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Botanischer Garten Bern

Donnerstag, 10. Dezember 2009

Non-Fiction

Fred Zaugg, Adrian Moser
Botanischer Garten Bern 
Haupt 2009, 240 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 258 07540

 Botanischer Garten Bern

In einem Außenbezirk von Wien, dort wo Stadtrandverbauung und Wienerwald aufeinander treffen, steht ein Apfelbaum. Ich kenne und liebe ihn seit meiner Kindheit. Jeden Frühling verleihen ihm tausende Blüten das Aussehen einer fröhlichen Wolke. Jeden Herbst biegen sich seine Äste unter der Last der vielen, dicht an dicht hängenden roten Äpfelchen. Jetzt steht das Grundstück zum Verkauf und ich fürchte den Tag an dem das Geräusch der Motorsäge erschallt und das Leben dieses wunderbaren alten Baums jäh beendet wird.

In Bern, Schweiz, befindet sich ein herrlicher botanischer Garten. Auch er ist bedroht.

150 Jahre ist es her, dass der Botanische Garten Bern seinen Standort in Rabbental gefunden hat. Zum Jubiläum ist ihm ein ungewöhnliches Buch mit dem schlichten Titel “Botanischer Garten Bern” gewidmet. Es ist so schön und vielfältig wie die Anlage, von der es berichtet. Schon der Bucheinband verheißt, ganz wie der Garten selbst, stille Freuden: Wie von Mondlicht beschienen, zeichnen sich die cremeweiß schimmernden Schattenrisse von Pflanzen auf dem, in einem geheimnisvollen Grünton gehaltenen, Leinen ab. Im Buchinneren offenbart sich in den Fotografien von Adrian Moser die ganze Pracht des Botanischen Gartens Bern. Ob der Blick nun über Alpinum, Jahreszeiten-Wildgarten, Teichufer, Waldgarten, Grotte, Bauerngarten, Schmetterlingsgarten oder Heilpflanzengarten schweift: Ein Areal ist schöner als das andere. Stattliche Bäume, üppiges Grün und buntes Blütenmeer verlocken zum Erkunden. Namenschildchen verraten, was man vor sich hat. In den Glashäusern sind die Exoten und Empfindlichen untergebracht. Aus ungewöhnlichen Blickwinkeln aufgenommene Pflanzenporträts machen mit dem botanischen Bestand im Freiland und unter Dach bekannt. Ob die Schnecke am Wegesrand, der Farbenrausch der herbstlich verfärbten Blätter oder das Glitzern des alles bedeckenden Schnees - gekonnt fängt der Fotograf die zauberhafte Stimmung des Gartens ein. Auf einigen Bildern betreten Menschen die Bühne der Natur. Wer sie sind und warum sie einen Platz in dem Buch über den Botanischen Garten Bern gefunden haben, ist aus den Texten von Fred Zaugg zu erfahren. Und mit dem Wort kommt auch der Schock der Ernüchterung, werden BetrachterInnen der idyllischen Bilder schnell wieder in die brutale, von der Jagd nach Rendite bestimmte, Realität zurückgeholt.

Dreimal drohte dem Botanischen Garten Bern seit 1999 die Schließung. Fred Zauggs Texte sind ein Plädoyer für dessen Erhalt. Mit seinen vielschichtigen, sehr persönlich gefärbten Essays, Porträts und Erzählungen hat er eine elegante Lösung gefunden, um darzulegen wie wichtig der Botanische Garten Bern ist: Als Ort des Forschens und Bewahrens, Lernens und Entdeckens, der Inspiration und Erholung.

Was der Botanische Garten für die Menschen bedeutet, wird in den auf Interviews basierenden Porträts von Männern und Frauen deutlich, die für den Fortbestand dieses einzigartigen Ortes kämpfen oder als BesucherInnen hier Kraft und Inspiration schöpfen. Es sind diese zwanzig, für die Kapitel “Die Menschen und ihr Garten” Befragten, die LeserInnen auf den Fotos aus der üppigen Vegetation entgegenblicken. Wie sie zum Botanischen Garten gefunden haben, ist so verschieden wie die von ihnen genannten Lieblingsblumen.

In den “Gartenräume”-Kapiteln hingegen, wird die Aufmerksamkeit auf einzelne Bereiche dieser Oase mitten in der Stadt und zu bewundernde botanische und zoologische Schätze gerichtet. Von Alpinum und Heilpflanzengarten über die ältesten Bäume und die in Palmenhaus und Wildgarten flatternden Schmetterlinge bis zum Herbarium und den Angeboten der Gartenpädagogik spannt sich der Bogen. Nicht nur einheimischen Pflanzen und Tieren begegnet man auf Freiflächen und in Glashäusern, sondern Schönheiten aus der ganzen Welt. Schritt für Schritt offenbart sich der Artenreichtum der Natur. Studenten des Instituts der Pflanzenwissenschaften der Universität Bern können hier ihr Wissen vertiefen, während andere Besucher sich ganz dem Genuss des schönen Anblicks hingeben.

Die Geschichte des Botanischen Gartens schlängelt sich als roter Faden durch das Buch. Zu ihr gesellen sich in den als “Geschichten” ausgewiesenen Kapiteln Erzählungen, die den Garten und seine Pflanzen mit Erinnerungen des Autors, historischen Begebenheiten, Literatur, Kunst und Philosophie vernetzten. Geschickt verpackt wird wortgewandt Stoff zum Nachdenken geboten: über Kleinigkeiten, welche das Leben lebenswert machen; über die Auswüchse des modernen Kulturbetriebs; oder über die Symbolkraft eines Baumes. Mehrmals bezieht Fred Zaugg im Buch auch expliziter Stellung und findet deutliche Worte zum Überlebenskampf des Botanischen Gartens Bern und der Kurzsichtigkeit der Politik. Hut ab, vor diesem Mut!

Botanische Gärten gehören zu den großen kulturellen Errungenschaften der Menschheit. In einer Zeit, in der Pflanzen und Tiere mit beängstigender Geschwindigkeit von unserem Planeten verschwinden und sich die Menschen Zusehens ihrer Umwelt entfremden, lässt sich der Wert eines öffentlichen Raums, der ein stilles Genießen der reichen Gaben der Natur ebenso ermöglicht wie selbstbestimmtes Lernen, nicht in Geld bemessen. Es sollte in unser aller Interesse sein, diese lebenden Archive zu schützen und für ihren Fortbestand zu sorgen. So bleibt zu guter Letzt nur zu hoffen, dass dieses wunderbare Buch über den Botanischen Garten Bern nicht zum Schwanengesang vor dessen Untergang wird. Für die nächsten vier Jahre ist der Betrieb wenigstens gesichert. Mehr über den Botanischen Garten Bern und seine botanischen Kostbarkeiten ist im Internet auf den vorzüglichen Seiten zu erfahren.

© Ch. Ranseder

Botanischer Garten Bern

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Insekten von Surinam

Montag, 09. November 2009

Non-Fiction

Katharina Schmidt-Loske (Hg.)
Maria Sibylla Merian - Insects of Surinam
Taschen 2009, En./Dt./Fr., 192 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 9783 8228 5278 1

  Merian - Insects of Surinam

Das 1705 erschienene Werk “Metamorphosis Insectorum Surinamensium” ist der brilliante Höhepunkt im Schaffen einer Frau, die mit eisernem Willen ihren eigenen Weg ging. Maria Sibylla Merian (1647-1717) gelang der Spagat zwischen Familie und Berufung, zu einer Zeit als weibliche Selbstverwirklichung die Ausnahme darstellte und Frauen in der Wissenschaft nahezu undenkbar waren. Ihre herausragende Leistung muss daher im Kontext mit der Lebensgeschichte betrachtet werden, da das Werk über die Insekten Surinams eine im Grunde logische Folge der jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit Faltern darstellt.

Aufgewachsen in einem intellektuell geprägtem Künstlermilieu - ihr Vater war der Kupferstecher und Verleger Matthäus Merian d.Ä., ihr Stiefvater der Blumen- und Stilllebenmaler Jacob Marrel, entwickelt Maria Sybilla Merian bereits als 13-jährige ein Interesse für Raupen. Sie verfolgt den Lebenszyklus des Seidenspinners und schreibt ihre erste Abhandlung, “Verwandlung und Veränderung der Seidenwürm”. Glücklicherweise lässt die Familie das begabte Mädchen, das unter anderem Zeichnen, Malen und Kupferstechen erlernt hat, gewähren. Auch der Erwerb des obligatorischen Ehemanns, die Geburt zweier Töchter und der Umzug von Frankfurt nach Nürnberg können Maria Sybilla nicht von ihren naturkundlichen Studien abhalten, die sie um die Suche nach Farbrezepturen erweitert. Ihre erste Veröffentlichung ist jedoch ein Blumenbuch. Wenig später, 1679, erscheint “Der Raupen wunderbare Verwandelung und sonderbare Blumen=Nahrung”. In diesem Buch gibt die Naturforscherin erstmals die Entwicklungsstadien zum Schmetterling, angeordnet auf einer einzelnen (Futter-)Pflanze, wieder. Diese ganzheitliche Darstellung ist etwas völlig Neues. Wo auch immer sich Maria Sybilla Merian aufhält, sammelt sie Raupen - zwei Fortsetzungen des Raupenbuches (1683, 1717) sind die Folge. 1685 verlässt die Künstlerin ihren Mann und zieht mit Töchtern und Mutter bei den Labadisten auf Schloss Waltha ein. In den folgenden Jahren ordnet Merian ihre Zeichnungen und Notizen nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten. Surinam rückt näher, denn Schloss Waltha wird der Sekte vom Gouverneur der holländischen Kolonie zur Verfügung gestellt. Doch zuerst geht es 1691 nach Amsterdam, wo Maria Sybilla den Lebensunterhalt für sich und die Töchter durch den Handel mit Farben und Naturalien sowie der Ausführung von Auftragsarbeiten bestreitet. In der geschäftigen Handelsstadt kann die forschende Künstlerin Sammlungen besuchen, zu deren Exponaten auch Insekten aus Surinam zählen. Ihre Neugier ist geweckt, sie will selbst in dieses Land fahren, um eigene Beobachtungen zu machen. 1699 ist es endlich so weit: Maria Sybilla Merian, mittlerweile 52 Jahre alt, und ihre Tochter Dorothea Maria stechen in See. Zwei Jahre verbringen die beiden Frauen sammelnd, zeichnend und forschend in Surinam, bevor sie gesundheitliche Gründe zur Rückkehr zwingen. Zurück in Amsterdam und wieder genesen macht sich Maria Sybilla voller Tatendrang an die Herausgabe ihres Werkes über die Insekten Surinams.

“Metamorphosis Insectorum Surinamensium” erscheint 1705 und umfasst insgesamt 60 Kupferstiche. Das Geld für die Herstellung des Buches brachte Merian selbst auf, indem sie Subskribenten warb und Auftragsarbeiten annahm. Käufer konnten zwischen einer schwarz-weißen oder einer handkolorierten Fassung des Werkes wählen. Der exquisite Prachtband “Insects of Surinam” des TASCHEN Verlages basiert auf den besonders schön kolorierten Tafeln des in der öffentlichen Bibliothek der Universität Basel befindlichen Exemplars der “Metamorphosis Insectorum Surinamensium”.

Im 18. Jahrhundert präsentierten die 60 Tafeln Ergebnisse der Grundlagenforschung, auf die sogar der Naturwissenschaftler Carl von Linné für sein wegbereitendes Ordnungssystem der Natur zurückgriff. Heute bezaubern Merians Darstellungen durch ihre dekorative Eleganz. Wer in den Medien des 21. Jahrhunderts schon alle Hässlichkeit dieser Erde gesehen hat, ist durch die hübschen Abbilder der “unachtbaren Thierlein” nicht zu erschüttern. Im Gegenteil. Was Merians Zeitgenossen vielleicht als garstig abstoßende Schädlinge angesehen haben, wirkt geradezu niedlich. Auf und um anmutigen, fast ornamental angeordneten Pflanzen tummelt sich eine bunte Insektenschar. Fette Raupen knabbern an saftigen Blättern. Plumpe Kokons und Puppen ruhen auf Ästen und Stängeln. Prächtige Schmetterlinge flattern herum. Käfer krabbeln im Laubwerk oder erheben sich behäbig in die Lüfte. Heuschrecken, Zikaden, Wespen und Ameisen lassen sich gelegentlich blicken. Auf einigen Tafeln hat Maria Sybilla Merian sogar Fösche, Kröten, Eidechsen, Schlangen und Vogelspinnen festgehalten. Auffällig ist das Spiel mit Größenverhältnissen. Merian ist bemüht, die Insekten in Originalgröße wiederzugeben. Die Pflanzen hingegen zeigt sie verkleinert, wohl auch, um möglichst viel von Wuchs und anderen Charakteristika auf dem beschränkten Platz der Tafeln zeigen zu können. Es ist bekannt, dass die Forscherin für ihre Studien auch ein Mikroskop benutzte. Die Künstlerin genießt sichtlich die an den Insekten zu beobachtbaren Farben, Muster und Texturen, die sie nicht nur zeichnet sondern auch beschreibt. Trotz des Bestrebens nach Wahrhaftigkeit der Wiedergabe, verliert die dual Begabte nie den ästhetischen Wert ihrer Bildkompositionen aus den Augen.

Wer mehr über die abgebildeten Insekten und Pflanzen erfahren will, kann allerlei Wissenswertes in den Bilderläuterungen aus der Feder von Katharina Schmidt-Loske erfahren, die Merians Originaltext ersetzen. Die Leiterin des Biohistoricums, Bonn, hat auch den Essay “Maria Sybilla Merians ‘kostbare’ Reise in die Schatzkammer der Natur” zu Leben und Werk der forschenden Künstlerin verfasst. Ergänzendes Bildmaterial, darunter Arbeiten einer der Töchter der Künstlerin, begleitet diesen Text.

“Insects of Surinam” ist ein verführerisch schönes Buch. Maria Sybilla Merians unvergleichliche Darstellungen der Insekten- und Pflanzenwelt Surinams sind eine Augenweide, die niemals an Frische verliert. Auch die Designer des prächtigen Bandes scheinen sich an den dekorativen Krabbeltieren und Räupchen erfreut zu haben. Seitenfüllende Vergrößerungen von Details aus den Tafeln beleben die ohnehin schon attraktive grafische Gestaltung.

Folgen Sie nicht dem in Wohnzeitschriften immer wieder zu bemerkenden Trend, sich aufgespießte Schmetterlingsleichen in Kästchen an die Wand zu hängen. Schaffen Sie sich stattdessen das wunderschöne Buch “Insects of Surinam” an - das schont die Umwelt und stimuliert den Geist.

© Ch. Ranseder

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Rinde

Dienstag, 03. November 2009

Non-Fiction

Cédric Pollet
Rinde
Die Wunderwelt der Bäume entdecken 

Ulmer  2009, 192 S., zahl. Farbabb.
ISBN 978 3 8001 5911 6

 Rinde: Die Wunderwelt der Bäume entdecken

Einen Baum zu pflanzen ist eine emotionale Geste mit hohem Symbolgehalt. Daher greifen Politiker bei bestimmten Anlässen gerne zum Spaten, um neben einem kostengünstigen Gedenk-Bäumchen für die Medien zu posieren. Schließlich mögen viele Menschen Bäume. Doch wehe ein Wäldchen oder ehrwürdiger Solitär steht einem Bauvorhaben im Weg. Dann wird gnadenlos umgesägt, was Jahrzehnte zum Wachsen brauchte. Es scheint, als hätte der Baum in erster Linie den Menschen zu dienen. Sein ökonomischer und ökologischer Wert ist unbestritten. Doch Hand aufs Herz: Wann haben Sie sich zuletzt einen Baum bewusst angesehen? Sich dabei an der Schönheit seines Stammes, der Blätter, Blüten oder Früchte, erfreut? Deren Reichtum an Formen, Farben und Strukturen bestaunt?

Bäume sind es wert, genauer betrachtet zu werden. Cédric Pollet hat genau das gemacht und dabei eine Leidenschaft für Rinde entwickelt. Der exquisite Prachtband “Rinde. Die Wunderwelt der Bäume entdecken” ist das Ergebnis einer bereits über zehn Jahre währenden Liebe. Dabei fing alles ganz harmlos mit dem Blick auf eine alte Eiche an. “Es war eine Offenbarung, die mein Leben veränderte”, gesteht Cédric Pollet in der Einleitung des Buches. Der ausgebildete Landschaftsarchitekt griff zur Spiegelreflexkamera und begann die Welt zu bereisen, um Baumrinden zu fotografieren. Eine Auswahl der schönsten Bilder ist in “Rinde” zu bewundern. Für seine 81 Baumporträts konnte der Naturfotograf aus dem Vollen schöpfen: mehr als 15.000 Dias sind über die Jahre auf seinen Entdeckungsreisen zusammengekommen.

Zum Staunen gibt es in “Rinde” genug. Die Nützlichen, die Schönen und die Bizarren haben Cédric Pollet gleichermaßen inspiriert. So bietet zum Beispiel Ficus benjamina, als Zimmerpflanze ein schmächtiges Bäumchen, in freier Natur mit seinem Gewirr aus Luftwurzeln einen an Alien erinnernden Anblick. Fröhlich mutet hingegen die psychedelisch rot-grün-gelb-braun gestreifte Rinde des Trichterfrucht-Eukalyptus an. Der Seidenwollbaum wiederum gibt sich mit seiner silbergrauen Rinde, die in maigrünen Rissen und Schildpattmuster aufbricht, überaus elegant. Blick für Blick schärfen die rund 400 Abbildungen das Bewusstsein für die atemberaubende Vielfalt und Anpassungsfähigkeit der Bäume.

“Rinde” ist mehr als ein Fotoband. Das attraktiv gestaltete Buch paart optischen Genuss mit informativem Lesevergnügen. Jeder der ausgewählten Bäume wird mit mindestens zwei Bildern vorgestellt. Ganzseitige Nahaufnahmen der Rinde verwandeln wenige Quadratzentimeter Baumstamm in abstrakte Kunstwerke. Kleinere Fotos geben mehr vom Aussehen der Bäume und der Landschaft, in der sie wachsen, preis. Handelt es sich um eine wirtschaftlich genutzte Baumart, zeigen Fotoserien die Ernte des Naturprodukts. Zwischen die Baumporträts eingeschobene Doppelseiten sind interessanten Phänomenen wie z. B. der Stammblütigkeit gewidmet oder feiern die Vielfalt des Erscheinungsbildes einer Gattung. Die begleitenden Texte bieten eine bunte Mischung aus Botanik und Kulturgeschichte mit einer Prise Kulinarik und Medizin. “Rinde. Die Wunderwelt der Bäume entdecken” hält, was sein Untertitel verspricht. Cédric Pollets Fotos entführen auf eine optische Entdeckungsreise, die lehrt, das Wunderbare im Alltäglichen zu sehen. Mit offenem Auge und wachem Geist lässt sich das Erlebnis des herrlichen Buches vor der eigenen Haustür fortsetzen. Ist das nicht schön?

© Ch. Ranseder

Rinde: Die Wunderwelt der Bäume entdecken

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Foto-Herbarium

Donnerstag, 29. Oktober 2009

Non-Fiction

Pierre und Délia Vignes
Faszinierende Wildpflanzen
Delius Klasing 2009, 564 S., zahlr. Farbfotos
ISBN 978 3 3 7688 2614 3

 Faszinierende Wildpflanzen: Ein Herbarium in Fotos

Herbarien anzulegen ist - außerhalb von wissenschaftlichen Sammlungen - eine zum Vorteil des Naturschutzes in Vergessenheit geratene Kunst. Neben dem wissenschaftlichen Anspruch spielt und spielte bei Herbarien der ästhetische Aspekt eine wesentliche Rolle. Allerdings war es immer schon ein fast unlösbares Problem die zerbrechliche Schönheit und Natürlichkeit von Pflanzen haltbar zu machen. Und selbst heute, wenn alle Faktoren für den Erhalt der empfindlichen Pflanzenmumien gewährleistet scheinen, genügen einige gefräßige “Sammlungskäfer”, um ganze Bestände in kürzester Zeit zu vernichten. Künstliche Herbarien als getreue Abbilder der Natur sind naheliegende und naturschonende Alternativen. Bereits früh waren sie in ihren schönsten Varianten begehrte Sammelobjekte. Gezeichnet, gemalt, gedruckt und koloriert wurden sie von reichen Forschern, Kunstmäzenen und stolzen Gartenbesitzern in Auftrag gegeben.

Wie ansprechend Wissenschaft rund um Pflanzen in Verbindung mit Fotokunst sein kann, beweist dieser Prachtband auf 275 Bildtafeln und erklärenden Texten. 400 Arten aus 135 botanischen Familien werden berücksichtigt, davon wurden 275 detailliert beschrieben. Übersichtlich wird der Aufbau des Buches sowie der botanischen Fachbegriffe dem eigentlichen Foto-Herbarium vorangestellt. Die nachfolgende Gestaltung auf Doppelseiten - links der erklärende Text, rechts die Pflanze und ihre sorgfältig sezierten Organe - gibt dem Werk eine eingängige, einheitliche Struktur. Im Anhang machen Glossar, Tabellen der Blütenformeln aller 275 Pflanzenarten, geordnet nach Familien und das Register den ohnedies fachlich beeindruckenden Band zu einem attraktiven Nachschlagewerk mit wissenschaftlichem Mehrwert.

Die vier europäischen Vegetationszonen und die evolutionäre Anpassung bilden das zentrale Thema der Betrachtung, dass dabei auch Neophyten - also eingeschleppte Arten - berücksichtigt werden, ist in Anbetracht ihrer ungehemmten Verbreitung vernünftig. Die sorgfältig ausgewählten Pflanzen wurden im A4-Format aufgenommen. Der etwas kleinere Band präsentiert sie annähernd in Originalgröße, weshalb auf eine Maßleiste verzichtet wurde. Die Fotos sind eine Augenweide, deren Qualität zusätzlich durch hochwertige Druck- und Papierqualität unterstützt wird. Der leicht verständliche Text erhält optische eine historisch anmutende Note durch die Hinterlegung mit einer gelblichen, faserhältigen Papierstruktur mit gerissenen Kanten. Gemeinsam geben Text und die durchwegs vor schwarzem Hintergrund gezeigten Fotos eine harmonische Verbindung ein. Selbst Nicht-Botaniker werden es schwer haben das Buch aus den Händen zu legen.

In Anbetracht des gewichtigen Bandes und der gelieferten inhaltlichen sowie optischen Qualitäten, lädt zusätzlich das überzeugende Preis-Leistungs-Verhältnis zur Anschaffung ein.

© S. Strohschneider-Laue

Faszinierende Wildpflanzen: Ein Herbarium in Fotos

siehe auch:
Garten von Eichstätt. Die vollständigen Tafeln 
Thornton, Temple of Flora 
Früchte: Faszinierende Kunstwerke der Natur

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Schatzkammer Natur

Mittwoch, 30. September 2009

Non-Fiction

Museum Mensch & Natur Hofpfisterei München (Hg.)
Schatzkammer Natur
Von der Vielfalt heimischer Arten 

oekom 2009, 221 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 86581 134 9

Schatzkammer Natur: Von der Vielfalt heimischer Arten

Dieses Buch bietet eine Entdeckungsreise durch die Natur für die ganze Familie. In wunderschönen Bildern von Rita Mühlbauer und herrlichen Texten führt es durch Bach und Tümpel, Feld und Flur, Hecke und Wald.

Dreiunddreißig heimischen Tiere und Pflanzen sowie Natur- und Umweltschutz stehen im Mittelpunkt der Betrachtung. Dass dieser hohe Anspruch nicht langweilig, belehrend oder bis zur Unverständlichkeit wissenschaftlich sein muss, ist hohes Verdienst der neunzehn AutorInnen. Die renommierten WissenschaftlerInnen haben sich zum Ziel gesetzt Kinder und Erwachsene gleichermaßen für ihren unmittelbaren Lebensraum zu begeistern und damit dessen Erhalt zu fördern.

Blitzschnelle Wasserjäger, denen die Luft ausgeht, gepanzerte Ritter, denen das Wasser bis zum Hals steht oder Langstreckenflieger, die ohne Navi auskommen, sind einfach faszinierend, wenn der Finger auf den Punkt gelegt wird. Kurz, prägnant und trotzdem abwechslungsreich sind die Betrachtungen, denen neun ”Denkstücke” zur Seite gestellt werden.  Durch zartgelbes Papier farblich abgehoben, bieten die “Denkstücke” Fakten und Querbezüge, die dem großen Überblick gewidmet sind. In ihnen wird aufgezeigt, warum Vielfalt besser als Einfalt ist und welche Wechselseitigkeiten in überraschenden Bereichen bestehen.

Dass das Ausprobieren und Selbermachen ein wesentlicher Schritt zum Verständnis ist, ist Menschen angeboren - obwohl das zu viele vergessen haben. In diesem Buch ist es nicht vergessen worden. Egal ob im Trüben für die neue Teichlupe gefischt wird oder Hagebuttenmarmelade gekocht wird, es ist altersunabhängig, interessant und spaßbetont. Die zusätzlichen Publikationshinweise und Ansprechpartner machen Lust auf mehr Aktivitäten in der freien Natur und zu naturkundlichen Themen. Nützlich ist unter anderem die Liste der Naturkundemuseen mit ihren vielfältigen Attraktionen. Das Frankfurter Senckenberg liebe ich, das Erfurter sollte ich mal wieder besuchen, das Stuttgarter und einige andere stehen schon länger auf der Liste, dass ich allerdings das älteste Naturkundemuseum Deutschlands in Braunschweig diesen Sommer verpasst habe, ist mir erst durch das Buch bewusst geworden. Veranstalter von Waldführungen, Buchtipps zur Natur, Autorenporträts und das Artenregister runden den schönen Band benutzerfreundlich ab.

“Schatzkammer Natur” ist auch in gebundener Form vielfältig und bunt wie die Natur selbst. Dem Anspruch einen Beitrag zum Erhalt der Natur zu leisten wird das Buch - somit auch die herausgebende Hofpfisterei - in jeder Hinsicht gerecht.

© V. Strohschneider

Schatzkammer Natur: Von der Vielfalt heimischer Arten

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Früchte - Kunstwerke der Natur

Donnerstag, 13. August 2009

Non-Fiction

Wolfgang Stuppy, Rob Kesseler 
Früchte
Faszinierende Kunstwerke der Natur

Gerstenberg 2009, 264 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8369 2995 0

Früchte Früchte: Faszinierende Kunstwerke der Natur

Als Kind habe ich mit Begeisterung Früchte und Samen gesammelt, sie seziert, getrocknet oder in Gläser gestopft, um zu sehen was passiert. Ins Glas kommen mittlerweile nur noch die schmackhaften Gaben von Obstbäumen in Form von Marmelade. Die Anziehung, die für mich von Früchten und den von ihnen behüteten Samen ausgeht, ist jedoch geblieben. Mit den Jahren sind ihre ästhetischen Qualitäten, die Vielfalt der Farben, Formen und Oberflächenstrukturen, in den Mittelpunkt meines Interesses gerückt. Es gibt so viel zu entdecken! Doch die bizarre Schönheit, die sich unter dem Rasterelektronenmikroskop offenbart, hätte ich mir nicht träumen lassen. Ein Blick in das fantastische Buch “Früchte. Faszinierende Kunstwerke der Natur” und schon hing ich am Haken. Gar nicht mehr aus der Hand legen wollte ich den Prachtband.

Das Buch “Früchte. Faszinierende Kunstwerke der Natur” ist ein Glücksfall. Zum einen gewährt es einen überwältigenden, stimulierenden optischen Genuss. Zum anderen lässt es LeserInnen nicht im Dunkel darüber, was auf den großartigen Aufnahmen zu sehen ist. Ganz im Gegenteil. Die von Rob Kesselers kunstvoll eingefärbten Rasterelektronenmikroskop-Aufnahmen geweckte Neugier, wird von Wolfgang Stuppys Einführung in die Wunderwelt der Botanik gestillt. Eine Fülle ergänzender “konventioneller” Fotos vermittelt das Aussehen der Früchte in “Normalsicht”. Und da ein Blick hinter die Kulissen immer spannend ist, wird am Ende des Buches nicht nur das Millennium Seed Bank Projekt der Royal Botanic Gardens in Kew, England, vorgestellt, sondern sogar der technisch-künstlerische Arbeitsprozess geschildert. Vom Sammeln der Früchte bis zur fertig bearbeiteten Aufnahme ist es nämlich ein weiter Weg.

Pflanzen haben im Lauf der Evolution viele schlaue Strategien entwickelt, um sich zu Vermehren und neue Gebiete zu erobern. Ihre Früchte schützen und präsentieren die wertvollen Samen, ohne die ein Überleben der Art nicht möglich wäre. Sie sind maßgeschneiderte Wunderwerke, egal ob sich eine Pflanze zur Ausbreitung eines der Elemente oder Lebewesen dienstbar macht. Der mit der Zeit entstandene Reichtum an Lösungen der Aufgabe den Nachkommen zu einem guten Start zu verhelfen, ist atemberaubend. Wie komplex eine Frucht aufgebaut sein kann, lässt sich erst anhand der Rasterelektronenmikroskop-Bilder, den Stars des Buches, ermessen. Edel vor schwarzem Hintergrund präsentiert, sind elegant geschwungene, extrem gekrümmte, von bizarren Auswüchsen bedeckte, fein behaarte oder mit gefährlich aussehenden Haken bewehrte Früchte zu bewundern. Der Vielfalt scheint keine Grenzen gesetzt zu sein. Rob Kesseler zaubert mit der digitalen Farbpalette aus nüchternen wissenschaftlichen Aufnahmen kleine Kunstwerke. Details, auf die Wolfgang Stuppy in den Abbildungsunterschriften eingeht, sind farblich so hervorgehoben, dass auch Laien sie sofort finden. Bild und Text, optischer und intellektueller Genuss ergänzen sich in “Früchte. Faszinierende Kunstwerke der Natur”. Dank der feinteiligen Gliederung des Textes muss das Buch auch nicht auf einen Sitz gelesen werden. Kleine Texthäppchen führen von der Frage, was denn eine Frucht sei, über alle Arten von Früchten bis zu den Ausbreitungsstrategien. Wolfgang Stuppy würzt das botanische Grundwissen mit einem Schuss Forschungsgeschichte der Botanik und schmeckt mit kulturgeschichtlichen und kulinarischen Exkursen zur Bedeutung der Früchte ab. Auf Fachvokabular wird dennoch nicht verzichtet. Notfalls hilft ein ausgezeichnetes Glossar wieder auf die Sprünge.

“Früchte. Faszinierende Kunstwerke der Natur” ist ein bemerkenswertes Buch, das sowohl durch die ausgezeichnete Aufbereitung und Vermittlung des Themas, als auch der vorzüglichen grafischen Gestaltung aus der Masse der Pflanzen- und Gartenbücher hervorsticht.

© Ch. Ranseder

Früchte: Faszinierende Kunstwerke der Natur

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Herrenhäuser Gärten jr.

Dienstag, 11. August 2009

ab acht

Kirsten John 
Tobi in den Gärten 
Ein Kinderführer durch die Herrenhäuser Gärten

Nicolai 2009, 65 S., zahlr. Farbfotos und Illustration
ISBN 978 3 8947 9484 2

Tobi in den Gärten, Herrnhäuser Gärten Tobi in den Gärten: Ein Kinderführer durch die Herrenhäuser Gärten

Großer Garten, Berggarten, Georgengarten und Welfengarten bilden zusammen die Herrenhäuser Gärten. Die ehemalige Sommerresidenz der Herzöge, Kurfürsten und Könige von Hannover und England ist voller Überraschungen und mehr als nur einen Besuch wert. Verschiedene historische Gartenstile, Bau- und Kunstwerke locken vor allem Erwachsene in die Anlage. Es gibt aber für Kinder viel mehr zu entdecken als nur das Sealife im Berggarten, man muss nur wissen wo und genau hinschauen.

Natürlich bedarf es ein wenig Hintergrundinformation, um die offensichtlichen und versteckten Besonderheiten zu erkennen. Genau hier setzt “Tobi in den Gärten” an. Kirsten John verbindet geschickt die Geschichte eines Gärtnerjungen aus der Barockzeit mit dem modernen Erscheinungsbild des großen Gartenareals. Einerseits stellt die Autorin das historische dem modernen Erscheinungsbild der Anlage vor und andererseits zeigt sie die sozialen Bedingungen sowie die Situation eines arbeitenden Kindes auf.

Auf den Umschlaginnenseiten sind die Gartenpläne zu finden. Vorne ist der Große Garten, hinten ist der der Berggarten abgebildet. Schwarze, rote und blaue Passagen gliedern den Text in übersichtliche Lesehäppchen. Der schwarze Text, erzählt Tobis Geschichte und folgt seinen Weg durch den Park. Blau hervorgehoben sind in Tobis Story jene Gebäude und Objekte, die auf den Plänen eingezeichnet sind. Rote Textteile bieten Hintergrundinformationen zu Persönlichkeiten und Sehenswürdigkeiten. Auf diese Weise können Kinder nach Lust und Laune leicht die - ohnedies informative - Geschichte verfolgen oder auch nur die Zusatzinformationen lesen. Schade, dass diese geschickte Textgliederung den jungen LeserInnen vorab nicht erklärt wird. Optisch ergänzt wird der Text von ausgezeichneten Fotos, historischen Stichen und zeitgenössischen Illustrationen von Henriette von Bodecker.

Flockig-locker geschrieben und auf das Wesentlichste reduziert, wird das Buch GrundschülerInnen vor als auch nach dem Besuch in den Herrenhäuser Gärten fesseln. Ein Pflichtkauf, wenn man die historische Gartenanlage mit Kindern nicht nur besuchen, sondern kennenlernen möchte.

© S. Strohschneider-Laue

Tobi in den Gärten: Ein Kinderführer durch die Herrenhäuser Gärten

Und für Erwachsene::
Die Herrenhäuser Gärten
Hannover: Die Stadt an der Leine entdecken und erleben. Ein illustriertes Reisehandbuch

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Strandsteine

Freitag, 07. August 2009

ab acht

Frank Rudolph
Strandsteine für Kids 
Wachholtz 2009, 69 S., zahlr. Farbfotos und Illustration
ISBN 978 3 5290 5414 3

Strandsteine für Kids Strandsteine für Kids: Sammeln und Bestimmen

Unglaublich was so alles vom Meer angespült wird. Selbst die Steine sind es wert aufgehoben zu werden. Man müsste nur noch wissen, was man für Schätze aus den letzten Jahrmillionen der Ergeschichte gefunden hat.

Angenehme Erinnerungen an unzählige Sammelstunden an den Stränden von Nord- und Ostsee kommen auf, wenn man vom Titel verführt dieses Buch zur Hand nimmt.

Mir ist in letzter Zeit kein so kindgerecht aufgearbeitetes, nettes und klar verständliches sowie gut strukturiertes Sachbuch untergekommen. Wer sollte da keine Lust auf Strand, Steine und Donnerkeile bekommen? Schon der Satz Kennt Ihr Steine, die man riechen oder hören kann? macht neugierig auf den weiteren Inhalt und vor allem auf die Steine selbst. Das handliche, strapazfähige Outfit und die kindgerechte Aufbereitung von “Strandsteine für Kids” regen zum Mitnehmen an den Strand ein. Die exzellente Fotoauswahl in Kombination mit korrekt dargestelltem fachlichem Inhalt ist auch für Erwachsene ein Anreiz gemeinsam mit dem Nachwuchs auf Steinjagd zu gehen.

Steine, die am Strand von Nord- und Ostsee herumliegen, sind zum Teil ziemlich herumgekommen. Passend, niedlich und genial zugleich sind die von Lutz Mathesdorf entwickelten Comicfiguren. Sie repräsentieren die Herkunftsländer, führen durch das Buch und kennzeichnen die Erdzeitalter. Möwe Pauli (überall daheim), Erik (Dänemark), Knolle Troll (Norwegen), Sören (Schweden), Lena (Finnland) und Fiete (Deutschland) werden sofort Fans finden. Diese zweckmäßige Verniedlichung täuscht nicht darüber hinweg, dass in diesem Werk fundiertes Fachwissen weitergegeben wird. Kenntnisse die im Schulunterricht bis weit in die Mittelstufe ausreichen.

Folgende Informationen werden geboten:

  • Wie und woher Steine an den Strand kommen, die Rolle der Eiszeit.
  • Sinnvolles Steinesammeln, die Anlage einer eigenen Sammlung.
  • Ein Überblick der Geologischen Zeittabelle.
  • Was sind Gesteine, welche Arten von ihnen gibt es?
  • Besondere Gesteine, Steine die man hören oder schmecken kann.
  • Ein Überblick der Gesteine nach ihrer Entstehung (Tiefen- und Ergussgesteine, Umwandlungs- und Ablagerungsgesteine)
  • Ergänzende Darstellungen über Bernstein, magnetische Sande, Fossilien und vieles mehr.
  • Und wie es sich für ein solides Fachbuch gehört, gibt es selbstverständlich Begriffserklärungen und ein Literaturverzeichnis.

Findige Eltern haben schon lange Rezepte für Schlechtwettertage während Strandaufenthalten entwickelt, um ihre eventuell nervenden Kinder zu beschäftigen. Mit diesem Buch wird das noch einfacher, weil es auch Eltern Spaß machen wird. Für die besonders Wissbegierigen und für Erwachsene gibt es von Frank Rudolph noch mehr Bestimmungsliteratur für den Nord- und Ostseeraum. Auf jeden Fall für den nächsten Urlaub an Nord- und Ostsee “Strandsteine”, Hammer, Schutzbrille - nicht nur - für die Kids einpacken!

© V. Strohschneider

Strandsteine für Kids: Sammeln und Bestimmen

Noch mehr:
Strandsteine. Sammeln und Bestimmen.
Noch mehr Strandsteine: Sammeln und Bestimmen an Nord- und Ostsee
Strandfunde: Sammeln & Bestimmen von Tieren und Pflanzen an Nord- und Ostseeküste

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Tiergarten Schönbrunn: Artenschutztage

Donnerstag, 06. August 2009

Notiz

Artenschutztage

Artenschutztage, Große Nussjagd © Sistlau 2009

Vom 6. bis 9. August steht im Tiergarten Schönbrunn der Artenschutz mit interessanten Informationen und Angeboten im Mittelpunkt. Schwerpunktthemen sind Projekte der Österreichischen Zoo Organisation (OZO) am 6. August, Artenschutz vor der Haustür am 7. August, Tierische Wahrzeichen des Naturschutzes am 8. August und die ‘Großen’ unter den Tieren am 9. August.

 Artenschutztage © Sistlau 2009 Zahlreiche Infostände säumen die Löwenallee. Große und Kleine Tierfreunde erfahren hier Neues rund um Biotop- und Artenschutz und werden herzlich zum Mitmachen und Miterleben eingeladen.

Artenschutztage © Sistlau 2009 Österreichischen Bundesforste, Lebensministerium (Projekt Vielfalt Leben), Wiener Veterinäramt, Biosphärenpark Wienerwald, Vier Pfoten, WWF, BirdLIfe, Verein Auring, Amphibienschutz Wienerwald, Koordinationsstelle Fledermausschutz und -forschung, Tierschutz macht Schule, Waldrappteam, Jane Goodall Institue, Sharkproject, Arbeitsgruppe Bioakustik der Universität Wien, Nationalpark Donau-Auen, Verband der Naturparke Österreichs, Naturschutzbund, Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie sowie Nikon unterstützen die Artenschutztage und sind mit Infoständen vertreten.

Große Nussjagd © Sistlau 2009 Dass es nicht immer die Riesen oder Prominenten die interessantesten Tiere sein müssen, beweist die “Große Nussjagd“. Hier sind NachwuchsforscherInnen herzlich willkommen. Gesucht wird im Wienerwald die winzige, verschlafene Haselmaus. Welcher Kern der aufgenagten Nüsse im Magen einer Haselmaus gelandet ist, erfährt man bei den Artenschutztagen im Tiergarten Schönbrunn und beim “Langen Fest der falschen Mäuse” am 29. August zwischen 14:00 und 22:00 Uhr in Mauerbach, Kasgraben (gegenüber Gasthaus “Zum grünen Jäger”).

Artenschutztage Welche Tier man in freier Wildbahn antreffen kann. Welchen Nutzen einheimische “Schädlinge” in der Natur haben und welchen Schaden zu Jagdzwecken aus fernen Ländern eingeführte Tiere verursachen, mag Viele überraschen.

Artenschutztage Erschreckend sind die Zahlen: 44.838 Arten sind gefährdet, 869 Arten sind ausgestorben und 16.928 Arten sind akut vom Aussterben bedroht. Dies gilt es bei jeder Gelegenheit zu vermitteln. Zoos leisten einen wesentlichen Erhaltungsbeitrag, aber sie können und dürfen nicht die letzten Refugien sein ebensowenig wie sie die freie Wildbahn ersetzen können. 

Artenschutztage Die Vielfalt des Lebens zu erhalten und zu fördern muss das Anliegen aller sein. Um Verständnis für vom Aussterben bedrohte Tiere zu erzielen, bedarf es umfassender Informationen sowie dem Ausmerzen von Irtrtümern und Vorurteilen. Bartgeier schlagen keine Lämmer, allerdings ist es richtig, dass Frösche nur in einer intakten Umwelt leben. Eine intakte Umwelt, ist eine vielfältige Umwelt und benötigt der Mensch selbst zum Überleben.

Netzwerk Natur © Sistlau 2009

Der Tiergarten Schönbrunn leistet wichtige Beiträge zum Artenschutz und ist an zahlreichen Forschungsprojekten beteiligt. Das bei den Artenschutztagen lukrierte Geld wird in ein Schutzprojekt für den Roten Panda in der Indischen Provinz Sikkim fließen. Aber auch vor der eigenen Haustür ist der Tiergarten Schönbrunn aktiv. Tiergarten und Schlosspark von Schönbrunn sind eine der verborgenen Naturoasen Wiens. In Zusammenarbeit mit der Wiener Umweltschutzabteilung wurden im Zoo Informationstafeln aufgestellt. BesucherInnen dürfen jetzt überrascht feststellen, dass Wechselkröten in den Tigerteich eingezogen sind, Feldgrillen vor dem Kaiserpavillon leben und Dohlen sich als Nahrungsgast bei den Pelikanen eingeladen haben.

Karin Büchl-Krammerstätter, Dagmar Schratter, Anton Weissenbacher © Sistlau 2009

Die Wiesenotter wird das nicht allein schaffen. Sie braucht als seit den frühen 1970er Jahren verschwundene Art Unterstützung bei der Wiederansiedlung. Die giftige Wiesenotter lebt von Insekten. Sie ist scheu und durch ihr kleines Maul für den Menschen - solange man sie nicht reizt - nicht gefährlich. Ab heute leben im Tiergarten Schönbrunn vier in Ungarn nachgezüchtete kleine Wiesenottern. Das Terrarien-Suchspiel lohnt sich. Mit etwas Geduld und einem systematischen Blick entdeckt man die hübsch gezeichneten Tiere sicher. Hoffen wir, dass es bald auch wieder insektenreiche Wiesen mit diesen Tieren geben wird. 

© V. Strohschneider

siehe auch:
Atlas der bedrohten Arten
Von Kaiser bis Känguru

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Shells Muscheln Coquillages

Donnerstag, 23. Juli 2009

Non-Fiction

Antoine-Joseph Dezallier d´Argenville 
Shells - Muscheln - Coquillages 
Taschen 2009, Dt./En./Fr., 216 S. zahl. Farbabb.  
ISBN 978 3 8365 1111 7

Dezallier d'Argenville - Muscheln Dezallier d’Argenville - Muschelkunde

Seit sich der Mensch Lebensraum am Wasser zu eigen machte, werden Muscheln und Schnecken gegessen, zu Werkzeug und Schmuck verarbeitet oder gegen andere Dinge eingetauscht. Zu Objekten der Begierde im großen Stil wurden sie in Europa jedoch erst nach der Entdeckung Amerikas. Das Interesse galt natürlich nicht den einheimischen Schalentieren sondern den Exoten aus Übersee, mit denen ab dem 16. Jahrhundert Herrscher und Gelehrte ihre Wunderkammern und Kuriositätenkabinette ausstatteten.

Es waren jedoch nicht Portugal oder Spanien, sondern die zur Kolonialmacht mit stattlicher Handelsflotte aufsteigenden Niederlande, die sich zur Drehscheibe des Handels mit Muscheln und Schnecken entwickelten und zu Beginn des 17. Jahrhunderts den Markt für die dekorativen Gehäuse erst so richtig anheizten. Für einen kurzen Augenblick in der europäischen Geschichte waren prächtige Muscheln und Schnecken aus fernen Ländern fast ebenso begehrt und kostbar wie Tulpen. Die Zahl der europäischen Muschelsammlungen wuchs stetig. Mit der Zeit trat neben die Sammelleidenschaft die Lust am Ordnen und systematischen Erfassen, begleitet von dem Bedürfnis die mühsam errungenen Forschungsergebnisse zu veröffentlichen. Und hier kommt der Franzose Antoine-Joseph Dezallier d´Argenville (1680-1765), selbst stolzer Besitzer einer Muschelsammlung, ins Spiel.

Heute sind nicht mehr die Gehäuse von Muscheln und Schnecken die Kostbarkeiten, sondern die historischen Publikationen über sie. Antoine-Joseph Dezallier d´Argenvilles La Conchyliologie, ou Histoire naturelle des coquilles de mer, d´eau douce, terrestres et fossiles ist ein solches Kleinod. Dank des TASCHEN Verlages kann nun der Tafelteil dieser dritten, 1780 erschienenen, Auflage des Muschelbuches, in einer der seltenen kolorierten Versionen, unter dem Titel “Shells - Muscheln - Coquillages” in jeder guten Buchhandlung erworben werden. Und es ist eine Anschaffung, die sich lohnt. Auf 80 großformatigen Tafeln sind berückend schöne, schlicht geformte oder bizarre Muscheln und Schnecken der Weltmeere ebenso zu bewundern wie Kopffüßer, Weichtiere, Seeigel und Krebstiere. Doch nicht nur die Schätze der Meere wurden in detaillierten Radierungen festgehalten. Auch Süßwasserschnecken und -muscheln sowie Landschnecken sind in Hülle und Fülle zu finden. Der neu gewählte Titel “Shells - Muscheln - Coquillages” greift also ein wenig zu kurz, den BetrachterInnen wird viel mehr geboten als die karge, wenngleich dreisprachig leichter am Cover unterzubringende, Wortwahl vermuten lässt. Unter anderem halten glückliche BesitzerInnen des prachtvollen Buches ein Stück Wissenschaftsgeschichte in den Händen.

Der Privatgelehrte Dezallier d´Argenville, studierter Rechtswissenschaftler und durch Ämterkauf schlau die Karriere vorantreibender hoher Beamter, schrieb seine Arbeit über die Muscheln und Schnecken nicht als Hobby. Es lag ihm daran, die Wissenschaft voranzutreiben und dafür schreckte er auch vor dem Sezieren eines Schalentieres nicht zurück. Mit seinem Gartenbuch La Théorie et la Pratique de Jardinage war ihm schon einmal ein Bestseller gelungen. 1742 kam L´Histoire naturelle éclaircie dans deux de ses parties principales, la lithologie et la conchyliologie heraus, in der - nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten gegliedert - auf 32 Tafeln Muscheln und Schnecken präsentiert wurden. Die erste in Frankreich erschienene Muschelkunde war sofort ein Erfolg. Sie wurde sogar von Carl von Linné als Arbeitsunterlage für seinen Überblick über alle damals bekannten Tierarten, die Systema naturae (1758), herangezogen. Statt sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen arbeitete Dezallier d´Argenville weiter an seinem Buch und legte schließlich 1757 die zweite, erweiterte Auflage vor. Die dritte Auflage erlebte er nicht mehr. An seine Stelle traten die Zeichner Jacques de Favanne de Montcervelle und sein Sohn Guillaume. Sie brachten den Text des Buches auf den neuesten Stand, fügten ein Porträt von Dezallier d´Argenville sowie ein zweites Titelblatt hinzu und erweiterten den Tafelteil auf 80 Radierungen. Wer farbige Abbildungen der dekorativ angeordneten Schalentiere sein Eigen nennen wollte, musste die Tafeln von Hand kolorieren lassen. Das geschah selten und nicht nach ein und demselben Vorbild - sehr zur Freude der Antiquare, denn die Qualität der Ausführung bestimmte von diesem Zeitpunkt an den Preis der Tafelbände. Es versteht sich von selbst, dass der TASCHEN Verlag für “Shells - Muscheln - Coquillages” auf ein besonders schönes Exemplar zurückgreift.

Doch das opulente Buch mit dem verführerischen Cover ergötzt nicht nur das Auge. Es stillt durch die Hinzufügung von Essays und der Bestimmung der auf den Tafeln abgebildeten Arten durch Rainer und Sophia Willmann auch den Wissensdurst. So befasst sich Veronica Carpita in “Eine Passion für Muscheln. Dezallier d´Argenvilles Conchyliologie im Spannungsfeld von Naturwissenschaft und Kunst” mit der Entstehungsgeschichte von Dezallier d´Argenvilles Buchprojekt, den Anfängen der Erforschung der Schalentiere und den Spuren, die Muscheln als Symbol und dekoratives Motiv in der Kunst hinterlassen haben.

Rainer Willmann widmet sich den naturwissenschaftlichen Aspekten. Er legt in “Die wissenschaftliche Bedeutung des Conchylien-Werkes von Dezallier d´Argenville” und “Die Benennung der Arten bei Dezallier d´Argenville und Carl von Linné” den Nachhall der Muschelkunde des Franzosen in der Welt der Wissenschaft dar und erklärt wie die auf den Tafeln festgehaltenen Kreaturen zu ihren heutigen Namen kamen.

“Shells - Muscheln - Coquillages” wird Liebhaber der dekorativen Schalentiere und naturwissenschaftlicher Bücher entzücken. Stillen kann das attraktive Buch die Sehnsucht nach Strandspaziergängen und Muschelsammeln nicht, aber es hilft sie zu lindern.

© Ch. Ranseder

Dezallier d’Argenville - Muschelkunde

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WunderWeltWald

Montag, 20. Juli 2009

Notiz

WunderWeltWald
BöhmerWALDArena
ab 18. Juli 2009

BöhmerWaldArena © Sistlau '09

Die BöhmerWaldArena steht auf der österreichischen Seite des Dreiländerecks mit Deutschland und Tschechien. In der zwischen Tradition und Moderne positionierten Architektur wird seit 18. Juli 2009 die komplett barrierefrei eingerichtete Ausstellung “WunderWeltWald” gezeigt.

Orientierungspult Tastplan, Audiodeskription © Sistlau '09
Tatsächlich ist die Ausstellung über 400 Millionen Jahre Waldgeschichte mit Schwerpunkt Böhmerwald etwas Besonderes. Sie ist nämlich mehr als nur rollstuhlgerecht. Es wird den BesucherInnen gute Mobilität gewährleistet und zusätzlich alle Sinne angesprochen. Optische Eindrücke erwartet man als BesucherIn, aber das ist für sehbeeinträchtigte und blinde Menschen sowie Personen mit eingeschränktem oder fehlendem Hörvermögen zu wenig.

Tastschiene: Felle, Tierspuren, Bodenqualitäten © Sistlau '09 Waldelement Luft, Geruch des Waldes ©  Sistlau '09 
Die Ausstellung bietet eindeutig mehr als der Titel “WunderWeltWald” verspricht. BesucherInnen werden über den Wald informiert und gleichzeitig für die Bedürfnisse anderer BesucherInnen sensibilisiert; denn diese Ausstellung kann man mit allen Sinnen sehen, hören, riechen und tasten.

Bereichstafel Waldstockwerke Text, Audio, Video © Sistlau '09 
Wie differenziert Bedürfnisse sein können, wird deutlich, wenn man Audiodeskriptionen - gesprochene Informationen inklusive Informationen zur Orientierung im Raum - hört oder auf kleinen Monitoren Zuspielungen in Gebärdensprache sieht. Ganz abgesehen davon, dass die Audiodeskriptionen für alle BesucherInnen von Vorteil sind, die lieber zuhören als lesen möchten.

Touchwall © Sistlau '09 
Von Informationen werden BesucherInnen in Ausstellungen oft überflutet. Hier wird sie bedarfsorientiert angeboten. Bei individuell per Knopfdruck abgerufenen Informationen sind BesucherInnen empfänglicher für das “etwas mehr”. Interaktive Stationen sorgen darüber hinaus für abwechslungsreiche Erlebnisse.

Waldstimmung mit Monitoren und Interviews © Sistlau '09 Waldelemente und Klimakurve © Sistlau '09 
Der Böhmerwald, das Original, befindet sich unmittelbar vor der Tür, die abstrahierte Form in der Ausstellung. Die moderne Inszenierung lädt zum Mitdenken ein. Sie bietet zugleich einen zeitgemäßen Kontrast zur traditionsreichen Waldwirtschaft. Auftakt macht ein Säulenwald mit Monitoren. hier werden sowohl Waldbewohner (Fuchs, Kauz, etc.) gezeigt als auch Waldnutzer (Förster, Pilzsucher etc.) mit Interviews vorgestellt. Das Keimen des Samen bis Heranwachsen eines jungen Baumes ist in neun Vitrinen verfolgbar. Gleich daneben zeigt ein 3D-Kino wie ein Baum fällt/fehlt. Vitrinen zu den Waldelementen zeigen die Bedeutung von Licht, Luft, Wasser und Boden im Wald.

Fauna und Flora des Waldes © Sistlau '09 Begehbarer Baumstamm © Sistlau '09
Zwei großzügige Raumelemente zeigen auf ihren Außenseiten die Klimakurve und die Bedeutung der Forstwirtschaft. Im Inneren umschließen sie die Themenbereiche Fauna und Flora. Bäume sind Wunderwerke der Natur. Wurzel, Stamm und Blatt eines Baumes haben differenzierte Funktionen. Drei begehbare Elemente verdeutlichen diese Aufgaben.

Waldbibliothek © Sistlau '09 Eichhörnchen © Sistlau '09
Besucher dürfen die Exponate zum Teil auch anfassen. Die empfindliche “Waldbibliothek” - ein in Buchform angelegtes Baumherbarium - ist durch eine Vitrine geschützt, aber Eichhörnchen, Fuchs und Hirsch laden zum Streicheln ein. Ein eigens entwickelter Fällsimulator erlaubt es BesucherInnen gefahrlos mit einer Motorsäge zu hantieren und sich im Holzschneiden zu üben.

Waldformen © Sistlau '09 Der Wald ist mehr als die Summe der Bäume © Sistlau '09 
Egal ob Plantagen, Urwälder oder naturnahe Waldwirtschaft, der Wald ist definitiv mehr als nur die Summe seiner Bäume. Ein tolles Ausstellungserlebnis für ALLE Menschen (Universelles Design von prenn_punkt), dem nur noch gute Begleitpublikationen fehlen.

© S. Strohschneider-Laue

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Bedroht - Ausgerottet

Freitag, 17. Juli 2009

Non-Fiction

Richard Mackay
Atlas der bedrohten Arten
Haupt 2009, 128 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 258 07454 2

Atlas der bedrohten Arten  Atlas der bedrohten Arten

Der Schrecken der Ausrottung in fantastischen Bildern, anschaulichen Karten und Statistiken. Spannend wie ein Roman und furchterregend wie die Abendnachrichten. Ein ultimativ tödliches Thema: Aussterben. Das informative Handbuch zeigt auf, dass Aussterben über Tiger, Panda & Co. hinaus uns alle betrifft. Richard Mackay legt hiermit ein pointiertes und trotzdem ausführliches Buch über die evolutive Bedeutung und den menschenverursachten Rückgang der Biodiversität vor. Der Autor ist Spezialist für ökologische Fragen und versiert im Darstellen komplizierter Sachverhalte. Die grundlegende Publikation ist in England bereits in der dritten überarbeiteten Auflage erschienen und liegt jetzt endlich auch in deutscher Ausgabe vor.

Aussterben ist ein natürlicher Prozess der jedem Lebewesen droht und zugleich Evolution bedeuten kann. Aussterben ohne Evolution beendet meist mehr als “nur” eine Art. Aussterben leitet im schlimmsten Fall den Zusammenbruch einer Nahrungskette und in weiterer Folge auch den Niedergang des gesamten Ökosystems ein. Kommt es zum Massenaussterben hat es fatale Folgen. Bekanntestes Massenaussterben ist das der Dinosaurier am Übergang Kreide/Tertiär. Das Aussterben ist kennzeichnendes Element für Epochen des Erdzeitalters. Auch in der Menschheitsentwicklung kam es öfters zum Aussterben von Vorgängern und koexistierenden Hominiden, was die Entwicklung prägte. Die sich immer schneller drehende Spirale des menschlichen  ”Fortschritts” rotiert in (selbst)zerstörerische Höhen unter dem ganze Ökosysteme zu leiden haben. Nie zuvor hatte eine einzige Spezies so einen globalen Impakt. Die heutige Aussterberate liegt bei einem Prozent aller Arten pro Jahr, das lässt die Aussterbrate über das 1000fache des natürlichen Prozesses ansteigen.

Sechs Kapitel behandeln “Aussterben ist endgültig”, “Ökosysteme, “Verletzliche Regionen”, “Bedrohte Tiere und Pflanzen”, “Bedrohte Vögel”, “Natur-, Tier und Pflanzenschutz”. Das letzte Kapitel bietet übersichtliche Tabellen, Quellen und Register.

Der von Ökosystemen und bedrohten Regionen der Kontinente bis zu einzelnen Gruppen von Lebewesen gespannte Bogen, wird von erstklassigen Fotos und Grafiken optisch unterstrichen. Veranschaulicht werden die Themenbereiche mit Karten. Auf ihnen können die Aussterbefaktoren mit Hilfe passend gewählter Symbole abgelesen werden. Die vorbildliche Gestaltung trägt wesentlich zur Verständlichkeit der komplexen Inhalte bei. Die fotografische Auswahl ist beeindruckend. Bedrohte und Opfer werden zu Sympathieträgern für die LeserInnen. Sie unterstreichen stets die vom Autor angesprochenen Schutzmaßnahmen zum Erhalt der Artenvielfalt. Im letzten Kapitel findet sich eine nach Ländern und innerhalb dieser alphabetisch Liste der bedrohten Arten. Erschreckend und mit Folgen für die gesamte Menschheit!

Der “Atlas der bedrohten Arten” ist für Umweltbewusste und Tierliebhaber selbstverständlich, für den Rest der Menschheit Zwangslektüre. Ein Wermutstropfen ist, dass das großartig aufbereitete Thema zwar als attraktive Publikation aber nicht in einem umweltfreundlichen Herstellungsprozess umgesetzt wurde.

© V. Strohschneider

Atlas der bedrohten Arten

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Handbuch Zoo

Donnerstag, 25. Juni 2009

Non-Fiction

Jürg Meier   
Handbuch Zoo 

Haupt 2009, 230 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 258 07448 1

Handbuch Zoo Handbuch Zoo: Moderne Tiergartenbiologie

Wohnklos für die Primatenhaltung oder betonierte winzige Bärenzwinger sind endlich out. Die moderne Zootierhaltung setzt auf Vergesellschaftung, Beschäftigung und möglichst artgerechte Haltung, die nicht antiseptisch wirkt.

Der älteste bestehende Zoo weltweit ist der Tiergarten Schönbrunn (seit 1752) in Wien. Seit seinem Bestehen haben sich Zoos kontinuierlich von Menagerien für Schaulustige zu grünen Bildungsoasen, Forschungszentren und Ressorts für vom Aussterben bedrohte Tierarten entwickelt. Die Veränderungen der inhaltlichen Ziele gingen ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert Hand in Hand mit verbesserten Haltungsbedingungen. Eine Folge inadäquater Haltungsbedingen, die u. a. mangelnde Quarantäne, unausgewogene Fütterung sowie falsche Klimabedingungen betreffen, waren nicht nur die geringe Lebenserwartung von Zootieren. Bei nichtartgerechter Haltung nehmen Aktionen und Reaktionen, Fortpflanzung der Tiere im gleichen Maße ab wie psychische Störungen zunehmen. Tierische Dramen, die die BesucherInnen nicht unberührt ließen. Die Bedingungen haben sich seither enorm verbessert, aber nicht in allen Institutionen und für alle Tiere im gleichen Maße. Es bleibt noch viel zu tun. Die moderne Tiergartenbiologie ist ein interdisziplinäres Fach, das sich aus Teilgebieten der Biologie, Tiermedizin und der Ökonomie zusammensetzt. Eine stete Verbesserung der Tierhaltung im Rahmen zoologischer Anlagen ist das inhaltliche Hauptziel. Die Dualität von wild- und zoobiologischer Forschung sowie “Präsentation” von Tieren in möglichst artgerechten, natürlichen Lebensräumen für BesucherInnen sind diametrale Ansätze, die es gilt unter einen Hut zu bringen.

Jürg Meier ist Experte auf dem Gebiet der artgerechten Wildtierhaltung. Im vorliegenden “Handbuch Zoo” legt er in übersichtlichen sieben Kapiteln vor, worauf es in Tiergärten und somit in der Tiergartenbiologie ankommt.
In den Einstiegskapiteln “Tiergärten und ihre Bedeutung”, “Tiergartenbiologie - Begriffe und Definitionen” werden die Grundlagen des Faches und der Institution dargelegt.
Danach widmet sich der Autor unter den treffenden Überschriften “die Bühne”, die “Darsteller” und ”das Publikum” dem interaktiven Bereich zwischen Forschung, Ökonomie und Außenkommunikation.
Der Besuch hinter “die Kulissen” zeigt berufliche Aspekte auf und verdeutlicht den vielfältigen logistischen Aufwand.
Der Ausblick auf die “Zukunft Zoo” macht deutlich, dass Zoos nicht an Bedeutung verlieren werden. Das Bestreben nach möglichst natürlicher Haltung der Tiere, Teilnahme an Zuchtprogrammen im Rahmen des Artenschutzes und die Angebote der besucherorientierten Vermittlung werden mehr und mehr an Bedeutung gewinnen.
Im benutzerfreundlichem Anhang finden sich neben weiterführender Literatur und Register wichtige Hinweise auf Zoozeitschriften udn Zooorganisationen.
Ein großer Verdienst des Autors ist es, den anspruchsvollen Inhalt so fesselnd vorzulegen, dass es nicht nur tiergartenbiologische Pflichtlektüre ist, sondern auch begeisterte ZoobesucherInnen das Grundlagenwerk gerne lesen werden. Eine Fülle sprechenden Bildmaterials und die übersichtliche, frische Gestaltung des Buches tragen dazu bei, dass das “Handbuch Zoo” zu einem attraktiven wissenschaftlichen Lesevergnügen wird.

© V. Strohschneider

Handbuch Zoo: Moderne Tiergartenbiologie

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Philosoph & Wolf

Dienstag, 23. Juni 2009

Non-Fiction

Mark Rowlands
Der Philosoph und der Wolf
Was ein wildes Tier und lehrt
Rogner&Bernhard 2009, 152 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 938045 36 7

Der Philosoph und der Wolf  Der Philosoph und der Wolf: Was ein wildes Tier uns lehrt

Brenin begleitete seinen Philosophen überall hin - sogar in die Vorlesungen. Am Beispiel dieses ungewöhnlichen Zusammenlebens mit einem Wolf voller Marotten offenbart sich für den Philosophen eine neue Weltsicht. Mark Rowlands gelingt es Philosophie am tierischen Beispiel so fesselnd zu schildern, dass man das Buch erst zur Seite legt, wenn die letzte Seite erreicht ist. Und selbst dann legt man das autobiografische Werk nur ungern aus der Hand.

Wolfswelpen 500 $ + Reparatur der Wohnung 500 $ = 0 $ Kontostand. Diese ganze Minusrechnung entstand innerhalb einer Stunde, aber Geld bedeutet nichts und ein dagegen Rudelmitglied alles. Diese Erkenntnis ist die erste, der sich Rowlands stellen muss als der Wolfswelpe Brenin das Zusammenleben mit ihm begann. Der Unterschied zeigt sich schon dadurch, dass man nicht “Wolfsbesitzer” - abgesehen vom rechtlichen Status den man hat, wenn man den Schaden zahlen muss - ist, sondern mit einem Wolf zusammenlebt.

Wölfe sind nicht gerne von ihrem Rudel getrennt. Sie langweilen sich überaus schnell und ihre Selbstbeschäftigungstherapie kostet rasch viel Geld. Die marginale Grundregel “lass’ mich nicht allein” führte dazu, dass Brenin Rowlands ständiger Begleiter wurde. Egal ob Vorlesungen, Reisen oder Übersiedelungen von Amerika nach Europa, Brenin war immer dabei. Die StudentInnen wird es gefreut haben, wenn Brenin im Hörsaal zu heulen begann. Vermutlich hätten sie gerne ab und an eingestimmt. Die Nachbarin in Irland verdankte Brenin, dass ihr Exmann durch Brenins Rudelmenschen in die Schranken gewiesen wurde. Ein guter Anlass für Rowlands sein Verhalten, wie des Öfteren in Zusammenhang mit Brenin, bei dieser “Nachbarschaftshilfe” einem Zivilisations-TÜV zu unterziehen. Das Zusammenleben mit Brenin prägte sicherlich auch den Wolf, aber in erster Linie beeinflusste es die Sichtweisen des Philosophen. Fundamentale Erkenntnisse rund um menschliche Wertesysteme, Zivilisation, Freundschaft, Liebe, Hoffnung und Tod werden anhand dieser Erfahrungen hinterfragt und neu bewertet. Elf anstrengende aber unvergleichliche Jahre enden mit dem Tod Brenins in Frankreich.

Schreiben ist mehr oder weniger für AutorInnen Therapie. Bei Rowlands war es nicht anders und er musste den Verlust seines Rudelmitglieds verarbeiten. Deshalb bleibt von Brenin mehr als dieses Buch, denn Rowlands teilt den gewonnenen Lebenssinn, Verantwortung und nicht zuletzt Liebe mit den LeserInnen. Nicht nur die Studenten hat es gefreut Brenin kennenzulernen, sondern auch mich - auf jeder einzelnen Seite des Buches.

© S. Strohschneider-Laue

Der Philosoph und der Wolf: Was ein wildes Tier uns lehrt
The Philosopher and the Wolf
The Philosopher and the Wolf: Lessons from the Wild on Love, Death, and Happiness

siehe auch
Oxford Center for Animal Ethics

Keine Panik vor Statistik!

Donnerstag, 18. Juni 2009

Non-Fiction

Markus Oestreich, Oliver Romberg
Keine Panik vor Statistik!
Erfolg und Spaß im Horrorfach nichttechnischer Studiengänge
Vieweg+Teubner 2009, 326 S., zahlr. Abb. und Tab.
ISBN 978 3 8348 0282 8

Keine Panik vor Statistik /> <strong><span style= Keine Panik vor Statistik!: Erfolg und Spaß im Horrorfach aller nichttechnischen Studiengänge: Erfolg und Spaß im Horrorfach aller nichttechnischen Studiengänge

In jedem Studiengang sieht man sich mit Prüfungsfächern konfrontiert, mit denen man - rein statistisch - zu 100% nicht gerechnet hat. “Nie mehr Mathe” singen viele nach bestandener Matura/Abitur, beginnen mit einem möglichst unmathematischen Studium und werden - rein statistisch - zu fast 100% mit irgendeiner Form von Mathematik konfrontiert. Statistik ist eines dieser mathematischen Teilgebiete, die zuweilen völlig überraschend vor StudienbeginnerInnen auftauchen und sich als große Hürde entpuppen können. Hürden soll man nicht scheuen, sondern bewältigen und es ist unnötig die Stange gleich ganz oben aufzulegen.

Wenn man zu den 11,7% der Leser - die angegebene Statistik ist leider nicht genderspezifisch - zählt, die das Vorwort liest, dann hat man zumindest keine Sorge mehr 326 Seiten gelangweilt zu werden: die Autoren sind humorige Menschen und keine stoischen Vulkanier. Einfacher können die beiden Mathematiker die Statistik zwar auch nicht machen, aber es gelingt ihnen mit vielen - oft sehr schrägen - Vergleichen zunächst Unverdauliches appetitlicher zu machen, damit man bereit ist, es auch wirklich - wirklich alles - ordentlich durchzukauen.

Die Einführung bringt es mit den ersten 42 Seiten statistischer Grundlagen auf den Punkt: Ohne Statistik läuft nichts - oder zumindest nichts mehr. Die nachfolgenden Kapitel widmen sich dann jeweils gut strukturiert der deskriptiven Statistik, der Wahrscheinlichkeit und der beurteilenden Statistik. Die drei Kapitel haben übrigens mit dem “Herrn der Ringe” mehr als nur den Umfang gemeinsam. Es werden sich trotz der exzellenten Querbezüge und guten Erklärungen die LeserInnen in drei Lager aufspalten: “Statistik!”-Fans, “Statistik!”-HasserInnen und jene irrelevanten/ignoranten NichtleserInnen, die die Prüfung beim ersten Anlauf geschafft haben.

Der große Verdienst von “Keine Panik vor Statistik” ist selbstverständlich nicht nur die geniale Schreibe. Es sind die gut strukturieren Zugänge, die auf das Wesentliche komprimierten Zusammenfassungen und natürlich die Aufgaben mit Lösungsweg. Nicht zuletzt seien auch die Tabellen erwähnt, die man leider nicht angewidert auf den Tellerrand schieben darf, sondern verdauen muss wie sie sind. Für die Hebung des Ansehens der verkannten Fußnote, die eigentlich mehr sein sollte als nur ein weiterführendes und/oder belegendes Zitat, haben die beiden Autoren ganz nebenbei auch noch beigetragen. Diese Fußnoten sind schon aus therapeutischen Gründen lesenswert, weil sie mit großer Wahrscheinlichkeit statistisch gesehen hochverkrampfte Statistik-Lernende wieder auflockern.

Das beste Einsteigerbuch für Nicht-MathematikerInnen bevor sie sich an die unvermeidlichen Hardcore-Statistikbücher heranwagen sollten. Übrigens soll es eine relevante, leider nicht reliable und rein subjektive Statistik geben, dass echte Matheprofis es bloß nicht zugeben, dass sie “Keine Panik vor Statistik!” ebenfalls gelesen haben.

© V. Strohschneider

Keine Panik vor Statistik!: Erfolg und Spaß im Horrorfach aller nichttechnischen Studiengänge: Erfolg und Spaß im Horrorfach aller nichttechnischen Studiengänge

siehe auch:
Keine Panik vor Thermodynamik!: Erfolg und Spaß im klassischen “Dickbrettbohrerfach” des Ingenieurstudiums
Keine Panik vor Mechanik!: Erfolg und Spaß im klassischen “Loser-Fach” des Ingenieurstudiums
Ohne Panik Strömungsmechanik!: Ein Lernbuch zur Prüfungsvorbereitung, zum Auffrischen und Nachschlagen mit Cartoons von Oliver Romberg

und nicht vergessen: Keine Panik vor Statistik!

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Rotmilan

Montag, 15. Juni 2009

Non-Fiction

Adrian Aebischer 
Der Rotmilan
Ein faszinierender Greifvogel
Haupt 2009, 232 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 258 07417 7

Der Rotmilan Der Rotmilan: Ein faszinierender Greifvogel

Jede/r aufmerksame/r NaturfreundIn hat den Rotmilan irgendwann einmal beobachtet, zumindest in Deutschland, Frankreich oder Spanien. In diesen Ländern befinden sich drei Viertel des Weltbestandes. In Österreich ist die Zahl der mehr oder minder erfolgreichen, maximal zwanzig Brutpaare leider nur als verschwindend zu bezeichnen.

Der Kulturfolger trägt viele Namen, darunter Gabelweihe oder Roter Habicht. Die auffällige Erscheinung des etwa bussardgroßen Vogels mit seinen langen schlanken, auf der Unterseite dreifarbigen Flügeln, rostbraunem Gefieder und dem langen, gegabelten Schwanz, verschaffen selbst ungeübten Vogelbeobachtern beim Erkennen ein rasches Erfolgserlebnis. Insbesondere die kurzen Drehbewegungen des Schwanzes zur Flugkorrektur sind typisch für den Rotmilan und ein echter Eye-Catcher. Die fantastischen Fotografien in diesem Buch zeigen den wunderschönen Vogel tatsächlich von seinen besten Seiten und bei eindrucksvollen Flugmanövern.

“Der Rotmilan” ist das beste Handbuch, das zum Rotmilan bisher vorgelegt wurde. Am Puls der Forschung vereinigt es die zahlreichen Einzelstudien mit den in der Westschweiz seit 2000 erhobenen Fakten zu Brutbiologie, Wanderungen und Überwinterungen zu einer ebenso spannenden wie wissenschaftlich fundierten Lektüre. Unglaublich wie viele Fakten für dieses Buch erhoben wurden und wie viele Fragen zum Rotmilan beim derzeitigen Stand der Forschung trotzdem noch offen bleiben. Ein Verdienst dieses Buches ist es diese Forschungslücken aufzuzeigen und Studien wie z. B. zur Sterblichkeit, Wanderungsrouten des Rotmilans in Winterquartieren einzufordern. Statistiken, Tabellen und Karten präsentieren übersichtlich u. a. Verbreitung, Bestandsdichte, Zugrichtungen oder Todesursachen des Rotmilans.

Vorliegende Publikation zeichnet sich durch seine systematische inhaltliche Gliederung, die zusätzlich durch ein perfektes Layout unterstützt wird, aus. Die sechs Kapitel “Beschreibung”, “Lebensraum und Nahrung, Balz, Brut und Jungvögel”, “Ein echter Europäer: Verbreitung des Romilans”, “Überwinterung und Wanderung”, “Gefährdung und Schutz” werden durch einen Ausblick auf “die Greifvögel Mitteleuropas” sinnvoll ergänzt. Der Anhang rundet den benutzerfreundlich angelegten Band mit einem exzellenten Literaturverzeichnis, Bildnachweis, nützlichen Adressen und einem Register ab. Erfreulich, dass der Autor nicht mit Dank an die zahlreichen MitarbeiterInnen, KollegInnen und Rotmilan-FreundInnen geizt. Unterstreicht doch diese Transparenz die Bedeutung und die Unentbehrlichkeit internationaler sowie interdisziplinärer wissenschaftlicher Kooperationen.

Wie es wirklich um den Rotmilan steht und was gut für ihn ist, weiß man allerdings erst nach dieser großartigen Bestandsaufnahme. Unentbehrlich für OrnithologInnen und ein Muss für jeden Greifvogelfan!

© V. Strohschneider

Der Rotmilan: Ein faszinierender Greifvogel

siehe auch:
Zürcher Tierschutz (Projektförderung)
Birdlife  Schweiz
Birdlife Österreich
Naturschutzbund Deutschland 
Atlas der bedrohten Arten 

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Darwins Schwestern

Montag, 18. Mai 2009

Non-Fiction

Gudrun Fischer (Hg.)
Darwins Schwestern
Orlanda 2009, 220 S., 15 Sw-Abb.
ISBN 978 3 936937 67 1

Darwins Schwestern Darwins Schwestern: Porträts von Naturforscherinnen und Biologinnen

Von der Pionierin Maria Sybilla Merian (1647-1717) bis zu den Naturwissenschaftlerinnen der Gegenwart spannt sich der zeitliche Bogen. Fünfzehn Biologinnen, die Situation der Frau in der Biologie und die feministische Kritik an der Evolutionstheorie werden in acht Kapiteln einer fesselnden Analyse unterzogen. Den Pionierinnen Merian und Dietrich folgen die erste Hochschulprofessorin von Wrangell und die nazikritische Zoologin von Linden. Die Genetikerinnen Schiemann, Ubisch und Hertwig spiegeln Karrieren bis Mitte des 20. Jahrhunderts. Mann Borgese war zwar nicht Gründungsmitglied aber 1970 die einzige Frau im Club of Rome (CoR) und sie gründete 1972 das International Ocean Institut (IOI). Die zeitgenössischen Biologinnen werden durch die beiden Nobelpreisträgerinnen McClintock, Nüsslein-Volhard sowie Lochte, die Direktorin des AWI, repräsentiert. Die Naturwissenschaftlerinnen Boetius, Sattler, Becker und Karatas stehen für die jungen Aktiven. Der aktuelle Stand der Dinge zur Situation der Frauen in der Biologie sowie die feministische Kritik an der Evolutionstheorie werden im Schlusskapitel “Hintergrund” einer übersichtlichen Betrachtung unterzogen. Weiterführende Literatur zu den einzelnen Wissenschafterinnen sowie Kurzbiografien der Autorinnen runden “Darwins Schwestern” ab.

Gudrun Fischer - selbst Biologin - hat es sich nicht leicht gemacht die Auswahl unter den Biologinnen und deren Biografinnen zu treffen. Und so ist das Buch auch geworden: Vielfältig wie das Leben, voller Entdeckungen und abwechslungsreich geschrieben. Der große Verdienst des Buches besteht daher nicht in exzellenten Biografien oder dem - unmöglichen - Anspruch auf Vollständigkeit. Es ist vor allem die Präsentation der Verhältnisse zwischen aufgetürmten Hürden, erbrachten Leistungen und durchlebten Karrieren der Wissenschaftlerinnen, die besticht. Die Biologie ist nämlich nicht nur in sprachlicher Hinsicht weiblich. Unter den Naturwissenschaften ist Biologie jenes Studium, das mit etwa den größten Frauenanteil von der Erstsemestrigen bis zur Absolventin verzeichnen kann. In die Führungsebenen und den Olymp der Forschung schaffen es trotzdem mehr Männer als Frauen.

“Darwins Schwestern” macht naturwissenschaftliche Frauenkarrieren sichtbar, aber auch jene gesellschaftlichen Widerstände und beruflichen Barrieren, die etliche Parallelen quer durch die Zeiten aufweisen. Bei “typischen Frauenkarrieren” kommen die Doppelbelastung als Forscherin und Ehefrau, freie oder erzwungene Entscheidungen zwischen Forschung und Privatleben und weiterer Reibungsverlust, dem Männer niemals ausgesetzt waren oder sein werden, zum Tragen. Es trotzdem zu schaffen, bedeutet anscheined für viele Wissenschafterinnen 150 % anzustreben, 100% zu erreichen und zum Ausgleich zu 50% unzufrieden mit dem Erreichten zu sein. Ein bisschen mehr männliches Streben nach dem “egal, nächstes mal wird’s besser”, ist möglicherweise dem Selbstwertgefühl abträglich, aber der Karriere zuträglicher als jede Perfektion.

Darwins Schwestern waren keine Biologinnen. Ob Darwin die Porträtierten als Kolleginnen wirklich akzeptiert hätte, wage ich zu bezweifeln. So gesehen, finde ich den Titel zwar unpassend, aber verkaufsförderlich und das ist gut so, denn die Botschaft soll bei möglichst vielen LeserInnen ankommen. Ein geniales Buch, das eindeutig nicht nur für Naturwissenschafterinnen geschrieben wurde.

© S. Strohschneider-Laue

Darwins Schwestern: Porträts von Naturforscherinnen und Biologinnen

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Liebesleben

Samstag, 25. April 2009

Non-Fiction

Edvard Koinberg
Herbarium Amoris
Das Liebesleben der Pflanzen
Essays von Henning Mankell und Tore Frängsmyr 
Taschen 2009, 152 S., zahlr. Farbfotos.

ISBN 978 3 8365 1781 2

Herbarium Amoris  Koinberg - Herbarium Amoris

Sex sells! Ob das auch schon Carl von Linné (1707-1778) wusste? Immerhin bediente er sich einer sexuell aufgeladenen Sprache, um seine Methode der Klassifizierung von Planzen nach Zahl und Anordnung der Staubgefäße und Fruchtblätter publik zu machen. Seine Zeitgenossen waren erwartungsgemäß schockiert und Linnés Name in aller Munde. Doch seinem Systema sexuale war kein Glück beschieden, schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts war es überholt. Aber so ist die Wissenschaft. Zu dauerhaften Ruhm kam Lineé dennoch. Mit dem Werk Species plantarum verhalf er 1753 dem binominalen System zum Durchbruch und legte damit den Grundstein für ein standardisiertes, noch heute gültiges System der Pflanzenbenennung. Doch genug von Linné, schließlich steht nicht er im Mittelpunkt des Bildbandes “Herbarium Amoris. Das Liebesleben der Pflanzen”, sondern die wunderbaren Fotografien seines Landsmanns Edvard Koinberg. Dieser ließ sich vom Werk des großen Ordnungsliebenden nicht nur zu dem Projekt inspirieren, sondern gliedert auch die in der Publikation dargebotene Bilderflut nach dessen Calendarium florae. Linné kommt natürlich trotzdem nicht zu kurz. Ganz ohne Huldigung geht es nicht. Und so haben der bekannte Krimiautor Henning Mankell und der angesehene Wissenschaftler Tore Frängsmyr jeweils einen Essay über Carl von Linné beigesteuert.

Trotz des liebestrunkenen Titels geht es in dem Prachtband ganz züchtig zu. Keine Biene schwirrt von Blüte zu Blüte, kein Lüftchen treibt Pollen vor sich her. Dafür gibt es Pflanzen zu sehen, die in herkömmlichen Blumenbüchern mit künstlerischem Anspruch meist fehlen. Edvard Koinberg durchstreifte seinen Garten zu jeder Jahreszeit auf der Suche nach attraktiven Modellen. Blüten von Garten- und Wildpflanzen, Fruchtstände, knospende Zweige von Bäumen, ja sogar attraktives Gemüse holte er vor die Kamera. Die betörend schönen Aufnahmen von Flamingoblume und Zimmercalla belegen Abstecher zur Fensterbank.

Nicht auf jedem Foto sind die Porträtierten makellos. Manche sind bereits verwelkt und trocken, haben die beste Zeit ihres Lebenszyklus schon hinter sich. Schön sind sie dennoch. Erst im Vergehen tritt die Farbe zugunsten der Struktur zurück, gibt der Verfall den Blick auf Blattadern frei. Fest geschlossene Knospen hingegen lassen die kommende Blütenpracht erahnen. Was bei ihnen als Versprechen beginnt, wird von den am Höhepunkt ihrer Entwicklung festgehaltenen Blumen, die mit kräftiger Farbe und elegantem Wuchs verführen, erfüllt.

Edvard Koinberg spielt mit Schärfe und Unschärfe, Nahaufnahme und Dreiviertelporträt. Obwohl auf den Fotografien keine kunstvoll kombiniertten Blumensträuße zu sehen sind, erinnert die Lichtführung an die Blumenmalerei des 16. und 17. Jahrhunderts. Manchmal ist es nur eine vom Stängel getrennte Einzelblüte, die vor dem schwarzen Hintergrund zu schweben scheint. Ein andermal wächst die Gestalt einer in gedämpftes Licht getauchten Pflanze geradezu aus dem mystischen Dunkel heraus.

Der prächtige Bildband “Herbarium Amoris. Das Liebesleben der Pflanzen” besteht fast ausschließlich aus seitenfüllenden, stimmungsvollen Fotografien. Als Abschluss des Buches sind die Pflanzenporträts nochmals klein abgebildet und mit Beschreibungen versehen - damit das Rätselraten um die Identität der Dargestellten ein Ende hat.

© Ch. Ranseder

 Koinberg - Herbarium Amoris

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Tulpen des Suleiman

Montag, 13. April 2009

Non-Fiction

Holger Lundt
Die Tulpen des Suleiman
Ein Spaziergang durch die Gärten der Geschichte
Artemis & Winkler 2009, 110 S., 5 Strichzeichnungen
ISBN 978 3 538 07279 4

Die Tulpen des Suleiman Die Tulpen des Suleiman: Ein Spaziergang durch die Gärten der Geschichte

Pflanzen mögen unscheinbar wirken und doch hat der Mensch mit ihnen das Antlitz der Erde und den Verlauf der Geschichte verändert - und das nicht erst in der jüngsten Vergangenheit. Die rücksichtslose Ausbeutung natürlicher Ressourcen fand bereits zur Zeit der Pharaonen statt. Holger Lundt erzählt in “Die Tulpen des Suleiman” vom Verschwinden der als Bauholz begehrten Libanon-Zedern, das die Landschaft des Nahen Ostens baumlos und karg zurückließ. Kaum besser erging es im 16. Jahrhundert der langsam wachsenden europäischen Eibe, aus der die Engländer ihre Langbögen fertigten.

Doch in Holger Lundts flott geschriebenem Büchlein sind nicht nur Geschichten von menschlicher Gier zu finden. Er weiß auch Positives zu berichten. Da wäre zum Beispiel die Verbreitung des Kirschbaums, dessen Einführung in Europa ja dem reichen römischen Leckermaul Lucius Licinius Lucullus zu verdanken sein soll. Und was wären unsere Gärten ohne Tulpe, Flieder und Rosskastanie, die der botanisierende Diplomat Ogier Ghiselin de Busbecq aus der Türkei nach Wien brachte!

“Die Tulpen des Suleiman” verknüpft die Kulturgeschichte von Pflanzen mit den wirtschaftlichen Interessen, gärtnerischen Glücksgefühlen, geschmacklichen Vorlieben und botanischen Leidenschaften einiger historischer Persönlichkeiten.

Das Ergebnis ist eine Weltgeschichte der anderen Art, die sich perfekt als Mitbringsel für kulturhistorisch interessierte Pflanzenfreunde eignet. Und hübsch anzusehen ist das Büchlein über nützliche Bäume, schmackhafte Früchte und betörende Blüten auch.

© Ch. Ranseder

Die Tulpen des Suleiman: Ein Spaziergang durch die Gärten der Geschichte

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Halali Esterházy

Donnerstag, 26. März 2009

Non-Fiction

Stefan Körner (Hg.)
Fürstliches Halali
Jagd am Hofe Esterházy
Prestel 2008, im Schuber, 345 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 7913 4153 8

Fürstliches Halali Fürstliches Halali: Jagd am Hofe Esterházy

Auf Burg Forchtenstein wird vom 10. Mai ‘08 bis 31. Oktober ‘10 die Jagdtradition im Fürstenhaus Esterházy präsentiert. Der Katalog bietet unabhängig von der Ausstellung einen exzellenten Überblick zur Jagdgeschichte zwischen adeligem Privileg, elitärem Zeitvertreib und modernem Waidwerk. Vier Jahrhunderte fürstlicher Jagd werden hier von ihren prächtigsten und selbstbewussten Seiten gezeigt.

Hält man den großformatigen Prachtband in Händen, fällt der Blick sofort auf die moderne Diana mit ihrem Gebirgsschweißhund, die den Schuber zieren. Das leinengebundene Werk hingegen lädt die Augen mit dem Bild eines Jägers aus Meißner Porzellan auf eine Zeitreise ins 18. Jahrhundert. Und der thematisch einstimmende Augenschmaus setzt sich im Inneren ungebrochen mit historischen Stichen, Gemälden, Kunstobjekten, Trophäen, alten und modernen Fotografien - Manfred Horvath, Gerhard Wasserbauer -  fort.

Die AutorInnen des Bandes unterziehen die Jagd und die Jagd der Fürsten Esterhazy in ihren Beiträgen genaueren Betrachtungen.

Henrike Hülsbergen widmet sich unter dem Titel “Jagdlust: Von der höfischen Jagd zur Großwildjagd im 21. Jahrhundert” vor allem den gesellschaftlichen Wechselbeziehungen der männerdominierten Jagd. Dennoch spart sie verhaltenspsychologische Aspekte nicht aus und verleiht ihrem spannend geschriebenen Beitrag eine kritische Note, die man sonst nicht findet.

“Den “Formen und Mitteln der Hohen Jagd” widmet sich ausführlich Margit Knopp. Beizjagd, Hetzjagd und Parforcejagd sind nur drei der von ihr ausführlich beschriebenen Methoden Tiere zur Strecke zu bringen. Jagdformen denen auch die Esterházys und ihre Gäste gerne frönten. Die Kosten waren von Methode zu Methode unterschiedlich, aber bei der Umstellten Jagd nur noch als enorm zu bezeichnen. Die gewaltige Anzahl der erlegten Tiere wurden nicht nur an der höfischen Tafel aufgetischt, sondern wurden u. a. verkauft oder zu wohltätigen Zwecken verschenkt.

Identität, Stand, Würde und Zeitvertreib stellt Stefan Körner in “Die Fürsten Esterházy und die ungarische Jagdgeschichte” in den Mittelpunkt. Tiergärten, Jagdhunde und Ausstattung waren wichtige Besitztümer, die in Urkunden und Bildquellen festgehalten wurden. Der umfangreiche Beitrag schöpft zu dem aus einer Fülle von Originalzitaten und stellt auch durch aktuelle Fotos Querbezüge zwischen historischen Dokumenten und der Gegenwart her.
In einem knappen, wenig reflektierenden weiteren Beitrag widmet Körner sich noch “Wilderei als Diebstahl und Auflehnung gegen den Fürsten”.

Endre Balsay trägt mit “Esterházy-Jagden und -Jagdgebiete bei Eszterháza 1871-1945″ zum Verständnis der wirtschaftlichen Faktoren bei.

“Jagd heute - heute jagen? Die Bedeutung der Jagd bei den Esterházy Betrieben” von  Hans-Peter Weiss verfolgt die wirtschaftliche Bedeutung anhand der betrieblichen Situation bis in die Gegenwart.

Florian Thaddäus Bayer nimmt sich am Beispiel eines Mitglieds der Fürsten Familie der Großwildjagd an. “In beinahe 80 Tagen um die Welt: Prinz Louis Esterházy und die Großwildjagd” werden seine Leidenschaften für Reisen, Jagd und Militär begleitet von zahlreichen Fotografien und Trophäen aufgegriffen. Kuriositäten, darunter die Reisetoilette, die auf den Fahrten mitgeschleppt wurde, wie seltsame Mitbringsel und Präparate begleiten die Biographie. Janós Hasenbock - ein präparierter Hase, der am 31. Dezember 1898 sein Leben aushauchte - mutet unter all den unzähligen Überresten von toten Tieren auf verdrehte Weise geradezu menschlich  an. Auf den Hinterbeinen stehend, stützt er sich auf eine Krücke, um seine verbundene Hinterpfote zu schonen. Um sein Haupt ist ein Tüchlein gebunden und er hat einen geflickten Leinenbeutel umhängen. In der rechten Pfote hält er einen Brief, seinen “Amtlichen Erlaubnisschein” für lebenslange Almosen. Ein überaus spannender Artikel, spiegelt er doch am Beispiel von Prinz Louis Esterházy - oder auch durch Janós Hasenbock - das Selbstverständnis des Adelshauses.

Die richtige Ausrüstung betrifft nicht nur Waffen. “Die Jagdbekleidung am Hofe der Fürsten Esterházy” von Angelika Futschek zeigt deutlich wie Funktionalität mit Standesbewusstsein miteinander verwoben waren. Und dies betraf nicht nur die Fürsten selbst, sondern auch die Ausstattung, die sie ihren jagdlichen Angestellten maßschneidern ließen. Die Schriftquellen informieren genau über die Kosten, sie beschreiben, Stoffqualitäten, Farben und nennen die beauftragten Schneider. Und wenn man von einem Augenzeugen erfährt, dass die Uniform des Fürsten mit Perlen, Brillanten und Smaragden besetzt war, weiß man auch, dass man sich Kleidung für den Angestellten passend zu deren Funktion gut leisten konnte und aus Hofhaltungsgründen auch leisten wollte.

“Josef Haydn, die Jagd und die Musik” greift Gerhard J. Winkler analytisch an ausgewählten Instrumenten und musikalischen Beispielen auf. Josef Haydn war bis 1790 rund 30 Jahre als Musiker und Hofkappellmeister im Dienste der Fürsten Esterházy. Und Musiker dienten seit dem Altertum dazu den Auftraggeber nicht nur zu unterhalten, sondern ihn auch zu preisen und damit seine Hofhaltung zu unterstreichen. Somit widmete sich Haydn musikalisch auch der Jagd, die einen großen Raum der Fürsten einnahm.

Felix Tobler greift unter dem sperrigen Titel “Forstverwaltung und Jagdorganisation des Esterházy-Majorates vom Beginn des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts” ein wirtschaftsgeschichtliches Thema auf. Der Aufbau einer zentralen Jagd- und Forstverwaltung ermöglichte langfristig, zielgerichtet und vor allem wirtschaftlich zu planen.  Auch wenn in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts prunkvolle Hofjagden aus finanziellen Gründen eine Seltenheit wurden. Schade, dass man nichts Näheres über die dienstlichen Verfehlungen des Domänendirektionsrates Rampichel erfährt, das hätte das hochinteressante aber dennoch aus überwiegend buchhalterischen Quellen schöpfende  Jagd- und Forstgeschichtekapitel um geschmackige menschliche Details abseits der Verwaltung bereichert. 

Herbert Zechmeister und Stefan Körner werfen in ”Die Jagdmonturdepots der Fürsten Esterházy: Waffen, Netze und Kutschen für die Jagd” einen ausgiebigen Blick auf den Bestand.1806 enthielt z. B. die Gewehrkammer in Eisenstadt 630 Jagdwaffen. Viele kamen von namhaften Herstellern. Und leider hat sich hier ein Druckfehler eingeschlichen: Der berühmte Joseph Manton wurde fälschlich als Monton bezeichnet. Waffen, Netze, Kutschen und vieles mehr musste gelagert, gepflegt und veraltet werden. Dazu kommen noch die Trophäen, die sich im Laufe der Jahrhunderte gefrönten Jagdlust angesammelt haben. Eine große Herausforderung an das Personal und an den Geldbeutel - damals wie heute.

Der Katalogteil hebt sich optisch und haptisch vom Textteil ab. Die rauere Papierqualität des Katalogs - der Textteil ist auf Hochglanzpapier gedruckt -  unterstreicht historische Dimension der Objekte zusätzlich. Die Objekte aus vier Jahrhunderten fürstlicher Jagdgeschichte werden gelistet, anschaulich beschrieben und abgebildet. Karten zu den Jagdgebieten und Bibliographie runden das gewichtige Werk, dessen grafische Gestaltung ebenfalls besticht, ab. Ein besseres Korrektorat (u. a. alte/neue Rechtschreibung) wäre allerdings wünschenswert gewesen.

© S. Strohschneider-Laue

Fürstliches Halali: Jagd am Hofe Esterházy

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