Archiv für Oktober 2008

Frauen erobern die Welt

Dienstag, 28. Oktober 2008
Non FictionEbensolch Rez-E-zine 44/08

Alexandra Lapierre, Christel Mouchard
Frauen erobern die Welt
Abenteuer - Reisen - Expeditionen. Unterwegs auf fernen Kontinenten
Aus dem Französischen von Franziska Weyer
Flammarion (im Vertrieb von Prestel) 2008, 240 S., zahlreiche Abb.
ISBN 978 2 08 020067 9

Frauen erobern die Welt Frauen erobern die Welt

Die von Alexandra Lapierre und Christel Mouchard für ihr Buch “Frauen erobern die Welt” ausgewählten weiblichen Reisenden bewiesen Neugier, Mut, Durchhaltevermögen, Organisationstalent, Improvisationsgeschick, Durchsetzungskraft, diplomatisches Fingerspitzengefühl und Führungsqualitäten. Forscherinnen erprobten ihr Fachwissen im Feld und zeigten ihre Fähigkeit wissenschaftlich zu arbeiten. Müßiggängerinnen genossen es, neue Erfahrungen zu sammeln. Literarisch Ambitionierte erwiesen sich als begnadete Reiseschriftstellerinnen. Netzwerkerinnen bemühten sich um internationale Beziehungen.
Jede der 31 porträtierten Frauen ist einzigartig. Familiäre Hintergründe, Vermögensverhältnisse und Lebensläufe weisen kaum Übereinstimmungen auf. Und doch eint diese Frauen der eiserne Wille zu einem selbstbestimmten Leben.

Die aktive Reisetätigkeit der, von den Autorinnen für das attraktiv gestaltete Buch ausgewählten, fernwehgeplagten Damen fällt - bis auf drei Ausnahmen - in die Jahre von 1850 bis 1950. Es ist eine Zeitspanne des gesellschaftlichen Umbruchs, in der es Frauen gelingt, sich im bewussten oder unbewussten Aufbegehren gegen herrschende Rollenbilder Freiräume zu schaffen. Die Protagonistinnen des Buches “Frauen erobern die Welt” waren Pionierinnen, auch wenn sie sich meist nicht als solche empfunden haben.
Vorgestellt werden: Catalina de Erauso, Aphra Behn, Isabel Godin des Odonais, Ida Pfeiffer, Alexine Tinne, Mary Seacole, Florence Baker, Isabella Bird, May French Sheldon, Marianne North, Jane Dieulafoy, Fanny Stevenson, Mary Kingsley, Fanny Bullock Workman, Gertrude Bell, Margaret Fountaine, Daisy Bates, Nellie Bly, Isabelle Eberhardt, Charmian Kittredge, Alexandra David-Néel, Freya Stark, Karen Blixen, Evelyn Cheesman, Rosita Forbes, Margaret Mead, Ella Maillart, Osa Johnson, Odette du Puigaudeau, Anita Conti, Emily Hahn.

Dass auf den 240 Seiten eines reich bebilderten Buches die Lebensgeschichten von 31 Frauen nur oberflächlich abgehandelt werden können, liegt auf der Hand. Ein echtes Ärgernis ist jedoch die stellenweise bemüht lockere Wortwahl, die wenig dazu beiträgt Klischees zu entkräften. Als kleine Kostprobe mag ein Kommentar zur Reisetätigkeit englischer Frauen genügen: “… , da das viktorianische Zeitalter zahlreiche Damen hervorbringt, die wie sie mit steifem Kragen, Hutschleier und Sonnenschirm, manchmal auch mit Staffelei oder Schmetterlingsnetz, aber immer mit einer ansehnlichen Rente und Empfehlungsschreiben, die Kontinente abgrasen. Sie alle sind ältliche Jungfern, ehrenhaft und einsam, ungestüm und doch so sittsam.” Die Frau, deren Porträt diese Worte einleiten, ist Marianne North (1830-1890), die als 40-Jährige aufbricht, um Pflanzen ferner Länder auf Leinwand festzuhalten. 832 ihrer Gemälde können noch heute in der Marianne North Gallery, Royal Botanic Gardens, Kew bewundert werden. Um zu malen, bereiste Marianne North, unter anderem, Amerika, Kanada, Jamaica, Brasilien, Chile, Japan, Borneo, Indien, Ceylon, Südafrika, Australien und Neuseeland. Selbst in Zeiten des Langstreckenflugs ist das eine beeindruckende Leistung. Vor allen, wenn es sich nicht um sinnentleertes Jetsetten, sondern um die Erfüllung einer selbst gewählten Aufgabe, also um Arbeit, handelt.

“Frauen erobern die Welt” ist ein Buch, das so manches “Aha-Erlebnis” bereithält. Die unerschrockenen Fernreisenden durchquerten Wüsten, unwirtliche Berglandschaften und den Dschungel, engagierten sich für Eingeborene oder in Kriegen verwundete Landsmänner, sammelten Informationen oder Insekten und fanden Wege ihre Erlebnisse einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln. Die 31 - aus Kurzbiografie, historischem Bildmaterial und einem Zitat bestehenden - Steckbriefe machen mit faszinierenden Persönlichkeiten bekannt. Schlussfolgerungen und Entwicklungstendenzen werden in Texten präsentiert, die das Buch in zeitliche Abschnitte gliedern. “Frauen erobern die Welt” ist ein Coffee Table Book dem es gelingt, die Lust zu wecken, sich mittels anderer Quellen eingehender mit den vorgestellten Frauen und ihrem Werk zu beschäftigen.

© Ch. Ranseder

Frauen erobern die Welt

Bertha Buch | Amazon(e)

Film: Endlich 1968

Freitag, 24. Oktober 2008
NotizEbensolch Rez-E-zine 44/08

Endlich 1968 - Film

die 68er sind in die Jahre gekommen
Ein Film von Herbert Link 2008, 55′

1968 wurde ich sieben Jahre und kam in die Grundschule. Wenn man mich zu 1968 befragt, fallen mir trotzdem spontan Dinge, wichtige Ereignisse dieser Zeit ein. Wahrscheinlich, weil die Ereignisse in meiner Familie diskutiert wurden oder wir direkt betroffen waren: Studentenunruhen, Einmarsch der Russen in der Tschechoslowakei, Martin Luther King und Robert Kennedy erschossen, Brandanschlag auf Kaufhaus in Frankfurt und Demonstrationen gegen den Springer Verlag. Und es fällt mir ein Urlaub in Österreich ein, bei dem Betrunkene im Wirtshaus in Deutschland verbotenes Liedgut anstimmten und einem jungem Wiener die langen Haare von der grölenden Dorfjugend abgeschnitten wurden. Erinnerungen, die sich mir erst nach und nach inhaltlich erschlossen haben. Erschlossen, weil ich von der 68er Bewegung ausgelösten Bildungsreform des Deutschen Schulsystems profitierte. Den 68ern habe ich zu verdanken, dass ich in einem meinungsbildenden, kritischen Umfeld aufgewachsen bin und auch in der Schule zum kritischen Hinterfragen und freien Meinungsaustausch ausgebildet wurde. Und den 68ern habe ich es zu verdanken, dass ich als heranwachsende Frau am sich neu formierenden Feminismus und dessen Erfolge teil hatte. Mit Österreich verband ich bezogen auf 1968 höchstens den Wiener Aktionismus, Sigi Maron und sonst nichts und niemanden. Und Sigi Maron war mir auch nur bekannt, weil meine Jugendfreundin, die in ihrer Schule in den 70er Jahren in den Pausen noch im Kreis gehen musste, seine Kritik so schätzte.

1968 war doch in dem kleinen und bescheidenen Österreich spürbar. Es gab Empörung, es gab junge Menschen, die das eine oder andere, mehr oder minder laut in Frage stellten. Es gab StudentInnen, die feststellten, das weite Bevölkerungsteile von partieller politischer Amnesie befallen waren, die ihnen ein Leben in selig unbehelligter Verantwortungslosigkeit ermöglichte. Zumindest lässt das der Film von Herbert Link, der im “Endlich 1968. Die 68er sind in die Jahre gekommen” vermuten.
Herbert Link lässt Menschen, die 1968 erwachsen waren, zu Wort kommen. Gibt ihnen Plattform über die Ereignisse und ihr Leben zu dieser Zeit und danach zu sprechen. Nicht alle Interviewten sind Österreicher, nicht alle waren zu dieser Zeit hier und nicht jeder konnte sich mit den rebellischen Zeitgeist junger Menschen im Aufbruch zu neuen geistigen Ufern identifizieren. Sie sind ZeitzeugInnen von Entwicklungen geworden, die auch die “Geschöpfe der Agonie” - wie Thomas Bernhard die Österreicher 1968 bezeichnete - erfasste.
Zu Wort kommen:
Bruno Aigner - Pressesprecher des Bundespräsidenten
Gertrude Fröhlich-Sandner - Vizebürgermeisterin i. R.
Dirk Jarré - Soziologe
Wolfgang Kos - Historiker und Museumsdirektor
Julia Logothetis - Bildende Künstlerin
Said Manafi, Filmemacher
Birgit Meinhard-Schiebel - Vorsitzende der Grünen Senioren Wien
Sigi Maron - Liedermacher
Joop Roeland - Priester
Andreas Unterberger - Chefredakteur
Werner Vogt - Arzt und Publizist
Emmy Werner - Theatermacherin

Vierzig Jahre schaffen Distanz. Manche Aktion wird heute als Abenteuer oder - gescheitertes - Experiment bewertet. Etliches wurde als spannendes Neuland entdeckt, an dem man andere teilhaben lassen wollte. Und es gab jene, die plötzlich mit offenen Augen hässliche Wirklichkeiten erblickten, die sie nie für Wahrheiten gehalten hätten und die es durch sie zu bekämpfen galt. Es kommen in dem Film die ewigen Rebellen genauso zu Wort wie jene, die sich erst nach und nach zu RebellInnen entwickelt haben und solche, die sich konformistisch etabliert haben oder nie einen Grund zum Aufbegehren wahrgenommen haben. Sieben Männer und vier Frauen sprechen sehr persönlich über 1968 und die Folgen.

Eine Dokumentation, die viel Anlass zur Diskussion bietet. Eine angeregte kritische Diskussion von der man nur hoffen kann, dass sie folgen wird; denn 1968 ist vorbei und wir haben stattdessen 1984 in einem untragbaren Ausmaß zugelassen. Junge Wilde werden in Zeiten wirtschaftlicher Katastrophen, totaler Überwachung und in Zeiten in dem sich Armut zum Frauenprivileg entwickelt, systematisch am Denken gehindert.
Brave new world!

© S. Strohschneider-Laue

Siehe und höre Mediathek: 1968 Zeitzeugen

Bertha Buch | Amazon(e)

Licht & Wärme

Freitag, 24. Oktober 2008
Non FictionEbensolch Rez-E-zine 44/08

Ingeborg Gaisbauer, Christine Ranseder, Sylvia Sakl-Oberthaler
Licht & Wärme
Beleuchtung und Heizung im Wandel der Zeit
Phoibos 2008, Wien Archäologisch Bd. 4, 86 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 85161 003 1

Licht und Wärme Licht & Wärme: Beleuchtung und Heizung im Wandel der Zeit

In Österreich ist diese von Christine Ranseder für die Bundeshauptstadt Wien attraktiv designte Archäologie-Reihe konkurrenzlos. Auch mit Band “Licht & Wärme” gelingt es wie schon bei Michaelerplatz, Wasser und Knochen populärwissenschaftliche Leichtigkeit mit archäologischem Anspruch zu verknüpfen. In gewohnter Ausstattung wird das Thema anhand von Texten, Kartierungen, Grabungsplänen, Rekonstruktionen und Fotos von Ausgrabungen sowie Objekten leicht fassbar gemacht und ein guter Überblick über charakteristische Funde aus Wien geboten.

Menschen versuchen seitdem der erste Funke übersprang die Nacht zum Tag und den Winter zum Sommer zu machen. Auch in Wien lassen sich die Wünsche nach Licht und Wärme nachweisen. Archäologische Funde und historische Schriftquellen belegen u. a. welche soziale Rolle Licht und Wärme über die Grundsicherung hinaus spielten.
Vier Epochen der Menschheitsgeschichte waren nötig, um vom offenen Lagerfeuer, das Wärme- und Lichtspender gleichermaßen war, eine Entwicklung bis zu modernen Lampen und Heizungen zu ermöglichen. So handelt auch dieser Band die Situation in Wien seit der Urgeschichte über Römerzeit und Mittelalter bis in die Neuzeit ab.
Anhand des ältesten Feuersteinbergbaus Österreichs, der in Mauer-Antonshöhe bei Wien nachgewiesen wurde, und Funden wie Backplatten oder Kienspänen wird der Wunsch nach Licht und Wärme in der Urgeschichte anschaulich belegt.
Ausgeklügelte Heizungs- und Dämmsysteme und die Beleuchtung mit Lampen sind typisch für die Römerzeit. Zusätzlich lassen sich die sozialen und kultischen Funktionen in Wien ab der Römerzeit ebenfalls gut nachweisen.
Innen- und Außenbeleuchtung gewinnen ab dem Mittelalter zunehmend an Bedeutung. Auch wenn das in der Publikation gegebene Beispiel für Lichtnischen in einer Mauer aus dem 12. Jahrhundert unglaubhaft scheint. Gluthauben und Kachelöfen sind hingegen gute Beispiele für Feuersicherung bzw. Wärmenutzung.
In dem exzellent aufbereiteten Neuzeit-Kapitel wird nicht nur Materialkunde betrieben, sondern auch der soziologische Aspekt berücksichtigt. Öllampen, Gaslicht und Elektrolampen führten auch zu massiven sozialen Veränderungen, die adelige Machtdemonstrationen ebenso betrafen wie großbürgerliches Ökonomiedenken im Zuge der Industrialisierung. Nicht nur Rom brannte - ganz ohne Neros Befehl - mehrfach. Die stete Brandgefahr war auch im mittelalterlichen und neuzeitlichen Wien allgegenwärtig. Der Brand des Ringtheaters 1881, ausgelöst von Gaslampen, liefert mit 400 Opfern dafür ein schauerliches Beispiel.
Kachelöfen und Sparherd runden die schöne Publikation ab, die sich noch zusätzlich durch einen umfangreichen Literaturteil auszeichnet.

© S. Strohschneider-Laue

Licht & Wärme: Beleuchtung und Heizung im Wandel der Zeit
Knochen lesen. Tierknochen als Zeugen der Vergangenheit
Michaelerplatz: Die archäologischen Ausgrabungen
Wasser in Wien. Von den Römern bis zur Neuzeit

Ebensolch | AmazonStore