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Kritik und KritikerInnen

Sonntag, 18. September 2011

Notiz

Kritik oder Nichtkritik, ist hier die Frage …

Buchstapel © Sistlau

Es ist wie beim Essen: Wenn Masse für gut gehalten wird, liegt es zumeist daran, dass Beliebigkeit vergleichbar ist.
Wenn Klasse nicht erkannt wird, liegt es an der fehlenden Bewertungsfähigkeit.
Wer nur Würsteln kennt, kann nur Würsteln vergleichen. Eine solide Grundlage für einen objektiven Vergleich.
Wer Klasse hat, urteilt nicht über Würsteln, wenn er Würsteln hasst. Mit subjektiver Ablehnung wird ein objektiver Vergleich nur sehr schwer möglich sein.

So scheint es mir auch mit der Rezensionskultur zu stehen, zu der Henrike Heiland einen verreißend guten Beitrag geschrieben hat.

Personalkritik - hier Rezensentenbeurteilung - bedeutet, sich zu überlegen, warum jemand einen Verriss schreibt. Es macht Mühe, es kostet Zeit und man kann sich gewaltig in die Nesseln setzen.
Wenn ein Buch tatsächlich so grottenschlecht ist, liest man es nicht (zu Ende) und schickt das Rezensionsexemplar zum Wohle des Verlages, der haushalten muss, und des Autors, der zufrieden bleibt, retour. Man isst ja schließlich weder ein faules Ei auf noch müllt man seine Bibliothek zu.

Was bleiben also für Gründe übrig? Selbstdarstellung, Groupie(un)wesen, Wichtigtuerei und Auch-mitreden-wollen sind sicher einige davon - wenn (so oder so) lancierte Besprechungen ausgeschlossen werden dürfen.
Schlechte Kritiken können Bücher zum Bestseller machen oder einstampfen, bevor die Druckerschwärze trocken ist. Und manchmal kann man nicht einmal mehr ausmachen, wie das Eine zum Anderen führte. Es stellt sich wohl eher die Frage: Kann man die Wirkung einzelner Kritiken abschätzen- abgesehen von der verheerenden Wirkung auf die AutorInnen?

Textlich diskreditieren sich ja manche “schreibende LeserInnen” ins Unermessliche und relativieren inhaltlich auf: Eigentlich wollte ich von meinem spannenden Leben, das viel interessanter ist, erzählen, aber dann habe ich über den Tellerrand des grauen Buchs geschaut und mein Mann ist deswegen verhungert, obwohl die Pornografie unerträglich war, habe ich es trotz seiner langweiligen 594 Seiten schnell zu Ende gelesen und bin jetzt noch mehr gegen Drogen.

Halten solche Meinungsäußerungen tatsächlich alle/viele potenzielle KäuferInnen ab oder nur den niveaugleichen Freundeskreis der Schreibenden?

Sicher ist, dass der im Wildwuchs gepflückte Rezensionsstilblütenstrauß aus … hilfreiche Kritik der Endverbraucher gerne vergrößert werden darf.

© S. Strohschneider-Laue

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Taschen für Fashionistas

Mittwoch, 06. April 2011

Non-Fiction

nani coldine
Taschen für Fashionistas 
entwerfen - nähen - verkaufen  

Haupt 2011, 160 S. zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 2586 0021 5

Taschen für Fashionistas

Eine Frau ohne Handtasche ist ein seltener Anblick. Für die meisten von uns sind die - mehr oder weniger praktischen - Transportbehälter unverzichtbare Begleiter. Dieses innige Nahverhältnis zu ihrer Besitzerin macht die Handtasche zu mehr als nur einem modischen Accessoire. Sie ist ein sehr persönlicher mobiler Raum, eine miniaturisierte Privatsphäre fern der Wohnung. Daher liegt es nahe, dass eine Handtasche nicht nur schick sein soll, sondern auch individuellen Ansprüchen genügen muss. Also schneidert frau sich das gute Stück am besten gleich selbst - Handarbeit liegt ohnedies im Trend. Anleitungen, guten Rat und Inspirationen für eigene Projekte steuert das Modelabel nani coldine mit “Taschen für Fashionistas. entwerfen - nähen - verkaufen” bei.

Das hinreißend illustrierte Buch ist die ideale Einführung für alle, die ihre Lieblingshandtasche selbst anfertigen wollen. Vermutlich wird es nicht bei einem Täschchen bleiben, denn die 25 Schritt-für-Schritt-Anleitungen machen Lust jedes der gezeigten Modelle nachzuschneidern. Ob Clutch, Hobo-Bag, Weekender-Bag, Tote-Bag, Baguette-Bag, Pochette oder Messenger-Bag - begehrenswert sind sie alle. Jede Anleitung besteht aus Angaben zu Material und Werkzeug, dem Schnitt und einer detaillierten Erklärung des Nähvorganges. Charmante Zeichnungen und Fotos des fertigen Modells stehen dem Text hilfreich zur Seite. Blutige Anfängerinnen an der Nähmaschine lernen in der Einführung wie Schnitte vergrößert, Innenfutter angefertigt und Reißverschlusstaschen genäht werden. Wer gar nicht nähen mag, findet im Kapitel “Pimp my bag” Vorschläge, wie alten Handtaschen mit Heißklebepistole, Farbe oder diversen Broschen neues Leben eingehaucht werden kann.

Mit ein bisschen Geschick und Übung lassen sich, inspiriert von “Taschen für Fashionistas”, eigene Ideen zu Entwürfen entwickeln, die aus Materialien aller Art umgesetzt werden können. Mutige, denen das Entwerfen und Produzieren von Taschen so viel Spass macht, dass sie ihren Lebensunterhalt damit bestreiten möchten, sei die Lektüre der Interviews mit jungen HandtaschendesignerInnen und das nützliche Kapitel “Existenzgründung” ans Herz gelegt. Damit auf den Traum von der Selbstständigkeit kein allzu böses Erwachen folgt …

Nadine Heintze, der Gründerin des Taschenlabels “nani coldine”, und ihrem Team ist mit “Taschen für Fashionistas” ein wunderbares Buch gelungen, das sich nicht zuletzt durch seine bezaubernde grafische Gestaltung wohltuend von anderen do-it-yourself-Publikationen abhebt.

© Ch. Ranseder

Taschen für Fashionistas: entwerfen, nähen, verkaufen

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Wissenschaftliches Schreiben

Donnerstag, 03. März 2011

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Helmut Gruber, Birgit Huemer, Markus Rheindorf
Wissenschaftliches Schreiben
Ein Praxisbuch für Studierende 
Böhlau /utb 2009, 240 S.
ISBN 978 3 8252 3286 3 (utb)
ISBN 978 3 2057 8432 4  (Böhlau)

 Wissenschaftliches Schreiben

Das Handbuch wendet sich vor allem an angehende Geistes- und SozialwissenschaftlerInnen. Vom Großen ins Kleine aufgebaut, finden sich im Buch mit Symbolen gekennzeichnete sowie typografisch hervorgehobene oder unterlegte Denkanstöße, Arbeitsaufgaben, Tipps und weiterführende Literatur. Der fachspezifische Aufbau einer Arbeit sowie die formale Manuskriptgestaltung sind nicht Thema dieser Publikation und finden daher nur im geringen Maß Berücksichtigung. Zu verschieden sind die Anforderungen in den Fachbereichen und die Fachmedien. Diese Fragen muss der Studierende mit dem Betreuer der Arbeit und der Redaktion des Publikationsmediums, in dem die Arbeit erscheinen soll, in einem möglichst frühen Stadium der Arbeit klären, um später mühsame Anpassungen zu vermeiden. 

Themenfindung, Strukturen schaffen, Einbinden der Literaturrecherchen und Formulierung des Forschungsergebnisses sind Hauptkomponenten einer wissenschaftlichen Arbeit und thematisches Ziel dieser Publikation. Den wenigsten Studierenden sind diese Faktoren von Beginn an geläufig. Für Studierende ist es wichtig, gleich am Anfang ihrer Recherchen ohne unnötigen Arbeitsaufwand oder Umwege das inhaltliche Ziel abzustecken, umzusetzen und keine “copy & paste” Sünden zu begehen. Daher ist es umso wichtiger, auf eine Arbeitshilfe wie diese zurückgreifen zu können, die solche Fehler vorab aufzeigt und zu vermeiden hilft.

Neun Kapitel geben Einblick in das wissenschaftliche Arbeiten. Etliche Bereiche können dabei nur allgemein umrissen werden, da von Fach zu Fach große Variationsbreiten bestehen. Die Anregung im Kapitel zwei sich selbst zunächst über das eigene Fach näher zu informieren und sich der eigenen Motivation dieses zu studieren, bewusst zu werden, sollte deshalb ernst genommen werden.

Mit Kapitel drei beginnt die Einführung in das wissenschaftliche Schreiben. Für Organisation der Recherche und die Aufarbeitung des Materials wird ein guter, allgemein gültiger Strukturplan vorgeschlagen, der vor allem Studienbeginnern, wenn nicht schon von Oberstufenschülern, beherzigt werden sollte. Sich mit dem Zielpublikum der Arbeit auseinanderzusetzen mag ein gut gemeinter, zukunftsweisender und von der Grundidee lobenswerter Vorschlag sein, dennoch hat sich m. E. noch immer bewährt für die Zielperson zu schreiben, die letztlich die Noten und Scheine verteilt - auch wenn darunter die Qualität der Arbeit u. U. leidet. Praxisnahe Beschreibungen und Beispiele helfen, Struktur in die zunächst unauffindbar scheinende Information und anschließend unübersichtliche Flut zu bekommen. Da niemand blinder für den Text ist als der Autor selbst, sind Tipps wie den Text einige Tage vor dem Korrekturlesen “abliegen zu lassen” ebenso wertvoll wie die Hinweise zur guten, ggf. aufgelockerten Präsentationsform.

Kapitel vier ist der Wissenschaftssprache gewidmet, der im deutschsprachigen Raum eine besondere Bedeutung beigemessen wird. Mit den sprachlichen Konventionen des Faches muss sich der Studierende ebenso vertraut machen, wie mit den allgemeinen Gepflogenheiten eines sachlichen, fundierten und exakten sowie nachvollziehbaren Austauschs wissenschaftlicher Inhalte. Das im deutschsprachigen Raum übliche Phänomen des Passiven und Unpersönlichen wird - leider zu Recht - besonders betont. Nicht berücksichtigt wird dabei allerdings, dass dies grade im internationalen Bereich - aber auch an der Schnittstelle zur breiten Öffentlichkeit -  häufig zu massiven Verständigungsproblemen führt. Das deutschsprachige Relikt des Zurücknehmens der eigenen Person, übermäßige Nutzung von Nominal- und Passivkonstruktionen führt außerhalb des wissenschaftlichen Elfenbeinturms sowie bei Kommunikation- und Publikationsversuchen im englischsprachigen Raum zu massiven Problemen, die meist erst dann deutlich werden, wenn ein fremdsprachiges Abstract geschrieben werden muss oder eine internationale Jury durchaus fundierte Texte ablehnt. Wer glaubt, dass überdurchschnittliche Satzlänge, seltene Verwendung des Pronomens “ich”, häufige Verwendung von Nomina, Nominalkomposita sowie Passivkonstruktionen den wissenschaftlichen Anspruch eines Textes unterstreichen, beurteilt auch die inhaltliche Qualität eines Menschen nach dem Markenaufdruck seiner Bekleidung. Diese Schlussfolgerung ist richtiger als sie angenehm ist.

Mit einer guten Gliederung steht und fällt der Arbeitsprozess und damit die Arbeit selbst. Kapitel fünf setzt sich daher minutiös - auch mit formalen Aspekten - mit Struktur vom Großen ins Kleine auseinander. In Anbetracht der jüngsten Ereignisse in Deutschland erhält Kapitel sechs eine noch größere Bedeutung. Wie man mit der Leistung anderer umgeht, d. h., wie man Literatur auswertet, verwendet und nicht zuletzt korrekt zitiert, wird hier deutlich vorgelegt. Beschreiben, Erklären und Argumentieren sowie das Verfolgen des roten Fadens in der eigenen Arbeit beschließen ein überaus nützliches Buch, das den gelungenen Spagat “fachspezifischer Allgemeingültigkeit” bewältigt.

© S. Strohschneider-Laue

 Wissenschaftliches Schreiben

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Gründen: Kultur- & Kreativwirtschaft

Sonntag, 19. Dezember 2010

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Andrea Rohrberg, Alexander Schug
Die Ideenmacher
Lustvolles Gründen in der Kultur- und Kreativwirtschaft.
Ein Praxis-Guide

transcript 2010, 253 S., zahlr. S-W.-Abb.
ISBN 978 3 8376 1390 2 

 Die Ideenmacher

Der Kopf ist voller Ideen, das Herz voller Tatendrang, aber dennoch zögern viele Kreative, ihre Ideen in eine Geschäftsgründung münden zu lassen. Kein Wunder, denn bürokratisches Schubladendenken und Kreativität sind so gut wie unvereinbar. Außerdem sind die mit einer Gründung und dem weiteren Geschäftsgebaren zu überwindenden Hürden vielfältig und leicht zu übersehen. Einen Masterplan hat kaum jemand von Anfang an in der Tasche. Die meisten “stümpern” sich unbedacht durch und nicht alle haben dabei das Glück zu überleben, sondern viele bleiben auf der Strecke. Daher ist es die gute Planung, die das Gründen enorm erleichtert und später dazu führt, beruhigt seiner Kreativität freien Lauf lassen zu können.

Die Publikation “Die Ideenmacher” will bei dieser Planung vor allem Kreativen aus insgesamt zwölf Bereichen (Musikwirtschaft, Buchmarkt, Kunstmarkt, Filmwirtschaft, Rundfundwirtschaft, Darstellende/r Kunst/Markt, Designwirtschaft, Architekturmarkt, Werbemarkt, Software-/Games-Industrie, Pressemarkt sowie Sonstige im Kunst- und Bildungsbereich angesiedelte Unternehmen) unterstützen. Wobei der Begriff “Kreative” über den schöpferischen Part hinaus auch jene - wie z. B. Buchhändler - erfasst, die die Produkte der Kreativen vermarkten oder wie Bibliotheken und Archive im Bildungsbereich angesiedelt sind.

In neun übersichtlich gegliederten Kapiteln wird der Weg in die Selbstständigkeit von Andrea Rohrberg und Alexander Schug beschrieben. Jedem Kapitel werden die wichtigsten darin besprochenen Punkte vorangestellt.

Auftakt macht im Kapitel eins die Aufforderung zur Selbstreflexion mit zentralen Fragen rund um das eigene inhaltliche und menschliche Potenzial. Das Kapitel wird am Beispiel einer Gründungswilligen, die sich mit ihrer kreativen Idee künftig als Schlussstein jedes Kapitels erweisen wird, beispielgebend zusammengefasst.

Dem Markt und der Stellung des zukünftigen Gründers innerhalb des Marktes ist das Kapitel zwei gewidmet. Die konkrete Aufforderung die Nase vor die Tür und in die Szene zu stecken, in der man selbst einmal mitmischen oder noch besser den Ton angeben will, ist ein zentraler Themenpunkt.

Anhand der eigenen Recherchen ergeben sich im dritten Kapitel Geschäftsmodell und Businessplan fast schon “von selbst”. Denn nun sollte klar werden, ob man markttauglich ist und was man braucht, um finanziell über die Runden zu kommen.

Da es mit den Finanzen immer so eine Sache ist, ist diesem essenziellen Faktor das Kapitel vier gewidmet. Darin wird das Geld angesprochen, das man haben sollte, solches, das man sich noch sichern muss und letztlich, wie man jenes Geld vernünftig einsetzt, um das beste daraus zu machen. Wer sich bis hierher durch das wohlstrukturierte Handbuch gearbeitet hat, ist auf einem guten Weg.

Die Rechtsform bestimmt im Kapitel fünf, wie es weitergeht. Alleine oder mit Partnern ist eine Frage, die sich schon zuvor abgezeichnet hat. Wie man das nun rechtlich für alle Beteiligten absichert und welche Risiken bedacht werden müssen, wird so anschaulich erklärt, dass man keinen BWL-Abschluss dafür benötigt.

Was den Kreativen eher Freude bereiten wird, ist der Werbepart im Kapitel sechs. Irgendwann ist es schließlich nötig, für den zukünftigen Kundenkreis sichtbar zu werden. Natürlich muss das Preis-Leistungs-Verhältnis bedacht werden, aber das ist gemessen an den vorherigen Überlegungen ein Klacks.

Arbeitsorganisation ist auch für den chaotischsten unter den Kreativen eine Überlebensstrategie. Die Inhalte des Kapitels sieben sind deshalb besonders zu beherzigen. Projektabläufe und Zeitmanagement sind sowieso einer steten und meist unvorhergesehenen sowie unerwünschten Veränderung unterworfen. Daher erweist es sich als günstig wenigstens selbst gut organisiert zu sein und ggf. delegieren zu können, wie es im Kapitel acht (Führen und Kooperationen) angesprochen wird.

Buchhaltung und Controlling ist mehr als nur die Steuererklärung, wie Kapitel neun verrät. Schließlich kann man nicht alles ausgeben, was man eingenommen hat und selbst, wenn alle Abgaben gezahlt sind, muss ein Polster für Notfälle geschaffen werden. Und ein guter Überblick öffnet die Augen für günstigere Verträge und Einsparungen.

Wer nach dieser umfassenden Lektüre noch immer meint, nicht genug gelesen zu haben, dem seien die weiterführenden Literaturhinweise und Links ans Herz gelegt, die das - auch hinsichtlich seiner Überschaubarkeit - exzellente Buch beschließen.

© S. Strohschneider-Laue

Die Ideenmacher
 

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Kommunikation: ADC Deutschland 2010

Sonntag, 19. Dezember 2010

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ADC Deutschland Jahrbuch 2010  
ADC Germany Annual 2010 
 
 
avedition 2010, Dt./En., 536 S., zahlr. Farbabb. 
ISBN 978 3 8998 6135 8 

ADC Deutschland Jahrbuch 2010

Für die Besten der Besten ist das Beste gerade gut genug. Dementsprechend edel ist die diesjährige Ausgabe des ADC Deutschland Jahrbuchs geraten. Durch den von einer Vielzahl ausgestanzter Punkte durchlöcherten Schutzumschlag blitzen vier unterschiedlich breite Streifen. Ihr farbiger Vierklang nimmt die Rangordnung der Auszeichnungen auf: Gold, Silber und Bronze sprechen für sich selbst, Pink steht für die Nominierungen. Gleich vier Lesebändchen führen die Farbharmonie im Buchinneren fort, dessen zurückhaltende Typografie die Bühne ganz den präsentierten Arbeiten überlässt. Von der Seite betrachtet, zeigt sich das Jahrbuch in feierlichem Glanz - dafür sorgt der makellose Goldschnitt. Doch das ist noch längst nicht alles. Als wäre das haptische Erlebnis ein paar Kilo Buch in Händen zu halten nicht genug, werden auch die feinen Sinneszellen in den Fingerspitzen stimuliert. Das Logo des Art Directors Club für Deutschland ist am Schutzumschlag zusätzlich mit einer Prägung versehen. Das weckt den Geist von Gütesiegeln und Reviermarkierungen. Die Buchgestaltung des erstmals im international renommierten Verlag avedition erscheinenden Jahrbuchs ist ebenso aufwändig wie gut durchdacht. Inhaltliche Struktur und Aussage werden auf den Punkt genau umgesetzt.

Das ADC Deutschland Jahrbuch besticht mit seiner Hülle und gibt sich darüber hinaus auch inhaltlich als Publikation der Superlative. Die Dokumentation von Höchstleistungen der Werbebranche wurde zur Plattform für Kreative aus vielen Sparten. Grundlage für den stattlichen Band des Jahres 2010 bildet in bewährter Weise der ADC Wettbewerb. Kommerzielle Auftragsarbeiten konnten in einem der folgenden Bereiche eingereicht werden: Klassische Medien, Digitale Medien, Dialogmarketing/Promotion/Media, Design, Editorial, Räumliche Inszenierung, Ganzheitliche Kommunikation und Generic Craft. In 25 Kategorien galt es, Entscheidungen zu treffen. 23 Fachjurys, selbstverständlich aus ADC-Mitgliedern zusammengesetzt, wählten aus und kürten. 429 Einsendungen zum ADC Wettbewerb schafften es. Davon haben 187 einen goldenen, silbernen oder bronzenen Nagel erhalten. Im Inhaltsverzeichnis des ADC Deutschland Jahrbuch 2010 werden 286 Projekte gelistet und in der Folge vorgestellt. Um Ordnung zu schaffen und Doppelungen zu vermeiden, wurde ein Punktesystem ersonnen, das die Gliederung des Buches bestimmt. So wird die Erfassung der Projekte in ihrem vollen Umfang ermöglicht, anstatt sie in einzelne Fachbereiche zu zersplittern.

Doch genug der Zahlen und Fakten. Was hält der Löwenanteil der Seiten, die für manche die Welt bedeuten, für LeserInnen bereit? Wer sind die Gewinner und Nominierten? Das sei hier nicht verraten. Nur so viel: Neben Global Players und Luxusmarken finden sich auch Lokalmatadoren und Kulturinstitutionen. Klassisches reiht sich an Originelles, das nicht selten mit dem Unterhaltsamen wetteifert. Auch das Abstoßende gehört wie die Provokation schon lange zum Repertoire in Gerangel um die Aufmerksamkeit. Stilistisch gilt ganz zeitgemäß “anything goes!” und Schönheit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters. Dass unter dem Dargebotenen fallweise eine - mehr oder weniger unterschwellige - abwertende Haltung gegenüber weiblich konnotierten Gegenständen, Handlungen, Interessen und Einstellungen auszumachen ist, vermag in Zeiten des Verteilungswettkampfes mittlerweile nicht mehr zu erstaunen.

In seiner Gesamtheit bietet das ADC Deutschland Jahrbuch einen spannenden repräsentativen Querschnitt durch ein Segment der angewandten Kreativwirtschaft. Geleitworte, Ehrungen und Nachrufe sowie diverse Verzeichnisse von Preisträgern, Sponsoren, Mitgliedern, Jurys, Agenturen und Verlagen, Firmen und Machern runden das Jahrbuch ab.

© Ch. Ranseder

ADC Deutschland Jahrbuch 2010

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Form-Fächer | Form-Guide

Mittwoch, 10. November 2010

Non-Fiction

Zürcher Hochschule der Künste e. a. (Hgg.)
Form Fächer - Form Guide
Design, Begriffe, Begreifen - Understand, Design, Terms 
avedition 2010, Dt./Engl., Fächer, zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8998 6121 1

Formfächer: Design Begriffe Begreifen

Vier Institutionen zeichnen für das fächerförmige Bildlexikon verantwortlich: Zürcher Hochschule der Künste, Museum für Gestaltung Zürich, Burg Giebichenstein - Hochschule für Kunst und Design Halle und Institute of interior design, environment and architecture (idea…).

Der bilinguale in Deutsch und Englisch abgefasste Formfächer, bietet eine offene Sammlung von rund 450 Designobjekten.  Die wesentlichen Formen sowie die funktionalen Teile der Objekte werden in beiden Sprachen fachgrecht angesprochen. Exakte Ansprache und fixierte Fachtermini sind Basis für die Verständigung zwischen Personen aus Wissenschaft, Design und Produktion.

Auf den Punkt gebrachte Formulierungen dienen der unmissverständlichen Kommunikation im Studium und Beruf. Eine wichtige Voraussetzung, um Zeit, Kosten und Ärger zu minimieren. Der Aufbau des Bildlexikons ist genial systematisiert und übersichtlich dargeboten. Objektbeschreibung/Titel, Datierung, Gestaltung, Herstellung/Produktion, Material und Maße werden dabei selbstverständlich berücksichtigt. Ein übersichtlicher Index ermöglicht die schnelle Auffindung der gesuchten Objekte, obwohl man vermutlich lieber genussvoll und Inspiration suchend blättern möchte.

Die in der unteren linken Ecke angebrachte Lochung der einzelnen Seiten ist Ansatzpunkt der stabilen Schraubbindung, die es ermöglicht, die Seiten - wie bei Farbkarten üblich - aufzufächern. Dicker Karton auf Vorder- und Rückseite verleihen dem Bildlexikon funktionale und strapazfähige Designqualitäten: Stabil, praktisch, gut - Formfächer.

Der zweisprachige Fächer ist der ideale Begleiter für unterwegs. Ein Muss ist er für Jene, die mit Design und Übersetzungen in der Branche zu tun haben sowie in internationalen Kooperationen unmissverständlich sein müssen.

© S. Strohschneider-Laue

Formfächer: Design Begriffe Begreifen

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Frauensache: Arbeiten in der Buchbranche

Montag, 25. Oktober 2010

Non-Fiction

BücherFrauen e.V. (Hg.)  
MehrWert.
Arbeiten in der Buchbranche heute
Ulrike Helmer 2010, 125 S., Sw-Fotos, zahlr. Tab.
ISBN 978 3 8974 1310 8 

MehrWert: Arbeiten in der Buchbranche heute

Frauen halten die Buchbranche am Leben. Gingen alle Frauen, die mit der Buchproduktion und dem -vertrieb zu tun haben, in unbefristeten Streik, wären vorerst das letzte Buch produziert und Buchhandlungen geschlossen.  

Das große deutsche Netzwerk Bücherfrauen hat anlässlich ihres 20jährigen Bestehens eine Studie bei Romy Fröhlich (Universität München) in Auftrag geben. Der Anteil der Frauen rundum das Produkt “Buch” und deren Arbeitssituation standen bei dieser Studie im Mittelpunkt. Die Präsentation der Studie und der Publikation erfolgten mit ausgewählten Beispielen und daraus gezogenen, beklemmenden Erkenntnissen während der Frankfurter Buchmesse 2010.

Neun Autorinnen zeichnen inhaltlich verantwortlich: Irmela Erckenbrecht, Romy Fröhlich, Judith Grubel, Doris Hermanns, Hannelore Jouly, Karen Nölle, Tamara Weise, Silke Weniger und Edda Ziegler. Wenn man sich anschließend die Namen der Projektgruppe, Schlusskorrektur und Herstellung durchliest, weiß man, dass, wenn es die Fotografen nicht gegeben hätte, Männer für vorliegende Publikation vermutlich nur in den “mechanischen Bereichen thätig” waren.

Den Auftakt des Bandes bietet einen historischen Rückblick auf die Buchbranche und ihr Verhältnis zu Frauen. Die unglaubliche Verachtung, denen Frauen abseits ihrer Gebärfunktionen ausgesetzt waren, wird auch im Buchwesen deutlich. Über Jahrhunderte wurde Frauen der Zutritt zur Bildung verwehrt. Lesende, gebildete Frauen könnten zu einer Bedrohung der Männer und ihrer Domänen werden. Im Nachhinein betrachtet stimmt es. Denn auch im Buchwesen überflügelten Frauen ihre männlichen Zeitgenossen, wenn man(n) sie ungehindert ließe. Um das Ver- und Behindern von selbstständigen Frauen ist es seit jeher und mit allen Mitteln gegangen.

Wie es um die Geschlechterverteilung der Büchermenschen und deren Situation in Deutschland bestellt ist, zeigt die aktuelle Studie. Nicht einmal die bis heute klaffenden Lohn- und Karrierescheren zwischen männlichen und weiblichen Angestellten, hindert Frauen daran den Medienbereich als Traumberuf zu erobern. Mit bis zu 83% ist die Buchbranche heutzutage hoch feminisiert. Dass es dabei trotz akademischer Ausbildung und Kinderlosigkeit - Doppelbelastung und Karrierebrüche sind widerlegte Argumente - für Frauen schlechter als für ihre oft geringer ausgebildeten männlichen Kollegen aussieht, ist eine heftige Erkenntnis. Frauen müssen unabhängig von allen Faktoren mit einem Minus von bis zu 36% am Gehaltszettel rechnen. Das verstört ebenso nachhaltig wie die Erkenntnis, dass höherwertige Ausbildungen und Elternschaft nur Männern einen finanziellen Vorteil bringen können. Frauen schneiden dafür bei Gehaltsverhandlungen besser ab als Männer. Meines Erachtens ist das kein Wunder. Der große Spielraum den Arbeitgeber haben, einer Arbeitnehmerin nach ihrer erfolgreichen Gehaltsverhandlung noch immer weniger zu zahlen als einem männlichen Arbeitnehmer, entlarvt jede Verhandlung als Posse.

Die Situationsanlysen zu Urheberinnen, Übersetzerinnen und Illustratorinnen zeigen, dass diese oft ein gemeinsames Schicksal teilen: Sie können von einem Gehalt - nämlich ihrem - nicht leben. Entweder springt der Partner ein oder sie arbeiten mehrgleisig. Auch Literaturagentinnen müssen sich durch enorme Leistungen auf dem männlichen Markt behaupten. Antiquarinnen sind “am Ende” des Buchmarktes tätig. Die allgemeine Situation ist hier für beide Geschlechter nicht rosig. Dennoch ist auffällig, dass Sammlen - was vielleicht auch auf das höhere Einkommen von Männern zurückzuführen ist - ein männliches Phänomen ist, während Frauen eher an aktuellen Inhalten, denn an einer Raritätensammlung interessiert sind. Bibliothekarinnen übernehmen stetig auch diese einstige Männerdomäne. Durch die Gleichstellung im öffentlichen Dienst werden zumindest in den öffentlichen und wissenschaftlichen Bibliotheken Frauen und Männer gleich entlohnt.

Der Reibungsverlust, der in nicht nur in der Buchbranche durch die Rahmenbedingungen für die Mehrheit, nämlich die weiblichen Angestellten, entsteht, ist enorm. Warum nach wie vor im gesamten öffentlichen Leben Einfalt über Vielfalt gestellt wird und durch geschlechtsspezifische Sozialisation grenzenlose Möglichkeiten verhindert werden, bleibt mir persönlich ein Rätsel. Zumal Einfalt auch den politischen Rechtsruck fördert, der Frauen ausschließlich mit Mutterschaft, Heim und Herd verbindet. Die Ellenbogen auszupacken und ebenfalls den hohlen Marktschreier zu mimen, darf und kann für Frauen nicht die einzige Möglichkeit sein, Karriere zu machen.

Die seit Jahrzehnten andauernde Stagnation der Gleichberechtigung tritt in dieser Studie in ganz besonders erschreckender Weise zu Tage und bietet perfekten Anlass, die Diskussion neu zu eröffnen, statt den Feminismus permanent totzusagen.  

© S. Strohschneider-Laue

MehrWert: Arbeiten in der Buchbranche heute

siehe auch:
Die Freundinnen der Bücher, Bd. 1. Buchhändlerinnen 
Die Freundinnen der Bücher, Bd. 2. Buchhändlerinnen - Antiquarinnen - Bibliothekarinnen
Frauen machen Bücher

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Mediencamp Wien

Montag, 20. September 2010

Notiz

Gehaltvoll: Mediencamp Wien
18. September ‘10

Wer am Mediencamp war, wird auf das nächste warten. Wer nicht dort war, kann zumindest einige Sessions im Video nacherleben ohne das Nachsehen zu haben und via Twitter den #mcvie TeilnehmerInnen folgen. Was man nicht instant geliefert bekommt, sind die Pausengespräche und die gelungene Organisation von Susanne Liechtenecker, Veronika Mauerhofer und ihrem Team.

Für viele war es das erste aber sicher nicht das letzte Mediencamp - auch nicht für mich. Wer so wie ich häufig das zweifelhafte Vergnügen hat Tagungen zu organisieren, daran als Vortragende oder Zuhörerin teilzunehmen, weiß, dass Pausengespräche oft mehr bringen als alle Sessions zusammengenommen. Erfrischend zu erleben, dass es gleichwertig sein kann. Das mag u. a. daran liegen, dass die TeilnehmerInnen sich nicht durch gruppentypische Konventionen genötigt fühlen mehr Wert auf äußere Form, denn treffsicheren Inhalt zu legen und aus karrierespezifischen Erwägungen zwanghaft den Mund halten. Zugleich war es den Anwesenden klar, dass ohne Sponsoren es kein derartiges Mediencamp gäbe. Es war daher gar nicht nötig von jedem Sponsor Grußworte zu hören. Grußworte, die bei anderen Veranstaltungen den halben Vormittag mit Firmen- und Wahlwerbung verbrauchen und dazu führen, dass der Zeitplan zusammenbricht. Hier kamen alle mit allen Beteiligten mit ihren zwar vorbereiteten aber dennoch ad hoc angebotenen Sessions und durch sie zur Sache. Erfrischend auch, dass der Wechsel zwischen den Sessions, die parallel in drei Räumen abgehalten wurden, ohne Zickenkrieg der RednerInnen und Timetable-Terror der OrganisitorInnen funktionierte.

Es überrascht daher nicht, dass es keine Konfrontation zwischen Bloggern und Journalisten gab. Sind doch die Grenzen schon längst fließend. Die etablierten Medien haben ihre Blogs, die Journalisten sind Blogger und die Blogger müssen sich immer häufiger fragen, ob sie sich statt der früheren Anfeindung plötzlich einer Vereinnahmung stellen müssen. Schließlich geht es immer auch ums leidige Geld. Die einen fürchten den Verlust zahlender LeserInnen und Anzeigenkunden, die anderen fragen sich, wie finanziere ich meine Serverkosten, ohne meine inhaltlichen Ziele aus den Augen sowie meine LeserInnen zu verlieren. Ein Thema, das - u. a. in “Monetarisierung meines Blogs” oder “Eigenverlag” - ebenso vielseitig diskutiert wurde wie der Nutzen der Social Media. Selbst die skurrile Session zu einem bereits bestehenden Portal war aufschlussreich. Aufschlussreich, weil jetzt jeder weiß, dass es “trollisch” ist, wenn man Kreditkarten- und Tourismuswerbung im Namen eines Medienmolochs macht, statt tatsächlich “Work in progress” oder “Best practice” zur Diskussion zu stellen.

Ich habe mich kaum so wohl auf einer Tagung gefühlt und am Ende ganz enspannt so viel inhaltlich mitgenommen. Andereseits habe ich mich zuvor nie gefragt, ob ich denn genug für andere TeilnehmerInnen beigesteuert habe.

© S. Strohschneider-Laue

Mehr Reviews sind zurzeit auf Nur ein Blog, Wirtschaftsblatt und Der Standard.

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Kontroversen

Mittwoch, 03. März 2010

Notiz

Kontroversen
Justiz, Ethik und Fotografie
KunstHausWien
4. März bis 20. Juni ‘10

150 Jahre Fotografie im historischen, gesellschaftspolitischen und vor allem im juristischen Kontext präsentiert das KunstHausWien. Die vom Musée de l’Elysée Lausanne entwickelte Ausstellung ist ein Pflichttermin für alle, nicht nur für jene, die mit Fotografie beruflich befasst sind, ihr ein größeres Interesse entgegenbringen oder selbst gerne auf den Auslöser drücken.

Chronologisch gehängt, werden rd. 90 Fotografien gezeigt, die schon seit den Anfängen der Fotografie polarisierten und Juristen beschäftigten. Bis heute bieten Fotografen und ihre Werke immer wieder Anlass für Kontroversen. Das sogenannte “Caroline-Urteil”, das vom europäischen Gerichtshof für Menschenrechte 2004 gefällte Urteil, das die Bildberichterstattung über Prominenten einschränkt, ist wohl vielen bekannt. Wie viele sehr differenzierte oder nur oberflächlich ähnliche Streitfragen rund um die Fotografie vor Gericht landen, ist hingegen kaum  bekannt. Es geht dabei weniger häufig um Abgeltung finanzieller Rechte der Urheber, sondern um viele andere, rechtlich abzuklärende Fallbeispiele. 

Fotografie muss nicht gleich Kunst sein, um an ethische, politische oder sonstige zeitgeistige Grenzen zu stoßen. Zu dem sind Zurückhaltung sowie Veröffentlichungen von Fotos ein probates politisches Mittel zur Steuerung der öffentlichen Meinung wie es u. a. für die Atomwaffentests gehandhabt wurde. Dokumentationen, Kriegs- und Katastrophenfotografien können genauso Anlass für Diskussionen, Verbote und rechtlichen Konsequenzen sein. Manipulationen, die die Fotografie selbst betreffen können oder den Kontext in den Fotografien gestellt werden, sind vielfältig und machen zuweilen auch Abgeklärte fassungslos.

Bei 78 eher fragwürdigen als originalen Abzüge von Man-Ray-Fotos ging es um die Rückerstattung von  2,3 Millionen Dollar. Originalfotos und deren retuschierte Varianten oder in einem anderen politischen Kontext interpretierte Fotos belegen politische Zielsetzungen mit Hilfe von Bilddokumenten.

“Alice im Wunderland” oder “Lewis Carrol im Kinderpornoland” war 1858 das Gerücht, das zu kursieren begann, als Carroll die kleine Alice Liddell als Bettelmädchen ablichtete. Die Gerüchte sind auf Grund von ihm selbst vernichteter Fotos und Säuberungsaktionen seiner Familie nach seinem Tod zwar nicht mehr zu bestätigen, können aber auch genauso wenig widerlegt werden. Wo die Kinderpornografie vermeintlich beginnt und wo sie vermeintlich aufhört, ist sowieso ein breites Feld der Interpretation wie auch anhand etlicher Beispiele in der Ausstellung aufgezeigt wird.

Wie gerechtfertigt Fotos sein mögen, die von Sterbenden, Toten und deren Körperteilen gemacht werden, bietet seit dem unautorisierten Foto des Otto von Bismarck im Sterbebett reichlich Konfliktstoff. Egal ob es eine zerfetzte Hand  vom 11. September 2001, das zu Tode erschöpfte und vom Geier beobachtet Kleinkind im Sudan oder die sterbende Omayra Sánchez in Kolumbien ist. Es sind Fotos die polarisieren, sich einprägen, strikte Ablehnung und spontane Hilfsbereitschaft auslösen.

Zwischen freiwilliger Selbstzensur und bedingungsloser Verteidigung der Freiheit der Kunst angesiedelt, sind Entscheidungen, die die Veröffentlichung von Bildern betreffen, die auch nur ansatzweise gegen ein bestehendes Verbot verstoßen könnten. Es ist dennoch subjektiv, ob z. B. die Pose von Angelina Jolie mit Pferd als sodomistisch interpretiert wird oder nicht.

Es hat sich seit jeher für Künstler ausgezahlt die Reichen und Schönen nicht nur wegen ihrer - oft vermeintlichen -Zahlungskraft zu porträtieren. Die Porträts bieten einerseits Einnahmen durch den Verkauf der Abzüge und andererseits das große Potenzial eine Schar zahlungswilliger, weniger berühmter bzw. gänzlich unbedeutender Kunden zu gewinnen. Die Rechtsstellung der Porträtfotografie als Kunstwerk sowie die Sicherung des Urheberrecht am Foto wurde in den USA bereits 1883 durch ein Porträt von Oscar Wilde ausgelöst, das kopiert wurde.

Die großartige Ausstellung mit hohem Mehrwertfaktor benötigt vor allem eines: Zeit. Zeit um die Bilder anzusehen, noch mehr Zeit die erstaunlichen Inhalte der Texte zu erfassen und sehr viel Zeit zum Nachdenken. Während eine Personale nach einem kurzem Rundgang oft das Gefühl der Leere hinterlässt, ist hier der hohe und breitgefächerte Informationsgehalt von bleibenden Wert.

Überraschend ist hingegen die freiwillige Selbstzensur der Ausstellung. Kinder unter 14 Jahren haben keinen Zutritt, sensiblen Personen wird von der Ausstellung abgeraten. Es sollte zumindest Erziehungsberechtigten diese Entscheidung überlassen bleiben, ob sie ihre Kinder mit in die Ausstellung nehmen oder nicht. Unverständlich, denn tagtäglich ist jeder Mensch - unabhängig von Alter und Sensibilität - einer Flut vergleichbarer visueller Eindrücke ausgesetzt, deren kulturhistorischer Kontext und rechtliche Tragweite dabei verschlossen bleiben. Unverständlich, weil auch die unprofessionelle, private Bilderflut, die tagtäglich im Internet veröffentlicht wird, von den gleichen rechtlichen Aspekten und Folgen betroffen ist.

Fazit: Pflichttermin!

© S. Strohschneider-Laue

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Apfeliges Copyright

Montag, 04. Januar 2010

Notiz

Wem gehört das Paradies oder ist da der Wurm drin?

Copyright kann seltsame Blüten treiben. 

2009 wurden Pfotenspuren auf Selbstgestricktem zu klagbaren Plagiaten erklärt - zumindest solange bis der betreffende Konzern mit massiven Imageverlusten zu kämpfen hatte.

2010 ist der Apfel erstmals seit Willhelm Tell wieder zur Zielscheibe der Rechtsverbindlichkeit geworden. Und wie man weiß, ist nicht nur Schneewittchen ein angebissener Apfel zum Verhängnis geworden.

Denn als der Apfel aus dem Paradies geschmuggelt wurde, bekamen Adam und Eva mehr Ärger mit dem illegalen Obstbau als der ganze Most durch den Apfel-Erstbiss wert war. Sogar einer ihrer Söhne züchtete in Folge lieber vierbeinige Vegetarier als das gesunde Zeug selber zu konsumieren. Der nachfolgende Familienzwist ist übrigens bis heute nicht geschlichtet.

Daher stellt sich folgende besorgte und berechtigte Frage:
Welcher der beiden biblischen Großkonzerne mit Monopolansprüchen, die bereits zu Beginn der Apfelmisere - die zum paradiesischen Menschenkonkurs führte - beteiligt waren, hat das Copyright-C auf den Apfel gestempelt?

© S. Strohschneider-Laue

Siehe auch: Eindeutig zweideutig

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Tafeln in Deutschland

Donnerstag, 22. Oktober 2009

Non-Fiction

Stefan Selke (Hg.)
Tafeln in Deutschland
Aspekte einer sozialen Bewegung zwischen Nahrungsmittelumverteilung und Armutsintervention
VS Verlag 2009, 300 S.
ISBN 978 3 5311 6139 6

Tafeln in Deutschland: Aspekte einer sozialen Bewegung zwischen Nahrungsmittelumverteilung und Armutsintervention

Der Tisch ist gedeckt und lädt zum Tafeln ein! Wirklich? Nein, es ist kein Kochbuch und es geht nicht um Haubenrestaurants in Deutschland. Es geht um die stetig wachsende Realität, dass immer mehr Menschen immer weniger Geld für den täglichen Nahrungsbedarf haben. Ehrenamtliche decken den Tisch für jene, die sich die Überproduktion nicht (mehr) leisten können.

Die Außensicht und Innensicht auf die deutschen Lebensmitteltafeln wird in drei Kapiteln vollzogen: Einordnung der Tafeln sowie Fallstudien und Positionen zu Tafeln. 14 SpezialistInnen aus Wissenschaft, Forschung und Praxis widmen sich in ihren Analysen Aspekten rund um das Tafelphänomen und ziehen Bilanz: Jens Becker, Kerstin Clausen, Udo Engelhardt, Dieter Hartmann, Hannes Klasen, Petra Krüger, Stephan Lorenz, Luise Molling, Eckhard Rohrmann. Heribert Rhoden, Stefan Selke, Hans Jürgen Teuteberg, Konstantin von Normann und Sabine Werth. In diesem Sammelband werden die wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Aspekte der Tafelbewegung gebündelt, begleitet von Tabellen und Abbildungen sowie weiterführender Literatur vorgelegt.

Nach dem Vorbild des New Yorker “City Harvest” entstand 1993 unter der Leitung engagierter Frauen in Berlin die erste Deutsche Tafel. Seither ist ihre Zahl in Deutschland auf erschreckende 800 Tafeln mit rund 40.000 ehrenamtlichen HelferInnen angewachsen. Erschreckend, weil der Bedarf so groß ist und erschreckend, weil so viel - trotzdem unbezahlbarer - Überschuss produziert wird, der diese Tafeln decken kann. Zynisch auch der Kosten-Nutzen-Faktor hinter der Wohltätigkeit, denn die Tafel-Selbstabholer können für Betriebe lukrativer als die Entsorgung sein. Wechselwirkungen zwischen Tafelorganisatorinnen und TafelnutzerInnen werden daher bei den Betrachtungen ebenso berücksichtigt wie jene zwischen AbholerInnen und SpenderInnen. Umfassende wertneutrale Betrachtungen dieser sozialen Bewegung kann dieser Band (noch) nicht in allen Bereichen liefern, will aber einen interdisziplinären Anfang setzen und zu weiterführenden Studien anregen.

Eine beispielgebende Pflichtlektüre für alle, die von verschiedenen Ansätzen ausgehend mit gesellschaftlichen Entwicklung (u. a. Armutsforschung) befasst sind oder sein sollten - also insbesondere VerantwortungsträgerInnen aus Politik und Wirtschaft - und jene, die die Tafelbewegung einer minutiösen Betrachtung unterziehen wollen.

Dennoch: Der größte Erfolg für Tafeln wird sein, wenn Tafeln nicht (mehr) nötig sind.

© S. Strohschneider-Laue

Tafeln in Deutschland: Aspekte einer sozialen Bewegung zwischen Nahrungsmittelumverteilung und Armutsintervention

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Innovationen für den Journalismus

Montag, 05. Oktober 2009

Non-Fiction

Susanne Fengler, Sonja Kretzschmar (Hgg.)
Innovationen für den Journalismus

VS Verlag 2009, 165 S.
ISBN 978 3 5311 5450 3

Innovationen für den Journalismus Innovationen für den Journalismus

Die Spirale von Fortschritt und Veränderung dreht sich immer rasanter. Auch die Medienwelt ist davon erfasst. Der Journalismus hat im letzten Jahrzehnt eine massiven Wandel in Verarbeitung von Input und Erstellen von Output sowie in den dazwischen befindlichen redaktionellen Belangen erfahren.

Die Reihe Kompaktwissen Journalismus hat zum Ziel die Ergebnisse aus Wissenschaft und Praxis in Lehrbüchern zu vereinen. Die Herausgeberinnen arbeiteten für diesen Band mit den Medienprofis Soheil Dastyari, Gabriele Fischer, Kai Gniffke, Christoph Keese - im Autorenverzeichnis fehlend -, Marcus Lindemann, Christoph Moss, John V. Pavlik und Jens Radü zusammen. In zwölf Kapiteln und einem Exkurs werden Aspekte des Redaktionsmanagements, Leserkommunikation, Darstellungsformen, Themenfindung, Recherche, aber auch weiterführende Aspekte, die oft vergessen werden, wie Bedürfnisperspektive, Technik und Ethik, werden einer näheren Betrachtung unterzogen. Zugleich wird der Inhalt - bis auf ein schmerzlich vermisstes Register im Anhang - benutzerfreundlich gegliedert. Praxisbeispiele, Lernziele sowie Zusammenfassungen am Schluss der Kapitel werden zusätzlich optisch hervorgehoben.

An der Schnittstelle von Wissenschaft und Praxis angesiedelt, ist der Band guter Ausgangspunkt für Diskussionen. Diese Schnittstelle bietet ausreichend Reibungsflächen, die letztlich wiederum die Stärke von “Innovationen für den Journalismus” ausmachen. Erfahrungen mit und Sichtweisen auf Recherchen oder Arbeitsabläufe zeigen, dass bei aller aufgezeigten Effizienz letztlich die redaktionelle Zielsetzung prägend für den Umgang mit und die Verarbeitung von In- und Output ist.

Journalistisches Transportieren von Inhalten trifft somit auch auf wissenschaftliches Publizieren. Gemeinsam ist beiden Seiten, Qualitätskriterien zu finden, die für Journalismus im größeren Rahmen des schnelllebigen digitalen Zeitalters maßgeblich sein sollen. Und das, obwohl sich gar nicht so viel geändert hat. Es geht in einer - zugegebenermaßen - vielfältigeren Publikationspalette immer noch um inhaltliche Qualität und zielgruppenorientierte Vermittlung bei größtmöglicher Effektivität. Geändert hat sich die Konkurrenz hinsichtlich Struktur und Umfang. Niemals zuvor war es für “Otto Normalverbraucher” so einfach und so billig selbst auf Sendung zu gehen, zu veröffentlichen, einen öffentlichen Stammtisch zu betreiben. So vielfältig die Laienanbieter sind, so unterschiedlich sind auch der gebotene Inhalt und die Qualität. Deshalb gilt es wie bisher für LeserInnen jede Nachricht hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit einer genauen Personal- und Contentkritik zu unterziehen. Daher ist es ebenso fragwürdig Blogs pauschal als Graswurzeljournalismus von wenig vertrauenswürdigen Laien zu bezeichnen, wie es unkritisch ist kommerzielle und öffentlich-rechtliche Nachrichtenlieferanten automatisch für vertrauenswürdig zu halten. Im Ethikkapitel wird dies nochmals deutlich, wenn die verhängnisvolle Verquickung des Journalismus mit Kommerz und Politik angesprochen wird. Der Profijournalismus ist dabei sein Claim neu zu definieren und deutlich gegenüber der Laien-Grauzone abzustecken, dass viele Journalisten auch Blogger sind, wird nicht weiter diskutiert.

Die Berichterstattung aus Politik und Wirtschaft stehen bei den vorgelegten Insider-Betrachtungen im Vordergrund. Dass in einem Journalismus-Buch unglückliche Formulierungen Platz finden, ist teilweise ebenso unterhaltsam wie befremdlich. Opernkritiker, die in die Ecke der Verhaltensaufälligen gerückt werden, locken noch ein Schmunzeln hervor. Befremdlich ist hingegen, wenn schnelle Berichterstattung als wenig konzentrationsintensiv dargestellt wird - es erklärt aber so manche Ente. Wichtig ist hingegen, dass auf die wachsende Problematik der Urheberrechtsverletzungen eingegangen wird, die digital schneller machbar, aber auch leichter strafrechtlich verfolgbarer ist. Naiv, wer glaubt, dass Journalisten nur Opfer wären.

“Innovationen für den Journalismus” bietet sehr spannende Einblicke in Redaktionsstrukturen. Darüber hinaus werden wichtige Bereiche von der Qualitätssicherung bis zu ethischen Fragen angesprochen. Das Spannungsfeld von Profis und Laien wird angesprochen. Es würde aber eine umfassende und sachliche Betrachtung, nicht nur hinsichtlich des Journalismus, verdienen - vielleicht sogar einen eigenen Band in dieser neuen Reihe “Kompaktwissen Journalismus”.

© S. Strohschneider-Laue

 Innovationen für den Journalismus

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Im DETAIL: Ausstellen und Präsentieren

Samstag, 01. August 2009

Non-Fiction

Christian Schittich (Hg.)  
im DETAIL
Ausstellen und Präsentieren. 
Museumskonzepte, Markeninszenierung, Messedesign

Birkhäuser 2009, 176 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 7643 9954 2

Im Detail: Ausstellen und Präsentieren: Museumskonzepte, Markeninszenierung, Messedesign

Siebenundzwanzig Museumsbauten, Ausstellungen, Brand Center, Supermärkte und Messestände werden in dem reich bebilderten Buch “Ausstellen und Präsentieren. Museumskonzepte, Markeninszenierung, Messedesign” vorgestellt. Die Aufmerksamkeit gilt in erster Linie der architektonischen Hülle, die als Bühne für die zur Schau gestellten Exponate oder Waren dient. Sie ist zugleich Lockvogel, gebautes Verkaufsgespräch und - gerade für Kulturinstitutionen, die vom Bilbao-Effekt träumen - Hoffnungsträger. Bis auf wenige Ausnahmen konzentrieren sich die Texte der steckbriefartigen Projektbeschreibungen auf die technischen Aspekte der jeweiligen Bauaufgabe. Präsentationskonzepte und die Disposition von Exponaten und Ausstellungselementen in den Räumen werden in Hinblick auf ihre Interaktion mit der gebauten Substanz, die ja gerade im Fall der Corporate Architecture eine Botschaft vermitteln soll, kurz geschildert. Grundrisse, Schnitte und Isometrien ermöglichen die virtuelle Orientierung. Exzellente Fotos vermitteln einen Eindruck der für die hochwertigen Gestaltungslösungen zum Einsatz gekommenen Materialien sowie der Wirkung des Raumes. Dimensionen und Kosten können anhand der Projektdaten verglichen werden. Leider machen Detaillösungen der eigentlichen Objektpräsentation beim Design der Vitrinen halt. Für das verführerische Zurschaustellen von frischem Gemüse mag dies keine Rolle spielen. Im kulturellen Sektor hingegen steht oder fällt der Erfolg einer Inszenierung historischer Artefakte mit dem “wie” der Befüllung der Vitrine bzw. Bestückung der sonstigen Präsentationssysteme nach den, vom Gestalter umzusetzenden, Vorgaben des kuratorischen Ausstellungskonzepts und der Storyline, die sich im Buch auf kurze Gastauftritte beschränken. Der im Rahmen der Projektbeispiele, unter denen sich nur wenige kulturhistorische Ausstellungen befinden, eng gesetzte Focus ist sichtlich auf ein aus Architekten und Designern, die das große Ganze im Auge haben, bestehendes Zielpublikum zugeschnitten.

Dennoch sei das Buch “Ausstellen und Präsentieren” auch Gestaltern, deren Wurzeln in anderen Disziplinen liegen, sowie wissenschaftlichen und künstlerischen Kuratoren ans Herz gelegt. Außer der heterogenen Sammlung von Fallbeispielen bietet der Sammelband auch Aufsätze zu einer Vielzahl von Themen, die für das komplexe Aufgabengebiet der Kommunikation mittels Raumerfahrung relevant sind. Der Primat des Kommerzes ist auch hier nicht zu übersehen.

Der dem musealen Umfeld gewidmete Themenblock am Beginn des Buches wird von Christian Schittichs Essay zu aktuellen Museumskonzepten eingeleitet. Ihm folgen zwei an Gedankennahrung reiche Artikel, die zur Pflichtlektüre für Kulturwissenschaftler und Ausstellungsgestalter werden sollten.

Ruedi Baur setzt sich in “Ausstellen - Vom Löffel bis zum Staat” kritisch mit der Bandbreite unterschiedlicher Ausstellungsarten sowie der Vielzahl an Möglichkeiten der Verknüpfung von narrativem Inhalt und szenografischer Umsetzung auseinander. Über den Prozess des Gestaltens von Ausstellungen und die Realisierung körperlich erfahrbarer Raumerlebnisse in unterschiedlichen musealen Präsentationsmodi erzählen in “Zeigen und zeigen lassen” HG Merz und Patrick Wais.

Die Themenblöcke Markeninszenierung und Messedesign gehen Hand in Hand. Alles dreht sich um die, bei der Platzierung eines Unternehmens im Wettlauf um die Aufmerksamkeit der Konsumenten und der Bindung derselben durch die Verheißungen der Marke eingesetzte, Corporate Architecture. Ihre entscheidende Rolle streichen sowohl Jons Messedat in “Gebaute Identität. Architektur - Design - Kommunikation” als auch Susanne Schmidhuber in “Temporäre Architektur für Marken nachhaltig gestalten” heraus. Teilaspekten des Weges zum Ziel, den Kunden kostengünstig und nachhaltig zu umgarnen, widmen sich Thomas Schielke in “Präsentieren im richtigen Licht” und Günther Röckl in “Messebausystem oder Sonderanfertigung”.

Der in der Reihe “im DETAIL” erschienene Band “Ausstellen und Präsentieren” macht mit dem Nebeneinander von Projekten aus Kommerz und Kultur Unterschiede und Gemeinsamkeiten sichtbar. Manches mutet austauschbar an. Jede Zeit hat nicht nur ihre Kunst, sondern auch ihre Architektur. Ich fürchte, die Liebe zu Sichtbeton und Kubus wird uns noch eine Weile begleiten.

Bücher wie “Ausstellen und Präsentieren” schärfen den Blick und regen dazu an, jene Gebäude und Ausstellungen, die über Permanenz verfügen, zu besuchen. Schließlich geht nichts über die räumliche Erfahrung vor Ort und die Qualität des Besuchererlebnisses - sehr zur Freude der Betreiber der diversen Einrichtungen, vom Museum bis zum Flagship-Store.

© Ch. Ranseder

Im Detail: Ausstellen und Präsentieren: Museumskonzepte, Markeninszenierung, Messedesign

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Kulturbüro

Dienstag, 30. Juni 2009

Non-Fiction

Ivan Sterzinger (Hg.)
Das Kulturbüro-Weissbuch
Scheidegger & Spiess 2009, 107 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 85881 262 9 

Kulturbüro Weissbuch  Das Kulturbüro-Weissbuch: Mit Gesuchsleitfaden, zwanzig Geheimtipps und über hundert nützlichen Adressen für das Überleben im Kulturbetrieb

Herzlichen Glückwunsch zum zehnten Geburtstag, Kulturbüro Zürich! Grün vor Neid bin ich als Österreicherin beim Lesen der Jubiläumspublikation des Schweizer Projektes zur Unterstützung von Kulturschaffenden geworden! Das Kulturbüro hilft praxisnah und unbürokratisch. UNBÜROKRATISCH - gleich mehrmals las ich dieses magische Wort, sogar laut. Ich musste es mir regelrecht auf der Zunge zergehen lassen. Aber es kam noch besser!
Ein Künstler ist jemand, der sich selbst als solcher definiert und nicht in erster Linie jemand, der bereits zahlreiche Auszeichnungen gewonnen hat, schreibt Hedy Graber, Leiterin Direktion Kultur und Soziales Migros-Kulturprozent, im Vorwort von “Das Kulturbüro-Weissbuch” über die “Haltung” des Kulturbüros. “Wow!” war mein erster, sich zugegebenermaßen nicht durch intellektuelle Reflexion auszeichnender, Gedanke. Entzückt über so viel Aufgeschlossenheit und Weitsicht einer Fördereinrichtung, versenkte ich meine Nase wieder in das Buch.

Dank der zahlreichen charmanten, humorvollen und nützlichen Beiträge, ist die anlässlich des 10-jährigen Bestehens des Kulturbüros erscheinende Festschrift “Das Kulturbüro-Weissbuch” zugleich Dokumentation und Ratgeber. Das Kulturbüro wurde 1998 in Zürich gegründet. Seine Räume sind Treffpunkt, Atelier und Büro zugleich. Hier können Kulturschaffende arbeiten und netzwerken, sich bei den engagierten Mitarbeitern der unkonventionellen Einrichtung Rat holen, kostengünstig Geräte ausborgen oder die Infrastruktur des Büros nutzen. Wofür das Kulturbüro steht, wie es zu seiner Gründung kam und welche Leistungen es anbietet, wird als Auftakt und Abschluss des Buches erzählt. Von Seite 15 bis 54 dürfen LeserInnen Hand anlegen: Perforierte Seiten müssen vorsichtig aufgerissen werden, um an die Tipps von zwanzig Kulturschaffenden zu kommen, wie unerwartete Hürden oder Engpässe überwunden werden können. Von Rezepten für Kunstblut über die Beschaffung von kostenlosen Fonts bis zu Tricks mit deren Hilfe Geräten das Maximum des technisch Machbaren entlockt werden kann, reicht das Spektrum der Improvisationskunststücke und Notlösungen.
Ein wenig ernster geht es dann im Leitfaden zum Verfassen von Gesuchen zu. Die meisten in der Gesuchsanleitung angeführten Punkte sind allgemein gültig und als Hilfestellung auch für Österreicher und Deutsche brauchbar. Einige wenige Empfehlungen sind allerdings eher als landestypisch zu betrachten. Wirklich nur für Schweizer hilfreich ist der Adressenteil “Die gelben Seiten”. Nach dieser Serviceleistung schwenkt “Das Kulturbüro-Weissbuch” wieder auf die Dokumentationsschiene. Witzig fand ich die Porträtfotos der hart für die Kulturschaffenden arbeitenden Geräte. Da sich das Kulturbüro Zürich als bahnbrechendes Erfolgsprojekt erwies, wurden nach und nach Niederlassungen in Bern (1999), Genf (2006) und Basel (2008) eröffnet. Das vorletzte Kapitel fängt mithilfe eines fotografischen Essays die Stimmung in den Räumen der vier Kulturbüros ein.

Was in Österreich zu einer schwerfälligen Jubelpostille für Politiker und deren Versuch, sich in zahlreichen Vor-, Geleit- und Einleitungsworten inklusive Foto zu profilieren, verkommen würde, wird in der Schweiz zu einer Publikation, in deren Mittelpunkt das gefeierte Projekt steht und in der Menschen zu Wort kommen, die tatsächlich etwas mit dieser Einrichtung zu tun hatten oder haben. Nicht nur Konzept und Tonfall von “Das Kulturbüro-Weissbuch” sind aufgeschlossen und individuell, auch die optische Gestaltung des Buches kann sich sehen lassen. Nur der blaue Schutzumschlag wollte sich ständig aus dem Staub machen.

Das Kulturbüro ist eine Bereicherung der Schweizer Kulturlandschaft, “Das Kulturbüro-Weissbuch” für jedes Bücherregal.

© Ch. Ranseder

Das Kulturbüro-Weissbuch: Mit Gesuchsleitfaden, zwanzig Geheimtipps und über hundert nützlichen Adressen für das Überleben im Kulturbetrieb

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Handbuch Zoo

Donnerstag, 25. Juni 2009

Non-Fiction

Jürg Meier   
Handbuch Zoo 

Haupt 2009, 230 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 258 07448 1

Handbuch Zoo Handbuch Zoo: Moderne Tiergartenbiologie

Wohnklos für die Primatenhaltung oder betonierte winzige Bärenzwinger sind endlich out. Die moderne Zootierhaltung setzt auf Vergesellschaftung, Beschäftigung und möglichst artgerechte Haltung, die nicht antiseptisch wirkt.

Der älteste bestehende Zoo weltweit ist der Tiergarten Schönbrunn (seit 1752) in Wien. Seit seinem Bestehen haben sich Zoos kontinuierlich von Menagerien für Schaulustige zu grünen Bildungsoasen, Forschungszentren und Ressorts für vom Aussterben bedrohte Tierarten entwickelt. Die Veränderungen der inhaltlichen Ziele gingen ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert Hand in Hand mit verbesserten Haltungsbedingungen. Eine Folge inadäquater Haltungsbedingen, die u. a. mangelnde Quarantäne, unausgewogene Fütterung sowie falsche Klimabedingungen betreffen, waren nicht nur die geringe Lebenserwartung von Zootieren. Bei nichtartgerechter Haltung nehmen Aktionen und Reaktionen, Fortpflanzung der Tiere im gleichen Maße ab wie psychische Störungen zunehmen. Tierische Dramen, die die BesucherInnen nicht unberührt ließen. Die Bedingungen haben sich seither enorm verbessert, aber nicht in allen Institutionen und für alle Tiere im gleichen Maße. Es bleibt noch viel zu tun. Die moderne Tiergartenbiologie ist ein interdisziplinäres Fach, das sich aus Teilgebieten der Biologie, Tiermedizin und der Ökonomie zusammensetzt. Eine stete Verbesserung der Tierhaltung im Rahmen zoologischer Anlagen ist das inhaltliche Hauptziel. Die Dualität von wild- und zoobiologischer Forschung sowie “Präsentation” von Tieren in möglichst artgerechten, natürlichen Lebensräumen für BesucherInnen sind diametrale Ansätze, die es gilt, unter einen Hut zu bringen.

Jürg Meier ist Experte auf dem Gebiet der artgerechten Wildtierhaltung. Im vorliegenden “Handbuch Zoo” legt er in übersichtlichen sieben Kapiteln vor, worauf es in Tiergärten und somit in der Tiergartenbiologie ankommt.
In den Einstiegskapiteln “Tiergärten und ihre Bedeutung”, “Tiergartenbiologie - Begriffe und Definitionen” werden die Grundlagen des Faches und der Institution dargelegt.
Danach widmet sich der Autor unter den treffenden Überschriften “die Bühne”, die “Darsteller” und ”das Publikum” dem interaktiven Bereich zwischen Forschung, Ökonomie und Außenkommunikation.
Der Besuch hinter “die Kulissen” zeigt berufliche Aspekte auf und verdeutlicht den vielfältigen logistischen Aufwand.
Der Ausblick auf die “Zukunft Zoo” macht deutlich, dass Zoos nicht an Bedeutung verlieren werden. Das Bestreben nach möglichst natürlicher Haltung der Tiere, Teilnahme an Zuchtprogrammen im Rahmen des Artenschutzes und die Angebote der besucherorientierten Vermittlung werden mehr und mehr an Bedeutung gewinnen.
Im benutzerfreundlichem Anhang finden sich neben weiterführender Literatur und Register wichtige Hinweise auf Zoozeitschriften udn Zooorganisationen.
Ein großer Verdienst des Autors ist es, den anspruchsvollen Inhalt so fesselnd vorzulegen, dass es nicht nur tiergartenbiologische Pflichtlektüre ist, sondern auch begeisterte ZoobesucherInnen das Grundlagenwerk gerne lesen werden. Eine Fülle sprechenden Bildmaterials und die übersichtliche, frische Gestaltung des Buches tragen dazu bei, dass das “Handbuch Zoo” zu einem attraktiven wissenschaftlichen Lesevergnügen wird.

© V. Strohschneider

Handbuch Zoo: Moderne Tiergartenbiologie

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Allergie: TV-Jogurt

Samstag, 13. Juni 2009

Notiz

Allergie auf TV-Jogurt ab 2007

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Ich liebe Reklame. Als Zeitzeichen spiegelt sie aktuelle Befindlichkeiten und zuweilen hat sie mit kürzesten Kurzgeschichten sogar Unterhaltungswert.

Schon als Kind Ende der 1960er habe ich Reklame gemocht - vor allem die TV-Werbung. Zu meinem Missvergnügen haben meine Eltern mehr oder minder erfolgreich danach getrachtet, mich um dieses Vergnügen zu bringen. Auch heute noch wechseln sie sofort den Sender, wenn die Werbepause beginnt.
Ihr unwiderlegbares Argument lautet: “Die wollen doch alle nur, dass man ihren Kram kauft!”
Eine durchaus gesunde Basis für ein selbstbestimmtes - soweit das überhaupt möglich ist - Kaufverhalten. Mir war das damals natürlich nicht einsichtig, weil sowieso meine Eltern den Einkauf bestimmten. Nachdem ich die Kaufentscheidungen meiner Eltern nicht manipulieren konnte, nahm ich mit kindlicher Unschuld und Vertrauen an, dass es auch kein anderer könnte.

Beschäftigte mich im Volksschulalter noch die Frage, ob meine Mutter wirklich von ihrem Gewissen geplagt wurde, weil sie nicht diesen ganz bestimmten bzw. gar keinen Weichspüler nahm, sind es heute ganz andere Aspekte vergleichbarer Spots. Übrigens hat meine Mutter kein schlechtes Gewissen wegen ihrer Weichspülerabstinenz. Sie meinte schon damals, dass man in gut ausgespülte Wäsche keine neue Chemikalie reinspülen sollte, die sich dann ungehindert auf der Haut verteilt. Ein sehr vernünftiger Gedanke, lange bevor sich jeder über allerlei Hautallergien oder Neurodermitis den Kopf zerbrochen hat. Mein Vater, ein mit sehr empfindlichem Geruchssinn ausgestatteter Liebhaber teurer Parfums, kann die “billigen” Weichspülerwolken nicht ausstehen. Ich erlebte dagegen während der Hochphase dieser Werbekampagne um das “gute Gewissen” einen gewissen sozialen Druck, den weniger kritisch aufgezogene Kinder ausübten. Sie fragten mich tatsächlich, ob meine Mutter denn kein “schlechtes Gewissen” hätte. So etwas nennt man dann wohl den Teufelskreis sekundärer Werbewirkung.

Mit Genuss habe ich aber ab und an vermerkt, dass auch meine Eltern nicht immer ganz werbungsungeschädigt geblieben sind. Der berüchtigte “Eumel” (Grauschleier verursachender Gardinenschädling) der frühen 1970er ist nahtlos von der Waschmittelwerbung in ihren Wortschatz übernommen worden, während sie das in meinen Ohren so genussvoll klingende “schokoschmackig” nicht goutierten.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Nachdem Eltern alles besser machen wollen als ihre eigenen Altvordeeren, galt dieses lästige “Werbeverbot” bei meinem Kind ab Mitte der 1990er nicht. Nicht ganz uneigennützig, denn sonst hätte ich meine TV-Spot(t)sucht nicht befriedigen können. Es war eine gute Entscheidung. Denn durch unseren Spaß Werbung ständig zu kommentieren und sie zu veralbern, ist aus unserer Tochter eine kritische Beobachterin geworden. Besonders stressabbauend ist es den Ton abzudrehen und eigene Spontantexte zu sprechen.

2007 erklärte meine Jungfeministin, dass sie es gründlich satt hätte, jedes vermeintliche Verdauungsproblem von der Werbung als Frauensache deklariert zu sehen. Sie hat gut beobachtet und schön, dass sie es gleich satt hatte! Egal, ob es sich um bakterieninfizierte Milch- oder rein chemische Pharmaprodukte handelt, immer - außer man bedient sich der Popularität eines Medienmannes - sind Frauen von unerwünschten Darm(in)aktivitäten befallen. Magengurgeln, verschlagene Winde, Stuhlprobleme und Übergewicht werden zur “Frauensache”, wenn es darum geht dem Publikum diverse - mehr oder minder natürliche -Jogurtvarianten aufzuschwatzen. Da drängt sich doch die Frage auf, ob man die Käuferinnen nicht eher auf diesem Umweg dazu bewegen will, die Produkte ihren Flatulenzmännern und ewig lesenden Klobesetzern aufzutischen. Junge, schlanke, hellhaarige und dynamische Powerfrauen, die ansatzweise auch mütterlich wirken dürfen, weihen ihre weniger jungen, dickeren, dunkelhaarigen und undynamischeren Freundinnen in ihr Milchproduktgeheimnis ein. Die Jogurtfläschchen-Party ersetzt die Plastikboxen-Party. Die bio- und gesundheitsbewussten Korkschlapfen-Fans unter den potentiellen Kundinnen werden mit fernöstlichem Yoga-Göttinen-Charme beworben. Das schlechte Gewissen wird Müttern vermittelt, die ihre Familien nicht mit vergammelter Milch gegen allerlei Krankheiten immunisieren. Was wären alle diese Marktschreier ohne Frauen?

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Genau da setzt unser liebstes Werbespiel ein: Geschlechterumkehr!
Was wäre, wenn nicht der Frau der Rock von den jogurtschlanken Hüften rutschen würde, sondern Mannes Knackpo in einem Stringtanga zu sehen wäre? Was wäre, wenn sich nicht eine Frau mit dem Seifenprodukt verschämt ihre Vorderseite abschäumen würde, sondern ein Mann lässig seine aufpolierte Kehrseite - wir wollen ja nicht übertreiben - präsentieren würde?

Knackige Männer wären uns beiden Frauen eindeutig lieber, aber das lässt die Zensur natürlich nicht zu. Vor nackten Frauen müssen die Zuschauer anscheinend nicht beschützt werden, vor nackten Männern hingegen schon. Oder ist die fragwürdige Fauendominanz eine wirtschaftliche Entscheidung: Es gibt mehr herzeigbare Auswahl und sie sind billiger zu haben?

Frauenautos müssen sicheren Platz für ihre Kinder und seine Bierkisten bieten und sie lassen ihre Besitzerinnen tüchtig erscheinen. Männerautos hingegen bewältigen jede Fahrsituation von der Mondlandschaft bis zur Rennstrecke und sie machen ihre Besitzer attraktiv. Eine nette Vorstellung zur Abwechslung einmal einen Mann im Kampf mit dem Wocheneinkauf und den sabbernden Nachwuchs rund um den roten Kleinsttranspoter zu beobachten oder eine Frau mit ihrem schnittigen Zweisitzer beim Aufriss zu zeigen.

Die Mehrheit der einkaufenden Frauen scheint wirklich zu glauben, dass sie von den diversen Produkten schlank, schön, begehrenswert wird und eventuell sogar gesund bleibt. Wenn es nicht so wäre, würden es die Werbefirmen ja wohl nicht ständig mit dieser Masche versuchen. Dabei funktioniert es aber auch anders. Das hat u. a. jene Körperpflegelinie bewiesen, die sich für ihre Spots und Plakate ganz normale, (über)füllige, schwangere, sommersprossige, narbige und tätowierte Frauen jedes Alters ausgesucht hat, die durchwegs realistische Identifikationsfiguren darstellen. Männer können auch interessante Werbeträger sein, es gibt keinen Grund sie zu unterdrücken, sie als Trottel oder Machos zu zeichnen oder es nur mit Superstars zu versuchen. Obwohl für uns Sport völlig uninteressant ist, gefallen uns jene Spots, in denen das berühmte boxende Brüderpaar zu sehen ist. Zwei unterschiedliche Produkte, keines davon verbindet man mit Boxchampions, sondern inhaltlich und somit werbetypisch mit Kindern sowie besorgten Müttern. Auch das österreichische Skiteam, deren Pistenerfolge uns völlig egal sind, macht sich beim unterhaltsamen Verzehr von Tiefkühlkost nicht schlecht.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Wir sind für die Emanzipation der Männer in TV-Spots!
Zeigt uns attraktive Männer! Wir wollen wohlproportionierte, gepflegte und schick gekleidete (Haus)Männer sehen, die realistisch kochen, putzen, waschen, bügeln und Kinder wickeln und trotzdem nicht das Hirn bei der Kasse abgegeben haben. Wir mögen keine ungepflegten und schlecht gekleideten Typen, die herablassend verkünden, sie wüssten es besser als Frauen nur weil sie Männer sind. Wer mag schon dummdreiste Überheblichkeit? Die Arroganten, die ihren zittrigen vorgestrigen Müttern die Gegenwart zeigen und ihnen den Unterschied zwischen Waschrumpel und Waschmaschine sowie den Gebrauch von Wasserenthärtern erklären, weil Frauen die letzten 50 Jahre Fortschritt verpasst haben, sind letztklassig. Und wer interessiert sich schon für Typen, die von ihren Übermüttern belehrt werden? Formbar ist ja ganz nett, aber abgenabelt von Mami sollten Werbemänner schon sein. Supermänner, Schlaumeier oder Waschlappen sind unerwünscht.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Vor unseren inneren Augen schwebt der gestylte Mann, der seiner lässig-sportlichen Partnerin den Einkauf ihrer Monatshygiene abnimmt, während sie sich um die Kondome kümmert…
Und dann sind wir aufgewacht!

© S. Strohschneider-Laue

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Deutsche Erfinder

Donnerstag, 28. Mai 2009

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Ulrike Gropp
Deutsche Erfinder
Silberfuchs Verlag 2009, 1 CD, Laufzeit 76′, 15 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 940665 12 6

Deutsche Erfinder Deutsche Erfindungen - Das Erfinder-Hörbuch: Eine Entdeckungsreise in die Erfindenation Deutschland

Unheimlich beginnt diese Erfolgsgeschichte mit “Das Röntgenbild eines Schädels…” und mit Stimmen, Fakten, Geräuschen und Musik geht es die Ohren fesselnd quer durch den deutschen Erfindertraum. Max Foster (Dietmar Mues) bastelt an einer neuen Publikation. Ihm zur Seite steht Wissenschaftlerin Pia Blumenbach (Hannelore Hoger). In Dialogen und erläuternden Erzählungen (Holger Löwenberg) erschließen sich die deutschen Erfindungen.

Kindliche, völlig zweckfreie Entdeckerlust steht am Anfang des Forschens. Wissenschaft und Bildung sollten frei sei, und nicht völlig von zweckgebundenen Förderungen abhängen, denn Grundlagenforschung ist der Nährboden der Erfindung. Forschungsergebnis oder Erfindung? Egal, die Wirkung und vor allem deren Wirtschaftlichkeit zählen. Manche Erfindung geht auf die Beseitigung eines Ärgernisses zurück. Andere Erfindungen sind Verbesserungen von Vorhandenem, wieder anderes ist systematischer Forschungen zu verdanken oder als schlichtes Nebenprodukt erfunden worden. Egal, die Kombination guter Ideen zu einer funktionalen Einheit, die im besten Fall für den Schöpfer auch noch wirtschaftliche Vorteile bringt, schreibt Geschichte, die oft über deren erstes Ziel weit hinaus gehen. So ist Gutenberg mehr als nur ein Buchdrucker. Er schuf die Basis für das erste Massenmedium und damit die Basis für die Verbreitung von Ideen, Wissen und Bildung auf breiter Ebene.

Es ist eine Männerwelt in der sich die Frauen nur anstandshalber finden. Melitta und Herta haben sich mit ihren - durchaus bahnbrechenden -  Küchenerfindungen von Kaffeefilter und Currywurst zumindest eine Erwähnung im Erfinderolymp gesichert. Auch Männer sind hungrig, wollen Kaffee und schließlich kann man mit beidem Geld, eigentlich sogar sehr viel Geld verdienen. Und trotz Dampfmaschine, Glühbirne, Dieselmotor und Atombombe ist die Deutsche Erfindergeschichte ein Beispiel für verschwendete Energie. Verschwendete Energie, weil die zündenden Ideen von Frauen, die sich nicht vornehmlich um die eine oder andere Aufrüstung drehen, von deren Männern eingesackt wurden. Frauen haben mehr geleistet als Erfinder zu gebären, aufzuziehen oder das Laborkaninchen abzulösen, wenn man zum Beispiel “nur” an Fallschirm und leichte Augengläser denkt. Vielleicht hätte der “verschwundene” Frauenanteil diesem durchaus angenehmen und informationsgeladenen Ohrenschmaus ab und an einen unangenehmeren Beiklang gegeben, aber sicher nicht mehr als jenen alltäglichen Beiklang über Misserfolge, Hindernisse und Neid, denen auch männliche Erfinder ausgesetzt sind.

“Made in Germany” war einst als Warnung gedacht und wurde doch zum Gütezeichen. Vom Buchdruck (um 1450) bis zum Scheinwerfer (2009) wurden internationale und nachhaltige Maßstäbe gesetzt. Ob die Currywurst ebenso wie Aspirin über Deutschland hinaus erfolgreich werden wird, ist auf jedenfall hörwürdig. Drei geniale Stimmen und zahlreiche Musik- sowie Textzitate halten durchgehend die Spannung aufrecht. Und auch die Optik kommt nicht zu kurz. In hoffnungsfrohen Grüntönen gehalten, besticht wieder die Grafik von Roswitha Rösch durch thematische Ausgewogenheit.

Hörprobe

© S. Strohschneider-Laue

Deutsche Erfindungen - Das Erfinder-Hörbuch: Eine Entdeckungsreise in die Erfindenation Deutschland

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Grafik Design

Dienstag, 24. März 2009

Non-Fiction

Timothy Samara
Grafik Design
Theorie, Konzept, Realisierung

Stiebner 2009, 365 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 8307 1361 6

Grafik Design Theorie, Konzepte, Realisierung Grafik Design: Theorie, Konzept, Realisierung

Timothy Samara hat ein Buch geschrieben, dem ich wünschen würde, dass es möglichst vielen jungen Menschen in die Hände fiele, bevor sie sich zum Grafik-Design-Studium entschließen. Eigentlich müsste “Grafik Design. Theorie, Konzept, Realisierung” in jeder Berufsberatungsstelle aufliegen. Neben vielen anderen Dingen zeigt die Publikation nämlich sehr anschaulich, dass Kommunikationsdesign Knochenarbeit ist und so mancher Kunde dem Designer das Leben schwer machen kann - auch wenn das natürlich niemals explizit ausgesprochen wird. Abgesehen davon hat der Beruf durchaus seinen Reiz. Schließlich bietet fast jedes Projekt neue Herausforderungen. Von Kreativen wird verlangt, dass sie Ideen am laufenden Band produzieren, deren Weiterentwicklung sich selten als linearer Prozess gestaltet. Ganz im Gegenteil, der Weg vom ersten Skribble zum fertigen Produkt ist oft gewunden und manchmal steinig. Nie wird er allein begangen, sondern gemeinsam mit dem Kunden, dessen Wünsche berücksichtigt werden müssen, und Kollegen aus verwandten Disziplinen, die ihren Beitrag zum Gelingen eines Projektes beisteuern. Selbstverwirklichung ist nur wenigen Designern vergönnt. Das bringt Timothy Samara in einer seiner 20 Regeln, die helfen sollen Entwürfe zu optimieren, deutlich zum Ausdruck. Regel Nummer 11 des in New York arbeitenden Grafikdesigners lautet: “Universalität ist gefragt; es geht nicht um Sie.” Sein Vorschlag, wenn man sich ausleben möchte, möge man doch Maler werden, das sei lukrativer, hat mich allerdings zum Schmunzeln gebracht. Hierzulande (Österreich) verhungern Maler noch schneller als Grafikdesigner.

Im Anschluss an seine 20 Gebote stellt der Autor im Blitzdurchgang die visuellen Elemente des Grafikdesigns (oder wie es so passend heißt, den “visuellen Werkzeugkasten”) vor: Form und Raum, Farbe, Typografie, Bilder und Layout.

Den Löwenanteil des reich bebilderten Buches bestreiten 40 Fallstudien. Sie führen vor Augen, wie aufwändig und komplex Designprozesse von der ersten Ideenskizze bis zum fertigen Produkt sein können. Ein lehrreicher Leckerbissen sind die zahlreichen Abbildungen von Handskizzen und Entwurfsvarianten, die Außenstehende gewöhnlich nicht zu Gesicht bekommen. Vieles verschwindet im Verlauf eines Projektes ja in der Schublade. Zusammen mit kurzen Texten, die Aufgabenstellung und Verlauf des Projektes beschreiben, illustrieren sie die Vielzahl möglicher Arbeitsweisen. Die für das Buch getroffene Auswahl der Projekte ist aber auch noch aus anderen Gründen gelungen. Timothy Samara ist sichtlich bestrebt, eine möglichst große Bandbreite des Grafik Designs zu zeigen - sowohl in seinen Anwendungsmöglichkeiten als auch in den zur Verfügung stehenden Ausdrucksformen. Das Spektrum der Arbeiten umfasst die Entwicklung von Markenidentitäten für Weine, die Gestaltung von Büchern, Foldern, Postern und anderen Printprodukten ebenso wie Web-, Messestand- und Textildesign. Um die jeweiligen Botschaften zu vermitteln, bedienen sich die Gestalter der unterschiedlichsten Techniken. Sogar Linolschnitte kommen für einen Auftrag, mit wirklich zauberhaftem Ergebnis, zum Einsatz. Auffallend ist auch die Internationalität der Mitwirkenden. Das Verzeichnis der 38 Designer und Designstudios, die Einblick in ihre Projekte gewähren, liest sich wie das Programm einer Reise um die Welt.

“Grafik Design. Theorie, Konzept, Realisierung” zeigt, wie die Theorie des Grafik Designs in der Praxis umgesetzt wird. Nichts befriedigt die Wissbegier spannender und nachhaltiger, als als ein Blick hinter die Kulissen. Das Konzept geht auch in Buchform auf.

© Ch. Ranseder

Grafik Design: Theorie, Konzept, Realisierung

Designraster

Samstag, 27. Dezember 2008

Non-Fiction

Gavin Ambrose, Paul Harris
Designraster
Stiebner 2008, 176 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8307 1357 9

Designraster Designraster: Struktur oder Muster aus Linien, die als Gerüst für die Anordnung der Elemente eines Designs dienen

Raster sind aus dem Kommunikationsdesign nicht wegzudenken. Sie sind unverzichtbare Helferlein, die sich im Hintergrund halten und ihre Stärken im Verborgenen entfalten. Nur selten wird das Gerüst aus Linien selbst zum sichtbaren Gestaltungselement, wie auf einigen Seiten des Buches “Designraster”.

Mit einem Raster als Skelett des zu entwickelnden Grafikdesigns gelingt es spielerisch, die einzelnen Bestandteile des Entwurfes zu organisieren und harmonisch aufeinander abzustimmen. Der Designer kann mit Hilfe des Rasters Texte und Bilder so anordnen, dass Wertigkeiten entstehen, die den Blick des Lesers lenken und so die Botschaft klar vermitteln. Dem Leser wiederum dient der nur in der Disposition der Designelemente zueinander wahrnehmbare Raster als Orientierungshilfe bei der Entschlüsselung der dargebotenen Informationen. Auch wenn die Entwicklung eines Rasters zeitaufwändig sein kann, macht sich diese Investition meist im Lauf eines Projektes bezahlt. Auf seiner Basis geht die Arbeit rascher von der Hand und das Endprodukt gewinnt an visueller Kohärenz. Paradoxerweise ist ein Raster, dem doch eine gewisse Regelhaftigkeit und Starrheit eigen ist, extrem flexibel. Er bietet der Kreativität nahezu unbeschränkte Ausdrucksmöglichkeiten und das nicht nur in der Druckgrafik sondern auch im Webdesign, der Ausstellungsgrafik und im Zusammenspiel von Grafik und Architektur.

Gavin Ambrose und Paul Harris führen in “Designraster” die Nützlichkeit von Rastern anschaulich vor Augen. Im mittlerweile siebten Band der hervorragenden Reihe “Basics Design” vermitteln die beiden Autoren in sechs Kapiteln Grundwissen über die Funktionen, Arten und Anwendungsmöglichkeiten von Rastern. Als Auftakt geht das Kapitel “Warum Raster” unserem Leseverhalten und dem Sinn von Rastern auf den Grund. “Rastergrundlagen” spannt den Bogen von Faktoren, die bei der Anlage eines Rasters berücksichtigt werden müssen - wie zum Beispiel Papierformate, Seitenaufbau, Proportionen und Hierarchien - bis zu den ersten Schritten der Entwicklung eines Rasters. In der Folge stellt das Kapitel “Rastertypen” die einzelnen Arten von Rastern - vom symmetrischen Raster bis zum Winkelraster - vor. Den am Raster auszurichtenden Designelementen wie Texte und Bilder ist der Abschnitt “Rasterelemente” gewidmet, wobei der Umgang mit Schrift und Spalten im Mittelpunkt steht. Das fünfte Kapitel “Verwendung des Rasters” bietet eine bunte Mischung von Möglichkeiten des Umgangs mit Rastern, darunter ihr Einsatz als Muster, zur Bändigung von Tabellen und mehrsprachigen Texten sowie als Hilfe bei der Beschriftung von Architektur. “Raster im Web” schließlich zeigt, dass sich der gute alte Raster auch bei der Gestaltung von Internetseiten bewährt. Ein Glossar rundet das Buch ab.

Die hochwertige Publikation “Designraster” strotzt vor unentbehrlichem Basiswissen, das benutzerfreundlich und leicht verständlich präsentiert wird. In der bereits bewährten Weise übersichtlich gestaltet, glänzen Gavin Ambrose und Paul Harris abermals mit präzisen Texten und hervorragendem Bildmaterial. Illustriert mit zahlreichen Musterseiten wird “Designraster” zum inspirierenden Handbuch, das man gerne aus dem Regal zieht.

© Ch. Ranseder

Designraster: Struktur oder Muster aus Linien, die als Gerüst für die Anordnung der Elemente eines Designs dienen

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Adrian Frutiger Schriften

Montag, 08. Dezember 2008

Non-Fiction

Heidrun Osterer/Philipp Stamm/Schweizerische Stiftung Schrift und Typographie, Bern (Hgg.) 
Adrian Frutiger - Schriften
Das Gesamtwerk
Birkhäuser 2008, 462 S., 439 Farb- und 620 Sw-Abb.
ISBN 978 3 7643 8576 7

Adrian Frutiger - Schriften Adrian Frutiger Schriften. Das Gesamtwerk

Der in der Schweiz geborene Adrian Frutiger hat im Lauf seines Lebens über 50 Schriften entworfen. Internationale Bekanntheit erlangte er mit dem in den 50er-Jahren entstandenen Schriftkonzept Univers. Doch auch andere schöne und nützliche Schriften stammen von seiner Hand. Adrian Frutiger hat Standards gesetzt und am technischen Puls der Zeit mehr als einmal eine Vorreiterrolle gespielt. Seine Schriften zeichnen sich durch Klarheit, gute Lesbarkeit, Ausgewogenheit und den gleichmäßigen Rhythmus des Gesamtbildes aus. Funktionalität, nicht künstlerische Selbstverwirklichung steht im Mittelpunkt seines Schaffens. So sind Schriften von Adrian Frutiger auch dort zu finden, wo man sie nicht erwarten würde: Auf Einzahlungsscheinen oder Identitätskarten zum Beispiel. Mit der von Maschinen lesbaren OCR-B schuf er Mitte der 60er-Jahre eine Schrift, die trotz stringenter technischer Vorgaben mit einer ästhetischen Anmutung punktet. Neben den beliebten Schriften für den Satz von Büchern finden sich in Adrian Frutigers Werk Signalisationsbeschriftungen für Flughäfen und die Pariser Mètro ebenso wie für den visuellen Auftritt von Firmen entworfene Schriften und zahlreiche Logos.

Als Lehrender, Autor und Berater hat der namhafte Schriftgestalter von Beginn an sein Wissen weitergegeben. Auch das vorliegende Buch basiert zum Teil auf Interviews mit Adrian Frutiger. Die aus der Transkription der Gespräche entstandenen, in der Ich-Form geschriebenen Texte bilden den erzählerischen Rahmen der beeindruckenden Publikation. In der Tradition der “oral history” erinnert sich Adrian Frutiger an sein Berufsleben und erlaubt den LeserInnen einen Einblick in den Entstehungsprozess seiner Schriften - vom Auftrag über die technischen Anforderungen bis zum Marketing. Dabei nimmt er sich in chronologischer Reihenfolge jede Schrift einzeln vor, analysiert sie und nennt dabei zuweilen persönliche Vorlieben oder Abneigungen.

Dieser “Innensicht” von Adrian Frutiger ist die “Außensicht” der Herausgeber zur Seite gestellt. Sie bieten in ihren Texten vertiefende Informationen zu den Schriften, setzen diese in Beziehung zu historischem und technischem Umfeld und knüpfen Verbindungen zur Schriftgeschichte. Mustertext, Schriftvermaßung, Schriftenvergleich, Höhenvergleich und Alphabetvergleich der ursprünglichen Schriftform mit dem digitalen Font runden die einzelnen Schriftkapitel ab.

In die Abfolge der Schriftkapitel werden an chronologisch passender Stelle Seiten zu den Satztechniken eingeschoben. So werden technische Entwicklungen und die unterschiedlichen Anforderungen, die sie an die Schriftentwerfer stellten, für LeserInnen nachvollziehbar. Diese anschaulich illustrierten Abrisse zur Technikgeschichte umfassen Handsatz, Fotosatz Photon-Lumitype, Maschinensatz Einzelbuchstabenguss, Fotosatz Monophoto, Maschinensatz Zeilenguss, Optical Character Recognition OCR, Schreibsatz, Anreibesatz, Fotosatz Linofilm, Lichtsatz CRT, Lasersatz, Digitalsatz.

“Adrian Frutiger - Schriften. Das Gesamtwerk” ist ein übersichtlich gegliedertes Buch, das eine atemberaubende Informationsfülle benutzerfreundlich im Gewand feinster Buchgestaltung präsentiert. Viele Menschen waren an seiner Entstehung beteiligt. Der in der Einleitung der Publikation beschriebene, sich über mehr als 10 Jahre erstreckende Werdegang des Projektes legt davon beredtes Zeugnis ab. Heidrun Osterer, Philipp Stamm und ihrem Team ist mit “Adrian Frutiger - Schriften. Das Gesamtwerk” durch ihr ausgefeiltes Buchkonzept, ihre akribische Recherche gepaart mit der Fähigkeit Fachwissen in leicht verständlichen Texten zu vermitteln und der Kunstfertigkeit, in den auf Diskussionen mit Adrian Frutiger basierenden Texten die Lebendigkeit eines Gespräches zu bewahren, ein bedeutender Beitrag zur typografischen Literatur gelungen.

“Adrian Frutiger - Schriften. Das Gesamtwerk” setzt dem großen Schriftgestalter ein Denkmal mit einzigartigem kultur- und technikgeschichtlichen Tiefgang. Es ist ein Nachschlagewerk das Fachpublikum und interessierte Laien gleichermaßen begeistern wird.

© Ch. Ranseder

Adrian Frutiger Schriften. Das Gesamtwerk

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Universal Design

Mittwoch, 15. Oktober 2008

Non Fiction

Oliver Herwig
Universal Design - Lösungen für einen barrierefreien Alltag 

Birkhäuser 2008, 175 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 7643 8717 4

Universal Design Universal Design: Lösungen für einen barrierefreien Alltag

Universal Design hat sich in den letzten Jahren aus dem Konzept des barrierefreien Designs entwickelt. Noch wird Universal Design vor allem bei Wohnprodukten eingesetzt, die für jeden gleichermaßen und in jeder Lebensphase nutzbar sein sollen. Das Wohnumfeld wird so gestaltet, dass es für ältere, aber auch für jüngere Menschen optimal ist. Es geht um schönes Design, das allen nützt und keiner bemerkt. Ziel von Universal Design ist die Zugänglichkeit für möglichst viele Menschen zu ermöglichen und ein breites Spektrum an Lösungen zu bieten, das allen hilft, nicht nur Menschen mit Beeinträchtigung. Gerade in einer Zeit, in der es in den Industrieländern immer mehr ältere Menschen gibt, nimmt Universal Design einen immer wichtiger werdenden Raum ein. Statt Spezialprodukten für eine begrenzte Zielgruppe müssen ästhetisch ansprechende Designlösungen für alle Menschen entwickelt werden.

Universal Design – Lösungen für einen barrierefreien Alltag von Oliver Herwig, einem deutschen Journalisten und Autor, gibt erstmals eine Zusammenfassung dieses verhältnismäßig neuen Designbereichs.
Der Autor stellt seinem Buch 5 Thesen voraus, in denen er aufzeigt, wie sich die älter werdende Gesellschaft auf die Gestaltung von Produkten auswirkt. Diese Thesen werden in zwei großen Bereichen – „Universal Design heißt gestalten für alle“ und „Universal Design in der Praxis“ – begründet und mit Beispielen universellen Designs belegt.

Der Autor setzt den Anspruch von Universal Design auch in seinem Buch fort und gliedert die einzelnen Kapitel klar und übersichtlich. Zum Einstieg lässt sich der 41jährige Autor für einige Stunden mit Hilfe eines Altersimulationsanzuges in die Welt alter Menschen versetzen – um dann das Verständnis für die Notwendigkeit universellen Designs den LeserInnen anschaulich zu vermitteln. Die Kapitel werden in die einzelnen Sinne unterteilt – Auge, Ohr, Hand und Fuß sowie in die Frage „Wie wohnen?“ Jedes Kapitel schließt mit einem Interview ab – so kommen berühmte Designer und Architekten wie Gerrit Terstiege, Mathias Knigge, Ursula Wangler und Frank Abele, Konstantin Grcic, Peter Naumann und Carlo Baumschlager zu Wort.

Eine prägnante Zusammenfassung und ein Ausblick unter dem noch visionären Titel „ Die Zukunft wird einfach und komfortabel“ schließt das Buch ab.

Sehr praktisch auch der Anhang, der die sieben Prinzipien universellen Gestaltens (©1997 NC State University, The Center für Universal Design) ebenso vorstellt wie übliche Abkürzungen und eine kurze weiterführende Literaturliste bietet.

Der Autor richtet sein Buch ausdrücklich an Designer und Architekten, Entscheidungsträger und Firmen, die sich mit der Zielgruppe älterer Menschen nachhaltig beschäftigen wollen. Doch nicht nur für diese von ihm definierte Zielgruppe ist das Buch von Interesse. Universal Design betrifft uns alle und versteht sich im Sinn einer nachhaltigen Gesellschaftspolitik geradezu als eine Kernforderung für die Zukunft.

© Doris Prenn

Universal Design: Lösungen für einen barrierefreien Alltag

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Designmuster

Dienstag, 22. April 2008

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Drusilla Cole
Designmuster
Haupt Verlag 2008, 240 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 258 07267 8

Deignmuster Designmuster. Zeitgenössische Oberflächengestaltung

Kreative Menschen lassen sich von vielen Quellen inspirieren. Oft mit erstaunlichen Ergebnissen. Filme, literarische Texte, Musik, Gegenstände des Alltags, Blumen oder Erinnerungen - fast alles kann als Auslöser für eine Entwurfsidee dienen. Das spiegelt sich auch in den Mustern, die Drusilla Cole für das opulente Buch “Designmuster” gesammelt hat. 102 Künstlerinnen und Künstler sind mit ihren Kreationen vertreten. Ihre in den Jahren von 2000 bis 2005 entstandenen Entwürfe sind am Puls der Zeit und zieren die unterschiedlichsten Trägermaterialien. Das Spektrum der angewandten Techniken reicht von klassischem Siebdruck über Stickereien und Applikationen zu modernsten High-Tech-Verfahren. Es wird fröhlich gemalt, gezeichnet und digital am Computer komponiert. Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Die dekorative Musterflut wird in fünf Kapiteln gebändigt und in geordnete Kanäle geleitet. Säuberlich in thematische, abstrakte, geometrische und organische Muster sowie Retromuster gegliedert, entfalten die wunderschönen Schöpfungen ihre ganze Pracht. In den begleitenden Texten sind die leider allzu knappen Kommentare der Designer zu Ursprungsidee, Intention und gewählter technischen Umsetzung ein besonderer Leckerbissen.

Das Buch “Designmuster” ist zugleich dokumentarische Momentaufnahme, Inspirationsquelle und - dank eines Verzeichnisses mit Kontaktadressen der Designerinnen und Designer - Einkaufswegweiser. Die gelungene Auswahl der Arbeiten fügt sich zu einer faszinierenden Zusammenstellung zeitgenössischer Ornamentik und macht das Buch zu einem visuellen Genuss von der ersten bis zur letzten Seite.

© Ch. Ranseder

Designmuster. Zeitgenössische Oberflächengestaltung

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Kunst kommunizieren

Freitag, 11. April 2008

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Stefan Lüddemann
Mit Kunst kommunizieren. Theorien, Strategien, Fallbeispiele
VS Verlag für Sozialwissenschaften 2007, 198 S.
ISBN 978 3 531 15581 4

Kunst kommunizieren Mit Kunst kommunizieren. Theorien, Strategien, Fallbeispiele

Mit und über Kunst lässt sich gut kommunizieren. Künstler tun es seit Jahrhunderten, oft im Dienst von kirchlichen und weltlichen Herrschern. Vertreter der vergleichsweise jungen Disziplin der Kulturvermittlung (Museumspädagogik) sind ebenfalls darin geübt und machen ihr Publikum mit dem intellektuellen Werkzeug zur Entschlüsselung der Bildern innewohnenden Botschaften vertraut. Doch was diese beiden Gruppen zu sagen haben, spielt in der vorliegenden Publikation keine Rolle. Hinter dem griffigen Titel “Mit Kunst kommunizieren. Theorien. Strategien. Fallbeispiele” verbirgt sich ein mit hoher Informationsdichte aufwartender Text zu einem Teilaspekt des Themas, der erst in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hat: Der Einsatz der bildenden Kunst in der Markenbildung beziehungsweise Selbstinszenierung. Bevor jedoch das Kulturmanagement in den Mittelpunkt der Betrachtungen rückt, wird sowohl eine Definition der Begriffe Kunst und Kommunikation erarbeitet als auch der heutige Kunstbetrieb einer eingehenden Analyse unterzogen. Damit wird ein theoretisches Fundament geschaffen, das einerseits viel zum Verständnis der Funktionsweisen des Instrumentalisierungsprozesses von Kunst beiträgt, andererseits aber auch zeigt, wie dehnbar der Begriff “Kommunikation” ist. Ausführlich werden die Mechanismen des Kunstsystems geschildert, im Rahmen dessen eine kleine Zahl von “Experten” in einem zunehmend selbstreferenziellen Diskurs festlegt, welche Werke als Kunst gelten. Dass in diesem Zusammenhang die Präsentation von Kunst in Museen, Ausstellungen und Katalogen ausgerechnet unter dem Begriff “Vermitteln” im Sinne “der ersten Form der Kommunikation mit Kunst” zusammengefasst wird, mag so manchem Kulturvermittler sauer aufstoßen, geht es doch in diesem Fall einzig um den Kontext der Darbietung, nicht um die Inhalte des Dargebotenen. Mit der Sichtbarmachung von Werken der bildenden Kunst in öffentlichen Institutionen und deren Printprodukten werden den ausgewählten Arbeiten ein Wert und ein Platz im Kanon zuerkannt. Auratische Inszenierungen verleihen - mit Unterstützung der Publizisten - einzelnen Werken, Künstlern oder Kunststilen eine emotionale Dimension, die sie auch für kunstferne Personen zum Erlebnis macht.

Für die Schaffung eines Markenimages kann die Wahl derart durch Präsentationsform und Medien auratisch aufgeladener Werke von Vorteil sein, sie ist jedoch nicht zwingend notwendig. Um ein Produkt mit emotionalem Mehrwert aufzuladen, kann es auch genügen, sich weniger bekannter Kunst zu bedienen. Das belegen die für das Buch “Mit Kunst kommunizieren” ausgewählten Fallbeispiele, welche die Darlegung des auf der Managementebene ablaufenden Arbeitsprozesses ergänzen. Im Rahmen der, ausführlich erläuterten, erforderlichen strategischen und operativen Planungsschritte sind dem Erfindungsreichtum der Kultur- und Marketingmanager keine Grenzen gesetzt. Die zur Verfügung stehende historische und zeitgenössische Kunst ist in ihrer Vielfalt und wirtschaftlichen Verwertbarkeit nahezu unerschöpflich. Über fundierte Kenntnisse der Funktionsweisen des Kunstbetriebs verfügenden Kulturmanagern steht es frei, dessen Mechanismen durch geschickte Manipulation zu nutzen, um die Wertigkeit von vergessenen oder unbedeutenden Künstlern zu erhöhen - so sich dies zur Erreichung der gesteckten ökonomischen Ziele als notwendig herausstellt. Die Deutungsmacht liegt damit fallweise nur mehr vordergründig bei den Protagonisten des Kunstsystems. Im bilderhungrigen 21. Jahrhundert macht diese Volatilität die Kommunikation mit Kunst im wirtschaftlichen Kontext zu einem faszinierenden Betätigungsfeld mit rosigen Entwicklungsperspektiven.

“Mit Kunst kommunizieren” ist ein komplexes, stellenweise erhellendes Buch, das allerdings gerade in seinen theoretischen Teilen nicht frei von Widersprüchen ist. Der passagenweise eine Vielzahl von Auslegungen zulassende, übersichtlich gegliederte Text, dessen Wurzeln in der Lehrtätigkeit des Autors fest verankert sind, birgt Zündstoff für anregende Diskussionen. Bedauerlich ist jedoch der Mangel an Abbildungen, die Leserinnen und Lesern ohne kunsthistorische Vorbildung die gedankliche Visualisierung der wortreich beschriebenen Vergleiche und Fallbeispiele erleichtert hätten. Letztlich bleibt die erfolgreiche Entschlüsselung der mit Bildern kommunizierten Botschaften immer abhängig von der Zugehörigkeit des Rezipienten zu einem bestimmten Kulturkreis und innerhalb dessen zu einer anvisierten Zielgruppe.

© Ch. Ranseder 14. Oktober 2007

Mit Kunst kommunizieren. Theorien, Strategien, Fallbeispiele

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