Archiv für April 2009

Ausstellung: Geografische Kostbarkeiten

Mittwoch, 29. April 2009
NotizEbensolch Rez-E-zine 50/09

Annäherung an die Ferne

Geografische Kostbarkeiten aus der Österreichischen Nationalbibliothek

ÖNB Prunksaal
24. April bis 8. November ‘09

Annäherungen an die Ferne: Geografische Kostbarkeiten aus der Österreichischen Nationalbibliothek

Weltkarte, Joan Blaeu, Nova Et Accuratissima Totius Terrarum Orbis Tabula …, Amsterdam 1662 © OeNB

Es ist doch immer wieder erstaunlich, was aus dem Bestand der Österreichischen Nationalbibliothek für kurze Zeit ans Licht gezaubert wird. Jenes Licht, das für die kostbaren Objekte auf Dauer so schädlich ist, dass sie dem staunenden Publikum nur selten präsentiert werden können, um ihre Brillanz auch für die nächsten Generationen zu erhalten.

Titelblatt mit Afrika-Karte Antonio Fracanzano da Montalboddo (Hrsg.), Mailand 1508 © OeNB Afrika, Asien und Amerika sind die Stationen der Ausstellung, die der Gliederung des berühmten 11-bändigen Atlas Major (1662) von Joan Blaeu folgt.

Tulpe La Grande Sultane, Nicolas Robert, [1650 - 1655]  (Ausschnitt) © OeNBUnd von frühen Berichten bis zum begehrten Sammelobjekten aus fernen Ländern reicht.

Asiatische Kostbarkeiten Frederick de Wit, Indiae Orientalis, Amsterdam um 1680 (Ausschnitt aus Indiae Orientalis) © OeNB Sie sind einzigartig. Sie sind selten oder nie zu sehen. Alles gute Gründe die Ausstellung zu besuchen. Aber der beste Grund ist, dass die Ausstellung exzellent kuratiert wurde. Es werden fantastische Geschichten über Sichtweisen und ihre Veränderungen offenbart. Es wird deutlich herausgearbeitet wie die Welt langsam immer größer wurde und wie das Unbekannte dieser Welt immer schneller weniger wurde.

Insel Makian Joannes Vingboons, In: Altlas Blaeu-Van der Hem, Band 40, Amsterdam um 1670 © OeNB Und nicht zuletzt wird deutlich, wie nahe sich Wissenschaft, Kunst, Sammelleidenschaft und Geheimhaltung kommen können. Nur kurze Zeit ist eine Seite aus dem 50-bändigen ”Atlas Blaeu-Van der Hem” zu sehen, der alles dies in sich vereint. Seit 2003 steht das Monumentalwerk einer Sammlerleidenschaft - die auch geheimes Material einschloss - auf der UNESCO-Liste Memory of the World als Weltdokumentenerbe.

Titelblatt David Fabricius, Korte Beschryvinge van West Indien, Hamburg 1612 © OeNB Geografie, Topografie, kulturelle, wirtschaftliche, politische und naturwissenschaftliche Betrachtungen wurden in Karten und Tagebüchern aufgezeichnet. Einige vermischten Fundiertes und Fiktion, andere hielten sich strikt an das Beobachtete.

Insel Gungong Api Amsterdam um 1670 (Ausschnitt aus der Karte der Banda Inseln) © OeNB Und auch funktionale Land- und Seekarten überschreiten oft die Grenze zur fiktionalen Kunst. Und genau das ist es, was das ausführliche Betrachten selbst für Laien so spannend macht. Jedes Objekt lädt zum intensiven Hinschauen ein. Unendliche Details können entdeckt werden. Details, die nicht nur Verzierung waren, sondern Bezüge zum damaligen Geschehen, den Auftraggebern und Benutzern herstellen.

Karte der Banda Inseln Amsterdam um 167 (Ausschnitt aus der Karte der Banda Inseln) © OeNB Schiffe, die beflaggt und unter vollen Segeln Kanonen abfeuern.

Afrika Willem Janszoon Blaeu, Africae nova descriptio, Amsterdam 1617 (Ausschnitt) © OeNB Schiffe, die mit vollen Segeln Fahrt aufnehmen.

Afrika Willem Janszoon Blaeu, Africae nova descriptio, Amsterdam 1617 (Ausschnitt) © OeNB Seeungeheuer, die den Längengrad durchschwimmen.

Kanada Novae Franciae Accurata Delineatio, Francesco Giuseppe Bressani, Paris 1657 © OeNB Einheimische in ihren Booten , die sich auf die offene See wagen.

Sergipe (Brasilien) Georg Marggraf In: Joan Blaeu, Atlas Maior, Amsterdam 1662 (Ausschnitt) © OeNB Tiere, die faszinierten oder als landestypisch angesehen wurden.

Pirat in der Karibik Alexandre Olivier Exquemelin, Histoire Des Avanturiers, Paris 1686 © OeNB Natürlich auch die unvermeidlichen Piraten, die bis heute ein Problem der Seefahrt sind, in zeitgenössischen Bildern.

Männer aus Cochin India Maior, Hand Burgkmaier d. Ä., Oppenheim 1509 (Ausschnitt) © OeNB Und besonders spannend sind Berichte und Bilder über ferne Kulturen und fremde Völker. Erstaunlich ist, dass zunächst noch wertfrei abgebildet wird. Weniger überraschend wie schnell sich der Wandel vollzieht und Verachtung, Sklaverei und Völkermord dominieren.

Unglaublich faszinierend, eindrucksvoll und ewig schade, wenn man den Besuch verpasst.

© S. Strohschneider-Laue

Annäherungen an die Ferne: Geografische Kostbarkeiten aus der Österreichischen Nationalbibliothek

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Wiener Wirtshauskochbuch

Dienstag, 28. April 2009
Non-FictionEbensolch Rez-E-zine 50/09

Christian Hauenstein, Klaus Kamolz, Ingo Pertramer
Wiener Wirtshaus Kochbuch
Metroverlag 2009, 160 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 9025 1782 1

Wiener Wirtshaus Kochbuch Wiener Wirtshauskochbuch

Ein Wiener, ein Kärntner und Salzburger gehen in Wien zum Wirten… Und herauskommt kein Witz, sondern ein Buchschmankerl! Stammtisch, Menutafel und Speisen in feinsten Nahaufnahmen, Storys zum Einlesen und Rezepte zum Nachschmecken. Ein geniales viergängiges Menu plus Lesevergnügen nach Wiener Art für daheim - wo immer das auch sein mag.

Noch bevor ganz wienerisch aufgekocht wird, gibt es einen guten historischen Überblick zum Wiener Wirtshaus. Und vieles ist bis heute gleich geblieben, vor allem wenn es um die Wandlungsfähigkeit geht. Oder die Tatsache, dass im 19. Jahrhundert in 83 von 155 Neulerchenfelder-Häusern ein Ausschank zu finden war. Viel Unterschied ist das meines Erachtens nicht, wenn man bedenkt, dass heute rund 800 Wirtshäuser in Wien um Gäste buhlen. Und trotz der Veränderungen in den Lebensgewohnheiten und der wachsenden Vielfalt internationaler Restaurants, ist das Wiener Wirtshaus mit seiner Speisekarte und Ausstattung sich selbst und damit die Kundschaft ihm treu geblieben.

Holzverkleidung an den Wänden, Schiffboden, Holztische mit Menagerie (Zahnstocher, Salz, Pfeffer und Maggiflasche), Extrazimmer mit Tischdecken und die Budel (Tresen) mit Vitrine in der sich Pez, Mannerschnitten und Bensdorp Schokoladeriegel stapeln, sind nicht nur Erinnerungen an vergangene Kindheitstage. Erinnerungen, die geprägt sind von fetten Suppen, riesigen Fleischportionen - bei denen knackiges Gemüse Nebensache aber gut Verkochtes mit Einbrenn Hauptsache war - und dem süßen Salat, der die Vitamine beisteuerte. Und unvergessen sind die Süßspeisen, die das von mir ungeliebte Beuschl perfekt ersetzten. Auch wenn sich die Portionen in Größe und Fettanteil an den heutigen Kundenwunsch angepasst haben, sind die Optik und die Angebote doch die alten geblieben und sie erfreuen sich einer erstaunlichen Renaissance in der jungen Wiener Szene.

150 Rezepte zum problemlosen Nachkochen typischer Suppen, Vorspeisen, Hauptspeisen und den unverzichtbaren Nachspeisen enthält die Sammlung. Alle wohl gegliedert und in typisch österreichischem Sprachgebrauch (Erdäpfel, Paradeiser, Semmelbrösel, Schwammerl) vorgestellt. Wientouristen schon deshalb dringend zu empfehlen; denn internationale Stadtkultur unterscheidet sich inzwischen fast nur noch durch Essen und Sprachgebrauch von den allweltlichen touristischen Beliebigkeiten. Aber keine Sorge, das Glossar hilft weiter, wo das Wörterbuch Deutsch-Österreichisch versagt. Und was haben die Einheimischen - gemeint sind alle ÖsterreicherInnen und nicht nur die WienerInnen - davon? Ganz ehrlich, wer weiß noch, wie man Kalbsbries, Fiakergulasch, Linsen mit Knödel, Polsterzipfe oder gefüllte Dalken zubereitet? Schließlich geht man für den Genuss dieser Speisen ins Wirtshaus. Nein nicht nur, man hat das Buch zum Nachschlagen im Kochbuchregal stehen, fährt mit dem Finger die Zeilen im Register hinunter und überrascht seine Gäste mit einem unüblichen Essen, das nicht wie üblichen aus dem Wok oder vom Raclettegrill stammt.

Erfrischend zeitgeistig und unverschnörkelt präsentieren sich Buch und Inhalt. Zum übersichtlich gegliederten und großzügigen Layout gesellen sich die etwas anderen Porträts von Ingo Pertramer. Er hat mit seinen Fotos auf das Wirtshausdetail geschaut. Es gibt zwar zur Kapiteleinleitung auch das eine oder andere Supperl, Fleischstück oder Knöderl zu sehen, aber eigentlich steht das Ambiente mit seiner unverkennbaren Ausprägungen im Mittelpunkt. Es geht nicht um plastifizierte Food-Fotografie essensähnlicher Pappendeckel, sondern um das Brotkörberl, die Kleiderhaken, die Emailschilder und die handbeschriebene Menuetafel.

Köstlich, ich habe mich schon lange nicht mehr an einem Kochbuch mit einem solchen Appetit voll-gelesen, genuss-gesehen und satt-gegessen. Ich werde wohl meinem kochenden Freundeskreis und meine deutsche Verwandtschaft mit einem Karton Wiener Wirtshauskochbücher beglücken. Bei diesem günstigen Buchpreis bleibt mir sogar noch genug übrig, um mir ein Seiderl, Erdäpfelgulasch und Palatschinken servieren zu lassen.

Mahlzeit!

© S. Strohschneider-Laue

Wiener Wirtshauskochbuch

Gastmahl | Ama/Koch/zon/e
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Max Ernst

Samstag, 25. April 2009
ab achtEbensolch Rez-E-zine 50/09

Mario Giordano
Max Ernst für Kinder
Dumont 2009, 52 S., reich illustriert
ISBN 978 3 8321 9172 6

Max Ernst für Kinder Max

Die bunte Welt des Dadaisten und Surrealisten Max Ernst (1891-1976) macht Kinder neugierig auf Kunst. Sie werden sich an den Bildern nicht satt sehen können und ständig Neues entdecken. Und sie werden viele Techniken selber ausprobieren.

Anhand ausgewählter Werke werden nicht nur die Sichtweisen von Max Ernst anschaulich gemacht. Die Lebensstationen des vielfältigen Künstlers werden von Mario Giodano in leichter Sprache und vor allem über dessen Werke vorgestellt. Die Arbeitsweise von Max Ernst als Maler, Zeichner und Bildhauer wird durch die gelungene Bildwahl für das junge Publikum leicht fassbar. In den bunten Bilderreigen gesellen sich zahlreiche Fotos, die Max Ernst im Laufe seines Lebens mit vielen seiner WegbegleiterInnen zeigen.

Kreativität benötigt Interesse, offene Augen und die Fähigkeit - mit offenen und mit geschlossenen Augen - zu träumen. Schön wie Giordano den Kindern fast nebenbei vermittelt, dass Max Ernst zugleich mit offenen Augen sah und träumte, aber zugleich auch ebenso kritisch wie verspielt war. Eigenschaften, die alle Kindern kennen und viele von ihnen leider auf dem Weg ins Erwachsenenalter verlieren. Die überschäumende Lebenslust und die Freude am künstlerischen Experiment kennzeichnen das abwechslungsreiche Werk von Max Ernst zu denen auch Collagen und Frottagen zählen. Also auch Techniken, die Kindern gerne anwenden. Und das Motto, “erfinden, entdecken, enthüllen”, werden Kinder ebenso gerne aufgreifen.

Der lockere Erzählton wird, obwohl fast unmerklich mit vielen Informationen gespickt, auch jüngere Kinder fesseln. Die unvermeidlichen Fachbegriffe sind mit einem blauen Pfeil gekennzeichnet und können im Glossar nachgeschlagen werden. Bildnachweise, wichtige Bücher und interessante Weblinks runden das Buch ab.

Gelungen: Ein wunderbuntes Max-Buch und Traum-Ernst ist es auch!

© S. Strohschneider-Laue

Max

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