Archiv für Juli 2009

Shells Muscheln Coquillages

Donnerstag, 23. Juli 2009

Non-Fiction

Antoine-Joseph Dezallier d´Argenville 
Shells - Muscheln - Coquillages 
Taschen 2009, Dt./En./Fr., 216 S. zahl. Farbabb.  
ISBN 978 3 8365 1111 7

Dezallier d'Argenville - Muscheln Dezallier d’Argenville - Muschelkunde

Seit sich der Mensch Lebensraum am Wasser zu eigen machte, werden Muscheln und Schnecken gegessen, zu Werkzeug und Schmuck verarbeitet oder gegen andere Dinge eingetauscht. Zu Objekten der Begierde im großen Stil wurden sie in Europa jedoch erst nach der Entdeckung Amerikas. Das Interesse galt natürlich nicht den einheimischen Schalentieren sondern den Exoten aus Übersee, mit denen ab dem 16. Jahrhundert Herrscher und Gelehrte ihre Wunderkammern und Kuriositätenkabinette ausstatteten.

Es waren jedoch nicht Portugal oder Spanien, sondern die zur Kolonialmacht mit stattlicher Handelsflotte aufsteigenden Niederlande, die sich zur Drehscheibe des Handels mit Muscheln und Schnecken entwickelten und zu Beginn des 17. Jahrhunderts den Markt für die dekorativen Gehäuse erst so richtig anheizten. Für einen kurzen Augenblick in der europäischen Geschichte waren prächtige Muscheln und Schnecken aus fernen Ländern fast ebenso begehrt und kostbar wie Tulpen. Die Zahl der europäischen Muschelsammlungen wuchs stetig. Mit der Zeit trat neben die Sammelleidenschaft die Lust am Ordnen und systematischen Erfassen, begleitet von dem Bedürfnis die mühsam errungenen Forschungsergebnisse zu veröffentlichen. Und hier kommt der Franzose Antoine-Joseph Dezallier d´Argenville (1680-1765), selbst stolzer Besitzer einer Muschelsammlung, ins Spiel.

Heute sind nicht mehr die Gehäuse von Muscheln und Schnecken die Kostbarkeiten, sondern die historischen Publikationen über sie. Antoine-Joseph Dezallier d´Argenvilles La Conchyliologie, ou Histoire naturelle des coquilles de mer, d´eau douce, terrestres et fossiles ist ein solches Kleinod. Dank des TASCHEN Verlages kann nun der Tafelteil dieser dritten, 1780 erschienenen, Auflage des Muschelbuches, in einer der seltenen kolorierten Versionen, unter dem Titel “Shells - Muscheln - Coquillages” in jeder guten Buchhandlung erworben werden. Und es ist eine Anschaffung, die sich lohnt. Auf 80 großformatigen Tafeln sind berückend schöne, schlicht geformte oder bizarre Muscheln und Schnecken der Weltmeere ebenso zu bewundern wie Kopffüßer, Weichtiere, Seeigel und Krebstiere. Doch nicht nur die Schätze der Meere wurden in detaillierten Radierungen festgehalten. Auch Süßwasserschnecken und -muscheln sowie Landschnecken sind in Hülle und Fülle zu finden. Der neu gewählte Titel “Shells - Muscheln - Coquillages” greift also ein wenig zu kurz, den BetrachterInnen wird viel mehr geboten als die karge, wenngleich dreisprachig leichter am Cover unterzubringende, Wortwahl vermuten lässt. Unter anderem halten glückliche BesitzerInnen des prachtvollen Buches ein Stück Wissenschaftsgeschichte in den Händen.

Der Privatgelehrte Dezallier d´Argenville, studierter Rechtswissenschaftler und durch Ämterkauf schlau die Karriere vorantreibender hoher Beamter, schrieb seine Arbeit über die Muscheln und Schnecken nicht als Hobby. Es lag ihm daran, die Wissenschaft voranzutreiben und dafür schreckte er auch vor dem Sezieren eines Schalentieres nicht zurück. Mit seinem Gartenbuch La Théorie et la Pratique de Jardinage war ihm schon einmal ein Bestseller gelungen. 1742 kam L´Histoire naturelle éclaircie dans deux de ses parties principales, la lithologie et la conchyliologie heraus, in der - nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten gegliedert - auf 32 Tafeln Muscheln und Schnecken präsentiert wurden. Die erste in Frankreich erschienene Muschelkunde war sofort ein Erfolg. Sie wurde sogar von Carl von Linné als Arbeitsunterlage für seinen Überblick über alle damals bekannten Tierarten, die Systema naturae (1758), herangezogen. Statt sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen arbeitete Dezallier d´Argenville weiter an seinem Buch und legte schließlich 1757 die zweite, erweiterte Auflage vor. Die dritte Auflage erlebte er nicht mehr. An seine Stelle traten die Zeichner Jacques de Favanne de Montcervelle und sein Sohn Guillaume. Sie brachten den Text des Buches auf den neuesten Stand, fügten ein Porträt von Dezallier d´Argenville sowie ein zweites Titelblatt hinzu und erweiterten den Tafelteil auf 80 Radierungen. Wer farbige Abbildungen der dekorativ angeordneten Schalentiere sein Eigen nennen wollte, musste die Tafeln von Hand kolorieren lassen. Das geschah selten und nicht nach ein und demselben Vorbild - sehr zur Freude der Antiquare, denn die Qualität der Ausführung bestimmte von diesem Zeitpunkt an den Preis der Tafelbände. Es versteht sich von selbst, dass der TASCHEN Verlag für “Shells - Muscheln - Coquillages” auf ein besonders schönes Exemplar zurückgreift.

Doch das opulente Buch mit dem verführerischen Cover ergötzt nicht nur das Auge. Es stillt durch die Hinzufügung von Essays und der Bestimmung der auf den Tafeln abgebildeten Arten durch Rainer und Sophia Willmann auch den Wissensdurst. So befasst sich Veronica Carpita in “Eine Passion für Muscheln. Dezallier d´Argenvilles Conchyliologie im Spannungsfeld von Naturwissenschaft und Kunst” mit der Entstehungsgeschichte von Dezallier d´Argenvilles Buchprojekt, den Anfängen der Erforschung der Schalentiere und den Spuren, die Muscheln als Symbol und dekoratives Motiv in der Kunst hinterlassen haben.

Rainer Willmann widmet sich den naturwissenschaftlichen Aspekten. Er legt in “Die wissenschaftliche Bedeutung des Conchylien-Werkes von Dezallier d´Argenville” und “Die Benennung der Arten bei Dezallier d´Argenville und Carl von Linné” den Nachhall der Muschelkunde des Franzosen in der Welt der Wissenschaft dar und erklärt wie die auf den Tafeln festgehaltenen Kreaturen zu ihren heutigen Namen kamen.

“Shells - Muscheln - Coquillages” wird Liebhaber der dekorativen Schalentiere und naturwissenschaftlicher Bücher entzücken. Stillen kann das attraktive Buch die Sehnsucht nach Strandspaziergängen und Muschelsammeln nicht, aber es hilft sie zu lindern.

© Ch. Ranseder

Dezallier d’Argenville - Muschelkunde

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WunderWeltWald

Montag, 20. Juli 2009

Notiz

WunderWeltWald
BöhmerWALDArena
ab 18. Juli 2009

BöhmerWaldArena © Sistlau '09

Die BöhmerWaldArena steht auf der österreichischen Seite des Dreiländerecks mit Deutschland und Tschechien. In der zwischen Tradition und Moderne positionierten Architektur wird seit 18. Juli 2009 die komplett barrierefrei eingerichtete Ausstellung “WunderWeltWald” gezeigt.

Orientierungspult Tastplan, Audiodeskription © Sistlau '09
Tatsächlich ist die Ausstellung über 400 Millionen Jahre Waldgeschichte mit Schwerpunkt Böhmerwald etwas Besonderes. Sie ist nämlich mehr als nur rollstuhlgerecht. Es wird den BesucherInnen gute Mobilität gewährleistet und zusätzlich alle Sinne angesprochen. Optische Eindrücke erwartet man als BesucherIn, aber das ist für sehbeeinträchtigte und blinde Menschen sowie Personen mit eingeschränktem oder fehlendem Hörvermögen zu wenig.

Tastschiene: Felle, Tierspuren, Bodenqualitäten © Sistlau '09 Waldelement Luft, Geruch des Waldes ©  Sistlau '09 
Die Ausstellung bietet eindeutig mehr als der Titel “WunderWeltWald” verspricht. BesucherInnen werden über den Wald informiert und gleichzeitig für die Bedürfnisse anderer BesucherInnen sensibilisiert; denn diese Ausstellung kann man mit allen Sinnen sehen, hören, riechen und tasten.

Bereichstafel Waldstockwerke Text, Audio, Video © Sistlau '09 
Wie differenziert Bedürfnisse sein können, wird deutlich, wenn man Audiodeskriptionen - gesprochene Informationen inklusive Informationen zur Orientierung im Raum - hört oder auf kleinen Monitoren Zuspielungen in Gebärdensprache sieht. Ganz abgesehen davon, dass die Audiodeskriptionen für alle BesucherInnen von Vorteil sind, die lieber zuhören als lesen möchten.

Touchwall © Sistlau '09 
Von Informationen werden BesucherInnen in Ausstellungen oft überflutet. Hier wird sie bedarfsorientiert angeboten. Bei individuell per Knopfdruck abgerufenen Informationen sind BesucherInnen empfänglicher für das “etwas mehr”. Interaktive Stationen sorgen darüber hinaus für abwechslungsreiche Erlebnisse.

Waldstimmung mit Monitoren und Interviews © Sistlau '09 Waldelemente und Klimakurve © Sistlau '09 
Der Böhmerwald, das Original, befindet sich unmittelbar vor der Tür, die abstrahierte Form in der Ausstellung. Die moderne Inszenierung lädt zum Mitdenken ein. Sie bietet zugleich einen zeitgemäßen Kontrast zur traditionsreichen Waldwirtschaft. Auftakt macht ein Säulenwald mit Monitoren. hier werden sowohl Waldbewohner (Fuchs, Kauz, etc.) gezeigt als auch Waldnutzer (Förster, Pilzsucher etc.) mit Interviews vorgestellt. Das Keimen des Samen bis Heranwachsen eines jungen Baumes ist in neun Vitrinen verfolgbar. Gleich daneben zeigt ein 3D-Kino wie ein Baum fällt/fehlt. Vitrinen zu den Waldelementen zeigen die Bedeutung von Licht, Luft, Wasser und Boden im Wald.

Fauna und Flora des Waldes © Sistlau '09 Begehbarer Baumstamm © Sistlau '09
Zwei großzügige Raumelemente zeigen auf ihren Außenseiten die Klimakurve und die Bedeutung der Forstwirtschaft. Im Inneren umschließen sie die Themenbereiche Fauna und Flora. Bäume sind Wunderwerke der Natur. Wurzel, Stamm und Blatt eines Baumes haben differenzierte Funktionen. Drei begehbare Elemente verdeutlichen diese Aufgaben.

Waldbibliothek © Sistlau '09 Eichhörnchen © Sistlau '09
Besucher dürfen die Exponate zum Teil auch anfassen. Die empfindliche “Waldbibliothek” - ein in Buchform angelegtes Baumherbarium - ist durch eine Vitrine geschützt, aber Eichhörnchen, Fuchs und Hirsch laden zum Streicheln ein. Ein eigens entwickelter Fällsimulator erlaubt es BesucherInnen gefahrlos mit einer Motorsäge zu hantieren und sich im Holzschneiden zu üben.

Waldformen © Sistlau '09 Der Wald ist mehr als die Summe der Bäume © Sistlau '09 
Egal ob Plantagen, Urwälder oder naturnahe Waldwirtschaft, der Wald ist definitiv mehr als nur die Summe seiner Bäume. Ein tolles Ausstellungserlebnis für ALLE Menschen (Universelles Design von prenn_punkt), dem nur noch gute Begleitpublikationen fehlen.

© S. Strohschneider-Laue

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Luftbildatlas: Oberer Mittelrhein

Montag, 20. Juli 2009

Non-Fiction

Philipp Meuser, Ansgar Oswald (Hgg.)
Luftbildatlas Weltkulturerbe Oberer Mittelrhein

DOM publishers 2009, 152 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 9386 6673 9

Luftbildatlas Oberer Mittelrhein  Luftbildatlas Weltkulturerbe Oberer Mittelrhein (inkl. CD-ROM)

Zwischen Bingen und Koblenz zwängt sich der Rhein durch das Rheinische Schiefergebirge. Es ist eine enge und schroffe Landschaft, die eine wechselvolle Geschichte hinter sich hat. In römischer Zeit war der Rhein Grenzgebiet. Im Laufe des Mittelalters und am Beginn der Neuzeit entwickelte sich der obere Mittelrhein zur wirtschaftlichen und kulturellen Lebensader, die unter wechselnden politischen Einflüssen stand.  Insbesondere der 30jährige Krieg, der Pfälzische Erbfolgekrieg und die französischen Besetzung ab 1792 der linksrheinischen Seite hinterließen dauerhafte Spuren. Zahlreiche Festungsbauten bzw. ihre Ruinen legen für die wechselvolle Geschichte und das Bestreben überall und jederzeit - auch um den Preis des Kirchenbanns -  Zoll, Maut und Steuern zu fordern Zeugnis ab. Die zerstörerischen Kräfte der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts verschonten das Rheintal hingegen weitgehend. Daran konnten auch die anwachsende Rheinschifffahrt und der Ausbau des Eisenbahnnetzes nichts ändern. Die ungünstigen topografischen Bedingungen waren für Neugründungen und Ausbau abträglich. Dafür entdeckten die Künstler ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert das vom Weinbau und Ruinen geprägte Rheintal für sich. Sie verewigten den unwegsamen Naturraum und die Vergangenheit in ihren Werken. Die politische Bedeutung behält die Region aber stets bei, wie auch der Wiederaufbau der Burgen beweist. Vor allem König Friedrich Wilhelm IV. (1795-1861) investierte in Restaurierungen und moderne Festungsarchitektur. Und wo der Adel sich hervortat, drängten sich aufstiegswillige Bürger mit vergleichbaren Tätigkeiten hinzu. Dieser herrschaftlichen Aktivitäten und Ansiedlungen waren Anlass für den beginnenden Tourismus. In den Gründerjahren nach 1871 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs begaben sich die Gutsituierten auf die Suche nach der Rheinromantik. Bis heute ist diese Landschaft Anziehungspunkt für Touristen und aufgrund seiner historischen Bedeutung wird die Forschung mit der Aufarbeitung noch lange beschäftigt sein. Die Kulturlandschaft des Oberen Mittelrheintals wurde 2002 in das UNESCO-Welterbe aufgenommen.

Die Burgen und Ruinen drängen sich in dieser Natur- und Kulturlandschaft zwischen Bingen und Koblenz regelrecht aneinander. Mit Steckbriefen von Ansgar Oswald, Grundrissen und in außergewöhnlichen, seitenfüllenden Luftbildern von Philipp Meuser werden 28 Burgen vorgestellt. Von Burg Klopp bis Burg Kobern führt die Reise. Die zum Buch gehörige CD bietet - honorarfrei für den privaten Gebrauch - das Bildmaterial zusätzlich hochaufgelöst als JPEG (RGB).

Touristen und Burgenromantiker werden an dieser Publikation naturgemäß Freude haben. Wissenschaftler werden an dem raschen Überblick Gefallen finden. Dringend ans Herz gelegt werden muss der “Luftbildatlas Weltkulturerbe Oberer Mittelrhein” KunsthistorikerInnen. Zuletzt zeigte die Ausstellung “Rembrandt und seine Zeit” (Albertina, Wien) anhand der Bauwerken - u a. Pfalzgrafenstein - leicht identifizierbare Rheinlandschaften, die unerkannt als Fantasielandschaften angesprochen wurden. Hier kann die attraktive Publikation spielend peinliche Wissenslücken schließen.

Ein Pflichtbuch und es gibt - bis jetzt - noch zwei weitere Luftbildatlanten aus dieser Reihe.

Luftbildatlas Weltkulturerbe Oberer Mittelrhein (inkl. CD-ROM)
Luftbildatlas Entlang der Berliner Mauer: 1961 bis heute (inkl. CD-ROM)
Luftbildatlas Berliner Innenstadt (inkl. CD-ROM)

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Rowena Dring

Montag, 20. Juli 2009

Non-Fiction

Oliver Zybok (Hg.)
Rowena Dring Falls the Shadow
Kerber 2009, 79 S., zahlr. farb. Abb. 
ISBN 978 3 86678 222 8

Falls the Shadow Rowena Dring: Falls the Shadow

Rowena Drings Arbeiten wirken auf den ersten Blick wie mit einem Zeichenprogramm am Computer erstellte Vektorgrafiken. Dass die Bilder aus winzigen Stoffteilen genäht sind, entginge den Leserinnen und Lesern von “Rowena Dring - Falls the Shadow”, wären nicht zu Beginn und am Ende des Buches je eine Detailaufnahme abgebildet. Das Erlebnis der Textur der unkonventionellen Werke bleibt den Ausstellungsbesuchern und glücklichen Besitzern von Originalen vorbehalten. Alle anderen seien getröstet: Schon zwischen zwei Buchdeckel gepresst, bezaubern die Darstellungen von geheimnisvollen Landschaften und menschenleeren Orten.

Rowena Dring spielt mit Dekonstruktion und Konstruktion, Nah- und Fernsicht. Ihre Motive findet sie auf Reisen und hält sie mit der Kamera fest. Am Computer werden die Fotos so lange bearbeitet, bis der gewünschte Grad an Abstraktion für das Nähmuster erreicht ist. Was übrig bleibt, ist die Essenz einer Landschaft, eine Konzentration des genius loci. Trotz dieser scheinbaren Vereinfachung bleibt die Komplexität des Motivs ebenso gewahrt wie die Tiefenwirkung des Bildaufbaus. Die grafische Dekonstruktion beraubt die Natur nicht um ihre räumliche Dimension, löst ihr Abbild nicht in der Fläche auf, wie es oft bei Jugendstil-Grafiken der Fall ist. In Nahsicht zerfallen die aus monochromen Stoffapplikationen mit der Nähmaschine konstruierten Bildkompositionen in Farbflecke, deren Zusammenspiel an Tarnmuster denken lässt. In der Fernsicht entfalten sie, zwei im Buch abgebildete Ausstellungsansichten liefern den Beweis, einen erstaunlichen Realismus - nicht zuletzt durch das dramatische Spiel von Licht und stark akzentuierten Schatten.

Die großformatigen Landschaften fordern die Mitarbeit der BetrachterInnen. Auslassungen regen dazu an, Laub und Zweige optisch zu ergänzen. In manchen Arbeiten verselbstständigen sich auch die Randlinien der Applikationen, um die Umrisse von schroffen Küsten und Hügeln anzudeuten. In der Auseinandersetzung mit Rowena Drings Bildern wird der Akt des Sehens bewusst. Sie sind eine innovative Einladung zur Interaktion, zur Suche nach dem perfekten Betrachtungsstandpunkt. Ist dieser einmal gefunden lässt es sich, kalmiert von der subtilen Farbpalette aus Grün-, Braun-, Blau- und Violett-Tönen, gut träumen. Eine ganz eigene, fast melancholische Magie geht von den Bildern aus. Es ist, als würde der porträtierte Landschaftsausschnitt den Atem anhalten und einen Moment lang in absoluter Ruhe verharren. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um die grandiose karge Schönheit und Weite der Landschaft des europäischen Nordwestens, Waldstücke mit Bachläufen oder die komplexen, üppigen Laubstrukturen der Oase von Mara, USA, handelt. Vielleicht wirken die Naturszenen so entspannend, weil sie ohne Staffagefiguren auskommen. Der Mensch hat den Ausschnitt der Realität, auf den sich Rowena Dring konzentriert, verlassen. Seine Präsenz wird nur gelegentlich durch Versatzstücke der Zivilisation, wie Hochspannungsleitungen, Häuser, Gartenornamente oder Straßen mit und ohne Fahrzeuge angedeutet. Ein anderer, schon in der Romantik beliebter Kunstgriff, ist der aus dem Fenster in die Ferne schweifende Blick - in Drings Fall natürlich ungestört von der Rückenansicht einer menschlichen Gestalt.

Rowena Dring fängt den Zauber des Augenblicks ein. In ihren Fotografien der Geisterstadt Ruby, Arizona, die ebenfalls in dem reich bebilderten Buch vorgestellt werden, treibt sie das Spiel mit der Wahrnehmung von Zeit auf die Spitze. Die im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts entstandenen, vermeintlich historischen Aufnahmen der wüst fallenden Stadt wurden mittels High-Tech-Equippment auf alt getrimmt. Optisch an die Pioniere der amerikanischen Fotografie anknüpfend, führt Rowena Dring mit diesen Arbeiten eine Tradition fort, während sie diese mit ihren originellen cross-medialen Bildern aus Stoff hinter sich lässt und etwas völlig Neues erschafft.

© Ch. Ranseder

Rowena Dring: Falls the Shadow

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Bedroht - Ausgerottet

Freitag, 17. Juli 2009

Non-Fiction

Richard Mackay
Atlas der bedrohten Arten
Haupt 2009, 128 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 258 07454 2

Atlas der bedrohten Arten  Atlas der bedrohten Arten

Der Schrecken der Ausrottung in fantastischen Bildern, anschaulichen Karten und Statistiken. Spannend wie ein Roman und furchterregend wie die Abendnachrichten. Ein ultimativ tödliches Thema: Aussterben. Das informative Handbuch zeigt auf, dass Aussterben über Tiger, Panda & Co. hinaus uns alle betrifft. Richard Mackay legt hiermit ein pointiertes und trotzdem ausführliches Buch über die evolutive Bedeutung und den menschenverursachten Rückgang der Biodiversität vor. Der Autor ist Spezialist für ökologische Fragen und versiert im Darstellen komplizierter Sachverhalte. Die grundlegende Publikation ist in England bereits in der dritten überarbeiteten Auflage erschienen und liegt jetzt endlich auch in deutscher Ausgabe vor.

Aussterben ist ein natürlicher Prozess der jedem Lebewesen droht und zugleich Evolution bedeuten kann. Aussterben ohne Evolution beendet meist mehr als “nur” eine Art. Aussterben leitet im schlimmsten Fall den Zusammenbruch einer Nahrungskette und in weiterer Folge auch den Niedergang des gesamten Ökosystems ein. Kommt es zum Massenaussterben hat es fatale Folgen. Bekanntestes Massenaussterben ist das der Dinosaurier am Übergang Kreide/Tertiär. Das Aussterben ist kennzeichnendes Element für Epochen des Erdzeitalters. Auch in der Menschheitsentwicklung kam es öfters zum Aussterben von Vorgängern und koexistierenden Hominiden, was die Entwicklung prägte. Die sich immer schneller drehende Spirale des menschlichen  ”Fortschritts” rotiert in (selbst)zerstörerische Höhen unter dem ganze Ökosysteme zu leiden haben. Nie zuvor hatte eine einzige Spezies so einen globalen Impakt. Die heutige Aussterberate liegt bei einem Prozent aller Arten pro Jahr, das lässt die Aussterbrate über das 1000fache des natürlichen Prozesses ansteigen.

Sechs Kapitel behandeln “Aussterben ist endgültig”, “Ökosysteme, “Verletzliche Regionen”, “Bedrohte Tiere und Pflanzen”, “Bedrohte Vögel”, “Natur-, Tier und Pflanzenschutz”. Das letzte Kapitel bietet übersichtliche Tabellen, Quellen und Register.

Der von Ökosystemen und bedrohten Regionen der Kontinente bis zu einzelnen Gruppen von Lebewesen gespannte Bogen, wird von erstklassigen Fotos und Grafiken optisch unterstrichen. Veranschaulicht werden die Themenbereiche mit Karten. Auf ihnen können die Aussterbefaktoren mit Hilfe passend gewählter Symbole abgelesen werden. Die vorbildliche Gestaltung trägt wesentlich zur Verständlichkeit der komplexen Inhalte bei. Die fotografische Auswahl ist beeindruckend. Bedrohte und Opfer werden zu Sympathieträgern für die LeserInnen. Sie unterstreichen stets die vom Autor angesprochenen Schutzmaßnahmen zum Erhalt der Artenvielfalt. Im letzten Kapitel findet sich eine nach Ländern und innerhalb dieser alphabetisch Liste der bedrohten Arten. Erschreckend und mit Folgen für die gesamte Menschheit!

Der “Atlas der bedrohten Arten” ist für Umweltbewusste und Tierliebhaber selbstverständlich, für den Rest der Menschheit Zwangslektüre. Ein Wermutstropfen ist, dass das großartig aufbereitete Thema zwar als attraktive Publikation aber nicht in einem umweltfreundlichen Herstellungsprozess umgesetzt wurde.

© V. Strohschneider

Atlas der bedrohten Arten

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John Heartfield: ZEITausSCHNITTE

Freitag, 17. Juli 2009

Non-Fiction

Freya Mülhaupt (Hg.)
John Heartfield: Zeitausschnitte
Fotomontagen 1918-1938

Hatje Cantz 2009, 176 S., 230 Abb. davon 144 farbig
ISBN 978 3 7757 2432 6

John Heartfield: Zeitausschnitte John Heartfield: ZEITausSCHNITTE. Fotomontagen 1918 bis 1938

John Heartfield arbeitete in einem geschlossenen System. Der Mann mit der spitzen Schere bediente sich der gedruckten Massenmedien, um seine Fotomontagen und deren Botschaften zu verbreiten. Sein Arbeitsmaterial wiederum schöpfte er überwiegend aus der illustrierten Presse, die er mit Argusaugen beobachtete. Unvergesslich sind die für die “Arbeiter Illustrierte Zeitung” entstandenen Montagen, in denen sich Heartfield gegen Adolf Hitler und die nationalsozialistische Bewegung, Krieg und Kapitalismus wandte. Seine originelle, auf alles Überflüssige verzichtende Bildsprache, hat bis heute nichts an Verständlichkeit eingebüßt. Die Fotomontagen haben Biss, obwohl die den Schaffensakt provozierenden politischen Ereignisse und revolutionären Haltungen längst Geschichte sind.

Das opulent bebilderte Buch “John Heartfield: Zeitausschnitte. Fotomontagen 1918-1938″ verfolgt den Werdegang und die Blütezeit des Künstlers, der eigentlich Helmut Herzfeld hieß. Der 1891 in Berlin geborene Pionier der Montage fand seinen Stil als Layouter für die dadaistische Publikation “Neue Jugend”, die in dem von ihm und seinem Bruder Wieland 1917 gegründeten Malik-Verlag erschien. In den von der Zusammenarbeit und Freundschaft mit George Grosz geprägten Jahren, wurde Heartfield zum Berliner Botschafter des Dada. “DADA ist GROSS und John Heartfield ist sein Prophet” trompetet er auf einem Plakat, das sein Selbstbildnis mit zum Schalltrichter geformten Händen zeigt.

Als der Malik-Verlag 1921 begann Romane zu verlegen, wurden Buchumschläge mit einer einfacheren Bildsprache benötigt. Nicht mehr Provokation und Verwirrung wie im Dada waren das Ziel, sondern die klare Kommunikation mit den Kunden. Auch bei der Lösung dieser Aufgabe erwies sich Heartfield, der auf seine Kenntnisse als Werbegrafiker zurückgriff, als innovativer Gestalter. Seine aus wenigen Elementen zusammengesetzten Buchcover sind schlüssige Kompositionen mit erzählerischer Qualität. Das fesselt den Blick. Scheinbar harmlos gefällig, erregen die Einbände Aufmerksamkeit ohne zu schockieren und büßen dennoch nichts an Schlagkraft ein. Doch dem Künstler mit Mission war die Buchhülle nicht genug. In einer Gemeinschaftsarbeit mit Kurt Tucholsky, der die Texte beisteuerte, entstand 1929 das Buch “Deutschland, Deutschland über alles”, ein Rundumschlag gegen Kapitalismus, Militär, Demokratie und rechten Nationalismus.

Bereits 1919 war John Heartfield der KPD beigetreten, in deren Dienst er seine Schaffenskraft stellte. Den Höhepunkt seiner Monteurkunst erreichte er in den politischen Fotomontagen, die er von 1930 bis 1938 für die AIZ anfertigte. Bildidee und begleitender Text der schrägen satirischen Collagen entstanden oft in Zusammenarbeit mit seinem Bruder, Wieland Herzfelde. Danach kam die Schere zum Einsatz. War in Heartfields Sammlung von Pressefotos der richtige Schnappschuss für die Umsetzung des visuellen Konzeptes nicht vorhanden, beauftragte er einen Fotografen, der nach seinen Anweisungen das passende Tableau inszenierte.

Der glühende Pazifist und Kommunist John Heartfield kombinierte Kunst mit kommerziellen Printmedien, um ein möglichst großes Publikum zu erreichen. Das dies nicht ungefährlich ist, musste er am eigenen Leib erfahren. Zur Emigration gezwungen, verlegte er seinen Arbeits- und Lebensmittelpunkt zuerst nach Prag, dann nach London. Erst 1950 kehrte er nach Deutschland, in die DDR, zurück.

Die Autoren des Buches “John Heartfield: Zeitausschnitte. Fotomontagen 1918-1938″ verschränken in ihren tiefgreifenden, akribisch recherchierten Essays Werkanalyse, Biografie und Zeitgeschichte. Das Ergebnis ist weniger ein chronologischer Erzählstrang als ein dichtes Informationsgewebe. Thomas Friedrich, Sabine Kriebel, Roland März, Freya Mülhaupt, An Paenhuysen, Rosa von der Schulenburg, Andrés Mario Zervigón und Peter Zimmermann nähern sich dem politisch engagierten Künstler John Heartfield von vielen Seiten. Lebensweg und künstlerische Entwicklung, Bildanalysen exemplarisch herausgegriffener Fotomontagen, die enge Zusammenarbeit mit dem Bruder, Freundschaften und ihre Auswirkungen auf das Werk, Selbstporträt und Selbstsicht, Arbeitweise, politische und zeitgeschichtliche Hintergründe - all das und vieles mehr ist in der beeindruckenden Publikation zu finden. Auch mit Abbildungen wurde nicht gegeizt. Fotografisches Rohmaterial und fertige Fotomontage, Abbildungen von Buchumschlägen und für diverse Printmedien gestaltete Seiten, Schnappschüsse aus dem Privatleben John Heartfields und dokumentarische Aufnahmen seiner Ausstellungen begleiten die Texte. Zu verdanken ist die Bilderflut dem in der Kunstsammlung der Akademie der Künste, Berlin, erhaltenen Nachlass, aus dem es möglich war für Buch und Ausstellung nach Herzenslust zu schöpfen. Denn natürlich ist “John Heartfield: Zeitausschnitte. Fotomontagen 1918-1938″ eine Begleitpublikation. Die gleichnamige Ausstellung ist vom 29. Mai bis zum 31. August 2009 in der Berlinischen Galerie zu sehen. Zeitgeschichte einmal anders.

© Ch. Ranseder

John Heartfield: ZEITausSCHNITTE. Fotomontagen 1918 bis 1938

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Mut zur Freiheit

Samstag, 11. Juli 2009

Notiz

Petra Unger  
Mut zur Freiheit 
Faszinierende Frauen - bewegte Leben
Metroverlag 2009, 157 S., Sw-Abb.
ISBN 978 3 9025 1781 4

Mut zur Freiheit  Mut zur Freiheit: Faszinierende Frauen, bewegte Leben

Vierzehn Österreicherinnen, die trotz gesellschaftlicher Zwänge ihre Lebensziele abseits traditioneller Rollenbilder verwirklichten: Tina Blau 1845-1916, Tilla Durieux 1880-1917, Margarete Schütte-Lihotzky 1897-2000, Mimi Grossberg 1905-1997, Marie Jahoda 1907-2001, Lotte Lenya 1898-1981, Irene Harand 1900-1975, Ida Maly 1894-1941, Helene von Druskowitz 1856-1918, Friedl Dicker-Brandeis 1898-1944, Cilli Wang 1909-2005, Auguste Fickert 1845-1910, Alma Rosé 1906-1944, Berta Pappenheim 1859-1935.

Strahlendes Sonnengold flutet beim Aufschlagen aus dem Buch. So gülden-verlockend muss die Freiheit für die von Petra Unger vorgestellten Frauen ausgesehen haben, endlich selbstbestimmt agieren zu können. Das männliche “Gatekeepertum” macht Frauen bis heute erfinderisch im Umgehen und/oder kämpferisch im Vorgehen. Wie muss sich Tina Blau, die “Waldmüller-Enkelin” - wurde sie doch von dessen Schüler unterrichtet -, immer wieder gefühlt haben, wenn sie trotz ihres Könnens durch männliches Einschreiten nicht zugelassen, abgedrängt oder ausgebootet wurde. Frauen wurden abgewertet und unterbewertet. Sie hatten bis zum Umfallen zu funktionieren und von göttlicher Männlichkeit Vorgegebenes vorbehaltlos zu akzeptieren. Nicht zu vergessen, dass viele - darunter Tilla Durieux - auch die Hüterinnen der Norm gegen sich hatten. Es war ein steter Kampf um jedes noch so kleine Stückchen Freiheit und berufliche Anerkennung. Auch die gut bekannte Architektin Schütte-Lihotzky wurde vor allem als Einrichterin/Innenarchitektin eingesetzt und wird bis heute auf ihre “Frankfurter Küche” reduziert. Bis auf Lotte Lenya, die arm war und aus dem Gegenteil eines “gutbürgerlichen Hause” stammte, haben sie alle Geld und Bildung gemeinsam. Was sie inhaltlich aber eint, war der unbändige Wille ihre Leben nach ihren eigenen Bedingungen und gegen jeden Widerstand zu leben. Bei Ida Maly (ermordet in Hartheim) und Helene von Druskowitz führte es in die geschlossene Anstalt. Für Bertha Pappenheim (Anna O.) war der Beginn ihrer Selbstbestimmtheit zugleich ihr Weg aus Behandlung und Sanatorium.

Die umrissenen Leben werden von Petra Unger auf ihre Essenz reduziert. Wer mehr wissen möchte, findet in der Bibliographie vertiefende Literaturhinweise. Die Lektüre ist bewegend, aufrüttelnd und, angesichts der sich verschärfenden Wirtschaftskrise, von zunehmender Aktualität. Alle Versammlungen und Repräsentationen von Stadt und Land haben ein entsprechendes Quantum von Frauen aufzuweisen war 1905 eine der zukunftsweisenden Forderungen der Philosophin Helene von Druskowitz. Schade, dass man das Buch nicht zur Pflichtlektüre für Männer machen, sondern nur empfehlen kann, aber “frau” sollte es allen Mädchen auf das Kopfkissen legen.

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Mozart jr.

Samstag, 11. Juli 2009

ab acht

Tânia Maria Rodrigues-Peters
Mozart in der Zukunft  
BoD 2009, 96 S. sw. Illus.
ISBN 978 3 8370 8398 9

Mozart in der Zukunft  Mozart in der Zukunft

Natürliche Begabung ist eine Seite des Erfolgs junger Talente und elterlicher Ehrgeiz die andere. Wenn die Mischung stimmt, dann stellt sich der Erfolg mit Spaß ein. Wenn der Erfolgsdruck hingegen zu groß wird, kann aus Sehnsucht Sucht werden. Die richtige Balance zwischen Freiräumen, Verpflichtungen und freiwilligen Training zu halten, ist für alle Beteiligten nicht einfach, aber dringend erforderlich. Der Schritt von Förderung zur Überforderung ist schnell getan.

Tânia Maria Rodrigues-Peters erzählt sensibel eine kindgerechte Geschichte über dieses Thema. Obwohl zum Selberlesen geeignet, sollte die Geschichte dennoch vorgelesen werden. Eröffnet sie doch auch Eltern einen Blick auf sich selbst. Zu dem lädt sie ein mit Kindern über Lernerfolg und über Mozart zu reden.

Musik, Fantasie, Freiräume und zwei Buben treffen in der Story auf einander. Der moderne Max trifft den altbackenen Amadeus. Sie haben sehr viel gemeinsam und genauso viel unterscheidet sie auch. Geschickt verwebt die Autorin die Lebenslinien von Max und Amadeus. Sie lässt die Wünsche der beiden Kinder nach Zuneigung und Bewunderung erkennbar werden. Max reflektiert über seine eigenen Grenzen und Möglichkeiten, während der kleine Mozart neugierig die unbekannte Vielfalt erkundet und schließlich doch das Klavier bevorzugt.

Die erstklassigen Illustrationen von Pedro Caraça unterstreichen den Text optisch. Ungewöhnlich aber in diesem Zusammenhang passend ist, dass direkte Reden “mozartmäßig” mit einer Note eingeleitet werden. Man darf gespannt sein, was Tânia Maria Rodrigues-Peters noch einfallen wird.

© S. Strohschneider-Laue

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Shanghai Magie

Freitag, 10. Juli 2009

Non-Fiction

Emily Hahn 
Shanghai Magie 
Reportagen aus dem New Yorker  

edition ebersbach 2009, 168 S., 16 Sw-Abb.
ISBN 978 3 938740 89 7

Shanghai Magie Shanghai Magie

Emily Hahn begleitet im Frühjahr 1935 ihre Schwester nach Shanghai und entschließt sich spontan zu bleiben. Die pulsierende Stadt fasziniert die abenteuerlustige Amerikanerin, die trotz abgeschlossenem Ingenieurstudium ihren Lebensunterhalt als Schriftstellerin verdient. Ihre Erlebnisse in Shanghai hält Emily Hahn in hinreißenden Reportagen für das Magazin “The New Yorker” fest. Das ist ein Glück für LeserInnen. Die in dem, in der edition ebersbach erschienenen, Buch “Shanghai Magie” abgedruckten elf Geschichten aus der sündigen Metropole sind noch heute eine unterhaltsame Sommerlektüre.

Die lebenslustige, exzentrische Emily Hahn wird in Windeseile zum Darling der in Shanghai ansässigen ausländischen High Society. Auf einer Party lernt sie einen der seltenen chinesischen Gäste, den Intellektuellen Shao Xunmei, kennen. Er ist ihre Eintrittskarte in die Welt der Chinesen. Durch ihn lernt sie die chinesische Kultur, und die Rituale des chinesischen Alltags kennen. Emily Hahn ist nicht nur eine scharfe Beobachterin, sie will auch alles selbst ausprobieren - sogar das Opiumrauchen. Offenherzig erzählt sie in der Geschichte “The Big Smoke” über die angenehme Wirkung der Droge, ihre Sucht und den schmerzhaften Entzug. Nichts bringt die Amerikanerin aus der Ruhe. Mit unwiderstehlichem Witz schildert sie in “Einmal Nanking und Retour” einen Ausflug, auf dem sie, ihre Freundin Mary und deren Entenküken “Sweetie Pie” vom Krieg überrascht werden. Es ist weder das erste noch das letzte Mal, dass die Schriftstellerin in einem Essay den Ernst der Lage durch Situationskomik herunterspielt, ja vergessen lässt. In “Doktor Baldwin” macht sie sich im japanischen Bombenhagel auf die Suche nach einem Zahnarzt, um sich die Krone eines Schneidezahns reparieren zu lassen - sie hatte als Vergeltung ihren Gibbon gebissen. Emily Hahn sitzt der Schalk im Nacken. Sie macht sich in ihren Reportagen über sich selbst lustig, setzt diese Begabung gezielt als Stilmittel ein. Sogar ihre beiden Affen, die gerne ausbüchsen, hat sie in einer Geschichte verewigt. In “Mr. Mills” begegnet die Autorin den Beschwerden ihrer Wohnungsnachbarn über die ungewöhnlichen Haustiere auf chinesische Art. Nach Jahren im Reich der Mitte ist die Autorin weise geworden wie ihr Hausdiener, dessen Umgang mit Problemen sie in “Der verschwundene Jadering” festgehalten hat.

Emily Hahns persönlich gefärbte, mit stilsicherer Leichtigkeit geschriebene Reportagen lassen das wilde Leben und die politischen Spannungen im Shanghai der Jahre 1935 bis 1943 wieder auferstehen.

Dagmar Yu-Dembski steuert im reich mit historischen Fotografien bebilderten Vorwort des Buches stadtgeschichtliches Hintergrundwissen bei und erzählt aus der Lebensgeschichte von Emily Hahn. Ihr ist auch die wunderbare Übersetzung der englischen Texte zu verdanken.

© Ch. Ranseder

Shanghai Magie

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Fotografie als Bühne

Donnerstag, 09. Juli 2009

Non-Fiction

Gerald Matt, Peter Weiermair (Hgg.)
Das Porträt Fotografie als Bühne
Verlag für moderene Kunst Nürnberg 2009, 232 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 941185 60 9

Das Porträt Fotografie als Bühne Das Porträt: Fotografie als Bühne

Katalog und Ausstellung in der Kunsthalle Wien widmet sich den Porträtfotografie ab 1980 mit Werken von Roger Ballen, Tina Barney, Valérie Belin, Dirk Braeckman, Clegg & Guttmann, Andrea Cometta, Anton Corbijn, Rineke Dijkstra, Amy Elkins, JH Engström, Bernhard Fuchs, Albert García-Alix, Luigi Gariglio, Anthony Gayton, Nan Goldin, Greg Gorman, Kathy Grannan, Jitka Hanzlová, Peter Hujar, Jean-Baptiste Huynh, Leo Kandl, Barbara Klemm, Gerhard Klocker, Andreas Mader, Sally Mann, Robert Mapplethorpe, Hellen van Meene, Judith Joy Ross, Thomas Ruff, Stefano Scheda, Beat Streuli und Wolfgang Tillmans.

Der zweisprachige Katalog gliedert sich in das Vorwort von Gerald Matt, Direktor der Kunsthalle Wien, die kuratorischen Leitgedanken von Peter Weiermair und einen Exkurs zu Porträts in Zeiten der digitalen Wirklichkeit von Ulrich Pohlmann. Rund 180 Seiten sind der Werkschau der FotokünstlerInnen gewidmet. Biografien und Werk in der Ausstellung/Abbildungsverzeichnis schließen den von Dieter Auracher grafisch nicht nur benutzerfreundlich, sondern auch ansprechend aufbereiteten Katalog. Ein unverzichtbarer Katalog zur Ausstellung und ganz besonders für die Porträtfotografie.

Die für diesen Katalog und die Ausstellung eingeladenen FotografInnen und deren Werke sind der Versuch einen möglichst breiten Querschnitt durch die Entwicklung der Porträtfotografie ab den 1980ern zu legen. In den ausgewählten Porträts ist die Spannung, die sich zwischen Voyeur und Exhibitionist während des fotografischen Akts aufgebaut hat spürbar. Egal ob formalistische Studiofotografie, fotografische Dokumentation oder unverfälschte, schnappschussartige Tagebücher, sie haben den gelenkten Blick gemeinsam. Gemeinsam ist Ihnen auch, dass sie nicht alle Menschen gleichsam faszinieren können. Es wird gezeigt, was die Porträtfotografie zu bieten vermag. Das nicht jedes Porträt gefällt, hat unterschiedliche Gründe, aber das ist die Essenz der Blickwinkel die Vielfalt von Einfalt unterscheidet.

Meine FavoritInnen sind jedenfalls jene - Roger Ballen, Barbara Klemm und Wolfgang Tillmans (Kulturpreis 2009) gehören dazu -, die nicht oder unsichtbar arrangieren. Porträts deren erzählerisches Moment im Vordergrund steht. Tapetenfreie Sujets, die mein Interesse wecken und gleichzeitig zum Nachdenken anregen. Und ich kann mich der Spannung hingeben, die die Lichtmaler unter den Fotografen wie Anton Corbijn oder Robert Mapplethorpe in menschlichen Stillleben erzeugen.

Dokumentationen des Lebensumfeldes, die in ihrer fotografischen Beliebigkeit austauschbar sind oder Menschen vor oder in ihrem Biotop darstellen, sind zugleich Porträts des Zeitgeistes als auch der FotografInnen selbst. Geschminkt oder ungeschminkt, das ausdruckslose, nackte Schulterstück in Passfoto- oder Kalenderbildoptik, entkleidet von Attribut und Aussage erschließt sich nur durch Zusammenspiel von Foto und künstlerischem Gesamtkonzept der FotografInnen. Auf diese Konzepte muss sich man sich im Vorfeld einlassen oder auf einen Großteil des Zusammenhangs verzichten.  

Porträtfotografie ist nicht nur das festgehaltene äußere Abbild - selten der persönlichen, charakterlichen Befindlichkeit -  der abgebildeten Person, es ist zugleich Selbstreflexion der Fotografinnen. Entstanden sind sie alle in dem Spannungsfeld der Exhibitionistinnen und VoyeurInnen. Und auch deshalb steht nicht der Abgebildete als komplette Persönlichkeit im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, sondern nur Aspekte seiner oder ihrer Sexualität. Selten sind es die im Vorbeigehen eingefangenen Abbilder von Menschen, die erst durch das Fotografieren aus der Menge herausgehoben und wieder zu massenfernen Individuen werden, wie es in der Fotografie von Beat Streuli der Fall vermögen.

Spannend von Porträt zu Porträt, von Fotografin zu Fotografen und keinesfalls nur als zeitgenössischer Kunstband zu betrachten. Obwohl mich inhaltlich wenig anspricht und vieles technisch nicht gefällt, möchte ich auf diesen Katalog nicht verzichten. Er ist eine Bereicherung für jede Bibliothek in dem Fotografie und/oder Porträts einen Schwerpunkt einnehmen. Zugleich ist der Katalog eine wundervolle Möglichkeit für Fotobegeisterte eine Begegnung mit der Fotokunst herbeizuführen.

Die Porträtauswahl ist noch bis zum 18. Oktober 2009 im Großformat in der gleichnamigen Ausstellung der Kunsthalle Wien zu bewundern.

© S. Strohschneider-Laue

Das Porträt: Fotografie als Bühne

siehe auch Ausstellungsrezension

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Wiener Prater

Samstag, 04. Juli 2009

Notiz

Tradition: Wiener Prater

Prater 1996 © S. Strohschneider-Laue

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Manchmal sind Traditionen gar nicht so schlecht; denn nicht alle sind vorgestrig und/oder moralinsauer. Eine schöne Wiener Tradition ist es, während der Kindheit zu bestimmten Anlässen (Einschulung, Erstkommunion) in den Prater gehen zu dürfen. Es ist quasi ein vorgezogener Tapferkeitsbonus, ein Haftaufschub, ein Freigang bevor es so richtig ernst mit der realen (Schule) und der spirituellen Hölle (Kirche) wird.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Ich kam in den Genuss dieser Tradition, weil ich zur richtigen Zeit statt in Frankfurt in Wien war. Als Minitouristin mit den Eltern genau rechtzeitig vor meiner Einschulung. Natürlich wurden Fotos gemacht: Kind am Pferd, Kind im Karussell, Kind im Miniauto. Meist ist das Kind - also meine Person - kaum erkennbar und oft lugte nicht einmal mein Kopf über die Lenkstange hinaus. Diese Fotos sind vermutlich familienunabhängig austauschbar. Es gibt sie sicher zu Millionen in den Schubladen von Eltern, Großeltern, Paten und unzähligen anderen mehr oder minder Anverwandten.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Rund dreißig Jahre nach meinem Praterspaß, ereilte unsere Tochter - eine typische Wienerin mit Wurzeln in ganz Europa - der Praterbesuch zum Schuleinstieg. Es war wie erwartet. Bei den meisten Fahrbetrieben musste man den Besuch aufgrund elterlicher Verantwortung ablehnen. Teuer war es auch, aber an einem solchen Tag haben Eltern und vor allem Großeltern Spendierhosen an. Schön ist es trotzdem, wenn man feststellt, dass sich das eigene Kind trotz des Überangebotes als bescheiden erweist. Riesenrad, Achterbahn, Autoscooter, Geisterbahn und sämtliche supermodernen Speed- und Höhenvarianten auf “Kotz mehr” und “Schneller Hirntod”, wurden bestaunt aber nicht gewünscht. Am Ende waren es eine Zuckerwatte, einige Lose bei der blonden Plastikpuppen- und rose Plüschtier-Tombola, eine Runde Ponyreiten und unbedingt die Autorennbahn. Das Rennbahnrelikt aus den 1960ern oder noch früher, existierte tatsächlich noch. Mindestalter war schon damals “12 Jahre” als ich Schulanfängerin war und unbedingt Rennen fahren wollte. Und ganz genau wie damals klettere mein Vater - nun mit der Enkeltochter - in das Vehikel. Und er sagte ganz genau dieselben Dinge zu ihr wie dreißig Jahre vorher zu mir: “Den schnappen wir, den kriegen wir, mehr Gas und schnell vorbei”. Natürlich blieb es nicht bei einer Runde.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Und ganz genau wie damals stand meine Mutter am Rand der Bahn und war zutiefst besorgt, dass der scheppernde Höllenritt - wie man dem Foto entnehmen kann - Opas kriegsversehrten Rücken schaden würde. Nun war auch ich Mutter, aber ich war nicht besorgt. Ich war eifersüchtig und noch dazu auf das eigene Töchterchen. Pech, dass es “meinen” blauen Wagen von damals nicht mehr gab. Ich hätte es den beiden gezeigt, schließlich hatte ich den gleichen Fahrlehrer.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Bei diversen Gelegenheiten waren wir in nachfolgenden Jahren mit Freunden und ihren Kindern im Prater. Die Bahn war geschlossen. Es war als ob ich ein Stück Kindheit verloren hätte. In Wirklichkeit gehen doch alle mit den Kindern in den Prater, um noch einmal das zu tun, was sie selbst als Kind so genossen haben - ich bin keine Ausnahme. Quasi ein glückliches Ausleben des verborgenen Peter-Pan-Komplexes. Was passiert aber, wenn es diese Kindheitserinnerungen plötzlich nicht mehr gibt? Nein, man muss trotzdem nicht erwachsen werden. Nein, denn wir haben doch alle die unzähligen Fotos. Wenn unsere alten Fotos nicht die Farbe verloren hätten, könnten wir unsere Fotos glatt verwechseln. Bis auf eines: Es ist einzigartig, zumindest für mich und sicher für unsere Tochter.

© S. Strohschneider-Laue

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Das Porträt

Freitag, 03. Juli 2009

Notiz

Das Porträt - Fotografie als Bühne
Kunsthalle Wien
3. Juli bis 18. Oktober ‘09

Ausstellungsansicht/exhibition view Kunsthalle Wien © Foto/photo: Stephan Wyckoff, 2009: Gerhard Klocker, Courtesy der Künstler/the artist © Gerhard Klocker

Seit dem 19. Jahrhundert hat die Porträtfotografie kontinuierlich an breitenwirksamen und preisgünstigen Stellenwert gegenüber der Malerei oder Bildhauerei gewonnen. Und  selbst die Motivation zu porträtieren hat sich durch die Fotografie weiterentwickelt. Das Porträt kann Abbild oder Charakterstudie, Pose oder Momentaufnahme sein. Die Aufnahme kann Anonymität oder Intimität vermitteln. Aber eines ist das Porträt in jedem Fall: Zeitzeichen.
Die Schau in der Kunsthalle Wien widmet sich den Porträtfotografie ab 1980 mit Werken von Roger Ballen, Tina Barney, Valérie Belin, Dirk Braeckman, Clegg & Guttmann, Andrea Cometta, Anton Corbijn, Rineke Dijkstra, Amy Elkins, JH Engström, Bernhard Fuchs, Albert García-Alix, Luigi Gariglio, Anthony Gayton, Nan Goldin, Greg Gorman, Kathy Grannan, Jitka Hanzlová, Peter Hujar, Jean-Baptiste Huynh, Leo Kandl, Barbara Klemm, Gerhard Klocker, Andreas Mader, Sally Mann, Robert Mapplethorpe, Hellen van Meene, Judith Joy Ross, Thomas Ruff, Stefano Scheda, Beat Streuli und Wolfgang Tillmans (Kulturpreis 2009).

Valérie Belin, Untitled, 2006, aus der Serie/from the series Models II © Valérie Belin, VBK Wien,2009, Courtesy of Michael Hoppen Contemporary, London and Valérie Belin Luigi Gariglio, Naomi, Torino (I), 2005, aus der Serie/from the series Lap Dancer, Museo di Fotografia Contemporanea, Cinisello, Milano © Luigi Gariglio 
Jean-Baptiste Huynh, Christian Portrait III, 2004, Privatsammlung / Private Collection, © Jean-Baptiste Huynh 
Zwischen Porträts liegen Welten und die Spannung, die sich zwischen Voyeur und Exhibitionist während des fotografischen Akts aufgebaut hat. Egal ob formalistische Studiofotografie, fotografische Dokumentation oder unverfälschte, schnappschussartige Tagebücher, sie haben den gelenkten Blick gemeinsam. Geschminkt oder ungeschminkt, das ausdruckslose, nackte “Passfoto”, entkleidet von Attribut und Aussage erschließt sich nur durch Zusammenspiel von Foto und künstlerischem Gesamtkonzept der FotografInnen.

Anton Corbijn, David Bowie, Chicago, 1980, © Anton Corbijn, Courtesy der Künstler/the artist, Galerie Anita Beckers, Frankfurt Amy Elkins, Bon, Brooklyn, NY, 2008, aus der Serie/from the series Wallflower © Amy Elkins, Courtesy Yancey Richardson Gallery, New York 
Greg Gorman, Heath Ledger, Venice, 2004, © Greg Gorman Anthony Gayton, Prince R. at seventeen, shortly before his marriage, 2008, aus der Serie/from the series Ladslove © Anthony Gayton

Die Inszenierung des Porträts liegt zwischen Verletzlichkeit und Herausforderung und spiegelt die Beziehung zwischen den ProtagionistInnen vor und hinter der Kamera.

Roger Ballen, Dresie and Casie, twins, Western Transvaal, 1993, Münchner Stadtmuseum, © Robert Ballen Robert Mapplethorpe, Ken Moody and Robert Sherman, 1984, © Robert Mapplethorpe Foundation, New York. Used by permission.

Berührend, beklemmend, verstörend sind die absoluten Blicke gegenüber dem inszenierten Blicke. Politische und soziale Realitäten, ganz abseits von Gefühl oder Urteil. Beobachtend, festhaltend, aufzeigend, dokumentarisch haben sie bereits erzählerische Qualitäten bevor sich noch das Gesamtkonzept der Serie erschließt.

Beat Streuli, Eighth Avenue/35th Street 02, 2003 © Beat Streuli, Courtesy Galerie Conrads, Düsseldorf Leo Kandl, Georges NYC, 25. Februar 2000, Courtesy Leo Kandl 

Katy Grannan, Ghent, NY), 1999, © Katy Grannan, Courtesy Greenberg Van Doren Gallery, New York; Fraenkel Gallery, San Francisco; Salon 94, New York Tina Barney, Mark, Amy, and Tara, 1983 © Tina Barney, Courtesy Janet Borden, Inc., New York

Semidokumentarisches, tagebuchartiges und fotojournalistisches abseits der Studioinszenierungen fangen das Tagesgeschehen, Lebensfacetten von anonym bis privat - über das Porträt - hinaus ein. Ob die privaten Fotoalben außerhalb der jeweiligen Familie inhaltlich und fotografisch von Interesse sind, mag offen bleiben. 

Ausstellen bedeutet mehr als Stellen und Hängen von Objekten, mehr als Kleingedrucktes im Post-it-Format mit Objektdaten, mehr als minimalistische Künstlerinformationen. Dem Publikum muss “die Geschichte” der Objekte und der Gesamtschau erzählt werden. Das macht unter anderem den Unterschied zu einem begehbaren Bilderbuch aus dem der Inhalt abhanden gekommen ist.
Schlicht und interessant, denn wer sehen will, sieht mehr als nur Porträts.

© S. Strohschneider-Laue

Das Porträt - Fotografie als Bühne
Kunsthalle Wien
3. Juli bis 18. Oktober ‘09
 
Das Porträt: Fotografie als Bühne- Katalog

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