billigflieger

Biene Maia, Bircher-Müsli und Bubblegum sind Schnee von vorgestern, Relikte des letzten Jahrhunderts. Die Relikte von morgen sind die noch immer aktuellen modischen und/oder menschlichen Höhen und Tiefen der letzten 10 Jahre. Was haben Alcopops und Botox bzw. Prinzessin Lillifee und Paris Hilton gemeinsam? Ja, da können so manche Parallelen gezogen werden. Vor allem aber polarisierten sie und sie teilen sich daher die Buchseiten der Nuller(!)jahre mit Autofähnchen und Tattoos bzw. Bob dem Baumeister und Dieter Bohlen.

Allein die Stichworte zu lesen genügt, um den Schweiß auf die Stirn zu treiben. Die Texte dazu sind jedenfalls ein Born des Genusses. Jene, die sich gegen irreversible Modesünden entschieden haben, werden sich über die Entsorgungsproblemen ArschgeweihlerInnen amüsieren. Es ist eben einfacher “Ugly-Boots” und tiefgelegte Beinkleider zu entsorgen als ins Fleisch geprägte Bekenntnisse. Ob man zukünftig anderem importierten Grauen wie Halloween entkommen mag, ist wohl leider zu bezweifeln.

Herrlich böse und wunderbar amüsant ist die lexikalische Abrechnung mit dem zur Schau getragenen Lebensgefühl im neuen Jahrtausend. Für die meisten ist das Buch ein romantisch-nostalgischer Blick retour, viele werden nachdenklich gestimmmt und für die Verweigerer aller Trends ist es ein hämischer Blick auf das zusammengefasste Verkaufsgespräch eines Jahrzehnts. Egal unter welchen Voraussetzungen man zu schmökern beginnt, am Ende wird man mit einem lachenden und weinenden Auge in Erinnerungen kramen. Grenzgeniale Pflichtlektüre für Trendjunkies und Verweigerer ist das Buch in jeden Fall - auch wenn man den Eindruck bekommt, dass Frauen die größten Torheiten begehen und männliche Volltoren allseits bejubelt Karriere machen.

Prosit 2010 und alles was bis Ende 2019 kommen mag!

© S. Strohschneider-Laue

Unsere Nullerjahre: Das Jahrzehnt der Bagels, Blogs und Billigflieger

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Wenn sie ein Mann wäre

Freitag, 01. Januar 2010

Non-Fiction

Michael Spang  
Wenn sie ein Mann wäre
Leben und Werk der Anna Maria van Schurman

WBG 2009, 240 S.
ISBN 978 3 534 21630 7

 Wenn sie ein Mann wäre: Leben und Werk der Anna Maria van Schurmann (1607-1678)

Anna Maria van Schurman (1607-1678) war hochbegabt, daran besteht kein Zweifel. Ihr künstlerisches Schaffen bewegte sich auf professionellem Niveau. Sie erlernte über 12 Sprachen, beherrschte die Regeln des wissenschaftlichen Diskurses und machte sich einen Namen als in der Theologie versierte Gelehrte, die sich auch mit dem Zugang von Frauen zu Bildung beschäftigte. Ihr selbst wurde das Privileg zuteil, Vorlesungen an der Universität besuchen zu dürfen - versteckt in einem aus Holz gezimmerten und mit Stoff bespannten Verschlag sitzend.

Wer war diese zu ihren Lebzeiten berühmte Frau? Was trieb sie an? Antworten auf diese Fragen sind in der Biographie “Wenn sie ein Mann wäre. Leben und Werk der Anna Maria van Schurman” zu finden. Michael Spang schildert in diesem hervorragenden Buch wortgewaltig und wissenschaftlich fundiert den Lebensweg der wissensdurstigen Tochter aus höherem Haus vor dem Hintergrund des politischen und religiösen Zeitgeschehens. Das gelingt ihm so vortrefflich, dass er mich als Rezensentin ein wenig in die Zwickmühle bringt. Ein guter Text lässt, ganz wie ein großartiges Kunstwerk, Spielraum für eine Vielzahl an Deutungsmöglichkeiten. Die Lektüre von “Wenn sie ein Mann wäre” rief in mir Assoziationen und Interpretationen wach, die in meinem Geist eine (Re-)Konstruktion der Persönlichkeit Anna Maria van Schurmans mit dunkleren Untertönen entstehen ließen, als sie im Buch präsentiert wird.

Für mich ist Anna Maria van Schurman eine Zerrissene, an deren Biographie sich sehr gut ablesen lässt, welchen Belastungen ein wacher Geist in einem restriktiven, religiös dominierten Umfeld unterworfen ist. Ihre Transformation vom gelehrten Wunderkind zum religiösen Groupie ist letztlich die Geschichte eines Scheiterns, auch wenn sie selbst dies im Rückblick auf ihr Leben nicht so gesehen hat. Die frühe Indoktrination durch van Schurmans strenggläubigen Vater, der dem Mädchen neben der religiösen Unterweisung einen von ihm kontrollierten Zugang zu Bildung ermöglicht, führt dazu, dass für sie lebenslang jeder Erwerb von Wissen oder Fertigkeiten auf die Religion hin ausgerichtet ist. In ihren Jugendjahren wirkt sie wie eine Getriebene: Dichtung, Malerei, Plastik, Kupferstich, Sprachen, Theologie, ihr Wissensdurst scheint keine Grenzen zu kennen. Studium als Selbstgeißelung? Als Ablenkung von den Verlockungen der Welt und der Freude an den eigenen Leistungen? Anna Maria van Schurman glänzt in jedem Fach, wird bekannt und zeigt ja doch einen Hauch von Extrovertiertheit. Schon als 15-Jährige klinkt sie sich in den Briefwechsel der Gelehrtenrepublik ein. Briefe bleiben ihr bevorzugtes Medium - sie sind einer Frau angemessen, werden aber dennoch von den (männlichen) Empfängern weitergereicht, in einigen Fällen auch publiziert. Eine geschickte Taktik für jemanden, der immer wieder beteuert, nicht gerne in der Öffentlichkeit zu stehen. Zumal so auch vermieden wird, durch eine eigenständige Publikationstätigkeit in offene Konkurrenz zu den Gelehrten zu treten. Auffallend ist auch, dass Anna Maria van Schurman nach dem unerwarteten Tod des Vaters, 1623, nach Vaterfiguren und väterlicher Autorität zu suchen scheint. Die im Buch “Wenn sie ein Mann wäre” zitierten Beispiele aus ihren Briefwechseln zeigen eine emotionale Schaukelbewegung aus Demutsbekundung - eigene Meinung vertreten - Demutsbekundung, bei der sich die Frage aufdrängt: Ist das jetzt Unsicherheit oder Kalkül?

Ein Thema, das van Schurman lange Zeit beschäftigt, ist die Frauenbildung. 1641 veröffentlicht sie ihre “Dissertatio”, ihr einziges eigenständig publiziertes Werk. Weitergebracht hat diese Schrift den Emanzipationsdiskurs nicht. Van Schurmann ist keine Wegbereiterin. Im Gegensatz zu anderen Frauen, die sich für Frauenbildung und Frauenrechte einsetzen, ist ihr Blick rückwärts gewandt, ihre Haltung traditionsgebunden. Aus heutiger Sicht lesen sich Anna Marias Argumente für die Frauenbildung wie die Rechtfertigung ihres eigenen Tuns, gepaart mit einer gehörigen Portion Standesdünkel. Nur christlichen, begabten Frauen mit Vermögen, die dazu die Muße hätten, solle Bildung durch privaten Unterricht zuteil werden. Van Schurmann war reich, unverheiratet und hatte jede Menge Zeit - zumindest bis zum Tod ihrer Mutter, 1637. Ist vielleicht die von ihr in einem -quasi als Test für die “Dissertatio” dienendem - Brief aus demselben Jahr vertretene Ansicht, für Ehefrauen und andere mit Haushalts- und familiären Angelegenheiten betraute Frauen sei Bildung keineswegs notwendig, auf einen Groll angesichts der von der Mutter auf sie übergegangenen zeitraubenden Pflicht der Haushaltsführung zurückzuführen?

Mit fortschreitendem Alter geht jedenfalls Anna Marias Beschäftigung mit wissenschaftlichen Fragen zurück. Stattdessen gewinnt ihre Religiosität, die selbst für damalige Verhältnisse zum Extrem tendiert, die Oberhand. Die Abneigung der gebildeten Frau gegen alles Weltliche wächst ebenso wie ihre Ansicht, dass es mit der Kirche bergab gehe. In letzter Konsequenz gibt die vielseitig Begabte ihr Leben in Utrecht auf, um sich der Sekte von Jean de Labadie anzuschließen. Ihm folgt sie in ihren letzten Jahre von Amsterdam nach Herford, Altona und schließlich auf Schloss Walta. In diesen Jahren verfasst sie ihre Autobiographie “Eukleria oder die Wahl des besseren Teils”. Anna Maria van Schurman - eine gequälte Seele, die im Alter innere Ruhe gefunden hat?

“Jede Biographie ist eine Hypothese, ist eine Wirklichkeit von vielen und notwendig subjektiv.” schreibt Michael Spang in der Einleitung des Buches. Das Verarbeiten der in einem Text dargebotenen Information ist nicht minder subjektiv. LeserInnen mögen sich also eine eigene Meinung bilden.

“Wenn sie ein Mann wäre. Leben und Werk der Anna Maria van Schurman” ist ein lesenswertes Buch über eine Frau, die in einem inneren Kampf zwischen Begabung und Bestimmung gefangen, gerade durch ihre Ambivalenz fasziniert.

© Ch. Ranseder

Wenn sie ein Mann wäre: Leben und Werk der Anna Maria van Schurmann (1607-1678)

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Porträt: Los Angeles

Mittwoch, 16. Dezember 2009

Non-Fiction

Jim Heimann (Hg.)
Kevin Starr, David L. Ulin

Los Angeles - Porträt einer Stadt
Taschen 2009, En./Fr./Dt., 572 S., über 500 Sw- und Farbfotos
ISBN 978 3 8365 0291 7

 Los Angeles

Städte sind wie ihre Bewohner ständigen Veränderungen unterworfen. Sie wachsen, werden erwachsen und ihre Entwicklung wird dokumentiert. Das großformatige Stadtalbum von Los Angeles ist eine Hommage an historische Momente, die nicht nur die Stadt der Engel, sondern die ganze Welt bewegten. Mehr als 500 Fotos aus privaten Sammlungen, Galerien, Museen und Instituten spüren der Stadt und ihren BewohnerInnen ab den 1860ern nach.

Von den bescheidenen Anfängen über den Bevölkerungsboom, zur Unterhaltungsmetropole und tief in die Wirtschaftskrise sowie durch die goldenen Jahre bis in die Gegenwart spannt sich der fotografische Bogen. Exzellente Texte umreißen dazu die historischen Rahmenbedingungen und richten das Augenmerk auf jene Details, die die Bilderflut zu fassbaren Dokumenten werden lassen.

Die Megastadt mit ihrer magnetischen Anziehungskraft auf Künstler, Reiche und Schöne hat einen Hang zum potemkinschen Dorf. Protzige Kulissen und verwahrloste Ecken treffen auf polierten Reichtum und bittere Armut. Die Auswahl der Fotos präsentiert vordergründig das schöne, moderne, aufstrebende, schillernde und wachsende Los Angeles. Die Würze erhält diese zunächst glatt anmutende Auswahl jedoch durch Schlaglichter auf die gärenden, unruhigen, nicht immer erwünschten oder geförderten Aspekte der Stadt. Verhaftete Transvestiten, verzweifelte aber fröhliche Marathontänzer, den Sieg über Japan Feiernde individualiseren die multikulturelle Menschenmasse und lassen ihre Sorgen, Nöte und Interessen hinter den Hausfassaden und auf den Straßen erahnen. Die realistische, ungeschminkte Seite, die die Geschichte von Mafiaopfern, Volksgruppenaufständen, Elendsdemonstrationen und politische Ereignisse anreißt, zeigt den Moloch hinter dem Glamour. Neben bekannten Fotos, die untrennbar mit Los Angeles und Ereignissen verbunden sind, finden sich in dem Band viele kaum oder unbekannte Aufnahmen. Sie zeichnen ein abwechslungsreiches Bild von einer Stadt in der täglichen geschossen wird - mit Waffen und Kameras. 

Unersättliche, die mehr über Los Angeles wissen wollen, können sich durch ein breites Spektrum an Film-, Musik- und Literaturempfehlungen arbeiten. Biografien der renommiertesten Fotografen und eine Bibliografie schließen das aufwändige Coffee Table Book.

Los Angeles ist nebenan!

© S. Strohschneider-Laue

Los Angeles
Berlin - Rezension

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Magie & Magier

Mittwoch, 16. Dezember 2009

Non-Fiction

Noel Daniel (Hg.)
Mike Caveney, Rick Jay, Jim Steinmeyer 

Magic Book 1400s-1500s
Taschen 2009, En./Fr./Dt., Riesenformat, 670 S., zahlr. Farb- und Sw-Abb.
ISBN 978 3 8365 0977 0

 Magic Book: 1400s - 1950s

Immer wenn man glaubt, größer, bunter und prächtiger geht es nicht mehr, übertrifft Taschen seine eigenen Produkte. Die Geschichte des magischen Showbiz ab dem 15. Jahrhundert ist ein dreisprachiger Riesenwälzer in fantastisch-magischen Bildern und spannenden Texten.

Lassen Sie sich verzaubern, verblüffen und überraschen. Die größten Illusionisten, Magier, Zauberer und Taschenspieler geben hier eine Vorstellung im Bühnenformat. Über 500 Jahre hinweg wird in über 1000 plakatgroßen Bildern von einer ganz eigenen Kunst Zeugnis abgelegt. Von den Jahrmärkten zu den Unterhaltungspartys der Reichen bis zu den Varieté- und Showbühnen haben Zauberer und Illusionisten ihre (un)durchschaubaren Tricks vorgeführt. Schwebende Jungfrauen sind genauso dabei, wie mit Zähnen aufgefangene Pistolenkugeln, unechte Chinesen, Entfessler, Schwertstecher, Sägefreudige, Feuermeister und Goldmacher. Vom Schamanen zum Showman war es nur ein kleiner Schritt, wie die einzelnen Kapitel belegen.

Und immer wieder drehte es sich um Leben und Tod, Teufelswerk, Geister und anderem übernatürlichen Spuk. Hinter allem standen Menschen mit Gespür für den richtigen Moment und ihr Publikum. Einige der Künstler sind sprichwörtlich wie Houdini geworden, der einzige, der sogar dem Tod entkommen könnte und ausgerechnet an Halloween gestorben ist. In Vergessenheit geraten, sind dagegen die vielen namenlosen Assistentinnen und auch die wenigen weiblichen Illusionistinnen. Madame Girardelli, Adlaide Hermann, Mercedes Talma, Marian Chavez, Suzy Wandas, Evelyn Maxwell oder Margo begeisterten zu ihrer Zeit aber genauso wie ihre männlichen, noch dazu deutlich unattraktiveren Kollegen. Weiblicher Aufputz, der sich freiwillig zersägen ließ oder über die Bühne schwebte, wurde mehr und mehr eingesetzt, denn nicht jeder Magier konnte sich selbst nackt wie Houdini exhibitionieren. Der schmächtige Körper des Holländers Theodore Bamberg hatte erst in chinesischen Outfit unter dem Namen Okito etwas zu bieten. Das verbindende Element aller Magier, Taschenspieler und Illusionisten ist, dass sie eine einsame Kunst, deren Geheimnisse das Kapital stellen, ausüben. Dazu gehört bis heute eine beeindruckende Persönlichkeit und gute Werbung - am besten mit roten faustischen Teufelchen, die hart an der Niedlichkeit vorbeischrammen.

Und seien wir doch ganz ehrlich: Wissen ist Macht und macht zugleich vieles furchtbar langweilig. Wenn man nicht weiß, wo der Spiegel und der Projektor steht, warum es raucht, wieso das Kügelchen verschwunden bleibt und weshalb die zersägte Frau sich putzmunter verbeugen kann, ist das Leben zumindest für eine kurze Zeit wesentlich bunter und überraschender.

Ein genial von Noel Daniel editiertes Buch zu dem Mike Caveney, Rick Jay, und Jim Steinmeyer exzellent recherchierte und aufbereitete Texte beigetragen haben. Die schönste Pflichtlektüre für Illusionisten -Laien und Profis gleichermaßen -, Designer, Werbeleute, Historiker und andere ewig Verzauberte.

© S. Strohschneider-Laue

Magic Book: 1400s - 1950s

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Mamerot - Chronik der Kreuzzüge

Donnerstag, 10. Dezember 2009

Non-Fiction

Thierry Delcourt, Danielle Quéruel, Fabrice Masanès 
Sébastien Mamerot - Chronik der Kreuzzüge
Von Karl dem Großen bis Sultan Bajsit
Taschen 2009, 2 Bände, 224 S., zahlr. Farb- und Sw-Abb.
ISBN 978 3 218 00795 5

Mamerot - eine Chronik der Kreuzzüge

Das wunderbar illuminierte Manuskript “Les Passages d’Outremer” aus dem 15. Jahrhundert befindet sich in der französischen Nationalbibliothek in Paris. Text und Bilder erzählen die Geschichte der Kreuzzüge ab Karl dem Großen bis zum Aufstand in Genua (1462). Das unbezahlbare Original in Händen zu halten, ist nur Wenigen vergönnt. Um so schöner ist es, dass Taschen ein hochwertiges Faksimile in herausragender Detailtreue und mit Goldhöhung vorgelegt hat. Begleitet wird dieses Werk von einem umfassenden Kommentarband, der eine vollständige Übersetzung enthält. Prachtband und Kommentarband werden gemeinsam durch einen königsblauen Schuber mit goldenen Lilien geschützt. Zieht man die beiden Bände heraus, hält man zwei gewichtige rot gebundene Bücher in Händen, deren aufwändige Ausstattung jedem Bibliophilen das Herz höher schlagen lassen.

Mit der Entstehung des Originals sind vor allem drei Namen verbunden: Sébastien Mamerot (um 1430-1490), der Autor,  Jean Colombe (um 1430-1493), der Illustrator, und Louis de Laval (1411-1489), der Auftraggeber. Jean Colombe ist für seine unsterblich schöne Buchmalerei der ”Très Riches Heures” des Duc de Berry berühmt und nicht minder fantastisch sind die Illustrationen, die er für “Les Passages d’Outremer” schuf.

Die Kreuzzüge verursachten tiefgreifende politische und soziale Veränderungen. Die vordergründig religiös motivierten Kreuzzüge, hatten wie alle Kriege wirtschaftliche und strategische Hintergründe. “Jenseits des Meeres” (Outremer) vollzogen sich daher auch für die teilnehmenden Adeligen zahlreiche gesellschaftliche Ereignisse, die ihre Wirkung bis in die jeweilige Heimat entfalteten. Eines dieser tiefgreifenden Ereignisse ist wohl den meisten Menschen bekannt: Der berühmte Streit zwischen Richard Löwenherz und Leopold von Österreich vor Akkon im Jahr 1191. Der Zwist mündete schließlich in der Gefangenschaft Richard Löwenherz bei seiner Rückreise 1192 durch Österreich. Das hohe Lösegeld, das seine Untertanen für ihn aufbringen mussten, ermöglichte schließlich den Ausbau der Stadtbefestigung von Wien. Die Beschreibung der gegenseitigen Provokationen vor Akkon, das undiplomatische Verhalten kann man sowohl dem Faksimile als auch der Übersetzung im Kommentarband entnehmen. Die lebendige Schilderung lässt die Mächtigen der damaligen Welt durchaus als postpubertäre, machtgeile Männer erscheinen, die in ihrer Überheblichkeit jegliche, damals üblichen Umgangsformen weit hinter sich ließen. Das erfreut nicht nur Historiker, sondern verschafft noch immer - nach rund 550 Jahren - ein überraschendes Lesevergnügen.

Thierry Delcourt steuert im Kommentarband das umfassende Essay “Die Passages d’Outremer, ein Meisterwerk der französischen Buchmalerei des 15. Jahrhunderts” bei. Gemeinsam mit Danielle Quérel verfasste er zu dem “Editorische Anmerkungen”. Die Übersetzung des Originals besorgten Eva Dewes, Hubertus von Gemmingen und Regine Schmidt. Die Bildkommentare und die Zusammenfassung übernahm Fabrice Masanès. Abgerundet wird der Kommentarband von einer umfassen Bibliografie.

Ein herrliche Anschaffung, die ihren Wert behält!

Mamerot - eine Chronik der Kreuzzüge

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Botanischer Garten Bern

Donnerstag, 10. Dezember 2009

Non-Fiction

Fred Zaugg, Adrian Moser
Botanischer Garten Bern 
Haupt 2009, 240 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 258 07540

 Botanischer Garten Bern

In einem Außenbezirk von Wien, dort wo Stadtrandverbauung und Wienerwald aufeinander treffen, steht ein Apfelbaum. Ich kenne und liebe ihn seit meiner Kindheit. Jeden Frühling verleihen ihm tausende Blüten das Aussehen einer fröhlichen Wolke. Jeden Herbst biegen sich seine Äste unter der Last der vielen, dicht an dicht hängenden roten Äpfelchen. Jetzt steht das Grundstück zum Verkauf und ich fürchte den Tag an dem das Geräusch der Motorsäge erschallt und das Leben dieses wunderbaren alten Baums jäh beendet wird.

In Bern, Schweiz, befindet sich ein herrlicher botanischer Garten. Auch er ist bedroht.

150 Jahre ist es her, dass der Botanische Garten Bern seinen Standort in Rabbental gefunden hat. Zum Jubiläum ist ihm ein ungewöhnliches Buch mit dem schlichten Titel “Botanischer Garten Bern” gewidmet. Es ist so schön und vielfältig wie die Anlage, von der es berichtet. Schon der Bucheinband verheißt, ganz wie der Garten selbst, stille Freuden: Wie von Mondlicht beschienen, zeichnen sich die cremeweiß schimmernden Schattenrisse von Pflanzen auf dem, in einem geheimnisvollen Grünton gehaltenen, Leinen ab. Im Buchinneren offenbart sich in den Fotografien von Adrian Moser die ganze Pracht des Botanischen Gartens Bern. Ob der Blick nun über Alpinum, Jahreszeiten-Wildgarten, Teichufer, Waldgarten, Grotte, Bauerngarten, Schmetterlingsgarten oder Heilpflanzengarten schweift: Ein Areal ist schöner als das andere. Stattliche Bäume, üppiges Grün und buntes Blütenmeer verlocken zum Erkunden. Namenschildchen verraten, was man vor sich hat. In den Glashäusern sind die Exoten und Empfindlichen untergebracht. Aus ungewöhnlichen Blickwinkeln aufgenommene Pflanzenporträts machen mit dem botanischen Bestand im Freiland und unter Dach bekannt. Ob die Schnecke am Wegesrand, der Farbenrausch der herbstlich verfärbten Blätter oder das Glitzern des alles bedeckenden Schnees - gekonnt fängt der Fotograf die zauberhafte Stimmung des Gartens ein. Auf einigen Bildern betreten Menschen die Bühne der Natur. Wer sie sind und warum sie einen Platz in dem Buch über den Botanischen Garten Bern gefunden haben, ist aus den Texten von Fred Zaugg zu erfahren. Und mit dem Wort kommt auch der Schock der Ernüchterung, werden BetrachterInnen der idyllischen Bilder schnell wieder in die brutale, von der Jagd nach Rendite bestimmte, Realität zurückgeholt.

Dreimal drohte dem Botanischen Garten Bern seit 1999 die Schließung. Fred Zauggs Texte sind ein Plädoyer für dessen Erhalt. Mit seinen vielschichtigen, sehr persönlich gefärbten Essays, Porträts und Erzählungen hat er eine elegante Lösung gefunden, um darzulegen wie wichtig der Botanische Garten Bern ist: Als Ort des Forschens und Bewahrens, Lernens und Entdeckens, der Inspiration und Erholung.

Was der Botanische Garten für die Menschen bedeutet, wird in den auf Interviews basierenden Porträts von Männern und Frauen deutlich, die für den Fortbestand dieses einzigartigen Ortes kämpfen oder als BesucherInnen hier Kraft und Inspiration schöpfen. Es sind diese zwanzig, für die Kapitel “Die Menschen und ihr Garten” Befragten, die LeserInnen auf den Fotos aus der üppigen Vegetation entgegenblicken. Wie sie zum Botanischen Garten gefunden haben, ist so verschieden wie die von ihnen genannten Lieblingsblumen.

In den “Gartenräume”-Kapiteln hingegen, wird die Aufmerksamkeit auf einzelne Bereiche dieser Oase mitten in der Stadt und zu bewundernde botanische und zoologische Schätze gerichtet. Von Alpinum und Heilpflanzengarten über die ältesten Bäume und die in Palmenhaus und Wildgarten flatternden Schmetterlinge bis zum Herbarium und den Angeboten der Gartenpädagogik spannt sich der Bogen. Nicht nur einheimischen Pflanzen und Tieren begegnet man auf Freiflächen und in Glashäusern, sondern Schönheiten aus der ganzen Welt. Schritt für Schritt offenbart sich der Artenreichtum der Natur. Studenten des Instituts der Pflanzenwissenschaften der Universität Bern können hier ihr Wissen vertiefen, während andere Besucher sich ganz dem Genuss des schönen Anblicks hingeben.

Die Geschichte des Botanischen Gartens schlängelt sich als roter Faden durch das Buch. Zu ihr gesellen sich in den als “Geschichten” ausgewiesenen Kapiteln Erzählungen, die den Garten und seine Pflanzen mit Erinnerungen des Autors, historischen Begebenheiten, Literatur, Kunst und Philosophie vernetzten. Geschickt verpackt wird wortgewandt Stoff zum Nachdenken geboten: über Kleinigkeiten, welche das Leben lebenswert machen; über die Auswüchse des modernen Kulturbetriebs; oder über die Symbolkraft eines Baumes. Mehrmals bezieht Fred Zaugg im Buch auch expliziter Stellung und findet deutliche Worte zum Überlebenskampf des Botanischen Gartens Bern und der Kurzsichtigkeit der Politik. Hut ab, vor diesem Mut!

Botanische Gärten gehören zu den großen kulturellen Errungenschaften der Menschheit. In einer Zeit, in der Pflanzen und Tiere mit beängstigender Geschwindigkeit von unserem Planeten verschwinden und sich die Menschen Zusehens ihrer Umwelt entfremden, lässt sich der Wert eines öffentlichen Raums, der ein stilles Genießen der reichen Gaben der Natur ebenso ermöglicht wie selbstbestimmtes Lernen, nicht in Geld bemessen. Es sollte in unser aller Interesse sein, diese lebenden Archive zu schützen und für ihren Fortbestand zu sorgen. So bleibt zu guter Letzt nur zu hoffen, dass dieses wunderbare Buch über den Botanischen Garten Bern nicht zum Schwanengesang vor dessen Untergang wird. Für die nächsten vier Jahre ist der Betrieb wenigstens gesichert. Mehr über den Botanischen Garten Bern und seine botanischen Kostbarkeiten ist im Internet auf den vorzüglichen Seiten zu erfahren.

© Ch. Ranseder

Botanischer Garten Bern

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Interior Design 1 + 2

Mittwoch, 09. Dezember 2009

Non-Fiction

Graeme Brookner, Sally Stone
form + struktur
Interior Design Basics 01

Stiebner 2009,176 Seiten, zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8307 1372 2

 Interior Design Basics 01. Form und Struktur

Graeme Brookner, Sally Stone 
kontext + raum
Interior Design Basics 02

Stiebner 2009, 176 Seiten, zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8307 1373 9

 Interior Design Basics 02. Kontext und Raum

Der moderne Mensch verbringt einen Großteil seiner Zeit vor einem Bildschirm. Computermonitore, Infoscreens und Fernseher begleiten uns durch den Tag. Kein Wunder also, dass die positive Erfahrung des dreidimensionalen Raumes für viele befreiend wirkt. Dabei spielt es keine Rolle, ob die emotionale Reaktion bewusst wahrgenommen wird oder nicht. Concept Stores, gestylte Restaurants oder Museumsneubauten werden nicht nur wegen des gelungenen Marketing-Hypes aufgesucht, sondern weil sie uns - unter anderem - einzigartige Raumerlebnisse ermöglichen. Doch bis das vollendete Werk des (Innen-)Architekten von Auftraggebern und Publikum genossen werden kann, ist es ein weiter Weg.

Die neue Reihe Interior Design Basics macht mit den Grundzügen der Innenarchitektur vertraut. Gleich vorweg sei angemerkt, dass es in den beiden vorliegenden Bänden nicht um die Behübschung von Wohnungen geht. Wie in jeder hoch entwickelten Disziplin gibt es auch in der Innenarchitektur feine Abstufungen der Tätigkeitsfelder. Graeme Brooker und Sally Stone beginnen daher den ersten Band der Serie, form + struktur, mit der Definitionen von Innenarchitektur, Interior Design und Inneneinrichtung. Dabei geht es weniger um die Differenzierung beruflicher Aufgabengebiete als um Kategorien des Umganges mit dreidimensionalen Baukörpern beziehungsweise den von ihnen umschlossenen Raumvolumina.

In “form und struktur” erläutert das Autorenteam Aufgaben und Grundlagen der Innenarchitektur, die sich mit bereits bestehenden Gebäuden und Innenräumen befasst. Schritt für Schritt werden in sechs Kapiteln die für einen gelungenen Entwurf notwendigen Vorarbeiten sowie die wichtigsten Prinzipien der Organisation und Gestaltung von Innenräumen vorgestellt. Dabei steht der Designprozess im Mittelpunkt. Dieser beginnt mit der Analyse von Konstruktion und Geschichte eines Bauwerkes sowie dessen Umgebung und endet mit der Auswahl jener Komponenten, die maßgeblich zur Schaffung einer bestimmten Atmosphäre beitragen. Um das Erscheinungsbild eines Raumes der gestellten Bauaufgabe sowie den Bedürfnissen der Auftraggeber und Benutzer anzupassen, kann aus einer Vielzahl von Möglichkeiten gewählt werden. Kompakt, übersichtlich und von exzellenten Grafiken begleitet, werden die einzelnen Verfahren - Intervention, Insertion, Installation, Verblendung und Einbau - erklärt.

“kontext + raum” greift einen im ersten Band der Reihe nur angerissenen Einzelaspekt heraus und ergründet ihn tiefer. In diesem Buch dreht sich alles um die Wechselwirkung zwischen Innenraum, Gebäude und Umwelt. Große Bedeutung wird dabei den Themen Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein beigemessen. Im Rahmen der Kontextanalyse werden die Eigenschaften und Geschichte des Gebäudes, dessen Lage und Interaktion mit benachbarten Bauwerken ebenso untersucht wie die Eingangssituation, die Bewegung innerhalb der architektonisch vorgegebenen Raumhülle sowie visuelle Verbindungen von Innen nach Außen. All dies wirkt sich letztlich auf die Wahrnehmung des Innenraumes und dessen Gestaltung aus. Auch Umweltfaktoren, also Licht, Temperatur oder Feuchtigkeit, können eine entscheidende Rolle darin spielen, ob ein Raum als angenehm empfunden wird. Sie müssen im Rahmen des Designprozesses berücksichtigt und gegebenenfalls technisch reguliert werden. Nicht zuletzt gewinnen in Zeiten des Klimawandels der sorgsame Umgang mit Ressourcen, Recycling sowie der Einsatz von Fund- und historischen Versatzstücken an Bedeutung.

In beiden Büchern verdeutlichen Fallbeispiele aus der Praxis die Grundsätze der Innenarchitektur. Die geschilderten Prinzipien können mittels prägnanter Texte und reichhaltigem Bildmaterial an tatsächlich realisierten Projekten nachvollzogen werden. Dies fördert das Verständnis der Anwendungsmöglichkeiten, regt die kritische Auseinandersetzung an und schult den Geschmack. Auffallend sind allerdings der hohe Anteil von Gebäuden mit kultureller Nutzung sowie das Fehlen von Projekten, die sich mit der Raumgestaltung von Spitälern, Kindergärten, Altenheimen, Flug- und Bahnhöfen etc. auseinandersetzen. Spiegelt sich hier etwa das nicht selten triste innere Erscheinungsbild eines notwendigen, wenngleich wenig glamourösen Sektors der Nutzbauten?

Der Aufbau und die Gestaltung der neuen Reihe Interior Design Basics folgen einem Konzept, das sich bereits für die Vermittlung von Basiswissen der Grafik und Mode bewährt hat. Als Einführung in die Welt der Innenarchitektur sind sowohl “form und struktur” als auch “kontext + raum” bestens geeignet und daher jedem zu empfehlen, der sich mit dem Gedanken trägt, ein Innenarchitektur- oder Architekturstudium zu beginnen. Fachstudenten, Einsteigern in die Berufspraxis und Menschen, die sich neigungsbedingt mit ihrer gebauten Umwelt auseinandersetzten, werden die beiden Bücher als Nachschlagwerke oder Analysehilfen gute Dienste leisten.

© Ch. Ranseder

Interior Design Basics 01. Form und Struktur

Interior Design Basics 02. Kontext und Raum

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James Cook

Mittwoch, 09. Dezember 2009

Non-Fiction

Kunst und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Museum für Völkerkunde Wien, Historisches Museum Bern (Hgg.)
James Cook und die Entdeckung der Südsee
Hirmer 2009, 276 S., zahlr. Farb- und Sw-Abb.
ISBN 978 3 7774 2121 6

James Cook und die Entdeckung der Südsee

Nichts vermag den Ruhm so zu beflügeln wie ein unerwarteter Tod unter ungeklärten Umständen. Das gewaltsame Ableben von James Cook auf Hawaii ist keine Ausnahme. Dem Seefahrer wurden posthum Gedichte, Theaterstücke, Gemälde, Münzen und Medaillons gewidmet. Sein Name wurde zum Synonym der Erforschung der Südsee.

Auch in dem Buch “James Cook und die Entdeckung der Südsee”, das anlässlich der gleichnamigen Ausstellung erschienen ist, dient Cook als Leitfigur. Die drei Reisen unter seinem Kommando führen als roter Faden durch die Weiten des Themenspektrums einer stattlichen Anzahl von Aufsätzen, die als Inseln des Wissens von den im Geiste mitreisenden LeserInnen angelaufen werden können. Entlang des Weges ist die Person James Cooks (1728-1779) der Ausgangs- und Referenzpunkt für die Erzählung über die Geschehnisse und Leistungen, die in Verbindung mit den Weltumsegelungen stehen: Von den Errungenschaften der an den Expeditionen teilnehmenden Wissenschaftler und Künstler über den zu dieser Zeit herrschenden Forschungsstand bis zu den Begegnungen mit den Bewohnern des Pazifiks spannt sich der Bogen der 26 Essays. Erfreulich ist der in den Texten dargebotene Facettenreichtum der Sichtweisen. Cooks Tod durch die Hand eines hawaianischen Kriegers ist dafür ein gutes Beispiel. Sowohl die eurozentrische Schilderung und Interpretation der Bluttat als auch die hawaianische Sicht des historischen Ereignisses und seines Kontexts werden ausführlich dargelegt. Dass nicht nur die Perspektive der Entdecker, sondern auch jene der Entdeckten berücksichtigt wird, ist eine Bereicherung des Wissens über eine Epoche die prägend für das europäische Selbstverständnis war.

Die Abenteuer des unerschrockenen Kapitäns, der vor allem als Kartograph und Navigator große Leistungen vollbrachte, stehen in engem Zusammenhang mit der Aufklärung und dem Bestreben die Welt zu erforschen. So hatte Cook nicht nur den Auftrag Land für England in Besitz zu nehmen und den großen Südkontinent zu suchen, er sollte auf seiner ersten Reise auch Tahiti anlaufen, um dort gemeinsam mit dem Astronom Charles Greene den Venusdurchgang zu beobachten. Weitere Stationen dieser von 1768 bis 1771 dauernden Entdeckungsfahrt waren Neuseeland, Australien und Batavia. Dass sich gerade Cooks erste Reise als Meilenstein für die Wissenschaft erwies, war jedoch weder ihm noch der Weitsicht der Admiralität, sondern dem Privatgelehrten Joseph Banks zu verdanken, der sich auf eigene Kosten mit seinem Forschungsteam an der Reise beteiligte. Die von ihnen gesammelten Pflanzen und Tiere, ethnografischen Objekte, Zeichnungen und Gemälde gingen in die Tausende. Kaum zurück in England war Mr. Banks Reise in aller Munde. An der nächsten Expedition in die Südsee nahm Joseph Banks wegen seines Zerwürfnisses mit der Admiralität nicht teil. Als Cook 1772 neuerlich in See stach, befanden sich als Naturforscher Johann Reinhold Forster und sein Sohn Georg an Bord. Die Fahrt ging nach Neuseeland, Tahiti, Tonga, Vanuatu, Neukaledonien sowie zu den Oster- und Marquesas-Inseln. Diesmal gehörte nach der Rückkehr 1775 die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit ganz James Cook - der es sich nicht nehmen ließ, den Abschlussbericht selbst zu schreiben.

Für die dritte Reise, die 1776 begann und nach Tonga, Tahiti, der nordamerikanischen Pazifikküste und Hawaii führte, verzichtete Cook auf die Mitnahme von offiziellen Wissenschaftlern. Die Bedeutung der bildlichen Dokumentation wurde allerdings erkannt und in die Hände des Malers John Webber gelegt.

Den von zahlreichen Abbildungen aufgelockerten Essays des Buches “James Cook und die Entdeckung der Südsee” steht ein vortrefflich bebilderter Katalog zur Seite, der 599 Einträge umfasst. Nahezu jedes der Objekte ist mit einer ausführlichen Erklärung versehen. Es zahlt sich aus, in diesen zumindest zu schmökern, denn sie geben - zum Teil belebt durch Zitate aus den Aufzeichnungen der Expeditionsteilnehmer - faszinierende Details preis. Von den zwischenmenschlichen Beziehungen der Expeditionsteilnehmer ist im Kleingedruckten ebenso zu lesen wie über Beobachtungen von Ritualen und die Verwendung von Navigationsinstrumenten oder ethnografischen Artefakten.

Wer Auszüge aus den Reisedokumentationen und repräsentative Objekte im Original bestaunen möchte, hat bis Februar 2011 noch an folgenden Orten die Gelegenheit zu einem Besuch der Ausstellung “James Cook und die Entdeckung der Südsee”:
Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland 28. August 2009 bis 28. Februar 2010, Museum für Völkerkunde Wien 10 Mai bis 13. September 2010, Historisches Museum Bern 7. Oktober 2010 bis 13. Februar 2011

© Ch. Ranseder

James Cook und die Entdeckung der Südsee

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Indien hören

Mittwoch, 18. November 2009

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Peter Pannke, Lisa Fehrenbach
Indien hören
Silberfuchs Verlag 2009, 1 CD, Laufzeit 80′, 16 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 940665 13 3

 Indien hören - Das Indien-Hörbuch: Eine klingende Reise durch die Kulturgeschichte Indiens von den Mythen bis in die Gegenwart

Die klingenden Reisen sind unverwechselbar. Kompakt und stimmungsvoll zugleich verführen sie zu Ohrenreisen in die Ferne. Fundiert aufbereitet, wird die Kulturgeschichte des jeweiligen Landes erzählt. Das klangliche i-Tüpfelchen bildet die jeweilige Kombination aus exzellentem Sprecher und mit Bedacht gewählten Musikzitate. Gemeinsam komplettieren sie die sinnliche Atmosphäre aller Hörreisen. Die anspruchsvollen Produktionen erfreuen durch ihre grafische und akustische Aufbereitung Augen und Ohren gleichermaßen. Aber das wirklich Besondere an Ihnen ist, dass sie wertfrei neugierig auf das Andere, das Fremde machen.

Auf Indien muss man allerdings nicht neugierig machen. Unvorstellbar das Land der Vielfalt nicht reizvoll zu finden. Indien denkt, fühlt und lebt in anderen Dimensionen. Nicht nur hinsichtlich Bevölkerung, Kulturen und Sprache ist Indien ein bunter Gigant. Mitprägend waren für die Entwicklung Indiens die Ausbreitung des Buddhismus, Hinduismus, Jainismus, Islam, Bhakti-Kult, Sufismus, Sikhismus oder auch des Krishna-Kults. Die von innen und von außen kommenden politischen Veränderungen waren zusätzliche Faktoren, die Indien einen nachhaltigen Stempel aufdrückten.

Die neue klingende Reise aus dem Silberfuchs Verlag vermittelt einen akustischen Farbrausch für die Ohren, der Indien mehr als nur gerecht wird. Von den frühen Schöpfungsmythen, über politische, philosophische und religiöse Strömungen bis zum modernen Indien des Mahatma Gandhi, Bollywood oder auch Slumdog Millionär wird der Bogen gespannt. Die enorme Herausforderung eine gewaltige Informationsfülle auf 80 Minuten zu verdichten, ist genial bewältigt worden. Die spannende Aufbereitung in Kombination mit der Stimme von Rufus Beck verführt immer aufs Neue zum Wiederhören. Mit traditioneller indischer Musik unterlegt, entsteht ein Klangerlebnis, das Ohren Curry hören, riechen und schmecken lässt. Dass die Augen bei diesem inhaltlichen und akustischen Fest nicht zu kurz kommen, dafür hat Roswitha Rösch mit farbenprächtiger Gestaltung von CD, Cover und Booklet gesorgt.

Hörprobe 

© S. Strohschneider-Laue

Indien hören - Das Indien-Hörbuch: Eine klingende Reise durch die Kulturgeschichte Indiens von den Mythen bis in die Gegenwart 

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Geografische Kostbarkeiten

Dienstag, 17. November 2009

Non-Fiction

Jan Mokre (Hg.)
Annäherungen an die Ferne
Geografische Kostbarkeiten aus der Österreichischen Nationalbibliothek

Kremayr&Scheriau 2009, 224 S., zahlr. Farb- und Sw-Abb.
ISBN 978 3 218 00795 5

  Annäherungen an die Ferne: Geografische Kostbarkeiten aus der Österreichischen Nationalbibliothek

Habgier kennt keine Grenzen. Weltumspannendes Agieren auf der Suche nach Profit ist keinesfalls eine Erscheinung des 20. und 21. Jahrhunderts. Die Globalisierung mag auf einem vorläufigen Höhepunkt angekommen sein, ihre Wurzeln hingegen reichen tief in die Vergangenheit zurück.

Als die Europäer sich aufmachten die Welt zu entdecken, taten sie dies nicht weil ihnen Fragen der Wissenschaft oder Erkenntnisgewinn um seiner selbst willen am Herzen lagen. Es ging, wie immer, um Geld und Macht. Expeditionen wurden ausgesandt, um Land in Besitz zu nehmen, wertvolle Rohstoffe auszubeuten und Luxusgüter zu finden. Die zu Beginn des 17. Jahrhunderts gegründeten Handelsgesellschaften genossen Privilegien und konnten in vieler Hinsicht wie ein Staat auftreten. Das Sammeln von Informationen erfolgte als zweckgebundene Begleiterscheinung, die gewonnenen Kenntnisse wurden oft geheim gehalten. Wer sich die Erde untertan machen möchte, muss erst einmal wissen, wie sie aussieht und beschaffen ist, wer beziehungsweise was auf ihr lebt und wie man am schnellsten von Punkt A nach Punkt B kommt. Die Vermessung der Welt ging Hand in Hand mit einer Bestandsanalyse. Fleißig wurde gezeichnet, beschrieben und gesammelt. Reisen erweitert - nolens volens - den Horizont. Kartenwerke, Reiseberichte, ethnografische und geografische Schilderungen, botanische und zoologische Schriften sowie Sammlungen von Objekten aller Art vermittelten den europäischen Eliten Kenntnisse über ferne Länder und ihre Bewohner. Dreh- und Angelpunkt der Verbreitung des neuen geografischen Wissens waren die Verlagshäuser, die aufwändig gestaltete Atlanten und Bücher über die Menschen, Flora und Fauna fremder Erdteile herausbrachten. Heute gehören diese historischen Zeugnisse der Erkundung der Welt zu den Beständen großer Universalbibliotheken, zu denen auch die Österreichische Nationalbibliothek zählt.

In dem reich bebilderten Buch “Annäherungen an die Ferne” präsentiert die Österreichische Nationalbibliothek Kostproben aus ihrer Sammlung geografischer Aufzeichnungen. Im Mittelpunkt der Betrachtung des europäischen Wissensstandes über Afrika, Asien und Amerika steht das 17. Jahrhundert, in dem nicht nur der Fernhandel erblühte, sondern auch das Verlagswesen Glanzleistungen hervorbrachte. Zu den schönsten, umfangreichsten und zu seiner Zeit teuersten Atlanten zählt der, 1662 im Amsterdamer Verlag Blaeu erschienene, “Atlas Maior sive Cosmographia Blaviana”. Mit seinen über 600 Karten stellt er - gleichsam als Spiegel der zu dieser Zeit bestehenden Kenntnisse über das Aussehen der Erde - eine einzigartig reichhaltige Bildquelle dar.

Jede der für das Buch “Annäherungen an die Ferne” ausgesuchten Bildquellen hat ihren eigenen visuellen Reiz. Im 17. Jahrhundert gab es auf den Landkarten noch viele weiße Flecken. Der Fernhandel erfolgte weitgehend auf dem Seeweg, folglich waren die Küsten und ihr Hinterland bis ins 19. Jahrhundert besser bekannt und erforscht als das Innere der Länder und Kontinente. Zeichner griffen oft auf fragwürdige Berichte zurück und ließen ihrer Fantasie freien Lauf. Sie bevölkerten die Meere mit Ungeheuern und das Festland mit seltsamen Kreaturen, darunter die Acephalen (Kopflosen) und das einäugige Monoculi. Mit der Zeit wurde der Glaube an Mythen wie Eldorado und Fantasiewesen, die in fernen Ländern angeblich anzutreffen seien, durch Beobachtungen und verlässliche Augenzeugenberichte entkräftet. Die Europäer lernten schnell. Ihre von Illustratoren, Kartografen und Kupferstechern festgehaltenen Irrungen machen aus den Bildquellen charmante Zeitzeugnisse.

Was die attraktiven Land- und Seekarten, Kupferstiche mit Szenen des Alltags der fremden Völker, botanischen Illustrationen und anderen Bildquellen nicht selbst Preis geben, ist den hervorragenden Texten zu entnehmen. Nach Kontinenten gegliedert, erzählen die Autoren des Buches “Annäherungen an die Ferne” von den Fahrten und Taten der Eroberer und Kaufleute, die durch ihr Handeln in wenigen Jahrhunderten nicht nur das Anlitz der Erde, sondern auch das Leben fremder Völker gründlich veränderten. Die Europäer waren im Umgang mit der Natur und der indigenen Bevölkerung nicht zimperlich. Selbst kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den Kolonialmächten waren keine Seltenheit, wenn es um den Schutz eines Monopols oder anderer wirtschaftlicher Vorteile ging. Diplomatische Missionen, die vor allem in den Beziehungen zu China und Japan eine bedeutende Rolle spielten, folgten wiederum anderen Regeln. Virtuos verbinden Jan Mokre, Elisabeth Zeilinger und Helga Hühnel in ihren Essays kartografische, politische, völkerkundliche, wirtschaftliche und kulturelle Aspekte der Begegnung Europas mit dem Rest der Welt.

Eine gut bestückte Bibliothek, wie es die Österreichische Nationalbibliothek zweifelsohne ist, kann durch die Präsentation ihrer Schätze zur Zeitmaschine werden. Das Buch “Annäherungen an die Ferne” lädt ein zu einer Reise zurück zu den Anfängen der Globalisierung.

© Ch. Ranseder

Annäherungen an die Ferne: Geografische Kostbarkeiten aus der Österreichischen Nationalbibliothek

siehe auch:
Ausstellungsrezension

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Insekten von Surinam

Montag, 09. November 2009

Non-Fiction

Katharina Schmidt-Loske (Hg.)
Maria Sibylla Merian - Insects of Surinam
Taschen 2009, En./Dt./Fr., 192 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 9783 8228 5278 1

  Merian - Insects of Surinam

Das 1705 erschienene Werk “Metamorphosis Insectorum Surinamensium” ist der brilliante Höhepunkt im Schaffen einer Frau, die mit eisernem Willen ihren eigenen Weg ging. Maria Sibylla Merian (1647-1717) gelang der Spagat zwischen Familie und Berufung, zu einer Zeit als weibliche Selbstverwirklichung die Ausnahme darstellte und Frauen in der Wissenschaft nahezu undenkbar waren. Ihre herausragende Leistung muss daher im Kontext mit der Lebensgeschichte betrachtet werden, da das Werk über die Insekten Surinams eine im Grunde logische Folge der jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit Faltern darstellt.

Aufgewachsen in einem intellektuell geprägtem Künstlermilieu - ihr Vater war der Kupferstecher und Verleger Matthäus Merian d.Ä., ihr Stiefvater der Blumen- und Stilllebenmaler Jacob Marrel, entwickelt Maria Sybilla Merian bereits als 13-jährige ein Interesse für Raupen. Sie verfolgt den Lebenszyklus des Seidenspinners und schreibt ihre erste Abhandlung, “Verwandlung und Veränderung der Seidenwürm”. Glücklicherweise lässt die Familie das begabte Mädchen, das unter anderem Zeichnen, Malen und Kupferstechen erlernt hat, gewähren. Auch der Erwerb des obligatorischen Ehemanns, die Geburt zweier Töchter und der Umzug von Frankfurt nach Nürnberg können Maria Sybilla nicht von ihren naturkundlichen Studien abhalten, die sie um die Suche nach Farbrezepturen erweitert. Ihre erste Veröffentlichung ist jedoch ein Blumenbuch. Wenig später, 1679, erscheint “Der Raupen wunderbare Verwandelung und sonderbare Blumen=Nahrung”. In diesem Buch gibt die Naturforscherin erstmals die Entwicklungsstadien zum Schmetterling, angeordnet auf einer einzelnen (Futter-)Pflanze, wieder. Diese ganzheitliche Darstellung ist etwas völlig Neues. Wo auch immer sich Maria Sybilla Merian aufhält, sammelt sie Raupen - zwei Fortsetzungen des Raupenbuches (1683, 1717) sind die Folge. 1685 verlässt die Künstlerin ihren Mann und zieht mit Töchtern und Mutter bei den Labadisten auf Schloss Waltha ein. In den folgenden Jahren ordnet Merian ihre Zeichnungen und Notizen nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten. Surinam rückt näher, denn Schloss Waltha wird der Sekte vom Gouverneur der holländischen Kolonie zur Verfügung gestellt. Doch zuerst geht es 1691 nach Amsterdam, wo Maria Sybilla den Lebensunterhalt für sich und die Töchter durch den Handel mit Farben und Naturalien sowie der Ausführung von Auftragsarbeiten bestreitet. In der geschäftigen Handelsstadt kann die forschende Künstlerin Sammlungen besuchen, zu deren Exponaten auch Insekten aus Surinam zählen. Ihre Neugier ist geweckt, sie will selbst in dieses Land fahren, um eigene Beobachtungen zu machen. 1699 ist es endlich so weit: Maria Sybilla Merian, mittlerweile 52 Jahre alt, und ihre Tochter Dorothea Maria stechen in See. Zwei Jahre verbringen die beiden Frauen sammelnd, zeichnend und forschend in Surinam, bevor sie gesundheitliche Gründe zur Rückkehr zwingen. Zurück in Amsterdam und wieder genesen macht sich Maria Sybilla voller Tatendrang an die Herausgabe ihres Werkes über die Insekten Surinams.

“Metamorphosis Insectorum Surinamensium” erscheint 1705 und umfasst insgesamt 60 Kupferstiche. Das Geld für die Herstellung des Buches brachte Merian selbst auf, indem sie Subskribenten warb und Auftragsarbeiten annahm. Käufer konnten zwischen einer schwarz-weißen oder einer handkolorierten Fassung des Werkes wählen. Der exquisite Prachtband “Insects of Surinam” des TASCHEN Verlages basiert auf den besonders schön kolorierten Tafeln des in der öffentlichen Bibliothek der Universität Basel befindlichen Exemplars der “Metamorphosis Insectorum Surinamensium”.

Im 18. Jahrhundert präsentierten die 60 Tafeln Ergebnisse der Grundlagenforschung, auf die sogar der Naturwissenschaftler Carl von Linné für sein wegbereitendes Ordnungssystem der Natur zurückgriff. Heute bezaubern Merians Darstellungen durch ihre dekorative Eleganz. Wer in den Medien des 21. Jahrhunderts schon alle Hässlichkeit dieser Erde gesehen hat, ist durch die hübschen Abbilder der “unachtbaren Thierlein” nicht zu erschüttern. Im Gegenteil. Was Merians Zeitgenossen vielleicht als garstig abstoßende Schädlinge angesehen haben, wirkt geradezu niedlich. Auf und um anmutigen, fast ornamental angeordneten Pflanzen tummelt sich eine bunte Insektenschar. Fette Raupen knabbern an saftigen Blättern. Plumpe Kokons und Puppen ruhen auf Ästen und Stängeln. Prächtige Schmetterlinge flattern herum. Käfer krabbeln im Laubwerk oder erheben sich behäbig in die Lüfte. Heuschrecken, Zikaden, Wespen und Ameisen lassen sich gelegentlich blicken. Auf einigen Tafeln hat Maria Sybilla Merian sogar Fösche, Kröten, Eidechsen, Schlangen und Vogelspinnen festgehalten. Auffällig ist das Spiel mit Größenverhältnissen. Merian ist bemüht, die Insekten in Originalgröße wiederzugeben. Die Pflanzen hingegen zeigt sie verkleinert, wohl auch, um möglichst viel von Wuchs und anderen Charakteristika auf dem beschränkten Platz der Tafeln zeigen zu können. Es ist bekannt, dass die Forscherin für ihre Studien auch ein Mikroskop benutzte. Die Künstlerin genießt sichtlich die an den Insekten zu beobachtbaren Farben, Muster und Texturen, die sie nicht nur zeichnet sondern auch beschreibt. Trotz des Bestrebens nach Wahrhaftigkeit der Wiedergabe, verliert die dual Begabte nie den ästhetischen Wert ihrer Bildkompositionen aus den Augen.

Wer mehr über die abgebildeten Insekten und Pflanzen erfahren will, kann allerlei Wissenswertes in den Bilderläuterungen aus der Feder von Katharina Schmidt-Loske erfahren, die Merians Originaltext ersetzen. Die Leiterin des Biohistoricums, Bonn, hat auch den Essay “Maria Sybilla Merians ‘kostbare’ Reise in die Schatzkammer der Natur” zu Leben und Werk der forschenden Künstlerin verfasst. Ergänzendes Bildmaterial, darunter Arbeiten einer der Töchter der Künstlerin, begleitet diesen Text.

“Insects of Surinam” ist ein verführerisch schönes Buch. Maria Sybilla Merians unvergleichliche Darstellungen der Insekten- und Pflanzenwelt Surinams sind eine Augenweide, die niemals an Frische verliert. Auch die Designer des prächtigen Bandes scheinen sich an den dekorativen Krabbeltieren und Räupchen erfreut zu haben. Seitenfüllende Vergrößerungen von Details aus den Tafeln beleben die ohnehin schon attraktive grafische Gestaltung.

Folgen Sie nicht dem in Wohnzeitschriften immer wieder zu bemerkenden Trend, sich aufgespießte Schmetterlingsleichen in Kästchen an die Wand zu hängen. Schaffen Sie sich stattdessen das wunderschöne Buch “Insects of Surinam” an - das schont die Umwelt und stimuliert den Geist.

© Ch. Ranseder

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Rock ‘n’ Old

Dienstag, 03. November 2009

Non-Fiction

Esther Haase
Rock ‘n’ Old
Kehrer 2009, 128 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 8682 8109 5

  Rock ‘n’ Old

Lebensfreude ist keine Frage des Alters sondern des Anlasses. Die in dem Fotoband “Rock ‘n’ Old” zu bewundernden hochbetagten Frauen und Männer, hatten sichtlich Spass daran, in eine Rolle zu schlüpfen und sich als Model fantasievoll in Szene setzen zu lassen. Große Roben und schöner Schmuck stehen ihnen gut. Wagemutig werfen sich die Senioren in Pose, albern herum oder lassen arrogant den Blick schweifen. Hohes Alter hindert nicht daran gute Figur zu machen.

Seit vielen Jahren fotografiert Esther Haase Patienten der Ambulanten Pflegestation Jahnke für den Kalender der privaten Einrichtung. Angesichts der steigenden Lebenserwartung der Menschen in der westlichen Welt, ist das dahinterstehende Konzept wegweisend. Auch im Alter wirken Begegnungen mit neuen Situationen, welche der Fantasie Freiräume gewähren, belebend. Eine Auswahl der schönsten Kalenderbilder ist nun mit dem treffenden Titel “Rock ‘n’ Old” als Buch erschienen. Betrachter bleiben emotional nicht unberührt.

Dass die Fotografin unter anderem für die provozierende Kontraste liebende Modebranche arbeitet, ist vielen der Arbeiten anzusehen. Themen und Bildsprache der erzählten Geschichten rufen immer wieder Assoziationen zu Werbekampagnen und Fotostrecken in Modemagazinen wach. Doch im Unterschied zu diesen, ist beim ersten Blättern im Buch “Rock ‘n’ Old” die Grenze zwischen Fiktion und Realität nicht sofort erkennbar. Handelt es sich bei den faszinierenden Persönlichkeiten um lebenshungrige Exzentriker, die ihr Selbstbild vermitteln? Dienen Ausstattung oder Pose als Hinweis auf eigene Vorlieben, Statussymbol, Referenz an ein Ereignis in ihrem Leben? Oder übernehmen die alten Damen und Herren eine Rolle in einer von jemand Anderem erfundenen Geschichte? Schlüpfen sie dafür mutig für die Dauer eines Shootings in eine andere Haut, um einen Traum zu leben? Diese Ambivalenz weckt Neugier. Wer sind diese Personen, welche Lebensgeschichte haben sie, möchte man als Betrachter der Bilder wissen. Doch das Buch bleibt diese Antworten schuldig, der Normbruch ist nur ein Spiel mit unserer Vorstellung vom Alter. Esther Haases Fotos sind ein Beweis, wie befreiend das Abrücken von Konventionen sein kann.

Das Buch “Rock ‘n’ Old” ist ein berührender Fotoband, der lehrt das Alter mit anderen Augen zu sehen.

© Ch. Ranseder

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