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Mittwoch, 23. November 2011

Von Fischen, Vögeln und Reptilien
Meisterwerke aus den kaiserlichen Sammlungen
ÖNB Prunksaal
24. November ‘11 bis 29. Januar ‘12
Von Fischen, Vögeln und Reptilien: Meisterwerke aus den kaiserlichen Sammlungen

1492 vergrößerte sich die Welt ins Unermessliche. Nach der Entdeckung Amerikas gab es kein Halten mehr. Jeder, der etwas auf sich hielt und es sich verschaffen konnte, wollte ein Stück von der Welt haben. In der Renaissance ging daher in einigen Reichen die Sonne nicht mehr unter, während so manchem Reichen endlich ein Licht aufging. Es begann die Blüte der Kuriositätenkabinette, der Wunderkammern und ersten wissenschaftlichen Sammlungen.
Unter diesen Sammlern war auch Kaiser Rudolf II. (1552-1612). Politisch unfähig und psychisch labil betätigte er sich bevorzugt als Kunst- und Wissenschaftsmäzen. Gut so, denn das Licht der Monarchie verlosch, während sein künstlerisches und wissenschaftliches Erbe bis heute Bestand hat. Bestand u. a. dadurch, dass die Österreichische Nationalbibliothek die Restaurierung des “Bestiaire” von Rudolf II. durchführte. Das zweibändige Werk mit 181 Ölbildern, das zwischen 1570 und 1611 von mehreren Künstlern - darunter Daniel Fröschel (1563-1613), Hans Hans Hoffmann (1530-1591/92) und Guiseppe Arcimboldo (1526-1593) - mitgestaltet wurde, ist eine in jeder wissenschaftlichen und künstlerischen Hinsicht reiche Fundgrube.
Einzigartige Bilder belegen einerseits die Kunstfertigkeit der Ausführenden, andererseits das Bestreben nach wissenschaftlicher - unter den gegebenen Umständen - und exakter Dokumentation. Zugleich spiegeln die Abbildungen ebenso das persönliche Interesse Rudolfs als auch sein Repräsentationsbedürfnis sowie die damals lebend gehaltenen Tiere bzw. das gesammelte tote Material wider.
Manche dieser Tiere fristeten offensichtlich mehr schlecht als recht ein Dasein inmitten der staunenden Gesellschaft. So zeigt die atemberaubend schöne und zugleich minutiöse Darstellung eines Molukkenkakadus, ein überfüttertes Tier. Der Schnabel schreit förmlich nach einer Korrektur bei einem Tierarzt, der zusätzlich einen artgerechten, reduzierten Diätplan - harte Sämereien statt weichen Gebäcks - verordnet hätte. Spannend, was aus den Bilddokumenten - zusätzlich zur genussvollen Betrachtung der Kunstwerke - abzulesen ist.
Das Album von Erzherzog Ferdinand II. (1529-1595) wurde ebenfalls restauriert. Selbstverständlich sieht man auch den Fischen an, ob sie fangfrisch oder konserviert bis mumifiziert den Künstlern als Zeichenvorlage dienten. So zeigen sie sich farbenprächtig oder trist gebräunt je nach dem jeweiligen Erhaltungszustand. Frische Fische hatte jedenfalls Giorgio Liberale (1527-vor 1580) zur Verfügung. Über 1100 Bilder der adriatischen Meeresfauna - oft in Originalgröße - verbinden ästhetischen Anspruch mit wissenschaftlicher Dokumentationsqualität. Ein besonderes Highlight seine deckungsgleichen Darstellungen der Ober- und Unterseite z. B. eines Krebses auf Pergamentvorder- und -rückseite. Wendet man das Blatt, wendet man quasi den Krebs.
Zuweilen wurden große Herausforderungen an die ausführenden Künstler gestellt. Vage und bruchstückhafte Informationen, die wie beim Spiel “Stille Post” durch mehrere Münder und Ohren weitererzählt waren, sollten in einer überzeugenden Visualisierung münden. Das dreifarbige Zebra, heute von hohem Unterhaltungswert, sorgte sicher auch damals, obwohl aus anderen Gründen, für Erstaunen.
Fazit: Im beeindruckenden Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek ist eine ebenso tierische wie gute Auswahl der frisch restaurierten Blätter aus zwei Bilderzyklen - Bestiaire von Rudolfs II. und Fauna der Adria von Ferdinand II. - zu bestaunen. Abgerundet wird die Ausstellung mit Illustrationen von Carolus Clusius (1526-1609), Ulisse Aldrovandi (1522-1605) sowie Jacopo Ligozzi (1547-1627). Ein Besuch der sich für Groß und Klein, Laien und Fachpublikum - durchaus mehrmals - lohnt. Die zweisprachig (dt./engl.) abgefassten Ausstellungstexte bieten einen ersten Überblick. Wer mehr wissen möchte, als eine einschlägige Themenführung bieten kann, dem sei der umfangreiche Katalog empfohlen.
Von Fischen, Vögeln und Reptilien: Meisterwerke aus den kaiserlichen Sammlungen
Die Kuratorin der Ausstellung Christina Weiler ist auch Herausgeberin des Katalogs. Beiträge von Christa Hofmann, Ksenija Tschetschik und Daniel Siderits sowie zahlreiche Abbildungen machen den stattlichen 255-seitigen Band zu einer angenehmen (!) Pflichtlektüre.
Die Kapitel gliedern sich in “die Tierwelt der Adria”, “das Reich der Tiere”, “die Konservierung von Tierbildern auf Pergament”, “Kunstwerk und Naturobjekt” sowie “Tierillustration der frühen Neuzeit”. Der benutzerfreundliche Anhang mit Literatur, Abbildungsverzeichnis und Tierregister rundet den qualitätvollen Band ab.
Dass der Katalog eine Augenweide ist, ist nicht nur den herrlichen Bildquellen und der Druckqualität zu verdanken, sondern auch dem übersichtlichen sowie attraktiven Layout von Ekke Wolf.
Übrigens: Der Preis ist bestechend moderat!
© S. Strohschneider-Laue
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Tags:Ausstellung, Barock, Biologie, Ebensolch Rez-E-zine 69/11, Grafik, Katalog, Kunst, Neuzeit, Renaissance, Sistlau, Wien
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Mittwoch, 16. November 2011

Henri Cartier-Bresson
Der Kompass im Auge: Amerika - Indien - Sowjetunion
Kunst Haus Wien
17. November ‘11 bis 26. Februar ‘12
Sein 20. Jahrhundert 1908-2004
Der Klang der Seele. Portraits
Meisterwerke: Photographien
Du814 - das Kulturmagazin. Doppelter Blick: Sieben Magnum-Fotografen unterwegs mit sieben Autoren. Truman Capote & Henri Cartier-Bresson, John Steinbeck & Robert Capa, Arthur Miller & Inge Morath u. a
Hier könnte das erste Foto von zwei Fotos gezeigt werden, wenn es denn über die Laufzeit der Ausstellung hinaus für Internetmedien gestattet wäre.
Das Kunst Haus Wien zeigt eine exzeptionelle Ausstellung zu drei Reisezielen von Henri Cartier-Bresson: USA - Indien - UdSSR. Reiseziele, denen er mehr als einen fotografischen Trip gegönnt hat. Cartier-Bresson unternahm weitere Reisen in zeitlichen Abständen, um die Lebenswirklichkeiten erneut abzulichten. Er aktualisierte seinen Blick ebenso wie den der ganzen Welt auf Länder und Menschen.
Erzählerische Kraft und Einfangen des besonderen Moments sind hervorstechende Charakteristika der Fotografien von Cartier-Bresson. Fantastische Fotos, die in einer Zeit entstanden, als Fotografieren und Fotoverwendung noch nicht von einer Gesetzesflut beschnitten wurden. Fotos bei deren Entstehung inhaltliche und künstlerische Qualitäten über Equipment und Gewerbeschein gestellt wurden.
Hier könnte das zweite Foto von zwei Fotos gezeigt werden, wenn es denn über die Laufzeit der Ausstellung hinaus für Internetmedien gestattet wäre.
Fazit: Gehen Sie in die Ausstellung und machen Sie sich selbst ein Bild. Abgesehen von der gelungenen Ausstellung “Henri Cartier-Bresson. Der Kompass im Auge: Amerika-Indien-Sowjetunion” ist das Kunst Haus Wien sowieso immer einen Besuch wert!
© S. Strohschneider-Laue
Henri Cartier-Bresson
Sein 20. Jahrhundert 1908-2004
Der Klang der Seele. Portraits
Meisterwerke: Photographien
Du814 - das Kulturmagazin. Doppelter Blick: Sieben Magnum-Fotografen unterwegs mit sieben Autoren. Truman Capote & Henri Cartier-Bresson, John Steinbeck & Robert Capa, Arthur Miller & Inge Morath u. a
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Tags:Asien, Ausstellung, Ebensolch Rez-E-zine 69/11, Europa, Fotografie, Reise, Russland, Sistlau, USA
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Mittwoch, 09. November 2011

Alfried Wieczorek, Wilfried Rosendahl (Hgg.)
Schädelkult
Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen
Publikationen der Reiss-Engelhorn-Museen 41
Schnell + Steiner 2011, 388 S, zahlr. Fotografien und Grafiken.
ISBN 978 3 7954 2454 1
Schädelkult: Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen
Der gewichtige Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Reiss-Engelhorn-Museum ist beispielgebend. Die herausragende inhaltliche Qualität ist optisch und haptisch in einer attraktiven Publikation umgesetzt worden. Über 50 AutorInnen aus verschiedenen Forschungsbereichen unterziehen menschliche Schädel minutiösen Betrachtungen und interpretieren deren kulturgeschichtliche Bedeutung.
Das Thema wird in fünf Kapiteln gegliedert, die Sinnvoll und Geistreich - der Schädel, Vom Neandertaler bis zur Völkerwanderung - Ein Gang durch die Vor- und Frühgeschichte, Von Schrumpfköpfen, Schädelbechern und Schillerschädeln - Ein Gang durch die Weltkulturen, Schädelfaszination heute und Schädelgalerie betitelt sind. Den einzelnen Beiträgen sind umfassende Literaturzitate angeschlossen.
Im ersten Kapitel stehen Seele-Herz-Hirn - damit Sinn und Verstand - in antiker Vorstellung (Elisabeth Ahner), Schädel als Knochenstruktur (Helmut Wicht) sowie operative Eingriffe am Schädel (Kurt W. Alt) quer durch die Zeiten im Mittelpunkt. Wahrlich spannend, was aus dem Unikat des Schädels “herausgeholt” werden kann. Einerseits wurden schon früh medizinische und philosophische Betrachtungen mit dem Kopf verbunden, andererseits wurden bereits in prähistorischer Zeit mehr (!) oder minder erfolgreiche Eingriffe im Schädelbereich vorgenommen.
Eine spannende Zeitreise durch die Vor- und Frühgeschichte wird im zweiten Kapitel unternommen. Beiträge führen von der Alt- und Mittelsteinzeit (Joachim Wahl) über das Neolithikum (Jörg Orschiedt, Andrea Zeeb-Lanz), Bronzezeit (Christiane Ana Buhl) und Eisenzeit (Axel von Berg, Béatrice Vigié) mit einem Abstecher ins Alte Ägypten (Tanja Pommering und Stan Hendricx) und zu den Skythen (Claudia Braun). Betrachtungen zur Antike (C.B.) und Spätantike (Gerhard Hotz) schließen den genialen Überblick. Schädelkult, Kannibalismus, der Ritualplatz von Herxheim, Masken und Schädeldeformationen sind nur einige Aspekte, die berücksichtigt werden.
Der Blick auf die Weltkulturen im dritten Kapitel wirft Schlaglichter aus Afrika (Andrea Schlothauer), Asien (Katja Müller, Paolo Maiullari, Richard Kunz, A.S.), Ozeanien (Bernd Leicht, Alexandra Wessel, Antje Kelm, Wilfried Rosendahl, Christian Fink, Heaether Gill-Frerking, Thomas Henzler, Markus Monreal, Stefan Schlager, Ursula Wittwer-Backofen), Nord und Mesoamerika (Martin Schultz, Nikolaus Stolle, Ursula Thiemer Sachse, W.R., Sinas Steglich) Südamerika (A.S., Anna-Maria Begerock, Virgina und Michael Tellenbach, Sabine Bernschneider-Reif, Timo Gruber, Reiner Sörries, Dario Piombino-Mascali, Alber Zink, Ulrike Neurath-Sippel, Eva-Maria Günther, Elisabeth Ahner, Rudolf Maurer, U.W.-B., Daniel Möller, Uwe Hoßfeld, W.R., Gisela Gruppe, Marina Vohberger). Kopfjagd, Schädelschmuck, Skalps, Kristallschädel und Schrumpfköpfe zeigen u. a. vielfältige Rituale rund um Triumph und Trauer in außereuropäischen Kulturen auf. Während Heilmittel, religiöse und weltliche Reliquien sowie Rassenkunde Beispiele für europäischen Schädelkult sind.
Der ungebrochenen Schädelfaszination in der Gegenwart wird im vorletzten Kapitel Rechnung getragen. Die schwarze Szene (C.A.B.), das Totengedenken in Mexiko (Ulrike Umstätter), Kriminalistik (U.W.-B.), Hirnforschung (Hans Günter Gassen) und Totenkopfsymbolik (Magdalena Pfeifenroth) sind hier die zentralen Themen. Tristesse und Zuckerwerk, Kriminalistik und Forschung sowie Symbolkraft stehen für die breitgefächerte, moderne Schädelfaszination.
Mit der Schädelgalerie schließt das fünfte Kapitel. Als Highlights zur Ausstellung (Doris Döppes, A.-M.B., D.M., W.R., A.S., A.W.) werden herausragende Beispiele wie z. B. Trophäenköpfe und künstlich deformierte Schädel aus Peru oder für die Aufbewahrung im Beinhaus bemalte Schädel aus Hallstatt in Österreich in hochwertiger Fotoqualität inklusive Kurzinformationen gezeigt.
Autorenregister und Bildnachweis beschließen den - auch durch seine übersichtliche und attraktive Gestaltung - hochwertigen Band. Ein Pflichtkauf in Fachkreisen und für kulturgeschichtlich Interessierte ebenso.
© S. Strohschneider-Laue
Schädelkult: Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen
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Tags:Antike, Archäologie, Ausstellung, Biologie, Bronzezeit, Deutschland, Ebensolch Rez-E-zine 69/11, Eisenzeit, Katalog, Kultur, Sistlau, Steinzeit, Völkerkunde
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Dienstag, 08. November 2011

Dann eben nicht!

Manche von Steuergeldern getragenen öffentlichen Institutionen sind sich selbst genug. Finanziert und nicht angewiesen auf BesucherInnen und Verkauf. Der Eintritt ist inzwischen derart exorbitant, dass sich der Normalverdiener mit Familie den regelmäßigen Besuch in Kulturinstitutionen ohnedies gut überlegt, bevor er - abseits der bereits entrichteten Steuer - tief in die Geldbörse greift. Kein Wunder, dass sich die Besucherzahlen zumeist aus zwangsverpflichteten Schulklassen und Touristen ergeben, während der Steuerzahler lieber sein Restgeld für andere Genüsse ausgibt.
Zugleich häufen sich z. B. Ausstellungen, die um Leihgaben herumdrapiert werden, damit diese durch das präsentierende Haus zertifiziert werden, eine Wertsteigerung erfahren. Der Auktionstermin für die betreffenden Leihgaben steht bereits vor Ausstellungseröffnung fest und findet vor Ende der Laufzeit statt. Kein Wunder, dass sich so mancher im Selbstverlag produzierter Katalog wie ein Werbefolder liest. An dieser Stelle wird keinerlei Vermutung nachgegangen, die sich auf Gebahrungen rund um Leihende, Verleihende, Berater etc. beziehen könnten.
Beim Pressetermin wird jedenfalls zeitintensiv geredet und ebenso zeitintensiv gegenseitig belobhudelt. Natürlich findet auch eine abendliche Eröffnung mit der gleichen Belobhudelung statt. Vor allem Politikern wird dabei die Gelegenheit eines Gratisbesuchs - ggf. inkl. Bankett im historischen Ambiente - in Kombination mit Eigenwerbung vor den Adabeiblicken gegeben.
Allerdings wurmt eines schon: Honorarfreie Pressefotos werden nur an Zeitungsvertragspartner weitergereicht - also tagesaktuelle Medien, deren Halbwertszeit sich in etwa auf zwölf Stunden beläuft. Na dann, dann berichten wir hier eben nicht über die aktuelle, chronologisch gehängte Bilderbeschau mit dem moralinsauren Vorhang.
© S. Strohschneider-Laue
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Dienstag, 25. Oktober 2011

Gustav Klimt | Josef Hoffmann
Pioniere der Moderne
Belvedere
25. Oktober ‘11 bis 4. März ‘12
Gustav Klimt / Josef Hoffmann: Pioniere der Moderne

Mit dieser Ausstellung wird bereits jetzt das Klimt-Jahr 2012 im Unteren Belvedere eingeläutet. Im Mittelpunkt der Schau steht die Kooperation von Gustav Klimt (1862-1918) und Josef Hoffmann (1870-1956) im Sinne eines ganzheitlichen Kunstschaffens, das in alle Lebensbereiche hineinwirkt.
Tatsächlich gelingt es der Ausstellung den Themenkreis rund um die beiden Künstler und ihrer Weggefährten anschaulich und äußerst lebendig zu präsentieren. Den gegenseitigen - auch internationalen - Impulsen unter den Künstlern Raum zu geben und u. a. Werke von George Minne, Ferdinand Khnopff oder Jan Toorops zu zeigen, trägt zusätzlich zu einer inhaltlich ausgewogenen Präsentation bei.
Dem dekorativ-geschwungenen Jugendstil und den geometrischen Gestaltungsprinzipien der Wiener Moderne werden zahlreiche neue Facetten abgewonnen. Was auch darin begründet liegt, sich nicht auf die Malerei zu beschränken, sondern den künstlerisch-gestalterischen Gesamteindruck zu vermitteln. Diese Gestaltungsprinzipien können sich BesucherInnen quasi als “Katalog zum Abreißen” direkt von der Wand mitnehmen.
Nicht minder berücksichtigt wird daher auch der Aspekt des Kunsthandwerks, das nicht nur als Impulsgeber eine wesentlichen Anteil an der Stilrichtung und somit an der Umsetzung in der Malerei hatte. BesucherInnen können sich davon überzeugen, wie viele Objekte ihre Attraktivität bis in die Gegenwart beihalten haben. Allein die Bibliotheksleiter von Josef Hoffmann setzt ein bis heute gültigen Maßstab für funktionales Design.
Vor 100 Jahren entstand das als Gesamtkunstwerk zu betrachtende Palais Stoclet in Brüssel. Das bis ins kleinste Detail minutiös durchgestaltete Gebäude, zu dessen Ausstattung zahlreiche Künstler beigetragen haben, ist ein Meisterwerk und zugleich architektonisches Hauptwerk von Josef Hoffmann. Das noch immer in Familienbesitz befindliche Anwesen ist nicht öffentlich zugänglich. Immerhin kann man nun im Rahmen dieser Ausstellung nicht nur ein maßstäbliches Modell des Palais, sondern gleich einen annähernd originalgroßen Nachbau der Eingangshalle bewundern.
Beethoven-Ausstellung 1902, kuvolinearer Stil, geometrischer Stil, Wien-Brüssel Beziehungen, Moderne Raumkunst, Gustav Klimt und Emilie Flöge - Kostbarkeiten, Hermine Gallia - Klimt im Boudoir sowie Barbara Flöge und die Sonnenblume - der Mensch und die Natur sind zentrale Ausstellungsthemen. Die wichtigsten Basisinformationen können publikumswirksam per “Katalogseiten-Abriss” - man muss allerdings genau hinschauen, damit man die sich harmonisch in die Wandgestaltung einfügenden Seiten bemerkt - mitgenommen werden.
Der bei Prestel erschiene Katalog Gustav Klimt / Josef Hoffmann: Pioniere der Moderne
erweist sich als ein unverzichtbarer Ausstellungsbegleiter. Darüber hinaus ist der gewichtige, aber erschwingliche Band eine Bibliotheksbereicherung für alle, die sich dem Zauber der Wiener Moderne nicht entziehen können.
Fazit: Der Mehrwert des Ausstellungsbesuchs liegt auch darin begründet, viel mehr zu sehen als “nur” Bilder von Gustav Klimt. Die Erlebnistour durch die Räume lässt in exzellent gewählten Ausschnitten das Raumgefühl der Zeit anklingen.
© S. Strohschneider-Laue
Gustav Klimt / Josef Hoffmann: Pioniere der Moderne
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Montag, 19. September 2011

Sebastian Hackenschmidt, Klaus Engelhorn (Hg.)
Möbel als Medien
Beiträge zu einer Kulturgeschichte der Dinge
Transcript 2011, 312 S.
ISBN 978 3 8376 1477 0
Möbel als Medien: Beiträge zu einer Kulturgeschichte der Dinge
Alte Möbel mit Farben und Mustern aufzupeppen, im Englischen als upcycling bezeichnet, liegt seit einigen Jahren voll im Trend. Auch das Buch “Möbel als Medien” steht ganz im Zeichen der Wiederverwertung, besteht es doch aus einer Sammlung von - für diese Publikation eigens überarbeiteten - Aufsätzen, die vor einiger Zeit bereits andernorts veröffentlicht wurden. Das Ergebnis dieses Akts des intellektuellen Recyclings ist ein Lesebuch das sich in 18 Essays den unterschiedlichen Möbeln und Raumausstattungen aus kunst- und kulturhistorischer, philosophischer und literarischer Sicht nähert.
Jenseits ihrer Funktionalität dienen Möbel als Kommunikationsmittel und Bedeutungsträger. Die Dinge mit denen wir uns umgeben, spiegeln unsere Selbstsicht und Wünsche, verraten unsere Gruppenzugehörigkeit und sozialen Status. Möbel können Werte, Normen und Lebensgefühl vermitteln - ganz unabhängig davon, ob es sich, wie im Buch, um Hochzeitstruhen des 15. oder Ikonen des Stuhldesigns des 20. Jahrhunderts handelt. An Kabinettschränken lässt sich sogar ablesen, wie sich das Verständnis der Ordnung der Welt wandelte. Nicht nur die Gestalt eines Möbels, sondern auch das Material aus dem es angefertigt wurde, kann Zeichenfunktion annehmen und gerade in der Moderne, die uns Stahlrohr und Resopal schenkte, bei BenutzerInnen zwiespältige Gefühle auslösen.
In der politischen und wirtschaftlichen Sphäre spielt der mit Mobiliar inszenierte Innenraum eine weitaus bedeutendere Rolle als das Einzelmöbel. Das Ritual seiner Nutzung als Instrument der Machtausübung lässt sich von den Raumfluchten der absolutistischen Herrscher bis in die heutigen Chefetagen verfolgen. Die Umwidmung öffentlicher in private Räume kann wiederum an der Wahl und Aufstellung von Möbeln abgelesen werden. Bis zur bürgerlichen Wohnkultur des 19. Jahrhunderts lassen sich die geschlechtsspezifischen Konnotationen von Wohnräumen zurückverfolgen. Das Attribut der heilenden Wirkung schließlich wird manchen Werken der Innenarchitektur nicht erst seit dem Wellness-Boom zugeschrieben.
Medientheoretische Überlegungen, philosophische Betrachtungen und literarische Kostproben runden den Band ab und halten für jene LeserInnen, die mit einer bildhaften Fantasie gesegnet sind, so manche Perle unfreiwilliger Komik bereit.
Das oben angerissene Spektrum, der um die Trias Einzelmöbel-Raumausstattung-Material kreisenden Themen, lässt es bereits erahnen: Das Buch “Möbel als Medien” ähnelt Dank seiner bunten Mischung an Aufsätzen einer Wundertüte. Manches entpuppt sich als freudige Überraschung, anderes als herbe Enttäuschung. Aber so wie man heute seinen Teller nicht mehr leer essen muss, besteht auch keine moralische Verpflichtung ein Buch von der ersten bis zur letzten Seite zu lesen.
© Ch. Ranseder
Möbel als Medien: Beiträge zu einer Kulturgeschichte der Dinge
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Tags:Ausstellung, CRans, Ebensolch Rez-E-zine 68/11, Kommunikation, Kultur, Kunst, Literatur
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Mittwoch, 16. März 2011

Aiwasowski - Maler des Meeres
Bank Austria Kunstforum
17. März bis 10. Juli ‘11
Aiwasowski: Maler des Meeres

Iwan Konstantinowitsch Aiwasowski (1817-1900) wurde in Feodossija auf der Krim geboren. Ein Stipendium ermöglicht es ihm ab 1833 an der Akademie in St. Petersburg zu studieren und erste Fernreisen zu unternehmen. Zahlreiche Stadt- und Landschaftsbilder geben eindrucksvolles Zeugnis seiner Reistätigkeit. Der viel beschäftigte Künstler blieb er seiner Heimatstadt verbunden. Atelier und Wohnhaus des Malers des Meeres in Feodossija ist heute ein ihm gewidmetes Museum und Leihgeber für diese außergewöhnliche Ausstellung.
Bereits 1844 wurde der aufstrebende und bereits ausgezeichnete Künstler zum offiziellen Maler des Marinestabs ernannt. Durch seine somit gesicherten Auftragsarbeiten war er finanziell gut situiert. Aus einer armenischen Kaufmannsfamilie stammend, war ihm durchaus bewusst, dass man Geld anlegen und sich gesellschaftlich integrieren muss. Sein Engagement für Wirtschaft und Kultur - er setzte sich für die Eisenbahnlinie und die Gründung eines archäologischen Museums in Feodossija ein - waren somit auch privates Kalkül.

Marinemalerei ist ein Genre, das nicht unbedingt jeden auf Anhieb anspricht. Ein Vorurteil, das durch Monumentalbilder von Seeschlachten, die für Repräsentationsräume, Hafenszenen für Amtsstuben und Schiffsbilder, die für Veteranen gemalt wurden durchaus gerechtfertigt erscheint.
Unter den sprichwörtlichen grauen Wellenfluten der ungezählten - vor allem holländischer Seestücke -, die sich einmal links, einmal in der Bildmitte und zur Abwechslung rechts des voll aufgetakelten oder bereits halb gesunkenen Schiffes zeigen, sticht die außergewöhnliche Sichtweise und Darstellung von Aiwasowski hervor. Man muss sich nicht der Marine verbunden fühlen, um die erzählerische Qualität der Szenen zu erfassen. Man muss nicht dem Ertrinken nahe gewesen sein, um die Angst der Schiffsbrüchigen zu spüren. Aiwasowskis Bilder sind Berichterstattung und Kunst zu gleichen Teilen und das macht ihre zeitlose Qualität aus.
Wer das Wasser nur vom Strandurlaub kennt, aber dessen Gewalt nur aus Katastrophenberichten, wird nach dem Besuch der Ausstellung einen geschulten Blick haben. Wellenkämme und Gischt betrachten, das Farbspiel, das Licht und die Transparenz bewundern. Spürbarer und beeindruckender als Aiwasowski Gemälde ist nur das Meer selbst.

Der bei Hatje Cantz erschiene Katalog Aiwasowski: Maler des Meeres
zeichnet sich durch vielschichtige Beiträge aus. Die gewohnt ausgezeichnete Druckqualität erfreut, kann aber trotzdem - auch aufgrund der monumentalen Originale -, die optische Wucht und Farbpracht nicht völlig gerecht werden. Dennoch ein unverzichtbarer Ausstellungsbegleiter, der es Normalsterblichen möglich macht, Aiwasowski mitzunehmen.
Fazit: Ein beeindruckender Bilderreigen, der in dieser Fülle und vor allem nach Aiwasowskis Tod außerhalb Russlands nicht zu sehen war. Die Präsentation erhebt sich erfrischend, faszinierend und gewaltig wie das Meer vom Ausstellungseintopf Österreichs mit seinen Impressionisten-Schiele-Picasso-Mainstream ab.
© S. Strohschneider-Laue
Aiwasowski: Maler des Meeres
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Mittwoch, 16. Februar 2011

Egon Schiele - Selbstporträts und Porträts
Belvedere
17. Februar bis 13. Juni ‘11
Egon Schiele: Selbstporträts und Porträts

In der Orangerie des Belvedere werden 14 Briefe und 95 Werke gezeigt - zehn davon stammen aus dem Besitz des Belvedere und 22 sind erstmals in Österreich ausgestellt. In der Flut der Schiele-Ausstellungen, die in den letzten Jahren - vor allem im Jubiläumsjahr 2010 im Leopold Museum aber auch im Wien Museum oder Landesmuseum Niederösterreich präsentiert wurden - bemüht sich das Belvedere nun mit “Selbstporträts und Porträts” um eine thematische Eingrenzung.
Die chronologische Hängung (Frühe Arbeiten 1906-1909, Expressionistischer Durchbruch 1919-1911, Selbstporträts 1910-1918, Zeit der Reife 1912-1915 und Späte Porträts 1916-1918) der Kuratorin Jane Kallir wird zuweilen aus thematischen und optischen Gründen aufgebrochen. Berühmtes und kaum Bekanntes aus Schieles kurzer Schaffenszeit wird hier Seite an Seite gezeigt. Deutlich tritt dabei das der inhaltlichen Veränderung und seiner künstlerischen Entwicklung unterworfene Menschenbild Egon Schieles zutage. Sicht- und Darstellungsweisen, die bis heute immer wieder aus diversen Gründen polarisieren.

Die exzellente Ausstellungsgestaltung strukturiert räumlich und optisch. Sie vermittelt den Besuchern das Gefühl sich durch einen in breiten Bögen abgerollten, packpapierfarbenen Malgrund von einem Bereich in den nächsten zu bewegen. Ohne harte Kanten wird in wellenförmigen Übergängen harmonisch gegliedert.
Egon Schiele ist ein Marketingphänomen und Arthur Roessler war sein erster Marketingstratege. 1909 stand Schiele vor dem Nichts. Er war aus der Wiener Kunstakademie im Streit ausgetreten und hatte sich Gleichgesinnten in der Neukunstgruppe angeschlossen, die nur eingeschränkte Ausstellungsmöglichkeit hatte. Im Oktober 1910 malte Schiele das Ölporträt von Arthur Roessler, dem Kunstkritiker, Autor, Galerieleiter, Kunstkonsulent und gesellschaftlich Etablierten. Schiele nutzte die soziale und publizistische Unterstützung Roesslers, dieser wiederum die wachsende Popularität des Künstlers. Nach dem frühen Tod Egon Schieles 1918 ließ sich Roessler von dessen Mutter alle Nutzungsrechte übertragen und etablierte die “Marke Schiele” ebenso nachhaltig, wie es bis zuletzt Rudolf Leopold tat.
Fazit: Die Gelegenheit Porträts und Selbstporträts von Egon Schiele zu sehen und sich selbst ein Bild von seiner Sicht auf andere und sich selbst zu machen, sollte man nicht versäumen.
© S. Strohschneider-Laue
Egon Schiele: Selbstporträts und Porträts
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Montag, 14. Februar 2011

Atelier Brückner (Hg.)
Szenography / Szenografie
Making spaces talk / Narrative Räume
Projects / Projekte 2002-2010 Atelier Brückner
avedition 2010, Dt./En.,368 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8998 6136 5
Scenography. Atelier Brückner 2002-2010: Make spaces talk
“Szenografie” ist ein Buch mit vielen Eigenschaften. Auf der inhaltlichen Ebene vereint es die Merkmale eines Handbuches mit den Charakteristika einer Jubiläumsschrift. Seine Texte verbinden die Vermittlung von Grundlagen einer noch jungen Disziplin mit der Vorstellung von Philosophie und Projekten eines der führenden Unternehmen der Branche - des Atelier Brückner.
Seit 1997, dem Jahr seiner Gründung durch den Architekten und Bühnenbildner Uwe R. Brückner und der Architektin Shirin Frangoul-Brückner, hat sich das Atelier Brückner mit Szenografien von herausragender Qualität und Einfallskraft international einen Namen gemacht. Die aus der intensiven Auseinandersetzung mit dem Inhalt entstandenen erzählerischen Raumbilder des mittlerweile auf über 70 Mitarbeiter angewachsenen Ateliers hinterlassen einen bleibenden Eindruck - sowohl als physisches Raumerlebnis als auch in der Form einer fotografischen Dokumentation. Davon können sich LeserInnen in jenem Teil des Buches “Szenografie” überzeugen, welcher der Präsentation von 43 ausgewählten Projekten der letzten 10 Jahre gewidmet ist. Das Spektrum der einfallsreichen Raumkonzeptionen reicht von Dauer- und Sonderausstellungen über Expo-Pavillons bis zu raumfüllenden Messeständen. Fotos älterer, ebenso wegbereitender Projekte sind Bestandteil der opulenten Bebilderung des theoretischen Teils des Buches, der sich den Arbeitsweisen widmet.
Die zunehmende Komplexität der von Szenografen zu lösenden Aufgaben und die Vielfalt der Instrumente, die heute für die Schaffung unvergesslicher Inszenierungen zur Verfügung stehen, erfordern interdisziplinäres Arbeiten sowie eine hohe Kommunikationsfähigkeit. Die Bedeutung des ganzheitlichen Diskurses, des Reflektierens und Hinterfragens konzeptioneller Möglichkeiten zieht sich - ebenso wie die Notwendigkeit des Strukturierens und Lenkens des Designprozesses - wie ein roter Faden durch das Buch. Dieses ist, wie jede Ausstellung, eine Gemeinschaftsarbeit. Als Auftakt des stattlichen Bandes in deutscher und englischer Sprache stellt Frank den Oudsten das Atelier Brückner und dessen von Uwe R. Brückner geprägten Leitsatz “form follows content” vor. Michaela Ganter und Claudia Luxbacher verfassten die Projektbeschreibungen. Die Texte von Prolog, den vier Kapiteln und Epilog stammen aus der Feder von Christian Barthelmes. Geschickt verflicht er die fundierte Darstellung theoretischer und praktischer Grundlagen mit der Schilderung von Arbeitsweisen und Designphilosophie des Atelier Brückner.
Im “Prolog” spannt sich der thematische Bogen von der Erklärung des Begriffs Szenografie und der Genese dieser Disziplin über die Ursprünge des Ausstellens sowie der Entwicklung von den Wunderkammern zu den ersten wissenschaftlichen Sammlungen bis zum heutigen Ausstellungswesen.
Das Kapitel “Inhalt” verfolgt, wie aus der Interpretation eines Themas die Inszenierung von Exponaten und des sie umfangenden Raumes erwächst, sodass eine dreidimensional erfahrbare, emotional berührende Erzählung entsteht, die zugleich Ideen und Fakten vermittelt.
Das Kapitel “Methode” stellt die Arbeitsweise des Ateliers, die auf der von Uwe R. Brückner entwickelten “creativ(e) structur(e)” basiert, vor und begleitet in Zuge dessen den Designprozess Schritt für Schritt.
Das Kapitel “Instrumente” zeigt, womit Szenografen ihre Visionen verwirklichen: Raum, Licht, digitale Medien, Klang und Grafik.
Das Kapitel “Umsetzung” entführt in die Welt der Pläne, Modelle, Testaufbauten und Probeläufe, die notwendig sind, um Gestaltungsideen zu kommunizieren und Entwürfe auf ihre Wirkung und Benutzerfreundlichkeit zu testen.
Der “Epilog” wirft schließlich einen Blick auf Selbstverständnis, status quo und zukünftige Aufgaben der Szenografie.
“Szenografie” ist ein mit großer Sorgfalt gestaltetes Buch. Optisch und inhaltlich setzt es mit dem großzügigen Einsatz von Bildmaterial aller Art - von der Skizze bis zum perfekt ausgeleuchteten Ausstellungsraum - neue Maßstäbe für Handbücher. Als Navigationshilfe zwischen den beiden thematischen Blöcken - die in ihrer Abfolge abwechselnden “Arbeitsweisen” und “Projekte” - finden zwei unterschiedliche Papierqualitäten Verwendung. Eine zusätzliche haptische Dimension wird auch der Oberfläche des Buchkörpers durch Prägedruck am Cover verliehen.
Die Lektüre des Buches “Szenografie” ist ein lehrreiches und inspirierendes Vergnügen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es als Handbuch, Erinnerungshilfe für Gesehenes oder für einen Blick hinter die Kulissen eines Designstudios aus dem Bücherregal genommen wird.
© Ch. Ranseder
Scenography. Atelier Brückner 2002-2010: Make spaces talk
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Montag, 22. November 2010

Eventdesign Jahrbuch / Event Design Yearbook 2010/2011
avedition 2010, Dt./Engl., 190 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8998 6131 0
Eventdesign Jahrbuch 2010/2011: Einführung von Jörg Beier
Mit dem Eventdesign Jahrbuch 2010/2011 stellt der Verlag avedition nun auch den Protagonisten dieses zeitgeistigen Segments der multimedialen Kommunikation eine Plattform zur Verfügung. Die zweisprachig in Deutsch und Englisch angelegte Publikation strebt nach einem internationalen Echo. Unternehmen und Agenturen aus dem In- und Ausland werden daher bereits im Vorwort eingeladen, Projekte einzureichen.
Der Aufbau des Buches verspricht für die Zukunft ein interessantes Wechselspiel zwischen akademischem Diskurs und dokumentierter Praxis. Den theoretischen Teil übernehmen im vorliegenden ersten Band der geplanten Reihe Jörg Beier, Professor für Messe-, Kongress- und Event-Management an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, und Georg Stark, Leiter des Steinweg Instituts. Ihr Aufsatz “‘Schwarmintelligenz’ und Begegnungskultur” führt in das komplexe Thema Event-Marketing/Live-Kommunikation ein und steckt mit Inhalts- und Begriffsdefinitionen, der Darlegung von Inszenierungsmechaniken sowie der Empfehlung von Planungsschritten im Projektmanagement das Feld ab, auf dem die Kreativen spielen dürfen. Diesen wird der stattliche Hauptteil des Buches überlassen.
Das Eventdesign Jahrbuch 2010/2011 präsentiert 34 Projekte aus den Jahren 2008 und 2009. Das Spektrum reicht von Produktpräsentationen, Modeschauen und Firmenjubiläen über Fachkonferenzen, Management Meetings und Preisverleihungen bis zu Eröffnungen von Sportveranstaltungen, einer mobilen Miniausstellung und inszenierter Plakatwerbung. Das Mäntelchen des Events lässt sich über Vieles stülpen. Um Ordnung zu schaffen, werden die ausgewählten, meisterhaft inszenierten Ereignisse in vier Kategorien unterteilt: Corporate Event, Employee Event, Public Event sowie Charity, Social, Cultural Event. Jeder Eintrag in diesem illustren Reigen wegweisender Beispiele setzt sich aus einer kurzen Beschreibung der Veranstaltung, einer Liste der Akteure und einer hervorragenden Fotodokumentationen zusammen.
Die schmucke Publikation lässt doppelt staunen. Einerseits wegen der kreativen Hochleistungen und des Feuerwerkes origineller Einfälle, die auf seinen Seiten für die Ewigkeit festgehalten sind. Andererseits wegen des beachtlichen Aufwands mit dem banale Produkte und Dienstleistungen inszeniert werden, um sie mit emotionalem Mehrwert aufzuladen. Dabei ist Live-Kommunikation eine riskante Sache. Schließlich läuft die Wirkung ephemerer Veranstaltungen immer Gefahr, sich als ebenso flüchtig zu erweisen wie die eingesetzten szenischen Effekte oder das aufgetischte opulente Dinner.
Damit sich die Gruppendynamik während des Events positiv entwickelt und den kommunizierten Botschaften die gewünschte Nachhaltigkeit sichert, benötigt es Fingerspitzengefühl und Professionalität. Die Schlussworte des Buches übernimmt daher das Forum Marketing Eventagenturen, dessen Beirat gemeinsam mit Agenturvertretern den FME-Qualitätskodex erarbeitet hat.
Mit dieser Mischung aus Theorie und Praxis ist das Eventdesign Jahrbuch auf dem besten Weg in der Branche zum Standardwerk zu werden.
© Ch. Ranseder
Eventdesign Jahrbuch 2010/2011: Einführung von Jörg Beier
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Donnerstag, 07. Oktober 2010

Vom MehrWert der Bücherfrauen
MehrWert: Arbeiten in der Buchbranche heute
Frankfurter Buchmesse 6. bis 10. Oktober ‘10

Auf der Frankfurter Buchmesse luden die Bücherfrauen zur Präsentation der aktuellen Studie “MehrWert. Arbeiten in der Buchbranche heute”. Am Podium (v.l.n.r.) saßen Bücherfrau Karina Schmidt, Ausführende der Studie Prof. Dr. Romy Fröhlich sowie die Verlegerin und “BücherFrau des Jahres 2009″ Ulrike Helmer. Im Publikum 50 interessierte Frauen sowie zwei von meiner Sitzposition in der letzten Reihe sichtbare Männer.

Die Bücherfrauen sind ein Netzwerk von Frauen für Frauen aus allen Bereichen der Buchbranche. Umso verständlicher, dass das engagierte Netzwerk wissen wollte, wie es tatsächlich um die Arbeitssituation für Frauen in der Bücherwelt bestellt ist.
Die vermeintlich gute Nachricht lautete: Die Buchbranche ist weiblich.
Bei einer erstaunlich hohen Beteiligung konnten umso fundiertere, wenn auch umso tristere, Ergebnisse erzielt werden. Egal wie es Frauen anstellen, ob sie Karrierebrüche - z. B. durch Kinder - haben oder nicht, und egal wie hoch ihre Qualifikationen sind, am Ende werden sie um 25% schlechter bezahlt als ihre männlichen Arbeitskollegen. Ein Gustostück am Rande: Männer schaffen es im Gegensatz zu Frauen, Familienzuwachs mit einer Lohnerhöhung zu verbinden, während werdende und frischgebackene Mütter ggf. mit einer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen - inkl. Lohnkürzungen - rechnen müssen.
Aller Schönrederei zum Trotz tritt die Gleichberechtigung und Gleichbezahlung auf der Stelle, wie auch mit dieser Studie deutlich aufgezeigt wird. Nachdem es noch keine vergleichbare Untersuchung für die Buchbranche gab, kann man nur vermuten, dass es sich um einen Abwärtstrend handelt, der mit dem Rückzug der Männer aus dem Berufsfeld begann. Wie schlimm es wirklich war, ist und sein wird, wird erst die nächste Studie in einigen Jahren zeigen. Buchmesseaktuell lässt sich bereits ein Vergleich herstellen. Die Buchbranche mag zwar weiblich sein, aber die breitenwirksame Plattform des Blauen Sofa gehört in diesem Jahr eindeutig den Männern.
© S. Strohschneider-Laue
MehrWert: Arbeiten in der Buchbranche heute
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Donnerstag, 30. September 2010

Rodin und Wien
Belvedere 1. Oktober ‘10 bis 6. Februar ‘11

Auguste Rodin - dem Schweiger, der den Denker schuf - widmet das Belvedere eine Ausstellung in der Orangerie sowie den Katalog Rodin & Wien
.
Bereits zur fünften Weltausstellung, die 1873 stattfand, waren einige Terrakotten von Auguste Rodin in Wien zu sehen. Seither blieb Rodin Wien verbunden. Neun Jahre später beteiligte er sich an der Künstlerhausausstellung. 1898 nahm er an der ersten Ausstellung der Secessionisten teil, deren Ausstellungen er immer wieder beschickte. Aber auch im Kunstsalon Heller, im Wiener Hagenbund und sogar in einer Volkshochschule, heute von den Meinungsmachern der etablierten Kunstszene belächelter Ausstellungsort, wurden Rodins Werke gezeigt.

Rodins Porträtbüste Henri Rocheforts gelangte 1899 als ein Geschenk der Secessionisten in Staatsbesitz. Sie war ein Beitrag zur Gründung der “Modernen Galerie”, die den Grundstock der heutigen Sammlung des Belvedere bildet.
Die Schau präsentiert sich übersichtlich gegliedert in der lang gestreckten Halle. Die thematisch-chronologische Anordnung ermöglicht, sowohl Rodins Beitrag zu Ausstellungen der Secessionisten zu verdeutlichen, als auch die Beeinflussung und Rezeption der österreichischen Kunstszene durch Rodins Schöpfungen aufzuzeigen. Dafür wird auch Grafiken Raum geboten, deren formale Anregungen unverkennbar sind. Die zentral an der Längsseite angebrachte Bildreproduktion des “Höllentors” in Originalgröße, ermöglicht es den BesucherInnen die Figuren “Eva” und “Der Denker” im Kontext zu erfassen.

Interessante Aspekte eröffnen sich durch die ausgestellten Fotografien. Rodins geschickter Einsatz von Fotografien als Werbemittel, brachte den Durchbruch von Fotografien als Ausstellungs- und Katalogbestandteil
Fazit: Die Gelegenheit Werke von Auguste Rodin zu sehen, sollte man nicht versäumen. Der zusätzliche Wienbezug macht die Schau umso reizvoller.
© S. Strohschneider-Laue
Rodin & Wien
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Dienstag, 21. September 2010

Picasso
Frieden und Freiheit
Albertina
22. September ‘10 bis 16. Januar ‘11

In langjähriger Zusammenarbeit zwischen Albertina und Tate Liverpool entstand eine exzellente Ausstellung zum politischen Aspekt im Kunstschaffen Picassos. Der gleichnamige Katalog Picasso. Frieden und Freiheit kann zwar nicht die gelungene Ausstellungsgestaltung vermitteln, ist aber inhaltlich und qualitativ ebenso hochwertig.

Auch wenn man es bereits überdrüssig ist, schon wieder eine Personale von Picasso zu sehen, sollte man den Besuch nicht versäumen. In dieser Ausstellung geht es um mehr als nackte Tatsachen oder zeitgeistige Wandbehübschungen aus dem unerschöpflichen Atelier des spanischen Playboys. In dieser Ausstellung geht es um eines Menschen Zeit. Um das, was Menschen einander zufügen, Kriege verursachen, wie sich ihre kalten Varianten auswirken und wie ein einzelner Mensch sichtbar Stellung bezieht. So leistete der Kommunist Picasso mit seinen Arbeiten einen inhaltlichen und durch seine parteipolitischen Spenden einen allgemeinen Beitrag sowie auch persönliche, finanzielle Hilfe.

Betrachtet vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs, des Spanischen Bürgerkriegs, des Algerienkriegs und des Kalten Kriegs erlangen viele seiner Arbeiten eine völlig neue Bedeutung, die sich beim unbefangenen ersten Betrachten sicher vielen entzogen haben. Die Ausstellungsobjekte repräsentieren daher einerseits Picassos Aufarbeitung gesellschaftlicher Katastrophen bzw. sind bildgewordener Kommentar des Künstlers auf politische Ereignisse seiner Zeit.

Getragen wird die Ausstellung sowohl von den ausgewählten rund 200 Werken als auch von der Inszenierung in der sie gezeigt werden. Zeitgenössische Fotografien, die großflächig auf die Ausstellungswände aufgebracht wurden, schlagen optische Brücken zum zeitgeschichtlichen Kontext. Sie präsentieren das Raumthema, in dem sie die BesucherInnen zur schweigenden anonymen Mehrheit inmitten des Geschehens werden lassen.

Fazit: Die beste Picasso-Ausstellung darf man einfach nicht versäumen. Erwähnt werden muss noch das engagierte Programm für Kinder und Jugendliche, das den Fokus vor allem auf den Frieden richtet. Die aktiv ausgerichteten Familientage finden an jedem ersten Sonntag im Monat statt. Wer allerdings immer unter den ersten Besuchern sein oder mehr sehen möchte als andere, sollte Mitglied der “Freunde der Albertina” werden.
© S. Strohschneider-Laue
Picasso. Frieden und Freiheit
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Sonntag, 19. September 2010

Martin-Gropius-Bau, Bank Austria Kunstforum (Hgg.)
Frida Kahlo
Retrospektive
Prestel 2010, 256 S., zahlr. Farb- und Sw.-Abb.
ISBN 978 3 7913 5009 7
Frida Kahlo. Retrospektive
Nach der erfolgreichen Ausstellung in Berlin sind noch bis 5. Dezember ‘10 Werke von Frida Kahlo im Kunstforum in Wien zu bewundern. Tatsächlich können die BesucherInnen der Künstlerin aus Mexiko durch ihre Werke und in Fotos näher kommen - näher als es kaum ein anderer Kunstschaffender zulässt. Auch durch Fremdbetrachtungen, denn nichts anderes sind die gezeigten Fotos, ist es möglich, die Einfluss nehmende Persönlichkeit Frida Kahlos zu spüren.
Über Frida Kahlo ist viel publiziert worden. Zahlreiche Bände über ihr Werk, ihr Leben liegen bereits vor. Umso überraschender ist es, dass es den AutorInnen dieses haptisch und optisch hochwertigen Ausstellungskatalogs gelingt, neue Aspekte in den Vordergrund ihrer Betrachtungen zu rücken.
Ingried Brugger, Direktorin des Bank Austria Kunstforums, widmet sich in “Eine kleine Welt, die so groß geworden ist …” einer Frau, die sich im männlich dominierten Kunstbetrieb nicht aufdrängte, es vielleicht auch nicht wollte. Und sie verweist auf die Künstlerin, deren Leben und Werk eine Einheit voller Widersprüche zu sein scheint, die letztlich erst ihre wirkliche Persönlichkeit ausmachten.
“Die himmlische Liebesgeschichte und chiffrierte Geheimschriften im Werk von Frida Kahlo” unterzieht Helga Prignitz-Poda einer näheren Betrachtung und räumt bereits zu Beginn mit zahlreichen Falschmeldungen auf. Den Katalog bereichert sie überdies noch durch ihren Beitrag “Die Zeichnungen”, während “Fotografien. Das Bild als Zeugnis: Frida Kahlo und die Fotografie” von Cristina Kahlo vorgestellt werden.
Unter der doppelten Betrachtung “Fridas Freunde sind auch meine Freunde. Oder: Wer sammelt Kunst von Frida Kahlo?” analysiert Salomon Grimberg Künstlerin und ihre SammlerInnen zu gleichen Teilen. Denn alle, die ein Werk von Frida Kahlo kauften, reklamierten sich zugleich in ihr Leben, standen ihr nahe oder wünschten es zumindest.
Die literarischen Aspekte der Künstlerin werden in “Frida Kahlo, die Poetin. Zu den Briefen, Gedichten und Aufzeichnungen einer literarischen Künstlerin” vorgestellt. Peter von Becker lässt Frida Kahlo für sich selbst sprechen. Zugleich stellt er überaus spannend die betreffenden Stationen ihres Lebens ihren Texten sowie ihre Werke den betreffenden literarischen Querbezügen gegenüber.
Florian Steininger, der ebenso wie Heike Eipeldauer und Helga Prignitz-Poda Textbeiträge zum Katalog beistellt, legt mit “‘Frida Icon’. Das autoritäre Auge bei Frida Kahlo” einen Beitrag zur Rezeption christlicher Heiligendarstellungen im Werk der Künstlerin vor.
Mit “Frida Kahlo. Das Leben, ein Schmerz” bringt Arnoldo Kraus die körperliche Krankengeschichte der Künstlerin in ein Spannungsverhältnis zu ihrem seelischen Schmerz und deren Verarbeitung durch ihr Kunstschaffen.
Die politische Dimension der Künstlerin und ihrer Weggefährten wird von Francisco Reyes Palma in “Frida Kahlo: Eine antistalinistische Bombe, als Geschenk verpackt” über die Metapher hinaus gewürdigt.
Im abschließenden Essay unterzieht Jeanette Zwingenberger “Frida Kahlos Körperräume” Vergleiche mit etlichen KünstlerInnen, darunter auch Dalí und O’Keefe. Deren surrealistischer Blick ist voller symbolhaften Doppeldeutigkeiten sowie zeitlich-räumlichen Widersprüchen. Sichtweisen, die auch Frida Kahlo kennzeichnen.
Der Katalogteil wird durch Bildessays ergänzt, während die Zeichnungen und Fotografien gesondert vorgestellt werden. Eine übersichtliche Biografie, das Verzeichnis der ausgestellten Werke, ausgewählte Literatur sowie eine Übersicht über die AutorInnen beschließen den prächtigen Band.
© S. Strohschneider-Laue
Frida Kahlo. Retrospektive
Frida Kahlo: Die Lebensgeschichte
Frida Kahlo - Die Malerin und ihr Werk
Frida Kahlo - Ihre Photographien
Jetzt, wo Du mich verläßt, liebe ich dich mehr denn je
Aktuelle Ausstellungskataloge
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Samstag, 19. Juni 2010

Heinrich Kühn und Walton Ford
Vollkommene Fotografie und Bestiarium
Albertina
Heinrich Kühn 11. Juni bis 29. August ‘10
Walton Ford 18. Juni bis 10. Oktober ‘10
Zwei großartige Künstler erhalten in der Albertina eine würdige Plattform. Ihre Gemeinsamkeiten sind stilistisch unkonventionell, in ganz eigener Weise retro und zugleich narrativ zu sein. Es ist ein Glück für das kunstinteressierte Publikum, dass beide Ausstellung fast zeitgleich in der Albertina gezeigt werden.
Heinrich Kühn (1866 Dreden - 1944 Innsbruck)
Heinrich Kühn: Die vollkommene Fotografie

Der technisch fortschrittlich orientierte Heinrich Kühn vervollkommnete stets aufs Neue seine fotografischen Möglichkeiten, um künstlerisch harmonische, impressionistische Bilder zu fertigen. Den Schnappschusscharakter vieler seiner Fotos erzielte er durch minutiöse Planung und oft langwierige Sitzungen.

Im Mittelpunkt seiner Fotografie standen zu meist seine vier Kinder. Der festgehaltene Blick des Fotografen auf die eigene Familie und die umgebende Landschaft lässt seine großbürgerlichen im 19. Jahrhundert verhafteten Ansichten deutlicher hervortreten als es die künstlerische Unschärfe im ersten Moment der Betrachtung vermuten lässt. Seine patriarchalische Gesinnung gegenüber Frauen und Kindern ist trotz der idyllischen Sujets unverhohlen. Bedauerlicherweise wird dieser persönliche Aspekt Kühns ungeachtet des großen Blocks privater Fotografien nicht herausgearbeitet. Seine technischen Verdienste sowie seine Stellung innerhalb der internationalen Fotografie werden hingegen gelungen präsentiert. Ein exzellenter Kurzfilm verschafft zuletzt noch jenen Fotos, die nicht für Abzüge gedacht waren, einen passenden Auftritt.
Walton Ford (1960)
Walton Ford: Pancha Tantra

Altmeisterlich, perfekt und zugleich boshaft-humorig sind Walton Fords gewaltige Werke. Kein Wunder, dass sich ihre Besitzer nur ungern von ihnen für Ausstellungsprojekte wie dieses trennen. Mit Walton Fords Bildern lebt man, den Picasso hat man halt auch. Beliebigkeit kann man den Bildern jedenfalls nicht vorwerfen, stehen sie doch in einen kulturhistorischen Kontext und fordern eine Stellungnahme ein.

Zudem ist jedes Einzelne eine Augenweide. Lebensgroß, dramatisch und technisch ausgereift, zeigen sich die an alte Naturstudien erinnernden Bilder. Bei Verharren und Betrachten wird man entweder in das Geschehen hineingesogen oder spürt die bedrohliche Situation auf sich zukommen. Kalt lässt jedenfalls keines der gezeigten Themen. Man gönnt dem Toten, dass der Gorilla sein Gewehr verbiegt, besonders, da der Originalbericht, der dem Bild zugrunde liegt, eine andere Situation schildert. Abgeschlachtete und aufgestapelte Beutelwölfe, ein Monsterstar, der von anderen nach Amerika eingeschleppte “Shakespeare-Vögel” gefüttert wird oder wie das sinnlose Kanonenfutter von Borodino zu sinnvollem Futter für die Wildtiere wird. Es ist erfreulich zu sehen, wie meisterhaft Inhalt und Form qualitätvoll in einer Zeit zueinanderfinden in der seit Jahrzehnten schnell gequirlte Scheiße als aussagekräftige Kunst gilt. Und noch erfreulicher ist, dass dies in der Albertina gewürdigt wird, wo es gewisse Techniken, Materialien und Formate seit geraumer Zeit sehr schwer haben die Absolution zu erhalten.

Fazit: Beide Ausstellungen gemeinsam betrachtet, sind genussvoll wie ein mehrgängiges Haubenmenu. Man benötigt ausreichend Zeit, muss genau beobachten und anschließend zwischen den Zeilen lesen. Ein Genuss für Menschen, die Inhalt zu schätzen wissen.
© S. Strohschneider-Laue
Heinrich Kühn: Die vollkommene Fotografie
Walton Ford: Pancha Tantra
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Dienstag, 15. Juni 2010

Schlafende Schönheit
Meisterwerke viktorianischer Malerei aus dem Museo de Arte de Ponce (MAP)
Belvedere 15. Juni bis 3. Oktober 2010

Es ist ein großes Glück, dass das MAP zur Zeit ausgebaut wird und die Gemälde bis Oktober statt auf Puerto Rico in Wien zu sehen sind. 1959 wurde das durch den Industriellen, Politiker, Musiker und Kunstsammler Don Luis Alberto Ferré Aguayo (1904-2003) gegründete MAP eröffnet. Grundstock der Sammlung bildeten 71 von ihm gestiftete Gemälde. Unter zahlreichen bedeutenden Gemälden europäischen Kunstschaffens befinden sich auch etliche Schlüsselwerke viktorianischer Malerei in der Sammlung. In den 60er Jahren wurden sie weit unter ihrem heutigen Wert verkauft, da sie u. a. dem Zeitgeschmack nicht mehr entsprachen.

Nach Präsentationen in London, Madrid, Den Haag und Stuttgart werden die Werke, darunter auch das Monumentalgemälde von Burne-Jones “The Sleep of King Arthur in Avalon”, im Belvedere ausgestellt, bevor sie zurück nach Puerto Rico reisen. Hinter dem etwas unglücklichen Titel “Schlafende Schönheit”, unter dem man im Englischen ”Dornröschen” verstehen würde, verbirgt sich viel mehr als das Märchenthema. Die Schau im Belvedere hat es sich zur Aufgabe gemacht, die 65 gezeigten Gemälde in einen größeren Kontext im Vergleich zwischen Nazarener und Präraffaeliten zu zeigen sowie einen Querbezug zu den gleichzeitig in Österreich wirkenden Künstlern herzustellen.

Dass hingegen das Märchenthema nicht minder zu schätzen ist, wird durch Burne-Jones’ Gemäldezyklen deutlich. Auf dem ersten Bild ist der Ritter zu sehen, wie er vor der Dornenhecke steht und fünf - nicht wie behauptet vier - tote Ritter und Reste der Ausrüstung im Gestrüpp vorfindet. Das zweite zeigt den schlafenden König mit seinem Hofstaat und das letzte Bild schließlich das schlafende Dornröschen mit drei Dienerinnen. Betrachtet man diese Bilder in Zusammenhang mit den Walter Crane geschaffenen Buchillustrationen, wird deutlich wie prägend die Bildsprache des 19. Jh. und deren Rezeption für das Märchenverständnis bis in die Gegenwart geblieben ist. Zugleich zeigt das Beispiel “Buch als Gesamtkunstwerk” wie obsolet die Unterscheidung zwischen Kunst und Kunstgewerbe ist.
Besonders gut gelingt der Querbezug zu Österreichs Kunstschaffenden jener Zeit in der Gegenüberstellung von Frederic Leightons “Flaming June” mit anderen erotisch positionierten Schläferinnen. Darunter sticht vor allem das “Leda-Motiv” hervor, das seine Krönung in Reiters “Schlummernder Frau” erfährt. Hier reduziert sich der - gerupfte - Schwan auf ein pralles Federbett, dessen bauschige Form an den “entschlafenen” Vogel erinnert.
So sehr dies auch die BetrachterInnen heute zum Schmunzeln bringen mag, ist die im 19. Jahrhundert zwar ebenso heiß begehrte wie in dieser moralinsauren Zeit schwer verkäufliche Erotik geschickt und vielfältig in Szene gesetzt. Dem Zeitgeist entsprechend wird religiöses und/oder nationales Gedankengut aufgegriffen. Die Künstler des 19. Jh. bedienten sich wie ihre Vorgänger u. a. mythologischer Themen, um nackte Körper an den “Mann” zu bringen. Denn es sind Männer, die das nötige Kleingeld besaßen, um Gemälde zu erwerben. Und natürlich waren - und sind bis heute - mit dem Erwerb eines Gemäldes persönliche Ziele verbunden. Zum einen kann der öffentliche Eindruck und zum anderen das weit gesteckte Feld des privaten Vergnügens gefördert werden.

Unabhängig vom Sujet, bleibt Schönheit ein erfreulicher Anblick. Auch wenn zerbrechliche Frauen in Leidens- und Opferrollen nicht “jederfraus” Geschmack treffen, sind - unabhängig von den überragenden künstlerischen - die komplex erzählerischen Qualitäten der Werke eine wunderbare Entschädigung. Genugtuung verschafft daher die genaue Betrachtung Millais’ ”The Escape of a Heretic”. Dem mit dem eigenen Rosenkranz geknebelten Priester, der mit auf den Rücken gebundenen Händen noch nach dem Umhang der Flüchtenden greift, gilt die Häme der BetrachterInnen.
Fazit: Definitiv eine Ausstellung, die man mit einem Lächeln verlässt. Unbedingt mit der ganzen Familie mit oder ohne Themenführung ansehen! Anschließend nicht vergessen den exquisiten und trotzdem erschwinglichen Katalog zu kaufen, so dass man sich auch daheim noch an den Bildern erfreuen kann.
© S. Strohschneider-Laue
siehe auch:
Frederic, Lord Leighton (1830-1896): Maler und Bildhauer der viktorianischen Zeit
Edward Burne-Jones · The Flower Book
William Morris
Die Nazarener. Religion, Macht, Kunst
Präraffaeliten
Gustav Klimt. Auf der Suche nach dem Gesamtkunstwerk
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Donnerstag, 06. Mai 2010

350 Jahre Jakob Prandtauer
Einem barockem Lebensgefühl auf der Spur
Landemuseum Niederösterreich 9. Mai ‘10 bis 26. April ‘11
Stadmuseum St. Pölten 7. Mai bis 31. Oktober ‘10
Diözesanmuseum St. Pölten 8. Mai bis 30. Oktober ‘10
Stift Melk 9. Mai bis 7. November _10

Das 350. Geburtsjahr des genialen Barockarchitekten Jakob Prandtauer ist Anlass seine Persönlichkeit, seinwerk und seine Zeit einer näheren Betrachtung zu unterziehen. Vier Museen in St. Pölten und Melk zeigen zu Leben und Werk des Barockarchitekten inhaltlich gut auf einander abgestimmte Ausstellungen. Ausstellungsbegleitend erscheinen drei Kataloge und im Landesarchiv wird vom 23.-25. September ‘10 ein Symposium stattfinden.
Jakob Prandtauer (1660-1726) war einer der bedeutendsten Barockbaumeister. Der aus Tirol stammende Maurerlehrling wurde vor 1692, das Jahr seiner Heirat mit der gräflichen Kammerzofe Maria Elisabeth Rennberger, in St. Pölten (Klostergasse 15) heimisch. Zunächst als Bildhauer beschäftigt, erhielt er bald die ersten Bauaufträge. Im Laufe seines schaffensreichen Lebens war er Architekt von kleinen und gewaltigen Projekten. Obwohl der Baumeister Jakob Prandtauer und Stift Melk untrennbar sind, sind auch seine Brückenentwürfe, Keller, Pfarrhöfe oder Schlösser bedeutende Zeugnisse barocker Architektur. Als Prandtauer 1726 starb, hatte er die Landschaft zwischen St. Pölten und St. Florian durch seine Bauwerke entscheidend und bis heute geprägt.
Leben im Barock
Das Landesmuseum Niederösterreich präsentiert das Leben im Barock aus der Sicht des Baumeisters Jakob Prandtauers und seiner Gattin Maria Elisabeth. Als Einstimmung auf die weiteren Ausstellungen, die sich schwerpunktmäßig Prandtauers Werk widmen, ist sie ideal geeignet. Die Präsentation widmet sich den kulturellen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Faktoren, die Prandtauers Leben maßgeblich bestimmten.

In vielen Bereichen war das Leben um 1700 streng reguliert. Von der Kleiderordnung über das Recht auf Kutschfahrten bis hin zu Gewerbeverordnungen oder zum Bürgerstatus reichten die gesellschaftlichen Bestimmungen. Um angenehm und abgesichert über die Runden zu kommen, bedurfte es nicht nur ein regelmäßiges Einkommen, sondern auch einer bestens organiserten Haushaltsführung. Mit den Einkünften des viel beschäftigen Baumeisters und der hauswirtschaftlichen Fähigkeiten seiner Frau war der fünfköpfigen Familie Prandtauer ein wohlsituiertes, bürgerliches Leben möglich.

Mit einer klaren Leitlinie und erzählerischer Kraft gelingt es der Ausstellungskuratorin Dr. Elisabeth Vavra (Direktorin des Instituts für Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit) den Barockalltag im Privatleben und im öffentlichen Raum lebendig werden zu lassen. Die zum Teil stark zurückgenommene Gestaltung der Ausstellung nimmt der frischen Erzählweise und der sprechenden Objektauswahl nicht den Elan.
Der Profanbaumeister
Die weltlichen Aufträge des Baumeisters stehen im Mittelpunkt der Ausstellung des Stadtmuseums. Der erste Stock bietet, Raum für Raum übersichtlich durch die Kuratorin und Barockspezialistin Dr. Huberta Weigl gegliedert, einen Überblick über das Gesamtwerk Prandtauers.

Die von Text und Bildern dominierte Ausstellung bindet, wo es denn möglich ist, Originalobjekte, zeitgenössische Ansichten und Modelle ein. Die übersichtliche Struktur sowie der geschickte Einsatz von optischen Reizen macht die Informationsfülle leicht aufnehmbar. Besucherfreundlich formuliert, ist den Begleittexten zu den Bauwerken u.a. vorangestellt, ob es sich um gesicherte oder des Œuvre des Meisters zugeordnete Objekte handelt.

Die Umsetzung des attraktiven Entwurfs hätte etwas sorgfältiger ausfallen können, doch der exzellent aufbereitet Inhalt wird spielend die Aufmerksamkeit bündeln.
Planen und Bauen im Dienste der Kirche
Im Diözesanmuseum wird der Kirchenbaumeister Prandtauer u. a. in den beeindruckenden Räumen der Bibliotheken und im Gartenpavillon, gewürdigt. Vor allem seine “Großbaustellen” wie Stift Melk, Herzogenburg oder St. Florian werden den meisten BesucherInnen geläufig sein. Überraschen werden hingegen die zahlreichen kirchlichen Wirtschaftsbauten.

Die Entstehungsgeschichte dieser Bauten, die Wechselwirkung zwischen Architekt und Auftraggebern sowie die Kooperation des Baumeisters mit den Handwerksbetrieben zeigen die enorme Dimension der Großbaustellen auf. BesucherInnen, die selbst einmal ein Gebäude errichten ließen, umgebaut oder renoviert haben, werden entdecken, dass sich seit der Barockzeit nicht alles - egal ob zum Besseren oder Schlechteren - gewandelt hat.

Die Kuratorin Dr. Weigl setzt die im Stadtmuseum die vorgegebene Struktur - angepasst an die Räumlichkeiten - konsequent fort. BesucherInnen werden auch dadurch beide Ausstellungen inhaltlich gut miteinander verbinden können.
Dem Meister auf der Spur
Stift Melk, das beeindruckende und mächtige Hauptwerk Prandtauers, ist unabhängig vom Gedenkjahr immer einen Besuch wert. Das UNESCO-Weltkulturerbe Stift Melk widmet seinem Architekten im sog. Prandtauerkeller einen Werkschau, die als Überblick und Verweis auf die Sonderausstellungen in St. Pölten zu verstehen ist.
Fazit: Unbedingt ansehen, aber auch genug Zeit für die vier Standorte einplanen. Mit dem großen oder kleinen Prandtauerticket lässt sich dies übrigens kostengünstig und zeitunabhängig managen. Zu den Ausstellungen in St. Pölten sind drei, einander ergänzende Kataloge erschienen. Einerseits spiegeln sie den aktuellen Forschungsstand, andererseits sind sie spannende sowie publikumsgerechte Lektüre über das Leben im Barock sowie Jakob Prandtauer. Zugleich lädt das übersichtliche Werkverzeichnis ein, dieses als kompetenten Reiseführer für Entdeckungsfahrten in Nieder- und Oberösterreich zu verwenden.
© S. Strohschneider-Laue
siehe auch:
Jakob Prandtauer: Die Klosterbauten
Der Barockbaumeister Jakob Prandtauer
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Dienstag, 04. Mai 2010

Isabella Belting
Mode sprengt Mieder
Silhouettenwechsel
Hirmer 2010, 144 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 7774 2491 0
Mode sprengt Mieder: Silhouttenwechsel
Das männliche Begehren bestimmt das Erscheinungsbild und die Chancen von Frauen. Deren Komplizenschaft ist den Männern sicher. Seit Jahrhunderten wird die Form des weiblichen Körpers gnadenlos manipuliert, um dem gerade herrschenden Schönheitsideal zu entsprechen.
In der Vergangenheit wurden Frauenleiber hemmungslos eingeschnürt, aufgepolstert und in Drahtkäfige gesteckt. Die Phasen der Befreiung von Korsett und Reifrock waren kurz und umstritten. Erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts wurde das Mieder zum optionalen Extra. Das Buch “Mode sprengt Mieder. Silhouettenwechsel” folgt dem Schrumpfen und Expandieren der Konturen von Busen, Taille und Po. Ausgangsbasis für die Zeitreise durch die Geschichte der formenden Unterwäsche sind Kleider aus den Sammlungen des Münchner Stadtmuseums. Illustrationen aus Modejournalen und medizinischen Abhandlungen, Karikaturen, Anzeigen und Modefotos dienen als Beispiele für die Vermarktung der vorgestellten Modetrends und ihrer Rezeption in der Öffentlichkeit.
Die Entwicklung der Damenmode vom 18. bis zum 20. Jahrhundert wird in Form einer Erzählung präsentiert. Durch diesen ebenso originellen wie gewöhnungsbedürftigen Zugang ist es Isabella Belting möglich, kostüm- und sozialgeschichtliches Wissen spielerisch zu verweben. Die, bedauerlicherweise stereotype Geschlechterrollen tradierende, Rahmenhandlung ist schnell wiedergegeben. Ein - natürlich - männlicher Professor schickt eine zwar fachlich versierte, aber naive und fügsame Studentin mittels einer als Korsett getarnten Zeitmaschine in die Vergangenheit, um Daten für sein Forschungsprojekt zu sammeln. Samanta, so heißt das Versuchskaninchen, darf am eigenen Leib erfahren, wie sich die Mode der Epochen, die sie als Zeitreisende besucht, trägt.
Als Dienstmädchen muss sie im Jahr 1780 mitansehen, wie bereits kleine Mädchen brutal geschnürt werden, damit sie später am Heiratsmarkt Erfolg haben. Tiefer Ausschnitt, schlanke Taille und mit Drahtgestellen oder Polsterungen verbreiterte Hüften gelten als erotisch. Wenige Jahrzehnte später darf Samanta ohne Korsett als Bürgerstochter im hauchdünnen Chemisenkleid frieren. Besonders Mutige lassen sogar die Unterwäsche weg und zeigen, im neuen Körpergefühl schwelgend, alles. Die Freiheit währt nicht lange. Ab 1815 wird wieder geschnürt, dass das Fischbein kracht und den Frauen die Luft wegbleibt. In die Jahre um 1900 versetzt, sammelt Samanta Erfahrungen mit einem s-förmig geschwungenem Korsett der Sans-ventre-Linie und den billigen Mieder einer Dienstbotin. Zu dieser Zeit sind die durch das Schnüren verursachten gesundheitlichen Schäden bereits gut dokumentiert. Dennoch findet das lose Reformkleid bei den Frauen, die noch immer darauf angewiesen sind eine gute Partie zu machen, wenig Anklang - es ist einfach nicht sexy. Erst in den Zwanzigerjahren gewinnen die Frauen an Unabhängigkeit. Ihre neue Stellung in der Gesellschaft spiegelt sich in der modernen Silhouette der Kleidung, die ohne Korsett auskommt. Doch diese Epoche überspringt Samanta, um sich an den femininen Kleidchen und der zugehörenden modellierenden Unterwäsche der 50er Jahre zu erfreuen. Erst bei ihrem letzten Zeitsprung in die 60er-Jahre verabschiedet sie sich endgültig vom Schnürmieder. Im letzten Kapitel kehrt Samanta wieder in die Gegenwart und deren modische Vielfalt zurück. Das Schlusswort hat - wie könnte es anderes sein - der Professor.
“Mode sprengt Mieder. Silhouettenwechsel” bietet einen launig geschriebenen Überblick über das Wechselspiel der historischen Modetrends. Die Erzählform eignet sich bestens dazu auch die Leiden jener, deren Körper nicht mit dem modischen Ideal harmoniert, zu schildern. Letztendlich ist es ein Buch, das nachdenklich machen sollte. Des Zwangs zum Korsett hat sich Frau entledigt. Werden ihn Diät und Schönheitsoperation ersetzen?
© Ch. Ranseder
Mode sprengt Mieder: Silhouttenwechsel
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Dienstag, 04. Mai 2010

Bayerische Staatsgemäldesammlungen München (Hg.)
Rahmenkunst
Auf Spurensuche in der Alten Pinakothek
Hatje Cantz 2010, 264 S., zahlre. Farbabb.
ISBN 978 3 7757 2606 1
Rahmenkunst: Auf Spurensuche in der Alten Pinakothek
Was wäre ein Gemälde ohne einem passenden Rahmen! Er gibt der Leinwand Halt, definiert die Grenze des Dargestellten und erleichtert die Integration des Bildes in ein übergreifendes Raumkonzept. Meist nicht minder kunstvoll gefertigt als das Werk, das er schützend umschließt, sollte er dieses dennoch nicht überstrahlen.
Wie vielfältig die Designaufgabe, einen Bilderrahmen zu entwerfen, gelöst werden kann, zeigen 91 erlesene Exemplare, die für das schmucke Buch “Rahmenkunst” aus dem Bestand der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen ausgewählt wurden. Vom schlichten schwarz-goldenen Leistenrahmen bis zum nahezu vollplastisch geschnitzten und üppig vergoldeten Prunkrahmen reicht deren stilistisches Spektrum.
Fünf reich illustrierte Essays werfen Licht auf die Herstellung von Bilderrahmen und die Einrichtung von Galerien im 18. Jahrhundert, das Wechselspiel zwischen der Art der Hängung und der für passend erachteten Rahmenleisten sowie die Geschichte der Rahmensammlung der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Besonderes Augenmerk wird auf die Ausstattung der Residenz Würzburg mit Gemälderahmen gelegt.
Eine Abbildung im Textteil des Buches, die vier Hofdamenporträts von Hans Schöpfer d. J. zeigt, erweist sich als besonders aufschlussreich. Jedes der Frauenbildnisse aus dem 16. Jahrhundert ist anders gerahmt. Die Variationen reichen von der schlichten grauen Leiste des Originalrahmens bis zu einer Neurahmung im Stil des Rokoko. Die Gegenüberstellung zeigt einerseits deutlich, wie subtil eine Rahmung die Wirkung eines Gemäldes beeinflusst. Andererseits ist sie auch ein Hinweis darauf, dass Bild und Rahmen von ihren Besitzern nur selten als untrennbare Einheit gesehen wurden. Mit jedem Rahmenwechsel erhielten die Gemälde einer Sammlung ein neues, dem Geschmack der Zeit entsprechendes Kleid, um mit der Innenraumgestaltung zu harmonieren.
An der Herstellung eines Rahmens waren zahlreiche Handwerker beteiligt, darunter Kistler, Bildhauer und Vergolder. Nicht nur Holz wurde verarbeitet und mit Blattgold oder -silber veredelt. Unter den Bilderrahmen, die in dem Buch “Rahmenkunst” bestaunt werden können, sind auch jeweils ein Exemplar mit einer aufgelegten Platte aus Jaspachat, mit Strohintarsien und mit einem Muschel- und Ledermosaik zu finden.
Im großzügig gestalteten Katalog wird jeder Rahmen seitenfüllend abgebildet. Einer detaillierten Beschreibung können Informationen zu Besonderheiten, Herstellung, Provenienzgeschichte und zugehörigem Gemälde entnommen werden. In einigen Fällen wird auch die Rahmenrückseite wiedergegeben, um eine Schlagmarke, Aufkleber oder Beschriftungen zu zeigen.
Am Beginn des chronologisch geordneten ersten Katalogteils, der einen Überblick über die Rahmenkunst gewährt, steht ein um 1560 geschaffener runder Kapselrahmen. Den zeitlichen Abschluss des Streifzugs durch die Rahmenkunst macht ein um 1830 datierender Empirerahmen.
Viele der im Buch vorgestellten Galerie- und Kabinettrahmen entstanden im Zusammenhang mit Raumausstattungen bayerischer Schlösser, Residenzen und fürstlicher Gemäldegalerien. Im zweiten Teil des Katalogs sind die Rahmen daher nach den Orten, für die sie angefertigt wurden, gereiht.
“Rahmenkunst” ist ein Buch voller Überraschungen, das dazu animiert beim nächsten Museumsbesuch nicht nur den gemalten Kunstwerken, sondern auch ihren wunderbaren Rahmen Aufmerksamkeit zu schenken
© Ch. Ranseder
Rahmenkunst: Auf Spurensuche in der Alten Pinakothek
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Mittwoch, 28. April 2010

Meisterwerke im Fokus
Anton Romako - Tegetthoff in der Seeschlacht bei Lissa
Belvedere 29. April bis 25. Juli 2010

In der Ausstellungsreihe “Meisterwerke im Fokus” des Belvedere steht mit dem außergewöhnlichen Werk des Künstlers Anton Romako (1832-1889) zugleich ein wichtiger militärhistorischer Aspekt im Mittelpunkt.
Im Zuge des dritten italienischen Unabhängigkeitskriegs 1866, der durch die Verluste an der zweiten Front im Krieg zwischen Österreich und Preußen zu Gunsten Italiens verlief, war die österreichische Seite in einigen Schlachten gegen Italien siegreich. Eine davon ist die Seeschlacht bei Lissa (kroatische Insel Vis) bei der die größere und modern ausgerüstete Flotte Italiens trotz des erstmaligen Einsatzes von Panzerschiffen den in jeder Hinsicht veralteten österreichischen Holzschiffen unterlag. Der österreichische Konteradmiral Wilhelm von Tegetthoff erzielte den Seesieg bei Lissa aufgrund seiner Rammmanöver, die durch die mangelnde Vorbereitung und Desorganisation der italienischen Admiralität zusätzlich begünstigt wurden.
Der Fokus liegt auf Anton Romakos Interpretation der Seeschlacht bei Lissa. Begleitend werden Objekte, Fotografien und Kunstwerke, die in Zusammenhang mit Tegetthoff und der Schlacht bei Lissa stehen - darunter auch ein Modell des k.u.k. Flaggschiffs Erzherzog Ferdinand Max - gezeigt. Die raren Fotografien von Gustav Jägermayer (1834-1901) dokumentieren den industriellen Aspekt, der hinter dem Kriegsgeschehen stand.

Die Interpretation Anton Romakos sticht unter den damals üblichen Darstellungen von Kampfhandlungen aus verschiedenen Gründen heraus. Seine unkonventionelle Sichtweise auf das Geschehen, über die emotionale Dramatik im Ausdruck der Beteiligten wich grundlegend von der herkömmlichen distanziert-heroischen und zugleich emotionslos beobachtenden Dokumentation der Gesamtsituation ab. Nicht die Gewalt der der enormen Materialschlacht, sondern der Einsatz des Einzelnen und deren Emotionalität im Zuge der Kampfhandlungen werden gezeigt. Das Bild wurde in Wien abgelehnt, obwohl durch Kaiser Franz Josef I. eine zweite Fassung privat angekauft wurde.
Anton Romako hatte mehrere Talente. Sein größtes Talent war nicht sein künstlerisches Können oder seine stilistischen Eigenheiten, sondern hinter die Fassade zu blicken und die dramatischen und emotionalen Aspekte in seinen Werken zum Ausdruck zu bringen. Seine künstlerische Exzentrizität sowie die Tatsache seiner Zeit stilistisch weit voraus zu sein, verhinderten seine allgemeine Anerkennung. Verbunden damit häuften sich gegen Ende seines Lebens wirtschaftliche Rückschläge, die von privaten Niederlagen und Tragödien gefolgt waren.

Von den über 880 Werken Anton Romakos befinden sich 50 in der Sammlung des Belvedere. Die kleine aber feine für die Ausstellung getroffene Bildauswahl repräsentiert das Oeuvre des Künstlers ohne vom inhaltlichen Schwerpunkt der Ausstellung abzulenken. Darunter beeindruckende Porträts, u. a. Kaiserin Elisabeth bar des verklärenden Sisi-Mythos, und Landschaften.

Fazit: Unbedingt ansehen, aber zum tieferen Verständnis des historischen Zusammenhangs sind Führung und Ausstellungskatalog (Hirmer Verlag) sowie für den Überblick zu Leben und Werk Anton Romakos ist das Werkverzeichnis (Verlag Bibliothek der Provinz) nötig!
© S. Strohschneider-Laue
siehe auch:
Anton Romako. 24 Aquarelle
Katalog der Gedächtnisausstellung Anton Romako, Akademie der Bildenden Künste, Wien, 25. März - 14. Mai 1950
Der Maler Anton Romako 1832-1889
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Dienstag, 23. März 2010

Aliens - Pflanzen und Tiere auf Wanderschaft
Landesmuseum Niederösterreich 14. März ‘10 bis 13. Februar ‘11
Aliens. Neobiota in Österreich

Das Jahr, als die tief greifenden Veränderungen begannen, war 1492. Kolumbus entdeckte damals statt eines Seewegs nach Indien aus Versehen einen Kontinent: Amerika. Die Wikinger hatten das zwar schon 500 Jahre zuvor geschafft, aber mit so geringen Folgen, dass ihr Siedlungen noch gar nicht so lange bekannt sind. Kolumbus hingegen löste folgenschwere und weltweite Transporte von Pflanzen, Tieren und mehr aus. Mit teilweise verheerenden Folgen haben alle nachfolgenden Generationen diesen Lebendtransport mehr oder weniger absichtlich bis heute fortgeführt.
Die Ausstellung im Landesmuseum Niederösterreich steht ganz unter dem Zeichen der Neobiota, also jener Aliens, die nach 1492 in alle Welt transportiert wurden.
Heute werden die biologischen Invasoren nicht mehr mit der Santa Maria transportiert. Sie reisen zeitgemäß auch mit dem Flugzeug ein. Daher präsentiert sich die gesamte Ausstellung ganz passend als Airport. Beginnend von den klaren Wegweisern bis zu den farblich deutlich von einander abgetrennten Themenbereichen besticht die optisch klare Struktur der Ausstellung.

Die Ausstellung wird - gemeinsam mit winzigen Süßwasserquallen - durch ein Gate betreten und informiert im ersten, tief schwarz gehaltenen Raum zunächst über Fachbegriffe. Zugeben wird kaum jemand, dass er die meisten Begriffe nicht einmal im Biologieunterricht gehört hat. Aber die Klappen, hinter denen sich die Erklärungen befinden, macht großen und kleinen EntdeckerInnen Spaß und fesseln die Aufmerksamkeit. Der Informationsfluss findet auf diese Weise fast unbemerkt statt.

Im Verbindungsgang begrüßt strahlendes Gelb der “Alien Airlines”. Hier werden die “Formalitäten” der Einreise erledigt: Wer kommt auf welchem Weg und warum, wer bleibt und findet seinen Platz, wer reist weiter und wer verursacht wodurch Schwierigkeiten. Der Gang widmet sich nicht nur der Situation in Österreich und Europa, sondern betrachtet Neobiota und ihre Wirkungen weltweit. So werden auch Dominoeffekte der biologischer Katastrophen aufgezeigt, die durch absichtlich eingeführte Hasen, Füchse, Katzen oder Kröten ausgelöst werden können, wenn diese Tiere dort nicht ursprünglich beheimatet waren.

Folgt man dem Gang bis zu seinem Ende bieten drei Kuben zu Klimawandel, Gesundheit und Naturschutz pointierte Informationen, die das Alien-Thema abrunden. Damit man die Zuwanderer optisch und akustisch erkennen kann, lädt ein Simulator zum Ausprobieren ein.
Der Sonderausstellungsraum ist ganz den Neobiota in Österreich gewidmet. Präparate und lebende Tiere werden BesucherInnen dadurch überraschen, dass sie nicht Einheimische, sondern Zuwanderer sind. Strahlende Farben unterstreichen die Themen der räumlich voneinander abgegrenzten Bereiche.

Umgeben von Grün und Blättern wird man in der Botanik so manchen Gartenfreund sowie hübsches oder lästiges Unkraut erkennen.
Blau und türkis erstrahlt der nächste Abschnitt. Signalkrebs und Rotwangenschildkröte werden hier mit anderen Wasserlebewesen als Zuwanderer vorgestellt. Die Geschichten ihrer Einreisen und ihrer Auswirkungen werden dabei sicherlich überraschen.

In Violett machen sich Schwan, Waschbär, Damwild und das lebende Rattenpärchen richtig gut. Die hier gezeigten Wirbeltiere sind u.a. Kulturfolger oder wurden als Nutztiere eingeführt. Pelzträger sind manchmal auch aus Zuchtanlagen entkommen.

Und so niedlich ein Waschbär auch ist, wenn er nächtens Mülltonnen ausräumt, macht er sich schnell unbeliebt. Und wer hätte das gedacht, selbst der Schwan ist ein Alien.
Da man bei vielen genau hinschauen muss, um die kleinen Fremdlinge zu entdecken, verleiht ihnen Magenta zusätzliches Flair. Selbst eine wenig einnehmende Made gewinnt bei dieser Farbe an Attraktivität. Nicht minder spannend sind die Wirbellosen, die sich nach und nach in Österreich verbreitet haben. Der Kartoffelkäfer, der mit seiner Lieblingsspeise aus Amerika eingewandert ist, ist hier ebenso zu finden wie asiatische Marienkäferchen, die für den Weinbau keine Glücksbringer sind.
Als erschreckend beeindruckend erweist sich das Gespräch dreier WissenschafterInnen. In dunkler Atmosphäre kann man den Ausführungen im letzten Abschnitt sitzend lauschen, während leises Grauen die Haare im Nacken aufstellen lässt; denn manche Neobiota können Ihre Gesundheit gefährden.
Übrigens, wenn sie diesem hübschen Kerlchen im Burgenland begegnen, sehen sie keinen Wolf, keinen Hund, keinen Fuchs, sondern einen Goldschakal.
Fazit: Unbedingt ansehen und ein tolles Erlebnis für die ganze Familie. Gönnen Sie Ihren Kindern genug Zeit, um das Museumslabor zu erkunden und winzig Kleines riesig groß zu sehen!
© S. Strohschneider-Laue
siehe auch:
Aliens. Neobiota in Österreich
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Sonntag, 07. März 2010

Ingried Brugger, Heike Eipeldauer (Hgg.)
Augenschmaus
Vom Essen im Stillleben
Prestel 2010, 248 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 7913 5016 5
Augenschmaus: Vom Essen im Stillleben
Das schmucke Buch “Augenschmaus. Vom Essen im Stillleben” hält was sein Titel verspricht. Ob staunenswerter Riesenrettich, prunkvolles Tischgeschirr oder die Reste einer kargen Mahlzeit - die ausgewählten Kunstwerke sind ein sinnlicher Genuss, der die Fantasie beflügelt. Die Vorstellung von Geschmack und Geruch der dargestellten Nahrungsmittel, das Erfinden von passenden Rezepten und das Spekulieren über illustre Tischgesellschaften spornen zu vergnüglicher geistiger Tätigkeit an. Heute setzen Food-Stylisten Leckereien und Geschirr für Lifestyle-Magazine und edle Kochbücher in Szene, früher griffen virtuose MalerInnen zum Pinsel.
Die kunstfertig komponierten Stillleben berichten nicht über heroische Taten, der Mensch ist in ihnen nur indirekt präsent. Dennoch kann, wer sehen will, in ihnen Geschichten von den kleinen Freuden und Ritualen des häuslichen Alltags entdecken. Stillleben erzählen von Hingabe und Askese, Sinnesfreuden und deren Beherrschung, dem Stolz an Besitz von Statussymbolen, Prunksucht und Bescheidenheit, Lebenslust und dem Bewusstsein der Sterblichkeit. In Zeiten periodisch wiederkehrender Hungersnöte mag ein stattlicher Schinken den ultimativen - und daher bildwürdigen - Luxus verkörpert haben. Kostbare Pokale aus Edelmetall, chinesisches Porzellan und andere Preziosen waren in der frühen Neuzeit alles andere als gewöhnlich.
Die Geburt des autonomen Stilllebens im Lauf des 16. Jahrhunderts belebte den Kunstmarkt. Sammler und Genießer schätzten die Werke von KünstlerInnen, die Nahrungsmittel, Hausrat und exotische Kuriositäten einsetzten, um Aussagekräftiges und Schönes zu schaffen. Von den Mitgliedern der akademischen Kreise, in denen Historiengemälde als die Krönung der malerischen Schöpfung galten, wurde das Stillleben jedoch lange Zeit als niedrig geschmäht. Diese Beurteilung erwies sich als kurzsichtig, denn das geringe Ansehen des Stilllebens wurde von KünstlerInnen als Chance begriffen: In diesem Genre konnten sie sich ganz der Lust am Malen hingeben und so neue Wege beschreiten. Diese Flexibilität des Stilllebens als vielseitiger Bedeutungs- und Ausdrucksträger lässt sich an den mehr als 90, in “Augenschmaus. Vom Essen im Stillleben” präsentierten, Kunstwerken ablesen. Zeitlich spannt sich der Bogen von den Anfängen des Stilllebens, als die in den Vordergrund gerückten Lebensmittel noch von szenischen Darstellungen begleitet waren, über das goldene Zeitalter des autonomen Stilllebens im 17. Jahrhundert bis zur zeitgenössischen Videokunst. Damit bietet sich BetrachterInnen die einzigartige Möglichkeit des mühelosen Vergleiches.
Der Wandel der Sachkultur lässt sich an den Stillleben ebenso ablesen wie die Verschiebung der Interessen ihrer Schöpfer. Die MalerInnen des 16. und 17. Jahrhunderts brillierten in der Darstellung der sinnlichen Qualitäten von Nahrungsmitteln und Gegenständen. Sie waren Meister der Wiedergabe unterschiedlicher Texturen, Oberflächen und Spiegelungen. Den KünstlerInnen des 19. und 20. Jahrhunderts hingegen waren die Überwindung der Form, das Experiment mit malerischen Ausdrucksmitteln und schließlich die technischen Möglichkeiten der Neuen Medien ein Anliegen.
Die zahlreichen in “Augenschmaus” versammelten Essays und Katalogbeiträge beleuchten das Phänomen des kulinarischen Stilllebens von allen Seiten. Wie ein gutes Büffet bietet das Buch von allem etwas: Kunsthistorische Analysen des Genres, Betrachtungen zu Esskultur und Tischsitten, tiefsinnige philosophische Überlegungen zur Konsumkultur, Gender-Aspekte der Stilllebenmalerei und vieles mehr. Nur die Realienkunde wird - wie so oft - außer acht gelassen. Das ist schade, denn Stillleben stellen gemeinsam mit Archäologie und musealen Sammlungen eine hervorragende Quelle für die Erforschung der Sachkultur dar. Hungrige Hobbyköche werden sich über die in den Katalogteil eingestreuten Rezepte von Starköchen freuen. Die Zeichen der Zeit gehen auch an Begleitpublikationen von Ausstellungen nicht vorbei.
Die Ausstellung “Augenschmaus. Vom Essen im Stillleben” ist noch bis zum 30. Mai ‘10 im Bank Austria Kunstforum in Wien, zu sehen.
© Ch. Ranseder
Augenschmaus: Vom Essen im Stillleben
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Mittwoch, 03. März 2010

Kontroversen
Justiz, Ethik und Fotografie
KunstHausWien
4. März bis 20. Juni ‘10

150 Jahre Fotografie im historischen, gesellschaftspolitischen und vor allem im juristischen Kontext präsentiert das KunstHausWien. Die vom Musée de l’Elysée Lausanne entwickelte Ausstellung ist ein Pflichttermin für alle, nicht nur für jene, die mit Fotografie beruflich befasst sind, ihr ein größeres Interesse entgegenbringen oder selbst gerne auf den Auslöser drücken.
Chronologisch gehängt, werden rd. 90 Fotografien gezeigt, die schon seit den Anfängen der Fotografie polarisierten und Juristen beschäftigten. Bis heute bieten Fotografen und ihre Werke immer wieder Anlass für Kontroversen. Das sogenannte “Caroline-Urteil”, das vom europäischen Gerichtshof für Menschenrechte 2004 gefällte Urteil, das die Bildberichterstattung über Prominenten einschränkt, ist wohl vielen bekannt. Wie viele sehr differenzierte oder nur oberflächlich ähnliche Streitfragen rund um die Fotografie vor Gericht landen, ist hingegen kaum bekannt. Es geht dabei weniger häufig um Abgeltung finanzieller Rechte der Urheber, sondern um viele andere, rechtlich abzuklärende Fallbeispiele.

Fotografie muss nicht gleich Kunst sein, um an ethische, politische oder sonstige zeitgeistige Grenzen zu stoßen. Zu dem sind Zurückhaltung sowie Veröffentlichungen von Fotos ein probates politisches Mittel zur Steuerung der öffentlichen Meinung wie es u. a. für die Atomwaffentests gehandhabt wurde. Dokumentationen, Kriegs- und Katastrophenfotografien können genauso Anlass für Diskussionen, Verbote und rechtlichen Konsequenzen sein. Manipulationen, die die Fotografie selbst betreffen können oder den Kontext in den Fotografien gestellt werden, sind vielfältig und machen zuweilen auch Abgeklärte fassungslos.

Bei 78 eher fragwürdigen als originalen Abzüge von Man-Ray-Fotos ging es um die Rückerstattung von 2,3 Millionen Dollar. Originalfotos und deren retuschierte Varianten oder in einem anderen politischen Kontext interpretierte Fotos belegen politische Zielsetzungen mit Hilfe von Bilddokumenten.

“Alice im Wunderland” oder “Lewis Carrol im Kinderpornoland” war 1858 das Gerücht, das zu kursieren begann, als Carroll die kleine Alice Liddell als Bettelmädchen ablichtete. Die Gerüchte sind auf Grund von ihm selbst vernichteter Fotos und Säuberungsaktionen seiner Familie nach seinem Tod zwar nicht mehr zu bestätigen, können aber auch genauso wenig widerlegt werden. Wo die Kinderpornografie vermeintlich beginnt und wo sie vermeintlich aufhört, ist sowieso ein breites Feld der Interpretation wie auch anhand etlicher Beispiele in der Ausstellung aufgezeigt wird.

Wie gerechtfertigt Fotos sein mögen, die von Sterbenden, Toten und deren Körperteilen gemacht werden, bietet seit dem unautorisierten Foto des Otto von Bismarck im Sterbebett reichlich Konfliktstoff. Egal ob es eine zerfetzte Hand vom 11. September 2001, das zu Tode erschöpfte und vom Geier beobachtet Kleinkind im Sudan oder die sterbende Omayra Sánchez in Kolumbien ist. Es sind Fotos die polarisieren, sich einprägen, strikte Ablehnung und spontane Hilfsbereitschaft auslösen.

Zwischen freiwilliger Selbstzensur und bedingungsloser Verteidigung der Freiheit der Kunst angesiedelt, sind Entscheidungen, die die Veröffentlichung von Bildern betreffen, die auch nur ansatzweise gegen ein bestehendes Verbot verstoßen könnten. Es ist dennoch subjektiv, ob z. B. die Pose von Angelina Jolie mit Pferd als sodomistisch interpretiert wird oder nicht.

Es hat sich seit jeher für Künstler ausgezahlt die Reichen und Schönen nicht nur wegen ihrer - oft vermeintlichen -Zahlungskraft zu porträtieren. Die Porträts bieten einerseits Einnahmen durch den Verkauf der Abzüge und andererseits das große Potenzial eine Schar zahlungswilliger, weniger berühmter bzw. gänzlich unbedeutender Kunden zu gewinnen. Die Rechtsstellung der Porträtfotografie als Kunstwerk sowie die Sicherung des Urheberrecht am Foto wurde in den USA bereits 1883 durch ein Porträt von Oscar Wilde ausgelöst, das kopiert wurde.
Die großartige Ausstellung mit hohem Mehrwertfaktor benötigt vor allem eines: Zeit. Zeit um die Bilder anzusehen, noch mehr Zeit die erstaunlichen Inhalte der Texte zu erfassen und sehr viel Zeit zum Nachdenken. Während eine Personale nach einem kurzem Rundgang oft das Gefühl der Leere hinterlässt, ist hier der hohe und breitgefächerte Informationsgehalt von bleibenden Wert.
Überraschend ist hingegen die freiwillige Selbstzensur der Ausstellung. Kinder unter 14 Jahren haben keinen Zutritt, sensiblen Personen wird von der Ausstellung abgeraten. Es sollte zumindest Erziehungsberechtigten diese Entscheidung überlassen bleiben, ob sie ihre Kinder mit in die Ausstellung nehmen oder nicht. Unverständlich, denn tagtäglich ist jeder Mensch - unabhängig von Alter und Sensibilität - einer Flut vergleichbarer visueller Eindrücke ausgesetzt, deren kulturhistorischer Kontext und rechtliche Tragweite dabei verschlossen bleiben. Unverständlich, weil auch die unprofessionelle, private Bilderflut, die tagtäglich im Internet veröffentlicht wird, von den gleichen rechtlichen Aspekten und Folgen betroffen ist.
Fazit: Pflichttermin!
© S. Strohschneider-Laue
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Montag, 01. März 2010

Österreichweiter Aktionstag
2. März ’10
Albertina, Kunsthaus Bregenz, Kunsthistorisches Museum Wien, Landesmuseum Kärnten, Landesmuseum Niederösterreich, Leopoldmuseum, MAK, Museum Moderner Kunst Kärnten, Oberösterreichisches Landesmuseum, Österreichische Galerie Belvedere, Salzburg Museum, Tiroler Landesmuseen, Volkskundemuseum Wien, Wien Museum.

Am 2. März findet der österreichweite Aktionstag “Schule schaut Kunst” statt. Initiiert wurde der Aktionstag vom Universalmuseum Joanneum. Als Kooperationspartner wurden - mit Ausnahme des Burgenlandes - österreichweit Museen und Vertreter der kreativen Fächer gewonnen. Ziel ist es, Schulen zum Museumsbesuch zu animieren und zugleich allgemein auf den Lernort “Museum” aufmerksam zu machen. Obwohl dabei die kreativen Fächer in den Mittelpunkt gerückt werden, ist offensichtlich, dass Lernen im Museum trotz des Schwerpunkts “Kunst” auch alle anderen Unterrichtsfächer betreffen kann.
Werbung braucht die Veranstaltung nicht mehr, die Vermittlungsangebote sind ausgebucht. Der Aktionstag benötigt hingegen Öffentlichkeit - und nicht nur der Aktionstag. Es ist die Bildung, die über “Ausbildung” hinausreichen muss, um Allgemeinbildung zu sein, die dringend Öffentlichkeit finden muss.
“Bildung ist, was bleibt, wenn der letzte Dollar weg ist”, zitiert Sabine Haag, Generaldirektorin des Kunsthistorischen Museums, dazu ganz passend den aus einer verarmten Familie stammenden Mark Twain. PolitikerInnen hingegen zitieren gerne die Kreativwirtschaft als den kulturellen Motor des Landes. Wenn die Kreativität ein Wirtschaftsfaktor ist, dann sollte damit nicht gemeint sein, kreative Möglichkeiten der Geldbeschaffung zu entwickeln. Bedauerlich daher, dass alles was dazu nötigt ist, um gehaltvoll kreativ tätig sein können, den Lehrplanveränderungen und der desaströsen Lehrpersonalpolitik zum Opfer fällt. Inhaltlich betrifft das mehr als “nur” die Fächer Musik-, Kunst- und Werkerziehung. Humanistische Grundlagen tragen wesentlich zum historischen sowie kulturellen Verständnis bei. Kulturkompetenz kommt schließlich nicht von ungefähr. Wer nicht das Glück hat aus einem bildungsaffinen und finanziell abgesicherten Umfeld zu stammen, wird es weniger leicht gemacht sich diese Fähigkeiten anzueignen, vor allem wenn der Pflichtunterricht sich ausschließlich auf das Erlangen von Kernkompetenzen und Sport beschränkt.
In den Bundesmuseen zahlen Kinder und Jugendliche - auch außerhalb des Klassenverbandes - keinen Eintritt. Dennoch werden sich bei den derzeitigen Eintrittspreisen viele Eltern schon aus wirtschaftlichen Gründen überlegen müssen, ob sie ihre Sprösslinge in die Museen begleiten können. Der Anreiz für Kinder und Jugendliche alleine ins Museum zu gehen, wird wohl schon aus Schwellenängsten eher gegen Null tendieren - falls unbeaufsichtigten Minderjährigen überhaupt der Zutritt gestattet wird. Was für die Mehrheit bleibt, ist der Museumsbesuch im Klassenverband. Für die meisten Kinder die einzige Gelegenheit ein Museum von innen zu sehen.
Museen haben den Auftrag zu sammeln, zu bewahren, zu forschen und auszustellen. Dass es mit dem Ausstellen nicht getan ist, sondern jede Ausstellung von ihrer publikumsgerechten Aufbereitung und Vermittlung lebt, ist inzwischen hinreichend bekannt. So liegt es zuletzt an den KulturvermittlerInnen, meist das schwächste Glied in der hierarchischen Struktur der Museen, jungen Menschen positive und gehaltvolle Erinnerungen an das Erlebnis “Museumsbesuch” zu verschaffen. Vielleicht sind nach dem Besuch einige unter ihnen, die wieder kommen und der Institution auch als Erwachsene positiv gegenüberstehen. Nicht zuletzt benötigen selbst die großen Museen in Österreich hohe Besucherzahlen, die nicht von zwangsverpflichteten SchülerInnen dominiert werden, sondern auch erwachsene BesucherInnen aufweisen sollten.
Dem ambitionierten Ansatz des Aktionstages “Schule schaut Kunst” ist hoffentlich über den 2. März 2010 hinaus Erfolg beschieden.
© S. Strohschneider-Laue
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Dienstag, 23. Februar 2010

Prinz Eugen - Feldherr, Philosoph und Kunstfreund
Belvedere 11. Februar bis 6. Juni ‘10
Prinz Eugen Feldherr Philosoph: Der edle Ritter als europäischer Kulturheros.



Prinz Eugen Franz von Savoyen-Soissons (1663-1736) ist in seiner Sommerresidenz, Belvedere Wien, eine Sonderausstellung gewidmet. In sechs Abschnitten wird der Versuch unternommen, ausgewählte Aspekte seiner Persönlichkeit zu beleuchten und seine Leistungen zu würdigen. Der Franzose mit italienischen Wurzeln machte als Türkenbezwinger in Österreich Militärkarriere. Vor dem Hintergrund einer bewegten Zeit, deren höfische Intrigen die politisch angespannte Lage zusätzlich anheizten, wird das öffentliche Leben von Prinz Eugen vorgestellt.


Vor allem wird dabei Prinz Eugens Bautätigkeit und seine Sammelleidenschaft hinsichtlich Büchern, Gemälden, Pflanzen und Tieren besondere Beachtung gezollt. Das Belvedere steht dabei nicht nur als Präsentationsfläche zur Verfügung, sondern bildet zu gleich den passenden Mittelpunkt. Die Residenz des Prinzen war und ist bis heute eines der schönsten und geschmackvollsten Schlösser Österreichs. In vielen Bereichen noch im Originalzustand, fehlt dennoch Wesentliches, um den Geist des ehemaligen Bewohners spürbar werden zu lassen: Die unermessliche Sammlung.

Für kurze Zeit gelingt es, diese vergangene Pracht - trotz der Fülle exzeptioneller Exponate nur in kleinen Ansätzen - sichtbar zu machen. Selbst im Kriegslager beschäftigte sich Prinz Eugen mit Bauplänen und Ankäufen für seine Sammlung.

Er kaufte niemals unbedacht, auch wenn er hin und wieder überhöhte Preise zahlte, denn es standen ihm ausgezeichnete Berater zur Seite. Und seine Planungen waren niemals oberflächlich. Sie betrafen nicht nur den Ankauf, sondern auch die Verpackung und den geeigneten Transport.

Naturwissenschaftlich interessiert, war es ihm daher auch wichtig exotische Wildtiere artgerecht über Unterbringung bis hin zum geeigneten Futter zu halten.

Ungewöhnlich für eine Zeit in der Tiere zur Hatz und Belustigung dienten. Ein Schicksal, dass den Tieren nach dem Tod des Prinzen nicht erspart blieb. Sie wurden an Schausteller verkauft.
Die Bibliothek des Prinzen Eugen war und ist bis heute legendär. Seine Bücher bilden den Grundstock der heutigen Österreichischen Nationalbibliothek. Etliche Werke sind so einzigartig, dass sie in dieser Ausstellung aus konservatorischen Gründen nicht im Original gezeigt werden und man mit vielen Faksimiles vorlieb nehmen muss. Unverständlich ist zuweilen für die Schau getroffene Auswahl der Bücher. Etliches lässt sich weder durch Präsentationsform, inhaltlichen Zusammenhang noch durch Beschriftung erschließt. So hätte man u. a. erwarten dürfen, dass man von der berühmten Tabula Peutingeriana (mittelalterliche Abschrift aus dem 13. Jh. einer römischen Straßenkarte des 4. Jh. n. Chr.) jenes Blatt auswählt auf dem Wien zu sehen ist. Dass es sich ehemals um eine Pergamentrolle und nicht um Einzelblätter gehandelt hat, wird dem Laienpublikum in dieser Präsentationsform ebenfalls verborgen bleiben. Was bleibt, ist jedenfalls der Eindruck von vielen, schönen und wertvollen Büchern.

Die Ausstellung spart weitgehend Persönliches aus. Das anscheinend als heikel empfundene Thema “Homosexualität” gehört auch dazu und man versäumt dadurch die Gelegenheit den tatsächlichen Menschen hinter dem Kriegshelden, Kunst- und Büchersammler darzustellen. Dafür beschäftigt sich der letzte Ausstellungsraum um so großzügiger mit dem Verbleib des Erbes. Der politische Entscheid, der sich leicht als juristisch korrekter Entscheid darlegen lässt, zu Gunsten der Nichte Prinz Eugens, führte zu einer massiven Ausverkauf des enormen Erbes. Ankäufe, die das Kaiserhaus nicht hätte tätigen können, wenn statt Prinzessin Anna Maria Viktoria von Savoyen Kardinal Colonna geerbt hätte. Ohne die prekäre Ausgangssituation der Erbin, ein typisches Frauenschicksal dieser Zeit, dem interessierten Publikum hinreichend darzulegen, entsteht ein völlig anderer Eindruck. Was bleibt, ist die Büste einer älteren, übergewichtigen Frau, die in ihrer Lebensechtheit das Bild einer gierigen, hässlichen Banausin in den Köpfen der BesucherInnen verankern hilft.
Fazit: Unbedingt ansehen, aber zum tieferen Verständnis sind Führung und Katalog nötig!
© S. Strohschneider-Laue
siehe auch:
Prinz Eugen Feldherr Philosoph: Der edle Ritter als europäischer Kulturheros. Katalogbuch zur Ausstellung im Wien, Belvedere, 11.02.2010-06.06.2010
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Mittwoch, 09. Dezember 2009

Kunst und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Museum für Völkerkunde Wien, Historisches Museum Bern (Hgg.)
James Cook und die Entdeckung der Südsee
Hirmer 2009, 276 S., zahlr. Farb- und Sw-Abb.
ISBN 978 3 7774 2121 6
James Cook und die Entdeckung der Südsee
Nichts vermag den Ruhm so zu beflügeln wie ein unerwarteter Tod unter ungeklärten Umständen. Das gewaltsame Ableben von James Cook auf Hawaii ist keine Ausnahme. Dem Seefahrer wurden posthum Gedichte, Theaterstücke, Gemälde, Münzen und Medaillons gewidmet. Sein Name wurde zum Synonym der Erforschung der Südsee.
Auch in dem Buch “James Cook und die Entdeckung der Südsee”, das anlässlich der gleichnamigen Ausstellung erschienen ist, dient Cook als Leitfigur. Die drei Reisen unter seinem Kommando führen als roter Faden durch die Weiten des Themenspektrums einer stattlichen Anzahl von Aufsätzen, die als Inseln des Wissens von den im Geiste mitreisenden LeserInnen angelaufen werden können. Entlang des Weges ist die Person James Cooks (1728-1779) der Ausgangs- und Referenzpunkt für die Erzählung über die Geschehnisse und Leistungen, die in Verbindung mit den Weltumsegelungen stehen: Von den Errungenschaften der an den Expeditionen teilnehmenden Wissenschaftler und Künstler über den zu dieser Zeit herrschenden Forschungsstand bis zu den Begegnungen mit den Bewohnern des Pazifiks spannt sich der Bogen der 26 Essays. Erfreulich ist der in den Texten dargebotene Facettenreichtum der Sichtweisen. Cooks Tod durch die Hand eines hawaianischen Kriegers ist dafür ein gutes Beispiel. Sowohl die eurozentrische Schilderung und Interpretation der Bluttat als auch die hawaianische Sicht des historischen Ereignisses und seines Kontexts werden ausführlich dargelegt. Dass nicht nur die Perspektive der Entdecker, sondern auch jene der Entdeckten berücksichtigt wird, ist eine Bereicherung des Wissens über eine Epoche die prägend für das europäische Selbstverständnis war.
Die Abenteuer des unerschrockenen Kapitäns, der vor allem als Kartograph und Navigator große Leistungen vollbrachte, stehen in engem Zusammenhang mit der Aufklärung und dem Bestreben die Welt zu erforschen. So hatte Cook nicht nur den Auftrag Land für England in Besitz zu nehmen und den großen Südkontinent zu suchen, er sollte auf seiner ersten Reise auch Tahiti anlaufen, um dort gemeinsam mit dem Astronom Charles Greene den Venusdurchgang zu beobachten. Weitere Stationen dieser von 1768 bis 1771 dauernden Entdeckungsfahrt waren Neuseeland, Australien und Batavia. Dass sich gerade Cooks erste Reise als Meilenstein für die Wissenschaft erwies, war jedoch weder ihm noch der Weitsicht der Admiralität, sondern dem Privatgelehrten Joseph Banks zu verdanken, der sich auf eigene Kosten mit seinem Forschungsteam an der Reise beteiligte. Die von ihnen gesammelten Pflanzen und Tiere, ethnografischen Objekte, Zeichnungen und Gemälde gingen in die Tausende. Kaum zurück in England war Mr. Banks Reise in aller Munde. An der nächsten Expedition in die Südsee nahm Joseph Banks wegen seines Zerwürfnisses mit der Admiralität nicht teil. Als Cook 1772 neuerlich in See stach, befanden sich als Naturforscher Johann Reinhold Forster und sein Sohn Georg an Bord. Die Fahrt ging nach Neuseeland, Tahiti, Tonga, Vanuatu, Neukaledonien sowie zu den Oster- und Marquesas-Inseln. Diesmal gehörte nach der Rückkehr 1775 die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit ganz James Cook - der es sich nicht nehmen ließ, den Abschlussbericht selbst zu schreiben.
Für die dritte Reise, die 1776 begann und nach Tonga, Tahiti, der nordamerikanischen Pazifikküste und Hawaii führte, verzichtete Cook auf die Mitnahme von offiziellen Wissenschaftlern. Die Bedeutung der bildlichen Dokumentation wurde allerdings erkannt und in die Hände des Malers John Webber gelegt.
Den von zahlreichen Abbildungen aufgelockerten Essays des Buches “James Cook und die Entdeckung der Südsee” steht ein vortrefflich bebilderter Katalog zur Seite, der 599 Einträge umfasst. Nahezu jedes der Objekte ist mit einer ausführlichen Erklärung versehen. Es zahlt sich aus, in diesen zumindest zu schmökern, denn sie geben - zum Teil belebt durch Zitate aus den Aufzeichnungen der Expeditionsteilnehmer - faszinierende Details preis. Von den zwischenmenschlichen Beziehungen der Expeditionsteilnehmer ist im Kleingedruckten ebenso zu lesen wie über Beobachtungen von Ritualen und die Verwendung von Navigationsinstrumenten oder ethnografischen Artefakten.
Wer Auszüge aus den Reisedokumentationen und repräsentative Objekte im Original bestaunen möchte, hat bis Februar 2011 noch an folgenden Orten die Gelegenheit zu einem Besuch der Ausstellung “James Cook und die Entdeckung der Südsee”:
Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland 28. August 2009 bis 28. Februar 2010, Museum für Völkerkunde Wien 10 Mai bis 13. September 2010, Historisches Museum Bern 7. Oktober 2010 bis 13. Februar 2011
© Ch. Ranseder
James Cook und die Entdeckung der Südsee

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Montag, 14. September 2009

Karl der Kühne
Kunsthistorisches Museum
15. September ‘09 bis 20. Januar ‘10

Karl der Kühne (1433-1477), der letzte Herzog von Burgund, war einer der reichsten und mächtigsten Fürsten seiner Zeit. Die kurze Lebensspanne Karl des Kühnen ist geprägt von prunkvoller Hofhaltung und zahlreichen Kriegszügen. Verwandtschaftliche Bindungen und wirtschaftliche Macht festigten zunächst seine politische Position. Zuletzt teilte es das Schicksal vieler seiner Soldaten. 44jährig fiel er am Schlachtfeld. Nackt und bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, konnte er nur mit Mühe identifiziert werden. Die Ehe seiner einzigen Tochter Maria mit Maximilian I. wurde im selben Jahr geschlossen. Sie ermöglichte den Habsburgern durch das burgundische Erbe den Aufstieg zur Weltmacht.

Wer war Karl der Kühne? Dieser Frage geht die Ausstellung im Kunsthistorischen Museum anhand exquisiter Objekte auf den Grund. Die bereits in Bern und Brügge gezeigte Ausstellung wird bis Januar 2010 in Wien - um zusätzliche Objekte aus österreichischen Sammlungsbeständen erweitert - präsentiert. Inhaltlich werden in acht Räumen Familienbande, Kunst und Frömmigkeit, Diplomatie und Kriege, Tod und Erbe, Orden vom Goldenen Vlies, Prachtentfaltung, Haus Habsburg sowie Burgundisches Erbe in der Wiener Schatzkammer dem Publikum näher gebracht.

Unter vielen anderen Beispielen höfischem Auftretens ist die Ledertasche aus den Beständen der Hofjagd- und Rüstkammer zu sehen. Die Tragweise am Gürtel eines Mannes ist auf dem Cäsarenteppich (Historisches Museum Bern) dargestellt. Und schön ist es, dass dieser Vergleich den BesucherInnen leicht gemacht wird, da der Teppich direkt hinter der Vitrine hängt. Neben all den Kunstschätzen sind gerade diese Tapisserien, die Gewänder und Stoffe echte Highlights, da es nur wenige erhaltene weltliche Gewänder gibt. Die Darstellung höfischer Bekleidung auf dem Cäsarenteppich sowie die ausgestellten Stoffe und Tapisserien belegen einen unglaublichen Prunk bis ins letzte Detail.

Der letzte Herzog von Burgund hat dieser Pracht in allen Belangen gefrönt. Seine beeindruckenden Auftritte bei öffentlichen Anlässen, die auch das Gefolge einschloss, ist mehrfach beschrieben worden. Die in der Ausstellung gezeigten Rechnungen von Ausstattern belegen sein Prestigebedürfnis sowie seine Ausgaben dafür in zierlicher Schrift und großen Zahlen. Wie es mit seiner Zahlungsmoral bestellt war, wird allerdings verschwiegen. Immerhin ist für Maximilian I. belegt, dass er zu Verpfändungen gezwungen war, aber auch bestrebt war “Versilbertes” wieder auszulösen.
Die Ausstellung ist sichtlich bemüht die konservativen Ausstellungsgepflogenheiten des Hauses aufzubrechen. Raum- und Objekttexte bieten ausreichende Basisinformationen. Videozuspielungen ermöglichen zusätzliche inhaltliche Vertiefung. Querbezüge zwischen Objekten und Bildquellen regen die Schau- und Entdeckerlust des Publikums an.
Dem gewichtigen Gesamtkatalog “Karl der Kühne” für die drei Ausstellungsorte wird zusätzlich die Begleitpublikation “Schätze burgundischer Hofkunst in Wien” zur Seite gestellt. Sogar an ein Kinderheft wurde gedacht, dem allerdings eine sprachliche Überarbeitung - auch hinsichtlich der Sinnzusammenhänge - gut getan hätte. Auch scheinen zwei Euro im Vergleich strapazfähigen, farbigen Kinderkatalogen (z. B. aktuell in Braunschweig zum Kaiserjahr 2009: Otto IV.- vom Pagen zum Kaiser: Ein Kurzführer für Kinder ab 9 Jahren zur Ausstellung Otto IV. Traum vom welfischen Kaisertum
) in Kunstdruckqualität um den selben Preis doch ein wenig überzogen. Zumindest ist es löblich, dass - im Gegensatz zu anderen österreichischen Museen und Großausstellungen - überhaupt an eine Kinderbroschüre gedacht wurde.
Zuletzt noch ein Hinweis auf das attraktive Begleitprogramm, das den Informationsgehalt der Ausstellung mit interessanten Themen bereichert.
Fazit: Unbedingt ansehen!
© S. Strohschneider-Laue
siehe auch:
Kleidung und Mode im Mittelalter
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Donnerstag, 10. September 2009

Impressionismus - Wie das Licht auf die Leinwand kam
Albertina
11. September ‘09 bis 10. Januar ‘10

“Nicht schon wieder Impressionisten”, mögen manche beim Ausstellungstitel denken. Keine Sorge, es ist keine Déjà-vu verursachende Personale eines Impressionisten, Seerosenschau oder Sonnenblumenpräsentation. Diese Ausstellung bringt dem Publikum den frischen Wind der Freiluftmalerei und den flüchtigen Augenblick in großen Inszenierungen und mikroskopisch kleinen Details näher. So viel und so genial strukturierte Information bekommt man in österreichischen Museen selten geboten. Kein Wunder, ist die Ausstellung doch vom Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corbud konzipiert worden und dort scheint man sich nicht auf rein chronologische Hängungen spezialisiert zu haben. Und noch schöner ist es, dass sich die Albertina dazu entschloss die Ausstellung, die bereits in Köln erfolgreich war, zu präsentieren.

Was unterscheidet diese Ausstellung von den zahlreichen anderen Impressionisten-Präsentationen?
Es ist der gelenkte Blick auf Details, die sonst nicht herausgestrichen werden. Minutiöse Untersuchungen brachten es an den Tag: Selbst so große Werke wie die “Trocknende Wäsche an der Seine” entstanden im Freien und nicht im Atelier. Eine Pappelknospe blieb in der feuchten Farbe haften. Gustave Caillebotte hatte sie beim Malen in der Allee wohl übersehen. Das Forscherteam um die Restauratorin Iris Schaefer vom Wallraf-Richartz-Museum hat die Knospe nach rund 100 Jahren entdeckt und kann dadurch ein weiteres Puzzelstück zur Entstehungsgeschichte des Bildes gefunden. Und das ist längst noch nicht alles, was mit detektivischer Akribie, Mikroskop, Röntgen und dem Einsatz anderer Technologien entdeckt wurde. Farbflächen verraten den Handlungsablauf beim Werden eines Bildes. Randliche Farbfehlstellen belegen die Befestigung des Bildes im Malkoffer oder auf der Feldstaffelei. Löcher und Druckstellen rühren von Abstandhalter zwischen den frischen Bildern her. Vorzeichnungen, Ergänzungen, Übermalungen relativieren sowohl die Spontaneität der Künstler als auch die Wertschätzung der späteren Besitzer. Die Bilder wurden nicht nur künstlerisch “verbessert”, sondern auch gefirnist, ihrer schlichten Rahmen beraubt und mit Prunkrahmen versehen. Und all diese erstaunlichen Erkenntnisse werden in vergrößerten Bildausschnitten deutlich gemacht, so dass es ist eine Freude ist, selbst nach dem winzigen Indiz auf dem Original zu fanden. Es lohnt sich zusätzlich zum Ausstellungsbesuch die Online-Publikation zum Forschungsprojekt anzusehen. Sie wartet mit vielen weiteren überraschenden Entdeckungen und das in guter optischer Qualität sowie perfekten Texten auf.
Inszenierungen, Vitrinen mit Malmaterialien und Künstlerutensilien, darunter die dunkle Brille von Edgar Degas, Farbtuben von Vincent van Gogh und die Palette von Georges Seurat sowie wandfüllende Porträtfotos, würdigen die Künstler und ihre Malweise über die 125 ausgestellten Gemälde hinaus.
Erfrischend informativ und kein begehbares Buch; definitiv ein Pflichttermin, an den man sich gerne und vor allem mit inhaltlichen Mehrwert erinnern wird.
© S. Strohschneider-Laue
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Freitag, 28. August 2009

Bauhaus-Archiv Berlin, Stiftung Bauhaus Dessau, Klassik Stiftung Weimar (Hgg.)
modellbauhaus
Hatje Cantz 2009, 376 S., 302 Abb., 236 davon farbig.
ISBN 978 3 7757 2414 2
Modell Bauhaus
Was den Österreichern die Wiener Werkstätte, ist den Deutschen das Bauhaus. Dessen neunzigster Geburtstag ist Anlass für die neuerliche, breitenwirksame Auseinandersetzung mit der Institution, die fast schon zu einem modernen Mythos geworden ist. Und mit nichts lässt sich der Diskurs über die, von Beginn an die Meinungen polarisierende Ausbildungsstätte besser fortsetzen, als mit Ausstellungs- und begleitenden Publikationsprojekten. 2009 darf sich das kunstinteressierte Publikum daher an “modellbauhaus” erfreuen.
Die Deutungsmöglichkeiten der Geschichte und Erzeugnisse des 1919 von Walter Gropius gegründeten Bauhauses sind so facettenreich wie die an ihm lehrenden Persönlichkeiten, darunter Künstler wie Paul Klee, Oskar Schlemmer oder Wassily Kandinsky. Die berühmte Lehranstalt war eine Spielwiese für Individualisten. Das wird auch an den 68, für “modellbauhaus” ausgewählten, Objekten deutlich. Unter ihnen befinden sich natürlich Design-Ikonen, wie der Clubsessel B3 von Marcel Breuer, das Tee-Extraktkännchen von Marianne Brandt oder das Bauhaus-Gebäude in Dessau. Aber auch Kleinigkeiten, die etwas über das Leben am Bauhaus erzählen sind dabei. Das 1919 herrschende Wirgefühl und die Aufbruchsstimmung könnte nicht schöner als in der informellen Einladung in Form eines an die Tür gehefteten Zettels “Unser Spiel, unser Fest, unsere Arbeit” zum Ausdruck kommen. Von Objekt zu Objekt erschließt sich im Rahmen der Werkanalysen langsam die Geschichte des Bauhauses, an dem bildende Kunst, Architektur, Design und Bühnenbild gelehrt wurden. Die Arbeiten von Bauhauslehrern und -schülern dienen als Ausgangspunkt für die Betrachtung von Einzelaspekten wie Schulpolitik, Unterrichtsmethoden und die dem Bauhaus zu Grunde liegenden Philosophien. Der Plural steht hier ganz bewusst, denn es war nicht eine Ursprungsidee, die am Bauhaus Jahr für Jahr starr umgesetzt wurde. Ganz im Gegenteil. Walter Gropius verband in seinem ersten Programm Vision und Praxis und legte damit den Grundstein für einen Entwicklungsprozess, der zu keiner Zeit des Bestehens der das Experiment begrüßenden Schule abgeschlossen war. Vom Gründungsmanifest bis zur Auflösung durch die Nationalsozialisten 1933 erfand sich das Bauhaus immer wieder von Neuem. Jeder seiner drei Leiter, Walter Gropius, Hannes Meyer und Ludwig Mies van der Rohe, drückte ihm seinen Stempel auf. Jeder Wechsel des Standortes - zuerst Weimar, dann Dessau und schließlich Berlin - hinterließ seine Spuren. Nur eines blieb konstant: Der hohe Stellenwert der Architektur.
Trotz der Vielzahl unterschiedlicher Haltungen und der großen Bandbreite der Produkte war das Bauhaus auch ein frühes Beispiel für eine gelungene Markenbildung. Alles war vorhanden: Wort-Bild-Marke, bewusster Einsatz der Sprache, gezielte Pressearbeit, Selbstpräsentation durch Feste, Ausstellungen, Publikationen und nicht zuletzt ein passendes - Stichwort Corporate Architecture - Schulgebäude.
“modellbauhaus” nimmt die unter dem Dach der Marke Bauhaus geeinte künstlerische Pluralität auf und zeigt sich ebenso bunt wie die unvergessliche Ausbildungsstätte. Mit 77 Essays ist die Publikation ein Katalog der Superlative, der mit den vereinten Kräften aller drei der Pflege des Bauhaus-Erbes gewidmeten deutschen Institutionen - Bauhaus-Archiv Berlin, Museum für Gestaltung, Stiftung Bauhaus Dessau und Klassik Stiftung Weimar - entstand. Ein schneller Überblick über die Bauhausgeschichte ist mit einer derartigen Fülle an Beiträgen nur schwer zu erlangen, obwohl die chronologische Gliederung die Orientierung erleichtert. Stattdessen lässt sich das Phänomen Bauhaus in Jahresschritten genießen. Jeder Jahreswechsel wird von einem Trennblatt markiert, dem auf der farbigen Seite Daten zur Entwicklung des Bauhauses und auf der grautonigen Seite Informationen zum Geschehen in Deutschland entnommen werden können. Jahr für Jahr und Kunstwerk für Kunstwerk gewährt “modellbauhaus” LeserInnen die Freiheit nach Herzenslust zu Schmöckern ohne den roten Faden zu verlieren und so eine Institution kennen zu lernen, die Designgeschichte geschrieben hat.
Die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, Berlin, ist noch bis 4. Oktober zu sehen.
© Ch. Ranseder
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Samstag, 01. August 2009

Christian Schittich (Hg.)
im DETAIL
Ausstellen und Präsentieren.
Museumskonzepte, Markeninszenierung, Messedesign
Birkhäuser 2009, 176 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 7643 9954 2
Im Detail: Ausstellen und Präsentieren: Museumskonzepte, Markeninszenierung, Messedesign
Siebenundzwanzig Museumsbauten, Ausstellungen, Brand Center, Supermärkte und Messestände werden in dem reich bebilderten Buch “Ausstellen und Präsentieren. Museumskonzepte, Markeninszenierung, Messedesign” vorgestellt. Die Aufmerksamkeit gilt in erster Linie der architektonischen Hülle, die als Bühne für die zur Schau gestellten Exponate oder Waren dient. Sie ist zugleich Lockvogel, gebautes Verkaufsgespräch und - gerade für Kulturinstitutionen, die vom Bilbao-Effekt träumen - Hoffnungsträger. Bis auf wenige Ausnahmen konzentrieren sich die Texte der steckbriefartigen Projektbeschreibungen auf die technischen Aspekte der jeweiligen Bauaufgabe. Präsentationskonzepte und die Disposition von Exponaten und Ausstellungselementen in den Räumen werden in Hinblick auf ihre Interaktion mit der gebauten Substanz, die ja gerade im Fall der Corporate Architecture eine Botschaft vermitteln soll, kurz geschildert. Grundrisse, Schnitte und Isometrien ermöglichen die virtuelle Orientierung. Exzellente Fotos vermitteln einen Eindruck der für die hochwertigen Gestaltungslösungen zum Einsatz gekommenen Materialien sowie der Wirkung des Raumes. Dimensionen und Kosten können anhand der Projektdaten verglichen werden. Leider machen Detaillösungen der eigentlichen Objektpräsentation beim Design der Vitrinen halt. Für das verführerische Zurschaustellen von frischem Gemüse mag dies keine Rolle spielen. Im kulturellen Sektor hingegen steht oder fällt der Erfolg einer Inszenierung historischer Artefakte mit dem “wie” der Befüllung der Vitrine bzw. Bestückung der sonstigen Präsentationssysteme nach den, vom Gestalter umzusetzenden, Vorgaben des kuratorischen Ausstellungskonzepts und der Storyline, die sich im Buch auf kurze Gastauftritte beschränken. Der im Rahmen der Projektbeispiele, unter denen sich nur wenige kulturhistorische Ausstellungen befinden, eng gesetzte Focus ist sichtlich auf ein aus Architekten und Designern, die das große Ganze im Auge haben, bestehendes Zielpublikum zugeschnitten.
Dennoch sei das Buch “Ausstellen und Präsentieren” auch Gestaltern, deren Wurzeln in anderen Disziplinen liegen, sowie wissenschaftlichen und künstlerischen Kuratoren ans Herz gelegt. Außer der heterogenen Sammlung von Fallbeispielen bietet der Sammelband auch Aufsätze zu einer Vielzahl von Themen, die für das komplexe Aufgabengebiet der Kommunikation mittels Raumerfahrung relevant sind. Der Primat des Kommerzes ist auch hier nicht zu übersehen.
Der dem musealen Umfeld gewidmete Themenblock am Beginn des Buches wird von Christian Schittichs Essay zu aktuellen Museumskonzepten eingeleitet. Ihm folgen zwei an Gedankennahrung reiche Artikel, die zur Pflichtlektüre für Kulturwissenschaftler und Ausstellungsgestalter werden sollten.
Ruedi Baur setzt sich in “Ausstellen - Vom Löffel bis zum Staat” kritisch mit der Bandbreite unterschiedlicher Ausstellungsarten sowie der Vielzahl an Möglichkeiten der Verknüpfung von narrativem Inhalt und szenografischer Umsetzung auseinander. Über den Prozess des Gestaltens von Ausstellungen und die Realisierung körperlich erfahrbarer Raumerlebnisse in unterschiedlichen musealen Präsentationsmodi erzählen in “Zeigen und zeigen lassen” HG Merz und Patrick Wais.
Die Themenblöcke Markeninszenierung und Messedesign gehen Hand in Hand. Alles dreht sich um die, bei der Platzierung eines Unternehmens im Wettlauf um die Aufmerksamkeit der Konsumenten und der Bindung derselben durch die Verheißungen der Marke eingesetzte, Corporate Architecture. Ihre entscheidende Rolle streichen sowohl Jons Messedat in “Gebaute Identität. Architektur - Design - Kommunikation” als auch Susanne Schmidhuber in “Temporäre Architektur für Marken nachhaltig gestalten” heraus. Teilaspekten des Weges zum Ziel, den Kunden kostengünstig und nachhaltig zu umgarnen, widmen sich Thomas Schielke in “Präsentieren im richtigen Licht” und Günther Röckl in “Messebausystem oder Sonderanfertigung”.
Der in der Reihe “im DETAIL” erschienene Band “Ausstellen und Präsentieren” macht mit dem Nebeneinander von Projekten aus Kommerz und Kultur Unterschiede und Gemeinsamkeiten sichtbar. Manches mutet austauschbar an. Jede Zeit hat nicht nur ihre Kunst, sondern auch ihre Architektur. Ich fürchte, die Liebe zu Sichtbeton und Kubus wird uns noch eine Weile begleiten.
Bücher wie “Ausstellen und Präsentieren” schärfen den Blick und regen dazu an, jene Gebäude und Ausstellungen, die über Permanenz verfügen, zu besuchen. Schließlich geht nichts über die räumliche Erfahrung vor Ort und die Qualität des Besuchererlebnisses - sehr zur Freude der Betreiber der diversen Einrichtungen, vom Museum bis zum Flagship-Store.
© Ch. Ranseder
Im Detail: Ausstellen und Präsentieren: Museumskonzepte, Markeninszenierung, Messedesign
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