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Dienstag, 03. November 2009

Cédric Pollet
Rinde
Die Wunderwelt der Bäume entdecken
Ulmer 2009, 192 S., zahl. Farbabb.
ISBN 978 3 8001 5911 6
Rinde: Die Wunderwelt der Bäume entdecken
Einen Baum zu pflanzen ist eine emotionale Geste mit hohem Symbolgehalt. Daher greifen Politiker bei bestimmten Anlässen gerne zum Spaten, um neben einem kostengünstigen Gedenk-Bäumchen für die Medien zu posieren. Schließlich mögen viele Menschen Bäume. Doch wehe ein Wäldchen oder ehrwürdiger Solitär steht einem Bauvorhaben im Weg. Dann wird gnadenlos umgesägt, was Jahrzehnte zum Wachsen brauchte. Es scheint, als hätte der Baum in erster Linie den Menschen zu dienen. Sein ökonomischer und ökologischer Wert ist unbestritten. Doch Hand aufs Herz: Wann haben Sie sich zuletzt einen Baum bewusst angesehen? Sich dabei an der Schönheit seines Stammes, der Blätter, Blüten oder Früchte, erfreut? Deren Reichtum an Formen, Farben und Strukturen bestaunt?
Bäume sind es wert, genauer betrachtet zu werden. Cédric Pollet hat genau das gemacht und dabei eine Leidenschaft für Rinde entwickelt. Der exquisite Prachtband “Rinde. Die Wunderwelt der Bäume entdecken” ist das Ergebnis einer bereits über zehn Jahre währenden Liebe. Dabei fing alles ganz harmlos mit dem Blick auf eine alte Eiche an. “Es war eine Offenbarung, die mein Leben veränderte”, gesteht Cédric Pollet in der Einleitung des Buches. Der ausgebildete Landschaftsarchitekt griff zur Spiegelreflexkamera und begann die Welt zu bereisen, um Baumrinden zu fotografieren. Eine Auswahl der schönsten Bilder ist in “Rinde” zu bewundern. Für seine 81 Baumporträts konnte der Naturfotograf aus dem Vollen schöpfen: mehr als 15.000 Dias sind über die Jahre auf seinen Entdeckungsreisen zusammengekommen.
Zum Staunen gibt es in “Rinde” genug. Die Nützlichen, die Schönen und die Bizarren haben Cédric Pollet gleichermaßen inspiriert. So bietet zum Beispiel Ficus benjamina, als Zimmerpflanze ein schmächtiges Bäumchen, in freier Natur mit seinem Gewirr aus Luftwurzeln einen an Alien erinnernden Anblick. Fröhlich mutet hingegen die psychedelisch rot-grün-gelb-braun gestreifte Rinde des Trichterfrucht-Eukalyptus an. Der Seidenwollbaum wiederum gibt sich mit seiner silbergrauen Rinde, die in maigrünen Rissen und Schildpattmuster aufbricht, überaus elegant. Blick für Blick schärfen die rund 400 Abbildungen das Bewusstsein für die atemberaubende Vielfalt und Anpassungsfähigkeit der Bäume.
“Rinde” ist mehr als ein Fotoband. Das attraktiv gestaltete Buch paart optischen Genuss mit informativem Lesevergnügen. Jeder der ausgewählten Bäume wird mit mindestens zwei Bildern vorgestellt. Ganzseitige Nahaufnahmen der Rinde verwandeln wenige Quadratzentimeter Baumstamm in abstrakte Kunstwerke. Kleinere Fotos geben mehr vom Aussehen der Bäume und der Landschaft, in der sie wachsen, preis. Handelt es sich um eine wirtschaftlich genutzte Baumart, zeigen Fotoserien die Ernte des Naturprodukts. Zwischen die Baumporträts eingeschobene Doppelseiten sind interessanten Phänomenen wie z. B. der Stammblütigkeit gewidmet oder feiern die Vielfalt des Erscheinungsbildes einer Gattung. Die begleitenden Texte bieten eine bunte Mischung aus Botanik und Kulturgeschichte mit einer Prise Kulinarik und Medizin. “Rinde. Die Wunderwelt der Bäume entdecken” hält, was sein Untertitel verspricht. Cédric Pollets Fotos entführen auf eine optische Entdeckungsreise, die lehrt, das Wunderbare im Alltäglichen zu sehen. Mit offenem Auge und wachem Geist lässt sich das Erlebnis des herrlichen Buches vor der eigenen Haustür fortsetzen. Ist das nicht schön?
© Ch. Ranseder
Rinde: Die Wunderwelt der Bäume entdecken
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Tags:Biologie, Botanik, CRans, Ebensolch Rez-E-zine 57/09, Fotografie, Kunst
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Donnerstag, 29. Oktober 2009

Franziska Morlok, Till Beckmann
Mit Texten von Markus Zehentbauer, Uwe Jäger Birkhäuser
extra.
Enzyklopädie der experimentellen Druckveredelung
Birkhäuser 2009, 144 S., 33 Beispielseiten Druckveredelungen
ISBN 978 3 0346 0083 5
EXTRA: Enzyklopädie der experimentellen Druckveredelung
Edel, hilfreich und gut können nicht nur Menschen sein, sondern auch Bücher. “Extra” ist ein leuchtendes - oder unter Berücksichtigung der Einbandgestaltung vielmehr glitzerndes - Beispiel dafür.
Erlesen sind die Buchgestaltung und die 33 Beispielseiten zu möglichen Druckveredelungen, auf denen sich fast ebenso viele internationale Gestalter austoben durften. Vorbildhaft ist die Einbeziehung der LeserInnen, die betatschen, rubbeln, schnuppern und sanft streicheln dürfen, dazu angehalten werden das Buch zu drehen und zu kippen, unters Licht zu halten (um sich danach an der Nachleuchtfarbe zu erfreuen) oder an einem Farbauftrag ein Streichholz anzureiben. Sogar mit einer der Schnittkanten des Buchblocks darf gespielt werden. “extra” ist ein haptisch stimulierendes Buch, das viel Freude beschert, weil die Wirkung der Techniken real erlebt werden kann. Daher Vorsicht! Es besteht die Gefahr mit “aha”s, “oh”s und anderen Lautäußerungen Bürokollegen zu nerven.
Ist die Neugierde fürs Erste einmal befriedigt, liegt der Griff zum hilfreichen Teil nahe. Auf 144 Seiten erfahren Wissbegierige, was es mit den Veredelungen so auf sich hat. In den fünf Kapiteln Drucken und Lackieren, Kaschieren, Prägen, Stanzen und Schnittveredelung finden sich Antworten auf eine Flut von Fragen. Woraus besteht das den edlen Touch verleihende Material? Wie wird es verarbeitet? Wofür eignet es sich? Was ist bei Entwürfen zu beachten, damit die Veredelung optimale Wirkung entfaltet? Wie müssen Daten aufbereitet werden, damit der Druck fehlerfrei klappt? Welche Bedruckstoffe eignen sich? Worauf muss bei der Weiterverarbeitung geachtet werden? Dezente Sternchen deuten die Kosten des Spaßes an - als Notwendigkeit können Druckveredelungen ja nun wirklich nicht bezeichnet werden. Obwohl natürlich ihr sensorischer und emotionaler Mehrwert nicht zu unterschätzen ist. Veredelte Produkte sind schon kleine Verführer. Folgerichtig wird von Lust und Tücke des Umgangs mit Druckveredelungen im Entwurfs- und Fertigungsprozess sowohl in Interviews mit Gestaltern als auch in Miniessays erzählt. In Letzteren werden weiters Themen wie Planung, Umweltverträglichkeit und Wahrnehmungspsychologie angerissen.
Ein ausführliches Glossar sowie ein Anhang mit Kurzinformationen (inklusive Kontaktadresse) über die beteiligten Gestalter und Firmen, welche die Veredelungsverfahren produktionstechnisch meistern, runden das Buch ab.
“extra. Enzyklopädie der experimentellen Druckveredelung” wird mit seinem klaren Konzept, der Informationsfülle und einer hervorragenden Gliederung, die sich beim Nachschlagen bestens bewährt, seinem Anspruch eine Enzyklopädie zu sein, gerecht. Der konventionelle Textteil und die Sammlung veredelter Musterseiten sind in einem schmucken Gewand benutzerfreundlich geeint, sodass die beiden sich ergänzenden Blöcke parallel genossen werden können. Das Buch kommt ohne lose Seiten aus! Als Spielzeug, Nachschlagwerk und Ratgeber in einem, wird es daher in schönster Vollständigkeit überleben. Vorbei die Zeiten, die man auf der Suche nach alten novum-Heften verbracht hat. Ein Griff ins Bücherregal reicht von nun an.
Für Grafiker ist “extra” schlicht unentbehrlich.
© Ch. Ranseder
EXTRA: Enzyklopädie der experimentellen Druckveredelung
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Tags:CRans, Design, Ebensolch Rez-E-zine 56/09, Grafik
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Freitag, 23. Oktober 2009

Luise Berg-Ehlers
Das Glück des Schreibens. Englische Schriftstellerinnen und ihre Lebensorte
Nicolai 2009, 184 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 89479 292 3
Das Glück des Schreibens
Wie ärmlich wäre die Weltliteratur ohne den Beitrag der vielen schreibenden Frauen! Vor allem den Engländerinnen gelang es mit ihren herrlichen Geschichten die westliche Kultur zu prägen. Ihnen verdanken wir Charaktere wie Mr. Darcy und Elisabeth Bennet, Jane Eyre, Heathcliff, Hercule Poirot, Miss Marple, Harry Potter und Peter Rabbit. Ein Buch wie “Das Glück des Schreibens. Englische Schriftstellerinnen und ihre Lebensorte” kann also aus dem Vollen schöpfen. Schließlich ersannen die britischen Literatinnen nicht nur starke Romanfiguren, sondern revolutionierten das Genre gleich mehrmals. Im 18. Jahrhundert passten sie die Struktur des Romans den ihnen offen stehenden Themen an. Dabei verdichteten und verkürzten sie - im Gegensatz zu den männlichen Kollegen - ihre Geschichten. Seitdem wird munter weiterentwickelt und experimentiert.
Luise Berg-Ehlers trägt mit der für “Das Glück des Schreibens” getroffenen Auswahl schreibender Frauen dieser Kontinuität und Ausdrucksvielfalt Rechnung. Noch lebende und sehr erfolgreiche Schriftstellerinnen sind ebenso vertreten wie ihre im 18., 19. und frühen 20. Jahrhundert schreibenden Schwestern im Geiste. Vorgestellt werden: Jane Austen, Charlotte, Emily und Anne Brontë, George Eliot, Virginia Woolf, Vita Sackville-West, Nancy Mitford, Radclyffe Hall, Jeanette Winterson, Iris Murdoch, Muriel Spark, Barbara Cartland, Rosamunde Pilcher, Daphne du Maurier, Agatha Christie, Dorothy Sayers, P. D. James, Beatrix Potter, Enid Blyton und J. K. Rowling. Zu den Werken dieser Meisterinnen des Wortes zählen Gesellschaftssatiren, Liebesromane und Krimis ebenso wie Reiseerzählungen und Kinderbücher.
Was trieb diese Frauen an? Wie lebten sie? Wie sah ihr Weg zum Erfolg aus? Die in “Das Glück des Schreibens” präsentierten Kurzbiografien der 21 englischen Autorinnen geben Antwort auf diese Fragen. Wortgewandt und humorvoll erzählt Luise Berg-Ehlers aus den Lebensgeschichten dieser gleichermaßen mit Begeisterung und Disziplin schreibenden Frauen. Deren Bücher sind nicht selten als Meilensteine auf dem Weg zu literarischer Größe, einer Millionen starken begeisterten Leserschaft oder gar beidem anzusehen und werden im Text dementsprechend gewürdigt. Als roter Faden ziehen sich die englische Landschaft und die in sie eingebetteten Häuser durch “Das Glück des Schreibens”, dessen Seiten zahlreiche stimmungsvollen Fotos zieren. Englische Schriftstellerinnen verewig(t)en in ihren Romanen die eleganten Straßenzüge von Bath und London, die Heiden und Moore in Englands Norden, die Strände Cornwalls, stattliche Herrenhäuser, einfache Cottages und üppige Gärten. Ihre Schilderungen haben das Englandbild von Generationen von LeserInnen geprägt. Das Glück des Schreibens ist die eine Seite der Medaille, das Glück des Lesens die andere.
© Ch. Ranseder
Das Glück des Schreibens
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Tags:Biografie, CRans, Ebensolch Rez-E-zine 56/09, England, Gender, Literatur
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Dienstag, 22. September 2009

Ingrid Schindler, Bärbel Schermer (Texte)
Matthias Hoffmann, Frauke Koops (Fotos)
Das kleine Buch der Schokolade
Teubner 2009, 192 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8338 1656 7
Das kleine Buch der Schokolade
Theobroma cacao, die Kakaopflanze, hat die Welt verändert. “Das kleine Buch der Schokolade” erzählt GenießerInnen allerlei Wissenswertes über die süße Versuchung aus Mittelamerika. Von der Kulturgeschichte über die Warenkunde bis zur richtigen Verarbeitung spannt sich der Bogen der angeschnittenen schokoladigen Themen. Die Schokolade hat, wie Kaffee und Tee, Europa nicht nur um einen kulinarischen Genuss reicher gemacht. Ihr Konsum veränderte auch die kleinen Rituale des Alltags und des gesellschaftlichen Zusammenlebens.
Olmeken, Mayas und Atzteken schätzten Kakao als kostbares Getränk. Die spanischen Eroberer waren weniger von seinem bitteren Geschmack, als dem Geldwert der Bohnen angetan. Hernán Cortés erkannte das wirtschaftliche Potential des Kakaos und brachte ihn an den spanischen Hof. Dem Adel schmeckte das neue, nun mit Zucker gesüßte Heißgetränk, die Schokolade. Damit nahmen die Dinge ihren Lauf. Langsam wurde aus dem Genussmittel für Privilegierte, dank erfindungsreicher Köche und Industrieller, eine Götterspeise für die Masse. Heute wird die Kakaopflanze nicht nur in ihrer Heimat, sondern weltweit in den tropischen Zonen angebaut. Auf den Rohstoffbörsen belegt Kakao nach Erdöl und Kaffee den dritten Platz der meistgehandelten Waren. Der Siegeszug der Schokolade geht ungebrochen weiter. Als nahrhafter Frühstückstrank, Snack für Zwischendurch, verführerisches Leckerli im menschlichen Balzverhalten, geeignetes Mitbringsel für jeden Anlass, hedonistische Gaumenfreude und universaler Trostspender ist Schokolade aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Nach Wein und Käse mutierte sie in den letzten Jahren zum Lifestyle-Produkt, für das zahlreiche Spezialgeschäfte eröffnet wurden. Eine Liste von Bezugsquellen für hochwertige Schokoladen ist auch im Buch zu finden.
Mit theoretischem Wissen gerüstet, können Schokoliebhaber nun zur Tat schreiten. “Das kleine Buch der Schokolade” bietet eine Fülle von Rezepten. Den Auftakt machen die pikanten Gerichte. Ja, auch dafür eignet sich Schokolade! Es folgen Süßspeisen und Desserts. Den krönenden Abschluss bilden die Rezepte für Pralinen, Torten und Konfekt. Fotografisch dokumentierte Arbeitsschritte zeigen bei kniffeligeren Aufgaben, wie es geht. Im begleitenden Text sind Tipps zu finden. Die von Spitzenköchen zubereiteten und angerichteten Speisen wurden von Fotografen wunderbar in Szene gesetzt. Alles ist vom Feinsten und lässt beim Betrachten das Wasser im Mund zusammenlaufen. Also genug der Worte, ich brauche jetzt ein Stückchen Schokolade! Es empfiehlt sich bei der Lektüre von “Das kleine Buch der Schokolade” die Lieblingssorten griffbereit zur Hand zu haben.
© Ch. Ranseder
Das kleine Buch der Schokolade
Das kleine Buch vom Salz
Das große Buch der Saucen
Gastmahl | Ama/Koch/zon/e
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Tags:CRans, do-it-yourself, Ebensolch Rez-E-zine 55/09, Genuss
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Montag, 21. September 2009

MFK Fisher
Die Kunst des Essens
Herausgegeben und übersetzt von Brigitte Ebersbach
edition ebersbach 2009, 168 S.
ISBN 978 3 938740 88 0
Die Kunst des Essens: Anleitung zum Genuss
Mary Frances Kennedy Fisher (1908-1992) gehört zu den großen Damen der kulinarischen Literatur. Die erzählerische Kraft und Lebendigkeit ihrer sehr persönlich gefärbten Essays über Kochen und Essen sind unübertroffen. Mit Kochbüchern haben ihre literarischen Leckerbissen nichts gemeinsam. Gelegentlich wird ein Rezept erwähnt, doch eigentlich geht es um den geselligen Akt des Essens, die Freuden der Nahrungszubereitung und die verführerische Qualität der Zutaten. MFK Fisher beschreibt Geschmack, Konsistenz, Farbe und Duft der Lebensmittel, dass einem beim Lesen das Wasser im Mund zusammenläuft. Im Mittelpunkt der kulinarischen Geschichten stehen aber stets Menschen. Sie tragen die Erzählung und treiben die Handlung voran. Meist schöpft Fisher aus dem großen Repertoire eigener Erinnerungen an die Kochkünste und Vorlieben von Freunden, Familienmitgliedern, Wirten und Zufallsbekanntschaften. Sie schreibt über die kleinen, alltäglichen Dinge des Lebens: Ihre Freude, wenn sie als Kind der Großmutter beim Marmeladekochen helfen durfte. Den Geschmack der ersten Auster. Die Kniffeligkeit ein Familienessen reibungslos über die Bühne zu bringen. Manchmal gerät sie dabei ins Philosophieren. Über die Veränderungen des Geschmacksinns, der mit dem Altern einhergeht, zum Beispiel. Geschickt komponiert sie eigene Beobachtungen und Beschreibungen längst nicht mehr praktizierter Haushaltsrituale ihrer Kindheit mit kulinarischer Kulturgeschichte oder Zitaten der Klassiker zu locker-leichten Texten.
Dass auch in der deutschen Übersetzung Fishers Eleganz der Sprache, ihr Witz und die Präzision ihrer Beschreibungen von Menschen, Orte und Situationen erhalten bleibt, ist der große Verdienst von Brigitte Ebersbach. Die von ihr für “Die Kunst des Essens” ausgewählten und perfekt ins Deutsche übertragenen Texte entstammen vier Büchern von MFK Fisher, die zwischen 1937 und 1949 erschienen. Als 20-gängiges Menü dargeboten, lassen die sinnesfreudigen Essays, bei deren Lektüre vor dem inneren Auge in goldenes Licht getauchte Bilder idyllischen Lebens entstehen, die mühselige Realität des Alltags vergessen.
In “Achthundert Tage und Nächte Kauen und Schlucken” meint MFK Fischer, dass kulinarische Experimente in Jugendjahren zeigen würden, “… wohin man sich entwickeln wird, das heißt, für welche der beiden oft zitierten Möglichkeiten man sich entscheidet: ob man isst, um zu leben, oder ob man lebt, um zu essen”. Ich gehöre zu jenen, die Essen weil es notwendig ist. Für mich ist Einkaufen eine Quälerei, kochen würde ich am liebsten mit dem Flammenwerfer, damit es schneller geht, und der Gedanke stundenlang bei Tisch zu sitzen, treibt mir die Schweißperlen auf die Stirn. “Die Kunst des Essens” habe ich dennoch mit Begeisterung verschlungen und mich dabei prächtig unterhalten. Damit ist eines bewiesen: MFK Fishers Texte sind auch für kulinarische Muffel ein Genuss.
© Ch. Ranseder
Die Kunst des Essens: Anleitung zum Genuss
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Tags:CRans, Ebensolch Rez-E-zine 55/09, Genuss, Literatur
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Montag, 21. September 2009

Petra Schmidt, Nicola Sattmann
unfolded
Papier in Design, Kunst, Architektur und Industrie
Birkhäuser 2009, 256 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 0346 0031 6
Unfolded: Papier in Design, Kunst, Architektur und Industrie
Papier hat in den letzten Jahren die Herzen der Designer, Architekten und Künstler erobert. Zeichner und mit dem klassischen Printbereich befasste Grafiker schätzen seine Qualitäten ja seit langem. Doch als Mittel zur Aneignung des dreidinemsionalen Raumes ist Papier ein relatives Novum. Dank technischer Entwicklungen in der Papierherstellung, die dem Markt sowohl verbesserte als auch mit völlig neuen Eigenschaften ausgestattete Papiere bescherten, und der Imagekorrektur erlebt das bescheidene Material derzeit eine Hochkonjunktur. Es wird fleißig geklebt, gefaltet, gegossen, geschnipselt, gefräst und manchmal sogar geschraubt. Auch in dem Buch “unfolded. Papier in Design, Kunst, Architektur und Industrie” dreht sich alles um das dreidimensionale Gestalten mit Papier.
Der erste Teil des Buches fungiert als Schaufenster für herausragende Projekte, im Rahmen derer Papier auf innovative Weise verwendet wurde. Erste Experimente mit dem vielseitigen Material stammen bereits aus den 60er-Jahren. Bunt bedruckte Wegwerfkleider waren damals in Amerika der letzte Schrei. Von den schlicht geschnittenen Kleidchen zu den ausgetüftelten, gefalteten und gestanzten Kreationen junger zeitgenössischer Designer war es ein weiter Weg. Als wunderbares Experimentierfeld erweisen sich auch Sitzmöbel, wie die zahlreichen Beispiele im Buch belegen. Die Idee Papier für Sessel zu verwenden ist ebenfalls nicht neu: Der aus Wellpappe gefertigte Wiggle Side Chair von Frank Ghery aus dem Jahr 1972 hat bis heute nichts von seiner Attraktivität eingebüßt. Nicht zu unterschätzen ist die Nützlichkeit des Papiers bei der Entwicklung von Prototypen für Möbel und sogar, wie die Entwürfe von Konstantin Grcic zeigen, für Haushaltsgeräte oder Mülleimer.
Selbst in die Architektur hat das Papier Einzug gehalten. Shigeru Ban baute temporäre Gebäude aus Pappröhren und ließ für einen Messepavillon Tragwerksprofile aus Papierresten herstellen. In der Innenraumgestaltung findet Papier, dank seiner hohen Belastbarkeit, bei der Gestaltung von Shops und Messeständen Verwendung. Ein besonders originelles Beispiel für diesen Einsatzbereich ist die Einrichtung eines Büros in der holländischen Stadt Eindhoven.
Zeitgenössische Künstler bedienen sich des Papiers auf neue Art und Weise. Meine Favoriten unter den vorgestellten Projekten, sind die Arbeiten von Peter Callesen. Fingerfertig verwandelt er einfache A4-Blättern in fantasievolle 3D-Welten mit denen er kleine Geschichten erzählt. Überrascht hat mich, dass von der ansonsten repräsentativen Zusammenstellung Künstlerbücher weitgehend ausgeschlossen blieben, obwohl auch sie sich durchaus die dritte Dimension zu eigen machen.
Der zweite Teil von “unfolded” befasst sich mit der Materialkunde. Er ist das Ergebnis der Recherche der Autorinnen nach technischen Papieren für 3D-Anwendungen und birgt manche Überraschung. Beginnend mit der Herstellung entfaltet sich ein beeindruckender Produktreichtum. Die gebotenen Kategorien sind: Modifiziert, Outdoor-Papier, Formteile aus Papierschichten, Chemisch aktiv, Gesintert, Feuerfest und Reinigend, Elektronisch, Textilien, Komposite und Laminate, Tiefgezogen, Wabenstrukturen, Waben-Formteile, CNC-Waben, Formgeschäumt, 3D-Geschöpft, Konstruktionselemente, Origami für die Serie, Computer-Origami und Gelasert.
Fotos, Produktbeschreibungen, Formate, Hersteller, Kontaktadresse und der Vermerk, ob es sich um ein bereits in Serie hergestelltes Papier, ein Unikat oder ein Forschungsprojekt handelt, machen “unfolded” zu einem praktischen Handbuch.
Nicht nur die in “unfolded” vorgestellten Designer durften mit Papier spielen, auch die Gestalter des Buches nutzten die unterschiedlichen haptischen Qualitäten von Papier. Es zahlt sich übrigens aus den Umschlag zu entfalten - aber Vorsicht mit dem Sticker!
© Ch. Ranseder
Unfolded: Papier in Design, Kunst, Architektur und Industrie
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Tags:Architektur, CRans, Design, Ebensolch Rez-E-zine 55/09, Handbuch, Kunst, Technik
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Freitag, 28. August 2009

Bauhaus-Archiv Berlin, Stiftung Bauhaus Dessau, Klassik Stiftung Weimar (Hgg.)
modellbauhaus
Hatje Cantz 2009, 376 S., 302 Abb., 236 davon farbig.
ISBN 978 3 7757 2414 2
Modell Bauhaus
Was den Österreichern die Wiener Werkstätte, ist den Deutschen das Bauhaus. Dessen neunzigster Geburtstag ist Anlass für die neuerliche, breitenwirksame Auseinandersetzung mit der Institution, die fast schon zu einem modernen Mythos geworden ist. Und mit nichts lässt sich der Diskurs über die, von Beginn an die Meinungen polarisierende Ausbildungsstätte besser fortsetzen, als mit Ausstellungs- und begleitenden Publikationsprojekten. 2009 darf sich das kunstinteressierte Publikum daher an “modellbauhaus” erfreuen.
Die Deutungsmöglichkeiten der Geschichte und Erzeugnisse des 1919 von Walter Gropius gegründeten Bauhauses sind so facettenreich wie die an ihm lehrenden Persönlichkeiten, darunter Künstler wie Paul Klee, Oskar Schlemmer oder Wassily Kandinsky. Die berühmte Lehranstalt war eine Spielwiese für Individualisten. Das wird auch an den 68, für “modellbauhaus” ausgewählten, Objekten deutlich. Unter ihnen befinden sich natürlich Design-Ikonen, wie der Clubsessel B3 von Marcel Breuer, das Tee-Extraktkännchen von Marianne Brandt oder das Bauhaus-Gebäude in Dessau. Aber auch Kleinigkeiten, die etwas über das Leben am Bauhaus erzählen sind dabei. Das 1919 herrschende Wirgefühl und die Aufbruchsstimmung könnte nicht schöner als in der informellen Einladung in Form eines an die Tür gehefteten Zettels “Unser Spiel, unser Fest, unsere Arbeit” zum Ausdruck kommen. Von Objekt zu Objekt erschließt sich im Rahmen der Werkanalysen langsam die Geschichte des Bauhauses, an dem bildende Kunst, Architektur, Design und Bühnenbild gelehrt wurden. Die Arbeiten von Bauhauslehrern und -schülern dienen als Ausgangspunkt für die Betrachtung von Einzelaspekten wie Schulpolitik, Unterrichtsmethoden und die dem Bauhaus zu Grunde liegenden Philosophien. Der Plural steht hier ganz bewusst, denn es war nicht eine Ursprungsidee, die am Bauhaus Jahr für Jahr starr umgesetzt wurde. Ganz im Gegenteil. Walter Gropius verband in seinem ersten Programm Vision und Praxis und legte damit den Grundstein für einen Entwicklungsprozess, der zu keiner Zeit des Bestehens der das Experiment begrüßenden Schule abgeschlossen war. Vom Gründungsmanifest bis zur Auflösung durch die Nationalsozialisten 1933 erfand sich das Bauhaus immer wieder von Neuem. Jeder seiner drei Leiter, Walter Gropius, Hannes Meyer und Ludwig Mies van der Rohe, drückte ihm seinen Stempel auf. Jeder Wechsel des Standortes - zuerst Weimar, dann Dessau und schließlich Berlin - hinterließ seine Spuren. Nur eines blieb konstant: Der hohe Stellenwert der Architektur.
Trotz der Vielzahl unterschiedlicher Haltungen und der großen Bandbreite der Produkte war das Bauhaus auch ein frühes Beispiel für eine gelungene Markenbildung. Alles war vorhanden: Wort-Bild-Marke, bewusster Einsatz der Sprache, gezielte Pressearbeit, Selbstpräsentation durch Feste, Ausstellungen, Publikationen und nicht zuletzt ein passendes - Stichwort Corporate Architecture - Schulgebäude.
“modellbauhaus” nimmt die unter dem Dach der Marke Bauhaus geeinte künstlerische Pluralität auf und zeigt sich ebenso bunt wie die unvergessliche Ausbildungsstätte. Mit 77 Essays ist die Publikation ein Katalog der Superlative, der mit den vereinten Kräften aller drei der Pflege des Bauhaus-Erbes gewidmeten deutschen Institutionen - Bauhaus-Archiv Berlin, Museum für Gestaltung, Stiftung Bauhaus Dessau und Klassik Stiftung Weimar - entstand. Ein schneller Überblick über die Bauhausgeschichte ist mit einer derartigen Fülle an Beiträgen nur schwer zu erlangen, obwohl die chronologische Gliederung die Orientierung erleichtert. Stattdessen lässt sich das Phänomen Bauhaus in Jahresschritten genießen. Jeder Jahreswechsel wird von einem Trennblatt markiert, dem auf der farbigen Seite Daten zur Entwicklung des Bauhauses und auf der grautonigen Seite Informationen zum Geschehen in Deutschland entnommen werden können. Jahr für Jahr und Kunstwerk für Kunstwerk gewährt “modellbauhaus” LeserInnen die Freiheit nach Herzenslust zu Schmöckern ohne den roten Faden zu verlieren und so eine Institution kennen zu lernen, die Designgeschichte geschrieben hat.
Die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, Berlin, ist noch bis 4. Oktober zu sehen.
© Ch. Ranseder
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Donnerstag, 13. August 2009

Wolfgang Stuppy, Rob Kesseler
Früchte
Faszinierende Kunstwerke der Natur
Gerstenberg 2009, 264 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8369 2995 0
Früchte: Faszinierende Kunstwerke der Natur
Als Kind habe ich mit Begeisterung Früchte und Samen gesammelt, sie seziert, getrocknet oder in Gläser gestopft, um zu sehen was passiert. Ins Glas kommen mittlerweile nur noch die schmackhaften Gaben von Obstbäumen in Form von Marmelade. Die Anziehung, die für mich von Früchten und den von ihnen behüteten Samen ausgeht, ist jedoch geblieben. Mit den Jahren sind ihre ästhetischen Qualitäten, die Vielfalt der Farben, Formen und Oberflächenstrukturen, in den Mittelpunkt meines Interesses gerückt. Es gibt so viel zu entdecken! Doch die bizarre Schönheit, die sich unter dem Rasterelektronenmikroskop offenbart, hätte ich mir nicht träumen lassen. Ein Blick in das fantastische Buch “Früchte. Faszinierende Kunstwerke der Natur” und schon hing ich am Haken. Gar nicht mehr aus der Hand legen wollte ich den Prachtband.
Das Buch “Früchte. Faszinierende Kunstwerke der Natur” ist ein Glücksfall. Zum einen gewährt es einen überwältigenden, stimulierenden optischen Genuss. Zum anderen lässt es LeserInnen nicht im Dunkel darüber, was auf den großartigen Aufnahmen zu sehen ist. Ganz im Gegenteil. Die von Rob Kesselers kunstvoll eingefärbten Rasterelektronenmikroskop-Aufnahmen geweckte Neugier, wird von Wolfgang Stuppys Einführung in die Wunderwelt der Botanik gestillt. Eine Fülle ergänzender “konventioneller” Fotos vermittelt das Aussehen der Früchte in “Normalsicht”. Und da ein Blick hinter die Kulissen immer spannend ist, wird am Ende des Buches nicht nur das Millennium Seed Bank Projekt der Royal Botanic Gardens in Kew, England, vorgestellt, sondern sogar der technisch-künstlerische Arbeitsprozess geschildert. Vom Sammeln der Früchte bis zur fertig bearbeiteten Aufnahme ist es nämlich ein weiter Weg.
Pflanzen haben im Lauf der Evolution viele schlaue Strategien entwickelt, um sich zu Vermehren und neue Gebiete zu erobern. Ihre Früchte schützen und präsentieren die wertvollen Samen, ohne die ein Überleben der Art nicht möglich wäre. Sie sind maßgeschneiderte Wunderwerke, egal ob sich eine Pflanze zur Ausbreitung eines der Elemente oder Lebewesen dienstbar macht. Der mit der Zeit entstandene Reichtum an Lösungen der Aufgabe den Nachkommen zu einem guten Start zu verhelfen, ist atemberaubend. Wie komplex eine Frucht aufgebaut sein kann, lässt sich erst anhand der Rasterelektronenmikroskop-Bilder, den Stars des Buches, ermessen. Edel vor schwarzem Hintergrund präsentiert, sind elegant geschwungene, extrem gekrümmte, von bizarren Auswüchsen bedeckte, fein behaarte oder mit gefährlich aussehenden Haken bewehrte Früchte zu bewundern. Der Vielfalt scheint keine Grenzen gesetzt zu sein. Rob Kesseler zaubert mit der digitalen Farbpalette aus nüchternen wissenschaftlichen Aufnahmen kleine Kunstwerke. Details, auf die Wolfgang Stuppy in den Abbildungsunterschriften eingeht, sind farblich so hervorgehoben, dass auch Laien sie sofort finden. Bild und Text, optischer und intellektueller Genuss ergänzen sich in “Früchte. Faszinierende Kunstwerke der Natur”. Dank der feinteiligen Gliederung des Textes muss das Buch auch nicht auf einen Sitz gelesen werden. Kleine Texthäppchen führen von der Frage, was denn eine Frucht sei, über alle Arten von Früchten bis zu den Ausbreitungsstrategien. Wolfgang Stuppy würzt das botanische Grundwissen mit einem Schuss Forschungsgeschichte der Botanik und schmeckt mit kulturgeschichtlichen und kulinarischen Exkursen zur Bedeutung der Früchte ab. Auf Fachvokabular wird dennoch nicht verzichtet. Notfalls hilft ein ausgezeichnetes Glossar wieder auf die Sprünge.
“Früchte. Faszinierende Kunstwerke der Natur” ist ein bemerkenswertes Buch, das sowohl durch die ausgezeichnete Aufbereitung und Vermittlung des Themas, als auch der vorzüglichen grafischen Gestaltung aus der Masse der Pflanzen- und Gartenbücher hervorsticht.
© Ch. Ranseder
Früchte: Faszinierende Kunstwerke der Natur
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Donnerstag, 06. August 2009

Margaret Scott
Kleidung und Mode im Mittelalter
Theiss 2009, 160 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8062 2199 2
Kleidung und Mode im Mittelalter
Kritik am Aussehen experimentierfreudiger, junger Menschen und Hetzreden gegen Frauen mit Chic sind nicht neu. Im Mittelalter stießen unter anderem die Kürze der Gewänder, die Tiefe der Ausschnitte, die Kostbarkeit der Stoffe, die übertrieben langen Spitzen der Schuhe und die für ein gepflegtes Aussehen aufgewendete Zeit, auf Missbilligung. Männerhaar erregte seit dem Ende des 11. Jahrhunderts periodisch immer wieder die Gemüter.
Kaum wurde Neues ausprobiert und damit Standes- oder Geschlechtergrenzen in Frage gestellt, hagelte es von Kirche und Obrigkeit auch schon Tadel oder gar Verbote. Mit Kleiderordnungen versuchten die Gesetzgeber, den Materialaufwand einzuschränken und die Menschen durch die Festlegung standesgemäßer Kleidungsformen auf ihre Plätze in der sozialen Hierarchie zu verweisen. Doch die Lust an kostbaren Kleidungsstücken und Stoffen, fröhlichen Farben, Zierrat und Putz ließ sich nicht so leicht im Keim ersticken.
Margaret Scott erzählt in “Kleidung und Mode im Mittelalter” wortgewaltig und mit enormem Wissen über das Entstehen der Mode und den Aufstieg der Textilindustrie in der Zeit von 840 bis 1570. Als Quellen dienen ihr illuminierte Handschriften, deren Entwicklung sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht, und eine Vielzahl von schriftlichen Aufzeichnungen, von der Chronik bis zum Inventar. Erfrischend ist das Anliegen der Autorin “…, dem Leser zu zeigen, wie Handschriften - mit angemessener Vorsicht - anhand der Kleidung ‘gelesen’ werden können.” Mit leichter Feder erklärt sie die wechselnden Konventionen der Darstellung, stilistische Vorlieben und maltechnische Beschränkungen, die bei der Entschlüsselung der Bildquellen berücksichtigt werden müssen. So wird Wissenschaft nachvollziehbar.
Tatsächlich ist die üppig mit Abbildungen ausgestattete Publikation weit mehr als eine Kostümgeschichte - nicht zuletzt weil es sich Margaret Scott verkneift, reine Formenkunde zu betreiben. Stattdessen sieht sie Kleidung in ihrem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kontext. Die Hülle aus Stoff sollte schließlich nicht nur wärmen, sondern TrägerInnen auch als Ausdrucksmittel dienen. Kleidung war und ist schließlich ein wichtiger Bedeutungsträger. An ihr lassen sich Macht und sozialer Status, die Zugehörigkeit zu einer Berufsgruppe und vieles mehr ablesen. Scott entlockt den Quellen Informationen über nationale Unterschiede, Gemeinsamkeiten oder gegenseitige Beeinflussungen und zeigt wer die Trendsetter waren. Mittelalterliche Kleidungsstücke hatten so exotisch klingende Namen wie Houppelande, Surcote, Hoike oder Skaramangion. Fortschritte in der Schnitttechnik brachten bahnbrechende Neuerungen wie das Armloch und vorne mit Knöpfen geschlossene Gewänder. Und mit der Zeit wurde Kleidung nicht mehr in den Haushalten selbst, sondern von spezialisierten Handwerkern hergestellt.
Ein zweiter Erzählstrang ist den technischen Neuerungen in der Weberei und den verfügbaren Stoffqualitäten gewidmet. Deren Namen verheißen Luxus: Lampas-Seide, Tatarische Seide, Brokat, Sendal, Samt, Scharlach. Aus England kam die beste Wolle, Italien tat sich in der Seidenproduktion hervor - und der Handel blühte. Auch die merkantilen Aspekte des aufstrebenden Wirtschaftszweiges werden durch die Jahrhunderte verfolgt. Margaret Scott formuliert ihre akribisch recherchierten Texte elegant und mit Humor. Sie versorgt LeserInnen sogar mit ausführlichen Erklärungen der prächtigen, detailreichen Buchmalerei. Jede Abbildung wird von einem Text begleitet, in dem die dargestellte Kleidung interpretiert und mit den in der Szene gezeigten Handlungen und Personen in Beziehung gesetzt wird. “Kleidung und Mode im Mittelalter” ist zu gleichen Teilen ein Lesevergnügen und eine Augenweide. Wer noch mehr erfahren will, findet am Ende des Buches zusätzlich zu dem hervorragend gegliederten Literaturverzeichnis ein exzellentes Glossar.
“Kleidung und Mode im Mittelalter” ist ein herrliches Buch, das auf den Spuren der ersten Fashion Victims durch die Welt des Mittelalters führt.
© Ch. Ranseder
Kleidung und Mode im Mittelalter
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Samstag, 01. August 2009

Christian Schittich (Hg.)
im DETAIL
Ausstellen und Präsentieren.
Museumskonzepte, Markeninszenierung, Messedesign
Birkhäuser 2009, 176 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 7643 9954 2
Im Detail: Ausstellen und Präsentieren: Museumskonzepte, Markeninszenierung, Messedesign
Siebenundzwanzig Museumsbauten, Ausstellungen, Brand Center, Supermärkte und Messestände werden in dem reich bebilderten Buch “Ausstellen und Präsentieren. Museumskonzepte, Markeninszenierung, Messedesign” vorgestellt. Die Aufmerksamkeit gilt in erster Linie der architektonischen Hülle, die als Bühne für die zur Schau gestellten Exponate oder Waren dient. Sie ist zugleich Lockvogel, gebautes Verkaufsgespräch und - gerade für Kulturinstitutionen, die vom Bilbao-Effekt träumen - Hoffnungsträger. Bis auf wenige Ausnahmen konzentrieren sich die Texte der steckbriefartigen Projektbeschreibungen auf die technischen Aspekte der jeweiligen Bauaufgabe. Präsentationskonzepte und die Disposition von Exponaten und Ausstellungselementen in den Räumen werden in Hinblick auf ihre Interaktion mit der gebauten Substanz, die ja gerade im Fall der Corporate Architecture eine Botschaft vermitteln soll, kurz geschildert. Grundrisse, Schnitte und Isometrien ermöglichen die virtuelle Orientierung. Exzellente Fotos vermitteln einen Eindruck der für die hochwertigen Gestaltungslösungen zum Einsatz gekommenen Materialien sowie der Wirkung des Raumes. Dimensionen und Kosten können anhand der Projektdaten verglichen werden. Leider machen Detaillösungen der eigentlichen Objektpräsentation beim Design der Vitrinen halt. Für das verführerische Zurschaustellen von frischem Gemüse mag dies keine Rolle spielen. Im kulturellen Sektor hingegen steht oder fällt der Erfolg einer Inszenierung historischer Artefakte mit dem “wie” der Befüllung der Vitrine bzw. Bestückung der sonstigen Präsentationssysteme nach den, vom Gestalter umzusetzenden, Vorgaben des kuratorischen Ausstellungskonzepts und der Storyline, die sich im Buch auf kurze Gastauftritte beschränken. Der im Rahmen der Projektbeispiele, unter denen sich nur wenige kulturhistorische Ausstellungen befinden, eng gesetzte Focus ist sichtlich auf ein aus Architekten und Designern, die das große Ganze im Auge haben, bestehendes Zielpublikum zugeschnitten.
Dennoch sei das Buch “Ausstellen und Präsentieren” auch Gestaltern, deren Wurzeln in anderen Disziplinen liegen, sowie wissenschaftlichen und künstlerischen Kuratoren ans Herz gelegt. Außer der heterogenen Sammlung von Fallbeispielen bietet der Sammelband auch Aufsätze zu einer Vielzahl von Themen, die für das komplexe Aufgabengebiet der Kommunikation mittels Raumerfahrung relevant sind. Der Primat des Kommerzes ist auch hier nicht zu übersehen.
Der dem musealen Umfeld gewidmete Themenblock am Beginn des Buches wird von Christian Schittichs Essay zu aktuellen Museumskonzepten eingeleitet. Ihm folgen zwei an Gedankennahrung reiche Artikel, die zur Pflichtlektüre für Kulturwissenschaftler und Ausstellungsgestalter werden sollten.
Ruedi Baur setzt sich in “Ausstellen - Vom Löffel bis zum Staat” kritisch mit der Bandbreite unterschiedlicher Ausstellungsarten sowie der Vielzahl an Möglichkeiten der Verknüpfung von narrativem Inhalt und szenografischer Umsetzung auseinander. Über den Prozess des Gestaltens von Ausstellungen und die Realisierung körperlich erfahrbarer Raumerlebnisse in unterschiedlichen musealen Präsentationsmodi erzählen in “Zeigen und zeigen lassen” HG Merz und Patrick Wais.
Die Themenblöcke Markeninszenierung und Messedesign gehen Hand in Hand. Alles dreht sich um die, bei der Platzierung eines Unternehmens im Wettlauf um die Aufmerksamkeit der Konsumenten und der Bindung derselben durch die Verheißungen der Marke eingesetzte, Corporate Architecture. Ihre entscheidende Rolle streichen sowohl Jons Messedat in “Gebaute Identität. Architektur - Design - Kommunikation” als auch Susanne Schmidhuber in “Temporäre Architektur für Marken nachhaltig gestalten” heraus. Teilaspekten des Weges zum Ziel, den Kunden kostengünstig und nachhaltig zu umgarnen, widmen sich Thomas Schielke in “Präsentieren im richtigen Licht” und Günther Röckl in “Messebausystem oder Sonderanfertigung”.
Der in der Reihe “im DETAIL” erschienene Band “Ausstellen und Präsentieren” macht mit dem Nebeneinander von Projekten aus Kommerz und Kultur Unterschiede und Gemeinsamkeiten sichtbar. Manches mutet austauschbar an. Jede Zeit hat nicht nur ihre Kunst, sondern auch ihre Architektur. Ich fürchte, die Liebe zu Sichtbeton und Kubus wird uns noch eine Weile begleiten.
Bücher wie “Ausstellen und Präsentieren” schärfen den Blick und regen dazu an, jene Gebäude und Ausstellungen, die über Permanenz verfügen, zu besuchen. Schließlich geht nichts über die räumliche Erfahrung vor Ort und die Qualität des Besuchererlebnisses - sehr zur Freude der Betreiber der diversen Einrichtungen, vom Museum bis zum Flagship-Store.
© Ch. Ranseder
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Donnerstag, 23. Juli 2009

Antoine-Joseph Dezallier d´Argenville
Shells - Muscheln - Coquillages
Taschen 2009, Dt./En./Fr., 216 S. zahl. Farbabb.
ISBN 978 3 8365 1111 7
Dezallier d’Argenville - Muschelkunde
Seit sich der Mensch Lebensraum am Wasser zu eigen machte, werden Muscheln und Schnecken gegessen, zu Werkzeug und Schmuck verarbeitet oder gegen andere Dinge eingetauscht. Zu Objekten der Begierde im großen Stil wurden sie in Europa jedoch erst nach der Entdeckung Amerikas. Das Interesse galt natürlich nicht den einheimischen Schalentieren sondern den Exoten aus Übersee, mit denen ab dem 16. Jahrhundert Herrscher und Gelehrte ihre Wunderkammern und Kuriositätenkabinette ausstatteten.
Es waren jedoch nicht Portugal oder Spanien, sondern die zur Kolonialmacht mit stattlicher Handelsflotte aufsteigenden Niederlande, die sich zur Drehscheibe des Handels mit Muscheln und Schnecken entwickelten und zu Beginn des 17. Jahrhunderts den Markt für die dekorativen Gehäuse erst so richtig anheizten. Für einen kurzen Augenblick in der europäischen Geschichte waren prächtige Muscheln und Schnecken aus fernen Ländern fast ebenso begehrt und kostbar wie Tulpen. Die Zahl der europäischen Muschelsammlungen wuchs stetig. Mit der Zeit trat neben die Sammelleidenschaft die Lust am Ordnen und systematischen Erfassen, begleitet von dem Bedürfnis die mühsam errungenen Forschungsergebnisse zu veröffentlichen. Und hier kommt der Franzose Antoine-Joseph Dezallier d´Argenville (1680-1765), selbst stolzer Besitzer einer Muschelsammlung, ins Spiel.
Heute sind nicht mehr die Gehäuse von Muscheln und Schnecken die Kostbarkeiten, sondern die historischen Publikationen über sie. Antoine-Joseph Dezallier d´Argenvilles La Conchyliologie, ou Histoire naturelle des coquilles de mer, d´eau douce, terrestres et fossiles ist ein solches Kleinod. Dank des TASCHEN Verlages kann nun der Tafelteil dieser dritten, 1780 erschienenen, Auflage des Muschelbuches, in einer der seltenen kolorierten Versionen, unter dem Titel “Shells - Muscheln - Coquillages” in jeder guten Buchhandlung erworben werden. Und es ist eine Anschaffung, die sich lohnt. Auf 80 großformatigen Tafeln sind berückend schöne, schlicht geformte oder bizarre Muscheln und Schnecken der Weltmeere ebenso zu bewundern wie Kopffüßer, Weichtiere, Seeigel und Krebstiere. Doch nicht nur die Schätze der Meere wurden in detaillierten Radierungen festgehalten. Auch Süßwasserschnecken und -muscheln sowie Landschnecken sind in Hülle und Fülle zu finden. Der neu gewählte Titel “Shells - Muscheln - Coquillages” greift also ein wenig zu kurz, den BetrachterInnen wird viel mehr geboten als die karge, wenngleich dreisprachig leichter am Cover unterzubringende, Wortwahl vermuten lässt. Unter anderem halten glückliche BesitzerInnen des prachtvollen Buches ein Stück Wissenschaftsgeschichte in den Händen.
Der Privatgelehrte Dezallier d´Argenville, studierter Rechtswissenschaftler und durch Ämterkauf schlau die Karriere vorantreibender hoher Beamter, schrieb seine Arbeit über die Muscheln und Schnecken nicht als Hobby. Es lag ihm daran, die Wissenschaft voranzutreiben und dafür schreckte er auch vor dem Sezieren eines Schalentieres nicht zurück. Mit seinem Gartenbuch La Théorie et la Pratique de Jardinage war ihm schon einmal ein Bestseller gelungen. 1742 kam L´Histoire naturelle éclaircie dans deux de ses parties principales, la lithologie et la conchyliologie heraus, in der - nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten gegliedert - auf 32 Tafeln Muscheln und Schnecken präsentiert wurden. Die erste in Frankreich erschienene Muschelkunde war sofort ein Erfolg. Sie wurde sogar von Carl von Linné als Arbeitsunterlage für seinen Überblick über alle damals bekannten Tierarten, die Systema naturae (1758), herangezogen. Statt sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen arbeitete Dezallier d´Argenville weiter an seinem Buch und legte schließlich 1757 die zweite, erweiterte Auflage vor. Die dritte Auflage erlebte er nicht mehr. An seine Stelle traten die Zeichner Jacques de Favanne de Montcervelle und sein Sohn Guillaume. Sie brachten den Text des Buches auf den neuesten Stand, fügten ein Porträt von Dezallier d´Argenville sowie ein zweites Titelblatt hinzu und erweiterten den Tafelteil auf 80 Radierungen. Wer farbige Abbildungen der dekorativ angeordneten Schalentiere sein Eigen nennen wollte, musste die Tafeln von Hand kolorieren lassen. Das geschah selten und nicht nach ein und demselben Vorbild - sehr zur Freude der Antiquare, denn die Qualität der Ausführung bestimmte von diesem Zeitpunkt an den Preis der Tafelbände. Es versteht sich von selbst, dass der TASCHEN Verlag für “Shells - Muscheln - Coquillages” auf ein besonders schönes Exemplar zurückgreift.
Doch das opulente Buch mit dem verführerischen Cover ergötzt nicht nur das Auge. Es stillt durch die Hinzufügung von Essays und der Bestimmung der auf den Tafeln abgebildeten Arten durch Rainer und Sophia Willmann auch den Wissensdurst. So befasst sich Veronica Carpita in “Eine Passion für Muscheln. Dezallier d´Argenvilles Conchyliologie im Spannungsfeld von Naturwissenschaft und Kunst” mit der Entstehungsgeschichte von Dezallier d´Argenvilles Buchprojekt, den Anfängen der Erforschung der Schalentiere und den Spuren, die Muscheln als Symbol und dekoratives Motiv in der Kunst hinterlassen haben.
Rainer Willmann widmet sich den naturwissenschaftlichen Aspekten. Er legt in “Die wissenschaftliche Bedeutung des Conchylien-Werkes von Dezallier d´Argenville” und “Die Benennung der Arten bei Dezallier d´Argenville und Carl von Linné” den Nachhall der Muschelkunde des Franzosen in der Welt der Wissenschaft dar und erklärt wie die auf den Tafeln festgehaltenen Kreaturen zu ihren heutigen Namen kamen.
“Shells - Muscheln - Coquillages” wird Liebhaber der dekorativen Schalentiere und naturwissenschaftlicher Bücher entzücken. Stillen kann das attraktive Buch die Sehnsucht nach Strandspaziergängen und Muschelsammeln nicht, aber es hilft sie zu lindern.
© Ch. Ranseder
Dezallier d’Argenville - Muschelkunde
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Montag, 20. Juli 2009

Oliver Zybok (Hg.)
Rowena Dring Falls the Shadow
Kerber 2009, 79 S., zahlr. farb. Abb.
ISBN 978 3 86678 222 8
Rowena Dring: Falls the Shadow
Rowena Drings Arbeiten wirken auf den ersten Blick wie mit einem Zeichenprogramm am Computer erstellte Vektorgrafiken. Dass die Bilder aus winzigen Stoffteilen genäht sind, entginge den Leserinnen und Lesern von “Rowena Dring - Falls the Shadow”, wären nicht zu Beginn und am Ende des Buches je eine Detailaufnahme abgebildet. Das Erlebnis der Textur der unkonventionellen Werke bleibt den Ausstellungsbesuchern und glücklichen Besitzern von Originalen vorbehalten. Alle anderen seien getröstet: Schon zwischen zwei Buchdeckel gepresst, bezaubern die Darstellungen von geheimnisvollen Landschaften und menschenleeren Orten.
Rowena Dring spielt mit Dekonstruktion und Konstruktion, Nah- und Fernsicht. Ihre Motive findet sie auf Reisen und hält sie mit der Kamera fest. Am Computer werden die Fotos so lange bearbeitet, bis der gewünschte Grad an Abstraktion für das Nähmuster erreicht ist. Was übrig bleibt, ist die Essenz einer Landschaft, eine Konzentration des genius loci. Trotz dieser scheinbaren Vereinfachung bleibt die Komplexität des Motivs ebenso gewahrt wie die Tiefenwirkung des Bildaufbaus. Die grafische Dekonstruktion beraubt die Natur nicht um ihre räumliche Dimension, löst ihr Abbild nicht in der Fläche auf, wie es oft bei Jugendstil-Grafiken der Fall ist. In Nahsicht zerfallen die aus monochromen Stoffapplikationen mit der Nähmaschine konstruierten Bildkompositionen in Farbflecke, deren Zusammenspiel an Tarnmuster denken lässt. In der Fernsicht entfalten sie, zwei im Buch abgebildete Ausstellungsansichten liefern den Beweis, einen erstaunlichen Realismus - nicht zuletzt durch das dramatische Spiel von Licht und stark akzentuierten Schatten.
Die großformatigen Landschaften fordern die Mitarbeit der BetrachterInnen. Auslassungen regen dazu an, Laub und Zweige optisch zu ergänzen. In manchen Arbeiten verselbstständigen sich auch die Randlinien der Applikationen, um die Umrisse von schroffen Küsten und Hügeln anzudeuten. In der Auseinandersetzung mit Rowena Drings Bildern wird der Akt des Sehens bewusst. Sie sind eine innovative Einladung zur Interaktion, zur Suche nach dem perfekten Betrachtungsstandpunkt. Ist dieser einmal gefunden lässt es sich, kalmiert von der subtilen Farbpalette aus Grün-, Braun-, Blau- und Violett-Tönen, gut träumen. Eine ganz eigene, fast melancholische Magie geht von den Bildern aus. Es ist, als würde der porträtierte Landschaftsausschnitt den Atem anhalten und einen Moment lang in absoluter Ruhe verharren. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um die grandiose karge Schönheit und Weite der Landschaft des europäischen Nordwestens, Waldstücke mit Bachläufen oder die komplexen, üppigen Laubstrukturen der Oase von Mara, USA, handelt. Vielleicht wirken die Naturszenen so entspannend, weil sie ohne Staffagefiguren auskommen. Der Mensch hat den Ausschnitt der Realität, auf den sich Rowena Dring konzentriert, verlassen. Seine Präsenz wird nur gelegentlich durch Versatzstücke der Zivilisation, wie Hochspannungsleitungen, Häuser, Gartenornamente oder Straßen mit und ohne Fahrzeuge angedeutet. Ein anderer, schon in der Romantik beliebter Kunstgriff, ist der aus dem Fenster in die Ferne schweifende Blick - in Drings Fall natürlich ungestört von der Rückenansicht einer menschlichen Gestalt.
Rowena Dring fängt den Zauber des Augenblicks ein. In ihren Fotografien der Geisterstadt Ruby, Arizona, die ebenfalls in dem reich bebilderten Buch vorgestellt werden, treibt sie das Spiel mit der Wahrnehmung von Zeit auf die Spitze. Die im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts entstandenen, vermeintlich historischen Aufnahmen der wüst fallenden Stadt wurden mittels High-Tech-Equippment auf alt getrimmt. Optisch an die Pioniere der amerikanischen Fotografie anknüpfend, führt Rowena Dring mit diesen Arbeiten eine Tradition fort, während sie diese mit ihren originellen cross-medialen Bildern aus Stoff hinter sich lässt und etwas völlig Neues erschafft.
© Ch. Ranseder
Rowena Dring: Falls the Shadow
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Freitag, 17. Juli 2009

Freya Mülhaupt (Hg.)
John Heartfield: Zeitausschnitte
Fotomontagen 1918-1938
Hatje Cantz 2009, 176 S., 230 Abb. davon 144 farbig
ISBN 978 3 7757 2432 6
John Heartfield: ZEITausSCHNITTE. Fotomontagen 1918 bis 1938
John Heartfield arbeitete in einem geschlossenen System. Der Mann mit der spitzen Schere bediente sich der gedruckten Massenmedien, um seine Fotomontagen und deren Botschaften zu verbreiten. Sein Arbeitsmaterial wiederum schöpfte er überwiegend aus der illustrierten Presse, die er mit Argusaugen beobachtete. Unvergesslich sind die für die “Arbeiter Illustrierte Zeitung” entstandenen Montagen, in denen sich Heartfield gegen Adolf Hitler und die nationalsozialistische Bewegung, Krieg und Kapitalismus wandte. Seine originelle, auf alles Überflüssige verzichtende Bildsprache, hat bis heute nichts an Verständlichkeit eingebüßt. Die Fotomontagen haben Biss, obwohl die den Schaffensakt provozierenden politischen Ereignisse und revolutionären Haltungen längst Geschichte sind.
Das opulent bebilderte Buch “John Heartfield: Zeitausschnitte. Fotomontagen 1918-1938″ verfolgt den Werdegang und die Blütezeit des Künstlers, der eigentlich Helmut Herzfeld hieß. Der 1891 in Berlin geborene Pionier der Montage fand seinen Stil als Layouter für die dadaistische Publikation “Neue Jugend”, die in dem von ihm und seinem Bruder Wieland 1917 gegründeten Malik-Verlag erschien. In den von der Zusammenarbeit und Freundschaft mit George Grosz geprägten Jahren, wurde Heartfield zum Berliner Botschafter des Dada. “DADA ist GROSS und John Heartfield ist sein Prophet” trompetet er auf einem Plakat, das sein Selbstbildnis mit zum Schalltrichter geformten Händen zeigt.
Als der Malik-Verlag 1921 begann Romane zu verlegen, wurden Buchumschläge mit einer einfacheren Bildsprache benötigt. Nicht mehr Provokation und Verwirrung wie im Dada waren das Ziel, sondern die klare Kommunikation mit den Kunden. Auch bei der Lösung dieser Aufgabe erwies sich Heartfield, der auf seine Kenntnisse als Werbegrafiker zurückgriff, als innovativer Gestalter. Seine aus wenigen Elementen zusammengesetzten Buchcover sind schlüssige Kompositionen mit erzählerischer Qualität. Das fesselt den Blick. Scheinbar harmlos gefällig, erregen die Einbände Aufmerksamkeit ohne zu schockieren und büßen dennoch nichts an Schlagkraft ein. Doch dem Künstler mit Mission war die Buchhülle nicht genug. In einer Gemeinschaftsarbeit mit Kurt Tucholsky, der die Texte beisteuerte, entstand 1929 das Buch “Deutschland, Deutschland über alles”, ein Rundumschlag gegen Kapitalismus, Militär, Demokratie und rechten Nationalismus.
Bereits 1919 war John Heartfield der KPD beigetreten, in deren Dienst er seine Schaffenskraft stellte. Den Höhepunkt seiner Monteurkunst erreichte er in den politischen Fotomontagen, die er von 1930 bis 1938 für die AIZ anfertigte. Bildidee und begleitender Text der schrägen satirischen Collagen entstanden oft in Zusammenarbeit mit seinem Bruder, Wieland Herzfelde. Danach kam die Schere zum Einsatz. War in Heartfields Sammlung von Pressefotos der richtige Schnappschuss für die Umsetzung des visuellen Konzeptes nicht vorhanden, beauftragte er einen Fotografen, der nach seinen Anweisungen das passende Tableau inszenierte.
Der glühende Pazifist und Kommunist John Heartfield kombinierte Kunst mit kommerziellen Printmedien, um ein möglichst großes Publikum zu erreichen. Das dies nicht ungefährlich ist, musste er am eigenen Leib erfahren. Zur Emigration gezwungen, verlegte er seinen Arbeits- und Lebensmittelpunkt zuerst nach Prag, dann nach London. Erst 1950 kehrte er nach Deutschland, in die DDR, zurück.
Die Autoren des Buches “John Heartfield: Zeitausschnitte. Fotomontagen 1918-1938″ verschränken in ihren tiefgreifenden, akribisch recherchierten Essays Werkanalyse, Biografie und Zeitgeschichte. Das Ergebnis ist weniger ein chronologischer Erzählstrang als ein dichtes Informationsgewebe. Thomas Friedrich, Sabine Kriebel, Roland März, Freya Mülhaupt, An Paenhuysen, Rosa von der Schulenburg, Andrés Mario Zervigón und Peter Zimmermann nähern sich dem politisch engagierten Künstler John Heartfield von vielen Seiten. Lebensweg und künstlerische Entwicklung, Bildanalysen exemplarisch herausgegriffener Fotomontagen, die enge Zusammenarbeit mit dem Bruder, Freundschaften und ihre Auswirkungen auf das Werk, Selbstporträt und Selbstsicht, Arbeitweise, politische und zeitgeschichtliche Hintergründe - all das und vieles mehr ist in der beeindruckenden Publikation zu finden. Auch mit Abbildungen wurde nicht gegeizt. Fotografisches Rohmaterial und fertige Fotomontage, Abbildungen von Buchumschlägen und für diverse Printmedien gestaltete Seiten, Schnappschüsse aus dem Privatleben John Heartfields und dokumentarische Aufnahmen seiner Ausstellungen begleiten die Texte. Zu verdanken ist die Bilderflut dem in der Kunstsammlung der Akademie der Künste, Berlin, erhaltenen Nachlass, aus dem es möglich war für Buch und Ausstellung nach Herzenslust zu schöpfen. Denn natürlich ist “John Heartfield: Zeitausschnitte. Fotomontagen 1918-1938″ eine Begleitpublikation. Die gleichnamige Ausstellung ist vom 29. Mai bis zum 31. August 2009 in der Berlinischen Galerie zu sehen. Zeitgeschichte einmal anders.
© Ch. Ranseder
John Heartfield: ZEITausSCHNITTE. Fotomontagen 1918 bis 1938
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Freitag, 10. Juli 2009

Emily Hahn
Shanghai Magie
Reportagen aus dem New Yorker
edition ebersbach 2009, 168 S., 16 Sw-Abb.
ISBN 978 3 938740 89 7
Shanghai Magie
Emily Hahn begleitet im Frühjahr 1935 ihre Schwester nach Shanghai und entschließt sich spontan zu bleiben. Die pulsierende Stadt fasziniert die abenteuerlustige Amerikanerin, die trotz abgeschlossenem Ingenieurstudium ihren Lebensunterhalt als Schriftstellerin verdient. Ihre Erlebnisse in Shanghai hält Emily Hahn in hinreißenden Reportagen für das Magazin “The New Yorker” fest. Das ist ein Glück für LeserInnen. Die in dem, in der edition ebersbach erschienenen, Buch “Shanghai Magie” abgedruckten elf Geschichten aus der sündigen Metropole sind noch heute eine unterhaltsame Sommerlektüre.
Die lebenslustige, exzentrische Emily Hahn wird in Windeseile zum Darling der in Shanghai ansässigen ausländischen High Society. Auf einer Party lernt sie einen der seltenen chinesischen Gäste, den Intellektuellen Shao Xunmei, kennen. Er ist ihre Eintrittskarte in die Welt der Chinesen. Durch ihn lernt sie die chinesische Kultur, und die Rituale des chinesischen Alltags kennen. Emily Hahn ist nicht nur eine scharfe Beobachterin, sie will auch alles selbst ausprobieren - sogar das Opiumrauchen. Offenherzig erzählt sie in der Geschichte “The Big Smoke” über die angenehme Wirkung der Droge, ihre Sucht und den schmerzhaften Entzug. Nichts bringt die Amerikanerin aus der Ruhe. Mit unwiderstehlichem Witz schildert sie in “Einmal Nanking und Retour” einen Ausflug, auf dem sie, ihre Freundin Mary und deren Entenküken “Sweetie Pie” vom Krieg überrascht werden. Es ist weder das erste noch das letzte Mal, dass die Schriftstellerin in einem Essay den Ernst der Lage durch Situationskomik herunterspielt, ja vergessen lässt. In “Doktor Baldwin” macht sie sich im japanischen Bombenhagel auf die Suche nach einem Zahnarzt, um sich die Krone eines Schneidezahns reparieren zu lassen - sie hatte als Vergeltung ihren Gibbon gebissen. Emily Hahn sitzt der Schalk im Nacken. Sie macht sich in ihren Reportagen über sich selbst lustig, setzt diese Begabung gezielt als Stilmittel ein. Sogar ihre beiden Affen, die gerne ausbüchsen, hat sie in einer Geschichte verewigt. In “Mr. Mills” begegnet die Autorin den Beschwerden ihrer Wohnungsnachbarn über die ungewöhnlichen Haustiere auf chinesische Art. Nach Jahren im Reich der Mitte ist die Autorin weise geworden wie ihr Hausdiener, dessen Umgang mit Problemen sie in “Der verschwundene Jadering” festgehalten hat.
Emily Hahns persönlich gefärbte, mit stilsicherer Leichtigkeit geschriebene Reportagen lassen das wilde Leben und die politischen Spannungen im Shanghai der Jahre 1935 bis 1943 wieder auferstehen.
Dagmar Yu-Dembski steuert im reich mit historischen Fotografien bebilderten Vorwort des Buches stadtgeschichtliches Hintergrundwissen bei und erzählt aus der Lebensgeschichte von Emily Hahn. Ihr ist auch die wunderbare Übersetzung der englischen Texte zu verdanken.
© Ch. Ranseder
Shanghai Magie
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Dienstag, 30. Juni 2009

Ivan Sterzinger (Hg.)
Das Kulturbüro-Weissbuch
Scheidegger & Spiess 2009, 107 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 85881 262 9
Das Kulturbüro-Weissbuch: Mit Gesuchsleitfaden, zwanzig Geheimtipps und über hundert nützlichen Adressen für das Überleben im Kulturbetrieb
Herzlichen Glückwunsch zum zehnten Geburtstag, Kulturbüro Zürich! Grün vor Neid bin ich als Österreicherin beim Lesen der Jubiläumspublikation des Schweizer Projektes zur Unterstützung von Kulturschaffenden geworden! Das Kulturbüro hilft praxisnah und unbürokratisch. UNBÜROKRATISCH - gleich mehrmals las ich dieses magische Wort, sogar laut. Ich musste es mir regelrecht auf der Zunge zergehen lassen. Aber es kam noch besser!
Ein Künstler ist jemand, der sich selbst als solcher definiert und nicht in erster Linie jemand, der bereits zahlreiche Auszeichnungen gewonnen hat, schreibt Hedy Graber, Leiterin Direktion Kultur und Soziales Migros-Kulturprozent, im Vorwort von “Das Kulturbüro-Weissbuch” über die “Haltung” des Kulturbüros. “Wow!” war mein erster, sich zugegebenermaßen nicht durch intellektuelle Reflexion auszeichnender, Gedanke. Entzückt über so viel Aufgeschlossenheit und Weitsicht einer Fördereinrichtung, versenkte ich meine Nase wieder in das Buch.
Dank der zahlreichen charmanten, humorvollen und nützlichen Beiträge, ist die anlässlich des 10-jährigen Bestehens des Kulturbüros erscheinende Festschrift “Das Kulturbüro-Weissbuch” zugleich Dokumentation und Ratgeber. Das Kulturbüro wurde 1998 in Zürich gegründet. Seine Räume sind Treffpunkt, Atelier und Büro zugleich. Hier können Kulturschaffende arbeiten und netzwerken, sich bei den engagierten Mitarbeitern der unkonventionellen Einrichtung Rat holen, kostengünstig Geräte ausborgen oder die Infrastruktur des Büros nutzen. Wofür das Kulturbüro steht, wie es zu seiner Gründung kam und welche Leistungen es anbietet, wird als Auftakt und Abschluss des Buches erzählt. Von Seite 15 bis 54 dürfen LeserInnen Hand anlegen: Perforierte Seiten müssen vorsichtig aufgerissen werden, um an die Tipps von zwanzig Kulturschaffenden zu kommen, wie unerwartete Hürden oder Engpässe überwunden werden können. Von Rezepten für Kunstblut über die Beschaffung von kostenlosen Fonts bis zu Tricks mit deren Hilfe Geräten das Maximum des technisch Machbaren entlockt werden kann, reicht das Spektrum der Improvisationskunststücke und Notlösungen.
Ein wenig ernster geht es dann im Leitfaden zum Verfassen von Gesuchen zu. Die meisten in der Gesuchsanleitung angeführten Punkte sind allgemein gültig und als Hilfestellung auch für Österreicher und Deutsche brauchbar. Einige wenige Empfehlungen sind allerdings eher als landestypisch zu betrachten. Wirklich nur für Schweizer hilfreich ist der Adressenteil “Die gelben Seiten”. Nach dieser Serviceleistung schwenkt “Das Kulturbüro-Weissbuch” wieder auf die Dokumentationsschiene. Witzig fand ich die Porträtfotos der hart für die Kulturschaffenden arbeitenden Geräte. Da sich das Kulturbüro Zürich als bahnbrechendes Erfolgsprojekt erwies, wurden nach und nach Niederlassungen in Bern (1999), Genf (2006) und Basel (2008) eröffnet. Das vorletzte Kapitel fängt mithilfe eines fotografischen Essays die Stimmung in den Räumen der vier Kulturbüros ein.
Was in Österreich zu einer schwerfälligen Jubelpostille für Politiker und deren Versuch, sich in zahlreichen Vor-, Geleit- und Einleitungsworten inklusive Foto zu profilieren, verkommen würde, wird in der Schweiz zu einer Publikation, in deren Mittelpunkt das gefeierte Projekt steht und in der Menschen zu Wort kommen, die tatsächlich etwas mit dieser Einrichtung zu tun hatten oder haben. Nicht nur Konzept und Tonfall von “Das Kulturbüro-Weissbuch” sind aufgeschlossen und individuell, auch die optische Gestaltung des Buches kann sich sehen lassen. Nur der blaue Schutzumschlag wollte sich ständig aus dem Staub machen.
Das Kulturbüro ist eine Bereicherung der Schweizer Kulturlandschaft, “Das Kulturbüro-Weissbuch” für jedes Bücherregal.
© Ch. Ranseder
Das Kulturbüro-Weissbuch: Mit Gesuchsleitfaden, zwanzig Geheimtipps und über hundert nützlichen Adressen für das Überleben im Kulturbetrieb
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Freitag, 19. Juni 2009

Agnes Husslein-Arco, Sabine Grabner (Hgg.)
Ferdinand Georg Waldmüller
Brandstätter 2009, 240 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 85033 296 5
Ferdinand Georg Waldmüller
Was würde Ferdinand Georg Waldmüller (1793–1865) malen, wenn man ihn in unsere Zeit versetzen könnte? Porträts von Politikern, Beamten, Unternehmern und der Wiener “Bussi-Bussi” Gesellschaft, Statussymbole inklusive? Tagelöhner des 21. Jahrhunderts auf der Suche nach Arbeit (vulgo Arbeiterstrich), einsame MindestrentnerInnen, alleinerziehende Mütter an der Armutsgrenze, kinderreiche Einwandererfamilien, Groß und Klein vor dem Fernseher, Weihnachten in der Notschlafstelle, Wiener in Feierstimmung anlässlich einer der vielen Volksbelustigungen oder wandernde Touristen in den Alpen? Stillleben aus Designer-Stücken? Er hätte sicher jede dieser Gestaltungsaufgaben mit akribischer Pinselführung meisterhaft gelöst.
Waldmüller war ein vielseitiger und produktiver Künstler. Sein malerisches Lebenswerk umfasst Porträts, Genreszenen, Landschaften und Stillleben. Er verfügte über eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe und verschloss seine Augen weder vor physiognomischen Tatsachen noch vor der harten Realität, der sich die Mehrheit der Bevölkerung täglich stellen musste. Im 19. Jahrhundert beschäftigten sich bildende Künstler zunehmend in belehrenden oder moralisierenden Gemälden mit sozialen Fragen. Waldmüllers Genrebilder, mit denen heute sein Name vor allem assoziiert wird, stellten also keine Ausnahme dar. Doch in seinem Spätwerk löste er sich weitgehend vom Sentiment und wurde zum aufmerksamen Chronisten der unterprivilegierten Schichten. Die Tendenz, schonungslos die Wirklichkeit abzubilden, hatte sich in Waldmüllers Porträts ja bereits zu Beginn seiner Karriere abgezeichnet. Er malte genau, was er sah – auch wenn er gelegentlich in den Auftragsarbeiten die Schärfe seines Blickes milderte und z. B. auf die Wiedergabe von Pockennarben verzichtete. Schließlich muss man gute Kunden bei der Stange halten.
Das reich bebilderte Buch “Ferdinand Georg Waldmüller” lädt dazu ein, sich erneut mit einem Maler auseinanderzusetzen, der heute gerne zum bedeutendsten österreichischen Künstler des 19. Jahrhunderts stilisiert wird. Die Mühe, Waldmüllers Gemälde einer eingehenden Bildbetrachtung zu unterziehen, lohnt sich. Denn was bei der ersten oberflächlichen Begegnung konservativ, fast altbacken und fallweise süßlich-sentimental wirkt, ist alles andere als das. Ferdinand Georg Waldmüller war in vieler Hinsicht ein Vorreiter. Die Natur, deren Studium er vehement vertrat, stellte für ihn das Maß aller Dinge dar. Diese Überzeugung widersprach den Ansichten der akademischen Kollegen, die Waldmüller als “Naturalisten” schmähten. Vor allem mit seinen Versuchen das Sonnenlicht wiederzugeben, traf der Künstler bei einigen Zeitgenossen auf Unverständnis. Den Erfolg als einer der angesehensten Maler Wiens zu gelten, musste sich Waldmüller hart erarbeiten. Sein gegen den Willen von Mutter und Vormund aufgenommenes Studium finanzierte er sich mit dem Bemalen von Bonbonpapieren und Kupferstichen. Auch als Zeichenlehrer und Dekorationsmaler verdingt er sich. Unermüdlich feilte der Künstler an seiner Maltechnik. Er kopierte alte Meister und beobachtete die Menschen, deren Darstellung er über alles andere setzte. 1829 wurde Waldmüller zum Ersten Kustos der Gemäldesammlung der Akademie der bildenden Künste in Wien ernannt, 1835 zum ordentlichen akademischen Rat. Im Jahr darauf begann er Privatunterricht zu erteilen. So weit, so gut. Eine typisch österreichische Karriere, möchte man denken. Doch dann passierte etwas Unerhörtes: die Erfolge der Schüler Waldmüllers sprachen für die Effizienz seiner Lehrmethoden. Darüber hinaus wagte er es, seine Gedanken zur künstlerischen Ausbildung niederzuschreiben und dieses Dokument 1845 der Akademie vorzulegen! Mit seinem hartnäckig vertretenen Ansinnen, den Kunstunterricht an der Akademie zu reformieren, setzte Waldmüller alles aufs Spiel – und verlor. Nach einem Eklat in einer Ratssitzung und mehreren weiteren Streitschriften wurde Waldmüller 1857 vom Dienst suspendiert und sein nun als Pension ausbezahltes Gehalt auf die Hälfte gekürzt. Unterkriegen ließ sich der große Lichtmaler dadurch nicht. In den folgenden Jahren stellte Waldmüller in Paris, London und Köln aus, wo ihm die verdiente Anerkennung zuteil wurde.
“Ferdinand Georg Waldmüller” ist ein stattliches Buch, dessen Autoren sich ganz auf das Werk und seine Rezeption konzentrieren – und zwar ausschließlich aus kunsthistorischer Sicht. Aus der Reihe tanzt lediglich das Kapitel über Waldmüllers Streit mit der Akademie. Danach reihen sich die Analysen, akribisch recherchiert und auf dem neuesten Stand der Forschung, Perlen gleich aneinander: dem “fotografischen Blick” folgen die Porträt- und Landschaftsmalerei, die Lokalisierung der in den Gemälden festgehaltenen Wiener Schauplätze sowie die Genremalerei, nach der es geografisch – England, Deutschland, Frankreich, Österreich auf der Weltausstellung 1855 in Paris – weiter geht. Zweifellos ist das alles sehr interessant. Es ist aber auch furchtbar brav. Schmerzlich vermisste ich den Wagemut der Interdisziplinarität, des wissenschaftlichen Crossover. Welch Bereicherung wäre ein Essay zur Realienkunde gewesen! Auch ein Beitrag über die in den Genreszenen dargestellten Handlungen und Bräuche aus dem Blickwinkel der europäischen Ethnologie hätte eine spannende Lektüre abgegeben! Historiker könnten sicher so Manches über die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse im 19. Jahrhundert, die Waldmüller so gekonnt wiedergab, erzählen! Doch Schwerpunktsetzungen sind Geschmacksache. Eines ist sicher “Ferdinand Georg Waldmüller” gelingt es trefflich, dem Künstler ein Denkmal zu setzten.
Die Publikation “Ferdinand Georg Waldmüller” erschien anlässlich der gleichnamigen Ausstellung, die noch bis zum 11. Oktober ‘09 im Belvedere (siehe Rezension) zu sehen ist.
© Ch. Ranseder
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Freitag, 12. Juni 2009

Ulrike Müller
Ingrid Radewaldt, Sandra Kemker
Bauhaus-Frauen
Meisterinnen in Kunst, Handwerk und Design
Elisabeth Sandmann 2009, 152 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 938045 36 7
Bauhaus-Frauen - Meisterinnen in Kunst, Handwerk und Design
Das 1919 gegründete Bauhaus nahm auch weibliche Studenten auf. Und die Frauen kamen in Scharen, um die zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch rare Chance auf eine fundierte Ausbildung zu nutzen. Im ersten Semester seines Bestehens inskribierten am Bauhaus vierundachtzig Frauen und neunundsiebzig Männer - sehr zur Besorgnis seines Gründers, Walter Gropius, der nicht mit diesem weiblichen Ansturm gerechnet hatte. In seiner Antrittsrede propagierte Gropius noch “… absolute Gleichberechtigung, aber auch absolute gleiche Pflichten …”, doch schon bald begannen Lippenbekenntnis und Realität auseinander zu driften.
Ulrike Müller und ihre Gastautorinnen Ingrid Radewaldt und Sandra Kemker schildern in “Bauhaus-Frauen. Meisterinnen in Kunst, Handwerk und Design” wie es den Frauen am Bauhaus erging. In brillant geschriebenen Texten erzählen sie von Studienbedingungen, Lehrplänen und den herausragenden Leistungen, welche die Frauen - trotz der Schwierigkeiten und Diskriminierungen mit denen sie sich konfrontiert sahen - erbrachten.
Wie so oft, wenn es Frauen gelingt in männliche Domänen vorzudringen, stand das weibliche Geschlecht auch am Bauhaus bald vor neuen Barrieren. Es hatte nicht lange gedauert bis Maßnahmen ergriffen wurden, um die Zahl der am Bauhaus studierenden Frauen zu beschränken und die Studentinnen auf den ihnen von den Männern zugedachten Platz zu verweisen. Die Mehrzahl der Frauen wurde in die Handweberei abgedrängt, da die Herstellung von Textilien als eine ihnen angemessene Tätigkeit galt. Es muss ein Schock für die männlichen Führungs- und Lehrkräfte gewesen sein, dass sich ausgerechnet die Weberei durch Innovation und Produktivität profilierte und zu einer der erfolgreichsten der Werkstätten entwickelte. Apropos Leitungspositionen: Kaum eine der zahlreichen Frauen am Bauhaus wurde in eine solche berufen, selbst Lehraufträge waren spärlich gesät und, wie Ulrike Müller anmerkt, schlechter bezahlt.
Dennoch ließen sich die außerordentlich begabten Frauen nicht entmutigen. Sie zeigten Durchhaltevermögen und eroberten sich den Zugang zu den anderen Werkstätten, wie Metall, Keramik, Holz, Wandmalerei und Grafik. Doch die Disziplin, in der die zweitgrößte Anzahl an Frauen tätig wurde, war die Fotografie. Damit wird auch am Bauhaus die weibliche Strategie des Ausweichens in relatives Neuland, also in Bereiche deren Hierarchien noch nicht von Männern festgelegt und besetzt sind, sichtbar.
In dem bemerkenswerten Buch “Bauhaus-Frauen” werden 20 Künstlerinnen vorgestellt, die am Bauhaus lehrten, studierten oder als Ehefrauen Bauhausmeister unterstützten. Ihre Lebensgeschichten sind eine spannende, oft berührende Lektüre, im Zuge derer der bedeutende Beitrag sichtbar wird, den Frauen zum Gedeihen des Bauhauses leisteten. Den Auftakt des Biografien-Reigens bestreiten zwei Lehrkräfte aus den Anfängen des Bauhauses, Gertrud Grunow und Helene Börner, sowie eine der ersten Schülerinnen, Ida Kerkovius. Die Reihung der folgenden Porträts erfolgt lose nach den am Bauhaus eingerichteten Werkstätten. Die Weberei repräsentieren Benita Otte, Gunta Stölzl, Anni Albers, Gertrud Arndt und Otti Berger. Aus der Töpferei, die nur in den Weimarer Jahren des Bauhauses bestand, sind Margarete Heymann-Loebenstein-Marks und Marguerite Friedlaender-Wildenhain vertreten. Mehrfachbegabungen, denen die Aufnahme in die Werkstätten für Druckgrafik, Wandmalerei oder Bildhauerei und Bühnenarbeit gelang, waren Ilse Fehling, Friedl Dicker und Lou Scheper-Berkenkamp. Mit den Werkstoffen Holz beschäftigte sich Alma Siedhoff-Buscher. Marianne Brandt leistete Hervorragendes in der Metallwerkstatt. Die Innenarchitektin Lilly Reich wurde 1932 als Leiterin von Ausbauabteilung und Weberei berufen. Das abschließende Kapitel schließlich ist den Fotografinnen und Chronistinnen des Bauhauses, Florence Henri, Grete Stern, Ise Gropius und Lucia Moholy, gewidmet.
Reichhaltiges Bildmaterial, darunter Fotos des Arbeitsumfelds und Abbildungen ihrer Werke, begleitet die Kurzbiografien. Dank zeitgenössischer Fotografien bleiben auch die Frauen selbst nicht “gesichtslos”. Lächelnd oder mit forschen Blick, in die Arbeit versunken oder ihre Werke präsentierend begegnen sie den Augen der Leserinnen und Leser. Originalzitate lassen ihre Persönlichkeit aufblitzen. Wer, neugierig geworden, mehr über eine der Frauen erfahren will, muss nach weiterführender Literatur nicht lange suchen. Sie ist gleich im Anschluss jedes biografischen Textes angeführt. Zeitgeschichtlicher Kontext und die am Bauhaus vorzufindenden Rahmenbedingungen werden in der Einleitung des Buches sowie in den sechs Kapiteln vorangestellten Texten vermittelt.
Den Autorinnen Ulrike Müller, Ingrid Radewaldt und Sandra Kemker ist mit dem Buch “Bauhaus-Frauen” ein wunderbares und zugleich wichtiges Buch gelungen. Nicht nur werden erstmals die Leistungen der am Bauhaus wirkenden Frauen gewürdigt, es bietet sich dadurch auch eine längst überfällige, neue Sichtweise auf die Geschichte einer avantgardistischen, stilprägenden Institution aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
© Ch. Ranseder
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Donnerstag, 07. Mai 2009

M. Hank Haeusler
Media Facades
History, Technology, Content
avedition 2009 , Engl., 248 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8998 6107 5
Media Facades
Technische Neuerungen und ihre innovativen Anwendungen sind aufregend. Der letzte Schrei, um sich in der nächtlichen Stadtlandschaft Aufmerksamkeit zu verschaffen, sind Medienfassaden. Mit hohem technischen Aufwand werden Fassaden von Gebäuden so (um)konstruiert, dass sie mit dynamischen digitalen Grafiken, Texten oder Bildern bespielt werden können. Als auf diese Weise vermittelter “Inhalt” sind auch die gesamte Außenhaut eines Bauwerks umflutende psychedelische Lichtmuster zu verstehen, wie man sie - als jüngstes österreichisches Beispiel - im Rahmen von Linz ´09 am Ars Electronica Center bestaunen kann.
Medienfassaden sind eine relativ neue Entwicklung in dem sich stetig erweiternden Feld der Architektur. Für jede junge Disziplin kommt der Zeitpunkt, an dem es notwendig erscheint, den durch Pionierarbeit erreichten Stand der Dinge festzuhalten und im theoretischen Diskurs zu etablieren. Dazu bedarf es, unter Anderem, der Schaffung eines Ordnungssystems und der Vermittlung der von den Vorreitern geschaffenen Fachsprache, um die Verständigung mit einem möglichst großen, interdisziplinär zusammengesetzten Kreis aus Ingenieuren, Architekten, Mediendesignern, Studenten, Journalisten, Kritikern und potentiellen Auftraggebern zu erleichtern.
M. Hank Haeusler legt in seinem Buch “Media Facades. History, Technology, Content” den Grundstein für eine über Insiderkreise hinausgehende Auseinandersetzung mit dem ebenso faszinierenden wie kontroversiellen Thema.
Aufbauend auf eine Bestandsaufnahme gewährt er einen Überblick über bereits Erreichtes und in Zukunft technisch Mögliches. Der Aufbau der hervorragend gegliederten Publikation folgt der bereits im Untertitel angekündigten Dreiteilung.
Das erste Kapitel bietet Begriffsdefinitionen, allgemeine Richtlinien für die Design und Bau vorhergehende Phase der Entscheidungsfindung, einen historischen Abriss der Vorläufer heutiger Medienfassaden und der Entwicklung ihrer elektronischen Komponenten sowie eine Geschichte des Times Square in New York, dessen Charakter und Rolle in der Stadtplanung durch Medienfassaden bestimmt wird.
Der Schwerpunkt des Buches liegt auf der Technologie der Medienfassaden, mit der sich das umfangreiche zweite Kapitel beschäftigt. Haeusler unterscheidet vier technische Kategorien - “Mechanical”, “Projector”, “Illuminant” und “Display” - innerhalb derer eine weitere Gliederung nach den unterschiedlichen, für die Gestaltung von Medienfassaden verfügbaren Technologien erfolgt. Diese werden anhand von 36 internationalen Fallbeispielen in einem perfekt ausgewogenen Verhältnis von Text und Bild, erörtert. Das macht “Media Facades. History, Technology, Content” zu einem wunderbaren, reich bebilderten Handbuch. Seinen Mehrwert erhält die Publikation durch die, für Arbeiten technischen Inhalts keinesfalls selbstverständliche, Lesbarkeit der Texte. M. Hank Haeusler verfügt über die seltene Begabung komplexe technische Informationen in einer auch für Laien verständlichen Sprache zu vermitteln. Die Gegenüberstellung von technischer Beschreibung und Anwendungsbeispiel erleichtert darüber hinaus den Vergleich der unterschiedlichen Wirkungen, die Medienfassaden im urbanen Umfeld oder als Gestaltungselement von Inszenierungen im Innenraum entfalten können. Und natürlich sind die ausgewählten Fallbeispiele allesamt schicke Eyecatcher, egal ob es sich um Prototypen, künstlerische Interventionen oder durchgestylte Markenauftritte handelt. Vor allem die Automobilindustrie scheint für Messestände oder firmeneigene Museen gerne auf Medienfassaden zurückzugreifen, um ihre Produkte optimal in Szene zu setzten - gleich sechs Fallbeispiele sind dieser Branche zuzuordnen. Werbung findet eben nicht nur als Holzhammer-Kommerz statt, wie er am von Haeusler mehrfach als Beispiel angeführten Times Square zu finden ist. Damit stellt sich die Frage nach möglichen “Inhalten”, die mit Hilfe von Medienfassaden kommuniziert werden können. Ihnen ist das abschließende, ein wenig dünn geratene, dritte Kapitel gewidmet.
Ein Glossar sowie eine Liste von Designern und Herstellern runden das grafisch ansprechend gestaltete Buch ab.
“Media Facades. History, Technology, Content” ist zugleich Einführung und Nachschlagewerk. Eindrucksvoll führt das Buch vor Augen, was heute technisch möglich ist und wie gut Medienfassaden aussehen können. Doch die nächtlichen Fassaden-Lichtspiele haben auch ihre Schattenseiten. Wertneutral erwähnt Haeusler Baukosten, Energieverbrauch und die Tatsache, dass der Platz hinter einer Medienfassade oft nicht mehr für Büro- oder Wohnzwecke genutzt werden kann. Über die Sinnhaftigkeit von Medienfassaden ließe sich also streiten. Wie war das noch mal mit dem ökologischen Fußabdruck, an den EU-Bürger in letzter Zeit so oft gemahnt werden?
© Ch. Ranseder
siehe auch:
ag4-mediafacades (Daab Architecture & Design)
Krieg der Zeichen: Spurenlesen im urbanen Raum
Vattenfall Europe Zentrale & Medienfassade Berlin. Deutsche Ausgabe
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Montag, 04. Mai 2009

Toulouse-Lautrec. Der intime Blick
Text von Danièle Devynck, Johannes Ramharter, Anne Röver-Kann, Alain Tapié
Hatje Cantz 2009, 160 S., davon 77 in Farbe
ISBN 978 3 7757 2346 6
Toulouse-Lautrec: Der intime Blick
Die vier Pfoten in der Luft, das Schwänzchen hoch erhoben, jagt ein Hündchen neben Pferd und Reiter her, dem Horizont entgegen. Die Tiere und ihr begleitender Mensch auf dem Gemälde “Reiter mit kleinem Hund” sind humorvoll überzeichnet, die Landschaft bleibt undifferenziert. 1879, dem Entstehungsjahr des Bildes, ist der Malstil von Henri de Toulouse-Lautrec (1864-1901) noch der Tradition verpflichtet. Doch bereits in diesem frühen Werk sind seine scharfe Beobachtungsgabe und die Neigung zur Karikatur offensichtlich. Wie schnell es dem Künstler gelang, auch stilistisch zu einem sehr individuellen, modernen Ausdruck zu finden, kann in “Toulouse-Lautrec. Der intime Blick” nachvollzogen werden. Das reich bebilderte Buch bietet einen Querschnitt durch das Werk des französischen Malers und Grafikers. Von den frühen Gemälden mit Szenen der Fortbewegung per Pferdekraft über Porträts von Familie und Freunden bis zu den bekannten, in Unterhaltungslokalen und Bordellen entstandenen Grafiken spannt sich der Bogen. Und natürlich ist auch eine Auswahl von Plakaten zu bewundern.
Das Buch “Toulouse-Lautrec. Der intime Blick” erscheint anlässlich einer Ausstellung im Linz, Österreich. Es verwundert daher nicht, dass sich unter den fünf Essays, die dem Katalog vorangestellt sind, auch ein Vergleich der Arbeiten des französischen Künstlers mit jenen von Egon Schiele befindet. 1909, also vor exakt 100 Jahren, waren bereits Arbeiten von Toulouse-Lautrec in der Wiener Galerie Miethke ausgestellt, die Schiele gesehen haben könnte. Sowohl Toulouse-Lautrec als auch Schiele waren Meister der Linie, doch ihr Verhältnis zu den Modellen, ihre Annäherung an den Menschen war grundverschieden. Die ersten beiden Abbildungen des Buches, die leider nicht auf gegenüberliegenden Seiten platziert wurden, sind dafür ein gutes Beispiel. Sowohl das Ölbild von Toulouse-Lautrec als auch die Bleistiftskizze Schieles zeigen eine Frau, die in einem Sessel sitzend das Kinn auf die Hand stützt. Der Schlüssel zum Verständnis des Verhältnisses von Modell und Maler liegt im Gesichtsausdruck. Toulouse-Lautrecs Madame Berthe Bady ist sichtlich amüsiert und scheint sich gut zu unterhalten. Ein Lächeln umspielt ihre Mundwinkel, der Blick ist wach und fokussiert. Der Frau in Schieles Bild hingegen ist die Langeweile und das Desinteresse an ihrem Gegenüber ins Gesicht geschrieben. Einzig der Gedanke “Hoffentlich ist er bald fertig, damit ich gehen kann” scheint sie zu beschäftigen. Eine Interaktion findet nicht statt. Schiele ist nicht an der Person interessiert, sondern an dem in einer Pose verharrenden Körper, der zum Bedeutungsträger wird.
Die Arbeiten von Toulouse-Lautrec zeugen von seinem Interesse an den dargestellten Menschen, an ihren Eigenheiten und Seelenzuständen. Als Porträtmaler verstand er es, die Persönlichkeit der Dargestellten zu erfassen und zu Papier zu bringen. Als Beobachter in Bordellen und Vergnügungslokalen bedurfte er keiner Modelle. Ungeschönt und frei von Voyeurismus hielt er Szenen aus dem Alltag fest. Seine unaufdringliche Präsenz erlaubte ihm die harte Lebenswelt der in der Unterhaltungsbranche Beschäftigten aus nächster Nähe zu dokumentieren. Grafiken wie “Frau mit Tablett - Frühstück” und “Liegende Frau - Erwachen”, beide aus der Serie Elles, lassen darauf schließen, dass die Frauen Toulouse-Lautrec ein gewisses Maß an Vertrauen entgegenbrachten. Sonst hätten sie sich wohl kaum so entspannt gezeigt.
Letztendlich kann über die Befindlichkeit von an der Entstehung der einzigartigen Werke beteiligten Personen nur gemutmaßt werden. Das Betrachten von Kunst ist über den optischen Genuss hinaus auch ein interpretativer Vorgang und damit ein intellektuelles Vergnügen. Wer sich selbst eine Meinung bilden möchte, dem bietet die Publikation “Toulouse-Lautrec. Der intime Blick” reichhaltiges Anschauungsmaterial.
Im Original ist die Werkauswahl noch bis zum 7. Juni 2009 in der gleichnamigen Ausstellung der Landesgalerie Linz zu bewundern.
© Ch. Ranseder
Toulouse-Lautrec: Der intime Blick
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Samstag, 25. April 2009

Edvard Koinberg
Herbarium Amoris
Das Liebesleben der Pflanzen
Essays von Henning Mankell und Tore Frängsmyr
Taschen 2009, 152 S., zahlr. Farbfotos.
ISBN 978 3 8365 1781 2
Koinberg - Herbarium Amoris
Sex sells! Ob das auch schon Carl von Linné (1707-1778) wusste? Immerhin bediente er sich einer sexuell aufgeladenen Sprache, um seine Methode der Klassifizierung von Planzen nach Zahl und Anordnung der Staubgefäße und Fruchtblätter publik zu machen. Seine Zeitgenossen waren erwartungsgemäß schockiert und Linnés Name in aller Munde. Doch seinem Systema sexuale war kein Glück beschieden, schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts war es überholt. Aber so ist die Wissenschaft. Zu dauerhaften Ruhm kam Lineé dennoch. Mit dem Werk Species plantarum verhalf er 1753 dem binominalen System zum Durchbruch und legte damit den Grundstein für ein standardisiertes, noch heute gültiges System der Pflanzenbenennung. Doch genug von Linné, schließlich steht nicht er im Mittelpunkt des Bildbandes “Herbarium Amoris. Das Liebesleben der Pflanzen”, sondern die wunderbaren Fotografien seines Landsmanns Edvard Koinberg. Dieser ließ sich vom Werk des großen Ordnungsliebenden nicht nur zu dem Projekt inspirieren, sondern gliedert auch die in der Publikation dargebotene Bilderflut nach dessen Calendarium florae. Linné kommt natürlich trotzdem nicht zu kurz. Ganz ohne Huldigung geht es nicht. Und so haben der bekannte Krimiautor Henning Mankell und der angesehene Wissenschaftler Tore Frängsmyr jeweils einen Essay über Carl von Linné beigesteuert.
Trotz des liebestrunkenen Titels geht es in dem Prachtband ganz züchtig zu. Keine Biene schwirrt von Blüte zu Blüte, kein Lüftchen treibt Pollen vor sich her. Dafür gibt es Pflanzen zu sehen, die in herkömmlichen Blumenbüchern mit künstlerischem Anspruch meist fehlen. Edvard Koinberg durchstreifte seinen Garten zu jeder Jahreszeit auf der Suche nach attraktiven Modellen. Blüten von Garten- und Wildpflanzen, Fruchtstände, knospende Zweige von Bäumen, ja sogar attraktives Gemüse holte er vor die Kamera. Die betörend schönen Aufnahmen von Flamingoblume und Zimmercalla belegen Abstecher zur Fensterbank.
Nicht auf jedem Foto sind die Porträtierten makellos. Manche sind bereits verwelkt und trocken, haben die beste Zeit ihres Lebenszyklus schon hinter sich. Schön sind sie dennoch. Erst im Vergehen tritt die Farbe zugunsten der Struktur zurück, gibt der Verfall den Blick auf Blattadern frei. Fest geschlossene Knospen hingegen lassen die kommende Blütenpracht erahnen. Was bei ihnen als Versprechen beginnt, wird von den am Höhepunkt ihrer Entwicklung festgehaltenen Blumen, die mit kräftiger Farbe und elegantem Wuchs verführen, erfüllt.
Edvard Koinberg spielt mit Schärfe und Unschärfe, Nahaufnahme und Dreiviertelporträt. Obwohl auf den Fotografien keine kunstvoll kombiniertten Blumensträuße zu sehen sind, erinnert die Lichtführung an die Blumenmalerei des 16. und 17. Jahrhunderts. Manchmal ist es nur eine vom Stängel getrennte Einzelblüte, die vor dem schwarzen Hintergrund zu schweben scheint. Ein andermal wächst die Gestalt einer in gedämpftes Licht getauchten Pflanze geradezu aus dem mystischen Dunkel heraus.
Der prächtige Bildband “Herbarium Amoris. Das Liebesleben der Pflanzen” besteht fast ausschließlich aus seitenfüllenden, stimmungsvollen Fotografien. Als Abschluss des Buches sind die Pflanzenporträts nochmals klein abgebildet und mit Beschreibungen versehen - damit das Rätselraten um die Identität der Dargestellten ein Ende hat.
© Ch. Ranseder
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Montag, 13. April 2009

Andreas Blühm (Hg.)
Der Mond
Hatje Cantz 2009, 304 S., 160 Farb- und 20 SW-Abb.
ISBN 978 3 7757 2403 6


Der Mond
Für “Der Mond” wurde nicht mit Papier gespart. Der Mond darf im Vorspann des Buches von der Sichel zum Vollmond schwellen und im Nachspann wieder zur Sichel schrumpfen. Grundlage für das lehrreiche Daumenkino sind die 40 Mondkarten des Johannes Hevelius, die dieser 1647 in seiner “Selenographia sive lunae descriptio” veröffentlichte. Erstmals vollständig wiedergegeben, sind diese Mondansichten trotz ihrer Wissenschaftlichkeit kunstvoll ausgeführt und schön anzusehen. Damit ist das Thema der ansehnlichen Publikation “Der Mond” bereits umrissen. Es geht um die Darstellung des Himmelskörpers in Wissenschaft und Kunst. Denn der wissenschaftliche Fortschritt, der solche Meilensteine wie die Erfindung des Fernrohres und die Mondlandung mit sich brachte, schlug sich auch in dem Bemühen um die korrekte Wiedergabe des Mondes nieder. Schließlich bedurfte die Forschung schon immer der Bilder, um ihre Ergebnisse zu kommunizieren. Doch der Mond und sein Abbild fesselten nicht nur Astronomen, wissenschaftliche Illustratoren und später Fotografen, sondern auch Vertreter der bildenden Kunst. Ihr Interesse am Erdtrabanten war stärker von kulturhistorisch bedingten Trends geprägt, gänzlich frei von wissenschaftlicher Neugier waren jedoch auch viele Maler nicht.
Andreas Blühm verfolgt in seinem unterhaltsamen Essay “Monde” das Wechselspiel der Disziplinen, die von Wissbegier und technischen Erfindungen ausgelösten Wandlungen der Weltanschauung und ihren Niederschlag in der Kunst. Künstler reagierten nicht nur auf den Wissensstand der Zeit, sondern entwickelten eigene Vorlieben. So verschob sich zum Beispiel im Verlauf des 18. Jahrhunderts ihr Interesse von der Darstellung der physischen Gestalt des Mondes auf jene des Mondlichts. Sinister wird es im 20. Jahrhundert, wenn als Dritter im Bunde PR-Fachleute Fotos des Mondes zu Propagandazwecken einsetzen.
Ob sich Künstler bei der Darstellung des Mondes an der Stellung des Originals am Firmament orientierten, erkundet Hermann-Michael Hahn in seinem Beitrag “Wie Künstler den Mond sahen. Künstlerische Freiheit und astronomische Wirklichkeit” an ausgewählten Gemälden - und kommt dabei zu überraschenden Ergebnissen.
Der Wettlauf in der Wissenschaft ist nichts Neues. Er machte schon Galileo Galilei zu schaffen. Horst Bredekamp legt in “Galileio Galileis ‘Sternenbote’ von 1610: Der Beginn der neueren Mondbetrachtung” dar, wie sich der große Astronom eilte, der Erste zu sein.
Der ausführliche Katalogteil des Buches “der Mond”, das anlässlich der gleichnamigen Ausstellung erschienen ist, gliedert sich in sechs Kapitel - treffend als Mondphasen bezeichnet. Das Spektrum der vorgestellten Objekte umfasst wissenschaftliche Kartenwerke und Instrumente, Gemälde vom 15. Jahrhundert bis zur modernen Kunst, Fotografien des Mondes, Sattelitenaufnahmen und vieles mehr. Sogar Standbilder aus Filmen - Kubricks “2001″ und Langs “Die Frau im Mond”- fanden Aufnahme. Die begleitenden Texte sind großzügig bemessen, reich an Informationen und eine überraschend spannende Lektüre. Freunde des Erzählerischen seien jedoch gewarnt! Wer hofft, in “Der Mond” Illustrationen von Märchen, Nursery Rhymes, Science-Fiction-Romanen oder ähnlich Populärem zu finden, wird enttäuscht werden.
Die Ausstellung “Der Mond” ist noch bis 16. August 2009 im Wallraf-Richartz Museum & Fondation Corboud, Köln, zu sehen.
© Ch. Ranseder
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Montag, 13. April 2009

Holger Lundt
Die Tulpen des Suleiman
Ein Spaziergang durch die Gärten der Geschichte
Artemis & Winkler 2009, 110 S., 5 Strichzeichnungen
ISBN 978 3 538 07279 4


Die Tulpen des Suleiman: Ein Spaziergang durch die Gärten der Geschichte
Pflanzen mögen unscheinbar wirken und doch hat der Mensch mit ihnen das Antlitz der Erde und den Verlauf der Geschichte verändert - und das nicht erst in der jüngsten Vergangenheit. Die rücksichtslose Ausbeutung natürlicher Ressourcen fand bereits zur Zeit der Pharaonen statt. Holger Lundt erzählt in “Die Tulpen des Suleiman” vom Verschwinden der als Bauholz begehrten Libanon-Zedern, das die Landschaft des Nahen Ostens baumlos und karg zurückließ. Kaum besser erging es im 16. Jahrhundert der langsam wachsenden europäischen Eibe, aus der die Engländer ihre Langbögen fertigten.
Doch in Holger Lundts flott geschriebenem Büchlein sind nicht nur Geschichten von menschlicher Gier zu finden. Er weiß auch Positives zu berichten. Da wäre zum Beispiel die Verbreitung des Kirschbaums, dessen Einführung in Europa ja dem reichen römischen Leckermaul Lucius Licinius Lucullus zu verdanken sein soll. Und was wären unsere Gärten ohne Tulpe, Flieder und Rosskastanie, die der botanisierende Diplomat Ogier Ghiselin de Busbecq aus der Türkei nach Wien brachte!
“Die Tulpen des Suleiman” verknüpft die Kulturgeschichte von Pflanzen mit den wirtschaftlichen Interessen, gärtnerischen Glücksgefühlen, geschmacklichen Vorlieben und botanischen Leidenschaften einiger historischer Persönlichkeiten.
Das Ergebnis ist eine Weltgeschichte der anderen Art, die sich perfekt als Mitbringsel für kulturhistorisch interessierte Pflanzenfreunde eignet. Und hübsch anzusehen ist das Büchlein über nützliche Bäume, schmackhafte Früchte und betörende Blüten auch.
© Ch. Ranseder
Die Tulpen des Suleiman: Ein Spaziergang durch die Gärten der Geschichte
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Donnerstag, 09. April 2009

Eva Afuhs, Andreas Strobl (Hgg.)
Hermann Obrist Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900
Museum Bellerive, Staatliche Graphische Sammlung München
Scheidegger & Spiess 2009, Dt./Engl., 248 S., zahlr. Abb. ISBN
ISBN 978 3 85881 239 1
Hermann Obrist: Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900
Hermann Obrist (1862-1926) war ein Suchender. Vielseitig begabt und leicht zu langweilen, kam er über den Umweg der Naturwissenschaften zur Kunst. Vier “Visionen” brauchte es, bis der junge Hermann seine Berufung erkannte und sich ganz dem Kunstgewerbe verschrieb. Wie sein Werdegang verlief, erzählt der Künstler, der einst in München den deutschen Jugendstil maßgeblich formte, in der Autobiografie “Ein glückliches Leben”. Seine Erinnerungen bilden - durch Papier, Farbe und mittige Platzierung von den wissenschaftlichen Beiträgen abgehoben - das Herzstück des Buches “Hermann Obrist. Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900″.
Das künstlerische Schaffen von Hermann Obrist ist nur noch lückenhaft erhalten. Vieles kam nie über das Entwurfsstadium hinaus, ging verloren oder wurde im zweiten Weltkrieg zerstört. Nahezu das gesamte bildhauerische Werk sowie eine fotografische Dokumentation der Grabmäler und Brunnen befinden sich heute im Museum für Gestaltung, Zürich. Ein weiterer bedeutender Teil seines Nachlasses hat sich in der Staatlichen Graphischen Sammlung, München, erhalten. Das als gemeinsames Projekt der beiden Institutionen entstandene Buch “Hermann Obrist. Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900″ und die begleitende Ausstellung führen erstmals diese Teile des Nachlasses zusammen.
Unter welchen dramatischen Bedingungen Teile des Werkes von Hermann Obrist gerettet werden konnten, schildert der erste Beitrag des reich bebilderten Buches. Eva Afuhs und Andreas Strobl stellen in “Erste Grundlagen zu einem fragmentierten Werk” den Nachlass vor. Im Zuge dessen untersuchen sie sowohl die künstlerische Entwicklung des Bildhauers als auch die Rezeption und Bedeutung seines Werkes im Kontext des damaligen Kunstverständnisses. Hermann Obrist wollte neue Wege beschreiten. Er fand neue, originelle Ausdrucksformen und experimentierte als einer der Ersten mit den Materialien Plastilin und Zement. Als Inspirationsquelle für seine Plastiken, Textilien und Zeichnungen sammelte er Abbildungen aus Zeitschriften. Damit nahm er die “mood-boards” heutiger Designer vorweg. Wäre Hermann Obrist noch am Leben, könnte er vermutlich als Ausstatter von Fantasy-Filmen Erfolge feiern. Seine bildhauerischen Arbeiten wirken fantastisch-fremdartig, bisweilen sogar bedrohlich. Eva Afuhs und Andreas Strobl benutzen den treffenden Ausdruck “biomorph”. Obrist orientierte sich an der Natur, jedoch ohne sie zu kopieren. Er fing Bewegung und Wachstum als Ausdruck der inneren Kraft eines Organismus ein und verkörperlichte sie als Spirale oder Peitschenschlaglinie. Für ihn sollte Kunst das Gefühl des Lebens in übersteigerter Form erfahrbar machen.
Annika Waenerberg legt in “Lebenskraft als Leitfaden” dar, welche Faktoren sowohl Obrists Ringen nach einem einzigartigen persönlichen Stil als auch seine kunsttheoretischen Ideen beeinflusst haben. Die Erforschung der Wahrnehmung und der abstrakten Form beschäftigten den Künstler auch in seinen Zeichungen.
Stacy Hand geht in ihrem Beitrag “Feuer in Schwarzweiss” der Frage nach, welche Bedeutung Wahrnehmungspsychologie und naturwissenschaftliche Illustration für das Werk von Hermann Obrist hatten. Dieser widmete sich ja nicht nur der Praxis sondern auch der Theorie und Lehre. Als Mitbegründer der “Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk” dürfte er gut mit anderen Künstlern vernetzt gewesen sein.
Ingo Starz wirft in “Ornamental-Plastik” Licht auf den Dialog und die, anlässlich der Werkbundausstellung in Köln 1914 erfolgte, Zusammenarbeit mit Henry van de Velde.
Dass Hermann Obrist sich der Bedeutung seiner Grabmäler und Brunnen bewusst war, darf aus der qualitativ hervorragenden fotografischen Dokumentation der Werke geschlossen werden. Viola Weigel analysiert in “Hermann Obrist und die Fotografie” das im Nachlass erhaltene Konvolut von 49 Aufnahmen. Im Zuge dessen legt sie dar, wie der Blick durch das Objektiv die Wahrnehmung der Arbeiten und ihrer Platzierung im Raum beeinflusst.
Warum Obrist ausgerechnet der Gestaltung von Grabmälern besondere Aufmerksamkeit schenkte und welche Erfolge er mit seinen Werken verbuchen konnte, beschäftigt schließlich Hubertus Adam in “Symbolische Erinnerungen an die Natur”.
“Hermann Obrist. Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900″ ist die erste Monografie über den eigenwilligen Bildhauer, Textildesigner, Zeichner, Theoretiker und Lehrer. Die in deutscher und englischer Sprache wiedergegebenen Essays leisten einen bedeutenden Beitrag zur Erforschung des Gesamtwerkes von Hermann Obrist. Zu den hervorragenden Texten und der großzügigen Bebilderung gesellt sich für designbewusste LeserInnen ein zusätzlicher Bonus. Das Buch besticht mit einer edlen Gestaltung, die es wohltuend von der Masse der verfügbaren Kunstpublikationen abhebt. Mehr sei hier nicht verraten.
© Ch. Ranseder
Hermann Obrist: Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900
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Donnerstag, 09. April 2009

Katja Behling, Anke Manigold
Die Malweiber
Unerschrockene Künstlerinnen um 1900
Elisabeth Sandmann 2009, 152 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 938045 37 4
Die Malweiber - Unerschrockene Künstlerinnen um 1900
Im 19. Jahrhundert gab es zahllose Frauen, die als Künstlerinnen tätig waren. Sie nutzten die wenigen ihnen offen stehenden Ausbildungsmöglichkeiten, stellten aus, gewannen Preise, schlossen sich in Vereinen zusammen und verkauften ihre Werke. Nur in die offizielle Kunstgeschichte haben sie, bis auf wenige Ausnahmen, ihren Weg nicht gefunden. Je radikaler, fortschrittlicher und innovativer die von den Künstlerinnen entwickelte eigene Bildsprache war, desto größer die Ablehnung der zeitgenössischen männlichen Kunstkritiker. Der mutige Bruch mit den bestehenden Geschlechterrollen, die Überwindung äußerer und innerer Barrieren kostete die kunstschaffenden Frauen enorme Kraft. Nicht selten waren Anfeindung und Spott der einzige Lohn. Besser fuhren Künstlerinnen, deren Werke mit Attributen wie charmant, reizend etc. bedacht werden konnten. Solange ihre Lebensführung und ihr künstlerischer Ausdruck einigermaßen den gesellschaftlich zementierten Vorstellungen des Weiblichen entsprachen, wurde ihnen zumindest zu Lebzeiten die Anerkennung nicht verwehrt. Die Zeit überdauert haben auch viele ihrer Werke nicht.
Wahre Wertschätzung zeigt sich im Sammeln, Bewahren und lebendig halten der Erinnerung. Das Ausmaß dessen, was verloren ging oder vernichtet wurde, macht erst die Lektüre eines Buches wie “Die Malweiber” bewusst. So fragwürdig es auch scheinen mag, 45 Künstlerinnen auf mageren 127 Seiten zu präsentieren, ermöglicht es doch einen einzigartigen Vergleich der Biografien und Überlebensstrategien dieser Frauen. Malen konnte jede von ihnen ebenso gut wie ihre männlichen Kollegen. Der Preis, den sie für die Ausübung ihrer Profession zu zahlen hatten, war ungleich höher. Der Balanceakt zwischen ersehnter Freiheit zur künstlerischen Verwirklichung und der Erfüllung weiblicher Pflichten gelang nur wenigen. Ehemänner oder Lebensgefährten, die sich willig zeigten, ihr Ego hintanzustellen und ihre Frauen zu unterstützen waren die Ausnahme. Von jenen Künstlerinnen, die nicht allein oder mit einer anderen Frau zusammenlebten, gaben viele wegen der Familie ihre künstlerischen Ambitionen frühzeitig auf oder pausierten. Andere stellten sich in den Schatten ihrer berühmteren Männer und verschrieben sich der Pflege deren Nachlasses anstatt jener des eigenen Werkes. Ohne Menschen, die ihre Arbeiten schätzen, ohne Fürsprecher, Förderer und Nachlassverwalter liefen und laufen Künstlerinnen Gefahr, vergessen zu werden. Wer liebender Verwandter entbehrt und von den Torwächtern des Kunstbetriebes, den Kritikern, Wissenschaftlern, Kuratoren und Galeristen, totgeschwiegen wird, der verschwindet in der Versenkung. Die Ökonomie der Aufmerksamkeit ist keine Erscheinung des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Nur wessen Name in aller Munde ist, geradezu gebetsmühlenartig wiederholt wird, findet Aufnahme ins kulturelle Gedächtnis.
“Die Malweiber” leistet einen Beitrag, die Namen von Künstlerinnen in die Welt hinauszutragen und das Interesse für sie zu schüren. 45 Frauen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz wurden von Katja Behling und Anke Manigold für ihr Buch ausgewählt: Paula Moderson-Becker, Marie Bock, Clara Rilke-Westhoff, Louise Moderson-Breling, Katharina Bamberg, Elisabeth Büchsel, Antonie Biel, Clara Arnheim, Henni Lehmann, Anna Gerresheim, Elisabeth von Eiken, Anna Natalie Sinnhuber, Margarethe Sinnhuber, Helene Neumann, Alma del Banco, Anita Rée, Käte Lassen, Julie Wolfthorn, Augusta von Zitzewitz, Clara Siewert, Charlotte Berend-Corinth, Dora Hitz, Käthe Kollwitz, Ida Braubach, Mathilde Knoop-Spielhagen, Mathilde Battenberg, Viktoria von Preussen, Anna Klein, Maria Langer-Schöller, Emmi Walther, Paula Wimmer, Johanna Oppenheimer, Marianne Werefkin, Lolo von Hornstein, Waltraut Niepmann, Gabriele Münter, Sophie Taeuber-Arp, Clara von Rappard, Louise Breslau, Aloïse Corbaz, Bronica Koller, Tina Blau, Helene Funke, Marie-Louise von Motesiczky und Else Lasker-Schüler. Ihren knappen Biografien ist eine Einleitung, die sich mit den Ausbildungsbedingungen von Frauen im Kunstbetrieb und der Bedeutung von Künstlerkolonien auseinandersetzt, vorangestellt. Bestimmend für die Gliederung des Buches sind die Arbeitsorte der Künstlerinnen - sei es ländliche Künstlerkolonie oder Großstadt. Jeder wird kurz vorgestellt, doch leider beleben diese Texte nur Zitate von Männern, die sich überschwänglich zur Schönheit der Orte und ihren Besonderheiten äußern. Wäre es in einem Buch über Künstlerinnen nicht interessanter zu erfahren, wie es ihnen dort gefiel? Und so las ich “Die Malweiber” mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Lachend weil jede Publikation über Künstlerinnen zählt, weinend weil hier den einzelnen Persönlichkeiten so wenig Platz eingeräumt wird. Zwischen einer und vier Seiten sind die - Text, Foto der Künstlerin und Werkbeispiele umfassenden - Biografien lang. Oder sollte ich sagen: kurz? Die Möglichkeit zusätzliches Bildmaterial in der Einleitung und auf Schmuckseiten unterzubringen, wurde bedauerlicherweise nicht ausgeschöpft. Stattdessen finden Bilder zweimal Verwendung, Katharina Bambergs “Schafstall auf Hiddensee” ist sogar dreimal abgebildet.
Das Buch “Die Malweiber” ist Zusammenfassung und potentieller Ausgangspunkt zugleich. Paula Moderson-Becker und Käthe Kollwitz haben bereits Aufnahme in den “Kanon” der Kunstgeschichte gefunden. An ihnen kommt man nicht mehr so leicht vorbei. Einige der in dem Buch vorgestellten Malerinnen wurden in den letzten Jahren wiederentdeckt und mit Ausstellungen gewürdigt. All jenen, die bislang nur in Sammelbänden aufscheinen, wünsche ich eine Monografie, reich an Abbildungen und Originalzitaten. Damit auch ihre Stimme gehört wird.
© Ch. Ranseder
Die Malweiber - Unerschrockene Künstlerinnen um 1900
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Dienstag, 24. März 2009

Nils Büttner
Gemalte Gärten
Bilder aus zwei Jahrtausenden
Hirmer 2009, Geb. m. Schutzumschlag im Schuber, 238 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 7774 4245 7
Gemalte Gärten: Bilder aus zwei Jahrtausenden
Der Garten auf Carl Spitzwegs Gemälde “Der Gartenfreund” (1860) hat schon bessere Zeiten gesehen. Die begrenzende Mauer bröckelt, die Einfassungen der Beete sind geflickt und Unkraut wuchert. Dennoch wird das Gärtlein geliebt und gepflegt, davon zeugen schon die vielen blühenden Topfpflanzen. Ein Blick auf den einsamen Gärtner vertreibt jeden Zweifel, dass es anders sein könnte. Fürsorglich neigt sich der Mann, die Giesskanne in der Hand, zu einem Rosenbusch, der ihm in graziösem Bogen einige Ranken entgegenstreckt.
Spitzweg malte seinen Garten mit einem ironischen Augenzwinkern. Andere Maler verfolgten andere Ziele. Mit Pinsel und Farbe festgehaltene Gärten sind eine ergiebige Quelle mit deren Hilfe sich kultur-, kunst- und sozialgeschichtliche Fragen beantworten lassen. Gartenbilder erzählen von kultivierter Lebensart, sozialem Wandel, religiöser Erziehung, geheimen Wünschen, Besitzerstolz und Prestigedenken. Sie spiegeln die sich wandelnden Gartenmoden und Kunstströmungen. Natürlich bildet nicht jeder gemalte Garten einen realen Garten ab. Viele der schönsten Gartenansichten sind reine Fantasieprodukte, deren einzelne Bestandteile als Bedeutungsträger fungieren. Auch der Reiz des als dekoratives Beiwerk gemalten Grüns ist nicht zu unterschätzen. Auf der anderen Seite des Spektrums stehen Gartenbilder, die tatsächlich existierende Gärten in topografischen Ansichten festhalten.
“Gemalte Gärten” entführt auf einen Streifzug durch die glanzvolle Welt des Gartens in der Kunst. In chronologischer Abfolge bietet der Bilderreigen von allen Themen und Malweisen ein bisschen: römische Wandmalereien, Paradies- und Liebesgärten, als Orte mythologischen oder biblischen Geschehens dienende Gärten, topographische Ansichten, barocke Gartenanlagen, Landschaftsparks, bürgerliche Kleingärten, Künstlerrefugien, sogar ein Gemüsegarten und ein Münchner Biergarten sind dabei. Der graduelle Kontrast von der Feinmalerei, die auch noch die zarteste Blüte naturgetreu wiedergibt, zur völligen Abstraktion des Gartens führt die gesamte Bandbreite künstlerischen Ausdrucks vor Augen. Das großformatige, prachtvolle Buch lebt von der Vielzahl der in erstklassiger Qualität wiedergegebenen Gartendarstellungen. Aus den schönsten Abbildungen der gezähmten Natur werden Details herausgegriffen und seitenfüllend vergrößert, sodass Blumen oder einzelne Elemente des Gartens gebührend bewundert werden können. Das Register der vertretenen Künstler liest sich wie das Who´s Who der Kunstgeschichte. Nils Büttner setzt bei der Auswahl der Bilder zum überwiegenden Teil auf bekannte Namen. Jan van Eyck, Botticelli, Mantegna, Altdorfer, Lucas Cranach d. Ä., Tizian, Tintoretto, Pieter Brueghel d. J., Jan Brueghel d. Ä., Rubens, Watteau, Fragonard, Canaletto, Constable, Caspar David Friedrich, Corot, Pissaro, Renoir, Manet, Monet, Cezanne, van Gogh, Klimt, Nolde, Hundertwasser, Hockney - die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.
Wie bereits der Untertitel des herrlichen Buches verkündet, liegt der Schwerpunkt von “Gemalte Gärten” auf den Bildern. Die fulminante Flut der Abbildungen wird von einem Text begleitet, der nach Herzenslust Hintergrundwissen zu den Gemälden und den auf ihnen dargestellten Szenen, Künstlern, Charakteristika der Kunstepochen und Strömungen der Gartenkunst vermittelt. Fraglos alles sehr interessant, aber auch ein wenig beliebig. Bei mehr als einem der ausgewählten Gemälde wäre ein konkreter Bezug zu dem dargestellten Garten (anstatt zu dem in ihm stattfindendem Geschehen) oder eine tiefergehende Analyse einzelner Gartenelemente wünschenswert gewesen.
“Gemalte Gärten” ist in erster Linie ein Fest für die Augen und somit das ideale Geschenkbuch für kunstsinnige Gartenfreunde.
© Ch. Ranseder
Gemalte Gärten: Bilder aus zwei Jahrtausenden
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Tags:CRans, Ebensolch Rez-E-zine 49/09, Kunst, Mittelalter, Moderne, Neuzeit, Römer
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Dienstag, 24. März 2009

Timothy Samara
Grafik Design
Theorie, Konzept, Realisierung
Stiebner 2009, 365 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 8307 1361 6
Grafik Design: Theorie, Konzept, Realisierung
Timothy Samara hat ein Buch geschrieben, dem ich wünschen würde, dass es möglichst vielen jungen Menschen in die Hände fiele, bevor sie sich zum Grafik-Design-Studium entschließen. Eigentlich müsste “Grafik Design. Theorie, Konzept, Realisierung” in jeder Berufsberatungsstelle aufliegen. Neben vielen anderen Dingen zeigt die Publikation nämlich sehr anschaulich, dass Kommunikationsdesign Knochenarbeit ist und so mancher Kunde dem Designer das Leben schwer machen kann - auch wenn das natürlich niemals explizit ausgesprochen wird. Abgesehen davon hat der Beruf durchaus seinen Reiz. Schließlich bietet fast jedes Projekt neue Herausforderungen. Von Kreativen wird verlangt, dass sie Ideen am laufenden Band produzieren, deren Weiterentwicklung sich selten als linearer Prozess gestaltet. Ganz im Gegenteil, der Weg vom ersten Skribble zum fertigen Produkt ist oft gewunden und manchmal steinig. Nie wird er allein begangen, sondern gemeinsam mit dem Kunden, dessen Wünsche berücksichtigt werden müssen, und Kollegen aus verwandten Disziplinen, die ihren Beitrag zum Gelingen eines Projektes beisteuern. Selbstverwirklichung ist nur wenigen Designern vergönnt. Das bringt Timothy Samara in einer seiner 20 Regeln, die helfen sollen Entwürfe zu optimieren, deutlich zum Ausdruck. Regel Nummer 11 des in New York arbeitenden Grafikdesigners lautet: “Universalität ist gefragt; es geht nicht um Sie.” Sein Vorschlag, wenn man sich ausleben möchte, möge man doch Maler werden, das sei lukrativer, hat mich allerdings zum Schmunzeln gebracht. Hierzulande (Österreich) verhungern Maler noch schneller als Grafikdesigner.
Im Anschluss an seine 20 Gebote stellt der Autor im Blitzdurchgang die visuellen Elemente des Grafikdesigns (oder wie es so passend heißt, den “visuellen Werkzeugkasten”) vor: Form und Raum, Farbe, Typografie, Bilder und Layout.
Den Löwenanteil des reich bebilderten Buches bestreiten 40 Fallstudien. Sie führen vor Augen, wie aufwändig und komplex Designprozesse von der ersten Ideenskizze bis zum fertigen Produkt sein können. Ein lehrreicher Leckerbissen sind die zahlreichen Abbildungen von Handskizzen und Entwurfsvarianten, die Außenstehende gewöhnlich nicht zu Gesicht bekommen. Vieles verschwindet im Verlauf eines Projektes ja in der Schublade. Zusammen mit kurzen Texten, die Aufgabenstellung und Verlauf des Projektes beschreiben, illustrieren sie die Vielzahl möglicher Arbeitsweisen. Die für das Buch getroffene Auswahl der Projekte ist aber auch noch aus anderen Gründen gelungen. Timothy Samara ist sichtlich bestrebt, eine möglichst große Bandbreite des Grafik Designs zu zeigen - sowohl in seinen Anwendungsmöglichkeiten als auch in den zur Verfügung stehenden Ausdrucksformen. Das Spektrum der Arbeiten umfasst die Entwicklung von Markenidentitäten für Weine, die Gestaltung von Büchern, Foldern, Postern und anderen Printprodukten ebenso wie Web-, Messestand- und Textildesign. Um die jeweiligen Botschaften zu vermitteln, bedienen sich die Gestalter der unterschiedlichsten Techniken. Sogar Linolschnitte kommen für einen Auftrag, mit wirklich zauberhaftem Ergebnis, zum Einsatz. Auffallend ist auch die Internationalität der Mitwirkenden. Das Verzeichnis der 38 Designer und Designstudios, die Einblick in ihre Projekte gewähren, liest sich wie das Programm einer Reise um die Welt.
“Grafik Design. Theorie, Konzept, Realisierung” zeigt, wie die Theorie des Grafik Designs in der Praxis umgesetzt wird. Nichts befriedigt die Wissbegier spannender und nachhaltiger, als als ein Blick hinter die Kulissen. Das Konzept geht auch in Buchform auf.
© Ch. Ranseder
Grafik Design: Theorie, Konzept, Realisierung
Tags:Business, CRans, Design, Ebensolch Rez-E-zine 49/09, Grafik, Handbuch, Kommunikation
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Sonntag, 15. März 2009

Agnes Husslein-Arco, Jean Louis Gaillemin, Michel Hilaire, Christiane Lange (Hgg.)
Alfons Mucha
Hirmer 2009, 365 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 7774 7035 1
Alfons Mucha: Katalog zur Ausstellung in Wien, 2.02.2009-01.06.2009, Belvedere und in München, 25.09.2009-10.-01.2010
Das Buch “Alfons Mucha” und die gleichnamige Ausstellung kommen zum richtigen Zeitpunkt. Sie spiegeln in Konzept und Werkauswahl zwei seit einigen Jahren vorherrschende, sich zu Trends verdichtende, gegensätzliche Stimmungen. Zum Einen ist die Freude am Dekorativen wieder erlaubt. Diese Sehnsucht nach dem Ornament lässt sich mit dem Erstarken der Illustration auch in der zeitgenössischen Grafik ablesen. Zum Anderen besinnen sich viele Volksgruppen trotz des vielbeschworenen europäischen Gedankens wieder auf ihre Wurzeln. Alfons Muchas Gesamtwerk vermag mit seiner beeindruckenden Bandbreite beide Pole abzudecken. Als Gebrauchsgrafiker wurde er mit Plakaten, Entwürfen für Verpackungen und Buchillustrationen im Stil der Art Nouveau berühmt. Mit der monumentalen Historienmalerei, die in der Bildfolge des “Slawischen Epos” gipfelte, verwirklichte er ein Herzensanliegen.
Alfons Mucha (1860-1939) war ein Multitalent. Den Anforderungen eines Projektes entsprechend, wechselte er mühelos zwischen den Genres, Medien und Formen des emotionalen Ausdrucks. Auch mit dem Verlauf seiner Karriere stand der vielseitig begabte Künstler dem heutigen Bild des Stardesigners näher als den Malerfürsten des 19. Jahrhunderts. Herausragendes Können reicht oft nicht aus, um in der Kunstszene zu bestehen. Mucha verfügt darüber hinaus über die Fähigkeit Netzwerke aufzubauen, die Bereitschaft zur Mobilität und eine gehörige Portion Glück. Im südmährischen Ivančice geboren, zieht es Alfons Mucha nach seiner Ablehnung durch die Prager Akademie der bildenden Künste nach Wien, wo er als Theatermaler tätig ist. Es folgen Abstecher nach Mikulov und Schloss Gandegg in Tirol. Mucha hat das Glück in den Grafen Egon und Eduard Khuen Belassi finanzielle Förderer zu finden. Ihre Unterstützung ermöglicht ihm einen Studienaufenthalt in München und die Fortsetzung seiner Ausbildung in Paris. Prägender als die akademische Schulung sind in diesen Jahren jedoch die Treffen mit Künstlerfreunden, in deren Rahmen nicht nur Geselligkeit gepflegt, sondern - vor allem in München - Seite an Seite selbst gewählte Aufgabenstellungen gelöst werden. Gegen Ende des Jahres 1894 erhält Alfons Mucha durch eine glückliche Fügung die Chance ein Plakat für das Theaterstück “Gismonda” zu entwerfen. Die Schauspielerin Sarah Bernhardt ist von seiner Schöpfung so begeistert, dass sie mit ihm einen Vertrag auf sechs Jahre abschließt. Von da an geht es mit Muchas Karriere steil bergauf. Es folgen zahlreiche kommerzielle grafische Arbeiten, Schmuckentwürfe sowie die fantastische Ausstattung des Juweliergeschäftes von Georges Fouquet. Seine Beschäftigung mit dem Kunstgegenstand erreicht mit den als Handbuch gedachten “Documents Décoratifs” einen Höhepunkt. Die Gebrauchsgrafik allein befriedigt den begnadeten Zeichner jedoch nicht. Neben seinen dekorativ-heiteren Arbeiten verwirklicht Mucha künstlerische Projekte zu religiösen und patriotischen Themen, darunter die bildliche Umsetzung des Vaterunsers. Ein weiteres Standbein ist seine Lehr- und Vortragstätigkeit. Letztere führt ihn 1904 in die USA, wo er mehrere Jahre lebt und arbeitet. Hier gelingt es ihm auch einen Mäzen für den “Slawischen Epos” zu finden. Doch Amerika kann Mucha nicht halten. Er übersiedelt nach Prag, um sich der Ausschmückung des Primatorensaals im Repräsentationshaus und den Monumentalgemälden des “Slawischen Epos” zu widmen.
Der Prachtband “Alfons Mucha” würdigt die Vielseitigkeit des weitgereisten Künstlers. Großformatige Abbildungen, die ein wahres Fest für die Augen sind, bieten einen Querschnitt durch sein Lebenswerk. Die zahlreichen Essays zeichnen sich durch originelle Zugänge zu Muchas Kunstschaffen und neue Schwerpunktsetzungen aus.
Jean Louis Gaillemin geht in “Linie und Figur - der ‘Mucha-Stil’” Muchas Interesse an spiritistischen Experimenten nach und untersucht, wie der Künstler seine Beobachtungen zu Kompositionsregeln verdichtete, um sie in verschiedenen Ausdrucksstilen zur Anwendung zu bringen.
Roger Diederen rekonstruiert in “‘Hier leuchtete die Flamme der Kunst’. Alfons Muchas Münchner Jahre (1885-1887)” Muchas Weg nach München, wo sich sein Geschick soziale Netzwerke zu knüpfen voll entfaltete.
Arnauld Pierre setzt in “Musikalische Ekstase und Fixierung des Blicks. Mucha und die Kultur der Hypnose” die in Muchas Atelier stattfindenden Experimente in einen historisch-medizinischen Kontext. Im Zuge dessen führt er vor Augen, wie Mucha die Betrachter seiner Plakate manipuliert und welche hypnotische Wirkung seiner Gebrauchsgrafik innewohnt.
Olivier Gabet stellt in “Der Kunstgegenstand bei Mucha” den Perfektionisten als fantasiebegabten Schöpfer kunstgewerblicher Gegenstände vor und spannt dabei den Bogen von der Gebrauchsgrafik über die “Documents Décoratifs” bis zu Schmuckentwürfen und Geschäftsausstattung für den Juwelier Georges Fouquet.
Dominique de Font-Réaulx schildert in “Die fotografische Inszenierung bei Alfons Mucha” die Freude des Künstlers an der Fotografie, mit deren Hilfe er nicht nur seine Freunde und Familie für die Ewigkeit festhielt, sondern auch seine historischen Gemälde vorbereitete.
Alfred Weidinger befasst sich in “Alfons Mucha und der Pavillon für die osmanischen Provinzen Bosnien-Herzegowina auf der Weltausstellung in Paris 1900″ mit Entstehungsgeschichte und Bildprogramm des repräsentativen Projektes.
Lenka Bydźovská und Karel Srp verfolgen in “Das ‘Slawische Epos’: Wort und Licht” die Genese des Monumentalwerkes. Im Zuge dessen analysieren sie Muchas Interpretation der slawischen Geschichte, seine Erzählweise und die gewählten Formen des visuellen Ausdruckes.
Tomoko Sato entdeckt in “Fotografie: Die andere Seite Muchas” Mucha als Fotokünstler.
Den Aufsätzen folgt ein umfassender, nach 11 Themen gegliederter Bildteil mit jeweils einem einleitenden Text zu jedem Abschnitt. Biographie, Werkverzeichnis und Auswahlbibliographie runden das stattliche Buch ab. Anlass für das Erscheinen der Publikation “Alfons Mucha” ist die gleichnamige Ausstellung, die von 12. Februar bis 1. Juni ‘09 im Belvedere, vom 20. Juni bis zum 20. September ‘09 im Musée Fabre und vom 9. Oktober ‘09 bis zum 24. Jänner ‘10 in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, gastiert.
© Ch. Ranseder
Alfons Mucha: Katalog zur Ausstellung in Wien, 2.02.2009-01.06.2009, Belvedere und in München, 25.09.2009-10.-01.2010
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Sonntag, 15. März 2009

Klaus E. Müller
Kleine Geschichte des Essens und Trinkens
Vom offenen Feuer zu Haute Cuisine
Beck 2009, 175 S., 16 Abb.
ISBN 978 3 406 58349 0

Kleine Geschichte des Essens und Trinkens: Vom offenen Feuer zur Haute Cuisine
Manche Bücher erinnern mich an glückliche Besuche in Museen. Die “Kleine Geschichte des Essens und Trinkens” ist so ein Buch. Beim Lesen entstand vor meinem inneren Auge das Bild eines Gemischtwarenladens, wie ich ihn unzählige Male in Stätten des kulturellen Bewahrens und Präsentierens gesehen habe. In meiner Fantasie roch der Raum nach altem Holz, Gewürzen, frischen Keksen und parfümierten Seifen. In hohen Regalen lockten dekorative Schachteln und Dosen, Schubladenkästen versprachen Delikatessen aus fernen Ländern, auf der Theke und am Boden stapelten sich Waren aller Art und von der Decke baumelten Körbe, Pfannen und Bürsten. Das Arrangement der Dinge erschien chaotisch und doch war bei näherer Betrachtung ein System zu erkennen. Viel Vertrautes fand sich im Sortiment, aber auch so manche Überraschung. Auf jedem Quadratmeter des vollgestopften, in Dämmerlicht gehüllten Raumes gab es etwas zu entdecken.
Für geistige Nahrung Suchende hält die “Kleine Geschichte des Essens und Trinkens” ein reichhaltiges Angebot an Informationen bereit. Klaus E. Müller verschmilzt europäische Kultur- und Sozialgeschichte, ethnologische Beobachtungen, Mythen und die Literatur des klassischen Altertums zu einer ganzheitlichen weltumspannenden Betrachtung des Essens und Trinkens. Zwölf Kapitel beherbergen - wundersamen Verpackungen gleich - kulinarische Ausflüge, die auf den Spuren des Genusses in großen Sprüngen durch Zeit und Raum führen. Von der mühsamen Nahrungsgewinnung in grauer Vorzeit über Hungerfantasien, Nahrungsgebote, Geschmacksvorlieben, Rituale der Gastfreundschaft und des Verhaltens bei Tisch bis zur Nahrung als Mittel der sozialen Abgrenzung sowie der Verknüpfung des Mahls mit sakralen Handlungen reicht das Themenspektrum. Das Hinzuziehen der Völkerkunde und die damit einhergehende Einbindung außereuropäischer Kulturen bringt eine Erweiterung des Horizontes und stellt die europäischen Gepflogenheiten durch die Verschiebung des Standpunktes in einen neuen Kontext.
Lässig geschrieben und unbehindert durch einen Fußnotenapparat ist das Buch ein unterhaltsamer und bildender Begleiter, der Dank seines kleinen Formats locker in (fast) jede Tasche passt.
© Ch. Ranseder
Kleine Geschichte des Essens und Trinkens: Vom offenen Feuer zur Haute Cuisine
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Gastmahl | Ama/Koch/zon/e
Tags:Antike, CRans, Ebensolch Rez-E-zine 49/09, Genuss, Mittelalter, Neuzeit, Steinzeit, Völkerkunde
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Sonntag, 22. Februar 2009

Monika Kopplin (Hg.)
Prinzip Monochrom
Lack und Keramik der Song- und Qing-Zeit
Hirmer 2008, Dt./Engl., 188 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 7774 7055 9
Prinzip Monochrom: Lack und Keramik der Song- und Qing-Zeit
Die in “Prinzip Monochrom” präsentierten Lack- und Keramikobjekte wirken so frisch, innovativ und modern als hätte sie ein trendiges Designstudio des 21. Jahrhunderts entworfen. Dass sie mehrere hundert Jahre alt sind und großteils aus archäologischen Ausgrabungen stammen, sieht man ihnen auf den ersten Blick nicht an. Doch sie wurden zum überwiegenden Teil in der Song-Zeit (960-1279 n. Chr.) von begnadeten chinesischen Handwerkern für die damalige gesellschaftliche Elite geschaffen. Die atemberaubend schönen Gefäße spiegeln den verfeinerten Geschmack der Song-zeitlichen Oberschicht, die sich lieber mit Kunst- und Kultur als mit der Kriegsführung beschäftigte. Die Song-Dynastie setzte in ihrer Außenpolitik auf Friedensverträge. Da durch Tributzahlungen weniger Gold und Silber im Umlauf waren, mussten neue Statussymbole gefunden, neue Werte definiert werden. Lack- und Keramikkunst eigneten sich - gemeinsam mit der Teezeremonie - hervorragend, um kultivierten Geschmack und Gelehrsamkeit zur Schau zu stellen.
Hochwertige, großformatige Fotografien rücken in “Prinzip Monochrom” die noch immer begehrenswerten Lack- und Keramikarbeiten ins rechte Licht. Beim Blättern in dem reich bebilderten Buch ist nicht zu übersehen, dass die Natur den Song-zeitlichen Handwerkern eine Quelle der Freude und Inspiration war. Blüten, denen auch eine symbolische Bedeutung beigemessen wurde, standen Pate für anmutige Teller, Schalen, Schalenständer und Dosen. Die Ausgewogenheit der schlichten Formen und die technische Perfektion der exquisiten Oberflächengestaltungen verleihen den Produkten eine außergewöhnliche Eleganz und Zeitlosigkeit. Jahrhunderte nach dem Untergang der Song-Dynastie kam es in der Qing-Zeit zu einem Wiederaufleben der Wertschätzung monochromer Lacke und Keramiken. Formen und Glasuren der Song-Zeit wurden nachgeahmt. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts beflügelten technische Neuerungen kreative Handwerker jedoch auch zu eigenständigen Schöpfungen im Geiste des Altertums, die an Schönheit den Song-zeitlichen Werken ebenbürtig sind.
“Prinzip Monochrom” - ein gemeinsames Buchprojekt von Museum für Lackkunst, Münster, und Fondation Baur, Genf - erfreut durch eine perfekte Balance von attraktivem Bildteil und exzellenten Texten. Die Bandbreite der angeschnittenen Themen ist groß:
Dieter Kuhn vermittelt in “Die gesellschaftlichen Hintergründe für die Blüte monochromer Lacke und Keramiken in der Song-Zeit” die Grundlagen zum Verständnis der Song-zeitlichen Kunst. Dabei spannt er den Bogen von der Vorstellung des politischen und gesellschaftlichen Gefüges über die Kunst und Kultur favorisierende Geisteshaltung bis zum Lebensstil und den ästhetischen Vorlieben der herrschenden Elite.
Patricia Frick stellt in “Leichte Formen, stille Farben - die Vollendung Song-zeitlicher Lackkunst” die Techniken, in der die monochromen - zum Teil mit Aufschriften und Goldverzierungen versehenen - Lackobjekte gefertigt wurden, vor und weist auf die enge Wechselwirkung mit der Keramik hin.
Monique Crick befasst sich in “Schlichtheit, Eleganz und technische Perfektion - die Keramik der Song-Zeit” eingehend mit der Keramikherstellung und der künstlerischen Vielfalt der Warenarten.
Patricia Frick zeigt in “Formenreichtum - die Entdeckung der Schönheit der Natur” wie sehr die Keramiken und Lacke der Song-Zeit von der Natur inspiriert sind und welche symbolische Bedeutung den Formen innewohnt.
Soon-Chim Jung erzählt in ” Bedeutung und Einfluss der Song-zeitlichen Teekultur” von der Zubereitung und dem Genuss des Tees, dem mit der Wahl der richtigen Teeschale verbundenen Vergnügen und der Rolle des Teetrinkens im gesellschaftlichen Leben.
Monika Kopplin schildert in “Kaiserliche Chrysanthemen - eine Gruppe monochrom roter Lacke und ihrer Porzellanimitationen aus der Ära Quianlong” das vom Kaiserhaus ausgehende Bestreben im 18. Jahrhundert die Formen und ästhetischen Ideale der Song-Zeit wieder aufleben zu lassen.
Monique Crick widmet sich in “Die Wiederbelebung der monochromen Glasur unter der Quing-Dynastie” der mit den ausklingenden 18. Jahrhundert endenden letzten Blüte der monochromen Keramik, wobei sie den technischen Aspekten besondere Beachtung schenkt.
Ein ausführliches Glossar und ein Literaturverzeichnis runden schließlich die umfassende Darstellung der monochromen Lack- und Keramikproduktion in der Song- und Qing-Zeit ab.
“Prinzip Monochrom” ist ein bedeutender Beitrag zur Erforschung der chinesischen Handwerkskunst und gleichzeitig von der ersten bis zur letzten Seite ein intellektueller und optischer Genuss.
© Ch. Ranseder
Prinzip Monochrom: Lack und Keramik der Song- und Qing-Zeit
siehe auch:
Im Zeichen des Drachen. Von der Schönheit chinesischer Lacke
Japanische Lacke, die Sammlung der Königin Marie-Antoinette
Japanische Lackkunst der Gegenwart. Funktion und Design, Tradition und Modernität am Beispiel Kyotoer Lackmeister (Ausstellungskatalog (zweisprachig) Deutsch / Englisch)
Russische Lackkunst aus zwei Jahrhunderten
Lacke des Barock und Rokoko. Baroque and Rococo Lacquers

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Tags:Archäologie, China, CRans, Ebensolch Rez-E-zine 48/09, Kunst, Mittelalter, Neuzeit
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Sonntag, 22. Februar 2009

Jackie French, Bruce Whatley
Tagebuch eines Wombat
Gerstenberg 2009, Mini-Ausgabe 32 S., zahlr. Farbbb.
ISBN 978 3 8369 5240 8
Tagebuch eines Wombat. Mini-Ausgabe
Sie ist knubbelig, hat kleine Äuglein und ein zufriedenes Grinsen. Kein Wunder, die Wombatdame, die in “Tagebuch eines Wombats” eine Woche lang aus ihrem Leben berichtet, lässt es sich gut gehen. Die meiste Zeit verbringt sie schlafend. Wenn sie hungrig ist, fordert sie Karotten oder Haferflocken - und wehe, sie bekommt nicht, was sie will. Selbstbewusst und frech dressiert der schlaue Wombat ihre Menschen. Ähnliche Erziehungsmaßnahmen kenne ich eigentlich nur von Katzen. Die nagen zwar nichts an, beharren aber ebenso konsequent auf die Erfüllung ihrer Wünsche. Dazu sind die Menschen ja schließlich da - oder? Ganz ehrlich, säße diese Wombatdame in meinem Garten, hätte sie mich auch herumgekriegt ihr Karotten zu spendieren. Das dralle Tierchen ist einfach umwerfend niedlich.
Der australischen Autorin Jackie French ist mit “Tagebuch eines Wombats” ein bezauberndes Kinderbuch gelungen. Ihre jahrelange Erfahrung im Umgang mit Wombats ist dem flotten Text, der mit wenigen Worten die Persönlichkeit der Wombatdame vermittelt, anzumerken. Ebenso humorvoll wie die Geschichte sind die entzückenden Zeichnungen von Bruce Whatley. Sein possierlicher Wombat mit dem abgeklärten Blick muss man einfach ins Herz schließen.
© Ch. Ranseder
Tagebuch eines Wombat. Mini-Ausgabe
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Tags:ab acht, Biologie, CRans, Ebensolch Rez-E-zine 48/09
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