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Shells Muscheln Coquillages

Donnerstag, 23. Juli 2009

Non-Fiction

Antoine-Joseph Dezallier d´Argenville
Shells - Muscheln - Coquillages
Taschen 2009, Dt./En./Fr., 216 S. zahl. Farbabb.
ISBN 978 3 8365 1111 7

Dezallier d'Argenville - Muscheln Dezallier d’Argenville - Muschelkunde

Seit sich der Mensch Lebensraum am Wasser zu eigen machte, werden Muscheln und Schnecken gegessen, zu Werkzeug und Schmuck verarbeitet oder gegen andere Dinge eingetauscht. Zu Objekten der Begierde im großen Stil wurden sie in Europa jedoch erst nach der Entdeckung Amerikas. Das Interesse galt natürlich nicht den einheimischen Schalentieren sondern den Exoten aus Übersee, mit denen ab dem 16. Jahrhundert Herrscher und Gelehrte ihre Wunderkammern und Kuriositätenkabinette ausstatteten.

Es waren jedoch nicht Portugal oder Spanien, sondern die zur Kolonialmacht mit stattlicher Handelsflotte aufsteigenden Niederlande, die sich zur Drehscheibe des Handels mit Muscheln und Schnecken entwickelten und zu Beginn des 17. Jahrhunderts den Markt für die dekorativen Gehäuse erst so richtig anheizten. Für einen kurzen Augenblick in der europäischen Geschichte waren prächtige Muscheln und Schnecken aus fernen Ländern fast ebenso begehrt und kostbar wie Tulpen. Die Zahl der europäischen Muschelsammlungen wuchs stetig. Mit der Zeit trat neben die Sammelleidenschaft die Lust am Ordnen und systematischen Erfassen, begleitet von dem Bedürfnis die mühsam errungenen Forschungsergebnisse zu veröffentlichen. Und hier kommt der Franzose Antoine-Joseph Dezallier d´Argenville (1680-1765), selbst stolzer Besitzer einer Muschelsammlung, ins Spiel.

Heute sind nicht mehr die Gehäuse von Muscheln und Schnecken die Kostbarkeiten, sondern die historischen Publikationen über sie. Antoine-Joseph Dezallier d´Argenvilles La Conchyliologie, ou Histoire naturelle des coquilles de mer, d´eau douce, terrestres et fossiles ist ein solches Kleinod. Dank des TASCHEN Verlages kann nun der Tafelteil dieser dritten, 1780 erschienenen, Auflage des Muschelbuches, in einer der seltenen kolorierten Versionen, unter dem Titel “Shells - Muscheln - Coquillages” in jeder guten Buchhandlung erworben werden. Und es ist eine Anschaffung, die sich lohnt. Auf 80 großformatigen Tafeln sind berückend schöne, schlicht geformte oder bizarre Muscheln und Schnecken der Weltmeere ebenso zu bewundern wie Kopffüßer, Weichtiere, Seeigel und Krebstiere. Doch nicht nur die Schätze der Meere wurden in detaillierten Radierungen festgehalten. Auch Süßwasserschnecken und -muscheln sowie Landschnecken sind in Hülle und Fülle zu finden. Der neu gewählte Titel “Shells - Muscheln - Coquillages” greift also ein wenig zu kurz, den BetrachterInnen wird viel mehr geboten als die karge, wenngleich dreisprachig leichter am Cover unterzubringende, Wortwahl vermuten lässt. Unter anderem halten glückliche BesitzerInnen des prachtvollen Buches ein Stück Wissenschaftsgeschichte in den Händen.

Der Privatgelehrte Dezallier d´Argenville, studierter Rechtswissenschaftler und durch Ämterkauf schlau die Karriere vorantreibender hoher Beamter, schrieb seine Arbeit über die Muscheln und Schnecken nicht als Hobby. Es lag ihm daran, die Wissenschaft voranzutreiben und dafür schreckte er auch vor dem Sezieren eines Schalentieres nicht zurück. Mit seinem Gartenbuch La Théorie et la Pratique de Jardinage war ihm schon einmal ein Bestseller gelungen. 1742 kam L´Histoire naturelle éclaircie dans deux de ses parties principales, la lithologie et la conchyliologie heraus, in der - nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten gegliedert - auf 32 Tafeln Muscheln und Schnecken präsentiert wurden. Die erste in Frankreich erschienene Muschelkunde war sofort ein Erfolg. Sie wurde sogar von Carl von Linné als Arbeitsunterlage für seinen Überblick über alle damals bekannten Tierarten, die Systema naturae (1758), herangezogen. Statt sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen arbeitete Dezallier d´Argenville weiter an seinem Buch und legte schließlich 1757 die zweite, erweiterte Auflage vor. Die dritte Auflage erlebte er nicht mehr. An seine Stelle traten die Zeichner Jacques de Favanne de Montcervelle und sein Sohn Guillaume. Sie brachten den Text des Buches auf den neuesten Stand, fügten ein Porträt von Dezallier d´Argenville sowie ein zweites Titelblatt hinzu und erweiterten den Tafelteil auf 80 Radierungen. Wer farbige Abbildungen der dekorativ angeordneten Schalentiere sein Eigen nennen wollte, musste die Tafeln von Hand kolorieren lassen. Das geschah selten und nicht nach ein und demselben Vorbild - sehr zur Freude der Antiquare, denn die Qualität der Ausführung bestimmte von diesem Zeitpunkt an den Preis der Tafelbände. Es versteht sich von selbst, dass der TASCHEN Verlag für “Shells - Muscheln - Coquillages” auf ein besonders schönes Exemplar zurückgreift.

Doch das opulente Buch mit dem verführerischen Cover ergötzt nicht nur das Auge. Es stillt durch die Hinzufügung von Essays und der Bestimmung der auf den Tafeln abgebildeten Arten durch Rainer und Sophia Willmann auch den Wissensdurst. So befasst sich Veronica Carpita in “Eine Passion für Muscheln. Dezallier d´Argenvilles Conchyliologie im Spannungsfeld von Naturwissenschaft und Kunst” mit der Entstehungsgeschichte von Dezallier d´Argenvilles Buchprojekt, den Anfängen der Erforschung der Schalentiere und den Spuren, die Muscheln als Symbol und dekoratives Motiv in der Kunst hinterlassen haben.

Rainer Willmann widmet sich den naturwissenschaftlichen Aspekten. Er legt in “Die wissenschaftliche Bedeutung des Conchylien-Werkes von Dezallier d´Argenville” und “Die Benennung der Arten bei Dezallier d´Argenville und Carl von Linné” den Nachhall der Muschelkunde des Franzosen in der Welt der Wissenschaft dar und erklärt wie die auf den Tafeln festgehaltenen Kreaturen zu ihren heutigen Namen kamen.

“Shells - Muscheln - Coquillages” wird Liebhaber der dekorativen Schalentiere und naturwissenschaftlicher Bücher entzücken. Stillen kann das attraktive Buch die Sehnsucht nach Strandspaziergängen und Muschelsammeln nicht, aber es hilft sie zu lindern.

© Ch. Ranseder

Dezallier d’Argenville - Muschelkunde

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WunderWeltWald

Montag, 20. Juli 2009

Notiz

WunderWeltWald
BöhmerWALDArena
ab 18. Juli 2009

BöhmerWaldArena © Sistlau '09

Die BöhmerWaldArena steht auf der österreichischen Seite des Dreiländerecks mit Deutschland und Tschechien. In der zwischen Tradition und Moderne positionierten Architektur wird seit 18. Juli 2009 die komplett barrierefrei eingerichtete Ausstellung “WunderWeltWald” gezeigt.

Orientierungspult Tastplan, Audiodeskription © Sistlau '09
Tatsächlich ist die Ausstellung über 400 Millionen Jahre Waldgeschichte mit Schwerpunkt Böhmerwald etwas Besonderes. Sie ist nämlich mehr als nur rollstuhlgerecht. Es wird den BesucherInnen gute Mobilität gewährleistet und zusätzlich alle Sinne angesprochen. Optische Eindrücke erwartet man als BesucherIn, aber das ist für sehbeeinträchtigte und blinde Menschen sowie Personen mit eingeschränktem oder fehlendem Hörvermögen zu wenig.

Tastschiene: Felle, Tierspuren, Bodenqualitäten © Sistlau '09 Waldelement Luft, Geruch des Waldes ©  Sistlau '09 
Die Ausstellung bietet eindeutig mehr als der Titel “WunderWeltWald” verspricht. BesucherInnen werden über den Wald informiert und gleichzeitig für die Bedürfnisse anderer BesucherInnen sensibilisiert; denn diese Ausstellung kann man mit allen Sinnen sehen, hören, riechen und tasten.

Bereichstafel Waldstockwerke Text, Audio, Video © Sistlau '09 
Wie differenziert Bedürfnisse sein können, wird deutlich, wenn man Audiodeskriptionen - gesprochene Informationen inklusive Informationen zur Orientierung im Raum - hört oder auf kleinen Monitoren Zuspielungen in Gebärdensprache sieht. Ganz abgesehen davon, dass die Audiodeskriptionen für alle BesucherInnen von Vorteil sind, die lieber zuhören als lesen möchten.

Touchwall © Sistlau '09 
Von Informationen werden BesucherInnen in Ausstellungen oft überflutet. Hier wird sie bedarfsorientiert angeboten. Bei individuell per Knopfdruck abgerufenen Informationen sind BesucherInnen empfänglicher für das “etwas mehr”. Interaktive Stationen sorgen darüber hinaus für abwechslungsreiche Erlebnisse.

Waldstimmung mit Monitoren und Interviews © Sistlau '09 Waldelemente und Klimakurve © Sistlau '09 
Der Böhmerwald, das Original, befindet sich unmittelbar vor der Tür, die abstrahierte Form in der Ausstellung. Die moderne Inszenierung lädt zum Mitdenken ein. Sie bietet zugleich einen zeitgemäßen Kontrast zur traditionsreichen Waldwirtschaft. Auftakt macht ein Säulenwald mit Monitoren. hier werden sowohl Waldbewohner (Fuchs, Kauz, etc.) gezeigt als auch Waldnutzer (Förster, Pilzsucher etc.) mit Interviews vorgestellt. Das Keimen des Samen bis Heranwachsen eines jungen Baumes ist in neun Vitrinen verfolgbar. Gleich daneben zeigt ein 3D-Kino wie ein Baum fällt/fehlt. Vitrinen zu den Waldelementen zeigen die Bedeutung von Licht, Luft, Wasser und Boden im Wald.

Fauna und Flora des Waldes © Sistlau '09 Begehbarer Baumstamm © Sistlau '09
Zwei großzügige Raumelemente zeigen auf ihren Außenseiten die Klimakurve und die Bedeutung der Forstwirtschaft. Im Inneren umschließen sie die Themenbereiche Fauna und Flora. Bäume sind Wunderwerke der Natur. Wurzel, Stamm und Blatt eines Baumes haben differenzierte Funktionen. Drei begehbare Elemente verdeutlichen diese Aufgaben.

Waldbibliothek © Sistlau '09 Eichhörnchen © Sistlau '09
Besucher dürfen die Exponate zum Teil auch anfassen. Die empfindliche “Waldbibliothek” - ein in Buchform angelegtes Baumherbarium - ist durch eine Vitrine geschützt, aber Eichhörnchen, Fuchs und Hirsch laden zum Streicheln ein. Ein eigens entwickelter Fällsimulator erlaubt es BesucherInnen gefahrlos mit einer Motorsäge zu hantieren und sich im Holzschneiden zu üben.

Waldformen © Sistlau '09 Der Wald ist mehr als die Summe der Bäume © Sistlau '09 
Egal ob Plantagen, Urwälder oder naturnahe Waldwirtschaft, der Wald ist definitiv mehr als nur die Summe seiner Bäume. Ein tolles Ausstellungserlebnis für ALLE Menschen (Universelles Design von prenn_punkt), dem nur noch gute Begleitpublikationen fehlen.

© S. Strohschneider-Laue

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Bedroht - Ausgerottet

Freitag, 17. Juli 2009

Non-Fiction

Richard Mackay
Atlas der bedrohten Arten
Haupt 2009, 128 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 258 07454 2

Atlas der bedrohten Arten  Atlas der bedrohten Arten

Der Schrecken der Ausrottung in fantastischen Bildern, anschaulichen Karten und Statistiken. Spannend wie ein Roman und furchterregend wie die Abendnachrichten. Ein ultimativ tödliches Thema: Aussterben. Das informative Handbuch zeigt auf, dass Aussterben über Tiger, Panda & Co. hinaus uns alle betrifft. Richard Mackay legt hiermit ein pointiertes und trotzdem ausführliches Buch über die evolutive Bedeutung und den menschenverursachten Rückgang der Biodiversität vor. Der Autor ist Spezialist für ökologische Fragen und versiert im Darstellen komplizierter Sachverhalte. Die grundlegende Publikation ist in England bereits in der dritten überarbeiteten Auflage erschienen und liegt jetzt endlich auch in deutscher Ausgabe vor.

Aussterben ist ein natürlicher Prozess der jedem Lebewesen droht und zugleich Evolution bedeuten kann. Aussterben ohne Evolution beendet meist mehr als “nur” eine Art. Aussterben leitet im schlimmsten Fall den Zusammenbruch einer Nahrungskette und in weiterer Folge auch den Niedergang des gesamten Ökosystems ein. Kommt es zum Massenaussterben hat es fatale Folgen. Bekanntestes Massenaussterben ist das der Dinosaurier am Übergang Kreide/Tertiär. Das Aussterben ist kennzeichnendes Element für Epochen des Erdzeitalters. Auch in der Menschheitsentwicklung kam es öfters zum Aussterben von Vorgängern und koexistierenden Hominiden, was die Entwicklung prägte. Die sich immer schneller drehende Spirale des menschlichen  ”Fortschritts” rotiert in (selbst)zerstörerische Höhen unter dem ganze Ökosysteme zu leiden haben. Nie zuvor hatte eine einzige Spezies so einen globalen Impakt. Die heutige Aussterberate liegt bei einem Prozent aller Arten pro Jahr, das lässt die Aussterbrate über das 1000fache des natürlichen Prozesses ansteigen.

Sechs Kapitel behandeln “Aussterben ist endgültig”, “Ökosysteme, “Verletzliche Regionen”, “Bedrohte Tiere und Pflanzen”, “Bedrohte Vögel”, “Natur-, Tier und Pflanzenschutz”. Das letzte Kapitel bietet übersichtliche Tabellen, Quellen und Register.

Der von Ökosystemen und bedrohten Regionen der Kontinente bis zu einzelnen Gruppen von Lebewesen gespannte Bogen, wird von erstklassigen Fotos und Grafiken optisch unterstrichen. Veranschaulicht werden die Themenbereiche mit Karten. Auf ihnen können die Aussterbefaktoren mit Hilfe passend gewählter Symbole abgelesen werden. Die vorbildliche Gestaltung trägt wesentlich zur Verständlichkeit der komplexen Inhalte bei. Die fotografische Auswahl ist beeindruckend. Bedrohte und Opfer werden zu Sympathieträgern für die LeserInnen. Sie unterstreichen stets die vom Autor angesprochenen Schutzmaßnahmen zum Erhalt der Artenvielfalt. Im letzten Kapitel findet sich eine nach Ländern und innerhalb dieser alphabetisch Liste der bedrohten Arten. Erschreckend und mit Folgen für die gesamte Menschheit!

Der “Atlas der bedrohten Arten” ist für Umweltbewusste und Tierliebhaber selbstverständlich, für den Rest der Menschheit Zwangslektüre. Ein Wermutstropfen ist, dass das großartig aufbereitete Thema zwar als attraktive Publikation aber nicht in einem umweltfreundlichen Herstellungsprozess umgesetzt wurde.

© V. Strohschneider

Atlas der bedrohten Arten

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Handbuch Zoo

Donnerstag, 25. Juni 2009

Non-Fiction

Jürg Meier   
Handbuch Zoo 

Haupt 2009, 230 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 258 07448 1

Handbuch Zoo Handbuch Zoo: Moderne Tiergartenbiologie

Wohnklos für die Primatenhaltung oder betonierte winzige Bärenzwinger sind endlich out. Die moderne Zootierhaltung setzt auf Vergesellschaftung, Beschäftigung und möglichst artgerechte Haltung, die nicht antiseptisch wirkt.

Der älteste bestehende Zoo weltweit ist der Tiergarten Schönbrunn (seit 1752) in Wien. Seit seinem Bestehen haben sich Zoos kontinuierlich von Menagerien für Schaulustige zu grünen Bildungsoasen, Forschungszentren und Ressorts für vom Aussterben bedrohte Tierarten entwickelt. Die Veränderungen der inhaltlichen Ziele gingen ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert Hand in Hand mit verbesserten Haltungsbedingungen. Eine Folge inadäquater Haltungsbedingen, die u. a. mangelnde Quarantäne, unausgewogene Fütterung sowie falsche Klimabedingungen betreffen, waren nicht nur die geringe Lebenserwartung von Zootieren. Bei nichtartgerechter Haltung nehmen Aktionen und Reaktionen, Fortpflanzung der Tiere im gleichen Maße ab wie psychische Störungen zunehmen. Tierische Dramen, die die BesucherInnen nicht unberührt ließen. Die Bedingungen haben sich seither enorm verbessert, aber nicht in allen Institutionen und für alle Tiere im gleichen Maße. Es bleibt noch viel zu tun. Die moderne Tiergartenbiologie ist ein interdisziplinäres Fach, das sich aus Teilgebieten der Biologie, Tiermedizin und der Ökonomie zusammensetzt. Eine stete Verbesserung der Tierhaltung im Rahmen zoologischer Anlagen ist das inhaltliche Hauptziel. Die Dualität von wild- und zoobiologischer Forschung sowie “Präsentation” von Tieren in möglichst artgerechten, natürlichen Lebensräumen für BesucherInnen sind diametrale Ansätze, die es gilt, unter einen Hut zu bringen.

Jürg Meier ist Experte auf dem Gebiet der artgerechten Wildtierhaltung. Im vorliegenden “Handbuch Zoo” legt er in übersichtlichen sieben Kapiteln vor, worauf es in Tiergärten und somit in der Tiergartenbiologie ankommt.
In den Einstiegskapiteln “Tiergärten und ihre Bedeutung”, “Tiergartenbiologie - Begriffe und Definitionen” werden die Grundlagen des Faches und der Institution dargelegt.
Danach widmet sich der Autor unter den treffenden Überschriften “die Bühne”, die “Darsteller” und ”das Publikum” dem interaktiven Bereich zwischen Forschung, Ökonomie und Außenkommunikation.
Der Besuch hinter “die Kulissen” zeigt berufliche Aspekte auf und verdeutlicht den vielfältigen logistischen Aufwand.
Der Ausblick auf die “Zukunft Zoo” macht deutlich, dass Zoos nicht an Bedeutung verlieren werden. Das Bestreben nach möglichst natürlicher Haltung der Tiere, Teilnahme an Zuchtprogrammen im Rahmen des Artenschutzes und die Angebote der besucherorientierten Vermittlung werden mehr und mehr an Bedeutung gewinnen.
Im benutzerfreundlichem Anhang finden sich neben weiterführender Literatur und Register wichtige Hinweise auf Zoozeitschriften udn Zooorganisationen.
Ein großer Verdienst des Autors ist es, den anspruchsvollen Inhalt so fesselnd vorzulegen, dass es nicht nur tiergartenbiologische Pflichtlektüre ist, sondern auch begeisterte ZoobesucherInnen das Grundlagenwerk gerne lesen werden. Eine Fülle sprechenden Bildmaterials und die übersichtliche, frische Gestaltung des Buches tragen dazu bei, dass das “Handbuch Zoo” zu einem attraktiven wissenschaftlichen Lesevergnügen wird.

© V. Strohschneider

Handbuch Zoo: Moderne Tiergartenbiologie

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Philosoph & Wolf

Dienstag, 23. Juni 2009

Non-Fiction

Mark Rowlands
Der Philosoph und der Wolf
Was ein wildes Tier und lehrt
Rogner&Bernhard 2009, 152 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 938045 36 7

Der Philosoph und der Wolf  Der Philosoph und der Wolf: Was ein wildes Tier uns lehrt

Brenin begleitete seinen Philosophen überall hin - sogar in die Vorlesungen. Am Beispiel dieses ungewöhnlichen Zusammenlebens mit einem Wolf voller Marotten offenbart sich für den Philosophen eine neue Weltsicht. Mark Rowlands gelingt es Philosophie am tierischen Beispiel so fesselnd zu schildern, dass man das Buch erst zur Seite legt, wenn die letzte Seite erreicht ist. Und selbst dann legt man das autobiografische Werk nur ungern aus der Hand.

Wolfswelpen 500 $ + Reparatur der Wohnung 500 $ = 0 $ Kontostand. Diese ganze Minusrechnung entstand innerhalb einer Stunde, aber Geld bedeutet nichts und ein dagegen Rudelmitglied alles. Diese Erkenntnis ist die erste, der sich Rowlands stellen muss als der Wolfswelpe Brenin das Zusammenleben mit ihm begann. Der Unterschied zeigt sich schon dadurch, dass man nicht “Wolfsbesitzer” - abgesehen vom rechtlichen Status den man hat, wenn man den Schaden zahlen muss - ist, sondern mit einem Wolf zusammenlebt.

Wölfe sind nicht gerne von ihrem Rudel getrennt. Sie langweilen sich überaus schnell und ihre Selbstbeschäftigungstherapie kostet rasch viel Geld. Die marginale Grundregel “lass’ mich nicht allein” führte dazu, dass Brenin Rowlands ständiger Begleiter wurde. Egal ob Vorlesungen, Reisen oder Übersiedelungen von Amerika nach Europa, Brenin war immer dabei. Die StudentInnen wird es gefreut haben, wenn Brenin im Hörsaal zu heulen begann. Vermutlich hätten sie gerne ab und an eingestimmt. Die Nachbarin in Irland verdankte Brenin, dass ihr Exmann durch Brenins Rudelmenschen in die Schranken gewiesen wurde. Ein guter Anlass für Rowlands sein Verhalten, wie des Öfteren in Zusammenhang mit Brenin, bei dieser “Nachbarschaftshilfe” einem Zivilisations-TÜV zu unterziehen. Das Zusammenleben mit Brenin prägte sicherlich auch den Wolf, aber in erster Linie beeinflusste es die Sichtweisen des Philosophen. Fundamentale Erkenntnisse rund um menschliche Wertesysteme, Zivilisation, Freundschaft, Liebe, Hoffnung und Tod werden anhand dieser Erfahrungen hinterfragt und neu bewertet. Elf anstrengende aber unvergleichliche Jahre enden mit dem Tod Brenins in Frankreich.

Schreiben ist mehr oder weniger für AutorInnen Therapie. Bei Rowlands war es nicht anders und er musste den Verlust seines Rudelmitglieds verarbeiten. Deshalb bleibt von Brenin mehr als dieses Buch, denn Rowlands teilt den gewonnenen Lebenssinn, Verantwortung und nicht zuletzt Liebe mit den LeserInnen. Nicht nur die Studenten hat es gefreut Brenin kennenzulernen, sondern auch mich - auf jeder einzelnen Seite des Buches.

© S. Strohschneider-Laue

Der Philosoph und der Wolf: Was ein wildes Tier uns lehrt
The Philosopher and the Wolf
The Philosopher and the Wolf: Lessons from the Wild on Love, Death, and Happiness

siehe auch
Oxford Center for Animal Ethics

Keine Panik vor Statistik!

Donnerstag, 18. Juni 2009

Non-Fiction

Markus Oestreich, Oliver Romberg
Keine Panik vor Statistik!
Erfolg und Spaß im Horrorfach nichttechnischer Studiengänge
Vieweg+Teubner 2009, 326 S., zahlr. Abb. und Tab.
ISBN 978 3 8348 0282 8

Keine Panik vor Statistik /> <strong><span style= Keine Panik vor Statistik!: Erfolg und Spaß im Horrorfach aller nichttechnischen Studiengänge: Erfolg und Spaß im Horrorfach aller nichttechnischen Studiengänge

In jedem Studiengang sieht man sich mit Prüfungsfächern konfrontiert, mit denen man - rein statistisch - zu 100% nicht gerechnet hat. “Nie mehr Mathe” singen viele nach bestandener Matura/Abitur, beginnen mit einem möglichst unmathematischen Studium und werden - rein statistisch - zu fast 100% mit irgendeiner Form von Mathematik konfrontiert. Statistik ist eines dieser mathematischen Teilgebiete, die zuweilen völlig überraschend vor StudienbeginnerInnen auftauchen und sich als große Hürde entpuppen können. Hürden soll man nicht scheuen, sondern bewältigen und es ist unnötig die Stange gleich ganz oben aufzulegen.

Wenn man zu den 11,7% der Leser - die angegebene Statistik ist leider nicht genderspezifisch - zählt, die das Vorwort liest, dann hat man zumindest keine Sorge mehr 326 Seiten gelangweilt zu werden: die Autoren sind humorige Menschen und keine stoischen Vulkanier. Einfacher können die beiden Mathematiker die Statistik zwar auch nicht machen, aber es gelingt ihnen mit vielen - oft sehr schrägen - Vergleichen zunächst Unverdauliches appetitlicher zu machen, damit man bereit ist, es auch wirklich - wirklich alles - ordentlich durchzukauen.

Die Einführung bringt es mit den ersten 42 Seiten statistischer Grundlagen auf den Punkt: Ohne Statistik läuft nichts - oder zumindest nichts mehr. Die nachfolgenden Kapitel widmen sich dann jeweils gut strukturiert der deskriptiven Statistik, der Wahrscheinlichkeit und der beurteilenden Statistik. Die drei Kapitel haben übrigens mit dem “Herrn der Ringe” mehr als nur den Umfang gemeinsam. Es werden sich trotz der exzellenten Querbezüge und guten Erklärungen die LeserInnen in drei Lager aufspalten: “Statistik!”-Fans, “Statistik!”-HasserInnen und jene irrelevanten/ignoranten NichtleserInnen, die die Prüfung beim ersten Anlauf geschafft haben.

Der große Verdienst von “Keine Panik vor Statistik” ist selbstverständlich nicht nur die geniale Schreibe. Es sind die gut strukturieren Zugänge, die auf das Wesentliche komprimierten Zusammenfassungen und natürlich die Aufgaben mit Lösungsweg. Nicht zuletzt seien auch die Tabellen erwähnt, die man leider nicht angewidert auf den Tellerrand schieben darf, sondern verdauen muss wie sie sind. Für die Hebung des Ansehens der verkannten Fußnote, die eigentlich mehr sein sollte als nur ein weiterführendes und/oder belegendes Zitat, haben die beiden Autoren ganz nebenbei auch noch beigetragen. Diese Fußnoten sind schon aus therapeutischen Gründen lesenswert, weil sie mit großer Wahrscheinlichkeit statistisch gesehen hochverkrampfte Statistik-Lernende wieder auflockern.

Das beste Einsteigerbuch für Nicht-MathematikerInnen bevor sie sich an die unvermeidlichen Hardcore-Statistikbücher heranwagen sollten. Übrigens soll es eine relevante, leider nicht reliable und rein subjektive Statistik geben, dass echte Matheprofis es bloß nicht zugeben, dass sie “Keine Panik vor Statistik!” ebenfalls gelesen haben.

© V. Strohschneider

Keine Panik vor Statistik!: Erfolg und Spaß im Horrorfach aller nichttechnischen Studiengänge: Erfolg und Spaß im Horrorfach aller nichttechnischen Studiengänge

siehe auch:
Keine Panik vor Thermodynamik!: Erfolg und Spaß im klassischen “Dickbrettbohrerfach” des Ingenieurstudiums
Keine Panik vor Mechanik!: Erfolg und Spaß im klassischen “Loser-Fach” des Ingenieurstudiums
Ohne Panik Strömungsmechanik!: Ein Lernbuch zur Prüfungsvorbereitung, zum Auffrischen und Nachschlagen mit Cartoons von Oliver Romberg

und nicht vergessen: Keine Panik vor Statistik!

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Rotmilan

Montag, 15. Juni 2009

Non-Fiction

Adrian Aebischer 
Der Rotmilan
Ein faszinierender Greifvogel
Haupt 2009, 232 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 258 07417 7

Der Rotmilan Der Rotmilan: Ein faszinierender Greifvogel

Jede/r aufmerksame/r NaturfreundIn hat den Rotmilan irgendwann einmal beobachtet, zumindest in Deutschland, Frankreich oder Spanien. In diesen Ländern befinden sich drei Viertel des Weltbestandes. In Österreich ist die Zahl der mehr oder minder erfolgreichen, maximal zwanzig Brutpaare leider nur als verschwindend zu bezeichnen.

Der Kulturfolger trägt viele Namen, darunter Gabelweihe oder Roter Habicht. Die auffällige Erscheinung des etwa bussardgroßen Vogels mit seinen langen schlanken, auf der Unterseite dreifarbigen Flügeln, rostbraunem Gefieder und dem langen, gegabelten Schwanz, verschaffen selbst ungeübten Vogelbeobachtern beim Erkennen ein rasches Erfolgserlebnis. Insbesondere die kurzen Drehbewegungen des Schwanzes zur Flugkorrektur sind typisch für den Rotmilan und ein echter Eye-Catcher. Die fantastischen Fotografien in diesem Buch zeigen den wunderschönen Vogel tatsächlich von seinen besten Seiten und bei eindrucksvollen Flugmanövern.

“Der Rotmilan” ist das beste Handbuch, das zum Rotmilan bisher vorgelegt wurde. Am Puls der Forschung vereinigt es die zahlreichen Einzelstudien mit den in der Westschweiz seit 2000 erhobenen Fakten zu Brutbiologie, Wanderungen und Überwinterungen zu einer ebenso spannenden wie wissenschaftlich fundierten Lektüre. Unglaublich wie viele Fakten für dieses Buch erhoben wurden und wie viele Fragen zum Rotmilan beim derzeitigen Stand der Forschung trotzdem noch offen bleiben. Ein Verdienst dieses Buches ist es diese Forschungslücken aufzuzeigen und Studien wie z. B. zur Sterblichkeit, Wanderungsrouten des Rotmilans in Winterquartieren einzufordern. Statistiken, Tabellen und Karten präsentieren übersichtlich u. a. Verbreitung, Bestandsdichte, Zugrichtungen oder Todesursachen des Rotmilans.

Vorliegende Publikation zeichnet sich durch seine systematische inhaltliche Gliederung, die zusätzlich durch ein perfektes Layout unterstützt wird, aus. Die sechs Kapitel “Beschreibung”, “Lebensraum und Nahrung, Balz, Brut und Jungvögel”, “Ein echter Europäer: Verbreitung des Romilans”, “Überwinterung und Wanderung”, “Gefährdung und Schutz” werden durch einen Ausblick auf “die Greifvögel Mitteleuropas” sinnvoll ergänzt. Der Anhang rundet den benutzerfreundlich angelegten Band mit einem exzellenten Literaturverzeichnis, Bildnachweis, nützlichen Adressen und einem Register ab. Erfreulich, dass der Autor nicht mit Dank an die zahlreichen MitarbeiterInnen, KollegInnen und Rotmilan-FreundInnen geizt. Unterstreicht doch diese Transparenz die Bedeutung und die Unentbehrlichkeit internationaler sowie interdisziplinärer wissenschaftlicher Kooperationen.

Wie es wirklich um den Rotmilan steht und was gut für ihn ist, weiß man allerdings erst nach dieser großartigen Bestandsaufnahme. Unentbehrlich für OrnithologInnen und ein Muss für jeden Greifvogelfan!

© V. Strohschneider

Der Rotmilan: Ein faszinierender Greifvogel

siehe auch:
Zürcher Tierschutz (Projektförderung)
Birdlife  Schweiz
Birdlife Österreich
Naturschutzbund Deutschland 
Atlas der bedrohten Arten 

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Darwins Schwestern

Montag, 18. Mai 2009

Non-Fiction

Gudrun Fischer (Hg.)
Darwins Schwestern
Orlanda 2009, 220 S., 15 Sw-Abb.
ISBN 978 3 936937 67 1

Darwins Schwestern Darwins Schwestern: Porträts von Naturforscherinnen und Biologinnen

Von der Pionierin Maria Sybilla Merian (1647-1717) bis zu den Naturwissenschaftlerinnen der Gegenwart spannt sich der zeitliche Bogen. Fünfzehn Biologinnen, die Situation der Frau in der Biologie und die feministische Kritik an der Evolutionstheorie werden in acht Kapiteln einer fesselnden Analyse unterzogen. Den Pionierinnen Merian und Dietrich folgen die erste Hochschulprofessorin von Wrangell und die nazikritische Zoologin von Linden. Die Genetikerinnen Schiemann, Ubisch und Hertwig spiegeln Karrieren bis Mitte des 20. Jahrhunderts. Mann Borgese war zwar nicht Gründungsmitglied aber 1970 die einzige Frau im Club of Rome (CoR) und sie gründete 1972 das International Ocean Institut (IOI). Die zeitgenössischen Biologinnen werden durch die beiden Nobelpreisträgerinnen McClintock, Nüsslein-Volhard sowie Lochte, die Direktorin des AWI, repräsentiert. Die Naturwissenschaftlerinnen Boetius, Sattler, Becker und Karatas stehen für die jungen Aktiven. Der aktuelle Stand der Dinge zur Situation der Frauen in der Biologie sowie die feministische Kritik an der Evolutionstheorie werden im Schlusskapitel “Hintergrund” einer übersichtlichen Betrachtung unterzogen. Weiterführende Literatur zu den einzelnen Wissenschafterinnen sowie Kurzbiografien der Autorinnen runden “Darwins Schwestern” ab.

Gudrun Fischer - selbst Biologin - hat es sich nicht leicht gemacht die Auswahl unter den Biologinnen und deren Biografinnen zu treffen. Und so ist das Buch auch geworden: Vielfältig wie das Leben, voller Entdeckungen und abwechslungsreich geschrieben. Der große Verdienst des Buches besteht daher nicht in exzellenten Biografien oder dem - unmöglichen - Anspruch auf Vollständigkeit. Es ist vor allem die Präsentation der Verhältnisse zwischen aufgetürmten Hürden, erbrachten Leistungen und durchlebten Karrieren der Wissenschaftlerinnen, die besticht. Die Biologie ist nämlich nicht nur in sprachlicher Hinsicht weiblich. Unter den Naturwissenschaften ist Biologie jenes Studium, das mit etwa den größten Frauenanteil von der Erstsemestrigen bis zur Absolventin verzeichnen kann. In die Führungsebenen und den Olymp der Forschung schaffen es trotzdem mehr Männer als Frauen.

“Darwins Schwestern” macht naturwissenschaftliche Frauenkarrieren sichtbar, aber auch jene gesellschaftlichen Widerstände und beruflichen Barrieren, die etliche Parallelen quer durch die Zeiten aufweisen. Bei “typischen Frauenkarrieren” kommen die Doppelbelastung als Forscherin und Ehefrau, freie oder erzwungene Entscheidungen zwischen Forschung und Privatleben und weiterer Reibungsverlust, dem Männer niemals ausgesetzt waren oder sein werden, zum Tragen. Es trotzdem zu schaffen, bedeutet anscheined für viele Wissenschafterinnen 150 % anzustreben, 100% zu erreichen und zum Ausgleich zu 50% unzufrieden mit dem Erreichten zu sein. Ein bisschen mehr männliches Streben nach dem “egal, nächstes mal wird’s besser”, ist möglicherweise dem Selbstwertgefühl abträglich, aber der Karriere zuträglicher als jede Perfektion.

Darwins Schwestern waren keine Biologinnen. Ob Darwin die Porträtierten als Kolleginnen wirklich akzeptiert hätte, wage ich zu bezweifeln. So gesehen, finde ich den Titel zwar unpassend, aber verkaufsförderlich und das ist gut so, denn die Botschaft soll bei möglichst vielen LeserInnen ankommen. Ein geniales Buch, das eindeutig nicht nur für Naturwissenschafterinnen geschrieben wurde.

© S. Strohschneider-Laue

Darwins Schwestern: Porträts von Naturforscherinnen und Biologinnen

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Liebesleben

Samstag, 25. April 2009

Non-Fiction

Edvard Koinberg
Herbarium Amoris
Das Liebesleben der Pflanzen
Essays von Henning Mankell und Tore Frängsmyr 
Taschen 2009, 152 S., zahlr. Farbfotos.

ISBN 978 3 8365 1781 2

Herbarium Amoris  Koinberg - Herbarium Amoris

Sex sells! Ob das auch schon Carl von Linné (1707-1778) wusste? Immerhin bediente er sich einer sexuell aufgeladenen Sprache, um seine Methode der Klassifizierung von Planzen nach Zahl und Anordnung der Staubgefäße und Fruchtblätter publik zu machen. Seine Zeitgenossen waren erwartungsgemäß schockiert und Linnés Name in aller Munde. Doch seinem Systema sexuale war kein Glück beschieden, schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts war es überholt. Aber so ist die Wissenschaft. Zu dauerhaften Ruhm kam Lineé dennoch. Mit dem Werk Species plantarum verhalf er 1753 dem binominalen System zum Durchbruch und legte damit den Grundstein für ein standardisiertes, noch heute gültiges System der Pflanzenbenennung. Doch genug von Linné, schließlich steht nicht er im Mittelpunkt des Bildbandes “Herbarium Amoris. Das Liebesleben der Pflanzen”, sondern die wunderbaren Fotografien seines Landsmanns Edvard Koinberg. Dieser ließ sich vom Werk des großen Ordnungsliebenden nicht nur zu dem Projekt inspirieren, sondern gliedert auch die in der Publikation dargebotene Bilderflut nach dessen Calendarium florae. Linné kommt natürlich trotzdem nicht zu kurz. Ganz ohne Huldigung geht es nicht. Und so haben der bekannte Krimiautor Henning Mankell und der angesehene Wissenschaftler Tore Frängsmyr jeweils einen Essay über Carl von Linné beigesteuert.

Trotz des liebestrunkenen Titels geht es in dem Prachtband ganz züchtig zu. Keine Biene schwirrt von Blüte zu Blüte, kein Lüftchen treibt Pollen vor sich her. Dafür gibt es Pflanzen zu sehen, die in herkömmlichen Blumenbüchern mit künstlerischem Anspruch meist fehlen. Edvard Koinberg durchstreifte seinen Garten zu jeder Jahreszeit auf der Suche nach attraktiven Modellen. Blüten von Garten- und Wildpflanzen, Fruchtstände, knospende Zweige von Bäumen, ja sogar attraktives Gemüse holte er vor die Kamera. Die betörend schönen Aufnahmen von Flamingoblume und Zimmercalla belegen Abstecher zur Fensterbank.

Nicht auf jedem Foto sind die Porträtierten makellos. Manche sind bereits verwelkt und trocken, haben die beste Zeit ihres Lebenszyklus schon hinter sich. Schön sind sie dennoch. Erst im Vergehen tritt die Farbe zugunsten der Struktur zurück, gibt der Verfall den Blick auf Blattadern frei. Fest geschlossene Knospen hingegen lassen die kommende Blütenpracht erahnen. Was bei ihnen als Versprechen beginnt, wird von den am Höhepunkt ihrer Entwicklung festgehaltenen Blumen, die mit kräftiger Farbe und elegantem Wuchs verführen, erfüllt.

Edvard Koinberg spielt mit Schärfe und Unschärfe, Nahaufnahme und Dreiviertelporträt. Obwohl auf den Fotografien keine kunstvoll kombiniertten Blumensträuße zu sehen sind, erinnert die Lichtführung an die Blumenmalerei des 16. und 17. Jahrhunderts. Manchmal ist es nur eine vom Stängel getrennte Einzelblüte, die vor dem schwarzen Hintergrund zu schweben scheint. Ein andermal wächst die Gestalt einer in gedämpftes Licht getauchten Pflanze geradezu aus dem mystischen Dunkel heraus.

Der prächtige Bildband “Herbarium Amoris. Das Liebesleben der Pflanzen” besteht fast ausschließlich aus seitenfüllenden, stimmungsvollen Fotografien. Als Abschluss des Buches sind die Pflanzenporträts nochmals klein abgebildet und mit Beschreibungen versehen - damit das Rätselraten um die Identität der Dargestellten ein Ende hat.

© Ch. Ranseder

 Koinberg - Herbarium Amoris

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Tulpen des Suleiman

Montag, 13. April 2009

Non-Fiction

Holger Lundt
Die Tulpen des Suleiman
Ein Spaziergang durch die Gärten der Geschichte
Artemis & Winkler 2009, 110 S., 5 Strichzeichnungen
ISBN 978 3 538 07279 4

Die Tulpen des Suleiman Die Tulpen des Suleiman: Ein Spaziergang durch die Gärten der Geschichte

Pflanzen mögen unscheinbar wirken und doch hat der Mensch mit ihnen das Antlitz der Erde und den Verlauf der Geschichte verändert - und das nicht erst in der jüngsten Vergangenheit. Die rücksichtslose Ausbeutung natürlicher Ressourcen fand bereits zur Zeit der Pharaonen statt. Holger Lundt erzählt in “Die Tulpen des Suleiman” vom Verschwinden der als Bauholz begehrten Libanon-Zedern, das die Landschaft des Nahen Ostens baumlos und karg zurückließ. Kaum besser erging es im 16. Jahrhundert der langsam wachsenden europäischen Eibe, aus der die Engländer ihre Langbögen fertigten.

Doch in Holger Lundts flott geschriebenem Büchlein sind nicht nur Geschichten von menschlicher Gier zu finden. Er weiß auch Positives zu berichten. Da wäre zum Beispiel die Verbreitung des Kirschbaums, dessen Einführung in Europa ja dem reichen römischen Leckermaul Lucius Licinius Lucullus zu verdanken sein soll. Und was wären unsere Gärten ohne Tulpe, Flieder und Rosskastanie, die der botanisierende Diplomat Ogier Ghiselin de Busbecq aus der Türkei nach Wien brachte!

“Die Tulpen des Suleiman” verknüpft die Kulturgeschichte von Pflanzen mit den wirtschaftlichen Interessen, gärtnerischen Glücksgefühlen, geschmacklichen Vorlieben und botanischen Leidenschaften einiger historischer Persönlichkeiten.

Das Ergebnis ist eine Weltgeschichte der anderen Art, die sich perfekt als Mitbringsel für kulturhistorisch interessierte Pflanzenfreunde eignet. Und hübsch anzusehen ist das Büchlein über nützliche Bäume, schmackhafte Früchte und betörende Blüten auch.

© Ch. Ranseder

Die Tulpen des Suleiman: Ein Spaziergang durch die Gärten der Geschichte

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Halali Esterházy

Donnerstag, 26. März 2009

Non-Fiction

Stefan Körner (Hg.)
Fürstliches Halali
Jagd am Hofe Esterházy
Prestel 2008, im Schuber, 345 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 7913 4153 8

Fürstliches Halali Fürstliches Halali: Jagd am Hofe Esterházy

Auf Burg Forchtenstein wird vom 10. Mai ‘08 bis 31. Oktober ‘10 die Jagdtradition im Fürstenhaus Esterházy präsentiert. Der Katalog bietet unabhängig von der Ausstellung einen exzellenten Überblick zur Jagdgeschichte zwischen adeligem Privileg, elitärem Zeitvertreib und modernem Waidwerk. Vier Jahrhunderte fürstlicher Jagd werden hier von ihren prächtigsten und selbstbewussten Seiten gezeigt.

Hält man den großformatigen Prachtband in Händen, fällt der Blick sofort auf die moderne Diana mit ihrem Gebirgsschweißhund, die den Schuber zieren. Das leinengebundene Werk hingegen lädt die Augen mit dem Bild eines Jägers aus Meißner Porzellan auf eine Zeitreise ins 18. Jahrhundert. Und der thematisch einstimmende Augenschmaus setzt sich im Inneren ungebrochen mit historischen Stichen, Gemälden, Kunstobjekten, Trophäen, alten und modernen Fotografien - Manfred Horvath, Gerhard Wasserbauer -  fort.

Die AutorInnen des Bandes unterziehen die Jagd und die Jagd der Fürsten Esterhazy in ihren Beiträgen genaueren Betrachtungen.

Henrike Hülsbergen widmet sich unter dem Titel “Jagdlust: Von der höfischen Jagd zur Großwildjagd im 21. Jahrhundert” vor allem den gesellschaftlichen Wechselbeziehungen der männerdominierten Jagd. Dennoch spart sie verhaltenspsychologische Aspekte nicht aus und verleiht ihrem spannend geschriebenen Beitrag eine kritische Note, die man sonst nicht findet.

“Den “Formen und Mitteln der Hohen Jagd” widmet sich ausführlich Margit Knopp. Beizjagd, Hetzjagd und Parforcejagd sind nur drei der von ihr ausführlich beschriebenen Methoden Tiere zur Strecke zu bringen. Jagdformen denen auch die Esterházys und ihre Gäste gerne frönten. Die Kosten waren von Methode zu Methode unterschiedlich, aber bei der Umstellten Jagd nur noch als enorm zu bezeichnen. Die gewaltige Anzahl der erlegten Tiere wurden nicht nur an der höfischen Tafel aufgetischt, sondern wurden u. a. verkauft oder zu wohltätigen Zwecken verschenkt.

Identität, Stand, Würde und Zeitvertreib stellt Stefan Körner in “Die Fürsten Esterházy und die ungarische Jagdgeschichte” in den Mittelpunkt. Tiergärten, Jagdhunde und Ausstattung waren wichtige Besitztümer, die in Urkunden und Bildquellen festgehalten wurden. Der umfangreiche Beitrag schöpft zu dem aus einer Fülle von Originalzitaten und stellt auch durch aktuelle Fotos Querbezüge zwischen historischen Dokumenten und der Gegenwart her.
In einem knappen, wenig reflektierenden weiteren Beitrag widmet Körner sich noch “Wilderei als Diebstahl und Auflehnung gegen den Fürsten”.

Endre Balsay trägt mit “Esterházy-Jagden und -Jagdgebiete bei Eszterháza 1871-1945″ zum Verständnis der wirtschaftlichen Faktoren bei.

“Jagd heute - heute jagen? Die Bedeutung der Jagd bei den Esterházy Betrieben” von  Hans-Peter Weiss verfolgt die wirtschaftliche Bedeutung anhand der betrieblichen Situation bis in die Gegenwart.

Florian Thaddäus Bayer nimmt sich am Beispiel eines Mitglieds der Fürsten Familie der Großwildjagd an. “In beinahe 80 Tagen um die Welt: Prinz Louis Esterházy und die Großwildjagd” werden seine Leidenschaften für Reisen, Jagd und Militär begleitet von zahlreichen Fotografien und Trophäen aufgegriffen. Kuriositäten, darunter die Reisetoilette, die auf den Fahrten mitgeschleppt wurde, wie seltsame Mitbringsel und Präparate begleiten die Biographie. Janós Hasenbock - ein präparierter Hase, der am 31. Dezember 1898 sein Leben aushauchte - mutet unter all den unzähligen Überresten von toten Tieren auf verdrehte Weise geradezu menschlich  an. Auf den Hinterbeinen stehend, stützt er sich auf eine Krücke, um seine verbundene Hinterpfote zu schonen. Um sein Haupt ist ein Tüchlein gebunden und er hat einen geflickten Leinenbeutel umhängen. In der rechten Pfote hält er einen Brief, seinen “Amtlichen Erlaubnisschein” für lebenslange Almosen. Ein überaus spannender Artikel, spiegelt er doch am Beispiel von Prinz Louis Esterházy - oder auch durch Janós Hasenbock - das Selbstverständnis des Adelshauses.

Die richtige Ausrüstung betrifft nicht nur Waffen. “Die Jagdbekleidung am Hofe der Fürsten Esterházy” von Angelika Futschek zeigt deutlich wie Funktionalität mit Standesbewusstsein miteinander verwoben waren. Und dies betraf nicht nur die Fürsten selbst, sondern auch die Ausstattung, die sie ihren jagdlichen Angestellten maßschneidern ließen. Die Schriftquellen informieren genau über die Kosten, sie beschreiben, Stoffqualitäten, Farben und nennen die beauftragten Schneider. Und wenn man von einem Augenzeugen erfährt, dass die Uniform des Fürsten mit Perlen, Brillanten und Smaragden besetzt war, weiß man auch, dass man sich Kleidung für den Angestellten passend zu deren Funktion gut leisten konnte und aus Hofhaltungsgründen auch leisten wollte.

“Josef Haydn, die Jagd und die Musik” greift Gerhard J. Winkler analytisch an ausgewählten Instrumenten und musikalischen Beispielen auf. Josef Haydn war bis 1790 rund 30 Jahre als Musiker und Hofkappellmeister im Dienste der Fürsten Esterházy. Und Musiker dienten seit dem Altertum dazu den Auftraggeber nicht nur zu unterhalten, sondern ihn auch zu preisen und damit seine Hofhaltung zu unterstreichen. Somit widmete sich Haydn musikalisch auch der Jagd, die einen großen Raum der Fürsten einnahm.

Felix Tobler greift unter dem sperrigen Titel “Forstverwaltung und Jagdorganisation des Esterházy-Majorates vom Beginn des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts” ein wirtschaftsgeschichtliches Thema auf. Der Aufbau einer zentralen Jagd- und Forstverwaltung ermöglichte langfristig, zielgerichtet und vor allem wirtschaftlich zu planen.  Auch wenn in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts prunkvolle Hofjagden aus finanziellen Gründen eine Seltenheit wurden. Schade, dass man nichts Näheres über die dienstlichen Verfehlungen des Domänendirektionsrates Rampichel erfährt, das hätte das hochinteressante aber dennoch aus überwiegend buchhalterischen Quellen schöpfende  Jagd- und Forstgeschichtekapitel um geschmackige menschliche Details abseits der Verwaltung bereichert. 

Herbert Zechmeister und Stefan Körner werfen in ”Die Jagdmonturdepots der Fürsten Esterházy: Waffen, Netze und Kutschen für die Jagd” einen ausgiebigen Blick auf den Bestand.1806 enthielt z. B. die Gewehrkammer in Eisenstadt 630 Jagdwaffen. Viele kamen von namhaften Herstellern. Und leider hat sich hier ein Druckfehler eingeschlichen: Der berühmte Joseph Manton wurde fälschlich als Monton bezeichnet. Waffen, Netze, Kutschen und vieles mehr musste gelagert, gepflegt und veraltet werden. Dazu kommen noch die Trophäen, die sich im Laufe der Jahrhunderte gefrönten Jagdlust angesammelt haben. Eine große Herausforderung an das Personal und an den Geldbeutel - damals wie heute.

Der Katalogteil hebt sich optisch und haptisch vom Textteil ab. Die rauere Papierqualität des Katalogs - der Textteil ist auf Hochglanzpapier gedruckt -  unterstreicht historische Dimension der Objekte zusätzlich. Die Objekte aus vier Jahrhunderten fürstlicher Jagdgeschichte werden gelistet, anschaulich beschrieben und abgebildet. Karten zu den Jagdgebieten und Bibliographie runden das gewichtige Werk, dessen grafische Gestaltung ebenfalls besticht, ab. Ein besseres Korrektorat (u. a. alte/neue Rechtschreibung) wäre allerdings wünschenswert gewesen.

© S. Strohschneider-Laue

Fürstliches Halali: Jagd am Hofe Esterházy

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Ameisen Ameisen Ameisen

Sonntag, 22. März 2009

Notiz

Ameisen
Unbekannte Faszination vor der Haustüre
22. März ‘09 bis 7. Februar ‘10
Landesmuseum Niederösterreich

Ameisen ©  S. Strohschneider-Laue

Das Frühjahr kommt und die große Krabbelei beginnt erneut in freier Natur, im Haus und sogar im Landesmuseum Niederösterreich. Die heimischen Ameisen krabbeln tatsächlich für ein Jahr unter geschützten Bedingungen durch die Sonderausstellung “Ameisen - Unbekannte Faszination vor der Haustüre”. Das ansonsten - schon aus konservatorischen Gründen - ameisenfreie Landesmuseum zeigt die flinken (nicht immer) Fußgänger unter den Insekten von ihrer spannendsten und - so unglaublich es klingen mag - von ihren attraktivsten Seiten.

Ameisen ©  S. Strohschneider-Laue Nichts hätte mich dazu gebracht das Landesmuseum zu betreten, solange die achtbeinigen Monster vor zwei Jahren das Haus regierten. Spinnen sind mit meiner Psyche absolut inkompatibel. Mit Ameisen will ich zwar nicht die Dusche teilen - was seit einem Jahr leider nicht zu verhindern ist -, aber interessant finde ich Ameisen trotz oder auch aufgrund ihrer Hartnäckigkeit auf jeden Fall. Und in dieser Ausstellung bin ich vollkommen auf meine Kosten gekommen und das werden alle BesucherInnen. Egal, ob sie nun Ameisen mögen oder nicht und völlig gleichgültig welchen Alters sie sind.

Ameisen: Zahlen und andere Fakten ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: Krabbelei aktiv und im Großformat ©  S. Strohschneider-Laue Damit man die richtige Perspektive gewinnt, wird man beim Betreten der Ausstellung ”geschrumpft”. Ameisenfakten und Zahlen sowie das erste Formicarium schaffen dafür die Basis. Großformatige Filmsequenzen aus dem Ameisenleben ermöglichen anschließend eine Begegnung in gleichwertiger Augenhöhe zwischen BesucherInnen und Ameisen.

Ameisen: Die Wiese ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: Knackpunkt Charles Darwin? ©  S. Strohschneider-Laue Riesige Grashalme und saftiges Grün säumen den weiteren Weg zum in heimeliges Rot getauchten Bau am Ende der Wiese. Und der Weg dortin ist gespickt mit Information. Man erfährt z. B. viel über 130 Millionen Jahre Entwicklungsgeschichte, das Geheimnis des Kastensystems, den Vorteil in der Kolonie zu leben, warum die Lebensweisen der Ameisen Charles Darwin nervös machten und warum Ameisen nicht beißen, sondern auch stechen. 

Ameisen: Waldameisen Formicarium ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: Waldameisen Formicarium Laufröhre ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: Waldameisen Formicarium ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen leben nicht alle in riesigen Ameisenhaufen, manche Völker finden auch in einer Eichel ausreichend Platz. Und die Ausstellung zeigt sie (fast) alle, die großen und die kleinen Unterkünfte, ihre riesigen oder winzigen Baumeister oder Untermieter. Beeindruckend daher der große Waldameisenhaufen, der sich über mehrere durch Laufröhren verbundene Quadratmeter erstreckt. Nicht weit davon entfernt, in einer eigenen grasgrünen Sockelvitrine untergebracht, eine unscheinbare aber bewohnte Eichel.

Ameisen: ortstafel ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: Porträtgalerie ©  S. Strohschneider-Laue Sind die BesucherInnen im warmen Rot getauchten Bau angelangt, können die kleinsten unter ihnen gerne auch Abkürzungen durch das Wegsystem nehmen. Die Entdeckerlust ist aber für Erwachsene auch ohne Schlupflöcher in Bodennähe genauso groß. Formicarien für verschiedene Ameisenvölker mit unterschiedlichen Bedürfnissen zeigen die Vielfalt und die Ansprüche dieser Insekten.

Ameisen: Nektarien ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: ortstafel ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: Kreislauf Leberegel ©  S. Strohschneider-Laue Die Bedeutung von Ameisen für die Umwelt wurde schon recht früh erkannt und die meisten haben auch schon davon gehört. Dennoch überrascht es sicher viele BesucherInnen wie wichtig heimische Ameisen für die Verbreitung der Frühjahrsblüher sind und welche Pflanzen eine “süße” Wechselbeziehung mit Ameisen pflegen. Das es aber auch einen parasitischen Kreislauf gibt, an dem Ameisen (unfreiwillig) beteiligt sind, ist sicher den wenigsten geläufig.

 Ameisen: Skrupelose Herrscher ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: Formicarium ©  S. Strohschneider-Laue  Ab und an menschelt es auch bei den Ameisen. Sie sind territorial und achten darauf, dass ihnen alles Unerwünschte fernbleibt. Friedlich geht es im Bau nicht zu. Skrupellose Herrscher, Intrigen, Meuchelmord, Untermieter (gebetene und ungebetene), Hochzeitsflug, Sklaverei, Bettelei, Raub und vieles mehr halten die wohl organisierten Staaten ständig auf Trab.

Ameisen: Volkskultur ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: Ortstafel ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: Sparverein ©  S. Strohschneider-Laue Die Bedeutung der Ameise ist vielfältiger als man glaubt: Sparverein und Dorf sind nach ihr benannt, Ameisen zieren T-Shirt und Gesellenbrief. Sogar wirtschaftliche Bedeutung hatten Ameisen. Ameisler sammelten bis zu Beginn der 1970er Jahre die Puppen und verkauften sie als Vogel- und Fischfutter.

Ameisen ©  S. Strohschneider-Laue Dass dieser gewaltige Informations-Tsunami, den der Ausstellungskurator Christian Dietrich über Ameisen zusammengestellt hat, nicht so gewaltig wirkt wie er wirklich ist, ist der flockig-lockeren Umsetzung zu verdanken. Es gibt eine wahre Textflut, etliche Ameisenvölker mit unzähligen Individuen, viel Bild- und Filmmaterial und zahlreiche Objekte. Die abwechslungsreiche Gestaltung von Doris Prenn (prenn_punkt) führt stimmig durch die Themenbereiche der Ausstellung. Grüne Wiese, roter Bau, schwarz-weiße Menschenwelt machen die Ausstellung emotional über Farben und lebendige Arrangements fassbar. Spätestens, wenn man nach dem “Ameisen-Watching” auf die Uhr schaut oder man zu Hause im Katalog liest, bemerkt man erstaunt, wie viel kurzweilige Zeit man mit ameisenfleißiger Wissensvermehrung verbracht hat.

Non-Fiction

Die sogenannte Begleitbroschüre “Ameisen - Unbekannte Faszination vor der Haustüre” von Christian Dietrich und Erich Steiner ist zudem ein echter Pflichtkauf. Um den Sensationspreis von 3,50 € kann man das stattliche 80 Seiten umfassende Werk, das nur produktionstechnisch eine Broschüre ansonsten aber ein gewichtiger Katalog ist, erwerben. In sechs Kapiteln und acht Exkursen liegt damit die komplette Ameisenausstellung und zugleich Grundlagenwissen zu Ameisen vor. Wer da nicht zugreift, dem ist nicht zu helfen. 

Zur Ausstellung ist ebenfalls erschienen:
Johann Ambach, Christian Dietrich (Hgg.)
Geschätzt, verflucht, allgegenwärtig - Ameisen in Biologie und Volkskultur
Denisia 25 (Katalog OÖLM N.S. 85), 188 S.
ISBN 978 3 85474 203 6 

© S. Strohschneider-Laue

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Tagebuch eines Wombat

Sonntag, 22. Februar 2009

ab acht

Jackie French, Bruce Whatley
Tagebuch eines Wombat
Gerstenberg 2009, Mini-Ausgabe 32 S., zahlr. Farbbb.
ISBN 978 3 8369 5240 8

Tagebuch eines Wombat  Tagebuch eines Wombat. Mini-Ausgabe

Sie ist knubbelig, hat kleine Äuglein und ein zufriedenes Grinsen. Kein Wunder, die Wombatdame, die in “Tagebuch eines Wombats” eine Woche lang aus ihrem Leben berichtet, lässt es sich gut gehen. Die meiste Zeit verbringt sie schlafend. Wenn sie hungrig ist, fordert sie Karotten oder Haferflocken - und wehe, sie bekommt nicht, was sie will. Selbstbewusst und frech dressiert der schlaue Wombat ihre Menschen. Ähnliche Erziehungsmaßnahmen kenne ich eigentlich nur von Katzen. Die nagen zwar nichts an, beharren aber ebenso konsequent auf die Erfüllung ihrer Wünsche. Dazu sind die Menschen ja schließlich da - oder? Ganz ehrlich, säße diese Wombatdame in meinem Garten, hätte sie mich auch herumgekriegt ihr Karotten zu spendieren. Das dralle Tierchen ist einfach umwerfend niedlich.

Der australischen Autorin Jackie French ist mit “Tagebuch eines Wombats” ein bezauberndes Kinderbuch gelungen. Ihre jahrelange Erfahrung im Umgang mit Wombats ist dem flotten Text, der mit wenigen Worten die Persönlichkeit der Wombatdame vermittelt, anzumerken. Ebenso humorvoll wie die Geschichte sind die entzückenden Zeichnungen von Bruce Whatley. Sein possierlicher Wombat mit dem abgeklärten Blick muss man einfach ins Herz schließen.

© Ch. Ranseder

Tagebuch eines Wombat. Mini-Ausgabe

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Frosch & Lurch

Montag, 02. Februar 2009

Non-Fiction

Thomas Marent
Frösche und andere Amphibien
Dorling Kindersley 2009, 280 S., über 400 Farbfotos. 
ISBN 978 3 8310 1356 2

Frösche und Amphibien Frösche & andere Amphibien

Sie sind hübsch, manchmal tödlich giftig und in vielen Fällen extrem gefährdet: Frösche und Amphibien. Sie reagieren empfindlich auf Klimaänderungen. Sie benötigen Feuchtigkeit und haben es gerne kuschelig warm. Trotzdem schwimmen nicht alle gut oder gerne. Es gibt Flugakrobaten, Wüstenbewohner und Frosttaugliche. Eines haben sie aber alle gemeinsam: Sie sind attraktive Fotomodelle und viel mehr als nur “kermit”-grün. So vielfältig wie ihr Erscheinungsbild sind ihre Lebensräume. Winzigkleine Hüpfer im Privatuniversum ihrer winzigen Blattteiche, Welten im Miniformat. Und als Eltern haben sie sich für ihren Nachwuchs sehr viel einfallen lassen. Huckepack dabei, Eischnüre und Geleeballen im Wasser oder auf einem Blatt gut in Schleim verpackt sind einige Möglichkeiten der nächsten Generation einen guten Start zu ermöglichen. Die Kapitel Artenspektrum, Körperbau, Überleben, Fortpflanzung und Amphibienfamilien bieten einen guten Überblick zum Thema. Grundlegende Informationen, die durch ihre fantastische fotografische “Verpackung” umso mehr an Gewicht gewinnen.

Es gibt viele Gründe das Buch zu kaufen und jeder davon ist stichhaltig. Übersichtliche Information und einzigartigen Aufnahmen sind zwei davon; denn Thomas Marent gelingt es Frösche ins rechte Licht zu rücken und sie von ihren beeindruckenden Seiten zu zeigen. Einmal spiegelt sich der Fotograf sogar selbst im Froschauge und kehrt damit die Sichtweisen von Fotograf und Motiv um. Und die Fotomodelle sind allesamt frei von Allüren, ganz natürlich, garantiert botoxfrei und vielleicht gerade deswegen echte Persönlichkeiten. Es macht Spaß die Bilder zu erkunden und es macht Spaß die - oft sehr persönlichen - Texte zu lesen. Es macht Spaß das tolle Buch zu besitzen. Aber das Buch weckt auch Wünsche. Wünsche die Artenvielfalt dieses Planeten zu erhalten, sie zu beobachten, sie zu dokumentieren, sie an die nächste Generation im vollen Umfang weitergeben zu können und nicht zuletzt den Wunsch so fotografieren zu können wie Thomas Marent.

© V. Strohschneider

Frösche & andere Amphibien

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Tatsache Evolution

Montag, 12. Januar 2009

Non-Fiction

Ulrich Kutschera 
Tatsache Evolution  
Was Darwin nicht wissen konnte
dtv 2009, 339 S., 103 s/w-Abb.
ISBN 978 3 423 24707 8

Tatsache Evolution Tatsache Evolution: Was Darwin nicht wissen konnte

Charles Darwin, der Begründer der modernen Evolutionsforschung, wäre am 12. Februar 200 Jahre alt geworden. Ein ausgezeichneter Grund 2009 zum “Darwin-Jahr” zu erklären. Seit dessen bahnbrechenden Werk “Entstehung der Arten” hat sich viel in der Forschung getan. Evolution ist eine Tatsache, Intelligentes Design hat nichts damit zu tun und Deutschlands führender Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera legt minutiös die Beweise vor.

Wer das von Kutschera verfasste wissenschaftliche Lehrbuch Evolutionsbiologie und dessen überwältigende Fülle an Fakten kennt, wird sowohl als interessierter Laie als auch Biologe positiv überrascht sein; denn Darwins Werk im Spiegel von seit 150 Jahren geführter Forschungen zu betrachten, ist auch nicht unbedingt leichte Kost. Trotzdem ist es dem renommierten Wissenschaftler mit diesem Buch gelungen ein breites Publikum anzusprechen. Interessierte Laien - ein Erstkontakt mit Darwin und Evolution sollte es nicht sein - werden daher von der Lektüre ebenso profiteren, wie das Fachpublikum sich einen gediegenen Überblick verschaffen kann.

Zehn Kapitel nähern sich ausgehend von Darwin, Wallace und dem Selektionsprinzip über weniger bekannte Theorien, Erdgeschichte, Kontinentaldrift und Symbiogenesistheorie Schritt für Schritt dem aktuellen Stand der Forschung. Zuletzt stellt Kutschera noch sein Synade-Modell der Makroevolution vor, das einen neuen Aspekt der Entwicklung des Lebens aufzeigt. Bestätigung erfahren die bahnbrechenden - und für spezielle Kreise bis heute unverdaulichen - Thesen Darwins, die durch die Forschung inzwischen ausreichend belegt und in Details weiterentwickelt werden konnten. Die kritische Betrachtung würdigt den Urvater der Entwicklungslehre mehr als es eine stetig lobende Jubelschrift könnte. Das umfangreiche Literaturverzeichnis, ausgewählte Internet-Adressen und ein Glossar komplettieren den beeindruckenden Band.

Auch wenn die Erkenntnis hart zu verarbeiten ist, Adam begann als Mikrobe! Zugegeben das hat wenig Identifikationspotenzial und ist der Kreationismus-Renaissance, die mit steigender (Lebens-)Angst und zunehmender Bildungsarmut einhergeht, abträglich. Gerade deshalb gelte undogmatisch: Wer lesen kann, der lese und wer nicht verstehen will, der lasse es (frei nach Ezechiel, Kap. 3). Evolution ist Tatsache und “Tatsache Evolution” ist definitiv eine Pflichtlektüre für alle, die sich mit Charles Darwin und seinem Werk auseinandersetzen wollen.

© S. Strohschneider-Laue

Tatsache Evolution: Was Darwin nicht wissen konnte 
Evolutionsbiologie  3. Auflage (Rezension der zweiten Auflage)

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Temple of Flora

Samstag, 27. Dezember 2008

Non-Fiction

Robert John Thornton
The Temple of Flora
Einleitung und Tafelbeschreibungen von Werner Dressendörfer
Taschen 2008, Dt./Engl./Frz./Span., Kassette, Booklet 44 S., zahlr. Abb., Mappe mit 33 Tafeln (53 x 42,5 cm)
ISBN 978 3 8228 5273 6

The Temple of Flora Thornton, Temple of Flora

Im sanften Licht des Mondes entfaltet die “Königin der Nacht” (Selenicereus grandiflorus) ihre Blütenpracht. Über ihr erhebt sich am Ufer eines Flusses die Ruine eines Glockenturmes, dessen Uhr die zwölfte Stunde anzeigt. An Romantik ist die im Jahr 1800 für “The Temple of Flora” angefertigte botanische Illustration kaum zu übertreffen. Es handelt sich um eine der stimmungsvollsten Tafeln in einem Werk, dem zu seiner Entstehungszeit - trotz seiner Schönheit - nur wenig Erfolg vergönnt war.

“The Temple of Flora” ist die Frucht der Leidenschaft eines Mannes, die ihn in den finanziellen Ruin trieb. Robert John Thornton ist ein gutes Beispiel dafür, dass Begeisterung allein noch keinen guten Geschäftsmann macht. Der studierte Mediziner praktizierte als Arzt in London, bewies sich als Autor und wurde zum “Public Lecturer on Medical Botany” ernannt. Seine Liebe zur Botanik gipfelte in einem monumentalen, dreiteiligen Publikationsvorhaben mit dem Titel “New Illustration of the Sexual System of Carolus Von Linnaeus”, mit dessen drittem Teil “The Temple of Flora” er dem großen Botaniker Carl von Linné huldigen wollte.

Das Fortsetzungswerk, dessen erste Lieferung 1799 erschien, vereinte wissenschaftlichen Anspruch mit emotionalem Überschwang. Während im ersten Teil (”Preliminary Observations”) Grundbegriffe der Botanik vermittelt werden, lässt das dem zweiten Teil (”The Prize Dissertation on the Sexes of Plants by Carolus Von Linnaeus, Written Anno Domini 1759″) vorangestellte Motto bereits Robert J. Thorntons Hang zur Poesie anklingen. Die folgende englische Übersetzung der bahnbrechenden Arbeit von Linné wird demgemäß nicht nur von Thorntons ergänzenden Kommentaren, sondern auch von lyrischen Ausbrüchen und überschwänglicher Kalligrafie begleitet.

“The Temple of Flora” schließlich setzt sich aus den botanischen Bildtafeln zusammen. 70 großformatige Pflanzenabbildungen sollten es werden, doch nicht einmal die Hälfte der geplanten Tafeln konnten umgesetzt werden. Die Kosten für die Maler der als Vorlage dienenden Ölbilder und die aufwändige Herstellung der Farbdrucke hatten Robert John Thorntons Vermögen verschlungen. Der Verkauf lief schleppend, die zu Werbezwecken eröffnete Galerie blieb erfolglos und auch eine Lotterie brachte nicht die erhoffte Finanzspritze. Das Projekt war nicht mehr zu retten. Thornton starb 1837 verarmt. Von seinem Enthusiasmus für Botanik geleitet, hatte er den Markt für seine unkonventionelle Publikation und deren Produktionskosten falsch eingeschätzt.

Die zahlungskräftige, der Pflanzenkunde zugeneigte Bevölkerungsschicht verlor durch den Krieg mit Napoleon, der nicht nur neue Steuern für den Erhalt des Militärs sondern 1806 auch die Kontinentalsperre zur Folge hatte, das Interesse an botanischen Publikationen. Für die Wissenschaft hatte der “Temple of Flora” wenig Wert, denn die Darstellung der Pflanzen folgte nicht den Regeln der botanischen Illustration. Auch die Landschaften, in denen die Gewächse wiedergegeben wurden, zeigte nicht deren tatsächliches natürliches Umfeld, sondern was die Maler dafür hielten.

Heute sind es gerade die malerische Qualität, die emotionsgeladene Dramatik und der - unfreiwillige - Humor der Darstellungen, die ihren Charme ausmachen. Wer kann sich schon das Schmunzeln verkneifen, wenn ein sanft errötender Amor durch den Dschungel pirscht und seinen gespannten Bogen auf eine ahnungslose Strelizie richtet? Oder Flora, blass und sichtlich verausgabt, in den Wolken schwebt, um “ihre wohltuenden Gaben über die Erde” zu verteilen?

Die Tafeln des “Temple of Flora” sind hübsch anzusehen. Noch mehr Spaß macht es, sich Geschichten zu den Hintergrundszenen einfallen zu lassen. Was denkt sich der Eingeborene, der den Puderquastenstrauch bestaunt? Werden die Schiffe, die der Sturm im Hintergrund von Meads Götterblume über das aufgewühlte Meer treibt, kentern? Wer wohnt in der abgelegenen, tief verschneiten Holzhütte hinter der Anhöhe, auf der Schneeglöckchen und Krokus den nahenden Frühling ankündigen? Fordert der Vulkanausbruch am Horizont der Landschaft mit Drachenwurz Menschenleben? Wird sich ein Liebespärchen im antikisierenden Rundtempel hinter der weißen Lilie treffen? Mit ein wenig Fantasie wird “The Temple of Flora” zur Unterhaltung der ganzen Familie.

Es sind die wunderbar unkonventionellen Tafeln von “The Temple of Flora” die Robert J. Thornton seinen Platz in der Geschichte der botanischen Illustration gesichert haben. Auch in der Veröffentlichung des Taschen Verlags bilden sie das Herzstück. Für jene, die sich einer so eindrucksvollen botanischen Publikation mit dem ihr gebührenden Ernst widmen wollen, hält ein Maxi-Booklet eine Vielzahl wissenswerter Fakten über das Werk, Robert J. Thornton und die beteiligten Künstler bereit. Hier sind auch die, den ersten und zweiten Teil des Gesamtwerkes zierenden, Grafiken und kalligraphischen Blätter abgebildet. Als Vergleichsbeispiele angeführte Seiten aus anderen botanischen Werken verdeutlichen die Einzigartigkeit des “Temple of Flora”.

In der Produktgestaltung hat sich der Taschen Verlag wieder einmal selbst übertroffen. Schon das Auspacken des Buches ist ein Erlebnis, ein fast erotisches Vergnügen des Enthüllens. Zuerst fällt die Verpackung aus braunem Karton. Schicht für Schicht dringt man zu den Tafeln vor… Und steht zu guter Letzt vor der Entscheidung: Lässt man sie in ihrer berückend schönen Hülle oder erfreut man sich ihrer als Wandschmuck?

© Ch. Ranseder

Thornton, Temple of Flora

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Mord ist ihr Alltag

Freitag, 14. November 2008

Non-Fiction

Helga Schimmer
Mord ist ihr Alltag
Kremayr & Scheriau 2008,
ISBN 978 3 218 00789 4

Mord ist ihr Alltag Mord ist ihr Alltag: Kriminalisten auf Spurensuche

Spurensuche ist telegen, obwohl oder weil CSI und seine Verwandten ebenso weltfremd wie stylish sind. Die TV-Ermittler sind wahre Spurenverteiler und keine Spurensammler. Vielleicht haben sie aber neben dem Unterhaltungswert ein kleinwenig Abschreckungseffekt mit ihrer naiven Kernaussage “wir kriegen alle, bei uns kommt keiner davon”. Und vielleicht sind diese Formate eine Gewinn abwerfende - staatliche geförderte - Präventionsmaßnahme, die billiger ist als in reale Ermittlung zu investieren? Vielleicht investieren Politiker aber nur nicht in Aktivitäten, die einen Bumerang-Effekt entwickeln könnten?

Die Wirklichkeit ist deutlich ärmer an Prada - was nicht nur an den Gehältern liegt - und reicher an sackartiger Schutzkleidung aus Plastik. Und nicht zu vergessen, dass in der realen Welt sich wesentlich weniger Ermittler und Wissenschafter tummeln, die sich dafür akribisch und deshalb erfolgreich mit musealen statt Highend-Equipment mühen dürfen.

Vom Tatort, Chemielabor, Physik und Technik, biologische Spuren und dann noch einmal quer durch die Naturwissenschaft begleitet die Helga Schimmer die Spurensucher. Fünf Kapitel rund um Mord, Betrug, Brandstiftung, Taten im Cyberspace und andere Verbrechen beleuchten die Grenzen und Möglichkeiten der Kriminalisten, ebenso wie deren Erfolge. Die ewig gleichen Fragen nach dem ”Wer ist tot, Was ist geschehen, Wann ist es passiert und Wo”, wird um die essentiellen Fragen “Wer war es, Warum und Womit wurde die Tat vollbracht” detailreich ergänzt. Wissenschaftsjournalistisch zeigt die Autorin an realen Mordfällen auf, wie es tatsächlich um Ermittlung und Erfolg steht.  Eine tolle Lektüre rund um Reifen-, Schuh- und Fingerabdrücke, DNA- und sonstige Spuren, Informationsgewinn aus Insekten, Blut, Knochen und vielem mehr. Also wer hier nicht fündig wird, wird sich wohl selbst in die Fachliteratur einarbeiten müssen. Durch die fettgedruckten Begriffe und erläuternden Abbildungen erhält die spannende Lektüre den Touch eines Handbuchs für kriminalsitisch Interessierte und angehende Hobbyermittler. 

© S. Strohschneider-Laue

Mord ist ihr Alltag: Kriminalisten auf Spurensuche

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Geschmacksache

Dienstag, 21. Oktober 2008

Notiz

Geschmacksache ist Geschmacksache
Was Essen zum Genuss macht - Technisches Museum Wien
22. Oktober ‘08 - 21. Juni ‘09

Kaffeemaschine Copyright TMW “Essen hält Leib und Seele zusammen” ist in überfütterten Industrienationen schon lange kein Thema mehr. Hier gehört sowohl Essen als auch essen zum Lifestyle. Kochen ist längst salonfähig geworden. Und das Einkochen - pardon - Bekochen von Konsumenten zieht sich erfolgreich durch alle Medien. Also, wenn es keine Kochshows gäbe, wären einige TV-Sender aufgrund mangelnder Einschaltquoten und daher fehlender Werbeschaltungen vermutlich schon pleite. Mit anderen Worten: E/essen ist weit mehr als die Befriedigung des Grundbedürfnisses nach Sättigung durch Nahrungsaufnahme. Diese Grundidee griff auch das Team des TMW auf und ging der Frage nach, was das Haus zum Thema “Geschmacksache” und Nahrungsmittelproduktion zu bieten hat.

Ausschnitt Molkereimodell Copyright TMW Gleich fünf Rohstoffe - Getreide, Milch, Fleisch, Kaffee, und Kakao - werden aufgegriffen. Anhand von Geräten und Verarbeitungstechniken wird aufgezeigt wie aus diesen Rohstoffen Endprodukte mit typischen Eigenschaften und Geschmacksrichtungen werden. Das TMW konnte hierzu erstaunliche Objekte aus dem Depotschlaf wecken und frisch aufpoliert ausstellen. Darunter erweist sich das Modell der Wiener Molkerei (1906/07), das die ganze Betriebsanlage zeigt, als besonders eindrucksvoll. Natürlich gibt es auch unzählige unbekannte, weniger bekannte oder längst wieder in Vergessenheit geratene Spezialgeräte zu bestaunen. Die mehr oder minder vertrauten Haushaltsobjekte belegen, welche technische Vielfalt bei der Zubereitung von Essen zum Einsatz kam und immer noch kommt.

Kaffeeschale 1837 Copyright TMW Trotzdem täuschen die stimmigen Inszenierungen der einzelnen Themenkreise, die Menge, die Vielfalt und die Qualität der Objekte leider nicht darüber hinweg, dass dem Ausstellungskonzept Grundlegendes zum Haubenmenü fehlt. Und wenn das unglaublich engagierte Vermittlungsprogramm nicht wäre, nicht einmal ein schaler Nachgeschmack von der “Geschmacksache” bliebe. Weniger wäre hier deutlich mehr gewesen. Ein einziges der fünf Rohprodukt in seiner Gesamtheit zu präsentieren, in seinem naturwissenschaftlichen und kulturhistorischen Kontext zu betrachten und die technische Aspekte der Auf- und Zubereitung zu zeigen bzw. begreifbar zu machen, hätte einen echten Mehrwert bedeutet. Auch eine Trennung zwischen heimischen Grundnahrungsmitteln und importierten Genussmitteln wäre denkbar gewesen. So zieht der Individualbesucher aus einer Fülle von Objekten nur minimalistische Information.  Und nur jene, die das umfangreiche Veranstaltungsprogramm nutzen werden, werden sehr viel nachhaltigen Geschmack an der “Geschmacksache” finden.

Den gleichnamigen Begleitkatalog (Geschmacksache. Was Essen zum Genuss macht. 200 S. ISBN 978 3 902183 16 3) sollte man sich unbedingt gönnen. Er erweist sich zusätzlich zur und auch unabhängig von der Ausstellung als reichhaltiges Buffet mit großer Auswahl an interessanten und schmackhaft zubereiteten Häppchen. Die Beiträge greifen das Thema auf, vertiefen es breit gefächert. Im Katalogteil werden Kostproben aus der Ausstellung mit Kurzabrissen zu den Nahrungsmitteln und ausgewählten Objekten geboten. Grafisch mit ausreichend Weißraum gestaltet, erweist der Katalog sich auch als optischer Genuss und ist mit € 29,80 - natürlich auch gemessen am gebotenen Inhalt - eine ebenso erschwingliche wie attraktive Anschaffung mit Nachhaltigkeitseffekt.

© S. Strohschneider-Laue

Veranstaltungsprogramm

SCHMECK’S! Ein musikalisch-kulinarischer Abend, 22. Oktober. ‘08, 19:00 Uhr, Eintritt: € 18,- Ermäßigte Karten in jeder Bank Austria, unter www.clubticket.at oder Tel. 01/249 24 und für Ö1 Club, Kurier Club, Euro<26 an der Abendkassa, Kartenreservierungen: Tel. 01/ 416 23 66, weanhean@wvlw.at

Von Kakaokühen und Rülpsbakterien 19. November ‘08, 10:00 bis 12:00 Uhr, Nur für Schulgruppen (8 bis 12 Jahre, max. 30 TeilnehmerInnen). Anmeldung unter www.lesefestwoche.at

Die faszinierende Aromawelt der Schokolade 20. November ‘08; 15. Dezember ‘08; 22. Januar ‘09; 26. März ‘09. Anmeldung erforderlich: www.chocolateloversclub.at  oder office@chocolateloversclub.at

Novelli’s Kochwerkstatt 2. Dezember ‘08; 12. Februar ‘09; 19. März ‘09; 29. April 09; 19. Mai ‘09. Kosten € 140,- pro Person (inkl. Eintritt, Führung, 1 Glas Champagner, Kochkurs, dreigängiges Menü und Novelli-Kochschürze) Mindestteilnehmerzahl 10 Personen, maximal 15 Personen pro Kurs. Anmeldung erforderlich: novelli@haslauer.at

Rosa Fasching Von 11:00 bis 17:00 Uhr finden im Museum süße Aktionen rund um Schokolade und ihre Verarbeitung statt. Der Eintritt ist an diesem Tag für alle, die rosa verkleidet ins Museum kommen, frei! 21. Februar ‘09

Die wunderbare Welt der sinnlichen Wahrnehmung von Lebensmitteln Vortrag von Klaus Dürrschmid, Universität für Bodenkultur, 20. Januar ‘08, 19:00 Uhr

Gute Keime für wohlschmeckende und sichere Produkte Vortrag von Wolfgang Kneifel und Konrad Domig, Universität für Bodenkultur, 24. März ‘08, 19:00 Uhr

Neue Verfahren und Techniken in der Lebensmittelproduktion Vortrag von Emmerich Berghofer, Universität für Bodenkultur, 12. Mai’ 08, 19:00 Uhr

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Jacques-Yves Cousteau

Sonntag, 29. Juni 2008

Non-Fiction

Jacques Cousteau, Susan Schiefelbein
Der Mensch, die Orchidee und der Oktopus
Campus 2008, 371 S.
ISBN 978 3 5933 8564 8

Jacques Cousteau Der Mensch, die Orchidee und der Oktopus. Mein Leben für die Erforschung und Bewahrung unserer Umwelt 

Am 11. Juni 2010 jährt sich der Geburtstag von Jacques-Yves Cousteau zum 100. Mal. Kein anderer hat im 20. Jahrhundert die Erforschung des „10. Kontinents” so maßgeblich angeregt und vorangetrieben wie diese schillernde Persönlichkeit. Mehrere Generationen sind mit seinen spannenden und abwechslungsreichen TV-Reportagen „Geheimnisse des Meeres” aufgewachsen und dadurch auch angeregt worden, selbst an der Erforschung des Meeres teilzunehmen. Zur sommerlichen Grundausstattung von Kindern und Jugendlichen gehörten schon ab Beginn der 1960er Jahre Taucherbrille, Flossen und Schnorchel.

Cousteaus anfängliches Interesse für die Eisenbahn wurde bald vom Interesse für das Meer und der Fliegerei abgelöst. Durch einen Autounfall an seiner Fliegerkarriere verhindert, wendete sich Cousteau nun dem Geschehen auf und unter der Meeresoberfläche zu. Er trat 1933 der französischen Kriegsmarine bei. Während des Zweiten Weltkriegs war Cousteau Mitglied der Resistance. Die Kriegsmarine verließ er 1950 als Korvettenkapitän. In dieser Zeit widmet er sich besonders der Entwicklung und Verbesserung von Gerätschaften, die einen längeren Aufenthalt in einiger Wassertiefe ermöglichen. So wurden Atemgeräte, Tauchermasken und auch Unterwasser Fortbewegungsmittel erfunden oder weiterentwickelt.
Die entscheidende Wende in Cousteaus Leben, die Wandlung von einer lokalen Berühmtheit zu einem internationalen, weltweit bekannten Meeresforscher und Medienstar, wurde durch den Erwerb der Calypso ausgelöst. Die Yacht leistete ihm auf vielen Forschungsreisen zwischen 1950 und 1996 ausgezeichnete Dienste.

Cousteau bediente sich geschickt der Medien. So wurde 1956 sein erster Film (Regisseur Louis Malle) mit der goldenen Palme und dem Oskar ausgezeichnet. Der weltweite Bekanntheitsgrad von Cousteau wurde so groß, dass sogar ein Yanomami-Indianer im hintersten Amazonien ihn erkannte und seine Expedition passieren ließ. Jacques Cousteau wurde 17 Jahre in Folge zum beliebtesten Franzosen gewählt. In mehr als 800.000 Briefen wurde er aufgefordert als Staatspräsident zu kandidieren. Vielfältig, faszinierend und prägend war seine Persönlichkeit und umso erfreulich ist es, dass in dem vorliegenden Buch endlich von der Journalistin Susanne Schiefelbein, einer langjährigen Mitarbeiterin Cousteaus, zehn Jahre nach dessen Tod dessen Vermächtnis eröffnet. Hier lässt Cousteau einerseits sein Leben revueartig passieren, andererseits beschreibt der Band seine Entwicklung zum Umweltschützer und Atomgegner.

Spannend und informativ wird das ohnedies schon abwechslungsreiche Leben und das Lebenswerk von Cousteau präsentiert. Definitiv nicht nur eine Pflichtlektüre für jeden Cousteau-Fan, deren einziges Manko es ist wenig Fotos zu bieten.

© R. Strohschneider

Der Mensch, die Orchidee und der Oktopus. Mein Leben für die Erforschung und Bewahrung unserer Umwelt

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Klima

Mittwoch, 11. Juni 2008

ab acht

Werner Buggisch, Christian Buggisch
Klima
Was ist Was Bd. 125

Tessloff 2008, 48 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 7886 1512 3

Klima Was ist Was. Klima (Bd. 125)

Die beliebte „Was ist Was” Buchreihe wurde 1961 erfunden. Sie hat es also schon gegeben als ich lesen gelernt habe. Und um ganz ehrlich zu sein, „Was ist Was” ist genauso alt wie ich nur weniger grau. 40 Jahre später hat die Buchreihe den Sprung ins TV und ins Internet geschafft. Und bis heute ist „Was ist Was” nicht „alt” geworden, sondern modern geblieben, wie man sich auch auf den Entdecker-Klubseiten überzeugen kann. Bis heute hat „Was ist Was” das Niveau gehalten und Sachthemen werden noch immer kindgerecht verpackt. Die Themenbereiche Natur & Tiere, Geschichte, Wissenschaft, Technik und Sport werden von der Reihe abgedeckt. Die spannenden Sachbücher standen daher schon in den 60ern auf meiner Wunschliste, in den späten 90ern auf der meiner Tochter und vielleicht in ferner Zukunft einmal auf der unserer Enkel und Urenkel. So strapazfähig wie die Bände schon immer gestaltet sind, werden sogar unsere eigenen bis dahin immer noch prima in Schuss sein. Inhaltlich, an der Basisinformation wird sich ja wohl nichts Grundlegendes ändern, werden sie auch noch brauchbar sein. Und falls doch aktuellere Daten gewünscht oder notwendig sind, kann man sicher sein, dass es schon etwas bei „Was ist Was” eine aktualisierte Ausgabe gibt oder in Vorbereitung ist.

Ganz exemplarisch aus der unverzichtbaren „Was ist Was” Serie, die derzeit mit rund 125 Bänden vorliegt, sei an dieser Stelle „Klima” vorgestellt. Grundlegende Fragen werden in den “Was ist Was” Büchern bei aktuellem Wissenstand fachlich korrekt beantwortet ohne zu überfordern, so auch in diesem Buch. Klimaentstehung, Klimazonen, Klima während der Erdgschichte, Mensch und Klima sowie Klimaschutz werden am Puls der Zeit abgehandelt. Zahlreiche Abbildungen begleiten und erläutern den Text. Glossar und Index runden das kleine „Klima-Lexikon”, dass auch Erwachsenen den schnellen Überblick verschafft, ab.

Ein Aufbau der sich seit fast 50 Jahren wunderbar bewährt.  Eindeutig noch immer eine Buchserie zum Kaufen, Behalten und Verschenken. Schön, dass Qualität tatsächlich Bestand hat und trotzdem erschwinglich bleibt.

© S. Strohschneider-Laue

Was ist Was. Klima (Bd. 125)

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Eiszeit

Freitag, 11. April 2008

Notiz

Die Eiszeit ist heiß
Mammut, Mensch & Co.
9. März 2008 bis 15. Februar 2009

Eiszeitjäger ©  S. Strohschneider-Laue

Es ist das Venusjahr. Vor 100 Jahren, am 8.8.1908 wurde die Altsteinzeitlerin “Venus von Willendorf” in der Wachau entdeckt. Erst 80 Jahre später bekam die dralle Niederösterreicherin weitere menschengestaltige Gesellschaft. Im September 1988 wurde bedeutend schlankere “Fanny vom Galgenberg” ausgegraben. Ihren Spitznamen erhielt sie aufgrund ihrer tänzerisch anmutenden Körperhaltung und in Erinnerung an die österreichische Tänzerin Fanny Elßler (1810-1884). Beide werden in der Eiszeit-Ausstellung im Landesmuseum Niederösterreich gezeigt. Allerdings nicht gleichzeitig.

Tanzende Fanny ©  S. Strohschneider-Laue Fanny, mit ihren rund 32.000 Jahren die ältere von beiden, hat ihren Auftritt von 8. März bis 17. Mai. Die Willendorferin, bekannter aber mit “nur” rund 25.000 Jahren die jüngere, ist von 17. Mai bis 8. August in St. Pölten zu Gast.

Die Ausstellung bietet viel mehr als die beiden “alten Damen”. Thematisiert wird die Steinzeit in der Eiszeit. gemeint ist die letzte große Eiszeit (Würm), die zwischen 120.000 und 10.000 Jahren das Klima bestimmte. Die Landschaft erhielt ihren letzten Gletscherschliff. Täler entstanden, Flüsse lagerten Schotter ab und Unmengen von Lösstaub wurde von den Winden verweht. Langsam aber stetig bekam die Landschaft ihr heutiges Aussehen auch wenn damals weite Teile Europas unter einer bis zu 3000 m mächtigen Eisschicht begraben lagen. Obwohl schon lange vorn der unglaublichen Eislast befreit ist Skandinavien noch immer damit beschäftigt, sich wieder “aufzurichten” und hebt sich im Jahr immerhin noch um rund 10 mm. Klingt wenig, aber Kleinvieh macht bekanntlich auch Mist und so sind es seither doch schon beachtliche 800 m, die die Landmasse aufgestiegen ist.

In den eisfreien Gebieten blühte während unwirtlich klingenden Klimaperiode das Leben. Allerdings schaute die Tier- und Pflanzenwelt ein wenig anderes als heute in unseren Breiten aus. Etliche Tiere sind mit Ende der Eiszeit vor rund 10.000 Jahren ausgestorben (Mammut, Wollhaarnashorn, Säbelkatzen, Höhlenbären und -hyänen) andere leben noch heute in klimatisch vergleichbaren Rückzugsgebieten. Für unseren Raum seien stellvertretend Steinbock oder Murmel im alpinen Gebieten genannt oder Rentiere und Lemminge für den hohen Norden. Für die Menschheit vollzog sich während dieser Epoche der Menschheitsgeschichte ein weiterer wichtiger Schritt.Der Neandertaler verlässt die Bühne und der moderen Mensch betritt sie.

Mammut ©  S. Strohschneider-Laue Und wo betreten die modernen Ausstellungsbesucher die Bühne? Sie werden am Eingang zur Sonderausstellung von einem lebensgroßen Mammut begrüßt, dem man gerne verzeiht, dass es nur aus einer vorderen Hälfte besteht. Es ist deswegen nicht weniger beeindruckend.

Mammut ©  S. Strohschneider-LaueUnd seine Rückseite wird stimmig auf den heutigen skelettierten Fundzustand gebracht.Von dort wird man entlang einer Zeitleiste, die mit wichtigen Funden und erläuternden Texten kombiniert ist, in die Ausstellung begleitet.

Przewalski Pferd ©  S. Strohschneider-Laue Wichtige tierische Vertreter dieser Klimaperiode werden als Konturschnitte mit eingepassten Originalfunden vor stimmigen Landschaftshängern gezeigt.

Der gesamte Sonderausstellungsraum wird einerseits als eiszeitliches Lager und anderseits als archäologischer Fund und Befund präsentiert. Eiszeitliche Jäger und Sammler gehen ihren Beschäftigungen beim Feuer, vor dem Zelt oder bei Jagd und Lederverarbeitung nach. Anschaulich und kein bisschen trivial fügen sich die auf Acryl lebensgroß aufgebrachten Reanactment-Fotos ein. Übrigens durchwegs an der Ausstellung beteiligte Personen, u. a. sind die drei Kuratoren stilecht zu Eiszeitlern mutiert. Erfreulich ist, dass die für Laien bei herkömmlicher Präsentation etwas unspektakulär anmutenden Funde, harmonisch in die Inszenierungen eingebracht werden und somit in einem leicht nachvollziehbaren Sinnzusammenhang gebracht werden.

Bergwiese ©  S. Strohschneider-Laue Und über alles menschliche Treiben schweift von der “Bergwiese” der kritische Blick tierischer Eiszeitler.

Grabungssimulation ©  S. Strohschneider-Laue Die zahlreichen jungen Besucher erhalten tolles Zusatzangebot. Ein großer Raum steht für die Vermittlung zur Verfügung und zusätzlich ein eigener Raum für Grabungssimulationen. Ein großes Profil zeigt leicht fassbar die Schichtabfolgen bis zur Gegenwart. Manches wirkt alelrdings inhaltlich befremdlich.Insbesondere das Venusvoting, bei dem anscheinend Geldstücke eingeworfen werden können, wirkt in jeder Hinsicht ziemlich fragwürdig. Interpretation ist schließlich kein Mehrheitsentscheid und fraglich bleibt auch, ob die Kinder gar eigenes ihr Geld dafür hergeben sollen. Aber vielleicht bzw. hoffentlich ist die personale Vermittlung besser als der inhaltlich Eindruck, der beim Betrachten erweckt wird.

Den Kuratoren der Ausstellung - Thomas Einwögerer, Erich Steiner und Christian Dietrich - ist es in einem gelungenen Ausstellungskonzept Umweltfaktoren und frühe menschliche Kultur miteinander zu verbinden. Für die geniale Ausstellungsarchitektur zeichnet Doris Prenn mit prenn_punkt - buero fuer kommunikation und gestaltung verantwortlich. Ihr ist es glaubwürdig und mit großerer erzählerischer Kraft gelungen die wärmeren Abschnitte der Eiszeit in satten Grüntönen zum Leben zu erwecken.

Diese Ausstellung ist definitiv ein Muss im Laufe des Jahres und wesentlich besser als die überbeworbene Tutanchamun-Ausstellung. Mal ganz abgesehen davon, dass hier das Preis-Leistungs-Verhältnis wirklich fantastisch ist und ein Kombiticket (Landesmuseum, Schallaburg, Kunsthalle Krems) sowieso eine kluge Entscheidung.

Non Fiction

Katalog Mammut, Mensch & Co Zuletzt noch ein Hinweis auf den großartigen Katalog Mammut, Mensch & Co.: Steinzeit in der Eiszeit, der über die Ausstellung hinaus Bestand haben wird. In fünfzehn fundierten Beiträgen werden Aspekte der Eiszeit behandelt. Tierwelt, Menschheitsentwicklung und die Rolle Niederösterreichs so wie wichtige Funde (u. a. die Doppelbestattung vom Wachtberg und die Venusplastiken) werden genauerer Betrachtungen von jenen WissenschaftlerInnen unterzogen, die den Puls der Forschung derzeit bestimmen. Ein Ausblick auf die aktuelle vom Menschen ausgelöste Klimaentwicklung schließt - überaus passend - den Band.

© S. Strohschneider-Laue

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Farben Natur.Technik.Kunst

Freitag, 11. April 2008

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Norbert Welsch, Claus Chr. Liebmann
Farben Natur.Technik.Kunst
Elsevier München 2007², Dt., Broschur, 434 S., zahlr. Farbabb., CD-ROM
ISBN 978-3-8274-1772-5

Farben Natur.Technik.Kunst Farben - Buch und CD-ROM. Natur - Technik - Kunst

Farbe ist etwas so Selbstverständliches, dass wir sie nur selten bewusst wahrnehmen. Eine Auseinandersetzung mit unserer bunten Umwelt hat meist praktische Gründe. Von Zeit zu Zeit muss ja, zum Beispiel, die Küche frisch ausgemalt oder ein neues Kleidungsstück angeschafft werden. Spätestens dann wird klar, dass Farbe etwas sehr Subjektives ist. Jeder nimmt sie anders wahr und zu formulieren was wir da sehen, ist nicht ganz einfach. Wer jemals einer anderen Person per Telefon die Farbe einer neuen Anschaffung zu schildern versucht hat, wird wissen welche Kluft sich zwischen Imagination und Realität auftun kann. Norbert Welsch und Claus Chr. Liebmann haben sich in “Farbe. Natur - Technik - Kunst”, das nun bereits in seiner zweiten Auflage vorliegt, auf die Spuren des Phänomens Farbe begeben. Sie durchforsteten zahlreiche Bücher und das Internet nach Wissenswertem zum Thema Farbe, vernetzten die Informationen aus den verschiedensten Disziplinen und setzten so manches multimedial um. Angesichts der Weitläufigkeit des Forschungsgebietes fürwahr eine herkulische Aufgabe! Das Ergebnis ihrer Recherche ist nicht nur eine interaktive CD-ROM sondern auch ein bemerkenswert umfangreiches Buch, das wegen seines beträchtlichen Gewichtes gut und gerne als Schwarte oder Wälzer angesprochen werden kann. Ein nicht abreißen wollender Informationsstrom trägt die Leserin und den Leser durch eine bunte Mischung aus 134 Themen zum Phänomen Farbe. Eltern, deren Kinder sich gerade in der “warum?”-Phase befinden, können aufatmen. Fragen wie “Warum ist der Himmel blau?” verlieren mit “Farbe. Natur - Technik - Kunst” ihren Schrecken.Das mit anschaulichen Abbildungen und Diagrammen reich bebilderte Werk bändigt die Themenfülle in vier Kapiteln. Ein von einem exzellenten Glossar unterstützter Index macht die Navigation innerhalb der 434 Seiten zum KinderspielKapitel 1, “Das Wesen der Farbe”, widmet sich der Wirkung und Ordnung der Farben, untersucht Symbolik und Psychologie einzelner Farben und streift die Anwendng von Farbe in Kunst und Kultur.Kapitel 2, “Farben in Natur und Chemie”, erklärt Färbeverfahren und stellt natürliche Farbstoffe sowie synthetische Farbmittel vor.Kapitel 3, “Farbwahrnehmung”, entführt in das Reich der Biologie und geht dem Wunder des menschlichen und tierischen Farbensehens auf den Grund.Kapitel 4, “Farbe in Physik und Technik”, analysiert Licht und Farbe aus der Sicht der Physik und führt praktische Anwendungsbeispiele vor Augen. Abgerundet wird das Buch durch einen Anhang, der neben Index und Glossar, auch noch mit einer Zeittafel, Anleitungen zu Experimenten und einem Literaturverzeichnis aufwarten kann. Vollgepackt mit Informationen bietet “Farbe. Natur - Technik - Kunst” ein kunterbuntes Allerlei zum Thema Farbe, das gleichermaßen unterhält und belehrt. Liebhaber der Interaktivität können sich mit der CD-ROM Vergnügen und so manchen Farbeffekt selbst ausprobieren. In Summe ist “Farbe. Natur - Technik - Kunst” ein Produkt, dem es gelingt das komplexe Thema Farbe einem breiten Publikum anschaulich näher zu bringen.

© Ch. Ranseder

Farben - Buch und CD-ROM. Natur - Technik - Kunst

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Knochen lesen

Freitag, 11. April 2008

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Sigrid Czeika, Christine Ranseder
Knochen lesen. Tierknochen als Zeugen der Vergangenheit

Phoibos 2007, Wien Archäologisch Bd. 3; 72 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 901232 90 9

Knochen lesen Knochen lesen. Tierknochen als Zeugen der Vergangenheit

Das Konzept - fachlich korrekt, sprachlich leicht fassbar, ansprechend bebildert und im zeitgemäßen Layout - der Reihe Wien Archäologisch überzeugt auch mit dem dritten Band bis ins Detail.”Knochen lesen” nimmt sich der zu Unrecht wenig vom archäologiebegeisterten Laien beachteten Archäozoologie an. Der Knochenmüll, der sich über die Jahrtausende angesammelt hat, ist für das archäologische Puzzle genauso wichtig wie die unzähligen Überreste von Gebrauchsgegenständen. Von der Ausgrabung über die Restaurierung bis zur wissenschaftlichen Auswertung spannt sich daher der Bogen. In ausgewählten Beispielen, begleitet von zahlreichen Fotos, werden die Erkenntnisse, die aus Knochen gewonnen werden, dargelegt. Aussagen zur Jagd, Haustierhaltung und Schlachtung lassen sich dabei ebenso treffen, wie solche über den Umgang mit Haustieren, die nicht als Braten auf den Tisch gekommen sind. Ganze Skelette und einzelne Knochen gewähren durchaus mehr als nur Einblicke in Essgewohnheiten im Jahreskreis. Knochen waren - und sind auch heute noch - ein wichtiger und zuweilen auch wertvoller Rohstoff. Leim, Knöpfe und Griffe (z. B. Zahnbürsten), Spielzeug oder Zierobjekte wurden aus Knochen hergestellt.

Dem Autorinnenteam gelingt es dem vermeintlich spröden und vielen eventuell unappetitlich erscheinenden Knochen zahlreiche spannende Aspekte abzugewinnen und diese - manchmal auch augenzwinkernd - fesselnd darzulegen. So leichtfüßig kommt die - stets auf ihre konservative Reputation ängstlich bedachte - Archäologie und Archäozoologie viel zu selten einher.

© S. Strohschneider-Laue 23. September 2007

Knochen lesen. Tierknochen als Zeugen der Vergangenheit
Licht & Wärme: Beleuchtung und Heizung im Wandel der Zeit
Michaelerplatz: Die archäologischen Ausgrabungen
Wasser in Wien. Von den Römern bis zur Neuzeit

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