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Schädelkult

Mittwoch, 09. November 2011

Non-Fiction

Alfried Wieczorek, Wilfried Rosendahl (Hgg.)
Schädelkult

Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen
Publikationen der Reiss-Engelhorn-Museen 41
Schnell + Steiner 2011, 388 S, zahlr. Fotografien und Grafiken.
ISBN 978 3 7954 2454 1

Schädelkult Schädelkult: Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen

Der gewichtige Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Reiss-Engelhorn-Museum ist beispielgebend. Die herausragende inhaltliche Qualität ist optisch und haptisch in einer attraktiven Publikation umgesetzt worden. Über 50 AutorInnen aus verschiedenen Forschungsbereichen unterziehen menschliche Schädel minutiösen Betrachtungen und interpretieren deren kulturgeschichtliche Bedeutung.

Das Thema wird in fünf Kapiteln gegliedert, die Sinnvoll und Geistreich - der Schädel, Vom Neandertaler bis zur Völkerwanderung - Ein Gang durch die Vor- und Frühgeschichte, Von Schrumpfköpfen, Schädelbechern und Schillerschädeln - Ein Gang durch die Weltkulturen, Schädelfaszination heute und Schädelgalerie betitelt sind. Den einzelnen Beiträgen sind umfassende Literaturzitate angeschlossen.

Im ersten Kapitel stehen Seele-Herz-Hirn - damit Sinn und Verstand - in antiker Vorstellung (Elisabeth Ahner), Schädel als Knochenstruktur (Helmut Wicht) sowie operative Eingriffe am Schädel (Kurt W. Alt) quer durch die Zeiten im Mittelpunkt. Wahrlich spannend, was aus dem Unikat des Schädels “herausgeholt” werden kann. Einerseits wurden schon früh medizinische und philosophische Betrachtungen mit dem Kopf verbunden, andererseits wurden bereits in prähistorischer Zeit mehr (!) oder minder erfolgreiche Eingriffe im Schädelbereich vorgenommen.

Eine spannende Zeitreise durch die Vor- und Frühgeschichte wird im zweiten Kapitel unternommen. Beiträge führen von der Alt- und Mittelsteinzeit (Joachim Wahl) über das Neolithikum (Jörg Orschiedt, Andrea Zeeb-Lanz), Bronzezeit (Christiane Ana Buhl) und Eisenzeit (Axel von Berg, Béatrice Vigié) mit einem Abstecher ins Alte Ägypten (Tanja Pommering und Stan Hendricx) und zu den Skythen (Claudia Braun). Betrachtungen zur Antike (C.B.) und Spätantike (Gerhard Hotz) schließen den genialen Überblick. Schädelkult, Kannibalismus, der Ritualplatz von Herxheim, Masken und Schädeldeformationen sind nur einige Aspekte, die berücksichtigt werden.

Der Blick auf die Weltkulturen im dritten Kapitel wirft Schlaglichter aus Afrika (Andrea Schlothauer), Asien (Katja Müller, Paolo Maiullari, Richard Kunz, A.S.), Ozeanien (Bernd Leicht, Alexandra Wessel, Antje Kelm, Wilfried Rosendahl, Christian Fink, Heaether Gill-Frerking, Thomas Henzler, Markus Monreal, Stefan Schlager, Ursula Wittwer-Backofen), Nord und Mesoamerika (Martin Schultz, Nikolaus Stolle, Ursula Thiemer Sachse, W.R., Sinas Steglich) Südamerika (A.S., Anna-Maria Begerock, Virgina und Michael Tellenbach, Sabine Bernschneider-Reif, Timo Gruber, Reiner Sörries, Dario Piombino-Mascali, Alber Zink, Ulrike Neurath-Sippel, Eva-Maria Günther, Elisabeth Ahner, Rudolf Maurer, U.W.-B., Daniel Möller, Uwe Hoßfeld, W.R., Gisela Gruppe, Marina Vohberger). Kopfjagd, Schädelschmuck, Skalps, Kristallschädel und Schrumpfköpfe zeigen u. a. vielfältige Rituale rund um Triumph und Trauer in außereuropäischen Kulturen auf. Während Heilmittel, religiöse und weltliche Reliquien sowie Rassenkunde Beispiele für europäischen Schädelkult sind.

Der ungebrochenen Schädelfaszination in der Gegenwart wird im vorletzten Kapitel Rechnung getragen. Die schwarze Szene (C.A.B.), das Totengedenken in Mexiko (Ulrike Umstätter), Kriminalistik (U.W.-B.), Hirnforschung (Hans Günter Gassen) und Totenkopfsymbolik (Magdalena Pfeifenroth) sind hier die zentralen Themen. Tristesse und Zuckerwerk, Kriminalistik und Forschung sowie Symbolkraft stehen für die breitgefächerte, moderne Schädelfaszination.

Mit der Schädelgalerie schließt das fünfte Kapitel. Als Highlights zur Ausstellung (Doris Döppes, A.-M.B., D.M., W.R., A.S., A.W.) werden herausragende Beispiele wie z. B. Trophäenköpfe und künstlich deformierte Schädel aus Peru oder für die Aufbewahrung im Beinhaus bemalte Schädel aus Hallstatt in Österreich in hochwertiger Fotoqualität inklusive Kurzinformationen gezeigt.

Autorenregister und Bildnachweis beschließen den - auch durch seine übersichtliche und attraktive Gestaltung - hochwertigen Band. Ein Pflichtkauf in Fachkreisen und für kulturgeschichtlich Interessierte ebenso.

© S. Strohschneider-Laue

Schädelkult Schädelkult: Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen

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220 Jahre Moorarchäologie

Donnerstag, 03. November 2011

Non-Fiction

“O, schaurig ist’s übers Moor zu gehn …”
220 Jahre Moorarchäologie
Schriftenreihe des Landesmuseums Natur und Mensch Oldenburg 79
Philipp von Zabern 2011, 260 S, zahlr. Fotografien und Grafiken.
ISBN 978 3 8053 4361 9

O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn. 220 Jahre Moorarchäologie

175 Jahre Oldenburger Landesmuseum Natur und Mensch ist Anlass die Bedeutung der Moorarchäologie seit 220 Jahren aufzuzeigen. Die Begleitschrift zur Ausstellung im Landesmuseum Natur und Mensch in Oldenburg 2011 widmet sich dem Thema Moorarchäologie.

In acht gut strukturierten Kapiteln mit jeweils beigefügtem Literaturverzeichnis werden archäologische Forschungen rund ums Moor vorgelegt. Die spektakulärsten - aber nicht unbedingt immer aufschlussreichsten - Funde sind Moorleichen, sie  werden in diesem Band ausgespart. Der Faszination Moorleichen ist nämlich ein eigener Band gewidmet worden.

Carsten Ritzau und Lena Strauch setzen sich einleitend mir dem Hochmoor als einmaligen Lebensraum und “nassen Geschichtsbuch” auseinander. Von der Moorentstehung über den Lebensraum bis hin zur Bedeutung von Mooren als einzigartige archäologische Tresore spannt sich der inhaltliche Bogen. Ein komprimierter Überblick über die einzigartige (Fund-)Landschaft.

Mystische Moorlandschaften stehen zusätzlich noch bei Lena Strauch im Mittelpunkt. Zwischen wirtschaftlicher Nutzung und künstlerischer Inspiration bieten Moore eine weite Spanne für Realität und Fantasie.

Frank Both und Mamoun Fansa, die auch für den Band “Faszination Moorleichen” verantwortlich zeichnen, bieten in zwei Kapitel Überblicke über Moorwege und ihre Forschungsgeschichte im Weser-Ems-Kreis. Moore sicher und schnell zu durchqueren, war zu allen Zeiten ein Anliegen. Die dazu angelegten Bohlenwege sind der Forschung schon lange bekannt. Ihre Bauweise und ihr feuchtbodenbedingter exzellenter Erhaltungszustand bieten der Forschung mehr Erkenntnisse als so manch anderer zur Sensation aufgeblasener Einzelfund.

Vier hölzerne Übungsschwerter stellt Philipp Roskoschinski vor. Die durch sie gewonnen Einblicke in die militärische Ausbildung im Babaricum der älteren Römischen Kaiserzeit, spricht für ein regelmäßiges Waffentraining.

Frank Both unterzieht Rad und Wagenentwicklung einer genaueren Betrachtung. Aus Wagenresten, die  quer durch die Urgeschichte bis in das Mittelalter nachgewiesen wurden, sind Rückschlüsse auf Transport und Verkehr möglich. Eine Reihung dieses Beitrags im Anschluss an die Ausführungen über Bohlenwege wäre m. E. thematisch sinnvoller gewesen.

Erhard Cosack stellt Überlegungen zu einem Brotopfer beim Bohlenweg XII (Ip) im Ipweger Moor an. Vom am Schreibtisch interpretiertem Brotopfer bis zum im Experiment verwendeten Achsfett”brot” reichen die interessanten Ausführungen.

Zuletzt wird noch das “Erfolgsmodell Einbaum” von Christina Wawrzinek näher beleuchtet. Denn auch diese sind aus Feuchtgebieten des Oldenburgerraumes bekannt und werden hier katalogsystematisch vorgestellt.

Der Band bietet einen guten Überblick über die Feuchtbodenfunde und den Forschungsstand in Nordwestdeutschland. Deutlich wird dabei, wie wesentlich organische Reste zum Klären offener chronologischer, wirtschaftlicher und ganz allgemein lebenspraktischer Fragen beitragen. Spannend aufbereitet und somit für Fach- und Laienpublikum gleichermaßen wertvoll.

© S. Strohschneider-Laue

O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn. 220 Jahre Moorarchäologie

Siehe auch:

Faszination Moorleichen. 220 Jahre Moorarchäologie

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Faszination Moorleichen

Donnerstag, 03. November 2011

Non-Fiction

Frank Both und Mamoun Fansa
Faszination Moorleichen
220 Jahre Moorarchäologie
Schriftenreihe des Landesmuseum Natur und Mensch 80.
Philipp von Zabern 2011, 119 S, zahlr. Sw- und Farbfotografien.
ISBN 978 3 8053 4360 2

Faszination Moorleichen. 220 Jahre Moorarchäologie

Im Rahmen der Ausstellung 220 Jahre Moorarchäologie im Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg sind zwei Begleitschriften erschienen. Vorliegende stellt die Moorleichen aus dem Weser-Ems-Raum in den Mittelpunkt.

Moorleichen sind ein steter Quell überraschender Erkenntnisse, die weit über das Erscheinungsbild des Menschen zwischen Eisenzeit und Mittelalter hinausgehen. Zugleich werfen sie leider oft mehr Fragen auf, als sie Antworten liefern. Was auch daran liegt, dass sie zumeist Zufallsfunde ohne ideale wissenschaftliche Bergungsbedingungen sind. Für die Ausstellung konnten jedenfalls neue Untersuchungen vorgenommen werden, deren Ergebnisse in diesem Band - inklusive einer Überschau aller bisherigen Funde - vorgelegt werden.

Komplette Moorleichen, ein Zopf, ein Hautstück sowie ein Knochen in einem Schuh bieten ganz unterschiedliche Aspekte zum Tod der einzelnen Individuen. Auch die Beifunde, der Beitrag von Julia Gräf widmet sich minutiös dem Fellumhang der Kayhauser Moorleiche, lassen nicht automatisch durch ihre exzellente Erhaltung einen allgemeingültigen “modischen” Rückschluss auf den gesamten Zeithorizont zu. Fundumstände, Erhaltungsbedingungen und Interpretationen, die sich im Laufe der Zeit - nicht nur aufgrund labortechnischer Möglichkeiten - verändern, zeigen, wie schwierig es ist, mit diesen spektakulären Funden zu verfahren. Andererseits ist der im Moor beerdigte 1828 verstorbene Hausierer Jan Spieker für die Archäologie ein wunderbares Beispiel dafür, wie Erhaltungs- und Verfallsprozesse im Moor in einem exakt überschaubaren Zeitrahmen ablaufen. Dennoch sorgen von der Analyse über Interpretation bis hin zur Präsentation im musealen Rahmen Leichen(teile) aus Mooren immer wieder für neuen Diskussionsstoff.

Der Verdienst des Bandes ist es, die historischen Fakten von Fund und Befund inklusive reichen Bildmaterials, durch ein Literaturverzeichnis abgerundet, vorzulegen und diese durch aktuelle Untersuchungen zu ergänzen. Der wichtige Beitrag zur Moorarchäologie ist zugleich auch breitenwirksam vorgelegt und kann daher dem interessierten Laienkreis ebenfalls empfohlen werden.

© S. Strohschneider-Laue

Faszination Moorleichen. 220 Jahre Moorarchäologie

Siehe auch:

O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn. 220 Jahre Moorarchäologie

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Die Höhle der vergessenen Träume

Mittwoch, 19. Oktober 2011

Notiz

Die Höhle der vergessenen Träume - Film
Film von Werner Herzog Frankreich/USA/Großbritannien/Deutschland 2010, 90′, 3D, Kinostart 4. November ‘11.
Trailer

Die Sondervorführung des Films “Höhle der vergessenen Träume” fand im Haydnkino statt. Zu dieser Preview, die zusätzlich zum Pressetermin abgehalten wurde, waren insbesondere ArchäologInnen eingeladen.

Im Mittelpunkt des Films steht die Grotte Chauvet in Südfrankreich. Die Höhle, die den Namen des Höhlenforschers und Entdeckers Jean-Marie Chauvet trägt, wurde erst Ende 1994 entdeckt. Sie offenbarte eine erstaunliche Menge und Vielfalt an erstklassig erhaltener, altsteinzeitlicher Höhlenkunst, deren Alter die bisher bekannten Malereien wie z. B. in Lascaux übertrifft. Die ältesten Bilder entstanden in der Zeit vor 35.000-32.000 Jahren, die jüngsten vor rund 25.000 Jahren. Ein Felssturz vor 22.000 Jahren, der die Höhle verschloss, verhinderte seither das Betreten des Gangsystems durch Menschen, trug aber zugleich zum guten Erhaltungszustand der Kunstwerke bei. Der restriktive Zugang, nur einem ausgewählten Wissenschaftsteam ist es vorbehalten die Höhle zu Forschungszwecken zu betreten, soll dazu beitragen, dass der Höhle nicht der derselbe Verfall droht, wie jener von Lascaux. Dort waren die Bilder von 1948 bis 1963 zu viel Licht, Wärme, Besuchsströmen und damit der Schimmelbildung ausgesetzt und konnten nur durch aufwendige Restaurierungsarbeiten vor dem vollständigen Verlust bewahrt werden. In der über 8.000 m² großen Chauvet-Höhle befinden sich vier Säle, an deren Wänden zahlreiche Tiere (u. a. Mammuts, Wollnashörner, Rentiere, Großkatzen, Bären, Hyänen) sowie Symbole und Handabdrücke zu sehen sind. Auf dem Höhlenboden hat sich eine menschliche Fußspur erhalten. Knochenfunde - vor allem von Höhlenbären - komplettieren das Fundspektrum aus der Höhle.

Interessierten war es bisher nur möglich wissenschaftliche Publikationen und Berichte zu verfolgen, um den Stand der Dinge rund um die Chauvet-Höhle zu erfahren. Der große Verdienst des Filmes ist es daher, einen 3D-Eindruck des reichen Bildschatzes zu vermitteln, der aus Denkmalschutzgründen nur wenigen Menschen zugänglich gemacht wird. Mit dem Film “Die Höhle der vergessenen Träume” werden 3D-Eindrücke der Höhle nach außen gebracht, die kein  Printmedium in diesem Ausmaß bieten kann. Dafür erträgt man im Kino gerne eine zusätzliche Brille. Erfreut sich das Fachpublikum auch an dem ausführlich gebotenen Überblick im Inneren der Höhle, so schränkt sich die Freude bei der Interpretation, die weit über den wissenschaftlichen Rahmen hinausgeht, deutlich ein. Woran es auch liegen mag - seien es sprachliche Missverständnisse,  Interviewmethoden oder mediale Ungeschicklichkeit der WissenschaftlerInnen - es gibt wissenschaftlich Unbelegbares, erzählerisch Unnötiges und zukunftsorientiert Spekulatives, das in einer an sich seriösen Dokumentation nichts verloren hat. Andererseits ist es ein Film von Werner Herzog. Er lebt seinen Hang zu poetischen Bildern, mystischen Zusammenhängen und zu spirituell angehauchter Musik aus und bringt andere dazu, es ihm gleichzutun - zumindest solange bis er sie bei seiner Vision von sprechenden Atom-Krokodilen im Epilog endgültig verliert.

© S. Strohschneider-Laue

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Sitularia - Klänge aus der Hallstattzeit

Sonntag, 09. Oktober 2011

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Michaela Lochner (Hg.)
mit Beiträgen von Alexandrine Eibner, Michaela Lochner, Albin Paulus und Beate M. Pomberger
Sitularia
Klänge aus der Hallstattzeit

ÖAW 2011, 1 CD, Laufzeit 40′31”, 104 S. farbig mit Fotos und Zeichnungen illustriertes Booklet
ISBN 978 3 7001 7002 0

Sitularia - Klänge aus der Hallstattzeit Sitularia: Klänge aus der Hallstattzeit

Das Archäologinnen- und MusikerInnenteam um die Herausgeberin Michaela Lochner lädt zu einer Ohrenreise in die Klangwelt vor mehr als 2.500 Jahren ein. In minutiöser Zusammenarbeit werden die Mittel der Musikarchäologie voll ausgeschöpft, um das Spektrum der Instrumente als auch das damit verbundene Klangerlebnis zu rekonstruieren.

Die Hinweise auf Musikinstrumente aus der Hallstattzeit (ca. 800 -500 v. Chr.) sind spärlich. Obwohl der kulturelle Raum von Ostfrankreich bis in das Karpatenbecken und von Norditalien über Adria bis Balkanhalbinsel reicht. So stehen mehr Bildquellen als tatsächliche Reste von Musikinstrumenten zur Auswertung zur Verfügung. Seiten-, Blas- und Rhythmusinstrumente, die zum Teil eine Tradition bis in die Gegenwart haben, sind in Form und in Spielweise nur bedingt rekonstruierbar.

Das zugehörige Booklet - eigentlich eine ausgewachsene Publikation mit gehaltvollen 104 Seiten - bietet in drei Kapiteln einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand. Im ersten Kapiteln wird die Quellenlage vorgestellt. Erstaunlich aus wie vielen winzigen Details - meist Abbildungen auf Tongefäßen sowie Metallarbeiten und weniger tatsächliche Überreste von Objekten - Instrumente rekonstruiert werden können, wobei der Gesang, das natürlich gegebene Instrument, am schwersten fassbar wird. Diese Bildquellen werden im zweiten Kapitel einer genaueren Betrachtung unterzogen. Da sie auch Einblicke in Alltag und Feste gewähren und damit deutlich werden lassen, wann, wo, wie und von wem musiziert wurde. Dem Instrumentenbau ist das dritte Kapitel gewidmet. Rekonstruktion von Instrumenten ist eine große Herausforderung, die neben den archäologischen Quellen auch historische, ethnologische Vergleiche zieht und einen großen Part musikalische Erfahrung berücksichtigt. Anmerkungen und ein umfangreiches Literaturverzeichnis beschließen den archäologischen Publikationsteil. Die letzten 20 Seiten sind den Musikstücken, dem Ensemble Cantlon und den Biografien gewidmet.

Das Ensemble Cantlon (Albin Paulus, Nadège Lucet, Niki Fliri, Patrick Feldner) sowie Gastmusikerin Beate Maria Pomberger und Dichter David Stifter haben die ältere Eisenzeit auf der CD anklingen lassen. Rund 40 Minuten hallstattzeitliche Klangsphäre begleiten das Lesevergnügen. Erstklassige Musik mit dem “Gerne-wieder-hören-Faktor”, die sicher häufiger gespielt werden wird.

Die Kombination aus wissenschaftlicher Publikation und Klangsphäre ist jedenfalls einzigartig. Dazu kommt noch der optische Genuss durch exzellente Bebilderung und grafische Gestaltung.

© S. Strohschneider-Laue

Sitularia: Klänge aus der Hallstattzeit

Höre auch:
Knochenklang: Klänge aus der Steinzeit

Ensemble Cantalon: Syrinx, Leier & Co.


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Textilkunst

Dienstag, 06. September 2011

Non-Fiction

Karina Grömer
Textilkunst in Mitteleuropa
Geschichte des Handwerks und der Kleidung vor den Römern
 
Mit Beiträgen von Regina Hofmann-de Keijzer (Färben) und Helga Rösel-Mautendorfer (Nähen).
Veröffentlichungen der Prähistorischen Abteilung (VPA) 4

Naturhistorisches Museum Wien 2010, 474 S., 474 Seiten mit über 200 Fotos, Grafiken und Illustrationen.
ISBN 978 3 9024 2150 0
ISSN 2077 - 3943

Prähistorische Textilkunst Prähistorische Textilkunst in Mitteleuropa

Die Leichtigkeit des Textes lässt kaum vermuten, dass die kulturhistorisch spannende Publikation aus einem internationalen Forschungsprojekt resultiert. Das EU-Projekt „DressID ‒ Clothing and Identities. New Perspectives on Textiles in the Roman Empire“, ermöglichte die genaue Untersuchung vorrömischer Textilien am Naturhistorischen Museum Wien.

Fünf gut untergliederte Kapitel führen interessierten Laienkreis und wissenschaftliches Fachpublikum gleichermaßen in den aktuellen Forschungsstand rund um das Textilhandwerk ein. So bietet die Einführung einerseits Basiswissen zum urgeschichtlichen Mitteleuropa und andererseits fundierte Grundlagen rund um prähistorische Textilfunde. Chronologietabelle, Lebensbilder und zahlreiche Fotos ergänzen den Text.

„Handwerkstechniken ‒ von der Faser zum Stoff” präsentiert den gesamten Herstellungsablauf vom Rohmaterial über Aufbereitung, Verarbeitung und Veredelung bis hin zum genähten Endprodukt von Textilien. Bestechend ist das erarbeitete Schema, das zusätzlich zu zahlreichen Grafiken und Fotos die Arbeitsabläufe leicht nachvollziehbar sowie optisch gut fassbar macht.

Das archäologische Fundmaterial besteht selten aus ganz erhaltenen Textilien. Zumeist sind nur winzige “Stofffetzen” erhalten geblieben. Dass sich daraus dennoch Herstellungstechniken, Produktionsabläufe und Vertriebsstrukturen rekonstruieren lassen, ist minutiösen Analysen zu verdanken. Überraschend offenbaren sich dabei Produktionsniveaus, soziologische Aspekte sowie der enorme Stellenwert der Textilproduktion, dessen Arbeitsanteil im Tagespensum hoch war.

Textilien wurden nicht nur für Bekleidungszwecke erzeugt. In prähistorischer Zeit war der Gebrauch in allen Lebensbereichen üblich und schloss somit auch das Totenbrauchtum ein. Textilien waren aufwendig herzustellen und daher wertvoll. Flicken und recyceln von Geweben bis zum endgültigen Verschleiß waren selbstverständlich. Das Schema zur Gewebeverwendung macht die zahlreichen Primär- und Sekundärnutzungen deutlich.

Der Bekleidung wird auch aus trachtgeschichtlichen Gründen Aufmerksamkeit zuteil. Chronologisch gegliedert und über den Textilanteil hinausgehend vermittelt die Autorin, aus wie vielen zeitlich und räumlich verteilten Quellen kostümkundliche Rekonstruktionen schöpfen. Dieses Gewebepuzzel ist zu lückenhaft, um allgemeingültig zu sein. Neben zahlreichen Beispielen werden Bekleidungsreste - ein Ausnahme-Ensemble - der Gletschermumie vom Hauslabjoch „Ötzi” ausführlich vorgelegt.

Eine kurze englische Zusammenfassung rundet den Band ab. Im Anhang sind das benutzerfreundliche Glossar zu textilkundlichen und archäologischen Begriffen, das Abbildungs- und das umfangreiche Literaturverzeichnis sowie Namens-, Orts- und Sachregister zu finden.

Ein großer Verdienst des Werkes ist es, publikumswirksam das Vorurteil einer in grau-braune Wolle gehüllte Urgeschichte zu einer Vorstellung zu wandeln, die designreiche und farbenfrohe Stoffvielfalt vorzieht. Der vorgelegte aktuelle Forschungsstand belegt, dass ausgefeilte Techniken, kreative und organisierte Schaffensprozesse bei einer erstaunlich vielfältigen Produktpalette bereits in prähistorischer Zeit Standard waren. Die großzügige Illustration von Produktions- und Nutzungsprozessen runden den Lesegenuss optisch perfekt ab.

Ein unverzichtbares Standardwerk!

© S. Strohschneider-Laue

Prähistorische Textilkunst in Mitteleuropa


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G.E.L.D

Freitag, 22. Juli 2011

Non-Fiction

Christopher Howgego 
Geld in der Antiken Welt 
Eine Einführung

Philipp von Zabern 2011², 229 S., zahlr. Sw-Fotos
ISBN 978 3 5342 3940 5

Geld in der antiken Welt Geld in der Antiken Welt: Eine Einführung

Numismatiker und Studierende Alter Geschichte und archäologischer Disziplinen kommen an diesem Buch nicht vorbei. Zum einen, da Geld als “drittes Gut” historischen Abläufen eine eigene Dynamik verleiht und zum anderen dieses auch alle anderen nichtmonetären Gemeinschaften nachhaltig beeinflusst. Darüber hinaus darf nicht vergessen werden, dass Münzen nicht nur eine Datierungshilfe sind, sondern auch sonst schwer fassbare politische Geschehnisse dokumentieren und ökonomische Verhältnisse und Netzwerke offenbaren.

Die Stärken des Buches offenbaren sich bereits in seiner zielgerichteten Gliederung und seinem Hauptaugenmerk auf geldhistorischen Fakten, die letztlich auch in modernen nationalökonomischen Strukturen nachvollziehbar werden.

Die sechs Kapitel widmen sich
•Geld (Geschichte des Münzgeldes, gesellschaftliche Veränderungen, Gebrauch in Athen und Rom),
•Münzprägung (Metallvorkommen, Münzstätte, Emissionen, Prägegründe, Prägung und Staatshaushalt),
•Großreiche (Münzprägung und Imperialismus, Athen, Persien, Philipp II und Alexander, Seleukiden, Ptolomäer, Attaliden, Rom),
•Politik (Münztypen und Politik, Repräsentation in Griechenland und Rom, Typenwahl und Intention, Publikum und Rezeption, Bildrepertoire und Sprache), Themen der Macht (Göttlichkeit, Legitimation und Nachfolge, kaiserliches Bildrepertoire, Ideologie der Wohltätigkeit),
•Geldumlauf (Überlieferung und Grenzen, Gründe des Umlaufs, archaische Zeit, spätklassische und hellenistische Zeit, römische Zeit - städtisch und regional, Ausfuhr, Chronologie, Analyse, Dezentralisierung),
•Krise (Athen und Rom, Währungen unter Druck, römische Geldmanipulation, Inflation - Geldmenge, Münzverschlechterung, Geldreform-, Krise des 3. Jh.).

Das ebenso fundierte wie exzellent strukturierte Werk wird durch einen umfangreichen und benutzerfreundlichen Anhang inkl. Register komplettiert. Das ohnedies schon komplexe Literaturverzeichnis wird zusätzlich mit der nach 1996 erschienen Publikationen in den Literaturnachträgen ergänzt und kapitelbezogen auf den aktuellen Forschungsstand gebracht. Der Tafelteil belegt die Kapitel in perfekter Auswahl und Bildqualität.

Eine unersetzliche Pflichtpublikation, die in der aktualisierten Neuauflage nochmals gewonnen hat.

© S. Strohschneider-Laue

Geld in der Antiken Welt: Eine Einführung


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Wikinger Kochbuch

Montag, 27. Juni 2011

Non-Fiction

Saeta Godetide, Carolin Küllmer 
Wikinger Kochbuch 
J. Neumann-Neudamm, FEL!X 2011, 161 S., zahlr. Farbfotos.
ISBN 978 3 7995 0859 9

Wikinger Kochbuch Das Wikinger-Kochbuch

Aus wenigen Epochen liegen Küchenrezepte vor, auf die man bei seinen Recherchen aufbauen kann. Kochbücher, wie das des römischen Starkochs Apicius, haben quer durch die Geschichte Seltenheitswert. Hinter historischen Kochbüchern steckt daher sehr viel Arbeit. Es gilt in Originalquellen zu recherchieren, Funde und Befunde von Ausgrabungen zu analysieren und mit viel Sachkenntnis rund um die zeitgenössische Flora und Fauna sowie mit Geduld zu experimentiert. Nicht zuletzt gilt es persönliche Opfer zu bringen, wenn es um das Verkosten der Erstversuche geht. Dass sich alle diese Mühen lohnen, zeigt das vorliegende Buch.

Dass die beiden Autorinnen nicht im luftleeren Raum ihren Brei rührten, belegen die Einführungskapitel. Zuerst werden Zeitrahmen, Umfeld und Bewohner vorgestellt; denn über die Wikinger kursieren zwar unausrottbare Gerüchte, aber um so weniger bekannte Gerichte. Göttermythen, Ausgrabungsfakten und vor allem eine riesige Portion Reenactment-Erfahrung liefern eine nachvollziehbare Basis, die es auch ermöglicht, selbst eine Lagerküche auszustatten.

Der übersichtlich gestaltete Rezeptteil folgt der heutigen Tradition, das Essen mit der Suppe beginnen zu lassen und es nach der Hauptspeise mit dem Dessert zu beenden. 50 Rezepte mit Angaben wie viele (oft sehr viele!) Personen man damit verköstigen kann und wie viel Aufwand es bedeutet, diese Speisen über einem offenen Feuer zu kochen, lesen sich wie ein appetitlicher Erfahrungsbericht. Lebenspraktisch und nachvollziehbar sind die Beschreibungen, die selbstverständlich auch in einer modernen Küche zubereitet werden können. Zahlreiche Fotos begleiten die Rezepte, sodass an einem appetitlichen Ergebnis kein Zweifel aufkommen kann.

Wildkräuter- und Brotsuppe, Sauerteigbrot mit Kräuterquark, Gemüsespieße, Dinkelsalat oder vegetarische Buletten erfreuen auch Vegetarier. Fleisch in Unmengen kam nämlich auch bei den Wikingern nicht auf den Tisch. Aber Fisch ist ja auch nicht zu verachten. Allein die Heilbuttsuppe und die Fischbällchen sind es wert, das Fleisch stehen zu lassen. Andererseits mag auch ein Fleischtopf mit Rotkohl, ein Methuhn oder Hammel  mit Kohl viele Anhänger gewinnen. Hirsebrei, Eierkuchen und Holundersuppe mit Grießklößchen ist hingegen der Traum für alle Leckermäulchen. Andere Spezialitäten polarisieren wahrscheinlich. Gesengter Lammkopf und der berüchtigte fermentierte Hai sind eher etwas für unverdrossene und mutige Esser.

Nützliche Tipps abseits der Rezepte schließen sich zuletzt an. Wann man am besten zu Wildfrüchten und Kräutern kommt, verrät der Sammelkalender und Saetas Einkaufsliste sollte man wie eine Gabe der guten Küchenfee beherzigen. Literaturliste und Internetverweise beschließen das ebenso lebensfroh wie reich bebilderte Wikingerkochbuch inhaltlich.

© S. Strohschneider-Laue

Das Wikinger-Kochbuch


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Die Eiszeit

Mittwoch, 12. Mai 2010

Brian M. Fagan (Hg.) 
Die Eiszeit 
Leben und Überleben im letzten großen Klimawandel 

Theiss 2009, 240 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8062 2287 6

 Die Eiszeit: Leben und Überleben im letzten großen Klimawandel

Eiszeiten sind ein wiederkehrendes Klimaphänomen. Der Wechsel zwischen kalt-trockenen und warm-feuchten Perioden zeichnet den Verlauf von Eiszeiten aus. Die Veränderungen des Lebensraum beeinflusste die Entwicklungsgeschichte des Menschen wesentlich. Die letzten zwei Millionen Jahre klimatischen Unbill waren zu bewältigen, ob das bei der derzeitigen Rasanz des Klimawandels auch so sein wird, wird in diesem Band ebenfalls hinterfragt.

Der Anthropologe Brian M. Fagan, der Geograf Mark Maslin, der Spezialist für das Leben in arktischen und alpinen Umweltbedingungen John F. Hoffecker sowie die Archäologin und Paläontologin Hannah O’Regan unterziehen die “Eiszeit” einer genauen Analyse. In acht Kapitel, fantastischen Fotos und gut fassbaren Grafiken führen sie in die Eiszeitforschung und die damit verbundene Problematik ein. Der Bogen spannt sich von der Entdeckung und Erforschung der Eiszeit über die die Tierwelt und die Menschheitsgeschichte bis hin zu einem Ausblick in die klimatische Zukunft.

Die eindeutige Stärke des Buches liegt in der klaren Sprache und der damit verbunden leichten Fassbarkeit des anspruchsvollen Inhalts. Die gute Struktur sowie die überwältigende Fülle von exzellenten Fotos und Grafiken machen das Buch zu einem ansprechenden Reiseführer in die klimatische Situation der letzten zwei Millionen Jahre.

Die ausschließlich englische Literaturliste bietet Möglichkeiten sich vertiefend mit der Materie zu befassen. In Anbetracht, dass hauptsächlich interessierte Laien Zielpublikum des Bandes sind, wäre eine Ergänzung aktueller deutschsprachiger Literatur - auch aus dem Programm des Theiss Verlags - wünschenswert und auch möglich gewesen. Das benutzerfreundliche Register beschließt den empfehlenswerten Band.

© S. Strohschneider-Laue

Die Eiszeit: Leben und Überleben im letzten großen Klimawandel 

siehe auch:
Wetter, Klima, Menschheitsentwicklung: Von der Eiszeit bis ins 21. Jahrhundert 
Klimatologie: Klimaforschung im 21. Jahrhundert - Herausforderung für Natur- und Sozialwissenschaften 
Antarktis: Forschung im ewigen Eis 
Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa. Sonderausgabe: Von der Eiszeit bis zur Gegenwart Kulturgeschichte des Klimas: Von der Eiszeit zur globalen Erwärmung
Die Neandertaler: Auf dem Weg zum modernen Menschen 
Mammut, Mensch & Co.: Steinzeit in der Eiszeit

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Ötzi, die Räter und die Römer

Dienstag, 04. Mai 2010

Non-Fiction

Luisi Righi, Stefan Wallisch
Ötzi, die Räter und die Römer
Folio 2009, 175 S., zahlr. Farbfotos und Karten
ISBN 978 3 85265 486 9

 Ötzi, die Räter und die Römer

Wandern ist kurzweilig und lehrreich, wenn es mehr als nur Bewegung im Freien ist. Die vorliegenden archäologischen Ausflüge Südtirols lohnen sich daher sowohl für Bewegungsfreudige wie Bildungshungrige. Südtirol hat in jeder Hinsicht viel zu bieten. Es ist landschaftlich reizvoll, klimatisch überraschend vielfältig und bietet archäologisch ab der Steinzeit ein breites Spektrum an Sehenswürdigkeiten.

Das Autorenteam dieses Bandes schlägt 46 archäologische Wanderungen in Südtirol - mit dem Herzstück des Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen - vor, die es sprichwörtlich “in sich” haben. Zehn Schwerpunkte gliedern die Wanderungen, die auch einen Abstecher nach Osttirol inkludieren. Den Auftakt machen Exkursionen zum Archäologie Museum in Bozen sowie zum berühmten Südtiroler “Ötzi” und in seinen Lebensraum.  Jagd, Wohnen, Handwerk und Waffen, Götter, Steine, Räter, Römer, Antike Straßen und Begegnungen, die Archäologie und Mysterium verbinden, sind die nachfolgend aufgegriffen Themenbereiche.

Der praktische und strapazfähige Begleiter, passt in jedes Wandergepäck. Die gut struktuierten Überblicksinformationen kombiniert mit praktischen Tipps, guten Fotos, übersichtlichen Wegbeschreibungen und kleinen Karten bieten eine solide Basis und machen Lust auf mehr. Die gewünschte “Mehrinfo” bieten die Museen, die in den Wanderrouten eingebunden sind. Streckenangaben, Rastmöglichkeiten und andere wichitige Informationen werden unter “kurz & bündig” zu jedem Routenvorschlag benutzerfreundlich am Ende zusammengefasst. In den ausklappbaren Umschlagseiten verbergen sich Pläne und die numerisch kartierten Sehenswürdigkeiten. Literaturhinweise runden den kompakten Reiseführer zur Archäologie in Südtirol ab.

© S. Strohschneider-Laue

Ötzi, die Räter und die Römer

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Tag des Denkmals: Kreativität & Innovation

Freitag, 18. September 2009

Notiz

Tag des Denkmals 2009
Kreativität und Innovation
Bundesdenkmalamt
25. September ‘09 - Denkmaltag für Schulen
27. September ‘09 - Denkmaltag für Alle

Seit elf Jahren wird auch in Österreich der Tag des Denkmals durchgeführt - und das sehr erfolgreich. Am 25. September findet ein eigener Termin für Schulen mit speziellem Programm statt. Der 27. September ist für alle Interessierten organisiert worden.

Das diesjährige Programm steht unter dem Motto “Kreativität und Innovation” und verspricht in allen Bundesländern außergewöhnliche Einblicke. Einblicke, die sowohl die Arbeit des Bundesdenkmalamtes, als auch die Arbeit und Attraktionen hinter den Kulissen betreffen. Das Angebot ist so vielfältig wie die Aufgaben der obersten Denkmalschutzbehörde Österreichs. Da für einige Programmpunkte Anmeldungen erforderlich sind, lohnt es sich rechtzeitig die Folder (siehe unten) der Bundesländer durchzusehen und aus über 200 Veranstaltungsorten zu wählen.

Exemplarisch für die Angebote, die von der Urgeschichte bis in die Gegenwart reichen, soll an dieser Stelle u. a. die revitalisierte Brenner-Wohnung genannt werden. Der Architekt entwarf in den 20er Jahren einen bis zu den Möbeln in den Wohnungen durchgestylten Wiener Gemeindebau. Das überraschend moderne, funktionale Design auf 38 m² wird in seinem Nutzfaktor bestätigt, da der Architekt selbst in dieser Wohnung lebte. In Aschach an der Donau (OÖ) kann man seine Erlebnisse in Schloss und Museum zusätzlich beim Ortsrundgang um den barrierefreien Kulturwanderweg bereichern oder in Feldkirch (Vbg.) den Dachboden der Dompfarrkirche Hl. Nikolaus betreten.

Zusätzliche Würze erhält der Tag des Denkmals durch die erste Ausgabe der Publikumszeitschrift “Denkmal heute”, die an diesem Tag gratis in ganz Österreich an die BesucherInnen “Tag des Denkmals” verteilt wird. Zweimal jährlich soll das neue Magazin in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Gesellschaft der Denkmalfreunde herausgegeben werden. Abonnements können ab sofort per Kontaktformular beim Bundesdenkmalamt bestellt werden.

Fazit: Unbedingt hingehen!
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© S. Strohschneider-Laue

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Archäologie: Europäische Straßen

Mittwoch, 16. September 2009

Non-Fiction

Thomas Szabó (Hg.)
Die Welt der europäischen Straßen
Von der Antike bis in die Frühe Neuzeit
Boehlau 2009, Dt., Eng., Fr., Ital., Span., 378 S., sw. Abb.
ISBN 978 3 4122 0336 8

 Die Welt der europäischen Straßen: Von der Antike bis in die Frühe Neuzeit

Eine urgeschichtliche, antike oder mittelalterliche Straße ist mehr als eine interessante und oft schwer nachweisbare Baustruktur. Wege und Straßen stellten - oft über weite Strecken - vielfältige Verbindungen her. Dabei darf nicht vergessen werden, dass großräumige Straßennetze bis in die Gegenwart hinein nur vordergründig zum Transport von Handelsgütern und dem Personenverkehr dienen. Straßen ermöglichten in Zeiten vor der Entdeckung moderner Kommunikationsmittel wie der Telegraphie raschen Austausch von Informationen und Befehlen sowie dem Militär effiziente Truppenverschiebungen. Genau aus diesen Gründen war - und wird - die staatliche Finanzierung von Hauptverbindungen gewährleistet, während das Nebenstraßensystem mehr oder minder ein Anrainerproblem blieb. Nicht überschätzt werden darf der Personenverkehr, der selbst in Knotenpunkte wie der Großstadt Byzanz, in der Fernhandelswege und Heerstraßen eine Rolle spielten, gering war. Ein bedeutender Faktor ist der mit guten Straßen einhergehende wirtschaftliche und kulturelle Austausch, wobei der “Ideentransport”, der ebenfalls von den Straßen profitierte, am schwersten wissenschaftlich fassbar ist. 

Die Beiträge belegen ab den frühen Bohlenwegen aus der Mitte des 4. Jahrtausends, dass bestehende naturräumliche Gegebenheiten im Zusammenspiel mit historischen, politischen, religiösen und wirtschaftlichen Faktoren den Aufbau eines Straßennetzes in vieler Hinsicht zugleich förderlich wie abträglich sein konnten. Das baulich und rechtlich systematisierte antike Straßensystem, das sich seinerseits an bestehenden Wegenetzen orientierte, ist auf Grund der schriftlichen und archäologischen Quellenlage oft besser fassbar als Straßenstrukturen früherer oder sogar nachfolgender Epochen. Es bildet zudem vielerorts die Basis nachfolgender Straßen. 

Straßenforschung ist ohne interdisziplinäre Kooperationen nicht denkbar. Die Sichtung von Schriftquellen sowie die Gewinnung und die Aufarbeitung archäologischer Funde und Befunde sind erforderlich, um solide wissenschaftliche Ergebnisse zu erzielen. Sicher ist, Altstraßen beeinflussten historische Entwicklungen maßgeblich und die Gegenwart wäre ohne sie undenkbar.

Der Sammelband des gleichnamigen Kolloquiums in Göttingen (2006) bietet trotz seiner sprachlichen Hürden einen exzellenten Überblick zur Forschungsgeschichte und zum aktuellen Stand der Straßenforschung. Die Abhandlungen von 19 WissenschafterInnen beziehen Stellung zu “Antike”, “Das europäische Mittelalter”, “Die Zeugnisse der Archäologie”, “Die Straßen in der mittelalterlichen Literatur und Kunst”, “Von der Kartographie zu den Poststraßen” und “Das Straßenwesen in der Neuzeit”. Eine wesentliche Schwachstelle des fünfsprachigen Bandes zeigt sich in fehlenden mehrsprachigen Zusammenfassungen der Artikel. Es wäre Pflicht der Wissenschaftsredaktion gewesen für Resümees in Deutsch und Englisch Sorge zu tragen. Das gute zusammenfassende Nachwort zu “Ergebnissen und Problemen” von Thomas Szabó entschädigt für das Fehlen jedenfalls nicht. 

© S. Strohschneider-Laue

Die Welt der europäischen Straßen: Von der Antike bis in die Frühe Neuzeit

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Wikinger Handbuch

Donnerstag, 11. Juni 2009

ab acht

Ari Berk
Wikinger Handbuch
ArsEdition 2009, 28 S. zahlr. Illus.
ISBN 978 3 7607 4142 0

Wikinger Handbuch Wikinger Handbuch

Ein kompetenter Autor und ebensolch kompetente Illustratoren - Milivoj Ceran, Neil Chapman, Alastair Graham und Nick Spender - lassen die Männerwelt der Wikinger aufleben.

Ari der Gelehrte stellt auf Doppelseiten insgesamt 13 Aspekte neuen Aspekt aus dem Alltagsleben der Wikinger vor. Darunter Weltbild und Leben, Götter und Ungeheuer, Sprache und Schrift, Seefahrt und Kämpfe, Schicksal und Grabbrauch. Launig und ernst zugleich wird der junge Leser in den Grundlagen unterweisen. Jede Seite ist eine neue Entdeckung mit drehbaren Scheiben, erweiterbaren Seiten, aufklappbaren Heftchen und gefüllten Umschlägen. Überraschend schlägt ein Wikinger seine Axt aus der Buchmitte heraus auf den neugierigen Leser und ein Drachenschiff mit Rudern und gestreiftem Segel steigt auf der Seite auf. Selbst ein Bündel “Runen der Prophezeiung” zum Weissagen ist vorhanden. Der Rat des gelehrten Ari “Mache dir selbst einen Namen, ehre deine Freunde, folge deiner Vernunft und gebrauche deinen Verstand” bietet einen weisen Abschluss des Buches.

Ein köstliches Pop-up-Buch und Appetizer auf mehr Wikingerinformation! Wer sich da nicht köstlich unterhält und nicht auf Entdeckerfahrt geht, ist selber schuld. Schade, dass man das schöne Buch den Kindern zurückgeben muss und gut, dass Kinder nach mehr verlangen werden.

© S. Strohschneider-Laue

Wikinger Handbuch

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HOMER

Sonntag, 24. Mai 2009

Notiz

Das Phänomen Homer
In Papyri, Handschriften und Drucken

ÖNB, Papyrusmuseum
20. Mai ‘09 bis 15. Januar ‘10

Das Phänomen Homer in der Österreichischen Nationalbibliothek

Kolorierter Kupferstich des Bühnenbildes zu 'Il pomo  d’oro' von Antonio Cesti 1668 ÖNB, Musiksammlung © Österreichische Nationalbibliothek

Mit einem Apfel hat die ganze Geschichte begonnen.
Gemeint ist nicht der langweilige Zwischenfall mit Adam und Eva, sondern die Zankapfel bedingte Schönheitskonkurrenz zwischen den Göttinnen Hera, Pallas Athene und Aphrodite. Nachdem Paris, gemeint ist natürlich der Prinz von Troja, sich für Aphrodite entschied, bekam er statt Macht (Hera) oder Verstand (Pallas Athene) eine hübsche Frau. Dass die schöne Helena einem anderen, dem mächtigen Menelaos von Sparta, angetraut war, spielte für Paris weder politisch noch moralisch eine Rolle. Nach dieser echt männlichen Entscheidung, die nicht im Kopf, sondern in tieferen Regionen getroffen wurde, gab es noch größeren Streit. Hera und Pallas Athena waren beleidigt, Menelaos stand als mächtiger Verlierer und somit vor seiner Welt als echter Machtverlierer da.  

Detail – Benoît de Sainte-Maure, Roman de Troie (franz.) Padua, 3. Jahrzehnt des 14. Jhs. ÖNB, Sammlung von Handschriften und alten Drucken © Österreichische Nationalbibliothek Die Folge waren 10 Jahre Krieg um Troja mit aktiver GöttInnenbeteiligung, Unmengen von Blut und gefallenen Helden sowie - je nach Sichtweise - mehr oder minder heroischen und findigen Taten.

Alexandra von Hellberg (*1968 Bozen): 'Odysseus' Exlibris für Norbert Hillerbrandt, 1999 ÖNB, Flugblätter-, Plakate- und Exlibris-Sammlung © Österreichische Nationalbibliothek Und da es mit dem Krieg nicht getan ist, mussten jene, die ohne dies nicht mitmachen wollten auch wieder nach Hause segeln und rudern. Noch einmal 10 Jahre strapaziöse Heimreise für Kriegsveteran Odysseus, bieten bis heute nicht nur unterhaltsames Seemannsgarn, sondern eine mächtige Fundgrube für Wissenschafter aller Sparten.

Kupferstich zur Odyssee von Jürgen Czaschka 1998, Privatbesitz Die traumatisierenden familiären und machtpolitischen Probleme nach zehnjähriger Absenz des Odysseus als Ehemann, Vater und König von Ithaka, erfreuen letztlich sogar die Psychologen.

Münze der Stadt Amastris Kunsthistorisches Museum Wien, Münzkabinett © KHM Und weil es so eine unglaublich zeitlose Story ist, ist es Homer gelungen den ersten europäischen Best- und ungeschlagenen Longseller zu verfassen.

Eine der ältesten Buchrollen der Ilias, Buch 22 (X 125–138) 3. Jh. v. Chr. Universität Heidelberg, PapyrussammlungAm Anfang wurden die homerischen Verse mündlich überliefert. Und je nach Forschungsmeinung - Archäologen erfreuen sich z. B. an den Beschreibungen von Objekten - hat es etliche Jahrzehnte der ”stillen Post” gedauert, bis sich jemand die Mühe des Aufschreibens gemacht hat. Erst um 700 v. Chr. wurde die erste Schriftfassung erstellt. Und ganz im Stile von “copy & paste” hat sich beim Abschreiben, das eine oder andere sprachlich, inhaltlich oder manches sogar vom Umfang verändert. Seit der Antike wird daher die “homerische Frage” nach der Urheberschaft gestellt, nach der Urfassung geforscht und immer wieder heftig darüber gestritten. Homers Verse sind den Wissenschaftern ein steter Quell der Faszination und dem Publikum bis heute schweißtreibender Prüfungsgegenstand oder spannende Unterhaltung.

Kritzeleien auf einem Buchdeckel: 'Endlich ist Buch 22 der Ilias fertig' 3./4. Jh. n. Chr. Universität Köln, PapyrussammlungVon der Antike bis heute befassen sich SchülerInnen mit dem Text. Nicht nur die Geduld von LehrerInnen wird dabei überstrapaziert, wie die Kritzeleien auf einem antiken Buchdeckel beweisen. Schön ist auch, dass sich an den jungen “Narrenhänden” bis heute nichts geändert hat. Um ganz ehrlich zu sein, meine Schulausgabe hat genauso ausgesehen. Bis heute bin ich außerdem dankbar, dass Homers Werk existiert. Ebenso dankbar bin ich meinem Lehrer*, dass er den  Kurzweiler Homer und nicht den Langweiler Platon zum Abiturthema machte. 

Wörterbuch zum 1. Buch der Ilias (A, 325–416; 512–610) 2. Jh. n. Chr. Universität Köln, Papyrussammlung Sogar die Wörterbücher zu Homers Texten haben sich seit der Antike nicht wesentlich verändert: Funktionales Kultur- und Sprachkompetenzdesign zum altsprachlichen Longseller.

Alles das gibt es Papyrusmuseum zu sehen.
Die Ausstellung legt Papyri und Pergamente der Ilias und Odyssee sowie der ägyptischen erzählenden Literatur vor, archäologische Objekte runden den antiken Teil ab.
Lateinische Übersetzung der Ilias (Marginalien) Laurentius Valla, Venedig 1502 ÖNB, Sammlung von Handschriften und alten Drucken Handschriften der Renaissance, Homer im lateinischen Mittelalter, frühe Drucke, Marginalien in frühen Homerdrucken, Homer in berühmten Bibliotheken, Homer in Sprachen der Neuzeit, Homers Büste aus der Sammlung Lavater, Exlibris und freie Grafik mit “homerischen” Themen folgen der Rezeption Homers bis in die Gegenwart.
Das feine Minimuseum in Wien zaubert aus seiner großen Sammlung - oft in Kooperation mit anderen Instutionen - immer wieder Erstaunliches hervor. Die für BesucherInnen oft unscheinbaren beschrifteten “Fetzerln” sind pures Wissensgold. 
Die Papyri, Pergamente und Drucke und vor allem die BesucherInnen würden es allerdings verdienen, dass mehr Geld - falls für diese Ausstellung überhaupt Geld zur Verfügung stand - in die Präsentation gesteckt würde. Es geht dabei nicht einmal um “Behübschungen”, sondern um das publikumsgerechte inhaltliche Erschließen des Gezeigten. Dafür gibt es einfache - leider unbeachtete - Regeln. Dazu gehören: Leitsystem, grafische Aufbereitung und publikumsgerechte Texte (Wortwahl, Satzlänge, Textlänge, Gliederung) . Schade daher, dass die großartigen Exponate und der interessante Inhalt durch die staubtrockene und hochwissenschaftliche Aufbereitung völlig verblassen. Ausstellungen sollen keine begehbaren Bücher von Fachleuten für Fachleute sein, sondern für das breite Publikum von einem Spezialistenteam (KuratorIn, GestalterIn, GrafikerIn, TexterIn) gemacht werden. Nur so bekommen die Ausstellungen auch jene Aufmerksamkeit, die sie inhaltlich wirklich verdienen.
Trotzdem unbedingt anschauen, denn Homer ist in dieser Ausstellung fast zum An- und Begreifen nahe. Den exzellenten Katalog Das Phänomen Homer in Papyri, Handschriften und Drucken zu kaufen, versteht sich von selbst.

Non Fiction
Cornelia Römer (Hg.)  
Das Phänomen Homer  
In Papyri, Handschriften und Drucken
Nilus 16, Studien zur Kultur Ägyptens und des Vorderen Orients
Phoibos 2009, 128 S., Farb- und Sw-Abb.
ISBN 978 3 85161 014 7

Das Phänomen Homer Das Phänomen Homer in Papyri, Handschriften und Drucken

Zur Ausstellung ist ein unentbehrlicher Katalog erschienen. Unentbehrlich, weil man alle jene Details erfährt, die die kleine Ausstellung schon platzbedingt nicht bieten kann. Unentbehrlich, weil man einen winzigen Teil der Papyrussammlung und damit etwas Essentielles zu und über Homer greifbar hat. Abgesehen davon präsentiert der Katalog das ”Phänomen Homer” aktuell, abwechslungsreich und spannend.

Cornelia Eva Römer, Direktorin des Papyrusmuseums, schreibt unter dem täuschend schlichten Titel “Einleitung” ein herrliches Essay über das “Phänomen Homer” und die Ausstellung selbst. Von der Betrachtung der präsentierten Papyri und Pergamente aus Ägypten, Bildliche Zeugnisse, Handschriften und Drucke spannt sie den lebendigen Bogen Homers bis in die Gegenwart.

In “Homer lebt!” spürt Georg Danek Homer selbst bzw. der Personifikation der episch-heroischen Erzähltradition nach. Er zeigt auf wie Homer angezweifelt und diskutiert wurde, in Vergessenheit versank, erneut entdeckt wurde und, dass Homer zeitlos von Vortrag bis Film für jedes Medium geeignet ist.

Der Brand der königlichen Bibliothek von Alexandria, noch verheerender als die Kölner Archiv-Katastrophe vom 3. März ‘09, erweist sich einmal mehr als Knackpunkt der Forschung. Herwig Maehler zeigt in “Ilias und Odyssee als Objekte der Forschung in der Antike” auf, welche Probleme in Archivierung, Verwaltung und Textforschung die damalige Gelehrtenwelt zu bewältigen hatte und was davon Homer betreffend bis in Gegenwart überliefert wurde.

Ian Rutherford widmet sich in “Homer and Egypt” nicht nur dem Verhältnis von Homer zu Ägypten als Schauplatz, sondern auch der Spuren Homers in der ägyptischen Literatur. Die ägyptische Variante des Amazonenkampfes hat jedenfalls einen besonderen Reiz.

Dem Dichterfürsten Homer ein Gesicht zu geben, wurde schon in der Antike versucht. Der Beitrag “Das Homerporträt in der Antike” von Monika Laubenberger zeigt minutiös diese Bemühungen auf.

Eindrucksvoll beschreibt Karoline Zhuber-Okrog in “Odysseus in Lykien: Die Darstellung des Freiermordes am Heroon von Trysa” die an der Grabanlage dargestellten homerischen Szenen. Für wen das Grab errichtet wurde, ist unbekannt. Ebenso unbekannt ist, warum der Freiermord so einen zentralen Platz einnahm. Dennoch spiegelt der Bau die Bedeutung der homerischen Verse für die Zeit letztlich für die Erbauer wider.

Und wieder einmal steht das Mittelalter den Errungenschaften und dem Kulturgut der Antike zwiespältig gegenüber. Frei nach dem Motto: Mögen wir Homer oder dürfen wir nicht mögen. “Homer im lateinischen Mittelalter” von Andreas Fingernagel spürt dieser Ambivalenz nach.

Werner Rotter verfolgt in “Vom Pennälerschreck zur Kulturquelle. Wandlung des Homerbildes bei Egon Friedell (1878-1938)” die Entwicklung Friedells Sichtweisen auf und dessen Verhältnis zu Homer.

Der elaborierte Katalog zur Ausstellung legt Papyri und Pergamente der Ilias und Odyssee sowie der ägyptischen erzählenden Literatur vor. Die in der Ausstellung gezeigten archäologischen Zeugnisse runden den antiken Teil ab. Handschriften der Renaissance, Homer im lateinischen Mittelalter, Drucke, Marginalien in frühen Homerdrucken, Homer in berühmten Bibliotheken, Homer in Sprachen der Neuzeit, Homers Büste aus der Sammlung Lavater, Exlibris und freie Grafik mit “homerischen” Themen folgen der Rezeption Homers bis in die Gegenwart.

Erfreulich wie kontinuierlich brillant die Nilus Reihe ist!

© S. Strohschneider-Laue

* Rainer Glückert, in bester Erinnerung!

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Lust auf Archäologie!

Dienstag, 14. April 2009

ab acht

Wolfgang Korn
Lust auf Archäologie!
Igel Genius 2009, 5 CDs, 350′, Booklet.
ISBN 978 3 89353 256 8

Lust auf Archäologie Lust auf Archäologie! Detektive der Vergangenheit

Fünf CDs sind Detektiven mit dem Spaten auf der Spur. Die fast 6-stündige Hörreise entstand nach der Buchvorlage Detektive der Vergangenheit: Expeditionen in die Welt der Archäologie. Archäologiefans ab 10 Jahren und Erwachsene werden hier vollständig auf ihre Kosten kommen.  

Die geniale Balance zwischen anspruchsvollen Inhalt und sprachlicher Klarheit ist hervorstechend. Passend gezogene Querverweise - unter anderen zu aktuellen Verhältnissen - klären auch komplizierte Sachverhalte oder Fachbegriffe bei gleichbleibend hohem Niveau. Abwechslungsreich vorgetragen von Bernt Hahn, Ingeborg Wunderlich, Dominik Freiberger und Michael Kamp wird zusätzlich die Spannung beim Hören aufrecht gehalten. 

Quer durch die Forschungsgeschichte, quer durch die Zeiten und vor allem quer durch die Methoden werden Meilensteine der Archäologie vorgestellt. Spektakuläre Entdeckungen, berühmte Forscher, Irrtümer und moderne Methoden werden anhand anschaulicher Beispiele zu einer spannenden Forschungsreise in die Vergangenheit.

Die erste CD ist den Grundlagen der Archäologie - wie ist denn alles unter die Erde gekommen, wieso wird es wieder entdeckt - und der Urgeschichte gewidmet.
Die Probleme und Entdeckungen der archäologischen Forschung zwischen Wissenschaft und Plünderung werden auf der zweiten CD angerissen.
Berühmte Archäologen wie Koldewey, Wooley und Schliemann, ihre Ausgrabungen und ihre Ergebnisse werden auf der dritten CD vorgestellt.
Berühmte Fundstätten (Olympia, Troja) und die Verfeinerung der Methoden von der Stratigrafie bis zur Dendrochronologie werden auf der vierten CD näher betrachtet.
Sensationelle Funde der Bronzezeit, wie der Fund von Nebra, Wikinger, Moorleichen und Eismumien stehen auf der fünften CD im Mittelpunkt.

Wer mit diesem toll aufbereiteten archäologischen Hörerlebnis nicht glücklich wird, sollte sich ein anderes Interessensgebiet suchen.

© S. Strohschneider-Laue

Lust auf Archäologie! Detektive der Vergangenheit
Detektive der Vergangenheit: Expeditionen in die Welt der Archäologie
50 Klassiker Archäologie: Die wichtigsten Fundorte und Ausgrabungsstätten  -  Rezension

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Limes-Lexikon

Mittwoch, 01. April 2009

Non-Fiction

Dieter Planck, Andreas Thiel (Hg.)
Das Limes Lexikon
Roms Grenzen von A bis Z
Beck 2009, 160 S., 43 Sw-Abb., 2 Karten Umschlaginnenseiten.
ISBN 978 3 406 56816 9

Das Limes Lexikon  Das Limes-Lexikon: Roms Grenzen von A bis Z

Die römische Grenzziehung war effizient und markant. Sie ist in vielen Regionen bis heute - zum Teil sogar sehr gut - erhalten geblieben. In Deutschland gehört der Limes seit 2005 zum UNESCO-Weltkulturerbe (siehe dazu u.a.: Deutsche Limeskommission, Limes in Österreich). Etliche Abschnitte wie z. B. der Obergermanische-Rätische Limes, den die Deutschen kurz und bündig nur “Limes” nennen, oder der Hadrianswall sind überraschend vielen Menschen bekannt. Obwohl das Interesse groß ist und zunimmt, wissen nur Wenige mehr über die römische Grenze. Mit dem Limes-Lexikon kann man diese Wissenslücken problemlos füllen.

Zur den geballten archäologischen und historischen Basisinformationen rund um das mächtige Bauwerk haben Martin Kemkes, Jürgen Obmann und Marcus Reuter unter der Federführung von Dieter Planck und Andreas Thiel beigetragen. Und sie stecken ihre inhaltlichen Grenzen “limesmäßig” nicht zu eng. Natürlich stehen militärische Belange um den Limes im Vordergrund: Die Armee und ihre Einheiten, militärische Bauten, Ausrüstung und vieles mehr. Dennoch wird das zivile Leben nicht rigoros ausgespart: Bestattungen oder Landwirtschaft sind einige Bereiche, die auch das zivile Leben erfassen. Heutige Städte von Aalen  bis Zugmantel, die in römischer Zeit wichtige Funktionen z. B. als Kastelle am Limes besaßen, kann man ebenso nachschlagen wie die bedeutende Archäologen und ihre Leistungen für die Erforschung des Limes. Literaturverzeichnis, Register, Bild- und Artikelnachweis sowie die Karte mit dem Grenzverlauf des Römischen Reichs (Mitte 2. Jh. bis Anfang 3. Jh.), aufgeteilt auf die Umschlaginnenseiten, runden den handlichen lexikalischen Begleiter für eigene Limeserkundungen ab.

Die Informationen rund um das riesige Bauwerk kann man nicht kompakter vorlegen. Zumal Schrift- und Bildgröße und vor allem die Bildunterschriften, um das handliche Format zu gewährleisten, bereits grenzwertig klein sind. Das schlecht ausgeschöpfte Potenzial der Abbildungen war jedenfalls unnötig und steht in keinem Verhältnis zu den ausgezeichneten Texten. Die Abbildung eines Militärdiploms in unlesbarer Briefmarkengröße hätte man in dieser Kleinheit getrost weglassen können. Die Karte des Donaulimes ist aus unverständlichen Gründen, denn Platz wäre vorhanden gewesen, ebenfalls winzig ausgefallen. Egal, schließlich kauft man ein Lexikon nicht wegen seiner Abbildungen. Außerdem sollte man besonders bei dieser exzellenten inhaltlichen Qualität, die noch dazu zu so einem Schnäppchenpreis zu haben ist, nicht briefmarkenkleinlich sein.

© S. Strohschneider-Laue

Das Limes-Lexikon: Roms Grenzen von A bis Z

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Prinzip Monochrom

Sonntag, 22. Februar 2009

Non-Fiction

Monika Kopplin (Hg.)
Prinzip Monochrom
Lack und Keramik der Song- und Qing-Zeit
Hirmer 2008, Dt./Engl., 188 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 7774 7055 9

Prinzip Monochrom Prinzip Monochrom: Lack und Keramik der Song- und Qing-Zeit

Die in “Prinzip Monochrom” präsentierten Lack- und Keramikobjekte wirken so frisch, innovativ und modern als hätte sie ein trendiges Designstudio des 21. Jahrhunderts entworfen. Dass sie mehrere hundert Jahre alt sind und großteils aus archäologischen Ausgrabungen stammen, sieht man ihnen auf den ersten Blick nicht an. Doch sie wurden zum überwiegenden Teil in der Song-Zeit (960-1279 n. Chr.) von begnadeten chinesischen Handwerkern für die damalige gesellschaftliche Elite geschaffen. Die atemberaubend schönen Gefäße spiegeln den verfeinerten Geschmack der Song-zeitlichen Oberschicht, die sich lieber mit Kunst- und Kultur als mit der Kriegsführung beschäftigte. Die Song-Dynastie setzte in ihrer Außenpolitik auf Friedensverträge. Da durch Tributzahlungen weniger Gold und Silber im Umlauf waren, mussten neue Statussymbole gefunden, neue Werte definiert werden. Lack- und Keramikkunst eigneten sich - gemeinsam mit der Teezeremonie - hervorragend, um kultivierten Geschmack und Gelehrsamkeit zur Schau zu stellen.

Hochwertige, großformatige Fotografien rücken in “Prinzip Monochrom” die noch immer begehrenswerten Lack- und Keramikarbeiten ins rechte Licht. Beim Blättern in dem reich bebilderten Buch ist nicht zu übersehen, dass die Natur den Song-zeitlichen Handwerkern eine Quelle der Freude und Inspiration war. Blüten, denen auch eine symbolische Bedeutung beigemessen wurde, standen Pate für anmutige Teller, Schalen, Schalenständer und Dosen. Die Ausgewogenheit der schlichten Formen und die technische Perfektion der exquisiten Oberflächengestaltungen verleihen den Produkten eine außergewöhnliche Eleganz und Zeitlosigkeit. Jahrhunderte nach dem Untergang der Song-Dynastie kam es in der Qing-Zeit zu einem Wiederaufleben der Wertschätzung monochromer Lacke und Keramiken. Formen und Glasuren der Song-Zeit wurden nachgeahmt. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts beflügelten technische Neuerungen kreative Handwerker jedoch auch zu eigenständigen Schöpfungen im Geiste des Altertums, die an Schönheit den Song-zeitlichen Werken ebenbürtig sind.

“Prinzip Monochrom” - ein gemeinsames Buchprojekt von Museum für Lackkunst, Münster, und Fondation Baur, Genf - erfreut durch eine perfekte Balance von attraktivem Bildteil und exzellenten Texten. Die Bandbreite der angeschnittenen Themen ist groß:
Dieter Kuhn vermittelt in “Die gesellschaftlichen Hintergründe für die Blüte monochromer Lacke und Keramiken in der Song-Zeit” die Grundlagen zum Verständnis der Song-zeitlichen Kunst. Dabei spannt er den Bogen von der Vorstellung des politischen und gesellschaftlichen Gefüges über die Kunst und Kultur favorisierende Geisteshaltung bis zum Lebensstil und den ästhetischen Vorlieben der herrschenden Elite.
Patricia Frick stellt in “Leichte Formen, stille Farben - die Vollendung Song-zeitlicher Lackkunst” die Techniken, in der die monochromen - zum Teil mit Aufschriften und Goldverzierungen versehenen - Lackobjekte gefertigt wurden, vor und weist auf die enge Wechselwirkung mit der Keramik hin.
Monique Crick befasst sich in “Schlichtheit, Eleganz und technische Perfektion - die Keramik der Song-Zeit” eingehend mit der Keramikherstellung und der künstlerischen Vielfalt der Warenarten.
Patricia Frick zeigt in “Formenreichtum - die Entdeckung der Schönheit der Natur” wie sehr die Keramiken und Lacke der Song-Zeit von der Natur inspiriert sind und welche symbolische Bedeutung den Formen innewohnt.
Soon-Chim Jung erzählt in ” Bedeutung und Einfluss der Song-zeitlichen Teekultur” von der Zubereitung und dem Genuss des Tees, dem mit der Wahl der richtigen Teeschale verbundenen Vergnügen und der Rolle des Teetrinkens im gesellschaftlichen Leben.
Monika Kopplin schildert in “Kaiserliche Chrysanthemen - eine Gruppe monochrom roter Lacke und ihrer Porzellanimitationen aus der Ära Quianlong” das vom Kaiserhaus ausgehende Bestreben im 18. Jahrhundert die Formen und ästhetischen Ideale der Song-Zeit wieder aufleben zu lassen.
Monique Crick widmet sich in “Die Wiederbelebung der monochromen Glasur unter der Quing-Dynastie” der mit den ausklingenden 18. Jahrhundert endenden letzten Blüte der monochromen Keramik, wobei sie den technischen Aspekten besondere Beachtung schenkt.
Ein ausführliches Glossar und ein Literaturverzeichnis runden schließlich die umfassende Darstellung der monochromen Lack- und Keramikproduktion in der Song- und Qing-Zeit ab.

“Prinzip Monochrom” ist ein bedeutender Beitrag zur Erforschung der chinesischen Handwerkskunst und gleichzeitig von der ersten bis zur letzten Seite ein intellektueller und optischer Genuss.

© Ch. Ranseder

Prinzip Monochrom: Lack und Keramik der Song- und Qing-Zeit

siehe auch:
Im Zeichen des Drachen. Von der Schönheit chinesischer Lacke
Japanische Lacke, die Sammlung der Königin Marie-Antoinette
Japanische Lackkunst der Gegenwart. Funktion und Design, Tradition und Modernität am Beispiel Kyotoer Lackmeister (Ausstellungskatalog (zweisprachig) Deutsch / Englisch)
Russische Lackkunst aus zwei Jahrhunderten
Lacke des Barock und Rokoko. Baroque and Rococo Lacquers

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Basel: 50 000 Jahre

Donnerstag, 19. Februar 2009

Non-Fiction

Guido Lassau
Zeitreisen durch 50 000 Jahre Basel
Christoph Merian 2009, Dt./Engl., 72 S., 22 farbige Abb.
ISBN 978 3 85616 466 9

Zeitreise Basel Zeitreisen durch 50000 Jahre Basel

Guido Lassau, Kantonsarchäologe von Basel, macht mit prägnanten Texten und Fotos Lust auf archäologische Entdeckungstouren in Basel. Von der Altsteinzeit bis ins Spätmittelalter führt seine Zeitreise.

Elf Fundorte, die repräsentativ für ihren Epoche oder Zeitabschnitt sind, werden in Wort und Bild vorgestellt. Die kurzen Abrisse führen auch archäologische Neulinge sprachlich leicht fassbar und fesselnd in die für die jeweilige Zeit kennzeichnenden Situationen wie Umwelt, Lebensweise, technische Entwicklungen oder soziale Strukturen ein. Verweise auf die Häufigkeit, Verteilung oder Weiterentwicklung der Fundstellen verschaffen eine guten Eindruck der Besiedlungsgeschichte Basels. Eine Besiedlungsgeschichte, die mit den ersten Begehungen durch die noch nicht sesshaften Neandertalern der Altsteinzeit ihren Anfang nimmt und bis zu den städtischen Strukturen im Mittelalter reicht.

Anschaulich illustriert werden die Texte durch die Gegenüberstellung von digitaler Rekonstruktion der Vergangenheit und aktuellem Foto des Fundortes. Für die exzeptionellen Rekonstruktionen, die den Fotos der Fundorte maßstäblich entsprechen, zeichnet Digitale Archäologie verantwortlich. Der Umschlag des Buches ist abnehmbar und entpuppt sich beim Aufklappen als Luftbild von Basel. Die im Buch beschriebenen Fundorte sind auf dieser fotografischen Übersichtskarte verortet und leicht auffindbar.

Ein idealer Reisbegleiter sowohl für archäologisch Interessierte als auch für Schulen in Basel und Umgebung - für letztere ein eindeutiges “Muss”. Ein weiteres gelungenes Produkt der Archäologischen Bodenforschung Basel-Stadt und definitiv beispielgebend für alle Elfenbeintürmler in vergleichbaren Institutionen.

© S. Strohschneider-Laue

Zeitreisen durch 50000 Jahre Basel

siehe auch:
Auf dem Basler Münsterhügel  -  Rezension

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Kulinaria: Martin Luther

Donnerstag, 12. Februar 2009

Non-Fiction

Alexandra Dapper
Zu Tisch bei Martin Luther
Theiss 2008, 134 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 8062 2253 1

Zu Tisch bei Martin Luther Zu Tisch bei Martin Luther

“Spatzen sind sehr delikate Vögel. Es ist ein gutes Gericht von den Spatzen, denn sie essen nichts Unreines …” fand Martin Luther (1483-1546). Der große Reformator liebte Hausmannskost. Und zu dieser zählten an der Wende vom Spätmittelalter zur Neuzeit auch kleine Wildvögel.

Was tatsächlich in Luthers Elternhaus zu leckeren Speisen verarbeitet wurde, gibt das Buch “Zu Tisch bei Martin Luther” preis. Archäologen legten in Mansfeld auf jenem Grundstück, das einst Hans und Margarethe Luder gehörte, eine tiefe Grube frei, die um 1500 in einem Zug zugeschüttet worden war. In ihrer Verfüllung fanden die Ausgräber neben Geschirr und Münzen auch Pflanzenreste und Tierknochen. Die sterblichen Überreste von Spatzen waren zwar nicht darunter, doch konnten Buchfink, Rotkehlchen, Goldammer, Dorngrasmücke, Rotschwänzchen und Singdrossel nachgewiesen werden. Sogar eine Lockpfeife wurde in der Abfallgrube entsorgt. Martin Luther durfte sich wohl schon in Jugendjahren öfter an Gerichten aus “klainen walt vogelein” erfreuen.

Alexandra Dapper nimmt den Haushaltsabfall der Familie Luther als Ausgangsbasis für eine vergnügliche kulinarische Reise. Sie beschreibt die Ausstattung einer Küche um 1500, analysiert die einzelnen Nahrungsmittel und weckt mit Beschreibungen der verschiedenen Zubereitungsarten den Appetit der LeserInnen. Die Aufbewahrung und Konservierung der leicht verderblichen Lebensmittel waren ebenso wie das richtige Würzen eine hohe Kunst. Bei der Erstellung des Speiseplans mussten zahlreiche Regeln befolgt werden. Möglichkeiten, die soziale Stellung eines Haushaltes kulinarisch zu demonstrieren gab es dennoch genug - nicht zuletzt durch die Ausstattung der Tafel und der Befolgung der “Tischzuchten”. Trotz der Themenvielfalt verliert die Autorin nie den Bezug zu den Funden aus der Lutherschen Abfallgrube. LeserInnen übrigens auch nicht, denn was in der Grube gefunden wurde, ist im Fließtext rot gesetzt. Attraktives historisches Bildmaterial und stimmungsvolle Fundfotos ergänzen den akribisch recherchierten Text optimal.

Der zweite Teil von “Zu Tisch bei Martin Luther” wird das Herz all jener, die beim Kochen gerne experimentieren, höher schlagen lassen. 42 Rezepte führen vom Schlachtmonat November bis zum Weinmonat Oktober durch ein fiktives kulinarisches Jahr in Luthers Elternhaus. Abermals dienen die bei der Ausgrabung gefundenen Speisereste als Ausgangspunkt. Passende mittelalterliche Rezepte werden in moderne Kochanleitungen verwandelt, die kulinarische Genüsse verheißen. Eilig haben, darf man es bei der Zubereitung allerdings nicht. Leckereien wie “Wiederbefüllte Aalhaut in Weinsoße” brauchen ihre Zeit. Wer lieber schaut als kocht, kann sich im Rezeptteil an den wunderbaren Stillleben-Fotos erfreuen - sie sind ein wahrer Augenschmaus.

“Zu Tisch bei Martin Luther” ist ein ergötzliches, auch grafisch attraktiv gestaltetes Buch, das ein lebendiges Bild der kulinarischen Freuden um 1500 zeichnet.

© Ch. Ranseder

Zu Tisch bei Martin Luther

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Gastmahl | Ama/Koch/zon/e

Schuhtick.

Mittwoch, 07. Januar 2009

Non-Fiction

Hartmut Roder (Hg.)
Schuhtick.
Von kalten Füßen und heißten Sohlen
Phillipp von Zabern 2008, 212 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 8053 3938 4

Schuhtick Schuhtick. Von kalten Füßen und heißen Sohlen

Auf den Spuren der Fußbekleidung von der Steinzeit bis in die Gegenwart begeben sich 22 AutorInnen. Und es ist unglaublich, was sie dabei - vom Fußschutz bis zum Statussymbol - an Erkenntnisgewinn aus einem einzigen Schuh - besser noch aus einem Paar - herausholen!

Von den biologischen Voraussetzungen der Fortbewegung und der Tatsache, dass die Evolution nicht mit der rasanten Ausbreitung des Menschen in “fußunfreundliche” Regionen Schritt halten konnte, über die wechselhaften Schuhmoden quer durch Zeiten und Regionen bis hin zum Schuhmachern spannt sich der inhaltliche Bogen. Steinzeitliches Schuhwerk und römische Sandalen, die mehr als nur ein beliebiges Kleidungsstück waren, mittelalterliche Absonderheiten und neuzeitliche Eleganz zeigen gesundheitliche Probleme und gesellschaftliche Ambitionen gleichermaßen auf. Der Schuh, ein notwendiges und oft unerschwingliches Verbrauchsgut, war nicht immer leicht zu bekommen, wie nicht nur die Schuhprobleme der Nachkriegszeit beweisen.

Unverwechselbarkeit der Modelle und/oder der Status ihrer Träger mach(t)en manche Schuhe zu Erfolgsmodellen, andere sind unverwüstliche Evergreens und überzeugen durch ihre hohe Funktionalität. Tatsache ist, dass Schuhe in vielen Kulturen nicht nur als Fußschutz dienen, sondern auch unverzichtbarer Ausdruck sozialer Stellung sind, mal ganz abgesehen von ihrem Wert als Fetisch. Das unerschöpfliche Thema “Männersandale” wird über Legionäre, Mönche, Hippies und Ökofreaks abgehandelt. Schade, dass nicht auch die Unart Socken darin zu tragen, näher beleuchtet wird. Andererseits genügt es ja schon zur kulturellen Unordnung beizutragen, wenn Sneakers unter der Anzugshose hervorlugen.

Der spannende Abriss zum Machen eines Schuhs, umfasst Beiträge über das Anfertigen von Maßschuhen, die Herstellung in der Fabrik und Schuhdesign der Upperclass und die Problematik der asiatischen Massenware. Abgerundet wird das Thema Herstellung mit einem interessanten und vergnünglichen Blick auf Schuhwerbung, der ruhig ein wenig länger hätte ausfallen dürfen. Abgeschlossen wird der Rundblick auf den “Schuhtick” mit einer Betrachtung wie sich Schuhe in Märchen und Erzählungen niedergeschlagen haben.

“Und die Schuhe bringen es an den Tag. denn im Märchensind sie kein “Accessoire”, sondern ein Teil der Person selber.”

Ein Katalog für alle, die von Schuhen nicht genug bekommen können und noch ein mehr über dieses für die meisten unverzichtbare - außer man möchte Buße tun oder lebt im warmen Regionen mit weichen Böden -Bekleidung wissen wollen.

© S. Strohschneider-Laue

Schuhtick. Von kalten Füßen und heißen Sohlen

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Volles Risiko!

Dienstag, 09. Dezember 2008

Non-Fiction

Badisches Landesmuseum (Hg.)
Volles Risiko!
Glücksspiel von der Antike bis heute
Volkskundliche Veröffentlichungen Bd. 9

G. Braun 2008, 288 S., 359 Farbabb.
ISBN 978 3 7650 8387 7

Glücksspiel Volles Risiko!: Glücksspiel von der Antike bis heute

“Glückspiel von der Antike bis heute” ist wesentlich mehr als nur ein umfangreicher Begleitkatalog zur gleichnamigen Ausstellung (12. April bis 17. August 2008) des Badischen Landesmuseums in Karlsruhe. Glückspiele in ihren vielfältigen Varianten - inklusive des Betrugs -, deren Nebenaspekte an realen und virtuellen Orten bis hin zu Sucht und Recht werden von 20 KulturwissenschafterInnen, Psychologen und einem Juristen überaus spannenden Betrachtungen unterzogen. 

Gleich zum Auftakt werden die vier Spielekategorien vorgestellt: Games, Sports, Acting und Gambling. Während bei Brett-, Bewegungs- und Gestaltungsspielen Spaß aus dem aktiven Tun der TeilnehmerInnen bezogen wird, ist es für den inaktiven Wettspieler die immer wieder neue Möglichkeit des Gewinnens, die das Vergnügen beschert. Kein Wunder also, dass es so viele Darstellungen der Fortuna gibt, mindestens soviele wie Möglichkeiten sein Glück und Geld beim Würfeln zu verspielen.

Würfeln ist übrigens seit der Antike bekannt, beliebt und oft verfemt. Geschicklichkeits- oder Zahlenspiele mit natürlichen Astragali (Spunggelenkknochen) und hergestellten sechseitigen Würfeln waren weitverbreitet. Und wie überall, wo es etwas zu gewinnen gab und gibt, wurde und wird betrogen, wie auch schon archäologische Funde belegen. Wie oft auch bleibeschwerte Würfel zerschlagen worden sein mögen, das Würfeln ist nicht totzukriegen. Nichteinmal sprachlich: Der Hasardeur, der Spieler, der Draufgänger, ist eigentlich ein Würfler (Arabisch: “az-zahr”, Spielwürfel), der alles von einem Wurf abhängig macht. Spielkarten und Glücksspiel bilden zumindest ab dem 14. Jahrhundert ebenfalls eine untrennbare Einheit. Ihre Erfolgsgeschichte war trotz massiver - wenig erfolgreicher - Verbote in Mittelalter und Neuzeit nicht aufzuhalten und zieht sich quer durch alle Stände. Karten und ihr Zubehör  sowie Darstellungen der Spielenden sind Legion. Eine sprechende Auswahl wurde für diese Publikation getroffen.

Nicht vergessen wurde “Das große Los”, das man bei der Lotterie ziehen konnte. Zudem ein gutes Beispiel wie schnell Verbote gelockert und moralische Finger gesenkt werden, wenn die Obrigkeit/der Staat nur kräftig mitschneiden kann. Die Vorläufer von “6 aus 49″ (in Österreich aus 45) reichen bis ins Mittelalter zurück. Die Entwicklung des beliebten Glücksspiels nach 1945 ist nicht minder interessant. Also, dass es einen Lottotourismus von Baden-Württemberg, wo das Spiel 1957 noch nicht eingeführt war, Richtung Bayern, Hessen und Rheinland-Pfalz gab, ist schon amüsant. Andererseits sind Österreicher noch viel länger - bis 1986 -  Richtung Deutschland gefahren, wenn sie nicht das 1752 von Maria Theresia eingeführte heimische Zahlenlotto (1-90) spielen wollten…

Und wäre das Spiel ohne die Sportwette? Nichts, denn auf den Sieg im Sport haben schon Griechen und Römer ihren Spargroschen gesetzt. Wagenrennen unterscheiden sich kaum von den gesellschaftlichen Gepflogenheiten auf modernen Rennbahnen. Trophäen und Darstellungen von tierischen und menschlichen Siegern begleiten die Ereignisse. Und untrennbar damit ist übrigens Toto verbunden, das wir den Engländern, die damit in den Goldenen Zwanzigern angefangen haben, verdanken.

Spiele und Akteure brauchen einen Veranstaltungsort, der zu verschiedenen Zeiten mehr oder minder öffentlich sein kann, oder ein Fest. Die Darstellungen hierzu sind beim genaueren Betrachten ein steter Quell des Genusses, denn in keiner anderen Lebenslage werden Menschen ausdrucksvoller zwischen Glück und Elend  mit Stichel, Feder und Pinsel eingefangen.

Das Werden der Spielbank in Baden-Baden und mechanisches Glücksspiel werden gegen Ende des Bandes analysiert. Falschspiel, Zocken im Internet, Spielsucht und rechtliche Aspekte runden ein ungemein spannendes Buch zu einem Thema ab, das niemand kalt lässt.

Ein umfangreiches Literaturverzeichnis wertet die inhaltlich gelungene und auch produktionstechnisch hochwertige Publikation, die weit über die Ausstellung hinaus Bestand haben wird, ab. 

Eindeutig nicht mit Tolstoi vergleichbar, der “Volles Risiko!” 1857 in Baden-Baden in sein Tagebuch schrieb und beim Spiel - zumindest an diesem Tag - alles verlor. Die an diesem Buch Beteiligten haben nicht nur auf eine Karte gesetzt und daher das große Los gezogen, denn sie haben eine herrliche kulturgeschichtliche Zusammenschau des Glücksspiels vorgelegt. Wunderbar geschrieben, anschaulich mit Bildern belegt und sie haben quer durch die Zeiten Spieler und ihre Spiele verfolgt. So müssen Kataloge sein, um Fachpublikum und interessierte Laien gleichermaßen zu erfreuen.

© S. Strohschneider-Laue

Volles Risiko!: Glücksspiel von der Antike bis heute

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Licht & Wärme

Freitag, 24. Oktober 2008

Non Fiction

Ingeborg Gaisbauer, Christine Ranseder, Sylvia Sakl-Oberthaler
Licht & Wärme
Beleuchtung und Heizung im Wandel der Zeit
Phoibos 2008, Wien Archäologisch Bd. 4, 86 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 85161 003 1

Licht und Wärme Licht & Wärme: Beleuchtung und Heizung im Wandel der Zeit

In Österreich ist diese von Christine Ranseder für die Bundeshauptstadt Wien attraktiv designte Archäologie-Reihe konkurrenzlos. Auch mit Band “Licht & Wärme” gelingt es wie schon bei Michaelerplatz, Wasser und Knochen populärwissenschaftliche Leichtigkeit mit archäologischem Anspruch zu verknüpfen. In gewohnter Ausstattung wird das Thema anhand von Texten, Kartierungen, Grabungsplänen, Rekonstruktionen und Fotos von Ausgrabungen sowie Objekten leicht fassbar gemacht und ein guter Überblick über charakteristische Funde aus Wien geboten.

Menschen versuchen seitdem der erste Funke übersprang die Nacht zum Tag und den Winter zum Sommer zu machen. Auch in Wien lassen sich die Wünsche nach Licht und Wärme nachweisen. Archäologische Funde und historische Schriftquellen belegen u. a. welche soziale Rolle Licht und Wärme über die Grundsicherung hinaus spielten.
Vier Epochen der Menschheitsgeschichte waren nötig, um vom offenen Lagerfeuer, das Wärme- und Lichtspender gleichermaßen war, eine Entwicklung bis zu modernen Lampen und Heizungen zu ermöglichen. So handelt auch dieser Band die Situation in Wien seit der Urgeschichte über Römerzeit und Mittelalter bis in die Neuzeit ab.
Anhand des ältesten Feuersteinbergbaus Österreichs, der in Mauer-Antonshöhe bei Wien nachgewiesen wurde, und Funden wie Backplatten oder Kienspänen wird der Wunsch nach Licht und Wärme in der Urgeschichte anschaulich belegt.
Ausgeklügelte Heizungs- und Dämmsysteme und die Beleuchtung mit Lampen sind typisch für die Römerzeit. Zusätzlich lassen sich die sozialen und kultischen Funktionen in Wien ab der Römerzeit ebenfalls gut nachweisen.
Innen- und Außenbeleuchtung gewinnen ab dem Mittelalter zunehmend an Bedeutung. Auch wenn das in der Publikation gegebene Beispiel für Lichtnischen in einer Mauer aus dem 12. Jahrhundert unglaubhaft scheint. Gluthauben und Kachelöfen sind hingegen gute Beispiele für Feuersicherung bzw. Wärmenutzung.
In dem exzellent aufbereiteten Neuzeit-Kapitel wird nicht nur Materialkunde betrieben, sondern auch der soziologische Aspekt berücksichtigt. Öllampen, Gaslicht und Elektrolampen führten auch zu massiven sozialen Veränderungen, die adelige Machtdemonstrationen ebenso betrafen wie großbürgerliches Ökonomiedenken im Zuge der Industrialisierung. Nicht nur Rom brannte - ganz ohne Neros Befehl - mehrfach. Die stete Brandgefahr war auch im mittelalterlichen und neuzeitlichen Wien allgegenwärtig. Der Brand des Ringtheaters 1881, ausgelöst von Gaslampen, liefert mit 400 Opfern dafür ein schauerliches Beispiel.
Kachelöfen und Sparherd runden die schöne Publikation ab, die sich noch zusätzlich durch einen umfangreichen Literaturteil auszeichnet. 

© S. Strohschneider-Laue

Licht & Wärme: Beleuchtung und Heizung im Wandel der Zeit
Knochen lesen. Tierknochen als Zeugen der Vergangenheit
Michaelerplatz: Die archäologischen Ausgrabungen
Wasser in Wien. Von den Römern bis zur Neuzeit

 

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Jacques-Yves Cousteau

Sonntag, 29. Juni 2008

Non-Fiction

Jacques Cousteau, Susan Schiefelbein
Der Mensch, die Orchidee und der Oktopus
Campus 2008, 371 S.
ISBN 978 3 5933 8564 8

Jacques Cousteau Der Mensch, die Orchidee und der Oktopus. Mein Leben für die Erforschung und Bewahrung unserer Umwelt 

Am 11. Juni 2010 jährt sich der Geburtstag von Jacques-Yves Cousteau zum 100. Mal. Kein anderer hat im 20. Jahrhundert die Erforschung des „10. Kontinents” so maßgeblich angeregt und vorangetrieben wie diese schillernde Persönlichkeit. Mehrere Generationen sind mit seinen spannenden und abwechslungsreichen TV-Reportagen „Geheimnisse des Meeres” aufgewachsen und dadurch auch angeregt worden, selbst an der Erforschung des Meeres teilzunehmen. Zur sommerlichen Grundausstattung von Kindern und Jugendlichen gehörten schon ab Beginn der 1960er Jahre Taucherbrille, Flossen und Schnorchel.

Cousteaus anfängliches Interesse für die Eisenbahn wurde bald vom Interesse für das Meer und der Fliegerei abgelöst. Durch einen Autounfall an seiner Fliegerkarriere verhindert, wendete sich Cousteau nun dem Geschehen auf und unter der Meeresoberfläche zu. Er trat 1933 der französischen Kriegsmarine bei. Während des Zweiten Weltkriegs war Cousteau Mitglied der Resistance. Die Kriegsmarine verließ er 1950 als Korvettenkapitän. In dieser Zeit widmet er sich besonders der Entwicklung und Verbesserung von Gerätschaften, die einen längeren Aufenthalt in einiger Wassertiefe ermöglichen. So wurden Atemgeräte, Tauchermasken und auch Unterwasser Fortbewegungsmittel erfunden oder weiterentwickelt.
Die entscheidende Wende in Cousteaus Leben, die Wandlung von einer lokalen Berühmtheit zu einem internationalen, weltweit bekannten Meeresforscher und Medienstar, wurde durch den Erwerb der Calypso ausgelöst. Die Yacht leistete ihm auf vielen Forschungsreisen zwischen 1950 und 1996 ausgezeichnete Dienste.

Cousteau bediente sich geschickt der Medien. So wurde 1956 sein erster Film (Regisseur Louis Malle) mit der goldenen Palme und dem Oskar ausgezeichnet. Der weltweite Bekanntheitsgrad von Cousteau wurde so groß, dass sogar ein Yanomami-Indianer im hintersten Amazonien ihn erkannte und seine Expedition passieren ließ. Jacques Cousteau wurde 17 Jahre in Folge zum beliebtesten Franzosen gewählt. In mehr als 800.000 Briefen wurde er aufgefordert als Staatspräsident zu kandidieren. Vielfältig, faszinierend und prägend war seine Persönlichkeit und umso erfreulich ist es, dass in dem vorliegenden Buch endlich von der Journalistin Susanne Schiefelbein, einer langjährigen Mitarbeiterin Cousteaus, zehn Jahre nach dessen Tod dessen Vermächtnis eröffnet. Hier lässt Cousteau einerseits sein Leben revueartig passieren, andererseits beschreibt der Band seine Entwicklung zum Umweltschützer und Atomgegner.

Spannend und informativ wird das ohnedies schon abwechslungsreiche Leben und das Lebenswerk von Cousteau präsentiert. Definitiv nicht nur eine Pflichtlektüre für jeden Cousteau-Fan, deren einziges Manko es ist wenig Fotos zu bieten.

© R. Strohschneider

Der Mensch, die Orchidee und der Oktopus. Mein Leben für die Erforschung und Bewahrung unserer Umwelt

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Venus von Willendorf

Sonntag, 13. April 2008

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Walpurga Antl-Weiser
Die Frau von W.
Die Venus von Willendorf, ihre Zeit und die Geschichte(n) um ihre Auffindung
Veröffentlichungen der Prähistorischen Abteilung (VPA) 1
Verlag des Naturhistorischen Museums 2008,  207 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 902421 25 8

Venus von Willendorf 

Erfrischend jung präsentiert die Prähistorikerin Walpurga Antl-Weiser die betagte Frau von W. Mit deutlich erkennbaren Vergnügen wandelt sie auf den vielfältigen Spuren, die viele Männer aber auch Frauen rund um die Willendorferin hinterlassen haben. Und kaum hat man das Buch zur Hand genommen, ist man auch ganz locker immer tiefer in die Materie eingetaucht als man anfänglich vermutet hätte. Eindeutig: Auch 100 Jahre nach ihrer Entdeckung hat die dralle Wachauerin ihren nicht nur medialen Reiz - wie allein derzeit 16.000 Verweise beim “Googeln” belegen - beibehalten.

In neun Kapiteln wird der zeitliche Bogen von der Gegenwart bis zur Altsteinzeit gespannt. Den Auftakt macht ein ebenso amüsanter wie nachdenklich stimmender Blick auf die vielfältig anderen “Aspekte” der Venus von Willendorf, darunter ist der “Willendorf-Award” für medizinische Studien zur Fettleibigkeit m. E. einer der schrägsten.

Obwohl die nachfolgenden Kapitel sich den steinharten Fakten um die Venus von Willendorf zuwenden, bleibt es bei aller Fachlichkeit mehr als nur spannend; denn stets werden - echte und verzerrte - Fakten kritisch in Frage gestellt und auf ihren Wahrheitsgehalt und ihre Relevanz hinterfragt.
Was hat sich im Auffindungsjahr der Venus 1908 abgespielt? Ausgehend vom damaligen Forschungsstand über Tatsächliches und Vermeintliches rund um Fundort und Entdecker, den Tatbestand der Auffindung selbst nähert sich die Autorin in immer engeren Kreisen den Herstellern der Willendorferin und dem modernen Stand der Forschung.

Interpretative Betrachtungen folgen den Fakten zur Frage nach Stellenwert der Venus und ihren beiden weniger attraktiven - vermutlich deshalb auch weniger bekannten - ”Schwestern” aus Willendorf. Mit unglaublich trockenem und deshalb umso vergnüglicheren Augenzwinkern stellt Antl-Weiser die Denkansätze und deren Schwachstellen zu gravettienzeitlichen (Frauen-)Plastiken vor.
Im nachfolgenden Kapitel über die Frauen der Altsteinzeit, in dem ausgiebig männliche und weibliche Blickwinkel kritisch beleuchtet werden, werden deutlich die Grenzen von Interpretationen aufgezeigt.
Die Bedeutung der Fundstelle Willendorf für die Paläolithforschung schließt den bemerkenswerten Band.
Dem in ihrer Vorbemerkung angekündigten Anspruch ein lebendiges Bild von der Willendorf-Forschung, der Zeit und der Figurine selbst zu zeichnen, ist der Autorin jedenfalls beispielgebend gelungen, auch wenn der Generaldirektor des NHM in seinem Vorwort fälschlicherweise schreibt, dass sie zögern würde sich festzulegen. Man kann nur hoffen, dass dieser frische gehaltvolle Stil bei den nachfolgenden Publikationen der prähistorischen Abteilung beibehalten wird.

Das Layout von Brigitte Kimbacher unterstreicht die gute Gliederung optisch durch ein abgestuftes Farbschema. Der großzügige Weißraum ermöglicht ein zusätzliches Hervorheben der Abbildungen sowie der Bildunterschriften. Die zahlreichen und exzellenten Abbildungen machen das Buch darüber hinaus zu einem Augenschmaus. Besonders erfreulich ist auch die lesefreundliche Schriftgröße. Die Lesefreundlichkeit wäre allerdings noch optimaler gewesen, wenn die San Serifen nicht nur in den Überschriften, sondern auch im Fließtext verwendet worden wären. Schade, dass dem für wissenschaftliche Publikationen typische Horror vacui in Vorspann und Anhang wieder vollauf gefrönt wird: Flattersatz und bis zu jedem Rand ausgenutzte Seiten sind bei dieser schönen Publikation allerdings die einzigen echten Wermutstropfen.

© S. Strohschneider-Laue

VENUS
Mammut, Mensch & Co.: Steinzeit in der Eiszeit
Mensch, Mammut, Eiszeit. Vom Leben in der Kälte, Großwildjägern und früher Kunst. 1/2006 (Spektrum Spezial)
Die Eiszeiten. Naturgeschichte und Menschheitsgeschichte
Eine feministische Anthropologie: Der aufrechte Gang der Menschenfrau. Eine feministische Anthropologie II

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Kunsthistorisches Museum Wien

Sonntag, 13. April 2008

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Das Kunsthistorische Museum in Wien
Prestel 2007, 239 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 7913 3603 9

Kunsthistorisches Museum Wien Das Kunsthistorische Museum Wien

Wien-Touristen werden kaum auf den Besuch des Kunsthistorischen Museum verzichten; denn der imposante Museumsbau beherbergt die kaiserliche Sammlung. Das 1891 eröffnete Museum präsentiert dem Publikum die Ägyptisch-Orientalische Sammlung, Antikensammlung, Gemäldegalerie und das Münzkabinett. Die Kunstkammer ist seit 2002 leider nicht öffentlich zugänglich, wird aber mit wichtigen Stücken in dieser Publikation berücksichtigt.
Die Vielfalt der Sammlungen sowie die große Fülle an Ausstellungstücken bedarf einer guten Vorbereitung. Und genau dafür ist dieser Museumsführer hervorragend geeignet. Der Band beginnt mit der Baugeschichte des Hauses, die im Zusammenhang mit dem gegenüberliegenden Zwillingsbau des Naturhistorischen Museums zu betrachten ist. So interessant die Exponate sind, der Bau selbst verdient auch einige Aufmerksamkeit; denn er weist etliche Besonderheiten auf. Ein genauer Blick auf Haus und Räumlichkeiten lohnt sich und wird gleich im ersten Kapitel spannend vorgestellt. Das Architekturkonzept reicht von allegorischen Darstellungen auf der Fassade über Fresken von Makart und Klimt bis zum Einbau von antiken ägyptischen Orignalsäulen (in tragender Funktion!) im Bereich der heutigen Ägyptisch-Orientalischen Sammlung.
Nicht immer glücklich formuliert so doch fachlich korrekt, wird jede Sammlung des Hauses mit seinem Aufbau, Bestand und wichtigen Stücken von namhaften WissenschafterInnen des Kunsthistorischen Museums vorgestellt. Ein genial-präziser Überblick in bestechender Optik, der trotz seiner stattlichen Informationsülle ein handliches und strapazfähiges Format bewahrt hat. Ein unverzichtbares Buch für Kulturreisende die Wien ansteuern und Einheimische die bisher dachten, dass sie alles über das Kunsthistorische Museum wüssten.
© S. Strohschneider-Laue

Arcimboldo. 1526-1593
Die Entdeckung der Natur: Naturalien in den Kunstkammern des 16. und 17. Jahrhunderts
Jahrbuch des Kunsthistorischen Museums Wien: Bd 8/9

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Eiszeit

Freitag, 11. April 2008

Notiz

Die Eiszeit ist heiß
Mammut, Mensch & Co.
9. März 2008 bis 15. Februar 2009

Eiszeitjäger ©  S. Strohschneider-Laue

Es ist das Venusjahr. Vor 100 Jahren, am 8.8.1908 wurde die Altsteinzeitlerin “Venus von Willendorf” in der Wachau entdeckt. Erst 80 Jahre später bekam die dralle Niederösterreicherin weitere menschengestaltige Gesellschaft. Im September 1988 wurde bedeutend schlankere “Fanny vom Galgenberg” ausgegraben. Ihren Spitznamen erhielt sie aufgrund ihrer tänzerisch anmutenden Körperhaltung und in Erinnerung an die österreichische Tänzerin Fanny Elßler (1810-1884). Beide werden in der Eiszeit-Ausstellung im Landesmuseum Niederösterreich gezeigt. Allerdings nicht gleichzeitig.

Tanzende Fanny ©  S. Strohschneider-Laue Fanny, mit ihren rund 32.000 Jahren die ältere von beiden, hat ihren Auftritt von 8. März bis 17. Mai. Die Willendorferin, bekannter aber mit “nur” rund 25.000 Jahren die jüngere, ist von 17. Mai bis 8. August in St. Pölten zu Gast.

Die Ausstellung bietet viel mehr als die beiden “alten Damen”. Thematisiert wird die Steinzeit in der Eiszeit. gemeint ist die letzte große Eiszeit (Würm), die zwischen 120.000 und 10.000 Jahren das Klima bestimmte. Die Landschaft erhielt ihren letzten Gletscherschliff. Täler entstanden, Flüsse lagerten Schotter ab und Unmengen von Lösstaub wurde von den Winden verweht. Langsam aber stetig bekam die Landschaft ihr heutiges Aussehen auch wenn damals weite Teile Europas unter einer bis zu 3000 m mächtigen Eisschicht begraben lagen. Obwohl schon lange vorn der unglaublichen Eislast befreit ist Skandinavien noch immer damit beschäftigt, sich wieder “aufzurichten” und hebt sich im Jahr immerhin noch um rund 10 mm. Klingt wenig, aber Kleinvieh macht bekanntlich auch Mist und so sind es seither doch schon beachtliche 800 m, die die Landmasse aufgestiegen ist.

In den eisfreien Gebieten blühte während unwirtlich klingenden Klimaperiode das Leben. Allerdings schaute die Tier- und Pflanzenwelt ein wenig anderes als heute in unseren Breiten aus. Etliche Tiere sind mit Ende der Eiszeit vor rund 10.000 Jahren ausgestorben (Mammut, Wollhaarnashorn, Säbelkatzen, Höhlenbären und -hyänen) andere leben noch heute in klimatisch vergleichbaren Rückzugsgebieten. Für unseren Raum seien stellvertretend Steinbock oder Murmel im alpinen Gebieten genannt oder Rentiere und Lemminge für den hohen Norden. Für die Menschheit vollzog sich während dieser Epoche der Menschheitsgeschichte ein weiterer wichtiger Schritt.Der Neandertaler verlässt die Bühne und der moderen Mensch betritt sie.

Mammut ©  S. Strohschneider-Laue Und wo betreten die modernen Ausstellungsbesucher die Bühne? Sie werden am Eingang zur Sonderausstellung von einem lebensgroßen Mammut begrüßt, dem man gerne verzeiht, dass es nur aus einer vorderen Hälfte besteht. Es ist deswegen nicht weniger beeindruckend.

Mammut ©  S. Strohschneider-LaueUnd seine Rückseite wird stimmig auf den heutigen skelettierten Fundzustand gebracht.Von dort wird man entlang einer Zeitleiste, die mit wichtigen Funden und erläuternden Texten kombiniert ist, in die Ausstellung begleitet.

Przewalski Pferd ©  S. Strohschneider-Laue Wichtige tierische Vertreter dieser Klimaperiode werden als Konturschnitte mit eingepassten Originalfunden vor stimmigen Landschaftshängern gezeigt.

Der gesamte Sonderausstellungsraum wird einerseits als eiszeitliches Lager und anderseits als archäologischer Fund und Befund präsentiert. Eiszeitliche Jäger und Sammler gehen ihren Beschäftigungen beim Feuer, vor dem Zelt oder bei Jagd und Lederverarbeitung nach. Anschaulich und kein bisschen trivial fügen sich die auf Acryl lebensgroß aufgebrachten Reanactment-Fotos ein. Übrigens durchwegs an der Ausstellung beteiligte Personen, u. a. sind die drei Kuratoren stilecht zu Eiszeitlern mutiert. Erfreulich ist, dass die für Laien bei herkömmlicher Präsentation etwas unspektakulär anmutenden Funde, harmonisch in die Inszenierungen eingebracht werden und somit in einem leicht nachvollziehbaren Sinnzusammenhang gebracht werden.

Bergwiese ©  S. Strohschneider-Laue Und über alles menschliche Treiben schweift von der “Bergwiese” der kritische Blick tierischer Eiszeitler.

Grabungssimulation ©  S. Strohschneider-Laue Die zahlreichen jungen Besucher erhalten tolles Zusatzangebot. Ein großer Raum steht für die Vermittlung zur Verfügung und zusätzlich ein eigener Raum für Grabungssimulationen. Ein großes Profil zeigt leicht fassbar die Schichtabfolgen bis zur Gegenwart. Manches wirkt alelrdings inhaltlich befremdlich.Insbesondere das Venusvoting, bei dem anscheinend Geldstücke eingeworfen werden können, wirkt in jeder Hinsicht ziemlich fragwürdig. Interpretation ist schließlich kein Mehrheitsentscheid und fraglich bleibt auch, ob die Kinder gar eigenes ihr Geld dafür hergeben sollen. Aber vielleicht bzw. hoffentlich ist die personale Vermittlung besser als der inhaltlich Eindruck, der beim Betrachten erweckt wird.

Den Kuratoren der Ausstellung - Thomas Einwögerer, Erich Steiner und Christian Dietrich - ist es in einem gelungenen Ausstellungskonzept Umweltfaktoren und frühe menschliche Kultur miteinander zu verbinden. Für die geniale Ausstellungsarchitektur zeichnet Doris Prenn mit prenn_punkt - buero fuer kommunikation und gestaltung verantwortlich. Ihr ist es glaubwürdig und mit großerer erzählerischer Kraft gelungen die wärmeren Abschnitte der Eiszeit in satten Grüntönen zum Leben zu erwecken.

Diese Ausstellung ist definitiv ein Muss im Laufe des Jahres und wesentlich besser als die überbeworbene Tutanchamun-Ausstellung. Mal ganz abgesehen davon, dass hier das Preis-Leistungs-Verhältnis wirklich fantastisch ist und ein Kombiticket (Landesmuseum, Schallaburg, Kunsthalle Krems) sowieso eine kluge Entscheidung.

Non Fiction

Katalog Mammut, Mensch & Co Zuletzt noch ein Hinweis auf den großartigen Katalog Mammut, Mensch & Co.: Steinzeit in der Eiszeit, der über die Ausstellung hinaus Bestand haben wird. In fünfzehn fundierten Beiträgen werden Aspekte der Eiszeit behandelt. Tierwelt, Menschheitsentwicklung und die Rolle Niederösterreichs so wie wichtige Funde (u. a. die Doppelbestattung vom Wachtberg und die Venusplastiken) werden genauerer Betrachtungen von jenen WissenschaftlerInnen unterzogen, die den Puls der Forschung derzeit bestimmen. Ein Ausblick auf die aktuelle vom Menschen ausgelöste Klimaentwicklung schließt - überaus passend - den Band.

© S. Strohschneider-Laue

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Keltisch Kochen

Freitag, 11. April 2008

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Achim Werner
Keltische Kochbarkeiten
Theiss 2007, 96 S., zahlr. Farbfotos.
ISBN 978 3 8062 2085 8

Keltische kochen Keltische Kochbarkeiten

Es muss nicht immer Wildschwein sein… Die keltische Küche ist vielfältiger als sie uns populäre Comics einreden wollen. Profis haben dieses Buch möglich gemacht. Allen voran der Archäologe Achim Werner, der als versierter Hobbykoch darauf achtet, was in den Topf kommen darf. Als echter Fachmann, glaubt er nicht alles zu wissen, sondern prüft selbst und berät sich mit andern Profis. Und so hatten doch etliche mutige Ver- und Vorkoster sowie weitere Fachleute die Finger an und in seinen keltischen Schmortöpfen. Daher werden nicht nur Experimentalarchäologen und unerschrockene archäologische Laien an diesem Buch ihre Freude haben, sondern alle, die gerne kochen, essen und zusätzlich noch den inhaltlichen Mehrwert duch die kulturhistorischen Zusatzinformationen genießen möchten.

Vorgelegt werden übersichtlich und im praktischen Format 60 Rezepte. Fotografisch ins stilgerechte Licht gerückt, lassen sich die präsentierten Speisen spielend zu mehrgängigen Menues kombinieren, die verwöhnte Gaumen udn Augen beeindrucken werden. Suppen, Brote, Salate, Vegtarisches und Fleischiges sowie Süßspeisen und Getränke füllen die Speisekarte. Da ist wirklich für alle vom Vollwertköstler über Fleischtiger bis zum Süßschnäutzchen etwas dabei. Meine persönlichen Favoriten sind das Dinkelbrot mit Bärlauch gefolgt von Brennesselgemüse mit Eiern sowie Rehrücken in Metmarinade und zum Nachtisch dann noch Honigquark mit Haselnüssen und Birnen. Köstlich! Schön ist vor allem, dass wir heute nicht mehr jahreszeitlich an Nahrungsmittel gebunden sind, sondern das meiste davon ganzjährig zur Verfügung steht. Genau deshalb gibt es bei den Rezepten auch immer wieder Hinweise auf “Ersatzstoffe” aus dem Tiefkühlfach statt Trockenware oder Empfehlungen andere Kräuter zu nehmen. Pro Seite wird ein Rezept vorgestellt. Zutaten übersichtlich vorangestellt und anschließend folgt eine möglichst unkomplizierte Kochanleitung. Und für keines der Rezepte ist eine hochtechnisierte Küche notwendig. Manches ist durchaus “lagerfeuerfähig” auch wenn im Glossar durchaus auch hochprofimäßiger Küchenjargon erklärt wird.

Eine kleine Bestimmungshilfe für Wildkräuter runden den Band ab; denn es ist möglich, auch das eine oder ander Kräutlein vom nächsten Spaziergang heimzubringen. Trotzdem beherzigen Sie den Rat des Autors und sammeln sie nicht unbedacht alles, was lecker aussieht, gut riecht und eventuell sogar gut schmeckt. Ein köstlich aussehender Knollenblätterpilz genügt in winzigen Portionen, um aus einem guten Gericht eine letzte Mahlzeit werden zu lassen. Mal ganz abgesehen von fachkundiger Beratung bei Pilzen und Pflanzen, Bioläden, Apotheken, Marktstände und gut sortierte Supermärkte haben alles im Angebot, was der engagierte Keltenkoch begehrt.

Die Behauptung des Autors auf Food-Design und Styling verzichtet zu haben, ist meines Erachtens Understatement. Angerichtet ist alles überaus appetitlich und stilgerecht ins keltische Licht gerückt. Vielleicht hätte das eine oder ander Foto etwas schärfer oder farbechter ausfallen können, aber das mag auch drucktechnisch bedingt sein und tut der auch im Gesamtlayout sehr ansprechenden Rezeptesammlung keinen Abbruch.

Und wer noch immer nicht genug vom keltischen Kochen und Essen hat, sollte auf der Kochseite des Autors vorbeisurfen und sich mit den neuesten Rezepten vertraut machen.

© S. Strohschneider-Laue

Keltische Kochbarkeiten

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Gastmahl | Ama/Koch/zon/e

China Schätze

Freitag, 11. April 2008

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Schätze aus dem Nationalen Palastmuseum, Taiwan

1000 Jahre haben die chinesischen Kaiser gesammelt und etliches davon war schon damals bedeutend älter. Sie schöpften dabei aus der kulturellen Fülle und den wertvollsten Ressourcen ihres riesigen Reichs. Bereits zur Gründungszeit der Sammlung (Song-Dynastie 960-1279) wurde sie - ganz im bürokratischen Sinne dieser Zeit - katalogisiert. Unter allen Herrschern wuchs der KaisersiegelKaisersiegelBestand an. Während der Qing-Dynastie (1644-1911) erreichte er seinen Höhepunkt. Kaiser Qianlong (1736-1795) zeichnete sich unter der langen Reihe als eifrigster Sammler aus. Gemeinsam ist allen diesen kaiserlichen Sammlern, dass sie bis heute über die Stücke - oft auch sehr persönlich - fassbar werden. Nicht nur ihre politische und philosophische Weltsicht, sondern auch ihre Vorlieben und kreativen Fähigkeiten sind erkennbar. Die Bewahrung des kulturellen Erbes gehörte zur Erfüllung des “himmlischen Mandats” des chinesischen Herrschers, von dem auch erwartet wurde nicht nur Kunstkenner, sondern auch selbst Künstler zu sein.

Die Sammlung überdauerte Dynastien, Fremdherrschaften, Kriege und die Odyssee zwischen 1933 und 1965, die sie an ihren jetzigen Standort in Taipeh (Taiwan) führte. Das Nationale Palastmuseum beherbergt heute eine Sammlung mit über 650.000 Objekten. Das KHM zeigt von 26. Februar bis 13. Mai 2008 aus dem reichen Bestand 120 ausgewählte Stücke.

Die erzählerische Kraft der Stücke ist groß. So sieht man von Kaiser Xuande nicht nur ein Prunkporträt, sondern auch eine von ihm gefertigte meisterliche Pinselzeichnung von Affenmutter mit Kind.
Das kupferrote Kännchen mit eingeschnittenem Lotosblütendekor, das unter Xuande in die Sammlung kam, ist einmal im Original und einmal auf einem Bild von Guiseppe Castiglione (1688-1766) zu sehen. Der Jesuit war Hofmaler unter drei Qing-Kaisern und beeinflusste die chinesische Malerei durch seinen westlichen Stil maßgeblich.

Dass auch Kaiser irren können, zeigt sich in der Fehlbeurteilung einer flachen Schale. Die wertvolle Schale deren Füßchen - vermutlich nach einer Beschädigung - kunstvoll entfernt worden waren, wurde fälschlich als Hundenapf bezeichnet. Eine nette Geschichte, die zeigt wie lebendig Sammlungsgeschichte sein kann.

Kalligraphien sind ebenso vertreten wie bildliche Darstellungen, die mit Texten kombiniert sind. Schade, dass die Mehrheit die Schriftzeichen nicht lesen können und so die Inhalte verborgen bleiben und nur die ansprechende Form gefällt. Die 1736 entstandene Bildrolle zum Begräbnisfest ist hingegen eine Entdeckungsreise für alle. Sie ist elf Meter lang und von einer erzählerischen Kraft, die man bei TV-Produktionen vergeblich sucht. Die Besucher nähern sich beidseitig des Flusses und über die Brücke den Stadtmauern. Jeder Mensch, jedes Tier, Gebäude, Fahrzeug oder Schiff erzählt eine Geschichte. Eine Flut von Darstellungen halten Abschnitt für Abschnitt die Augen gefangen. Kaum meint man alles entdeckt zu haben, wird ein weiteres winziges Detail sichtbar, vom vollgepackten Händler bis zum Haus mit westlichen Elementen. Allein mit dieser Rolle könnte man sich Ewigkeit beschäftigen. Hier nimmt man gerne in Kauf, dass das gedimmte Licht dem Schutz der Rolle dient.

Man sollte sich Zeit nehmen für diese Ausstellung und nicht nur um den üblichen exorbitanten Eintrittspreis ins KHM auszunutzen. Die Objekte verdienen und erfordern eine genaue Betrachtung. Über eine gute körperliche Beweglichkeit sollte man aber auf jeden Fall verfügen oder von Natur aus kleingewachsen sein. Teeschalen, die besonders exquisit verziert sind, stehen nämlich nicht auf einem Spiegel oder auf einem Sockel, der in etwa der Augenhöhe des ohnehin kleinen Durchschnittsösterreichers entspricht. Leider befinden sich die meisten Schalen in Hüft- und Bauchhöhe, was wenig Sinn macht, wenn nicht die Innenseite, sondern die Außenseite das attraktivere von beiden ist. Die beste Sicht hat man daher, wenn man sich mit regelmäßigen Kniebeugen durch die Ausstellung bewegt. Den Vorteil groß zu sein schöpft man hingegen aus, wenn man Stücke, die rundum geschnitzt oder bemalt sind, genauer betrachten möchte. Auf einem langestreckten Sockel stehen die Objekte in einer Doppelreihe. Jedes davon mit einem gläsernen Sturz bedeckt und daher am besten in der Frontalen zu sehen. Nun schlägt die Stunde der großen BesucherInnen. Sie erheben sich von ihren Knien auf die großen Zehen. Balancierend renken sie sich den Hals schlangengleich aus, um auch das letzte erzählerische Detail auf der Rückseite aufnehmen zu können. Aber Sport ist ja gesund und für diese Stücke lohnt es sich davor auf die Knie zu fallen oder sich zu recken.

Zu viel Information darf man natürlich in den beiden Räumen nicht erwarten, schließlich möchte das Haus auch einen Katalog verkaufen. Nach einer chronologischen Übersicht kann man sich mit den ersten Raumtexten zu den wichtigsten Materialien wie z. B. Jade, Porzellan oder Bronze informieren. Die Objekttexte sind erfreulicher Weise nicht nur auf Objektansprache, Datierung sowie die Inventarnummer reduziert. Sie bieten bei ausgewählten Stücken auch spannende Zusatzinformationen. Die Texte selbst sind wie üblich im akademisch getragenen Stil des 19. Jh. abgefasst und passen gut zur Erbauung des Hauses. Das interessierte Publikum, das nicht in höhere akademische Sphären entschwebt ist, sondern einen Brotberuf ergriffen hat, sei daher ein Fremdwörterlexikon empfohlen. Dass die Lauflänge der Texte zu groß, der Durchschuss zu schmal und die Schriftgröße zu klein ist, hat schon missgestalterische Tradition. Wer ein Lesebrille braucht, muss sie sowie so parat haben, um die Details der Objekte wirklich erforschen zu können.

Hingehen und in aller Ruhe anschauen. Die Ausstellung ist ein gutes Beispiel dafür, dass es nicht immer Unmengen sein müssen. Es ist erfreulich, dass das vielfach überstrapazierte Wort “Gold” hier für den Ausstellungstitel nicht verwendet werden konnte. “Jade” ist aufgrund des fehlenden kulturellen Kontextes im Westen nicht so zugkräftig und deshalb hat man voll und ganz gerechtfertigt auf “Schatz” zurückgegriffen. Schönheit, Qualität, Einzigartigkeit und historischer Zusammenhang machen den Hauptanteil des Schatzes aus, dass die Objekte ebenso unersetzlich wie unbezahlbar sind, steht sowieso außer Frage.

© S. Strohschneider-Laue

Schätze der Liao
Im Zeichen des Drachen. Von der Schönheit chinesischer Lacke
Xi’an - Kaiserliche Macht im Jenseits
Schätze der Himmelssöhne
Chinesische Jade

Sichuan Restaurant Wien

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Tutanchamun Katalog

Freitag, 11. April 2008

Non-Fiction

Zahi Hawass, Sandro Vannini (Fotos)
Tutanchamun
Frederking und Thaler 2008, 296 S., ca. 320 Farbfotos und 26 Ausklapptafeln.
ISBN 978 3 8940 5711 4

katalog_tutanchamun.jpg Tutanchamun

Tutankhamun. The Golden King and the Great Pharaos” ist das Begleitbuch der gleichnamigen Ausstellung, die von 9. März bis 28. September 2008 im Wiener Museum für Völkerkunde gastiert und danach in den USA zu sehen sein wird. Der Kontrast zwischen der Ausstellung, deren hervorstechendstes Attribut eine ebenso extensive wie aggressive Marketingstrategie ist, und ihrem qualitativ hochwertigen Begleitbuch ist in jeder Hinsicht bemerkenswert.

Das sorgfältig produzierte Buch präsentiert die rund 150 archäologischen Funde auf eine Weise, die deren einzigartiger Schönheit gerecht wird. Gleichzeitig vermitteln leicht verständliche Texte fundiertes Hintergrundwissen zu Politik, Religion und Alltagsleben im Ägypten der Pharaonen. Es ist - salopp formuliert - eine informative Augenweide.

Sandro Vanninis hervorragende, ganzseitig wiedergegebene Fotos der kunstvollen Objekte fesseln den Blick. In einem Buch ist die auratische Inszenierung von Skulpturen, Kleinplastiken und Goldschmuck mittels dramatischer Lichtführung vor schwarzem Hintergrund eine feine Sache. In Museen werden zu Dunkelkammern mutierte Ausstellungsräume zu Stolperfallen. Dass perfekt ausgeleuchtete Artefakte vor weißem Hintergrund ebenfalls gut aussehen - auch dies lässt sich anhand von Fotos im Begleitbuch nachvollziehen.

Tutankhamun steht übrigends weit weniger im Mittelpunkt als es sein in großen goldenen Lettern am Cover prangender Name vermuten lässt. Was das Buch wirklich bietet, ist eine Reise durch die Geschichte des alten Ägyptens und einen Einblick in das Leben der Menschen an Pharaos Hof. Die Informationsfülle wird durch die inhaltliche Gliederung der Publikation in einen allgemeinen und einen ausstellungsbezogenen Teil, der gleichzeitig als Katalog fungiert, gebändigt.

Im allgemeinen Teil führen Zahi Hawass und sein AutorInnen-Team durch die Geschichte Ägyptens von der prädynastischen Periode bis zu den Ptolomäen. Eingebettet in den politisch-religiösen Kontext wird in sechs Kapiteln auf gesellschaftliche Entwicklungen ebenso eingegangen wie auf Veränderungen in Architektur und Kunst. Stimmungsvolle Fotos der archäologischen Stätten vermitteln Lokalkolorit und machen neugierig auf das Land Ägypten.

Der Katalogteil folgt offensichtlich der für die Amerikatour der Ausstellung festgelegten Raumfolge. Ein kurzer themenbezogener Text leitet jeden der sieben Abschnitte (Gallery I-VII) ein. Danach wird, auf ein bis zwei Buchseiten, jedes Artefakt mit Foto und ausführlichem Objekttext vorgestellt. Anstatt langatmiger Beschreibungen bieten diese Texte erfreulich reichhaltige Informationen zu kulturhistorischem Hintergrund und Fundgeschichte der ausgewählten Gegenstände.

Zum Abschluss werden im Nachwort wichtige Ausgrabungsstätten und dort getätigte Ergebnisse der aktuellen Feldforschung vorgestellt. Ganz am Ende des Buches ist auch noch eine Zeitleiste versteckt. Der Aufbau der Publikation entspricht also im Großen und Ganzen der klassischen dreistufigen Informationshierarchie, die sich im Ausstellungswesen bewährt hat. Die gut durchdachte, attraktive grafische Gestaltung ermöglicht es den Lesern sich mithilfe unterschiedlicher Schrifttypen und farbiger Texthinterlegungen schnell im Buch zurecht zu finden.

Das der Rezensentin in der englischen Ausgabe (Washington 2008, National Geographic Society, ISBN 978 1 4262 0264 3) vorliegende Buch, ist auch in deutscher Sprache erhältlich.

© Ch. Ranseder

Tutanchamun

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Tutanchamun

Freitag, 11. April 2008

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Blockbuster oder Geldmaschine?
Tutanchamun in Wien
9. März - 28. September 2008

Zugegeben, bei Pressekonferenzen ist manche Ausstellung noch “work in progress”, aber diese machte leider den Eindruck fertig eingerichtet zu sein. Sie weckte nicht die Hoffnung, dass es bis zum 9. März, dem Tag an dem zahlendes Publikum eingelassen wird, gehaltvoller wird. Aber hoffentlich wird bis dahin der Eingang in die Ausstellung gekennzeichnet sein, schon durch den heutigen Erfahrungswert, dass viele Journalisten im Anschluss an die Pressekonferenz orientierungslos herumirrten und nur die endlose Schlange vor dem einzigen (!) WC fanden, sich brav anstellten und dachten, es wäre der Eingang zur Ausstellung.

Aber zurück zur Ausstellung und was dort für viel Geld alles (nicht) geboten wird.

“Tutanchamun und die Welt der Pharaonen” lautet der vielversprechende Ausstellungstitel. Rund 140 Funde aus dem Grab des Tutanchamun und aus weiteren Fundstätten werden von 9. März bis 28. September 2008 im Museum für Völkerkunde gezeigt. Tutanchamun ist zwar der Werbeträger bzw. Titelgeber der Ausstellung, aber nur die Hälfte der Funde - und vor allem, die weniger bekannten - stammen aus dem Grab des ebenso ob seines reichen Grabes berühmten wie politisch unbedeutenden Pharaos. Die Ausstellung spannt sich zeitlich sehr großzügig von der 4. Dynastie bis in die Späte Periode (2600 bis 660 v. Chr.) und wird somit auch der Ankündigung “Einblicke in die Welt des Tutanchamuns” zu bieten nicht wirklich gerecht.

Die Räume sind einzelnen Themen zugeordnet:
“Pharaonen des Alten, Mittleren und Neuen Reichs” - bietet Bildnisse wichtiger Pharaonen
“Familie und Privatleben” - hier ist unterstreicht unter anderem ein steinerner Toilettensitz ganz prosaisch die menschlichen Aspekte des Pharaodaseins
“Hof des Pharaos” - gibt Einblicke in den Beamtenstab
“Religion” - imposant leitet der Kolossalkopf des Echnaton zu seinem Nachfolger über
“Gold des Pharaos” - zeigt die Goldmaske des Psusennes, die als durchaus eindrucksvoller Ersatz für die des Tutanchamuns dient, die Kairo nicht mehr verlassen darf
“Vorkammer” - ab hier begegnet man ausschließlich Funden aus dem Grab des Tutanchamun
“Anbau” - der geweißte Holzstuhl
“Schatzkammer” - ist der kleine Kanopensarg des Tutanchamun zu sehen
“Grabkammer” - zeigt ausgewählte Objekte darunter die goldenen Sandalen und je einen Satz der goldenen Finger- und Zehenhülsen
“Schicksal des Pharaos” - macht mit politischen Praxis monumentaler Resteverwertung anhand des nach dem Tode des Tutanchamuns mehrfach umbenannten Kolossalstatue vertraut

Rund 140 fantastische Objekte geben einen streiflichtartigen Überblick zu den Pharaonen. Der Schwerpunkt im zweiten Ausstellungsteil liegt auf dem Grab Tutanchamuns. Ausgewählte Objekte geben Einblick in Alltagsleben, Jenseitsglauben und Totenkult des jung verstorbenen Pharaos gleichermaßen. Alles in allem recht hübsch und interessant, aber definitiv überbezahlt.

Im ersten Raum wird ein Werbefilm für die Ausstellung gezeigt. Vielleicht dient er dazu, um die Besucherströme zu unterbrechen, Gruppen einen Vorsprung zu geben und die Wartezeit zu verkürzen. Informativ ist er nicht, schließlich hat man sich ja schon aufgrund einer spezifischen Erwartungshaltung eine Eintrittskarte gekauft und braucht keinen auf drei Schirme verteilten Trailer mehr, um die Ausstellung zu besuchen. Der gesprochen Text des Films ist Deutsch, die Untertitel sind Englisch. Gehörlose BesucherInnen werden davon wenig profitieren. Der erste Eindruck entspricht der üblichen Ausstellungsgestaltung für “Schatz/Gold und/oder Archäologie/Ägyptologie”: Schummrige Lichtverhältnisse und überwiegend beige-braunes Farbkonzept ist alles andere denn innovativ. Aber immerhin weckt es sofort Erinnerungen an Howard Carter der bei Betreten der Vorkammer gesagt haben soll: “…als meine Augen sich an das Licht gewöhnt hatten, konnte ich langsam Einzelheiten der Kammer sehen….”

Inszenierung wird man vergeblich suchen und dafür mit klobigen transportfähigen Klimavitrinen konfrontiert sein, die Nützlichkeit über Design stellen und den abgegriffenen Charme der späten 70er bis frühen 80er Jahre verbreiten.

Ich bin eine (einsame) Gegnerin von Audioguides. Geräte, die sich tausende Menschen vor mir an ihre Ohren gehalten, übergestülpt oder hineingesteckt haben, und seither vermutlich nicht gereinigt wurden, finde ich abstoßend. Abgesehen davon, bin ich eine extrem schnelle Leserin und bevorzuge Raum-, Bereichs- und Objekttexte, die präzisen und pointierten Einblick bieten. Hier kann ich nach eigenem Ermessen lesen und betrachten ohne darauf zu warten bis der Audioguide es endlich - hoffentlich - auf den Punkt bringt. Aber vielleicht sind die Geräte gerade für diese Ausstellung empfehlenswert, die gedruckten Texte sind es leider nicht. Von den üblichen Kritikpunkten, die das wie immer schwer lesbare Layout (zu klein, zu wenig kontrastreich und von barrierefrei keinen Spur) betreffen, ganz abgesehen, sind die Texte miserabel aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt worden. Damit ist nicht gemeint, dass sich Schreibfehler und neue oder alte Rechtschreibung abwechselnd durch die Texte ziehen. Bedauerlicherweise hat anscheinend kein deutschsprachiger Ägyptologe die Texte jemals auf ihren fachliche Richtigkeit überprüft, sondern ein Übersetzer ohne thematische Sachkenntnisse ins Deutsche Übertragenes geliefert. Hier einige Kostproben: Aus “beads” werden völlig irreführend “Kunstperlen”, statt die Materialbezeichnung (z. B. Lapislazuli) in Kombination mit dem deutschen Universalwort “Perle” bzw. die korrekten Ansprache des betreffenden Objekts zu wählen. Aus “openwork” wird “Flechtwerk” statt “Durchbruchsarbeit” nicht nur bei der wunderbaren Gürtelbeschlag (immerhin wurde “plaque” nicht mit “Zahnbelag” gleichgesetzt). Auch wird man den Horusfalken vergeblich “auf dem Stuhl sitzend” vorfinden, sondern ihn als Durchbruchsarbeit (!) der Rückenlehne bewundern können. Einen Kanopendeckel als “Stopfen” zu bezeichnen, hat zumindest Unterhaltungswert, was das ab und an aufblitzende “Denglisch” definitiv nicht hat. Qualität geht über Quantität ist eine lobenswerte Devise. Leider kann die unbestreitbare Qualität der Objekte über die unsensible und schlampige Präsentation nicht hinwegtäuschen.

Durch ein “leeres Kammerl” verlässt man die Schau und betritt blinzelnd die helle Halle des Museums. Ein letzter Blick gilt den naturwissenschaftlichen Untersuchungen an der Mumie, die in einer Nische untergracht sind. Einige Wandtafeln und eine filmische Präsentation wird alle jene erfreuen, die die diversen Berichte, Dokumentationen und Filme, die regelmäßig durch die TV-Kanäle geistern, noch nicht gesehen haben.

Was erwartet man, wenn man als Erwachsener 18,00 € oder als Familie mit zwei Kindern 43,00 € für den Eintritt bezahlt hat? Egal ob die Karten vorbestellt oder unter den wenig tutanchamunmäßigen aber dafür pyramidenförmigen Zelten vor dem Museumseingang erworben wurden, sie gelten nur für ein schmales Zeitfenster, das man nicht versäumen darf, sonst bleibt man um viel Geld ärmer und eine böse Erfahrung reicher vor der Tür. Man erwartet viele eindrucksvolle Objekte zu sehen, eine spannende Inszenierung und natürlich einen informativen Mehrwert. Was man nicht erwartet, ist enttäuscht und vom amerikanischen Personal auf englisch angesprochen zu werden. Übrigens lassen Sie ihre kleineren Kinder lieber daheim. Die Ausstellung bietet schlicht und ergreifend dem jungen Einzelbesucher nichts außer dem unvermeidbaren Shop, der einem ägyptisierten Plastikdisneyland gleicht und nur wenige und dafür englische Publikationen anbietet.

Am besten ist sowieso, wenn Sie Ihr Geld für einen ebenso erholsamen wie genuss- und kulturreichen Urlaub in Ägypten ausgeben. Letztlich werden Sie für viel weniger Geld mehr Tutanchamun - und alle anderen Pharaos samt ihren Lebensräumen und Sterbestätten - geboten bekommen als Sie konsumieren können. Selbst der Touristenkitsch ist in Ägypten besser, aber vielleicht werden einige Fußballfans an den plüschigen Pharonenhauben oder Indiana-Jones-Hüten gefallen finden…

© S. Strohschneider-Laue

Katalog Tutanchamun Tutanchamun, Katalog zur Ausstellung

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