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Art Brut in Österreich

Freitag, 13. März 2009

Non-Fiction

Angelica Bäumer (Hg.)
Kunst von Innen. Art Brut in Austria
Holzhausen 2007, Dt, Engl., 480 S., zahlr. farbige Abb.
ISBN 978 3 85493 126 3

Kunst kommt von Innen Kunst von Innen: Art Brut in Österreich

Der 480 Seiten mächtige zweisprachige Katalog nimmt sich umfassend der Art Brut / Outsider Art in Österreich an.  Der Katlog steht einer internationalen Wanderausstellung  zur Seite die zur Zeit in Istanbul (26. März bis 27. April ‘09: Marmara Universität, Fakultät für Schöne Künste) zu sehen ist. Beiträge von 26 AutorInnen, Interviews, Porträts der Ateliers und Werkstätten und zahlreiche Abbildungen bieten einen tiefen Einblick in die Szene zwischen Therapie und Kunst, deren KünstlerInnen und ihre Werke einen festen Platz im Kunstschatz der Moderne erobert haben.

In fünf Kapiteln - Geschichte der Art Brut, Dialog zwischen Therapie und Kunst, Art Brut und die Moderne Kunst, Ateliers und Werkstätten | Ziele und Projekte, Museen und Sammler - entwickelt sich anhand der Beiträge ein umfassendes Bild des derzeitigen Forschungsstandes. Die AutorInnen: Daniel Baumann, Angelica Bäumer, Roder Cardinal, Rainer Danzinger, Claudia Dichter, Jean Dubuffet, Gerhard Ederndorfer, Karlheinz Essl, Johann Feilacher, Franzobel, Peter Gorsen, Christine und Irene Hohenbüchler, Alfred Hrdlicka, Max Kläger, Michael Landau, leo Navratil, Peter Pongratz, Arnulf Rainer, Hannah Rieger, Thomas Röske, Gerhard Roth, Elisabeth Telsnig, Michel Thévoz, Günther Weixlbaumer, Margit Zuckriegl.

“Art Brut in Austria” dokumentiert einerseits die Diskussion und Entstehungsgeschichte rund um Art Brut / Outsider Art, andererseits wird ein guter Einblick in die derzeitige Situation in Österreich geboten. Die Stärke des Sammelbandes liegt nicht zuletzt darin, dass unterschiedliche Ansätze gleichberechtigt nebeneinander vorgestellt werden. Die Diskussion, ob Art Brut als eigenständige Kunst - unabhängig von der begeleitenden Krankengeschichte - betrachtet werden soll oder nicht, wird von beiden Seiten minutiös analysiert und ausführlich auch im Rahmen des historischen Kontextes argumentiert. Insbesondere Psychiater und Künstler haben sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Art Brut befasst und sich mit der Intensivität des künstlerischen Schaffens abseits der tradierten und oft auch zeitgeistigen Normen auseinandergesetzt. So war Max Ernst der erste, der seine Werke und die Arbeiten von Geisteskranken gleichberechtigt nebeneinander ausstellte. Das Kunstverständnis der Nationalsozialisten griff hingegen auf die Sammlung Prinzhorn zurück, um genau das Gegenteil im Rahmen der Ausstellung “Entartete Kunst” zu dokumentieren.

Das bekannteste Atelier in Österreich ist das Art/Brut Center Gugging, das von Leo Navratil 1981 als “Zentrum für Kunstpsychotherapie” gegründet wurde. Aber “Gugging” ist nicht allein. Rund 30 weitere Einrichtungen arbeiten in ganz Österreich. Aufnahme in den Katalog fanden allerdings nur jene, die nicht nur temporär und mit Erwachsenen arbeiten.

Angelica Bäumler ist es als Herausgeberin von “Kunst von Innen, Art Brut in Austria” gelungen, renommierte ExpertInnen in diesem Band zu versammeln und trotzdem noch die Zeit zu finden selbst zu recherchieren und ihre Fachkenntnis einzubringen. Eine große Herausforderung, die dazu führte, dass die Bandbreite des Themas wirklich umfassend beleuchtet wurde. Nicht zuletzt tragen die von ihr geführten Gespräche auch  dazu bei, eine Innensicht der Museen und Sammleranliegen zu erhalten. Ein bisschen mühsam ist es allerdings, weiterführende Literatur den Fußnoten der einzelnen Beiträge zu entnehmen. Ein Literaturverzeichnis wäre benutzerfreundlich gewesen, hätte aber den Band vermutlich auf 500 Seiten anschwellen lassen. Mit und ohne Literaturverzeichnis ein unverzichtbares Grundlagenwerk, das seine Bedeutung behalten wird und für diesen Kaufpreis nachgerade ein Schnäppchen ist.

Die Frage, ob Art Brut Kunst ist, hat sich m. E. erübrigt; denn Kunst, wenn sie nicht reines ausführendes Kunsthandwerk ist, sondern entwerfend, rezipierend und erzählend, darstellend, gestaltend den soziokulturellen Kontext aufgreift sowie persönliche Emotionen widerspiegelt, nicht zuletzt immer Art Brut ist. Erst in der persönlichen Auseinandersetzung mit sich selbst und der Umwelt sowie der anschließenden künstlerischen Umsetzung kommt Kunst von Innen und ist Kunst wirklich Kunst. Und sie kommt dann ganz unabhängig von pathologischen Bedingungen von innen, aber nur wenn sie von psychisch schwer gestörten Menschen stammt, wird sie unter Art Brut als eigene Stilrichtung geführt. Eine Gesellschaft, die Art Brut ablehnt, grenzt aus; denn sie lehnt nicht nur allein Kunst, sondern damit die Individualität und die Freiheit des Menschen an sich ab.

© S. Strohschneider-Laue

Kunst von Innen: Art Brut in Österreich

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KUNSTWERK

Montag, 02. Februar 2009

Notiz

KUNSTWERK
Kunst von Menschen mit Behinderung aus den Werkstätten von JaW im KHM

3. bis 15. Februar ‘09

Irokese, Caktas Wohl die meisten BesucherInnen im Kunsthistorischen Museum wünschen sich reich genug zu sein, um sich zumindest ein den Ausstellungsstücken vergleichbares Kunstwerk leisten zu können. Vielleicht ein dürres Mädchen von Cranach oder eine pralle Frau von Rubens. Atelierbetriebe, die damals die Reichen und Schönen so malten wie es sich die Fotografen-Kundschaft von heute ebenfalls erträumt. Denn auch vor der Erfindung der Fotografie und lange vor Photoshop wurde weggelassen, was unerwünscht war und ergänzt, was fehlte. Nicht umsonst ist Heinrich VIII. auf der Suche nach der idealen vierten Frau auf das Porträt der Anna von Cleve (Hans Holbein) “hereingefallen”. Jahrhunderte formten das Verhältnis von Künstlern und Kunden. Ein Verhältnis das übrigens selten eine Auftragsbeziehung zwischen Künstlerinnen und Kundinnen war und sich daher deutlich in den von Männern bevorzugten Sujets niedergeschlagen hat. Und Vieles hat vielleicht die Aktualität eingebüßt aber trotzdem die Anziehungskraft behalten. Und alle, deren Geldbeutel zu klein und das Plakat aus dem Museumshop zu schäbig ist, hoffen auf den zeitgenössischen Glückskauf als Wohnungsbehübschung mit Identifikationspotential. Leider haben die Dauerausstellung des KHM und die Sonderausstellung KUNSTWERK mehr als nur die Qualität der Bilder, Zeichnungen, Druckwerke und Skulpturen gemein. Man kann auch von den ausgestellten zeitgenössischen KUNSTWERKen nichts im Kunsthistorischen Museum kaufen. Es geht nämlich bis zum 15. Februar ‘09 nicht um Charity, sondern es geht um Kunst.

Schwimmerin, Lutschaunig Ohne den Streit “Künstler oder Kunsthandwerker” oder “Was ist Kunst” anzufachen, der ohnedies schon längst geführt wird, sind die Fragen nach “Künstler” oder “Kunsthandwerker”, Einzel- oder Atelierleistung zumindest berechtigt. Unberechtigt ist hingegen die Frage, ob Kunst von Menschen mit Behinderung überhaupt Kunst ist. Erlebtes verarbeiten, Befindlichkeit zum Ausdruck bringen, Sichtweisen zeigen, Erzählen durch Gestalten und vieles mehr macht Kunst(handwerk) zur Kunst. Obwohl rein finanziell gesehen erst das phrasenreiche Verkaufsgespräch und “Kaisers” Kaufbereitschaft so manche Kunst zum Kassenschlager macht.

Vision, Weissenbacher “Kunst ist das gemalte Wort”, sagte Thomas Weissenbacher (Künstler und Vorsitzender von Vienna People First) bei seiner Eröffnungsrede.
Direkt und unverfälscht, sind die Werke, die in KUNSTWERK gezeigt werden. Und sie lösen beim Betrachten “etwas” aus, ganz unabhängig von den SchöpferInnen werden die Werke unvoreingenommen wertvoll. Denn Begeisterung und Anerkennung für die gezeigte Kunst zu empfinden, hat ganz und gar nichts mit Mitleid zu tun.  Stolz sind daher die KünstlerInnen, die sie geschaffen haben. Sie sind stolz ernst genommen zu werden, dass ihre Kunst gefällt und auch ein bisschen stolz, dass ihre Werke im altehrwürdigen Bassano-Saal des Kunsthistorischen Museum gezeigt werden. Aber als KünstlerInnen sind vor allem eines: unprätentiös, begeisteurngsfähig und unabhängig.

Stadtlandschaft, Lehner Die KünstlerInnen wollen/müssen es niemand recht machen. Sie sind frei. Sie bringen ihre Befindlichkeiten zum Ausdruck und verarbeiten Erlebtes. Sie können über ihre Arbeiten sprechen ohne Schlüsselworte wie Position, Installation, ästhetisches Leitmotiv, abrupter Stilwechsel, minimalistische Farbfeldmalerei, eruptive Energie oder expressiv abstrakte Monochromie zu gebrauchen. Zufriedenheit ist befriedigend, Ehrlichkeit ansteckend. So ansteckend, dass BMin Dr. Claudia Schmied über das Bild, das ihr im Zuge der Eröffnung überreicht wurde, erfreut sagte: “Es sind meine Farben!”
Der Koloss KHM kommt langsam in Bewegung und entdeckt seine sozialen Kompetenzen - u. a. mit Führungen für blinde und sehbehinderte Menschen ab Frühjahr ‘09. Und für den kaufmännischen Direktor Dr. Paul Frey war es auch eine persönliche ”Herzensangelegenheit” diese Ausstellung zu ermöglichen. Trotzdem ist die Ausstellung KUNSTWERK viel zu kurz. Andererseits besteht an keinem anderen Ort eine bessere Chance, dass sie in dieser Zeitspanne von sehr vielen Menschen auf der Suche nach hoher Qualität und der Kunstelite gesehen wird. 

Ich schließe mich dem Wunsch von Thomas Weissenbacher vollinhaltlich an: “Ich hoffe, es wird ein Riesenerfolg!”

© S. Strohschneider-Laue

KUNSTWERK
Beteiligte KünstlerInnen und Gruppen der Ausstellung

Bilder/Zeichnungen

Harfe, Basnar Charlotte Basnar (*1980 Wien), Werkstätte Im Werd, 1020 Wien.

Thomas Weissenbacher (*1945 Steiermark) Werkstätte Grundsteingasse, 1160 Wie

Frühlingswiese, Im Werd 2 Gruppe Werd Zwei,  Werkstätte Im Werd, 1020 Wien

Pharao, Mirkovic Dragan Mirkovic (*1982), Werkstätte Kuefsteingasse, 1140 Wien

Abstrakt Rot, Katic Zeljko Katic (*1976 in Kroatien), Werkstätte Ayrenhoffgasse/FlipFlap, 1090 Wien

Hannes Lehner (*1986 Wien), Werkstätte Ayrenhoffgasse/FlipFlap, 1090 Wien

Schlangen, Grasnek Kurt Grasnek (*1944 Wien), Werkstätte Speckbachergasse, 1160 Wien

Bienen, Kuzma Susanne Kuzma (*03.06.1966), Werkstätte Ayrenhoffgasse/FlipFlap, 1090 Wien

Lisi Seidl (*12.11.1952), Werkstätte Ayrenhoffgasse/FlipFlap, 1090 Wien

Sarah Lutschaunig (*24.04.1984), Werkstätte Ayrenhoffgasse/FlipFlap, 1090 Wien

Schiff, Coban Michael Coban (*18.01.1967), Werkstätte Ayrenhoffgasse/FlipFlap, 1090 Wien

Teletubbies, Klaus Christine Klaus (*01.06.1949), Werkstätte Im Werd, 1020 Wien

Franz Widmann (*18.02.1957), Werkstätte Elisenstraße, 1230 Wien

Rudolf Steindl (*25.05.1969), Werkstätte Im Werd, 1020 Wien

Kunstobjekte

Schnecke, Wagner Wolfgang Wagner (*19.10.1971), Werkstätte ALPHA, 1220 Wien

Keramikgruppe Landstraße, Werkstätte Landstraße, 1030 Wien

Rudolf Proschek (*18.01.1956), Werkstätte Kuefsteingasse, 1140 Wien

Vogel, Horizont Metallgruppe HORIZONT, Werkstätte HORIZONT, 1210 Wien

Dino Caktas (*1978 Wien), Werkstätte Speckbachergasse, 1160 Wien

Silvia Annerl (*1977 Wien), Werkstätte Speckbachergasse, 1160 Wien

Kunstwerk Kunst von Menschen mit Behinderung aus den Werkstätten von JaW im KHM 3. bis 15. Februar ‘09

Kunst kommt von Innen Kunst von Innen: Art Brut in Österreich

Buntes Haus  Buntes Haus 
siehe auch Rezension “Buntes Haus”

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