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Schönheit und Tod: Tierstillleben

Montag, 02. Januar 2012

Non-Fiction

Staatliche Kunsthalle Karlsruhe (Hg.)
Von Schönheit und Tod

Tierstillleben von der Renaissance bis zur Moderne
Kehrer 2011, 416 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978-3-86828-275-1

Tierstillleben Tierstillleben: Von Schönheit und Tod

Willem van Aelst treibt in seinem Stillleben mit Jagdgeräten und toten Vögeln (1668) die Ästhetisierung eines blutigen Sports auf die Spitze. Nichts weist auf den gewaltsamen Tod des anmutig mit ausgebreiteten Flügeln an einer Schnur hängendem Rebhuhns hin, dessen Kopf auf dem blauen Samt einer Jagdtasche ruht, als würde es sich in einem Nickerchen von den Strapazen des Gejagtwerdens erholen. Gefieder, Samt und die materielle Beschaffenheit der kostbaren Geräte, die auf die Ausübung von Fang-, Hetz- und Beizjagd verweisen, sind mit atemberaubender Kunstfertigkeit wiedergegeben. Es ist ein Gemälde, das den Blick einfängt und einen geradezu sinnlichen visuellen Genuss beschert. Allzu leicht lässt sich darüber vergessen, dass diese elegante Zusammenstellung von Statussymbolen eigentlich der standesgemäßen Selbstdarstellung des Adels diente, der subtil auf sein Jagdprivileg hinwies.

Jagdstillleben können als Paradebeispiel für Bilder, deren Hauptmotiv tote Tiere sind, herangezogen werden. Ein Monopol auf die Darstellung des Lebens beraubter Fauna haben sie jedoch nicht. Das führt der Prachtband “Von Schönheit und Tod. Tierstillleben von der Renaissance bis zur Moderne” eindrucksvoll vor Augen.

Im Tierstillleben verwischen die Grenzen zur Landschafts-, Porträt-, Genre- und Historienmalerei. Das macht es spannend und abwechslungsreich. Erlegtes Wild, geschlachtete Haustiere, Fische und Schalentiere türmen sich im Vordergrund zahlreicher Markt- und Küchendarstellungen, während im Hintergrund Episoden aus mythologischen oder christlichen Geschichten erzählt werden. Auf anderen Bildern verweisen Fisch- und Geflügelverkäufer mit beredtem Blick und anzüglicher Geste nicht nur auf die Vorzüge ihrer Ware, sondern auch auf sexuelle Handlungen, wenn nicht gar Dienstleistungen. Imposante Landschaften oder protzige Gartenanlagen dienen als Kulisse für unter freiem Himmel platzierte Arrangements aus den Leibern toter Tiere, Früchten und Blumen. Fein gekleidete Herren posieren mit Jagdbeute und -hund am Waldesrand, um ihre soziale Stellung zu kommunizieren. Graf Carl Gustaf Tessin fand sogar seinen geliebten Dackel Pehr eines eigenen Bildnisses würdig und ließ den treuen Begleiter - wenig heroisch, doch dafür umso lebensnaher - 1740 von Jean-Baptiste Oudry auf Leinwand verewigen.

Bei aller Ambivalenz zur Darstellung des Todes, lässt sich an den Gemälden aus Beginn und Blütezeit des Tierstilllebens noch heute die Freude der Künstler an der Pracht von Gefieder und Fell, Schuppen und Panzern ablesen. Anders als ihre Kollegen, die sich der wissenschaftlichen Illustrationen zur Bestandsaufnahme der Welt verschrieben hatten, konnten sich die Maler von Tierstillleben künstlerische Freiheiten - ja sogar Scherze - erlauben. So setzte Abraham Mignon in seinem Stillleben mit totem Geflügel (1663/64) einen gewöhnlichen Hahn in Szene als wäre er kostbare Jagdbeute. Das prachtvolle Gefieder des kopfüber hängenden Vogels explodiert gleichsam in alle Richtungen, sodass jede einzelne Feder - selbst die sonst verborgenen - bewundert werden können. Indem er die Dynamik des Augenblicks mit malerischen Mitteln festhielt, nahm Abraham Mignon die fotografische Momentaufnahme vorweg.

Nicht minder virtuos, doch voller schalkhafter Vorfreude auf kulinarische Genüsse, ist François Desportes Stillleben mit bratfertigem Wild (1716) in dem ein lebender Papagei über gespicktes oder in Speck gewickeltes Geflügel, einen Hasen, mächtige Fleischstücke und eine Schüssel mit Zitrusfrüchten wacht. Das für Herzog Philippe II. d´Orleans, der gelegentlich selbst den Kochlöffel schwang, geschaffene Gemälde repräsentiert eine weitere Form des Tierstilllebens.

Von solchem Augenschmaus sind die Arbeiten des 19. und 20. Jahrhunderts weit entfernt. Im Mittelpunkt des Interesses der Künstler dieser Zeit standen die malerischen Ausdrucksmittel, nicht die Schönheit und Opulenz der Natur. Das Medium und die eigene Befindlichkeit wurden wichtiger als das Motiv. Das Tier mutierte zum Ding. Doch über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten und in einem breit angelegten Überblickswerk darf die moderne Kunst natürlich nicht fehlen.

“Von Schönheit und Tod. Tierstillleben von der Renaissance bis zur Moderne” ist die erste Monografie zum Thema Tierstillleben und als solche unverzichtbar. Die für das Buch getroffene Auswahl der Bilder ist brillant. Der Katalog allein umfasst 124 ganzseitig abgebildete, mit ausführlichen Kommentaren versehene Werke. Er beginnt mit dem Aquarell “Tote Ente” von Albrecht Dürer, dem Wegbereiter der realistischen Wiedergabe der Natur und endet mit der auf die Tierstillleben des 17. Jahrhunderts Bezug nehmenden Fotografie “Fasan” von Robert Mapplethorpe. Zwischen diesen beiden Polen gibt es so viel zu bestaunen, dass man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen möchte. Auf dem Streifzug durch die 500-jährige Geschichte des Tierstilllebens begegnen nicht nur Abbilder toter, sondern auch lebender Tiere - vom treuen Jagdhund, der mit ins Bild musste, über Papagei und Äffchen bis zum gerade noch dem Jäger entkommenen Eichhörnchen.

Zusätzliches Bildmaterial begleitet die sieben fundierten Essays des Buches. Sie bieten neben einem Abriss zu Geschichte und Besonderheiten des Tierstilllebens eine hervorragende Übersicht über die bedeutendsten Maler dieses Genres, darunter Stars wie Jean Siméon Chardin, Jan Weenix und Jean-Baptiste Oudry. Exkurse zu den gegenseitigen Beeinflussungen und Arbeitsweisen der Künstler sowie dem kultur- und sozialgeschichtlichen Hintergrund, dessen Kenntnis ein tieferes Verständnis der Gemälde ermöglicht, vervollständigen das vermittelte Grundlagenwissen. Das perfekte Zusammenspiel von Bildauswahl und leicht lesbaren Texten macht das Buch zum Lesevergnügen, seine inhaltliche Tiefe prädestiniert es als Nachschlagwerk.

“Von Schönheit und Tod. Tierstillleben von der Renaissance bis zur Moderne” schließt eine Lücke in der Auseinandersetzung mit der Gattung Stillleben. Die Ausstellung, aus derem Anlass die stattliche Publikation erschien, ist in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe vom 19. November ‘11 bis 19. Februar ‘12 zu sehen.

© Ch. Ranseder

Tierstillleben Tierstillleben: Von Schönheit und Tod

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Möbel als Medien

Montag, 19. September 2011

Non-Fiction

Sebastian Hackenschmidt, Klaus Engelhorn (Hg.)
Möbel als Medien
Beiträge zu einer Kulturgeschichte der Dinge
Transcript 2011, 312 S.
ISBN 978 3 8376 1477 0

Möbel als MedienMöbel als Medien: Beiträge zu einer Kulturgeschichte der Dinge

Alte Möbel mit Farben und Mustern aufzupeppen, im Englischen als upcycling bezeichnet, liegt seit einigen Jahren voll im Trend. Auch das Buch “Möbel als Medien” steht ganz im Zeichen der Wiederverwertung, besteht es doch aus einer Sammlung von - für diese Publikation eigens überarbeiteten - Aufsätzen, die vor einiger Zeit bereits andernorts veröffentlicht wurden. Das Ergebnis dieses Akts des intellektuellen Recyclings ist ein Lesebuch das sich in 18 Essays den unterschiedlichen Möbeln und Raumausstattungen aus kunst- und kulturhistorischer, philosophischer und literarischer Sicht nähert.

Jenseits ihrer Funktionalität dienen Möbel als Kommunikationsmittel und Bedeutungsträger. Die Dinge mit denen wir uns umgeben, spiegeln unsere Selbstsicht und Wünsche, verraten unsere Gruppenzugehörigkeit und sozialen Status. Möbel können Werte, Normen und Lebensgefühl vermitteln - ganz unabhängig davon, ob es sich, wie im Buch, um Hochzeitstruhen des 15. oder Ikonen des Stuhldesigns des 20. Jahrhunderts handelt. An Kabinettschränken lässt sich sogar ablesen, wie sich das Verständnis der Ordnung der Welt wandelte. Nicht nur die Gestalt eines Möbels, sondern auch das Material aus dem es angefertigt wurde, kann Zeichenfunktion annehmen und gerade in der Moderne, die uns Stahlrohr und Resopal schenkte, bei BenutzerInnen zwiespältige Gefühle auslösen.

In der politischen und wirtschaftlichen Sphäre spielt der mit Mobiliar inszenierte Innenraum eine weitaus bedeutendere Rolle als das Einzelmöbel. Das Ritual seiner Nutzung als Instrument der Machtausübung lässt sich von den Raumfluchten der absolutistischen Herrscher bis in die heutigen Chefetagen verfolgen. Die Umwidmung öffentlicher in private Räume kann wiederum an der Wahl und Aufstellung von Möbeln abgelesen werden. Bis zur bürgerlichen Wohnkultur des 19. Jahrhunderts lassen sich die geschlechtsspezifischen Konnotationen von Wohnräumen zurückverfolgen. Das Attribut der heilenden Wirkung schließlich wird manchen Werken der Innenarchitektur nicht erst seit dem Wellness-Boom zugeschrieben.

Medientheoretische Überlegungen, philosophische Betrachtungen und literarische Kostproben runden den Band ab und halten für jene LeserInnen, die mit einer bildhaften Fantasie gesegnet sind, so manche Perle unfreiwilliger Komik bereit.

Das oben angerissene Spektrum, der um die Trias Einzelmöbel-Raumausstattung-Material kreisenden Themen, lässt es bereits erahnen: Das Buch “Möbel als Medien” ähnelt Dank seiner bunten Mischung an Aufsätzen einer Wundertüte. Manches entpuppt sich als freudige Überraschung, anderes als herbe Enttäuschung. Aber so wie man heute seinen Teller nicht mehr leer essen muss, besteht auch keine moralische Verpflichtung ein Buch von der ersten bis zur letzten Seite zu lesen.

© Ch. Ranseder

Möbel als Medien: Beiträge zu einer Kulturgeschichte der Dinge

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Künstlerkolonie Worpswede

Montag, 27. Juni 2011

Non-Fiction

Doris Hansmann
Künstlerkolonie Worpswede
Prestel 2011, 142 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 7913 4523 9

Künstlerkolonie Worpswede

“Ich fand ein höchst originelles Dorf, das auf mich einen durchaus fremdartigen Eindruck machte; der hügelige, sandige Boden im Dorfe selbst, die großen bemoosten Strohdächer und nach allen Seiten (so weit man sehen konnte), alles so weit und groß, wie am Meer.” 

Dies vertraut Otto Moderson am 3. Juli 1889 kurz nach der Ankunft in Worpswede seinem Tagebuch an. Er war dem Ruf seines Freundes Fritz Mackensen gefolgt, der als erster die Schönheit der Landschaft um den abgelegenen kleinen Ort im Teufelsmoor entdeckt hatte. Wenig später reist auch Hans am Ende an und damit ist das Trio der Gründerväter der Künstlerkolonie Worpswede komplett. Ihren Vorbildern - den Malern der Schule von Barbizon - nacheifernd, zieht es die jungen Künstler ins Freie. Enthusiastisch malen sie Moorkaten, Wolkenstimmungen, Birkenalleen, Wasserläufe und den weiten Horizont des flachen Landes. Bald gesellen sich der Landschaftsmaler Fritz Overbeck und der dem Jugendstil zugeneigte Heinrich Vogeler zu ihnen. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten, schon 1895 gelingt den Malern mit ihrer Ausstellung im Münchner Glaspalast der künstlerische Durchbruch. Das verwundert wenig, denn die Bilder der in ihrem Habitus standesgemäß bürgerlichen Künstler geben sich modern, ohne radikal zu sein. Avantgardistische Positionen halten erst mit den Frauen, allen voran Paula Becker, Einzug in Worpswede.

Doris Hansmann erzählt in ihrem Buch “Künstlerkolonie Worpswede” gekonnt von Entstehung und Schicksal der kleinen Gemeinschaft aus Künstlern und Künstlerinnen, deren Werk noch heute zu bezaubern vermag. Dabei menschelt es ganz gewaltig - Paare finden zueinander und trennen sich wieder, illustre Gäste kommen zu Besuch, Freundschaften zerbrechen und Karrieren erblühen. Die Geschichte der Künstlerkolonie ist geprägt von Freundschaft und Liebe, Eheglück und Beziehungskrisen, gemeinsamen Unternehmungen und heller Lebensfreude, künstlerischen Erfolgserlebnissen und Experimenten, Konkurrenzdenken und beleidigten männlichen Egos, weiblicher Resignation und persönlichen Tragödien. Zahlreiche Zitate vermitteln im Originalton die Aufbruchsstimmung und Befindlichkeiten der KünstlerInnen, die darüber hinaus durch eine Auswahl historischer Fotografien präsent sind. Ihre wichtigsten Lebensdaten sind in tabellarischen Kurzbiografien am Ende des Buches zusammengefasst.

Die umfassende, hervorragend mit Beispielen illustrierte Werkanalyse wirft Licht auf die stilistische Vielfalt in der Künstlerkolonie und stellt das erstaunlich reichhaltige Motivspektrum vor. Dessen Bandbreite reicht von Darstellungen der von den Narben des Torfstichs geprägten Landschaft mit ihren Moorkaten, Torfkähnen und atmosphärischen Farbspielen über Ansichten des Dorfes und der Wohnstätten der KünstlerInnen bis zu Porträts und Akten. Als Modelle dienten den MalerInnen unter anderem Angehörige der bäuerlichen Familien und Alte aus dem Armenhaus, deren Lebenswelten von der Autorin einfühlsam geschildert werden. Darüber hinaus griffen die Worpsweder Kreativen, allen voran Vogeler und Moderson, vereinzelt auch Themen aus der Märchenwelt auf.

Mit dem Buch “Künstlerkolonie Worpswede” ist ein exzellenter Überblick zu Leben und Arbeiten in der berühmtesten Künstlerkolonie Deutschlands gelungen. Sein flott geschriebener Text steht in einem ausgewogenen Verhältnis zu der abwechslungsreichen Bebilderung und die ausgewählten Arbeiten von Otto Moderson, Fritz Mackensen, Heinrich Vogeler, Hans am Ende, Fritz Overbeck, Carl Vinnen, Paula Moderson-Becker, Ottilie Reylaender, Clara Rilke-Westhoff, Marie Bock und Hermine Overbeck-Rohte sind ein überraschend opulenter Augenschmaus. 

© Ch. Ranseder

Künstlerkolonie Worpswede

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Papierdesign: Falttechniken

Mittwoch, 08. Juni 2011

Non-Fiction

Paul Jackson
Von der Fläche zur Form
Falttechniken im Papierdesign 
Haupt 2011, 224 S., zahlr. Abb. und Diagramme, CD-ROM. 
ISBN 978 3 2586 0019 2

Von der Fläche zur Form: Falttechniken im Papierdesign

Wenn Sie über viel Zeit, gute Nerven und eine gehörige Portion Ehrgeiz verfügen, ist “Von der Fläche zur Form. Falttechniken im Papierdesign” das richtige Buch für Sie. Falls Sie sich im Beruf oder in der Ausbildung mit der hohen Kunst des Faltens auseinandersetzen müssen, werden Sie seinem Autor Paul Jackson vermutlich ewig dankbar sein, dass er dieses grundlegende Werk zu Papier gebracht hat. Schritt-für-Schritt erklärt er darin eine große Zahl unterschiedlicher Falttechniken, die - einmal erlernt - ein mächtiges Gestaltungswerkzeug abgeben.

Dem harmonischen Zusammenspiel von präzisen Texten, Faltdiagrammen, Fotos wichtiger Momente im Arbeitsprozess und Abbildungen der fertigen Faltobjekte ist anzumerken, dass Paul Jackson jahrelang als Kursleiter Erfahrung sammeln konnte. Die hervorragende Gliederung des Buches und die große thematische Bandbreite machen “Von der Fläche zur Form” sowohl für Anfänger als auch für Fortgeschrittene attraktiv.

Kapitel 1 vermittelt Grundlagen wie Papierunterteilung, die symmetrische Verdopplung von Mustern, die Gestaltungsmöglichkeiten durch Streckung und Neigung sowie Anregungen für das Arbeiten mit Polygonen.
Kapitel 2 ist den Grundfalten - also Ziehharmonika-, Messer-, Kasten- und Verlaufsfalten - gewidmet.
Kapitel 3 untersucht Spiralfalten, das Zusammenfassen von Falten und verdrehte Falten.
Kapitel 4 stellt die wandlungsfähigen V-Falten und ihre Variationen in den Mittelpunkt.
Kapitel 5 zeigt wie Wölbungen in Form von Bögen und Sattelflächen erzeugt werden können.
Auch Schachteln und Schalen lassen sich falten. Anleitungen dazu sind in Kapitel 6 zu finden.
Dass aus einem einfachen Blatt Papier mithilfe von Pseudo- und Einzelfalten Objekte mit skulpturalen Qualitäten entstehen können, beweist Kapitel 7.
Wild geknittert wird schließlich in Kapitel 8.

Wie jeder gute Lehrer führt Paul Jackson in einer logischen Abfolge vom Einfachen zum Komplizierten, ohne dabei gleich alle Tricks zu verraten. Fallweise ist selbstständiges Denken und Experimentieren gefragt. So werden z. B. nicht alle Faltdiagramme von einer Aufschlüsselung jedes einzelnen Handgriffs begleitet. Ich bin beim Zusammenschieben der Falten von zwei der komplizierteren Muster ganz schön ins Schwitzen gekommen. Das Erfolgserlebnis bei den beiden geglückten zweiten Versuchen war dafür umso süßer.

“Von der Fläche zur Form” ist ein Buch, auf das man sich einlassen muss, um nachhaltig von ihm zu profitieren. Mit Lesen allein ist es nicht getan. Probieren Sie die unterschiedlichen Techniken aus, indem Sie den Anleitungen folgen - die Faltdiagramme können als pdf von der CD-ROM abgerufen werden - oder lassen Sie ihrem Spieltrieb freien Lauf. Es lohnt sich. Ich habe seit meiner Schulzeit, als ich im Handarbeitsunterricht ein Ei falten musste, ein gestörtes Verhältnis zu Origami. Trotzdem hat mir die Auseinandersetzung mit dem - übrigens auch sehr schmuck gestalteten - Buch “Von der Fläche zur Form” viel Spass gemacht und mein kreatives Schaffen bereichert, ganz abgesehen von seinem therapeutischen Effekt. Paul Jackson ist mit “Von der Fläche zur Form. Falttechniken im Papierdesign” ein hervorragendes Handbuch gelungen, das ebenso unentbehrlich wie inspirierend ist.

© Ch. Ranseder

Von der Fläche zur Form: Falttechniken im Papierdesign 

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Ideale Welten

Mittwoch, 08. Juni 2011

Non-Fiction

Gregory Claeys
Ideale Welten
Die Geschichte der Utopie 
Theiss 2011, 224 S., 150 Abb.
ISBN 978 3 8062 2461 0

Ideale Welten: Die Geschichte der Utopie

Der Wunsch nach einem besseren Leben ist so alt wie die Menschheit. Gregory Claeys verfolgt in seinem Buch “Ideale Welten. Die Geschichte der Utopie” die Sehnsucht nach einer anderen Gesellschaft von den alten Griechen bis ins 21. Jahrhundert. In 14 kurzen Kapiteln spannt er den Bogen von den Proto-Utopien der antiken Welt über Thomas Morus bahnbrechendes Werk Utopia und dessen Auswirkungen auf die Literatur der folgenden Jahrhunderte bis zu den gesellschaftlichen Experimenten des 20. Jahrhunderts, um schließlich bei den futuristischen Szenarios der Science-Fiction zu landen. Die Breite der angeschnittenen Themen zeigt, dass die Erforschung der nun schon Jahrhunderte in Anspruch nehmenden Suche nach einer funktionierenden besseren Gesellschaftsordnung sowie der gerechteren Verteilung von Ressourcen und Gewinn wahrlich ein weites Feld ist. Schon die Definition von Utopia bietet Stoff für unzählige Diskussionen. Gregory Claeys tapferes Ringen nach einer Begriffserklärung und der Komprimierung des umfassenden Quellenmaterials auf 224 Buchseiten, resultiert in dem Bestreben drei Aspekte von Utopia in den Mittelpunkt der Betrachtungen zu stellen. Die Idee, ihr Niederschlag in der utopischen Literatur und die Versuche der praktischen Umsetzung ziehen sich wie ein dreistrangiger roten Faden durch den Text. Die Auswahl der Beispiele, die sich um diese inhaltliche Leitlinie gruppieren, ist denkbar weit gefasst und bewegt sich zuweilen hart an der Grenze zur Beliebigkeit.

Als Einstieg in die Wunderwelt der Utopien wird dem Traum vom Goldenen Zeitalter, den Schriften Platons und den christlichen Archetypen und Mythen ebenso Beachtung geschenkt wie den außereuropäischen Modellen der idealen Gesellschaft. Mit Thomas Morus und seinem wegbereitenden Buch Utopia betritt die Utopie als eigenständiges Genre die Bühne. Von diesem Moment in der Geschichte gibt es kein Halten mehr. Sowohl den Erfindungsreichtum der Autoren von utopisch angehauchten Erzählungen als auch die ernsthaften Bestrebungen von Weltverbesserern belegen unzählige literarische Werke, darunter Berichte von tatsächlichen Reisen in die Neue Welt sowie fantastischen Entdeckungsfahrten zu erfundenen Orten, Traktate mit Entwürfen für ein besseres Leben, große Romane wie Robinson Crusoe und gesellschaftskritische Satiren, allen voran Gullivers Reisen. Politische Utopien und die Versuche ihrer Verwirklichung als sich egalitär gebende, staatstragende Systeme werden im Zusammenhang mit den sehr realen Revolutionen in Frankreich und Amerika sowie ihren diversen Ausprägungen in Anarchismus, Kommunismus und Sozialismus durchleuchtet. Auf der Ebene der zwischenmenschlichen Beziehungen erfolgt die Prüfung der zahlreichen Entwürfe des Zusammenlebens Gleichgesinnter, von den Shakern über die Anhänger Robert Owens bis zu den Hippies, auf ihre utopischen Qualitäten. Auch Technikgläubigkeit, Eugenik und der Reiz des Primitiven hinterließen in Utopien ihre Spuren. Selbst städtebauliche Experimente und architektonische Visionen haben einen kurzen Auftritt im Buch.

Besondere Aufmerksamkeit wird der Science-Fiction - sowohl in ihrer Ausprägung als Roman wie als Film - geschenkt: Das Spektrum der erwähnten Autoren reicht von Cyrano de Bergerac über Jules Verne bis Ursula Le Guin, jenes der Filme von den ersten Versuchen mit dem neuen Medium über Blockbuster wie Star Wars bis zu filmischen Endzeitvisionen. Im 20. Jahrhundert laufen schließlich die Dystopien den Utopien den Rang ab. Dies lässt sich nicht nur an den als Beispielen gewählten literarischen Werken von Aldous Huxley, George Orwell und Margaret Atwood ablesen, sondern auch den Hinweisen auf die Realität totalitärer Regime entnehmen.

Das Buch “Ideale Welten. Die Geschichte der Utopie” gibt sich bunt und abwechslungsreich. Dazu tragen nicht zuletzt die zahlreichen Abbildungen und in Infokästen präsentierten Mini-Biografien wichtiger Protagonisten bei. Jedoch geht die thematische Vielfalt auf Kosten der inhaltlichen Tiefe. Eine ausführlichere kritische Analyse im Rahmen der Einbettung der zeitspezifischen Utopien in den jeweiligen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Kontext, aus dem das Bedürfnis nach einer anderen Gesellschaftsordnung erst erwuchs, wäre wünschenswert gewesen. Als Einstieg in die Thematik und erster Überblick ist das kurzweilige Buch jedoch bestens geeignet.

© Ch. Ranseder

Ideale Welten: Die Geschichte der Utopie

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Welten in der Schachtel

Donnerstag, 12. Mai 2011

Non-Fiction

Welten in der Schachtel
Mary Bauermeister und die experimentelle Kunst der 1960er Jahre
Kerber 2010, 176 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8667 8449 9

Welten in der Schachtel: Mary Bauermeister

Im Mittelpunkt des Buches “Welten in der Schachtel. Mary Bauermeister und die experimentelle Kunst der 1960er Jahre ” stehen die sog. Linsenkästen, die eine Schlüsselstellung im Œuvre der Künstlerin einnehmen. Der Konzeptkunst zuzuordnen, ist diese Werkgruppe gekennzeichnet durch das Spiel von Transparenz und Dichte, Nahsicht und Distanzierung, räumlicher Beschränkung und Sprengung derselben durch die Einbeziehung von Betrachter, Rahmen oder angrenzender Wandfläche.

Mary Bauermeister machte sich in den 1960er Jahren die Schachtel als künstlerisches Medium zu eigen. Durch ihre unverwechselbare visuelle Sprache, die den Zeitgeist der Epoche einfängt, und eine humorvolle Absurdität setzen sich die Arbeiten Bauermeisters klar von den Werken ihrer männlichen Kollegen, die sich ebenfalls der Box bedienten, ab. Es war ein glücklicher Zufall, der die Künstlerin 1961 in einem Antiquitätengeschäft den Nachlass eines Uhren- oder Brillenmachers entdecken ließ. Inspiriert durch diesen Fund begann Mary Bauermeister Uhrgläser, Lupen und Linsen in ihre Arbeiten zu integrieren. Das Ergebnis waren geheimnisvolle, mit Tuschezeichnungen und Texten überzogene Kästen, in deren dreidimensionalem Innenraum Kugeln zu schweben schienen. Durch eine gläserne Barriere dem Zugriff der Betrachter entzogen, konnte dennoch mittels auf der Glasplatte aufliegender Linsen jedes Detail der tragbaren Installation gemustert werden.

Mit diesen sog. Linsenkästen gelang Mary Bauermeister, die 1962 nach New York ging, ausgehend von Amerika der künstlerische Durchbruch. In dem reich illustrierten Buch “Welten in der Schachtel”, das anlässlich einer gleichnamigen Ausstellung erschien, wird diese Werkgruppe erstmals umfassend präsentiert und in den Kontext der im Rahmen der Konzeptkunst der 1960er und 1970er Jahre bespielten mobilen Kleinräume gestellt.

Die Idee des Mikrokosmos in der Schachtel hat eine lange Tradition. Alexander Eiling gibt in seinem Essay “Welten in der Schachtel. Vom Reliquienkasten zur Boîte-en-Valise” einen Überblick über die mannigfaltigen Ausprägungen der Kunst im Kästchen.

Kerstin Skrobanek verfolgt in “Welten in der Schachtel. Mary Bauermeister und die experimentelle Kunst der 1960er Jahre” Genese und Entwicklung der sog. Linsenkästen und untersucht deren Stellung im Rahmen der experimentierfreudigen, konzeptorientierten Kunst dieser Zeit.

Mary Bauermeister reüssierte nicht nur als Künstlerin, sondern spielte auch als Gastgeberin für die Kölner Kunstszene eine bedeutende Rolle. Wulf Herzogenrath spürt in “Die Geburt der Kunstmetropole Köln im Atelier von Mary Bauermeister 1960″ den Performances, Ausstellungen, Konzerten und geselligen Treffen des Kreises um Mary Bauermeister und ihrem späteren Ehemann Karlheinz Stockhausen nach.

Als Ergänzung der Essays widmen sich sechs als “Boxen” betitelte Kurztexte Aspekten der künstlerischen Auseinandersetzung mit Schachteln, Kisten und Boxen aller Art, die in den 1960er Jahren eine Blütezeit erlebte. Eine ausführliche von zahlreichen Fotos begleitete Biografie Mary Bauermeisters bildet den Schlusspunkt des in deutscher und englischer Sprache verfassten Buches.

“Welten in der Schachtel. Mary Bauermeister und die experimentelle Kunst der 1960er Jahre” ist die späte Würdigung der einzigartigen Arbeiten einer eigenwilligen Künstlerin.  

© Ch. Ranseder

Welten in der Schachtel: Mary Bauermeister

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Historische Blumen

Donnerstag, 28. April 2011

Non-Fiction

Brigitte Wachsmuth
Historische Blumen
Sorten - Anbau - Geschichten 
Thorbecke 2011, 136 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 7995 3571 7

Historische Blumen: Sorten, Anbau, Geschichten

Das Buch “Historische Blumen. Sorten - Anbau - Geschichten” hält, was der erfreulich präzise Titel verspricht. Brigitte Wachsmuth erzählt voller Elan von Blumenmoden, Manien und den Menschen, die den kostbaren Pflanzen viel Zeit, Geld und Liebe schenkten. Jedes der zahlreichen Blumenporträts schließt mit einer kommentierten Liste, in der bewährte, noch im Handel erhältliche alte Sorten besprochen werden. An passender Stelle eingefügte Tipps zum richtigen Umgang mit den historischen Pflanzensorten, machen die Texte auch zu einer Fundgrube für praktizierende GärtnerInnen.

Geografisch liegt der Schwerpunkt der historischen Betrachtung geliebter Gartenblumen auf dem europäischen Kontinent - womit sich eine Lücke in der einschlägigen Literatur schließt. Zeitlich setzt das Buch an der Schwelle vom Spätmittelalter zur frühen Neuzeit ein, als der dem Vergnügen und der Repräsentation gewidmete Garten begann, an Bedeutung zu gewinnen. Doch nicht die Entwicklung der Gartenkunst steht im Mittelpunkt der schmucken Publikation, sondern Aufstieg, Niedergang und Wiederentdeckung ausgewählter Blumen, darunter Tulpe, Hyazinthe, Iris, Martagonlilie, Aurikel, Primel, Veilchen, Schneeglöckchen, Helleborus und Hosta.

Die Serie der Pflanzenporträts beginnt mit der Akelei, der Blume der Gotik, die mit ihrer christlichen Symbolik noch mittelalterliches Gedankengut spiegelt. Im Gegensatz zu ihr gelang es der am Beginn der Neuzeit nördlich der Alpen seltenen und in der Pflege anspruchsvolleren Nelke ihrer religiösen Bedeutung eine weitere Dimension hinzuzufügen: Sie wurde zum Zeichen der Freundschaft, Liebe und des Verlöbnisses. Von 1600 bis 1850 zählten die alten Nelken, allesamt Topfpflanzen, mit einer unüberschaubaren Sortenvielfalt zu den beliebtesten Blumen Kontinentaleuropas, um danach langsam aus den Gärten zu entschwinden.
In der Vorliebe für bestimmte Pflanzen spiegeln sich sowohl der Zeitgeist als auch der wirtschaftliche Entwicklungsstand einer Epoche. Paradebeispiel dafür ist die Tulpenmanie, die 1637 zum Zusammenbruch des ersten Spekulationsmarktes der Geschichte führte. Doch Tulpen waren nicht die einzigen Blumen, die im Barock mit großer Leidenschaft gesammelt wurden. Auch Hyazinthen, Anemonen und Ranunkeln waren heiß begehrt.

Die Begeisterung der Enthusiasten kannte keine Grenzen, sogar Kuriositäten wurden angepflanzt und in Florilegien verewigt. Dass zu diesen einst auch Pflanzen mit gefüllten Blüten zählten - über deren Qualität sich die Ansichten von Botanikern und Gärtnern übrigens schieden - ist ein pikantes Detail der Blumengeschichte.

Im 19. Jahrhundert bereicherte eine Flut neuer Pflanzen aus fernen Ländern die Gärten. Die Erfindung des Ward´schen Kastens sicherte ihr Überleben auf den langen Transportwegen. Die Tatsache, dass sich in ihnen auch einheimische Farne wohlfühlten, führte in England zu einer wahren Farnhysterie von der Kontinentaleuropa weitgehend unberührt blieb. Internationalen Anklang konnte hingegen das Veilchen verbuchen. Als Blume der Patrioten brachte das zarte Pflänzlein die Gemüter in Wallung. Die Enthusiasten des 20. Jahrhunderts schließlich entdecken Schneeglöckchen und Hosta für sich.

Der Kulturgeschichte all dieser herrlichen Pflanzen stehen im lebhaft geschriebenen Text des Buches Botanik und gärtnerische Praxis gleichberechtigt zur Seite. Auf das Aussehen und die Eigenheiten der porträtierten Blumen wird ebenso eingegangen wie auf ihre Bedürfnisse im Topf oder Garten. Tipps zu Anbau, Pflege und Vermehrung noch im Handel erhältlicher Sorten ermutigen GartenbesitzerInnen es doch mit der einen oder anderen historischen Schönen zu versuchen. So preziös und anspruchsvoll - wie oft angenommen - sind die historischen Blumensorten nämlich gar nicht.

Wie historische Blumen in heutigen Gärten zum Einsatz kommen können, beschreibt das letzte Kapitel. Ein kommentiertes Literaturverzeichnis und eine Liste von Anbietern historischer Blumen runden das gelungene Werk ab.

“Historische Blumen. Sorten - Anbau - Geschichten” ist ein Lesegenuss von der ersten bis zur letzten Seite. Brigitte Wachsmuth hat die seltene Gabe Texte mit hoher Informationsdichte zu verfassen, die spannend, abwechslungsreich und sprachlich geschliffen zugleich sind. Optisch wird das Buch durch eine bunte Mischung aus historischen botanischen Illustrationen und seitenfüllenden Nahaufnahmen der Blumen zur Augenweide. Von vegetabilen Ornamenten umrankte Initialen verleihen der grafischen Gestaltung Charme.

Die Beschäftigung mit historischen Pflanzensorten lohnt sich, schließlich haben sie dank ihrer bewegten Geschichte weit mehr als ihr hübsches Aussehen zu bieten. Das Buch “Historische Blumen” weiht in ihre Geheimnisse ein und hält für GärtnerInnen in Geiste wie im Blumenbeet vergnügliche Überraschungen bereit.

© Ch. Ranseder

Historische Blumen: Sorten, Anbau, Geschichten

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von Humboldt: Schönheit, Grazie und Geist

Donnerstag, 28. April 2011

Non-Fiction

Beate Neubauer
Schönheit, Grazie und Geist
Die Frauen der Familie Humboldt
edition ebersbach 2010², 144 S., 6 Sw-Abb.
ISBN 978 3 9387 4039 2

Schönheit, Grazie und Geist

Lebensgeschichten von Frauen werden gerne im Kombipack angeboten. In Sammelbänden über Literatinnen, Entdeckerinnen, Gärtnerinnen oder Malerinnen geben sich die, vorzugsweise Kreativen, Pionierinnen ein Stelldichein. In dem hübschen Buch “Schönheit, Grazie und Geist. Die Frauen der Familie Humboldt” sind es adelige Damen mit berühmten Namen, die ins Licht der Aufmerksamkeit gerückt werden. Beate Neubauer folgt den Lebensläufen von fünf Frauen der kinderreichen Familie Humboldt, die über vier Generationen das Schicksal der Dynastie mitbestimmten. 

Die Erfolgsgeschichte beginnt mit Marie Elisabeth (1741-1796), der Strategin. Die reiche Bürgerstochter heiratet 18-jährig in den Adel ein. Nach dem Tod des ersten Mannes ehelicht die gutsituierte Witwe 1766 den, noch sehr jungem Adel entstammenden, Alexander Georg von Humboldt, der gute Verbindungen zum Hof in die Beziehung einbringt. Durch die Vereinigung beider Vermögen finanziell unabhängig geworden, lassen die Eltern ihren Söhnen, den später berühmten Alexander und Wilhelm, eine umfassende Bildung angedeihen, um sie für den Staats- und Hofdienst Preußens vorzubereiten.

Caroline (1766-1829), die Lebenslustige, lernt Wilhelm kennen und lieben. Sie ist der Star des Buches. Lebte sie heute, würde sie als Vertreterin des Jetsets der Yellow Press vermutlich viel Freude bereiten. Im Geist der Aufklärung erzogen und für die Literatur des Sturm und Drang entbrannt, begegnet sie ihrem späteren Ehemann auf gleicher Augenhöhe. Durch Wilhelms Erbe finanziell abgesichert, widmen sich die Eltern von acht Kindern der Persönlichkeitsbildung. Die junge Familie und ihre Dienerschaft ist viel unterwegs und lebt lange im Ausland. Aus beruflichen Gründen ist Wilhelm oft jahrelang von seiner Frau getrennt und bleibt ihr dennoch innig verbunden. Die emotionale, extrovertierte Caroline führt in Rom, Paris und Wien einen Salon und glänzt als Gastgeberin. Auch als Kunstkennerin vermag sie sich zu etablieren.

Ihre Tochter Adelheid (1800-1859), die Managerin, erbt Carolines Organisationstalent. Resolut und praktisch veranlagt, zeigt sie früh Interesse an Haushaltsführung. Das ist ein Glück, denn sie wird bereits mit 14 Jahren verheiratet. Ihr Leben verläuft in konventionellen Bahnen. Sie managt nicht nur das Personal ihres eigenen Haushalts, sondern auch das der Mutter auf Schloss Tegel, wenn diese abwesend ist. Selbst kinderlos, kümmert sie sich zeitweise sogar um das Wohlergehen der Sprösslinge ihrer Schwester Gabriele.

Gabriele (1802-1887), die Diplomatengattin, konzentriert sich als Ehefrau Heinrich von Bülows, den sie mit 19 Jahren heiratet, auf ihre Repräsentationspflichten. Die Mutter von sieben Kindern erweist sich als versierte Gastgeberin und ist, dank hervorragender Kenntnisse der Etikette und ihrer Nähe zum Hof, als Beraterin in gesellschaftlichen Belangen gefragt.

Deren Tochter Constance (1832-1920), die anpassungsfähige Introvertierte, gilt als Schönheit. Sie wirkt kühl, gefühlsbeherrscht und ist überaus lernfähig. Als brave Ehefrau und Mutter von drei Kindern führt sie ein konventionelles, auf die Familie und ihre hofnahen Freundschaften ausgerichtetes Leben. Mit 35 ist Constance Witwe, finanziell unabhängig, und nach dem Tod ihrer Mutter auch Herrin auf Schloss Tegel. Die letzte der Geschwister Bülow und Bewahrerin des Humboldt´schen Erbes stirbt 1920, am Ende einer Ära.

Das Buch “Schönheit, Grazie und Geist”, dessen zeitlicher Rahmen sich von der Aufklärung bis zum Ende der Vorherrschaft des Adels nach dem Ersten Weltkrieg spannt, zeigt den Stellenwert von Töchtern in der Familienpolitik. Durch Heiraten werden nicht nur Vermögen und Besitz vermehrt, sondern auch Netzwerke aufgebaut, die dem gesellschaftlichen Aufstieg dienlich sind. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Was das Buch interessant macht, ist der lange Beobachtungszeitraum weiblichen Schaltens und Waltens. Denn die unterschiedlichen Lebensentwürfe der fünf Frauen spiegeln die gesellschaftlichen Werte einer privilegierten Klasse im Wandel der Zeiten. Schwerpunkte und Interessen verschieben sich von Generation zu Generation - weg vom Bildungshunger, hin zur Beschäftigung mit sich selbst und dem gesellschaftlichen Leben im Umkreis des preußischen Hofes.

Mit flinker Feder beschreibt Beate Neubauer beschauliche Phasen sowie Höhe- und Tiefpunkte im Leben der porträtierten Frauen, die durch Zitate aus ihrem umfangreichen Briefwechsel auch selbst zu Wort kommen. Ein Stammbaum rundet das, mittlerweile in seiner zweiten Auflage vorliegende, Buch über die Frauen der Familie Humboldt ab.

© Ch. Ranseder

Schönheit, Grazie und Geist

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Stempel, Walzen & Schablonen

Mittwoch, 06. April 2011

Non-Fiction

Traci Bunkers
Stempel, Walzen & Schablonen 
52 Ideen für selbstgemachte Druckwerkzeuge 

Haupt 2011, 160 S. zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 2586 0027 7

Stempel, Walzen & Schablonen

Seit ich “Stempel, Walzen und Schablonen” gelesen habe, kann ich nicht mehr einkaufen gehen, ohne gedankenverloren vor Regalen zu stehen und mich zu wundern, wie der Abdruck dieses oder jenes Gegenstandes wohl aussehen würde. Besonders ergiebige Jagdgründe sind Baumärkte und 1-Euro-Shops. Ob Hühneraugenpflaster, Zehenspreizer, Flaschenverschlüsse, Haargummis, Rohrleitungsisolierungen, Draht, Beilagscheiben oder Papierzierdeckchen – Traci Bunkers beweist in ihrem mitreißendem Buch, dass es möglich ist, mit fast allem interessante Muster zu drucken. Die Begeisterung, mit der sich die erfinderische amerikanische Künstlerin an die Arbeit macht und ihre Freude am Experimentieren sind ansteckend. Das liegt zum einen am entspannten Plauderton der Texte, zum anderen an den exzellenten Anleitungen zur Herstellung und Verwendung zahlreicher Druckwerkzeuge.

Traci Bunkers beginnt ihre Einführung in die faszinierende Welt des experimentellen Druckens mit einer kleinen Materialkunde. Sie erklärt auf welchem Trägermaterial die Fundstücke zur besseren Handhabung montiert werden können und welche Klebstoffe sich dazu eignen, vergleicht die Eigenheiten von Acrylfarben und Stempelkissen, listet Ausrüstungsgegenstände vom einfachen Schneidemesser bis zum Embossingfön auf und gibt Tipps zum Reinigen der Druckwerkzeuge.

Der Hauptteil des Buches ist in vier Kapitel – “Druckstöcke und Stempel”, “Stempel aus formbarem Schaumstoff”, “Walzen” und “Schablonen” – gegliedert. In insgesamt 52 Projekten führt Traci Bunkers nachvollziehbar vor Augen, wie aus Alltagsgegenständen innovative Druckwerkzeuge werden. Jede Projektbeschreibung besteht aus einer Liste des benötigten Materials, einem Erfahrungsbericht der Künstlerin und einer leicht verständlichen Anleitung. Tipps helfen, gute Ergebnisse zu erzielen und mögliche Tücken des Materials zu meistern. Hinzu kommen zahlreiche Abbildungen, darunter Druckbeispiele vom einfachen Abdruck bis zu komplexen Mustern, die durch Kombination mit anderen Werkzeugen erzielt werden können. Sehr benutzerfreundlich sind auch die Vergleiche des Druckbildes bei Verwendung von Farbe und Stempelkissen.

Zu guter Letzt können aus einer Galerie mit Anwendungsbeispielen weitere Anregungen geschöpft werden.

“Stempel, Walzen und Schablonen” ist ein packendes Buch, das die Fantasie beflügelt. Auf den Spuren von Traci Bunkers zu wandeln ist weder aufwendig noch teuer, macht aber jede Menge Spaß. Möge Ihnen dieses Buch ebenso viele glückliche Stunden kreativen Schaffens bereiten wie mir!

© Ch. Ranseder

Stempel, Walzen & Schablonen

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Taschen für Fashionistas

Mittwoch, 06. April 2011

Non-Fiction

nani coldine
Taschen für Fashionistas 
entwerfen - nähen - verkaufen  

Haupt 2011, 160 S. zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 2586 0021 5

Taschen für Fashionistas

Eine Frau ohne Handtasche ist ein seltener Anblick. Für die meisten von uns sind die - mehr oder weniger praktischen - Transportbehälter unverzichtbare Begleiter. Dieses innige Nahverhältnis zu ihrer Besitzerin macht die Handtasche zu mehr als nur einem modischen Accessoire. Sie ist ein sehr persönlicher mobiler Raum, eine miniaturisierte Privatsphäre fern der Wohnung. Daher liegt es nahe, dass eine Handtasche nicht nur schick sein soll, sondern auch individuellen Ansprüchen genügen muss. Also schneidert frau sich das gute Stück am besten gleich selbst - Handarbeit liegt ohnedies im Trend. Anleitungen, guten Rat und Inspirationen für eigene Projekte steuert das Modelabel nani coldine mit “Taschen für Fashionistas. entwerfen - nähen - verkaufen” bei.

Das hinreißend illustrierte Buch ist die ideale Einführung für alle, die ihre Lieblingshandtasche selbst anfertigen wollen. Vermutlich wird es nicht bei einem Täschchen bleiben, denn die 25 Schritt-für-Schritt-Anleitungen machen Lust jedes der gezeigten Modelle nachzuschneidern. Ob Clutch, Hobo-Bag, Weekender-Bag, Tote-Bag, Baguette-Bag, Pochette oder Messenger-Bag - begehrenswert sind sie alle. Jede Anleitung besteht aus Angaben zu Material und Werkzeug, dem Schnitt und einer detaillierten Erklärung des Nähvorganges. Charmante Zeichnungen und Fotos des fertigen Modells stehen dem Text hilfreich zur Seite. Blutige Anfängerinnen an der Nähmaschine lernen in der Einführung wie Schnitte vergrößert, Innenfutter angefertigt und Reißverschlusstaschen genäht werden. Wer gar nicht nähen mag, findet im Kapitel “Pimp my bag” Vorschläge, wie alten Handtaschen mit Heißklebepistole, Farbe oder diversen Broschen neues Leben eingehaucht werden kann.

Mit ein bisschen Geschick und Übung lassen sich, inspiriert von “Taschen für Fashionistas”, eigene Ideen zu Entwürfen entwickeln, die aus Materialien aller Art umgesetzt werden können. Mutige, denen das Entwerfen und Produzieren von Taschen so viel Spass macht, dass sie ihren Lebensunterhalt damit bestreiten möchten, sei die Lektüre der Interviews mit jungen HandtaschendesignerInnen und das nützliche Kapitel “Existenzgründung” ans Herz gelegt. Damit auf den Traum von der Selbstständigkeit kein allzu böses Erwachen folgt …

Nadine Heintze, der Gründerin des Taschenlabels “nani coldine”, und ihrem Team ist mit “Taschen für Fashionistas” ein wunderbares Buch gelungen, das sich nicht zuletzt durch seine bezaubernde grafische Gestaltung wohltuend von anderen do-it-yourself-Publikationen abhebt.

© Ch. Ranseder

Taschen für Fashionistas: entwerfen, nähen, verkaufen

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Future Beauty - Mode aus Japan

Montag, 28. März 2011

Non-Fiction

Akiko Fukai, Barbara Vinken, Susannah Frankel, Hirofumi Kurino
Future Beauty
30 Jahre Mode aus Japan 

Prestel 2011, 256  S. zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 7913 4551 2

Future Beauty

Dreißig Jahre Kleidungsstücke mit Löchern, ausfransenden Säumen und nach außen gekehrten Nähten, triste Farben sowie körperferne Schnitte sind längst ein Bestandteil des modischen Mainstreams geworden. Vor 30 Jahren, als Rei Kawakubo und Yohji Yamamoto erstmals ihre Kollektionen in Paris zeigten, konnte man mit diesem scheinbaren Minimalismus noch die Gemüter der Modejournalisten erregen. Die dem Power Dressing und einer schrillen Farbigkeit huldigende westliche Modewelt der 1980er-Jahre reagierte zunächst verstört und weitgehend ablehnend auf die, eine radikal andere Ästhetik vertretenden, Schöpfungen der beiden japanischen Designer. Die Entrüstung währte nicht lange. Dank wachsender Präsenz in den Medien galt Mode aus Japan bald als innovativ und avantgardistisch. Rei Kawakubo, die Gründerin von Comme des Garçons, Yohji Yamamoto und Issey Miyake bereicherten die europäische Couture mit neuem Gedankengut und ebneten den Weg für nachfolgende Designer aus Japan. Ausgehend von diesem Dreigestirn der zweiten Generation von Modemachern aus Tokyo, ist das Buch “Future Beauty” bemüht, einen Überblick über Geschichte, Eigenheiten und markante Positionen der Mode aus Japan zu gewähren. Mit den Texten, die von insgesamt sieben Autoren stammen, gelingt dies auch hervorragend. Sie vermitteln fundiertes Basiswissen und schenken dabei sowohl der in Paris gezeigten konzeptorientierten Couture, die von Beginn an danach trachtete sich in der Nähe der Kunst zu positionieren, als auch den modischen Ausdrucksformen diverser japanischer Jugendgruppen Aufmerksamkeit.

Zwei einleitende Essays erzählen, wie es den Designern aus Japan gelang, im europäischen Modebusiness Fuß zu fassen, welche Strategien der Selfpromotion sie dabei anwendeten und durch welche Merkmale sich ihre Mode auszeichnet. Geprägt von der japanischen Ästhetik, dem asiatischen Verständnis der Beziehung zwischen Körper und Kleidung sowie neuerdings auch der Definition des Niedlichen kommentieren japanische Modemacher seit drei Jahrzehnten das sich in der westlichen Mode manifestierende Verständnis von Erotik, Eleganz und der Geschlechterdifferenz. Welche traditionellen japanischen Gestaltungsprinzipien sie dabei in den Dialog mit westlichen Kleidungsformen einbringen, wird in vertiefenden Kurztexten untersucht. Das Spektrum dieser Beiträge reicht von der Flächigkeit und der Liebe zur Farbe Schwarz über die Experimentierfreudigkeit bei der Entwicklung von neuen Technologien für Stoffe sowie deren Weiterverarbeitung bis zum Einfluss von Manga, Anime und Cosplay.

Als Scharnier zwischen dem allgemeinen Teil des Buches und den Einzelpräsentationen ausgewählter Modemacher fungiert ein Abschnitt über die zahlreichen Street Styles der Jugendlichen in Japans Metropolen.

Die zweite Hälfte von “Future Beauty” ist der Vorstellung prägender Modeschöpfer sowie einem Ausblick auf neun aufstrebende Jungdesigner vorbehalten. Mini-Porträts machen mit Issey Miyake, Rei Kawakubo, Yohji Yamamoto, Junya Watanabe, Jun Takahashi und Tao Kurihara bekannt und berichten von den wichtigsten Ereignissen in ihren Karrieren. Das begleitende Bildmaterial setzt leider nur Schlaglichter auf ausgewählte Modelle einiger weniger Kollektionen, anstatt einen Querschnitt durch das Schaffen des jeweiligen Modeschöpfers zu zeigen. Weder Werdegang noch Entwicklung sind daher optisch nachvollziehbar, selbst Meilensteine fehlen zuweilen. Besonders offensichtlich wird diese, fallweise auch andernorts im Buch festzustellende, mangelnde Abstimmung zwischen Fließtext und Abbildungen in der Einzelpräsentation von Issey Miyake. So wird zum Beispiel von den plissierten Kleidungsstücken seiner pleats-please-Reihe im gesamten Buch kein einziges Foto gezeigt, obwohl diese in den Texten mehrfach erwähnt wird. Stattdessen können auf 13 Seiten – zugegebenermaßen faszinierende – Modelle aus einer Kollektion des Jahres 2010 bewundert werden.

Die Zusammenstellung der dargebotenen Abbildungen präsentiert bedauerlicherweise keine lückenlose visuelle Chronologie, wie sie für eine Übersicht des facettenreichen Outputs der Couturiers aus Japan wünschenswert wäre. Vielmehr lenken die Fotos den Blick auf bestimmte Charakteristika der von japanischem Gedankengut und Innovationskraft geprägten Mode. Das macht das Buch zur praktischen Stilkunde, die das kulturelle Verständnis fördert. Als exzellente Einführung und Ausgangspunkt für eine tiefer gehende Auseinandersetzung gebührt “Future Beauty. 30 Jahre Mode aus Japan” ein Spitzenplatz im Ranking der Modeliteratur.

© Ch. Ranseder

Future Beauty

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The Book of Palms

Donnerstag, 03. März 2011

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Carl Friedrich Philipp von Martius
The Book of Palms
H. Walter Lack (Text)
Taschen 2010, Dt./En./Fr., 412 S. zahlr. Farbtafeln
ISBN 978 3 8365 1779 9

Martius - Book of Palm

Dreißig Jahre mussten sich Botaniker und Sammler erlesener Bücher gedulden, bis sie 1853 endlich die vollständige Historia naturalis palmarum des Carl Friedrich Philipp von Martius ihr Eigen nennen konnten. Heute geht das, dank des Taschen Verlages, schneller. Ein Spaziergang in die nächstgelegene Buchhandlung genügt, um “The Book of Palms” in Händen halten zu können.

Carl Friedrich Philipp von Martius (1794-1868) fasste in seinem Buch das damals über Palmen verfügbare Wissen zusammen und legte mit der monumentalen Publikation den Grundstein für deren weitere Erforschung. Auslöser für seine intensive Auseinandersetzung mit diesen exotischen und dennoch auf den ersten Blick recht unscheinbaren Gewächsen war eine Fernreise. Dem promovierten Mediziner, der sein Hobby - die Botanik - mit einer Anstellung im Münchner botanischen Garten zum Beruf gemacht hatte, bot sich 1817 die Gelegenheit, an einer Expedition nach Brasilien teilzunehmen. Gemeinsam mit dem Zoologen Johann Baptist Spix wurde Martius von Maximilian I. Joseph, König von Bayern, als Mitglied des wissenschaftlichen Teams, das die österreichische Erzherzogin Leopoldine zu ihrem Gatten Dom Pedro begleitete, nach Brasilien entsandt. Die beiden Bayern gingen bald ihre eigenen Wege, um das damals noch kaum erforschte Land zu erkunden. Erst 1820 kehrten sie mit einer stattlichen Sammlung konservierter Tiere und Pflanzen nach München zurück.

Für Martius bedeutete seine Auslandserfahrung den Beginn einer steilen Karriere. Fleißig begann der Heimgekehrte zu publizieren, denn er hatte das Glück die gesammelten Daten und Pflanzenbelege selbst auswerten zu dürfen. Neben Zeitschriftenartikeln und dem im 19. Jahrhundert beinahe obligatorischen Reisebericht begann er die Arbeit an zwei groß angelegten botanischen Werken.

Die Historia naturalis palmarum erschien in mehr als zehn Lieferungen. Die Veröffentlichung einer mit über 200 Tafeln im Format von 60 x 43 cm ausgestatteten Publikation konnte nur in Etappen mit finanzieller Hilfe zahlreicher wohlhabender Subskribenten verwirklicht werden. Martius versah sein exquisites dreibändiges Werk, für das er sowohl auf eigene Forschungsergebnisse, als auch auf Sammlungen und Vorlagen anderer zurückgriff, mit einer klaren Gliederung. Im ersten Band, für den er zwei weitere Fachmänner als Autoren gewinnen konnte, werden fossile Palmen, Anatomie und Morphologie der Palmen sowie deren geographische Verbreitung abgehandelt. Der zweite Band ist den neuweltlichen, der dritte Band - bis auf wenige Ausnahmen - den altweltlichen Palmen gewidmet. Die ausführlichen Beschreibungen der einzelnen Arten, ihrer Fundorte und alle relevanten Beobachtungen verfasste Martius in lateinischer Sprache.

Das im Taschen Verlag erschienene “Book of Palms” beschränkt sich auf den Nachdruck der Farblithografien des in der Universitäts- und Landesbibliothek Bonn aufbewahrten Originals der Historia naturalis palmarum. Als Auftakt ist den, etwas verkleinert reproduzierten, Tafeln ein Essay von H. Walter Lack vorangestellt, der sich auch der Überprüfung der in den Legenden angeführten wissenschaftlichen Namen angenommen hat. Dann kann der Augenschmaus beginnen.

Das “Book of Palms” erfreut mit einer wundersamen Mischung aus Diagrammen von Blütenständen und Blattstellungen, Fruchtvergleichen, frei stehend porträtierten Palmen, Nahansichten einzelner Pflanzenteile und fantasievollen Landschaften, in deren Darstellung sich Romantik und Exotik ein Stelldichein geben. Braun gesprenkelte Trennblätter mit Prägedruck deuten die Dreibändigkeit des Originalwerkes an. Dasselbe Papier schmückt auch den Einband. Beeindruckend massiv und prächtig ist das Buch. Doch es hat eine Achillesferse. Wissbegierige Genießer, die kein Studium der Botanik absolviert haben, suchen vergeblich einen Anhang zu den Tafeln, der mehr zum Dargestellten vermittelt als den wissenschaftlichen Namen der Palme. Der Verzicht auf zeitgemäß formulierte Erklärungen bedeutet eine vergebene Chance für Gewächse zu begeistern, die im Pflanzenreich mit Superlativen aufwarten können und den Menschen seit Jahrhunderten als Lieferant für Nahrung, Fasern und Baumaterial dienen.

Anders als ein Strauß hübscher Gartenblumen erschließen sich Palmen den Betrachtern nicht spontan auf einer emotionalen Ebene. Es erfordert Zeit, auf den Seiten des “Book of Palms” die zurückhaltende Schönheit der Palmen zu entdecken. Ihre Faszination liegt im Detail, in den feinen Variationen der Struktur von Fruchtständen, Rinden und Blüten sowie deren nuancenreichen Grün- und Brauntönen, die fallweise durch ein leuchtendes Rot oder samtiges Schwarz zum Schwingen gebracht werden. Für heitere Momente sorgen Staffagefiguren, die in der wild wuchernden Vegetation der Landschaftsdarstellungen versteckt, den Tätigkeiten ihres Alltags nachgehen. Mehrmals tauchen europäisch gekleidete Männlein mit schmuckem Zylinder oder Schlapphut auf, um zu botanisieren, zu zeichnen oder Strauße zu jagen. Krokodile lauern, Kängurus liegen faul herum, rosa Flamingos suchen eiligst das Weite und eine kleine Herde Elefanten tänzelt unruhig am Waldrand entlang.

Der historische Meilenstein in der Erforschung der Palmen, die zum Symbol der Sehnsucht nach der Ferne geworden sind, entwickelt als Buch für den Kaffeetisch beträchtlichen Charme. Lassen auch Sie sich vom “Book of Palms” bezaubern!

© Ch. Ranseder

Martius - Book of Palm

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Szenografie - Narrative Räume

Montag, 14. Februar 2011

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Atelier Brückner (Hg.)
Szenography / Szenografie
Making spaces talk / Narrative Räume
Projects / Projekte 2002-2010 Atelier Brückner
avedition 2010, Dt./En.,368 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8998 6136 5

Scenography. Atelier Brückner 2002-2010: Make spaces talk

“Szenografie” ist ein Buch mit vielen Eigenschaften. Auf der inhaltlichen Ebene vereint es die Merkmale eines Handbuches mit den Charakteristika einer Jubiläumsschrift. Seine Texte verbinden die Vermittlung von Grundlagen einer noch jungen Disziplin mit der Vorstellung von Philosophie und Projekten eines der führenden Unternehmen der Branche - des Atelier Brückner.

Seit 1997, dem Jahr seiner Gründung durch den Architekten und Bühnenbildner Uwe R. Brückner und der Architektin Shirin Frangoul-Brückner, hat sich das Atelier Brückner mit Szenografien von herausragender Qualität und Einfallskraft international einen Namen gemacht. Die aus der intensiven Auseinandersetzung mit dem Inhalt entstandenen erzählerischen Raumbilder des mittlerweile auf über 70 Mitarbeiter angewachsenen Ateliers hinterlassen einen bleibenden Eindruck - sowohl als physisches Raumerlebnis als auch in der Form einer fotografischen Dokumentation. Davon können sich LeserInnen in jenem Teil des Buches “Szenografie” überzeugen, welcher der Präsentation von 43 ausgewählten Projekten der letzten 10 Jahre gewidmet ist. Das Spektrum der einfallsreichen Raumkonzeptionen reicht von Dauer- und Sonderausstellungen über Expo-Pavillons bis zu raumfüllenden Messeständen. Fotos älterer, ebenso wegbereitender Projekte sind Bestandteil der opulenten Bebilderung des theoretischen Teils des Buches, der sich den Arbeitsweisen widmet.

Die zunehmende Komplexität der von Szenografen zu lösenden Aufgaben und die Vielfalt der Instrumente, die heute für die Schaffung unvergesslicher Inszenierungen zur Verfügung stehen, erfordern interdisziplinäres Arbeiten sowie eine hohe Kommunikationsfähigkeit. Die Bedeutung des ganzheitlichen Diskurses, des Reflektierens und Hinterfragens konzeptioneller Möglichkeiten zieht sich - ebenso wie die Notwendigkeit des Strukturierens und Lenkens des Designprozesses - wie ein roter Faden durch das Buch. Dieses ist, wie jede Ausstellung, eine Gemeinschaftsarbeit. Als Auftakt des stattlichen Bandes in deutscher und englischer Sprache stellt Frank den Oudsten das Atelier Brückner und dessen von Uwe R. Brückner geprägten Leitsatz “form follows content” vor. Michaela Ganter und Claudia Luxbacher verfassten die Projektbeschreibungen. Die Texte von Prolog, den vier Kapiteln und Epilog stammen aus der Feder von Christian Barthelmes. Geschickt verflicht er die fundierte Darstellung theoretischer und praktischer Grundlagen mit der Schilderung von Arbeitsweisen und Designphilosophie des Atelier Brückner.

Im “Prolog” spannt sich der thematische Bogen von der Erklärung des Begriffs Szenografie und der Genese dieser Disziplin über die Ursprünge des Ausstellens sowie der Entwicklung von den Wunderkammern zu den ersten wissenschaftlichen Sammlungen bis zum heutigen Ausstellungswesen.

Das Kapitel “Inhalt” verfolgt, wie aus der Interpretation eines Themas die Inszenierung von Exponaten und des sie umfangenden Raumes erwächst, sodass eine dreidimensional erfahrbare, emotional berührende Erzählung entsteht, die zugleich Ideen und Fakten vermittelt.

Das Kapitel “Methode” stellt die Arbeitsweise des Ateliers, die auf der von Uwe R. Brückner entwickelten “creativ(e) structur(e)” basiert, vor und begleitet in Zuge dessen den Designprozess Schritt für Schritt.

Das Kapitel “Instrumente” zeigt, womit Szenografen ihre Visionen verwirklichen: Raum, Licht, digitale Medien, Klang und Grafik.

Das Kapitel “Umsetzung” entführt in die Welt der Pläne, Modelle, Testaufbauten und Probeläufe, die notwendig sind, um Gestaltungsideen zu kommunizieren und Entwürfe auf ihre Wirkung und Benutzerfreundlichkeit zu testen.

Der “Epilog” wirft schließlich einen Blick auf Selbstverständnis, status quo und zukünftige Aufgaben der Szenografie.

“Szenografie” ist ein mit großer Sorgfalt gestaltetes Buch. Optisch und inhaltlich setzt es mit dem großzügigen Einsatz von Bildmaterial aller Art - von der Skizze bis zum perfekt ausgeleuchteten Ausstellungsraum - neue Maßstäbe für Handbücher. Als Navigationshilfe zwischen den beiden thematischen Blöcken - die in ihrer Abfolge abwechselnden “Arbeitsweisen” und “Projekte” - finden zwei unterschiedliche Papierqualitäten Verwendung. Eine zusätzliche haptische Dimension wird auch der Oberfläche des Buchkörpers durch Prägedruck am Cover verliehen.

Die Lektüre des Buches “Szenografie” ist ein lehrreiches und inspirierendes Vergnügen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es als Handbuch, Erinnerungshilfe für Gesehenes oder für einen Blick hinter die Kulissen eines Designstudios aus dem Bücherregal genommen wird.

© Ch. Ranseder

Scenography. Atelier Brückner 2002-2010: Make spaces talk

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Kommunikation: ADC Deutschland 2010

Sonntag, 19. Dezember 2010

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ADC Deutschland Jahrbuch 2010  
ADC Germany Annual 2010 
 
 
avedition 2010, Dt./En., 536 S., zahlr. Farbabb. 
ISBN 978 3 8998 6135 8 

ADC Deutschland Jahrbuch 2010

Für die Besten der Besten ist das Beste gerade gut genug. Dementsprechend edel ist die diesjährige Ausgabe des ADC Deutschland Jahrbuchs geraten. Durch den von einer Vielzahl ausgestanzter Punkte durchlöcherten Schutzumschlag blitzen vier unterschiedlich breite Streifen. Ihr farbiger Vierklang nimmt die Rangordnung der Auszeichnungen auf: Gold, Silber und Bronze sprechen für sich selbst, Pink steht für die Nominierungen. Gleich vier Lesebändchen führen die Farbharmonie im Buchinneren fort, dessen zurückhaltende Typografie die Bühne ganz den präsentierten Arbeiten überlässt. Von der Seite betrachtet, zeigt sich das Jahrbuch in feierlichem Glanz - dafür sorgt der makellose Goldschnitt. Doch das ist noch längst nicht alles. Als wäre das haptische Erlebnis ein paar Kilo Buch in Händen zu halten nicht genug, werden auch die feinen Sinneszellen in den Fingerspitzen stimuliert. Das Logo des Art Directors Club für Deutschland ist am Schutzumschlag zusätzlich mit einer Prägung versehen. Das weckt den Geist von Gütesiegeln und Reviermarkierungen. Die Buchgestaltung des erstmals im international renommierten Verlag avedition erscheinenden Jahrbuchs ist ebenso aufwändig wie gut durchdacht. Inhaltliche Struktur und Aussage werden auf den Punkt genau umgesetzt.

Das ADC Deutschland Jahrbuch besticht mit seiner Hülle und gibt sich darüber hinaus auch inhaltlich als Publikation der Superlative. Die Dokumentation von Höchstleistungen der Werbebranche wurde zur Plattform für Kreative aus vielen Sparten. Grundlage für den stattlichen Band des Jahres 2010 bildet in bewährter Weise der ADC Wettbewerb. Kommerzielle Auftragsarbeiten konnten in einem der folgenden Bereiche eingereicht werden: Klassische Medien, Digitale Medien, Dialogmarketing/Promotion/Media, Design, Editorial, Räumliche Inszenierung, Ganzheitliche Kommunikation und Generic Craft. In 25 Kategorien galt es, Entscheidungen zu treffen. 23 Fachjurys, selbstverständlich aus ADC-Mitgliedern zusammengesetzt, wählten aus und kürten. 429 Einsendungen zum ADC Wettbewerb schafften es. Davon haben 187 einen goldenen, silbernen oder bronzenen Nagel erhalten. Im Inhaltsverzeichnis des ADC Deutschland Jahrbuch 2010 werden 286 Projekte gelistet und in der Folge vorgestellt. Um Ordnung zu schaffen und Doppelungen zu vermeiden, wurde ein Punktesystem ersonnen, das die Gliederung des Buches bestimmt. So wird die Erfassung der Projekte in ihrem vollen Umfang ermöglicht, anstatt sie in einzelne Fachbereiche zu zersplittern.

Doch genug der Zahlen und Fakten. Was hält der Löwenanteil der Seiten, die für manche die Welt bedeuten, für LeserInnen bereit? Wer sind die Gewinner und Nominierten? Das sei hier nicht verraten. Nur so viel: Neben Global Players und Luxusmarken finden sich auch Lokalmatadoren und Kulturinstitutionen. Klassisches reiht sich an Originelles, das nicht selten mit dem Unterhaltsamen wetteifert. Auch das Abstoßende gehört wie die Provokation schon lange zum Repertoire in Gerangel um die Aufmerksamkeit. Stilistisch gilt ganz zeitgemäß “anything goes!” und Schönheit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters. Dass unter dem Dargebotenen fallweise eine - mehr oder weniger unterschwellige - abwertende Haltung gegenüber weiblich konnotierten Gegenständen, Handlungen, Interessen und Einstellungen auszumachen ist, vermag in Zeiten des Verteilungswettkampfes mittlerweile nicht mehr zu erstaunen.

In seiner Gesamtheit bietet das ADC Deutschland Jahrbuch einen spannenden repräsentativen Querschnitt durch ein Segment der angewandten Kreativwirtschaft. Geleitworte, Ehrungen und Nachrufe sowie diverse Verzeichnisse von Preisträgern, Sponsoren, Mitgliedern, Jurys, Agenturen und Verlagen, Firmen und Machern runden das Jahrbuch ab.

© Ch. Ranseder

ADC Deutschland Jahrbuch 2010

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Eventdesign 2010/2011

Montag, 22. November 2010

Non-Fiction

Eventdesign Jahrbuch / Event Design Yearbook 2010/2011
avedition 2010, Dt./Engl., 190 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8998 6131 0

Eventdesign Jahrbuch 2010/2011: Einführung von Jörg Beier

Mit dem Eventdesign Jahrbuch 2010/2011 stellt der Verlag avedition nun auch den Protagonisten dieses zeitgeistigen Segments der multimedialen Kommunikation eine Plattform zur Verfügung. Die zweisprachig in Deutsch und Englisch angelegte Publikation strebt nach einem internationalen Echo. Unternehmen und Agenturen aus dem In- und Ausland werden daher bereits im Vorwort eingeladen, Projekte einzureichen.

Der Aufbau des Buches verspricht für die Zukunft ein interessantes Wechselspiel zwischen akademischem Diskurs und dokumentierter Praxis. Den theoretischen Teil übernehmen im vorliegenden ersten Band der geplanten Reihe Jörg Beier, Professor für Messe-, Kongress- und Event-Management an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, und Georg Stark, Leiter des Steinweg Instituts. Ihr Aufsatz “‘Schwarmintelligenz’ und Begegnungskultur” führt in das komplexe Thema Event-Marketing/Live-Kommunikation ein und steckt mit Inhalts- und Begriffsdefinitionen, der Darlegung von Inszenierungsmechaniken sowie der Empfehlung von Planungsschritten im Projektmanagement das Feld ab, auf dem die Kreativen spielen dürfen. Diesen wird der stattliche Hauptteil des Buches überlassen.

Das Eventdesign Jahrbuch 2010/2011 präsentiert 34 Projekte aus den Jahren 2008 und 2009. Das Spektrum reicht von Produktpräsentationen, Modeschauen und Firmenjubiläen über Fachkonferenzen, Management Meetings und Preisverleihungen bis zu Eröffnungen von Sportveranstaltungen, einer mobilen Miniausstellung und inszenierter Plakatwerbung. Das Mäntelchen des Events lässt sich über Vieles stülpen. Um Ordnung zu schaffen, werden die ausgewählten, meisterhaft inszenierten Ereignisse in vier Kategorien unterteilt: Corporate Event, Employee Event, Public Event sowie Charity, Social, Cultural Event. Jeder Eintrag in diesem illustren Reigen wegweisender Beispiele setzt sich aus einer kurzen Beschreibung der Veranstaltung, einer Liste der Akteure und einer hervorragenden Fotodokumentationen zusammen.

Die schmucke Publikation lässt doppelt staunen. Einerseits wegen der kreativen Hochleistungen und des Feuerwerkes origineller Einfälle, die auf seinen Seiten für die Ewigkeit festgehalten sind. Andererseits wegen des beachtlichen Aufwands mit dem banale Produkte und Dienstleistungen inszeniert werden, um sie mit emotionalem Mehrwert aufzuladen. Dabei ist Live-Kommunikation eine riskante Sache. Schließlich läuft die Wirkung ephemerer Veranstaltungen immer Gefahr, sich als ebenso flüchtig zu erweisen wie die eingesetzten szenischen Effekte oder das aufgetischte opulente Dinner.

Damit sich die Gruppendynamik während des Events positiv entwickelt und den kommunizierten Botschaften die gewünschte Nachhaltigkeit sichert, benötigt es Fingerspitzengefühl und Professionalität. Die Schlussworte des Buches übernimmt daher das Forum Marketing Eventagenturen, dessen Beirat gemeinsam mit Agenturvertretern den FME-Qualitätskodex erarbeitet hat.

Mit dieser Mischung aus Theorie und Praxis ist das Eventdesign Jahrbuch auf dem besten Weg in der Branche zum Standardwerk zu werden.

© Ch. Ranseder

Eventdesign Jahrbuch 2010/2011: Einführung von Jörg Beier

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Make up - Oberflächendesign

Montag, 15. November 2010

Non-Fiction

Renate Menzi (Hg.)
Essay von Kenya Hara
Make up Design der Oberfläche / Designing Surfaces 
Design Collection, Museum für Gestaltung Zürich. Designsammlung, Band 3.
avedition 2010, Dt./Engl., 96 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8998 6138 9

 Design Collection 03: Make up. Design der Oberfläche. Designing Surfaces: Design Collection   

Das Museum für Gestaltung Zürich kann dank seiner Designsammlung von 20000 Gebrauchsgegenständen des 20. und 21. Jahrhunderts für Ausstellungen und deren Begleitpublikationen aus dem Vollen schöpfen. Wie diese beeindruckenden Bestände in der Buchreihe “Design Collection” präsentiert werden, ist erfrischend innovativ: Jeder Band widmet sich einem Thema, das aus dem Zeitgeist erwächst. In einer Rückkopplung dockt diese aspektspezifische Auseinandersetzung mit den Dingen an den zeitgenössischen Designdiskurs an und versorgt diesen wiederum mit neuer Gehirnnahrung. In “Make up”, dem dritten Band der Reihe, steht das Design der Oberfläche im Mittelpunkt.

Renate Menzi führt in “Die Oberfläche als Metapher und Material” an das Thema heran und steckt die Ziele der Publikation ab. Dabei spürt sie nicht nur den wechselnden Haltungen zur Ästhetik der Oberflächen nach, sondern befasst sich auch mit ihren funktionalen Eigenschaften, deren Bandbreite durch neue Technologien kontinuierlich erweitert wird.

Als Gastautor konnte der Designer, Ausstellungsmacher und Lehrer Kenya Hara gewonnen werden. In seinem Essay “Entwerfen ‘Wie es sich anfühlt’” lenkt er die Aufmerksamkeit auf das den Objekten innewohnende Potenzial, die Sinne zu stimulieren. Durch die Verknüpfung unterschiedlicher Sinneswahrnehmungen mit individuellen Erfahrungen und Erinnerungen können emotionale Reaktionen hervorgerufen werden. In letzter Konsequenz lässt sich so die Kaufentscheidung von KundInnen maßgeblich beeinflussen.

“Umgeben von Oberflächen”, eine als drittes Kapitel des Buches fungierende Zusammenstellung von Bildmaterial, verwischt die Grenze zwischen Kunst, Design, Werbung und Alltagsbegegnungen mit den Reizen von Oberflächen.

Wie prägend die Oberflächengestaltung für das Erscheinungsbild von Objekten ist, lässt sich anhand der rund 100 aus der Designsammlung ausgewählten Beispiele nachvollziehen. Zu 19 Gruppierungen geordnet, dienen sie als Ausgangspunkt der Auseinandersetzung mit Erscheinungsformen, Eigenschaften und symbolischen Konnotationen von Oberflächen. Sogar der Pflege der verführerischen Hüllen, inklusive jener des menschlichen Körpers, ist ein Abschnitt gewidmet.

Ein ausführliches Glossar rundet das vielschichtige, in deutscher und englischer Sprache verfasste, Buch ab.

Optisch ist “Make-up”, dank reicher Bebilderung und ansprechender grafischer Gestaltung, ein Genuss. Weitaus schwerer wiegt jedoch, dass es zur Kopfarbeit verleitet. Als Ausgangspunkt für Debatten und Anregung, die eigenen Reaktionen auf Oberflächen zu hinterfragen, ist das Buch kaum zu schlagen.

Die Ausstellung im Museum für Gestaltung Zürich ist noch bis 2. Januar ‘11 zu sehen.

© Ch. Ranseder

Design Collection 03: Make up. Design der Oberfläche. Designing Surfaces: Design Collection

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Formstrahl

Montag, 15. November 2010

Non-Fiction

Sara Hausmann, Achim Böhmer  
Formstrahl
avedition 2008, Dt./Engl., Faltbuch, zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8998 6099 3

  Formstrahl: Überblick zur Geschichte und Entwicklung des Designs und seiner Formen

Sammeln, Ordnen, das Definieren von Begriffen und die Entwicklung einer Fachsprache stehen am Anfang jeder neuen Disziplin. Es gilt ein Gerüst zu schaffen, auf dessen Basis der Diskurs vorangetrieben werden kann. Publikationen können in diesem Prozess als Impulsgeber fungieren. Weit häufiger wird jedoch mit ihrer Hilfe der Status quo des Konsenses der wissenschaftlichen Gemeinschaft festgehalten und kommuniziert. “Formstrahl” destilliert die gelehrte Wortflut der sich in den letzten Jahrzehnten selbst (er)findenden Forschungsrichtung der Theorie des Designs. Das Ergebnis ist eine innovative Publikation, die einen Überblick über 20 auf ihre Essenz reduzierte Epochen, Stile und Bewegungen bietet. Auf jeweils einer Seite werden deren Charakteristika schlagwortartig gelistet und mit Hilfe von aussagekräftigem Bildmaterial vor Augen geführt.

Als Faltbuch konzipiert, lässt “Formstrahl” anhand von 100 Beispielen aus Produkt- und Grafikdesign sowie der Architektur die Entwicklung des Designs von 1750 bis 2008 Revue passieren. Farbige Balken markieren das Werden und Vergehen der unterschiedlichen Stilrichtungen entlang der Jahreszeile, machen Parallelentwicklungen und Laufzeiten sichtbar. Die Einbettung in den historischen Kontext gelingt durch eine Auswahl von Meilensteinen der Designgeschichte. Zu den aus der Fülle relevanter Ereignisse herausgegriffenen Begebenheiten zählen Erfindungen und das Erscheinen wichtiger Publikationen ebenso wie die Gründungen von Unternehmen, Museen und Ausbildungsstätten. Geschickt gewählte Zitate vermitteln einen Hauch von Zeitgeist. Denn nicht nur die Gestalt der Dinge, sondern auch die Einstellung der Menschen zu ihnen verändert sich mit dem Fortschreiten der Jahre.

“Formstrahl” ist eine attraktiv gestaltete Orientierungshilfe für Studierende, Quereinsteiger und Laien, die seitenweise als Buch genossen oder entfaltet als rund 4,5 m langes Poster an einer Wand befestigt werden kann. Diese gelungene Transformation der in Museen seit vielen Jahren beliebten Zeitschienen/Zeitlinien macht “Formstrahl” zu einem didaktischen Werkzeug, das so gut wie nie aus der Mode kommen wird.

© Ch. Ranseder

Formstrahl: Überblick zur Geschichte und Entwicklung des Designs und seiner Formen

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Design Thinking

Donnerstag, 30. September 2010

Non-Fiction

Gavin Ambrose, Paul Harris
Design Thinking 
Stiebner 2010, 200 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8307 1381 4

 Design Thinking: Fragestellung, Recherche, Ideenfindung, Prototyping, Auswahl, Ausführung, Feedback

Was müssen DesignerInnen im Arbeitsalltag alles können? Welche Schritte durchläuft ein Projekt vom Auftrag und der ersten Idee bis zum fertigen Produkt und dem Feedback der KundInnen? Woher nehmen Kreative ihre Ideen? Band acht der Reihe Basics Design - “Design Thinking” - steht ganz im Zeichen des kreativen Denksports der DesignerInnen und der Methoden, die den Weg zu Höchstleistungen weisen. Die Gliederung des Buches folgt den Phasen, die im Rahmen des Designprozesses durchlaufen werden. Der häppchenweise präsentierte Text bringt Prinzipien, Lösungsmöglichkeiten, Techniken und Tipps gekonnt auf den Punkt. Zahlreiche Fallbeispiele führen vor Augen, wie kreative Einfälle mit kommerziellen Zielen meisterhaft vereint werden, damit das Endprodukt seinen Zweck erfüllt.

Das einführende Kapitel “Designphasen und Design Thinking” steckt mit der Vorstellung der sieben Phasen des Designprozesses den inhaltlichen Rahmen des Buches ab.

Zu Beginn eines Projektes heißt es Informationen sammeln! Das Kapitel “Recherche” zeigt, worüber sich GestalterInnen Hintergrundwissen aneignen. Überschneidungen mit den Interessen der Marktforschung sind kein Zufall. Kenntnisse über Zusammensetzung und Lebensstil der Nutzergruppe, aka des Zielmarkts, sind bei der Erarbeitung von Designlösungen wichtig.

In “Ideenfindung” geht es um die Erarbeitung von Konzepten und die Suche nach der optimalen Lösung der Gestaltungsaufgabe. In diesem Kapitel werden mögliche Denkansätze, Kreativtechniken und Inspirationsquellen vorgestellt, die Helfen das Thema eines Auftrages zu ergründen und Entwurfsideen zu generieren.

“Verfeinerung” zeigt, wie DesignerInnen an einer Idee feilen. In dieser Phase geht es um das Spiel mit Bildern, Zeichen, Formen, Proportionen, Schriftarten, Farben, Worten, Assoziationen und einer Prise Humor.

“Prototyping” stellt die Idee auf den Prüfstand, schließlich soll die zu kommunizierende Botschaft auch ankommen. Das Kapitel macht mit den Knackpunkten bei der Entwicklung eines konsequenten Gestaltungs- und Kommunikationskonzeptes inklusive der Festlegung des Designvokabulars sowie den Arten von Prototypen vertraut.

Haben KundInnen ein Design genehmigt, geht es an die “Umsetzung”. Das abschließende Kapitel stellt nicht das Zusammenspiel mit den ausführenden Produzenten, z. B. Druckereien, in den Mittelpunkt, sondern weist auf die Potenziale von Materialen, Veredelungstechniken, Formaten, Maßstäben und Medien hin.

Ein Glossar, in diesem Band gepaart mit elf Design-Thinking-Tipps, rundet das Buch in bewährter Weise ab.

Gavin Ambrose und Paul Harris stehen in “Design Thinking” Studenten und Berufseinsteigern abermals mit gutem Rat hilfreich zur Seite. Dieser Band der Serie Basics Design sollte allerdings auch für AuftraggeberInnen Pflichtlektüre sein. Selten wurde so klar vor Augen geführt, dass Design ein Prozess ist, der viele Arbeitsschritte umfasst, großes Wissen voraussetzt sowie Zeit und gewisse Spielräume benötigt. Der Gedankensprung von diesen hohen Anforderungen zu grundlegenden Themen wie faire Honorare und Vertragsbedingungen sowie des Umgangs mit Nutzungs- und Urheberrechten liegt nahe, wird jedoch von den Autoren auf den rund 200 Seiten des Buches nicht vollzogen. Das ist erstaunlich und lässt auf einen Folgeband hoffen.

© Ch. Ranseder

Design Thinking: Fragestellung, Recherche, Ideenfindung, Prototyping, Auswahl, Ausführung, Feedback

siehe auch:
Designraster: Struktur oder Muster aus Linien
Layout: Entwurf, Planung und Anordnung
Druck & Veredelung: Bild, Textreproduktion, Aufwertung von Printprodukten
Bild & Grafik: Visuelle Information
Typografie: Schriftgestaltung, Satzgestaltung, Textgestaltung
Format: Größe, Form, Ausstattung
Farbe: Sinneseindruck
Grundlagen des Grafikdesigns
This End Up: Verpackungsdesign

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Blattgold

Montag, 07. Juni 2010

Karin Havlicek
Vergolden mit Blattgold
Schritt für Schritt

DVA 2010, 192 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 4210 3713 8

 Vergolden mit Blattgold: Schritt für Schritt

Gold. Das Wort allein ist eine Verheißung. Die Symbolkraft des wertvollen Edelmetalls ist legendär. Seine Materialeigenschaften sind kaum zu übertreffen. Zu Blattgold geschlagen, lassen sich mit den hauchdünnen Blättchen Oberflächen so perfekt veredeln, dass die Objekte wirken als bestünden sie aus massivem Gold. Unzählige Bilder- und Spiegelrahmen, Wandvertäfelungen und Statuen verlangten in längst vergangenen Jahrhunderten nach der kundigen Hand des Vergolders. Wie geschäftig es in deren Werkstätten zugegangen sein muss, lässt ein Stich in der von Denis Diderot ab 1751 zusammengestellten “Encyclopédie, ou Dictionaire raisonné des sciences, des arts et des métiers” erahnen. Heute ist es um das traditionsreiche Handwerk stiller geworden. Der Beruf des Vergolders scheint langsam in Vergessenheit zu geraten - ein Schicksal, das er mit anderen Handwerken, die auf Qualität statt Massenfertigung setzen, teilt. Doch solange es MeisterInnen gibt, die bereit sind ihr Wissen nicht nur an Auszubildende, sondern auch an interessierte Laien weiterzugeben, werden die alten Techniken nicht verloren gehen. Karin Havlicek ist eine von ihnen. In ihrem herrlich informativen Buch “Vergolden mit Blattgold” bietet die Schreinerin und Vergoldermeisterin eine umfassende Einführung in die Techniken des Vergoldens.

Der Aufbau des Buches ist übersichtlich und logisch. Ausgehend von der Materialkunde werden zunächst Blattmetalle und Vergoldungsarten vorgestellt. Der Hinweis auf die Bedeutung der richtigen Beschaffenheit und Sauberkeit von Arbeitsplatz und Werkzeugen für das Gelingen einer perfekten Vergoldung dient als Überleitung zur Vorbereitung des Untergrundes, die besonders sorgfältig erfolgen muss. Im Anschluss daran folgen die Kapitel zu den unterschiedlichen Vergoldungsarten. Der Bogen spannt sich dabei von der Polimentvergoldung über Mixtionvergoldungen/Anlegevergoldungen, Vergoldung mit dem Kölner Instacoll-System bis zu Hinterglasvergoldungen und Mordentvergoldungen.

Karin Havlicek führt mit ihrem präzise formulierten, leicht verständlichen und mit nützlichen Tipps gespickten Text Schritt für Schritt durch den jeweils erforderlichen Arbeitsvorgang. Hervorragende Fotos begleiten die verbalen Erklärungen und machen es möglich, die einzelnen Arbeitsschritte sowie die Handhabung der Werkzeuge auch optisch nachzuvollziehen. Benötigte Materialien und Arbeitsgeräte sowie die Abfolge der Arbeitsschritte in Kurzform werden als Listen präsentiert. Sogar Rezepte verrät die Autorin.

Der Verwendung von Blattgold für die Veredelung von Büchern (Goldschnitt) und anderen mit Leder bezogenen Werkstücken (Vergoldung von Lederprägungen) ist ein eigener Abschnitt am Ende des Buches gewidmet. Zu guter Letzt wird es kulinarisch, denn Blattgold kann auch zur Verzierung von süßen Leckereien verwendet werden. “Vergolden mit Blattgold” ist ein Buch mit hohem Informationsgehalt, das als Anleitung und Nachschlagwerk unverzichtbar ist. Karin Havlicek gelingt es, mit den Grundlagen auch die vom Vergolderhandwerk ausgehende Faszination zu vermitteln. Obwohl sie vor Augen führt, wie arbeitsauswendig eine Vergoldung ist, wie viel Übung und Sachkenntnis zu ihrer Ausführung benötigt wird, bleibt der Tonfall des Textes ermutigend. Unterstützt von der attraktiven Gestaltung - für die unter anderem stimmungsvolle Nahaufnahmen von Blattgold zum Einsatz kommen - weckt das Buch

“Vergolden mit Blattgold” die Lust zumindest einige der vorgestellten Techniken selbst auszuprobieren.

© Ch. Ranseder

Vergolden mit Blattgold: Schritt für Schritt

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Aktuelle Ausstellungskataloge

Landschaftsarchitektur visualisieren

Montag, 07. Juni 2010

Elke Mertens
Landschaftsarchitektur visualisieren
Funktionen, Konzepte, Strategien
Birkhäuser 2010, 192 S., zahlr. Farbabb., 1 DVD
ISBN 978 3 7643 8788 4

 Landschaftsarchitektur visualisieren: Funktionen, Konzepte, Strategien

In der Welt des Designs ist es üblich, mit Bildern und Modellen zu kommunizieren. Auch Landschaftsarchitekten vermitteln ihre Ideen und Gestaltungsvorschläge für Freiräume mit Hilfe von Visualisierungen aller Art, deren Anfertigung ein integraler Bestandteil des Arbeitsprozesses ist. Die Wahl der Ausdrucksmittel und -modi richtet sich dabei nach der Planungsaufgabe und der Zielgruppe, mit der es gilt in Dialog zu treten. Im Lauf der Auseinandersetzung mit einem Projekt entstehen zahlreiche bildliche Darstellungen, die nicht für die Augen der Auftraggeber bestimmt sind, sondern nur der bürointernen Kommunikation im Rahmen der Ideenfindung sowie der Optimierung von Entwürfen dienen. Sie sind im allgemeinen von einer größeren Spontanität und Unmittelbarkeit geprägt als die ausgefeilten Reinzeichnungen, welche für die Weitergabe an Externe angefertigt werden.

In dem Buch “Landschaftsarchitektur visualisieren” sind alle Typen der visuellen Kommunikation planerischer Inhalte, die im Rahmen der Freiraumgestaltung zum Einsatz kommen können, vertreten. Das Spektrum reicht vom Scribble bis zum Film, vom nüchternen Bestandsplan bis zur Collage, die emotional ansprechen soll. Obwohl auch flüchtige Handskizzen Aufnahme in den Reigen der Abbildungen gefunden haben, wurde bei der Auswahl des reichhaltigen Bildmaterials der Schwerpunkt auf Darstellungen, die einen hohen Grad der optischen Perfektionierung aufweisen, gelegt.

Das grafisch übersichtlich gestaltete Buch ist in drei farbcodierte Teile gegliedert, denen einführende Worte zu Ideen- und Gestaltfindung sowie einige Beispiele historischer Darstellungsweisen vorangestellt sind.

Teil 1 - Funktionen - befasst sich mit der Darstellung von Fläche, Raum und Zeit. Zweidimensionale Ansichten, also Grundrisse und Schnitte, sind die Grundlage der visuellen Kommunikation in der Landschaftsarchitektur. Auf sie beruhen die zur Analyse eines Areals unabdingbaren Bestandspläne ebenso wie Vorentwurfs- und Entwurfspläne, Struktur- und Flächennutzungspläne, Pflanzpläne sowie Geländequerschnitte mit Terrain- und Vegetationshöhen. Dreidimensionale Darstellungsmodi umfassen Perspektiven, Axonometrien und Modelle. Mit ihrer Hilfe können Raumeindrücke wiedergegeben werden. Ansichten aus der Vogelschau erleichtern sowohl die Vorstellung des Zusammenspiels von Gelände, Entwurfsstruktur und Vegetation, als auch der Eingliederung einer Neuplanung in den bestehendem städtischen oder ländlichen Kontext. Durch die Wahl eines ungefähr der Augenhöhe späterer Nutzer entsprechenden Blickwinkels kann das intendierte Raumerlebnis angedeutet werden. In ihrer Extremform wird die dreidimensionale Darstellung - künstlerisch aufgewertet durch gewagte Perspektiven oder mit positiv besetzten Elementen (wie Schmetterlingen, Vögeln, bunten Blüten etc.) versehen - zum reinen Stimmungsträger. Der Faktor Zeit schließlich spielt vor allem für Beleuchtungskonzepte und die Zusammensetzung der Bepflanzung eine Rolle. Zuweilen ist die Einbeziehung der besonderen Geschichte eines Ortes opportun oder wird vom Auftraggeber explizit gewünscht.

Teil 2 - Konzepte - legt anhand von Fallbeispielen dar, wie Visualisierungen im tatsächlichen Planungsprozess und im Rahmen von Wettbewerben zum Einsatz kommen. Erst die überzeugende Komposition individueller Pläne und Zeichnungen, deren aussagekräftiges Ineinandergreifen in Bildfolgen, ermöglicht die erfolgreiche ganzheitliche Vermittlung einer komplexen Planung.

Teil 3 - Strategien - setzt sich mit der Herausforderung großräumiger Planungen im gesellschafts- und umweltpolitischen Kontext auseinander. Das Wachstum der Städte, die Zersiedlung der Landschaft und der Klimawandel wird in der nicht allzu fernen Zukunft auch die Fähigkeiten der Landschaftsarchitekten auf die Probe stellen.

“Landschaftsarchitektur visualisieren” gibt einen Querschnitt durch die Bandbreite der Kommunikationsmittel und Stile, derer sich Landschaftsarchitekten für die Präsentation vielschichtiger Inhalte bedienen. Unabhängig davon, ob sie lieber mit dem Bleistift oder mit dem Computer zeichnen, ist ihre Bildsprache international. Das belegt die Auswahl der Beispiele aus der Praxis von Büros aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Dänemark, der Schweiz, den Niederlanden, Israel, Kanada, den USA, Kolumbien, Japan, China und Australien. Es ist nicht zu leugnen, dass sich unsere Sehgewohnheiten durch den zur Selbstverständlichkeit gewordenen Einsatz von Computern und die globale Ausweitung der Märkte verändert und vereinheitlicht hat. Die Freiheit als Landschaftsarchitekt eine individuelle Handschrift des grafischen Ausdrucks zu entwickeln, ist dennoch beträchtlich. Schließlich geht es in der Berufspraxis auch um die Entfaltung von Überzeugungskraft. Ansprechende Präsentationsunterlagen mit ästhetischem Mehrwert helfen, Entscheidungsträger und Geldgeber, Wettbewerbsjuroren und befragte künftige Nutzer für sich und ein Projekt zu gewinnen. Durch seinen weit gefassten Überblick der heutigen Darstellungsmöglichkeiten ist das Buch eine hervorragende Inspirationsquelle für die Erarbeitung eines eigenen Stils. Welche technischen Daten (z. B. Bemaßung, Nivellements, Maßstab, Nordpfeil) auf Plänen für ein tiefgreifenderes Verständnis jenseits des visuellen Oberflächenreizes hilfreich sind, wie sich Legenden sinnvoll zusammensetzen oder wie die Positionen von Schnitten auf Grundrissen markiert werden können, sodass der Zusammenhang auch Laien auf den ersten Blick klar wird, erschließt sich durch das Betrachten und den Vergleich des Anschauungsmaterials. Leider sind durch die beträchtliche Größenreduktion der Bilder deren Originalbeschriftungen fallweise so klein geraten, dass der Griff zur Lupe fast unausweichlich ist. Mit der Vorstellung der Darstellungsformen und -techniken nimmt bei der Lektüre von “Landschaftsarchitektur visualisieren” auch der berufliche Alltag von Landschaftsarchitekten schemenhaft Gestalt an.

“Landschaftsarchitektur visualisieren” ist ein fachlich fundiertes Buch, dessen unbeschwerter Text und grosses Spektrum sorgfältig kommentierter visueller Erscheinungsbilder zahlreichen Studienanfängern die Tore zur Erkenntnis öffnen werden.

© Ch. Ranseder

Landschaftsarchitektur visualisieren: Funktionen, Konzepte, Strategien

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Silhouettenwechsel

Dienstag, 04. Mai 2010

Isabella Belting
Mode sprengt Mieder
Silhouettenwechsel

Hirmer 2010, 144 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 7774 2491 0 

Mode sprengt Mieder: Silhouttenwechsel

Das männliche Begehren bestimmt das Erscheinungsbild und die Chancen von Frauen. Deren Komplizenschaft ist den Männern sicher. Seit Jahrhunderten wird die Form des weiblichen Körpers gnadenlos manipuliert, um dem gerade herrschenden Schönheitsideal zu entsprechen.

In der Vergangenheit wurden Frauenleiber hemmungslos eingeschnürt, aufgepolstert und in Drahtkäfige gesteckt. Die Phasen der Befreiung von Korsett und Reifrock waren kurz und umstritten. Erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts wurde das Mieder zum optionalen Extra. Das Buch “Mode sprengt Mieder. Silhouettenwechsel” folgt dem Schrumpfen und Expandieren der Konturen von Busen, Taille und Po. Ausgangsbasis für die Zeitreise durch die Geschichte der formenden Unterwäsche sind Kleider aus den Sammlungen des Münchner Stadtmuseums. Illustrationen aus Modejournalen und medizinischen Abhandlungen, Karikaturen, Anzeigen und Modefotos dienen als Beispiele für die Vermarktung der vorgestellten Modetrends und ihrer Rezeption in der Öffentlichkeit.

Die Entwicklung der Damenmode vom 18. bis zum 20. Jahrhundert wird in Form einer Erzählung präsentiert. Durch diesen ebenso originellen wie gewöhnungsbedürftigen Zugang ist es Isabella Belting möglich, kostüm- und sozialgeschichtliches Wissen spielerisch zu verweben. Die, bedauerlicherweise stereotype Geschlechterrollen tradierende, Rahmenhandlung ist schnell wiedergegeben. Ein - natürlich - männlicher Professor schickt eine zwar fachlich versierte, aber naive und fügsame Studentin mittels einer als Korsett getarnten Zeitmaschine in die Vergangenheit, um Daten für sein Forschungsprojekt zu sammeln. Samanta, so heißt das Versuchskaninchen, darf am eigenen Leib erfahren, wie sich die Mode der Epochen, die sie als Zeitreisende besucht, trägt.

Als Dienstmädchen muss sie im Jahr 1780 mitansehen, wie bereits kleine Mädchen brutal geschnürt werden, damit sie später am Heiratsmarkt Erfolg haben. Tiefer Ausschnitt, schlanke Taille und mit Drahtgestellen oder Polsterungen verbreiterte Hüften gelten als erotisch. Wenige Jahrzehnte später darf Samanta ohne Korsett als Bürgerstochter im hauchdünnen Chemisenkleid frieren. Besonders Mutige lassen sogar die Unterwäsche weg und zeigen, im neuen Körpergefühl schwelgend, alles. Die Freiheit währt nicht lange. Ab 1815 wird wieder geschnürt, dass das Fischbein kracht und den Frauen die Luft wegbleibt. In die Jahre um 1900 versetzt, sammelt Samanta Erfahrungen mit einem s-förmig geschwungenem Korsett der Sans-ventre-Linie und den billigen Mieder einer Dienstbotin. Zu dieser Zeit sind die durch das Schnüren verursachten gesundheitlichen Schäden bereits gut dokumentiert. Dennoch findet das lose Reformkleid bei den Frauen, die noch immer darauf angewiesen sind eine gute Partie zu machen, wenig Anklang - es ist einfach nicht sexy. Erst in den Zwanzigerjahren gewinnen die Frauen an Unabhängigkeit. Ihre neue Stellung in der Gesellschaft spiegelt sich in der modernen Silhouette der Kleidung, die ohne Korsett auskommt. Doch diese Epoche überspringt Samanta, um sich an den femininen Kleidchen und der zugehörenden modellierenden Unterwäsche der 50er Jahre zu erfreuen. Erst bei ihrem letzten Zeitsprung in die 60er-Jahre verabschiedet sie sich endgültig vom Schnürmieder. Im letzten Kapitel kehrt Samanta wieder in die Gegenwart und deren modische Vielfalt zurück. Das Schlusswort hat - wie könnte es anderes sein - der Professor.

“Mode sprengt Mieder. Silhouettenwechsel” bietet einen launig geschriebenen Überblick über das Wechselspiel der historischen Modetrends. Die Erzählform eignet sich bestens dazu auch die Leiden jener, deren Körper nicht mit dem modischen Ideal harmoniert, zu schildern. Letztendlich ist es ein Buch, das nachdenklich machen sollte. Des Zwangs zum Korsett hat sich Frau entledigt. Werden ihn Diät und Schönheitsoperation ersetzen?

© Ch. Ranseder

Mode sprengt Mieder: Silhouttenwechsel

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Rahmenkunst

Dienstag, 04. Mai 2010

Bayerische Staatsgemäldesammlungen München (Hg.)
Rahmenkunst
Auf Spurensuche in der Alten Pinakothek

Hatje Cantz 2010, 264 S., zahlre. Farbabb.
ISBN 978 3 7757 2606 1

Rahmenkunst: Auf Spurensuche in der Alten Pinakothek

Was wäre ein Gemälde ohne einem passenden Rahmen! Er gibt der Leinwand Halt, definiert die Grenze des Dargestellten und erleichtert die Integration des Bildes in ein übergreifendes Raumkonzept. Meist nicht minder kunstvoll gefertigt als das Werk, das er schützend umschließt, sollte er dieses dennoch nicht überstrahlen.

Wie vielfältig die Designaufgabe, einen Bilderrahmen zu entwerfen, gelöst werden kann, zeigen 91 erlesene Exemplare, die für das schmucke Buch “Rahmenkunst” aus dem Bestand der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen ausgewählt wurden. Vom schlichten schwarz-goldenen Leistenrahmen bis zum nahezu vollplastisch geschnitzten und üppig vergoldeten Prunkrahmen reicht deren stilistisches Spektrum.

Fünf reich illustrierte Essays werfen Licht auf die Herstellung von Bilderrahmen und die Einrichtung von Galerien im 18. Jahrhundert, das Wechselspiel zwischen der Art der Hängung und der für passend erachteten Rahmenleisten sowie die Geschichte der Rahmensammlung der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Besonderes Augenmerk wird auf die Ausstattung der Residenz Würzburg mit Gemälderahmen gelegt.

Eine Abbildung im Textteil des Buches, die vier Hofdamenporträts von Hans Schöpfer d. J. zeigt, erweist sich als besonders aufschlussreich. Jedes der Frauenbildnisse aus dem 16. Jahrhundert ist anders gerahmt. Die Variationen reichen von der schlichten grauen Leiste des Originalrahmens bis zu einer Neurahmung im Stil des Rokoko. Die Gegenüberstellung zeigt einerseits deutlich, wie subtil eine Rahmung die Wirkung eines Gemäldes beeinflusst. Andererseits ist sie auch ein Hinweis darauf, dass Bild und Rahmen von ihren Besitzern nur selten als untrennbare Einheit gesehen wurden. Mit jedem Rahmenwechsel erhielten die Gemälde einer Sammlung ein neues, dem Geschmack der Zeit entsprechendes Kleid, um mit der Innenraumgestaltung zu harmonieren.

An der Herstellung eines Rahmens waren zahlreiche Handwerker beteiligt, darunter Kistler, Bildhauer und Vergolder. Nicht nur Holz wurde verarbeitet und mit Blattgold oder -silber veredelt. Unter den Bilderrahmen, die in dem Buch “Rahmenkunst” bestaunt werden können, sind auch jeweils ein Exemplar mit einer aufgelegten Platte aus Jaspachat, mit Strohintarsien und mit einem Muschel- und Ledermosaik zu finden.

Im großzügig gestalteten Katalog wird jeder Rahmen seitenfüllend abgebildet. Einer detaillierten Beschreibung können Informationen zu Besonderheiten, Herstellung, Provenienzgeschichte und zugehörigem Gemälde entnommen werden. In einigen Fällen wird auch die Rahmenrückseite wiedergegeben, um eine Schlagmarke, Aufkleber oder Beschriftungen zu zeigen.

Am Beginn des chronologisch geordneten ersten Katalogteils, der einen Überblick über die Rahmenkunst gewährt, steht ein um 1560 geschaffener runder Kapselrahmen. Den zeitlichen Abschluss des Streifzugs durch die Rahmenkunst macht ein um 1830 datierender Empirerahmen.

Viele der im Buch vorgestellten Galerie- und Kabinettrahmen entstanden im Zusammenhang mit Raumausstattungen bayerischer Schlösser, Residenzen und fürstlicher Gemäldegalerien. Im zweiten Teil des Katalogs sind die Rahmen daher nach den Orten, für die sie angefertigt wurden, gereiht.

“Rahmenkunst” ist ein Buch voller Überraschungen, das dazu animiert beim nächsten Museumsbesuch nicht nur den gemalten Kunstwerken, sondern auch ihren wunderbaren Rahmen Aufmerksamkeit zu schenken

© Ch. Ranseder

Rahmenkunst: Auf Spurensuche in der Alten Pinakothek

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Augenschmaus

Sonntag, 07. März 2010

Non-Fiction

Ingried Brugger, Heike Eipeldauer (Hgg.)
Augenschmaus
Vom Essen im Stillleben

Prestel 2010, 248 S., zahlr. Farbabb. 
ISBN 978 3 7913 5016 5

Augenschmaus: Vom Essen im Stillleben

Das schmucke Buch “Augenschmaus. Vom Essen im Stillleben” hält was sein Titel verspricht. Ob staunenswerter Riesenrettich, prunkvolles Tischgeschirr oder die Reste einer kargen Mahlzeit - die ausgewählten Kunstwerke sind ein sinnlicher Genuss, der die Fantasie beflügelt. Die Vorstellung von Geschmack und Geruch der dargestellten Nahrungsmittel, das Erfinden von passenden Rezepten und das Spekulieren über illustre Tischgesellschaften spornen zu vergnüglicher geistiger Tätigkeit an. Heute setzen Food-Stylisten Leckereien und Geschirr für Lifestyle-Magazine und edle Kochbücher in Szene, früher griffen virtuose MalerInnen zum Pinsel.

Die kunstfertig komponierten Stillleben berichten nicht über heroische Taten, der Mensch ist in ihnen nur indirekt präsent. Dennoch kann, wer sehen will, in ihnen Geschichten von den kleinen Freuden und Ritualen des häuslichen Alltags entdecken. Stillleben erzählen von Hingabe und Askese, Sinnesfreuden und deren Beherrschung, dem Stolz an Besitz von Statussymbolen, Prunksucht und Bescheidenheit, Lebenslust und dem Bewusstsein der Sterblichkeit. In Zeiten periodisch wiederkehrender Hungersnöte mag ein stattlicher Schinken den ultimativen - und daher bildwürdigen - Luxus verkörpert haben. Kostbare Pokale aus Edelmetall, chinesisches Porzellan und andere Preziosen waren in der frühen Neuzeit alles andere als gewöhnlich.

Die Geburt des autonomen Stilllebens im Lauf des 16. Jahrhunderts belebte den Kunstmarkt. Sammler und Genießer schätzten die Werke von KünstlerInnen, die Nahrungsmittel, Hausrat und exotische Kuriositäten einsetzten, um Aussagekräftiges und Schönes zu schaffen. Von den Mitgliedern der akademischen Kreise, in denen Historiengemälde als die Krönung der malerischen Schöpfung galten, wurde das Stillleben jedoch lange Zeit als niedrig geschmäht. Diese Beurteilung erwies sich als kurzsichtig, denn das geringe Ansehen des Stilllebens wurde von KünstlerInnen als Chance begriffen: In diesem Genre konnten sie sich ganz der Lust am Malen hingeben und so neue Wege beschreiten. Diese Flexibilität des Stilllebens als vielseitiger Bedeutungs- und Ausdrucksträger lässt sich an den mehr als 90, in “Augenschmaus. Vom Essen im Stillleben” präsentierten, Kunstwerken ablesen. Zeitlich spannt sich der Bogen von den Anfängen des Stilllebens, als die in den Vordergrund gerückten Lebensmittel noch von szenischen Darstellungen begleitet waren, über das goldene Zeitalter des autonomen Stilllebens im 17. Jahrhundert bis zur zeitgenössischen Videokunst. Damit bietet sich BetrachterInnen die einzigartige Möglichkeit des mühelosen Vergleiches.

Der Wandel der Sachkultur lässt sich an den Stillleben ebenso ablesen wie die Verschiebung der Interessen ihrer Schöpfer. Die MalerInnen des 16. und 17. Jahrhunderts brillierten in der Darstellung der sinnlichen Qualitäten von Nahrungsmitteln und Gegenständen. Sie waren Meister der Wiedergabe unterschiedlicher Texturen, Oberflächen und Spiegelungen. Den KünstlerInnen des 19. und 20. Jahrhunderts hingegen waren die Überwindung der Form, das Experiment mit malerischen Ausdrucksmitteln und schließlich die technischen Möglichkeiten der Neuen Medien ein Anliegen.

Die zahlreichen in “Augenschmaus” versammelten Essays und Katalogbeiträge beleuchten das Phänomen des kulinarischen Stilllebens von allen Seiten. Wie ein gutes Büffet bietet das Buch von allem etwas: Kunsthistorische Analysen des Genres, Betrachtungen zu Esskultur und Tischsitten, tiefsinnige philosophische Überlegungen zur Konsumkultur, Gender-Aspekte der Stilllebenmalerei und vieles mehr. Nur die Realienkunde wird - wie so oft - außer acht gelassen. Das ist schade, denn Stillleben stellen gemeinsam mit Archäologie und musealen Sammlungen eine hervorragende Quelle für die Erforschung der Sachkultur dar. Hungrige Hobbyköche werden sich über die in den Katalogteil eingestreuten Rezepte von Starköchen freuen. Die Zeichen der Zeit gehen auch an Begleitpublikationen von Ausstellungen nicht vorbei.

Die Ausstellung “Augenschmaus. Vom Essen im Stillleben” ist noch bis zum 30. Mai ‘10 im Bank Austria Kunstforum in Wien, zu sehen.

© Ch. Ranseder

Augenschmaus: Vom Essen im Stillleben

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Wenn sie ein Mann wäre

Freitag, 01. Januar 2010

Non-Fiction

Michael Spang  
Wenn sie ein Mann wäre
Leben und Werk der Anna Maria van Schurman

WBG 2009, 240 S.
ISBN 978 3 534 21630 7

 Wenn sie ein Mann wäre: Leben und Werk der Anna Maria van Schurmann (1607-1678)

Anna Maria van Schurman (1607-1678) war hochbegabt, daran besteht kein Zweifel. Ihr künstlerisches Schaffen bewegte sich auf professionellem Niveau. Sie erlernte über 12 Sprachen, beherrschte die Regeln des wissenschaftlichen Diskurses und machte sich einen Namen als in der Theologie versierte Gelehrte, die sich auch mit dem Zugang von Frauen zu Bildung beschäftigte. Ihr selbst wurde das Privileg zuteil, Vorlesungen an der Universität besuchen zu dürfen - versteckt in einem aus Holz gezimmerten und mit Stoff bespannten Verschlag sitzend.

Wer war diese zu ihren Lebzeiten berühmte Frau? Was trieb sie an? Antworten auf diese Fragen sind in der Biographie “Wenn sie ein Mann wäre. Leben und Werk der Anna Maria van Schurman” zu finden. Michael Spang schildert in diesem hervorragenden Buch wortgewaltig und wissenschaftlich fundiert den Lebensweg der wissensdurstigen Tochter aus höherem Haus vor dem Hintergrund des politischen und religiösen Zeitgeschehens. Das gelingt ihm so vortrefflich, dass er mich als Rezensentin ein wenig in die Zwickmühle bringt. Ein guter Text lässt, ganz wie ein großartiges Kunstwerk, Spielraum für eine Vielzahl an Deutungsmöglichkeiten. Die Lektüre von “Wenn sie ein Mann wäre” rief in mir Assoziationen und Interpretationen wach, die in meinem Geist eine (Re-)Konstruktion der Persönlichkeit Anna Maria van Schurmans mit dunkleren Untertönen entstehen ließen, als sie im Buch präsentiert wird.

Für mich ist Anna Maria van Schurman eine Zerrissene, an deren Biographie sich sehr gut ablesen lässt, welchen Belastungen ein wacher Geist in einem restriktiven, religiös dominierten Umfeld unterworfen ist. Ihre Transformation vom gelehrten Wunderkind zum religiösen Groupie ist letztlich die Geschichte eines Scheiterns, auch wenn sie selbst dies im Rückblick auf ihr Leben nicht so gesehen hat. Die frühe Indoktrination durch van Schurmans strenggläubigen Vater, der dem Mädchen neben der religiösen Unterweisung einen von ihm kontrollierten Zugang zu Bildung ermöglicht, führt dazu, dass für sie lebenslang jeder Erwerb von Wissen oder Fertigkeiten auf die Religion hin ausgerichtet ist. In ihren Jugendjahren wirkt sie wie eine Getriebene: Dichtung, Malerei, Plastik, Kupferstich, Sprachen, Theologie, ihr Wissensdurst scheint keine Grenzen zu kennen. Studium als Selbstgeißelung? Als Ablenkung von den Verlockungen der Welt und der Freude an den eigenen Leistungen? Anna Maria van Schurman glänzt in jedem Fach, wird bekannt und zeigt ja doch einen Hauch von Extrovertiertheit. Schon als 15-Jährige klinkt sie sich in den Briefwechsel der Gelehrtenrepublik ein. Briefe bleiben ihr bevorzugtes Medium - sie sind einer Frau angemessen, werden aber dennoch von den (männlichen) Empfängern weitergereicht, in einigen Fällen auch publiziert. Eine geschickte Taktik für jemanden, der immer wieder beteuert, nicht gerne in der Öffentlichkeit zu stehen. Zumal so auch vermieden wird, durch eine eigenständige Publikationstätigkeit in offene Konkurrenz zu den Gelehrten zu treten. Auffallend ist auch, dass Anna Maria van Schurman nach dem unerwarteten Tod des Vaters, 1623, nach Vaterfiguren und väterlicher Autorität zu suchen scheint. Die im Buch “Wenn sie ein Mann wäre” zitierten Beispiele aus ihren Briefwechseln zeigen eine emotionale Schaukelbewegung aus Demutsbekundung - eigene Meinung vertreten - Demutsbekundung, bei der sich die Frage aufdrängt: Ist das jetzt Unsicherheit oder Kalkül?

Ein Thema, das van Schurman lange Zeit beschäftigt, ist die Frauenbildung. 1641 veröffentlicht sie ihre “Dissertatio”, ihr einziges eigenständig publiziertes Werk. Weitergebracht hat diese Schrift den Emanzipationsdiskurs nicht. Van Schurmann ist keine Wegbereiterin. Im Gegensatz zu anderen Frauen, die sich für Frauenbildung und Frauenrechte einsetzen, ist ihr Blick rückwärts gewandt, ihre Haltung traditionsgebunden. Aus heutiger Sicht lesen sich Anna Marias Argumente für die Frauenbildung wie die Rechtfertigung ihres eigenen Tuns, gepaart mit einer gehörigen Portion Standesdünkel. Nur christlichen, begabten Frauen mit Vermögen, die dazu die Muße hätten, solle Bildung durch privaten Unterricht zuteil werden. Van Schurmann war reich, unverheiratet und hatte jede Menge Zeit - zumindest bis zum Tod ihrer Mutter, 1637. Ist vielleicht die von ihr in einem -quasi als Test für die “Dissertatio” dienendem - Brief aus demselben Jahr vertretene Ansicht, für Ehefrauen und andere mit Haushalts- und familiären Angelegenheiten betraute Frauen sei Bildung keineswegs notwendig, auf einen Groll angesichts der von der Mutter auf sie übergegangenen zeitraubenden Pflicht der Haushaltsführung zurückzuführen?

Mit fortschreitendem Alter geht jedenfalls Anna Marias Beschäftigung mit wissenschaftlichen Fragen zurück. Stattdessen gewinnt ihre Religiosität, die selbst für damalige Verhältnisse zum Extrem tendiert, die Oberhand. Die Abneigung der gebildeten Frau gegen alles Weltliche wächst ebenso wie ihre Ansicht, dass es mit der Kirche bergab gehe. In letzter Konsequenz gibt die vielseitig Begabte ihr Leben in Utrecht auf, um sich der Sekte von Jean de Labadie anzuschließen. Ihm folgt sie in ihren letzten Jahre von Amsterdam nach Herford, Altona und schließlich auf Schloss Walta. In diesen Jahren verfasst sie ihre Autobiographie “Eukleria oder die Wahl des besseren Teils”. Anna Maria van Schurman - eine gequälte Seele, die im Alter innere Ruhe gefunden hat?

“Jede Biographie ist eine Hypothese, ist eine Wirklichkeit von vielen und notwendig subjektiv.” schreibt Michael Spang in der Einleitung des Buches. Das Verarbeiten der in einem Text dargebotenen Information ist nicht minder subjektiv. LeserInnen mögen sich also eine eigene Meinung bilden.

“Wenn sie ein Mann wäre. Leben und Werk der Anna Maria van Schurman” ist ein lesenswertes Buch über eine Frau, die in einem inneren Kampf zwischen Begabung und Bestimmung gefangen, gerade durch ihre Ambivalenz fasziniert.

© Ch. Ranseder

Wenn sie ein Mann wäre: Leben und Werk der Anna Maria van Schurmann (1607-1678)

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Botanischer Garten Bern

Donnerstag, 10. Dezember 2009

Non-Fiction

Fred Zaugg, Adrian Moser
Botanischer Garten Bern 
Haupt 2009, 240 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 258 07540

 Botanischer Garten Bern

In einem Außenbezirk von Wien, dort wo Stadtrandverbauung und Wienerwald aufeinander treffen, steht ein Apfelbaum. Ich kenne und liebe ihn seit meiner Kindheit. Jeden Frühling verleihen ihm tausende Blüten das Aussehen einer fröhlichen Wolke. Jeden Herbst biegen sich seine Äste unter der Last der vielen, dicht an dicht hängenden roten Äpfelchen. Jetzt steht das Grundstück zum Verkauf und ich fürchte den Tag an dem das Geräusch der Motorsäge erschallt und das Leben dieses wunderbaren alten Baums jäh beendet wird.

In Bern, Schweiz, befindet sich ein herrlicher botanischer Garten. Auch er ist bedroht.

150 Jahre ist es her, dass der Botanische Garten Bern seinen Standort in Rabbental gefunden hat. Zum Jubiläum ist ihm ein ungewöhnliches Buch mit dem schlichten Titel “Botanischer Garten Bern” gewidmet. Es ist so schön und vielfältig wie die Anlage, von der es berichtet. Schon der Bucheinband verheißt, ganz wie der Garten selbst, stille Freuden: Wie von Mondlicht beschienen, zeichnen sich die cremeweiß schimmernden Schattenrisse von Pflanzen auf dem, in einem geheimnisvollen Grünton gehaltenen, Leinen ab. Im Buchinneren offenbart sich in den Fotografien von Adrian Moser die ganze Pracht des Botanischen Gartens Bern. Ob der Blick nun über Alpinum, Jahreszeiten-Wildgarten, Teichufer, Waldgarten, Grotte, Bauerngarten, Schmetterlingsgarten oder Heilpflanzengarten schweift: Ein Areal ist schöner als das andere. Stattliche Bäume, üppiges Grün und buntes Blütenmeer verlocken zum Erkunden. Namenschildchen verraten, was man vor sich hat. In den Glashäusern sind die Exoten und Empfindlichen untergebracht. Aus ungewöhnlichen Blickwinkeln aufgenommene Pflanzenporträts machen mit dem botanischen Bestand im Freiland und unter Dach bekannt. Ob die Schnecke am Wegesrand, der Farbenrausch der herbstlich verfärbten Blätter oder das Glitzern des alles bedeckenden Schnees - gekonnt fängt der Fotograf die zauberhafte Stimmung des Gartens ein. Auf einigen Bildern betreten Menschen die Bühne der Natur. Wer sie sind und warum sie einen Platz in dem Buch über den Botanischen Garten Bern gefunden haben, ist aus den Texten von Fred Zaugg zu erfahren. Und mit dem Wort kommt auch der Schock der Ernüchterung, werden BetrachterInnen der idyllischen Bilder schnell wieder in die brutale, von der Jagd nach Rendite bestimmte, Realität zurückgeholt.

Dreimal drohte dem Botanischen Garten Bern seit 1999 die Schließung. Fred Zauggs Texte sind ein Plädoyer für dessen Erhalt. Mit seinen vielschichtigen, sehr persönlich gefärbten Essays, Porträts und Erzählungen hat er eine elegante Lösung gefunden, um darzulegen wie wichtig der Botanische Garten Bern ist: Als Ort des Forschens und Bewahrens, Lernens und Entdeckens, der Inspiration und Erholung.

Was der Botanische Garten für die Menschen bedeutet, wird in den auf Interviews basierenden Porträts von Männern und Frauen deutlich, die für den Fortbestand dieses einzigartigen Ortes kämpfen oder als BesucherInnen hier Kraft und Inspiration schöpfen. Es sind diese zwanzig, für die Kapitel “Die Menschen und ihr Garten” Befragten, die LeserInnen auf den Fotos aus der üppigen Vegetation entgegenblicken. Wie sie zum Botanischen Garten gefunden haben, ist so verschieden wie die von ihnen genannten Lieblingsblumen.

In den “Gartenräume”-Kapiteln hingegen, wird die Aufmerksamkeit auf einzelne Bereiche dieser Oase mitten in der Stadt und zu bewundernde botanische und zoologische Schätze gerichtet. Von Alpinum und Heilpflanzengarten über die ältesten Bäume und die in Palmenhaus und Wildgarten flatternden Schmetterlinge bis zum Herbarium und den Angeboten der Gartenpädagogik spannt sich der Bogen. Nicht nur einheimischen Pflanzen und Tieren begegnet man auf Freiflächen und in Glashäusern, sondern Schönheiten aus der ganzen Welt. Schritt für Schritt offenbart sich der Artenreichtum der Natur. Studenten des Instituts der Pflanzenwissenschaften der Universität Bern können hier ihr Wissen vertiefen, während andere Besucher sich ganz dem Genuss des schönen Anblicks hingeben.

Die Geschichte des Botanischen Gartens schlängelt sich als roter Faden durch das Buch. Zu ihr gesellen sich in den als “Geschichten” ausgewiesenen Kapiteln Erzählungen, die den Garten und seine Pflanzen mit Erinnerungen des Autors, historischen Begebenheiten, Literatur, Kunst und Philosophie vernetzten. Geschickt verpackt wird wortgewandt Stoff zum Nachdenken geboten: über Kleinigkeiten, welche das Leben lebenswert machen; über die Auswüchse des modernen Kulturbetriebs; oder über die Symbolkraft eines Baumes. Mehrmals bezieht Fred Zaugg im Buch auch expliziter Stellung und findet deutliche Worte zum Überlebenskampf des Botanischen Gartens Bern und der Kurzsichtigkeit der Politik. Hut ab, vor diesem Mut!

Botanische Gärten gehören zu den großen kulturellen Errungenschaften der Menschheit. In einer Zeit, in der Pflanzen und Tiere mit beängstigender Geschwindigkeit von unserem Planeten verschwinden und sich die Menschen Zusehens ihrer Umwelt entfremden, lässt sich der Wert eines öffentlichen Raums, der ein stilles Genießen der reichen Gaben der Natur ebenso ermöglicht wie selbstbestimmtes Lernen, nicht in Geld bemessen. Es sollte in unser aller Interesse sein, diese lebenden Archive zu schützen und für ihren Fortbestand zu sorgen. So bleibt zu guter Letzt nur zu hoffen, dass dieses wunderbare Buch über den Botanischen Garten Bern nicht zum Schwanengesang vor dessen Untergang wird. Für die nächsten vier Jahre ist der Betrieb wenigstens gesichert. Mehr über den Botanischen Garten Bern und seine botanischen Kostbarkeiten ist im Internet auf den vorzüglichen Seiten zu erfahren.

© Ch. Ranseder

Botanischer Garten Bern

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Interior Design 1 + 2

Mittwoch, 09. Dezember 2009

Non-Fiction

Graeme Brookner, Sally Stone
form + struktur
Interior Design Basics 01

Stiebner 2009,176 Seiten, zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8307 1372 2

 Interior Design Basics 01. Form und Struktur

Graeme Brookner, Sally Stone 
kontext + raum
Interior Design Basics 02

Stiebner 2009, 176 Seiten, zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8307 1373 9

 Interior Design Basics 02. Kontext und Raum

Der moderne Mensch verbringt einen Großteil seiner Zeit vor einem Bildschirm. Computermonitore, Infoscreens und Fernseher begleiten uns durch den Tag. Kein Wunder also, dass die positive Erfahrung des dreidimensionalen Raumes für viele befreiend wirkt. Dabei spielt es keine Rolle, ob die emotionale Reaktion bewusst wahrgenommen wird oder nicht. Concept Stores, gestylte Restaurants oder Museumsneubauten werden nicht nur wegen des gelungenen Marketing-Hypes aufgesucht, sondern weil sie uns - unter anderem - einzigartige Raumerlebnisse ermöglichen. Doch bis das vollendete Werk des (Innen-)Architekten von Auftraggebern und Publikum genossen werden kann, ist es ein weiter Weg.

Die neue Reihe Interior Design Basics macht mit den Grundzügen der Innenarchitektur vertraut. Gleich vorweg sei angemerkt, dass es in den beiden vorliegenden Bänden nicht um die Behübschung von Wohnungen geht. Wie in jeder hoch entwickelten Disziplin gibt es auch in der Innenarchitektur feine Abstufungen der Tätigkeitsfelder. Graeme Brooker und Sally Stone beginnen daher den ersten Band der Serie, form + struktur, mit der Definitionen von Innenarchitektur, Interior Design und Inneneinrichtung. Dabei geht es weniger um die Differenzierung beruflicher Aufgabengebiete als um Kategorien des Umganges mit dreidimensionalen Baukörpern beziehungsweise den von ihnen umschlossenen Raumvolumina.

In “form und struktur” erläutert das Autorenteam Aufgaben und Grundlagen der Innenarchitektur, die sich mit bereits bestehenden Gebäuden und Innenräumen befasst. Schritt für Schritt werden in sechs Kapiteln die für einen gelungenen Entwurf notwendigen Vorarbeiten sowie die wichtigsten Prinzipien der Organisation und Gestaltung von Innenräumen vorgestellt. Dabei steht der Designprozess im Mittelpunkt. Dieser beginnt mit der Analyse von Konstruktion und Geschichte eines Bauwerkes sowie dessen Umgebung und endet mit der Auswahl jener Komponenten, die maßgeblich zur Schaffung einer bestimmten Atmosphäre beitragen. Um das Erscheinungsbild eines Raumes der gestellten Bauaufgabe sowie den Bedürfnissen der Auftraggeber und Benutzer anzupassen, kann aus einer Vielzahl von Möglichkeiten gewählt werden. Kompakt, übersichtlich und von exzellenten Grafiken begleitet, werden die einzelnen Verfahren - Intervention, Insertion, Installation, Verblendung und Einbau - erklärt.

“kontext + raum” greift einen im ersten Band der Reihe nur angerissenen Einzelaspekt heraus und ergründet ihn tiefer. In diesem Buch dreht sich alles um die Wechselwirkung zwischen Innenraum, Gebäude und Umwelt. Große Bedeutung wird dabei den Themen Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein beigemessen. Im Rahmen der Kontextanalyse werden die Eigenschaften und Geschichte des Gebäudes, dessen Lage und Interaktion mit benachbarten Bauwerken ebenso untersucht wie die Eingangssituation, die Bewegung innerhalb der architektonisch vorgegebenen Raumhülle sowie visuelle Verbindungen von Innen nach Außen. All dies wirkt sich letztlich auf die Wahrnehmung des Innenraumes und dessen Gestaltung aus. Auch Umweltfaktoren, also Licht, Temperatur oder Feuchtigkeit, können eine entscheidende Rolle darin spielen, ob ein Raum als angenehm empfunden wird. Sie müssen im Rahmen des Designprozesses berücksichtigt und gegebenenfalls technisch reguliert werden. Nicht zuletzt gewinnen in Zeiten des Klimawandels der sorgsame Umgang mit Ressourcen, Recycling sowie der Einsatz von Fund- und historischen Versatzstücken an Bedeutung.

In beiden Büchern verdeutlichen Fallbeispiele aus der Praxis die Grundsätze der Innenarchitektur. Die geschilderten Prinzipien können mittels prägnanter Texte und reichhaltigem Bildmaterial an tatsächlich realisierten Projekten nachvollzogen werden. Dies fördert das Verständnis der Anwendungsmöglichkeiten, regt die kritische Auseinandersetzung an und schult den Geschmack. Auffallend sind allerdings der hohe Anteil von Gebäuden mit kultureller Nutzung sowie das Fehlen von Projekten, die sich mit der Raumgestaltung von Spitälern, Kindergärten, Altenheimen, Flug- und Bahnhöfen etc. auseinandersetzen. Spiegelt sich hier etwa das nicht selten triste innere Erscheinungsbild eines notwendigen, wenngleich wenig glamourösen Sektors der Nutzbauten?

Der Aufbau und die Gestaltung der neuen Reihe Interior Design Basics folgen einem Konzept, das sich bereits für die Vermittlung von Basiswissen der Grafik und Mode bewährt hat. Als Einführung in die Welt der Innenarchitektur sind sowohl “form und struktur” als auch “kontext + raum” bestens geeignet und daher jedem zu empfehlen, der sich mit dem Gedanken trägt, ein Innenarchitektur- oder Architekturstudium zu beginnen. Fachstudenten, Einsteigern in die Berufspraxis und Menschen, die sich neigungsbedingt mit ihrer gebauten Umwelt auseinandersetzten, werden die beiden Bücher als Nachschlagwerke oder Analysehilfen gute Dienste leisten.

© Ch. Ranseder

Interior Design Basics 01. Form und Struktur

Interior Design Basics 02. Kontext und Raum

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James Cook

Mittwoch, 09. Dezember 2009

Non-Fiction

Kunst und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Museum für Völkerkunde Wien, Historisches Museum Bern (Hgg.)
James Cook und die Entdeckung der Südsee
Hirmer 2009, 276 S., zahlr. Farb- und Sw-Abb.
ISBN 978 3 7774 2121 6

James Cook und die Entdeckung der Südsee

Nichts vermag den Ruhm so zu beflügeln wie ein unerwarteter Tod unter ungeklärten Umständen. Das gewaltsame Ableben von James Cook auf Hawaii ist keine Ausnahme. Dem Seefahrer wurden posthum Gedichte, Theaterstücke, Gemälde, Münzen und Medaillons gewidmet. Sein Name wurde zum Synonym der Erforschung der Südsee.

Auch in dem Buch “James Cook und die Entdeckung der Südsee”, das anlässlich der gleichnamigen Ausstellung erschienen ist, dient Cook als Leitfigur. Die drei Reisen unter seinem Kommando führen als roter Faden durch die Weiten des Themenspektrums einer stattlichen Anzahl von Aufsätzen, die als Inseln des Wissens von den im Geiste mitreisenden LeserInnen angelaufen werden können. Entlang des Weges ist die Person James Cooks (1728-1779) der Ausgangs- und Referenzpunkt für die Erzählung über die Geschehnisse und Leistungen, die in Verbindung mit den Weltumsegelungen stehen: Von den Errungenschaften der an den Expeditionen teilnehmenden Wissenschaftler und Künstler über den zu dieser Zeit herrschenden Forschungsstand bis zu den Begegnungen mit den Bewohnern des Pazifiks spannt sich der Bogen der 26 Essays. Erfreulich ist der in den Texten dargebotene Facettenreichtum der Sichtweisen. Cooks Tod durch die Hand eines hawaianischen Kriegers ist dafür ein gutes Beispiel. Sowohl die eurozentrische Schilderung und Interpretation der Bluttat als auch die hawaianische Sicht des historischen Ereignisses und seines Kontexts werden ausführlich dargelegt. Dass nicht nur die Perspektive der Entdecker, sondern auch jene der Entdeckten berücksichtigt wird, ist eine Bereicherung des Wissens über eine Epoche die prägend für das europäische Selbstverständnis war.

Die Abenteuer des unerschrockenen Kapitäns, der vor allem als Kartograph und Navigator große Leistungen vollbrachte, stehen in engem Zusammenhang mit der Aufklärung und dem Bestreben die Welt zu erforschen. So hatte Cook nicht nur den Auftrag Land für England in Besitz zu nehmen und den großen Südkontinent zu suchen, er sollte auf seiner ersten Reise auch Tahiti anlaufen, um dort gemeinsam mit dem Astronom Charles Greene den Venusdurchgang zu beobachten. Weitere Stationen dieser von 1768 bis 1771 dauernden Entdeckungsfahrt waren Neuseeland, Australien und Batavia. Dass sich gerade Cooks erste Reise als Meilenstein für die Wissenschaft erwies, war jedoch weder ihm noch der Weitsicht der Admiralität, sondern dem Privatgelehrten Joseph Banks zu verdanken, der sich auf eigene Kosten mit seinem Forschungsteam an der Reise beteiligte. Die von ihnen gesammelten Pflanzen und Tiere, ethnografischen Objekte, Zeichnungen und Gemälde gingen in die Tausende. Kaum zurück in England war Mr. Banks Reise in aller Munde. An der nächsten Expedition in die Südsee nahm Joseph Banks wegen seines Zerwürfnisses mit der Admiralität nicht teil. Als Cook 1772 neuerlich in See stach, befanden sich als Naturforscher Johann Reinhold Forster und sein Sohn Georg an Bord. Die Fahrt ging nach Neuseeland, Tahiti, Tonga, Vanuatu, Neukaledonien sowie zu den Oster- und Marquesas-Inseln. Diesmal gehörte nach der Rückkehr 1775 die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit ganz James Cook - der es sich nicht nehmen ließ, den Abschlussbericht selbst zu schreiben.

Für die dritte Reise, die 1776 begann und nach Tonga, Tahiti, der nordamerikanischen Pazifikküste und Hawaii führte, verzichtete Cook auf die Mitnahme von offiziellen Wissenschaftlern. Die Bedeutung der bildlichen Dokumentation wurde allerdings erkannt und in die Hände des Malers John Webber gelegt.

Den von zahlreichen Abbildungen aufgelockerten Essays des Buches “James Cook und die Entdeckung der Südsee” steht ein vortrefflich bebilderter Katalog zur Seite, der 599 Einträge umfasst. Nahezu jedes der Objekte ist mit einer ausführlichen Erklärung versehen. Es zahlt sich aus, in diesen zumindest zu schmökern, denn sie geben - zum Teil belebt durch Zitate aus den Aufzeichnungen der Expeditionsteilnehmer - faszinierende Details preis. Von den zwischenmenschlichen Beziehungen der Expeditionsteilnehmer ist im Kleingedruckten ebenso zu lesen wie über Beobachtungen von Ritualen und die Verwendung von Navigationsinstrumenten oder ethnografischen Artefakten.

Wer Auszüge aus den Reisedokumentationen und repräsentative Objekte im Original bestaunen möchte, hat bis Februar 2011 noch an folgenden Orten die Gelegenheit zu einem Besuch der Ausstellung “James Cook und die Entdeckung der Südsee”:
Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland 28. August 2009 bis 28. Februar 2010, Museum für Völkerkunde Wien 10 Mai bis 13. September 2010, Historisches Museum Bern 7. Oktober 2010 bis 13. Februar 2011

© Ch. Ranseder

James Cook und die Entdeckung der Südsee

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Geografische Kostbarkeiten

Dienstag, 17. November 2009

Non-Fiction

Jan Mokre (Hg.)
Annäherungen an die Ferne
Geografische Kostbarkeiten aus der Österreichischen Nationalbibliothek

Kremayr&Scheriau 2009, 224 S., zahlr. Farb- und Sw-Abb.
ISBN 978 3 218 00795 5

  Annäherungen an die Ferne: Geografische Kostbarkeiten aus der Österreichischen Nationalbibliothek

Habgier kennt keine Grenzen. Weltumspannendes Agieren auf der Suche nach Profit ist keinesfalls eine Erscheinung des 20. und 21. Jahrhunderts. Die Globalisierung mag auf einem vorläufigen Höhepunkt angekommen sein, ihre Wurzeln hingegen reichen tief in die Vergangenheit zurück.

Als die Europäer sich aufmachten die Welt zu entdecken, taten sie dies nicht weil ihnen Fragen der Wissenschaft oder Erkenntnisgewinn um seiner selbst willen am Herzen lagen. Es ging, wie immer, um Geld und Macht. Expeditionen wurden ausgesandt, um Land in Besitz zu nehmen, wertvolle Rohstoffe auszubeuten und Luxusgüter zu finden. Die zu Beginn des 17. Jahrhunderts gegründeten Handelsgesellschaften genossen Privilegien und konnten in vieler Hinsicht wie ein Staat auftreten. Das Sammeln von Informationen erfolgte als zweckgebundene Begleiterscheinung, die gewonnenen Kenntnisse wurden oft geheim gehalten. Wer sich die Erde untertan machen möchte, muss erst einmal wissen, wie sie aussieht und beschaffen ist, wer beziehungsweise was auf ihr lebt und wie man am schnellsten von Punkt A nach Punkt B kommt. Die Vermessung der Welt ging Hand in Hand mit einer Bestandsanalyse. Fleißig wurde gezeichnet, beschrieben und gesammelt. Reisen erweitert - nolens volens - den Horizont. Kartenwerke, Reiseberichte, ethnografische und geografische Schilderungen, botanische und zoologische Schriften sowie Sammlungen von Objekten aller Art vermittelten den europäischen Eliten Kenntnisse über ferne Länder und ihre Bewohner. Dreh- und Angelpunkt der Verbreitung des neuen geografischen Wissens waren die Verlagshäuser, die aufwändig gestaltete Atlanten und Bücher über die Menschen, Flora und Fauna fremder Erdteile herausbrachten. Heute gehören diese historischen Zeugnisse der Erkundung der Welt zu den Beständen großer Universalbibliotheken, zu denen auch die Österreichische Nationalbibliothek zählt.

In dem reich bebilderten Buch “Annäherungen an die Ferne” präsentiert die Österreichische Nationalbibliothek Kostproben aus ihrer Sammlung geografischer Aufzeichnungen. Im Mittelpunkt der Betrachtung des europäischen Wissensstandes über Afrika, Asien und Amerika steht das 17. Jahrhundert, in dem nicht nur der Fernhandel erblühte, sondern auch das Verlagswesen Glanzleistungen hervorbrachte. Zu den schönsten, umfangreichsten und zu seiner Zeit teuersten Atlanten zählt der, 1662 im Amsterdamer Verlag Blaeu erschienene, “Atlas Maior sive Cosmographia Blaviana”. Mit seinen über 600 Karten stellt er - gleichsam als Spiegel der zu dieser Zeit bestehenden Kenntnisse über das Aussehen der Erde - eine einzigartig reichhaltige Bildquelle dar.

Jede der für das Buch “Annäherungen an die Ferne” ausgesuchten Bildquellen hat ihren eigenen visuellen Reiz. Im 17. Jahrhundert gab es auf den Landkarten noch viele weiße Flecken. Der Fernhandel erfolgte weitgehend auf dem Seeweg, folglich waren die Küsten und ihr Hinterland bis ins 19. Jahrhundert besser bekannt und erforscht als das Innere der Länder und Kontinente. Zeichner griffen oft auf fragwürdige Berichte zurück und ließen ihrer Fantasie freien Lauf. Sie bevölkerten die Meere mit Ungeheuern und das Festland mit seltsamen Kreaturen, darunter die Acephalen (Kopflosen) und das einäugige Monoculi. Mit der Zeit wurde der Glaube an Mythen wie Eldorado und Fantasiewesen, die in fernen Ländern angeblich anzutreffen seien, durch Beobachtungen und verlässliche Augenzeugenberichte entkräftet. Die Europäer lernten schnell. Ihre von Illustratoren, Kartografen und Kupferstechern festgehaltenen Irrungen machen aus den Bildquellen charmante Zeitzeugnisse.

Was die attraktiven Land- und Seekarten, Kupferstiche mit Szenen des Alltags der fremden Völker, botanischen Illustrationen und anderen Bildquellen nicht selbst Preis geben, ist den hervorragenden Texten zu entnehmen. Nach Kontinenten gegliedert, erzählen die Autoren des Buches “Annäherungen an die Ferne” von den Fahrten und Taten der Eroberer und Kaufleute, die durch ihr Handeln in wenigen Jahrhunderten nicht nur das Anlitz der Erde, sondern auch das Leben fremder Völker gründlich veränderten. Die Europäer waren im Umgang mit der Natur und der indigenen Bevölkerung nicht zimperlich. Selbst kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den Kolonialmächten waren keine Seltenheit, wenn es um den Schutz eines Monopols oder anderer wirtschaftlicher Vorteile ging. Diplomatische Missionen, die vor allem in den Beziehungen zu China und Japan eine bedeutende Rolle spielten, folgten wiederum anderen Regeln. Virtuos verbinden Jan Mokre, Elisabeth Zeilinger und Helga Hühnel in ihren Essays kartografische, politische, völkerkundliche, wirtschaftliche und kulturelle Aspekte der Begegnung Europas mit dem Rest der Welt.

Eine gut bestückte Bibliothek, wie es die Österreichische Nationalbibliothek zweifelsohne ist, kann durch die Präsentation ihrer Schätze zur Zeitmaschine werden. Das Buch “Annäherungen an die Ferne” lädt ein zu einer Reise zurück zu den Anfängen der Globalisierung.

© Ch. Ranseder

Annäherungen an die Ferne: Geografische Kostbarkeiten aus der Österreichischen Nationalbibliothek

siehe auch:
Ausstellungsrezension

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Insekten von Surinam

Montag, 09. November 2009

Non-Fiction

Katharina Schmidt-Loske (Hg.)
Maria Sibylla Merian - Insects of Surinam
Taschen 2009, En./Dt./Fr., 192 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 9783 8228 5278 1

  Merian - Insects of Surinam

Das 1705 erschienene Werk “Metamorphosis Insectorum Surinamensium” ist der brilliante Höhepunkt im Schaffen einer Frau, die mit eisernem Willen ihren eigenen Weg ging. Maria Sibylla Merian (1647-1717) gelang der Spagat zwischen Familie und Berufung, zu einer Zeit als weibliche Selbstverwirklichung die Ausnahme darstellte und Frauen in der Wissenschaft nahezu undenkbar waren. Ihre herausragende Leistung muss daher im Kontext mit der Lebensgeschichte betrachtet werden, da das Werk über die Insekten Surinams eine im Grunde logische Folge der jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit Faltern darstellt.

Aufgewachsen in einem intellektuell geprägtem Künstlermilieu - ihr Vater war der Kupferstecher und Verleger Matthäus Merian d.Ä., ihr Stiefvater der Blumen- und Stilllebenmaler Jacob Marrel, entwickelt Maria Sybilla Merian bereits als 13-jährige ein Interesse für Raupen. Sie verfolgt den Lebenszyklus des Seidenspinners und schreibt ihre erste Abhandlung, “Verwandlung und Veränderung der Seidenwürm”. Glücklicherweise lässt die Familie das begabte Mädchen, das unter anderem Zeichnen, Malen und Kupferstechen erlernt hat, gewähren. Auch der Erwerb des obligatorischen Ehemanns, die Geburt zweier Töchter und der Umzug von Frankfurt nach Nürnberg können Maria Sybilla nicht von ihren naturkundlichen Studien abhalten, die sie um die Suche nach Farbrezepturen erweitert. Ihre erste Veröffentlichung ist jedoch ein Blumenbuch. Wenig später, 1679, erscheint “Der Raupen wunderbare Verwandelung und sonderbare Blumen=Nahrung”. In diesem Buch gibt die Naturforscherin erstmals die Entwicklungsstadien zum Schmetterling, angeordnet auf einer einzelnen (Futter-)Pflanze, wieder. Diese ganzheitliche Darstellung ist etwas völlig Neues. Wo auch immer sich Maria Sybilla Merian aufhält, sammelt sie Raupen - zwei Fortsetzungen des Raupenbuches (1683, 1717) sind die Folge. 1685 verlässt die Künstlerin ihren Mann und zieht mit Töchtern und Mutter bei den Labadisten auf Schloss Waltha ein. In den folgenden Jahren ordnet Merian ihre Zeichnungen und Notizen nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten. Surinam rückt näher, denn Schloss Waltha wird der Sekte vom Gouverneur der holländischen Kolonie zur Verfügung gestellt. Doch zuerst geht es 1691 nach Amsterdam, wo Maria Sybilla den Lebensunterhalt für sich und die Töchter durch den Handel mit Farben und Naturalien sowie der Ausführung von Auftragsarbeiten bestreitet. In der geschäftigen Handelsstadt kann die forschende Künstlerin Sammlungen besuchen, zu deren Exponaten auch Insekten aus Surinam zählen. Ihre Neugier ist geweckt, sie will selbst in dieses Land fahren, um eigene Beobachtungen zu machen. 1699 ist es endlich so weit: Maria Sybilla Merian, mittlerweile 52 Jahre alt, und ihre Tochter Dorothea Maria stechen in See. Zwei Jahre verbringen die beiden Frauen sammelnd, zeichnend und forschend in Surinam, bevor sie gesundheitliche Gründe zur Rückkehr zwingen. Zurück in Amsterdam und wieder genesen macht sich Maria Sybilla voller Tatendrang an die Herausgabe ihres Werkes über die Insekten Surinams.

“Metamorphosis Insectorum Surinamensium” erscheint 1705 und umfasst insgesamt 60 Kupferstiche. Das Geld für die Herstellung des Buches brachte Merian selbst auf, indem sie Subskribenten warb und Auftragsarbeiten annahm. Käufer konnten zwischen einer schwarz-weißen oder einer handkolorierten Fassung des Werkes wählen. Der exquisite Prachtband “Insects of Surinam” des TASCHEN Verlages basiert auf den besonders schön kolorierten Tafeln des in der öffentlichen Bibliothek der Universität Basel befindlichen Exemplars der “Metamorphosis Insectorum Surinamensium”.

Im 18. Jahrhundert präsentierten die 60 Tafeln Ergebnisse der Grundlagenforschung, auf die sogar der Naturwissenschaftler Carl von Linné für sein wegbereitendes Ordnungssystem der Natur zurückgriff. Heute bezaubern Merians Darstellungen durch ihre dekorative Eleganz. Wer in den Medien des 21. Jahrhunderts schon alle Hässlichkeit dieser Erde gesehen hat, ist durch die hübschen Abbilder der “unachtbaren Thierlein” nicht zu erschüttern. Im Gegenteil. Was Merians Zeitgenossen vielleicht als garstig abstoßende Schädlinge angesehen haben, wirkt geradezu niedlich. Auf und um anmutigen, fast ornamental angeordneten Pflanzen tummelt sich eine bunte Insektenschar. Fette Raupen knabbern an saftigen Blättern. Plumpe Kokons und Puppen ruhen auf Ästen und Stängeln. Prächtige Schmetterlinge flattern herum. Käfer krabbeln im Laubwerk oder erheben sich behäbig in die Lüfte. Heuschrecken, Zikaden, Wespen und Ameisen lassen sich gelegentlich blicken. Auf einigen Tafeln hat Maria Sybilla Merian sogar Fösche, Kröten, Eidechsen, Schlangen und Vogelspinnen festgehalten. Auffällig ist das Spiel mit Größenverhältnissen. Merian ist bemüht, die Insekten in Originalgröße wiederzugeben. Die Pflanzen hingegen zeigt sie verkleinert, wohl auch, um möglichst viel von Wuchs und anderen Charakteristika auf dem beschränkten Platz der Tafeln zeigen zu können. Es ist bekannt, dass die Forscherin für ihre Studien auch ein Mikroskop benutzte. Die Künstlerin genießt sichtlich die an den Insekten zu beobachtbaren Farben, Muster und Texturen, die sie nicht nur zeichnet sondern auch beschreibt. Trotz des Bestrebens nach Wahrhaftigkeit der Wiedergabe, verliert die dual Begabte nie den ästhetischen Wert ihrer Bildkompositionen aus den Augen.

Wer mehr über die abgebildeten Insekten und Pflanzen erfahren will, kann allerlei Wissenswertes in den Bilderläuterungen aus der Feder von Katharina Schmidt-Loske erfahren, die Merians Originaltext ersetzen. Die Leiterin des Biohistoricums, Bonn, hat auch den Essay “Maria Sybilla Merians ‘kostbare’ Reise in die Schatzkammer der Natur” zu Leben und Werk der forschenden Künstlerin verfasst. Ergänzendes Bildmaterial, darunter Arbeiten einer der Töchter der Künstlerin, begleitet diesen Text.

“Insects of Surinam” ist ein verführerisch schönes Buch. Maria Sybilla Merians unvergleichliche Darstellungen der Insekten- und Pflanzenwelt Surinams sind eine Augenweide, die niemals an Frische verliert. Auch die Designer des prächtigen Bandes scheinen sich an den dekorativen Krabbeltieren und Räupchen erfreut zu haben. Seitenfüllende Vergrößerungen von Details aus den Tafeln beleben die ohnehin schon attraktive grafische Gestaltung.

Folgen Sie nicht dem in Wohnzeitschriften immer wieder zu bemerkenden Trend, sich aufgespießte Schmetterlingsleichen in Kästchen an die Wand zu hängen. Schaffen Sie sich stattdessen das wunderschöne Buch “Insects of Surinam” an - das schont die Umwelt und stimuliert den Geist.

© Ch. Ranseder

Merian - Insects of Surinam

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Rock ‘n’ Old

Dienstag, 03. November 2009

Non-Fiction

Esther Haase
Rock ‘n’ Old
Kehrer 2009, 128 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 8682 8109 5

  Rock ‘n’ Old

Lebensfreude ist keine Frage des Alters sondern des Anlasses. Die in dem Fotoband “Rock ‘n’ Old” zu bewundernden hochbetagten Frauen und Männer, hatten sichtlich Spass daran, in eine Rolle zu schlüpfen und sich als Model fantasievoll in Szene setzen zu lassen. Große Roben und schöner Schmuck stehen ihnen gut. Wagemutig werfen sich die Senioren in Pose, albern herum oder lassen arrogant den Blick schweifen. Hohes Alter hindert nicht daran gute Figur zu machen.

Seit vielen Jahren fotografiert Esther Haase Patienten der Ambulanten Pflegestation Jahnke für den Kalender der privaten Einrichtung. Angesichts der steigenden Lebenserwartung der Menschen in der westlichen Welt, ist das dahinterstehende Konzept wegweisend. Auch im Alter wirken Begegnungen mit neuen Situationen, welche der Fantasie Freiräume gewähren, belebend. Eine Auswahl der schönsten Kalenderbilder ist nun mit dem treffenden Titel “Rock ‘n’ Old” als Buch erschienen. Betrachter bleiben emotional nicht unberührt.

Dass die Fotografin unter anderem für die provozierende Kontraste liebende Modebranche arbeitet, ist vielen der Arbeiten anzusehen. Themen und Bildsprache der erzählten Geschichten rufen immer wieder Assoziationen zu Werbekampagnen und Fotostrecken in Modemagazinen wach. Doch im Unterschied zu diesen, ist beim ersten Blättern im Buch “Rock ‘n’ Old” die Grenze zwischen Fiktion und Realität nicht sofort erkennbar. Handelt es sich bei den faszinierenden Persönlichkeiten um lebenshungrige Exzentriker, die ihr Selbstbild vermitteln? Dienen Ausstattung oder Pose als Hinweis auf eigene Vorlieben, Statussymbol, Referenz an ein Ereignis in ihrem Leben? Oder übernehmen die alten Damen und Herren eine Rolle in einer von jemand Anderem erfundenen Geschichte? Schlüpfen sie dafür mutig für die Dauer eines Shootings in eine andere Haut, um einen Traum zu leben? Diese Ambivalenz weckt Neugier. Wer sind diese Personen, welche Lebensgeschichte haben sie, möchte man als Betrachter der Bilder wissen. Doch das Buch bleibt diese Antworten schuldig, der Normbruch ist nur ein Spiel mit unserer Vorstellung vom Alter. Esther Haases Fotos sind ein Beweis, wie befreiend das Abrücken von Konventionen sein kann.

Das Buch “Rock ‘n’ Old” ist ein berührender Fotoband, der lehrt das Alter mit anderen Augen zu sehen.

© Ch. Ranseder

Rock ‘n’ Old

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