Archiv für Juli 2009

Shells Muscheln Coquillages

Donnerstag, 23. Juli 2009
Non-FictionEbensolch Rez-E-zine 53/09

Antoine-Joseph Dezallier d´Argenville
Shells - Muscheln - Coquillages
Taschen 2009, Dt./En./Fr., 216 S. zahl. Farbabb.
ISBN 978 3 8365 1111 7

Dezallier d'Argenville - Muscheln Dezallier d’Argenville - Muschelkunde

Seit sich der Mensch Lebensraum am Wasser zu eigen machte, werden Muscheln und Schnecken gegessen, zu Werkzeug und Schmuck verarbeitet oder gegen andere Dinge eingetauscht. Zu Objekten der Begierde im großen Stil wurden sie in Europa jedoch erst nach der Entdeckung Amerikas. Das Interesse galt natürlich nicht den einheimischen Schalentieren sondern den Exoten aus Übersee, mit denen ab dem 16. Jahrhundert Herrscher und Gelehrte ihre Wunderkammern und Kuriositätenkabinette ausstatteten.

Es waren jedoch nicht Portugal oder Spanien, sondern die zur Kolonialmacht mit stattlicher Handelsflotte aufsteigenden Niederlande, die sich zur Drehscheibe des Handels mit Muscheln und Schnecken entwickelten und zu Beginn des 17. Jahrhunderts den Markt für die dekorativen Gehäuse erst so richtig anheizten. Für einen kurzen Augenblick in der europäischen Geschichte waren prächtige Muscheln und Schnecken aus fernen Ländern fast ebenso begehrt und kostbar wie Tulpen. Die Zahl der europäischen Muschelsammlungen wuchs stetig. Mit der Zeit trat neben die Sammelleidenschaft die Lust am Ordnen und systematischen Erfassen, begleitet von dem Bedürfnis die mühsam errungenen Forschungsergebnisse zu veröffentlichen. Und hier kommt der Franzose Antoine-Joseph Dezallier d´Argenville (1680-1765), selbst stolzer Besitzer einer Muschelsammlung, ins Spiel.

Heute sind nicht mehr die Gehäuse von Muscheln und Schnecken die Kostbarkeiten, sondern die historischen Publikationen über sie. Antoine-Joseph Dezallier d´Argenvilles La Conchyliologie, ou Histoire naturelle des coquilles de mer, d´eau douce, terrestres et fossiles ist ein solches Kleinod. Dank des TASCHEN Verlages kann nun der Tafelteil dieser dritten, 1780 erschienenen, Auflage des Muschelbuches, in einer der seltenen kolorierten Versionen, unter dem Titel “Shells - Muscheln - Coquillages” in jeder guten Buchhandlung erworben werden. Und es ist eine Anschaffung, die sich lohnt. Auf 80 großformatigen Tafeln sind berückend schöne, schlicht geformte oder bizarre Muscheln und Schnecken der Weltmeere ebenso zu bewundern wie Kopffüßer, Weichtiere, Seeigel und Krebstiere. Doch nicht nur die Schätze der Meere wurden in detaillierten Radierungen festgehalten. Auch Süßwasserschnecken und -muscheln sowie Landschnecken sind in Hülle und Fülle zu finden. Der neu gewählte Titel “Shells - Muscheln - Coquillages” greift also ein wenig zu kurz, den BetrachterInnen wird viel mehr geboten als die karge, wenngleich dreisprachig leichter am Cover unterzubringende, Wortwahl vermuten lässt. Unter anderem halten glückliche BesitzerInnen des prachtvollen Buches ein Stück Wissenschaftsgeschichte in den Händen.

Der Privatgelehrte Dezallier d´Argenville, studierter Rechtswissenschaftler und durch Ämterkauf schlau die Karriere vorantreibender hoher Beamter, schrieb seine Arbeit über die Muscheln und Schnecken nicht als Hobby. Es lag ihm daran, die Wissenschaft voranzutreiben und dafür schreckte er auch vor dem Sezieren eines Schalentieres nicht zurück. Mit seinem Gartenbuch La Théorie et la Pratique de Jardinage war ihm schon einmal ein Bestseller gelungen. 1742 kam L´Histoire naturelle éclaircie dans deux de ses parties principales, la lithologie et la conchyliologie heraus, in der - nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten gegliedert - auf 32 Tafeln Muscheln und Schnecken präsentiert wurden. Die erste in Frankreich erschienene Muschelkunde war sofort ein Erfolg. Sie wurde sogar von Carl von Linné als Arbeitsunterlage für seinen Überblick über alle damals bekannten Tierarten, die Systema naturae (1758), herangezogen. Statt sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen arbeitete Dezallier d´Argenville weiter an seinem Buch und legte schließlich 1757 die zweite, erweiterte Auflage vor. Die dritte Auflage erlebte er nicht mehr. An seine Stelle traten die Zeichner Jacques de Favanne de Montcervelle und sein Sohn Guillaume. Sie brachten den Text des Buches auf den neuesten Stand, fügten ein Porträt von Dezallier d´Argenville sowie ein zweites Titelblatt hinzu und erweiterten den Tafelteil auf 80 Radierungen. Wer farbige Abbildungen der dekorativ angeordneten Schalentiere sein Eigen nennen wollte, musste die Tafeln von Hand kolorieren lassen. Das geschah selten und nicht nach ein und demselben Vorbild - sehr zur Freude der Antiquare, denn die Qualität der Ausführung bestimmte von diesem Zeitpunkt an den Preis der Tafelbände. Es versteht sich von selbst, dass der TASCHEN Verlag für “Shells - Muscheln - Coquillages” auf ein besonders schönes Exemplar zurückgreift.

Doch das opulente Buch mit dem verführerischen Cover ergötzt nicht nur das Auge. Es stillt durch die Hinzufügung von Essays und der Bestimmung der auf den Tafeln abgebildeten Arten durch Rainer und Sophia Willmann auch den Wissensdurst. So befasst sich Veronica Carpita in “Eine Passion für Muscheln. Dezallier d´Argenvilles Conchyliologie im Spannungsfeld von Naturwissenschaft und Kunst” mit der Entstehungsgeschichte von Dezallier d´Argenvilles Buchprojekt, den Anfängen der Erforschung der Schalentiere und den Spuren, die Muscheln als Symbol und dekoratives Motiv in der Kunst hinterlassen haben.

Rainer Willmann widmet sich den naturwissenschaftlichen Aspekten. Er legt in “Die wissenschaftliche Bedeutung des Conchylien-Werkes von Dezallier d´Argenville” und “Die Benennung der Arten bei Dezallier d´Argenville und Carl von Linné” den Nachhall der Muschelkunde des Franzosen in der Welt der Wissenschaft dar und erklärt wie die auf den Tafeln festgehaltenen Kreaturen zu ihren heutigen Namen kamen.

“Shells - Muscheln - Coquillages” wird Liebhaber der dekorativen Schalentiere und naturwissenschaftlicher Bücher entzücken. Stillen kann das attraktive Buch die Sehnsucht nach Strandspaziergängen und Muschelsammeln nicht, aber es hilft sie zu lindern.

© Ch. Ranseder

Dezallier d’Argenville - Muschelkunde

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Ausstellung: WunderWeltWald

Montag, 20. Juli 2009
NotizEbensolch Rez-E-zine 53/09

WunderWeltWald

BöhmerWALDArena
ab 18. Juli 2009

BöhmerWaldArena © Sistlau '09

Die BöhmerWaldArena steht auf der österreichischen Seite des Dreiländerecks mit Deutschland und Tschechien. In der zwischen Tradition und Moderne positionierten Architektur wird seit 18. Juli 2009 die komplett barrierefrei eingerichtete Ausstellung “WunderWeltWald” gezeigt.

Orientierungspult Tastplan, Audiodeskription © Sistlau '09
Tatsächlich ist die Ausstellung über 400 Millionen Jahre Waldgeschichte mit Schwerpunkt Böhmerwald etwas Besonderes. Sie ist nämlich mehr als nur rollstuhlgerecht. Es wird den BesucherInnen gute Mobilität gewährleistet und zusätzlich alle Sinne angesprochen. Optische Eindrücke erwartet man als BesucherIn, aber das ist für sehbeeinträchtigte und blinde Menschen sowie Personen mit eingeschränktem oder fehlendem Hörvermögen zu wenig.

Tastschiene: Felle, Tierspuren, Bodenqualitäten © Sistlau '09 Waldelement Luft, Geruch des Waldes ©  Sistlau '09
Die Ausstellung bietet eindeutig mehr als der Titel “WunderWeltWald” verspricht. BesucherInnen werden über den Wald informiert und gleichzeitig für die Bedürfnisse anderer BesucherInnen sensibilisiert; denn diese Ausstellung kann man mit allen Sinnen sehen, hören, riechen und tasten.

Bereichstafel Waldstockwerke Text, Audio, Video © Sistlau '09
Wie differenziert Bedürfnisse sein können, wird deutlich, wenn man Audiodeskriptionen - gesprochene Informationen inklusive Informationen zur Orientierung im Raum - hört oder auf kleinen Monitoren Zuspielungen in Gebärdensprache sieht. Ganz abgesehen davon, dass die Audiodeskriptionen für alle BesucherInnen von Vorteil sind, die lieber zuhören als lesen möchten.

Touchwall © Sistlau '09
Von Informationen werden BesucherInnen in Ausstellungen oft überflutet. Hier wird sie bedarfsorientiert angeboten. Bei individuell per Knopfdruck abgerufenen Informationen sind BesucherInnen empfänglicher für das “etwas mehr”. Interaktive Stationen sorgen darüber hinaus für abwechslungsreiche Erlebnisse.

Waldstimmung mit Monitoren und Interviews © Sistlau '09 Waldelemente und Klimakurve © Sistlau '09
Der Böhmerwald, das Original, befindet sich unmittelbar vor der Tür, die abstrahierte Form in der Ausstellung. Die moderne Inszenierung lädt zum Mitdenken ein. Sie bietet zugleich einen zeitgemäßen Kontrast zur traditionsreichen Waldwirtschaft. Auftakt macht ein Säulenwald mit Monitoren. hier werden sowohl Waldbewohner (Fuchs, Kauz, etc.) gezeigt als auch Waldnutzer (Förster, Pilzsucher etc.) mit Interviews vorgestellt. Das Keimen des Samen bis Heranwachsen eines jungen Baumes ist in neun Vitrinen verfolgbar. Gleich daneben zeigt ein 3D-Kino wie ein Baum fällt/fehlt. Vitrinen zu den Waldelementen zeigen die Bedeutung von Licht, Luft, Wasser und Boden im Wald.

Fauna und Flora des Waldes © Sistlau '09 Begehbarer Baumstamm © Sistlau '09
Zwei großzügige Raumelemente zeigen auf ihren Außenseiten die Klimakurve und die Bedeutung der Forstwirtschaft. Im Inneren umschließen sie die Themenbereiche Fauna und Flora. Bäume sind Wunderwerke der Natur. Wurzel, Stamm und Blatt eines Baumes haben differenzierte Funktionen. Drei begehbare Elemente verdeutlichen diese Aufgaben.

Waldbibliothek © Sistlau '09 Eichhörnchen © Sistlau '09
Besucher dürfen die Exponate zum Teil auch anfassen. Die empfindliche “Waldbibliothek” - ein in Buchform angelegtes Baumherbarium - ist durch eine Vitrine geschützt, aber Eichhörnchen, Fuchs und Hirsch laden zum Streicheln ein. Ein eigens entwickelter Fällsimulator erlaubt es BesucherInnen gefahrlos mit einer Motorsäge zu hantieren und sich im Holzschneiden zu üben.

Waldformen © Sistlau '09 Der Wald ist mehr als die Summe der Bäume © Sistlau '09
Egal ob Plantagen, Urwälder oder naturnahe Waldwirtschaft, der Wald ist definitiv mehr als nur die Summe seiner Bäume. Ein tolles Ausstellungserlebnis für ALLE Menschen (Universelles Design von prenn_punkt), dem nur noch gute Begleitpublikationen fehlen.

© S. Strohschneider-Laue

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Luftbildatlas: Oberer Mittelrhein

Montag, 20. Juli 2009
Non-FictionEbensolch Rez-E-zine 53/09

Philipp Meuser, Ansgar Oswald (Hgg.)
Luftbildatlas Weltkulturerbe Oberer Mittelrhein

DOM publishers 2009, 152 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 9386 6673 9

Luftbildatlas Oberer Mittelrhein Luftbildatlas Weltkulturerbe Oberer Mittelrhein (inkl. CD-ROM)

Zwischen Bingen und Koblenz zwängt sich der Rhein durch das Rheinische Schiefergebirge. Es ist eine enge und schroffe Landschaft, die eine wechselvolle Geschichte hinter sich hat. In römischer Zeit war der Rhein Grenzgebiet. Im Laufe des Mittelalters und am Beginn der Neuzeit entwickelte sich der obere Mittelrhein zur wirtschaftlichen und kulturellen Lebensader, die unter wechselnden politischen Einflüssen stand.  Insbesondere der 30jährige Krieg, der Pfälzische Erbfolgekrieg und die französischen Besetzung ab 1792 der linksrheinischen Seite hinterließen dauerhafte Spuren. Zahlreiche Festungsbauten bzw. ihre Ruinen legen für die wechselvolle Geschichte und das Bestreben überall und jederzeit - auch um den Preis des Kirchenbanns -  Zoll, Maut und Steuern zu fordern Zeugnis ab. Die zerstörerischen Kräfte der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts verschonten das Rheintal hingegen weitgehend. Daran konnten auch die anwachsende Rheinschifffahrt und der Ausbau des Eisenbahnnetzes nichts ändern. Die ungünstigen topografischen Bedingungen waren für Neugründungen und Ausbau abträglich. Dafür entdeckten die Künstler ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert das vom Weinbau und Ruinen geprägte Rheintal für sich. Sie verewigten den unwegsamen Naturraum und die Vergangenheit in ihren Werken. Die politische Bedeutung behält die Region aber stets bei, wie auch der Wiederaufbau der Burgen beweist. Vor allem König Friedrich Wilhelm IV. (1795-1861) investierte in Restaurierungen und moderne Festungsarchitektur. Und wo der Adel sich hervortat, drängten sich aufstiegswillige Bürger mit vergleichbaren Tätigkeiten hinzu. Dieser herrschaftlichen Aktivitäten und Ansiedlungen waren Anlass für den beginnenden Tourismus. In den Gründerjahren nach 1871 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs begaben sich die Gutsituierten auf die Suche nach der Rheinromantik. Bis heute ist diese Landschaft Anziehungspunkt für Touristen und aufgrund seiner historischen Bedeutung wird die Forschung mit der Aufarbeitung noch lange beschäftigt sein. Die Kulturlandschaft des Oberen Mittelrheintals wurde 2002 in das UNESCO-Welterbe aufgenommen.

Die Burgen und Ruinen drängen sich in dieser Natur- und Kulturlandschaft zwischen Bingen und Koblenz regelrecht aneinander. Mit Steckbriefen von Ansgar Oswald, Grundrissen und in außergewöhnlichen, seitenfüllenden Luftbildern von Philipp Meuser werden 28 Burgen vorgestellt. Von Burg Klopp bis Burg Kobern führt die Reise. Die zum Buch gehörige CD bietet - honorarfrei für den privaten Gebrauch - das Bildmaterial zusätzlich hochaufgelöst als JPEG (RGB).

Touristen und Burgenromantiker werden an dieser Publikation naturgemäß Freude haben. Wissenschaftler werden an dem raschen Überblick Gefallen finden. Dringend ans Herz gelegt werden muss der “Luftbildatlas Weltkulturerbe Oberer Mittelrhein” KunsthistorikerInnen. Zuletzt zeigte die Ausstellung “Rembrandt und seine Zeit” (Albertina, Wien) anhand der Bauwerken - u a. Pfalzgrafenstein - leicht identifizierbare Rheinlandschaften, die unerkannt als Fantasielandschaften angesprochen wurden. Hier kann die attraktive Publikation spielend peinliche Wissenslücken schließen.

Ein Pflichtbuch und es gibt - bis jetzt - noch zwei weitere Luftbildatlanten aus dieser Reihe.

Luftbildatlas Weltkulturerbe Oberer Mittelrhein (inkl. CD-ROM)
Luftbildatlas Entlang der Berliner Mauer: 1961 bis heute (inkl. CD-ROM)
Luftbildatlas Berliner Innenstadt (inkl. CD-ROM)

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