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Nardo y los Zapatitos de Oro

Sonntag, 09. Oktober 2011

ab acht

Sandra López
Nardo y los Zapatitos de Oro

Amiguitos 2011, 31 S., farbig illustriert (Nardo und die goldenen Schuhe erscheint 31.10.’11)
ISBN 978 3 9430 7911 1

Nardo und die goldenen Schuhe

Mit diesem Kinderbuch hat die Autorin Sandra López dem wohl berühmtesten Sportler Ecuadors ein literarisches Denkmal gesetzt. Jefferson Leonardo Pérez Quezada ist dreifacher Weltmeister und Olympiasieger in der Disziplin „Gehen”. Seine Goldmedaille 1996 war die erste Olympiamedaille, die ein Sportler aus Ecuador gewonnen hat. Bis heute ist er trotz wiederholter Verletzungen erfolgreicher Teilnehmer an Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen. Damit ist er zu einem Idol einer ganzen Nation geworden.

Jefferson „Nardo” Peréz stammt aus einem ärmlichen Vorort der ecuadorianischen Stadt Cuenca. Sein Vater ist früh verstorben, seine Mutter musste 5 Kinder alleine aufziehen, die neben der Schule alle mithelfen mussten, die Familie finanziell über Wasser zu halten. Kinderarbeit steht in diesem Viertel und vielen anderen Gegenden Lateinamerikas ganz selbstverständlich auf der Tagesordnung. Das Buch begleitet den achtjährigen Nardo, wie ihn seine Mutter nannte, und seinen sechsjährigen Bruder Fabian auf einem sehr kurzen Stück ihres Weges. Es sind die letzten Ferienwochen, bevor Fabian eingeschult wird und auch für Nardo ein neues Schuljahr beginnt.
Die Schuluniformen sind bereits unter großen Entbehrungen angeschafft. Der größte Wunsch der beiden Kinder sind dazu passende neue Schuhe, wie sie in einer Auslage ein Paar gesehen haben.
Die Geschichte schildert, wie die beiden gemeinsam mit Ausdauer, maximalem Einsatz und Fleiß zusätzlich Geld verdienen, um diese Schuhe, die für sie „den Preis von Gold” haben, kaufen zu können. Rückschläge und Enttäuschungen bleiben ihnen nicht erspart, doch am Ende erreichen sie ihr Ziel.

Die Form des Kinderbuches wurde wohl gewählt, weil mit dieser wahren Geschichte den Kindern und Jugendlichen aus armen und meistens tristen Verhältnissen Mut gemacht werden soll. Es soll gezeigt werden, dass auch Ihnen alle Möglichkeiten offenstehen, wenn sie ein Ziel vor Augen haben, für das sie bereit sind, Entbehrungen in Kauf zu nehmen und konsequent daran arbeiten, es zu erreichen. Die Geschichte vermittelt auch den Wert von Freundschaft und vom Zusammenhalt der Familie und lässt nicht unberücksichtigt, dass es auf dem Weg zum Erfolg oft Helfer und Förderer gibt, die in diesem Buch Schutzengeln genannt werden.

Der Erfolg dieses Buches in Ecuador ist zweifellos mit dem Namen des berühmten Sohnes dieser Nation verbunden. Das Erscheinungsdatum 2009, also nach dem Gewinn der zweiten Olympiamedaille (olympisches Silber 2008 in Peking) spielt dabei natürlich eine wichtige Rolle. Für die deutsche Übersetzung würde ich die Erwartungen nicht zu hoch schrauben und vor allem ist dieses Buch aus meiner Sicht in unserem Kulturkreis keinesfalls für Kinder in der Altersklasse, an die es sich aufgrund des sprachlichen Niveaus und der Illustrationen richtet, geeignet. Die Lebensumstände von Nardo und seiner Familie, Kinderarbeit von früh morgens bis spät abends mit guten Chancen, auf dem Heimweg überfallen und ausgeraubt zu werden, bedürfen einer Erklärung. Die idealisierende Darstellung der Lebenssituation der Menschen in diesem armen Viertel, die durch die fröhlichen Illustrationen verstärkt wird, ist zu hinterfragen.

Für Jugendliche kann man allerdings sowohl die deutsche Übersetzung und das spanische Original als Unterrichtsmaterial empfehlen, um die gesellschaftliche und wirtschaftliche Situation vieler lateinamerikanischer Länder zu erläutern.

Weltweiter Erfolg ist dem Buch jedenfalls zu wünschen, denn mit dem Erlös aus dem Verkauf wird die Jefferson Perez Stiftung unterstützt, die „Nardo” ins Leben gerufen hat, um Kinder und Jugendliche aus finanziell benachteiligten Schichten zu unterstützen. Er selbst hat neben seiner Sportlerlaufbahn auch ein Universitätsstudium abgeschlossen und nützt nun seinen Ruhm und seine finanziellen Möglichkeiten, um soziale Verantwortung für all jene wahrzunehmen, die noch dort stehen, wo auch er als Kind begonnen hat: am äußersten Rand der Gesellschaft.

© P. Kunz

Siehe auch:
Cantado y contado para los amiguitos. Spanisch für Kinder

El tesoro de cuentos / Der Märchenschatz: Cuentos y fábulas de España y Latinoamérica / Geschichten und Fabeln aus Spanien und Lateinamerika
El tesoro de cuentos / Der Märchenschatz: Hörbuch zum Buch CUENTOS Y FÁBULAS DE ESPAÑA Y LATINOAMÉRICA / Geschichten und Fabeln aus Spanien und Lateinamerika
- Rezension
fútbol en España / Fußball in Spanien - Rezension


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Fotografie: Trude Fleischmann

Donnerstag, 09. Juni 2011

Non-Fiction

Anton Holzer, Frauke Kreutler (Hgg.) 
Trude Fleischmann
Der selbstbewusste Blick | A Self-Assured Eye   

Hatje Cantz 2011, Dt./Engl., 199 S., zahlr. Sw-Fotos.
ISBN 978 3 7757 2780 8

Trude Fleischmann: Der selbstbewusste Blick

Trude Fleischmann (1895-1990) hatte ein Atelier in Wien, das von 1920 bis zu Ihrer Flucht 1938 ein kultureller Treffpunkt war. Porträts, Tanz, Mode und Werbung, aber auch Reisemotive standen im Mittelpunkt ihrer Tätigkeit. Die rasche Umwegrentabilität von Promifotos und Skandalbildern, die Bekanntheitsgrad steigern und Business ankurbeln, ist heute hinlänglich bekannt. Damals wurde ähnlich gearbeitet, aber zumeist nicht mit ganz so schnellem Effekt. Die Aktfotografien der Tänzerin Claire Bauroff, die erst durch die polizeiliche Beschlagnahmung in Berlin sprunghaft an Bekanntheitsgrad gewannen, verhalfen jedenfalls beiden Frauen zu nachhaltigem Erfolg. Das Wien Museum kaufte bereits 1936 Fotografien aus ihrer Atelier für die Sammlung an.

Nach dem Anschluss Österreichs beantragte Trude Fleischmann ein Ausreisevisum. Sie wurde enteignet und verließ mit nur wenig persönlicher Habe 1938 Wien. Sie emigrierte in die USA, wo es Ihr gelang eine neue Existenz in New York aufzubauen. Trude Fleischmann hatte Glück im Unglück - nicht allen Wiener Fotografinnen jüdischer Herkunft war dasselbe Schicksal beschieden.

Die Begleitpublikation zur gleichnamigen Ausstellung im Wien Museum hat über diese hinaus Bestand. Zweisprachig abgefasst, zeigt es überwiegend im Bestand des Museums befindliche Fotografien. Es gab sie auch schon zu dieser Zeit: Frauen hinter der Kamera und mit eigenem Studio. Schön, dass einer dieser - überraschend zahlreichen - Atelierfotografin eine Ausstellung und ein Katalog gewidmet wurde. Fotografinnen aus der Zwischenkriegszeit, deren Werke im Katalog abgebildet sind - Edith Barakovich, Marianne Bergler, Stephanie Brandl, Papa Feldscharek, Trude Geiringer, Edith Glogau, Kitty Hoffmann, Dora Horowitz, Dora Philippine Kallmus, Hella Katz und Grete Kolliner -, werden ebenfalls mit biografischen Notizen gewürdigt. Beiträge von Astrid Mahler, Frauke Kreutler, Anton Holzer, Marion Krammer, Heike Herrberg informieren über Leben und Werk von Trude Fleischmann sowie fotografisches und kulturelles Umfeld jener Zeit.

Ein umfangreiches Literaturverzeichnis rundet den exzellenten Katalog ab. Eine gelungene, da ebenso gut gegliederte wie flüssig abgefasste, Pflichtlektüre zur Fotografie, Zeitgeschichte und Frauenforschung. Dass das Gesamtlayout die Fotografien stimmig begleitet und ein harmonischen Gesamteindruck erzeugt, ist ein zusätzlicher Bonus.

© S. Strohschneider-Laue

Trude Fleischmann: Der selbstbewusste Blick

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Ehrengrab: Ida Pfeiffer

Montag, 16. Mai 2011

Notiz

Weltreisende
Ida Pfeiffer

Ida Pfeiffer © Sistlau 2007

Auf dem Wiener Zentralfriedhof befindet sich das Ehrengrab von Ida Pfeiffer. Sie wurde 1797 in Wien geboren und durch ihren Vater mehr intellektuell gefördert, als es der Mutter lieb war. Nach dem Tod des Vaters bereitete die realistisch denkende Mutter die kleine Ida auf das typische Frauenschicksal jener Zeit vor: ordentliche Hausfrau, treue Gattin, fürsorgliche Mutter. Aber Idas Ehe scheiterte, die  zwei Söhne zog sie alleine auf. Mit 45 Jahren war sie endlich frei, frei ihre erste lang ersehnte Reise anzutreten. Es folgten 16 ebenso entbehrungsreiche wie abenteuerliche - aber sicher auch geistig erfüllte - Jahre für Ida Pfeiffer. Sie reiste, forschte, sammelte, schrieb Bücher und pflegte Kontakte zu führenden Wissenschaftern. 1858 starb sie völlig geschwächt, nachdem sie von Madagaskar zurück nach Wien gekommen war.

Ida Pfeiffer vollbrachte zu einer Zeit als Frauen gar nichts zugebilligt wurde mehr als ihre Zeitgenossen. Sie reiste und sammelte ethnografische und naturkundliche Objekte ohne jene generösen Förderungen - selbst Konservierungsmaterialien wurden abgelehnt -, die Männern mit geringeren Potenzial und großem Eigenkapital oft unbeantragt zuteil wurden. Viele Museen, darunter das Naturhistorische Museum und das Museum für Völkerkunde in Wien, verdanken ihr tausende Objekte.

Ida Pfeiffer Ehrengrab Zentralfriedhof wien, Gruppe 0, Reihe 1, Nummer 12 © Sistlau 2007

Und ich frage mich:
Was hat es Ida Pfeiffer zu Lebzeiten genutzt, dass es heute veschiedene Arten -  Palaemon idae (Garnele), Myronides pfeifferae (Stabheuschrecke), Vaginula idae (Schnecke), Rana idae (Frosch) - nach ihr benannt sind?
Was hat es Ida Pfeiffer zu Lebzeiten gebracht, dass ihr Leichnam auf massives Drängen des “Vereins für erweiterte Frauenbildung” vom Friedhof St. Marx in eines der Ehrengräber, die nur dazu dienten Wienern den entlegenen Friedhof schmackhaft zu machen, umgebettet wurde?
Gibt es Hoffnung, dass jemals angemessen nach tatsächlicher Leistung, aber nicht nach politischen und persönlichen Kriterien gefördert wird?

© S. Strohschneider-Laue

siehe dazu auch:
Eine Wiener Biedermeierdame erobert die Welt: Die Lebensgeschichte der Ida Pfeiffer (1797 - 1858)
Eine Frau fährt um die Welt: Die Reise 1846 nach Südamerika, China, Ostindien, Persien und Kleinasien
Verschwörung im Regenwald: Die Reise nach Madagaskar
Abenteuer Inselwelt - Die Reise 1851 durch Borneo, Sumatra und Java
Nordlandfahrt: Eine Reise nach Skandinavien und Island im Jahre 1845
Ida Pfeiffer: “Wir leben nach Matrosenweise”: Briefe einer Weltreisenden des 19. Jahrhunderts

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Welten in der Schachtel

Donnerstag, 12. Mai 2011

Non-Fiction

Welten in der Schachtel
Mary Bauermeister und die experimentelle Kunst der 1960er Jahre
Kerber 2010, 176 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8667 8449 9

Welten in der Schachtel: Mary Bauermeister

Im Mittelpunkt des Buches “Welten in der Schachtel. Mary Bauermeister und die experimentelle Kunst der 1960er Jahre ” stehen die sog. Linsenkästen, die eine Schlüsselstellung im Œuvre der Künstlerin einnehmen. Der Konzeptkunst zuzuordnen, ist diese Werkgruppe gekennzeichnet durch das Spiel von Transparenz und Dichte, Nahsicht und Distanzierung, räumlicher Beschränkung und Sprengung derselben durch die Einbeziehung von Betrachter, Rahmen oder angrenzender Wandfläche.

Mary Bauermeister machte sich in den 1960er Jahren die Schachtel als künstlerisches Medium zu eigen. Durch ihre unverwechselbare visuelle Sprache, die den Zeitgeist der Epoche einfängt, und eine humorvolle Absurdität setzen sich die Arbeiten Bauermeisters klar von den Werken ihrer männlichen Kollegen, die sich ebenfalls der Box bedienten, ab. Es war ein glücklicher Zufall, der die Künstlerin 1961 in einem Antiquitätengeschäft den Nachlass eines Uhren- oder Brillenmachers entdecken ließ. Inspiriert durch diesen Fund begann Mary Bauermeister Uhrgläser, Lupen und Linsen in ihre Arbeiten zu integrieren. Das Ergebnis waren geheimnisvolle, mit Tuschezeichnungen und Texten überzogene Kästen, in deren dreidimensionalem Innenraum Kugeln zu schweben schienen. Durch eine gläserne Barriere dem Zugriff der Betrachter entzogen, konnte dennoch mittels auf der Glasplatte aufliegender Linsen jedes Detail der tragbaren Installation gemustert werden.

Mit diesen sog. Linsenkästen gelang Mary Bauermeister, die 1962 nach New York ging, ausgehend von Amerika der künstlerische Durchbruch. In dem reich illustrierten Buch “Welten in der Schachtel”, das anlässlich einer gleichnamigen Ausstellung erschien, wird diese Werkgruppe erstmals umfassend präsentiert und in den Kontext der im Rahmen der Konzeptkunst der 1960er und 1970er Jahre bespielten mobilen Kleinräume gestellt.

Die Idee des Mikrokosmos in der Schachtel hat eine lange Tradition. Alexander Eiling gibt in seinem Essay “Welten in der Schachtel. Vom Reliquienkasten zur Boîte-en-Valise” einen Überblick über die mannigfaltigen Ausprägungen der Kunst im Kästchen.

Kerstin Skrobanek verfolgt in “Welten in der Schachtel. Mary Bauermeister und die experimentelle Kunst der 1960er Jahre” Genese und Entwicklung der sog. Linsenkästen und untersucht deren Stellung im Rahmen der experimentierfreudigen, konzeptorientierten Kunst dieser Zeit.

Mary Bauermeister reüssierte nicht nur als Künstlerin, sondern spielte auch als Gastgeberin für die Kölner Kunstszene eine bedeutende Rolle. Wulf Herzogenrath spürt in “Die Geburt der Kunstmetropole Köln im Atelier von Mary Bauermeister 1960″ den Performances, Ausstellungen, Konzerten und geselligen Treffen des Kreises um Mary Bauermeister und ihrem späteren Ehemann Karlheinz Stockhausen nach.

Als Ergänzung der Essays widmen sich sechs als “Boxen” betitelte Kurztexte Aspekten der künstlerischen Auseinandersetzung mit Schachteln, Kisten und Boxen aller Art, die in den 1960er Jahren eine Blütezeit erlebte. Eine ausführliche von zahlreichen Fotos begleitete Biografie Mary Bauermeisters bildet den Schlusspunkt des in deutscher und englischer Sprache verfassten Buches.

“Welten in der Schachtel. Mary Bauermeister und die experimentelle Kunst der 1960er Jahre” ist die späte Würdigung der einzigartigen Arbeiten einer eigenwilligen Künstlerin.  

© Ch. Ranseder

Welten in der Schachtel: Mary Bauermeister

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von Humboldt: Schönheit, Grazie und Geist

Donnerstag, 28. April 2011

Non-Fiction

Beate Neubauer
Schönheit, Grazie und Geist
Die Frauen der Familie Humboldt
edition ebersbach 2010², 144 S., 6 Sw-Abb.
ISBN 978 3 9387 4039 2

Schönheit, Grazie und Geist

Lebensgeschichten von Frauen werden gerne im Kombipack angeboten. In Sammelbänden über Literatinnen, Entdeckerinnen, Gärtnerinnen oder Malerinnen geben sich die, vorzugsweise Kreativen, Pionierinnen ein Stelldichein. In dem hübschen Buch “Schönheit, Grazie und Geist. Die Frauen der Familie Humboldt” sind es adelige Damen mit berühmten Namen, die ins Licht der Aufmerksamkeit gerückt werden. Beate Neubauer folgt den Lebensläufen von fünf Frauen der kinderreichen Familie Humboldt, die über vier Generationen das Schicksal der Dynastie mitbestimmten. 

Die Erfolgsgeschichte beginnt mit Marie Elisabeth (1741-1796), der Strategin. Die reiche Bürgerstochter heiratet 18-jährig in den Adel ein. Nach dem Tod des ersten Mannes ehelicht die gutsituierte Witwe 1766 den, noch sehr jungem Adel entstammenden, Alexander Georg von Humboldt, der gute Verbindungen zum Hof in die Beziehung einbringt. Durch die Vereinigung beider Vermögen finanziell unabhängig geworden, lassen die Eltern ihren Söhnen, den später berühmten Alexander und Wilhelm, eine umfassende Bildung angedeihen, um sie für den Staats- und Hofdienst Preußens vorzubereiten.

Caroline (1766-1829), die Lebenslustige, lernt Wilhelm kennen und lieben. Sie ist der Star des Buches. Lebte sie heute, würde sie als Vertreterin des Jetsets der Yellow Press vermutlich viel Freude bereiten. Im Geist der Aufklärung erzogen und für die Literatur des Sturm und Drang entbrannt, begegnet sie ihrem späteren Ehemann auf gleicher Augenhöhe. Durch Wilhelms Erbe finanziell abgesichert, widmen sich die Eltern von acht Kindern der Persönlichkeitsbildung. Die junge Familie und ihre Dienerschaft ist viel unterwegs und lebt lange im Ausland. Aus beruflichen Gründen ist Wilhelm oft jahrelang von seiner Frau getrennt und bleibt ihr dennoch innig verbunden. Die emotionale, extrovertierte Caroline führt in Rom, Paris und Wien einen Salon und glänzt als Gastgeberin. Auch als Kunstkennerin vermag sie sich zu etablieren.

Ihre Tochter Adelheid (1800-1859), die Managerin, erbt Carolines Organisationstalent. Resolut und praktisch veranlagt, zeigt sie früh Interesse an Haushaltsführung. Das ist ein Glück, denn sie wird bereits mit 14 Jahren verheiratet. Ihr Leben verläuft in konventionellen Bahnen. Sie managt nicht nur das Personal ihres eigenen Haushalts, sondern auch das der Mutter auf Schloss Tegel, wenn diese abwesend ist. Selbst kinderlos, kümmert sie sich zeitweise sogar um das Wohlergehen der Sprösslinge ihrer Schwester Gabriele.

Gabriele (1802-1887), die Diplomatengattin, konzentriert sich als Ehefrau Heinrich von Bülows, den sie mit 19 Jahren heiratet, auf ihre Repräsentationspflichten. Die Mutter von sieben Kindern erweist sich als versierte Gastgeberin und ist, dank hervorragender Kenntnisse der Etikette und ihrer Nähe zum Hof, als Beraterin in gesellschaftlichen Belangen gefragt.

Deren Tochter Constance (1832-1920), die anpassungsfähige Introvertierte, gilt als Schönheit. Sie wirkt kühl, gefühlsbeherrscht und ist überaus lernfähig. Als brave Ehefrau und Mutter von drei Kindern führt sie ein konventionelles, auf die Familie und ihre hofnahen Freundschaften ausgerichtetes Leben. Mit 35 ist Constance Witwe, finanziell unabhängig, und nach dem Tod ihrer Mutter auch Herrin auf Schloss Tegel. Die letzte der Geschwister Bülow und Bewahrerin des Humboldt´schen Erbes stirbt 1920, am Ende einer Ära.

Das Buch “Schönheit, Grazie und Geist”, dessen zeitlicher Rahmen sich von der Aufklärung bis zum Ende der Vorherrschaft des Adels nach dem Ersten Weltkrieg spannt, zeigt den Stellenwert von Töchtern in der Familienpolitik. Durch Heiraten werden nicht nur Vermögen und Besitz vermehrt, sondern auch Netzwerke aufgebaut, die dem gesellschaftlichen Aufstieg dienlich sind. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Was das Buch interessant macht, ist der lange Beobachtungszeitraum weiblichen Schaltens und Waltens. Denn die unterschiedlichen Lebensentwürfe der fünf Frauen spiegeln die gesellschaftlichen Werte einer privilegierten Klasse im Wandel der Zeiten. Schwerpunkte und Interessen verschieben sich von Generation zu Generation - weg vom Bildungshunger, hin zur Beschäftigung mit sich selbst und dem gesellschaftlichen Leben im Umkreis des preußischen Hofes.

Mit flinker Feder beschreibt Beate Neubauer beschauliche Phasen sowie Höhe- und Tiefpunkte im Leben der porträtierten Frauen, die durch Zitate aus ihrem umfangreichen Briefwechsel auch selbst zu Wort kommen. Ein Stammbaum rundet das, mittlerweile in seiner zweiten Auflage vorliegende, Buch über die Frauen der Familie Humboldt ab.

© Ch. Ranseder

Schönheit, Grazie und Geist

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Leben im Zoo

Donnerstag, 10. März 2011

Non-Fiction

Lukas Beck (Foto), Renate Pliem (Text)
Leben im Zoo
Vom Ameisenbär bis Zebrastreifen

echomedia 2011, 160 S., zahlr. Farbfotos.
ISBN 978 3 9026 7237 7

Leben im Zoo Das Leben im Zoo 

Der älteste, seit 1752 bestehende Zoo ist der Tiergarten Schönbrunn in Wien. Seit seinem Bestehen hat sich die Anlage in Etappen von einer Menagerie für Schaulustige zu einer Bildungsoase für BesucherInnen, Zentrum für ForscherInnen und einem Ressort für vom Aussterben bedrohter Tierarten entwickelt. Nicht von ungefähr wurde daher der Tiergarten Schönbrunn 2011 unter 80 europäischen Zoos in 21 Ländern, die der britische Geschäftsmann und Zooliebhaber Anthony Sheridan akribisch testete, nach 2009 erneut zum besten Zoo gewählt.

Forschung, Ökonomie und Außenkommunikation sind die drei Standbeine, die einem wissenschaftlich geführten Zoo mit dem Ziel der artgerechten Haltung die nötige Stabilität verleihen. Zur Umsetzung dieser Ziele sind geschulte Fachkräfte und eine visionäre Leitung nötig. Die TierpflegerInnen und ihre Pfleglinge stehen deshalb erstmals im Mittelpunkt eines Bildbandes, der inhaltlich vom Originalton der Hauptprotagonisten vor und hinter den Kulissen getragen wird.

Der Fotograf Lukas Beck zollt jedem Motiv, jedem Porträtierten den gleichen Respekt. Er macht deshalb keinen Unterschied, ob er österreichische Prominenz oder tierische Exoten fotografiert. In punktgenauem Licht werden Pfleger und “ihre” Tiere zu solch genialen Einheiten verschmolzen, dass sie zuweilen an Hochzeitsbilder erinnern. Einander herzlich zugetane Paare, die in den gemeinsamen Jahren liebenswert-obskure Ähnlichkeiten entwickelt haben.

Die Radiojournalistin Renate Pliem hat den PflegerInnen zugehört und ihren O-Ton festgehalten. In den so entstandenen Texten offenbaren sich Beruf und Berufung, Sachkenntnis und anekdotenhafter Spaß. Obwohl von den PflegerInnen jeweils ein persönlich erzählter Minieinblick geboten wird, kommt das tief gehende Verständnis für die Schnittpunkte von Pflege, Forschung und Öffentlichkeit im Rahmen der ökonomischen Möglichkeiten des Tiergartens Schönbrunn zwischen den Zeilen nicht zu kurz.

Erwähnt werden muss noch das erfrischende Layout von Elisabeth Waidhofer. Je eine Doppelseite, bestehend aus einer Textseite und einem großformatigen Foto, werden jedem Mensch-Tier-Team gewidmet. Gradlinig strukturiert, kommt der Weißraum nicht zu kurz. Das große und klare Schriftbild in harmonisch abgestimmtem sowie unauffällig wechselndem Farbkonzept steht unterstützend gleichberechtigt an der Seite von Text und Fotografie des Bandes.

Ein erschwinglicher und attraktiver Pflichtkauf für JahreskartenbesitzerInnen, Zoobegeisterte und junge Menschen, die den Beruf des Tierpflegers ernsthaft in Erwägung ziehen. Alle anderen werden das Buch haben wollen, weil sie sich der einzigartigen Beziehungen zwischen Wildtieren und Menschen, die über Text und Fotos transportiert werden, nicht entziehen können.

© S. Strohschneider-Laue

Das Leben im Zoo: Von Ameisenbär bis Zebrastreifen

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The Book of Palms

Donnerstag, 03. März 2011

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Carl Friedrich Philipp von Martius
The Book of Palms
H. Walter Lack (Text)
Taschen 2010, Dt./En./Fr., 412 S. zahlr. Farbtafeln
ISBN 978 3 8365 1779 9

Martius - Book of Palm

Dreißig Jahre mussten sich Botaniker und Sammler erlesener Bücher gedulden, bis sie 1853 endlich die vollständige Historia naturalis palmarum des Carl Friedrich Philipp von Martius ihr Eigen nennen konnten. Heute geht das, dank des Taschen Verlages, schneller. Ein Spaziergang in die nächstgelegene Buchhandlung genügt, um “The Book of Palms” in Händen halten zu können.

Carl Friedrich Philipp von Martius (1794-1868) fasste in seinem Buch das damals über Palmen verfügbare Wissen zusammen und legte mit der monumentalen Publikation den Grundstein für deren weitere Erforschung. Auslöser für seine intensive Auseinandersetzung mit diesen exotischen und dennoch auf den ersten Blick recht unscheinbaren Gewächsen war eine Fernreise. Dem promovierten Mediziner, der sein Hobby - die Botanik - mit einer Anstellung im Münchner botanischen Garten zum Beruf gemacht hatte, bot sich 1817 die Gelegenheit, an einer Expedition nach Brasilien teilzunehmen. Gemeinsam mit dem Zoologen Johann Baptist Spix wurde Martius von Maximilian I. Joseph, König von Bayern, als Mitglied des wissenschaftlichen Teams, das die österreichische Erzherzogin Leopoldine zu ihrem Gatten Dom Pedro begleitete, nach Brasilien entsandt. Die beiden Bayern gingen bald ihre eigenen Wege, um das damals noch kaum erforschte Land zu erkunden. Erst 1820 kehrten sie mit einer stattlichen Sammlung konservierter Tiere und Pflanzen nach München zurück.

Für Martius bedeutete seine Auslandserfahrung den Beginn einer steilen Karriere. Fleißig begann der Heimgekehrte zu publizieren, denn er hatte das Glück die gesammelten Daten und Pflanzenbelege selbst auswerten zu dürfen. Neben Zeitschriftenartikeln und dem im 19. Jahrhundert beinahe obligatorischen Reisebericht begann er die Arbeit an zwei groß angelegten botanischen Werken.

Die Historia naturalis palmarum erschien in mehr als zehn Lieferungen. Die Veröffentlichung einer mit über 200 Tafeln im Format von 60 x 43 cm ausgestatteten Publikation konnte nur in Etappen mit finanzieller Hilfe zahlreicher wohlhabender Subskribenten verwirklicht werden. Martius versah sein exquisites dreibändiges Werk, für das er sowohl auf eigene Forschungsergebnisse, als auch auf Sammlungen und Vorlagen anderer zurückgriff, mit einer klaren Gliederung. Im ersten Band, für den er zwei weitere Fachmänner als Autoren gewinnen konnte, werden fossile Palmen, Anatomie und Morphologie der Palmen sowie deren geographische Verbreitung abgehandelt. Der zweite Band ist den neuweltlichen, der dritte Band - bis auf wenige Ausnahmen - den altweltlichen Palmen gewidmet. Die ausführlichen Beschreibungen der einzelnen Arten, ihrer Fundorte und alle relevanten Beobachtungen verfasste Martius in lateinischer Sprache.

Das im Taschen Verlag erschienene “Book of Palms” beschränkt sich auf den Nachdruck der Farblithografien des in der Universitäts- und Landesbibliothek Bonn aufbewahrten Originals der Historia naturalis palmarum. Als Auftakt ist den, etwas verkleinert reproduzierten, Tafeln ein Essay von H. Walter Lack vorangestellt, der sich auch der Überprüfung der in den Legenden angeführten wissenschaftlichen Namen angenommen hat. Dann kann der Augenschmaus beginnen.

Das “Book of Palms” erfreut mit einer wundersamen Mischung aus Diagrammen von Blütenständen und Blattstellungen, Fruchtvergleichen, frei stehend porträtierten Palmen, Nahansichten einzelner Pflanzenteile und fantasievollen Landschaften, in deren Darstellung sich Romantik und Exotik ein Stelldichein geben. Braun gesprenkelte Trennblätter mit Prägedruck deuten die Dreibändigkeit des Originalwerkes an. Dasselbe Papier schmückt auch den Einband. Beeindruckend massiv und prächtig ist das Buch. Doch es hat eine Achillesferse. Wissbegierige Genießer, die kein Studium der Botanik absolviert haben, suchen vergeblich einen Anhang zu den Tafeln, der mehr zum Dargestellten vermittelt als den wissenschaftlichen Namen der Palme. Der Verzicht auf zeitgemäß formulierte Erklärungen bedeutet eine vergebene Chance für Gewächse zu begeistern, die im Pflanzenreich mit Superlativen aufwarten können und den Menschen seit Jahrhunderten als Lieferant für Nahrung, Fasern und Baumaterial dienen.

Anders als ein Strauß hübscher Gartenblumen erschließen sich Palmen den Betrachtern nicht spontan auf einer emotionalen Ebene. Es erfordert Zeit, auf den Seiten des “Book of Palms” die zurückhaltende Schönheit der Palmen zu entdecken. Ihre Faszination liegt im Detail, in den feinen Variationen der Struktur von Fruchtständen, Rinden und Blüten sowie deren nuancenreichen Grün- und Brauntönen, die fallweise durch ein leuchtendes Rot oder samtiges Schwarz zum Schwingen gebracht werden. Für heitere Momente sorgen Staffagefiguren, die in der wild wuchernden Vegetation der Landschaftsdarstellungen versteckt, den Tätigkeiten ihres Alltags nachgehen. Mehrmals tauchen europäisch gekleidete Männlein mit schmuckem Zylinder oder Schlapphut auf, um zu botanisieren, zu zeichnen oder Strauße zu jagen. Krokodile lauern, Kängurus liegen faul herum, rosa Flamingos suchen eiligst das Weite und eine kleine Herde Elefanten tänzelt unruhig am Waldrand entlang.

Der historische Meilenstein in der Erforschung der Palmen, die zum Symbol der Sehnsucht nach der Ferne geworden sind, entwickelt als Buch für den Kaffeetisch beträchtlichen Charme. Lassen auch Sie sich vom “Book of Palms” bezaubern!

© Ch. Ranseder

Martius - Book of Palm

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Vincent van Gogh

Dienstag, 30. November 2010

ab acht

Ralph Erdenberger 
Vincent van Gogh
Geheimakte
Prestel 2010, 112 S., zahlr. Farb-und Sw-Abb.
ISBN 978 3 7913 7016 3

 Geheimakte Vincent van Gogh

Dieses Buch über den Maler Vincent van Gogh (30. März 1853 bis 19. Juli 1890) und sein Werk soll mit Spaß gelesen werden. Eine Herausforderung, wenn man bedenkt, wie kompliziert das zerrissene Leben von Vincent van Gogh verlief und wie es endete. Etwa 2000 Gemälde und Zeichnungen fertigte van Gogh in seinen letzten zehn Lebensjahren. Verkauft wurden zu seinen Lebzeiten allerdings nur wenige Bilder. Heute erzielen seine Bilder Rekordpreise: 82, 5 Millionen Dollar zahlte ein japanischer Sammler für das Porträt Dr. Gachet.

Am Anfang des Buches steht die Aufgabe, mehr über den Künstler herauszufinden. Stück für Stück, Hinweis für Hinweis und Bild für Bild erschließt sich der Lebensweg des Künstlers. Kindheit, Ausbildung, Beruf, Malerei, Krankheit und Tod werden aus Bruchstücken fassbar. Begleitend dazu gilt es ein Code-Wort zu knacken, das die Seite für noch mehr Informationen im Internet öffnet. Abwechslungsreich werden die Informationen wie in einem Quellenstudium vorgelegt. Kindgerecht aufbereitet, wird Spielraum für Interpretation ohne moralisches Fingerwedeln geboten. In diesem Buch können Informationen wie Ermittlungsakten gelesen und Rätsel gelöst werden. Die deutlich weniger als Mädchen lesenden Buben werden das Buch lieben.

© S. Strohschneider-Laue

Geheimakte Vincent van Gogh

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Gustav Klimt

Dienstag, 30. November 2010

ab acht

Bettina Schümann 
Gustav Klimt
Die Lebensgeschichte
Prestel 2010, 112 S., zahlr. Farb-und Sw-Abb.
ISBN 978 3 7913 7033 0

 Gustav Klimt: Die Lebensgeschichte

Mit Selbstbetrachtungen hat sich der Gustav Klimt (14. Juli 1862 - 6. Februar 1918) nicht aufgehalten. Der begabte Junge aus bescheidenen Verhältnissen lernt strebsam an der Kunstgewerbeschule, die auch sein jüngerer Bruder besuchte. Unbeschwert haben sich Gustav und Ernst Klimt sich gemeinsam mit ihrem  Freund Franz Matsch in der Wiener Kunstszene etabliert. Große Aufträge und die Gunst des Kaisers gehen lange Hand in Hand. Nachdem Ernst stirbt, gehen Gustav und Franz bald getrennte Wege. Gustav Klimt wird Präsident der Secession, der Vereinigung bildender Künstler Österreichs. Der Jugendstil und Gustav Klimt sind seither untrennbar miteinander verbunden. Er entwickelte einen unverkennbaren Stil, der ihn bis heute zu einem der beliebtesten Künstler macht.

Kindgerecht bereitet Bettina Schümann die Lebensgeschichte von Gustav Klimt auf. Wichtige Stationen greift sie aus seinem Leben auf und verbindet diese mit seinen bekanntesten Werken. Dekorativ sind seine Werke, die viele Frauen zeigen, die kurzfristig sein Leben teilten. Diskret umschifft die Autorin die zugehörigen pikanten Details des männlich dominierten 19. Jahrhunderts. Sie lenkt den Blick auf Klimts durch Aufträge und persönliche Orientierung geprägtes, unpolitisches Künstlerleben. 

Das Buch gewährt jungen LeserInnen einen leicht fassbaren Blick in das Lebensatelier von Gustav Klimt.

© S. Strohschneider-Laue

Gustav Klimt: Die Lebensgeschichte 

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Frida Kahlo

Dienstag, 30. November 2010

ab acht

Dagmar Feghelm
Frida Kahlo
Die Lebensgeschichte
Prestel 2010, 111 S., zahlr. Farb-und Sw-Abb.
ISBN 978 3 7913 7023 1

 Frida Kahlo: Die Lebensgeschichte

Am 6. Juli 1907 wurde Frida Kahlo in Mexiko geboren. Bis zu ihrem Tod am 13. Juli 1954 wird sie über 140 Bilder malen. Ein Drittel dieser Bilder sind Selbstbildnisse. Noch mehr als auf ihren anderen Werken lassen sich auf den Selbstporträts ihr Leben, ihre Liebe aber vor allem ihr Leiden ablesen. Farbenprächtig wie Mexiko und seine Geschichte sind ihre Bilder.

Frida Kahlo hatte seit ihrer Geburt gesundheitliche Probleme und hinkte. Durch ein schweres Busunglück war sie ihr ganzes Leben körperlich schwer behindert. Über lange Zeit war sie bettlägerig und musste ein steifes Korsett tragen. Trotzdem war sie voller Lebensfreude und eine starke Persönlichkeit. Sie engagierte sich politisch und war mit einem berühmten mexikanischen Maler verheiratet. Sie begann zu malen und wurde bald über die Grenzen Mexikos hinaus bekannt. Viele Menschen lieben ihre Gemälde, aber die wenigsten kennen die Geschichten, die sie erzählen.

Die Biografie der mexikanischen Ausnahmekünstlerin Frida Kahlo wurde sprachsicher von Dagmar Feghelm für junge Leute aufbereitet. Eindringlich und sensibel berichtet sie von der emanzipierten Frau, deren überbordenden Gefühle weder für sie noch für andere leicht zu bewältigen waren. Bei keinem Künstler ist die persönliche Lebensgeschichte so stark mit dem Werk verknüpft. Vor dem Hintergrund ihrer Gemälde stellt sie die persönliche Tragödie Frida Kahlos dar. Entlang dieses roten Fadens gelingt es der Autorin, die Stärken und Schwächen der Künstlerin deutlich zu machen. Gleichzeitig wird die Emanzipation einer selbstbewussten, politisch aktiven Frau gezeigt, die letztlich nachhaltiger als ihr Künstlergatte wirkt. Frida Kahlo begeistert nicht nur Mexiko, sondern die ganze Welt.

Ein Pflichtbuch für kunstbegeisterte junge Menschen. Ein starkes Buch, das zur Selbstreflexion anregt und besonders junge Frauen (ab 12 Jahren) faszinieren wird.

© S. Strohschneider-Laue

Frida Kahlo: Die Lebensgeschichte

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Robert Schumann

Dienstag, 23. November 2010

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Corinna Hesse
Das Schumann Hörbuch
Eine klingende Biografie

Silberfuchs Verlag 2010, 1 CD, Laufzeit 80′, 15 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 940665 17 1

Das Schumann-Hörbuch: Eine klingende Biografie

Die klingende Biografie zum Paraderomantiker Robert Schumann (*8. Juni 1810) erschien rechtzeitig zum 200. Geburtstag des Komponisten und Pianisten. Die chronologische Struktur des Erzählflusses verbindet den permanenten seelischen Ausnahmezustand Schumanns mit wesentlichen Ereignissen, die sein Leben prägten. Zitate aus Briefen, Literatur sowie aus Schumanns zahlreichen Selbstbetrachtungen werden mit über 50 Musikbeispielen aus seinem Werk unterlegt.

Schöpferische Fluten entfalteten sich in seinen größten Tiefs. Eines davon wurde ausgelöst durch seinen Kampf um die Hand Clara Wiecks, deren dominanter Vater - durchaus nachvollziehbar - alles gegen diese unerwünschte Verbindung unternahm. Robert und Clara schlossen gegen allen Widerstand 1840 den Bund der Ehe. Clara tauschte damit den dominanten Vater, der ihr Tagebuch führte, für einen weitaus komplizierteren Ehemann ein, der ein gemeinsames Ehetagebuch verlangte. Die gefeierte Pianistin Clara gebar acht Kinder, begann zu komponieren und trug mit ihren Konzerten das Gros zur Haushaltskasse bei. Unterstützung bei diesen Tourneen konnte Clara von Robert nicht erwarten. Im Schatten seiner erfolgreichen Frau zu stehen, behagte ihm offenbar nicht. Er brach die gewinnträchtigen Reisen vorzeitig ab oder er erkrankte. Sein Gemütszustand wird dramatisch. Zwischen seiner bipolaren Störung und Auswirkungen der Syphilis aufgerieben, endet Schumann zwei Jahre nach seinem Selbstmordversuch am 29. Juli 1856 im Irrenhaus.

Schumanns zeitlos schöne Kompositionen sind die Sprache seiner Seele, zu einer Zeit als man den Zusammenhang zwischen beiden noch nicht erkannt hatte. Corinna Hesse bereitet Schumann und seine Musik mit fesselndem Tiefgang auf. Zeitlos schöne Musik und lebendige Präsentation durch Dietmar Mues und Anne Moll lassen Schumann auferstehen. Das von Roswitha Rösch gestaltete Booklet ist perfekter optischer Begleiter des akustischen Genusses. Auf 15 Seiten werden in hoffnungsfrohen Grüntönen, die passend zum Seelenzustand Schumanns mit psychedelischen Mustern unterlegt sind, wichtige Stationen und Bilder aus Schumanns Leben vorgelegt.

Hörproben

© S. Strohschneider-Laue

Das Schumann-Hörbuch

höre auch:
Mozart Leben in der Musik - Mozart-Hörbuch
Das Händel-Hörbuch - Im Festivalschuber der Internationalen Händelfestspiele Göttingen

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Frida Kahlo Retrospektive

Sonntag, 19. September 2010

Martin-Gropius-Bau, Bank Austria Kunstforum (Hgg.)
Frida Kahlo
Retrospektive
Prestel 2010, 256 S., zahlr. Farb- und Sw.-Abb. 
ISBN 978 3 7913 5009 7

 Frida Kahlo. Retrospektive

Nach der erfolgreichen Ausstellung in Berlin sind noch bis 5. Dezember ‘10 Werke von Frida Kahlo im Kunstforum in Wien zu bewundern. Tatsächlich können die BesucherInnen der Künstlerin aus Mexiko durch ihre Werke und in Fotos näher kommen - näher als es kaum ein anderer Kunstschaffender zulässt. Auch durch Fremdbetrachtungen, denn nichts anderes sind die gezeigten Fotos, ist es möglich, die Einfluss nehmende Persönlichkeit Frida Kahlos zu spüren.

Über Frida Kahlo ist viel publiziert worden. Zahlreiche Bände über ihr Werk, ihr Leben liegen bereits vor. Umso überraschender ist es, dass es den AutorInnen dieses haptisch und optisch hochwertigen Ausstellungskatalogs gelingt, neue Aspekte in den Vordergrund ihrer Betrachtungen zu rücken.

Ingried Brugger, Direktorin des Bank Austria Kunstforums, widmet sich in “Eine kleine Welt, die so groß geworden ist …” einer Frau, die sich im männlich dominierten Kunstbetrieb nicht aufdrängte, es vielleicht auch nicht wollte. Und sie verweist auf die Künstlerin, deren Leben und Werk eine Einheit voller Widersprüche zu sein scheint, die letztlich erst ihre wirkliche Persönlichkeit ausmachten.

“Die himmlische Liebesgeschichte und chiffrierte Geheimschriften im Werk von Frida Kahlo” unterzieht Helga Prignitz-Poda einer näheren Betrachtung und räumt bereits zu Beginn mit zahlreichen Falschmeldungen auf. Den Katalog bereichert sie überdies noch durch ihren Beitrag “Die Zeichnungen”, während “Fotografien. Das Bild als Zeugnis: Frida Kahlo und die Fotografie” von Cristina Kahlo vorgestellt werden.

Unter der doppelten Betrachtung “Fridas Freunde sind auch meine Freunde. Oder: Wer sammelt Kunst von Frida Kahlo?” analysiert Salomon Grimberg Künstlerin und ihre SammlerInnen zu gleichen Teilen. Denn alle, die ein Werk von Frida Kahlo kauften, reklamierten sich zugleich in ihr Leben, standen ihr nahe oder wünschten es zumindest.

Die literarischen Aspekte der Künstlerin werden in “Frida Kahlo, die Poetin. Zu den Briefen, Gedichten und Aufzeichnungen einer literarischen Künstlerin” vorgestellt. Peter von Becker lässt Frida Kahlo für sich selbst sprechen. Zugleich stellt er überaus spannend die betreffenden Stationen ihres Lebens ihren Texten sowie ihre Werke den betreffenden literarischen Querbezügen gegenüber.

Florian Steininger, der ebenso wie Heike Eipeldauer und Helga Prignitz-Poda Textbeiträge zum Katalog beistellt, legt mit “‘Frida Icon’. Das autoritäre Auge bei Frida Kahlo” einen Beitrag zur Rezeption christlicher Heiligendarstellungen im Werk der Künstlerin vor.

Mit “Frida Kahlo. Das Leben, ein Schmerz” bringt Arnoldo Kraus die körperliche Krankengeschichte der Künstlerin in ein Spannungsverhältnis zu ihrem seelischen Schmerz und deren Verarbeitung durch ihr Kunstschaffen.

Die politische Dimension der Künstlerin und ihrer Weggefährten wird von Francisco Reyes Palma in “Frida Kahlo: Eine antistalinistische Bombe, als Geschenk verpackt” über die Metapher hinaus gewürdigt.

Im abschließenden Essay unterzieht Jeanette Zwingenberger “Frida Kahlos Körperräume” Vergleiche mit etlichen KünstlerInnen, darunter auch Dalí und O’Keefe. Deren surrealistischer Blick ist voller symbolhaften Doppeldeutigkeiten sowie zeitlich-räumlichen Widersprüchen. Sichtweisen, die auch Frida Kahlo kennzeichnen.

Der Katalogteil wird durch Bildessays ergänzt, während die Zeichnungen und Fotografien gesondert vorgestellt werden. Eine übersichtliche Biografie, das Verzeichnis der ausgestellten Werke, ausgewählte Literatur sowie eine Übersicht über die AutorInnen beschließen den prächtigen Band.

© S. Strohschneider-Laue

Frida Kahlo. Retrospektive 
Frida Kahlo: Die Lebensgeschichte
Frida Kahlo - Die Malerin und ihr Werk
Frida Kahlo - Ihre Photographien
Jetzt, wo Du mich verläßt, liebe ich dich mehr denn je

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Prinz Eugen - Feldherr, Philosoph und Kunstfreund

Dienstag, 23. Februar 2010

Prinz Eugen - Feldherr, Philosoph und Kunstfreund
Belvedere 11. Februar bis 6. Juni ‘10

Prinz Eugen Feldherr Philosoph: Der edle Ritter als europäischer Kulturheros.

Prinz Eugen Franz von Savoyen-Soissons (1663-1736) ist in seiner Sommerresidenz, Belvedere Wien, eine Sonderausstellung gewidmet. In sechs Abschnitten wird der Versuch unternommen, ausgewählte Aspekte seiner Persönlichkeit zu beleuchten und seine Leistungen zu würdigen. Der Franzose mit italienischen Wurzeln machte als Türkenbezwinger in Österreich Militärkarriere. Vor dem Hintergrund einer bewegten Zeit, deren höfische Intrigen die politisch angespannte Lage zusätzlich anheizten, wird das öffentliche Leben von Prinz Eugen vorgestellt.

Vor allem wird dabei Prinz Eugens Bautätigkeit und seine Sammelleidenschaft hinsichtlich Büchern, Gemälden, Pflanzen und Tieren besondere Beachtung gezollt. Das Belvedere steht dabei nicht nur als Präsentationsfläche zur Verfügung, sondern bildet zu gleich den passenden Mittelpunkt. Die Residenz des Prinzen war und ist bis heute eines der schönsten und geschmackvollsten Schlösser Österreichs. In vielen Bereichen noch im Originalzustand, fehlt dennoch Wesentliches, um den Geist des ehemaligen Bewohners spürbar werden zu lassen: Die unermessliche Sammlung.

Für kurze Zeit gelingt es, diese vergangene Pracht - trotz der Fülle exzeptioneller Exponate nur in kleinen Ansätzen - sichtbar zu machen. Selbst im Kriegslager beschäftigte sich Prinz Eugen mit Bauplänen und Ankäufen für seine Sammlung.

Er kaufte niemals unbedacht, auch wenn er hin und wieder überhöhte Preise zahlte, denn es standen ihm ausgezeichnete Berater zur Seite. Und seine Planungen waren niemals oberflächlich. Sie betrafen nicht nur den Ankauf, sondern auch die Verpackung und den geeigneten Transport.

Naturwissenschaftlich interessiert, war es ihm daher auch wichtig exotische Wildtiere artgerecht über Unterbringung bis hin zum geeigneten Futter zu halten.

Ungewöhnlich für eine Zeit in der Tiere zur Hatz und Belustigung dienten. Ein Schicksal, dass den Tieren nach dem Tod des Prinzen nicht erspart blieb. Sie wurden an Schausteller verkauft.

Die Bibliothek des Prinzen Eugen war und ist bis heute legendär. Seine Bücher bilden den Grundstock der heutigen Österreichischen Nationalbibliothek. Etliche Werke sind so einzigartig, dass sie in dieser Ausstellung aus konservatorischen Gründen nicht im Original gezeigt werden und man mit vielen Faksimiles vorlieb nehmen muss. Unverständlich ist zuweilen für die Schau getroffene Auswahl der Bücher. Etliches lässt sich weder durch Präsentationsform, inhaltlichen Zusammenhang noch durch Beschriftung erschließt. So hätte man u. a. erwarten dürfen, dass man von der berühmten Tabula Peutingeriana (mittelalterliche Abschrift aus dem 13. Jh. einer römischen Straßenkarte des 4. Jh. n. Chr.) jenes Blatt auswählt auf dem Wien zu sehen ist. Dass es sich ehemals um eine Pergamentrolle und nicht um Einzelblätter gehandelt hat, wird dem Laienpublikum in dieser Präsentationsform ebenfalls verborgen bleiben. Was bleibt, ist jedenfalls der Eindruck von vielen, schönen und wertvollen Büchern.

Die Ausstellung spart weitgehend Persönliches aus. Das anscheinend als heikel empfundene Thema “Homosexualität” gehört auch dazu und man versäumt dadurch die Gelegenheit den tatsächlichen Menschen hinter dem Kriegshelden, Kunst- und Büchersammler darzustellen. Dafür beschäftigt sich der letzte Ausstellungsraum um so großzügiger mit dem Verbleib des Erbes. Der politische Entscheid, der sich leicht als juristisch korrekter Entscheid darlegen lässt, zu Gunsten der Nichte Prinz Eugens, führte zu einer massiven Ausverkauf des enormen Erbes. Ankäufe, die das Kaiserhaus nicht hätte tätigen können, wenn statt Prinzessin Anna Maria Viktoria von Savoyen Kardinal Colonna geerbt hätte. Ohne die prekäre Ausgangssituation der Erbin, ein typisches Frauenschicksal dieser Zeit, dem interessierten Publikum hinreichend darzulegen, entsteht ein völlig anderer Eindruck. Was bleibt, ist die Büste einer älteren, übergewichtigen Frau, die in ihrer Lebensechtheit das Bild einer gierigen, hässlichen Banausin in den Köpfen der BesucherInnen verankern hilft.

Fazit: Unbedingt ansehen, aber zum tieferen Verständnis sind Führung und Katalog nötig!

© S. Strohschneider-Laue

siehe auch:
Prinz Eugen Feldherr Philosoph: Der edle Ritter als europäischer Kulturheros. Katalogbuch zur Ausstellung im Wien, Belvedere, 11.02.2010-06.06.2010

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Wenn sie ein Mann wäre

Freitag, 01. Januar 2010

Non-Fiction

Michael Spang  
Wenn sie ein Mann wäre
Leben und Werk der Anna Maria van Schurman

WBG 2009, 240 S.
ISBN 978 3 534 21630 7

 Wenn sie ein Mann wäre: Leben und Werk der Anna Maria van Schurmann (1607-1678)

Anna Maria van Schurman (1607-1678) war hochbegabt, daran besteht kein Zweifel. Ihr künstlerisches Schaffen bewegte sich auf professionellem Niveau. Sie erlernte über 12 Sprachen, beherrschte die Regeln des wissenschaftlichen Diskurses und machte sich einen Namen als in der Theologie versierte Gelehrte, die sich auch mit dem Zugang von Frauen zu Bildung beschäftigte. Ihr selbst wurde das Privileg zuteil, Vorlesungen an der Universität besuchen zu dürfen - versteckt in einem aus Holz gezimmerten und mit Stoff bespannten Verschlag sitzend.

Wer war diese zu ihren Lebzeiten berühmte Frau? Was trieb sie an? Antworten auf diese Fragen sind in der Biographie “Wenn sie ein Mann wäre. Leben und Werk der Anna Maria van Schurman” zu finden. Michael Spang schildert in diesem hervorragenden Buch wortgewaltig und wissenschaftlich fundiert den Lebensweg der wissensdurstigen Tochter aus höherem Haus vor dem Hintergrund des politischen und religiösen Zeitgeschehens. Das gelingt ihm so vortrefflich, dass er mich als Rezensentin ein wenig in die Zwickmühle bringt. Ein guter Text lässt, ganz wie ein großartiges Kunstwerk, Spielraum für eine Vielzahl an Deutungsmöglichkeiten. Die Lektüre von “Wenn sie ein Mann wäre” rief in mir Assoziationen und Interpretationen wach, die in meinem Geist eine (Re-)Konstruktion der Persönlichkeit Anna Maria van Schurmans mit dunkleren Untertönen entstehen ließen, als sie im Buch präsentiert wird.

Für mich ist Anna Maria van Schurman eine Zerrissene, an deren Biographie sich sehr gut ablesen lässt, welchen Belastungen ein wacher Geist in einem restriktiven, religiös dominierten Umfeld unterworfen ist. Ihre Transformation vom gelehrten Wunderkind zum religiösen Groupie ist letztlich die Geschichte eines Scheiterns, auch wenn sie selbst dies im Rückblick auf ihr Leben nicht so gesehen hat. Die frühe Indoktrination durch van Schurmans strenggläubigen Vater, der dem Mädchen neben der religiösen Unterweisung einen von ihm kontrollierten Zugang zu Bildung ermöglicht, führt dazu, dass für sie lebenslang jeder Erwerb von Wissen oder Fertigkeiten auf die Religion hin ausgerichtet ist. In ihren Jugendjahren wirkt sie wie eine Getriebene: Dichtung, Malerei, Plastik, Kupferstich, Sprachen, Theologie, ihr Wissensdurst scheint keine Grenzen zu kennen. Studium als Selbstgeißelung? Als Ablenkung von den Verlockungen der Welt und der Freude an den eigenen Leistungen? Anna Maria van Schurman glänzt in jedem Fach, wird bekannt und zeigt ja doch einen Hauch von Extrovertiertheit. Schon als 15-Jährige klinkt sie sich in den Briefwechsel der Gelehrtenrepublik ein. Briefe bleiben ihr bevorzugtes Medium - sie sind einer Frau angemessen, werden aber dennoch von den (männlichen) Empfängern weitergereicht, in einigen Fällen auch publiziert. Eine geschickte Taktik für jemanden, der immer wieder beteuert, nicht gerne in der Öffentlichkeit zu stehen. Zumal so auch vermieden wird, durch eine eigenständige Publikationstätigkeit in offene Konkurrenz zu den Gelehrten zu treten. Auffallend ist auch, dass Anna Maria van Schurman nach dem unerwarteten Tod des Vaters, 1623, nach Vaterfiguren und väterlicher Autorität zu suchen scheint. Die im Buch “Wenn sie ein Mann wäre” zitierten Beispiele aus ihren Briefwechseln zeigen eine emotionale Schaukelbewegung aus Demutsbekundung - eigene Meinung vertreten - Demutsbekundung, bei der sich die Frage aufdrängt: Ist das jetzt Unsicherheit oder Kalkül?

Ein Thema, das van Schurman lange Zeit beschäftigt, ist die Frauenbildung. 1641 veröffentlicht sie ihre “Dissertatio”, ihr einziges eigenständig publiziertes Werk. Weitergebracht hat diese Schrift den Emanzipationsdiskurs nicht. Van Schurmann ist keine Wegbereiterin. Im Gegensatz zu anderen Frauen, die sich für Frauenbildung und Frauenrechte einsetzen, ist ihr Blick rückwärts gewandt, ihre Haltung traditionsgebunden. Aus heutiger Sicht lesen sich Anna Marias Argumente für die Frauenbildung wie die Rechtfertigung ihres eigenen Tuns, gepaart mit einer gehörigen Portion Standesdünkel. Nur christlichen, begabten Frauen mit Vermögen, die dazu die Muße hätten, solle Bildung durch privaten Unterricht zuteil werden. Van Schurmann war reich, unverheiratet und hatte jede Menge Zeit - zumindest bis zum Tod ihrer Mutter, 1637. Ist vielleicht die von ihr in einem -quasi als Test für die “Dissertatio” dienendem - Brief aus demselben Jahr vertretene Ansicht, für Ehefrauen und andere mit Haushalts- und familiären Angelegenheiten betraute Frauen sei Bildung keineswegs notwendig, auf einen Groll angesichts der von der Mutter auf sie übergegangenen zeitraubenden Pflicht der Haushaltsführung zurückzuführen?

Mit fortschreitendem Alter geht jedenfalls Anna Marias Beschäftigung mit wissenschaftlichen Fragen zurück. Stattdessen gewinnt ihre Religiosität, die selbst für damalige Verhältnisse zum Extrem tendiert, die Oberhand. Die Abneigung der gebildeten Frau gegen alles Weltliche wächst ebenso wie ihre Ansicht, dass es mit der Kirche bergab gehe. In letzter Konsequenz gibt die vielseitig Begabte ihr Leben in Utrecht auf, um sich der Sekte von Jean de Labadie anzuschließen. Ihm folgt sie in ihren letzten Jahre von Amsterdam nach Herford, Altona und schließlich auf Schloss Walta. In diesen Jahren verfasst sie ihre Autobiographie “Eukleria oder die Wahl des besseren Teils”. Anna Maria van Schurman - eine gequälte Seele, die im Alter innere Ruhe gefunden hat?

“Jede Biographie ist eine Hypothese, ist eine Wirklichkeit von vielen und notwendig subjektiv.” schreibt Michael Spang in der Einleitung des Buches. Das Verarbeiten der in einem Text dargebotenen Information ist nicht minder subjektiv. LeserInnen mögen sich also eine eigene Meinung bilden.

“Wenn sie ein Mann wäre. Leben und Werk der Anna Maria van Schurman” ist ein lesenswertes Buch über eine Frau, die in einem inneren Kampf zwischen Begabung und Bestimmung gefangen, gerade durch ihre Ambivalenz fasziniert.

© Ch. Ranseder

Wenn sie ein Mann wäre: Leben und Werk der Anna Maria van Schurmann (1607-1678)

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Magie & Magier

Mittwoch, 16. Dezember 2009

Non-Fiction

Noel Daniel (Hg.)
Mike Caveney, Rick Jay, Jim Steinmeyer 

Magic Book 1400s-1500s
Taschen 2009, En./Fr./Dt., Riesenformat, 670 S., zahlr. Farb- und Sw-Abb.
ISBN 978 3 8365 0977 0

 Magic Book: 1400s - 1950s

Immer wenn man glaubt, größer, bunter und prächtiger geht es nicht mehr, übertrifft Taschen seine eigenen Produkte. Die Geschichte des magischen Showbiz ab dem 15. Jahrhundert ist ein dreisprachiger Riesenwälzer in fantastisch-magischen Bildern und spannenden Texten.

Lassen Sie sich verzaubern, verblüffen und überraschen. Die größten Illusionisten, Magier, Zauberer und Taschenspieler geben hier eine Vorstellung im Bühnenformat. Über 500 Jahre hinweg wird in über 1000 plakatgroßen Bildern von einer ganz eigenen Kunst Zeugnis abgelegt. Von den Jahrmärkten zu den Unterhaltungspartys der Reichen bis zu den Varieté- und Showbühnen haben Zauberer und Illusionisten ihre (un)durchschaubaren Tricks vorgeführt. Schwebende Jungfrauen sind genauso dabei, wie mit Zähnen aufgefangene Pistolenkugeln, unechte Chinesen, Entfessler, Schwertstecher, Sägefreudige, Feuermeister und Goldmacher. Vom Schamanen zum Showman war es nur ein kleiner Schritt, wie die einzelnen Kapitel belegen.

Und immer wieder drehte es sich um Leben und Tod, Teufelswerk, Geister und anderem übernatürlichen Spuk. Hinter allem standen Menschen mit Gespür für den richtigen Moment und ihr Publikum. Einige der Künstler sind sprichwörtlich wie Houdini geworden, der einzige, der sogar dem Tod entkommen könnte und ausgerechnet an Halloween gestorben ist. In Vergessenheit geraten, sind dagegen die vielen namenlosen Assistentinnen und auch die wenigen weiblichen Illusionistinnen. Madame Girardelli, Adlaide Hermann, Mercedes Talma, Marian Chavez, Suzy Wandas, Evelyn Maxwell oder Margo begeisterten zu ihrer Zeit aber genauso wie ihre männlichen, noch dazu deutlich unattraktiveren Kollegen. Weiblicher Aufputz, der sich freiwillig zersägen ließ oder über die Bühne schwebte, wurde mehr und mehr eingesetzt, denn nicht jeder Magier konnte sich selbst nackt wie Houdini exhibitionieren. Der schmächtige Körper des Holländers Theodore Bamberg hatte erst in chinesischen Outfit unter dem Namen Okito etwas zu bieten. Das verbindende Element aller Magier, Taschenspieler und Illusionisten ist, dass sie eine einsame Kunst, deren Geheimnisse das Kapital stellen, ausüben. Dazu gehört bis heute eine beeindruckende Persönlichkeit und gute Werbung - am besten mit roten faustischen Teufelchen, die hart an der Niedlichkeit vorbeischrammen.

Und seien wir doch ganz ehrlich: Wissen ist Macht und macht zugleich vieles furchtbar langweilig. Wenn man nicht weiß, wo der Spiegel und der Projektor steht, warum es raucht, wieso das Kügelchen verschwunden bleibt und weshalb die zersägte Frau sich putzmunter verbeugen kann, ist das Leben zumindest für eine kurze Zeit wesentlich bunter und überraschender.

Ein genial von Noel Daniel editiertes Buch zu dem Mike Caveney, Rick Jay, und Jim Steinmeyer exzellent recherchierte und aufbereitete Texte beigetragen haben. Die schönste Pflichtlektüre für Illusionisten -Laien und Profis gleichermaßen -, Designer, Werbeleute, Historiker und andere ewig Verzauberte.

© S. Strohschneider-Laue

Magic Book: 1400s - 1950s

Hier kann man im Buch blättern

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Liebe zwischen den Seiten - Kriegsbriefe

Mittwoch, 16. Dezember 2009

Notiz

Kriegsbriefe deutscher Studenten

Postkarte: Lieber Karl 16.IV.1940

Bücher sind Freunde, gehören zur Familie. In den späten 70ern des letzten Jahrhunderts kam der kleine spitzartige Hund “Kleist” (Kleist kam zu erst) in unsere Familie. Er schlich sich geschmeidig über Heinrich Kleist’s sämtlicher Werke ein und gehört seither dazu. Etwa 2007 zog das ruhige Michael-Baby (Michael Yerry/Terry Ramirez Jr.) mit The Mummy bei uns ein. Seit dem dritten Advent 2009 wohnen Karl und Josef in Kriegsbriefe gefallener Studenten bei uns.

Eigentlich sollte ich es besser wissen und einen großen Umweg um Buchflohmärkte machen. Aber der Advent-Flohmarkt im Pfarrheim hatte eine ganz unchristliche, magische Anziehungskraft. Satte dreizehn Euro habe ich dort gelassen. Ein hoher Stapel Parental-Advisory-Schwermetall-Cds, die die anständigen Kirchgänger geflissentlich ignorierten, hat dort eindeutig auf mich gewartet und natürlich ist auch ein Buch an mir hängen geblieben:

Philipp Witkop
Kriegsbriefe gefallener Studenten
© Georg Müller Verlag 1928, 
161. bis 170. Tausend. Volksausgabe 1933

Ich kannte den Titel nicht, dachte aber sofort an den Antikriegsroman von Erich Maria Remarque “Im Westen nichts Neues”. Tatsächlich habe ich das Buch aber gekauft, weil drei Schriftstücke, die auf der letzten Seite im Schutzumschlag eingeklemmt waren, mein Interesse weckten.

  Klemens Tilmann, Todesverächter, Ein Tatsachenbericht aus der Geschichte der Kirche in Fern-Ost Klemens Tilmann, Todesverächter, Ein Tatsachenbericht aus der Geschichte der Kirche in Fern-Ost

Oberschütze Karl Haugeneder aus böhmisch Krum(m)au (Český Krumlov) hat im April 1940 zwei Bücher in Wien gekauft: von Witkop “Kriegsbriefe” (3 Reichsmark 60 Reichspfennige) und von Tillmann “Todesverächter” (3 Reichsmark 20 Reichspfennige). In Anbetracht der damaligen Einkommensverhältnisse kein billiger Einkauf und inhaltlich schwere Kost. Denn obwohl die jüngeren Ausgaben der “Kriegsbriefe”, die ab 1933 erschienen den Lesern todesbereiten Heldenmut für Deutschland suggerieren sollten, konnte das inhaltlich wohl kaum erreicht werden. Der Hurrapatriotismus jener jungen Männer, die weltfremd, indoktriniert und ohne klaren Gedanken in den Ersten Weltkrieg stürmten, wird von Brief zu Brief mehr und mehr relativiert. Sie sehnten sich nach ihren Müttern, klammerten sich an göttliche Heilsversprechungen und lebten von Adrenalinschub zu Adrenalinschub, während der lebenslang eingedrillte Gehorsam und die unreflektierte Pflichterfüllung sich bis zum Tode erschöpfte. Die Konfrontation mit der Kriegsrealität, die mit den Bierbankgesprächen in den Studentenverbindungen so gar nicht übereinstimmten, ließen sie die bittere Wahrheit dieses und jeden anderen Krieges kurz vor ihrem Tod erkennen. Die Briefe, die die jungen Männer von der Einberufung, vom Marsch, von der Front und aus den Lazaretten schrieben, sind zeitlos.

David-Postkarte Lieber Karl 16.IV.1940

David hat Goliath besiegt. Gerade deshalb war die Postkarte von Josef aus dem Zisterzienserstift Wilhering an Karl in Krummau in diesen “unruhigen Zeiten” schlecht gewählt. Auch die Hoffnung Josefs, dass Karl sich “in den schönen kräftigen Inhalt einlesen und auch Freude aus diesem Buch schöpfen” könne, spricht nicht für den Schreiber, der “den Geist des Ganzen” (noch) nicht erfasst haben dürfte. 1940 wurde das Stift durch die Nationalsozialisten beschlagnahmt und enteignet, die Mönche kamen ins Gefängnis oder wurden zum Kriegsdienst eingezogen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt sollte auch Josef klarer gesehen haben.

Die Kriegsbriefe gefallener Studenten aus dem Ersten Weltkrieg verbinden sich zweiundzwanzig Jahre nach Kriegsende durch die Lebensspuren von Karl und Josef mit dem Wahnsinn des Zweiten Weltkriegs. Ein erschütterndes Zeitzeichen, das mich nur einen Euro gekostet hat, aber dessen Inhalt mit vielen Leben bezahlt wurde.

© S. Strohschneider-Laue

siehe auch
Kleist kam zu erst
Michael Yerry/Terry Ramirez Jr.
Loving Memory
Die Fotos der Rosi Z.

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Insekten von Surinam

Montag, 09. November 2009

Non-Fiction

Katharina Schmidt-Loske (Hg.)
Maria Sibylla Merian - Insects of Surinam
Taschen 2009, En./Dt./Fr., 192 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 9783 8228 5278 1

  Merian - Insects of Surinam

Das 1705 erschienene Werk “Metamorphosis Insectorum Surinamensium” ist der brilliante Höhepunkt im Schaffen einer Frau, die mit eisernem Willen ihren eigenen Weg ging. Maria Sibylla Merian (1647-1717) gelang der Spagat zwischen Familie und Berufung, zu einer Zeit als weibliche Selbstverwirklichung die Ausnahme darstellte und Frauen in der Wissenschaft nahezu undenkbar waren. Ihre herausragende Leistung muss daher im Kontext mit der Lebensgeschichte betrachtet werden, da das Werk über die Insekten Surinams eine im Grunde logische Folge der jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit Faltern darstellt.

Aufgewachsen in einem intellektuell geprägtem Künstlermilieu - ihr Vater war der Kupferstecher und Verleger Matthäus Merian d.Ä., ihr Stiefvater der Blumen- und Stilllebenmaler Jacob Marrel, entwickelt Maria Sybilla Merian bereits als 13-jährige ein Interesse für Raupen. Sie verfolgt den Lebenszyklus des Seidenspinners und schreibt ihre erste Abhandlung, “Verwandlung und Veränderung der Seidenwürm”. Glücklicherweise lässt die Familie das begabte Mädchen, das unter anderem Zeichnen, Malen und Kupferstechen erlernt hat, gewähren. Auch der Erwerb des obligatorischen Ehemanns, die Geburt zweier Töchter und der Umzug von Frankfurt nach Nürnberg können Maria Sybilla nicht von ihren naturkundlichen Studien abhalten, die sie um die Suche nach Farbrezepturen erweitert. Ihre erste Veröffentlichung ist jedoch ein Blumenbuch. Wenig später, 1679, erscheint “Der Raupen wunderbare Verwandelung und sonderbare Blumen=Nahrung”. In diesem Buch gibt die Naturforscherin erstmals die Entwicklungsstadien zum Schmetterling, angeordnet auf einer einzelnen (Futter-)Pflanze, wieder. Diese ganzheitliche Darstellung ist etwas völlig Neues. Wo auch immer sich Maria Sybilla Merian aufhält, sammelt sie Raupen - zwei Fortsetzungen des Raupenbuches (1683, 1717) sind die Folge. 1685 verlässt die Künstlerin ihren Mann und zieht mit Töchtern und Mutter bei den Labadisten auf Schloss Waltha ein. In den folgenden Jahren ordnet Merian ihre Zeichnungen und Notizen nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten. Surinam rückt näher, denn Schloss Waltha wird der Sekte vom Gouverneur der holländischen Kolonie zur Verfügung gestellt. Doch zuerst geht es 1691 nach Amsterdam, wo Maria Sybilla den Lebensunterhalt für sich und die Töchter durch den Handel mit Farben und Naturalien sowie der Ausführung von Auftragsarbeiten bestreitet. In der geschäftigen Handelsstadt kann die forschende Künstlerin Sammlungen besuchen, zu deren Exponaten auch Insekten aus Surinam zählen. Ihre Neugier ist geweckt, sie will selbst in dieses Land fahren, um eigene Beobachtungen zu machen. 1699 ist es endlich so weit: Maria Sybilla Merian, mittlerweile 52 Jahre alt, und ihre Tochter Dorothea Maria stechen in See. Zwei Jahre verbringen die beiden Frauen sammelnd, zeichnend und forschend in Surinam, bevor sie gesundheitliche Gründe zur Rückkehr zwingen. Zurück in Amsterdam und wieder genesen macht sich Maria Sybilla voller Tatendrang an die Herausgabe ihres Werkes über die Insekten Surinams.

“Metamorphosis Insectorum Surinamensium” erscheint 1705 und umfasst insgesamt 60 Kupferstiche. Das Geld für die Herstellung des Buches brachte Merian selbst auf, indem sie Subskribenten warb und Auftragsarbeiten annahm. Käufer konnten zwischen einer schwarz-weißen oder einer handkolorierten Fassung des Werkes wählen. Der exquisite Prachtband “Insects of Surinam” des TASCHEN Verlages basiert auf den besonders schön kolorierten Tafeln des in der öffentlichen Bibliothek der Universität Basel befindlichen Exemplars der “Metamorphosis Insectorum Surinamensium”.

Im 18. Jahrhundert präsentierten die 60 Tafeln Ergebnisse der Grundlagenforschung, auf die sogar der Naturwissenschaftler Carl von Linné für sein wegbereitendes Ordnungssystem der Natur zurückgriff. Heute bezaubern Merians Darstellungen durch ihre dekorative Eleganz. Wer in den Medien des 21. Jahrhunderts schon alle Hässlichkeit dieser Erde gesehen hat, ist durch die hübschen Abbilder der “unachtbaren Thierlein” nicht zu erschüttern. Im Gegenteil. Was Merians Zeitgenossen vielleicht als garstig abstoßende Schädlinge angesehen haben, wirkt geradezu niedlich. Auf und um anmutigen, fast ornamental angeordneten Pflanzen tummelt sich eine bunte Insektenschar. Fette Raupen knabbern an saftigen Blättern. Plumpe Kokons und Puppen ruhen auf Ästen und Stängeln. Prächtige Schmetterlinge flattern herum. Käfer krabbeln im Laubwerk oder erheben sich behäbig in die Lüfte. Heuschrecken, Zikaden, Wespen und Ameisen lassen sich gelegentlich blicken. Auf einigen Tafeln hat Maria Sybilla Merian sogar Fösche, Kröten, Eidechsen, Schlangen und Vogelspinnen festgehalten. Auffällig ist das Spiel mit Größenverhältnissen. Merian ist bemüht, die Insekten in Originalgröße wiederzugeben. Die Pflanzen hingegen zeigt sie verkleinert, wohl auch, um möglichst viel von Wuchs und anderen Charakteristika auf dem beschränkten Platz der Tafeln zeigen zu können. Es ist bekannt, dass die Forscherin für ihre Studien auch ein Mikroskop benutzte. Die Künstlerin genießt sichtlich die an den Insekten zu beobachtbaren Farben, Muster und Texturen, die sie nicht nur zeichnet sondern auch beschreibt. Trotz des Bestrebens nach Wahrhaftigkeit der Wiedergabe, verliert die dual Begabte nie den ästhetischen Wert ihrer Bildkompositionen aus den Augen.

Wer mehr über die abgebildeten Insekten und Pflanzen erfahren will, kann allerlei Wissenswertes in den Bilderläuterungen aus der Feder von Katharina Schmidt-Loske erfahren, die Merians Originaltext ersetzen. Die Leiterin des Biohistoricums, Bonn, hat auch den Essay “Maria Sybilla Merians ‘kostbare’ Reise in die Schatzkammer der Natur” zu Leben und Werk der forschenden Künstlerin verfasst. Ergänzendes Bildmaterial, darunter Arbeiten einer der Töchter der Künstlerin, begleitet diesen Text.

“Insects of Surinam” ist ein verführerisch schönes Buch. Maria Sybilla Merians unvergleichliche Darstellungen der Insekten- und Pflanzenwelt Surinams sind eine Augenweide, die niemals an Frische verliert. Auch die Designer des prächtigen Bandes scheinen sich an den dekorativen Krabbeltieren und Räupchen erfreut zu haben. Seitenfüllende Vergrößerungen von Details aus den Tafeln beleben die ohnehin schon attraktive grafische Gestaltung.

Folgen Sie nicht dem in Wohnzeitschriften immer wieder zu bemerkenden Trend, sich aufgespießte Schmetterlingsleichen in Kästchen an die Wand zu hängen. Schaffen Sie sich stattdessen das wunderschöne Buch “Insects of Surinam” an - das schont die Umwelt und stimuliert den Geist.

© Ch. Ranseder

Merian - Insects of Surinam

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Helmut Böhm-Raffay

Sonntag, 01. November 2009

Notiz

Was ist das Nichts?  
Helmut Böhm-Raffay
Einer, der zwischen Realität und Illusion mühelos hin- und herspaziert 
Ein Film von Herbert Link 2009, ca. 40′.

Helmut Böhm-Raffay lebt seinen Traum. Spontan will er sein und kreativ nach dem Ende seines minutiös geplanten, technisch orientiertem Berufslebens. Unter dem Pseudonym “Heinz Brandtner” ist er schriftstellerisch tätig. Er schreibt für die Bühne und wird sein eigener Darsteller. Er schreibt zu Bildern und wird so ein Teil von ihnen. Kreativ und spontan sucht er nach seinen persönlichen Plattformen und findet sie oft an ungewöhnlichen Orten. Doch für ihn ist nichts davon raumgreifend genug. Böhm-Raffay hatte seine Liebe zum Tanzen als Junge entdeckt und ist ihr bis in die Gegenwart treu geblieben. Dabei hat er den nach und nach den Gesellschaftstanz hinter sich gelassen. Über Masken, Pantomime und Afro Dance entdeckt er schließlich den Ausdruckstanz für sich. Helmut Böhm-Raffay ist einer, der den Sog spürt und einer, der ein ewig Suchender bleiben wird.

Herbert Link gelang es den kreativen Freigeist Helmut Böhm-Raffay mit der Kamera einzufangen. In der biografischen Dokumentation bewies er sich als Formgeber der Spontaneität und Bändiger einer kreativen Lebensflut. Ganz passend dient daher das Ende des Interviews als Einstieg in den Film. Rückwärts tritt Helmut Böhm-Raffay ins Bild, setzt sich, bekommt das Mikrophon angesteckt von dem er am Ende des Films wieder befreit wird, um diese Bühne zu Gunsten einer anderen zu verlassen. Mit dem spannend inszenierten Film und der verdichteten Biografie unterstreicht Herbert Link dezent das zufällig Unzufällige des “Heinz Brandtner”.

© S. Strohschneider-Laue

Siehe auch:
Don Quixote am Michaelerplatz - Film
Der verzauberte Spiegel. Schauspiel in zwei Abteilungen. - Buch

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Englische Schriftstellerinnen

Freitag, 23. Oktober 2009

Non-Fiction

Luise Berg-Ehlers
Das Glück des Schreibens. Englische Schriftstellerinnen und ihre Lebensorte
Nicolai 2009, 184 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 89479 292 3

 Das Glück des Schreibens

Wie ärmlich wäre die Weltliteratur ohne den Beitrag der vielen schreibenden Frauen! Vor allem den Engländerinnen gelang es mit ihren herrlichen Geschichten die westliche Kultur zu prägen. Ihnen verdanken wir Charaktere wie Mr. Darcy und Elisabeth Bennet, Jane Eyre, Heathcliff, Hercule Poirot, Miss Marple, Harry Potter und Peter Rabbit. Ein Buch wie “Das Glück des Schreibens. Englische Schriftstellerinnen und ihre Lebensorte” kann also aus dem Vollen schöpfen. Schließlich ersannen die britischen Literatinnen nicht nur starke Romanfiguren, sondern revolutionierten das Genre gleich mehrmals. Im 18. Jahrhundert passten sie die Struktur des Romans den ihnen offen stehenden Themen an. Dabei verdichteten und verkürzten sie - im Gegensatz zu den männlichen Kollegen - ihre Geschichten. Seitdem wird munter weiterentwickelt und experimentiert.

Luise Berg-Ehlers trägt mit der für “Das Glück des Schreibens” getroffenen Auswahl schreibender Frauen dieser Kontinuität und Ausdrucksvielfalt Rechnung. Noch lebende und sehr erfolgreiche Schriftstellerinnen sind ebenso vertreten wie ihre im 18., 19. und frühen 20. Jahrhundert schreibenden Schwestern im Geiste. Vorgestellt werden: Jane Austen, Charlotte, Emily und Anne Brontë, George Eliot, Virginia Woolf, Vita Sackville-West, Nancy Mitford, Radclyffe Hall, Jeanette Winterson, Iris Murdoch, Muriel Spark, Barbara Cartland, Rosamunde Pilcher, Daphne du Maurier, Agatha Christie, Dorothy Sayers, P. D. James, Beatrix Potter, Enid Blyton und J. K. Rowling. Zu den Werken dieser Meisterinnen des Wortes zählen Gesellschaftssatiren, Liebesromane und Krimis ebenso wie Reiseerzählungen und Kinderbücher.

Was trieb diese Frauen an? Wie lebten sie? Wie sah ihr Weg zum Erfolg aus? Die in “Das Glück des Schreibens” präsentierten Kurzbiografien der 21 englischen Autorinnen geben Antwort auf diese Fragen. Wortgewandt und humorvoll erzählt Luise Berg-Ehlers aus den Lebensgeschichten dieser gleichermaßen mit Begeisterung und Disziplin schreibenden Frauen. Deren Bücher sind nicht selten als Meilensteine auf dem Weg zu literarischer Größe, einer Millionen starken begeisterten Leserschaft oder gar beidem anzusehen und werden im Text dementsprechend gewürdigt. Als roter Faden ziehen sich die englische Landschaft und die in sie eingebetteten Häuser durch “Das Glück des Schreibens”, dessen Seiten zahlreiche stimmungsvollen Fotos zieren. Englische Schriftstellerinnen verewig(t)en in ihren Romanen die eleganten Straßenzüge von Bath und London, die Heiden und Moore in Englands Norden, die Strände Cornwalls, stattliche Herrenhäuser, einfache Cottages und üppige Gärten. Ihre Schilderungen haben das Englandbild von Generationen von LeserInnen geprägt. Das Glück des Schreibens ist die eine Seite der Medaille, das Glück des Lesens die andere.

© Ch. Ranseder

Das Glück des Schreibens

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Mut zur Freiheit

Samstag, 11. Juli 2009

Notiz

Petra Unger  
Mut zur Freiheit 
Faszinierende Frauen - bewegte Leben
Metroverlag 2009, 157 S., Sw-Abb.
ISBN 978 3 9025 1781 4

Mut zur Freiheit  Mut zur Freiheit: Faszinierende Frauen, bewegte Leben

Vierzehn Österreicherinnen, die trotz gesellschaftlicher Zwänge ihre Lebensziele abseits traditioneller Rollenbilder verwirklichten: Tina Blau 1845-1916, Tilla Durieux 1880-1917, Margarete Schütte-Lihotzky 1897-2000, Mimi Grossberg 1905-1997, Marie Jahoda 1907-2001, Lotte Lenya 1898-1981, Irene Harand 1900-1975, Ida Maly 1894-1941, Helene von Druskowitz 1856-1918, Friedl Dicker-Brandeis 1898-1944, Cilli Wang 1909-2005, Auguste Fickert 1845-1910, Alma Rosé 1906-1944, Berta Pappenheim 1859-1935.

Strahlendes Sonnengold flutet beim Aufschlagen aus dem Buch. So gülden-verlockend muss die Freiheit für die von Petra Unger vorgestellten Frauen ausgesehen haben, endlich selbstbestimmt agieren zu können. Das männliche “Gatekeepertum” macht Frauen bis heute erfinderisch im Umgehen und/oder kämpferisch im Vorgehen. Wie muss sich Tina Blau, die “Waldmüller-Enkelin” - wurde sie doch von dessen Schüler unterrichtet -, immer wieder gefühlt haben, wenn sie trotz ihres Könnens durch männliches Einschreiten nicht zugelassen, abgedrängt oder ausgebootet wurde. Frauen wurden abgewertet und unterbewertet. Sie hatten bis zum Umfallen zu funktionieren und von göttlicher Männlichkeit Vorgegebenes vorbehaltlos zu akzeptieren. Nicht zu vergessen, dass viele - darunter Tilla Durieux - auch die Hüterinnen der Norm gegen sich hatten. Es war ein steter Kampf um jedes noch so kleine Stückchen Freiheit und berufliche Anerkennung. Auch die gut bekannte Architektin Schütte-Lihotzky wurde vor allem als Einrichterin/Innenarchitektin eingesetzt und wird bis heute auf ihre “Frankfurter Küche” reduziert. Bis auf Lotte Lenya, die arm war und aus dem Gegenteil eines “gutbürgerlichen Hause” stammte, haben sie alle Geld und Bildung gemeinsam. Was sie inhaltlich aber eint, war der unbändige Wille ihre Leben nach ihren eigenen Bedingungen und gegen jeden Widerstand zu leben. Bei Ida Maly (ermordet in Hartheim) und Helene von Druskowitz führte es in die geschlossene Anstalt. Für Bertha Pappenheim (Anna O.) war der Beginn ihrer Selbstbestimmtheit zugleich ihr Weg aus Behandlung und Sanatorium.

Die umrissenen Leben werden von Petra Unger auf ihre Essenz reduziert. Wer mehr wissen möchte, findet in der Bibliographie vertiefende Literaturhinweise. Die Lektüre ist bewegend, aufrüttelnd und, angesichts der sich verschärfenden Wirtschaftskrise, von zunehmender Aktualität. Alle Versammlungen und Repräsentationen von Stadt und Land haben ein entsprechendes Quantum von Frauen aufzuweisen war 1905 eine der zukunftsweisenden Forderungen der Philosophin Helene von Druskowitz. Schade, dass man das Buch nicht zur Pflichtlektüre für Männer machen, sondern nur empfehlen kann, aber “frau” sollte es allen Mädchen auf das Kopfkissen legen.

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Bauhaus-Frauen

Freitag, 12. Juni 2009

Non-Fiction

Ulrike Müller
Ingrid Radewaldt, Sandra Kemker
Bauhaus-Frauen
 
Meisterinnen in Kunst, Handwerk und Design 
Elisabeth Sandmann 2009, 152 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 938045 36 7

Bauhaus Frauen Bauhaus-Frauen - Meisterinnen in Kunst, Handwerk und Design

Das 1919 gegründete Bauhaus nahm auch weibliche Studenten auf. Und die Frauen kamen in Scharen, um die zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch rare Chance auf eine fundierte Ausbildung zu nutzen. Im ersten Semester seines Bestehens inskribierten am Bauhaus vierundachtzig Frauen und neunundsiebzig Männer - sehr zur Besorgnis seines Gründers, Walter Gropius, der nicht mit diesem weiblichen Ansturm gerechnet hatte. In seiner Antrittsrede propagierte Gropius noch “… absolute Gleichberechtigung, aber auch absolute gleiche Pflichten …”, doch schon bald begannen Lippenbekenntnis und Realität auseinander zu driften.

Ulrike Müller und ihre Gastautorinnen Ingrid Radewaldt und Sandra Kemker schildern in “Bauhaus-Frauen. Meisterinnen in Kunst, Handwerk und Design” wie es den Frauen am Bauhaus erging. In brillant geschriebenen Texten erzählen sie von Studienbedingungen, Lehrplänen und den herausragenden Leistungen, welche die Frauen - trotz der Schwierigkeiten und Diskriminierungen mit denen sie sich konfrontiert sahen - erbrachten.

Wie so oft, wenn es Frauen gelingt in männliche Domänen vorzudringen, stand das weibliche Geschlecht auch am Bauhaus bald vor neuen Barrieren. Es hatte nicht lange gedauert bis Maßnahmen ergriffen wurden, um die Zahl der am Bauhaus studierenden Frauen zu beschränken und die Studentinnen auf den ihnen von den Männern zugedachten Platz zu verweisen. Die Mehrzahl der Frauen wurde in die Handweberei abgedrängt, da die Herstellung von Textilien als eine ihnen angemessene Tätigkeit galt. Es muss ein Schock für die männlichen Führungs- und Lehrkräfte gewesen sein, dass sich ausgerechnet die Weberei durch Innovation und Produktivität profilierte und zu einer der erfolgreichsten der Werkstätten entwickelte. Apropos Leitungspositionen: Kaum eine der zahlreichen Frauen am Bauhaus wurde in eine solche berufen, selbst Lehraufträge waren spärlich gesät und, wie Ulrike Müller anmerkt, schlechter bezahlt.

Dennoch ließen sich die außerordentlich begabten Frauen nicht entmutigen. Sie zeigten Durchhaltevermögen und eroberten sich den Zugang zu den anderen Werkstätten, wie Metall, Keramik, Holz, Wandmalerei und Grafik. Doch die Disziplin, in der die zweitgrößte Anzahl an Frauen tätig wurde, war die Fotografie. Damit wird auch am Bauhaus die weibliche Strategie des Ausweichens in relatives Neuland, also in Bereiche deren Hierarchien noch nicht von Männern festgelegt und besetzt sind, sichtbar.

In dem bemerkenswerten Buch “Bauhaus-Frauen” werden 20 Künstlerinnen vorgestellt, die am Bauhaus lehrten, studierten oder als Ehefrauen Bauhausmeister unterstützten. Ihre Lebensgeschichten sind eine spannende, oft berührende Lektüre, im Zuge derer der bedeutende Beitrag sichtbar wird, den Frauen zum Gedeihen des Bauhauses leisteten. Den Auftakt des Biografien-Reigens bestreiten zwei Lehrkräfte aus den Anfängen des Bauhauses, Gertrud Grunow und Helene Börner, sowie eine der ersten Schülerinnen, Ida Kerkovius. Die Reihung der folgenden Porträts erfolgt lose nach den am Bauhaus eingerichteten Werkstätten. Die Weberei repräsentieren Benita Otte, Gunta Stölzl, Anni Albers, Gertrud Arndt und Otti Berger. Aus der Töpferei, die nur in den Weimarer Jahren des Bauhauses bestand, sind Margarete Heymann-Loebenstein-Marks und Marguerite Friedlaender-Wildenhain vertreten. Mehrfachbegabungen, denen die Aufnahme in die Werkstätten für Druckgrafik, Wandmalerei oder Bildhauerei und Bühnenarbeit gelang, waren Ilse Fehling, Friedl Dicker und Lou Scheper-Berkenkamp. Mit den Werkstoffen Holz beschäftigte sich Alma Siedhoff-Buscher. Marianne Brandt leistete Hervorragendes in der Metallwerkstatt. Die Innenarchitektin Lilly Reich wurde 1932 als Leiterin von Ausbauabteilung und Weberei berufen. Das abschließende Kapitel schließlich ist den Fotografinnen und Chronistinnen des Bauhauses, Florence Henri, Grete Stern, Ise Gropius und Lucia Moholy, gewidmet.

Reichhaltiges Bildmaterial, darunter Fotos des Arbeitsumfelds und Abbildungen ihrer Werke, begleitet die Kurzbiografien. Dank zeitgenössischer Fotografien bleiben auch die Frauen selbst nicht “gesichtslos”. Lächelnd oder mit forschen Blick, in die Arbeit versunken oder ihre Werke präsentierend begegnen sie den Augen der Leserinnen und Leser. Originalzitate lassen ihre Persönlichkeit aufblitzen. Wer, neugierig geworden, mehr über eine der Frauen erfahren will, muss nach weiterführender Literatur nicht lange suchen. Sie ist gleich im Anschluss jedes biografischen Textes angeführt. Zeitgeschichtlicher Kontext und die am Bauhaus vorzufindenden Rahmenbedingungen werden in der Einleitung des Buches sowie in den sechs Kapiteln vorangestellten Texten vermittelt.

Den Autorinnen Ulrike Müller, Ingrid Radewaldt und Sandra Kemker ist mit dem Buch “Bauhaus-Frauen” ein wunderbares und zugleich wichtiges Buch gelungen. Nicht nur werden erstmals die Leistungen der am Bauhaus wirkenden Frauen gewürdigt, es bietet sich dadurch auch eine längst überfällige, neue Sichtweise auf die Geschichte einer avantgardistischen, stilprägenden Institution aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

© Ch. Ranseder

Bauhaus-Frauen - Meisterinnen in Kunst, Handwerk und Design

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Deutsche Erfinder

Donnerstag, 28. Mai 2009

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Ulrike Gropp
Deutsche Erfinder
Silberfuchs Verlag 2009, 1 CD, Laufzeit 76′, 15 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 940665 12 6

Deutsche Erfinder Deutsche Erfindungen - Das Erfinder-Hörbuch: Eine Entdeckungsreise in die Erfindenation Deutschland

Unheimlich beginnt diese Erfolgsgeschichte mit “Das Röntgenbild eines Schädels…” und mit Stimmen, Fakten, Geräuschen und Musik geht es die Ohren fesselnd quer durch den deutschen Erfindertraum. Max Foster (Dietmar Mues) bastelt an einer neuen Publikation. Ihm zur Seite steht Wissenschaftlerin Pia Blumenbach (Hannelore Hoger). In Dialogen und erläuternden Erzählungen (Holger Löwenberg) erschließen sich die deutschen Erfindungen.

Kindliche, völlig zweckfreie Entdeckerlust steht am Anfang des Forschens. Wissenschaft und Bildung sollten frei sei, und nicht völlig von zweckgebundenen Förderungen abhängen, denn Grundlagenforschung ist der Nährboden der Erfindung. Forschungsergebnis oder Erfindung? Egal, die Wirkung und vor allem deren Wirtschaftlichkeit zählen. Manche Erfindung geht auf die Beseitigung eines Ärgernisses zurück. Andere Erfindungen sind Verbesserungen von Vorhandenem, wieder anderes ist systematischer Forschungen zu verdanken oder als schlichtes Nebenprodukt erfunden worden. Egal, die Kombination guter Ideen zu einer funktionalen Einheit, die im besten Fall für den Schöpfer auch noch wirtschaftliche Vorteile bringt, schreibt Geschichte, die oft über deren erstes Ziel weit hinaus gehen. So ist Gutenberg mehr als nur ein Buchdrucker. Er schuf die Basis für das erste Massenmedium und damit die Basis für die Verbreitung von Ideen, Wissen und Bildung auf breiter Ebene.

Es ist eine Männerwelt in der sich die Frauen nur anstandshalber finden. Melitta und Herta haben sich mit ihren - durchaus bahnbrechenden -  Küchenerfindungen von Kaffeefilter und Currywurst zumindest eine Erwähnung im Erfinderolymp gesichert. Auch Männer sind hungrig, wollen Kaffee und schließlich kann man mit beidem Geld, eigentlich sogar sehr viel Geld verdienen. Und trotz Dampfmaschine, Glühbirne, Dieselmotor und Atombombe ist die Deutsche Erfindergeschichte ein Beispiel für verschwendete Energie. Verschwendete Energie, weil die zündenden Ideen von Frauen, die sich nicht vornehmlich um die eine oder andere Aufrüstung drehen, von deren Männern eingesackt wurden. Frauen haben mehr geleistet als Erfinder zu gebären, aufzuziehen oder das Laborkaninchen abzulösen, wenn man zum Beispiel “nur” an Fallschirm und leichte Augengläser denkt. Vielleicht hätte der “verschwundene” Frauenanteil diesem durchaus angenehmen und informationsgeladenen Ohrenschmaus ab und an einen unangenehmeren Beiklang gegeben, aber sicher nicht mehr als jenen alltäglichen Beiklang über Misserfolge, Hindernisse und Neid, denen auch männliche Erfinder ausgesetzt sind.

“Made in Germany” war einst als Warnung gedacht und wurde doch zum Gütezeichen. Vom Buchdruck (um 1450) bis zum Scheinwerfer (2009) wurden internationale und nachhaltige Maßstäbe gesetzt. Ob die Currywurst ebenso wie Aspirin über Deutschland hinaus erfolgreich werden wird, ist auf jedenfall hörwürdig. Drei geniale Stimmen und zahlreiche Musik- sowie Textzitate halten durchgehend die Spannung aufrecht. Und auch die Optik kommt nicht zu kurz. In hoffnungsfrohen Grüntönen gehalten, besticht wieder die Grafik von Roswitha Rösch durch thematische Ausgewogenheit.

Hörprobe

© S. Strohschneider-Laue

Deutsche Erfindungen - Das Erfinder-Hörbuch: Eine Entdeckungsreise in die Erfindenation Deutschland

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Darwins Schwestern

Montag, 18. Mai 2009

Non-Fiction

Gudrun Fischer (Hg.)
Darwins Schwestern
Orlanda 2009, 220 S., 15 Sw-Abb.
ISBN 978 3 936937 67 1

Darwins Schwestern Darwins Schwestern: Porträts von Naturforscherinnen und Biologinnen

Von der Pionierin Maria Sybilla Merian (1647-1717) bis zu den Naturwissenschaftlerinnen der Gegenwart spannt sich der zeitliche Bogen. Fünfzehn Biologinnen, die Situation der Frau in der Biologie und die feministische Kritik an der Evolutionstheorie werden in acht Kapiteln einer fesselnden Analyse unterzogen. Den Pionierinnen Merian und Dietrich folgen die erste Hochschulprofessorin von Wrangell und die nazikritische Zoologin von Linden. Die Genetikerinnen Schiemann, Ubisch und Hertwig spiegeln Karrieren bis Mitte des 20. Jahrhunderts. Mann Borgese war zwar nicht Gründungsmitglied aber 1970 die einzige Frau im Club of Rome (CoR) und sie gründete 1972 das International Ocean Institut (IOI). Die zeitgenössischen Biologinnen werden durch die beiden Nobelpreisträgerinnen McClintock, Nüsslein-Volhard sowie Lochte, die Direktorin des AWI, repräsentiert. Die Naturwissenschaftlerinnen Boetius, Sattler, Becker und Karatas stehen für die jungen Aktiven. Der aktuelle Stand der Dinge zur Situation der Frauen in der Biologie sowie die feministische Kritik an der Evolutionstheorie werden im Schlusskapitel “Hintergrund” einer übersichtlichen Betrachtung unterzogen. Weiterführende Literatur zu den einzelnen Wissenschafterinnen sowie Kurzbiografien der Autorinnen runden “Darwins Schwestern” ab.

Gudrun Fischer - selbst Biologin - hat es sich nicht leicht gemacht die Auswahl unter den Biologinnen und deren Biografinnen zu treffen. Und so ist das Buch auch geworden: Vielfältig wie das Leben, voller Entdeckungen und abwechslungsreich geschrieben. Der große Verdienst des Buches besteht daher nicht in exzellenten Biografien oder dem - unmöglichen - Anspruch auf Vollständigkeit. Es ist vor allem die Präsentation der Verhältnisse zwischen aufgetürmten Hürden, erbrachten Leistungen und durchlebten Karrieren der Wissenschaftlerinnen, die besticht. Die Biologie ist nämlich nicht nur in sprachlicher Hinsicht weiblich. Unter den Naturwissenschaften ist Biologie jenes Studium, das mit etwa den größten Frauenanteil von der Erstsemestrigen bis zur Absolventin verzeichnen kann. In die Führungsebenen und den Olymp der Forschung schaffen es trotzdem mehr Männer als Frauen.

“Darwins Schwestern” macht naturwissenschaftliche Frauenkarrieren sichtbar, aber auch jene gesellschaftlichen Widerstände und beruflichen Barrieren, die etliche Parallelen quer durch die Zeiten aufweisen. Bei “typischen Frauenkarrieren” kommen die Doppelbelastung als Forscherin und Ehefrau, freie oder erzwungene Entscheidungen zwischen Forschung und Privatleben und weiterer Reibungsverlust, dem Männer niemals ausgesetzt waren oder sein werden, zum Tragen. Es trotzdem zu schaffen, bedeutet anscheined für viele Wissenschafterinnen 150 % anzustreben, 100% zu erreichen und zum Ausgleich zu 50% unzufrieden mit dem Erreichten zu sein. Ein bisschen mehr männliches Streben nach dem “egal, nächstes mal wird’s besser”, ist möglicherweise dem Selbstwertgefühl abträglich, aber der Karriere zuträglicher als jede Perfektion.

Darwins Schwestern waren keine Biologinnen. Ob Darwin die Porträtierten als Kolleginnen wirklich akzeptiert hätte, wage ich zu bezweifeln. So gesehen, finde ich den Titel zwar unpassend, aber verkaufsförderlich und das ist gut so, denn die Botschaft soll bei möglichst vielen LeserInnen ankommen. Ein geniales Buch, das eindeutig nicht nur für Naturwissenschafterinnen geschrieben wurde.

© S. Strohschneider-Laue

Darwins Schwestern: Porträts von Naturforscherinnen und Biologinnen

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Frauen: 60 Jahre BRD

Samstag, 09. Mai 2009

Non-Fiction

Irma Hildebrandt 
Frauen setzen Akzente
Prägende Gestalten der Bundesrepublik
Diederichs 2009, 256 S., 12 Sw-Fotos.

ISBN 978 3 424 35003 6

Frauen setzen Akzente. Prägende Gestalten der Bundesrepublik Frauen setzen Akzente: Prägende Gestalten der Bundesrepublik

Irma Hildebrandt ist Frauenbiografin und das mit einem unglaublichen erzählerischem Talent. In ihrem neusten Werk widmet sie sich zwölf Frauen, die die ersten 60 Jahre der Bundesrepublik Deutschland entscheidend mitgeprägt haben. Die Auswahl zu treffen, ist ihr vermutlich nicht leicht gefallen; denn es gibt wesentlich mehr als nur zwölf Frauen, die zum Werden der Bundesrepublik entscheidend beigetragen haben. Umso erfreulicher ist es, dass Irma Hildebrand sich gerade für diese zwölf Persönlichkeiten entschieden hat. Die Frauen repräsentieren verschiedene Fachbereiche und Weltanschauungen, gebrochene und ungebrochene Lebensläufe, aber vor allem polarisieren sie in sehr differenzierter Weise.

Frauen wurde und wird es nicht leicht gemacht. Und einige sind - auch aus diesem Grund - einen kompromisslosen Weg gegangen, der blutig und unblutig zum persönlichen Scheitern verurteilt war. Trotzdem oder gerade deshalb prägten sie Zeitabschnitte des 60-jährigen Deutschlands durch ihre Aktionen und ihr Streben entscheidend. Es sind also nicht die inhaltsleeren Reichen und Schönen vertreten, die heute für die Medien so wichtig scheinen, sondern inhaltsorientierte Powerfrauen: Hannah Arendt, Hilde Domin, Hildegard Hamm-Brücher, Petra Kelly, Lore Lorentz, Ulrike Meinhof, Angela Merkel, Christine Nüsslein-Volhard, Gesine Schwan, Alice Schwarzer, Dorothee Sölle und Rita Süssmuth. Die ganze Bandbreite der intellektuellen Frauen, die Wissenschaft, Literatur, Philosophie, Theologie, Feminismus, Politik und zuweilen auch blanke Gewalt zu ihren Inhalten erklärten. Sie alle haben gemeinsam, in Deutschland entscheidende Akzente gesetzt zu haben.

Zitate und Schwarzweiß-Fotografien und zentrale Lebensaspekte leiten die jeweils rund 20-seitigen Essays ein. Und was folgt, ist Spannung pur. Zurückhaltend kommentiert, aber niemals unkritisch betrachtet, erzählt Irma Hildebrandt Lebensläufe, die Emigration und Rückkehr ebenso in sich vereinen wie Kritikfähigkeit und Toleranz oder ungebrochenen Kämpfergeist und Forscherdrang. Flexibilität wurde diesen Frauen im hohen Maße abverlangt, aber kaum eine der Unbeugsamen zeichnet sich wirklich durch diese - männlich eingeforderte - sogenannte weibliche Tugend aus. Nur im Porträt der Naturwissenschaftlerin Angela Merkel, die ab 2005 erste Bundeskanzlerin Deutschlands ist, wird sie betont. Aber die Bundeskanzlerin bezeichnete sich ja auch selbst als angepasst und nicht als Heldin.

Literatur- und Bildhinweise beschließen das überaus lesenswerte Buch über Frauen, die wahrhaft in Deutschland Akzente setzten und jene, die es weiterhin tun werden. Fantastisch, ich werde wohl einige Exemplare verschenken und eines davon auf jeden Fall meiner Mutter (*1931) .

© S. Strohschneider-Laue

Frauen setzen Akzente: Prägende Gestalten der Bundesrepublik
siehe auch:
Große Frauen (Diederichs): Porträts aus fünf Jahrhunderten
Bin halt ein zähes Luder: 15 Münchner Frauenporträts
Berühmte Münchnerinnen: 18 Frauenporträts
Provokationen zum Tee. Leipziger Frauenporträts.
Tun wir den nächsten Schritt. 18 Frankfurter Frauenporträts.
Zwischen Suppenküche und Salon. 22 Berlinerinnen.
Mutige Schweizerinnen. 18 Frauenporträts.
Immer gegen den Wind. 18 Hamburger Frauenporträts.

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Max Ernst

Samstag, 25. April 2009

ab acht

Mario Giordano
Max Ernst für Kinder
Dumont 2009, 52 S., reich illustriert
ISBN 978 3 8321 9172 6

Max Ernst für Kinder  Max

Die bunte Welt des Dadaisten und Surrealisten Max Ernst (1891-1976) macht Kinder neugierig auf Kunst. Sie werden sich an den Bildern nicht satt sehen können und ständig Neues entdecken. Und sie werden viele Techniken selber ausprobieren.

Anhand ausgewählter Werke werden nicht nur die Sichtweisen von Max Ernst anschaulich gemacht. Die Lebensstationen des vielfältigen Künstlers werden von Mario Giodano in leichter Sprache und vor allem über dessen Werke vorgestellt. Die Arbeitsweise von Max Ernst als Maler, Zeichner und Bildhauer wird durch die gelungene Bildwahl für das junge Publikum leicht fassbar. In den bunten Bilderreigen gesellen sich zahlreiche Fotos, die Max Ernst im Laufe seines Lebens mit vielen seiner WegbegleiterInnen zeigen.

Kreativität benötigt Interesse, offene Augen und die Fähigkeit - mit offenen und mit geschlossenen Augen - zu träumen. Schön wie Giordano den Kindern fast nebenbei vermittelt, dass Max Ernst zugleich mit offenen Augen sah und träumte, aber zugleich auch ebenso kritisch wie verspielt war. Eigenschaften, die alle Kindern kennen und viele von ihnen leider auf dem Weg ins Erwachsenenalter verlieren. Die überschäumende Lebenslust und die Freude am künstlerischen Experiment kennzeichnen das abwechslungsreiche Werk von Max Ernst zu denen auch Collagen und Frottagen zählen. Also auch Techniken, die Kindern gerne anwenden. Und das Motto, “erfinden, entdecken, enthüllen”, werden Kinder ebenso gerne aufgreifen.

Der lockere Erzählton wird, obwohl fast unmerklich mit vielen Informationen gespickt, auch jüngere Kinder fesseln. Die unvermeidlichen Fachbegriffe sind mit einem blauen Pfeil gekennzeichnet und können im Glossar nachgeschlagen werden. Bildnachweise, wichtige Bücher und interessante Weblinks runden das Buch ab.

Gelungen: Ein wunderbuntes Max-Buch und Traum-Ernst ist es auch!

© S. Strohschneider-Laue

Max

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Léonard & Marie Antoinette

Freitag, 17. April 2009

Fiction

Léonard Autié
Léonard der Coiffeur der Königin
Galantes, Frivioles und Extravagantes vom Hofe der Marie-Antoinette
edition ebersbach 2009, 263 S., Sw-Abb.
ISBN 978 3 938740 84 2

Léonard der Coiffeur der Königin Léonard, der Coiffeur der Königin: Galantes, Frivoles und Extravagantes vom Hofe der Marie-Antoinette

Der Friseur als Beichtvater?
Der Friseur als Künstler?
Der Friseur als minutiöser Beobachter einer intriganten Gesellschaft, die mit vollen Haarsegeln (inklusive Fregatte) auf den Untergang zu steuert?
Stimmt alles, aber vor allem war Léonard ein ehrgeiziger und bauernschlauer Gascogner, ein genialer Klatschreporter, der auf der fetten Adelssuppe surfte. Mitten zwischen dekadenten Adel und überfressenem Klerus ein Friseur, der die Locken so hoch auftürmt wie es der Adel der Kundinnen erforderte und so willig war wie es die Kundinnen wünschten. Er hatte seine Augen und Ohren offen, denn er wusste eindeutig Zweideutiges zu berichten und die jeweilige Gunst der Stunde zu nutzen. Die Locken- und Bettenkarriere eines Mannes, der der Adelsgesellschaft gab, was sie wollte, bevor das Volk ihr gab, was sie verdiente. 

In diesem Buch ist es aufgeschrieben das Galante, Frivole und Dekadente der auftoupierten Glanzzeit von Marie-Antoinette und ihren Zeitgenossinnen. Egal ob Léonard die amüsanten und geistreich formulierten Anekdoten selbst schrieb oder nicht - das Buch kam deutlich nach seinem Tod in den späten 30ern des 19. Jahrhunderts erstmals auf den Markt und vielleicht war Georges Touchard-Lafosse der Ghostwriter - es ist eine pikant-glamouröse Betrachtung jener Gesellschaft, die durch Eitelkeit zusammengehalten wurde.

So gesehen, hat das Buch Aktualitätswert bis in die Gegenwart. Auch wenn die dümmliche Eitelkeit der Frauen heute eher durch Untergewicht unter und Silikon auf den Rippen, blonde Haare sowie übergroße Sonnenbrillen repräsentiert wird. Während sich die unersättliche Gier der Männer durch unkontrolliertes Scheffeln aus den versiegenden Geldpool und den Lohntüten der Angestellten manifestiert. In Anbetracht, dass am Ende von Léonards Karriere die Flucht vor der französischen Revolution stand, stellt sich die Frage in welchen Untergang die vollständig aufgetakelte heutige Upperclass segelt.

Hinter rosa Umschlag und passend verspieltem Layout mit etlichen historischen Abbildungen verbirgt sich nicht nur pures Lesevergnügen und ein historischer Einblick. Carolin Fischer wählte für diese erste Deutsche Ausgabe jene Episoden, die in unmittelbaren Zusammenhang mit Marie-Antoinette stehen. Anmerkungen und Zeittafel runden die hintergründige Betrachtung des Ancien Régime ab.

© S. Strohschneider-Laue

Léonard, der Coiffeur der Königin: Galantes, Frivoles und Extravagantes vom Hofe der Marie-Antoinette

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Hermann Obrist

Donnerstag, 09. April 2009

Non-Fiction

Eva Afuhs, Andreas Strobl (Hgg.)
Hermann Obrist Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900

Museum Bellerive, Staatliche Graphische Sammlung München
Scheidegger & Spiess 2009, Dt./Engl., 248 S., zahlr. Abb.
ISBN
ISBN 978 3 85881 239 1

Hermann Obrist Hermann Obrist: Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900

Hermann Obrist (1862-1926) war ein Suchender. Vielseitig begabt und leicht zu langweilen, kam er über den Umweg der Naturwissenschaften zur Kunst. Vier “Visionen” brauchte es, bis der junge Hermann seine Berufung erkannte und sich ganz dem Kunstgewerbe verschrieb. Wie sein Werdegang verlief, erzählt der Künstler, der einst in München den deutschen Jugendstil maßgeblich formte, in der Autobiografie “Ein glückliches Leben”. Seine Erinnerungen bilden - durch Papier, Farbe und mittige Platzierung von den wissenschaftlichen Beiträgen abgehoben - das Herzstück des Buches “Hermann Obrist. Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900″.

Das künstlerische Schaffen von Hermann Obrist ist nur noch lückenhaft erhalten. Vieles kam nie über das Entwurfsstadium hinaus, ging verloren oder wurde im zweiten Weltkrieg zerstört. Nahezu das gesamte bildhauerische Werk sowie eine fotografische Dokumentation der Grabmäler und Brunnen befinden sich heute im Museum für Gestaltung, Zürich. Ein weiterer bedeutender Teil seines Nachlasses hat sich in der Staatlichen Graphischen Sammlung, München, erhalten. Das als gemeinsames Projekt der beiden Institutionen entstandene Buch “Hermann Obrist. Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900″ und die begleitende Ausstellung führen erstmals diese Teile des Nachlasses zusammen.

Unter welchen dramatischen Bedingungen Teile des Werkes von Hermann Obrist gerettet werden konnten, schildert der erste Beitrag des reich bebilderten Buches. Eva Afuhs und Andreas Strobl stellen in “Erste Grundlagen zu einem fragmentierten Werk” den Nachlass vor. Im Zuge dessen untersuchen sie sowohl die künstlerische Entwicklung des Bildhauers als auch die Rezeption und Bedeutung seines Werkes im Kontext des damaligen Kunstverständnisses. Hermann Obrist wollte neue Wege beschreiten. Er fand neue, originelle Ausdrucksformen und experimentierte als einer der Ersten mit den Materialien Plastilin und Zement. Als Inspirationsquelle für seine Plastiken, Textilien und Zeichnungen sammelte er Abbildungen aus Zeitschriften. Damit nahm er die “mood-boards” heutiger Designer vorweg. Wäre Hermann Obrist noch am Leben, könnte er vermutlich als Ausstatter von Fantasy-Filmen Erfolge feiern. Seine bildhauerischen Arbeiten wirken fantastisch-fremdartig, bisweilen sogar bedrohlich. Eva Afuhs und Andreas Strobl benutzen den treffenden Ausdruck “biomorph”. Obrist orientierte sich an der Natur, jedoch ohne sie zu kopieren. Er fing Bewegung und Wachstum als Ausdruck der inneren Kraft eines Organismus ein und verkörperlichte sie als Spirale oder Peitschenschlaglinie. Für ihn sollte Kunst das Gefühl des Lebens in übersteigerter Form erfahrbar machen.
Annika Waenerberg legt in “Lebenskraft als Leitfaden” dar, welche Faktoren sowohl Obrists Ringen nach einem einzigartigen persönlichen Stil als auch seine kunsttheoretischen Ideen beeinflusst haben. Die Erforschung der Wahrnehmung und der abstrakten Form beschäftigten den Künstler auch in seinen Zeichungen.
Stacy Hand geht in ihrem Beitrag “Feuer in Schwarzweiss” der Frage nach, welche Bedeutung Wahrnehmungspsychologie und naturwissenschaftliche Illustration für das Werk von Hermann Obrist hatten. Dieser widmete sich ja nicht nur der Praxis sondern auch der Theorie und Lehre. Als Mitbegründer der “Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk” dürfte er gut mit anderen Künstlern vernetzt gewesen sein.
Ingo Starz wirft in “Ornamental-Plastik” Licht auf den Dialog und die, anlässlich der Werkbundausstellung in Köln 1914 erfolgte, Zusammenarbeit mit Henry van de Velde.
Dass Hermann Obrist sich der Bedeutung seiner Grabmäler und Brunnen bewusst war, darf aus der qualitativ hervorragenden fotografischen Dokumentation der Werke geschlossen werden. Viola Weigel analysiert in “Hermann Obrist und die Fotografie” das im Nachlass erhaltene Konvolut von 49 Aufnahmen. Im Zuge dessen legt sie dar, wie der Blick durch das Objektiv die Wahrnehmung der Arbeiten und ihrer Platzierung im Raum beeinflusst.
Warum Obrist ausgerechnet der Gestaltung von Grabmälern besondere Aufmerksamkeit schenkte und welche Erfolge er mit seinen Werken verbuchen konnte, beschäftigt schließlich Hubertus Adam in “Symbolische Erinnerungen an die Natur”.

“Hermann Obrist. Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900″ ist die erste Monografie über den eigenwilligen Bildhauer, Textildesigner, Zeichner, Theoretiker und Lehrer. Die in deutscher und englischer Sprache wiedergegebenen Essays leisten einen bedeutenden Beitrag zur Erforschung des Gesamtwerkes von Hermann Obrist. Zu den hervorragenden Texten und der großzügigen Bebilderung gesellt sich für designbewusste LeserInnen ein zusätzlicher Bonus. Das Buch besticht mit einer edlen Gestaltung, die es wohltuend von der Masse der verfügbaren Kunstpublikationen abhebt. Mehr sei hier nicht verraten. 

© Ch. Ranseder

Hermann Obrist: Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900

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Malweiber

Donnerstag, 09. April 2009

Non-Fiction

Katja Behling, Anke Manigold
Die Malweiber
Unerschrockene Künstlerinnen um 1900
Elisabeth Sandmann 2009, 152 S., zahlr. Abb.

ISBN 978 3 938045 37 4

Malweiber Die Malweiber - Unerschrockene Künstlerinnen um 1900

Im 19. Jahrhundert gab es zahllose Frauen, die als Künstlerinnen tätig waren. Sie nutzten die wenigen ihnen offen stehenden Ausbildungsmöglichkeiten, stellten aus, gewannen Preise, schlossen sich in Vereinen zusammen und verkauften ihre Werke. Nur in die offizielle Kunstgeschichte haben sie, bis auf wenige Ausnahmen, ihren Weg nicht gefunden. Je radikaler, fortschrittlicher und innovativer die von den Künstlerinnen entwickelte eigene Bildsprache war, desto größer die Ablehnung der zeitgenössischen männlichen Kunstkritiker. Der mutige Bruch mit den bestehenden Geschlechterrollen, die Überwindung äußerer und innerer Barrieren kostete die kunstschaffenden Frauen enorme Kraft. Nicht selten waren Anfeindung und Spott der einzige Lohn. Besser fuhren Künstlerinnen, deren Werke mit Attributen wie charmant, reizend etc. bedacht werden konnten. Solange ihre Lebensführung und ihr künstlerischer Ausdruck einigermaßen den gesellschaftlich zementierten Vorstellungen des Weiblichen entsprachen, wurde ihnen zumindest zu Lebzeiten die Anerkennung nicht verwehrt. Die Zeit überdauert haben auch viele ihrer Werke nicht.

Wahre Wertschätzung zeigt sich im Sammeln, Bewahren und lebendig halten der Erinnerung. Das Ausmaß dessen, was verloren ging oder vernichtet wurde, macht erst die Lektüre eines Buches wie “Die Malweiber” bewusst. So fragwürdig es auch scheinen mag, 45 Künstlerinnen auf mageren 127 Seiten zu präsentieren, ermöglicht es doch einen einzigartigen Vergleich der Biografien und Überlebensstrategien dieser Frauen. Malen konnte jede von ihnen ebenso gut wie ihre männlichen Kollegen. Der Preis, den sie für die Ausübung ihrer Profession zu zahlen hatten, war ungleich höher. Der Balanceakt zwischen ersehnter Freiheit zur künstlerischen Verwirklichung und der Erfüllung weiblicher Pflichten gelang nur wenigen. Ehemänner oder Lebensgefährten, die sich willig zeigten, ihr Ego hintanzustellen und ihre Frauen zu unterstützen waren die Ausnahme. Von jenen Künstlerinnen, die nicht allein oder mit einer anderen Frau zusammenlebten, gaben viele wegen der Familie ihre künstlerischen Ambitionen frühzeitig auf oder pausierten. Andere stellten sich in den Schatten ihrer berühmteren Männer und verschrieben sich der Pflege deren Nachlasses anstatt jener des eigenen Werkes. Ohne Menschen, die ihre Arbeiten schätzen, ohne Fürsprecher, Förderer und Nachlassverwalter liefen und laufen Künstlerinnen Gefahr, vergessen zu werden. Wer liebender Verwandter entbehrt und von den Torwächtern des Kunstbetriebes, den Kritikern, Wissenschaftlern, Kuratoren und Galeristen, totgeschwiegen wird, der verschwindet in der Versenkung. Die Ökonomie der Aufmerksamkeit ist keine Erscheinung des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Nur wessen Name in aller Munde ist, geradezu gebetsmühlenartig wiederholt wird, findet Aufnahme ins kulturelle Gedächtnis.

“Die Malweiber” leistet einen Beitrag, die Namen von Künstlerinnen in die Welt hinauszutragen und das Interesse für sie zu schüren. 45 Frauen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz wurden von Katja Behling und Anke Manigold für ihr Buch ausgewählt: Paula Moderson-Becker, Marie Bock, Clara Rilke-Westhoff, Louise Moderson-Breling, Katharina Bamberg, Elisabeth Büchsel, Antonie Biel, Clara Arnheim, Henni Lehmann, Anna Gerresheim, Elisabeth von Eiken, Anna Natalie Sinnhuber, Margarethe Sinnhuber, Helene Neumann, Alma del Banco, Anita Rée, Käte Lassen, Julie Wolfthorn, Augusta von Zitzewitz, Clara Siewert, Charlotte Berend-Corinth, Dora Hitz, Käthe Kollwitz, Ida Braubach, Mathilde Knoop-Spielhagen, Mathilde Battenberg, Viktoria von Preussen, Anna Klein, Maria Langer-Schöller, Emmi Walther, Paula Wimmer, Johanna Oppenheimer, Marianne Werefkin, Lolo von Hornstein, Waltraut Niepmann, Gabriele Münter, Sophie Taeuber-Arp, Clara von Rappard, Louise Breslau, Aloïse Corbaz, Bronica Koller, Tina Blau, Helene Funke, Marie-Louise von Motesiczky und Else Lasker-Schüler. Ihren knappen Biografien ist eine Einleitung, die sich mit den Ausbildungsbedingungen von Frauen im Kunstbetrieb und der Bedeutung von Künstlerkolonien auseinandersetzt, vorangestellt. Bestimmend für die Gliederung des Buches sind die Arbeitsorte der Künstlerinnen - sei es ländliche Künstlerkolonie oder Großstadt. Jeder wird kurz vorgestellt, doch leider beleben diese Texte nur Zitate von Männern, die sich überschwänglich zur Schönheit der Orte und ihren Besonderheiten äußern. Wäre es in einem Buch über Künstlerinnen nicht interessanter zu erfahren, wie es ihnen dort gefiel? Und so las ich “Die Malweiber” mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Lachend weil jede Publikation über Künstlerinnen zählt, weinend weil hier den einzelnen Persönlichkeiten so wenig Platz eingeräumt wird. Zwischen einer und vier Seiten sind die - Text, Foto der Künstlerin und Werkbeispiele umfassenden - Biografien lang. Oder sollte ich sagen: kurz? Die Möglichkeit zusätzliches Bildmaterial in der Einleitung und auf Schmuckseiten unterzubringen, wurde bedauerlicherweise nicht ausgeschöpft. Stattdessen finden Bilder zweimal Verwendung, Katharina Bambergs “Schafstall auf Hiddensee” ist sogar dreimal abgebildet.

Das Buch “Die Malweiber” ist Zusammenfassung und potentieller Ausgangspunkt zugleich. Paula Moderson-Becker und Käthe Kollwitz haben bereits Aufnahme in den “Kanon” der Kunstgeschichte gefunden. An ihnen kommt man nicht mehr so leicht vorbei. Einige der in dem Buch vorgestellten Malerinnen wurden in den letzten Jahren wiederentdeckt und mit Ausstellungen gewürdigt. All jenen, die bislang nur in Sammelbänden aufscheinen, wünsche ich eine Monografie, reich an Abbildungen und Originalzitaten. Damit auch ihre Stimme gehört wird.

© Ch. Ranseder

Die Malweiber - Unerschrockene Künstlerinnen um 1900

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Halali Esterházy

Donnerstag, 26. März 2009

Non-Fiction

Stefan Körner (Hg.)
Fürstliches Halali
Jagd am Hofe Esterházy
Prestel 2008, im Schuber, 345 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 7913 4153 8

Fürstliches Halali Fürstliches Halali: Jagd am Hofe Esterházy

Auf Burg Forchtenstein wird vom 10. Mai ‘08 bis 31. Oktober ‘10 die Jagdtradition im Fürstenhaus Esterházy präsentiert. Der Katalog bietet unabhängig von der Ausstellung einen exzellenten Überblick zur Jagdgeschichte zwischen adeligem Privileg, elitärem Zeitvertreib und modernem Waidwerk. Vier Jahrhunderte fürstlicher Jagd werden hier von ihren prächtigsten und selbstbewussten Seiten gezeigt.

Hält man den großformatigen Prachtband in Händen, fällt der Blick sofort auf die moderne Diana mit ihrem Gebirgsschweißhund, die den Schuber zieren. Das leinengebundene Werk hingegen lädt die Augen mit dem Bild eines Jägers aus Meißner Porzellan auf eine Zeitreise ins 18. Jahrhundert. Und der thematisch einstimmende Augenschmaus setzt sich im Inneren ungebrochen mit historischen Stichen, Gemälden, Kunstobjekten, Trophäen, alten und modernen Fotografien - Manfred Horvath, Gerhard Wasserbauer -  fort.

Die AutorInnen des Bandes unterziehen die Jagd und die Jagd der Fürsten Esterhazy in ihren Beiträgen genaueren Betrachtungen.

Henrike Hülsbergen widmet sich unter dem Titel “Jagdlust: Von der höfischen Jagd zur Großwildjagd im 21. Jahrhundert” vor allem den gesellschaftlichen Wechselbeziehungen der männerdominierten Jagd. Dennoch spart sie verhaltenspsychologische Aspekte nicht aus und verleiht ihrem spannend geschriebenen Beitrag eine kritische Note, die man sonst nicht findet.

“Den “Formen und Mitteln der Hohen Jagd” widmet sich ausführlich Margit Knopp. Beizjagd, Hetzjagd und Parforcejagd sind nur drei der von ihr ausführlich beschriebenen Methoden Tiere zur Strecke zu bringen. Jagdformen denen auch die Esterházys und ihre Gäste gerne frönten. Die Kosten waren von Methode zu Methode unterschiedlich, aber bei der Umstellten Jagd nur noch als enorm zu bezeichnen. Die gewaltige Anzahl der erlegten Tiere wurden nicht nur an der höfischen Tafel aufgetischt, sondern wurden u. a. verkauft oder zu wohltätigen Zwecken verschenkt.

Identität, Stand, Würde und Zeitvertreib stellt Stefan Körner in “Die Fürsten Esterházy und die ungarische Jagdgeschichte” in den Mittelpunkt. Tiergärten, Jagdhunde und Ausstattung waren wichtige Besitztümer, die in Urkunden und Bildquellen festgehalten wurden. Der umfangreiche Beitrag schöpft zu dem aus einer Fülle von Originalzitaten und stellt auch durch aktuelle Fotos Querbezüge zwischen historischen Dokumenten und der Gegenwart her.
In einem knappen, wenig reflektierenden weiteren Beitrag widmet Körner sich noch “Wilderei als Diebstahl und Auflehnung gegen den Fürsten”.

Endre Balsay trägt mit “Esterházy-Jagden und -Jagdgebiete bei Eszterháza 1871-1945″ zum Verständnis der wirtschaftlichen Faktoren bei.

“Jagd heute - heute jagen? Die Bedeutung der Jagd bei den Esterházy Betrieben” von  Hans-Peter Weiss verfolgt die wirtschaftliche Bedeutung anhand der betrieblichen Situation bis in die Gegenwart.

Florian Thaddäus Bayer nimmt sich am Beispiel eines Mitglieds der Fürsten Familie der Großwildjagd an. “In beinahe 80 Tagen um die Welt: Prinz Louis Esterházy und die Großwildjagd” werden seine Leidenschaften für Reisen, Jagd und Militär begleitet von zahlreichen Fotografien und Trophäen aufgegriffen. Kuriositäten, darunter die Reisetoilette, die auf den Fahrten mitgeschleppt wurde, wie seltsame Mitbringsel und Präparate begleiten die Biographie. Janós Hasenbock - ein präparierter Hase, der am 31. Dezember 1898 sein Leben aushauchte - mutet unter all den unzähligen Überresten von toten Tieren auf verdrehte Weise geradezu menschlich  an. Auf den Hinterbeinen stehend, stützt er sich auf eine Krücke, um seine verbundene Hinterpfote zu schonen. Um sein Haupt ist ein Tüchlein gebunden und er hat einen geflickten Leinenbeutel umhängen. In der rechten Pfote hält er einen Brief, seinen “Amtlichen Erlaubnisschein” für lebenslange Almosen. Ein überaus spannender Artikel, spiegelt er doch am Beispiel von Prinz Louis Esterházy - oder auch durch Janós Hasenbock - das Selbstverständnis des Adelshauses.

Die richtige Ausrüstung betrifft nicht nur Waffen. “Die Jagdbekleidung am Hofe der Fürsten Esterházy” von Angelika Futschek zeigt deutlich wie Funktionalität mit Standesbewusstsein miteinander verwoben waren. Und dies betraf nicht nur die Fürsten selbst, sondern auch die Ausstattung, die sie ihren jagdlichen Angestellten maßschneidern ließen. Die Schriftquellen informieren genau über die Kosten, sie beschreiben, Stoffqualitäten, Farben und nennen die beauftragten Schneider. Und wenn man von einem Augenzeugen erfährt, dass die Uniform des Fürsten mit Perlen, Brillanten und Smaragden besetzt war, weiß man auch, dass man sich Kleidung für den Angestellten passend zu deren Funktion gut leisten konnte und aus Hofhaltungsgründen auch leisten wollte.

“Josef Haydn, die Jagd und die Musik” greift Gerhard J. Winkler analytisch an ausgewählten Instrumenten und musikalischen Beispielen auf. Josef Haydn war bis 1790 rund 30 Jahre als Musiker und Hofkappellmeister im Dienste der Fürsten Esterházy. Und Musiker dienten seit dem Altertum dazu den Auftraggeber nicht nur zu unterhalten, sondern ihn auch zu preisen und damit seine Hofhaltung zu unterstreichen. Somit widmete sich Haydn musikalisch auch der Jagd, die einen großen Raum der Fürsten einnahm.

Felix Tobler greift unter dem sperrigen Titel “Forstverwaltung und Jagdorganisation des Esterházy-Majorates vom Beginn des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts” ein wirtschaftsgeschichtliches Thema auf. Der Aufbau einer zentralen Jagd- und Forstverwaltung ermöglichte langfristig, zielgerichtet und vor allem wirtschaftlich zu planen.  Auch wenn in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts prunkvolle Hofjagden aus finanziellen Gründen eine Seltenheit wurden. Schade, dass man nichts Näheres über die dienstlichen Verfehlungen des Domänendirektionsrates Rampichel erfährt, das hätte das hochinteressante aber dennoch aus überwiegend buchhalterischen Quellen schöpfende  Jagd- und Forstgeschichtekapitel um geschmackige menschliche Details abseits der Verwaltung bereichert. 

Herbert Zechmeister und Stefan Körner werfen in ”Die Jagdmonturdepots der Fürsten Esterházy: Waffen, Netze und Kutschen für die Jagd” einen ausgiebigen Blick auf den Bestand.1806 enthielt z. B. die Gewehrkammer in Eisenstadt 630 Jagdwaffen. Viele kamen von namhaften Herstellern. Und leider hat sich hier ein Druckfehler eingeschlichen: Der berühmte Joseph Manton wurde fälschlich als Monton bezeichnet. Waffen, Netze, Kutschen und vieles mehr musste gelagert, gepflegt und veraltet werden. Dazu kommen noch die Trophäen, die sich im Laufe der Jahrhunderte gefrönten Jagdlust angesammelt haben. Eine große Herausforderung an das Personal und an den Geldbeutel - damals wie heute.

Der Katalogteil hebt sich optisch und haptisch vom Textteil ab. Die rauere Papierqualität des Katalogs - der Textteil ist auf Hochglanzpapier gedruckt -  unterstreicht historische Dimension der Objekte zusätzlich. Die Objekte aus vier Jahrhunderten fürstlicher Jagdgeschichte werden gelistet, anschaulich beschrieben und abgebildet. Karten zu den Jagdgebieten und Bibliographie runden das gewichtige Werk, dessen grafische Gestaltung ebenfalls besticht, ab. Ein besseres Korrektorat (u. a. alte/neue Rechtschreibung) wäre allerdings wünschenswert gewesen.

© S. Strohschneider-Laue

Fürstliches Halali: Jagd am Hofe Esterházy

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Alter Vogel, flieg!

Freitag, 20. März 2009

Non-Fiction

Bärbel Danneberg
Alter Vogel, flieg!
Promedia 2008, 206 S.
ISBN 978 3 85371 286 3

Alter Vogel, flieg! Alter Vogel, flieg!: Tagebuch einer pflegenden Tochter

Der Schmerz sitzt beim Lesen im Herz. Mit jeder Seite nimmt er zu. Bärbel und Julius haben Else zu sich genommen. Else ist über 90, ihr langes Leben neigt sich dem Ende zu. Mit jedem Monat, jeder Woche und zuletzt fast jedem Tag wird ihr Körper schwächer, ihr Gedächtnis brüchiger und die Demenz wächst unabwendbar. Die gemeinsame Gefangenschaft in Wohnung und Haus lässt Bärbel verzweifeln und die wenigen Möglichkeiten, dem Gefängnis der Pflege und Betreuung zu entfliehen, sind die kargen Tankstellen. Zugleich aber entdecken Julius und sie einander immer wieder in neuen Rollen und neuer Nähe. Und Else lebt zwischen ihnen in ihren eigenen Welten, zu denen niemand mehr Zutritt hat.

Ein Buch, in dem zwischen dem ganz normalen Alltag der Pflege und Betreuung einer alten, dementen Mutter immer deutlicher wird, wo gesellschaftliches und politisches Totalversagen pflegende Angehörige einem gnadenlosen Schicksal überlässt. Erst der Tod bringt die Erlösung für alle Beteiligten und ist zugleich schmerzlicher Verlust.

Wie in diesen Jahren aber Beziehung gelingt zwischen Bärbel, Julius und Else, wie in diesen Jahren Lernen durch Krise gelingt, hilft jenen, die noch vor dieser Situation der Pflege und Betreuung dementer alter Menschen stehen oder mitten in ihr, Kraft zu schöpfen und sich nicht allein und verlassen zu fühlen. Ein bewegendes, dichtes und starkes Buch einer starken Frau.

© B. Meinhard-Schiebel

Alter Vogel, flieg!: Tagebuch einer pflegenden Tochter