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Schönheit und Tod: Tierstillleben

Montag, 02. Januar 2012

Non-Fiction

Staatliche Kunsthalle Karlsruhe (Hg.)
Von Schönheit und Tod

Tierstillleben von der Renaissance bis zur Moderne
Kehrer 2011, 416 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978-3-86828-275-1

Tierstillleben Tierstillleben: Von Schönheit und Tod

Willem van Aelst treibt in seinem Stillleben mit Jagdgeräten und toten Vögeln (1668) die Ästhetisierung eines blutigen Sports auf die Spitze. Nichts weist auf den gewaltsamen Tod des anmutig mit ausgebreiteten Flügeln an einer Schnur hängendem Rebhuhns hin, dessen Kopf auf dem blauen Samt einer Jagdtasche ruht, als würde es sich in einem Nickerchen von den Strapazen des Gejagtwerdens erholen. Gefieder, Samt und die materielle Beschaffenheit der kostbaren Geräte, die auf die Ausübung von Fang-, Hetz- und Beizjagd verweisen, sind mit atemberaubender Kunstfertigkeit wiedergegeben. Es ist ein Gemälde, das den Blick einfängt und einen geradezu sinnlichen visuellen Genuss beschert. Allzu leicht lässt sich darüber vergessen, dass diese elegante Zusammenstellung von Statussymbolen eigentlich der standesgemäßen Selbstdarstellung des Adels diente, der subtil auf sein Jagdprivileg hinwies.

Jagdstillleben können als Paradebeispiel für Bilder, deren Hauptmotiv tote Tiere sind, herangezogen werden. Ein Monopol auf die Darstellung des Lebens beraubter Fauna haben sie jedoch nicht. Das führt der Prachtband “Von Schönheit und Tod. Tierstillleben von der Renaissance bis zur Moderne” eindrucksvoll vor Augen.

Im Tierstillleben verwischen die Grenzen zur Landschafts-, Porträt-, Genre- und Historienmalerei. Das macht es spannend und abwechslungsreich. Erlegtes Wild, geschlachtete Haustiere, Fische und Schalentiere türmen sich im Vordergrund zahlreicher Markt- und Küchendarstellungen, während im Hintergrund Episoden aus mythologischen oder christlichen Geschichten erzählt werden. Auf anderen Bildern verweisen Fisch- und Geflügelverkäufer mit beredtem Blick und anzüglicher Geste nicht nur auf die Vorzüge ihrer Ware, sondern auch auf sexuelle Handlungen, wenn nicht gar Dienstleistungen. Imposante Landschaften oder protzige Gartenanlagen dienen als Kulisse für unter freiem Himmel platzierte Arrangements aus den Leibern toter Tiere, Früchten und Blumen. Fein gekleidete Herren posieren mit Jagdbeute und -hund am Waldesrand, um ihre soziale Stellung zu kommunizieren. Graf Carl Gustaf Tessin fand sogar seinen geliebten Dackel Pehr eines eigenen Bildnisses würdig und ließ den treuen Begleiter - wenig heroisch, doch dafür umso lebensnaher - 1740 von Jean-Baptiste Oudry auf Leinwand verewigen.

Bei aller Ambivalenz zur Darstellung des Todes, lässt sich an den Gemälden aus Beginn und Blütezeit des Tierstilllebens noch heute die Freude der Künstler an der Pracht von Gefieder und Fell, Schuppen und Panzern ablesen. Anders als ihre Kollegen, die sich der wissenschaftlichen Illustrationen zur Bestandsaufnahme der Welt verschrieben hatten, konnten sich die Maler von Tierstillleben künstlerische Freiheiten - ja sogar Scherze - erlauben. So setzte Abraham Mignon in seinem Stillleben mit totem Geflügel (1663/64) einen gewöhnlichen Hahn in Szene als wäre er kostbare Jagdbeute. Das prachtvolle Gefieder des kopfüber hängenden Vogels explodiert gleichsam in alle Richtungen, sodass jede einzelne Feder - selbst die sonst verborgenen - bewundert werden können. Indem er die Dynamik des Augenblicks mit malerischen Mitteln festhielt, nahm Abraham Mignon die fotografische Momentaufnahme vorweg.

Nicht minder virtuos, doch voller schalkhafter Vorfreude auf kulinarische Genüsse, ist François Desportes Stillleben mit bratfertigem Wild (1716) in dem ein lebender Papagei über gespicktes oder in Speck gewickeltes Geflügel, einen Hasen, mächtige Fleischstücke und eine Schüssel mit Zitrusfrüchten wacht. Das für Herzog Philippe II. d´Orleans, der gelegentlich selbst den Kochlöffel schwang, geschaffene Gemälde repräsentiert eine weitere Form des Tierstilllebens.

Von solchem Augenschmaus sind die Arbeiten des 19. und 20. Jahrhunderts weit entfernt. Im Mittelpunkt des Interesses der Künstler dieser Zeit standen die malerischen Ausdrucksmittel, nicht die Schönheit und Opulenz der Natur. Das Medium und die eigene Befindlichkeit wurden wichtiger als das Motiv. Das Tier mutierte zum Ding. Doch über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten und in einem breit angelegten Überblickswerk darf die moderne Kunst natürlich nicht fehlen.

“Von Schönheit und Tod. Tierstillleben von der Renaissance bis zur Moderne” ist die erste Monografie zum Thema Tierstillleben und als solche unverzichtbar. Die für das Buch getroffene Auswahl der Bilder ist brillant. Der Katalog allein umfasst 124 ganzseitig abgebildete, mit ausführlichen Kommentaren versehene Werke. Er beginnt mit dem Aquarell “Tote Ente” von Albrecht Dürer, dem Wegbereiter der realistischen Wiedergabe der Natur und endet mit der auf die Tierstillleben des 17. Jahrhunderts Bezug nehmenden Fotografie “Fasan” von Robert Mapplethorpe. Zwischen diesen beiden Polen gibt es so viel zu bestaunen, dass man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen möchte. Auf dem Streifzug durch die 500-jährige Geschichte des Tierstilllebens begegnen nicht nur Abbilder toter, sondern auch lebender Tiere - vom treuen Jagdhund, der mit ins Bild musste, über Papagei und Äffchen bis zum gerade noch dem Jäger entkommenen Eichhörnchen.

Zusätzliches Bildmaterial begleitet die sieben fundierten Essays des Buches. Sie bieten neben einem Abriss zu Geschichte und Besonderheiten des Tierstilllebens eine hervorragende Übersicht über die bedeutendsten Maler dieses Genres, darunter Stars wie Jean Siméon Chardin, Jan Weenix und Jean-Baptiste Oudry. Exkurse zu den gegenseitigen Beeinflussungen und Arbeitsweisen der Künstler sowie dem kultur- und sozialgeschichtlichen Hintergrund, dessen Kenntnis ein tieferes Verständnis der Gemälde ermöglicht, vervollständigen das vermittelte Grundlagenwissen. Das perfekte Zusammenspiel von Bildauswahl und leicht lesbaren Texten macht das Buch zum Lesevergnügen, seine inhaltliche Tiefe prädestiniert es als Nachschlagwerk.

“Von Schönheit und Tod. Tierstillleben von der Renaissance bis zur Moderne” schließt eine Lücke in der Auseinandersetzung mit der Gattung Stillleben. Die Ausstellung, aus derem Anlass die stattliche Publikation erschien, ist in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe vom 19. November ‘11 bis 19. Februar ‘12 zu sehen.

© Ch. Ranseder

Tierstillleben Tierstillleben: Von Schönheit und Tod

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Banditen: Waschbären

Samstag, 10. Dezember 2011

ab acht

Waschbären
Kleine Banditen mit Maske
Neumann-Neudamm 2011, 96 S., durchgehend Farbfotos.
ISBN 978 3 7888 1381 9

Der Waschbär Waschbären: Kleine Banditen mit Maske

Waschbären (indian. Aracun, engl. Raccoon) sind in Nordamerika beheimatete Kleinbären. Die ersten “europäischen” Waschbären waren allerdings keine Zuwanderer, sondern Flüchtlinge aus Pelztierfarmen der 20er-Jahre. Dazu gesellten sich - u. a. ab 1934 am hessischen Edersee - offiziell ausgesetzte Waschbären. Egal wie man nicht einheimische Tiere, sog. Neozoen, beurteilt, Waschbären gehören zu den Niedlichen. Ihre auffällige Fellzeichnung, ihre Art und Weise mit den Händchen zu scharren, tasten, drehen und wenden, macht sie liebenswert. In den nahezu 100 Jahren haben sie sich an die hiesigen Naturräume gut angepasst - leider auch an die Zivilisation mit ihren Mülltonnen. Viele Städte haben deshalb schon ihre eigenen Waschbärpopulationen und das nicht etwa innerhalb von Zoos.

Niedlich hin oder her, Waschbären sind Wildtiere zum Beobachten und keine Haustiere zum Halten. Eine Tatsache, die auch durch die vielen erstklassigen, großformatigen Fotos und einen eigenen Abschnitt in diesem Band deutlich gezeigt wird. Die durchgehende Fotostrecke wird von Steckbriefen der kleinen Banditen begleitet. Herkunft, Verbreitung und Biologisches werden dabei ebenso berücksichtigt wie die Jagd auf die Pelzträger. Launig werden auch ihre Eigenschaften als ebenso ungebetene wie ungebührliche Untermieter in Haus und Hof vorgestellt. Denn wer glaubt, dass ein Waschbär ein reinlicher, ruhiger Gast ist, der irrt sich.

Dieses Buch lebt von den unglaublich vielen Fotos und den darauf eingefangenen - oft absurden - Situationen. Darunter viele Schnappschüsse in erstklassiger Qualität, deren Entstehung - vor allem das Fotomodell - man gerne selbst erlebt hätte. Tierliebe Kinder und naturverbundene Erwachsene werden bereits beim Durchblättern ihre Freude haben. Ein Buch zum gemeinsamen Anschauen, zum Lesen und Informieren sowie zum gefahrlosen Genießen des waschbärigen Knuddelfaktors. Wer dieses Buch hat, braucht keinen Waschbären mehr.

© S. Strohschneider-Laue

Der Waschbär Waschbären: Kleine Banditen mit Maske


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Von Fischen, Vögeln und Reptilien

Mittwoch, 23. November 2011

Von Fischen, Vögeln und Reptilien
Meisterwerke aus den kaiserlichen Sammlungen

ÖNB Prunksaal
24. November ‘11 bis 29. Januar ‘12

Von Fischen, Vögeln und Reptilien: Meisterwerke aus den kaiserlichen Sammlungen

Nilkrokodil

1492 vergrößerte sich die Welt ins Unermessliche. Nach der Entdeckung Amerikas gab es kein Halten mehr. Jeder, der etwas auf sich hielt und es sich verschaffen konnte, wollte ein Stück von der Welt haben. In der Renaissance ging daher in einigen Reichen die Sonne nicht mehr unter, während so manchem Reichen endlich ein Licht aufging. Es begann die Blüte der Kuriositätenkabinette, der Wunderkammern und ersten wissenschaftlichen Sammlungen.

Gelbhaubenkakadu Unter diesen Sammlern war auch Kaiser Rudolf II. (1552-1612). Politisch unfähig und psychisch labil betätigte er sich bevorzugt als Kunst- und Wissenschaftsmäzen. Gut so, denn das Licht der Monarchie verlosch, während sein künstlerisches und wissenschaftliches Erbe bis heute Bestand hat. Bestand u. a. dadurch, dass die Österreichische Nationalbibliothek die Restaurierung des “Bestiaire” von Rudolf II. durchführte. Das zweibändige Werk mit 181 Ölbildern, das zwischen 1570 und 1611 von mehreren Künstlern - darunter Daniel Fröschel (1563-1613), Hans Hans Hoffmann (1530-1591/92) und Guiseppe Arcimboldo (1526-1593) - mitgestaltet wurde, ist eine in jeder wissenschaftlichen und künstlerischen Hinsicht reiche Fundgrube.

Drachenskelett Einzigartige Bilder belegen einerseits die Kunstfertigkeit der Ausführenden, andererseits das Bestreben nach wissenschaftlicher - unter den gegebenen Umständen - und exakter Dokumentation. Zugleich spiegeln die Abbildungen ebenso das persönliche Interesse Rudolfs als auch sein Repräsentationsbedürfnis sowie die damals lebend gehaltenen Tiere bzw. das gesammelte tote Material wider.

Gepard und Leopard Manche dieser Tiere fristeten offensichtlich mehr schlecht als recht ein Dasein inmitten der staunenden Gesellschaft. So zeigt die atemberaubend schöne und zugleich minutiöse Darstellung eines Molukkenkakadus, ein überfüttertes Tier. Der Schnabel schreit förmlich nach einer Korrektur bei einem Tierarzt, der zusätzlich einen artgerechten, reduzierten Diätplan - harte Sämereien statt weichen Gebäcks - verordnet hätte. Spannend, was aus den Bilddokumenten - zusätzlich zur genussvollen Betrachtung der Kunstwerke - abzulesen ist.

Flughahn und andere Fische Das Album von Erzherzog Ferdinand II. (1529-1595) wurde ebenfalls restauriert. Selbstverständlich sieht man auch den Fischen an, ob sie fangfrisch oder konserviert bis mumifiziert den Künstlern als Zeichenvorlage dienten. So zeigen sie sich farbenprächtig oder trist gebräunt je nach dem jeweiligen Erhaltungszustand. Frische Fische hatte jedenfalls Giorgio Liberale (1527-vor 1580) zur Verfügung. Über 1100 Bilder der adriatischen Meeresfauna - oft in Originalgröße - verbinden ästhetischen Anspruch mit wissenschaftlicher Dokumentationsqualität. Ein besonderes Highlight seine deckungsgleichen Darstellungen der Ober- und Unterseite z. B. eines Krebses auf Pergamentvorder- und -rückseite. Wendet man das Blatt, wendet man quasi den Krebs.

Gepard und Leopard Zuweilen wurden große Herausforderungen an die ausführenden Künstler gestellt. Vage und bruchstückhafte Informationen, die wie beim Spiel “Stille Post” durch mehrere Münder und Ohren weitererzählt waren, sollten in einer überzeugenden Visualisierung münden. Das dreifarbige Zebra, heute von hohem Unterhaltungswert, sorgte sicher auch damals, obwohl aus anderen Gründen, für Erstaunen.

Fazit: Im beeindruckenden Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek ist eine ebenso tierische wie gute Auswahl der frisch restaurierten Blätter aus zwei Bilderzyklen - Bestiaire von Rudolfs II. und Fauna der Adria von Ferdinand II. - zu bestaunen. Abgerundet wird die Ausstellung mit Illustrationen von Carolus Clusius (1526-1609), Ulisse Aldrovandi (1522-1605) sowie Jacopo Ligozzi (1547-1627). Ein Besuch der sich für Groß und Klein, Laien und Fachpublikum - durchaus mehrmals - lohnt. Die zweisprachig (dt./engl.) abgefassten Ausstellungstexte bieten einen ersten Überblick. Wer mehr wissen möchte, als eine einschlägige Themenführung bieten kann, dem sei der umfangreiche Katalog empfohlen.

on Fischen, Vögeln und Reptilien Von Fischen, Vögeln und Reptilien: Meisterwerke aus den kaiserlichen Sammlungen

Die Kuratorin der Ausstellung Christina Weiler ist auch Herausgeberin des Katalogs. Beiträge von Christa Hofmann, Ksenija Tschetschik und Daniel Siderits sowie zahlreiche Abbildungen machen den stattlichen 255-seitigen Band zu einer angenehmen (!) Pflichtlektüre.

Die Kapitel gliedern sich in “die Tierwelt der Adria”, “das Reich der Tiere”, “die Konservierung von Tierbildern auf Pergament”, “Kunstwerk und Naturobjekt” sowie “Tierillustration der frühen Neuzeit”. Der benutzerfreundliche Anhang mit Literatur, Abbildungsverzeichnis und Tierregister rundet den qualitätvollen Band ab.

Dass der Katalog eine Augenweide ist, ist nicht nur den herrlichen Bildquellen und der Druckqualität zu verdanken, sondern auch dem übersichtlichen sowie attraktiven Layout von Ekke Wolf.

Übrigens: Der Preis ist bestechend moderat!

© S. Strohschneider-Laue

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Schädelkult

Mittwoch, 09. November 2011

Non-Fiction

Alfried Wieczorek, Wilfried Rosendahl (Hgg.)
Schädelkult

Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen
Publikationen der Reiss-Engelhorn-Museen 41
Schnell + Steiner 2011, 388 S, zahlr. Fotografien und Grafiken.
ISBN 978 3 7954 2454 1

Schädelkult Schädelkult: Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen

Der gewichtige Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Reiss-Engelhorn-Museum ist beispielgebend. Die herausragende inhaltliche Qualität ist optisch und haptisch in einer attraktiven Publikation umgesetzt worden. Über 50 AutorInnen aus verschiedenen Forschungsbereichen unterziehen menschliche Schädel minutiösen Betrachtungen und interpretieren deren kulturgeschichtliche Bedeutung.

Das Thema wird in fünf Kapiteln gegliedert, die Sinnvoll und Geistreich - der Schädel, Vom Neandertaler bis zur Völkerwanderung - Ein Gang durch die Vor- und Frühgeschichte, Von Schrumpfköpfen, Schädelbechern und Schillerschädeln - Ein Gang durch die Weltkulturen, Schädelfaszination heute und Schädelgalerie betitelt sind. Den einzelnen Beiträgen sind umfassende Literaturzitate angeschlossen.

Im ersten Kapitel stehen Seele-Herz-Hirn - damit Sinn und Verstand - in antiker Vorstellung (Elisabeth Ahner), Schädel als Knochenstruktur (Helmut Wicht) sowie operative Eingriffe am Schädel (Kurt W. Alt) quer durch die Zeiten im Mittelpunkt. Wahrlich spannend, was aus dem Unikat des Schädels “herausgeholt” werden kann. Einerseits wurden schon früh medizinische und philosophische Betrachtungen mit dem Kopf verbunden, andererseits wurden bereits in prähistorischer Zeit mehr (!) oder minder erfolgreiche Eingriffe im Schädelbereich vorgenommen.

Eine spannende Zeitreise durch die Vor- und Frühgeschichte wird im zweiten Kapitel unternommen. Beiträge führen von der Alt- und Mittelsteinzeit (Joachim Wahl) über das Neolithikum (Jörg Orschiedt, Andrea Zeeb-Lanz), Bronzezeit (Christiane Ana Buhl) und Eisenzeit (Axel von Berg, Béatrice Vigié) mit einem Abstecher ins Alte Ägypten (Tanja Pommering und Stan Hendricx) und zu den Skythen (Claudia Braun). Betrachtungen zur Antike (C.B.) und Spätantike (Gerhard Hotz) schließen den genialen Überblick. Schädelkult, Kannibalismus, der Ritualplatz von Herxheim, Masken und Schädeldeformationen sind nur einige Aspekte, die berücksichtigt werden.

Der Blick auf die Weltkulturen im dritten Kapitel wirft Schlaglichter aus Afrika (Andrea Schlothauer), Asien (Katja Müller, Paolo Maiullari, Richard Kunz, A.S.), Ozeanien (Bernd Leicht, Alexandra Wessel, Antje Kelm, Wilfried Rosendahl, Christian Fink, Heaether Gill-Frerking, Thomas Henzler, Markus Monreal, Stefan Schlager, Ursula Wittwer-Backofen), Nord und Mesoamerika (Martin Schultz, Nikolaus Stolle, Ursula Thiemer Sachse, W.R., Sinas Steglich) Südamerika (A.S., Anna-Maria Begerock, Virgina und Michael Tellenbach, Sabine Bernschneider-Reif, Timo Gruber, Reiner Sörries, Dario Piombino-Mascali, Alber Zink, Ulrike Neurath-Sippel, Eva-Maria Günther, Elisabeth Ahner, Rudolf Maurer, U.W.-B., Daniel Möller, Uwe Hoßfeld, W.R., Gisela Gruppe, Marina Vohberger). Kopfjagd, Schädelschmuck, Skalps, Kristallschädel und Schrumpfköpfe zeigen u. a. vielfältige Rituale rund um Triumph und Trauer in außereuropäischen Kulturen auf. Während Heilmittel, religiöse und weltliche Reliquien sowie Rassenkunde Beispiele für europäischen Schädelkult sind.

Der ungebrochenen Schädelfaszination in der Gegenwart wird im vorletzten Kapitel Rechnung getragen. Die schwarze Szene (C.A.B.), das Totengedenken in Mexiko (Ulrike Umstätter), Kriminalistik (U.W.-B.), Hirnforschung (Hans Günter Gassen) und Totenkopfsymbolik (Magdalena Pfeifenroth) sind hier die zentralen Themen. Tristesse und Zuckerwerk, Kriminalistik und Forschung sowie Symbolkraft stehen für die breitgefächerte, moderne Schädelfaszination.

Mit der Schädelgalerie schließt das fünfte Kapitel. Als Highlights zur Ausstellung (Doris Döppes, A.-M.B., D.M., W.R., A.S., A.W.) werden herausragende Beispiele wie z. B. Trophäenköpfe und künstlich deformierte Schädel aus Peru oder für die Aufbewahrung im Beinhaus bemalte Schädel aus Hallstatt in Österreich in hochwertiger Fotoqualität inklusive Kurzinformationen gezeigt.

Autorenregister und Bildnachweis beschließen den - auch durch seine übersichtliche und attraktive Gestaltung - hochwertigen Band. Ein Pflichtkauf in Fachkreisen und für kulturgeschichtlich Interessierte ebenso.

© S. Strohschneider-Laue

Schädelkult Schädelkult: Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen

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220 Jahre Moorarchäologie

Donnerstag, 03. November 2011

Non-Fiction

“O, schaurig ist’s übers Moor zu gehn …”
220 Jahre Moorarchäologie
Schriftenreihe des Landesmuseums Natur und Mensch Oldenburg 79
Philipp von Zabern 2011, 260 S, zahlr. Fotografien und Grafiken.
ISBN 978 3 8053 4361 9

O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn. 220 Jahre Moorarchäologie

175 Jahre Oldenburger Landesmuseum Natur und Mensch ist Anlass die Bedeutung der Moorarchäologie seit 220 Jahren aufzuzeigen. Die Begleitschrift zur Ausstellung im Landesmuseum Natur und Mensch in Oldenburg 2011 widmet sich dem Thema Moorarchäologie.

In acht gut strukturierten Kapiteln mit jeweils beigefügtem Literaturverzeichnis werden archäologische Forschungen rund ums Moor vorgelegt. Die spektakulärsten - aber nicht unbedingt immer aufschlussreichsten - Funde sind Moorleichen, sie  werden in diesem Band ausgespart. Der Faszination Moorleichen ist nämlich ein eigener Band gewidmet worden.

Carsten Ritzau und Lena Strauch setzen sich einleitend mir dem Hochmoor als einmaligen Lebensraum und “nassen Geschichtsbuch” auseinander. Von der Moorentstehung über den Lebensraum bis hin zur Bedeutung von Mooren als einzigartige archäologische Tresore spannt sich der inhaltliche Bogen. Ein komprimierter Überblick über die einzigartige (Fund-)Landschaft.

Mystische Moorlandschaften stehen zusätzlich noch bei Lena Strauch im Mittelpunkt. Zwischen wirtschaftlicher Nutzung und künstlerischer Inspiration bieten Moore eine weite Spanne für Realität und Fantasie.

Frank Both und Mamoun Fansa, die auch für den Band “Faszination Moorleichen” verantwortlich zeichnen, bieten in zwei Kapitel Überblicke über Moorwege und ihre Forschungsgeschichte im Weser-Ems-Kreis. Moore sicher und schnell zu durchqueren, war zu allen Zeiten ein Anliegen. Die dazu angelegten Bohlenwege sind der Forschung schon lange bekannt. Ihre Bauweise und ihr feuchtbodenbedingter exzellenter Erhaltungszustand bieten der Forschung mehr Erkenntnisse als so manch anderer zur Sensation aufgeblasener Einzelfund.

Vier hölzerne Übungsschwerter stellt Philipp Roskoschinski vor. Die durch sie gewonnen Einblicke in die militärische Ausbildung im Babaricum der älteren Römischen Kaiserzeit, spricht für ein regelmäßiges Waffentraining.

Frank Both unterzieht Rad und Wagenentwicklung einer genaueren Betrachtung. Aus Wagenresten, die  quer durch die Urgeschichte bis in das Mittelalter nachgewiesen wurden, sind Rückschlüsse auf Transport und Verkehr möglich. Eine Reihung dieses Beitrags im Anschluss an die Ausführungen über Bohlenwege wäre m. E. thematisch sinnvoller gewesen.

Erhard Cosack stellt Überlegungen zu einem Brotopfer beim Bohlenweg XII (Ip) im Ipweger Moor an. Vom am Schreibtisch interpretiertem Brotopfer bis zum im Experiment verwendeten Achsfett”brot” reichen die interessanten Ausführungen.

Zuletzt wird noch das “Erfolgsmodell Einbaum” von Christina Wawrzinek näher beleuchtet. Denn auch diese sind aus Feuchtgebieten des Oldenburgerraumes bekannt und werden hier katalogsystematisch vorgestellt.

Der Band bietet einen guten Überblick über die Feuchtbodenfunde und den Forschungsstand in Nordwestdeutschland. Deutlich wird dabei, wie wesentlich organische Reste zum Klären offener chronologischer, wirtschaftlicher und ganz allgemein lebenspraktischer Fragen beitragen. Spannend aufbereitet und somit für Fach- und Laienpublikum gleichermaßen wertvoll.

© S. Strohschneider-Laue

O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn. 220 Jahre Moorarchäologie

Siehe auch:

Faszination Moorleichen. 220 Jahre Moorarchäologie

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Faszination Moorleichen

Donnerstag, 03. November 2011

Non-Fiction

Frank Both und Mamoun Fansa
Faszination Moorleichen
220 Jahre Moorarchäologie
Schriftenreihe des Landesmuseum Natur und Mensch 80.
Philipp von Zabern 2011, 119 S, zahlr. Sw- und Farbfotografien.
ISBN 978 3 8053 4360 2

Faszination Moorleichen. 220 Jahre Moorarchäologie

Im Rahmen der Ausstellung 220 Jahre Moorarchäologie im Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg sind zwei Begleitschriften erschienen. Vorliegende stellt die Moorleichen aus dem Weser-Ems-Raum in den Mittelpunkt.

Moorleichen sind ein steter Quell überraschender Erkenntnisse, die weit über das Erscheinungsbild des Menschen zwischen Eisenzeit und Mittelalter hinausgehen. Zugleich werfen sie leider oft mehr Fragen auf, als sie Antworten liefern. Was auch daran liegt, dass sie zumeist Zufallsfunde ohne ideale wissenschaftliche Bergungsbedingungen sind. Für die Ausstellung konnten jedenfalls neue Untersuchungen vorgenommen werden, deren Ergebnisse in diesem Band - inklusive einer Überschau aller bisherigen Funde - vorgelegt werden.

Komplette Moorleichen, ein Zopf, ein Hautstück sowie ein Knochen in einem Schuh bieten ganz unterschiedliche Aspekte zum Tod der einzelnen Individuen. Auch die Beifunde, der Beitrag von Julia Gräf widmet sich minutiös dem Fellumhang der Kayhauser Moorleiche, lassen nicht automatisch durch ihre exzellente Erhaltung einen allgemeingültigen “modischen” Rückschluss auf den gesamten Zeithorizont zu. Fundumstände, Erhaltungsbedingungen und Interpretationen, die sich im Laufe der Zeit - nicht nur aufgrund labortechnischer Möglichkeiten - verändern, zeigen, wie schwierig es ist, mit diesen spektakulären Funden zu verfahren. Andererseits ist der im Moor beerdigte 1828 verstorbene Hausierer Jan Spieker für die Archäologie ein wunderbares Beispiel dafür, wie Erhaltungs- und Verfallsprozesse im Moor in einem exakt überschaubaren Zeitrahmen ablaufen. Dennoch sorgen von der Analyse über Interpretation bis hin zur Präsentation im musealen Rahmen Leichen(teile) aus Mooren immer wieder für neuen Diskussionsstoff.

Der Verdienst des Bandes ist es, die historischen Fakten von Fund und Befund inklusive reichen Bildmaterials, durch ein Literaturverzeichnis abgerundet, vorzulegen und diese durch aktuelle Untersuchungen zu ergänzen. Der wichtige Beitrag zur Moorarchäologie ist zugleich auch breitenwirksam vorgelegt und kann daher dem interessierten Laienkreis ebenfalls empfohlen werden.

© S. Strohschneider-Laue

Faszination Moorleichen. 220 Jahre Moorarchäologie

Siehe auch:

O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn. 220 Jahre Moorarchäologie

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Die Höhle der vergessenen Träume

Mittwoch, 19. Oktober 2011

Notiz

Die Höhle der vergessenen Träume - Film
Film von Werner Herzog Frankreich/USA/Großbritannien/Deutschland 2010, 90′, 3D, Kinostart 4. November ‘11.
Trailer

Die Sondervorführung des Films “Höhle der vergessenen Träume” fand im Haydnkino statt. Zu dieser Preview, die zusätzlich zum Pressetermin abgehalten wurde, waren insbesondere ArchäologInnen eingeladen.

Im Mittelpunkt des Films steht die Grotte Chauvet in Südfrankreich. Die Höhle, die den Namen des Höhlenforschers und Entdeckers Jean-Marie Chauvet trägt, wurde erst Ende 1994 entdeckt. Sie offenbarte eine erstaunliche Menge und Vielfalt an erstklassig erhaltener, altsteinzeitlicher Höhlenkunst, deren Alter die bisher bekannten Malereien wie z. B. in Lascaux übertrifft. Die ältesten Bilder entstanden in der Zeit vor 35.000-32.000 Jahren, die jüngsten vor rund 25.000 Jahren. Ein Felssturz vor 22.000 Jahren, der die Höhle verschloss, verhinderte seither das Betreten des Gangsystems durch Menschen, trug aber zugleich zum guten Erhaltungszustand der Kunstwerke bei. Der restriktive Zugang, nur einem ausgewählten Wissenschaftsteam ist es vorbehalten die Höhle zu Forschungszwecken zu betreten, soll dazu beitragen, dass der Höhle nicht der derselbe Verfall droht, wie jener von Lascaux. Dort waren die Bilder von 1948 bis 1963 zu viel Licht, Wärme, Besuchsströmen und damit der Schimmelbildung ausgesetzt und konnten nur durch aufwendige Restaurierungsarbeiten vor dem vollständigen Verlust bewahrt werden. In der über 8.000 m² großen Chauvet-Höhle befinden sich vier Säle, an deren Wänden zahlreiche Tiere (u. a. Mammuts, Wollnashörner, Rentiere, Großkatzen, Bären, Hyänen) sowie Symbole und Handabdrücke zu sehen sind. Auf dem Höhlenboden hat sich eine menschliche Fußspur erhalten. Knochenfunde - vor allem von Höhlenbären - komplettieren das Fundspektrum aus der Höhle.

Interessierten war es bisher nur möglich wissenschaftliche Publikationen und Berichte zu verfolgen, um den Stand der Dinge rund um die Chauvet-Höhle zu erfahren. Der große Verdienst des Filmes ist es daher, einen 3D-Eindruck des reichen Bildschatzes zu vermitteln, der aus Denkmalschutzgründen nur wenigen Menschen zugänglich gemacht wird. Mit dem Film “Die Höhle der vergessenen Träume” werden 3D-Eindrücke der Höhle nach außen gebracht, die kein  Printmedium in diesem Ausmaß bieten kann. Dafür erträgt man im Kino gerne eine zusätzliche Brille. Erfreut sich das Fachpublikum auch an dem ausführlich gebotenen Überblick im Inneren der Höhle, so schränkt sich die Freude bei der Interpretation, die weit über den wissenschaftlichen Rahmen hinausgeht, deutlich ein. Woran es auch liegen mag - seien es sprachliche Missverständnisse,  Interviewmethoden oder mediale Ungeschicklichkeit der WissenschaftlerInnen - es gibt wissenschaftlich Unbelegbares, erzählerisch Unnötiges und zukunftsorientiert Spekulatives, das in einer an sich seriösen Dokumentation nichts verloren hat. Andererseits ist es ein Film von Werner Herzog. Er lebt seinen Hang zu poetischen Bildern, mystischen Zusammenhängen und zu spirituell angehauchter Musik aus und bringt andere dazu, es ihm gleichzutun - zumindest solange bis er sie bei seiner Vision von sprechenden Atom-Krokodilen im Epilog endgültig verliert.

© S. Strohschneider-Laue

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Vom Frosch

Donnerstag, 21. Juli 2011

Non-Fiction

Bernd Hüppauf
Vom Frosch
Eine Kulturgeschichte zwischen Tierphilosophie und Ökologie 
transcript 2011, 417 S., Farb- und Sw-Abb.
ISBN 978 3 8376 1642 2

Vom Frosch: Eine Kulturgeschichte zwischen Tierphilosophie und Ökologie

Das Mensch-Tier-Verhältnis wird in dem Werk am Beispiel des Frosches einer näheren Betrachtung unterzogen. Erstaunlich, wie nahe sich Menschen und ausgerechnet eine Amphibie stehen können. Wer allerdings einen kurzweiligen Einstieg in die Mensch-Frosch-Beziehung erwartet, wird enttäuscht sein. Wer Grundlagenforschung vermutet, wird eine persönlich geprägte, kulturgeschichtliche Materialsammlung vorfinden. Diese Sammlung offenbart allerdings immer wieder massive Schwächen durch ihre breite Fächerung. Den wissenschaftlichen Diskurs am aktuellen Stand zu verfolgen und Interpretationen nicht aus dem Zusammenhang zu reißen, ist eben schwierig. So geraten dem Autor in Folge nicht nur die “steinzeitlichen Figurinen”, “linearkeramischen Figuren von Frauen” mit der sog. “Frauenkröte aus Maissau” in einen nicht nachvollziehbaren mind. 30.000 Jahre umfassenden chronologischen und zum Frosch völlig belanglosen Zusammenhang.

Das ausdrückliche Ziel von Bernd Hüppauf ist es allerdings, “den Frosch im kulturell Imaginären” zu suchen. Die Einleitung widmet sich daher dem Mensch-Tier-Verhältnis, wirft einige Schlaglichter auf Frösche an sich und ihren kulturellen Stellenwert. Die nachfolgenden Kapitel sind der Theologie und Magie, Frosch und Wissenschaft sowie zuletzt dem Ökofrosch gewidmet. Da es sich hier nicht primär um eine naturwissenschaftliche Analyse rund um den Frosch handelt - obwohl Spiegelneuronen mehrfach thematisiert werden, sollte man keinen zoologischen Fokus inklusive Storch oder Ringelnatter als natürliche Feinde erwarten. Aber mit der Feststellung, dass Frosch und Mensch zu einem gemeinsamen Ökosytem gehören, das es zu erhalten gilt, befindet sich Hüppauf auf Augenhöhe mit den zeitgeistigen tierphilosophischen Betrachtungen und ökologischen Forderungen.

Nahezu 50 Seiten im Anhang betreffen den Kapiteln zugeordnete Endnoten. Sie stellen beim Lesen eine Herausforderung an die Handhabung dar. Die Literaturliste ist ebenso umfangreich, wie das Register, das sich auf die zitierten Persönlichkeiten beschränkt, enttäuschend.

© S. Strohschneider-Laue

Vom Frosch: Eine Kulturgeschichte zwischen Tierphilosophie und Ökologie

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Planet der Insekten

Samstag, 25. Juni 2011

Non-Fiction

Marcel Robischon
Planet der Insekten
Haupt 2011, 224 S., zahlr. Farbfotos.
ISBN 978 3 2580 7655 3

Planet der Insekten Planet der Insekten

Insekten sind die wahren Herrscher der Erde. Wer es nicht glaubt, sollte sich mit dem Gedanken vertraut machen, dass Insekten mit 1,5 Milliarden pro Mensch allein mengenmäßig enorm im Vorteil sind. Die Dunkelziffer liegt viel höher. Die Methode, die Insekten verwenden, um ans Ziel ihrer Wünsche - die Eroberung der Weltmeere gehört nicht dazu - zu gelangen, degradieren jede menschliche Intrige, jede menschliche Strategie und jede menschliche Erfindung zu Kinderkram. Wer es insektenfrei will, muss sich daher Kiemen wachsen lassen und in (!) die Ozeane übersiedeln.

Genau an diesen Extremen und den Erfolgskonzepten des Insektenreichs setzt dieses faszinierende Buch des Forstwissenschaftlers Robischon an. Was in solchen Massen vorkommt und zum Teil noch unentdeckt kreucht und fleucht, mag zwar vielgestaltig sein, ist aber trotzdem meist namenlos - bis die Wissenschaft es mühsam versucht zu klassifizieren, zu benennen und seines Geheimnisses zu entkleiden.

In 19 Kapiteln stellt Marcel Robischon den mühseligen aber ungemein spannenden Weg der Forschung durch die Jahrtausende vor. Gleichzeitig zeigt er auch den täglichen Siegeszug der Insekten - darunter manche, die bereits als ausgestorben galten. Pointiert und an außergewöhnlichen Beispielen belegt er die Vielgestaltigkeit, Zähigkeit und enorme Leistungsfähigkeit von Insekten. Insekten benutzen z. B. ihr eigenes kaltes Licht oder laden ihre “Flugbatterien” mit Sonnenlicht auf und sie lassen sich von Tieren und Pflanzen durch gute Taten sowie mit bösen Tricks durchfüttern. Erstaunlich sind ihre Flugfähigkeiten, Kommunikationsmittel und Sinnesleistungen. Sie sind vermehrungsfreudig und zu enormen “sportlichen” Hochleistungen u. a. hinsichtlich Ausdauer, Tempo oder Sprungkraft fähig. Zugleich sind sie für den Menschen Fluch und Segen - u. a. als Seidenraupen, Honigbienen oder Zirkusflöhe. Sie sind Nützlinge, Schädlinge und wichtige Indikatoren für Umweltbelastungen und Anzeiger des Klimawandels.

Ein großartiges Buch, das gleichzeitig als spannende fachwissenschaftliche Lektüre, historische Anekdote sowie fotografische Augenweide - ohne ein oberflächlich-hübscher Bildband zu sein - besticht. Ob man Insekten liebt oder hasst, mehr über sie zu wissen, ist ein Gewinn und mit dieser Lektüre ist dieser Gewinn auch noch überaus fesselnd.

Literatur und Quellen werden im Anhang umfangreich angeboten, sodass ein vertiefender thematischer Einstieg leicht möglich ist. Ein benutzerfreundliches Register beschließt den außergewöhnlichen Band.

© S. Strohschneider-Laue

Planet der Insekten: Von duftenden Ameisen, betrügerischen Leuchtkäfern und gespenstischen Faltern

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Ehrengrab: Ida Pfeiffer

Montag, 16. Mai 2011

Notiz

Weltreisende
Ida Pfeiffer

Ida Pfeiffer © Sistlau 2007

Auf dem Wiener Zentralfriedhof befindet sich das Ehrengrab von Ida Pfeiffer. Sie wurde 1797 in Wien geboren und durch ihren Vater mehr intellektuell gefördert, als es der Mutter lieb war. Nach dem Tod des Vaters bereitete die realistisch denkende Mutter die kleine Ida auf das typische Frauenschicksal jener Zeit vor: ordentliche Hausfrau, treue Gattin, fürsorgliche Mutter. Aber Idas Ehe scheiterte, die  zwei Söhne zog sie alleine auf. Mit 45 Jahren war sie endlich frei, frei ihre erste lang ersehnte Reise anzutreten. Es folgten 16 ebenso entbehrungsreiche wie abenteuerliche - aber sicher auch geistig erfüllte - Jahre für Ida Pfeiffer. Sie reiste, forschte, sammelte, schrieb Bücher und pflegte Kontakte zu führenden Wissenschaftern. 1858 starb sie völlig geschwächt, nachdem sie von Madagaskar zurück nach Wien gekommen war.

Ida Pfeiffer vollbrachte zu einer Zeit als Frauen gar nichts zugebilligt wurde mehr als ihre Zeitgenossen. Sie reiste und sammelte ethnografische und naturkundliche Objekte ohne jene generösen Förderungen - selbst Konservierungsmaterialien wurden abgelehnt -, die Männern mit geringeren Potenzial und großem Eigenkapital oft unbeantragt zuteil wurden. Viele Museen, darunter das Naturhistorische Museum und das Museum für Völkerkunde in Wien, verdanken ihr tausende Objekte.

Ida Pfeiffer Ehrengrab Zentralfriedhof wien, Gruppe 0, Reihe 1, Nummer 12 © Sistlau 2007

Und ich frage mich:
Was hat es Ida Pfeiffer zu Lebzeiten genutzt, dass es heute veschiedene Arten -  Palaemon idae (Garnele), Myronides pfeifferae (Stabheuschrecke), Vaginula idae (Schnecke), Rana idae (Frosch) - nach ihr benannt sind?
Was hat es Ida Pfeiffer zu Lebzeiten gebracht, dass ihr Leichnam auf massives Drängen des “Vereins für erweiterte Frauenbildung” vom Friedhof St. Marx in eines der Ehrengräber, die nur dazu dienten Wienern den entlegenen Friedhof schmackhaft zu machen, umgebettet wurde?
Gibt es Hoffnung, dass jemals angemessen nach tatsächlicher Leistung, aber nicht nach politischen und persönlichen Kriterien gefördert wird?

© S. Strohschneider-Laue

siehe dazu auch:
Eine Wiener Biedermeierdame erobert die Welt: Die Lebensgeschichte der Ida Pfeiffer (1797 - 1858)
Eine Frau fährt um die Welt: Die Reise 1846 nach Südamerika, China, Ostindien, Persien und Kleinasien
Verschwörung im Regenwald: Die Reise nach Madagaskar
Abenteuer Inselwelt - Die Reise 1851 durch Borneo, Sumatra und Java
Nordlandfahrt: Eine Reise nach Skandinavien und Island im Jahre 1845
Ida Pfeiffer: “Wir leben nach Matrosenweise”: Briefe einer Weltreisenden des 19. Jahrhunderts

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Historische Blumen

Donnerstag, 28. April 2011

Non-Fiction

Brigitte Wachsmuth
Historische Blumen
Sorten - Anbau - Geschichten 
Thorbecke 2011, 136 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 7995 3571 7

Historische Blumen: Sorten, Anbau, Geschichten

Das Buch “Historische Blumen. Sorten - Anbau - Geschichten” hält, was der erfreulich präzise Titel verspricht. Brigitte Wachsmuth erzählt voller Elan von Blumenmoden, Manien und den Menschen, die den kostbaren Pflanzen viel Zeit, Geld und Liebe schenkten. Jedes der zahlreichen Blumenporträts schließt mit einer kommentierten Liste, in der bewährte, noch im Handel erhältliche alte Sorten besprochen werden. An passender Stelle eingefügte Tipps zum richtigen Umgang mit den historischen Pflanzensorten, machen die Texte auch zu einer Fundgrube für praktizierende GärtnerInnen.

Geografisch liegt der Schwerpunkt der historischen Betrachtung geliebter Gartenblumen auf dem europäischen Kontinent - womit sich eine Lücke in der einschlägigen Literatur schließt. Zeitlich setzt das Buch an der Schwelle vom Spätmittelalter zur frühen Neuzeit ein, als der dem Vergnügen und der Repräsentation gewidmete Garten begann, an Bedeutung zu gewinnen. Doch nicht die Entwicklung der Gartenkunst steht im Mittelpunkt der schmucken Publikation, sondern Aufstieg, Niedergang und Wiederentdeckung ausgewählter Blumen, darunter Tulpe, Hyazinthe, Iris, Martagonlilie, Aurikel, Primel, Veilchen, Schneeglöckchen, Helleborus und Hosta.

Die Serie der Pflanzenporträts beginnt mit der Akelei, der Blume der Gotik, die mit ihrer christlichen Symbolik noch mittelalterliches Gedankengut spiegelt. Im Gegensatz zu ihr gelang es der am Beginn der Neuzeit nördlich der Alpen seltenen und in der Pflege anspruchsvolleren Nelke ihrer religiösen Bedeutung eine weitere Dimension hinzuzufügen: Sie wurde zum Zeichen der Freundschaft, Liebe und des Verlöbnisses. Von 1600 bis 1850 zählten die alten Nelken, allesamt Topfpflanzen, mit einer unüberschaubaren Sortenvielfalt zu den beliebtesten Blumen Kontinentaleuropas, um danach langsam aus den Gärten zu entschwinden.
In der Vorliebe für bestimmte Pflanzen spiegeln sich sowohl der Zeitgeist als auch der wirtschaftliche Entwicklungsstand einer Epoche. Paradebeispiel dafür ist die Tulpenmanie, die 1637 zum Zusammenbruch des ersten Spekulationsmarktes der Geschichte führte. Doch Tulpen waren nicht die einzigen Blumen, die im Barock mit großer Leidenschaft gesammelt wurden. Auch Hyazinthen, Anemonen und Ranunkeln waren heiß begehrt.

Die Begeisterung der Enthusiasten kannte keine Grenzen, sogar Kuriositäten wurden angepflanzt und in Florilegien verewigt. Dass zu diesen einst auch Pflanzen mit gefüllten Blüten zählten - über deren Qualität sich die Ansichten von Botanikern und Gärtnern übrigens schieden - ist ein pikantes Detail der Blumengeschichte.

Im 19. Jahrhundert bereicherte eine Flut neuer Pflanzen aus fernen Ländern die Gärten. Die Erfindung des Ward´schen Kastens sicherte ihr Überleben auf den langen Transportwegen. Die Tatsache, dass sich in ihnen auch einheimische Farne wohlfühlten, führte in England zu einer wahren Farnhysterie von der Kontinentaleuropa weitgehend unberührt blieb. Internationalen Anklang konnte hingegen das Veilchen verbuchen. Als Blume der Patrioten brachte das zarte Pflänzlein die Gemüter in Wallung. Die Enthusiasten des 20. Jahrhunderts schließlich entdecken Schneeglöckchen und Hosta für sich.

Der Kulturgeschichte all dieser herrlichen Pflanzen stehen im lebhaft geschriebenen Text des Buches Botanik und gärtnerische Praxis gleichberechtigt zur Seite. Auf das Aussehen und die Eigenheiten der porträtierten Blumen wird ebenso eingegangen wie auf ihre Bedürfnisse im Topf oder Garten. Tipps zu Anbau, Pflege und Vermehrung noch im Handel erhältlicher Sorten ermutigen GartenbesitzerInnen es doch mit der einen oder anderen historischen Schönen zu versuchen. So preziös und anspruchsvoll - wie oft angenommen - sind die historischen Blumensorten nämlich gar nicht.

Wie historische Blumen in heutigen Gärten zum Einsatz kommen können, beschreibt das letzte Kapitel. Ein kommentiertes Literaturverzeichnis und eine Liste von Anbietern historischer Blumen runden das gelungene Werk ab.

“Historische Blumen. Sorten - Anbau - Geschichten” ist ein Lesegenuss von der ersten bis zur letzten Seite. Brigitte Wachsmuth hat die seltene Gabe Texte mit hoher Informationsdichte zu verfassen, die spannend, abwechslungsreich und sprachlich geschliffen zugleich sind. Optisch wird das Buch durch eine bunte Mischung aus historischen botanischen Illustrationen und seitenfüllenden Nahaufnahmen der Blumen zur Augenweide. Von vegetabilen Ornamenten umrankte Initialen verleihen der grafischen Gestaltung Charme.

Die Beschäftigung mit historischen Pflanzensorten lohnt sich, schließlich haben sie dank ihrer bewegten Geschichte weit mehr als ihr hübsches Aussehen zu bieten. Das Buch “Historische Blumen” weiht in ihre Geheimnisse ein und hält für GärtnerInnen in Geiste wie im Blumenbeet vergnügliche Überraschungen bereit.

© Ch. Ranseder

Historische Blumen: Sorten, Anbau, Geschichten

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Schwan

Mittwoch, 06. April 2011

Non-Fiction

Peter Young
Schwan 
Gerstenberg 2011, 200 S., zahlr. Illustrationen und Fotos.
ISBN 978 3 8369 2644 7

Schwan: Mythos Tier

Dieser Band aus der beispielgebenden biologisch-kulturgeschichtlichen Reihe ist dem Schwan gewidmet. Der anmutige Vogel mit dem Ruf ein Todesbote zu sein, hat tatsächliches Erstaunliches vorzuweisen. So sind Schwäne genetisch dichter an den Sauriern als andere Vogelarten - und wer einen aggressiven Schwan sein Nest verteidigen sah, ist sofort bereit das zu glauben. 25.000 Federn schmücken seine elegante Erscheinung und der singende Flug verschaffte ihm seinen Namen “Schwan”.

Flott und launig plaudernd ist der Erzählton von Peter Young, der auch in der Übersetzung aus dem Englischen von Stephanie Singh erhalten bleibt. In acht undogmatischen Kapiteln, die u. a. den Schwanen-Mythos kunst- und kulturgeschichtlich sowie biologisch umkreisen, erweisen sich die inhaltlichen Übergänge als fließend, ohne dabei den roten Faden zu verlieren. Unversehens hat man sich in die Lektüre vertieft, fasziniert von überraschenden Querverbindungen zwischen Wissenschaftlern, Künstlern und Schwänen. Dann wundert man sich wieder über Maße und Gewichte, um im nächsten Moment amüsiert über das putzige und absolut nicht hässliche “Entlein” zu schmunzeln, das ein eleganter Trompetenschwan werden wird. Ein Trompetenschwan, der durch die Jagd auf viel bewunderte, aber leicht zu treffende Trophäen fast ausgerottet wurde. Götter erscheinen als Schwäne, Schwäne werden zu hübschen Frauen und grade bei Letzteren könnte fast stimmen, wenn man Marlene Dietrichs fantastischen Mantel aus Schwanendaunen betrachtet.

Die ebenso gehaltvolle wie lockere Lektüre, die zuletzt noch durch eine Zeitleiste, zahlreiche Anmerkungen, Literatur, weiterführende Hinweise sowie ein benutzerfreundliches Register fachlich und sachlich abgerundet wird, ist fesselnd von der ersten bis zur letzten Seite. Beispielgebend!

Nachdem dieser Band für eine englische Reihe (Pinguin, Tiger, Katze, sind bereits auf Deutsch erschienen) konzipiert und geschrieben wurde, ist der Querbezug zu Großbritannien deutlich hervorgehoben. Im Grunde müsste für jedes Land, in dem das Buch als Lizenz erscheint, ein landestypisches Kapitel ergänzt werden, denn der “Schwan kleban” hat überall ganz spezifische kulturelle Spuren hinterlassen.

Mir schwant, dieses Buch wird nur das erste von allen sein, die ich mir aus dieser Reihe kaufen und auch an Freunde verschenken werde.

© S. Strohschneider-Laue

Schwan: Mythos Tier

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Leben im Zoo

Donnerstag, 10. März 2011

Non-Fiction

Lukas Beck (Foto), Renate Pliem (Text)
Leben im Zoo
Vom Ameisenbär bis Zebrastreifen

echomedia 2011, 160 S., zahlr. Farbfotos.
ISBN 978 3 9026 7237 7

Leben im Zoo Das Leben im Zoo 

Der älteste, seit 1752 bestehende Zoo ist der Tiergarten Schönbrunn in Wien. Seit seinem Bestehen hat sich die Anlage in Etappen von einer Menagerie für Schaulustige zu einer Bildungsoase für BesucherInnen, Zentrum für ForscherInnen und einem Ressort für vom Aussterben bedrohter Tierarten entwickelt. Nicht von ungefähr wurde daher der Tiergarten Schönbrunn 2011 unter 80 europäischen Zoos in 21 Ländern, die der britische Geschäftsmann und Zooliebhaber Anthony Sheridan akribisch testete, nach 2009 erneut zum besten Zoo gewählt.

Forschung, Ökonomie und Außenkommunikation sind die drei Standbeine, die einem wissenschaftlich geführten Zoo mit dem Ziel der artgerechten Haltung die nötige Stabilität verleihen. Zur Umsetzung dieser Ziele sind geschulte Fachkräfte und eine visionäre Leitung nötig. Die TierpflegerInnen und ihre Pfleglinge stehen deshalb erstmals im Mittelpunkt eines Bildbandes, der inhaltlich vom Originalton der Hauptprotagonisten vor und hinter den Kulissen getragen wird.

Der Fotograf Lukas Beck zollt jedem Motiv, jedem Porträtierten den gleichen Respekt. Er macht deshalb keinen Unterschied, ob er österreichische Prominenz oder tierische Exoten fotografiert. In punktgenauem Licht werden Pfleger und “ihre” Tiere zu solch genialen Einheiten verschmolzen, dass sie zuweilen an Hochzeitsbilder erinnern. Einander herzlich zugetane Paare, die in den gemeinsamen Jahren liebenswert-obskure Ähnlichkeiten entwickelt haben.

Die Radiojournalistin Renate Pliem hat den PflegerInnen zugehört und ihren O-Ton festgehalten. In den so entstandenen Texten offenbaren sich Beruf und Berufung, Sachkenntnis und anekdotenhafter Spaß. Obwohl von den PflegerInnen jeweils ein persönlich erzählter Minieinblick geboten wird, kommt das tief gehende Verständnis für die Schnittpunkte von Pflege, Forschung und Öffentlichkeit im Rahmen der ökonomischen Möglichkeiten des Tiergartens Schönbrunn zwischen den Zeilen nicht zu kurz.

Erwähnt werden muss noch das erfrischende Layout von Elisabeth Waidhofer. Je eine Doppelseite, bestehend aus einer Textseite und einem großformatigen Foto, werden jedem Mensch-Tier-Team gewidmet. Gradlinig strukturiert, kommt der Weißraum nicht zu kurz. Das große und klare Schriftbild in harmonisch abgestimmtem sowie unauffällig wechselndem Farbkonzept steht unterstützend gleichberechtigt an der Seite von Text und Fotografie des Bandes.

Ein erschwinglicher und attraktiver Pflichtkauf für JahreskartenbesitzerInnen, Zoobegeisterte und junge Menschen, die den Beruf des Tierpflegers ernsthaft in Erwägung ziehen. Alle anderen werden das Buch haben wollen, weil sie sich der einzigartigen Beziehungen zwischen Wildtieren und Menschen, die über Text und Fotos transportiert werden, nicht entziehen können.

© S. Strohschneider-Laue

Das Leben im Zoo: Von Ameisenbär bis Zebrastreifen

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The Book of Palms

Donnerstag, 03. März 2011

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Carl Friedrich Philipp von Martius
The Book of Palms
H. Walter Lack (Text)
Taschen 2010, Dt./En./Fr., 412 S. zahlr. Farbtafeln
ISBN 978 3 8365 1779 9

Martius - Book of Palm

Dreißig Jahre mussten sich Botaniker und Sammler erlesener Bücher gedulden, bis sie 1853 endlich die vollständige Historia naturalis palmarum des Carl Friedrich Philipp von Martius ihr Eigen nennen konnten. Heute geht das, dank des Taschen Verlages, schneller. Ein Spaziergang in die nächstgelegene Buchhandlung genügt, um “The Book of Palms” in Händen halten zu können.

Carl Friedrich Philipp von Martius (1794-1868) fasste in seinem Buch das damals über Palmen verfügbare Wissen zusammen und legte mit der monumentalen Publikation den Grundstein für deren weitere Erforschung. Auslöser für seine intensive Auseinandersetzung mit diesen exotischen und dennoch auf den ersten Blick recht unscheinbaren Gewächsen war eine Fernreise. Dem promovierten Mediziner, der sein Hobby - die Botanik - mit einer Anstellung im Münchner botanischen Garten zum Beruf gemacht hatte, bot sich 1817 die Gelegenheit, an einer Expedition nach Brasilien teilzunehmen. Gemeinsam mit dem Zoologen Johann Baptist Spix wurde Martius von Maximilian I. Joseph, König von Bayern, als Mitglied des wissenschaftlichen Teams, das die österreichische Erzherzogin Leopoldine zu ihrem Gatten Dom Pedro begleitete, nach Brasilien entsandt. Die beiden Bayern gingen bald ihre eigenen Wege, um das damals noch kaum erforschte Land zu erkunden. Erst 1820 kehrten sie mit einer stattlichen Sammlung konservierter Tiere und Pflanzen nach München zurück.

Für Martius bedeutete seine Auslandserfahrung den Beginn einer steilen Karriere. Fleißig begann der Heimgekehrte zu publizieren, denn er hatte das Glück die gesammelten Daten und Pflanzenbelege selbst auswerten zu dürfen. Neben Zeitschriftenartikeln und dem im 19. Jahrhundert beinahe obligatorischen Reisebericht begann er die Arbeit an zwei groß angelegten botanischen Werken.

Die Historia naturalis palmarum erschien in mehr als zehn Lieferungen. Die Veröffentlichung einer mit über 200 Tafeln im Format von 60 x 43 cm ausgestatteten Publikation konnte nur in Etappen mit finanzieller Hilfe zahlreicher wohlhabender Subskribenten verwirklicht werden. Martius versah sein exquisites dreibändiges Werk, für das er sowohl auf eigene Forschungsergebnisse, als auch auf Sammlungen und Vorlagen anderer zurückgriff, mit einer klaren Gliederung. Im ersten Band, für den er zwei weitere Fachmänner als Autoren gewinnen konnte, werden fossile Palmen, Anatomie und Morphologie der Palmen sowie deren geographische Verbreitung abgehandelt. Der zweite Band ist den neuweltlichen, der dritte Band - bis auf wenige Ausnahmen - den altweltlichen Palmen gewidmet. Die ausführlichen Beschreibungen der einzelnen Arten, ihrer Fundorte und alle relevanten Beobachtungen verfasste Martius in lateinischer Sprache.

Das im Taschen Verlag erschienene “Book of Palms” beschränkt sich auf den Nachdruck der Farblithografien des in der Universitäts- und Landesbibliothek Bonn aufbewahrten Originals der Historia naturalis palmarum. Als Auftakt ist den, etwas verkleinert reproduzierten, Tafeln ein Essay von H. Walter Lack vorangestellt, der sich auch der Überprüfung der in den Legenden angeführten wissenschaftlichen Namen angenommen hat. Dann kann der Augenschmaus beginnen.

Das “Book of Palms” erfreut mit einer wundersamen Mischung aus Diagrammen von Blütenständen und Blattstellungen, Fruchtvergleichen, frei stehend porträtierten Palmen, Nahansichten einzelner Pflanzenteile und fantasievollen Landschaften, in deren Darstellung sich Romantik und Exotik ein Stelldichein geben. Braun gesprenkelte Trennblätter mit Prägedruck deuten die Dreibändigkeit des Originalwerkes an. Dasselbe Papier schmückt auch den Einband. Beeindruckend massiv und prächtig ist das Buch. Doch es hat eine Achillesferse. Wissbegierige Genießer, die kein Studium der Botanik absolviert haben, suchen vergeblich einen Anhang zu den Tafeln, der mehr zum Dargestellten vermittelt als den wissenschaftlichen Namen der Palme. Der Verzicht auf zeitgemäß formulierte Erklärungen bedeutet eine vergebene Chance für Gewächse zu begeistern, die im Pflanzenreich mit Superlativen aufwarten können und den Menschen seit Jahrhunderten als Lieferant für Nahrung, Fasern und Baumaterial dienen.

Anders als ein Strauß hübscher Gartenblumen erschließen sich Palmen den Betrachtern nicht spontan auf einer emotionalen Ebene. Es erfordert Zeit, auf den Seiten des “Book of Palms” die zurückhaltende Schönheit der Palmen zu entdecken. Ihre Faszination liegt im Detail, in den feinen Variationen der Struktur von Fruchtständen, Rinden und Blüten sowie deren nuancenreichen Grün- und Brauntönen, die fallweise durch ein leuchtendes Rot oder samtiges Schwarz zum Schwingen gebracht werden. Für heitere Momente sorgen Staffagefiguren, die in der wild wuchernden Vegetation der Landschaftsdarstellungen versteckt, den Tätigkeiten ihres Alltags nachgehen. Mehrmals tauchen europäisch gekleidete Männlein mit schmuckem Zylinder oder Schlapphut auf, um zu botanisieren, zu zeichnen oder Strauße zu jagen. Krokodile lauern, Kängurus liegen faul herum, rosa Flamingos suchen eiligst das Weite und eine kleine Herde Elefanten tänzelt unruhig am Waldrand entlang.

Der historische Meilenstein in der Erforschung der Palmen, die zum Symbol der Sehnsucht nach der Ferne geworden sind, entwickelt als Buch für den Kaffeetisch beträchtlichen Charme. Lassen auch Sie sich vom “Book of Palms” bezaubern!

© Ch. Ranseder

Martius - Book of Palm

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Wildnisse Europas

Sonntag, 19. Dezember 2010

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Emmanuel Berthier (Foto), Laurianne Grandon (Text)
Wildnisse Europas
Haupt 2010, 139 S., zahlr. Farbfotos.
ISBN 978 3 2580 7543 3

 Wildnisse Europas

Im klein gewordenen Europa unberührte Natur zu finden, ist fast unmöglich geworden. Dennoch gibt es noch letzte Reste echter Wildnisse, die zugleich zu winzigen Refugien für vom Aussterben bedrohte Tiere wurden. Viele sind es nicht mehr: Lappland (Finnland), Highlands (Schottland), Wattenmeer (Niederlande, Deutschland, Dänemark), Extremadura (Spanien), Sardinien (Italien), Cevennen (Frankreich), Tatra (Slowakei), Karpaten (Rumänien) und Białowieźa (Polen).

Im Jahreskreis vom Winter bis zum Herbst bewegt sich die fotografische Rundreise von Berthier vom arktischen Winter in Finnland über die heiße Wüste in Spanien bis in die herbstlich-bunten Wälder der Cevennen. Wie ein Reisetagebuch begleiten die Texte von Laurianne Grandon stimmig die Fotografien. In fantastischen Fotografien, die stimmungsvoll Licht und Natur miteinander verbinden und zugleich einzigartige Momente einfangen, werden diese Paradiese festgehalten. Optische Eindrücke, die dazu einladen, diese Gebiete selbst mit allen Sinnen zu erleben.

Damit dies tatsächlich möglich wäre, wird jede textlich und fotografisch vorgestellte Region mit einem Steckbrief abgeschlossen. Der Steckbrief bietet eine maßstabgerechte Karte, inhaltliche und praktische Tipps sowie Hinweise zu Unterkünften.  Das großzügige Layout mit viel Weißraum bringt die Fotografien perfekt zu Geltung, während die farbliche Unterlegung der Steckbriefe auf die Jahreszeiten abgestimmt wurde. 

Ein Band für reisefreudige NaturfreundInnen, die sich durch erstklassige Fotos inspirieren lassen möchten.

Wildnisse Europas: Entdeckungsreisen für Naturliebhaber

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Tropische Fische Ostindiens

Donnerstag, 16. September 2010

Non-Fiction

Samuel Fallours
Theodore W. Pietsch 

Tropische Fische Ostindiens
Taschen 2010, Faksimile 104 S., En./Fr./Dt Booklet 100 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8365 2531 2 

Samuel Fallours: Tropische Fische Ostindiens

Bücher mit Abbildungen bunter Fische sind heute keine Seltenheit. Aber es wäre nicht Taschen, wenn dieses Buch nicht doch eine Seltenheit wäre. Der vorliegende Prachtband verbindet die Qualitäten eines historischen Grundlagenwerks mit denen eines hochqualitativen Faksimiles und eines Coffee Table Books.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts war die farbenprächtige Publikation über tropische Fische eine Novität. Kuriositätenkabinette waren vornehme Pflicht, die Beschäftigung mit Naturalien ein beliebtes und teures Hobby des Adels und der reichen Bürgerschaft. Doch was als Präparat in Europa ankam, entsprach selten der prachtvollen lebenden Realität. Umso überraschter, wenn auch skeptischer, reagierten Sammler und Forscher auf die Farbenpracht, die die Tafeln offenbarten. Fische zeigten sich bunter als Papageien, Schmetterlinge und Blumen.

Die Auftragsarbeit des Generalgouverneurs Adriaen van der Stel in Ostindien entstand im Laufe von rund 17 Jahren. 460 Kupferstiche zeigen 415 Fische, 41 Krebse, zwei Stabheuschrecken, einen Dugong sowie eine Meerjungfrau. Nur 10% der Abbildungen sind Fantasiegebilde, alle anderen lassen sich tatsächlich lebenden Spezies, Gattungen und Familien zuordnen. Verschiedene Künstler trugen zur Entstehung bei, Samuel Fallours ist allerdings jener über den am meisten bekannt ist. Er fertigte zahlreiche Kopien seiner Zeichnungen für Sammler an. Oft auch - ganz kundenorientiert - reichlich bizarre Neuinterpretationen, die aus tatsächlichen Vorlagen und Augenzeugenberichten hervorgingen.

Als frühestes Farbwerk zu tropischen Fischen gehört es zugleich auch zu den seltensten. Fasziniert heute vor allem der hübsche Anblick, so sollte nicht vergessen werden, dass das Buch an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert ein bedeutendes naturwissenschaftliches Werk war und einen tiefen Einblick in die Wissenschaftsgeschichte bietet. Die spannende Hintergrundgeschichte zu “tropische Fische Ostindiens” wird von Theodore W. Pietsch minutiös und dennoch fesselnd anhand zahlreicher Quellen in einem beigefügten dreisprachigen Booklet nachvollzogen. Herausnehmbar erweist sich das Booklet beim Betrachten der Tafeln als hilfreich. Jede Tafel ist im Briefmarkenformat abgebildet und bestimmt die gezeigten Tiere. 

Wer nicht das Glück hat, das Original in der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen ansehen zu dürfen, wird mit dem Faksimile von Taschen ein ebenso großes Vergnügen haben.

© S. Strohschneider-Laue

Samuel Fallours: Tropische Fische Ostindiens

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Humanbiologie

Montag, 21. Juni 2010

Wolfgang Clauss, Cornelia Clauss 
Humanbiologie kompakt 
Spektrum 2009, 458 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 8274 1899 9

 Humanbiologie kompakt (Bachelor)

Für angehende AnthropologInnen, BiowissenschaftlerInnen und MedizinerInnen ein unentbehrliches Handbuch für den Einstieg ins Thema. Die Grundlagen werden in diesem übersichtlichen Werk, didaktisch perfekt aufbereitet, vorgelegt. Siebzehn Kapitel informieren beginnend mit der Stammesgeschichte des Menschen und Paläogenetik über den Bauplan und Funktion des Systems “Mensch” bis zur Humanökologie und -ethologie minutiös über sämtliche Aspekte - inklusive Gesundheit und Krankheit -  der Humanbiologie.

Den Kapiteln sind die jeweiligen Lernziele vorangestellt. Anschließend folgen nach dem logischen Prinzip “Vom Allgemeinen zum Besonderen” gegliedert die Details zu diesem Abschnitt. Strukturiertes und überschaubares Lernen ist für Studierende durch diesen Aufbau in jedem Fall gewährleistet. Deutliche Schwächen zeigt der in humanbiologischer Hinsicht ausgezeichnete Bandes bezüglich aktueller prähistorischer Forschung. Wesentliche Charakteristika der Epochen und ihrer Zeitstufen, die durch ihre Sachkultur ebenso gekennzeichnet sind wie durch Lebensspuren und Überreste des Menschen selbst, sind falsch oder fehlen völlig. Dadurch wird das bisher durch archäologische Methoden gewonnene Bild der Menschheitsentwicklung stark verzerrt. Ein Verzicht auf die bis zur Unkenntlichkeit umgezeichneten Werkzeuge, unter denen die Wichtigsten fehlen, wäre jedenfalls besser gewesen.

Unabhängig vom wissenschaftlichen Inhalt, muss die die herausragende grafische Gestaltung des Bandes erwähnt werden. Die zahlreichen Grafiken, Diagramme, Formeln und Tabellen sind in übersichtliche Form gebracht und ergänzen harmonisch den Fließtext. Mit nur einer Schmuckfarbe, einem kräftigen “Tintenblau” wird Wesentliches sofort optisch hervorgehoben. Blaue mit abfallend gedruckten Linien eingefasste und mit Rufzeichen versehene Einschübe, heben Definitionen, Forschungsmeinungen hervor und kennzeichnen Kernaussagen deutlich.

Fazit: Hier liegt tatsächlich kompakte Humanbiologie vor. Schon vor dem Studium sollte der Band in OberstufenschülerInnen zur Vorbereitung auf ein einschlägiges Studium in Schulbibliotheken zur Verfügung stehen.

© S. Strohschneider-Laue

Humanbiologie kompakt (Bachelor)

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Die Eiszeit

Mittwoch, 12. Mai 2010

Brian M. Fagan (Hg.) 
Die Eiszeit 
Leben und Überleben im letzten großen Klimawandel 

Theiss 2009, 240 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8062 2287 6

 Die Eiszeit: Leben und Überleben im letzten großen Klimawandel

Eiszeiten sind ein wiederkehrendes Klimaphänomen. Der Wechsel zwischen kalt-trockenen und warm-feuchten Perioden zeichnet den Verlauf von Eiszeiten aus. Die Veränderungen des Lebensraum beeinflusste die Entwicklungsgeschichte des Menschen wesentlich. Die letzten zwei Millionen Jahre klimatischen Unbill waren zu bewältigen, ob das bei der derzeitigen Rasanz des Klimawandels auch so sein wird, wird in diesem Band ebenfalls hinterfragt.

Der Anthropologe Brian M. Fagan, der Geograf Mark Maslin, der Spezialist für das Leben in arktischen und alpinen Umweltbedingungen John F. Hoffecker sowie die Archäologin und Paläontologin Hannah O’Regan unterziehen die “Eiszeit” einer genauen Analyse. In acht Kapitel, fantastischen Fotos und gut fassbaren Grafiken führen sie in die Eiszeitforschung und die damit verbundene Problematik ein. Der Bogen spannt sich von der Entdeckung und Erforschung der Eiszeit über die die Tierwelt und die Menschheitsgeschichte bis hin zu einem Ausblick in die klimatische Zukunft.

Die eindeutige Stärke des Buches liegt in der klaren Sprache und der damit verbunden leichten Fassbarkeit des anspruchsvollen Inhalts. Die gute Struktur sowie die überwältigende Fülle von exzellenten Fotos und Grafiken machen das Buch zu einem ansprechenden Reiseführer in die klimatische Situation der letzten zwei Millionen Jahre.

Die ausschließlich englische Literaturliste bietet Möglichkeiten sich vertiefend mit der Materie zu befassen. In Anbetracht, dass hauptsächlich interessierte Laien Zielpublikum des Bandes sind, wäre eine Ergänzung aktueller deutschsprachiger Literatur - auch aus dem Programm des Theiss Verlags - wünschenswert und auch möglich gewesen. Das benutzerfreundliche Register beschließt den empfehlenswerten Band.

© S. Strohschneider-Laue

Die Eiszeit: Leben und Überleben im letzten großen Klimawandel 

siehe auch:
Wetter, Klima, Menschheitsentwicklung: Von der Eiszeit bis ins 21. Jahrhundert 
Klimatologie: Klimaforschung im 21. Jahrhundert - Herausforderung für Natur- und Sozialwissenschaften 
Antarktis: Forschung im ewigen Eis 
Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa. Sonderausgabe: Von der Eiszeit bis zur Gegenwart Kulturgeschichte des Klimas: Von der Eiszeit zur globalen Erwärmung
Die Neandertaler: Auf dem Weg zum modernen Menschen 
Mammut, Mensch & Co.: Steinzeit in der Eiszeit

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Mittelalter: Interkultureller Dialog in alten Schriften

Freitag, 07. Mai 2010

Andreas Fingrnagel (Hg.) 
Juden, Christen und Muslime 
Interkultureller Dialog in alten Schriften 

Kremayr & Scheriau 2010, 256 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 2180 0809 9 

Juden, Christen und Muslime: Interkultureller Dialog in alten Schriften

Der interkulturelle Dialog sollte sich ein Beispiel an dieser Publikation nehmen: strukturiert, sachlich, verständlich und weltoffen. Der Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek bietet einen erfrischend modernen Rahmen für die Jahrhunderte gekommenen Kostbarkeiten.

Vier große Schriftkulturen - griechisch, lateinisch, arabisch und hebräisch - dominierten das mittelalterliche Europa. Der wissenschaftliche Austausch basierte daher einst wie heute auf Fremdsprachenkenntnisse und Übersetzungen. Dazu kommt, dass Wissenschafter bis heute geniale Überleser des politischen und religiösen Kotau sind. Jene Unterwerfung, die bis heute in Geleit- und Vorworten oder politisch korrekten Formulierungen seinen Ausdruck findet. Damit war der Mindesttribut an die staatliche und kirchliche Förderung und Anerkennung abgeleistet. Übersetzungen sparen ggf. solche Formulierungen aus oder passen sie an den entsprechenden kulturellen Kontext an. Wissenschafter legen eben mehr Wert auf den Inhalt.

Die gleiche wissenschaftliche Sorgfalt zeichnen Struktur und Inhalt der Beiträge diese Katalogs aus. Andreas Fingernagel, Ernst Gamillscheg, Christian Gastgeber, Solveigh Rumpf-Dorner und Friedrich Simader nehmen sich den Grundlagen sowie des interkulturellen Dialogs in Medizin, Astronomie und Astrologie an.

Grundlagen für das Verständnis der schriftlichen Kommunikation bietet das lapidar bezeichnete Kapitel “Einleitung”, das wesentlich mehr bietet als man es bei thematischen Einleitung gewohnt ist. Hier werden die griechischen, arabischen, hebräischen und abendländischen Handschriften nicht nur hinsichtlich der jeweiligen Sprache, sondern auch in Bezug auf die Produktionstechniken minutiösen und überaus spannenden Betrachtungen unterzogen. Rolle oder Codex, Papyrus oder Pergament, Majuskel oder Minuskel waren die Entscheidungen, die sich kaum vom heutigen Herstellungsprozess unterscheiden. Die Alternativen ob und wie illustriert wird oder nicht, waren stets mehr als nur die Entscheidungen über schön und praktisch. Zuletzt musste noch über einen passenden mehr oder minder schönen aber jedenfalls strapazfähigen Einband entschieden werden. Das gesamte Layout der Produkte spiegelt durch diese Entscheidungen den jeweiligen kulturellen Kontext sowie die Ansprüche des Zielpublikums wider. Viel verändert hat sich an diesen Faktoren wenig. Seit Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern sind Schriften zu Massenmedien geworden, die den Zauber individuell gestaltete Werke im Laufe der Jahrhunderte mehr und mehr eingebüßt haben. Trotzdem muss und soll an dieser Stelle - auch weil es viel zu selten erwähnt wird - eine Lanze für den modernen Herstellungsprozess gebrochen werden. Ein ansprechendes Layout ist fast ebenso wichtig wie ein exzellenter Inhalt. Gestaltung ist deshalb nur “fast” so wichtig, weil die Zielgruppe “Wissenschaftler” weniger  design- und qualitätskritisch und ggf. weniger am unwissenschaftlichen Puls der Zeit interessiert ist. Erfreulich - aber auch logisch -, dass in der Nationalbibliothek hohe Produktqualität nicht nur den Inhalt betrifft. Das perfekte grafische Konzept von “Juden Christen und Muslime” ist Ekke Wolf zu verdanken, der auch Geografische Kostbarkeiten gestaltete. Die an sich schon übersichtliche Textstruktur wird durch das stimmige Layout hervorragend unterstützt. In Kombination mit den ausgezeichneten Abbildungen in hochwertiger Qualität ist es ein bibliophiler Genuss auch unabhängig vom Inhalt in dem Band zu blättern. Bücher sind schließlich mehr als abrufbarer Content.

Den Auftakt des zweiteiligen Wissenschafts- und Publikationsvergleichs macht die Medizin. Medizin im Mittelalter ist ohne Hippokrates und Galen undenkbar. Die Bestseller unter den medizinischen Schriften wurden in alle Sprachen übersetzt und von dort weiter- und wieder rückübersetzt. Von den Veränderungen und Erweiterungen aber auch Übersetzungsverlusten die diesen Prozess begleiteten ganz zu schweigen. Frei nach dem Motto: “Wer nur einen Autor abschreibt ist ein Plagiator, wer viele zitiert ist Wissenschafter”, entstanden zahlreiche aufeinander aufbauende oder spezialisierte medizinische Werke, die sich auch mit Themen wie Schlangenbissen oder chirurgischen Instrumenten befassten. Von den antiken Originalquellen sind nur wenige erhalten. Der spätantike “Wiener Dioskurides” (vor 512), ein pharmakologischer-zoologischer Sammelband, ist so ein faszinierendes Beispiel. Er war Vorlage für zahlreiche ähnlich angelegte Herbarien.

Der Vergleich der Schriften vor dem historischen Hintergrund lässt einen regen wissenschaftlichen Informationsaustausch erkennen, der umso deutlicher bei der Astronomie in Erscheinung tritt. Die wissenschaftliche Entwicklung vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild zeigt wie wichtig für erfolgreiche Foschung internationale Kooperationen sind. Kooperationen, die am Übergang zur Neuzeit die Leistungen von Kopernikus und Keppler erst möglich gemacht haben. Obwohl daran deutlich zu erkennen ist, wie schwierig das wissenschaftliche Streben nach Erkenntnis mit religiöse Positionen - und somit staatspolitischen Interessen - zu vereinbaren ist. Wer weiß wie das spannungsgeladene Verhältnis zwischen Astronomie und Religion ausgegangen wäre, wenn nicht die Berechnungen des Osterfestes, Gebetszeiten- und -richtungen sowie Fastenzeiten wichtig gewesen wären. Erstaunliche Werke entstanden daher zu Astronomie und Astrologie. Manche davon waren neben ihren exakten Berechnungstabellen zusätzlich kleine technische Wunderwerke, die didaktische Modelle für Astrolabien mit beweglichen Teilen boten.

Ganz unabhängig vom Ausstellungsbesuch ist dieser Katalog eine Pflichtlektüre. Die leicht fassbaren Texte und exzellenten Abbildungen sind mehr als ein historischer Überblick zu wissenschaftlichen Publikationen des Mittelalters. Sie sind ein Plädoyer für den interkulturellen Dialog, der keinesfalls durch Vorurteile, Intoleranz und vor allem durch Gewinnsucht religiöser und politischer Demagogen, die die Dummheit ungebildeter Massen für ihre Zwecke nutzen, ausgebremst werden darf.

© S. Strohschneider-Laue

Juden, Christen und Muslime: Interkultureller Dialog in alten Schriften

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Juden, Christen und Muslime

Donnerstag, 06. Mai 2010

Juden, Christen und Muslime
Interkultureller Dialog in alten Schriften

ÖNB Prunksaal
7. Mai bis 7. November ‘10

Juden, Christen und Muslime: Interkultureller Dialog in alten Schriften

Der Titel wird der fantastischen Ausstellung thematisch nicht gerecht. Geht es doch um Naturwissenschaft, die inhaltlich Menschen eint, welche politisch-religiös geschürtes Kalkül deutlich zu trennen sucht.

Das Streben nach Erkenntnis und das Suchen nach Antworten ist das Kennzeichen des Wissenschaft. Dazu wird auf bestehende Grundlagen aufgebaut, werden diese ergänzt oder verworfen. Heute publiziert die Naturwissenschaft überwiegend auf Englisch. In der Antike waren Latein oder Griechisch, später auch Arabisch oder Hebräisch die Sprachen, die die Welt der Wissenschaft regierten. Vor dem maschinellen Druck, der große Auflagen ermöglichte, wurde handschriftlich - oft kunstvoll illustriert - vervielfältigt. Wichtige Schriften wurden von einer Sprache in die nächste, vielleicht sogar in weitere übersetzt. Wenn das Original verloren ging, blieben nur die mehrfach übersetzten, vermutlich gekürzten, ergänzten und jeden Fall veränderten Kopie erhalten. Den Orignalwortlaut in diesem Babel aus Abschriften und Mehrfachübersetzungen zu finden, war bereits damals und ist erst recht heute eine gigantische Herausforderung. Der Reibungsverlust in der Wissensvermittlung entstand aber nicht durch die Sprachvielfalt, sondern durch den immer neu belasteten interkulturellen Dialog, der durch Vorurteile, religiöse Dogmen und politische Differenzen ausgebremst wurde oder zeitweilig völlig zum Erliegen kam.

Die Österreichische Nationalbibliothek stellt sich mit jeder neuen Ausstellungen der Herausforderung die Finger auf die wunden Punkte des interkulturellen Dialogs zu legen. Bei dieser ist es dem Team um Dr. Andreas Fingernagel, Direktor der Sammlung von Handschriften und alten Drucken der Österreichischen Nationalbibliothek, besonders gut gelungen diesen Aspekt deutlich werden zu lassen.

Die Herstellung von Schriften und Büchern in griechisch-byzantinisch, lateinisch, arabischen und jüdischen Schriftkulturen, die die Spätantike und das europäische Mittelalter dominieren, sowie die damit verbundenen Traditionen führen in die Ausstellung ein. Zwei Bereiche der Naturwissenschaften greift die Ausstellung anschließend vertiefend auf: Medizin und Pharmakologie auf der einen Seite, auf der anderen Seite Astronomie und Astrologie.

  

Erstaunliche Kostbarkeiten werden dazu für kurze Zeit präsentiert. Darunter auch astronomische Handbücher mit beweglichen Teilen, die als exakte Messgeräte zur Himmelbeobachtung oder zur Erstellung von Horoskopen dienten. Oder solche wie das Losbuch, die mit ihrer Himmelsdarstellung stark an die bronzezeitlichen Fund der Himmelsscheibe von Nebra erinnern. Astronomische Beobachtungen und ihre Resultate sind über zahlreiche Kulturen, weite Räume und lange Zeiten vermittelt und zusammengetragen worden. So gesehen könnte, das Universum als das ewig verbindende Element der Völker und Kulturen bezeichnet werden.

Die empfindlichen Schriften werden nach Ablauf der Ausstellung aus konservatorischen Gründen wieder dunkel und gut klimatisiert aufbewahrt werden müssen, um auch für künftige Generationen erhalten zu bleiben.

 

Besonders empfindlich und einzigartig ist der “Wiener Dioskurides” (vor 512), der zum UNESCO-Weltdokumentenerbe zählt. Das älteste erhaltene wissenschaftliche Werk der Spätantike mit Darstellungen von Ärzten, Tieren und Pflanzen wird nur bis zum 16. Mai im Original zu sehen sein; anschließend wird statt des Originals ein Faksimile zu sehen sein. Die von diesem Buch inspirierten Schriften wie z. B. Herbarien belegen den langfristigen Einfluss, den Grundlagenwerke wie dieses gehabt haben.

 

Beispielgebend für interkulturellen Dialog, für kulturelle Anpassung unwandelbarer Inhalte ist der “Eid des Hippokrates”. In der Ausstellung werden die “Medizinischen Schriften” des Hippokrates in einer der ältesten griechischen - und somit originalsprachigen - Ausgaben gezeigt. Das Standardwerk der Medizin war auch für den Arzt des Mittelalters noch maßgeblich.

   

Kranken zu helfen, wie es die Klöster von der fürsorgenden Seite betrieben, und Krankheiten zu prophylaktischen Zwecken erforschen, sind unterschiedliche medizinische Ansätze, die in den Schriften deutlich werden.

 

Der Bogen spannt sich von Anleitungen zu gesunder Lebensführungen, über Therapien im Erkrankungsfall bis hin zur Verarbeitung von Früchten und Gewinnung von Arzneimitteln.

  

Detailreiche Illustrationen zur Behandlung sowie den benötigten chirurgischen Instrumenten zeichnen die Lehrbücher aus - obwohl etliche dazu beitragen, dass man für den heutigen Forschungsstand dankbar ist, sollte man ärztliche Hilfe benötigen.

Fazit: Der Prunksaal ist immer einen Besuch wert. es erstaunt immer wieder wie es den Abteulungen der Nationalbibliothek gelingt diesen ausstellungstechnisch völlig ungeeigneten so gelungen zu bespielen. Die Der großartige erzählerische Bogen und die stimmige Auswahl der in jeder Hinsicht eindrucksvollen Werke sind mehr als nur einen Besuch wert. Die zweisprachig (dt./engl.) abgefassten Ausstellungstexte sind eingängig und machen Lust auf mehr. Das “Mehr” bietet der zugehörige Katalog, der m. E. auch in jeder Schulbibliothek vertreten sein sollte.

© S. Strohschneider-Laue

Juden, Christen und Muslime: Interkultureller Dialog in alten Schriften

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Aliens - Neobiota

Dienstag, 23. März 2010

Aliens - Pflanzen und Tiere auf Wanderschaft
Landesmuseum Niederösterreich 14. März ‘10 bis 13. Februar ‘11

Aliens. Neobiota in Österreich

Das Jahr, als die tief greifenden Veränderungen begannen, war 1492. Kolumbus entdeckte damals statt eines Seewegs nach Indien aus Versehen einen Kontinent: Amerika. Die Wikinger hatten das zwar schon 500 Jahre zuvor geschafft, aber mit so geringen Folgen, dass ihr Siedlungen noch gar nicht so lange bekannt sind. Kolumbus hingegen löste folgenschwere und weltweite Transporte von Pflanzen, Tieren und mehr aus. Mit teilweise verheerenden Folgen haben alle nachfolgenden Generationen diesen Lebendtransport mehr oder weniger absichtlich bis heute fortgeführt.

Die Ausstellung im Landesmuseum Niederösterreich steht ganz unter dem Zeichen der Neobiota, also jener Aliens, die nach 1492 in alle Welt transportiert wurden.

 

Heute werden die biologischen Invasoren nicht mehr mit der Santa Maria transportiert. Sie reisen zeitgemäß auch mit dem Flugzeug ein. Daher präsentiert sich die gesamte Ausstellung ganz passend als Airport. Beginnend von den klaren Wegweisern bis zu den farblich deutlich von einander abgetrennten Themenbereichen besticht die optisch klare Struktur der Ausstellung.

 

Die Ausstellung wird - gemeinsam mit winzigen Süßwasserquallen - durch ein Gate betreten und informiert im ersten, tief schwarz gehaltenen Raum zunächst über Fachbegriffe. Zugeben wird kaum jemand, dass er die meisten Begriffe nicht einmal im Biologieunterricht gehört hat. Aber die Klappen, hinter denen sich die Erklärungen befinden, macht großen und kleinen EntdeckerInnen Spaß und fesseln die Aufmerksamkeit. Der Informationsfluss findet auf diese Weise fast unbemerkt statt.  

 

Im Verbindungsgang begrüßt strahlendes Gelb der “Alien Airlines”. Hier werden die “Formalitäten” der Einreise erledigt: Wer kommt auf welchem Weg und warum,  wer bleibt und findet seinen Platz, wer reist weiter und wer verursacht wodurch Schwierigkeiten. Der Gang widmet sich nicht nur der Situation in Österreich und Europa, sondern betrachtet Neobiota und ihre Wirkungen weltweit. So werden auch Dominoeffekte der biologischer Katastrophen aufgezeigt, die durch absichtlich eingeführte Hasen, Füchse, Katzen oder Kröten ausgelöst werden können, wenn diese Tiere dort nicht ursprünglich beheimatet waren.

 

Folgt man dem Gang bis zu seinem Ende bieten drei Kuben zu Klimawandel, Gesundheit und Naturschutz pointierte Informationen, die das Alien-Thema abrunden. Damit man die Zuwanderer optisch und akustisch erkennen kann, lädt ein Simulator zum Ausprobieren ein.

Der Sonderausstellungsraum ist ganz den Neobiota in Österreich gewidmet. Präparate und lebende Tiere werden BesucherInnen dadurch überraschen, dass sie nicht Einheimische, sondern Zuwanderer sind. Strahlende Farben unterstreichen die Themen der räumlich voneinander abgegrenzten Bereiche.

Umgeben von Grün und Blättern wird man in der Botanik so manchen Gartenfreund sowie hübsches oder lästiges Unkraut erkennen. 

  

Blau und türkis erstrahlt der nächste Abschnitt. Signalkrebs und Rotwangenschildkröte werden hier mit anderen Wasserlebewesen als Zuwanderer vorgestellt. Die Geschichten ihrer Einreisen und ihrer Auswirkungen werden dabei sicherlich überraschen.

  

In Violett machen sich Schwan, Waschbär, Damwild und das lebende Rattenpärchen richtig gut. Die hier gezeigten Wirbeltiere sind u.a. Kulturfolger oder wurden als Nutztiere eingeführt. Pelzträger sind manchmal auch aus Zuchtanlagen entkommen.

 

Und so niedlich ein Waschbär auch ist, wenn er nächtens Mülltonnen ausräumt, macht er sich schnell unbeliebt. Und wer hätte das gedacht, selbst der Schwan ist ein Alien. 

  

Da man bei vielen genau hinschauen muss, um die kleinen Fremdlinge zu entdecken, verleiht ihnen Magenta zusätzliches Flair. Selbst eine wenig einnehmende Made gewinnt bei dieser Farbe an Attraktivität. Nicht minder spannend sind die Wirbellosen, die sich nach und nach in Österreich verbreitet haben. Der Kartoffelkäfer, der mit seiner Lieblingsspeise aus Amerika eingewandert ist, ist hier ebenso zu finden wie asiatische Marienkäferchen, die für den Weinbau keine Glücksbringer sind.

  

Als erschreckend beeindruckend erweist sich das Gespräch dreier WissenschafterInnen. In dunkler Atmosphäre kann man den Ausführungen im letzten Abschnitt sitzend lauschen, während leises Grauen die Haare im Nacken aufstellen lässt; denn manche Neobiota können Ihre Gesundheit gefährden.

 

Übrigens, wenn sie diesem hübschen Kerlchen im Burgenland begegnen, sehen sie keinen Wolf, keinen Hund, keinen Fuchs, sondern einen Goldschakal.

Fazit: Unbedingt ansehen und ein tolles Erlebnis für die ganze Familie. Gönnen Sie Ihren Kindern genug Zeit, um das Museumslabor zu erkunden und winzig Kleines riesig groß zu sehen!

© S. Strohschneider-Laue

siehe auch:
Aliens. Neobiota in Österreich

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Botanischer Garten Bern

Donnerstag, 10. Dezember 2009

Non-Fiction

Fred Zaugg, Adrian Moser
Botanischer Garten Bern 
Haupt 2009, 240 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 258 07540

 Botanischer Garten Bern

In einem Außenbezirk von Wien, dort wo Stadtrandverbauung und Wienerwald aufeinander treffen, steht ein Apfelbaum. Ich kenne und liebe ihn seit meiner Kindheit. Jeden Frühling verleihen ihm tausende Blüten das Aussehen einer fröhlichen Wolke. Jeden Herbst biegen sich seine Äste unter der Last der vielen, dicht an dicht hängenden roten Äpfelchen. Jetzt steht das Grundstück zum Verkauf und ich fürchte den Tag an dem das Geräusch der Motorsäge erschallt und das Leben dieses wunderbaren alten Baums jäh beendet wird.

In Bern, Schweiz, befindet sich ein herrlicher botanischer Garten. Auch er ist bedroht.

150 Jahre ist es her, dass der Botanische Garten Bern seinen Standort in Rabbental gefunden hat. Zum Jubiläum ist ihm ein ungewöhnliches Buch mit dem schlichten Titel “Botanischer Garten Bern” gewidmet. Es ist so schön und vielfältig wie die Anlage, von der es berichtet. Schon der Bucheinband verheißt, ganz wie der Garten selbst, stille Freuden: Wie von Mondlicht beschienen, zeichnen sich die cremeweiß schimmernden Schattenrisse von Pflanzen auf dem, in einem geheimnisvollen Grünton gehaltenen, Leinen ab. Im Buchinneren offenbart sich in den Fotografien von Adrian Moser die ganze Pracht des Botanischen Gartens Bern. Ob der Blick nun über Alpinum, Jahreszeiten-Wildgarten, Teichufer, Waldgarten, Grotte, Bauerngarten, Schmetterlingsgarten oder Heilpflanzengarten schweift: Ein Areal ist schöner als das andere. Stattliche Bäume, üppiges Grün und buntes Blütenmeer verlocken zum Erkunden. Namenschildchen verraten, was man vor sich hat. In den Glashäusern sind die Exoten und Empfindlichen untergebracht. Aus ungewöhnlichen Blickwinkeln aufgenommene Pflanzenporträts machen mit dem botanischen Bestand im Freiland und unter Dach bekannt. Ob die Schnecke am Wegesrand, der Farbenrausch der herbstlich verfärbten Blätter oder das Glitzern des alles bedeckenden Schnees - gekonnt fängt der Fotograf die zauberhafte Stimmung des Gartens ein. Auf einigen Bildern betreten Menschen die Bühne der Natur. Wer sie sind und warum sie einen Platz in dem Buch über den Botanischen Garten Bern gefunden haben, ist aus den Texten von Fred Zaugg zu erfahren. Und mit dem Wort kommt auch der Schock der Ernüchterung, werden BetrachterInnen der idyllischen Bilder schnell wieder in die brutale, von der Jagd nach Rendite bestimmte, Realität zurückgeholt.

Dreimal drohte dem Botanischen Garten Bern seit 1999 die Schließung. Fred Zauggs Texte sind ein Plädoyer für dessen Erhalt. Mit seinen vielschichtigen, sehr persönlich gefärbten Essays, Porträts und Erzählungen hat er eine elegante Lösung gefunden, um darzulegen wie wichtig der Botanische Garten Bern ist: Als Ort des Forschens und Bewahrens, Lernens und Entdeckens, der Inspiration und Erholung.

Was der Botanische Garten für die Menschen bedeutet, wird in den auf Interviews basierenden Porträts von Männern und Frauen deutlich, die für den Fortbestand dieses einzigartigen Ortes kämpfen oder als BesucherInnen hier Kraft und Inspiration schöpfen. Es sind diese zwanzig, für die Kapitel “Die Menschen und ihr Garten” Befragten, die LeserInnen auf den Fotos aus der üppigen Vegetation entgegenblicken. Wie sie zum Botanischen Garten gefunden haben, ist so verschieden wie die von ihnen genannten Lieblingsblumen.

In den “Gartenräume”-Kapiteln hingegen, wird die Aufmerksamkeit auf einzelne Bereiche dieser Oase mitten in der Stadt und zu bewundernde botanische und zoologische Schätze gerichtet. Von Alpinum und Heilpflanzengarten über die ältesten Bäume und die in Palmenhaus und Wildgarten flatternden Schmetterlinge bis zum Herbarium und den Angeboten der Gartenpädagogik spannt sich der Bogen. Nicht nur einheimischen Pflanzen und Tieren begegnet man auf Freiflächen und in Glashäusern, sondern Schönheiten aus der ganzen Welt. Schritt für Schritt offenbart sich der Artenreichtum der Natur. Studenten des Instituts der Pflanzenwissenschaften der Universität Bern können hier ihr Wissen vertiefen, während andere Besucher sich ganz dem Genuss des schönen Anblicks hingeben.

Die Geschichte des Botanischen Gartens schlängelt sich als roter Faden durch das Buch. Zu ihr gesellen sich in den als “Geschichten” ausgewiesenen Kapiteln Erzählungen, die den Garten und seine Pflanzen mit Erinnerungen des Autors, historischen Begebenheiten, Literatur, Kunst und Philosophie vernetzten. Geschickt verpackt wird wortgewandt Stoff zum Nachdenken geboten: über Kleinigkeiten, welche das Leben lebenswert machen; über die Auswüchse des modernen Kulturbetriebs; oder über die Symbolkraft eines Baumes. Mehrmals bezieht Fred Zaugg im Buch auch expliziter Stellung und findet deutliche Worte zum Überlebenskampf des Botanischen Gartens Bern und der Kurzsichtigkeit der Politik. Hut ab, vor diesem Mut!

Botanische Gärten gehören zu den großen kulturellen Errungenschaften der Menschheit. In einer Zeit, in der Pflanzen und Tiere mit beängstigender Geschwindigkeit von unserem Planeten verschwinden und sich die Menschen Zusehens ihrer Umwelt entfremden, lässt sich der Wert eines öffentlichen Raums, der ein stilles Genießen der reichen Gaben der Natur ebenso ermöglicht wie selbstbestimmtes Lernen, nicht in Geld bemessen. Es sollte in unser aller Interesse sein, diese lebenden Archive zu schützen und für ihren Fortbestand zu sorgen. So bleibt zu guter Letzt nur zu hoffen, dass dieses wunderbare Buch über den Botanischen Garten Bern nicht zum Schwanengesang vor dessen Untergang wird. Für die nächsten vier Jahre ist der Betrieb wenigstens gesichert. Mehr über den Botanischen Garten Bern und seine botanischen Kostbarkeiten ist im Internet auf den vorzüglichen Seiten zu erfahren.

© Ch. Ranseder

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Insekten von Surinam

Montag, 09. November 2009

Non-Fiction

Katharina Schmidt-Loske (Hg.)
Maria Sibylla Merian - Insects of Surinam
Taschen 2009, En./Dt./Fr., 192 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 9783 8228 5278 1

  Merian - Insects of Surinam

Das 1705 erschienene Werk “Metamorphosis Insectorum Surinamensium” ist der brilliante Höhepunkt im Schaffen einer Frau, die mit eisernem Willen ihren eigenen Weg ging. Maria Sibylla Merian (1647-1717) gelang der Spagat zwischen Familie und Berufung, zu einer Zeit als weibliche Selbstverwirklichung die Ausnahme darstellte und Frauen in der Wissenschaft nahezu undenkbar waren. Ihre herausragende Leistung muss daher im Kontext mit der Lebensgeschichte betrachtet werden, da das Werk über die Insekten Surinams eine im Grunde logische Folge der jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit Faltern darstellt.

Aufgewachsen in einem intellektuell geprägtem Künstlermilieu - ihr Vater war der Kupferstecher und Verleger Matthäus Merian d.Ä., ihr Stiefvater der Blumen- und Stilllebenmaler Jacob Marrel, entwickelt Maria Sybilla Merian bereits als 13-jährige ein Interesse für Raupen. Sie verfolgt den Lebenszyklus des Seidenspinners und schreibt ihre erste Abhandlung, “Verwandlung und Veränderung der Seidenwürm”. Glücklicherweise lässt die Familie das begabte Mädchen, das unter anderem Zeichnen, Malen und Kupferstechen erlernt hat, gewähren. Auch der Erwerb des obligatorischen Ehemanns, die Geburt zweier Töchter und der Umzug von Frankfurt nach Nürnberg können Maria Sybilla nicht von ihren naturkundlichen Studien abhalten, die sie um die Suche nach Farbrezepturen erweitert. Ihre erste Veröffentlichung ist jedoch ein Blumenbuch. Wenig später, 1679, erscheint “Der Raupen wunderbare Verwandelung und sonderbare Blumen=Nahrung”. In diesem Buch gibt die Naturforscherin erstmals die Entwicklungsstadien zum Schmetterling, angeordnet auf einer einzelnen (Futter-)Pflanze, wieder. Diese ganzheitliche Darstellung ist etwas völlig Neues. Wo auch immer sich Maria Sybilla Merian aufhält, sammelt sie Raupen - zwei Fortsetzungen des Raupenbuches (1683, 1717) sind die Folge. 1685 verlässt die Künstlerin ihren Mann und zieht mit Töchtern und Mutter bei den Labadisten auf Schloss Waltha ein. In den folgenden Jahren ordnet Merian ihre Zeichnungen und Notizen nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten. Surinam rückt näher, denn Schloss Waltha wird der Sekte vom Gouverneur der holländischen Kolonie zur Verfügung gestellt. Doch zuerst geht es 1691 nach Amsterdam, wo Maria Sybilla den Lebensunterhalt für sich und die Töchter durch den Handel mit Farben und Naturalien sowie der Ausführung von Auftragsarbeiten bestreitet. In der geschäftigen Handelsstadt kann die forschende Künstlerin Sammlungen besuchen, zu deren Exponaten auch Insekten aus Surinam zählen. Ihre Neugier ist geweckt, sie will selbst in dieses Land fahren, um eigene Beobachtungen zu machen. 1699 ist es endlich so weit: Maria Sybilla Merian, mittlerweile 52 Jahre alt, und ihre Tochter Dorothea Maria stechen in See. Zwei Jahre verbringen die beiden Frauen sammelnd, zeichnend und forschend in Surinam, bevor sie gesundheitliche Gründe zur Rückkehr zwingen. Zurück in Amsterdam und wieder genesen macht sich Maria Sybilla voller Tatendrang an die Herausgabe ihres Werkes über die Insekten Surinams.

“Metamorphosis Insectorum Surinamensium” erscheint 1705 und umfasst insgesamt 60 Kupferstiche. Das Geld für die Herstellung des Buches brachte Merian selbst auf, indem sie Subskribenten warb und Auftragsarbeiten annahm. Käufer konnten zwischen einer schwarz-weißen oder einer handkolorierten Fassung des Werkes wählen. Der exquisite Prachtband “Insects of Surinam” des TASCHEN Verlages basiert auf den besonders schön kolorierten Tafeln des in der öffentlichen Bibliothek der Universität Basel befindlichen Exemplars der “Metamorphosis Insectorum Surinamensium”.

Im 18. Jahrhundert präsentierten die 60 Tafeln Ergebnisse der Grundlagenforschung, auf die sogar der Naturwissenschaftler Carl von Linné für sein wegbereitendes Ordnungssystem der Natur zurückgriff. Heute bezaubern Merians Darstellungen durch ihre dekorative Eleganz. Wer in den Medien des 21. Jahrhunderts schon alle Hässlichkeit dieser Erde gesehen hat, ist durch die hübschen Abbilder der “unachtbaren Thierlein” nicht zu erschüttern. Im Gegenteil. Was Merians Zeitgenossen vielleicht als garstig abstoßende Schädlinge angesehen haben, wirkt geradezu niedlich. Auf und um anmutigen, fast ornamental angeordneten Pflanzen tummelt sich eine bunte Insektenschar. Fette Raupen knabbern an saftigen Blättern. Plumpe Kokons und Puppen ruhen auf Ästen und Stängeln. Prächtige Schmetterlinge flattern herum. Käfer krabbeln im Laubwerk oder erheben sich behäbig in die Lüfte. Heuschrecken, Zikaden, Wespen und Ameisen lassen sich gelegentlich blicken. Auf einigen Tafeln hat Maria Sybilla Merian sogar Fösche, Kröten, Eidechsen, Schlangen und Vogelspinnen festgehalten. Auffällig ist das Spiel mit Größenverhältnissen. Merian ist bemüht, die Insekten in Originalgröße wiederzugeben. Die Pflanzen hingegen zeigt sie verkleinert, wohl auch, um möglichst viel von Wuchs und anderen Charakteristika auf dem beschränkten Platz der Tafeln zeigen zu können. Es ist bekannt, dass die Forscherin für ihre Studien auch ein Mikroskop benutzte. Die Künstlerin genießt sichtlich die an den Insekten zu beobachtbaren Farben, Muster und Texturen, die sie nicht nur zeichnet sondern auch beschreibt. Trotz des Bestrebens nach Wahrhaftigkeit der Wiedergabe, verliert die dual Begabte nie den ästhetischen Wert ihrer Bildkompositionen aus den Augen.

Wer mehr über die abgebildeten Insekten und Pflanzen erfahren will, kann allerlei Wissenswertes in den Bilderläuterungen aus der Feder von Katharina Schmidt-Loske erfahren, die Merians Originaltext ersetzen. Die Leiterin des Biohistoricums, Bonn, hat auch den Essay “Maria Sybilla Merians ‘kostbare’ Reise in die Schatzkammer der Natur” zu Leben und Werk der forschenden Künstlerin verfasst. Ergänzendes Bildmaterial, darunter Arbeiten einer der Töchter der Künstlerin, begleitet diesen Text.

“Insects of Surinam” ist ein verführerisch schönes Buch. Maria Sybilla Merians unvergleichliche Darstellungen der Insekten- und Pflanzenwelt Surinams sind eine Augenweide, die niemals an Frische verliert. Auch die Designer des prächtigen Bandes scheinen sich an den dekorativen Krabbeltieren und Räupchen erfreut zu haben. Seitenfüllende Vergrößerungen von Details aus den Tafeln beleben die ohnehin schon attraktive grafische Gestaltung.

Folgen Sie nicht dem in Wohnzeitschriften immer wieder zu bemerkenden Trend, sich aufgespießte Schmetterlingsleichen in Kästchen an die Wand zu hängen. Schaffen Sie sich stattdessen das wunderschöne Buch “Insects of Surinam” an - das schont die Umwelt und stimuliert den Geist.

© Ch. Ranseder

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Rinde

Dienstag, 03. November 2009

Non-Fiction

Cédric Pollet
Rinde
Die Wunderwelt der Bäume entdecken 

Ulmer  2009, 192 S., zahl. Farbabb.
ISBN 978 3 8001 5911 6

 Rinde: Die Wunderwelt der Bäume entdecken

Einen Baum zu pflanzen ist eine emotionale Geste mit hohem Symbolgehalt. Daher greifen Politiker bei bestimmten Anlässen gerne zum Spaten, um neben einem kostengünstigen Gedenk-Bäumchen für die Medien zu posieren. Schließlich mögen viele Menschen Bäume. Doch wehe ein Wäldchen oder ehrwürdiger Solitär steht einem Bauvorhaben im Weg. Dann wird gnadenlos umgesägt, was Jahrzehnte zum Wachsen brauchte. Es scheint, als hätte der Baum in erster Linie den Menschen zu dienen. Sein ökonomischer und ökologischer Wert ist unbestritten. Doch Hand aufs Herz: Wann haben Sie sich zuletzt einen Baum bewusst angesehen? Sich dabei an der Schönheit seines Stammes, der Blätter, Blüten oder Früchte, erfreut? Deren Reichtum an Formen, Farben und Strukturen bestaunt?

Bäume sind es wert, genauer betrachtet zu werden. Cédric Pollet hat genau das gemacht und dabei eine Leidenschaft für Rinde entwickelt. Der exquisite Prachtband “Rinde. Die Wunderwelt der Bäume entdecken” ist das Ergebnis einer bereits über zehn Jahre währenden Liebe. Dabei fing alles ganz harmlos mit dem Blick auf eine alte Eiche an. “Es war eine Offenbarung, die mein Leben veränderte”, gesteht Cédric Pollet in der Einleitung des Buches. Der ausgebildete Landschaftsarchitekt griff zur Spiegelreflexkamera und begann die Welt zu bereisen, um Baumrinden zu fotografieren. Eine Auswahl der schönsten Bilder ist in “Rinde” zu bewundern. Für seine 81 Baumporträts konnte der Naturfotograf aus dem Vollen schöpfen: mehr als 15.000 Dias sind über die Jahre auf seinen Entdeckungsreisen zusammengekommen.

Zum Staunen gibt es in “Rinde” genug. Die Nützlichen, die Schönen und die Bizarren haben Cédric Pollet gleichermaßen inspiriert. So bietet zum Beispiel Ficus benjamina, als Zimmerpflanze ein schmächtiges Bäumchen, in freier Natur mit seinem Gewirr aus Luftwurzeln einen an Alien erinnernden Anblick. Fröhlich mutet hingegen die psychedelisch rot-grün-gelb-braun gestreifte Rinde des Trichterfrucht-Eukalyptus an. Der Seidenwollbaum wiederum gibt sich mit seiner silbergrauen Rinde, die in maigrünen Rissen und Schildpattmuster aufbricht, überaus elegant. Blick für Blick schärfen die rund 400 Abbildungen das Bewusstsein für die atemberaubende Vielfalt und Anpassungsfähigkeit der Bäume.

“Rinde” ist mehr als ein Fotoband. Das attraktiv gestaltete Buch paart optischen Genuss mit informativem Lesevergnügen. Jeder der ausgewählten Bäume wird mit mindestens zwei Bildern vorgestellt. Ganzseitige Nahaufnahmen der Rinde verwandeln wenige Quadratzentimeter Baumstamm in abstrakte Kunstwerke. Kleinere Fotos geben mehr vom Aussehen der Bäume und der Landschaft, in der sie wachsen, preis. Handelt es sich um eine wirtschaftlich genutzte Baumart, zeigen Fotoserien die Ernte des Naturprodukts. Zwischen die Baumporträts eingeschobene Doppelseiten sind interessanten Phänomenen wie z. B. der Stammblütigkeit gewidmet oder feiern die Vielfalt des Erscheinungsbildes einer Gattung. Die begleitenden Texte bieten eine bunte Mischung aus Botanik und Kulturgeschichte mit einer Prise Kulinarik und Medizin. “Rinde. Die Wunderwelt der Bäume entdecken” hält, was sein Untertitel verspricht. Cédric Pollets Fotos entführen auf eine optische Entdeckungsreise, die lehrt, das Wunderbare im Alltäglichen zu sehen. Mit offenem Auge und wachem Geist lässt sich das Erlebnis des herrlichen Buches vor der eigenen Haustür fortsetzen. Ist das nicht schön?

© Ch. Ranseder

Rinde: Die Wunderwelt der Bäume entdecken

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Foto-Herbarium

Donnerstag, 29. Oktober 2009

Non-Fiction

Pierre und Délia Vignes
Faszinierende Wildpflanzen
Delius Klasing 2009, 564 S., zahlr. Farbfotos
ISBN 978 3 3 7688 2614 3

 Faszinierende Wildpflanzen: Ein Herbarium in Fotos

Herbarien anzulegen ist - außerhalb von wissenschaftlichen Sammlungen - eine zum Vorteil des Naturschutzes in Vergessenheit geratene Kunst. Neben dem wissenschaftlichen Anspruch spielt und spielte bei Herbarien der ästhetische Aspekt eine wesentliche Rolle. Allerdings war es immer schon ein fast unlösbares Problem die zerbrechliche Schönheit und Natürlichkeit von Pflanzen haltbar zu machen. Und selbst heute, wenn alle Faktoren für den Erhalt der empfindlichen Pflanzenmumien gewährleistet scheinen, genügen einige gefräßige “Sammlungskäfer”, um ganze Bestände in kürzester Zeit zu vernichten. Künstliche Herbarien als getreue Abbilder der Natur sind naheliegende und naturschonende Alternativen. Bereits früh waren sie in ihren schönsten Varianten begehrte Sammelobjekte. Gezeichnet, gemalt, gedruckt und koloriert wurden sie von reichen Forschern, Kunstmäzenen und stolzen Gartenbesitzern in Auftrag gegeben.

Wie ansprechend Wissenschaft rund um Pflanzen in Verbindung mit Fotokunst sein kann, beweist dieser Prachtband auf 275 Bildtafeln und erklärenden Texten. 400 Arten aus 135 botanischen Familien werden berücksichtigt, davon wurden 275 detailliert beschrieben. Übersichtlich wird der Aufbau des Buches sowie der botanischen Fachbegriffe dem eigentlichen Foto-Herbarium vorangestellt. Die nachfolgende Gestaltung auf Doppelseiten - links der erklärende Text, rechts die Pflanze und ihre sorgfältig sezierten Organe - gibt dem Werk eine eingängige, einheitliche Struktur. Im Anhang machen Glossar, Tabellen der Blütenformeln aller 275 Pflanzenarten, geordnet nach Familien und das Register den ohnedies fachlich beeindruckenden Band zu einem attraktiven Nachschlagewerk mit wissenschaftlichem Mehrwert.

Die vier europäischen Vegetationszonen und die evolutionäre Anpassung bilden das zentrale Thema der Betrachtung, dass dabei auch Neophyten - also eingeschleppte Arten - berücksichtigt werden, ist in Anbetracht ihrer ungehemmten Verbreitung vernünftig. Die sorgfältig ausgewählten Pflanzen wurden im A4-Format aufgenommen. Der etwas kleinere Band präsentiert sie annähernd in Originalgröße, weshalb auf eine Maßleiste verzichtet wurde. Die Fotos sind eine Augenweide, deren Qualität zusätzlich durch hochwertige Druck- und Papierqualität unterstützt wird. Der leicht verständliche Text erhält optische eine historisch anmutende Note durch die Hinterlegung mit einer gelblichen, faserhältigen Papierstruktur mit gerissenen Kanten. Gemeinsam geben Text und die durchwegs vor schwarzem Hintergrund gezeigten Fotos eine harmonische Verbindung ein. Selbst Nicht-Botaniker werden es schwer haben das Buch aus den Händen zu legen.

In Anbetracht des gewichtigen Bandes und der gelieferten inhaltlichen sowie optischen Qualitäten, lädt zusätzlich das überzeugende Preis-Leistungs-Verhältnis zur Anschaffung ein.

© S. Strohschneider-Laue

Faszinierende Wildpflanzen: Ein Herbarium in Fotos

siehe auch:
Garten von Eichstätt. Die vollständigen Tafeln 
Thornton, Temple of Flora 
Früchte: Faszinierende Kunstwerke der Natur

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Schatzkammer Natur

Mittwoch, 30. September 2009

Non-Fiction

Museum Mensch & Natur Hofpfisterei München (Hg.)
Schatzkammer Natur
Von der Vielfalt heimischer Arten 

oekom 2009, 221 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 86581 134 9

Schatzkammer Natur: Von der Vielfalt heimischer Arten

Dieses Buch bietet eine Entdeckungsreise durch die Natur für die ganze Familie. In wunderschönen Bildern von Rita Mühlbauer und herrlichen Texten führt es durch Bach und Tümpel, Feld und Flur, Hecke und Wald.

Dreiunddreißig heimischen Tiere und Pflanzen sowie Natur- und Umweltschutz stehen im Mittelpunkt der Betrachtung. Dass dieser hohe Anspruch nicht langweilig, belehrend oder bis zur Unverständlichkeit wissenschaftlich sein muss, ist hohes Verdienst der neunzehn AutorInnen. Die renommierten WissenschaftlerInnen haben sich zum Ziel gesetzt Kinder und Erwachsene gleichermaßen für ihren unmittelbaren Lebensraum zu begeistern und damit dessen Erhalt zu fördern.

Blitzschnelle Wasserjäger, denen die Luft ausgeht, gepanzerte Ritter, denen das Wasser bis zum Hals steht oder Langstreckenflieger, die ohne Navi auskommen, sind einfach faszinierend, wenn der Finger auf den Punkt gelegt wird. Kurz, prägnant und trotzdem abwechslungsreich sind die Betrachtungen, denen neun ”Denkstücke” zur Seite gestellt werden.  Durch zartgelbes Papier farblich abgehoben, bieten die “Denkstücke” Fakten und Querbezüge, die dem großen Überblick gewidmet sind. In ihnen wird aufgezeigt, warum Vielfalt besser als Einfalt ist und welche Wechselseitigkeiten in überraschenden Bereichen bestehen.

Dass das Ausprobieren und Selbermachen ein wesentlicher Schritt zum Verständnis ist, ist Menschen angeboren - obwohl das zu viele vergessen haben. In diesem Buch ist es nicht vergessen worden. Egal ob im Trüben für die neue Teichlupe gefischt wird oder Hagebuttenmarmelade gekocht wird, es ist altersunabhängig, interessant und spaßbetont. Die zusätzlichen Publikationshinweise und Ansprechpartner machen Lust auf mehr Aktivitäten in der freien Natur und zu naturkundlichen Themen. Nützlich ist unter anderem die Liste der Naturkundemuseen mit ihren vielfältigen Attraktionen. Das Frankfurter Senckenberg liebe ich, das Erfurter sollte ich mal wieder besuchen, das Stuttgarter und einige andere stehen schon länger auf der Liste, dass ich allerdings das älteste Naturkundemuseum Deutschlands in Braunschweig diesen Sommer verpasst habe, ist mir erst durch das Buch bewusst geworden. Veranstalter von Waldführungen, Buchtipps zur Natur, Autorenporträts und das Artenregister runden den schönen Band benutzerfreundlich ab.

“Schatzkammer Natur” ist auch in gebundener Form vielfältig und bunt wie die Natur selbst. Dem Anspruch einen Beitrag zum Erhalt der Natur zu leisten wird das Buch - somit auch die herausgebende Hofpfisterei - in jeder Hinsicht gerecht.

© V. Strohschneider

Schatzkammer Natur: Von der Vielfalt heimischer Arten

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Früchte - Kunstwerke der Natur

Donnerstag, 13. August 2009

Non-Fiction

Wolfgang Stuppy, Rob Kesseler 
Früchte
Faszinierende Kunstwerke der Natur

Gerstenberg 2009, 264 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8369 2995 0

Früchte Früchte: Faszinierende Kunstwerke der Natur

Als Kind habe ich mit Begeisterung Früchte und Samen gesammelt, sie seziert, getrocknet oder in Gläser gestopft, um zu sehen was passiert. Ins Glas kommen mittlerweile nur noch die schmackhaften Gaben von Obstbäumen in Form von Marmelade. Die Anziehung, die für mich von Früchten und den von ihnen behüteten Samen ausgeht, ist jedoch geblieben. Mit den Jahren sind ihre ästhetischen Qualitäten, die Vielfalt der Farben, Formen und Oberflächenstrukturen, in den Mittelpunkt meines Interesses gerückt. Es gibt so viel zu entdecken! Doch die bizarre Schönheit, die sich unter dem Rasterelektronenmikroskop offenbart, hätte ich mir nicht träumen lassen. Ein Blick in das fantastische Buch “Früchte. Faszinierende Kunstwerke der Natur” und schon hing ich am Haken. Gar nicht mehr aus der Hand legen wollte ich den Prachtband.

Das Buch “Früchte. Faszinierende Kunstwerke der Natur” ist ein Glücksfall. Zum einen gewährt es einen überwältigenden, stimulierenden optischen Genuss. Zum anderen lässt es LeserInnen nicht im Dunkel darüber, was auf den großartigen Aufnahmen zu sehen ist. Ganz im Gegenteil. Die von Rob Kesselers kunstvoll eingefärbten Rasterelektronenmikroskop-Aufnahmen geweckte Neugier, wird von Wolfgang Stuppys Einführung in die Wunderwelt der Botanik gestillt. Eine Fülle ergänzender “konventioneller” Fotos vermittelt das Aussehen der Früchte in “Normalsicht”. Und da ein Blick hinter die Kulissen immer spannend ist, wird am Ende des Buches nicht nur das Millennium Seed Bank Projekt der Royal Botanic Gardens in Kew, England, vorgestellt, sondern sogar der technisch-künstlerische Arbeitsprozess geschildert. Vom Sammeln der Früchte bis zur fertig bearbeiteten Aufnahme ist es nämlich ein weiter Weg.

Pflanzen haben im Lauf der Evolution viele schlaue Strategien entwickelt, um sich zu Vermehren und neue Gebiete zu erobern. Ihre Früchte schützen und präsentieren die wertvollen Samen, ohne die ein Überleben der Art nicht möglich wäre. Sie sind maßgeschneiderte Wunderwerke, egal ob sich eine Pflanze zur Ausbreitung eines der Elemente oder Lebewesen dienstbar macht. Der mit der Zeit entstandene Reichtum an Lösungen der Aufgabe den Nachkommen zu einem guten Start zu verhelfen, ist atemberaubend. Wie komplex eine Frucht aufgebaut sein kann, lässt sich erst anhand der Rasterelektronenmikroskop-Bilder, den Stars des Buches, ermessen. Edel vor schwarzem Hintergrund präsentiert, sind elegant geschwungene, extrem gekrümmte, von bizarren Auswüchsen bedeckte, fein behaarte oder mit gefährlich aussehenden Haken bewehrte Früchte zu bewundern. Der Vielfalt scheint keine Grenzen gesetzt zu sein. Rob Kesseler zaubert mit der digitalen Farbpalette aus nüchternen wissenschaftlichen Aufnahmen kleine Kunstwerke. Details, auf die Wolfgang Stuppy in den Abbildungsunterschriften eingeht, sind farblich so hervorgehoben, dass auch Laien sie sofort finden. Bild und Text, optischer und intellektueller Genuss ergänzen sich in “Früchte. Faszinierende Kunstwerke der Natur”. Dank der feinteiligen Gliederung des Textes muss das Buch auch nicht auf einen Sitz gelesen werden. Kleine Texthäppchen führen von der Frage, was denn eine Frucht sei, über alle Arten von Früchten bis zu den Ausbreitungsstrategien. Wolfgang Stuppy würzt das botanische Grundwissen mit einem Schuss Forschungsgeschichte der Botanik und schmeckt mit kulturgeschichtlichen und kulinarischen Exkursen zur Bedeutung der Früchte ab. Auf Fachvokabular wird dennoch nicht verzichtet. Notfalls hilft ein ausgezeichnetes Glossar wieder auf die Sprünge.

“Früchte. Faszinierende Kunstwerke der Natur” ist ein bemerkenswertes Buch, das sowohl durch die ausgezeichnete Aufbereitung und Vermittlung des Themas, als auch der vorzüglichen grafischen Gestaltung aus der Masse der Pflanzen- und Gartenbücher hervorsticht.

© Ch. Ranseder

Früchte: Faszinierende Kunstwerke der Natur

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Herrenhäuser Gärten jr.

Dienstag, 11. August 2009

ab acht

Kirsten John 
Tobi in den Gärten 
Ein Kinderführer durch die Herrenhäuser Gärten

Nicolai 2009, 65 S., zahlr. Farbfotos und Illustration
ISBN 978 3 8947 9484 2

Tobi in den Gärten, Herrnhäuser Gärten Tobi in den Gärten: Ein Kinderführer durch die Herrenhäuser Gärten

Großer Garten, Berggarten, Georgengarten und Welfengarten bilden zusammen die Herrenhäuser Gärten. Die ehemalige Sommerresidenz der Herzöge, Kurfürsten und Könige von Hannover und England ist voller Überraschungen und mehr als nur einen Besuch wert. Verschiedene historische Gartenstile, Bau- und Kunstwerke locken vor allem Erwachsene in die Anlage. Es gibt aber für Kinder viel mehr zu entdecken als nur das Sealife im Berggarten, man muss nur wissen wo und genau hinschauen.

Natürlich bedarf es ein wenig Hintergrundinformation, um die offensichtlichen und versteckten Besonderheiten zu erkennen. Genau hier setzt “Tobi in den Gärten” an. Kirsten John verbindet geschickt die Geschichte eines Gärtnerjungen aus der Barockzeit mit dem modernen Erscheinungsbild des großen Gartenareals. Einerseits stellt die Autorin das historische dem modernen Erscheinungsbild der Anlage vor und andererseits zeigt sie die sozialen Bedingungen sowie die Situation eines arbeitenden Kindes auf.

Auf den Umschlaginnenseiten sind die Gartenpläne zu finden. Vorne ist der Große Garten, hinten ist der der Berggarten abgebildet. Schwarze, rote und blaue Passagen gliedern den Text in übersichtliche Lesehäppchen. Der schwarze Text, erzählt Tobis Geschichte und folgt seinen Weg durch den Park. Blau hervorgehoben sind in Tobis Story jene Gebäude und Objekte, die auf den Plänen eingezeichnet sind. Rote Textteile bieten Hintergrundinformationen zu Persönlichkeiten und Sehenswürdigkeiten. Auf diese Weise können Kinder nach Lust und Laune leicht die - ohnedies informative - Geschichte verfolgen oder auch nur die Zusatzinformationen lesen. Schade, dass diese geschickte Textgliederung den jungen LeserInnen vorab nicht erklärt wird. Optisch ergänzt wird der Text von ausgezeichneten Fotos, historischen Stichen und zeitgenössischen Illustrationen von Henriette von Bodecker.

Flockig-locker geschrieben und auf das Wesentlichste reduziert, wird das Buch GrundschülerInnen vor als auch nach dem Besuch in den Herrenhäuser Gärten fesseln. Ein Pflichtkauf, wenn man die historische Gartenanlage mit Kindern nicht nur besuchen, sondern kennenlernen möchte.

© S. Strohschneider-Laue

Tobi in den Gärten: Ein Kinderführer durch die Herrenhäuser Gärten

Und für Erwachsene::
Die Herrenhäuser Gärten
Hannover: Die Stadt an der Leine entdecken und erleben. Ein illustriertes Reisehandbuch

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Strandsteine

Freitag, 07. August 2009

ab acht

Frank Rudolph
Strandsteine für Kids 
Wachholtz 2009, 69 S., zahlr. Farbfotos und Illustration
ISBN 978 3 5290 5414 3

Strandsteine für Kids Strandsteine für Kids: Sammeln und Bestimmen

Unglaublich was so alles vom Meer angespült wird. Selbst die Steine sind es wert aufgehoben zu werden. Man müsste nur noch wissen, was man für Schätze aus den letzten Jahrmillionen der Ergeschichte gefunden hat.

Angenehme Erinnerungen an unzählige Sammelstunden an den Stränden von Nord- und Ostsee kommen auf, wenn man vom Titel verführt dieses Buch zur Hand nimmt.

Mir ist in letzter Zeit kein so kindgerecht aufgearbeitetes, nettes und klar verständliches sowie gut strukturiertes Sachbuch untergekommen. Wer sollte da keine Lust auf Strand, Steine und Donnerkeile bekommen? Schon der Satz Kennt Ihr Steine, die man riechen oder hören kann? macht neugierig auf den weiteren Inhalt und vor allem auf die Steine selbst. Das handliche, strapazfähige Outfit und die kindgerechte Aufbereitung von “Strandsteine für Kids” regen zum Mitnehmen an den Strand ein. Die exzellente Fotoauswahl in Kombination mit korrekt dargestelltem fachlichem Inhalt ist auch für Erwachsene ein Anreiz gemeinsam mit dem Nachwuchs auf Steinjagd zu gehen.

Steine, die am Strand von Nord- und Ostsee herumliegen, sind zum Teil ziemlich herumgekommen. Passend, niedlich und genial zugleich sind die von Lutz Mathesdorf entwickelten Comicfiguren. Sie repräsentieren die Herkunftsländer, führen durch das Buch und kennzeichnen die Erdzeitalter. Möwe Pauli (überall daheim), Erik (Dänemark), Knolle Troll (Norwegen), Sören (Schweden), Lena (Finnland) und Fiete (Deutschland) werden sofort Fans finden. Diese zweckmäßige Verniedlichung täuscht nicht darüber hinweg, dass in diesem Werk fundiertes Fachwissen weitergegeben wird. Kenntnisse die im Schulunterricht bis weit in die Mittelstufe ausreichen.

Folgende Informationen werden geboten:

  • Wie und woher Steine an den Strand kommen, die Rolle der Eiszeit.
  • Sinnvolles Steinesammeln, die Anlage einer eigenen Sammlung.
  • Ein Überblick der Geologischen Zeittabelle.
  • Was sind Gesteine, welche Arten von ihnen gibt es?
  • Besondere Gesteine, Steine die man hören oder schmecken kann.
  • Ein Überblick der Gesteine nach ihrer Entstehung (Tiefen- und Ergussgesteine, Umwandlungs- und Ablagerungsgesteine)
  • Ergänzende Darstellungen über Bernstein, magnetische Sande, Fossilien und vieles mehr.
  • Und wie es sich für ein solides Fachbuch gehört, gibt es selbstverständlich Begriffserklärungen und ein Literaturverzeichnis.

Findige Eltern haben schon lange Rezepte für Schlechtwettertage während Strandaufenthalten entwickelt, um ihre eventuell nervenden Kinder zu beschäftigen. Mit diesem Buch wird das noch einfacher, weil es auch Eltern Spaß machen wird. Für die besonders Wissbegierigen und für Erwachsene gibt es von Frank Rudolph noch mehr Bestimmungsliteratur für den Nord- und Ostseeraum. Auf jeden Fall für den nächsten Urlaub an Nord- und Ostsee “Strandsteine”, Hammer, Schutzbrille - nicht nur - für die Kids einpacken!

© V. Strohschneider

Strandsteine für Kids: Sammeln und Bestimmen

Noch mehr:
Strandsteine. Sammeln und Bestimmen.
Noch mehr Strandsteine: Sammeln und Bestimmen an Nord- und Ostsee
Strandfunde: Sammeln & Bestimmen von Tieren und Pflanzen an Nord- und Ostseeküste

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Tiergarten Schönbrunn: Artenschutztage

Donnerstag, 06. August 2009

Notiz

Artenschutztage

Artenschutztage, Große Nussjagd © Sistlau 2009

Vom 6. bis 9. August steht im Tiergarten Schönbrunn der Artenschutz mit interessanten Informationen und Angeboten im Mittelpunkt. Schwerpunktthemen sind Projekte der Österreichischen Zoo Organisation (OZO) am 6. August, Artenschutz vor der Haustür am 7. August, Tierische Wahrzeichen des Naturschutzes am 8. August und die ‘Großen’ unter den Tieren am 9. August.

 Artenschutztage © Sistlau 2009 Zahlreiche Infostände säumen die Löwenallee. Große und Kleine Tierfreunde erfahren hier Neues rund um Biotop- und Artenschutz und werden herzlich zum Mitmachen und Miterleben eingeladen.

Artenschutztage © Sistlau 2009 Österreichischen Bundesforste, Lebensministerium (Projekt Vielfalt Leben), Wiener Veterinäramt, Biosphärenpark Wienerwald, Vier Pfoten, WWF, BirdLIfe, Verein Auring, Amphibienschutz Wienerwald, Koordinationsstelle Fledermausschutz und -forschung, Tierschutz macht Schule, Waldrappteam, Jane Goodall Institue, Sharkproject, Arbeitsgruppe Bioakustik der Universität Wien, Nationalpark Donau-Auen, Verband der Naturparke Österreichs, Naturschutzbund, Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie sowie Nikon unterstützen die Artenschutztage und sind mit Infoständen vertreten.

Große Nussjagd © Sistlau 2009 Dass es nicht immer die Riesen oder Prominenten die interessantesten Tiere sein müssen, beweist die “Große Nussjagd“. Hier sind NachwuchsforscherInnen herzlich willkommen. Gesucht wird im Wienerwald die winzige, verschlafene Haselmaus. Welcher Kern der aufgenagten Nüsse im Magen einer Haselmaus gelandet ist, erfährt man bei den Artenschutztagen im Tiergarten Schönbrunn und beim “Langen Fest der falschen Mäuse” am 29. August zwischen 14:00 und 22:00 Uhr in Mauerbach, Kasgraben (gegenüber Gasthaus “Zum grünen Jäger”).

Artenschutztage Welche Tier man in freier Wildbahn antreffen kann. Welchen Nutzen einheimische “Schädlinge” in der Natur haben und welchen Schaden zu Jagdzwecken aus fernen Ländern eingeführte Tiere verursachen, mag Viele überraschen.

Artenschutztage Erschreckend sind die Zahlen: 44.838 Arten sind gefährdet, 869 Arten sind ausgestorben und 16.928 Arten sind akut vom Aussterben bedroht. Dies gilt es bei jeder Gelegenheit zu vermitteln. Zoos leisten einen wesentlichen Erhaltungsbeitrag, aber sie können und dürfen nicht die letzten Refugien sein ebensowenig wie sie die freie Wildbahn ersetzen können. 

Artenschutztage Die Vielfalt des Lebens zu erhalten und zu fördern muss das Anliegen aller sein. Um Verständnis für vom Aussterben bedrohte Tiere zu erzielen, bedarf es umfassender Informationen sowie dem Ausmerzen von Irtrtümern und Vorurteilen. Bartgeier schlagen keine Lämmer, allerdings ist es richtig, dass Frösche nur in einer intakten Umwelt leben. Eine intakte Umwelt, ist eine vielfältige Umwelt und benötigt der Mensch selbst zum Überleben.

Netzwerk Natur © Sistlau 2009

Der Tiergarten Schönbrunn leistet wichtige Beiträge zum Artenschutz und ist an zahlreichen Forschungsprojekten beteiligt. Das bei den Artenschutztagen lukrierte Geld wird in ein Schutzprojekt für den Roten Panda in der Indischen Provinz Sikkim fließen. Aber auch vor der eigenen Haustür ist der Tiergarten Schönbrunn aktiv. Tiergarten und Schlosspark von Schönbrunn sind eine der verborgenen Naturoasen Wiens. In Zusammenarbeit mit der Wiener Umweltschutzabteilung wurden im Zoo Informationstafeln aufgestellt. BesucherInnen dürfen jetzt überrascht feststellen, dass Wechselkröten in den Tigerteich eingezogen sind, Feldgrillen vor dem Kaiserpavillon leben und Dohlen sich als Nahrungsgast bei den Pelikanen eingeladen haben.

Karin Büchl-Krammerstätter, Dagmar Schratter, Anton Weissenbacher © Sistlau 2009

Die Wiesenotter wird das nicht allein schaffen. Sie braucht als seit den frühen 1970er Jahren verschwundene Art Unterstützung bei der Wiederansiedlung. Die giftige Wiesenotter lebt von Insekten. Sie ist scheu und durch ihr kleines Maul für den Menschen - solange man sie nicht reizt - nicht gefährlich. Ab heute leben im Tiergarten Schönbrunn vier in Ungarn nachgezüchtete kleine Wiesenottern. Das Terrarien-Suchspiel lohnt sich. Mit etwas Geduld und einem systematischen Blick entdeckt man die hübsch gezeichneten Tiere sicher. Hoffen wir, dass es bald auch wieder insektenreiche Wiesen mit diesen Tieren geben wird. 

© V. Strohschneider

siehe auch:
Atlas der bedrohten Arten
Von Kaiser bis Känguru

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