Weindegustation und Leseprobe
Montag, 07. Januar 2013
Ebensolch Rez-E-zine 73/13
Bücher ab Autor - Weine ab Hof

Mit Buchladen liest es sich gut
Wie ich zu meinem Lesestoff komme? Über meinen örtlichen Buchdealer - meistens. In Anbetracht dessen, dass im Buchhandel aus diversen Gründen renommierten Verlagen, bewährten Autoren sowie Massentauglichen der überproportionale Vorzug gewährt wird, kann ich den geliebten Regalen leider immer weniger für mich finden. Allerdings lösen Buchregale in Kombination mit dem typischen Geruch von Gedrucktem und Gebundenen bei mir schweren Kaufzwang aus. Einem Zwang begegnet man am besten mit einer Kontrollfunktion. Wie beim Wein bedarf es daher einer Degustation - einer Leseprobe im Buch.
Wer glaubt, dass ich mich vom Abfüller/Verlag, Winzer/Autor, Etikette/Cover oder Name/Titel beeindrucken lasse, irrt. Ein renommierter Verlag ist ebenso wenig Garant wie ein bekannter Autor, meinen Leseanspruch an den Inhalt zu befriedigen. Schließlich schmeckt mir ja nicht jeder Wein nur wegen seines berühmten Etiketts.
Wie beim Winzer oder in einer Vinothek koste ich mich durch die Buchregale, greife wie nach einem bestimmten Rotwein zum Genre, orientiere mich wie bei Jahrgängen an Neuerscheinungen. Dass ich dabei Altbewährtem die gleiche Chance wie Neuzugängen gebe, ist selbstverständlich. Ebenso selbstverständlich entscheide ich nach jener Qualität, die meinen Vorlieben entspricht, nachhaltig positiv beeindruckt und keine unerwünschten Nebenwirkungen erzielt.
Mit Amazon liest es sich nicht besser …
… aber vielfältiger. Die Auswahl ist enorm, aber den Heckenklescher vom edlen Tropfen zu trennen, ist ungleich schwieriger und vor allem mühsamer. Der Buchhändler meines Vertrauens kennt mich zumindest besser. Es beginnt damit, dass die Urwald-Ordnung der Plattform zuweilen jeden Sinns entbehrt und der Qualitätsanspruch am Detail zu leiden beginnt. Amazon bietet mir allerdings zwei klare Vorteile beim Beschaffen von Lesestoff: Englisches und Nachschub für meinen Kindle. Auf meinem Kindle habe ich immer wieder auch Gratis- und Billigangebote von (bislang) unbekannten Autoren ausprobiert. Es waren nur sehr wenige schlechte Produkte - ich möchte in meiner Freizeit lesen und nicht lektorieren - dabei. Erstaunlich, wenn man bedenkt, wie viele saftige Ohrfeigen an Selbstverleger in letzter Zeit verteilt werden. Ich habe für meinen Teil eine lange Liste neuer Autoren, deren nächsten Werke ich - Gratismentalität ist mir fremd - kaufen werde, so die Leseprobe mich anspricht.
Selbstverleger und Jahrgangsweine
Jungwinzer und Selbstverlegern muss man Chancen geben. Dass nicht jede Vinothek und nicht jeder Verlag das Risiko mit Neuem eingehen möchte, ist verständlich. Unverständlich ist mir allerdings als mündiger Leser nicht direkt ab Hof/Verleger - also wie beim Winzer vom Autor - kaufen zu wollen. Als Genießer sollte man Jahrgangsweine vom Tetra-Pak-Alk unterscheiden können, ebenso wie man als Leser die innovations- und stillosen Analphabeten erkennen kann.
Es geht um das geschriebene Wort, damit sollten Leser und Autoren ins Gespräch statt ins Gerede kommen.
© S. Strohschneider-Laue
Teeblätter | AmazonStore
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