Archiv für April 2008
Donnerstag, 24. April 2008

Holly Loose (Hg.)
Weiße Geschichten: Eine Fan-Anthologie
Periplaneta 2008, 220 S., Sw-Fotos.
ISBN 978 3940767 06 6
Weiße Geschichten: Eine Fan-Anthologie
Dem Aufruf von Holly Loose, Sänger der Folk-Rockband Letzte Instanz, an die Fans sich von den Liedtexten inspirieren zu lassen und selbst zu schreiben, folgten überraschend viele. Die besten Texte wurden in den vorliegenden Weißen Geschichten, in Anlehnung an die aktuelle CD ”Das weiße Lied”, vereint. In die Fan-Anthologie ains Texte, denen jeweils der inspierende Liedtext vorangestellt ist, von folgenden AutorInnen zu lesen:
Sonja Boltz, Victoria Engel, Stephanie Gerdes, Lisa Grimm, Magdalena Hangel, Steffen Heidrich, Tatjana Heinz, Stefanie Jung, Alex Kager, Pauline Lörzer, Holly Loose, Kristina Lorrek, Ulrike Madest, Denise Meschenitz, Christiane Ranft, Svenja Reiner, Anja Schindelar, Patrizia Sophie Schneider, Claudia Thoß, Matthias Wilhelmy, Kathrin Knoch, Jonas Zeit-Altpeter.
So vielfältig die Stories sind, ist ihnen doch eines gemeinsam, sie sind berührend und persönlich. Somit stehen sie in enger Verbindung mit dem hohen lyrischen Anspruch der Band, deren Worte und Musik deutlich mehr als nur Konsumgut sind; denn sie inspirieren HörerInnen. In der Musik der Letzten Instanz kann man sich ebenso spiegeln, wie in den Texten der Fans, die in die Anthologie aufgenommen wurden. Eine Eigendynamik, die ebenso beachtlich wie nachvollziehbar ist und ein ganz besonderes Licht auf Musik- und Fanszene wirft.
Kann es noch größere Freiheiten geben als mit Musik, Buch und dem Feuer in sich das Paradies zu suchen? Nein, man muss nicht Fan sein, um das Buch zu lieben. Nicht zuletzt kann man das Buch auch aus sozialen Erwägungen - immer ein guter Grund - kaufen, denn aus dem Verkaufserlös werden Musiker ohne Grenzen unterstützt, die zur Zeit ein Projekt mit Kindern aus Armenvierteln in Ecuador durchführen. Ein in jeder Hinsicht engagiertes wie gelungenes Buchprojekt.
Die Letzte Instanz lässt niemanden kalt und schon gar nicht die Fans. Fans und solche, die es noch werden wollen, haben am 3. Mai ‘08 in Wien im Planet Music Gelegenheit zum Hören und Verstehen.
© S. Strohschneider-Laue
Weiße Geschichten: Eine Fan-Anthologie
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Tags:Ebensolch Rez-E-zine 39+40/08, Kunst, Literatur, Musik, Sistlau
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Mittwoch, 23. April 2008

Dennis DiClaudio
Der kleine Neurotiker
DVA 2008, 208 S., zahlr. Sw-Abb.
ISBN 978 3 421 04324 5
Der kleine Neurotiker
Vorab eine kleine Selbsterforschung:
Kennen Sie Ihre Ängste?
Glauben Sie gefestigt zu sein?
Haben Sie keine Störungen - nicht einmal Schlafstörungen?
Wetten, dass Sie sich irren?
Bei Lektüre dieses Buches bekommen Sie garantiert alle (un)erwünschten Zustände.
Nach dem Der kleine Hypochonder. Lexikon der eingebildeten Krankheiten
ist dies der zweite Geniestreich von Dennis DiClaudio. Wieder sind die grundsätzlichen Fakten des Buches durchaus stimmig, wenn auch ganz gezielt - zu Gunsten des frech-frischen Blicks auf gesellschaftlichen Verhältnisse und allgemein-menschliche Unvollkommenheit - unvollständig. Man wird zum “Adrian Monk” beim Lesen, obwohl das Buch meilenweit von medizinischen Lexikon entfernt ist und auch nicht als solches geschrieben wurde.
Angststörungen, Dissoziative und Artifzielle Störungen, Persönlichkeitsstörungen, Psychotische, Sexuelle Störungen sowie Schlaf- und Somatoforme Störungen werden in diesem Band mit minutiös-boshaften Anleitungen zur “Selbsterforschung” vorgestellt. Erstaunlich ist, dass man bei der Selbstanalyse auf jeden Fall fündig wird. Und noch erstaunlicher ist, wie oft Politiker, Beamte, Chefs und die LehrerInnen (natürlich nur die der eigenen Kinder) eindeutig schwerste Mehrfach-Neurotiker sind.
Von etlichen Störungen hört man immer wieder, auch wenn man eigentlich viel zu wenig darüber weiß. Mit dem Münchhausensyndrom - wer kennt heute noch Münchhausen - wird inzwischen wesentlich medientauglicher Eminems Mutter gleichgesetzt, während mancher Wahn richtiggehend massentauglich ist. Immerhin stürzten sich plötzlich die Deutschen mit “Wir sind Papst” unhabhängig von ihren jeweiligen Bekenntnissen in den religösen Wahn. Andererseits hat der Doppelgängerwahn nichts damit zu tun, dass Ihr Chef seine Reisenspesen zusätzlich auch noch über einen Verein abrechnet, während Konfabulation keine Politikerkrankheit ist, auch wenn diese erstklassig von ihrem selektiv-fabulösen Gedächtnis leben. Latah ist der Traum so manches Ausbildners und das Trauma von Azubis: die Disziplinierung zum absoluten Befehlsempfänger. Um es kurz zu machen, das Buch beschreibt auch die “gemeinsame psychotische Störung”, der man spielend selbst bei der Lektüre anheim fallen kann. Aber man kann auch versuchen all diesen Störungen den “Inneren Monolog” entgegenzusetzen, sich an der ”Diagnose” festhalten oder über ”Ursache” und “Behandlung” eine Lösung anstreben. Die gut gewählten Grafiken tragen jedenfalls zu Angst und Schrecken ebenso bei wie zum permanent (un)heimlichen Schmunzeln.
Der kleine Neurotiker ist ein exzellentes Beispiel dafür, dass man wirklich ernste Themen mit jenem seriös unseriösen Augenzwinkern betrachten kann, die den Ernst des Lebens erst erträglich machen.
© S. Strohschneider-Laue
Der kleine Neurotiker
Der kleine Hypochonder
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Tags:Ebensolch Rez-E-zine 39+40/08, Humor, Literatur, Sistlau
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Mittwoch, 23. April 2008

Corinna Hesse
Israel hören. Das heilige Land
Silberfuchs Verlag 2008, Laufzeit 80′, 16 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 940665 00 3
Israel hören - Das heilige Land (Audio-CD)
Am 14. Mai 1948 proklamierte Ben Gurion den Staat Israel. Der 60. Gründungstag Israels im Jahr 2008 ist Anlass für die klingende Reise “Israel hören”. Die Audio-CD erscheint am 13. Mai in der bewährten Länderreihe (s. a. Rezensionen zu China hören, Russland hören, Ungarn hören; Hörproben Silberfuchs Verlag) der beiden Kulturjournalistinnen Corinna Hesse und Antje Hinz.
In 80 fesselnden Minuten wird der zeitliche Bogen von den biblischen Überlieferung bis in die Gegenwart gespannt. Die dramatische Geschichte, die von Vertreibung und Verfolgung ebenso gekennzeichnet ist wie von kultureller Hochblüte und Rückkehr, wird anhand wesentlicher Ereignisse aufgezeigt. Viele davon sind nicht nur archäologisch nachgewiesen, sondern im meist gelesenen Buch der Welt, der Bibel, schriftlich überliefert. Die verbindende Elemente und Ursprünge der drei großen Weltreligionen werden dabei sensibel abseits der religiös-politischen Reibungsflächen in die historischen Betrachtungen einbezogen. Die Bewahrung alter Traditionen als zentrales Element wird leicht verständlich aufbereitet. Die sich aus der wechselvollen Geschichte ergebende kulturelle Brücke aus Orient und Okzident wird zuletzt noch anhand der Sichtweisen zeitgenössischer Künstler aufgezeigt.
Interessierte Menschen jeden Alters zu erreichen, gelingt der Länderreihe spielend. Das Ziel mit “Israel hören” insbesondere jüngere Menschen anzusprechen, geht jedenfalls vollinhaltlich auf. Die akustische Reise durch die wechselvolle Kulturgeschichte macht nicht nur neugierig auf mehr, sondern lädt immer wieder aufs Neue zum Hineinhören ein. Zum inhaltlichen Hörgenuss mischen sich passende musikalische Sequenzen. Die Stimme Rolf Beckers, der sich wieder als genialer Erzähler erweist, hält die Spannung bis zum letzten Wort aufrecht. Das Booklet, das wieder wesentlich mehr als nur Inhaltsverzeichnis ist und daher seinem Namen auch gerecht wird, ist von Roswitha Rösch themenbezogen gestaltet worden. Eine kleine, feine optische Ergänzung zum akustischen Genuss.
Hörprobe
© S. Strohschneider-Laue
höre auch:
China hören
Deutschland hören
Frankreich hören
Griechenland hören
Indien hören

Niederlande hören
Russland hören
Türkei hören 
Ungarn hören
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Gastmahl | Ama/Koch/zon/e
AugenBlick | AmaZino
Tags:Antike, Asien, Ebensolch Rez-E-zine 39+40/08, Hören, Kultur, Kunst, Literatur, Mittelalter, Moderne, Musik, Neuzeit, Reise, Sistlau, Völkerkunde
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Dienstag, 22. April 2008

Drusilla Cole
Designmuster
Haupt Verlag 2008, 240 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 258 07267 8
Designmuster. Zeitgenössische Oberflächengestaltung
Kreative Menschen lassen sich von vielen Quellen inspirieren. Oft mit erstaunlichen Ergebnissen. Filme, literarische Texte, Musik, Gegenstände des Alltags, Blumen oder Erinnerungen - fast alles kann als Auslöser für eine Entwurfsidee dienen. Das spiegelt sich auch in den Mustern, die Drusilla Cole für das opulente Buch “Designmuster” gesammelt hat. 102 Künstlerinnen und Künstler sind mit ihren Kreationen vertreten. Ihre in den Jahren von 2000 bis 2005 entstandenen Entwürfe sind am Puls der Zeit und zieren die unterschiedlichsten Trägermaterialien. Das Spektrum der angewandten Techniken reicht von klassischem Siebdruck über Stickereien und Applikationen zu modernsten High-Tech-Verfahren. Es wird fröhlich gemalt, gezeichnet und digital am Computer komponiert. Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Die dekorative Musterflut wird in fünf Kapiteln gebändigt und in geordnete Kanäle geleitet. Säuberlich in thematische, abstrakte, geometrische und organische Muster sowie Retromuster gegliedert, entfalten die wunderschönen Schöpfungen ihre ganze Pracht. In den begleitenden Texten sind die leider allzu knappen Kommentare der Designer zu Ursprungsidee, Intention und gewählter technischen Umsetzung ein besonderer Leckerbissen.
Das Buch “Designmuster” ist zugleich dokumentarische Momentaufnahme, Inspirationsquelle und - dank eines Verzeichnisses mit Kontaktadressen der Designerinnen und Designer - Einkaufswegweiser. Die gelungene Auswahl der Arbeiten fügt sich zu einer faszinierenden Zusammenstellung zeitgenössischer Ornamentik und macht das Buch zu einem visuellen Genuss von der ersten bis zur letzten Seite.
© Ch. Ranseder
Designmuster. Zeitgenössische Oberflächengestaltung
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Tags:Business, CRans, Design, Ebensolch Rez-E-zine 39+40/08, Grafik, Handbuch, Kunst
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Donnerstag, 17. April 2008

Jochen Sander (Hg.)
Die Magie der Dinge. Stilllebenmalerei 1500-1800
Texte von Julie Berger Hochstrasser, Gerhard Bott, Ursula Härting, Stephan Kemperdick, Magdalena Kraemer-Noble, Heidrun Ludwig, Fred G. Meijer, Jochen Sander, Sam Segal
Hatje Cantz 2008, 368 S. 246 Farbabb.
ISBN 978 3 7757 2206 3
Die Magie der Dinge. Stilllebenmalerei 1500 - 1800
Die Mahlzeit ist vorbei. Ein weißes Tuch liegt zerknüllt über der verrutschten Tischdecke. Die silberne Konfektschale ist leer und umgestürzt. Von einer Speise sind zwei Garnelen übrig geblieben. An der prächtigen Pastete jedoch wurde nur ein wenig genascht, der Löffel liegt noch daneben. Die kostbaren Gläser sind halbvoll und die Schale einer gerade geschälten Zitrone kringelt sich dynamisch auf der Tischplatte. Makellos und prall verlocken Kirschen, Trauben und eine Orange zu baldigem Konsum. Das von Jan Davidsz. de Heem 1651 gemalte Prunkstillleben vereint mit größter Eleganz die Lebensmitteln innewohnende Sinnlichkeit mit zur Schau gestelltem Reichtum und demonstrativem Konsum. Obwohl die menschlichen Darsteller fehlen, erzählt das Bild eine Geschichte. Man muss sie nur (er)finden. Die Raffinesse der malerischen Wiedergabe unterschiedlicher Oberflächentexturen und die dramatische Überhöhung des Arrangements durch das Spiel von Licht und Schatten faszinieren ohnedies und laden zum Verweilen ein. Es ist - wie es der trefflich formulierte Titel von Buch und gleichnamiger Ausstellung so schön auf den Punkt bringt - die “Magie der Dinge”, die das Auge fesselt und den Geist verführt.
Mit dem Betrachten von Stillleben geht eine Entschleunigung einher, die im heutigen Alltag gut tut. Nehmen Sie sich Zeit für die Lektüre von “Die Magie der Dinge. Stilllebenmalerei 1500-1800″. Es gibt auf den rund 100 Gemälden aus den Beständen von Städel Museum (Frankfurt am Main), Kunstmuseum Basel und Hessischem Landesmuseum Darmstadt viel zu entdecken. Anspielungen auf die Bedeutungslosigkeit irdischer Dinge und die Vergänglichkeit des Lebens wollen ebenso entschlüsselt werden wie Huldigungen an die Freuden der Sinne und des Fleisches. Selbst dem Stolz und der Prahlerei reicher Auftraggeber, die ihr kostbares Tischgeschirr oder ihr Jagdprivileg im Bild dokumentieren wollten, wird in den Stillleben Stil und Charme verliehen. Krabbeltiere eilen durch die Bilder, Schmetterlinge flattern fröhlich und Schnecken beäugen begehrlich frisches Obst und Gemüse. Alles wird in Stillleben möglich: Mit Früchten beladene Zweige trotzen der Schwerkraft, Frühlings- und Herbstblumen formen Seite an Seite unglaubliche Sträuße und sogar die schlaffen Körper toter Hasen und Fische wirken noch irgendwie attraktiv. Bei gleichbleibender Virtuosität reicht das Spektrum der Darstellungsweisen von beinahe minimalistisch bis zu atemberaubend opulent, von edel monochrom bis zu fröhlich bunt und von deskriptiver Feinmalerei bis zu illusionistisch-lockerer Pinselführung.
Natürlich bleibt es bei der “Magie der Dinge” nicht beim Augenschmaus allein. Die Autoren des Buches führen in zehn Kapiteln im Zeitraffer durch die ersten 300 Jahre der Geschichte des Stilllebens. Von seinen bescheidenen Anfängen als Arrangement in Tafelbildern mit religiösem Inhalt über die Emanzipation als eigene Gattung der Malerei um 1600 bis zu den neuen Wegen, welche die Stilllebenmaler des 18. Jahrhunderts einschlugen, spannt sich der thematische Bogen.
Vanitas- und Bankettstillleben, Prunkstillleben, Fischstillleben, Jagdstillleben, Kartuschen- und Nischenbilder, Waldbodenstücke - die Wiedergabe der unbeweglichen Sachen fand viele Ausprägungen. Den beiden wunderbaren Künstlern Jan Davidsz. de Heem und Willem van Aelst sowie ihrem jeweiligen Kreis sind eigene Kapitel gewidmet. Zu zahlreich sind die in dem berückend schönem Buch vertretenen MalerInnen, um sie alle zu nennen. Stellvertretend seien deshalb nur Georg Flegel, Sebastian Stoskopff, Peter Binoit, Jacob Marrel, Abraham Mignon und Jean Siméon Chardin erwähnt. Ausführliche Katalogtexte erläutern jedes der großformatig wiedergegebenen Gemälde. Aus vielen der Stillleben werden zusätzlich besonders attraktive Detailausschnitte herausgegriffen und in größerem Maßstab seiten- bzw. doppelseitenfüllend zur näheren Betrachtung präsentiert.
Wer nach dem Genuss des - grafisch sehr ansprechend gestalteten - Buches die Gemälde nun auch im Original sehen möchte, hat dazu vom 20. März bis 17. August ‘08 im Städel Museum, und von 5. September ‘08 bis 4. Januar ‘09 im Kunstmuseum Basel, die Gelegenheit.
© Ch. Ranseder
Die Magie der Dinge. Stilllebenmalerei 1500 - 1800
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Tags:Barock, CRans, Ebensolch Rez-E-zine 39+40/08, Katalog, Kunst, Neuzeit, Renaissance, Stillleben
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Donnerstag, 17. April 2008

Kokoschka - Spätwerk
Oskar Kokoschka (1886-1980) steht im Mittelpunkt von drei Ausstellungen in Wien und Linz. Während die Ausstellung “Oskar Kokoschka. Träumender Knabe - Enfant terrible” (24. Januar bis 12. Mai ‘08) im Unteren Belvedere sich des Frühwerks annimmt, widmet sich die Albertina unter dem Titel “Oskar Kokoschka. Exil und neue Heimat 1934-1980” vom 11. April bis 13. Juli ‘08 dem Spätwerk des Künstlers. “Oskar Kokoschka - Ein Vagabund in Linz. Wild, verfemt, gefeiert” wird von 31. Mai bis 5. Oktober ‘08 den Reigen um den Künstler im Lentos abrunden.
Oskar Kokoschka, Helft den baskischen Kindern!, 1937, Farblithografie. Kunstgewerbemuseum, Prag
© Fondation Oskar Kokoschka/VBK, Wien 2008, © Foto: Ondrej Kocourek, Prag
Während das Frühwerk Kokoschkas sich unter anderem durch Selbstbetrachtung auszeichnet, richtet sich Kokoschkas kritischer Blick ab 1934 - auch im Zuge seiner Emigration nach Prag - nach außen und somit auch auf die politischen Entwicklungen seiner Zeit. Deutlich werden daher in der Spätwerk-Ausstellung der Albertina diese inhaltlich essentiellen Unterschiede zu Arbeiten des jungen Künstlers aufgezeigt.
Oskar Kokoschka, Prag, Karlsbrücke, 1934, Öl auf Leinwand. Národní Galerie, Prag
© Fondation Oskar Kokoschka/VBK, Wien 2008
Die bewegte und unstete Lebensweise des Künstlers zieht sich als roter Faden durch die übersichtlich geliederte Präsentation. Prag, (1934-1938), Londoner Exil (1938-1945), der poltische Kokoschka, Reisen von England aus (1945-1953), Kokoschka und Österreich, Salzburg und die “Schule des Sehens”, Villeneuve (1953), Städtebilder (1953-1967), Theater und Literatur: Mythen der Menschheit, die letzten Bilder (1970-1980) geben dem vielschichtigen Spätwerk chronologische und inhaltliche Struktur.
Oskar Kokoschka, Time, Gentlemen please, 1970/1972, Öl auf Leinwand, Tate, London
© Fondation Oskar Kokoschka/VBK, Wien 2008
Der perfekt von der Albertina inszenierte Überblick zum zweiten Lebensabschnitt und Alterstil Oskar Kokoschkas endet bezugnehmend auf seine eigene Zukunftsperspektive passend und nachdenklich stimmend mit dem Werk “Time, Gentlemen please”.

Antonia Hörschelmann (Hg.)
Oskar Kokoschka. Exil und neue Heimat 1934-1980
Hatja Cantz 2008, 328 S. 320 Sw- und Farbbb.
ISBN 978 3 7757 2155 4
Oskar Kokoschka. Exil und neue Heimat 1934-1980
Zur Ausstellung erscheint der ebenso umfangreicher wie detailliert ausgarbeiteter Katalog. Das über 300 starke Begeleitwerk zur Ausstellung in der Albertina (11. April bis 13. Juli ‘08) bietet einen detaillierten Überblick über das Spätwerk mit Essays namhafter Kokoschka-SpezialistInnen.
Artur Rosenauer setzt sich mit dem Alterstil auseinander, während Werner Hofman die politische Kunst einer näheren Betrachtung unterzieht. Edwin Lachnit analysiert die Städtebilder ab 1934. Katharina Ehrling nimmt sich der Figurenbilder des letzten Jahrzehnts an. Gunhild Bauer stellt die Skizzenbücher in den Mittelpunkt und legt die Biografie vor. Heinz Spielmann und Antonia Hörschelmann liefern einen minutiös kommentierten Katalogteil begleitet von überragender Bildqualität.
Definitiv bieten Ausstellung und Katalog eine Werkschau und -analyse vom Feinsten.
© S. Strohschneider-Laue
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Tags:Ausstellung, Ebensolch Rez-E-zine 39+40/08, Katalog, Kunst, Moderne, Sistlau
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Dienstag, 15. April 2008

Doppeldeutig II

Damen beim Kochfest?
Damen beim feste Kochen?
Damen beim Festkochen?
Fest kochende Damen?
Feste Damen gekocht?
Damen fest gekocht?
Damen fest kochend?
Kochfeste Damen?
Echt unheimlich…
Diese Doppeldeutigkeit wurde im Burgenland entdeckt.
© S. Strohschneider-Laue
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Tags:Burgenland, Ebensolch Rez-E-zine 39+40/08, Fotografie, Kommentar, Sistlau, Teefleck
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Sonntag, 13. April 2008

Walpurga Antl-Weiser
Die Frau von W.
Die Venus von Willendorf, ihre Zeit und die Geschichte(n) um ihre Auffindung
Veröffentlichungen der Prähistorischen Abteilung (VPA) 1
Verlag des Naturhistorischen Museums 2008, 207 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 902421 25 8
Erfrischend jung präsentiert die Prähistorikerin Walpurga Antl-Weiser die betagte Frau von W. Mit deutlich erkennbaren Vergnügen wandelt sie auf den vielfältigen Spuren, die viele Männer aber auch Frauen rund um die Willendorferin hinterlassen haben. Und kaum hat man das Buch zur Hand genommen, ist man auch ganz locker immer tiefer in die Materie eingetaucht als man anfänglich vermutet hätte. Eindeutig: Auch 100 Jahre nach ihrer Entdeckung hat die dralle Wachauerin ihren nicht nur medialen Reiz - wie allein derzeit 16.000 Verweise beim “Googeln” belegen - beibehalten.
In neun Kapiteln wird der zeitliche Bogen von der Gegenwart bis zur Altsteinzeit gespannt. Den Auftakt macht ein ebenso amüsanter wie nachdenklich stimmender Blick auf die vielfältig anderen “Aspekte” der Venus von Willendorf, darunter ist der “Willendorf-Award” für medizinische Studien zur Fettleibigkeit m. E. einer der schrägsten.
Obwohl die nachfolgenden Kapitel sich den steinharten Fakten um die Venus von Willendorf zuwenden, bleibt es bei aller Fachlichkeit mehr als nur spannend; denn stets werden - echte und verzerrte - Fakten kritisch in Frage gestellt und auf ihren Wahrheitsgehalt und ihre Relevanz hinterfragt.
Was hat sich im Auffindungsjahr der Venus 1908 abgespielt? Ausgehend vom damaligen Forschungsstand über Tatsächliches und Vermeintliches rund um Fundort und Entdecker, den Tatbestand der Auffindung selbst nähert sich die Autorin in immer engeren Kreisen den Herstellern der Willendorferin und dem modernen Stand der Forschung.
Interpretative Betrachtungen folgen den Fakten zur Frage nach Stellenwert der Venus und ihren beiden weniger attraktiven - vermutlich deshalb auch weniger bekannten - ”Schwestern” aus Willendorf. Mit unglaublich trockenem und deshalb umso vergnüglicheren Augenzwinkern stellt Antl-Weiser die Denkansätze und deren Schwachstellen zu gravettienzeitlichen (Frauen-)Plastiken vor.
Im nachfolgenden Kapitel über die Frauen der Altsteinzeit, in dem ausgiebig männliche und weibliche Blickwinkel kritisch beleuchtet werden, werden deutlich die Grenzen von Interpretationen aufgezeigt.
Die Bedeutung der Fundstelle Willendorf für die Paläolithforschung schließt den bemerkenswerten Band.
Dem in ihrer Vorbemerkung angekündigten Anspruch ein lebendiges Bild von der Willendorf-Forschung, der Zeit und der Figurine selbst zu zeichnen, ist der Autorin jedenfalls beispielgebend gelungen, auch wenn der Generaldirektor des NHM in seinem Vorwort fälschlicherweise schreibt, dass sie zögern würde sich festzulegen. Man kann nur hoffen, dass dieser frische gehaltvolle Stil bei den nachfolgenden Publikationen der prähistorischen Abteilung beibehalten wird.
Das Layout von Brigitte Kimbacher unterstreicht die gute Gliederung optisch durch ein abgestuftes Farbschema. Der großzügige Weißraum ermöglicht ein zusätzliches Hervorheben der Abbildungen sowie der Bildunterschriften. Die zahlreichen und exzellenten Abbildungen machen das Buch darüber hinaus zu einem Augenschmaus. Besonders erfreulich ist auch die lesefreundliche Schriftgröße. Die Lesefreundlichkeit wäre allerdings noch optimaler gewesen, wenn die San Serifen nicht nur in den Überschriften, sondern auch im Fließtext verwendet worden wären. Schade, dass dem für wissenschaftliche Publikationen typische Horror vacui in Vorspann und Anhang wieder vollauf gefrönt wird: Flattersatz und bis zu jedem Rand ausgenutzte Seiten sind bei dieser schönen Publikation allerdings die einzigen echten Wermutstropfen.
© S. Strohschneider-Laue
VENUS
Mammut, Mensch & Co.: Steinzeit in der Eiszeit
Mensch, Mammut, Eiszeit. Vom Leben in der Kälte, Großwildjägern und früher Kunst. 1/2006 (Spektrum Spezial)
Die Eiszeiten. Naturgeschichte und Menschheitsgeschichte
Eine feministische Anthropologie: Der aufrechte Gang der Menschenfrau. Eine feministische Anthropologie II
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Tags:Archäologie, Österreich, Ebensolch Rez-E-zine 39+40/08, Eiszeit, Sistlau, Steinzeit
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Sonntag, 13. April 2008

Das Kunsthistorische Museum in Wien
Prestel 2007, 239 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 7913 3603 9
Das Kunsthistorische Museum Wien
Wien-Touristen werden kaum auf den Besuch des Kunsthistorischen Museum verzichten; denn der imposante Museumsbau beherbergt die kaiserliche Sammlung. Das 1891 eröffnete Museum präsentiert dem Publikum die Ägyptisch-Orientalische Sammlung, Antikensammlung, Gemäldegalerie und das Münzkabinett. Die Kunstkammer ist seit 2002 leider nicht öffentlich zugänglich, wird aber mit wichtigen Stücken in dieser Publikation berücksichtigt.
Die Vielfalt der Sammlungen sowie die große Fülle an Ausstellungstücken bedarf einer guten Vorbereitung. Und genau dafür ist dieser Museumsführer hervorragend geeignet. Der Band beginnt mit der Baugeschichte des Hauses, die im Zusammenhang mit dem gegenüberliegenden Zwillingsbau des Naturhistorischen Museums zu betrachten ist. So interessant die Exponate sind, der Bau selbst verdient auch einige Aufmerksamkeit; denn er weist etliche Besonderheiten auf. Ein genauer Blick auf Haus und Räumlichkeiten lohnt sich und wird gleich im ersten Kapitel spannend vorgestellt. Das Architekturkonzept reicht von allegorischen Darstellungen auf der Fassade über Fresken von Makart und Klimt bis zum Einbau von antiken ägyptischen Orignalsäulen (in tragender Funktion!) im Bereich der heutigen Ägyptisch-Orientalischen Sammlung.
Nicht immer glücklich formuliert so doch fachlich korrekt, wird jede Sammlung des Hauses mit seinem Aufbau, Bestand und wichtigen Stücken von namhaften WissenschafterInnen des Kunsthistorischen Museums vorgestellt. Ein genial-präziser Überblick in bestechender Optik, der trotz seiner stattlichen Informationsülle ein handliches und strapazfähiges Format bewahrt hat. Ein unverzichtbares Buch für Kulturreisende die Wien ansteuern und Einheimische die bisher dachten, dass sie alles über das Kunsthistorische Museum wüssten.
© S. Strohschneider-Laue
Arcimboldo. 1526-1593
Die Entdeckung der Natur: Naturalien in den Kunstkammern des 16. und 17. Jahrhunderts
Jahrbuch des Kunsthistorischen Museums Wien: Bd 8/9
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Tags:Archäologie, Ebensolch Rez-E-zine 39+40/08, Katalog, Kunst, Mittelalter, Neuzeit, Reise, Sistlau, Wien
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Freitag, 11. April 2008

Doppeldeutig

Leder aus besten Händen!
Leder aus besten Händen?
Wirklich?
Aus Händen?
Aus besten Händen?
Aus besten Gerberhänden?
Aus besten von Gerbern gegerbten Händen?
Von besten Gerberhänden gegerbte Hände?
Von besten Gerberhänden händisch Gegerbtes?
Von besten Gerberhänden händisch gegerbtes Leder?
Von besten Gerberhänden händisch gegerbtes tierisches Leder?
Echt unheimlich…
Diese Doppeldeutigkeit wurde in Wien entdeckt.
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Freitag, 11. April 2008

Andreas Schulz (Hg.)
Licht Kunst Licht 2. Lichtdesign für Architektur
avedition 2007, Dt./Engl, Broschur mit Klappen im Schuber, 176 S., 332 farbige Abb. und Pläne
ISBN 978 3 89986 057 3
Licht Kunst Licht 2. Lichtdesign für Architekten
Welch wunderbare, perfekt funktionierende Ergebnisse der Einsatz professioneller Lichtgestalter zeitigen kann, zeigt die neueste Publikation des Büros Licht Kunst Licht. Um keine falschen Erwartungen zu wecken: Es geht in diesem Buch weder um eventgebundene Lichtspektakel noch um selbstverliebte (Licht)Kunst am Bau. Die Ingenieure, Designer und Architekten von Licht Kunst Licht entwickeln für die ihnen anvertrauten Bauwerke maßgeschneiderte, dauerhafte Lichtlösungen auf höchstem Niveau. Ihre Entwürfe gewährleisten einerseits die optimale Lichtversorgung der in den Gebäuden arbeitenden Menschen, andererseits kleiden sie die Architektur in ein attraktives nächtliches Lichtgewand fernab jeder Effekthascherei. Soviel wird schon beim ersten Durchblättern des Buches “Licht Kunst Licht 2. Lichtdesign für Architektur” klar. Die hervorragenden, großformatigen Fotografien vermitteln den Eindruck eines diskreten, sich sensibel mit dem jeweiligen Ort auseinandersetzenden Lichtdesigns, das ganz im Dienst der Sache steht. Acht, zwischen 2001 und 2006 fertig gestellte, Projekte werden in dem gleichermaßen prächtigen wie wohldurchdachten Bildband präsentiert. Aus der staatlichen Sphäre sind es der Plenarsaal des Bayerischen Landtags (München) sowie zwei Parlamentsbauten im Berliner Regierungsviertel, das Paul-Löbe-Haus und das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus. Aus dem kulturellen Umfeld sind das RuhrMuseum in der ehemaligen Kohlenwäsche Zollverein (Essen) und die Helmut Newton Foundation (Berlin) vertreten. Der Welt der Wirtschaft zuzurechnen sind ein Bürogebäude am Novartis Campus (Basel), der Uniqua Tower (Wien) und die Galeria Kaufhof Alexanderplatz (Berlin). Unterschiedlicher könnte die Architektur nicht sein. Jedes Gebäude und jede Nutzung desselben stellte die Lichtplaner vor neue Herausforderungen. So gut die fotografische Bilddokumentation auch ist, erst der begleitenden Text hilft das Ausmaß der jeweiligen technischen und gestalterischen Leistung zu verstehen. Übersichtlich gegliedert werden in deutscher und englischer Sprache historische Vorgeschichte von Gebäude und Umfeld, bauliche Rahmenbedingungen, Aufgabenstellung, Entwurf und angestrebte Lichtwirkung sowie Grundzüge der technischen Umsetzung dargelegt. Ergänzend führen Grund- und Aufrisse, Längs- und Querschnitte Dimension und Komplexität der zu beleuchtenden Architektur vor Augen. Konstruktionszeichnungen einzelner Leuchten vermitteln technische Details.
Als Abschluss des Buches sind ein Verzeichnis der Projekte des Planungsbüros Licht Kunst Licht sowie eine Liste der erhaltenen Auszeichnungen zu finden.
Ebenso maßgeschneidert wie das Lichtdesign des Planungsbüros Licht Kunst Licht ist die grafische Gestaltung des Buches “Licht Kunst Licht 2. Lichtdesign für Architektur”. Aus dessen Cover wurden 144 kleine Quadrate ausgestanzt, sodass das verbleibende Gitter unterschiedliche, von Lichteinfall und Papierkrümmung bestimmte Schatten auf die eingeschlagene Klappe des Umschlags wirft. So wird schon als Auftakt der Beschäftigung mit dem Buch subtil auf die Wirkung von Licht hingewiesen. Ganz abgesehen von diesem didaktischen Erfolg, macht es einfach verdammt viel Spaß mit dem Einband zu spielen! Doch noch auf einer anderen Ebene wirkt die edle Publikation bewusstseinsbildend. Tätigkeits- und Aufgabenfeld von Lichtplanern werden so anschaulich dargestellt, dass nicht nur potentielle Auftraggeber sondern auch junge Menschen, die sich auf der Suche nach einem Beruf befinden, von der Lektüre profitieren werden. “Licht Kunst Licht 2. Lichtdesign für Architektur” ist somit eine Werkdokumentation mit Mehrwert - wie erfrischend!
© Ch. Ranseder 23. Oktober 2007
Licht Kunst Licht 2. Lichtdesign für Architekten
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Tags:Architektur, CRans, Design, Ebensolch Rez-E-zine 39+40/08, Katalog, Technik
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Freitag, 11. April 2008

Die Eiszeit ist heiß
Mammut, Mensch & Co.
9. März 2008 bis 15. Februar 2009

Es ist das Venusjahr. Vor 100 Jahren, am 8.8.1908 wurde die Altsteinzeitlerin “Venus von Willendorf” in der Wachau entdeckt. Erst 80 Jahre später bekam die dralle Niederösterreicherin weitere menschengestaltige Gesellschaft. Im September 1988 wurde bedeutend schlankere “Fanny vom Galgenberg” ausgegraben. Ihren Spitznamen erhielt sie aufgrund ihrer tänzerisch anmutenden Körperhaltung und in Erinnerung an die österreichische Tänzerin Fanny Elßler (1810-1884). Beide werden in der Eiszeit-Ausstellung im Landesmuseum Niederösterreich gezeigt. Allerdings nicht gleichzeitig.
Fanny, mit ihren rund 32.000 Jahren die ältere von beiden, hat ihren Auftritt von 8. März bis 17. Mai. Die Willendorferin, bekannter aber mit “nur” rund 25.000 Jahren die jüngere, ist von 17. Mai bis 8. August in St. Pölten zu Gast.
Die Ausstellung bietet viel mehr als die beiden “alten Damen”. Thematisiert wird die Steinzeit in der Eiszeit. gemeint ist die letzte große Eiszeit (Würm), die zwischen 120.000 und 10.000 Jahren das Klima bestimmte. Die Landschaft erhielt ihren letzten Gletscherschliff. Täler entstanden, Flüsse lagerten Schotter ab und Unmengen von Lösstaub wurde von den Winden verweht. Langsam aber stetig bekam die Landschaft ihr heutiges Aussehen auch wenn damals weite Teile Europas unter einer bis zu 3000 m mächtigen Eisschicht begraben lagen. Obwohl schon lange vorn der unglaublichen Eislast befreit ist Skandinavien noch immer damit beschäftigt, sich wieder “aufzurichten” und hebt sich im Jahr immerhin noch um rund 10 mm. Klingt wenig, aber Kleinvieh macht bekanntlich auch Mist und so sind es seither doch schon beachtliche 800 m, die die Landmasse aufgestiegen ist.
In den eisfreien Gebieten blühte während unwirtlich klingenden Klimaperiode das Leben. Allerdings schaute die Tier- und Pflanzenwelt ein wenig anderes als heute in unseren Breiten aus. Etliche Tiere sind mit Ende der Eiszeit vor rund 10.000 Jahren ausgestorben (Mammut, Wollhaarnashorn, Säbelkatzen, Höhlenbären und -hyänen) andere leben noch heute in klimatisch vergleichbaren Rückzugsgebieten. Für unseren Raum seien stellvertretend Steinbock oder Murmel im alpinen Gebieten genannt oder Rentiere und Lemminge für den hohen Norden. Für die Menschheit vollzog sich während dieser Epoche der Menschheitsgeschichte ein weiterer wichtiger Schritt.Der Neandertaler verlässt die Bühne und der moderen Mensch betritt sie.
Und wo betreten die modernen Ausstellungsbesucher die Bühne? Sie werden am Eingang zur Sonderausstellung von einem lebensgroßen Mammut begrüßt, dem man gerne verzeiht, dass es nur aus einer vorderen Hälfte besteht. Es ist deswegen nicht weniger beeindruckend.
Und seine Rückseite wird stimmig auf den heutigen skelettierten Fundzustand gebracht.Von dort wird man entlang einer Zeitleiste, die mit wichtigen Funden und erläuternden Texten kombiniert ist, in die Ausstellung begleitet.
Wichtige tierische Vertreter dieser Klimaperiode werden als Konturschnitte mit eingepassten Originalfunden vor stimmigen Landschaftshängern gezeigt.
Der gesamte Sonderausstellungsraum wird einerseits als eiszeitliches Lager und anderseits als archäologischer Fund und Befund präsentiert. Eiszeitliche Jäger und Sammler gehen ihren Beschäftigungen beim Feuer, vor dem Zelt oder bei Jagd und Lederverarbeitung nach. Anschaulich und kein bisschen trivial fügen sich die auf Acryl lebensgroß aufgebrachten Reanactment-Fotos ein. Übrigens durchwegs an der Ausstellung beteiligte Personen, u. a. sind die drei Kuratoren stilecht zu Eiszeitlern mutiert. Erfreulich ist, dass die für Laien bei herkömmlicher Präsentation etwas unspektakulär anmutenden Funde, harmonisch in die Inszenierungen eingebracht werden und somit in einem leicht nachvollziehbaren Sinnzusammenhang gebracht werden.
Und über alles menschliche Treiben schweift von der “Bergwiese” der kritische Blick tierischer Eiszeitler.
Die zahlreichen jungen Besucher erhalten tolles Zusatzangebot. Ein großer Raum steht für die Vermittlung zur Verfügung und zusätzlich ein eigener Raum für Grabungssimulationen. Ein großes Profil zeigt leicht fassbar die Schichtabfolgen bis zur Gegenwart. Manches wirkt alelrdings inhaltlich befremdlich.Insbesondere das Venusvoting, bei dem anscheinend Geldstücke eingeworfen werden können, wirkt in jeder Hinsicht ziemlich fragwürdig. Interpretation ist schließlich kein Mehrheitsentscheid und fraglich bleibt auch, ob die Kinder gar eigenes ihr Geld dafür hergeben sollen. Aber vielleicht bzw. hoffentlich ist die personale Vermittlung besser als der inhaltlich Eindruck, der beim Betrachten erweckt wird.
Den Kuratoren der Ausstellung - Thomas Einwögerer, Erich Steiner und Christian Dietrich - ist es in einem gelungenen Ausstellungskonzept Umweltfaktoren und frühe menschliche Kultur miteinander zu verbinden. Für die geniale Ausstellungsarchitektur zeichnet Doris Prenn mit prenn_punkt - buero fuer kommunikation und gestaltung verantwortlich. Ihr ist es glaubwürdig und mit großerer erzählerischer Kraft gelungen die wärmeren Abschnitte der Eiszeit in satten Grüntönen zum Leben zu erwecken.
Diese Ausstellung ist definitiv ein Muss im Laufe des Jahres und wesentlich besser als die überbeworbene Tutanchamun-Ausstellung. Mal ganz abgesehen davon, dass hier das Preis-Leistungs-Verhältnis wirklich fantastisch ist und ein Kombiticket (Landesmuseum, Schallaburg, Kunsthalle Krems) sowieso eine kluge Entscheidung.

Zuletzt noch ein Hinweis auf den großartigen Katalog Mammut, Mensch & Co.: Steinzeit in der Eiszeit
, der über die Ausstellung hinaus Bestand haben wird. In fünfzehn fundierten Beiträgen werden Aspekte der Eiszeit behandelt. Tierwelt, Menschheitsentwicklung und die Rolle Niederösterreichs so wie wichtige Funde (u. a. die Doppelbestattung vom Wachtberg und die Venusplastiken) werden genauerer Betrachtungen von jenen WissenschaftlerInnen unterzogen, die den Puls der Forschung derzeit bestimmen. Ein Ausblick auf die aktuelle vom Menschen ausgelöste Klimaentwicklung schließt - überaus passend - den Band.
© S. Strohschneider-Laue
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Freitag, 11. April 2008

Komm zu mich
ich lern dich Deutsch
im Flüchtli(n)gswerk

Die es geschrieben haben, brauchen die Tafel nicht.
Die es bräuchten, fragen lieber.
Sie war teuer.
Sie bleibt dort.
Dafür hängt sie hoch und der Gang ist finster…
In einem dunklen Winkel im Osten Österreichs gesehen und geblitzt…
© S. Strohschneider-Laue
siehe auch: Deutschproblem II
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Freitag, 11. April 2008

Achim Werner
Keltische Kochbarkeiten
Theiss 2007, 96 S., zahlr. Farbfotos.
ISBN 978 3 8062 2085 8
Keltische Kochbarkeiten
Es muss nicht immer Wildschwein sein… Die keltische Küche ist vielfältiger als sie uns populäre Comics einreden wollen. Profis haben dieses Buch möglich gemacht. Allen voran der Archäologe Achim Werner, der als versierter Hobbykoch darauf achtet, was in den Topf kommen darf. Als echter Fachmann, glaubt er nicht alles zu wissen, sondern prüft selbst und berät sich mit andern Profis. Und so hatten doch etliche mutige Ver- und Vorkoster sowie weitere Fachleute die Finger an und in seinen keltischen Schmortöpfen. Daher werden nicht nur Experimentalarchäologen und unerschrockene archäologische Laien an diesem Buch ihre Freude haben, sondern alle, die gerne kochen, essen und zusätzlich noch den inhaltlichen Mehrwert duch die kulturhistorischen Zusatzinformationen genießen möchten.
Vorgelegt werden übersichtlich und im praktischen Format 60 Rezepte. Fotografisch ins stilgerechte Licht gerückt, lassen sich die präsentierten Speisen spielend zu mehrgängigen Menues kombinieren, die verwöhnte Gaumen udn Augen beeindrucken werden. Suppen, Brote, Salate, Vegtarisches und Fleischiges sowie Süßspeisen und Getränke füllen die Speisekarte. Da ist wirklich für alle vom Vollwertköstler über Fleischtiger bis zum Süßschnäutzchen etwas dabei. Meine persönlichen Favoriten sind das Dinkelbrot mit Bärlauch gefolgt von Brennesselgemüse mit Eiern sowie Rehrücken in Metmarinade und zum Nachtisch dann noch Honigquark mit Haselnüssen und Birnen. Köstlich! Schön ist vor allem, dass wir heute nicht mehr jahreszeitlich an Nahrungsmittel gebunden sind, sondern das meiste davon ganzjährig zur Verfügung steht. Genau deshalb gibt es bei den Rezepten auch immer wieder Hinweise auf “Ersatzstoffe” aus dem Tiefkühlfach statt Trockenware oder Empfehlungen andere Kräuter zu nehmen. Pro Seite wird ein Rezept vorgestellt. Zutaten übersichtlich vorangestellt und anschließend folgt eine möglichst unkomplizierte Kochanleitung. Und für keines der Rezepte ist eine hochtechnisierte Küche notwendig. Manches ist durchaus “lagerfeuerfähig” auch wenn im Glossar durchaus auch hochprofimäßiger Küchenjargon erklärt wird.
Eine kleine Bestimmungshilfe für Wildkräuter runden den Band ab; denn es ist möglich, auch das eine oder ander Kräutlein vom nächsten Spaziergang heimzubringen. Trotzdem beherzigen Sie den Rat des Autors und sammeln sie nicht unbedacht alles, was lecker aussieht, gut riecht und eventuell sogar gut schmeckt. Ein köstlich aussehender Knollenblätterpilz genügt in winzigen Portionen, um aus einem guten Gericht eine letzte Mahlzeit werden zu lassen. Mal ganz abgesehen von fachkundiger Beratung bei Pilzen und Pflanzen, Bioläden, Apotheken, Marktstände und gut sortierte Supermärkte haben alles im Angebot, was der engagierte Keltenkoch begehrt.
Die Behauptung des Autors auf Food-Design und Styling verzichtet zu haben, ist meines Erachtens Understatement. Angerichtet ist alles überaus appetitlich und stilgerecht ins keltische Licht gerückt. Vielleicht hätte das eine oder ander Foto etwas schärfer oder farbechter ausfallen können, aber das mag auch drucktechnisch bedingt sein und tut der auch im Gesamtlayout sehr ansprechenden Rezeptesammlung keinen Abbruch.
Und wer noch immer nicht genug vom keltischen Kochen und Essen hat, sollte auf der Kochseite des Autors vorbeisurfen und sich mit den neuesten Rezepten vertraut machen.
© S. Strohschneider-Laue
Keltische Kochbarkeiten
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Freitag, 11. April 2008

Schätze aus dem Nationalen Palastmuseum, Taiwan
1000 Jahre haben die chinesischen Kaiser gesammelt und etliches davon war schon damals bedeutend älter. Sie schöpften dabei aus der kulturellen Fülle und den wertvollsten Ressourcen ihres riesigen Reichs. Bereits zur Gründungszeit der Sammlung (Song-Dynastie 960-1279) wurde sie - ganz im bürokratischen Sinne dieser Zeit - katalogisiert. Unter allen Herrschern wuchs der 
Bestand an. Während der Qing-Dynastie (1644-1911) erreichte er seinen Höhepunkt. Kaiser Qianlong (1736-1795) zeichnete sich unter der langen Reihe als eifrigster Sammler aus. Gemeinsam ist allen diesen kaiserlichen Sammlern, dass sie bis heute über die Stücke - oft auch sehr persönlich - fassbar werden. Nicht nur ihre politische und philosophische Weltsicht, sondern auch ihre Vorlieben und kreativen Fähigkeiten sind erkennbar. Die Bewahrung des kulturellen Erbes gehörte zur Erfüllung des “himmlischen Mandats” des chinesischen Herrschers, von dem auch erwartet wurde nicht nur Kunstkenner, sondern auch selbst Künstler zu sein.
Die Sammlung überdauerte Dynastien, Fremdherrschaften, Kriege und die Odyssee zwischen 1933 und 1965, die sie an ihren jetzigen Standort in Taipeh (Taiwan) führte. Das Nationale Palastmuseum beherbergt heute eine Sammlung mit über 650.000 Objekten. Das KHM zeigt von 26. Februar bis 13. Mai 2008 aus dem reichen Bestand 120 ausgewählte Stücke.
Die erzählerische Kraft der Stücke ist groß. So sieht man von Kaiser Xuande nicht nur ein Prunkporträt, sondern auch eine von ihm gefertigte meisterliche Pinselzeichnung von Affenmutter mit Kind.
Das kupferrote Kännchen mit eingeschnittenem Lotosblütendekor, das unter Xuande in die Sammlung kam, ist einmal im Original und einmal auf einem Bild von Guiseppe Castiglione (1688-1766) zu sehen. Der Jesuit war Hofmaler unter drei Qing-Kaisern und beeinflusste die chinesische Malerei durch seinen westlichen Stil maßgeblich.
Dass auch Kaiser irren können, zeigt sich in der Fehlbeurteilung einer flachen Schale. Die wertvolle Schale deren Füßchen - vermutlich nach einer Beschädigung - kunstvoll entfernt worden waren, wurde fälschlich als Hundenapf bezeichnet. Eine nette Geschichte, die zeigt wie lebendig Sammlungsgeschichte sein kann.
Kalligraphien sind ebenso vertreten wie bildliche Darstellungen, die mit Texten kombiniert sind. Schade, dass die Mehrheit die Schriftzeichen nicht lesen können und so die Inhalte verborgen bleiben und nur die ansprechende Form gefällt. Die 1736 entstandene Bildrolle zum Begräbnisfest ist hingegen eine Entdeckungsreise für alle. Sie ist elf Meter lang und von einer erzählerischen Kraft, die man bei TV-Produktionen vergeblich sucht. Die Besucher nähern sich beidseitig des Flusses und über die Brücke den Stadtmauern. Jeder Mensch, jedes Tier, Gebäude, Fahrzeug oder Schiff erzählt eine Geschichte. Eine Flut von Darstellungen halten Abschnitt für Abschnitt die Augen gefangen. Kaum meint man alles entdeckt zu haben, wird ein weiteres winziges Detail sichtbar, vom vollgepackten Händler bis zum Haus mit westlichen Elementen. Allein mit dieser Rolle könnte man sich Ewigkeit beschäftigen. Hier nimmt man gerne in Kauf, dass das gedimmte Licht dem Schutz der Rolle dient.
Man sollte sich Zeit nehmen für diese Ausstellung und nicht nur um den üblichen exorbitanten Eintrittspreis ins KHM auszunutzen. Die Objekte verdienen und erfordern eine genaue Betrachtung. Über eine gute körperliche Beweglichkeit sollte man aber auf jeden Fall verfügen oder von Natur aus kleingewachsen sein. Teeschalen, die besonders exquisit verziert sind, stehen nämlich nicht auf einem Spiegel oder auf einem Sockel, der in etwa der Augenhöhe des ohnehin kleinen Durchschnittsösterreichers entspricht. Leider befinden sich die meisten Schalen in Hüft- und Bauchhöhe, was wenig Sinn macht, wenn nicht die Innenseite, sondern die Außenseite das attraktivere von beiden ist. Die beste Sicht hat man daher, wenn man sich mit regelmäßigen Kniebeugen durch die Ausstellung bewegt. Den Vorteil groß zu sein schöpft man hingegen aus, wenn man Stücke, die rundum geschnitzt oder bemalt sind, genauer betrachten möchte. Auf einem langestreckten Sockel stehen die Objekte in einer Doppelreihe. Jedes davon mit einem gläsernen Sturz bedeckt und daher am besten in der Frontalen zu sehen. Nun schlägt die Stunde der großen BesucherInnen. Sie erheben sich von ihren Knien auf die großen Zehen. Balancierend renken sie sich den Hals schlangengleich aus, um auch das letzte erzählerische Detail auf der Rückseite aufnehmen zu können. Aber Sport ist ja gesund und für diese Stücke lohnt es sich davor auf die Knie zu fallen oder sich zu recken.
Zu viel Information darf man natürlich in den beiden Räumen nicht erwarten, schließlich möchte das Haus auch einen Katalog verkaufen. Nach einer chronologischen Übersicht kann man sich mit den ersten Raumtexten zu den wichtigsten Materialien wie z. B. Jade, Porzellan oder Bronze informieren. Die Objekttexte sind erfreulicher Weise nicht nur auf Objektansprache, Datierung sowie die Inventarnummer reduziert. Sie bieten bei ausgewählten Stücken auch spannende Zusatzinformationen. Die Texte selbst sind wie üblich im akademisch getragenen Stil des 19. Jh. abgefasst und passen gut zur Erbauung des Hauses. Das interessierte Publikum, das nicht in höhere akademische Sphären entschwebt ist, sondern einen Brotberuf ergriffen hat, sei daher ein Fremdwörterlexikon empfohlen. Dass die Lauflänge der Texte zu groß, der Durchschuss zu schmal und die Schriftgröße zu klein ist, hat schon missgestalterische Tradition. Wer ein Lesebrille braucht, muss sie sowie so parat haben, um die Details der Objekte wirklich erforschen zu können.
Hingehen und in aller Ruhe anschauen. Die Ausstellung ist ein gutes Beispiel dafür, dass es nicht immer Unmengen sein müssen. Es ist erfreulich, dass das vielfach überstrapazierte Wort “Gold” hier für den Ausstellungstitel nicht verwendet werden konnte. “Jade” ist aufgrund des fehlenden kulturellen Kontextes im Westen nicht so zugkräftig und deshalb hat man voll und ganz gerechtfertigt auf “Schatz” zurückgegriffen. Schönheit, Qualität, Einzigartigkeit und historischer Zusammenhang machen den Hauptanteil des Schatzes aus, dass die Objekte ebenso unersetzlich wie unbezahlbar sind, steht sowieso außer Frage.
© S. Strohschneider-Laue
Schätze der Liao
Im Zeichen des Drachen. Von der Schönheit chinesischer Lacke
Xi’an - Kaiserliche Macht im Jenseits
Schätze der Himmelssöhne
Chinesische Jade

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Freitag, 11. April 2008

BarLust
Erotic Short Stories & Cocktails
Storia 2007, 200 S.
ISBN 978 3 9809768 7 9
BarLust. Erotic Short Stories & Cocktails
AutorInnen aus Deutschland, Österreich und Frankreich sowie zwei Barspezialisten laden zur erotisch aufgeladenen Cocktailrunde in die nächste oder übernächste Lokalität ein. Prickelnde Shortstories kombiniert mit süffigen Cocktails werden während der nächtlichen Tour geboten. Von hart direkt bis zu verspielt charmant werden die Begegnungen zwischen weiblichen und männlichen Nachtschwärmern geschildert. Die Flirts sind wie “Spicy Lips” oder “Chocolate Kiss” und überraschend wie “Sweet and Hot”. Kurze Stories, kurze Flirts, ein vorübergehendes Vergnügen bei dem zuweilen der Humor nicht zu kurz kommt. Nicht zuletzt reift bei den Lesenden die Erkenntnis, dass manchmal eine Cocktailkirsche auffallend mehr Einblick - allerdings weniger Perspektive - hat als Mann und Frau zusammengenommen. Die Rezepte für “Selfmade Erotic Coktails” runden das Lesevergnügen süffig ab. Definitiv eine Lektüre, die Saiten zum Klingen bringt und Nachgeschmack hinterlässt. Ein prickelndes - durchaus teilbares oder zumindest mixbares - Vergnügen bei erfrischend kleinen Preis und das unsagbar neugierig macht auf die anderen erotischen Anthologien aus dem Storia Verlag.
© S. Strohschneider-Laue 12. September 2007
BarLust. Erotic Short Stories & Cocktails
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Freitag, 11. April 2008

Stefan Lüddemann
Mit Kunst kommunizieren. Theorien, Strategien, Fallbeispiele
VS Verlag für Sozialwissenschaften 2007, 198 S.
ISBN 978 3 531 15581 4
Mit Kunst kommunizieren. Theorien, Strategien, Fallbeispiele
Mit und über Kunst lässt sich gut kommunizieren. Künstler tun es seit Jahrhunderten, oft im Dienst von kirchlichen und weltlichen Herrschern. Vertreter der vergleichsweise jungen Disziplin der Kulturvermittlung (Museumspädagogik) sind ebenfalls darin geübt und machen ihr Publikum mit dem intellektuellen Werkzeug zur Entschlüsselung der Bildern innewohnenden Botschaften vertraut. Doch was diese beiden Gruppen zu sagen haben, spielt in der vorliegenden Publikation keine Rolle. Hinter dem griffigen Titel “Mit Kunst kommunizieren. Theorien. Strategien. Fallbeispiele” verbirgt sich ein mit hoher Informationsdichte aufwartender Text zu einem Teilaspekt des Themas, der erst in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hat: Der Einsatz der bildenden Kunst in der Markenbildung beziehungsweise Selbstinszenierung. Bevor jedoch das Kulturmanagement in den Mittelpunkt der Betrachtungen rückt, wird sowohl eine Definition der Begriffe Kunst und Kommunikation erarbeitet als auch der heutige Kunstbetrieb einer eingehenden Analyse unterzogen. Damit wird ein theoretisches Fundament geschaffen, das einerseits viel zum Verständnis der Funktionsweisen des Instrumentalisierungsprozesses von Kunst beiträgt, andererseits aber auch zeigt, wie dehnbar der Begriff “Kommunikation” ist. Ausführlich werden die Mechanismen des Kunstsystems geschildert, im Rahmen dessen eine kleine Zahl von “Experten” in einem zunehmend selbstreferenziellen Diskurs festlegt, welche Werke als Kunst gelten. Dass in diesem Zusammenhang die Präsentation von Kunst in Museen, Ausstellungen und Katalogen ausgerechnet unter dem Begriff “Vermitteln” im Sinne “der ersten Form der Kommunikation mit Kunst” zusammengefasst wird, mag so manchem Kulturvermittler sauer aufstoßen, geht es doch in diesem Fall einzig um den Kontext der Darbietung, nicht um die Inhalte des Dargebotenen. Mit der Sichtbarmachung von Werken der bildenden Kunst in öffentlichen Institutionen und deren Printprodukten werden den ausgewählten Arbeiten ein Wert und ein Platz im Kanon zuerkannt. Auratische Inszenierungen verleihen - mit Unterstützung der Publizisten - einzelnen Werken, Künstlern oder Kunststilen eine emotionale Dimension, die sie auch für kunstferne Personen zum Erlebnis macht.
Für die Schaffung eines Markenimages kann die Wahl derart durch Präsentationsform und Medien auratisch aufgeladener Werke von Vorteil sein, sie ist jedoch nicht zwingend notwendig. Um ein Produkt mit emotionalem Mehrwert aufzuladen, kann es auch genügen, sich weniger bekannter Kunst zu bedienen. Das belegen die für das Buch “Mit Kunst kommunizieren” ausgewählten Fallbeispiele, welche die Darlegung des auf der Managementebene ablaufenden Arbeitsprozesses ergänzen. Im Rahmen der, ausführlich erläuterten, erforderlichen strategischen und operativen Planungsschritte sind dem Erfindungsreichtum der Kultur- und Marketingmanager keine Grenzen gesetzt. Die zur Verfügung stehende historische und zeitgenössische Kunst ist in ihrer Vielfalt und wirtschaftlichen Verwertbarkeit nahezu unerschöpflich. Über fundierte Kenntnisse der Funktionsweisen des Kunstbetriebs verfügenden Kulturmanagern steht es frei, dessen Mechanismen durch geschickte Manipulation zu nutzen, um die Wertigkeit von vergessenen oder unbedeutenden Künstlern zu erhöhen - so sich dies zur Erreichung der gesteckten ökonomischen Ziele als notwendig herausstellt. Die Deutungsmacht liegt damit fallweise nur mehr vordergründig bei den Protagonisten des Kunstsystems. Im bilderhungrigen 21. Jahrhundert macht diese Volatilität die Kommunikation mit Kunst im wirtschaftlichen Kontext zu einem faszinierenden Betätigungsfeld mit rosigen Entwicklungsperspektiven.
“Mit Kunst kommunizieren” ist ein komplexes, stellenweise erhellendes Buch, das allerdings gerade in seinen theoretischen Teilen nicht frei von Widersprüchen ist. Der passagenweise eine Vielzahl von Auslegungen zulassende, übersichtlich gegliederte Text, dessen Wurzeln in der Lehrtätigkeit des Autors fest verankert sind, birgt Zündstoff für anregende Diskussionen. Bedauerlich ist jedoch der Mangel an Abbildungen, die Leserinnen und Lesern ohne kunsthistorische Vorbildung die gedankliche Visualisierung der wortreich beschriebenen Vergleiche und Fallbeispiele erleichtert hätten. Letztlich bleibt die erfolgreiche Entschlüsselung der mit Bildern kommunizierten Botschaften immer abhängig von der Zugehörigkeit des Rezipienten zu einem bestimmten Kulturkreis und innerhalb dessen zu einer anvisierten Zielgruppe.
© Ch. Ranseder 14. Oktober 2007
Mit Kunst kommunizieren. Theorien, Strategien, Fallbeispiele
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Freitag, 11. April 2008

Werkzeuggebrauch bei Primaten

Der Werkzeugerfolg gibt ihnen Recht: Affen stochern mit Stöckchen, um Apfelmus zu angeln und sie stapeln Kisten, um die Banane zu erwischen, die ein Wissenschaftler aufgehängt hat. Der Bonobo Kanzi nutzt einen großen Wortschatz, kann den Kühlschrank aufmachen, Kartoffel schälen und vermutlich auch Dosen öffnen…
Nur der kleine Blonde nimmt einen Flaschenöffner, um eine Bierdose zu öffnen, um an das kleine Blonde darin zu kommen
…und da er nicht verdursten wollte, hat ihm wohl eine große Blonde den Dosentrick verraten müssen!
Diese seltsame Kombination wurde in Linz geknipst.
© S. Strohschneider-Laue
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Freitag, 11. April 2008

Zahi Hawass, Sandro Vannini (Fotos)
Tutanchamun
Frederking und Thaler 2008, 296 S., ca. 320 Farbfotos und 26 Ausklapptafeln.
ISBN 978 3 8940 5711 4
Tutanchamun
Tutankhamun. The Golden King and the Great Pharaos” ist das Begleitbuch der gleichnamigen Ausstellung, die von 9. März bis 28. September 2008 im Wiener Museum für Völkerkunde gastiert und danach in den USA zu sehen sein wird. Der Kontrast zwischen der Ausstellung, deren hervorstechendstes Attribut eine ebenso extensive wie aggressive Marketingstrategie ist, und ihrem qualitativ hochwertigen Begleitbuch ist in jeder Hinsicht bemerkenswert.
Das sorgfältig produzierte Buch präsentiert die rund 150 archäologischen Funde auf eine Weise, die deren einzigartiger Schönheit gerecht wird. Gleichzeitig vermitteln leicht verständliche Texte fundiertes Hintergrundwissen zu Politik, Religion und Alltagsleben im Ägypten der Pharaonen. Es ist - salopp formuliert - eine informative Augenweide.
Sandro Vanninis hervorragende, ganzseitig wiedergegebene Fotos der kunstvollen Objekte fesseln den Blick. In einem Buch ist die auratische Inszenierung von Skulpturen, Kleinplastiken und Goldschmuck mittels dramatischer Lichtführung vor schwarzem Hintergrund eine feine Sache. In Museen werden zu Dunkelkammern mutierte Ausstellungsräume zu Stolperfallen. Dass perfekt ausgeleuchtete Artefakte vor weißem Hintergrund ebenfalls gut aussehen - auch dies lässt sich anhand von Fotos im Begleitbuch nachvollziehen.
Tutankhamun steht übrigends weit weniger im Mittelpunkt als es sein in großen goldenen Lettern am Cover prangender Name vermuten lässt. Was das Buch wirklich bietet, ist eine Reise durch die Geschichte des alten Ägyptens und einen Einblick in das Leben der Menschen an Pharaos Hof. Die Informationsfülle wird durch die inhaltliche Gliederung der Publikation in einen allgemeinen und einen ausstellungsbezogenen Teil, der gleichzeitig als Katalog fungiert, gebändigt.
Im allgemeinen Teil führen Zahi Hawass und sein AutorInnen-Team durch die Geschichte Ägyptens von der prädynastischen Periode bis zu den Ptolomäen. Eingebettet in den politisch-religiösen Kontext wird in sechs Kapiteln auf gesellschaftliche Entwicklungen ebenso eingegangen wie auf Veränderungen in Architektur und Kunst. Stimmungsvolle Fotos der archäologischen Stätten vermitteln Lokalkolorit und machen neugierig auf das Land Ägypten.
Der Katalogteil folgt offensichtlich der für die Amerikatour der Ausstellung festgelegten Raumfolge. Ein kurzer themenbezogener Text leitet jeden der sieben Abschnitte (Gallery I-VII) ein. Danach wird, auf ein bis zwei Buchseiten, jedes Artefakt mit Foto und ausführlichem Objekttext vorgestellt. Anstatt langatmiger Beschreibungen bieten diese Texte erfreulich reichhaltige Informationen zu kulturhistorischem Hintergrund und Fundgeschichte der ausgewählten Gegenstände.
Zum Abschluss werden im Nachwort wichtige Ausgrabungsstätten und dort getätigte Ergebnisse der aktuellen Feldforschung vorgestellt. Ganz am Ende des Buches ist auch noch eine Zeitleiste versteckt. Der Aufbau der Publikation entspricht also im Großen und Ganzen der klassischen dreistufigen Informationshierarchie, die sich im Ausstellungswesen bewährt hat. Die gut durchdachte, attraktive grafische Gestaltung ermöglicht es den Lesern sich mithilfe unterschiedlicher Schrifttypen und farbiger Texthinterlegungen schnell im Buch zurecht zu finden.
Das der Rezensentin in der englischen Ausgabe (Washington 2008, National Geographic Society, ISBN 978 1 4262 0264 3) vorliegende Buch, ist auch in deutscher Sprache erhältlich.
© Ch. Ranseder
Tutanchamun
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Freitag, 11. April 2008

Blockbuster oder Geldmaschine?
Tutanchamun in Wien
9. März - 28. September 2008
Zugegeben, bei Pressekonferenzen ist manche Ausstellung noch “work in progress”, aber diese machte leider den Eindruck fertig eingerichtet zu sein. Sie weckte nicht die Hoffnung, dass es bis zum 9. März, dem Tag an dem zahlendes Publikum eingelassen wird, gehaltvoller wird. Aber hoffentlich wird bis dahin der Eingang in die Ausstellung gekennzeichnet sein, schon durch den heutigen Erfahrungswert, dass viele Journalisten im Anschluss an die Pressekonferenz orientierungslos herumirrten und nur die endlose Schlange vor dem einzigen (!) WC fanden, sich brav anstellten und dachten, es wäre der Eingang zur Ausstellung.
Aber zurück zur Ausstellung und was dort für viel Geld alles (nicht) geboten wird.
“Tutanchamun und die Welt der Pharaonen” lautet der vielversprechende Ausstellungstitel. Rund 140 Funde aus dem Grab des Tutanchamun und aus weiteren Fundstätten werden von 9. März bis 28. September 2008 im Museum für Völkerkunde gezeigt. Tutanchamun ist zwar der Werbeträger bzw. Titelgeber der Ausstellung, aber nur die Hälfte der Funde - und vor allem, die weniger bekannten - stammen aus dem Grab des ebenso ob seines reichen Grabes berühmten wie politisch unbedeutenden Pharaos. Die Ausstellung spannt sich zeitlich sehr großzügig von der 4. Dynastie bis in die Späte Periode (2600 bis 660 v. Chr.) und wird somit auch der Ankündigung “Einblicke in die Welt des Tutanchamuns” zu bieten nicht wirklich gerecht.
Die Räume sind einzelnen Themen zugeordnet:
“Pharaonen des Alten, Mittleren und Neuen Reichs” - bietet Bildnisse wichtiger Pharaonen
“Familie und Privatleben” - hier ist unterstreicht unter anderem ein steinerner Toilettensitz ganz prosaisch die menschlichen Aspekte des Pharaodaseins
“Hof des Pharaos” - gibt Einblicke in den Beamtenstab
“Religion” - imposant leitet der Kolossalkopf des Echnaton zu seinem Nachfolger über
“Gold des Pharaos” - zeigt die Goldmaske des Psusennes, die als durchaus eindrucksvoller Ersatz für die des Tutanchamuns dient, die Kairo nicht mehr verlassen darf
“Vorkammer” - ab hier begegnet man ausschließlich Funden aus dem Grab des Tutanchamun
“Anbau” - der geweißte Holzstuhl
“Schatzkammer” - ist der kleine Kanopensarg des Tutanchamun zu sehen
“Grabkammer” - zeigt ausgewählte Objekte darunter die goldenen Sandalen und je einen Satz der goldenen Finger- und Zehenhülsen
“Schicksal des Pharaos” - macht mit politischen Praxis monumentaler Resteverwertung anhand des nach dem Tode des Tutanchamuns mehrfach umbenannten Kolossalstatue vertraut
Rund 140 fantastische Objekte geben einen streiflichtartigen Überblick zu den Pharaonen. Der Schwerpunkt im zweiten Ausstellungsteil liegt auf dem Grab Tutanchamuns. Ausgewählte Objekte geben Einblick in Alltagsleben, Jenseitsglauben und Totenkult des jung verstorbenen Pharaos gleichermaßen. Alles in allem recht hübsch und interessant, aber definitiv überbezahlt.
Im ersten Raum wird ein Werbefilm für die Ausstellung gezeigt. Vielleicht dient er dazu, um die Besucherströme zu unterbrechen, Gruppen einen Vorsprung zu geben und die Wartezeit zu verkürzen. Informativ ist er nicht, schließlich hat man sich ja schon aufgrund einer spezifischen Erwartungshaltung eine Eintrittskarte gekauft und braucht keinen auf drei Schirme verteilten Trailer mehr, um die Ausstellung zu besuchen. Der gesprochen Text des Films ist Deutsch, die Untertitel sind Englisch. Gehörlose BesucherInnen werden davon wenig profitieren. Der erste Eindruck entspricht der üblichen Ausstellungsgestaltung für “Schatz/Gold und/oder Archäologie/Ägyptologie”: Schummrige Lichtverhältnisse und überwiegend beige-braunes Farbkonzept ist alles andere denn innovativ. Aber immerhin weckt es sofort Erinnerungen an Howard Carter der bei Betreten der Vorkammer gesagt haben soll: “…als meine Augen sich an das Licht gewöhnt hatten, konnte ich langsam Einzelheiten der Kammer sehen….”
Inszenierung wird man vergeblich suchen und dafür mit klobigen transportfähigen Klimavitrinen konfrontiert sein, die Nützlichkeit über Design stellen und den abgegriffenen Charme der späten 70er bis frühen 80er Jahre verbreiten.
Ich bin eine (einsame) Gegnerin von Audioguides. Geräte, die sich tausende Menschen vor mir an ihre Ohren gehalten, übergestülpt oder hineingesteckt haben, und seither vermutlich nicht gereinigt wurden, finde ich abstoßend. Abgesehen davon, bin ich eine extrem schnelle Leserin und bevorzuge Raum-, Bereichs- und Objekttexte, die präzisen und pointierten Einblick bieten. Hier kann ich nach eigenem Ermessen lesen und betrachten ohne darauf zu warten bis der Audioguide es endlich - hoffentlich - auf den Punkt bringt. Aber vielleicht sind die Geräte gerade für diese Ausstellung empfehlenswert, die gedruckten Texte sind es leider nicht. Von den üblichen Kritikpunkten, die das wie immer schwer lesbare Layout (zu klein, zu wenig kontrastreich und von barrierefrei keinen Spur) betreffen, ganz abgesehen, sind die Texte miserabel aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt worden. Damit ist nicht gemeint, dass sich Schreibfehler und neue oder alte Rechtschreibung abwechselnd durch die Texte ziehen. Bedauerlicherweise hat anscheinend kein deutschsprachiger Ägyptologe die Texte jemals auf ihren fachliche Richtigkeit überprüft, sondern ein Übersetzer ohne thematische Sachkenntnisse ins Deutsche Übertragenes geliefert. Hier einige Kostproben: Aus “beads” werden völlig irreführend “Kunstperlen”, statt die Materialbezeichnung (z. B. Lapislazuli) in Kombination mit dem deutschen Universalwort “Perle” bzw. die korrekten Ansprache des betreffenden Objekts zu wählen. Aus “openwork” wird “Flechtwerk” statt “Durchbruchsarbeit” nicht nur bei der wunderbaren Gürtelbeschlag (immerhin wurde “plaque” nicht mit “Zahnbelag” gleichgesetzt). Auch wird man den Horusfalken vergeblich “auf dem Stuhl sitzend” vorfinden, sondern ihn als Durchbruchsarbeit (!) der Rückenlehne bewundern können. Einen Kanopendeckel als “Stopfen” zu bezeichnen, hat zumindest Unterhaltungswert, was das ab und an aufblitzende “Denglisch” definitiv nicht hat. Qualität geht über Quantität ist eine lobenswerte Devise. Leider kann die unbestreitbare Qualität der Objekte über die unsensible und schlampige Präsentation nicht hinwegtäuschen.
Durch ein “leeres Kammerl” verlässt man die Schau und betritt blinzelnd die helle Halle des Museums. Ein letzter Blick gilt den naturwissenschaftlichen Untersuchungen an der Mumie, die in einer Nische untergracht sind. Einige Wandtafeln und eine filmische Präsentation wird alle jene erfreuen, die die diversen Berichte, Dokumentationen und Filme, die regelmäßig durch die TV-Kanäle geistern, noch nicht gesehen haben.
Was erwartet man, wenn man als Erwachsener 18,00 € oder als Familie mit zwei Kindern 43,00 € für den Eintritt bezahlt hat? Egal ob die Karten vorbestellt oder unter den wenig tutanchamunmäßigen aber dafür pyramidenförmigen Zelten vor dem Museumseingang erworben wurden, sie gelten nur für ein schmales Zeitfenster, das man nicht versäumen darf, sonst bleibt man um viel Geld ärmer und eine böse Erfahrung reicher vor der Tür. Man erwartet viele eindrucksvolle Objekte zu sehen, eine spannende Inszenierung und natürlich einen informativen Mehrwert. Was man nicht erwartet, ist enttäuscht und vom amerikanischen Personal auf englisch angesprochen zu werden. Übrigens lassen Sie ihre kleineren Kinder lieber daheim. Die Ausstellung bietet schlicht und ergreifend dem jungen Einzelbesucher nichts außer dem unvermeidbaren Shop, der einem ägyptisierten Plastikdisneyland gleicht und nur wenige und dafür englische Publikationen anbietet.
Am besten ist sowieso, wenn Sie Ihr Geld für einen ebenso erholsamen wie genuss- und kulturreichen Urlaub in Ägypten ausgeben. Letztlich werden Sie für viel weniger Geld mehr Tutanchamun - und alle anderen Pharaos samt ihren Lebensräumen und Sterbestätten - geboten bekommen als Sie konsumieren können. Selbst der Touristenkitsch ist in Ägypten besser, aber vielleicht werden einige Fußballfans an den plüschigen Pharonenhauben oder Indiana-Jones-Hüten gefallen finden…
© S. Strohschneider-Laue
Tutanchamun
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Freitag, 11. April 2008

Charlaine Harris
Der Vampir, der mich liebte
dtv 2007, 337 S.
ISBN 978 3 423 20982 3
Der Vampir, der mich liebte

Ball der Vampire
dtv 2007, 381 S.
ISBN 978 3 423 20987 8
Ball der Vampire

Diese Bücherreihe besticht aus ihrem genialen Genre-Mix aus Romantik und Erotik, Mystery, Fantasy, Humor und Action. Die liebens- und hassenswerten Nebencharaktere ziehen den Leser in den Südstaaten Flair durch ihre - übernatürlichen - Eigenheiten hinein. Darunter sind die misstrauischen Bellefleur-Geschwister, Bubba der zurückgebliebene Vampir, der eigentlich Elvis ist, Sam der Barbesitzer, ein harmloser Wercollie, und die örtliche Polzei und ansässigen Kirchendiener verschiedener Konfessionen. Dazu kommen eine Schar von Ex-Freunden und Verehren die von Buch zu Buch mehr zu werden scheinen. Es wird bis zum Ende spannend bleiben, für wen sich Sookie, die Gedankenleserin entscheiden wird. Ein leichtes Lesevergnügen, das schon allein aufgrund Sookies typischer Kommentare zu den Gedanken ihrer Mitmenschen hämische Freude bereitet. In Amerika sind die “Sookie Stackhouse Vampire Mysteries” von Charlaine Harris schon mit der Erscheinung des ersten Bandes 2001 in den Bestsellerlisten gelandet. Auch hierzulande gibt es eine stetig anwachsende Fangemeinde. Inzwischen ist sogar schon der achte Band der Erfolgsreihe in Arbeit.Für diejenigen, die mit der gedankenlesenden Barmaid Sookie Stackhouse noch nicht bekannt sind, nachfolgend eine kurze Einführung. Die Heldin der Buchreihe lebt in einen verschlafenen Nest namens Bon Temps in Louisiana. Zwei Jahre zuvor hatten sich die Vampire zu einem “Coming-out” entschieden, da in Japan synthetisiertes Blut erfunden wurde. Nichts Außergewöhnliches passiert in Sookies Leben (ausgenommen, dass sie seit frühester Jugend Gedankenlesen kann), bis sie den Vampir Bill kennen lernt und in die Welt der Vampire und des Übernatürlichen in allgemeinen hineingezogen wird.
Der Vampir, der mich liebte
“Der Vampir, der mich liebte” ist der vierte Band der Reihe und nimmt seinen Anfang als ihr inzwischen Ex-Freund Bill sich von ihr verabschiedet, da er im Auftrag der Vampirkönigin von Louisiana nach Peru geht. Als sie wieder einmal spät von der Arbeit nach Hause fährt, sammelt sie den auf der Straße umherirrenden Eric, der Chef aller Vampire in der Umgebung, auf. Sookie kennt den nicht gerade angenehmen Vampir aus geschäftlichen Treffen mit Bill, doch ist sie nicht gefasst darauf, dass dieser sich anscheinend an überhaupt nichts erinnern kann. Zu Hause angekommen ruft sie Pam, Erics rechte Hand, und informiert sie über den Zustand ihres Bosses. Noch in der gleichen Nacht taucht Pam mit Chow, einer seiner weiteren vampirischen Untergebenen, auf und unterbreitet ihr ein Angebot. Anscheinend wurde er von einer rachsüchtigen Hexe verflucht und sollte bis alles wieder in Ordnung ist, untertauchen. Pam bietet ihr 50.000 Dollar, was dem Kopfgeld auf Eric entspricht, für die “Aufbewahrung” an. Das Geld wird dringend von Sookie und ihrem Bruder Jason benötigt. So willigt sie ein, mit dem Hintergedanken, dass sie wahrscheinlich wieder in Schwierigkeiten kommen könnte. Bei ihr enden Schwierigkeiten nämlich immer im Krankenhaus. Natürlich hatte sie damit vollkommen Recht, doch nur mit Erics Verhalten hatte sie nicht gerechnet. Der ehemals schroffe gefährliche Draufgänger ist nun ein charmanter leicht hilfloser Vampir mit altmodischen Vorstellungen. Dabei hilft es nicht unbedingt, dass er über 1,90m groß, blond und gut aussehend ist. Bald lässt sie sich auf eine Affäre mit ihm ein, obwohl sie weiß, dass er nun mal nicht der “echte” Eric ist. Auch lässt die Vampirblut trinkende Hexe, die sich überdies noch in einen Werwolf verwandeln kann, samt nur etwas weniger gefährlichen Bruder und Anhängerschaft nicht lang auf sich warten. Um Alles Heil zu überstehen werden sie die Hilfe von Vampiren und den Shreveport Werwölfen, die nicht gerade scharf darauf sind mit Blutsaugern zusammenzuarbeiten, brauchen…
Ball der Vampire
Der 6. Band, “Ball der Vampire”, lässt sich noch viel turbulenter an. Sookie muss sich nicht nur mit den Pelts herumärgern, einer Gestaltwandlerfamilie dessen Adoptivtochter sie in Notwehr tötete, sondern auch noch feststellen, dass ihr umtriebiger Bruder seine Werpanther-Freundin heiraten will. Zudem wird sie auf ihrem ersten Date mit dem Wertiger Quinn von Werwölfen angefallen. Nachdem das nicht genug ist, muss sie eine Kindesentführung lösen und in dem Wäldchen vor ihrem Haus liegt eine in zwei Hälften geschnittene Halbdämonin. Diese hätte ihr einen Brief von der Vampirkönigin von Louisiana überbringen sollen, die ihre Anwesenheit bei einer Konferenz verlangt. Da ihr nicht viel übrig bleibt als hinzufahren, nimmt sie den Anlass gleich zur Auflösung des Nachlasses ihrer kürzlich verstorbenen Cousine Hadley war. Seit zwei Jahren hatten sei nicht mehr miteinander nach einem Streit gesprochen, trotzdem hinterließ Hadley ihr seinen gesamten Besitz. Doch in Hadleys Leben hat sich seitdem einiges geändert zumal sie eine Vampirin und die Geliebte der Vampirkönigin bis diese den Vampirkönig von Arkansas geheiratet hatte, war. Von da an wird es so richtig gefährlich und sie deckt mit der Hilfe von einem zum großen Teil aus Amateuren bestehenden Hexenzirkel, Quinn und der Elfe Claudine, die ihr Schutzengel ist, ein Komplott und so manche unangenehme Tatsache auf… Ein turbulentes Lesevergnügen von der ersten bis zur letzten Seite - so richtig zum Leersaugen…
V. I. Strohschneider
Der Vampir, der mich liebte
& Ball der Vampire
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Freitag, 11. April 2008

Andrea Hagendorn, Eckhard Deschler-Erb
mit einem Beitrag von Guido Lassau
Auf dem Basler Münsterhügel. Die ersten Jahrtausende
Archäologische Denkmäler in Basel 5
Christoph Merian 2007, 66 S., 30 Farb- und 10 Sw-Abb.
ISBN 978 3 85616 345 7
Auf dem Basler Münsterhügel
Der Münsterhügel im Zentrum von Basel ist seit rund 3000 Jahren besiedelt. Bis zu drei Meter hoch sind die in diesem Zeitraum von seinen Bewohnern zurückgelassenen Kulturschichten. Das freut Archäologinnen und Archäologen, denen es dank zahlreicher Rettungsgrabungen gelang, die Geschichte der Besiedlung zu rekonstruieren. Die Broschüre “Auf dem Basler Münsterhügel. Die ersten Jahrtausende”, Band 5 der Reihe “Archäologische Denkmäler in Basel”, folgt den Spuren der ersten Siedler, welche die Vorzüge des Siedlungsareals für sich entdeckten.
Den natürlichen Schutz seiner steil zu Rhein und Birsig abfallenden Hänge wussten bereits die Bewohner der ersten, in der Spätbronzezeit (1300-800 v. Chr.) errichteten, befestigten Siedlung zu schätzen. Dennoch verließen sie am Ende der Bronzezeit den Münsterhügel. Seine bis heute kontinuierlich fortdauernde Besiedlung setzte erst um 80 v. Chr. ein, als das Sicherheitsbedürfnis der keltischen Bevölkerung angesichts der wachsenden Bedrohung durch die Germanen zunahm. Die von einer mächtigen Wall-Graben-Anlage geschützte keltische Siedlung diente als Adelssitz und Zentralort. Nach der Eroberung Galliens geriet auch der Münsterhügel unter die Kontrolle der Römer, unter deren Befehl die keltischen Adeligen nun die Rheingrenze sicherten. Die Befestigung der Siedlung wurde eingeebnet, neue vom römischen Baustil beeinflusste Häuser entstanden. Mit der Verlegung der römischen Reichsgrenze büßte die Ansiedlung auf dem Münsterhügel ihre strategische Bedeutung ein. Viel wichtiger war nun die Anbindung an das römische Straßennetz und die damit gegebene Möglichkeit am überregionalen Handel Teil zu haben. Erst in der zweiten Hälfte des krisengeschüttelten 3. Jahrhunderts n. Chr. wurde die römische Grenze wieder an den Rhein zurückverlegt und der Münsterhügel erneut mit einer massiven Mauer befestigt. Mit dem von Kaiser Valentinian beaufsichtigtem Ausbau der Grenzbefestigung erlebte Basel eine kurze Blütezeit, bevor um 400 n. Chr. die römischen Truppen endgültig abzogen und die Zivilbevölkerung auf sich gestellt zurück blieb.
Andrea Hagendorn und Eckhard Deschler-Erb erzählen mit großer inhaltlicher und sprachlicher Klarheit vom Leben und Sterben der Bewohner des Münsterhügels und deren archäologischen Hinterlassenschaften. Dabei verlieren sie trotz faszinierender Detailbefunde niemals das große Ganze aus dem Blick. Die Geschichte der Besiedlung wird stets in Beziehung zum überregionalen Zeitgeschehen gesetzt, aus dem sich die wechselnde strategische und wirtschaftsgeographische Bedeutung des Standortes bedingte. Unterstützt durch ausgezeichnetes, abwechslungsreiches Bildmaterial entsteht so ein anschaulicher Ablauf des Siedlungsgeschehens.
“Auf dem Basler Münsterhügel. Die ersten Jahrtausende” macht Lust auf einen Spaziergang über das Areal. Dank des von Guido Lassau verfassten, von zahlreichen Plänen begleiteten chronologischen Überblicks der Siedlungsentwicklung, finden sich auch Ortsfremde leicht zurecht. Die grafisch attraktiv gestaltete Broschüre vermittelt Stadtgeschichte in jeder Hinsicht vorbildlich.
© Ch. Ranseder
Auf dem Basler Münsterhügel
siehe auch:
Zeitreisen durch 50000 Jahre Basel
- Rezension
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Tags:Archäologie, Bronzezeit, CRans, Ebensolch Rez-E-zine 39+40/08, Eisenzeit, Römer, Reise, Schweiz
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Freitag, 11. April 2008

Kommunale Navigationshilfe
oder
Hundstrümmerlkunst (A)/Hundehaufenkunst (D)

Ein Aufflammen des Wiener Aktionismus wurde neulich nebenan in Wien vermutet und fotografisch dokumentiert. Noch kann die neue Ausprägung der an die singuläre Uni-Ferkelei erinnernde Übermalungsvariante nicht definiert werden. Diskutiert wird von renommierten Experten der Installationscharakter der an die Straßenkunst und Landart angelehnten Vergänglichkeit am animalisch vollendeten Werk. Die öffentliche Sichtbarmachung der canin verrichteten Notdurft kommt innerlich und äußerlich im abstrahierenden aber signalstarken Grün erdnah als neue Wirklichkeit zum Ausdruck. Die partizipatorisch angelegte Aktion einer Minorität blieb - bisher - eine anonyme Singularität.
Die Stellungnahme des künstlerischen Leiters der Halle für die Zukunft der neuen Kunstform blieb kryptisch-pessimistisch, denn “…seine Vorstellung von Kunst definiert sich über virtuelle Raumlayer in einem aufstrebend umhegtem Geviert mit einer abschließenden Einrichtung oben und einem ebenen Konstrukt unten, welches in aktuellen Bezug zum temporären Gestrigen ein imhomogenes Ganzes in extrovertierte Heißluft konvertiert und nasal-fußtaktile Synästheten exkludiert…”
Eine Stellungnahme seitens kommunal Engagierter konnte nicht eingeholt werden. Wohlinformierte Kreise kolportieren, dass eine Übernahme der bürgernahen Kunstform in Planung ist. Die Gründung einer gut dotierten Kommission, die sich aus Kommissionsprofis aus Politik und Wirtschaft zusammensetzen wird, wurde schon in die Wege geleitet. Folder und Plakatwerbung sollen sich bereits in Planung befinden. Am mehrstufigen Eignungsverfahren, das die zukünftigen Hundstrümmerl-Künstler selbst zahlen müssen, wird noch gefeilt. Die schwer unterdotierten Kunstförderungen werden davon unberührt bleiben. Das Entgelt der kommisionär schwer geprüften Künstler wird durch die öffentliche Initialzündung gegeben sein und sich in der Nennung auf der Homepage erschöpfen. Ein Anrecht auf die Künstlersozialversicherung kann davon jedenfalls nicht abgeleitet werden, da die kommissionäre Prüfung nicht die Berufsberechtigung über den akademischen Zugang zur Kunst ersetzen wird.
Übrigens: Die Fußgänger hat die Hundstrümmerl-Navigations-Hilfe jedenfalls gefreut.
© S. Strohschneider-Laue
siehe auch: Wiener Aktion 2009
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Freitag, 11. April 2008

Olaf Fritsche
Der geheime Tunnel: Jagd auf den Schatz von Troja
Rowohlt 2007, 190 S.
ISBN 978 3 499 21384 7
Der geheime Tunnel. Jagd auf den Schatz von Troja.
Der zweite Band aus der Reihe “Der geheime Tunnel” führt die drei Freunde Albert, Lilly und Magnus auf die Spuren von Homer und Heinrich Schliemann. Zeitreisen lassen die drei Freunde mit kindlicher Perspektive das antike Troja und die Ausgrabungen Schliemanns erleben. Die treffenden Zeichnungen von Barbara Korthues illustrieren die unglaubliche Geschichte. Sammelkarten und ein Spiel im eingeklappten Cover runden den Band ab.
Kinder die Zeitreisestories lieben, in denen die Protagonisten die typischen Klischees (zwei Burschen, ein Mädchen, ein “Professor”, ein Erzfeind, fiktiv historisch) abdecken werden mit diesem Buch glücklich sein. Der flotte Schreibstil und die gute Lesbarkeit entschädigt aber leider nicht nicht für den Inhalt. Modernen Archäologen schaudern nicht nur beim Metallsuchgerät, das die Kinder zur Schatzsuche verwenden - ebenso würde es Mediziner bei einer do-it-yourself Blinddarmoperation ergehen -, sondern bei der gesamten Darstellung des Themas. Schade, die Geschichte von Troja und die frühen Raubgrabungen bzw. das Raubgut selbst hätte viel spannendes Potential geboten. Olaf Fritsche ist als Biologe bei naturwissenschaftlichen Themen eindeutig sattelfester.
© S. Strohschneider-Laue 10. Juni 2007
Der geheime Tunnel. Jagd auf den Schatz von Troja.
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Freitag, 11. April 2008

Österreichische Nationalbibliothek
Zur Erinnerung an schönere Zeiten…
29. Februar bis 13. April 2008
Der Ausstellungstitel greift die Widmung auf, die Raoul Korty unter sein Porträt in Husarenuniform schrieb. Entstanden ist die Aufnahme 1919 als der Krieg vorbei, die Monarchie abgelöst und die kaiserliche Uniform bereits Geschichte war. Er blieb Offizier und Lebemann. Seine Einstellung Ich habe den Rock des Kaisers getragen, da werde ich Hitler nicht fürchten wurde ihm 1944 schließlich zum Verhängnis. Auch Raoul Korty überlebte Auschwitz nicht.

Der Stammhalter des wohlhabende Kaufmanns Siegfried Hermann Kohn, der 1896 den Namen Korty(i) annahm, wurde am 4. Februar 1889 in Wien geboren. Die Erziehung des jungen Raoul dürfte wohl der Zeit entsprochen haben, dennoch blieb die vom Vater gewünschte Entwicklung aus. Raoul entpuppte sich bereits in früher Jugend als besessener Fotosammler. Ein Ratenkauf, um an eine bedeutende Fotosammlung zu gelangen, endete beim Anwalt. Briefe der Mutter an den 12jährigen sind wohl nicht umsonst mit Sammler oder Ansichtskartenkrampfinhaber betitelt und mahnen brav und fleißig zu sein. Die 50.000 Damenporträts aus einem Nachlass, den er mit dem väterlichen Geld erwarb, werden ebenfalls nicht zur Bewahrung des häuslichen Friedens - angeblich hat aufgrund des Chaos das Stubenmädchen gekündigt - beigetragen haben.
Der junge Sammler beendete die Realschule und trat in die Wiener Kunstakademie ein, die er aber durch Eintritt in den Präsenzdienst und Ausbruch des Ersten Weltkrieg nicht beendete. Korty kehrte als Oberstleutnant heim, er war während des Krieges mit einer silbernen Tapferkeitsmedaille 2. Klasse ausgezeichnet worden. Ohne Ausbildung aber mit einer begüterten Familie war die Rückkehr ins bürgerliche Leben für Raoul Korty sicher leichter als für viele andere Heimkehrer. Seine Leidenschaft für Fotografie legte die Gründung des Fotoateliers Gorgette nahe. Keine kluge Entscheidung. Exzessive Sammler sind Süchtige. Ein Jahr später stand das Studio bereits vor dem Ruin. Foto(sammel)leidenschaft und organisiertes wirtschaftliches Denken scheinen sich bei Raoul Korty ausgeschlossen zu haben, obwohl das Atelier nicht unproduktiv gewesen war. Um 20.000 Kronen war Vaters Geldbeutel schmaler geworden als die Firma 1929 aufgelöst wurde. Nach seiner Heirat mit einer Nichtjüdin blieb ihm Vaters Geldbeutel verschlossen. Andererseits war die Sammlung auf rund 250.000 Fotos angewachsen. Das erste große Fotoarchiv auf das Printmedien zugreifen konnten, begann Geld einzubringen. Allerdings nicht genug. In den 30er Jahren begannen Korty aus Geldnot Teile seiner Sammlung zu verpfänden und zu verkaufen. Mit dem Anschluss Österreichs brach die Welt um ihn zusammen. Zu spät dachte er an Emigration. Am 28. Oktober 1944 wurde der Sammler und Chronist einer versunkenen Zeit Raoul Korty nach Auschwitz deportiert.
Unter den nahezu 500.000 Objekte, die durch die Beschlagnahmungen während des Nationalsozialismus in die Österreichische Nationalbibliothek gelangten, befanden sich auch die letzten 30.000 Fotos, die Raoul Korty noch geblieben waren. Seit 1939 harrten sie in Transportkisten verpackt ihrer Wiederentdeckung. Es ist gut bekannt und wenig diskutiert, dass Österreich besonders vergesslich mit der Zeit des Nationalsozialismus umgeht. Die Gedächtnislücken sind besonders ausgeprägt, wenn es um die Rückgabe von Raubgut geht. Die Österreichische Nationalbibliothek hat sich auch nicht beeilt. Bereits 1946 nahmen die Hinterbliebenen von Raoul Korty mit den Verantwortlichen für die Rückstellung auf, aber erst 66 Jahre nach der Beschlagnahmung wurde die Fotosammlung der Tochter Kortys rechtmäßig abgekauft. Erfreulich ist, dass die Österreichische Nationalbibliothek sich ihrer unrühmlichen Erwerbsstrategien in aller Offenheit stellt und gemäß des Kunstrückgabegesetzes von 1998 endlich agiert.
Seit 2007 wird die Sammlung Korty aufgearbeitet. Ein Katalog, auf den zurückgegriffen werden könnte, exitiert nicht; denn Raoul Korty hatte wie jeder besessene Sammler seine Objekte, deren Erwerb und die zugehörigen Hintergründe im Kopf. Der “spärliche” - gemessen an einst 250.000 Fotos - Bestand stellt somit eine große Herausforderung dar. Der Monarchist und Lebemann Korty spiegelt sich deutlich in seiner Sammlung. Der Schwerpunkt liegt auf Porträts von Adeligen und KünstlerInnen.

Michaela Pfundner, Margot Werner (Hg.)
Zur Erinnerung an schönere Zeiten
Bilder aus der versunkenen Welt des jüdischen Sammlers Raoul Korty
ÖNB 2008, 103 S. zahlr. Abb.
ISBN 978-3-01-000037-6
Die von 29. Februar bis 13. April 2008 im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek gezeigte Ausstellung Zur Erinnerung an schönere Zeiten. Bilder aus der versunkenen Welt des jüdischen Sammlers Raoul Korty wird der komplexen Thematik mehr als nur gerecht. Ausgehend von der Persönlichkeit Kortys spannt sich der Bogen über Adel, Gesellschaft, Bühne und Kurioses bis zum Sammlungsschicksal selbst. Übersichtlich struktruiert und äußerst ansprechend präsentiert, ist es eine Freude von Vitrine zu Vitrine zugehen und sich mit dem gut aufbereiteten Inhalt zu beschäftigen. Flüssige Texte, stimmig gewähltes Fotomaterial sowie einige Schmuck- und Bekleidungsstücke verdeutlichen die Lebenswelt Kortys und zeigen die informative Breite des Bestandes auf.
Die Ausstellungen im Prunksaal sind immer interessant, viele sind gelungen und immer zeigen sie Besonderes. Diese Ausstellung ist außergewöhnlich. Die exzellenten Texte und die frische Grafik stellen die rund 300 Fotos, deren Fülle man kaum bemerkt, nicht nur in einen informativen Zusammenhang, sondern sparen auch die Forschungsgeschichte nicht aus.
Definitiv eine Ausstellung bei der man keinesfalls auf den Katalog verzichten sollte. Die Persönlichkeit Kortys, das Sammlungsschicksal und die Bildauswahl werden so spannend vorgestellt, dass man den auch grafisch attraktiven Band erst aus der Hand legt, wenn man die rund 100 Seiten gelesen hat.
© S. Strohschneider-Laue
Raoul Korty
Franz Joseph I. in 100 Bildern
Kaiserin Elisabeth von Österreich in zweihundert Bildern
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Tags:Ausstellung, Ebensolch Rez-E-zine 39+40/08, Fotografie, Katalog, Nationalsozialismus, Sistlau, Wien
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Freitag, 11. April 2008

BA-CA Kunstforum (Hg.)
Der Kuss der Sphinx. Symbolismus in Belgien
Hatje Cantz 2007, 280 S., 194 meist farbige Abb.
ISBN 978 3 7757 2067 0
Der Kuss der Sphinx
Mit an die Lippen gelegtem Finger, den Blick unfokussiert in die Weite schweifend, gebietet eine junge Frau Schweigen. Ihre bewegungslos verharrende, in starker Untersicht monumental überhöht wiedergegebene Gestalt zwingt den Betrachter, der die Augen zu ihrem Gesicht erheben muss, in die Position des Supplikanten. Fernand Khnopff stellt in seinem 1890 entstandenen Pastell “Stille” die Frau zugleich als Wächterfigur und anbetungswürdiges mystisches Wesen dar. Es ist nicht das einzige Werk des Künstlers, in dem äußere Ruhe und meditative Besinnung eine zentrale Rolle spielen, eine Figur der inneren Stimme zu lauschen scheint. Auch die Besucher seines als Heiligtum inszenierten Ateliers wurden zum Schweigen angehalten. Sowohl in seinem Heim als auch in seinen Bildern erschuf sich Khnopff eine eigene Welt fernab der Realität.
Damit sind bereits einige zentrale Themen des belgischen Symbolismus angesprochen, dessen Vertreter weit mehr durch ihre Geisteshaltung als durch stilistische Ähnlichkeiten geeint werden.
Am Ende des 19. Jahrhunderts werden die wissenschaftlichen und industriellen Errungenschaften, welche tief greifende gesellschaftliche Umwälzungen mit sich bringen, von einer großen Zahl der Künstler als Bedrohung empfunden. Eine spirituelle Krise gepaart mit der Trauer um vergangene Zeiten und deren Wertvorstellungen verstärken das Bedürfnis aus der feindlich empfundenen Umwelt in ein selbst geschaffenes Gedankenreich zu entfliehen. Die Esoterik blüht in der Kunst des Symbolismus, die eine enge Verbindung mit der Literatur eingeht, ebenso wie das Spiel mit Dekadenz und Verfall. In bewährter Tradition werden Frauen - vom reinen Ideal bis zur Femme fatal - zur Projektionsfläche für die Ängste und Sehnsüchte der die Grenzen ihrer Träume und erotischen Fantasien auslotenden männlichen Künstler. Ganzheitlich betrachtet lebt der Symbolismus von der Spannung zwischen dem Reich der Schatten und dem Reich des Lichts, dem Expliziten und dem Angedeuteten.
Brüssel, die Heimstatt von zahlreichen Künstlerzirkeln und Zeitschriften, fungierte für die belgischen Vertreter des Symbolismus zugleich als Zentrum des Diskurses und Schmelztiegel andernorts geborener Ideen beziehungsweise Formen des Ausdrucks.
Mit der Publikation “Der Kuss der Sphinx” ist es gelungen, einen Meilenstein in der Erforschung des belgischen Symbolismus zu setzen. Gleichzeitig bringt das grafisch ansprechend gestaltete Buch diese von Doppeldeutigkeit geprägte Kunstrichtung auch einem breiteren Publikum näher. Dies ist in erster Linie den hervorragenden Texten zu verdanken, deren Autoren es nicht nur verstehen, den belgischen Symbolismus und seine Verbindungen zu den Kunstmetropolen Europas in seiner Essenz zu erfassen, sondern auch ihre Forschungsergebnisse sprachlich leicht verständlich darzulegen.
Michel Draguet macht in seinem Essay “Brüssel - Drehscheibe des Symbolismus in Europa” mit den Grundzügen des belgischen Symbolismus bekannt und verortet ihn im kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Kontext.
Dominique Marechal untersucht in “’Verging nicht diese Stadt?’. Brügge als Treffpunkt europäischer Symbolisten” die Rolle dieser sehr ambivalent wahrgenommenen Stadt im Werk zahlreicher Künstler, wobei sie Fernand Khnopff besondere Aufmerksamkeit zuteil werden lässt.
Sabine Plakolm-Forsthuber zeigt in “Spiegelbilder der Seele. Der belgische Symbolismus und der Wiener Jugendstil”, welche Impulse die Wiener Kunstszene um 1900 von den belgischen Symbolisten, insbesondere von Fernand Khnopff und dem Bildhauer George Minne, erhielt.
Den Tafelteil des Katalogs gliedernde, ausführliche Kapiteltexte von Michel Draguet bieten vertiefende Informationen zu einzelnen Künstlern und Themen des Symbolismus. Auf detaillierte Beschreibungen der ausgewählten Werke wird zugunsten der Abbildungsgrößen jedoch verzichtet. Abgerundet wird das stattliche Buch “Der Kuss der Sphinx. Symbolismus in Belgien” von Kurzbiografien der Künstler, einer Literaturliste und einem Verzeichnis der in der gleichnamigen Ausstellung präsentierten Werke. Wer die rund 150 Arbeiten von 36 Künstlern im Original sehen möchte, hatte dazu bis 3. Februar 2008 im BA-CA Kunstforum in Wien die Gelegenheit.
© Ch. Ranseder 21.10.2007
Der Kuss der Sphinx
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Tags:CRans, Ebensolch Rez-E-zine 39+40/08, Katalog, Kunst, Moderne
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Freitag, 11. April 2008

Hans-Joachim Giersberg, Leo Seidel
Preußens Glanz. Königsschlösser in Berlin und Brandenburg
Prestel 2007, Dt./Engl., 192 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 7913 3751 7
Preußens Glanz und Gloria. Königsschlösser in Berlin und Brandenburg
Die Regenten Preußens waren fleißige Bauherren. Einige der schönsten Schlösser Deutschlands sind Mitgliedern der Familie Hohenzollern zu verdanken, darunter Schloss Sanssouci, Schloss Charlottenhof, Schloss Rheinsberg und die bemerkenswerten Gebäude auf der Pfaueninsel in Berlin. Opulent bebildert, präsentiert „Preußens Glanz” im Tourismus bereits etablierte bauliche Kulturschätze und international weniger bekannte Perlen königlicher Architektur in Brandenburg und Berlin.
Die Gliederung des Buches folgt der chronologischen Abfolge der Herrscher, deren Porträts den detaillierten Beschreibungen der Bauwerke ihrer Ära vorangestellt sind. Leo Seidel hat den heutigen Zustand der Gebäude – deren Spektrum von Schlössern über Belvedere bis zu in die Gartenanlagen integrierte Tempel, Teehäuser und Pavillons reicht – in herrlichen Farbfotografien festgehalten. Ergänzt von historischen Ansichten wecken die brillanten Aufnahmen den Wunsch sich auf eine Reise zu begeben, um das Dargestellte selbst zu erleben. Die akribisch recherchierten Texte von Hans-Joachim Giersberg vermitteln wertvolles Hintergrundwissen zu Besitzer-, Bau- und Nutzungsgeschichte. Eindrucksvoll dokumentieren sie das wechselhafte Schicksal der prächtigen Schlossanlagen und die großen Verdienste der in den letzten beiden Jahrzehnten erfolgten Restaurierungs- und Revitalisierungsarbeiten.
Als zweisprachig (Deutsch/Englisch) angelegtes Buch wendet sich “Preußens Glanz” an eine internationale Leserschaft. Umso mehr verwundert es, dass sowohl auf eine Einleitung, die mit gekrönten Häuptern und politisch-kulturellem sowie wirtschaftlichem Umfeld bekannt macht, als auch auf einen Serviceteil verzichtet wird. Gerade für Ortsfremde wären zumindest eine Überblickskarte zur besseren Orientierung und ein Standortverzeichnis mit Internetadressen für eine etwaige Reisevorbereitung hilfreich.
In seiner vorliegenden Form weckt “Preußens Glanz” in der ersten Phase der Lektüre Neugier, lässt jedoch praxisorientierte Reiselustige kurzfristig allein. In der zweiten Phase der Lektüre entfaltet das Buch seine Stärken und wird als großartiges Nachschlagewerk und Erinnerungshilfe an Gesehenes noch nach Jahren erfreuen.
© Ch. Ranseder 15. August 2007
Preußens Glanz und Gloria. Königsschlösser in Berlin und Brandenburg
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Tags:Architektur, CRans, Deutschland, Ebensolch Rez-E-zine 39+40/08, Neuzeit, Reise
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Freitag, 11. April 2008

Morna E. Gregory, Sian James
Stille Örtchen. Ein Besuch auf den Toiletten der Welt
Knesebeck 2006, 256 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 89660 3920
Stille Örtchen. Ein Besuch auf den Toiletten der Welt
Auch wenn es absurd erscheint: Wenige Dinge sind einprägsamer als der Gang zur Toilette und was man dort vorfindet. Das Spektrum der Emotionen rund um eine im Grunde banale biologische Notwendigkeit und das architektonische Ambiente, in dem sie verrichtet wird, reicht von Ekel über Heiterkeit bis zu beglückender Befriedigung. Verzweiflung macht sich breit, wenn man eine Toilette braucht und keine da ist. Und zu den wohl unvergesslichsten Urlaubserinnerungen zählen Besuche von WCs fern der Heimat. Denn ist dort anstatt der vertrauten Kloschüssel eine fremdartige Vorrichtung vorzufinden, offenbaren sich die kulturellen Unterschiede im Umgang mit der Notdurft. Das Bedürfnis sich zu erleichtern, mag ein universelles sein, kein Mensch kommt darum herum. Die Ausstattung der dafür vorgesehenen Räumlichkeiten, das Ritual der Handlung und die damit verbundenen Tabus sind jedoch von Land zu Land, von Kontinent zu Kontinent überraschend unterschiedlich.
Die Schriftstellerin Morna E. Gregory und die Fotografin Sian James haben sich die Aufgabe gestellt, die kulturellen Verschiedenheiten rund um das Klo zu dokumentieren. Ihr Buch “Stille Örtchen. Ein Besuch auf den Toiletten der Welt” entführt auf eine amüsante, oft auch verblüffende Entdeckungsreise zu sanitären Anlagen in 27 Ländern (USA, Kanada, Bolivien, Peru, Costa Rica, Panama, Brasilien, Chile, Großbritannien, Spanien, Belgien, Frankreich, Deutschland, Österreich, Niederlande, Türkei, Namibia, Südafrika, Swasiland, Mosambik, Neuseeland, Australien, Indien, China, Japan und Thailand). Die geglückte Kombination von kulturhistorischer Betrachtung und fotografischer Bestandsaufnahme der vielfältigen, erfinderischen Weisen, wie Menschen rund um den Globus das Problem der Beseitigung ihrer Ausscheidungen lösen, erweist sich als faszinierende Lektüre.
Die Bandbreite der für das Buch ausgewählten Aborte ist eindrucksvoll. Der Bogen spannt sich von einfachen Plumpsklos in der Wildnis über historische Toilettenanlagen bis zu gestylten high-tech Wundern, an denen sich die Besucher schicker In-Lokale erfreuen dürfen. “Stille Örtchen” bietet sowohl Alltägliches als auch Kurioses. Seit Jahren nicht mehr benutzte Toiletten in verlassenen Geisterstädten sind ebenso vertreten wie von Wasser überspülte stählerne Pissoirwände, die “Urinette” für Frauen, ein per Fernbedienung aus dem Straßenuntergrund ausfahrbares Pissoir, eine über selbst gebuddelten Löchern zu platzierende mobile Falttoilette, zu Zielübungen einladende Pissoirs und ein Raum voll riesiger Eier, in deren Innerem sich jeweils ein WC verbirgt. Eine Freude für Benutzer, die Klopapier nicht schätzen, sind ausgefeilte Klos, die den Allerwertesten per Knopfdruck mit Wasser besprühen. Und für Schamhafte gibt es in Japan eine Taste, mittels derer dem WC kaschierende Spülgeräusche zu entlocken sind. Eine singende Toilette ist den Erleichterung suchenden glücklicherweise bislang erspart geblieben!
Der Reiz des Buches “Stille Örtchen. Ein Besuch auf den Toiletten der Welt” liegt nicht zuletzt in seiner Fähigkeit Assoziationen und Erinnerungen zu wecken – sei es an denkwürdige Filmszenen wie das “Geheimnis der drei Muscheln” in “Demolition Man” oder eigene Erlebnisse. So werde ich sicher nie meine erste Begegnung mit einem rotierenden Toilettensitz vergessen!
© Ch. Ranseder 12. August 2007
Stille Örtchen. Ein Besuch auf den Toiletten der Welt
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Freitag, 11. April 2008

Lucien Clergue
Magie und Mythos
KunstHausWien 2007, Dt./Engl, 224 S. mit zahlr. Farb- und Sw-Abb.
ISBN 978-3-901247-17-0
Lucien Clergue: Magie und Mythos. Ausstellungskatalog
Lucien Clergues Fotografien ist eine poetische Stille eigen, die zur Kontemplation über das prekäre Verhältnis von Mensch und Natur, Vergänglichkeit und Permanenz, einlädt. Zwischen den Polen Tod und Leben angesiedelt, gehören der Stierkampf und der weibliche Akt, das Wasser und der Sand zu den Leitthemen seines Lebenswerkes. Ein Querschnitt durch das Schaffen des 1934 in Arles geborenen Künstlers ist derzeit in einer rund 200 Arbeiten umfassenden Ausstellung des KunstHausWien sowie dem als Begleitbuch erschienenen Katalog “Lucien Clergue - Magie und Mythos” zu bewundern. Die reich bebilderte Publikation zeichnet in chronologischer Abfolge den künstlerischen Werdegang Lucien Clergues nach. Ein den Bildteil vorangestellter Essay von Karen Sinsheimer schildert die wichtigsten Stationen in der Biografie des vielfach ausgezeichneten Fotografen, der sich auch erfolgreich mit dem Medium Film beschäftigt.
In den Nachkriegsjahren erkundet Lucien Clergue mit seiner Kamera das zerbombte Arles und sein Umland. In den Ruinen der Stadt inszeniert er “tableaux vivantes” mit als Zirkusartisten verkleideten Kindern, deren starre Posen und Anordnung im Bildraum aus heutiger Sicht Assoziationen mit der Modefotografie wachrufen. In starkem Kontrast zu dieser, in ihrer Grundstimmung seltsam melancholisch wirkenden, Bildserie stehen die reportageartigen Fotografien der Zigeuner, die Lucien Clergue eine Zeit lang begleitet. Doch nicht nur der Mensch, auch die Natur fesselt den Fotografen. Seine Aufnahmen von sich im Wasser einer Überschwemmung spiegelnden Weinstöcken, von Maisstauden und der kargen Vegetation der Küste besitzen durch Nahsicht und die betonte Licht-Schatten-Wirkung eine abstrakte Qualität, die sie der modernen Malerei nahe bringt. Begegnungen mit Picasso und Jean Cocteau eröffnen dem jungen Fotografen neue Wege. Lucien Clergue entdeckt das künstlerische Potential des weiblichen Körpers. Der Frauentorso - von Wasser umspült, als Projektionsfläche für Zebramuster aus Licht und Schatten oder in Doppelbelichtungen mit historischen Gemälden kombiniert - wird für ihn zum bildlichen Symbol des Lebens.
Mit der “Sprache des Sandes”, einer Sammlung von Aufnahmen der von natürlichen und künstlichen Spuren gezeichneten Übergangszone zwischen Wasser und Land, erwirb der Meister der Schwarz-Weiss-Fotografie 1979 den Doktorgrad an der Universität von Marseille-Provence. Die behutsame Annäherung an die Farbfotografie erfolgt erst spät. 1981 beginnt Lucien Clergue mit einer Polaroid-Kamera zu experimentieren - mit überraschenden Resultaten. Zu Sequenzen aneinandergereiht, erhalten die kleinformatigen Farbbilder eine zusätzliche rhythmisch-grafische Dimension. Schließlich entstehen auch großformatige Arbeiten, die durch das Spiel mit Doppelbelichtungen eine geheimnisvolle Tiefe erhalten. Das Buch “Lucien Clergue - Magie und Mythos” stellt eine exzellente Einführung in das Werk des großen Fotografen dar. Wer es in Händen hält, sollte übrigens auf keinen Fall verabsäumen die Umschlagklappen aufzuschlagen. Hier sind insgesamt 108 weitere Fotos versteckt, die erahnen lassen, welche Schätze das Archiv des Künstlers noch birgt.
Die Ausstellung “Lucien Clergue - Der Dichter mit der Kamera”, seine erste Retrospektive in Österreich, ist bis 17.02.2008 im KunstHausWien zu sehen. Danach gastiert sie vom 07.03. bis 18.05.2008 im Graphikmuseum Pablo Picasso Münster und vom14.06. bis 20.07.2008 in der Städtischen Galerie Erlangen.
© Ch. Ranseder
Lucien Clergue: Magie und Mythos. Ausstellungskatalog
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Tags:Ausstellung, CRans, Ebensolch Rez-E-zine 39+40/08, Fotografie, Katalog, Kunst
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Freitag, 11. April 2008

K(l)eine Geschenke erhalten die Freundschaft – oder auch nicht
In Zügen kommen oft völlig fremde Menschen mit einander ins Gespräch. Nichts verbindet sie außer der gemeinsamen Strecke. Ich für meinen Teil weiche solchen Gesprächen aus. Entweder schlafe ich tatsächlich oder ich stelle mich schlafend. Ab und an schnappe ich auf diese Weise Gespräche von Mitreisenden auf, die meine Aufmerksamkeit fesseln. Letzte Woche war ich wieder einmal Ohrenzeugin einer interessanten Unterhaltung. In meinem Abteil saßen zwei Herren, die nach und nach ins Gespräch gekommen waren. Leider sprach einer der beiden sehr leise, so dass ich nur eine Hälfte des Gesprächs, die mit Sicherheit die interessantere Hälfte war, verfolgen konnte.
Nein, Sie schenken nicht gerne? Wie seltsam! Vielleicht sollten Sie das Schenken einfach für sich selbst neu erfinden. Man kann es sowieso kaum jemanden wirklich recht machen. Die meisten kaufen sich die Dinge, die sie sich wünschen ohnedies selbst. Ganz egal, ob es ihre Geldbörse erlaubt oder nicht. Glauben Sie mir, Schenken macht mehr Freude als selbst beschenkt zu werden. Allerdings nur, wenn man es richtig macht. Als Kind glaubte ich diese Philosophie des Schenkens nicht, aber jetzt bin ich davon fest überzeugt. Schon die Auswahl des Geschenks ist für mich das größte Vergnügen.
Ach, Sie möchten wissen, weshalb das so ist? Aber gerne!
Eigentlich liegt es in meiner Erziehung begründet; denn meine Mutter sagte immer, „Bedenke stets, was dein Geschenk bedeuten könnte.” Und daran habe ich mich die letzten Jahre strikt gehalten.
So, das verstehen Sie nicht? Ja, aber das ist doch kein Problem, vor allem wenn Sie, wie Sie mir gerade erklärt haben, stets Personen verpflichtet sind, die Sie eigentlich gar nicht mögen. Gerade bei diesen ist es doch am leichtesten etwas Passendes zu finden. Kompliziert erweisen sich eher jene Menschen, denen man wirkliche nahe steht.
Sie müssen demnächst ihren Chef beschenken, obwohl Sie gar nicht wollen? Aus dem Stegreif kann ich Ihnen natürlich nicht raten, da müssen Sie mir schon einiges über Ihren Chef erzählen.
Wenn ich Ihre Aussagen zusammenfassen darf: Er ist inkompetent und Ihre Arbeit gibt er als die seine aus. Darüber hinaus ist er nicht nur korrupt, sondern rechnet seine Spesen zusätzlich ein zweites Mal über einen Verein ab. Und die Sekretärin ist seine Drehscheibe, die man sogar bestechen muss, wenn man einen Urlaubsschein benötigt. Eigentlich müsste es Ihnen eine Freude sein, Chef, Vorzimmerdame und alle Kollegen zu gleichen Teilen zu beschenken.
Gut, ich will Ihnen einen Tipp geben, denn solche Staatsdiener überrasche ich mit Vorliebe. Informieren Sie die Sekretärin, dass die Belegschaft ein Gemeinschaftsgeschenk geben will und sie die Organisation übernehmen soll. Wenn alle ihr Scherflein beigetragen haben, geben Sie sich ratlos, um letztlich eine Geschenksüberweisung vorzuschlagen. Vermutlich wird die Sekretärin alle Bankgeschäfte erledigen. Sie wird darauf die Überweisung des Betrages ganz sicher in ihrem eigenen Namen vornehmen. In Folge die geeigneten Maßnahmen in die Wege zu leiten, wird Ihnen doch wohl nicht schwer fallen. Muss ich noch mehr sagen, außer: Verdacht auf verbotene Geschenkannahme und Bestechungsversuch? Alle werden glücklich sein und das Jobkarussell kann sich vom neuem drehen.
Sie glauben, es käme nichts Besseres nach und zu kompliziert wäre es auch? Dann wählen Sie etwas Gängiges. Überreichen Sie ihr eine mit einem geschmacksneutralen Laxativ präparierte Pralinenschachtel. Ihre Gabe wird seine durchschlagende Wirkung garantiert nicht verfehlen. Für den Chef wird ein exklusiver Wein geeignet sein. Gönnen Sie sich den edlen Tropfen selbst und füllen sie die leere Flasche mit einem billigen Produkt im Tetrapack nach. Er wird den Unterschied entweder nicht merken oder nicht zugeben. Für Sie geht jedenfalls die Kosten-Nutzen-Rechnung auf.
Dachte ich mir, dass Ihnen das gefällt!
Nein, nein, ich will Ihnen keinesfalls das ganze Vergnügen des Schenkens rauben.
Sie gehen tatsächlich regelmäßig trainieren? Und was machen Sie dort? Laufen und Gewichte stemmen, faszinierend! Die Party für die Mitglieder ist wohl ein Anlass seinen Trainingspartnern eine Kleinigkeit zu überreichen. Nein, sagen Sie nichts weiter. Ich kann es mir vorstellen. Der Geruch von Schweiß und Füßen muss - sprichwörtlich - umwerfend sein! Am besten ist, Sie verteilen Fußsalben und Deos.
Das haben Sie im letzten Jahr schon getan? Das nenne ich bedarfsorientiertes Schenken. Sie sind ein wesentlich begabterer Schenker als Sie selbst annehmen. Sagen Sie, ist es seither für ihre Nase erträglicher geworden?
Nein, dann setzen Sie doch dieses Jahr mit kunststofffreien T-Shirts nach. Natürlich mit Ihrem Logoeindruck. Das können Sie zusätzlich als Werbemaßnahme von der Steuer absetzen.
Gern geschehen, Sie müssen sich nicht bedanken. Es war mir eine Freude. Wissen Sie, das Aussuchen von Aufmerksamkeiten ist für mich wie ein gutes Vorspiel. Und der Höhepunkt folgt, wenn meine Geschenke ihre Wirkung entfalten.
Beim nächsten Bahnhof muss ich aussteigen. Es war eine animierende Unterhaltung. Darf ich Ihnen, bevor ich aussteige, ein kleines Präsent zu Erinnerung überreichen?
Das war der Moment als ich vorgab abrupt aufzuwachen und nahezu fluchtartig das Abteil verließ. Ich wollte nicht wissen, was überreicht wurde. Auch wollte ich keinesfalls die Wirkung des Präsents miterleben. Es gibt einfach Geschenke auf die man besser verzichten sollte.
© S. Strohschneider-Laue
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