Historische Blumen
Donnerstag, 28. April 2011
Brigitte Wachsmuth
Historische Blumen
Sorten - Anbau - Geschichten
Thorbecke 2011, 136 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 7995 3571 7
Historische Blumen: Sorten, Anbau, Geschichten
Das Buch “Historische Blumen. Sorten - Anbau - Geschichten” hält, was der erfreulich präzise Titel verspricht. Brigitte Wachsmuth erzählt voller Elan von Blumenmoden, Manien und den Menschen, die den kostbaren Pflanzen viel Zeit, Geld und Liebe schenkten. Jedes der zahlreichen Blumenporträts schließt mit einer kommentierten Liste, in der bewährte, noch im Handel erhältliche alte Sorten besprochen werden. An passender Stelle eingefügte Tipps zum richtigen Umgang mit den historischen Pflanzensorten, machen die Texte auch zu einer Fundgrube für praktizierende GärtnerInnen.
Geografisch liegt der Schwerpunkt der historischen Betrachtung geliebter Gartenblumen auf dem europäischen Kontinent - womit sich eine Lücke in der einschlägigen Literatur schließt. Zeitlich setzt das Buch an der Schwelle vom Spätmittelalter zur frühen Neuzeit ein, als der dem Vergnügen und der Repräsentation gewidmete Garten begann, an Bedeutung zu gewinnen. Doch nicht die Entwicklung der Gartenkunst steht im Mittelpunkt der schmucken Publikation, sondern Aufstieg, Niedergang und Wiederentdeckung ausgewählter Blumen, darunter Tulpe, Hyazinthe, Iris, Martagonlilie, Aurikel, Primel, Veilchen, Schneeglöckchen, Helleborus und Hosta.
Die Serie der Pflanzenporträts beginnt mit der Akelei, der Blume der Gotik, die mit ihrer christlichen Symbolik noch mittelalterliches Gedankengut spiegelt. Im Gegensatz zu ihr gelang es der am Beginn der Neuzeit nördlich der Alpen seltenen und in der Pflege anspruchsvolleren Nelke ihrer religiösen Bedeutung eine weitere Dimension hinzuzufügen: Sie wurde zum Zeichen der Freundschaft, Liebe und des Verlöbnisses. Von 1600 bis 1850 zählten die alten Nelken, allesamt Topfpflanzen, mit einer unüberschaubaren Sortenvielfalt zu den beliebtesten Blumen Kontinentaleuropas, um danach langsam aus den Gärten zu entschwinden.
In der Vorliebe für bestimmte Pflanzen spiegeln sich sowohl der Zeitgeist als auch der wirtschaftliche Entwicklungsstand einer Epoche. Paradebeispiel dafür ist die Tulpenmanie, die 1637 zum Zusammenbruch des ersten Spekulationsmarktes der Geschichte führte. Doch Tulpen waren nicht die einzigen Blumen, die im Barock mit großer Leidenschaft gesammelt wurden. Auch Hyazinthen, Anemonen und Ranunkeln waren heiß begehrt.
Die Begeisterung der Enthusiasten kannte keine Grenzen, sogar Kuriositäten wurden angepflanzt und in Florilegien verewigt. Dass zu diesen einst auch Pflanzen mit gefüllten Blüten zählten - über deren Qualität sich die Ansichten von Botanikern und Gärtnern übrigens schieden - ist ein pikantes Detail der Blumengeschichte.
Im 19. Jahrhundert bereicherte eine Flut neuer Pflanzen aus fernen Ländern die Gärten. Die Erfindung des Ward´schen Kastens sicherte ihr Überleben auf den langen Transportwegen. Die Tatsache, dass sich in ihnen auch einheimische Farne wohlfühlten, führte in England zu einer wahren Farnhysterie von der Kontinentaleuropa weitgehend unberührt blieb. Internationalen Anklang konnte hingegen das Veilchen verbuchen. Als Blume der Patrioten brachte das zarte Pflänzlein die Gemüter in Wallung. Die Enthusiasten des 20. Jahrhunderts schließlich entdecken Schneeglöckchen und Hosta für sich.
Der Kulturgeschichte all dieser herrlichen Pflanzen stehen im lebhaft geschriebenen Text des Buches Botanik und gärtnerische Praxis gleichberechtigt zur Seite. Auf das Aussehen und die Eigenheiten der porträtierten Blumen wird ebenso eingegangen wie auf ihre Bedürfnisse im Topf oder Garten. Tipps zu Anbau, Pflege und Vermehrung noch im Handel erhältlicher Sorten ermutigen GartenbesitzerInnen es doch mit der einen oder anderen historischen Schönen zu versuchen. So preziös und anspruchsvoll - wie oft angenommen - sind die historischen Blumensorten nämlich gar nicht.
Wie historische Blumen in heutigen Gärten zum Einsatz kommen können, beschreibt das letzte Kapitel. Ein kommentiertes Literaturverzeichnis und eine Liste von Anbietern historischer Blumen runden das gelungene Werk ab.
“Historische Blumen. Sorten - Anbau - Geschichten” ist ein Lesegenuss von der ersten bis zur letzten Seite. Brigitte Wachsmuth hat die seltene Gabe Texte mit hoher Informationsdichte zu verfassen, die spannend, abwechslungsreich und sprachlich geschliffen zugleich sind. Optisch wird das Buch durch eine bunte Mischung aus historischen botanischen Illustrationen und seitenfüllenden Nahaufnahmen der Blumen zur Augenweide. Von vegetabilen Ornamenten umrankte Initialen verleihen der grafischen Gestaltung Charme.
Die Beschäftigung mit historischen Pflanzensorten lohnt sich, schließlich haben sie dank ihrer bewegten Geschichte weit mehr als ihr hübsches Aussehen zu bieten. Das Buch “Historische Blumen” weiht in ihre Geheimnisse ein und hält für GärtnerInnen in Geiste wie im Blumenbeet vergnügliche Überraschungen bereit.
© Ch. Ranseder
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