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Georg Friedrich Händel

Samstag, 07. Februar 2009

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Corinna Hesse
Das Händel-Hörbuch
Silberfuchs Verlag 2009, Laufzeit 80′, 15 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 940665 08 9

Das Händel-Hörbuch Das Händel-Hörbuch - Leben in der Musik: Eine klingende Biografie mit zahlreichen Briefen von Händel und seinen Zeitgenossen

Die Musik von Georg Friedrich Händel (23. Februar 1685 - 14. April 1759) ist unsterblich. Erstaunlich viele kennen seine Kompositionen und können sich ihrem Charme oder ihren Ohrwurm-Qualitäten nicht entziehen. Weniger bekannt sind sein Geschäftssinn und sein Werdegang zwischen Deutschland, Italien und vor allem England. Klassik-Neulinge kommen an diesem Hörbuch nicht vorbei. Händel-Fans werden noch Neues erfahren und so manche Komposition neu entdecken.

Händel hatte das Glück musikalisches Talent zu besitzen, eine gute Ausbildung zu erhalten und ein - gemessen an vielen anderen von steten Geldsorgen geplagten Künstlern - ungewöhnliches kaufmännisches Geschick zu entfalten. Halle, Hamburg, Rom, Venedig, Innsbruck und Hannover sind die Stationen, die ihn schließlich nach England führen und 1712 in London sesshaft werden lassen. Vor dem Hintergrund seiner musikalischen und wirtschaftlichen Karriere und den historischen Geschehnissen erklingen passende Musikzitate aus seinem vielfältigen Werk, das mit Opern und (patriotischen) Oratorien vielschichtiger ist als die berühmte Wassermusik oder Feuerwerksmusik vermuten lassen.

Der biografisch-musikalische Hörgenuss aus der Reihe “Klingende Biografien” zeichnet sich durch einen gut strukturierten und inhaltlich aufeinander abgestimmten Wechsel von gelesenen Texten (Dietmar Mues) und Musikbeispielen aus. In 17 Kapiteln werden Georg Friedrich Händel, seine Zeit und seine Musik zum Leben erweckt.  Erstklassige Qualität - wie bei allen Produkten aus dem Silberfuchs Verlag - von geschriebenen und gesprochenen Text, ausgewählten Hörbeispielen sowie das übersichtliche Booklet machen das Händel-Hörbuch, auch in Hinblick auf die jährlichen Händel-Festspiele in Göttingen, zu einer kurzweiligen und lohnenswerten Anschaffung.

Hörprobe

© S. Strohschneider-Laue

Das Händel-Hörbuch - Leben in der Musik: Eine klingende Biografie mit zahlreichen Briefen von Händel und seinen Zeitgenossen

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Königinnen oder Die 7 Rätsel des Dietrich B., 1 Audio-CD   -   Rezension 
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Frauenkarriere: M. I. Hummel

Dienstag, 03. Februar 2009

Non-Fiction

Dido Nitz
M. I. Hummel
M. I. Hummel Ich will Freude machen!
Eine schicksalhafte Frauenkarriere

arsEdition 2009, Dt/Engl., 224 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 7607 2964 0

Ich will Freude machen - Eine schicksalhafte Frauenkarriere Ich will Freude machen: Eine schicksalhafte Frauenkarriere

Sechs Kinder hatten die Kaufleute Adolf und Viktoria Hummel aus Massing an der Rott in Niederbayern. Eines davon, Berta (* 21. Mai 1909), wurde weltberühmt. Bertl war ein lebhaftes Kind, das nicht gerne stillsaß, aber die Welt trotzdem verträumt betrachten konnte. Und sie zeichnet nicht nur gerne, sondern auch sehr gut. Auf dem Internet Marienhöhe darf sie später sogar den Zeichensaal außerhalb der Schulstunden nutzen. Mit einem guten Zeugnis bewirbt sie sich 1927 auf der Staatliche Kunstgewerbe Schule in München, die sie ebenfalls mit ausgezeichneten Zeugnissen 1931 verlässt. Bereits ein Jahr zuvor hat sie um die Aufnahme bei den Franziskanerinnen in Sießen angesucht. Und so wird schließlich aus ihr Maria Innocentia Hummel und bereits 1932 begann die unglaubliche Hummel-Erfolgsgeschichte mit Kinderzeichnungen und Fleißbildchen. 1934 fallen die niedlichen Kinderbilder schließlich dem Vertreter der Porzellanmanufaktur W. Goebel auf. 1935 werden die ersten Hummel-Figuren präsentiert und beginnen ihren Siegeszug - bis zu ihrem Produktionsende 2008 - um die Welt. Und dabei war Hummels Werk vielfältiger. Trotzdem kennen die meisten “nur” Hummels pummelige Kleinkinder, die die Nazis übrigens als entartete Kunst mit “Darstellungen von klumpfüßigen Dreckspatzen” bezeichneten. Die Reichskammer der bildenden Künste nahm die Franziskanerin dennoch auf. Eine Ablehnung wäre einem Berufverbot gleichgekommen und das Deutsche Reich wäre um sehr viele Reichsmark ärmer gewesen, die als Steuergelder, Dank des enormen und weltweiten Hummel-Erfolges, in die Staatskasse flossen.

Anlässlich ihres 100. Geburtstages wird das kurze Leben, Wirken und Sterben der Franziskanerin Maria Innocentia “Bertl” Hummel von Dido Nitz akribisch und liebevoll zugleich eingefangen. Begleitet wird der übersichtlich gegliederte Band von unzähligen Familienbildern, Zeitzeugnissen und natürlich den Werken der Ausnahmekünstlerin selbst. Abgerundet wird die gut recherchierte Biografie im Anhang durch Fußnoten, Bildnachweise und Adressen. Zweisprachig auf Deutsch und Englisch abgefasst, wird die Publikation auch die zahllosen Fans in Amerika ansprechen. Das grafisch exzellente Layout wird für Bibliophile noch mit rotem Lesebändchen und einem Schuber abgerundet. Ein herrlicher Prachtband, der der talentierten Künstlerin und frommen Ordensfrau ein würdiges Denkmal setzt.

© S. Strohschneider-Laue

Ich will Freude machen: Eine schicksalhafte Frauenkarriere

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Tatsache Evolution

Montag, 12. Januar 2009

Non-Fiction

Ulrich Kutschera 
Tatsache Evolution  
Was Darwin nicht wissen konnte
dtv 2009, 339 S., 103 s/w-Abb.
ISBN 978 3 423 24707 8

Tatsache Evolution Tatsache Evolution: Was Darwin nicht wissen konnte

Charles Darwin, der Begründer der modernen Evolutionsforschung, wäre am 12. Februar 200 Jahre alt geworden. Ein ausgezeichneter Grund 2009 zum “Darwin-Jahr” zu erklären. Seit dessen bahnbrechenden Werk “Entstehung der Arten” hat sich viel in der Forschung getan. Evolution ist eine Tatsache, Intelligentes Design hat nichts damit zu tun und Deutschlands führender Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera legt minutiös die Beweise vor.

Wer das von Kutschera verfasste wissenschaftliche Lehrbuch Evolutionsbiologie und dessen überwältigende Fülle an Fakten kennt, wird sowohl als interessierter Laie als auch Biologe positiv überrascht sein; denn Darwins Werk im Spiegel von seit 150 Jahren geführter Forschungen zu betrachten, ist auch nicht unbedingt leichte Kost. Trotzdem ist es dem renommierten Wissenschaftler mit diesem Buch gelungen ein breites Publikum anzusprechen. Interessierte Laien - ein Erstkontakt mit Darwin und Evolution sollte es nicht sein - werden daher von der Lektüre ebenso profiteren, wie das Fachpublikum sich einen gediegenen Überblick verschaffen kann.

Zehn Kapitel nähern sich ausgehend von Darwin, Wallace und dem Selektionsprinzip über weniger bekannte Theorien, Erdgeschichte, Kontinentaldrift und Symbiogenesistheorie Schritt für Schritt dem aktuellen Stand der Forschung. Zuletzt stellt Kutschera noch sein Synade-Modell der Makroevolution vor, das einen neuen Aspekt der Entwicklung des Lebens aufzeigt. Bestätigung erfahren die bahnbrechenden - und für spezielle Kreise bis heute unverdaulichen - Thesen Darwins, die durch die Forschung inzwischen ausreichend belegt und in Details weiterentwickelt werden konnten. Die kritische Betrachtung würdigt den Urvater der Entwicklungslehre mehr als es eine stetig lobende Jubelschrift könnte. Das umfangreiche Literaturverzeichnis, ausgewählte Internet-Adressen und ein Glossar komplettieren den beeindruckenden Band.

Auch wenn die Erkenntnis hart zu verarbeiten ist, Adam begann als Mikrobe! Zugegeben das hat wenig Identifikationspotenzial und ist der Kreationismus-Renaissance, die mit steigender (Lebens-)Angst und zunehmender Bildungsarmut einhergeht, abträglich. Gerade deshalb gelte undogmatisch: Wer lesen kann, der lese und wer nicht verstehen will, der lasse es (frei nach Ezechiel, Kap. 3). Evolution ist Tatsache und “Tatsache Evolution” ist definitiv eine Pflichtlektüre für alle, die sich mit Charles Darwin und seinem Werk auseinandersetzen wollen.

© S. Strohschneider-Laue

Tatsache Evolution: Was Darwin nicht wissen konnte 
Evolutionsbiologie  3. Auflage (Rezension der zweiten Auflage)

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Adrian Frutiger Schriften

Montag, 08. Dezember 2008

Non-Fiction

Heidrun Osterer/Philipp Stamm/Schweizerische Stiftung Schrift und Typographie, Bern (Hgg.) 
Adrian Frutiger - Schriften
Das Gesamtwerk
Birkhäuser 2008, 462 S., 439 Farb- und 620 Sw-Abb.
ISBN 978 3 7643 8576 7

Adrian Frutiger - Schriften Adrian Frutiger Schriften. Das Gesamtwerk

Der in der Schweiz geborene Adrian Frutiger hat im Lauf seines Lebens über 50 Schriften entworfen. Internationale Bekanntheit erlangte er mit dem in den 50er-Jahren entstandenen Schriftkonzept Univers. Doch auch andere schöne und nützliche Schriften stammen von seiner Hand. Adrian Frutiger hat Standards gesetzt und am technischen Puls der Zeit mehr als einmal eine Vorreiterrolle gespielt. Seine Schriften zeichnen sich durch Klarheit, gute Lesbarkeit, Ausgewogenheit und den gleichmäßigen Rhythmus des Gesamtbildes aus. Funktionalität, nicht künstlerische Selbstverwirklichung steht im Mittelpunkt seines Schaffens. So sind Schriften von Adrian Frutiger auch dort zu finden, wo man sie nicht erwarten würde: Auf Einzahlungsscheinen oder Identitätskarten zum Beispiel. Mit der von Maschinen lesbaren OCR-B schuf er Mitte der 60er-Jahre eine Schrift, die trotz stringenter technischer Vorgaben mit einer ästhetischen Anmutung punktet. Neben den beliebten Schriften für den Satz von Büchern finden sich in Adrian Frutigers Werk Signalisationsbeschriftungen für Flughäfen und die Pariser Mètro ebenso wie für den visuellen Auftritt von Firmen entworfene Schriften und zahlreiche Logos.

Als Lehrender, Autor und Berater hat der namhafte Schriftgestalter von Beginn an sein Wissen weitergegeben. Auch das vorliegende Buch basiert zum Teil auf Interviews mit Adrian Frutiger. Die aus der Transkription der Gespräche entstandenen, in der Ich-Form geschriebenen Texte bilden den erzählerischen Rahmen der beeindruckenden Publikation. In der Tradition der “oral history” erinnert sich Adrian Frutiger an sein Berufsleben und erlaubt den LeserInnen einen Einblick in den Entstehungsprozess seiner Schriften - vom Auftrag über die technischen Anforderungen bis zum Marketing. Dabei nimmt er sich in chronologischer Reihenfolge jede Schrift einzeln vor, analysiert sie und nennt dabei zuweilen persönliche Vorlieben oder Abneigungen.

Dieser “Innensicht” von Adrian Frutiger ist die “Außensicht” der Herausgeber zur Seite gestellt. Sie bieten in ihren Texten vertiefende Informationen zu den Schriften, setzen diese in Beziehung zu historischem und technischem Umfeld und knüpfen Verbindungen zur Schriftgeschichte. Mustertext, Schriftvermaßung, Schriftenvergleich, Höhenvergleich und Alphabetvergleich der ursprünglichen Schriftform mit dem digitalen Font runden die einzelnen Schriftkapitel ab.

In die Abfolge der Schriftkapitel werden an chronologisch passender Stelle Seiten zu den Satztechniken eingeschoben. So werden technische Entwicklungen und die unterschiedlichen Anforderungen, die sie an die Schriftentwerfer stellten, für LeserInnen nachvollziehbar. Diese anschaulich illustrierten Abrisse zur Technikgeschichte umfassen Handsatz, Fotosatz Photon-Lumitype, Maschinensatz Einzelbuchstabenguss, Fotosatz Monophoto, Maschinensatz Zeilenguss, Optical Character Recognition OCR, Schreibsatz, Anreibesatz, Fotosatz Linofilm, Lichtsatz CRT, Lasersatz, Digitalsatz.

“Adrian Frutiger - Schriften. Das Gesamtwerk” ist ein übersichtlich gegliedertes Buch, das eine atemberaubende Informationsfülle benutzerfreundlich im Gewand feinster Buchgestaltung präsentiert. Viele Menschen waren an seiner Entstehung beteiligt. Der in der Einleitung der Publikation beschriebene, sich über mehr als 10 Jahre erstreckende Werdegang des Projektes legt davon beredtes Zeugnis ab. Heidrun Osterer, Philipp Stamm und ihrem Team ist mit “Adrian Frutiger - Schriften. Das Gesamtwerk” durch ihr ausgefeiltes Buchkonzept, ihre akribische Recherche gepaart mit der Fähigkeit Fachwissen in leicht verständlichen Texten zu vermitteln und der Kunstfertigkeit, in den auf Diskussionen mit Adrian Frutiger basierenden Texten die Lebendigkeit eines Gespräches zu bewahren, ein bedeutender Beitrag zur typografischen Literatur gelungen.

“Adrian Frutiger - Schriften. Das Gesamtwerk” setzt dem großen Schriftgestalter ein Denkmal mit einzigartigem kultur- und technikgeschichtlichen Tiefgang. Es ist ein Nachschlagewerk das Fachpublikum und interessierte Laien gleichermaßen begeistern wird.

© Ch. Ranseder

Adrian Frutiger Schriften. Das Gesamtwerk

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Georges Braque

Sonntag, 23. November 2008

Non-Fiction

Hgg. Ingried Brugger, Heike Eipeldauer, Caroline Messensee
Georges Braque
Hatje Cantz 2008, 248 S., 150 Abb.
ISBN 978 3 7757 2202 5

Georges Braque Georges Braque: Lyrik der Geometrie. Eine Retrospektive

Der Kubismus ist untrennbar mit Georges Braque und seinem Freund und Weggefährten Pablo Picasso verbunden. Zur Ausstellung “Gorges Braque” (14. November ‘08 bis 1. März ‘09) im BA-Kunstforum ist ein Katalog erschienen. Er ist die einzige lieferbare Monografie zu Leben und Werk des Franzosen Georges Braque, des Erneuerers der Kunst des 20. Jahrhunderts auf dem deutschen Buchmarkt.

In sieben Beiträgen und einem umfangreichen exzellent bebilderten Katalog setzen sich renommierte WissenschafterInnen mit Braques Werk auseinander.
Neil Cox nimmt sich der verpönten (Nicht-)Farbe Schwarz in seinem Beitrag “Dunkle Materie - Barques Schwarz” an.
Heike Eipeldauer spürt dem Sinnlich-haptischen unter dem Titel “Georges Braque und das Stillleben als Modell taktiler Nähe” nach.
Edith Futscher, deren Beitrag sich mit “Barque baroque: Die Stilleben der 1920er Jahre” beschäftigt, zeigt dessen Abkehr vom Kubismus auf.
Christopher Green beleuchtet in seinem Beitrag “Eine ‘entnationalisierte’ Landschaft?” Braques frühe kubistische Landschaften und die “nationalistische” Geografie
Caroline Messensee unterzieht Georges Braque unter dem Titel “Lyriker der Geometrie oder ein französischer Maler” einer genaueren Betrachtung.
Nicolas Surlapierre setzt unter dem Titel “‘Lyre sans borne des poussières’ oder eine literarische Biografie Georges Braques” verschiedene Texte in Beziehung zum Künstler.
Juliane Vogel geht mit “Zeitungsausschnitte - Wege kubistischer Fakten” dem nicht zufällig gewählten Material auf den Grund.

Ein spannender Abriss, der in einer gut sortierten Kunstbibliothek nicht fehlen sollte und KunstliebhaberInnen neue Facetten im Werk von Georges Braque - und das bei exzellenter Qualität zu moderatem Preis - aufzeigen wird.

© S. Strohschneider-Laue

Georges Braque: Lyrik der Geometrie. Eine Retrospektive

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Unbekannter Hundertwasser

Sonntag, 23. November 2008

Notiz

Der unbekannte Hundertwasser
KunstHausWien

20. November ‘08 bis 15. März ‘09

FRIEDENSREICH HUNDERTWASSER, APA 373 Flugzeugdesign für BOEING B 757, CONDOR 1995, Modell 1:25 © 2008 Hundertwasser Archiv, Wien Friedensreich Hundertwasser (1928-2000) war der Farbenmagier unter den Malern. Als Künstler beschränkte er sich nicht nur auf die Malerei, sondern war allumfassend künstlerisch tätig. Sein steter Kampf gegen die unnatürliche, gerade Linie und für natürliche, geschwungene Formen, kennzeichnet seine Arbeiten. Künstlerische Spuren von Friedensreich Hundertwasser finden sich von der Malerei über die Architektur über Gestaltung von großen Flugzeugen und kleine Briefmarken bis hin zum österreichischen Umweltzeichen. Die Ausstellung im Kunsthaus widmet sich all diesen Aspekten Hundertwassers.
Am 15. Dezember 2008 wäre Hundertwasser 80 Jahre alt geworden. Joram Harel, langjähriger Freund Hundertwassers und Leiter des KunstHausWien, nimmt diesen runden Geburtstag zum Anlass und zeigt nicht nur die Schaffensfülle des Künstlers, sondern auch die Anliegen des Künstlers als Ökologe und Kosmopolit. Dabei gelingt es ihm eine Ausstellung zu präsentieren, die mit einem Augenzwinkern alle BesucherInnen und nicht nur Hundertwasser-Fans in den Bann schlägt. Endlich zahlt es sich wieder einmal aus Bildbeschriftung genau zu lesen, denn in dieser Ausstellung beschränken sie sich nicht nur auf die obligaten Informationen wie Titel, Jahr und Inventarnummer. Abwechslungsreich und oft humorvoll werden Zusatzinformationen geboten, die man normalerweise in Ausstellungen nicht findet.
FRIEDENSREICH HUNDERTWASSER, 238 PEPSI, DER SOHN VON DOKTOR FREUND, St. Kanzian, 1955, Aquarell • 35 x 20 cm, © 2008 Hundertwasser Archiv, Wien Gelungen! Unbedingt anschauen, was auch dann - inklusive Hund - täglich ab 10:00 Uhr möglich ist, wenn andere Museen dem Feiertagsschlaf oder ihrem wöchentlichen Ruhetag frönen.

Non-Fiction

Joram Harel
Der unbekannte Hundertwasser
Prestel 2008, Dt./Engl. 296 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 7913 4129 0

Der unbekannte Hundertwasser Der unbekannte Hundertwasser 

Wer keine Chance hat, die Ausstellung zu besuchen oder sich von der Ausstellung nicht trennen möchte, kann sich mit dem in allen Bereichen hochqualitativen zweisprachigen Begleitkatalog trösten. Das Vorwort stellt Franz Patay, Leiter des KunstHausWien, bei. Robert Fleck widmet sich in seinem Beitrag der malerischen Aktualität Hundertwassers. Joram Harel greift den 80. Geburtstag des verstorbenen Freundes und Künstlers auf, beleuchtet den Maler als Architekt und schließt seinen Beitragsreigen mit “Hundertwasser lebt”. Ansonsten kommt ausschließlich Hundertwasser selbst zu Wort und vor allem zu Werk. Eine Augenpracht und ein Leseschmaus, zu gleichen Teilen den man nicht nur als Kunstfan nicht verpassen sollte.

© S. Strohschneider-Laue

Siehe zu Friedensreich Hundertwasser:
Der unbekannte Hundertwasser
Träume ernten - Hundertwasser für Kinder

Notiz

Symposium Hundertwasser im NHM 11. bis 13. Dezember ‘08, Eintritt frei, Anmeldung erforderlich!

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Frauen erobern die Welt

Dienstag, 28. Oktober 2008

Non Fiction

Alexandra Lapierre, Christel Mouchard
Frauen erobern die Welt
Abenteuer - Reisen - Expeditionen. Unterwegs auf fernen Kontinenten
Aus dem Französischen von Franziska Weyer 
Flammarion (im Vertrieb von Prestel) 2008, 240 S., zahlreiche Abb.
ISBN 978 2 08 020067 9

Frauen erobern die Welt Frauen erobern die Welt

Die von Alexandra Lapierre und Christel Mouchard für ihr Buch “Frauen erobern die Welt” ausgewählten weiblichen Reisenden bewiesen Neugier, Mut, Durchhaltevermögen, Organisationstalent, Improvisationsgeschick, Durchsetzungskraft, diplomatisches Fingerspitzengefühl und Führungsqualitäten. Forscherinnen erprobten ihr Fachwissen im Feld und zeigten ihre Fähigkeit wissenschaftlich zu arbeiten. Müßiggängerinnen genossen es, neue Erfahrungen zu sammeln. Literarisch Ambitionierte erwiesen sich als begnadete Reiseschriftstellerinnen. Netzwerkerinnen bemühten sich um internationale Beziehungen.
Jede der 31 porträtierten Frauen ist einzigartig. Familiäre Hintergründe, Vermögensverhältnisse und Lebensläufe weisen kaum Übereinstimmungen auf. Und doch eint diese Frauen der eiserne Wille zu einem selbstbestimmten Leben.

Die aktive Reisetätigkeit der, von den Autorinnen für das attraktiv gestaltete Buch ausgewählten, fernwehgeplagten Damen fällt - bis auf drei Ausnahmen - in die Jahre von 1850 bis 1950. Es ist eine Zeitspanne des gesellschaftlichen Umbruchs, in der es Frauen gelingt, sich im bewussten oder unbewussten Aufbegehren gegen herrschende Rollenbilder Freiräume zu schaffen. Die Protagonistinnen des Buches “Frauen erobern die Welt” waren Pionierinnen, auch wenn sie sich meist nicht als solche empfunden haben.
Vorgestellt werden: Catalina de Erauso, Aphra Behn, Isabel Godin des Odonais, Ida Pfeiffer, Alexine Tinne, Mary Seacole, Florence Baker, Isabella Bird, May French Sheldon, Marianne North, Jane Dieulafoy, Fanny Stevenson, Mary Kingsley, Fanny Bullock Workman, Gertrude Bell, Margaret Fountaine, Daisy Bates, Nellie Bly, Isabelle Eberhardt, Charmian Kittredge, Alexandra David-Néel, Freya Stark, Karen Blixen, Evelyn Cheesman, Rosita Forbes, Margaret Mead, Ella Maillart, Osa Johnson, Odette du Puigaudeau, Anita Conti, Emily Hahn.

Dass auf den 240 Seiten eines reich bebilderten Buches die Lebensgeschichten von 31 Frauen nur oberflächlich abgehandelt werden können, liegt auf der Hand. Ein echtes Ärgernis ist jedoch die stellenweise bemüht lockere Wortwahl, die wenig dazu beiträgt Klischees zu entkräften. Als kleine Kostprobe mag ein Kommentar zur Reisetätigkeit englischer Frauen genügen: “… , da das viktorianische Zeitalter zahlreiche Damen hervorbringt, die wie sie mit steifem Kragen, Hutschleier und Sonnenschirm, manchmal auch mit Staffelei oder Schmetterlingsnetz, aber immer mit einer ansehnlichen Rente und Empfehlungsschreiben, die Kontinente abgrasen. Sie alle sind ältliche Jungfern, ehrenhaft und einsam, ungestüm und doch so sittsam.” Die Frau, deren Porträt diese Worte einleiten, ist Marianne North (1830-1890), die als 40-Jährige aufbricht, um Pflanzen ferner Länder auf Leinwand festzuhalten. 832 ihrer Gemälde können noch heute in der Marianne North Gallery, Royal Botanic Gardens, Kew bewundert werden. Um zu malen, bereiste Marianne North, unter anderem, Amerika, Kanada, Jamaica, Brasilien, Chile, Japan, Borneo, Indien, Ceylon, Südafrika, Australien und Neuseeland. Selbst in Zeiten des Langstreckenflugs ist das eine beeindruckende Leistung. Vor allen, wenn es sich nicht um sinnentleertes Jetsetten, sondern um die Erfüllung einer selbst gewählten Aufgabe, also um Arbeit, handelt.

“Frauen erobern die Welt” ist ein Buch, das so manches “Aha-Erlebnis” bereithält. Die unerschrockenen Fernreisenden durchquerten Wüsten, unwirtliche Berglandschaften und den Dschungel, engagierten sich für Eingeborene oder in Kriegen verwundete Landsmänner, sammelten Informationen oder Insekten und fanden Wege ihre Erlebnisse einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln. Die 31 - aus Kurzbiografie, historischem Bildmaterial und einem Zitat bestehenden - Steckbriefe machen mit faszinierenden Persönlichkeiten bekannt. Schlussfolgerungen und Entwicklungstendenzen werden in Texten präsentiert, die das Buch in zeitliche Abschnitte gliedern. “Frauen erobern die Welt” ist ein Coffee Table Book dem es gelingt, die Lust zu wecken, sich mittels anderer Quellen eingehender mit den vorgestellten Frauen und ihrem Werk zu beschäftigen.

© Ch. Ranseder

Frauen erobern die Welt

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Endlich 1968

Freitag, 24. Oktober 2008

Notiz

Endlich 1968 - Film
die 68er sind in die Jahre gekommen
Ein Film von Herbert Link 2008, 55′

1968 wurde ich sieben Jahre und kam in die Grundschule. Wenn man mich zu 1968 befragt, fallen mir trotzdem spontan Dinge, wichtige Ereignisse dieser Zeit ein. Wahrscheinlich, weil die Ereignisse in meiner Familie diskutiert wurden oder wir direkt betroffen waren: Studentenunruhen, Einmarsch der Russen in der Tschechoslowakei, Martin Luther King und Robert Kennedy erschossen, Brandanschlag auf Kaufhaus in Frankfurt und Demonstrationen gegen den Springer Verlag. Und es fällt mir ein Urlaub in Österreich ein, bei dem Betrunkene im Wirtshaus in Deutschland verbotenes Liedgut anstimmten und einem jungem Wiener die langen Haare von der grölenden Dorfjugend abgeschnitten wurden. Erinnerungen, die sich mir erst nach und nach inhaltlich erschlossen haben. Erschlossen, weil ich von der 68er Bewegung ausgelösten Bildungsreform des Deutschen Schulsystems profitierte. Den 68ern habe ich zu verdanken, dass ich in einem meinungsbildenden, kritischen Umfeld aufgewachsen bin und auch in der Schule zum kritischen Hinterfragen und freien Meinungsaustausch ausgebildet wurde. Und den 68ern habe ich es zu verdanken, dass ich als heranwachsende Frau am sich neu formierenden Feminismus und dessen Erfolge teil hatte. Mit Österreich verband ich bezogen auf 1968 höchstens den Wiener Aktionismus, Sigi Maron und sonst nichts und niemanden. Und Sigi Maron war mir auch nur bekannt, weil meine Jugendfreundin, die in ihrer Schule in den 70er Jahren in den Pausen noch im Kreis gehen musste, seine Kritik so schätzte.

1968 war doch in dem kleinen und bescheidenen Österreich spürbar. Es gab Empörung, es gab junge Menschen, die das eine oder andere, mehr oder minder laut in Frage stellten. Es gab StudentInnen, die feststellten, das weite Bevölkerungsteile von partieller politischer Amnesie befallen waren, die ihnen ein Leben in selig unbehelligter Verantwortungslosigkeit ermöglichte. Zumindest lässt das der Film von Herbert Link, der im “Endlich 1968. Die 68er sind in die Jahre gekommen” vermuten.
Herbert Link lässt Menschen, die 1968 erwachsen waren, zu Wort kommen. Gibt ihnen Plattform über die Ereignisse und ihr Leben zu dieser Zeit und danach zu sprechen. Nicht alle Interviewten sind Österreicher, nicht alle waren zu dieser Zeit hier und nicht jeder konnte sich mit den rebellischen Zeitgeist junger Menschen im Aufbruch zu neuen geistigen Ufern identifizieren. Sie sind ZeitzeugInnen von Entwicklungen geworden, die auch die “Geschöpfe der Agonie” - wie Thomas Bernhard die Österreicher 1968 bezeichnete - erfasste.
Zu Wort kommen:
Bruno Aigner - Pressesprecher des Bundespräsidenten
Gertrude Fröhlich-Sandner - Vizebürgermeisterin i. R.
Dirk Jarré - Soziologe
Wolfgang Kos - Historiker und Museumsdirektor
Julia Logothetis - Bildende Künstlerin
Said Manafi, Filmemacher
Birgit Meinhard-Schiebel - Vorsitzende der Grünen Senioren Wien
Sigi Maron - Liedermacher
Joop Roeland - Priester
Andreas Unterberger - Chefredakteur
Werner Vogt - Arzt und Publizist
Emmy Werner - Theatermacherin

Vierzig Jahre schaffen Distanz. Manche Aktion wird heute als Abenteuer oder - gescheitertes - Experiment bewertet. Etliches wurde als spannendes Neuland entdeckt, an dem man andere teilhaben lassen wollte. Und es gab jene, die plötzlich mit offenen Augen hässliche Wirklichkeiten erblickten, die sie nie für Wahrheiten gehalten hätten und die es durch sie zu bekämpfen galt. Es kommen in dem Film die ewigen Rebellen genauso zu Wort wie jene, die sich erst nach und nach zu RebellInnen entwickelt haben und solche, die sich konformistisch etabliert haben oder nie einen Grund zum Aufbegehren wahrgenommen haben. Sieben Männer und vier Frauen sprechen sehr persönlich über 1968 und die Folgen.

Eine Dokumentation, die viel Anlass zur Diskussion bietet. Eine angeregte kritische Diskussion von der man nur hoffen kann, dass sie folgen wird; denn 1968 ist vorbei und wir haben stattdessen 1984 in einem untragbaren Ausmaß zugelassen. Junge Wilde werden in Zeiten wirtschaftlicher Katastrophen, totaler Überwachung und in Zeiten in dem sich Armut zum Frauenprivileg entwickelt, systematisch am Denken gehindert.
Brave new world!

© S. Strohschneider-Laue

Siehe und höre Mediathek: 1968 Zeitzeugen

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Jacques-Yves Cousteau

Sonntag, 29. Juni 2008

Non-Fiction

Jacques Cousteau, Susan Schiefelbein
Der Mensch, die Orchidee und der Oktopus
Campus 2008, 371 S.
ISBN 978 3 5933 8564 8

Jacques Cousteau Der Mensch, die Orchidee und der Oktopus. Mein Leben für die Erforschung und Bewahrung unserer Umwelt 

Am 11. Juni 2010 jährt sich der Geburtstag von Jacques-Yves Cousteau zum 100. Mal. Kein anderer hat im 20. Jahrhundert die Erforschung des „10. Kontinents” so maßgeblich angeregt und vorangetrieben wie diese schillernde Persönlichkeit. Mehrere Generationen sind mit seinen spannenden und abwechslungsreichen TV-Reportagen „Geheimnisse des Meeres” aufgewachsen und dadurch auch angeregt worden, selbst an der Erforschung des Meeres teilzunehmen. Zur sommerlichen Grundausstattung von Kindern und Jugendlichen gehörten schon ab Beginn der 1960er Jahre Taucherbrille, Flossen und Schnorchel.

Cousteaus anfängliches Interesse für die Eisenbahn wurde bald vom Interesse für das Meer und der Fliegerei abgelöst. Durch einen Autounfall an seiner Fliegerkarriere verhindert, wendete sich Cousteau nun dem Geschehen auf und unter der Meeresoberfläche zu. Er trat 1933 der französischen Kriegsmarine bei. Während des Zweiten Weltkriegs war Cousteau Mitglied der Resistance. Die Kriegsmarine verließ er 1950 als Korvettenkapitän. In dieser Zeit widmet er sich besonders der Entwicklung und Verbesserung von Gerätschaften, die einen längeren Aufenthalt in einiger Wassertiefe ermöglichen. So wurden Atemgeräte, Tauchermasken und auch Unterwasser Fortbewegungsmittel erfunden oder weiterentwickelt.
Die entscheidende Wende in Cousteaus Leben, die Wandlung von einer lokalen Berühmtheit zu einem internationalen, weltweit bekannten Meeresforscher und Medienstar, wurde durch den Erwerb der Calypso ausgelöst. Die Yacht leistete ihm auf vielen Forschungsreisen zwischen 1950 und 1996 ausgezeichnete Dienste.

Cousteau bediente sich geschickt der Medien. So wurde 1956 sein erster Film (Regisseur Louis Malle) mit der goldenen Palme und dem Oskar ausgezeichnet. Der weltweite Bekanntheitsgrad von Cousteau wurde so groß, dass sogar ein Yanomami-Indianer im hintersten Amazonien ihn erkannte und seine Expedition passieren ließ. Jacques Cousteau wurde 17 Jahre in Folge zum beliebtesten Franzosen gewählt. In mehr als 800.000 Briefen wurde er aufgefordert als Staatspräsident zu kandidieren. Vielfältig, faszinierend und prägend war seine Persönlichkeit und umso erfreulich ist es, dass in dem vorliegenden Buch endlich von der Journalistin Susanne Schiefelbein, einer langjährigen Mitarbeiterin Cousteaus, zehn Jahre nach dessen Tod dessen Vermächtnis eröffnet. Hier lässt Cousteau einerseits sein Leben revueartig passieren, andererseits beschreibt der Band seine Entwicklung zum Umweltschützer und Atomgegner.

Spannend und informativ wird das ohnedies schon abwechslungsreiche Leben und das Lebenswerk von Cousteau präsentiert. Definitiv nicht nur eine Pflichtlektüre für jeden Cousteau-Fan, deren einziges Manko es ist wenig Fotos zu bieten.

© R. Strohschneider

Der Mensch, die Orchidee und der Oktopus. Mein Leben für die Erforschung und Bewahrung unserer Umwelt

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Und sie bewegen sich doch

Mittwoch, 11. Juni 2008

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Christiane Schmerl
Und sie bewegen sich doch…
dgvt Verlag 2006, 370 S.
ISBN 978 3 87159 062 7

und sie bewegen sich doch Und sie bewegen sich doch …: Aus der Begegnung von Frauenbewegung und Wissenschaft

Dass Christiane Schmerl etwas auszusagen hat, hat sie immer wieder aufs Neue bewiesen und dies benötigte eigentlich keine besondere Betonung mehr. Aber man kann nicht genug hervorheben, dass ihre inhaltlich pointierte wie sprachlich geniale Herangehensweise wesentlich dazu beigetragen hat, Ansprüche der Frauenbewegung lesenswert zu machen; denn das ist in der Frauenbewegung und Genderforschung, in der die Schwere der Erkenntnisse die Leichtigkeit der Feder belastet, nicht selbstverständlich. Ein Viertel Jahrhundert ihrer Forschungen liegen in diesem Band als komprimierter Überblick vor und tragen noch immer maßgeblich dazu bei Sichtweisen zu wandeln.

An keiner anderen Stelle können in sechs Kapiteln Stationen der Frauenbewegung(en) nachvollzogen und zugleich die Höhen und Tiefen im gegensätzlichen Diskurs und zur Selbstreflexion anregend ausgelotet werden. Erkenntnisse, Kritikpunkte und Leistungen der Frauenbewegung werden vorgestellt und im betreffenden Kontext ausgewertet. Ausgehend von einer kulturhistorischen Betrachtung, werden infolge Eroberung und Wandlung der etablierten Wissenschaft durch Frauen analysiert. Ein Prozess, der auch anhand von konkreten Beispielen einer kritischen und immer wieder aktuellen Betrachtung unterzogen wird. Der so genannte „Exkurs” zeigt, dass das öffentliche (Medien-)bild der Frau konträr zum Fortschritt der kulturellen, rechtlichen wie ökonomischen - mal abgesehen davon, dass Frauen noch immer rund 30% weniger verdienen als Männer in gleichen Positionen - steht. Zuletzt werden im Kapitel anhand sechs ausgewählte Biografien kreativer Paare - Lillian Hellman/Dashiell Hammet, Margaret Mead/Gregory Bateson, Marie Sklodowska/Curie Pierre Curie, Simone Schwarz-Bart/André Schwarz-Bart - aufgezeigt ob, wo und wie Gechlechtergrenzen für- und miteinander und unter welchen Voraussetzungen verschoben wurden.

Pointiert, spannend von der ersten bis zur letzten Seite und mit einem umfangreichen Literaturanhang ausgestattet liegt mit dieser Publikation ein unverzichtbarer Sammelband im Spannungsfeld von Frauenbewegung und Wissenschaft vor.

© S. Strohschneider-Laue

Und sie bewegen sich doch …: Aus der Begegnung von Frauenbewegung und Wissenschaft

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Impressionistinnen

Mittwoch, 11. Juni 2008

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Ingrid Pfeiffer, Max Hollein (Hg.) 
Impressionistinnen
Hatje Cantz 2008, 320 S. 305 Abb., davon 274 farbig
ISBN 978 3 7757 2078 6

Impressionistinnen Impressionistinnen - Berthe Morisot, Mary Cassatt, Eva Gonzalès, Marie Bracquemond

Eine pausbäckige junge Frau blickt auf ihr Schoßhündchen und krault ihm den Hals. Die Darstellung des Hundes ist beinahe eine Karikatur. Zwei Knopfaugen lugen aus dem zotteligen mit kräftigen, langen Pinselstrichen wiedergegebenen Fell hervor. Die knubbelige Nase ist leicht gerötet und das Maul wird nur mit einem kurzen braunen Strich angedeutet. Der Körper des Hundes bleibt konturlos. Sein Hinterteil verblasst ins Nichts. Und dennoch möchte man lachen, so gut hat die Malerin den Charakter des kleinen Köters eingefangen.

Berthe Morisot gelingt es in dem 1887 entstandenen Gemälde “Mädchen mit Hund” bravourös die Essenz der Dargestellten und den Zauber des Augenblicks mit wenigen dynamischen Pinselstrichen einzufangen. Berthe Morisot (1841-1895) zählt gemeinsam mit ihren Zeitgenossinnen Mary Cassatt (1845-1926), Eva Gonzalés (1847-1883) und Marie Bracquemond (1840-1916) zu jenen Frauen, denen es im 19. Jahrhundert gelang, sich in der von Männern dominierten Kunstszene als Malerinnen einen Namen zu machen. Als angesehene Vertreterinnen des Impressionismus waren sie zu Lebzeiten durchaus erfolgreich. Doch Kunstgeschichte wurde jahrzehntelang von Männern geschrieben, die wenig von den Leistungen der Frauen hielten. Sie marginalisierten Künstlerinnen und gaben ihre Werke dem Vergessen preis. Zum Umschwung kam es erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, nicht zuletzt Dank der feministischen Forschung. Dennoch ist der Prozess Künstlerinnen wieder sichtbar zu machen und ihnen den gebührenden Platz sowohl in der Kunstgeschichtsschreibung als auch in der öffentlichern Wahrnehmung einzuräumen, noch lange nicht abgeschlossen. Ausstellungen wie die kürzlich in der Schirn Kunsthalle Frankfurt zu Ende gegangene Schau “Impressionistinnen - Berthe Morisot, Mary Cassatt, Eva Gonzalés, Marie Bracquemond” erfreuen daher ganz besonders. Viele wichtige Beiträge zur Kunstgeschichte sind Ausstellungsprojekten zu verdanken. Die aus der Präsentation der vier Künstlerinnen des Impressionismus in der Schirn Kunsthalle hervorgegangene Begleitpublikation “Impressionistinnen” ist einer von ihnen.

Dass Ausstellungskataloge mit reichhaltigem, technisch hervorragend wiedergegebenem Bildmaterial aufwarten und die Exponate möglichst umfassend präsentieren, ist mittlerweile nichts Neues. Was das Buch “Impressionistinnen” in das Spitzenfeld der Kunstbuchproduktion katapultiert, ist die außergewöhnliche Qualität der Textbeiträge. Die Autorinnen und Autoren haben eine ganzheitliche Herangehensweise an Leben und Werk der vier Künstlerinnen gewählt. Sie verweben Biographie, Werkanalyse, Kunst- und Sozialgeschichte zu facettenreichen, wissenschaftlich fundierten Essays, die inhaltliche Tiefe mit exzellenter Lesbarkeit vereinen.

Ingrid Pfeiffer macht in “Der Impressionismus ist weiblich - Zur Rezeptionsgeschichte von Morisot, Cassatt, Gonzalés und Bracquemond” mit den vier Künstlerinnen bekannt. Sie analysiert wie die Arbeiten der vier Frauen im Rahmen des Impressionismus von zeitgenössischen Kritikern wahrgenommen wurden und welche Bewertungen sie durch nachfolgende Generationen von Kunsthistorikern erfuhren.

Linda Nochlin nimmt sich in “Morisots Amme - Arbeit und Freizeit in der impressionistischen Malerei” der Motivwahl der Malerinnen und ihrer männlichen Kollegen an.
Sylvie Patry widmet sich in “‘Etwas festhalten von dem, was vorüberzieht’ - Berthe Morisot und der Impressionismus” Morisots Arbeitsweise, ihrer Themenwahl sowie Kompositions- und Maltechnik.
Hugues Wilhelm leitet mit “Sieben unveröffentlich Briefe von Mary Cassatt an Berthe Morisot und deren Tochter Julie Manet” zu dem Mary Cassatt gewidmeten Themenblock über.
Griselda Pollock analysiert in “Mary Cassatt - Berührung und Blick oder Impressionismus für denkende Menschen” die Bildsprache der amerikanischen Malerin, die eine Meisterin der Darstellung zwischenmenschlicher Beziehungen war.
Pamela A. Ivinsky zeigt in “‘Mit einer festen und kräftigen Hand’ - Mary Cassatts Techniken und Fragen des Geschlechts” wie sich Cassett im Lauf ihrer künstlerischen Entwicklung die unterschiedlichsten Techniken zu Eigen machte und welche Reaktionen sie dabei bei den Betrachtern ihrer Arbeiten erzielte.
Marie-Caroline Sainsaulieu vergleicht in “Eva Gonzalés und Henri Toulouse-Lautrec - Das expressive Rot” wie Gonzalés und Toulouse-Lautrec die Farbe Rot in ihren Bildern einsetzten.
Jean-Paul Bouillon verfolgt in “Marie Bracquemond - Die Dame mit dem Sonnenschirm” den Verlauf der kurzen Karriere der vielseitigen Künstlerin, die im Salon und bei den Impressionistenausstellungen reüssierte und dennoch ihre Tätigkeit auf Drängen ihres Ehemanns aufgab.
Anna Havemann führt in “Vorwärts marsch - Der Kampf der Künstlerinnen um berufliche Anerkennung in der Kunstwelt des 19. Jahrhunderts” vor Augen mit welchen Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen sich Künstlerinnen des 19. Jahrhunderts konfrontiert sahen. Von historischen Fotografien begleitete Lebensläufe der Künstlerinnen runden das gelungene Buch ab.

Die Arbeiten von Berthe Morisot, Mary Cassatt, Eva Gonzalés, Marie Bracquemond können von 21. Juni bis 21. September 2008 noch im Fine Arts Museum of San Francisco bewundert werden.

© Ch. Ranseder

Impressionistinnen - Berthe Morisot, Mary Cassatt, Eva Gonzalès, Marie Bracquemond

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