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WunderWeltWald

Montag, 20. Juli 2009

Notiz

WunderWeltWald
BöhmerWALDArena
ab 18. Juli 2009

BöhmerWaldArena © Sistlau '09

Die BöhmerWaldArena steht auf der österreichischen Seite des Dreiländerecks mit Deutschland und Tschechien. In der zwischen Tradition und Moderne positionierten Architektur wird seit 18. Juli 2009 die komplett barrierefrei eingerichtete Ausstellung “WunderWeltWald” gezeigt.

Orientierungspult Tastplan, Audiodeskription © Sistlau '09
Tatsächlich ist die Ausstellung über 400 Millionen Jahre Waldgeschichte mit Schwerpunkt Böhmerwald etwas Besonderes. Sie ist nämlich mehr als nur rollstuhlgerecht. Es wird den BesucherInnen gute Mobilität gewährleistet und zusätzlich alle Sinne angesprochen. Optische Eindrücke erwartet man als BesucherIn, aber das ist für sehbeeinträchtigte und blinde Menschen sowie Personen mit eingeschränktem oder fehlendem Hörvermögen zu wenig.

Tastschiene: Felle, Tierspuren, Bodenqualitäten © Sistlau '09 Waldelement Luft, Geruch des Waldes ©  Sistlau '09 
Die Ausstellung bietet eindeutig mehr als der Titel “WunderWeltWald” verspricht. BesucherInnen werden über den Wald informiert und gleichzeitig für die Bedürfnisse anderer BesucherInnen sensibilisiert; denn diese Ausstellung kann man mit allen Sinnen sehen, hören, riechen und tasten.

Bereichstafel Waldstockwerke Text, Audio, Video © Sistlau '09 
Wie differenziert Bedürfnisse sein können, wird deutlich, wenn man Audiodeskriptionen - gesprochene Informationen inklusive Informationen zur Orientierung im Raum - hört oder auf kleinen Monitoren Zuspielungen in Gebärdensprache sieht. Ganz abgesehen davon, dass die Audiodeskriptionen für alle BesucherInnen von Vorteil sind, die lieber zuhören als lesen möchten.

Touchwall © Sistlau '09 
Von Informationen werden BesucherInnen in Ausstellungen oft überflutet. Hier wird sie bedarfsorientiert angeboten. Bei individuell per Knopfdruck abgerufenen Informationen sind BesucherInnen empfänglicher für das “etwas mehr”. Interaktive Stationen sorgen darüber hinaus für abwechslungsreiche Erlebnisse.

Waldstimmung mit Monitoren und Interviews © Sistlau '09 Waldelemente und Klimakurve © Sistlau '09 
Der Böhmerwald, das Original, befindet sich unmittelbar vor der Tür, die abstrahierte Form in der Ausstellung. Die moderne Inszenierung lädt zum Mitdenken ein. Sie bietet zugleich einen zeitgemäßen Kontrast zur traditionsreichen Waldwirtschaft. Auftakt macht ein Säulenwald mit Monitoren. hier werden sowohl Waldbewohner (Fuchs, Kauz, etc.) gezeigt als auch Waldnutzer (Förster, Pilzsucher etc.) mit Interviews vorgestellt. Das Keimen des Samen bis Heranwachsen eines jungen Baumes ist in neun Vitrinen verfolgbar. Gleich daneben zeigt ein 3D-Kino wie ein Baum fällt/fehlt. Vitrinen zu den Waldelementen zeigen die Bedeutung von Licht, Luft, Wasser und Boden im Wald.

Fauna und Flora des Waldes © Sistlau '09 Begehbarer Baumstamm © Sistlau '09
Zwei großzügige Raumelemente zeigen auf ihren Außenseiten die Klimakurve und die Bedeutung der Forstwirtschaft. Im Inneren umschließen sie die Themenbereiche Fauna und Flora. Bäume sind Wunderwerke der Natur. Wurzel, Stamm und Blatt eines Baumes haben differenzierte Funktionen. Drei begehbare Elemente verdeutlichen diese Aufgaben.

Waldbibliothek © Sistlau '09 Eichhörnchen © Sistlau '09
Besucher dürfen die Exponate zum Teil auch anfassen. Die empfindliche “Waldbibliothek” - ein in Buchform angelegtes Baumherbarium - ist durch eine Vitrine geschützt, aber Eichhörnchen, Fuchs und Hirsch laden zum Streicheln ein. Ein eigens entwickelter Fällsimulator erlaubt es BesucherInnen gefahrlos mit einer Motorsäge zu hantieren und sich im Holzschneiden zu üben.

Waldformen © Sistlau '09 Der Wald ist mehr als die Summe der Bäume © Sistlau '09 
Egal ob Plantagen, Urwälder oder naturnahe Waldwirtschaft, der Wald ist definitiv mehr als nur die Summe seiner Bäume. Ein tolles Ausstellungserlebnis für ALLE Menschen (Universelles Design von prenn_punkt), dem nur noch gute Begleitpublikationen fehlen.

© S. Strohschneider-Laue

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John Heartfield: ZEITausSCHNITTE

Freitag, 17. Juli 2009

Non-Fiction

Freya Mülhaupt (Hg.)
John Heartfield: Zeitausschnitte
Fotomontagen 1918-1938

Hatje Cantz 2009, 176 S., 230 Abb. davon 144 farbig
ISBN 978 3 7757 2432 6

John Heartfield: Zeitausschnitte John Heartfield: ZEITausSCHNITTE. Fotomontagen 1918 bis 1938

John Heartfield arbeitete in einem geschlossenen System. Der Mann mit der spitzen Schere bediente sich der gedruckten Massenmedien, um seine Fotomontagen und deren Botschaften zu verbreiten. Sein Arbeitsmaterial wiederum schöpfte er überwiegend aus der illustrierten Presse, die er mit Argusaugen beobachtete. Unvergesslich sind die für die “Arbeiter Illustrierte Zeitung” entstandenen Montagen, in denen sich Heartfield gegen Adolf Hitler und die nationalsozialistische Bewegung, Krieg und Kapitalismus wandte. Seine originelle, auf alles Überflüssige verzichtende Bildsprache, hat bis heute nichts an Verständlichkeit eingebüßt. Die Fotomontagen haben Biss, obwohl die den Schaffensakt provozierenden politischen Ereignisse und revolutionären Haltungen längst Geschichte sind.

Das opulent bebilderte Buch “John Heartfield: Zeitausschnitte. Fotomontagen 1918-1938″ verfolgt den Werdegang und die Blütezeit des Künstlers, der eigentlich Helmut Herzfeld hieß. Der 1891 in Berlin geborene Pionier der Montage fand seinen Stil als Layouter für die dadaistische Publikation “Neue Jugend”, die in dem von ihm und seinem Bruder Wieland 1917 gegründeten Malik-Verlag erschien. In den von der Zusammenarbeit und Freundschaft mit George Grosz geprägten Jahren, wurde Heartfield zum Berliner Botschafter des Dada. “DADA ist GROSS und John Heartfield ist sein Prophet” trompetet er auf einem Plakat, das sein Selbstbildnis mit zum Schalltrichter geformten Händen zeigt.

Als der Malik-Verlag 1921 begann Romane zu verlegen, wurden Buchumschläge mit einer einfacheren Bildsprache benötigt. Nicht mehr Provokation und Verwirrung wie im Dada waren das Ziel, sondern die klare Kommunikation mit den Kunden. Auch bei der Lösung dieser Aufgabe erwies sich Heartfield, der auf seine Kenntnisse als Werbegrafiker zurückgriff, als innovativer Gestalter. Seine aus wenigen Elementen zusammengesetzten Buchcover sind schlüssige Kompositionen mit erzählerischer Qualität. Das fesselt den Blick. Scheinbar harmlos gefällig, erregen die Einbände Aufmerksamkeit ohne zu schockieren und büßen dennoch nichts an Schlagkraft ein. Doch dem Künstler mit Mission war die Buchhülle nicht genug. In einer Gemeinschaftsarbeit mit Kurt Tucholsky, der die Texte beisteuerte, entstand 1929 das Buch “Deutschland, Deutschland über alles”, ein Rundumschlag gegen Kapitalismus, Militär, Demokratie und rechten Nationalismus.

Bereits 1919 war John Heartfield der KPD beigetreten, in deren Dienst er seine Schaffenskraft stellte. Den Höhepunkt seiner Monteurkunst erreichte er in den politischen Fotomontagen, die er von 1930 bis 1938 für die AIZ anfertigte. Bildidee und begleitender Text der schrägen satirischen Collagen entstanden oft in Zusammenarbeit mit seinem Bruder, Wieland Herzfelde. Danach kam die Schere zum Einsatz. War in Heartfields Sammlung von Pressefotos der richtige Schnappschuss für die Umsetzung des visuellen Konzeptes nicht vorhanden, beauftragte er einen Fotografen, der nach seinen Anweisungen das passende Tableau inszenierte.

Der glühende Pazifist und Kommunist John Heartfield kombinierte Kunst mit kommerziellen Printmedien, um ein möglichst großes Publikum zu erreichen. Das dies nicht ungefährlich ist, musste er am eigenen Leib erfahren. Zur Emigration gezwungen, verlegte er seinen Arbeits- und Lebensmittelpunkt zuerst nach Prag, dann nach London. Erst 1950 kehrte er nach Deutschland, in die DDR, zurück.

Die Autoren des Buches “John Heartfield: Zeitausschnitte. Fotomontagen 1918-1938″ verschränken in ihren tiefgreifenden, akribisch recherchierten Essays Werkanalyse, Biografie und Zeitgeschichte. Das Ergebnis ist weniger ein chronologischer Erzählstrang als ein dichtes Informationsgewebe. Thomas Friedrich, Sabine Kriebel, Roland März, Freya Mülhaupt, An Paenhuysen, Rosa von der Schulenburg, Andrés Mario Zervigón und Peter Zimmermann nähern sich dem politisch engagierten Künstler John Heartfield von vielen Seiten. Lebensweg und künstlerische Entwicklung, Bildanalysen exemplarisch herausgegriffener Fotomontagen, die enge Zusammenarbeit mit dem Bruder, Freundschaften und ihre Auswirkungen auf das Werk, Selbstporträt und Selbstsicht, Arbeitweise, politische und zeitgeschichtliche Hintergründe - all das und vieles mehr ist in der beeindruckenden Publikation zu finden. Auch mit Abbildungen wurde nicht gegeizt. Fotografisches Rohmaterial und fertige Fotomontage, Abbildungen von Buchumschlägen und für diverse Printmedien gestaltete Seiten, Schnappschüsse aus dem Privatleben John Heartfields und dokumentarische Aufnahmen seiner Ausstellungen begleiten die Texte. Zu verdanken ist die Bilderflut dem in der Kunstsammlung der Akademie der Künste, Berlin, erhaltenen Nachlass, aus dem es möglich war für Buch und Ausstellung nach Herzenslust zu schöpfen. Denn natürlich ist “John Heartfield: Zeitausschnitte. Fotomontagen 1918-1938″ eine Begleitpublikation. Die gleichnamige Ausstellung ist vom 29. Mai bis zum 31. August 2009 in der Berlinischen Galerie zu sehen. Zeitgeschichte einmal anders.

© Ch. Ranseder

John Heartfield: ZEITausSCHNITTE. Fotomontagen 1918 bis 1938

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Das Porträt

Freitag, 03. Juli 2009

Notiz

Das Porträt - Fotografie als Bühne
Kunsthalle Wien
3. Juli bis 18. Oktober ‘09

Ausstellungsansicht/exhibition view Kunsthalle Wien © Foto/photo: Stephan Wyckoff, 2009: Gerhard Klocker, Courtesy der Künstler/the artist © Gerhard Klocker

Seit dem 19. Jahrhundert hat die Porträtfotografie kontinuierlich an breitenwirksamen und preisgünstigen Stellenwert gegenüber der Malerei oder Bildhauerei gewonnen. Und  selbst die Motivation zu porträtieren hat sich durch die Fotografie weiterentwickelt. Das Porträt kann Abbild oder Charakterstudie, Pose oder Momentaufnahme sein. Die Aufnahme kann Anonymität oder Intimität vermitteln. Aber eines ist das Porträt in jedem Fall: Zeitzeichen.
Die Schau in der Kunsthalle Wien widmet sich den Porträtfotografie ab 1980 mit Werken von Roger Ballen, Tina Barney, Valérie Belin, Dirk Braeckman, Clegg & Guttmann, Andrea Cometta, Anton Corbijn, Rineke Dijkstra, Amy Elkins, JH Engström, Bernhard Fuchs, Albert García-Alix, Luigi Gariglio, Anthony Gayton, Nan Goldin, Greg Gorman, Kathy Grannan, Jitka Hanzlová, Peter Hujar, Jean-Baptiste Huynh, Leo Kandl, Barbara Klemm, Gerhard Klocker, Andreas Mader, Sally Mann, Robert Mapplethorpe, Hellen van Meene, Judith Joy Ross, Thomas Ruff, Stefano Scheda, Beat Streuli und Wolfgang Tillmans (Kulturpreis 2009).

Valérie Belin, Untitled, 2006, aus der Serie/from the series Models II © Valérie Belin, VBK Wien,2009, Courtesy of Michael Hoppen Contemporary, London and Valérie Belin Luigi Gariglio, Naomi, Torino (I), 2005, aus der Serie/from the series Lap Dancer, Museo di Fotografia Contemporanea, Cinisello, Milano © Luigi Gariglio 
Jean-Baptiste Huynh, Christian Portrait III, 2004, Privatsammlung / Private Collection, © Jean-Baptiste Huynh 
Zwischen Porträts liegen Welten und die Spannung, die sich zwischen Voyeur und Exhibitionist während des fotografischen Akts aufgebaut hat. Egal ob formalistische Studiofotografie, fotografische Dokumentation oder unverfälschte, schnappschussartige Tagebücher, sie haben den gelenkten Blick gemeinsam. Geschminkt oder ungeschminkt, das ausdruckslose, nackte “Passfoto”, entkleidet von Attribut und Aussage erschließt sich nur durch Zusammenspiel von Foto und künstlerischem Gesamtkonzept der FotografInnen.

Anton Corbijn, David Bowie, Chicago, 1980, © Anton Corbijn, Courtesy der Künstler/the artist, Galerie Anita Beckers, Frankfurt Amy Elkins, Bon, Brooklyn, NY, 2008, aus der Serie/from the series Wallflower © Amy Elkins, Courtesy Yancey Richardson Gallery, New York 
Greg Gorman, Heath Ledger, Venice, 2004, © Greg Gorman Anthony Gayton, Prince R. at seventeen, shortly before his marriage, 2008, aus der Serie/from the series Ladslove © Anthony Gayton

Die Inszenierung des Porträts liegt zwischen Verletzlichkeit und Herausforderung und spiegelt die Beziehung zwischen den ProtagionistInnen vor und hinter der Kamera.

Roger Ballen, Dresie and Casie, twins, Western Transvaal, 1993, Münchner Stadtmuseum, © Robert Ballen Robert Mapplethorpe, Ken Moody and Robert Sherman, 1984, © Robert Mapplethorpe Foundation, New York. Used by permission.

Berührend, beklemmend, verstörend sind die absoluten Blicke gegenüber dem inszenierten Blicke. Politische und soziale Realitäten, ganz abseits von Gefühl oder Urteil. Beobachtend, festhaltend, aufzeigend, dokumentarisch haben sie bereits erzählerische Qualitäten bevor sich noch das Gesamtkonzept der Serie erschließt.

Beat Streuli, Eighth Avenue/35th Street 02, 2003 © Beat Streuli, Courtesy Galerie Conrads, Düsseldorf Leo Kandl, Georges NYC, 25. Februar 2000, Courtesy Leo Kandl 

Katy Grannan, Ghent, NY), 1999, © Katy Grannan, Courtesy Greenberg Van Doren Gallery, New York; Fraenkel Gallery, San Francisco; Salon 94, New York Tina Barney, Mark, Amy, and Tara, 1983 © Tina Barney, Courtesy Janet Borden, Inc., New York

Semidokumentarisches, tagebuchartiges und fotojournalistisches abseits der Studioinszenierungen fangen das Tagesgeschehen, Lebensfacetten von anonym bis privat - über das Porträt - hinaus ein. Ob die privaten Fotoalben außerhalb der jeweiligen Familie inhaltlich und fotografisch von Interesse sind, mag offen bleiben. 

Ausstellen bedeutet mehr als Stellen und Hängen von Objekten, mehr als Kleingedrucktes im Post-it-Format mit Objektdaten, mehr als minimalistische Künstlerinformationen. Dem Publikum muss “die Geschichte” der Objekte und der Gesamtschau erzählt werden. Das macht unter anderem den Unterschied zu einem begehbaren Bilderbuch aus dem der Inhalt abhanden gekommen ist.
Schlicht und interessant, denn wer sehen will, sieht mehr als nur Porträts.

© S. Strohschneider-Laue

Das Porträt - Fotografie als Bühne
Kunsthalle Wien
3. Juli bis 18. Oktober ‘09
 
Das Porträt: Fotografie als Bühne- Katalog

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Handbuch Zoo

Donnerstag, 25. Juni 2009

Non-Fiction

Jürg Meier   
Handbuch Zoo 

Haupt 2009, 230 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 258 07448 1

Handbuch Zoo Handbuch Zoo: Moderne Tiergartenbiologie

Wohnklos für die Primatenhaltung oder betonierte winzige Bärenzwinger sind endlich out. Die moderne Zootierhaltung setzt auf Vergesellschaftung, Beschäftigung und möglichst artgerechte Haltung, die nicht antiseptisch wirkt.

Der älteste bestehende Zoo weltweit ist der Tiergarten Schönbrunn (seit 1752) in Wien. Seit seinem Bestehen haben sich Zoos kontinuierlich von Menagerien für Schaulustige zu grünen Bildungsoasen, Forschungszentren und Ressorts für vom Aussterben bedrohte Tierarten entwickelt. Die Veränderungen der inhaltlichen Ziele gingen ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert Hand in Hand mit verbesserten Haltungsbedingungen. Eine Folge inadäquater Haltungsbedingen, die u. a. mangelnde Quarantäne, unausgewogene Fütterung sowie falsche Klimabedingungen betreffen, waren nicht nur die geringe Lebenserwartung von Zootieren. Bei nichtartgerechter Haltung nehmen Aktionen und Reaktionen, Fortpflanzung der Tiere im gleichen Maße ab wie psychische Störungen zunehmen. Tierische Dramen, die die BesucherInnen nicht unberührt ließen. Die Bedingungen haben sich seither enorm verbessert, aber nicht in allen Institutionen und für alle Tiere im gleichen Maße. Es bleibt noch viel zu tun. Die moderne Tiergartenbiologie ist ein interdisziplinäres Fach, das sich aus Teilgebieten der Biologie, Tiermedizin und der Ökonomie zusammensetzt. Eine stete Verbesserung der Tierhaltung im Rahmen zoologischer Anlagen ist das inhaltliche Hauptziel. Die Dualität von wild- und zoobiologischer Forschung sowie “Präsentation” von Tieren in möglichst artgerechten, natürlichen Lebensräumen für BesucherInnen sind diametrale Ansätze, die es gilt, unter einen Hut zu bringen.

Jürg Meier ist Experte auf dem Gebiet der artgerechten Wildtierhaltung. Im vorliegenden “Handbuch Zoo” legt er in übersichtlichen sieben Kapiteln vor, worauf es in Tiergärten und somit in der Tiergartenbiologie ankommt.
In den Einstiegskapiteln “Tiergärten und ihre Bedeutung”, “Tiergartenbiologie - Begriffe und Definitionen” werden die Grundlagen des Faches und der Institution dargelegt.
Danach widmet sich der Autor unter den treffenden Überschriften “die Bühne”, die “Darsteller” und ”das Publikum” dem interaktiven Bereich zwischen Forschung, Ökonomie und Außenkommunikation.
Der Besuch hinter “die Kulissen” zeigt berufliche Aspekte auf und verdeutlicht den vielfältigen logistischen Aufwand.
Der Ausblick auf die “Zukunft Zoo” macht deutlich, dass Zoos nicht an Bedeutung verlieren werden. Das Bestreben nach möglichst natürlicher Haltung der Tiere, Teilnahme an Zuchtprogrammen im Rahmen des Artenschutzes und die Angebote der besucherorientierten Vermittlung werden mehr und mehr an Bedeutung gewinnen.
Im benutzerfreundlichem Anhang finden sich neben weiterführender Literatur und Register wichtige Hinweise auf Zoozeitschriften udn Zooorganisationen.
Ein großer Verdienst des Autors ist es, den anspruchsvollen Inhalt so fesselnd vorzulegen, dass es nicht nur tiergartenbiologische Pflichtlektüre ist, sondern auch begeisterte ZoobesucherInnen das Grundlagenwerk gerne lesen werden. Eine Fülle sprechenden Bildmaterials und die übersichtliche, frische Gestaltung des Buches tragen dazu bei, dass das “Handbuch Zoo” zu einem attraktiven wissenschaftlichen Lesevergnügen wird.

© V. Strohschneider

Handbuch Zoo: Moderne Tiergartenbiologie

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Katalog: Ferdinand Georg Waldmüller

Freitag, 19. Juni 2009

Non-Fiction

Agnes Husslein-Arco, Sabine Grabner (Hgg.)
Ferdinand Georg Waldmüller
Brandstätter 2009, 240 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 85033 296 5

Ferdinand Georg Waldmüller Ferdinand Georg Waldmüller

Was würde Ferdinand Georg Waldmüller (1793–1865) malen, wenn man ihn in unsere Zeit versetzen könnte? Porträts von Politikern, Beamten, Unternehmern und der Wiener “Bussi-Bussi” Gesellschaft, Statussymbole inklusive? Tagelöhner des 21. Jahrhunderts auf der Suche nach Arbeit (vulgo Arbeiterstrich), einsame MindestrentnerInnen, alleinerziehende Mütter an der Armutsgrenze, kinderreiche Einwandererfamilien, Groß und Klein vor dem Fernseher, Weihnachten in der Notschlafstelle, Wiener in Feierstimmung anlässlich einer der vielen Volksbelustigungen oder wandernde Touristen in den Alpen? Stillleben aus Designer-Stücken? Er hätte sicher jede dieser Gestaltungsaufgaben mit akribischer Pinselführung meisterhaft gelöst.

Waldmüller war ein vielseitiger und produktiver Künstler. Sein malerisches Lebenswerk umfasst Porträts, Genreszenen, Landschaften und Stillleben. Er verfügte über eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe und verschloss seine Augen weder vor physiognomischen Tatsachen noch vor der harten Realität, der sich die Mehrheit der Bevölkerung täglich stellen musste. Im 19. Jahrhundert beschäftigten sich bildende Künstler zunehmend in belehrenden oder moralisierenden Gemälden mit sozialen Fragen. Waldmüllers Genrebilder, mit denen heute sein Name vor allem assoziiert wird, stellten also keine Ausnahme dar. Doch in seinem Spätwerk löste er sich weitgehend vom Sentiment und wurde zum aufmerksamen Chronisten der unterprivilegierten Schichten. Die Tendenz, schonungslos die Wirklichkeit abzubilden, hatte sich in Waldmüllers Porträts ja bereits zu Beginn seiner Karriere abgezeichnet. Er malte genau, was er sah – auch wenn er gelegentlich in den Auftragsarbeiten die Schärfe seines Blickes milderte und z. B. auf die Wiedergabe von Pockennarben verzichtete. Schließlich muss man gute Kunden bei der Stange halten.

Das reich bebilderte Buch “Ferdinand Georg Waldmüller” lädt dazu ein, sich erneut mit einem Maler auseinanderzusetzen, der heute gerne zum bedeutendsten österreichischen Künstler des 19. Jahrhunderts stilisiert wird. Die Mühe, Waldmüllers Gemälde einer eingehenden Bildbetrachtung zu unterziehen, lohnt sich. Denn was bei der ersten oberflächlichen Begegnung konservativ, fast altbacken und fallweise süßlich-sentimental wirkt, ist alles andere als das. Ferdinand Georg Waldmüller war in vieler Hinsicht ein Vorreiter. Die Natur, deren Studium er vehement vertrat, stellte für ihn das Maß aller Dinge dar. Diese Überzeugung widersprach den Ansichten der akademischen Kollegen, die Waldmüller als “Naturalisten” schmähten. Vor allem mit seinen Versuchen das Sonnenlicht wiederzugeben, traf der Künstler bei einigen Zeitgenossen auf Unverständnis. Den Erfolg als einer der angesehensten Maler Wiens zu gelten, musste sich Waldmüller hart erarbeiten. Sein gegen den Willen von Mutter und Vormund aufgenommenes Studium finanzierte er sich mit dem Bemalen von Bonbonpapieren und Kupferstichen. Auch als Zeichenlehrer und Dekorationsmaler verdingt er sich. Unermüdlich feilte der Künstler an seiner Maltechnik. Er kopierte alte Meister und beobachtete die Menschen, deren Darstellung er über alles andere setzte. 1829 wurde Waldmüller zum Ersten Kustos der Gemäldesammlung der Akademie der bildenden Künste in Wien ernannt, 1835 zum ordentlichen akademischen Rat. Im Jahr darauf begann er Privatunterricht zu erteilen. So weit, so gut. Eine typisch österreichische Karriere, möchte man denken. Doch dann passierte etwas Unerhörtes: die Erfolge der Schüler Waldmüllers sprachen für die Effizienz seiner Lehrmethoden. Darüber hinaus wagte er es, seine Gedanken zur künstlerischen Ausbildung niederzuschreiben und dieses Dokument 1845 der Akademie vorzulegen! Mit seinem hartnäckig vertretenen Ansinnen, den Kunstunterricht an der Akademie zu reformieren, setzte Waldmüller alles aufs Spiel – und verlor. Nach einem Eklat in einer Ratssitzung und mehreren weiteren Streitschriften wurde Waldmüller 1857 vom Dienst suspendiert und sein nun als Pension ausbezahltes Gehalt auf die Hälfte gekürzt. Unterkriegen ließ sich der große Lichtmaler dadurch nicht. In den folgenden Jahren stellte Waldmüller in Paris, London und Köln aus, wo ihm die verdiente Anerkennung zuteil wurde.

“Ferdinand Georg Waldmüller” ist ein stattliches Buch, dessen Autoren sich ganz auf das Werk und seine Rezeption konzentrieren – und zwar ausschließlich aus kunsthistorischer Sicht. Aus der Reihe tanzt lediglich das Kapitel über Waldmüllers Streit mit der Akademie. Danach reihen sich die Analysen, akribisch recherchiert und auf dem neuesten Stand der Forschung, Perlen gleich aneinander: dem “fotografischen Blick” folgen die Porträt- und Landschaftsmalerei, die Lokalisierung der in den Gemälden festgehaltenen Wiener Schauplätze sowie die Genremalerei, nach der es geografisch – England, Deutschland, Frankreich, Österreich auf der Weltausstellung 1855 in Paris – weiter geht. Zweifellos ist das alles sehr interessant. Es ist aber auch furchtbar brav. Schmerzlich vermisste ich den Wagemut der Interdisziplinarität, des wissenschaftlichen Crossover. Welch Bereicherung wäre ein Essay zur Realienkunde gewesen! Auch ein Beitrag über die in den Genreszenen dargestellten Handlungen und Bräuche aus dem Blickwinkel der europäischen Ethnologie hätte eine spannende Lektüre abgegeben! Historiker könnten sicher so Manches über die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse im 19. Jahrhundert, die Waldmüller so gekonnt wiedergab, erzählen! Doch Schwerpunktsetzungen sind Geschmacksache. Eines ist sicher “Ferdinand Georg Waldmüller” gelingt es trefflich, dem Künstler ein Denkmal zu setzten.

Die Publikation “Ferdinand Georg Waldmüller” erschien anlässlich der gleichnamigen Ausstellung, die noch bis zum 11. Oktober ‘09 im Belvedere (siehe Rezension) zu sehen ist.

© Ch. Ranseder

Ferdinand Georg Waldmüller

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Prioritäten setzen

Freitag, 19. Juni 2009

Notiz

Ausstellungsmacher

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Dozent G., der alteingesessene Chef des Museums, blickte wohlwollend auf seine Untergebenen. Nach einer gut berechneten Pause räusperte er sich und hob mahnend den Zeigefinger: “Liebe Mitarbeiter und -innen. Demnächst müssen wir einen neuen Publikumsmagneten in unsere Ausstellungshallen bringen. Die leider noch lebende Künstlerin war nicht etabliert genug, so dass nur 6.000 Besucher bei uns verzeichnet wurden. Das ist halt das Problem mit Frauen in der Kunst. Gut, dass wir vom Frauenministerium, dem Genderverein und den Gewerkschafterinnen ausfinanziert wurden. Aber jetzt, jetzt brauchen wieder einen richtigen Erfolg, also einen Mann. Gute Kritiken in den Zeitungen sind nicht genug. Meine Damen und mein Herr, ich erwarte ihre Vorschläge.”

Mit hochgezogenen Augenbrauen blickte er über den Brillenrand erwartungsvoll in die betroffenen Gesichter der drei Anwesenden. Eine Weile hörte man nur das eifrige Kratzen des Bleistifts der Sekretärin, die immer minutiös jedes Wort protokollierte. Es herrschte tiefes Schweigen, das durch das nervöse Herumwetzen und Fußscharren der Angesprochenen abgelöst wurde.

Magister W. ergriff beflissen das Wort: “Nun da drängt sich doch Picasso gerade zu auf, obwohl Monet auch immer gut geht. Wobei von Picasso gibt’s mehr Bilder und Chagall zeigt leider gerade die Konkurrenz.”

Nun mischte sich auch Doktorin R. ein: “Sie vergessen, dass Monet und Picasso in den letzten Jahren bereits zweimal in der Stadt - ebenfalls von der Konkurrenz - präsentiert wurden. Wir sollten doch ein wenig innovativer vorgehen. Wie wäre es mit einer Themenausstellung ohne sich auf einen einzigen Künstler zu kaprizieren? Ich denke dabei an das beliebte Thema ‘Impressionismus’. Die Bilder will doch jeder auf der Wand hängen haben.”

Dozent G. schnitt den gerade zur Rede ansetzenden Magister W. das Wort ab und meinte begeistert: “Ja, so machen wir das. Perfekt! Ich finde doch immer wieder unsere Teamsitzungen mit dem regen Brainstorming meinerseits erfrischend. Sie haben ein halbes Jahr Zeit, um die Ausstellung vorzubereiten. Ich möchte am Montag ihre Vorschläge zur Bildauswahl vorgelegt bekommen! Ich bitte Sie mich jetzt zu entschuldigen, ich habe jetzt noch einen wichtigen Termin im Kaffeehaus.”

Seine Mitarbeiter erhoben sich und verließen gemeinsam den Raum. “Prima, hat das geklappt”, meinte Magister W. grinsend, “damit sollten wir überhaupt keine Arbeit haben!”

 ”Na, na”, beschwichtigte Doktorin R., die Köpfe müssen wir schon noch zusammenstecken, aber aus dem Vollen schöpfen können wir noch immer.”

 TeeTextTasse © Ch. Ranseder Am nächsten Montag legten sie den Konzeptentwurf vor:

  • Die bedeutendsten Künstler des Impressionismus sollten an Hand ihrer wichtigsten Werke präsentiert werden.
  • Statt die Bilder wie üblich zeitlich geordnet auf den Wänden zu verteilen, sollte thematisch vorgegangen werden, um den Besuchern Vergleiche zu erleichtern.
  • Zudem sollten alle Künstler durch ein Portrait vertreten sein, um auch die Maler persönlich und nicht nur ihre Werke vorzustellen.
  • Wenn möglich, sollte ein passendes Bild die Wohnsituation und das Atelier des Künstlers dokumentieren. Ein aktuelles Foto sollte den heutigen Zustand des Hauses oder der Umgebung zeigen.
  • Der Katalog sollte den Umfang eines Taschenbuches nicht überschreiten. Klein, übersichtlich erschwinglich und vor allem sprachlich zugeschnitten auf ein interessiertes Laienpublikum.
  • Die Kunstvermittler sollten während der gesamten Vorbereitung eingebunden werden, um das Publikum später optimal an die Ausstellung heranführen zu können.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder ”Also”, begann Dozent G.”, das ist ja mal wieder typisch für Sie beide. Sie sind doch betriebsblinde Ignoranten. Selbstverständlich kommen die wichtigsten französischen Impressionisten nicht in Frage. Wir haben mit den entsprechenden Häusern keine Leihverträge. Das ist außerdem viel zu kompliziert, zumal die dort nur auf französisch verhandeln, seitdem wir das eine ausgeliehene Bild aus dem Rahmen genommen haben und es zu Transportzwecken aufrollten wie eine Tapete. Wie hätten wir es denn sonst durch unsere Museumstür bringen sollen, wenn es doch glatt um fünf Zentimeter zu groß ist? Wer rechnet denn schon m solchen Dimensionen? Aber die müssen sich ja immer gleich so haben. Na, wie auch immer!”

Er schüttelte wieder den Kopf und schaute strafend über den Brillenrand: “Kommen Sie mir nicht mit diesem didaktischen Quatsch. Wozu soll es denn gut sein die Bilder thematisch zu hängen. Bilder hängt man ausschließlich nach ästhetischen Aspekten und ästhetisch heißt, nach Größe sortiert!”

Wieder kehrt kurzes Schweigen ein, während Dozent G. weiter las: “Die Portraits sind völlig sinnlos. Kein Mensch interessiert sich für den ungepflegten Monet oder den versoffenen van Gogh, nur ihre Werke zählen. Genauso egal sind mir deren Absteigen. Wir sollten auf jeden Fall den Platz darauf nicht vergeuden, sondern ein einziges - besonders großes - Bild als zentralen Blickfang auswählen. Damit halten wir die Leihgebühren und Versicherungsbeiträge niedrig und mit zwei weiteren haben wir die erste Halle voll.”

Mit gerunzelter Stirn blätterte Dozent G. weiter und schlug plötzlich heftig mit Hand auf den Tisch. Empört riss er sich die Brille von der Nase. “Also, dass ist doch der Gipfel der Borniertheit! Taschenbuch? Erschwinglich? Leicht verständlich? Was glauben Sie eigentlich, wo Sie sitzen? In der Schulbuchkommission? Ich weiß ja nicht, was Sie von sich halten, aber ich bin renommierter Wissenschafter. Meine Publikationsliste als Herausgeber ist lang. Kein Vorwort der letzten Jahre, das nicht von mir wäre! Die Kollegen, von denen wir die Bilder leihen, sehen das sicher genauso. Sie müssen mit ihren Beiträgen im Katalog als Autoren vertreten sein. Und wenn nicht jeder Hinz und Kunz mit meinem wissenschaftlichen Anspruch etwas anfangen kann, ist das mir nur recht. Wo kommen wir denn dahin, wenn jeder glaubt schreiben zu können? Es kann ja schließlich auch nicht jeder malen! Nur mit einem tiefsinnigen Verständnis des kulturhistorischen Gesamtkontextes und einem metaphysischen Zugang, bezogen auf das psychologische Substrat ist man befähigt den Weg des Künstlers vom Gegenständlichen zum schwarzen Quadrat auf weißer Leinwand - aufgehängt im Herrgottswinkel - verfolgen zu können. Das heißt aber noch lange nicht, dass jedes hingepinselte schwarze Quadrat auf weißer Leinwand von irgendwem gleich bedeutend ist. Nein, denn nur aus dem fundamentalakademischen Zusammenhang und der unverrückbaren Philosophie des Kanons erwächst die Kunst!”

Eine Ader begann an der Stirn von Dozent G. zu pochen. “Und ich gehe sicher richtig in der Annahme, dass Sie in ihren Kalkulationen nicht die entsprechenden Autorenhonorare für die jeweiligen Institutionsleiter berücksichtigt haben”, dabei strich er sich unbewusst über die Brieftasche. “Mit 80.000 Euro für den Katalog - ohne Druckkosten versteht sich - ist mindestens zu rechnen. Die Qualität sind wir unserem Publikum schuldig. Ich will ihnen beiden keine Bereicherung vorwerfen, obwohl ich annehme, dass wohl irgendwer aus Ihrem Freundeskreis schnell etwas um die 5.000 Euro, die Sie da veranschlagt haben, zusammengeschreibselt hätte. Es muss sogar Ihnen klar sein, dass etwas derartig Billiges auch nur billig sein kann.”

Es folgte Kopfschütteln. “Und was wollen Sie eigentlich dauernd mit ihrer Vermittlung? Diese Bilder sprechen für sich selbst. Ich wünsche keine Platzverschwendung an auffällig groß geschriebene Raumtexte. Für die dezente Beschriftung der Werke genügt der Name des Künstlers, das Entstehungsjahr und selbstverständlich gut lesbar der Name des Leihgebers. Audioguides reichen völlig. Der unerträgliche Lärm, der durch Führungen entsteht, wird vermieden und jeder Besucher kann in erhabener Andacht die Stimmungen der Bilder aufnehmen.”

Langsam lehnte Dozent G. sich zurück und blickte eine Weile strafend auf seine zusammenschrumpfenden und inzwischen um ihre Jobs bangenden Mitarbeiter. “Da ich schon geahnt habe, was ich von ihnen erwarten kann, erkläre ich ihnen wie wir das machen werden. Die Ausstellung wird heißen: 
Das unbekannte Werk der Impressionisten - Gemälde aus Privatsammlungen
Der Hochglanz-Katalog wird mindestens A4-formatig und auf jeden Fall 800 Seiten umfassen. Ich denke dabei an einen Verkaufspreis von rund 95,00 Euro bei einer Auflage von 1000 Exemplaren zum freien Verkauf und weiteren 500 zu Geschenkzwecken an Autoren, Sammler und meine wichtigsten politischen Kontakte.”

Selbstgefällig blickte er in die Runde: “Was die Zusammenstellung der Werke betrifft, rufe ich einige meiner Freunde an, die Impressionisten sammeln. Sie geben uns ihre Bilder ohne hohe Leihgebühren. Schließlich haben sie ihre Sammlungen nur meiner finanzgünstigen Beratung zu verdanken und jetzt können sie durch die Präsentation in unserem Haus zusätzlich eine Wertsteigerung ihrer Stücke erzielen. Leider zählen keine amerikanischen und japanischen Sammler zu meinen Kontakten. Ich werde wohl wieder in den sauren Apfel beißen müssen und die Beziehungen vor Ort knüpfen. Das bedeutet, dass ich die nächsten Monate kaum im Haus sein werde.”

Er begann seine Ausführungen mit seinem rechten Zeigefinger zu unterstreichen: “Frau Doktor, Sie übernehmen während meiner Absenzen die Verhandlungen mit der Druckerei.
Das Lektorat der Texte wird meine Frau als externe Fachberaterin zu entsprechenden Konditionen übernehmen.
Selbstverständlich fungiere ich wieder selbst als Herausgeber. Schließlich sollte man so etwas Essentielles wie das Vorwort keinesfalls delegieren.
Herr Magister, Sie kümmern sich um den Transport der Exponate, für die Ausstellungsgestaltung stelle ich Ihnen meine Tochter zur Seite. Sie ist versiert im Umgang mit dem Computer. Mit ihren verschiedenen Sim-Programmen hat sie schon als Teenager ganze Häuser dekoriert.”

Er wedelte enthusiastisch mit seinen Notizen vor der Nase der Sekretärin, die durch ihr stetiges Nicken oder von den vielen fremden Worten bereits etwas desorientiert wirkte. “Besorgen Sie mir zunächst ein Flugticket nach Tokio für März, im April sollte ich die Verhandlungen in New York aufnehmen und ab Mai werde ich dann Sydney angehen, dann bleibt noch genug Zeit für Paris im Juni. Buchen Sie bitte adäquate Hotels in den Stadtzentren. Juli und August reserviere ich für meinen wohl verdienten Urlaub mit meiner Familie. Im September habe ich dann sicher wieder genug Kraft für die letzten Gespräche in Toronto. Achja, stellen Sie mir die wichtigsten Fakten für das Vorwort zusammen. Nicht mehr als zehn Seiten, damit ich das ganze auf etwa eine Seite komprimieren kann. Wenn ich nicht so ein Arbeitstier wäre, würde hier alles stagnieren. Ja, von mir können Sie alle hier noch jede Menge lernen.”

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Vergeuden Sie nicht Ihre Energie an Inhalte, arbeiten Sie endlich für Ihre Karrieren!

© S. Strohschneider-Laue

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Sozialkritiker: Ferdinand Georg Waldmüller

Dienstag, 09. Juni 2009

Notiz

Ferdinand Georg Waldmüller (1793-1865)
Belvedere
9. Juni bis 11. Oktober ’09

Ferdinand Georg Waldmüller, Selbstporträt in jungen Jahren, 1828, Öl auf Leinwand, 95 x 75 cm, Belvedere, Wien © Belvedere Wien C. Herberth, Ferdinand Georg Waldmüller, um 1864, Fotografie, Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv, Wien, © Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv, Wien 
Zwischen den beiden Porträts des Malers Ferdinand Georg Waldmüller liegen 36 schöpferische und rebellische Jahre. Rund 1200 Werke werden ihm zugeschrieben, über 70 davon sind im Besitz des Belvederes und 115 werden derzeit in einer von Sabine Grabner kuratierten Ausstellung im Unteren Belvedere gezeigt.

Ferdinand Georg Waldmüller, Beim Hufschmied, 1854, Öl auf Holz, 58 x 45,5 cm Privatbesitz 
Bescheiden chronologisch und nicht erzählerisch werden die Porträts, Landschaften und Genrebilder präsentiert. Und trotzdem zaubern sie allesamt Licht in die Ausstellungsräume. Viel Licht, für seine Zeit ungewöhnliche und extrem sozialkritische Sichtweisen und fotorealistische Bildqualität zeichnen Waldmüllers Werke aus. Mit dem hartnäckigen Mythos “von der guten alten Zeit” räumt die Ausstellung aber leider nicht auf. Auch dehalb ist eine durch Beliebigkeit glänzende “Opernballdebütantin” für die Werbung besser als die einzigartige Darstellung einer Hufschmiede.

Ferdinand Georg Waldmüller Maria Henrietta von Stierle-Holzmeister, Edle von Forstheim, geb. Mierck, die Mutter des Hauptmannes Joseph G. von Stierle-Holzmeister, um 1817 Öl auf Leinwand 54 x 41 cm Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, Berlin © bpk / Nationalgalerie, SMB, Foto: Jörg P. Anders Ferdinand Georg Waldmüller, Sitzendes Mädchen in weißem Atlaskleid, 1839, Öl auf Holz, 32 x 26,5 cm, Wien Museum, © Wien Museum Ferdinand Georg Waldmüller<br /> Die fürstlich Esterházysche Rat Mathias Kerzmann mit seiner zweiten Gattin, geb. Gräfin Majlath, und seiner Tochter Maria, 1835, Öl auf Leinwand 207 x 158 cm, Belvedere, Wien © Belvedere Wien 
Bereits 1817 malte Waldmüller so fotorealistisch, dass die fehlende Behübschung ins Auge springt, aber eine Interpretation der Dargestellten vermittelt, die zeitgleiche Porträts vermissen lassen. Genaues Betrachten zahlt sich bei Waldmüllers Werken immer aus. Sie sind mehr als Raumbehübscher oder Auftragswerke der abgebildeten reichen Klientel. Auch wenn der Verkaufsschlager “Mutterglück” schon fast als Waldmüller-Massenprodukt zu bezeichnen ist. Es wird immer eine Geschichte erzählt, die leider nicht oder nur in Ausnahmen und dann rudimentär an die BesucherInnen der Ausstellung weitergeben wird. Für die Provenienzforschung wichtige Fakten sind nämlich für eine besuchergerechte Präsentation zweitrangig. Eine Flut adliger, heute völlig belangloser Verwandtschaftsgrade ist nur für Kunsthistoriker und lebende Nachfahren interessant und für BesucherInnen entbehrlich. Die dargestellten Posen und Ausstattungen, Porträtierte im “Hausgewand” oder lümmelnde unreife Debütantinnen haben gesellschaftskritische Qualität. Auch die Fältelung des schimmernden Atlas besitzt Aussagekraft. Lässt er doch auf die sorgsame Behandlung des wertvollen Stoffes schließen und der Umgang mit dem auf dem Boden schleifenden kostbaren Schal sagt viel über das sorgenfreie Eheleben der viel zu jung erscheinenden Besitzerin aus. Es sind Fotografien in Öl. Manchmal hübsche, oft gepflegte, meist reich gekleidete Personen, die oft etwas Rotziges oder Inhaltsleeres an sich haben. Man vermeint zu bemerken, welche Klientel der auf Qualität und Erkenntnis fixierte Waldmüller aus finanziellen Gründen malte oder wie und warum er Personen ungeachtet üblicher Bildkompositionen entsprechend positioniert ins “passende” Licht rückte.

Ferdinand Georg Waldmüller, Lachender Bauernbursche, 1840, Öl auf Leinwand, 50 x 40 cm, Privatbesitz © Galerie Suppan, Wien Ferdinand Georg Waldmüller, Bautagelöhner erhalten ihr Frühstück, 1859/60, Öl auf Holz, 53 x 44 cm, Wien Museum © Wien Museum Ferdinand Georg Waldmüller Vorfrühling im Wienerwald, 1861 Öl auf Holz 52 × 66 cm Belvedere, Wien © Belvedere Wien 
Bei Waldmüller scheint alles aufgesetzte adelige oder bürgerliche Maske zu sein, die konträrer zur arbeitenden Natürlichkeit zu stehen scheint. Selbst die Beteiligten an einer Wohltätigkeitsveranstaltung wirken nicht uneigennützig freigiebig, sondern herablassend gönnerhaft und darauf bedacht Ansehen, Amt und Würde zu bewahren, während im Vordergrund die Kinder ausgelassene Freude zeigen. Es geht nicht um Würde, es geht ums nackte Überleben. Kinderarbeit, dürftig gekleidet, bei jedem Wetter und überall: Vom Lehrling, zum Tagelöhner bis zum Bettelkind. Und so schön das Bild mit den Veilchen pflückenden Kindern wirken mag, wer genau schaut, wird die Reisigbündel sehen. Wird wissen, dass die Kinder nicht zum Vergnügen im luftig frischen Frühlingswald sind. Hänsel und Gretel sind zum Holzklauben geschickt worden und die Veilchen bringen den jungen “Eliza Doolittles” als Knopflochblumen gutes Geld in der Stadt. Holzklauben gehen Frauen bis sie nicht mehr ohne Hilfe vom Wegesrand aufstehen können und nach ihrem Tagwerk am Kinderbett oder bei der Wallfahrt zusammenbrechen. In diesem Milieu ist der Soldatenrock keine für Geld kaufbare Ehre mit Aufstiegschancen. Es bedeutet den Verlust der Arbeitskraft am Hof und im schlimmsten Fall den Verlust eines Ernährers, dem die Delogierung und das Bettelelend bei der Klostersuppe folgen.

Ferdinand Georg Waldmüller, Die Erwartete, um 1860, Öl auf Holz, 81,1 x 63,2 cm, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München Neue Pinakothek © Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München Neue Pinakothek Ferdinand Georg Waldmüller Am Fronleichnamsmorgen, 1857 Öl auf Holz 65 × 82 cm Belvedere, Wien © Belvedere Wien 
Und immer wieder sind es das helle Sonnenlicht und die leuchtenden Farben Waldmüllers, die jede Szenerie zur authentischen Momentaufnahme machten. In Bescheidenheit, Frömmigkeit und im größten Elend sympathisch, ehrlich und uneigennützig. Ehrend für die eine Seite der Gesellschaft und entlarvend für die andere. Man muss(te) es allerdings einst und jetzt sehen wollen.

Ferdinand Georg Waldmüller Rosen, 1843 Öl auf Holz 48 x 39 cm Sammlungen des Fürsten von und zu Liechtenstein, Vaduz-Wien © Sammlungen des Fürsten von und zu Liechtenstein, Vaduz-Wien 
Stillleben laden immer zum Betrachten der Objekte und zum Analysieren einer tieferen Bedeutung ein. Bei Waldmüller ist es nicht anders, obwohl man immer den Verdacht hat, dass er gerade bei dieser Gattung seine unglaubliche Kunstfertigkeit unterschiedliche Materialien naturecht wiedergeben zu können unter Beweis stellen wollte. Man ist tatsächlich versucht in der Spiegelung des Silbers den abgebildeten Raum zu erkennen und überlegt ob Mattigkeit des Objektes etwas mit der Oberflächenstruktur der Farbe zu tun hat. Allerdings werden wohl viele BesucherInnen an der Beschreibung “Biskuit” scheitern, weil sie statt nach dem Porzellanobjekt nach dem Keks suchen werden. Widererkennen ist etwas, was bei Waldmüller Spaß macht. Wie oft hat er wohl den roten Sessel auf dem auch seine zweite Frau posiert, verwendet? Aber unterhaltsame und damit kunsthistorisch unwürdige Details werden in Ausstellungen nie aufgegriffen. Schade, das ist verschenktes Potential aus der Realienkunde.

Ferdinand Georg Waldmüller Große Praterlandschaft, 1849 Öl auf Holz 64,5 x 91,5 cm Belvedere, Wien © Belvedere Wien 
Waldmüller besaß die unglaubliche Fähigkeit quer durch die Jahreszeiten im hellsten Licht Landschaften zu malen, die ausschauen als ob man sie jederzeit betreten könnte. Wenn seine Bilder Türen ins 19. Jahrhundert wären, wären diese (fast) menschenfreien Zonen, die einzigen die ich persönlich durchschreiten wollte. Was bleibt, ist die Möglichkeit die Türen des Belvedere zu durchschreiten und eine gut bestückte Waldmüller-Ausstellung zu besuchen.
Ein echter Pflichtbesuch, den man ob der Kargheit der Informationen besser mit einer hoffentlich kritischeren Führung (Sa, So, Fei 15:00 Uhr) oder einem “Frühstück im Grünen” (3. Juni bis 13. September 10:00-11:30 Uhr Sektfrühstück, 11.30-12:30 Führung, Anmeldung erforderlich) verbinden sollte.

© S. Strohschneider-Laue

Ferdinand Georg Waldmüller (1793-1865)
Belvedere
9. Juni bis 11. Oktober ’09

Zur Ausstellung ist ein umfassender Katalog (siehe Rezension) erschienen:

Fedrinand Georg Waldmüller Agnes Husslein-Arco, Sabine Grabner (Hgg.) Ferdinand Georg Waldmüller

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HOMER

Sonntag, 24. Mai 2009

Notiz

Das Phänomen Homer
In Papyri, Handschriften und Drucken

ÖNB, Papyrusmuseum
20. Mai ‘09 bis 15. Januar ‘10

Das Phänomen Homer in der Österreichischen Nationalbibliothek

Kolorierter Kupferstich des Bühnenbildes zu 'Il pomo  d’oro' von Antonio Cesti 1668 ÖNB, Musiksammlung © Österreichische Nationalbibliothek

Mit einem Apfel hat die ganze Geschichte begonnen.
Gemeint ist nicht der langweilige Zwischenfall mit Adam und Eva, sondern die Zankapfel bedingte Schönheitskonkurrenz zwischen den Göttinnen Hera, Pallas Athene und Aphrodite. Nachdem Paris, gemeint ist natürlich der Prinz von Troja, sich für Aphrodite entschied, bekam er statt Macht (Hera) oder Verstand (Pallas Athene) eine hübsche Frau. Dass die schöne Helena einem anderen, dem mächtigen Menelaos von Sparta, angetraut war, spielte für Paris weder politisch noch moralisch eine Rolle. Nach dieser echt männlichen Entscheidung, die nicht im Kopf, sondern in tieferen Regionen getroffen wurde, gab es noch größeren Streit. Hera und Pallas Athena waren beleidigt, Menelaos stand als mächtiger Verlierer und somit vor seiner Welt als echter Machtverlierer da.  

Detail – Benoît de Sainte-Maure, Roman de Troie (franz.) Padua, 3. Jahrzehnt des 14. Jhs. ÖNB, Sammlung von Handschriften und alten Drucken © Österreichische Nationalbibliothek Die Folge waren 10 Jahre Krieg um Troja mit aktiver GöttInnenbeteiligung, Unmengen von Blut und gefallenen Helden sowie - je nach Sichtweise - mehr oder minder heroischen und findigen Taten.

Alexandra von Hellberg (*1968 Bozen): 'Odysseus' Exlibris für Norbert Hillerbrandt, 1999 ÖNB, Flugblätter-, Plakate- und Exlibris-Sammlung © Österreichische Nationalbibliothek Und da es mit dem Krieg nicht getan ist, mussten jene, die ohne dies nicht mitmachen wollten auch wieder nach Hause segeln und rudern. Noch einmal 10 Jahre strapaziöse Heimreise für Kriegsveteran Odysseus, bieten bis heute nicht nur unterhaltsames Seemannsgarn, sondern eine mächtige Fundgrube für Wissenschafter aller Sparten.

Kupferstich zur Odyssee von Jürgen Czaschka 1998, Privatbesitz Die traumatisierenden familiären und machtpolitischen Probleme nach zehnjähriger Absenz des Odysseus als Ehemann, Vater und König von Ithaka, erfreuen letztlich sogar die Psychologen.

Münze der Stadt Amastris Kunsthistorisches Museum Wien, Münzkabinett © KHM Und weil es so eine unglaublich zeitlose Story ist, ist es Homer gelungen den ersten europäischen Best- und ungeschlagenen Longseller zu verfassen.

Eine der ältesten Buchrollen der Ilias, Buch 22 (X 125–138) 3. Jh. v. Chr. Universität Heidelberg, PapyrussammlungAm Anfang wurden die homerischen Verse mündlich überliefert. Und je nach Forschungsmeinung - Archäologen erfreuen sich z. B. an den Beschreibungen von Objekten - hat es etliche Jahrzehnte der ”stillen Post” gedauert, bis sich jemand die Mühe des Aufschreibens gemacht hat. Erst um 700 v. Chr. wurde die erste Schriftfassung erstellt. Und ganz im Stile von “copy & paste” hat sich beim Abschreiben, das eine oder andere sprachlich, inhaltlich oder manches sogar vom Umfang verändert. Seit der Antike wird daher die “homerische Frage” nach der Urheberschaft gestellt, nach der Urfassung geforscht und immer wieder heftig darüber gestritten. Homers Verse sind den Wissenschaftern ein steter Quell der Faszination und dem Publikum bis heute schweißtreibender Prüfungsgegenstand oder spannende Unterhaltung.

Kritzeleien auf einem Buchdeckel: 'Endlich ist Buch 22 der Ilias fertig' 3./4. Jh. n. Chr. Universität Köln, PapyrussammlungVon der Antike bis heute befassen sich SchülerInnen mit dem Text. Nicht nur die Geduld von LehrerInnen wird dabei überstrapaziert, wie die Kritzeleien auf einem antiken Buchdeckel beweisen. Schön ist auch, dass sich an den jungen “Narrenhänden” bis heute nichts geändert hat. Um ganz ehrlich zu sein, meine Schulausgabe hat genauso ausgesehen. Bis heute bin ich außerdem dankbar, dass Homers Werk existiert. Ebenso dankbar bin ich meinem Lehrer*, dass er den  Kurzweiler Homer und nicht den Langweiler Platon zum Abiturthema machte. 

Wörterbuch zum 1. Buch der Ilias (A, 325–416; 512–610) 2. Jh. n. Chr. Universität Köln, Papyrussammlung Sogar die Wörterbücher zu Homers Texten haben sich seit der Antike nicht wesentlich verändert: Funktionales Kultur- und Sprachkompetenzdesign zum altsprachlichen Longseller.

Alles das gibt es Papyrusmuseum zu sehen.
Die Ausstellung legt Papyri und Pergamente der Ilias und Odyssee sowie der ägyptischen erzählenden Literatur vor, archäologische Objekte runden den antiken Teil ab.
Lateinische Übersetzung der Ilias (Marginalien) Laurentius Valla, Venedig 1502 ÖNB, Sammlung von Handschriften und alten Drucken Handschriften der Renaissance, Homer im lateinischen Mittelalter, frühe Drucke, Marginalien in frühen Homerdrucken, Homer in berühmten Bibliotheken, Homer in Sprachen der Neuzeit, Homers Büste aus der Sammlung Lavater, Exlibris und freie Grafik mit “homerischen” Themen folgen der Rezeption Homers bis in die Gegenwart.
Das feine Minimuseum in Wien zaubert aus seiner großen Sammlung - oft in Kooperation mit anderen Instutionen - immer wieder Erstaunliches hervor. Die für BesucherInnen oft unscheinbaren beschrifteten “Fetzerln” sind pures Wissensgold. 
Die Papyri, Pergamente und Drucke und vor allem die BesucherInnen würden es allerdings verdienen, dass mehr Geld - falls für diese Ausstellung überhaupt Geld zur Verfügung stand - in die Präsentation gesteckt würde. Es geht dabei nicht einmal um “Behübschungen”, sondern um das publikumsgerechte inhaltliche Erschließen des Gezeigten. Dafür gibt es einfache - leider unbeachtete - Regeln. Dazu gehören: Leitsystem, grafische Aufbereitung und publikumsgerechte Texte (Wortwahl, Satzlänge, Textlänge, Gliederung) . Schade daher, dass die großartigen Exponate und der interessante Inhalt durch die staubtrockene und hochwissenschaftliche Aufbereitung völlig verblassen. Ausstellungen sollen keine begehbaren Bücher von Fachleuten für Fachleute sein, sondern für das breite Publikum von einem Spezialistenteam (KuratorIn, GestalterIn, GrafikerIn, TexterIn) gemacht werden. Nur so bekommen die Ausstellungen auch jene Aufmerksamkeit, die sie inhaltlich wirklich verdienen.
Trotzdem unbedingt anschauen, denn Homer ist in dieser Ausstellung fast zum An- und Begreifen nahe. Den exzellenten Katalog Das Phänomen Homer in Papyri, Handschriften und Drucken zu kaufen, versteht sich von selbst.

Non Fiction
Cornelia Römer (Hg.)  
Das Phänomen Homer  
In Papyri, Handschriften und Drucken
Nilus 16, Studien zur Kultur Ägyptens und des Vorderen Orients
Phoibos 2009, 128 S., Farb- und Sw-Abb.
ISBN 978 3 85161 014 7

Das Phänomen Homer Das Phänomen Homer in Papyri, Handschriften und Drucken

Zur Ausstellung ist ein unentbehrlicher Katalog erschienen. Unentbehrlich, weil man alle jene Details erfährt, die die kleine Ausstellung schon platzbedingt nicht bieten kann. Unentbehrlich, weil man einen winzigen Teil der Papyrussammlung und damit etwas Essentielles zu und über Homer greifbar hat. Abgesehen davon präsentiert der Katalog das ”Phänomen Homer” aktuell, abwechslungsreich und spannend.

Cornelia Eva Römer, Direktorin des Papyrusmuseums, schreibt unter dem täuschend schlichten Titel “Einleitung” ein herrliches Essay über das “Phänomen Homer” und die Ausstellung selbst. Von der Betrachtung der präsentierten Papyri und Pergamente aus Ägypten, Bildliche Zeugnisse, Handschriften und Drucke spannt sie den lebendigen Bogen Homers bis in die Gegenwart.

In “Homer lebt!” spürt Georg Danek Homer selbst bzw. der Personifikation der episch-heroischen Erzähltradition nach. Er zeigt auf wie Homer angezweifelt und diskutiert wurde, in Vergessenheit versank, erneut entdeckt wurde und, dass Homer zeitlos von Vortrag bis Film für jedes Medium geeignet ist.

Der Brand der königlichen Bibliothek von Alexandria, noch verheerender als die Kölner Archiv-Katastrophe vom 3. März ‘09, erweist sich einmal mehr als Knackpunkt der Forschung. Herwig Maehler zeigt in “Ilias und Odyssee als Objekte der Forschung in der Antike” auf, welche Probleme in Archivierung, Verwaltung und Textforschung die damalige Gelehrtenwelt zu bewältigen hatte und was davon Homer betreffend bis in Gegenwart überliefert wurde.

Ian Rutherford widmet sich in “Homer and Egypt” nicht nur dem Verhältnis von Homer zu Ägypten als Schauplatz, sondern auch der Spuren Homers in der ägyptischen Literatur. Die ägyptische Variante des Amazonenkampfes hat jedenfalls einen besonderen Reiz.

Dem Dichterfürsten Homer ein Gesicht zu geben, wurde schon in der Antike versucht. Der Beitrag “Das Homerporträt in der Antike” von Monika Laubenberger zeigt minutiös diese Bemühungen auf.

Eindrucksvoll beschreibt Karoline Zhuber-Okrog in “Odysseus in Lykien: Die Darstellung des Freiermordes am Heroon von Trysa” die an der Grabanlage dargestellten homerischen Szenen. Für wen das Grab errichtet wurde, ist unbekannt. Ebenso unbekannt ist, warum der Freiermord so einen zentralen Platz einnahm. Dennoch spiegelt der Bau die Bedeutung der homerischen Verse für die Zeit letztlich für die Erbauer wider.

Und wieder einmal steht das Mittelalter den Errungenschaften und dem Kulturgut der Antike zwiespältig gegenüber. Frei nach dem Motto: Mögen wir Homer oder dürfen wir nicht mögen. “Homer im lateinischen Mittelalter” von Andreas Fingernagel spürt dieser Ambivalenz nach.

Werner Rotter verfolgt in “Vom Pennälerschreck zur Kulturquelle. Wandlung des Homerbildes bei Egon Friedell (1878-1938)” die Entwicklung Friedells Sichtweisen auf und dessen Verhältnis zu Homer.

Der elaborierte Katalog zur Ausstellung legt Papyri und Pergamente der Ilias und Odyssee sowie der ägyptischen erzählenden Literatur vor. Die in der Ausstellung gezeigten archäologischen Zeugnisse runden den antiken Teil ab. Handschriften der Renaissance, Homer im lateinischen Mittelalter, Drucke, Marginalien in frühen Homerdrucken, Homer in berühmten Bibliotheken, Homer in Sprachen der Neuzeit, Homers Büste aus der Sammlung Lavater, Exlibris und freie Grafik mit “homerischen” Themen folgen der Rezeption Homers bis in die Gegenwart.

Erfreulich wie kontinuierlich brillant die Nilus Reihe ist!

© S. Strohschneider-Laue

* Rainer Glückert, in bester Erinnerung!

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Intimer Blick

Montag, 04. Mai 2009

Non-Fiction

Toulouse-Lautrec. Der intime Blick
Text von Danièle Devynck, Johannes Ramharter, Anne Röver-Kann, Alain Tapié
Hatje Cantz 2009, 160 S., davon 77 in Farbe
ISBN 978 3 7757 2346 6

Henri de Toulouse-Lautrec Toulouse-Lautrec: Der intime Blick

Die vier Pfoten in der Luft, das Schwänzchen hoch erhoben, jagt ein Hündchen neben Pferd und Reiter her, dem Horizont entgegen. Die Tiere und ihr begleitender Mensch auf dem Gemälde “Reiter mit kleinem Hund” sind humorvoll überzeichnet, die Landschaft bleibt undifferenziert. 1879, dem Entstehungsjahr des Bildes, ist der Malstil von Henri de Toulouse-Lautrec (1864-1901) noch der Tradition verpflichtet. Doch bereits in diesem frühen Werk sind seine scharfe Beobachtungsgabe und die Neigung zur Karikatur offensichtlich. Wie schnell es dem Künstler gelang, auch stilistisch zu einem sehr individuellen, modernen Ausdruck zu finden, kann in “Toulouse-Lautrec. Der intime Blick” nachvollzogen werden. Das reich bebilderte Buch bietet einen Querschnitt durch das Werk des französischen Malers und Grafikers. Von den frühen Gemälden mit Szenen der Fortbewegung per Pferdekraft über Porträts von Familie und Freunden bis zu den bekannten, in Unterhaltungslokalen und Bordellen entstandenen Grafiken spannt sich der Bogen. Und natürlich ist auch eine Auswahl von Plakaten zu bewundern.

Das Buch “Toulouse-Lautrec. Der intime Blick” erscheint anlässlich einer Ausstellung im Linz, Österreich. Es verwundert daher nicht, dass sich unter den fünf Essays, die dem Katalog vorangestellt sind, auch ein Vergleich der Arbeiten des französischen Künstlers mit jenen von Egon Schiele befindet. 1909, also vor exakt 100 Jahren, waren bereits Arbeiten von Toulouse-Lautrec in der Wiener Galerie Miethke ausgestellt, die Schiele gesehen haben könnte. Sowohl Toulouse-Lautrec als auch Schiele waren Meister der Linie, doch ihr Verhältnis zu den Modellen, ihre Annäherung an den Menschen war grundverschieden. Die ersten beiden Abbildungen des Buches, die leider nicht auf gegenüberliegenden Seiten platziert wurden, sind dafür ein gutes Beispiel. Sowohl das Ölbild von Toulouse-Lautrec als auch die Bleistiftskizze Schieles zeigen eine Frau, die in einem Sessel sitzend das Kinn auf die Hand stützt. Der Schlüssel zum Verständnis des Verhältnisses von Modell und Maler liegt im Gesichtsausdruck. Toulouse-Lautrecs Madame Berthe Bady ist sichtlich amüsiert und scheint sich gut zu unterhalten. Ein Lächeln umspielt ihre Mundwinkel, der Blick ist wach und fokussiert. Der Frau in Schieles Bild hingegen ist die Langeweile und das Desinteresse an ihrem Gegenüber ins Gesicht geschrieben. Einzig der Gedanke “Hoffentlich ist er bald fertig, damit ich gehen kann” scheint sie zu beschäftigen. Eine Interaktion findet nicht statt. Schiele ist nicht an der Person interessiert, sondern an dem in einer Pose verharrenden Körper, der zum Bedeutungsträger wird.

Die Arbeiten von Toulouse-Lautrec zeugen von seinem Interesse an den dargestellten Menschen, an ihren Eigenheiten und Seelenzuständen. Als Porträtmaler verstand er es, die Persönlichkeit der Dargestellten zu erfassen und zu Papier zu bringen. Als Beobachter in Bordellen und Vergnügungslokalen bedurfte er keiner Modelle. Ungeschönt und frei von Voyeurismus hielt er Szenen aus dem Alltag fest. Seine unaufdringliche Präsenz erlaubte ihm die harte Lebenswelt der in der Unterhaltungsbranche Beschäftigten aus nächster Nähe zu dokumentieren. Grafiken wie “Frau mit Tablett - Frühstück” und “Liegende Frau - Erwachen”, beide aus der Serie Elles, lassen darauf schließen, dass die Frauen Toulouse-Lautrec ein gewisses Maß an Vertrauen entgegenbrachten. Sonst hätten sie sich wohl kaum so entspannt gezeigt.

Letztendlich kann über die Befindlichkeit von an der Entstehung der einzigartigen Werke beteiligten Personen nur gemutmaßt werden. Das Betrachten von Kunst ist über den optischen Genuss hinaus auch ein interpretativer Vorgang und damit ein intellektuelles Vergnügen. Wer sich selbst eine Meinung bilden möchte, dem bietet die Publikation “Toulouse-Lautrec. Der intime Blick” reichhaltiges Anschauungsmaterial.

Im Original ist die Werkauswahl noch bis zum 7. Juni 2009 in der gleichnamigen Ausstellung der Landesgalerie Linz zu bewundern.

© Ch. Ranseder

Toulouse-Lautrec: Der intime Blick

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Meiji - Japan um 1900

Dienstag, 14. April 2009

Notiz

Meiji
Japan um 1900
MAK Schausammlung Asien
5. April bis 4. Oktober ‘09

MEIJI. Japan um 1900 Ausstellungsansicht, MAK-Schausammlung Asien 2009 © MAK/Georg Mayer 

„Meiji” (strahlende Herrschaft) war der Äraname des 122. Tenno (1852-1912). 1868 kam der 16-jährige Mutsuhito an die Macht. Unter seiner Herrschaft kam es zu grundlegenden Änderungen. Der Regierungssitz wurde von Kyoto nach Edo (ab 1868 Tokyo) verlagert. Unter anderem wurde Schul- und Wehrpflicht - gegen heftige Widerstände der Bevölkerung - eingeführt. Das bestehende Feudalsystem wurde zu einer konstitutionellen Monarchie nach westlichen Vorbild umgewandelt. Und nach der Satsuma-Rebellion kam zu dem das Ende der Samurai. Der Niedergang dieser zahlungskräftigen Auftraggeber wirkte sich nicht nur auf Kunst und Kultur aus.

Vase Bronze mit plastischem Dekor Netz mit Krabben Künstlermarke Tesai Japan, vor 1872 Or 0462 / aus dem Orientalischen Museum, 1873 erworben auf der Wiener Weltausstellung © MAK Die Förderung internationaler Kontakte war aus wirtschaftlichen Gründen dringend nötig. Internationale Beziehung wurden auch bei Weltausstellungen angestrebt. Die japanische Leistungschau bewährte sich aber nicht durch Anpassung an westliche Vorbilder, sondern durch die Beibehaltung traditioneller Produkte. Japanische Kunst beeinflusste schließlich die westliche Welt und ihre Künstler - nicht zuletzt den Jugendstil - nachhaltig.

Fächerförmige Wandverzierung Meiji-Periode (1868–1912), vor 1873 Holz mit Goldlackdekor in verschiedenen Techniken, signiert Ikeda Taishin (1829–1903) La 056/ erworben 1873 auf der Wiener Weltausstellung © MAK/Georg Mayer Österreich war auch um die Jahrhundertwende zwar nicht unter den Letzten, aber wieder einmal sehr spät dran. Erst 140 Jahre bestehen die diplomatischen Beziehungen zu Japan. 1873 präsentierte Japan einen traditionsverhafteten Reigen kunsthandwerklicher Produkte auf der Wiener Weltausstellung. Ein große Anzahl der Objekte wurde von der japanischen Regierung damals an europäische Museen übergeben. Ein Teil dieser Schenkung gelangte auch in die Sammlung des heutigen MAK und ist in dieser Ausstellung zu sehen.

Kassette für Teeutensilien mit zwei Deckelkästchen Japan, Meiji-Periode (1868–1912), vor 1873 Holz mit Gold- und Silberdekor auf schwarzem Lack (Streulacktechnik, Maki-e) Or 3830/ erworben 1873 auf der Wiener Weltausstellung © MAK Ergänzt wird die Schau durch Objekte, die Japanreisende und Sammler gestiftet haben. Zwischen 1870 und 1912 sind die 90 exquisiten Objekte entstanden, die in der Ausstellung gezeigt werden. Und jedes einzelne Objekt verdient beim Betrachten die volle Aufmerksamkeit. Chronologisch gereiht verweilt man genüsslich bei Tassen, Schalen, Schüsseln, Vasen, Schreibschatullen, Zigarrenkiste, Teekassette, Ziergegenständen aller Art und nicht zuletzt auch bei drei nur auf den ersten Blick einfachen Korbflechtereien. Und auch an den schmalen Körbchen mit den hochgezogenen zarten Bügeln sollte man nicht achtlos vorbeigehen. Bis ins letzte Detail kunstfertig gearbeitet, lassen sie schon jetzt Vorfreude auf eine zukünftige Ausstellung aufkommen, die sich der Korbflechterei widmen wird.

Vase (Detail) Japan, Meiji-Periode (1868–1912), vor 1885 Bronze mit Einlegearbeiten und Gravierungen Go 0630/ erworben aus der Internationalen Ausstellung von Arbeiten aus edlen Metallen und Legierungen in Nürnberg 1885 © MAKDie nüchterne Ausstellungshalle kommt den unvergleichlichen Objekten zu Gute. Obwohl man es sich doch bei einigen Stücken wünschen würde, dass Spiegel auch deren Rückseite oder Unterseite zeigen würden.

Tafelbild Berg Fuji Japan, Seto, Meiji-Periode (1868–1912), um 1872 Porzellan mit kobaltblauer Unterglasurmalerei, signiert: Kawamoto Masukichi Ke 02071/ erworben 1873 auf der Wiener Weltausstellung © MAKManches Objekt ist täuschend schlicht gearbeitet und enthüllt seine außergewöhnliche Verarbeitungstechnik oder Gestaltung erst beim genauen Hinschauen. Andere wieder prunken mit allem was technisch möglich und künstlerisch zu verantworten war. Skurriles und nonfunktionales Design ist hier genauso vertreten wie Meilensteine für den Japonismus.

Unbedingt anschauen (Samstag bei freiem Eintritt) und bedauern, dass es keinen Katalog gibt.

© S. Strohschneider-Laue

Der Japonismus und seine Bedeutung für das Bildverständnis von Edouard Manet
Japanische Impressionen eines Kaiserlichen Gesandten. Karl von Eisendecher im Japan der Meiji-Zeit
Die Außenpolitik der Meiji-Zeit
Das moderne Japan 1868-1952: Von der Meiji-Restauration bis zum Vertrag von San Francisco

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Der Mond

Montag, 13. April 2009

Non-Fiction

Andreas Blühm (Hg.)
Der Mond
Hatje Cantz 2009, 304 S., 160 Farb- und 20 SW-Abb.
ISBN 978 3 7757 2403 6

Der Mond Der Mond

Für “Der Mond” wurde nicht mit Papier gespart. Der Mond darf im Vorspann des Buches von der Sichel zum Vollmond schwellen und im Nachspann wieder zur Sichel schrumpfen. Grundlage für das lehrreiche Daumenkino sind die 40 Mondkarten des Johannes Hevelius, die dieser 1647 in seiner “Selenographia sive lunae descriptio” veröffentlichte. Erstmals vollständig wiedergegeben, sind diese Mondansichten trotz ihrer Wissenschaftlichkeit kunstvoll ausgeführt und schön anzusehen. Damit ist das Thema der ansehnlichen Publikation “Der Mond” bereits umrissen. Es geht um die Darstellung des Himmelskörpers in Wissenschaft und Kunst. Denn der wissenschaftliche Fortschritt, der solche Meilensteine wie die Erfindung des Fernrohres und die Mondlandung mit sich brachte, schlug sich auch in dem Bemühen um die korrekte Wiedergabe des Mondes nieder. Schließlich bedurfte die Forschung schon immer der Bilder, um ihre Ergebnisse zu kommunizieren. Doch der Mond und sein Abbild fesselten nicht nur Astronomen, wissenschaftliche Illustratoren und später Fotografen, sondern auch Vertreter der bildenden Kunst. Ihr Interesse am Erdtrabanten war stärker von kulturhistorisch bedingten Trends geprägt, gänzlich frei von wissenschaftlicher Neugier waren jedoch auch viele Maler nicht.

Andreas Blühm verfolgt in seinem unterhaltsamen Essay “Monde” das Wechselspiel der Disziplinen, die von Wissbegier und technischen Erfindungen ausgelösten Wandlungen der Weltanschauung und ihren Niederschlag in der Kunst. Künstler reagierten nicht nur auf den Wissensstand der Zeit, sondern entwickelten eigene Vorlieben. So verschob sich zum Beispiel im Verlauf des 18. Jahrhunderts ihr Interesse von der Darstellung der physischen Gestalt des Mondes auf jene des Mondlichts. Sinister wird es im 20. Jahrhundert, wenn als Dritter im Bunde PR-Fachleute Fotos des Mondes zu Propagandazwecken einsetzen.

Ob sich Künstler bei der Darstellung des Mondes an der Stellung des Originals am Firmament orientierten, erkundet Hermann-Michael Hahn in seinem Beitrag “Wie Künstler den Mond sahen. Künstlerische Freiheit und astronomische Wirklichkeit” an ausgewählten Gemälden - und kommt dabei zu überraschenden Ergebnissen.

Der Wettlauf in der Wissenschaft ist nichts Neues. Er machte schon Galileo Galilei zu schaffen. Horst Bredekamp legt in “Galileio Galileis ‘Sternenbote’ von 1610: Der Beginn der neueren Mondbetrachtung” dar, wie sich der große Astronom eilte, der Erste zu sein.

Der ausführliche Katalogteil des Buches “der Mond”, das anlässlich der gleichnamigen Ausstellung erschienen ist, gliedert sich in sechs Kapitel - treffend als Mondphasen bezeichnet. Das Spektrum der vorgestellten Objekte umfasst wissenschaftliche Kartenwerke und Instrumente, Gemälde vom 15. Jahrhundert bis zur modernen Kunst, Fotografien des Mondes, Sattelitenaufnahmen und vieles mehr. Sogar Standbilder aus Filmen - Kubricks “2001″ und Langs “Die Frau im Mond”- fanden Aufnahme. Die begleitenden Texte sind großzügig bemessen, reich an Informationen und eine überraschend spannende Lektüre. Freunde des Erzählerischen seien jedoch gewarnt! Wer hofft, in “Der Mond” Illustrationen von Märchen, Nursery Rhymes, Science-Fiction-Romanen oder ähnlich Populärem zu finden, wird enttäuscht werden.

Die Ausstellung “Der Mond” ist noch bis 16. August 2009 im  Wallraf-Richartz Museum & Fondation Corboud, Köln, zu sehen.

© Ch. Ranseder

Der Mond

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Hermann Obrist

Donnerstag, 09. April 2009

Non-Fiction

Eva Afuhs, Andreas Strobl (Hgg.)
Hermann Obrist Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900

Museum Bellerive, Staatliche Graphische Sammlung München
Scheidegger & Spiess 2009, Dt./Engl., 248 S., zahlr. Abb.
ISBN
ISBN 978 3 85881 239 1

Hermann Obrist Hermann Obrist: Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900

Hermann Obrist (1862-1926) war ein Suchender. Vielseitig begabt und leicht zu langweilen, kam er über den Umweg der Naturwissenschaften zur Kunst. Vier “Visionen” brauchte es, bis der junge Hermann seine Berufung erkannte und sich ganz dem Kunstgewerbe verschrieb. Wie sein Werdegang verlief, erzählt der Künstler, der einst in München den deutschen Jugendstil maßgeblich formte, in der Autobiografie “Ein glückliches Leben”. Seine Erinnerungen bilden - durch Papier, Farbe und mittige Platzierung von den wissenschaftlichen Beiträgen abgehoben - das Herzstück des Buches “Hermann Obrist. Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900″.

Das künstlerische Schaffen von Hermann Obrist ist nur noch lückenhaft erhalten. Vieles kam nie über das Entwurfsstadium hinaus, ging verloren oder wurde im zweiten Weltkrieg zerstört. Nahezu das gesamte bildhauerische Werk sowie eine fotografische Dokumentation der Grabmäler und Brunnen befinden sich heute im Museum für Gestaltung, Zürich. Ein weiterer bedeutender Teil seines Nachlasses hat sich in der Staatlichen Graphischen Sammlung, München, erhalten. Das als gemeinsames Projekt der beiden Institutionen entstandene Buch “Hermann Obrist. Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900″ und die begleitende Ausstellung führen erstmals diese Teile des Nachlasses zusammen.

Unter welchen dramatischen Bedingungen Teile des Werkes von Hermann Obrist gerettet werden konnten, schildert der erste Beitrag des reich bebilderten Buches. Eva Afuhs und Andreas Strobl stellen in “Erste Grundlagen zu einem fragmentierten Werk” den Nachlass vor. Im Zuge dessen untersuchen sie sowohl die künstlerische Entwicklung des Bildhauers als auch die Rezeption und Bedeutung seines Werkes im Kontext des damaligen Kunstverständnisses. Hermann Obrist wollte neue Wege beschreiten. Er fand neue, originelle Ausdrucksformen und experimentierte als einer der Ersten mit den Materialien Plastilin und Zement. Als Inspirationsquelle für seine Plastiken, Textilien und Zeichnungen sammelte er Abbildungen aus Zeitschriften. Damit nahm er die “mood-boards” heutiger Designer vorweg. Wäre Hermann Obrist noch am Leben, könnte er vermutlich als Ausstatter von Fantasy-Filmen Erfolge feiern. Seine bildhauerischen Arbeiten wirken fantastisch-fremdartig, bisweilen sogar bedrohlich. Eva Afuhs und Andreas Strobl benutzen den treffenden Ausdruck “biomorph”. Obrist orientierte sich an der Natur, jedoch ohne sie zu kopieren. Er fing Bewegung und Wachstum als Ausdruck der inneren Kraft eines Organismus ein und verkörperlichte sie als Spirale oder Peitschenschlaglinie. Für ihn sollte Kunst das Gefühl des Lebens in übersteigerter Form erfahrbar machen.
Annika Waenerberg legt in “Lebenskraft als Leitfaden” dar, welche Faktoren sowohl Obrists Ringen nach einem einzigartigen persönlichen Stil als auch seine kunsttheoretischen Ideen beeinflusst haben. Die Erforschung der Wahrnehmung und der abstrakten Form beschäftigten den Künstler auch in seinen Zeichungen.
Stacy Hand geht in ihrem Beitrag “Feuer in Schwarzweiss” der Frage nach, welche Bedeutung Wahrnehmungspsychologie und naturwissenschaftliche Illustration für das Werk von Hermann Obrist hatten. Dieser widmete sich ja nicht nur der Praxis sondern auch der Theorie und Lehre. Als Mitbegründer der “Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk” dürfte er gut mit anderen Künstlern vernetzt gewesen sein.
Ingo Starz wirft in “Ornamental-Plastik” Licht auf den Dialog und die, anlässlich der Werkbundausstellung in Köln 1914 erfolgte, Zusammenarbeit mit Henry van de Velde.
Dass Hermann Obrist sich der Bedeutung seiner Grabmäler und Brunnen bewusst war, darf aus der qualitativ hervorragenden fotografischen Dokumentation der Werke geschlossen werden. Viola Weigel analysiert in “Hermann Obrist und die Fotografie” das im Nachlass erhaltene Konvolut von 49 Aufnahmen. Im Zuge dessen legt sie dar, wie der Blick durch das Objektiv die Wahrnehmung der Arbeiten und ihrer Platzierung im Raum beeinflusst.
Warum Obrist ausgerechnet der Gestaltung von Grabmälern besondere Aufmerksamkeit schenkte und welche Erfolge er mit seinen Werken verbuchen konnte, beschäftigt schließlich Hubertus Adam in “Symbolische Erinnerungen an die Natur”.

“Hermann Obrist. Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900″ ist die erste Monografie über den eigenwilligen Bildhauer, Textildesigner, Zeichner, Theoretiker und Lehrer. Die in deutscher und englischer Sprache wiedergegebenen Essays leisten einen bedeutenden Beitrag zur Erforschung des Gesamtwerkes von Hermann Obrist. Zu den hervorragenden Texten und der großzügigen Bebilderung gesellt sich für designbewusste LeserInnen ein zusätzlicher Bonus. Das Buch besticht mit einer edlen Gestaltung, die es wohltuend von der Masse der verfügbaren Kunstpublikationen abhebt. Mehr sei hier nicht verraten. 

© Ch. Ranseder

Hermann Obrist: Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900

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Halali Esterházy

Donnerstag, 26. März 2009

Non-Fiction

Stefan Körner (Hg.)
Fürstliches Halali
Jagd am Hofe Esterházy
Prestel 2008, im Schuber, 345 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 7913 4153 8

Fürstliches Halali Fürstliches Halali: Jagd am Hofe Esterházy

Auf Burg Forchtenstein wird vom 10. Mai ‘08 bis 31. Oktober ‘10 die Jagdtradition im Fürstenhaus Esterházy präsentiert. Der Katalog bietet unabhängig von der Ausstellung einen exzellenten Überblick zur Jagdgeschichte zwischen adeligem Privileg, elitärem Zeitvertreib und modernem Waidwerk. Vier Jahrhunderte fürstlicher Jagd werden hier von ihren prächtigsten und selbstbewussten Seiten gezeigt.

Hält man den großformatigen Prachtband in Händen, fällt der Blick sofort auf die moderne Diana mit ihrem Gebirgsschweißhund, die den Schuber zieren. Das leinengebundene Werk hingegen lädt die Augen mit dem Bild eines Jägers aus Meißner Porzellan auf eine Zeitreise ins 18. Jahrhundert. Und der thematisch einstimmende Augenschmaus setzt sich im Inneren ungebrochen mit historischen Stichen, Gemälden, Kunstobjekten, Trophäen, alten und modernen Fotografien - Manfred Horvath, Gerhard Wasserbauer -  fort.

Die AutorInnen des Bandes unterziehen die Jagd und die Jagd der Fürsten Esterhazy in ihren Beiträgen genaueren Betrachtungen.

Henrike Hülsbergen widmet sich unter dem Titel “Jagdlust: Von der höfischen Jagd zur Großwildjagd im 21. Jahrhundert” vor allem den gesellschaftlichen Wechselbeziehungen der männerdominierten Jagd. Dennoch spart sie verhaltenspsychologische Aspekte nicht aus und verleiht ihrem spannend geschriebenen Beitrag eine kritische Note, die man sonst nicht findet.

“Den “Formen und Mitteln der Hohen Jagd” widmet sich ausführlich Margit Knopp. Beizjagd, Hetzjagd und Parforcejagd sind nur drei der von ihr ausführlich beschriebenen Methoden Tiere zur Strecke zu bringen. Jagdformen denen auch die Esterházys und ihre Gäste gerne frönten. Die Kosten waren von Methode zu Methode unterschiedlich, aber bei der Umstellten Jagd nur noch als enorm zu bezeichnen. Die gewaltige Anzahl der erlegten Tiere wurden nicht nur an der höfischen Tafel aufgetischt, sondern wurden u. a. verkauft oder zu wohltätigen Zwecken verschenkt.

Identität, Stand, Würde und Zeitvertreib stellt Stefan Körner in “Die Fürsten Esterházy und die ungarische Jagdgeschichte” in den Mittelpunkt. Tiergärten, Jagdhunde und Ausstattung waren wichtige Besitztümer, die in Urkunden und Bildquellen festgehalten wurden. Der umfangreiche Beitrag schöpft zu dem aus einer Fülle von Originalzitaten und stellt auch durch aktuelle Fotos Querbezüge zwischen historischen Dokumenten und der Gegenwart her.
In einem knappen, wenig reflektierenden weiteren Beitrag widmet Körner sich noch “Wilderei als Diebstahl und Auflehnung gegen den Fürsten”.

Endre Balsay trägt mit “Esterházy-Jagden und -Jagdgebiete bei Eszterháza 1871-1945″ zum Verständnis der wirtschaftlichen Faktoren bei.

“Jagd heute - heute jagen? Die Bedeutung der Jagd bei den Esterházy Betrieben” von  Hans-Peter Weiss verfolgt die wirtschaftliche Bedeutung anhand der betrieblichen Situation bis in die Gegenwart.

Florian Thaddäus Bayer nimmt sich am Beispiel eines Mitglieds der Fürsten Familie der Großwildjagd an. “In beinahe 80 Tagen um die Welt: Prinz Louis Esterházy und die Großwildjagd” werden seine Leidenschaften für Reisen, Jagd und Militär begleitet von zahlreichen Fotografien und Trophäen aufgegriffen. Kuriositäten, darunter die Reisetoilette, die auf den Fahrten mitgeschleppt wurde, wie seltsame Mitbringsel und Präparate begleiten die Biographie. Janós Hasenbock - ein präparierter Hase, der am 31. Dezember 1898 sein Leben aushauchte - mutet unter all den unzähligen Überresten von toten Tieren auf verdrehte Weise geradezu menschlich  an. Auf den Hinterbeinen stehend, stützt er sich auf eine Krücke, um seine verbundene Hinterpfote zu schonen. Um sein Haupt ist ein Tüchlein gebunden und er hat einen geflickten Leinenbeutel umhängen. In der rechten Pfote hält er einen Brief, seinen “Amtlichen Erlaubnisschein” für lebenslange Almosen. Ein überaus spannender Artikel, spiegelt er doch am Beispiel von Prinz Louis Esterházy - oder auch durch Janós Hasenbock - das Selbstverständnis des Adelshauses.

Die richtige Ausrüstung betrifft nicht nur Waffen. “Die Jagdbekleidung am Hofe der Fürsten Esterházy” von Angelika Futschek zeigt deutlich wie Funktionalität mit Standesbewusstsein miteinander verwoben waren. Und dies betraf nicht nur die Fürsten selbst, sondern auch die Ausstattung, die sie ihren jagdlichen Angestellten maßschneidern ließen. Die Schriftquellen informieren genau über die Kosten, sie beschreiben, Stoffqualitäten, Farben und nennen die beauftragten Schneider. Und wenn man von einem Augenzeugen erfährt, dass die Uniform des Fürsten mit Perlen, Brillanten und Smaragden besetzt war, weiß man auch, dass man sich Kleidung für den Angestellten passend zu deren Funktion gut leisten konnte und aus Hofhaltungsgründen auch leisten wollte.

“Josef Haydn, die Jagd und die Musik” greift Gerhard J. Winkler analytisch an ausgewählten Instrumenten und musikalischen Beispielen auf. Josef Haydn war bis 1790 rund 30 Jahre als Musiker und Hofkappellmeister im Dienste der Fürsten Esterházy. Und Musiker dienten seit dem Altertum dazu den Auftraggeber nicht nur zu unterhalten, sondern ihn auch zu preisen und damit seine Hofhaltung zu unterstreichen. Somit widmete sich Haydn musikalisch auch der Jagd, die einen großen Raum der Fürsten einnahm.

Felix Tobler greift unter dem sperrigen Titel “Forstverwaltung und Jagdorganisation des Esterházy-Majorates vom Beginn des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts” ein wirtschaftsgeschichtliches Thema auf. Der Aufbau einer zentralen Jagd- und Forstverwaltung ermöglichte langfristig, zielgerichtet und vor allem wirtschaftlich zu planen.  Auch wenn in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts prunkvolle Hofjagden aus finanziellen Gründen eine Seltenheit wurden. Schade, dass man nichts Näheres über die dienstlichen Verfehlungen des Domänendirektionsrates Rampichel erfährt, das hätte das hochinteressante aber dennoch aus überwiegend buchhalterischen Quellen schöpfende  Jagd- und Forstgeschichtekapitel um geschmackige menschliche Details abseits der Verwaltung bereichert. 

Herbert Zechmeister und Stefan Körner werfen in ”Die Jagdmonturdepots der Fürsten Esterházy: Waffen, Netze und Kutschen für die Jagd” einen ausgiebigen Blick auf den Bestand.1806 enthielt z. B. die Gewehrkammer in Eisenstadt 630 Jagdwaffen. Viele kamen von namhaften Herstellern. Und leider hat sich hier ein Druckfehler eingeschlichen: Der berühmte Joseph Manton wurde fälschlich als Monton bezeichnet. Waffen, Netze, Kutschen und vieles mehr musste gelagert, gepflegt und veraltet werden. Dazu kommen noch die Trophäen, die sich im Laufe der Jahrhunderte gefrönten Jagdlust angesammelt haben. Eine große Herausforderung an das Personal und an den Geldbeutel - damals wie heute.

Der Katalogteil hebt sich optisch und haptisch vom Textteil ab. Die rauere Papierqualität des Katalogs - der Textteil ist auf Hochglanzpapier gedruckt -  unterstreicht historische Dimension der Objekte zusätzlich. Die Objekte aus vier Jahrhunderten fürstlicher Jagdgeschichte werden gelistet, anschaulich beschrieben und abgebildet. Karten zu den Jagdgebieten und Bibliographie runden das gewichtige Werk, dessen grafische Gestaltung ebenfalls besticht, ab. Ein besseres Korrektorat (u. a. alte/neue Rechtschreibung) wäre allerdings wünschenswert gewesen.

© S. Strohschneider-Laue

Fürstliches Halali: Jagd am Hofe Esterházy

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Ameisen Ameisen Ameisen

Sonntag, 22. März 2009

Notiz

Ameisen
Unbekannte Faszination vor der Haustüre
22. März ‘09 bis 7. Februar ‘10
Landesmuseum Niederösterreich

Ameisen ©  S. Strohschneider-Laue

Das Frühjahr kommt und die große Krabbelei beginnt erneut in freier Natur, im Haus und sogar im Landesmuseum Niederösterreich. Die heimischen Ameisen krabbeln tatsächlich für ein Jahr unter geschützten Bedingungen durch die Sonderausstellung “Ameisen - Unbekannte Faszination vor der Haustüre”. Das ansonsten - schon aus konservatorischen Gründen - ameisenfreie Landesmuseum zeigt die flinken (nicht immer) Fußgänger unter den Insekten von ihrer spannendsten und - so unglaublich es klingen mag - von ihren attraktivsten Seiten.

Ameisen ©  S. Strohschneider-Laue Nichts hätte mich dazu gebracht das Landesmuseum zu betreten, solange die achtbeinigen Monster vor zwei Jahren das Haus regierten. Spinnen sind mit meiner Psyche absolut inkompatibel. Mit Ameisen will ich zwar nicht die Dusche teilen - was seit einem Jahr leider nicht zu verhindern ist -, aber interessant finde ich Ameisen trotz oder auch aufgrund ihrer Hartnäckigkeit auf jeden Fall. Und in dieser Ausstellung bin ich vollkommen auf meine Kosten gekommen und das werden alle BesucherInnen. Egal, ob sie nun Ameisen mögen oder nicht und völlig gleichgültig welchen Alters sie sind.

Ameisen: Zahlen und andere Fakten ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: Krabbelei aktiv und im Großformat ©  S. Strohschneider-Laue Damit man die richtige Perspektive gewinnt, wird man beim Betreten der Ausstellung ”geschrumpft”. Ameisenfakten und Zahlen sowie das erste Formicarium schaffen dafür die Basis. Großformatige Filmsequenzen aus dem Ameisenleben ermöglichen anschließend eine Begegnung in gleichwertiger Augenhöhe zwischen BesucherInnen und Ameisen.

Ameisen: Die Wiese ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: Knackpunkt Charles Darwin? ©  S. Strohschneider-Laue Riesige Grashalme und saftiges Grün säumen den weiteren Weg zum in heimeliges Rot getauchten Bau am Ende der Wiese. Und der Weg dortin ist gespickt mit Information. Man erfährt z. B. viel über 130 Millionen Jahre Entwicklungsgeschichte, das Geheimnis des Kastensystems, den Vorteil in der Kolonie zu leben, warum die Lebensweisen der Ameisen Charles Darwin nervös machten und warum Ameisen nicht beißen, sondern auch stechen. 

Ameisen: Waldameisen Formicarium ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: Waldameisen Formicarium Laufröhre ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: Waldameisen Formicarium ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen leben nicht alle in riesigen Ameisenhaufen, manche Völker finden auch in einer Eichel ausreichend Platz. Und die Ausstellung zeigt sie (fast) alle, die großen und die kleinen Unterkünfte, ihre riesigen oder winzigen Baumeister oder Untermieter. Beeindruckend daher der große Waldameisenhaufen, der sich über mehrere durch Laufröhren verbundene Quadratmeter erstreckt. Nicht weit davon entfernt, in einer eigenen grasgrünen Sockelvitrine untergebracht, eine unscheinbare aber bewohnte Eichel.

Ameisen: ortstafel ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: Porträtgalerie ©  S. Strohschneider-Laue Sind die BesucherInnen im warmen Rot getauchten Bau angelangt, können die kleinsten unter ihnen gerne auch Abkürzungen durch das Wegsystem nehmen. Die Entdeckerlust ist aber für Erwachsene auch ohne Schlupflöcher in Bodennähe genauso groß. Formicarien für verschiedene Ameisenvölker mit unterschiedlichen Bedürfnissen zeigen die Vielfalt und die Ansprüche dieser Insekten.

Ameisen: Nektarien ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: ortstafel ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: Kreislauf Leberegel ©  S. Strohschneider-Laue Die Bedeutung von Ameisen für die Umwelt wurde schon recht früh erkannt und die meisten haben auch schon davon gehört. Dennoch überrascht es sicher viele BesucherInnen wie wichtig heimische Ameisen für die Verbreitung der Frühjahrsblüher sind und welche Pflanzen eine “süße” Wechselbeziehung mit Ameisen pflegen. Das es aber auch einen parasitischen Kreislauf gibt, an dem Ameisen (unfreiwillig) beteiligt sind, ist sicher den wenigsten geläufig.

 Ameisen: Skrupelose Herrscher ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: Formicarium ©  S. Strohschneider-Laue  Ab und an menschelt es auch bei den Ameisen. Sie sind territorial und achten darauf, dass ihnen alles Unerwünschte fernbleibt. Friedlich geht es im Bau nicht zu. Skrupellose Herrscher, Intrigen, Meuchelmord, Untermieter (gebetene und ungebetene), Hochzeitsflug, Sklaverei, Bettelei, Raub und vieles mehr halten die wohl organisierten Staaten ständig auf Trab.

Ameisen: Volkskultur ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: Ortstafel ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: Sparverein ©  S. Strohschneider-Laue Die Bedeutung der Ameise ist vielfältiger als man glaubt: Sparverein und Dorf sind nach ihr benannt, Ameisen zieren T-Shirt und Gesellenbrief. Sogar wirtschaftliche Bedeutung hatten Ameisen. Ameisler sammelten bis zu Beginn der 1970er Jahre die Puppen und verkauften sie als Vogel- und Fischfutter.

Ameisen ©  S. Strohschneider-Laue Dass dieser gewaltige Informations-Tsunami, den der Ausstellungskurator Christian Dietrich über Ameisen zusammengestellt hat, nicht so gewaltig wirkt wie er wirklich ist, ist der flockig-lockeren Umsetzung zu verdanken. Es gibt eine wahre Textflut, etliche Ameisenvölker mit unzähligen Individuen, viel Bild- und Filmmaterial und zahlreiche Objekte. Die abwechslungsreiche Gestaltung von Doris Prenn (prenn_punkt) führt stimmig durch die Themenbereiche der Ausstellung. Grüne Wiese, roter Bau, schwarz-weiße Menschenwelt machen die Ausstellung emotional über Farben und lebendige Arrangements fassbar. Spätestens, wenn man nach dem “Ameisen-Watching” auf die Uhr schaut oder man zu Hause im Katalog liest, bemerkt man erstaunt, wie viel kurzweilige Zeit man mit ameisenfleißiger Wissensvermehrung verbracht hat.

Non-Fiction

Die sogenannte Begleitbroschüre “Ameisen - Unbekannte Faszination vor der Haustüre” von Christian Dietrich und Erich Steiner ist zudem ein echter Pflichtkauf. Um den Sensationspreis von 3,50 € kann man das stattliche 80 Seiten umfassende Werk, das nur produktionstechnisch eine Broschüre ansonsten aber ein gewichtiger Katalog ist, erwerben. In sechs Kapiteln und acht Exkursen liegt damit die komplette Ameisenausstellung und zugleich Grundlagenwissen zu Ameisen vor. Wer da nicht zugreift, dem ist nicht zu helfen. 

Zur Ausstellung ist ebenfalls erschienen:
Johann Ambach, Christian Dietrich (Hgg.)
Geschätzt, verflucht, allgegenwärtig - Ameisen in Biologie und Volkskultur
Denisia 25 (Katalog OÖLM N.S. 85), 188 S.
ISBN 978 3 85474 203 6 

© S. Strohschneider-Laue

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Alfons Mucha

Sonntag, 15. März 2009

Non-Fiction

Agnes Husslein-Arco, Jean Louis Gaillemin, Michel Hilaire, Christiane Lange (Hgg.)
Alfons Mucha
Hirmer 2009, 365 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 7774 7035 1

Alfons Mucha Alfons Mucha: Katalog zur Ausstellung in Wien, 2.02.2009-01.06.2009, Belvedere und in München, 25.09.2009-10.-01.2010

Das Buch “Alfons Mucha” und die gleichnamige Ausstellung kommen zum richtigen Zeitpunkt. Sie spiegeln in Konzept und Werkauswahl zwei seit einigen Jahren vorherrschende, sich zu Trends verdichtende, gegensätzliche Stimmungen. Zum Einen ist die Freude am Dekorativen wieder erlaubt. Diese Sehnsucht nach dem Ornament lässt sich mit dem Erstarken der Illustration auch in der zeitgenössischen Grafik ablesen. Zum Anderen besinnen sich viele Volksgruppen trotz des vielbeschworenen europäischen Gedankens wieder auf ihre Wurzeln. Alfons Muchas Gesamtwerk vermag mit seiner beeindruckenden Bandbreite beide Pole abzudecken. Als Gebrauchsgrafiker wurde er mit Plakaten, Entwürfen für Verpackungen und Buchillustrationen im Stil der Art Nouveau berühmt. Mit der monumentalen Historienmalerei, die in der Bildfolge des “Slawischen Epos” gipfelte, verwirklichte er ein Herzensanliegen.

Alfons Mucha (1860-1939) war ein Multitalent. Den Anforderungen eines Projektes entsprechend, wechselte er mühelos zwischen den Genres, Medien und Formen des emotionalen Ausdrucks. Auch mit dem Verlauf seiner Karriere stand der vielseitig begabte Künstler dem heutigen Bild des Stardesigners näher als den Malerfürsten des 19. Jahrhunderts. Herausragendes Können reicht oft nicht aus, um in der Kunstszene zu bestehen. Mucha verfügt darüber hinaus über die Fähigkeit Netzwerke aufzubauen, die Bereitschaft zur Mobilität und eine gehörige Portion Glück. Im südmährischen Ivančice geboren, zieht es Alfons Mucha nach seiner Ablehnung durch die Prager Akademie der bildenden Künste nach Wien, wo er als Theatermaler tätig ist. Es folgen Abstecher nach Mikulov und Schloss Gandegg in Tirol. Mucha hat das Glück in den Grafen Egon und Eduard Khuen Belassi finanzielle Förderer zu finden. Ihre Unterstützung ermöglicht ihm einen Studienaufenthalt in München und die Fortsetzung seiner Ausbildung in Paris. Prägender als die akademische Schulung sind in diesen Jahren jedoch die Treffen mit Künstlerfreunden, in deren Rahmen nicht nur Geselligkeit gepflegt, sondern - vor allem in München - Seite an Seite selbst gewählte Aufgabenstellungen gelöst werden. Gegen Ende des Jahres 1894 erhält Alfons Mucha durch eine glückliche Fügung die Chance ein Plakat für das Theaterstück “Gismonda” zu entwerfen. Die Schauspielerin Sarah Bernhardt ist von seiner Schöpfung so begeistert, dass sie mit ihm einen Vertrag auf sechs Jahre abschließt. Von da an geht es mit Muchas Karriere steil bergauf. Es folgen zahlreiche kommerzielle grafische Arbeiten, Schmuckentwürfe sowie die fantastische Ausstattung des Juweliergeschäftes von Georges Fouquet. Seine Beschäftigung mit dem Kunstgegenstand erreicht mit den als Handbuch gedachten “Documents Décoratifs” einen Höhepunkt. Die Gebrauchsgrafik allein befriedigt den begnadeten Zeichner jedoch nicht. Neben seinen dekorativ-heiteren Arbeiten verwirklicht Mucha künstlerische Projekte zu religiösen und patriotischen Themen, darunter die bildliche Umsetzung des Vaterunsers. Ein weiteres Standbein ist seine Lehr- und Vortragstätigkeit. Letztere führt ihn 1904 in die USA, wo er mehrere Jahre lebt und arbeitet. Hier gelingt es ihm auch einen Mäzen für den “Slawischen Epos” zu finden. Doch Amerika kann Mucha nicht halten. Er übersiedelt nach Prag, um sich der Ausschmückung des Primatorensaals im Repräsentationshaus und den Monumentalgemälden des “Slawischen Epos” zu widmen.

Der Prachtband “Alfons Mucha” würdigt die Vielseitigkeit des weitgereisten Künstlers. Großformatige Abbildungen, die ein wahres Fest für die Augen sind, bieten einen Querschnitt durch sein Lebenswerk. Die zahlreichen Essays zeichnen sich durch originelle Zugänge zu Muchas Kunstschaffen und neue Schwerpunktsetzungen aus.

Jean Louis Gaillemin geht in “Linie und Figur - der ‘Mucha-Stil’” Muchas Interesse an spiritistischen Experimenten nach und untersucht, wie der Künstler seine Beobachtungen zu Kompositionsregeln verdichtete, um sie in verschiedenen Ausdrucksstilen zur Anwendung zu bringen.

Roger Diederen rekonstruiert in “‘Hier leuchtete die Flamme der Kunst’. Alfons Muchas Münchner Jahre (1885-1887)” Muchas Weg nach München, wo sich sein Geschick soziale Netzwerke zu knüpfen voll entfaltete.

Arnauld Pierre setzt in “Musikalische Ekstase und Fixierung des Blicks. Mucha und die Kultur der Hypnose” die in Muchas Atelier stattfindenden Experimente in einen historisch-medizinischen Kontext. Im Zuge dessen führt er vor Augen, wie Mucha die Betrachter seiner Plakate manipuliert und welche hypnotische Wirkung seiner Gebrauchsgrafik innewohnt.

Olivier Gabet stellt in “Der Kunstgegenstand bei Mucha” den Perfektionisten als fantasiebegabten Schöpfer kunstgewerblicher Gegenstände vor und spannt dabei den Bogen von der Gebrauchsgrafik über die “Documents Décoratifs” bis zu Schmuckentwürfen und Geschäftsausstattung für den Juwelier Georges Fouquet.

Dominique de Font-Réaulx schildert in “Die fotografische Inszenierung bei Alfons Mucha” die Freude des Künstlers an der Fotografie, mit deren Hilfe er nicht nur seine Freunde und Familie für die Ewigkeit festhielt, sondern auch seine historischen Gemälde vorbereitete.

Alfred Weidinger befasst sich in “Alfons Mucha und der Pavillon für die osmanischen Provinzen Bosnien-Herzegowina auf der Weltausstellung in Paris 1900″ mit Entstehungsgeschichte und Bildprogramm des repräsentativen Projektes.

Lenka Bydźovská und Karel Srp verfolgen in “Das ‘Slawische Epos’: Wort und Licht” die Genese des Monumentalwerkes. Im Zuge dessen analysieren sie Muchas Interpretation der slawischen Geschichte, seine Erzählweise und die gewählten Formen des visuellen Ausdruckes.

Tomoko Sato entdeckt in “Fotografie: Die andere Seite Muchas” Mucha als Fotokünstler.

Den Aufsätzen folgt ein umfassender, nach 11 Themen gegliederter Bildteil mit jeweils einem einleitenden Text zu jedem Abschnitt. Biographie, Werkverzeichnis und Auswahlbibliographie runden das stattliche Buch ab. Anlass für das Erscheinen der Publikation “Alfons Mucha” ist die gleichnamige Ausstellung, die von 12. Februar bis 1. Juni ‘09 im Belvedere, vom 20. Juni bis zum 20. September ‘09 im Musée Fabre und vom 9. Oktober ‘09 bis zum 24. Jänner ‘10 in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, gastiert.

© Ch. Ranseder

Alfons Mucha: Katalog zur Ausstellung in Wien, 2.02.2009-01.06.2009, Belvedere und in München, 25.09.2009-10.-01.2010

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Art Brut in Österreich

Freitag, 13. März 2009

Non-Fiction

Angelica Bäumer (Hg.)
Kunst von Innen. Art Brut in Austria
Holzhausen 2007, Dt, Engl., 480 S., zahlr. farbige Abb.
ISBN 978 3 85493 126 3

Kunst kommt von Innen Kunst von Innen: Art Brut in Österreich

Der 480 Seiten mächtige zweisprachige Katalog nimmt sich umfassend der Art Brut / Outsider Art in Österreich an.  Der Katlog steht einer internationalen Wanderausstellung  zur Seite die zur Zeit in Istanbul (26. März bis 27. April ‘09: Marmara Universität, Fakultät für Schöne Künste) zu sehen ist. Beiträge von 26 AutorInnen, Interviews, Porträts der Ateliers und Werkstätten und zahlreiche Abbildungen bieten einen tiefen Einblick in die Szene zwischen Therapie und Kunst, deren KünstlerInnen und ihre Werke einen festen Platz im Kunstschatz der Moderne erobert haben.

In fünf Kapiteln - Geschichte der Art Brut, Dialog zwischen Therapie und Kunst, Art Brut und die Moderne Kunst, Ateliers und Werkstätten | Ziele und Projekte, Museen und Sammler - entwickelt sich anhand der Beiträge ein umfassendes Bild des derzeitigen Forschungsstandes. Die AutorInnen: Daniel Baumann, Angelica Bäumer, Roder Cardinal, Rainer Danzinger, Claudia Dichter, Jean Dubuffet, Gerhard Ederndorfer, Karlheinz Essl, Johann Feilacher, Franzobel, Peter Gorsen, Christine und Irene Hohenbüchler, Alfred Hrdlicka, Max Kläger, Michael Landau, leo Navratil, Peter Pongratz, Arnulf Rainer, Hannah Rieger, Thomas Röske, Gerhard Roth, Elisabeth Telsnig, Michel Thévoz, Günther Weixlbaumer, Margit Zuckriegl.

“Art Brut in Austria” dokumentiert einerseits die Diskussion und Entstehungsgeschichte rund um Art Brut / Outsider Art, andererseits wird ein guter Einblick in die derzeitige Situation in Österreich geboten. Die Stärke des Sammelbandes liegt nicht zuletzt darin, dass unterschiedliche Ansätze gleichberechtigt nebeneinander vorgestellt werden. Die Diskussion, ob Art Brut als eigenständige Kunst - unabhängig von der begeleitenden Krankengeschichte - betrachtet werden soll oder nicht, wird von beiden Seiten minutiös analysiert und ausführlich auch im Rahmen des historischen Kontextes argumentiert. Insbesondere Psychiater und Künstler haben sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Art Brut befasst und sich mit der Intensivität des künstlerischen Schaffens abseits der tradierten und oft auch zeitgeistigen Normen auseinandergesetzt. So war Max Ernst der erste, der seine Werke und die Arbeiten von Geisteskranken gleichberechtigt nebeneinander ausstellte. Das Kunstverständnis der Nationalsozialisten griff hingegen auf die Sammlung Prinzhorn zurück, um genau das Gegenteil im Rahmen der Ausstellung “Entartete Kunst” zu dokumentieren.

Das bekannteste Atelier in Österreich ist das Art/Brut Center Gugging, das von Leo Navratil 1981 als “Zentrum für Kunstpsychotherapie” gegründet wurde. Aber “Gugging” ist nicht allein. Rund 30 weitere Einrichtungen arbeiten in ganz Österreich. Aufnahme in den Katalog fanden allerdings nur jene, die nicht nur temporär und mit Erwachsenen arbeiten.

Angelica Bäumler ist es als Herausgeberin von “Kunst von Innen, Art Brut in Austria” gelungen, renommierte ExpertInnen in diesem Band zu versammeln und trotzdem noch die Zeit zu finden selbst zu recherchieren und ihre Fachkenntnis einzubringen. Eine große Herausforderung, die dazu führte, dass die Bandbreite des Themas wirklich umfassend beleuchtet wurde. Nicht zuletzt tragen die von ihr geführten Gespräche auch  dazu bei, eine Innensicht der Museen und Sammleranliegen zu erhalten. Ein bisschen mühsam ist es allerdings, weiterführende Literatur den Fußnoten der einzelnen Beiträge zu entnehmen. Ein Literaturverzeichnis wäre benutzerfreundlich gewesen, hätte aber den Band vermutlich auf 500 Seiten anschwellen lassen. Mit und ohne Literaturverzeichnis ein unverzichtbares Grundlagenwerk, das seine Bedeutung behalten wird und für diesen Kaufpreis nachgerade ein Schnäppchen ist.

Die Frage, ob Art Brut Kunst ist, hat sich m. E. erübrigt; denn Kunst, wenn sie nicht reines ausführendes Kunsthandwerk ist, sondern entwerfend, rezipierend und erzählend, darstellend, gestaltend den soziokulturellen Kontext aufgreift sowie persönliche Emotionen widerspiegelt, nicht zuletzt immer Art Brut ist. Erst in der persönlichen Auseinandersetzung mit sich selbst und der Umwelt sowie der anschließenden künstlerischen Umsetzung kommt Kunst von Innen und ist Kunst wirklich Kunst. Und sie kommt dann ganz unabhängig von pathologischen Bedingungen von innen, aber nur wenn sie von psychisch schwer gestörten Menschen stammt, wird sie unter Art Brut als eigene Stilrichtung geführt. Eine Gesellschaft, die Art Brut ablehnt, grenzt aus; denn sie lehnt nicht nur allein Kunst, sondern damit die Individualität und die Freiheit des Menschen an sich ab.

© S. Strohschneider-Laue

Kunst von Innen: Art Brut in Österreich

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Albertina: Fotografie und das Unsichtbare

Donnerstag, 19. Februar 2009

Non-Fiction

Corey Keller (Hg.)
Fotografie und das Unsichtbare
Brandstätter 2009, Dt, Engl., 216 S., ca. 200 Abb.
ISBN 978 3 8503 3271 2

Albertina: Fotografie und das Unsichtbare Fotografie und das Unsichtbare 1840-1900

Von 11. Februar bis 24. Mai ‘09 wird in der Albertina eine Ausstellung des SFMOMA gezeigt.

Die Zeit als sich Wissenschaft und Kunst in der Fotografie trafen, steht im Mittelpunkt von Ausstellung und Publikation. Unsichtbare, kleine, entfernte und bewegte Bildwelten taten sich damals vor dem staunenden Publikum auf. Trotz der heutigen Möglichkeiten und Erkenntnisse übendiese Fotos eine bis heute ungebrochene Faszination aus. Fotografie im Dienste der Wissenschaft verwandelt für das menschliche Auge Unsichtbares in Sichtbares. Die Ausstellung in der Albertina steht mit dem Katalog und fällt ohne ihn. Der Mehrwert für BesucherInnen liegt in Authentizität und Nähe zum Original(-abzug), während der Mehrwert für LeserInnen in der Aufbereitung des komplexen Inhalts sowie Bildmaterial liegt. 

Corey Keller - Kuratorin für Fotografie am SFMOMA -  betrachtet mit “Abbilder des Unsichtbaren” das an wissenschaftlichen Entdeckungen und industriellen Neuerungen reiche 19. Jahrhundert mit den Augen der Fotografen und des staunenden Publikums. Zugleich verweist sie auf die Schnittstelle von Wissenschaft und Kunst. Der Artikel trägt maßgeblich zum Verständnis der Wissenschaftsfotografie in ihrer historischen Entwicklung bis zur Jahrhundertwende - und darüber hinaus - bei und regt zur weiteren Beschäftigung mit dem Thema an.

“Die gesellschaftliche Prägung des fotografischen Blicks” stellt Jennifer Tucker in ihrem Essay vor. Amateure im Dienste der Wissenschaft und die damit voranschreitende Professionalisierung der beinahe schon massentauglichen Fotografie vor. Der gesellschaftliche Kontext in dem Wissenschaft und Fotografie sich damals bewegten, kann von Tucker natürlich nur angerissen werden, spannend ist es aber trotzdem. Es ist nteressant und spannend, wenn man bereit ist, auf der gebotenen Basis weitere Schlüsse zu ziehen. Es wird zwar nicht deutlich angesprochen, aber unterschwellig schwingt im Beitrag mit, dass Amateure nicht nur mehr, sondern sicher auch billiger waren als - wenn schon nicht gut, so dennoch bezahlte - Spezialisten. Und dass das Betätigungsfeld von reiner Wissenschaft auf den Spiritualismus (Geisterfotografie) ausgeweitet wurde, ist m. E. nicht verwunderlich. Mit der Dummheit der Menschen ist - abgesehen von der Pornographie - noch immer das meiste Geld zu machen. Von der Ehre der Forschung zu dienen, konnten auch im 19. Jahrhundert Fotograf nicht leben. Dasselbe gilt für die Suche nach der breiten Öffentlichkeit der Wissenschafter, deren Anliegen siche rnicht Volksbildung war. Klappern gehört zum Handwerk und ohne Öffentlichkeit gibt es bis heute keine Forschungsgelder.

Als die Fotografie die Natur entdeckte, wurden unsichtbare Welten mit sichtbaren Medien kombiniert. Tom Gunning widmet sich den Röntgenbildern, der Chronofotografie und den Geisterfotos. Die Albertina zitiert zu den Chronofotografien Josef Maria Eder (1886) Möglich auch, dass der Künstler in Zukunft manche gewagte Stellung einer Momentfotografie wiedergeben darf, welche man jetzt nicht goutieren will. Ein wahrhaft prophetischer Ausspruch in Anbetracht der ausgestellten “Bewegungsstudie” von Eadweard Muybridge vom “Verhauen eines Kindes”, deren wissenschaftlicher Anspruch vermutlich hinter den Verkaufsoptionen blieb. Während bei den Geisterbildern deutlich wird, dass man von der wissenschaftlichen Authentizität der Fotografie so überzeugt war, dass alles Abgebildete real sein musste. Der Widerstand von Wissenschaft und der Kirchenvertreter führte zur Verfolgung von Betrügern, die man heute eher als Verkaufstalente, Fakegenies und Künstler, denn Betrüger in ihrer Zunft ansehen sollte.

“Die wissenschaftliche Fotografie bei Josef Maria Eder” unterzieht Maren Gröning - Kuratorin der Fotosammlung  der Albertina - einer genauen Betrachtung. Wenn ihrem Beitrag auch die sprachliche Leichtigkeit fehlt, so ist der Inhalt um so spannender und ein Stück typisch österreichische (Wissenschafts-)Geschichte. Der Österreicher Josef Maria Eder (1855-1944) war Fotochemiker und Initiator der K.k. Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie und Reproduktionsverfahren. Seine persönlichen Netzwerke trugen maßgeblich zum Erfolg seines Instituts und dem Aufbau einer bedeutenden Sammlung bei, an die nach seiner Pensionierung niemand angeknüpft konnte. Der fotografische Teil - inklusive Apparate - wurde der Albertina 2000 als Dauerleihgabe übergeben und befindet sich seither in Aufarbeitung.

Der umfangreiche Tafelteil gliedert sich in: Das Mikroskop, das Teleskop, Bewegungsstudien, Elektrizität und Magnetismus, Röntgenstrahlen, Geisterfotografie, Farbfotografie. Die Einführungen in die einzelnen Themenbereiche stammen von Marie-Sophie Corcy, Maren Gröning, Corey Keller, Erin O’Toole und Carole Troufléau-Sandrin.

Technisches Glossar, Verzeichnis der Werke, Bildnachweis und ausgewählte Literatur runden einen ebenso attraktiven wie überaus spannenden Band zur Entwicklung der Wissenschaftsfotografie ab. Ein unverzichtbarer Katalog für alle, die sich für Fotografie interessieren. Dass der wissenschaftliche Kontext zentrales Anliegen ist, macht einen größeren Reiz aus als man zunächst annehmen möchte.

© S. Strohschneider-Laue

Fotografie und das Unsichtbare 1840-1900

Siehe auch:
Facts - Tatsachen: Fotografien des 19. und 20. Jahrhundert aus der Sammlung Agfa Foto-Historama im Museum Ludwig Köln
Foto-Essays: Zur Geschichte und Theorie der Fotografie
Eder, Josef Maria (Hrsg.) und Eduard Kuchinka: Jahrbuch für Photographie, Kinematographie und Reproduktionsverfahren für die Jahre 1921-1927.

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Albertina: Gerhard Richter

Sonntag, 15. Februar 2009

Non-Fiction

Klaus Albrecht Schröder, Barbara Steffen
Gerhard Richter. Aquarelle und Zeichnungen
Hatje-Cantz 2009, Dt, Engl., 176 S., 124 farbige Abb.
ISBN 978 3 7757 2347 3

Gerhard Richter Gerhard Richter: Aquarelle und Zeichnungen

Von 30. Januar bis 3. Mai ‘09 werden in der Albertina 150 Werke von Gerhard Richter gezeigt. Das vielschichtige Œuvre wird durch Gemälde, Zeichnungen und Aquarelle, die zwischen 1963 und 2007 entstanden, repräsentiert. Das breite Spektrum der angewandten Techniken, stehen die Motive gegenüber, die auch private Erinnerungsorte des Künstlers zeigen.

Gerhard Richter (*1932, Dresden) begann seinen künstlerischen Werdegang als Schriften-, Bühnen- und Werbemaler bevor er an der Kunstakademie Dresden Aufnahme fand. 1961 floh er nach Westdeutschland und setzte sein Studium an der Kunstakademie Düsseldorf fort. 1971 bis 1993 übernahm er dort die Professur für Malerei. Von Konrad Lueg und Gerhard Richter wurde der “Kapitalistische Realismus”, der den “Sozialistischen Realismus” ironisierte, begründet. Kennzeichnend für sein Werk ist es nicht festgelegt zu sein. Abrupte Stilwechsel, permanente Stilbrüche, frei von Anliegen und subjektiver Befindlichkeit kennzeichnen seine Vorstellung vom offenen Werkbegriff.

Der bei Hatje Cantz in überragender Qualität erschienene Katalog “Aquarelle und Zeichnungen” widmet sich den weniger bekannten Arbeiten auf Papier. Im breiten Schaffen Richters nehmen diese Werke einen vergleichsweise kleinen Raum ein. Seine ersten Papierarbeiten entstanden 1964, einen Höhepunkt kann in den 80ern verzeichnet werden. Die letzten Blätter stammen von 1999. Nicht nur um auf dem letzten “Gerhard Richter” Stand zu sein, kann man auf diesen Katalog nicht verzichten. Der Katalog ist ein Muss, um sich nichts aus dem breiten Spektrum von Gerhard Richter zu übersehen.

Barbara Steffen ist die tragende Autorin von “Gerhard Richter. Aquarelle und Zeichnungen”. Sie stellt in dem exzellent aufgebauten Essay einen knappen biografischen Abriss voran. Beginnend mit den Aquarellen folgt eine minutiöse Betrachtung Richters Arbeitsweise, die sich auch hier nicht an die engstreckten Vorgaben nur eines Mediums halten. Die Rolle des Zufalls und mögliche Querbeziehungen werden ebenso analysiert wie Ölarbeiten auf Papier. Im letzten Teil widmet sie sich Richters Zeichnungen, die sie in figurative Zeichnungen, Zeichnungen mit Tusche und die abstrakten Zeichnungen der 1990er Jahren trennt. Der umfassende Bild (1966 - 2006) und Katalogteil wird durch Biografie, Ausstellungen, Bibliografie und dem Fotonachweis abgerundet.

Die grafische Gestaltung des Bandes ist durch sein attraktives und zugleich zurückhaltendes Layout mit ausreichend Weißraum ein Lichtblick in der Katalogwelt und soll deshalb zuletzt auch erwähnt sein.

© S. Strohschneider-Laue

Gerhard Richter: Aquarelle und Zeichnungen
Gerhard Richter: Bilder aus privaten Sammlungen
Gerhard Richter: Übermalte Fotografien
Gerhard Richter: Abstrakte Bilder
Die Porträts von Gerhard Richter

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KUNSTWERK

Montag, 02. Februar 2009

Notiz

KUNSTWERK
Kunst von Menschen mit Behinderung aus den Werkstätten von JaW im KHM

3. bis 15. Februar ‘09

Irokese, Caktas Wohl die meisten BesucherInnen im Kunsthistorischen Museum wünschen sich reich genug zu sein, um sich zumindest ein den Ausstellungsstücken vergleichbares Kunstwerk leisten zu können. Vielleicht ein dürres Mädchen von Cranach oder eine pralle Frau von Rubens. Atelierbetriebe, die damals die Reichen und Schönen so malten wie es sich die Fotografen-Kundschaft von heute ebenfalls erträumt. Denn auch vor der Erfindung der Fotografie und lange vor Photoshop wurde weggelassen, was unerwünscht war und ergänzt, was fehlte. Nicht umsonst ist Heinrich VIII. auf der Suche nach der idealen vierten Frau auf das Porträt der Anna von Cleve (Hans Holbein) “hereingefallen”. Jahrhunderte formten das Verhältnis von Künstlern und Kunden. Ein Verhältnis das übrigens selten eine Auftragsbeziehung zwischen Künstlerinnen und Kundinnen war und sich daher deutlich in den von Männern bevorzugten Sujets niedergeschlagen hat. Und Vieles hat vielleicht die Aktualität eingebüßt aber trotzdem die Anziehungskraft behalten. Und alle, deren Geldbeutel zu klein und das Plakat aus dem Museumshop zu schäbig ist, hoffen auf den zeitgenössischen Glückskauf als Wohnungsbehübschung mit Identifikationspotential. Leider haben die Dauerausstellung des KHM und die Sonderausstellung KUNSTWERK mehr als nur die Qualität der Bilder, Zeichnungen, Druckwerke und Skulpturen gemein. Man kann auch von den ausgestellten zeitgenössischen KUNSTWERKen nichts im Kunsthistorischen Museum kaufen. Es geht nämlich bis zum 15. Februar ‘09 nicht um Charity, sondern es geht um Kunst.

Schwimmerin, Lutschaunig Ohne den Streit “Künstler oder Kunsthandwerker” oder “Was ist Kunst” anzufachen, der ohnedies schon längst geführt wird, sind die Fragen nach “Künstler” oder “Kunsthandwerker”, Einzel- oder Atelierleistung zumindest berechtigt. Unberechtigt ist hingegen die Frage, ob Kunst von Menschen mit Behinderung überhaupt Kunst ist. Erlebtes verarbeiten, Befindlichkeit zum Ausdruck bringen, Sichtweisen zeigen, Erzählen durch Gestalten und vieles mehr macht Kunst(handwerk) zur Kunst. Obwohl rein finanziell gesehen erst das phrasenreiche Verkaufsgespräch und “Kaisers” Kaufbereitschaft so manche Kunst zum Kassenschlager macht.

Vision, Weissenbacher “Kunst ist das gemalte Wort”, sagte Thomas Weissenbacher (Künstler und Vorsitzender von Vienna People First) bei seiner Eröffnungsrede.
Direkt und unverfälscht, sind die Werke, die in KUNSTWERK gezeigt werden. Und sie lösen beim Betrachten “etwas” aus, ganz unabhängig von den SchöpferInnen werden die Werke unvoreingenommen wertvoll. Denn Begeisterung und Anerkennung für die gezeigte Kunst zu empfinden, hat ganz und gar nichts mit Mitleid zu tun.  Stolz sind daher die KünstlerInnen, die sie geschaffen haben. Sie sind stolz ernst genommen zu werden, dass ihre Kunst gefällt und auch ein bisschen stolz, dass ihre Werke im altehrwürdigen Bassano-Saal des Kunsthistorischen Museum gezeigt werden. Aber als KünstlerInnen sind vor allem eines: unprätentiös, begeisteurngsfähig und unabhängig.

Stadtlandschaft, Lehner Die KünstlerInnen wollen/müssen es niemand recht machen. Sie sind frei. Sie bringen ihre Befindlichkeiten zum Ausdruck und verarbeiten Erlebtes. Sie können über ihre Arbeiten sprechen ohne Schlüsselworte wie Position, Installation, ästhetisches Leitmotiv, abrupter Stilwechsel, minimalistische Farbfeldmalerei, eruptive Energie oder expressiv abstrakte Monochromie zu gebrauchen. Zufriedenheit ist befriedigend, Ehrlichkeit ansteckend. So ansteckend, dass BMin Dr. Claudia Schmied über das Bild, das ihr im Zuge der Eröffnung überreicht wurde, erfreut sagte: “Es sind meine Farben!”
Der Koloss KHM kommt langsam in Bewegung und entdeckt seine sozialen Kompetenzen - u. a. mit Führungen für blinde und sehbehinderte Menschen ab Frühjahr ‘09. Und für den kaufmännischen Direktor Dr. Paul Frey war es auch eine persönliche ”Herzensangelegenheit” diese Ausstellung zu ermöglichen. Trotzdem ist die Ausstellung KUNSTWERK viel zu kurz. Andererseits besteht an keinem anderen Ort eine bessere Chance, dass sie in dieser Zeitspanne von sehr vielen Menschen auf der Suche nach hoher Qualität und der Kunstelite gesehen wird. 

Ich schließe mich dem Wunsch von Thomas Weissenbacher vollinhaltlich an: “Ich hoffe, es wird ein Riesenerfolg!”

© S. Strohschneider-Laue

KUNSTWERK
Beteiligte KünstlerInnen und Gruppen der Ausstellung

Bilder/Zeichnungen

Harfe, Basnar Charlotte Basnar (*1980 Wien), Werkstätte Im Werd, 1020 Wien.

Thomas Weissenbacher (*1945 Steiermark) Werkstätte Grundsteingasse, 1160 Wie

Frühlingswiese, Im Werd 2 Gruppe Werd Zwei,  Werkstätte Im Werd, 1020 Wien

Pharao, Mirkovic Dragan Mirkovic (*1982), Werkstätte Kuefsteingasse, 1140 Wien

Abstrakt Rot, Katic Zeljko Katic (*1976 in Kroatien), Werkstätte Ayrenhoffgasse/FlipFlap, 1090 Wien

Hannes Lehner (*1986 Wien), Werkstätte Ayrenhoffgasse/FlipFlap, 1090 Wien

Schlangen, Grasnek Kurt Grasnek (*1944 Wien), Werkstätte Speckbachergasse, 1160 Wien

Bienen, Kuzma Susanne Kuzma (*03.06.1966), Werkstätte Ayrenhoffgasse/FlipFlap, 1090 Wien

Lisi Seidl (*12.11.1952), Werkstätte Ayrenhoffgasse/FlipFlap, 1090 Wien

Sarah Lutschaunig (*24.04.1984), Werkstätte Ayrenhoffgasse/FlipFlap, 1090 Wien

Schiff, Coban Michael Coban (*18.01.1967), Werkstätte Ayrenhoffgasse/FlipFlap, 1090 Wien

Teletubbies, Klaus Christine Klaus (*01.06.1949), Werkstätte Im Werd, 1020 Wien

Franz Widmann (*18.02.1957), Werkstätte Elisenstraße, 1230 Wien

Rudolf Steindl (*25.05.1969), Werkstätte Im Werd, 1020 Wien

Kunstobjekte

Schnecke, Wagner Wolfgang Wagner (*19.10.1971), Werkstätte ALPHA, 1220 Wien

Keramikgruppe Landstraße, Werkstätte Landstraße, 1030 Wien

Rudolf Proschek (*18.01.1956), Werkstätte Kuefsteingasse, 1140 Wien

Vogel, Horizont Metallgruppe HORIZONT, Werkstätte HORIZONT, 1210 Wien

Dino Caktas (*1978 Wien), Werkstätte Speckbachergasse, 1160 Wien

Silvia Annerl (*1977 Wien), Werkstätte Speckbachergasse, 1160 Wien

Kunstwerk Kunst von Menschen mit Behinderung aus den Werkstätten von JaW im KHM 3. bis 15. Februar ‘09

Kunst kommt von Innen Kunst von Innen: Art Brut in Österreich

Buntes Haus  Buntes Haus 
siehe auch Rezension “Buntes Haus”

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Schuhtick.

Mittwoch, 07. Januar 2009

Non-Fiction

Hartmut Roder (Hg.)
Schuhtick.
Von kalten Füßen und heißten Sohlen
Phillipp von Zabern 2008, 212 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 8053 3938 4

Schuhtick Schuhtick. Von kalten Füßen und heißen Sohlen

Auf den Spuren der Fußbekleidung von der Steinzeit bis in die Gegenwart begeben sich 22 AutorInnen. Und es ist unglaublich, was sie dabei - vom Fußschutz bis zum Statussymbol - an Erkenntnisgewinn aus einem einzigen Schuh - besser noch aus einem Paar - herausholen!

Von den biologischen Voraussetzungen der Fortbewegung und der Tatsache, dass die Evolution nicht mit der rasanten Ausbreitung des Menschen in “fußunfreundliche” Regionen Schritt halten konnte, über die wechselhaften Schuhmoden quer durch Zeiten und Regionen bis hin zum Schuhmachern spannt sich der inhaltliche Bogen. Steinzeitliches Schuhwerk und römische Sandalen, die mehr als nur ein beliebiges Kleidungsstück waren, mittelalterliche Absonderheiten und neuzeitliche Eleganz zeigen gesundheitliche Probleme und gesellschaftliche Ambitionen gleichermaßen auf. Der Schuh, ein notwendiges und oft unerschwingliches Verbrauchsgut, war nicht immer leicht zu bekommen, wie nicht nur die Schuhprobleme der Nachkriegszeit beweisen.

Unverwechselbarkeit der Modelle und/oder der Status ihrer Träger mach(t)en manche Schuhe zu Erfolgsmodellen, andere sind unverwüstliche Evergreens und überzeugen durch ihre hohe Funktionalität. Tatsache ist, dass Schuhe in vielen Kulturen nicht nur als Fußschutz dienen, sondern auch unverzichtbarer Ausdruck sozialer Stellung sind, mal ganz abgesehen von ihrem Wert als Fetisch. Das unerschöpfliche Thema “Männersandale” wird über Legionäre, Mönche, Hippies und Ökofreaks abgehandelt. Schade, dass nicht auch die Unart Socken darin zu tragen, näher beleuchtet wird. Andererseits genügt es ja schon zur kulturellen Unordnung beizutragen, wenn Sneakers unter der Anzugshose hervorlugen.

Der spannende Abriss zum Machen eines Schuhs, umfasst Beiträge über das Anfertigen von Maßschuhen, die Herstellung in der Fabrik und Schuhdesign der Upperclass und die Problematik der asiatischen Massenware. Abgerundet wird das Thema Herstellung mit einem interessanten und vergnünglichen Blick auf Schuhwerbung, der ruhig ein wenig länger hätte ausfallen dürfen. Abgeschlossen wird der Rundblick auf den “Schuhtick” mit einer Betrachtung wie sich Schuhe in Märchen und Erzählungen niedergeschlagen haben.

“Und die Schuhe bringen es an den Tag. denn im Märchensind sie kein “Accessoire”, sondern ein Teil der Person selber.”

Ein Katalog für alle, die von Schuhen nicht genug bekommen können und noch ein mehr über dieses für die meisten unverzichtbare - außer man möchte Buße tun oder lebt im warmen Regionen mit weichen Böden -Bekleidung wissen wollen.

© S. Strohschneider-Laue

Schuhtick. Von kalten Füßen und heißen Sohlen

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Volles Risiko!

Dienstag, 09. Dezember 2008

Non-Fiction

Badisches Landesmuseum (Hg.)
Volles Risiko!
Glücksspiel von der Antike bis heute
Volkskundliche Veröffentlichungen Bd. 9

G. Braun 2008, 288 S., 359 Farbabb.
ISBN 978 3 7650 8387 7

Glücksspiel Volles Risiko!: Glücksspiel von der Antike bis heute

“Glückspiel von der Antike bis heute” ist wesentlich mehr als nur ein umfangreicher Begleitkatalog zur gleichnamigen Ausstellung (12. April bis 17. August 2008) des Badischen Landesmuseums in Karlsruhe. Glückspiele in ihren vielfältigen Varianten - inklusive des Betrugs -, deren Nebenaspekte an realen und virtuellen Orten bis hin zu Sucht und Recht werden von 20 KulturwissenschafterInnen, Psychologen und einem Juristen überaus spannenden Betrachtungen unterzogen. 

Gleich zum Auftakt werden die vier Spielekategorien vorgestellt: Games, Sports, Acting und Gambling. Während bei Brett-, Bewegungs- und Gestaltungsspielen Spaß aus dem aktiven Tun der TeilnehmerInnen bezogen wird, ist es für den inaktiven Wettspieler die immer wieder neue Möglichkeit des Gewinnens, die das Vergnügen beschert. Kein Wunder also, dass es so viele Darstellungen der Fortuna gibt, mindestens soviele wie Möglichkeiten sein Glück und Geld beim Würfeln zu verspielen.

Würfeln ist übrigens seit der Antike bekannt, beliebt und oft verfemt. Geschicklichkeits- oder Zahlenspiele mit natürlichen Astragali (Spunggelenkknochen) und hergestellten sechseitigen Würfeln waren weitverbreitet. Und wie überall, wo es etwas zu gewinnen gab und gibt, wurde und wird betrogen, wie auch schon archäologische Funde belegen. Wie oft auch bleibeschwerte Würfel zerschlagen worden sein mögen, das Würfeln ist nicht totzukriegen. Nichteinmal sprachlich: Der Hasardeur, der Spieler, der Draufgänger, ist eigentlich ein Würfler (Arabisch: “az-zahr”, Spielwürfel), der alles von einem Wurf abhängig macht. Spielkarten und Glücksspiel bilden zumindest ab dem 14. Jahrhundert ebenfalls eine untrennbare Einheit. Ihre Erfolgsgeschichte war trotz massiver - wenig erfolgreicher - Verbote in Mittelalter und Neuzeit nicht aufzuhalten und zieht sich quer durch alle Stände. Karten und ihr Zubehör  sowie Darstellungen der Spielenden sind Legion. Eine sprechende Auswahl wurde für diese Publikation getroffen.

Nicht vergessen wurde “Das große Los”, das man bei der Lotterie ziehen konnte. Zudem ein gutes Beispiel wie schnell Verbote gelockert und moralische Finger gesenkt werden, wenn die Obrigkeit/der Staat nur kräftig mitschneiden kann. Die Vorläufer von “6 aus 49″ (in Österreich aus 45) reichen bis ins Mittelalter zurück. Die Entwicklung des beliebten Glücksspiels nach 1945 ist nicht minder interessant. Also, dass es einen Lottotourismus von Baden-Württemberg, wo das Spiel 1957 noch nicht eingeführt war, Richtung Bayern, Hessen und Rheinland-Pfalz gab, ist schon amüsant. Andererseits sind Österreicher noch viel länger - bis 1986 -  Richtung Deutschland gefahren, wenn sie nicht das 1752 von Maria Theresia eingeführte heimische Zahlenlotto (1-90) spielen wollten…

Und wäre das Spiel ohne die Sportwette? Nichts, denn auf den Sieg im Sport haben schon Griechen und Römer ihren Spargroschen gesetzt. Wagenrennen unterscheiden sich kaum von den gesellschaftlichen Gepflogenheiten auf modernen Rennbahnen. Trophäen und Darstellungen von tierischen und menschlichen Siegern begleiten die Ereignisse. Und untrennbar damit ist übrigens Toto verbunden, das wir den Engländern, die damit in den Goldenen Zwanzigern angefangen haben, verdanken.

Spiele und Akteure brauchen einen Veranstaltungsort, der zu verschiedenen Zeiten mehr oder minder öffentlich sein kann, oder ein Fest. Die Darstellungen hierzu sind beim genaueren Betrachten ein steter Quell des Genusses, denn in keiner anderen Lebenslage werden Menschen ausdrucksvoller zwischen Glück und Elend  mit Stichel, Feder und Pinsel eingefangen.

Das Werden der Spielbank in Baden-Baden und mechanisches Glücksspiel werden gegen Ende des Bandes analysiert. Falschspiel, Zocken im Internet, Spielsucht und rechtliche Aspekte runden ein ungemein spannendes Buch zu einem Thema ab, das niemand kalt lässt.

Ein umfangreiches Literaturverzeichnis wertet die inhaltlich gelungene und auch produktionstechnisch hochwertige Publikation, die weit über die Ausstellung hinaus Bestand haben wird, ab. 

Eindeutig nicht mit Tolstoi vergleichbar, der “Volles Risiko!” 1857 in Baden-Baden in sein Tagebuch schrieb und beim Spiel - zumindest an diesem Tag - alles verlor. Die an diesem Buch Beteiligten haben nicht nur auf eine Karte gesetzt und daher das große Los gezogen, denn sie haben eine herrliche kulturgeschichtliche Zusammenschau des Glücksspiels vorgelegt. Wunderbar geschrieben, anschaulich mit Bildern belegt und sie haben quer durch die Zeiten Spieler und ihre Spiele verfolgt. So müssen Kataloge sein, um Fachpublikum und interessierte Laien gleichermaßen zu erfreuen.

© S. Strohschneider-Laue

Volles Risiko!: Glücksspiel von der Antike bis heute

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Georges Braque

Sonntag, 23. November 2008

Non-Fiction

Hgg. Ingried Brugger, Heike Eipeldauer, Caroline Messensee
Georges Braque
Hatje Cantz 2008, 248 S., 150 Abb.
ISBN 978 3 7757 2202 5

Georges Braque Georges Braque: Lyrik der Geometrie. Eine Retrospektive

Der Kubismus ist untrennbar mit Georges Braque und seinem Freund und Weggefährten Pablo Picasso verbunden. Zur Ausstellung “Gorges Braque” (14. November ‘08 bis 1. März ‘09) im BA-Kunstforum ist ein Katalog erschienen. Er ist die einzige lieferbare Monografie zu Leben und Werk des Franzosen Georges Braque, des Erneuerers der Kunst des 20. Jahrhunderts auf dem deutschen Buchmarkt.

In sieben Beiträgen und einem umfangreichen exzellent bebilderten Katalog setzen sich renommierte WissenschafterInnen mit Braques Werk auseinander.
Neil Cox nimmt sich der verpönten (Nicht-)Farbe Schwarz in seinem Beitrag “Dunkle Materie - Barques Schwarz” an.
Heike Eipeldauer spürt dem Sinnlich-haptischen unter dem Titel “Georges Braque und das Stillleben als Modell taktiler Nähe” nach.
Edith Futscher, deren Beitrag sich mit “Barque baroque: Die Stilleben der 1920er Jahre” beschäftigt, zeigt dessen Abkehr vom Kubismus auf.
Christopher Green beleuchtet in seinem Beitrag “Eine ‘entnationalisierte’ Landschaft?” Braques frühe kubistische Landschaften und die “nationalistische” Geografie
Caroline Messensee unterzieht Georges Braque unter dem Titel “Lyriker der Geometrie oder ein französischer Maler” einer genaueren Betrachtung.
Nicolas Surlapierre setzt unter dem Titel “‘Lyre sans borne des poussières’ oder eine literarische Biografie Georges Braques” verschiedene Texte in Beziehung zum Künstler.
Juliane Vogel geht mit “Zeitungsausschnitte - Wege kubistischer Fakten” dem nicht zufällig gewählten Material auf den Grund.

Ein spannender Abriss, der in einer gut sortierten Kunstbibliothek nicht fehlen sollte und KunstliebhaberInnen neue Facetten im Werk von Georges Braque - und das bei exzellenter Qualität zu moderatem Preis - aufzeigen wird.

© S. Strohschneider-Laue

Georges Braque: Lyrik der Geometrie. Eine Retrospektive

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Unbekannter Hundertwasser

Sonntag, 23. November 2008

Notiz

Der unbekannte Hundertwasser
KunstHausWien

20. November ‘08 bis 15. März ‘09

FRIEDENSREICH HUNDERTWASSER, APA 373 Flugzeugdesign für BOEING B 757, CONDOR 1995, Modell 1:25 © 2008 Hundertwasser Archiv, Wien Friedensreich Hundertwasser (1928-2000) war der Farbenmagier unter den Malern. Als Künstler beschränkte er sich nicht nur auf die Malerei, sondern war allumfassend künstlerisch tätig. Sein steter Kampf gegen die unnatürliche, gerade Linie und für natürliche, geschwungene Formen, kennzeichnet seine Arbeiten. Künstlerische Spuren von Friedensreich Hundertwasser finden sich von der Malerei über die Architektur über Gestaltung von großen Flugzeugen und kleine Briefmarken bis hin zum österreichischen Umweltzeichen. Die Ausstellung im Kunsthaus widmet sich all diesen Aspekten Hundertwassers.
Am 15. Dezember 2008 wäre Hundertwasser 80 Jahre alt geworden. Joram Harel, langjähriger Freund Hundertwassers und Leiter des KunstHausWien, nimmt diesen runden Geburtstag zum Anlass und zeigt nicht nur die Schaffensfülle des Künstlers, sondern auch die Anliegen des Künstlers als Ökologe und Kosmopolit. Dabei gelingt es ihm eine Ausstellung zu präsentieren, die mit einem Augenzwinkern alle BesucherInnen und nicht nur Hundertwasser-Fans in den Bann schlägt. Endlich zahlt es sich wieder einmal aus Bildbeschriftung genau zu lesen, denn in dieser Ausstellung beschränken sie sich nicht nur auf die obligaten Informationen wie Titel, Jahr und Inventarnummer. Abwechslungsreich und oft humorvoll werden Zusatzinformationen geboten, die man normalerweise in Ausstellungen nicht findet.
FRIEDENSREICH HUNDERTWASSER, 238 PEPSI, DER SOHN VON DOKTOR FREUND, St. Kanzian, 1955, Aquarell • 35 x 20 cm, © 2008 Hundertwasser Archiv, Wien Gelungen! Unbedingt anschauen, was auch dann - inklusive Hund - täglich ab 10:00 Uhr möglich ist, wenn andere Museen dem Feiertagsschlaf oder ihrem wöchentlichen Ruhetag frönen.

Non-Fiction

Joram Harel
Der unbekannte Hundertwasser
Prestel 2008, Dt./Engl. 296 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 7913 4129 0

Der unbekannte Hundertwasser Der unbekannte Hundertwasser 

Wer keine Chance hat, die Ausstellung zu besuchen oder sich von der Ausstellung nicht trennen möchte, kann sich mit dem in allen Bereichen hochqualitativen zweisprachigen Begleitkatalog trösten. Das Vorwort stellt Franz Patay, Leiter des KunstHausWien, bei. Robert Fleck widmet sich in seinem Beitrag der malerischen Aktualität Hundertwassers. Joram Harel greift den 80. Geburtstag des verstorbenen Freundes und Künstlers auf, beleuchtet den Maler als Architekt und schließt seinen Beitragsreigen mit “Hundertwasser lebt”. Ansonsten kommt ausschließlich Hundertwasser selbst zu Wort und vor allem zu Werk. Eine Augenpracht und ein Leseschmaus, zu gleichen Teilen den man nicht nur als Kunstfan nicht verpassen sollte.

© S. Strohschneider-Laue

Siehe zu Friedensreich Hundertwasser:
Der unbekannte Hundertwasser
Träume ernten - Hundertwasser für Kinder

Notiz

Symposium Hundertwasser im NHM 11. bis 13. Dezember ‘08, Eintritt frei, Anmeldung erforderlich!

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Völkerkunde Wien

Montag, 17. November 2008

Notiz

Museum für Völkerkunde, Wien
Neueröffnung einer Abteilung und drei Sonderausstellungen

Das Museum für Völkerkunde in Wien wird seit vier Jahren vor allem in den Arbeits- und Depotbereichen saniert. Jetzt ist wieder ein kleiner Teil der Dauerausstellung für die Öffentlichkeit zugänglich. Ab dem 19. November ‘08 ist unter dem Motto “Götterbilder” die Abteilung “Süd-, Südostasien und Himalayaländer” als neueröffneter Teil der nach wie vor geschlossenen Dauerstellung zu sehen. Begleitet werden die zwei neuen Räume der Dauerausstellung durch die temporäre Präsentationen, die bis 2. März ‘09 Gegenwartskunst aus Sri Lanka, Bandwebereien und Fotografien aus Tibet präsentieren.

Süd-, Südostasien und Himalayaländer widmet sich mit 21 Vitrinen den Religionen. Neben Hinduismus, Buddhismus und Taoismus werden auch regionale Vorstellungen berücksichtigt. Das museale Konzept ist gekennzeichnet durch erhellte Objekte in dunklen Räumen und Texte, die auch den anspruchsvollen Besucher durch Umfang und gebotene Inhalte herausfordern. Weiterführende Informationen und innerer Zusammenhang können sich BesucherInnen vermutlich durch eine gesprächs- und/oder aktionsorientierte personale Vermittlung verschaffen oder den zusätzlichen Erwerb des Sammlungsführers. “…unser Museum ist das Schönste unter den vielen ethnologischen Museen, die ich schon gesehen habe…”, wurde bei der Pressekonferenz formuliert. Nun, ich habe in jeden Fall schon bessere als Wien gesehen. Allerdings bin auch ich von der schönen Architektur, soweit sie noch wahrnehmbar ist, angetan. Die internationalen Ansprüche an einen umfassenden und somit multisensorischen barrierefreien Zugang zur Ausstellung und ihren Inhalten, ganz im Sinne einer inklusiven Kultur für alle Menschen, entspricht diese Schau jedenfalls nicht.

Sri Lanka: KunstVoller Widerstand ist als Wanderausstellung konzipiert. Die zeitgenössischen Arbeiten konzentrieren sich auf das letzte Jahrzehnt. In Anbetracht, dass im Niederösterreichischen Landesmuseum zur Zeit u. a. durchaus sehenswerte Kinderarbeiten von Egon Schiele gezeigt werden, mag es verständlich sein, Werke von Kindern, die es durchaus mit der Kunst ihrer erwachsenen Kollegen aufnehmen können, einzubeziehen.

Straps & Bands. Textilien aus der Sammlung Foitl zeigt Kopfschmuck für Kamele und Pferde, Lastenbänder, Gürtel und viele Bänder mehr. 30 Jahre hat der inzwischen 80jährige Gerhard Foitl, Facharzt für Neurologie und Psychatrie, Webereien gesammelt. Deutlich war er mit Freude am Textil, Spaß am Ausprobieren, systematischen Untersuchen und Katalogisieren bei der Sache und hat gesammelt was ihm gefiel. Über 730 Objekte hat er zusammengetragen. Darunter Altes aus präkolumbische Zeit oder der Safawidenzeit und Junges aus dem letzten Viertel des 20. Jahrhunderts. Seine Bänder “umspannen” die Kontinente und sparen auch Österreich nicht aus. Natürlich werden nicht alle gezeigt. Sorgsam in Pultvitrinen gebettet, nehmen sie nämlich überraschend viel Platz im ebenso attraktiven wie uninformativen Weißraum ein. Immerhin meldet sich ab und an der Sammler persönlich durch Texte über Vitrinen zu Wort, der Kurator hält sich zurück. Die Sammlung gehört zur offensichtlichen Freude der Wissenschafter nach der Ausstellung dem Museum für Völkerkunde, Foitl bleibt neben der Erinnerung - eventuell den Fotos - zumindest der umfangreiche Katalog als Nachschlagewerk seiner Sammlung.

© Barbara Krobath Frau in traditioneller Alltagskleidung uin Maniganggo, Kham, Osttibet 2001  © Barbara Krobath Mann possiert vor Graflex Plattenkamera. langmusi, Amdo, Osttibet 2001
See Tibet now. Fotografien von Barbara Krobath ist das kleinste aber feinste Highligt des Ausstellungsreigens, das auch im Zeichen des Monats der Fotografie steht. Auf Augenhöhe mit der Abteilung “Süd-, Südostasien und Himalayaländer” präsentiert sie ihre Arbeiten, die in Osttibet von Menschen und Räumen entstanden. Mit einer 4×5 inch Graflex Plattenkamera richtete sie ein altes Objektiv auf eine durch China zum Tode verurteilte Kultur und deren RepräsentantInnen. Die dabei entstandenen Aufnahmen von Tibetern zwischen Neonlicht und Automatikwaffen wirken hypnotisch-historisierend. Dennoch ist die Fotoserie keine Reportage. Es sind Momente der Vergänglichkeit, die nach dem Olympia-Kommerz schon wieder aus dem Blickfeld der Weltöffentlichkeit verschwunden sind. Gelungene Bilddokumente auf einen Istzustand der nach acht Jahren längst der Vergangenheit angehört, obwohl er zugleich die zukunftsarme Gegenwart repräsentiert. Das zur Ausstellung bereitgestellte Diskussionsboard bietet die Möglichkeit die Ausstellung zu kommentieren. Die sprechenden Bilder laden jedenfalls dazu ein.
© Barbara Krobath Tibetische Kinder in Labrang, Amdo, Osttibet 2000  © Barbara Krobath Zwei Besucher in Lithang, Kham, Osttibet 2001
© S. Strohschneider-Laue

Siehe zu Barbara Krobath auch:
Das Land der Stille
Die neue Welt des Weines. Österreich auf dem Weg zur Weltklasse
Licht-Jahre: 15 Jahre Christoffel-Blindenmission Österreich

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Geschmacksache

Dienstag, 21. Oktober 2008

Notiz

Geschmacksache ist Geschmacksache
Was Essen zum Genuss macht - Technisches Museum Wien
22. Oktober ‘08 - 21. Juni ‘09

Kaffeemaschine Copyright TMW “Essen hält Leib und Seele zusammen” ist in überfütterten Industrienationen schon lange kein Thema mehr. Hier gehört sowohl Essen als auch essen zum Lifestyle. Kochen ist längst salonfähig geworden. Und das Einkochen - pardon - Bekochen von Konsumenten zieht sich erfolgreich durch alle Medien. Also, wenn es keine Kochshows gäbe, wären einige TV-Sender aufgrund mangelnder Einschaltquoten und daher fehlender Werbeschaltungen vermutlich schon pleite. Mit anderen Worten: E/essen ist weit mehr als die Befriedigung des Grundbedürfnisses nach Sättigung durch Nahrungsaufnahme. Diese Grundidee griff auch das Team des TMW auf und ging der Frage nach, was das Haus zum Thema “Geschmacksache” und Nahrungsmittelproduktion zu bieten hat.

Ausschnitt Molkereimodell Copyright TMW Gleich fünf Rohstoffe - Getreide, Milch, Fleisch, Kaffee, und Kakao - werden aufgegriffen. Anhand von Geräten und Verarbeitungstechniken wird aufgezeigt wie aus diesen Rohstoffen Endprodukte mit typischen Eigenschaften und Geschmacksrichtungen werden. Das TMW konnte hierzu erstaunliche Objekte aus dem Depotschlaf wecken und frisch aufpoliert ausstellen. Darunter erweist sich das Modell der Wiener Molkerei (1906/07), das die ganze Betriebsanlage zeigt, als besonders eindrucksvoll. Natürlich gibt es auch unzählige unbekannte, weniger bekannte oder längst wieder in Vergessenheit geratene Spezialgeräte zu bestaunen. Die mehr oder minder vertrauten Haushaltsobjekte belegen, welche technische Vielfalt bei der Zubereitung von Essen zum Einsatz kam und immer noch kommt.

Kaffeeschale 1837 Copyright TMW Trotzdem täuschen die stimmigen Inszenierungen der einzelnen Themenkreise, die Menge, die Vielfalt und die Qualität der Objekte leider nicht darüber hinweg, dass dem Ausstellungskonzept Grundlegendes zum Haubenmenü fehlt. Und wenn das unglaublich engagierte Vermittlungsprogramm nicht wäre, nicht einmal ein schaler Nachgeschmack von der “Geschmacksache” bliebe. Weniger wäre hier deutlich mehr gewesen. Ein einziges der fünf Rohprodukt in seiner Gesamtheit zu präsentieren, in seinem naturwissenschaftlichen und kulturhistorischen Kontext zu betrachten und die technische Aspekte der Auf- und Zubereitung zu zeigen bzw. begreifbar zu machen, hätte einen echten Mehrwert bedeutet. Auch eine Trennung zwischen heimischen Grundnahrungsmitteln und importierten Genussmitteln wäre denkbar gewesen. So zieht der Individualbesucher aus einer Fülle von Objekten nur minimalistische Information.  Und nur jene, die das umfangreiche Veranstaltungsprogramm nutzen werden, werden sehr viel nachhaltigen Geschmack an der “Geschmacksache” finden.

Den gleichnamigen Begleitkatalog (Geschmacksache. Was Essen zum Genuss macht. 200 S. ISBN 978 3 902183 16 3) sollte man sich unbedingt gönnen. Er erweist sich zusätzlich zur und auch unabhängig von der Ausstellung als reichhaltiges Buffet mit großer Auswahl an interessanten und schmackhaft zubereiteten Häppchen. Die Beiträge greifen das Thema auf, vertiefen es breit gefächert. Im Katalogteil werden Kostproben aus der Ausstellung mit Kurzabrissen zu den Nahrungsmitteln und ausgewählten Objekten geboten. Grafisch mit ausreichend Weißraum gestaltet, erweist der Katalog sich auch als optischer Genuss und ist mit € 29,80 - natürlich auch gemessen am gebotenen Inhalt - eine ebenso erschwingliche wie attraktive Anschaffung mit Nachhaltigkeitseffekt.

© S. Strohschneider-Laue

Veranstaltungsprogramm

SCHMECK’S! Ein musikalisch-kulinarischer Abend, 22. Oktober. ‘08, 19:00 Uhr, Eintritt: € 18,- Ermäßigte Karten in jeder Bank Austria, unter www.clubticket.at oder Tel. 01/249 24 und für Ö1 Club, Kurier Club, Euro<26 an der Abendkassa, Kartenreservierungen: Tel. 01/ 416 23 66, weanhean@wvlw.at

Von Kakaokühen und Rülpsbakterien 19. November ‘08, 10:00 bis 12:00 Uhr, Nur für Schulgruppen (8 bis 12 Jahre, max. 30 TeilnehmerInnen). Anmeldung unter www.lesefestwoche.at

Die faszinierende Aromawelt der Schokolade 20. November ‘08; 15. Dezember ‘08; 22. Januar ‘09; 26. März ‘09. Anmeldung erforderlich: www.chocolateloversclub.at  oder office@chocolateloversclub.at

Novelli’s Kochwerkstatt 2. Dezember ‘08; 12. Februar ‘09; 19. März ‘09; 29. April 09; 19. Mai ‘09. Kosten € 140,- pro Person (inkl. Eintritt, Führung, 1 Glas Champagner, Kochkurs, dreigängiges Menü und Novelli-Kochschürze) Mindestteilnehmerzahl 10 Personen, maximal 15 Personen pro Kurs. Anmeldung erforderlich: novelli@haslauer.at

Rosa Fasching Von 11:00 bis 17:00 Uhr finden im Museum süße Aktionen rund um Schokolade und ihre Verarbeitung statt. Der Eintritt ist an diesem Tag für alle, die rosa verkleidet ins Museum kommen, frei! 21. Februar ‘09

Die wunderbare Welt der sinnlichen Wahrnehmung von Lebensmitteln Vortrag von Klaus Dürrschmid, Universität für Bodenkultur, 20. Januar ‘08, 19:00 Uhr

Gute Keime für wohlschmeckende und sichere Produkte Vortrag von Wolfgang Kneifel und Konrad Domig, Universität für Bodenkultur, 24. März ‘08, 19:00 Uhr

Neue Verfahren und Techniken in der Lebensmittelproduktion Vortrag von Emmerich Berghofer, Universität für Bodenkultur, 12. Mai’ 08, 19:00 Uhr

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Gastmahl | Ama/Koch/zon/e

Oskar Kokoschka

Donnerstag, 17. April 2008

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Kokoschka - Spätwerk

Oskar Kokoschka (1886-1980) steht im Mittelpunkt von drei Ausstellungen in Wien und Linz. Während die Ausstellung “Oskar Kokoschka. Träumender Knabe - Enfant terrible” (24. Januar bis 12. Mai ‘08) im Unteren Belvedere sich des Frühwerks annimmt, widmet sich die Albertina unter dem Titel “Oskar Kokoschka. Exil und neue Heimat 1934-1980” vom 11. April bis 13. Juli ‘08 dem Spätwerk des Künstlers. “Oskar Kokoschka - Ein Vagabund in Linz. Wild, verfemt, gefeiert” wird von 31. Mai bis 5. Oktober ‘08 den Reigen um den Künstler im Lentos abrunden.

Oskar Kokoschka, © Fondation Oskar Kokoschka/VBK, Wien 2008 Oskar Kokoschka, Helft den baskischen Kindern!, 1937, Farblithografie. Kunstgewerbemuseum, Prag
© Fondation Oskar Kokoschka/VBK, Wien 2008, © Foto: Ondrej Kocourek, Prag

Während das Frühwerk Kokoschkas sich unter anderem durch Selbstbetrachtung auszeichnet, richtet sich Kokoschkas kritischer Blick ab 1934 - auch im Zuge seiner Emigration nach Prag - nach außen und somit auch auf die politischen Entwicklungen seiner Zeit. Deutlich werden daher in der Spätwerk-Ausstellung der Albertina diese inhaltlich essentiellen Unterschiede zu Arbeiten des jungen Künstlers aufgezeigt.

Oskar Kokoschka, © Fondation Oskar Kokoschka/VBK, Wien 2008 Oskar Kokoschka, Prag, Karlsbrücke, 1934, Öl auf Leinwand. Národní Galerie, Prag
© Fondation Oskar Kokoschka/VBK, Wien 2008

Die bewegte und unstete Lebensweise des Künstlers zieht sich als roter Faden durch die übersichtlich geliederte Präsentation. Prag, (1934-1938), Londoner Exil (1938-1945), der poltische Kokoschka, Reisen von England aus (1945-1953), Kokoschka und Österreich, Salzburg und die “Schule des Sehens”, Villeneuve (1953), Städtebilder (1953-1967), Theater und Literatur: Mythen der Menschheit, die letzten Bilder (1970-1980) geben dem vielschichtigen Spätwerk chronologische und inhaltliche Struktur.

Oskar Kokoschka, © Fondation Oskar Kokoschka/VBK, Wien 2008 Oskar Kokoschka, Time, Gentlemen please, 1970/1972, Öl auf Leinwand, Tate, London
© Fondation Oskar Kokoschka/VBK, Wien 2008

Der perfekt von der Albertina inszenierte Überblick zum zweiten Lebensabschnitt und Alterstil Oskar Kokoschkas endet bezugnehmend auf seine eigene Zukunftsperspektive passend und nachdenklich stimmend mit dem Werk “Time, Gentlemen please”.

Non-Fiction

Antonia Hörschelmann (Hg.)
Oskar Kokoschka. Exil und neue Heimat 1934-1980
Hatja Cantz 2008, 328 S. 320 Sw- und Farbbb.
ISBN 978 3 7757 2155 4

Kokoschka Exil Oskar Kokoschka. Exil und neue Heimat 1934-1980 

Zur Ausstellung erscheint der ebenso umfangreicher wie detailliert ausgarbeiteter Katalog. Das über 300 starke Begeleitwerk zur Ausstellung in der Albertina  (11. April bis 13. Juli ‘08) bietet einen detaillierten Überblick über das Spätwerk mit Essays namhafter Kokoschka-SpezialistInnen.
Artur Rosenauer setzt sich mit dem Alterstil auseinander, während  Werner Hofman die politische Kunst einer näheren Betrachtung unterzieht. Edwin Lachnit analysiert die Städtebilder ab 1934.  Katharina Ehrling nimmt sich der Figurenbilder des letzten Jahrzehnts an. Gunhild Bauer stellt die Skizzenbücher in den Mittelpunkt und legt die Biografie vor. Heinz Spielmann und Antonia Hörschelmann liefern einen minutiös kommentierten Katalogteil begleitet von überragender Bildqualität.
Definitiv bieten Ausstellung und Katalog eine Werkschau und -analyse vom Feinsten.

© S. Strohschneider-Laue

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China Schätze

Freitag, 11. April 2008

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Schätze aus dem Nationalen Palastmuseum, Taiwan

1000 Jahre haben die chinesischen Kaiser gesammelt und etliches davon war schon damals bedeutend älter. Sie schöpften dabei aus der kulturellen Fülle und den wertvollsten Ressourcen ihres riesigen Reichs. Bereits zur Gründungszeit der Sammlung (Song-Dynastie 960-1279) wurde sie - ganz im bürokratischen Sinne dieser Zeit - katalogisiert. Unter allen Herrschern wuchs der KaisersiegelKaisersiegelBestand an. Während der Qing-Dynastie (1644-1911) erreichte er seinen Höhepunkt. Kaiser Qianlong (1736-1795) zeichnete sich unter der langen Reihe als eifrigster Sammler aus. Gemeinsam ist allen diesen kaiserlichen Sammlern, dass sie bis heute über die Stücke - oft auch sehr persönlich - fassbar werden. Nicht nur ihre politische und philosophische Weltsicht, sondern auch ihre Vorlieben und kreativen Fähigkeiten sind erkennbar. Die Bewahrung des kulturellen Erbes gehörte zur Erfüllung des “himmlischen Mandats” des chinesischen Herrschers, von dem auch erwartet wurde nicht nur Kunstkenner, sondern auch selbst Künstler zu sein.

Die Sammlung überdauerte Dynastien, Fremdherrschaften, Kriege und die Odyssee zwischen 1933 und 1965, die sie an ihren jetzigen Standort in Taipeh (Taiwan) führte. Das Nationale Palastmuseum beherbergt heute eine Sammlung mit über 650.000 Objekten. Das KHM zeigt von 26. Februar bis 13. Mai 2008 aus dem reichen Bestand 120 ausgewählte Stücke.

Die erzählerische Kraft der Stücke ist groß. So sieht man von Kaiser Xuande nicht nur ein Prunkporträt, sondern auch eine von ihm gefertigte meisterliche Pinselzeichnung von Affenmutter mit Kind.
Das kupferrote Kännchen mit eingeschnittenem Lotosblütendekor, das unter Xuande in die Sammlung kam, ist einmal im Original und einmal auf einem Bild von Guiseppe Castiglione (1688-1766) zu sehen. Der Jesuit war Hofmaler unter drei Qing-Kaisern und beeinflusste die chinesische Malerei durch seinen westlichen Stil maßgeblich.

Dass auch Kaiser irren können, zeigt sich in der Fehlbeurteilung einer flachen Schale. Die wertvolle Schale deren Füßchen - vermutlich nach einer Beschädigung - kunstvoll entfernt worden waren, wurde fälschlich als Hundenapf bezeichnet. Eine nette Geschichte, die zeigt wie lebendig Sammlungsgeschichte sein kann.

Kalligraphien sind ebenso vertreten wie bildliche Darstellungen, die mit Texten kombiniert sind. Schade, dass die Mehrheit die Schriftzeichen nicht lesen können und so die Inhalte verborgen bleiben und nur die ansprechende Form gefällt. Die 1736 entstandene Bildrolle zum Begräbnisfest ist hingegen eine Entdeckungsreise für alle. Sie ist elf Meter lang und von einer erzählerischen Kraft, die man bei TV-Produktionen vergeblich sucht. Die Besucher nähern sich beidseitig des Flusses und über die Brücke den Stadtmauern. Jeder Mensch, jedes Tier, Gebäude, Fahrzeug oder Schiff erzählt eine Geschichte. Eine Flut von Darstellungen halten Abschnitt für Abschnitt die Augen gefangen. Kaum meint man alles entdeckt zu haben, wird ein weiteres winziges Detail sichtbar, vom vollgepackten Händler bis zum Haus mit westlichen Elementen. Allein mit dieser Rolle könnte man sich Ewigkeit beschäftigen. Hier nimmt man gerne in Kauf, dass das gedimmte Licht dem Schutz der Rolle dient.

Man sollte sich Zeit nehmen für diese Ausstellung und nicht nur um den üblichen exorbitanten Eintrittspreis ins KHM auszunutzen. Die Objekte verdienen und erfordern eine genaue Betrachtung. Über eine gute körperliche Beweglichkeit sollte man aber auf jeden Fall verfügen oder von Natur aus kleingewachsen sein. Teeschalen, die besonders exquisit verziert sind, stehen nämlich nicht auf einem Spiegel oder auf einem Sockel, der in etwa der Augenhöhe des ohnehin kleinen Durchschnittsösterreichers entspricht. Leider befinden sich die meisten Schalen in Hüft- und Bauchhöhe, was wenig Sinn macht, wenn nicht die Innenseite, sondern die Außenseite das attraktivere von beiden ist. Die beste Sicht hat man daher, wenn man sich mit regelmäßigen Kniebeugen durch die Ausstellung bewegt. Den Vorteil groß zu sein schöpft man hingegen aus, wenn man Stücke, die rundum geschnitzt oder bemalt sind, genauer betrachten möchte. Auf einem langestreckten Sockel stehen die Objekte in einer Doppelreihe. Jedes davon mit einem gläsernen Sturz bedeckt und daher am besten in der Frontalen zu sehen. Nun schlägt die Stunde der großen BesucherInnen. Sie erheben sich von ihren Knien auf die großen Zehen. Balancierend renken sie sich den Hals schlangengleich aus, um auch das letzte erzählerische Detail auf der Rückseite aufnehmen zu können. Aber Sport ist ja gesund und für diese Stücke lohnt es sich davor auf die Knie zu fallen oder sich zu recken.

Zu viel Information darf man natürlich in den beiden Räumen nicht erwarten, schließlich möchte das Haus auch einen Katalog verkaufen. Nach einer chronologischen Übersicht kann man sich mit den ersten Raumtexten zu den wichtigsten Materialien wie z. B. Jade, Porzellan oder Bronze informieren. Die Objekttexte sind erfreulicher Weise nicht nur auf Objektansprache, Datierung sowie die Inventarnummer reduziert. Sie bieten bei ausgewählten Stücken auch spannende Zusatzinformationen. Die Texte selbst sind wie üblich im akademisch getragenen Stil des 19. Jh. abgefasst und passen gut zur Erbauung des Hauses. Das interessierte Publikum, das nicht in höhere akademische Sphären entschwebt ist, sondern einen Brotberuf ergriffen hat, sei daher ein Fremdwörterlexikon empfohlen. Dass die Lauflänge der Texte zu groß, der Durchschuss zu schmal und die Schriftgröße zu klein ist, hat schon missgestalterische Tradition. Wer ein Lesebrille braucht, muss sie sowie so parat haben, um die Details der Objekte wirklich erforschen zu können.

Hingehen und in aller Ruhe anschauen. Die Ausstellung ist ein gutes Beispiel dafür, dass es nicht immer Unmengen sein müssen. Es ist erfreulich, dass das vielfach überstrapazierte Wort “Gold” hier für den Ausstellungstitel nicht verwendet werden konnte. “Jade” ist aufgrund des fehlenden kulturellen Kontextes im Westen nicht so zugkräftig und deshalb hat man voll und ganz gerechtfertigt auf “Schatz” zurückgegriffen. Schönheit, Qualität, Einzigartigkeit und historischer Zusammenhang machen den Hauptanteil des Schatzes aus, dass die Objekte ebenso unersetzlich wie unbezahlbar sind, steht sowieso außer Frage.

© S. Strohschneider-Laue

Schätze der Liao
Im Zeichen des Drachen. Von der Schönheit chinesischer Lacke
Xi’an - Kaiserliche Macht im Jenseits
Schätze der Himmelssöhne
Chinesische Jade

Sichuan Restaurant Wien

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Tutanchamun

Freitag, 11. April 2008

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Blockbuster oder Geldmaschine?
Tutanchamun in Wien
9. März - 28. September 2008

Zugegeben, bei Pressekonferenzen ist manche Ausstellung noch “work in progress”, aber diese machte leider den Eindruck fertig eingerichtet zu sein. Sie weckte nicht die Hoffnung, dass es bis zum 9. März, dem Tag an dem zahlendes Publikum eingelassen wird, gehaltvoller wird. Aber hoffentlich wird bis dahin der Eingang in die Ausstellung gekennzeichnet sein, schon durch den heutigen Erfahrungswert, dass viele Journalisten im Anschluss an die Pressekonferenz orientierungslos herumirrten und nur die endlose Schlange vor dem einzigen (!) WC fanden, sich brav anstellten und dachten, es wäre der Eingang zur Ausstellung.

Aber zurück zur Ausstellung und was dort für viel Geld alles (nicht) geboten wird.

“Tutanchamun und die Welt der Pharaonen” lautet der vielversprechende Ausstellungstitel. Rund 140 Funde aus dem Grab des Tutanchamun und aus weiteren Fundstätten werden von 9. März bis 28. September 2008 im Museum für Völkerkunde gezeigt. Tutanchamun ist zwar der Werbeträger bzw. Titelgeber der Ausstellung, aber nur die Hälfte der Funde - und vor allem, die weniger bekannten - stammen aus dem Grab des ebenso ob seines reichen Grabes berühmten wie politisch unbedeutenden Pharaos. Die Ausstellung spannt sich zeitlich sehr großzügig von der 4. Dynastie bis in die Späte Periode (2600 bis 660 v. Chr.) und wird somit auch der Ankündigung “Einblicke in die Welt des Tutanchamuns” zu bieten nicht wirklich gerecht.

Die Räume sind einzelnen Themen zugeordnet:
“Pharaonen des Alten, Mittleren und Neuen Reichs” - bietet Bildnisse wichtiger Pharaonen
“Familie und Privatleben” - hier ist unterstreicht unter anderem ein steinerner Toilettensitz ganz prosaisch die menschlichen Aspekte des Pharaodaseins
“Hof des Pharaos” - gibt Einblicke in den Beamtenstab
“Religion” - imposant leitet der Kolossalkopf des Echnaton zu seinem Nachfolger über
“Gold des Pharaos” - zeigt die Goldmaske des Psusennes, die als durchaus eindrucksvoller Ersatz für die des Tutanchamuns dient, die Kairo nicht mehr verlassen darf
“Vorkammer” - ab hier begegnet man ausschließlich Funden aus dem Grab des Tutanchamun
“Anbau” - der geweißte Holzstuhl
“Schatzkammer” - ist der kleine Kanopensarg des Tutanchamun zu sehen
“Grabkammer” - zeigt ausgewählte Objekte darunter die goldenen Sandalen und je einen Satz der goldenen Finger- und Zehenhülsen
“Schicksal des Pharaos” - macht mit politischen Praxis monumentaler Resteverwertung anhand des nach dem Tode des Tutanchamuns mehrfach umbenannten Kolossalstatue vertraut

Rund 140 fantastische Objekte geben einen streiflichtartigen Überblick zu den Pharaonen. Der Schwerpunkt im zweiten Ausstellungsteil liegt auf dem Grab Tutanchamuns. Ausgewählte Objekte geben Einblick in Alltagsleben, Jenseitsglauben und Totenkult des jung verstorbenen Pharaos gleichermaßen. Alles in allem recht hübsch und interessant, aber definitiv überbezahlt.

Im ersten Raum wird ein Werbefilm für die Ausstellung gezeigt. Vielleicht dient er dazu, um die Besucherströme zu unterbrechen, Gruppen einen Vorsprung zu geben und die Wartezeit zu verkürzen. Informativ ist er nicht, schließlich hat man sich ja schon aufgrund einer spezifischen Erwartungshaltung eine Eintrittskarte gekauft und braucht keinen auf drei Schirme verteilten Trailer mehr, um die Ausstellung zu besuchen. Der gesprochen Text des Films ist Deutsch, die Untertitel sind Englisch. Gehörlose BesucherInnen werden davon wenig profitieren. Der erste Eindruck entspricht der üblichen Ausstellungsgestaltung für “Schatz/Gold und/oder Archäologie/Ägyptologie”: Schummrige Lichtverhältnisse und überwiegend beige-braunes Farbkonzept ist alles andere denn innovativ. Aber immerhin weckt es sofort Erinnerungen an Howard Carter der bei Betreten der Vorkammer gesagt haben soll: “…als meine Augen sich an das Licht gewöhnt hatten, konnte ich langsam Einzelheiten der Kammer sehen….”

Inszenierung wird man vergeblich suchen und dafür mit klobigen transportfähigen Klimavitrinen konfrontiert sein, die Nützlichkeit über Design stellen und den abgegriffenen Charme der späten 70er bis frühen 80er Jahre verbreiten.

Ich bin eine (einsame) Gegnerin von Audioguides. Geräte, die sich tausende Menschen vor mir an ihre Ohren gehalten, übergestülpt oder hineingesteckt haben, und seither vermutlich nicht gereinigt wurden, finde ich abstoßend. Abgesehen davon, bin ich eine extrem schnelle Leserin und bevorzuge Raum-, Bereichs- und Objekttexte, die präzisen und pointierten Einblick bieten. Hier kann ich nach eigenem Ermessen lesen und betrachten ohne darauf zu warten bis der Audioguide es endlich - hoffentlich - auf den Punkt bringt. Aber vielleicht sind die Geräte gerade für diese Ausstellung empfehlenswert, die gedruckten Texte sind es leider nicht. Von den üblichen Kritikpunkten, die das wie immer schwer lesbare Layout (zu klein, zu wenig kontrastreich und von barrierefrei keinen Spur) betreffen, ganz abgesehen, sind die Texte miserabel aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt worden. Damit ist nicht gemeint, dass sich Schreibfehler und neue oder alte Rechtschreibung abwechselnd durch die Texte ziehen. Bedauerlicherweise hat anscheinend kein deutschsprachiger Ägyptologe die Texte jemals auf ihren fachliche Richtigkeit überprüft, sondern ein Übersetzer ohne thematische Sachkenntnisse ins Deutsche Übertragenes geliefert. Hier einige Kostproben: Aus “beads” werden völlig irreführend “Kunstperlen”, statt die Materialbezeichnung (z. B. Lapislazuli) in Kombination mit dem deutschen Universalwort “Perle” bzw. die korrekten Ansprache des betreffenden Objekts zu wählen. Aus “openwork” wird “Flechtwerk” statt “Durchbruchsarbeit” nicht nur bei der wunderbaren Gürtelbeschlag (immerhin wurde “plaque” nicht mit “Zahnbelag” gleichgesetzt). Auch wird man den Horusfalken vergeblich “auf dem Stuhl sitzend” vorfinden, sondern ihn als Durchbruchsarbeit (!) der Rückenlehne bewundern können. Einen Kanopendeckel als “Stopfen” zu bezeichnen, hat zumindest Unterhaltungswert, was das ab und an aufblitzende “Denglisch” definitiv nicht hat. Qualität geht über Quantität ist eine lobenswerte Devise. Leider kann die unbestreitbare Qualität der Objekte über die unsensible und schlampige Präsentation nicht hinwegtäuschen.

Durch ein “leeres Kammerl” verlässt man die Schau und betritt blinzelnd die helle Halle des Museums. Ein letzter Blick gilt den naturwissenschaftlichen Untersuchungen an der Mumie, die in einer Nische untergracht sind. Einige Wandtafeln und eine filmische Präsentation wird alle jene erfreuen, die die diversen Berichte, Dokumentationen und Filme, die regelmäßig durch die TV-Kanäle geistern, noch nicht gesehen haben.

Was erwartet man, wenn man als Erwachsener 18,00 € oder als Familie mit zwei Kindern 43,00 € für den Eintritt bezahlt hat? Egal ob die Karten vorbestellt oder unter den wenig tutanchamunmäßigen aber dafür pyramidenförmigen Zelten vor dem Museumseingang erworben wurden, sie gelten nur für ein schmales Zeitfenster, das man nicht versäumen darf, sonst bleibt man um viel Geld ärmer und eine böse Erfahrung reicher vor der Tür. Man erwartet viele eindrucksvolle Objekte zu sehen, eine spannende Inszenierung und natürlich einen informativen Mehrwert. Was man nicht erwartet, ist enttäuscht und vom amerikanischen Personal auf englisch angesprochen zu werden. Übrigens lassen Sie ihre kleineren Kinder lieber daheim. Die Ausstellung bietet schlicht und ergreifend dem jungen Einzelbesucher nichts außer dem unvermeidbaren Shop, der einem ägyptisierten Plastikdisneyland gleicht und nur wenige und dafür englische Publikationen anbietet.

Am besten ist sowieso, wenn Sie Ihr Geld für einen ebenso erholsamen wie genuss- und kulturreichen Urlaub in Ägypten ausgeben. Letztlich werden Sie für viel weniger Geld mehr Tutanchamun - und alle anderen Pharaos samt ihren Lebensräumen und Sterbestätten - geboten bekommen als Sie konsumieren können. Selbst der Touristenkitsch ist in Ägypten besser, aber vielleicht werden einige Fußballfans an den plüschigen Pharonenhauben oder Indiana-Jones-Hüten gefallen finden…

© S. Strohschneider-Laue

Katalog Tutanchamun Tutanchamun, Katalog zur Ausstellung

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Raoul Korty

Freitag, 11. April 2008

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Österreichische Nationalbibliothek
Zur Erinnerung an schönere Zeiten…

29. Februar bis 13. April 2008

Raoul Korty in der Uniform des Husarenregiments Nr.5, 1919 © Österreichische Nationalbibliothek Der Ausstellungstitel greift die Widmung auf, die Raoul Korty unter sein Porträt in Husarenuniform schrieb. Entstanden ist die Aufnahme 1919 als der Krieg vorbei, die Monarchie abgelöst und die kaiserliche Uniform bereits Geschichte war. Er blieb Offizier und Lebemann. Seine Einstellung Ich habe den Rock des Kaisers getragen, da werde ich Hitler nicht fürchten wurde ihm 1944 schließlich zum Verhängnis. Auch Raoul Korty überlebte Auschwitz nicht.

Carte de Visite: Beidseitig betrachtbar 1865 © Österreichische NationalbibliothekCarte de Visite: Beidseitig betrachtbar 1865 © Österreichische Nationalbibliothek Der Stammhalter des wohlhabende Kaufmanns Siegfried Hermann Kohn, der 1896 den Namen Korty(i) annahm, wurde am 4. Februar 1889 in Wien geboren. Die Erziehung des jungen Raoul dürfte wohl der Zeit entsprochen haben, dennoch blieb die vom Vater gewünschte Entwicklung aus. Raoul entpuppte sich bereits in früher Jugend als besessener Fotosammler. Ein Ratenkauf, um an eine bedeutende Fotosammlung zu gelangen, endete beim Anwalt. Briefe der Mutter an den 12jährigen sind wohl nicht umsonst mit Sammler oder Ansichtskartenkrampfinhaber betitelt und mahnen brav und fleißig zu sein. Die 50.000 Damenporträts aus einem Nachlass, den er mit dem väterlichen Geld erwarb, werden ebenfalls nicht zur Bewahrung des häuslichen Friedens - angeblich hat aufgrund des Chaos das Stubenmädchen gekündigt - beigetragen haben.

Schauspielerin Mizzi Palme, um 1900 © Österreichische Nationalbibliothek Der junge Sammler beendete die Realschule und trat in die Wiener Kunstakademie ein, die er aber durch Eintritt in den Präsenzdienst und Ausbruch des Ersten Weltkrieg nicht beendete. Korty kehrte als Oberstleutnant heim, er war während des Krieges mit einer silbernen Tapferkeitsmedaille 2. Klasse ausgezeichnet worden. Ohne Ausbildung aber mit einer begüterten Familie war die Rückkehr ins bürgerliche Leben für Raoul Korty sicher leichter als für viele andere Heimkehrer. Seine Leidenschaft für Fotografie legte die Gründung des Fotoateliers Gorgette nahe. Keine kluge Entscheidung. Exzessive Sammler sind Süchtige. Ein Jahr später stand das Studio bereits vor dem Ruin. Foto(sammel)leidenschaft und organisiertes wirtschaftliches Denken scheinen sich bei Raoul Korty ausgeschlossen zu haben, obwohl das Atelier nicht unproduktiv gewesen war. Um 20.000 Kronen war Vaters Geldbeutel schmaler geworden als die Firma 1929 aufgelöst wurde. Nach seiner Heirat mit einer Nichtjüdin blieb ihm Vaters Geldbeutel verschlossen. Andererseits war die Sammlung auf rund 250.000 Fotos angewachsen. Das erste große Fotoarchiv auf das Printmedien zugreifen konnten, begann Geld einzubringen. Allerdings nicht genug. In den 30er Jahren begannen Korty aus Geldnot Teile seiner Sammlung zu verpfänden und zu verkaufen. Mit dem Anschluss Österreichs brach die Welt um ihn zusammen. Zu spät dachte er an Emigration. Am 28. Oktober 1944 wurde der Sammler und Chronist einer versunkenen Zeit Raoul Korty nach Auschwitz deportiert.

Sammlung Raoul Korty ab 1939 in der ÖNB © Österreichische NationalbibliothekUnter den nahezu 500.000 Objekte, die durch die Beschlagnahmungen während des Nationalsozialismus in die Österreichische Nationalbibliothek gelangten, befanden sich auch die letzten 30.000 Fotos, die Raoul Korty noch geblieben waren. Seit 1939 harrten sie in Transportkisten verpackt ihrer Wiederentdeckung. Es ist gut bekannt und wenig diskutiert, dass Österreich besonders vergesslich mit der Zeit des Nationalsozialismus umgeht. Die Gedächtnislücken sind besonders ausgeprägt, wenn es um die Rückgabe von Raubgut geht. Die Österreichische Nationalbibliothek hat sich auch nicht beeilt. Bereits 1946 nahmen die Hinterbliebenen von Raoul Korty mit den Verantwortlichen für die Rückstellung auf, aber erst 66 Jahre nach der Beschlagnahmung wurde die Fotosammlung der Tochter Kortys rechtmäßig abgekauft. Erfreulich ist, dass die Österreichische Nationalbibliothek sich ihrer unrühmlichen Erwerbsstrategien in aller Offenheit stellt und gemäß des Kunstrückgabegesetzes von 1998 endlich agiert.

Bearbeitung: 30.000 Bilder, 2007 © Österreichische Nationalbibliothek Seit 2007 wird die Sammlung Korty aufgearbeitet. Ein Katalog, auf den zurückgegriffen werden könnte, exitiert nicht; denn Raoul Korty hatte wie jeder besessene Sammler seine Objekte, deren Erwerb und die zugehörigen Hintergründe im Kopf. Der “spärliche” - gemessen an einst 250.000 Fotos - Bestand stellt somit eine große Herausforderung dar. Der Monarchist und Lebemann Korty spiegelt sich deutlich in seiner Sammlung. Der Schwerpunkt liegt auf Porträts von Adeligen und KünstlerInnen.

Non-Fiction

Michaela Pfundner, Margot Werner (Hg.)
Zur Erinnerung an schönere Zeiten
Bilder aus der versunkenen Welt des jüdischen Sammlers Raoul Korty
ÖNB 2008, 103 S. zahlr. Abb.
ISBN 978-3-01-000037-6

Katalog: Raoul Korty Die von 29. Februar bis 13. April 2008 im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek gezeigte Ausstellung Zur Erinnerung an schönere Zeiten. Bilder aus der versunkenen Welt des jüdischen Sammlers Raoul Korty wird der komplexen Thematik mehr als nur gerecht. Ausgehend von der Persönlichkeit Kortys spannt sich der Bogen über Adel, Gesellschaft, Bühne und Kurioses bis zum Sammlungsschicksal selbst. Übersichtlich struktruiert und äußerst ansprechend präsentiert, ist es eine Freude von Vitrine zu Vitrine zugehen und sich mit dem gut aufbereiteten Inhalt zu beschäftigen. Flüssige Texte, stimmig gewähltes Fotomaterial sowie einige Schmuck- und Bekleidungsstücke verdeutlichen die Lebenswelt Kortys und zeigen die informative Breite des Bestandes auf.

Die Ausstellungen im Prunksaal sind immer interessant, viele sind gelungen und immer zeigen sie Besonderes. Diese Ausstellung ist außergewöhnlich. Die exzellenten Texte und die frische Grafik stellen die rund 300 Fotos, deren Fülle man kaum bemerkt, nicht nur in einen informativen Zusammenhang, sondern sparen auch die Forschungsgeschichte nicht aus.
Definitiv eine Ausstellung bei der man keinesfalls auf den Katalog verzichten sollte. Die Persönlichkeit Kortys, das Sammlungsschicksal und die Bildauswahl werden so spannend vorgestellt, dass man den auch grafisch attraktiven Band erst aus der Hand legt, wenn man die rund 100 Seiten gelesen hat.

© S. Strohschneider-Laue

Raoul Korty
Franz Joseph I. in 100 Bildern
Kaiserin Elisabeth von Österreich in zweihundert Bildern

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Lucien Clergue

Freitag, 11. April 2008

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Lucien Clergue
Magie und Mythos

KunstHausWien 2007, Dt./Engl, 224 S. mit zahlr. Farb- und Sw-Abb.
ISBN 978-3-901247-17-0

Lucien Clergue, Magie und Mythos Lucien Clergue: Magie und Mythos. Ausstellungskatalog

Lucien Clergues Fotografien ist eine poetische Stille eigen, die zur Kontemplation über das prekäre Verhältnis von Mensch und Natur, Vergänglichkeit und Permanenz, einlädt. Zwischen den Polen Tod und Leben angesiedelt, gehören der Stierkampf und der weibliche Akt, das Wasser und der Sand zu den Leitthemen seines Lebenswerkes. Ein Querschnitt durch das Schaffen des 1934 in Arles geborenen Künstlers ist derzeit in einer rund 200 Arbeiten umfassenden Ausstellung des KunstHausWien sowie dem als Begleitbuch erschienenen Katalog “Lucien Clergue - Magie und Mythos” zu bewundern. Die reich bebilderte Publikation zeichnet in chronologischer Abfolge den künstlerischen Werdegang Lucien Clergues nach. Ein den Bildteil vorangestellter Essay von Karen Sinsheimer schildert die wichtigsten Stationen in der Biografie des vielfach ausgezeichneten Fotografen, der sich auch erfolgreich mit dem Medium Film beschäftigt.

In den Nachkriegsjahren erkundet Lucien Clergue mit seiner Kamera das zerbombte Arles und sein Umland. In den Ruinen der Stadt inszeniert er “tableaux vivantes” mit als Zirkusartisten verkleideten Kindern, deren starre Posen und Anordnung im Bildraum aus heutiger Sicht Assoziationen mit der Modefotografie wachrufen. In starkem Kontrast zu dieser, in ihrer Grundstimmung seltsam melancholisch wirkenden, Bildserie stehen die reportageartigen Fotografien der Zigeuner, die Lucien Clergue eine Zeit lang begleitet. Doch nicht nur der Mensch, auch die Natur fesselt den Fotografen. Seine Aufnahmen von sich im Wasser einer Überschwemmung spiegelnden Weinstöcken, von Maisstauden und der kargen Vegetation der Küste besitzen durch Nahsicht und die betonte Licht-Schatten-Wirkung eine abstrakte Qualität, die sie der modernen Malerei nahe bringt. Begegnungen mit Picasso und Jean Cocteau eröffnen dem jungen Fotografen neue Wege. Lucien Clergue entdeckt das künstlerische Potential des weiblichen Körpers. Der Frauentorso - von Wasser umspült, als Projektionsfläche für Zebramuster aus Licht und Schatten oder in Doppelbelichtungen mit historischen Gemälden kombiniert - wird für ihn zum bildlichen Symbol des Lebens.

Mit der “Sprache des Sandes”, einer Sammlung von Aufnahmen der von natürlichen und künstlichen Spuren gezeichneten Übergangszone zwischen Wasser und Land, erwirb der Meister der Schwarz-Weiss-Fotografie 1979 den Doktorgrad an der Universität von Marseille-Provence. Die behutsame Annäherung an die Farbfotografie erfolgt erst spät. 1981 beginnt Lucien Clergue mit einer Polaroid-Kamera zu experimentieren - mit überraschenden Resultaten. Zu Sequenzen aneinandergereiht, erhalten die kleinformatigen Farbbilder eine zusätzliche rhythmisch-grafische Dimension. Schließlich entstehen auch großformatige Arbeiten, die durch das Spiel mit Doppelbelichtungen eine geheimnisvolle Tiefe erhalten. Das Buch “Lucien Clergue - Magie und Mythos” stellt eine exzellente Einführung in das Werk des großen Fotografen dar. Wer es in Händen hält, sollte übrigens auf keinen Fall verabsäumen die Umschlagklappen aufzuschlagen. Hier sind insgesamt 108 weitere Fotos versteckt, die erahnen lassen, welche Schätze das Archiv des Künstlers noch birgt.

Die Ausstellung “Lucien Clergue - Der Dichter mit der Kamera”, seine erste Retrospektive in Österreich, ist bis 17.02.2008 im KunstHausWien zu sehen. Danach gastiert sie vom 07.03. bis 18.05.2008 im Graphikmuseum Pablo Picasso Münster und vom14.06. bis 20.07.2008 in der Städtischen Galerie Erlangen.

© Ch. Ranseder

Lucien Clergue: Magie und Mythos. Ausstellungskatalog

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