Archiv für Februar 2009

Liebe zwischen den Seiten - Kleist

Donnerstag, 26. Februar 2009
NotizEbensolch Rez-E-zine 48/09

Kleist kam zu erst

Kleist der Hund © S. Strohschneider-Laue

Bücher sind Freunde, gehören zur Familie. In meine Familie kam in den späten 70ern des letzten Jahrhunderts folgendes in lindgrünes Leinen gebundenes Buch:

Heinrich von Kleist’s
sämtliche Werke
in zwei Bänden

Herausgegeben
von
Eduard Grisebach
Erster Band
Mit einem Bildnis Kleist’s
——————–
Leipzig
Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
(Das Vorwort des Herausgebers wurde  im Oktober1883 in St. Petersburg verfasst.)

Ich kaufte das Buch gemeinsam mit einer tollen, uralten Ausgabe von Schillers Werken in einem Berliner Antiquariat, irgendwo auf dem Weg zwischen Jugendherberge und Ku’damm. Von meinem Taschengeld investierte ich damals 5,00 D-Mark und fand sie besser angelegt als alles andere, das ich mir während der Klassenfahrt nach Berlin hätte gönnen können.

Tatsächlich enthält das Buch dem Titel gegenübergesetzt ein Bildnis “Kleist’s”. Des Literaten Kleist, der die Werke, die darin abgedruckt sind, verfasst hat. Aber der wahre Kleist dieses Buches ist er trotzdem nicht. Den wahren Kleist fand ich auf den letzten Seiten, was übrigens ein echter Beweis ist, dass ich alle 459 Seiten tatsächlich gelesen habe, weil der wahre Kleist nämlich dort feststeckte. Kleist hat alle diese Jahre in diesem Buch verbracht und ist nie herausgefallen. Kleist wartete geduldig bis ich ihn abholte und ihn vor mehr als 30 Jahren in die Familie aufnahm.

Kleist ist das Foto eines goldigen Hundes. Er sitzt auf einem Stuhl. An seiner linken Seite befindet sich ein Tisch und darauf eine Kaffeetasse. Im Hintergrund ist die Lehne einer hölzernen Sitzbank (?) zu sehen. An der Wand hängen eine Uhr (?) und ein mit Blumenranken und Spruch besticktes Tuch. Kleist ist aufmerksam. Seine Aufmerksamkeit gilt aber nicht dem Fotografen, der rechts vor ihm hockt. Kleist starrt nach oben, wo vermutlich ein Leckerli irgendwo außerhalb des Bildausschnittes auf ihn wartet. Kleist ist ein Spida bzw. Daspi, die lebendig gewordene Liebe zwischen einem Dackel und einem Spitz.

Kleist wurde geliebt. Er wurde gebürstet, war stolzer Träger einer Hundemarke und Kleist durfte auf die Möbel springen. Man hat also Geduld, Zeit, Geld (Halsband, Hundemarke und Fotografie beweisen das) und Zuneigung in ihn investiert. Und jetzt, nachdem Kleist schon lange verblichen ist, darf er noch immer auf dem Stuhl sitzen, sich auf das Leckerli freuen. Regelmäßig wird er von mir aus seiner Kleistausgabe an die frische Luft und jetzt sogar in seiner ganzen virtuellen Realität in das Web entlassen. Dann freut sich Kleist, weil ich keine Ahnung von ihm habe. Ich kann sein hohes Kläffen förmlich hören, ich kann sehen wie er wedelnd um mich herumspringt und dann ein ganz braves Männchen macht, um das Leckerli von mir zu bekommen.

Und ich frage mich, hat er Else gehört, die das Buch 1928 gewidmet bekam?

Unserer lieben Else,
zur freundlichen
Erinnerung.
Ernst u. Erna Hertzberg
Wilmersdorf im August 1928

Und ich frage mich, wer waren Else, Ernst und Erna?

© S. Strohschneider-Laue

Siehe auch

Michael Yerry/Terry Ramirez Jr.

Loving Memory

Kriegsbriefe

Die Fotos der Rosi Z.

Sammeln oder beten

Teeblätter | AmazonStore

Prinzip Monochrom

Sonntag, 22. Februar 2009
Non-FictionEbensolch Rez-E-zine 48/09

Monika Kopplin (Hg.)
Prinzip Monochrom
Lack und Keramik der Song- und Qing-Zeit
Hirmer 2008, Dt./Engl., 188 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 7774 7055 9

Prinzip Monochrom Prinzip Monochrom: Lack und Keramik der Song- und Qing-Zeit

Die in “Prinzip Monochrom” präsentierten Lack- und Keramikobjekte wirken so frisch, innovativ und modern als hätte sie ein trendiges Designstudio des 21. Jahrhunderts entworfen. Dass sie mehrere hundert Jahre alt sind und großteils aus archäologischen Ausgrabungen stammen, sieht man ihnen auf den ersten Blick nicht an. Doch sie wurden zum überwiegenden Teil in der Song-Zeit (960-1279 n. Chr.) von begnadeten chinesischen Handwerkern für die damalige gesellschaftliche Elite geschaffen. Die atemberaubend schönen Gefäße spiegeln den verfeinerten Geschmack der Song-zeitlichen Oberschicht, die sich lieber mit Kunst- und Kultur als mit der Kriegsführung beschäftigte. Die Song-Dynastie setzte in ihrer Außenpolitik auf Friedensverträge. Da durch Tributzahlungen weniger Gold und Silber im Umlauf waren, mussten neue Statussymbole gefunden, neue Werte definiert werden. Lack- und Keramikkunst eigneten sich - gemeinsam mit der Teezeremonie - hervorragend, um kultivierten Geschmack und Gelehrsamkeit zur Schau zu stellen.

Hochwertige, großformatige Fotografien rücken in “Prinzip Monochrom” die noch immer begehrenswerten Lack- und Keramikarbeiten ins rechte Licht. Beim Blättern in dem reich bebilderten Buch ist nicht zu übersehen, dass die Natur den Song-zeitlichen Handwerkern eine Quelle der Freude und Inspiration war. Blüten, denen auch eine symbolische Bedeutung beigemessen wurde, standen Pate für anmutige Teller, Schalen, Schalenständer und Dosen. Die Ausgewogenheit der schlichten Formen und die technische Perfektion der exquisiten Oberflächengestaltungen verleihen den Produkten eine außergewöhnliche Eleganz und Zeitlosigkeit. Jahrhunderte nach dem Untergang der Song-Dynastie kam es in der Qing-Zeit zu einem Wiederaufleben der Wertschätzung monochromer Lacke und Keramiken. Formen und Glasuren der Song-Zeit wurden nachgeahmt. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts beflügelten technische Neuerungen kreative Handwerker jedoch auch zu eigenständigen Schöpfungen im Geiste des Altertums, die an Schönheit den Song-zeitlichen Werken ebenbürtig sind.

“Prinzip Monochrom” - ein gemeinsames Buchprojekt von Museum für Lackkunst, Münster, und Fondation Baur, Genf - erfreut durch eine perfekte Balance von attraktivem Bildteil und exzellenten Texten. Die Bandbreite der angeschnittenen Themen ist groß:
Dieter Kuhn vermittelt in “Die gesellschaftlichen Hintergründe für die Blüte monochromer Lacke und Keramiken in der Song-Zeit” die Grundlagen zum Verständnis der Song-zeitlichen Kunst. Dabei spannt er den Bogen von der Vorstellung des politischen und gesellschaftlichen Gefüges über die Kunst und Kultur favorisierende Geisteshaltung bis zum Lebensstil und den ästhetischen Vorlieben der herrschenden Elite.
Patricia Frick stellt in “Leichte Formen, stille Farben - die Vollendung Song-zeitlicher Lackkunst” die Techniken, in der die monochromen - zum Teil mit Aufschriften und Goldverzierungen versehenen - Lackobjekte gefertigt wurden, vor und weist auf die enge Wechselwirkung mit der Keramik hin.
Monique Crick befasst sich in “Schlichtheit, Eleganz und technische Perfektion - die Keramik der Song-Zeit” eingehend mit der Keramikherstellung und der künstlerischen Vielfalt der Warenarten.
Patricia Frick zeigt in “Formenreichtum - die Entdeckung der Schönheit der Natur” wie sehr die Keramiken und Lacke der Song-Zeit von der Natur inspiriert sind und welche symbolische Bedeutung den Formen innewohnt.
Soon-Chim Jung erzählt in ” Bedeutung und Einfluss der Song-zeitlichen Teekultur” von der Zubereitung und dem Genuss des Tees, dem mit der Wahl der richtigen Teeschale verbundenen Vergnügen und der Rolle des Teetrinkens im gesellschaftlichen Leben.
Monika Kopplin schildert in “Kaiserliche Chrysanthemen - eine Gruppe monochrom roter Lacke und ihrer Porzellanimitationen aus der Ära Quianlong” das vom Kaiserhaus ausgehende Bestreben im 18. Jahrhundert die Formen und ästhetischen Ideale der Song-Zeit wieder aufleben zu lassen.
Monique Crick widmet sich in “Die Wiederbelebung der monochromen Glasur unter der Quing-Dynastie” der mit den ausklingenden 18. Jahrhundert endenden letzten Blüte der monochromen Keramik, wobei sie den technischen Aspekten besondere Beachtung schenkt.
Ein ausführliches Glossar und ein Literaturverzeichnis runden schließlich die umfassende Darstellung der monochromen Lack- und Keramikproduktion in der Song- und Qing-Zeit ab.

“Prinzip Monochrom” ist ein bedeutender Beitrag zur Erforschung der chinesischen Handwerkskunst und gleichzeitig von der ersten bis zur letzten Seite ein intellektueller und optischer Genuss.

© Ch. Ranseder

Prinzip Monochrom: Lack und Keramik der Song- und Qing-Zeit

siehe auch:
Im Zeichen des Drachen. Von der Schönheit chinesischer Lacke
Japanische Lacke, die Sammlung der Königin Marie-Antoinette
Japanische Lackkunst der Gegenwart. Funktion und Design, Tradition und Modernität am Beispiel Kyotoer Lackmeister (Ausstellungskatalog (zweisprachig) Deutsch / Englisch)
Russische Lackkunst aus zwei Jahrhunderten
Lacke des Barock und Rokoko. Baroque and Rococo Lacquers

Sichuan Restaurant Wien

Ebensolch | AmazonStore

Tagebuch eines Wombat

Sonntag, 22. Februar 2009
ab achtEbensolch Rez-E-zine 48/09

Jackie French, Bruce Whatley
Tagebuch eines Wombat
Gerstenberg 2009, Mini-Ausgabe 32 S., zahlr. Farbbb.
ISBN 978 3 8369 5240 8

Tagebuch eines Wombat Tagebuch eines Wombat. Mini-Ausgabe

Sie ist knubbelig, hat kleine Äuglein und ein zufriedenes Grinsen. Kein Wunder, die Wombatdame, die in “Tagebuch eines Wombats” eine Woche lang aus ihrem Leben berichtet, lässt es sich gut gehen. Die meiste Zeit verbringt sie schlafend. Wenn sie hungrig ist, fordert sie Karotten oder Haferflocken - und wehe, sie bekommt nicht, was sie will. Selbstbewusst und frech dressiert der schlaue Wombat ihre Menschen. Ähnliche Erziehungsmaßnahmen kenne ich eigentlich nur von Katzen. Die nagen zwar nichts an, beharren aber ebenso konsequent auf die Erfüllung ihrer Wünsche. Dazu sind die Menschen ja schließlich da - oder? Ganz ehrlich, säße diese Wombatdame in meinem Garten, hätte sie mich auch herumgekriegt ihr Karotten zu spendieren. Das dralle Tierchen ist einfach umwerfend niedlich.

Der australischen Autorin Jackie French ist mit “Tagebuch eines Wombats” ein bezauberndes Kinderbuch gelungen. Ihre jahrelange Erfahrung im Umgang mit Wombats ist dem flotten Text, der mit wenigen Worten die Persönlichkeit der Wombatdame vermittelt, anzumerken. Ebenso humorvoll wie die Geschichte sind die entzückenden Zeichnungen von Bruce Whatley. Sein possierlicher Wombat mit dem abgeklärten Blick muss man einfach ins Herz schließen.

© Ch. Ranseder

Tagebuch eines Wombat. Mini-Ausgabe

ab acht | Amazon (Wissen)Store