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Kulinaria: Martin Luther

Donnerstag, 12. Februar 2009

Non-Fiction

Alexandra Dapper
Zu Tisch bei Martin Luther
Theiss 2008, 134 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 8062 2253 1

Zu Tisch bei Martin Luther Zu Tisch bei Martin Luther

“Spatzen sind sehr delikate Vögel. Es ist ein gutes Gericht von den Spatzen, denn sie essen nichts Unreines …” fand Martin Luther (1483-1546). Der große Reformator liebte Hausmannskost. Und zu dieser zählten an der Wende vom Spätmittelalter zur Neuzeit auch kleine Wildvögel.

Was tatsächlich in Luthers Elternhaus zu leckeren Speisen verarbeitet wurde, gibt das Buch “Zu Tisch bei Martin Luther” preis. Archäologen legten in Mansfeld auf jenem Grundstück, das einst Hans und Margarethe Luder gehörte, eine tiefe Grube frei, die um 1500 in einem Zug zugeschüttet worden war. In ihrer Verfüllung fanden die Ausgräber neben Geschirr und Münzen auch Pflanzenreste und Tierknochen. Die sterblichen Überreste von Spatzen waren zwar nicht darunter, doch konnten Buchfink, Rotkehlchen, Goldammer, Dorngrasmücke, Rotschwänzchen und Singdrossel nachgewiesen werden. Sogar eine Lockpfeife wurde in der Abfallgrube entsorgt. Martin Luther durfte sich wohl schon in Jugendjahren öfter an Gerichten aus “klainen walt vogelein” erfreuen.

Alexandra Dapper nimmt den Haushaltsabfall der Familie Luther als Ausgangsbasis für eine vergnügliche kulinarische Reise. Sie beschreibt die Ausstattung einer Küche um 1500, analysiert die einzelnen Nahrungsmittel und weckt mit Beschreibungen der verschiedenen Zubereitungsarten den Appetit der LeserInnen. Die Aufbewahrung und Konservierung der leicht verderblichen Lebensmittel waren ebenso wie das richtige Würzen eine hohe Kunst. Bei der Erstellung des Speiseplans mussten zahlreiche Regeln befolgt werden. Möglichkeiten, die soziale Stellung eines Haushaltes kulinarisch zu demonstrieren gab es dennoch genug - nicht zuletzt durch die Ausstattung der Tafel und der Befolgung der “Tischzuchten”. Trotz der Themenvielfalt verliert die Autorin nie den Bezug zu den Funden aus der Lutherschen Abfallgrube. LeserInnen übrigens auch nicht, denn was in der Grube gefunden wurde, ist im Fließtext rot gesetzt. Attraktives historisches Bildmaterial und stimmungsvolle Fundfotos ergänzen den akribisch recherchierten Text optimal.

Der zweite Teil von “Zu Tisch bei Martin Luther” wird das Herz all jener, die beim Kochen gerne experimentieren, höher schlagen lassen. 42 Rezepte führen vom Schlachtmonat November bis zum Weinmonat Oktober durch ein fiktives kulinarisches Jahr in Luthers Elternhaus. Abermals dienen die bei der Ausgrabung gefundenen Speisereste als Ausgangspunkt. Passende mittelalterliche Rezepte werden in moderne Kochanleitungen verwandelt, die kulinarische Genüsse verheißen. Eilig haben, darf man es bei der Zubereitung allerdings nicht. Leckereien wie “Wiederbefüllte Aalhaut in Weinsoße” brauchen ihre Zeit. Wer lieber schaut als kocht, kann sich im Rezeptteil an den wunderbaren Stillleben-Fotos erfreuen - sie sind ein wahrer Augenschmaus.

“Zu Tisch bei Martin Luther” ist ein ergötzliches, auch grafisch attraktiv gestaltetes Buch, das ein lebendiges Bild der kulinarischen Freuden um 1500 zeichnet.

© Ch. Ranseder

Zu Tisch bei Martin Luther

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Gastmahl | Ama/Koch/zon/e

Designraster

Samstag, 27. Dezember 2008

Non-Fiction

Gavin Ambrose, Paul Harris
Designraster
Stiebner 2008, 176 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8307 1357 9

Designraster Designraster: Struktur oder Muster aus Linien, die als Gerüst für die Anordnung der Elemente eines Designs dienen

Raster sind aus dem Kommunikationsdesign nicht wegzudenken. Sie sind unverzichtbare Helferlein, die sich im Hintergrund halten und ihre Stärken im Verborgenen entfalten. Nur selten wird das Gerüst aus Linien selbst zum sichtbaren Gestaltungselement, wie auf einigen Seiten des Buches “Designraster”.

Mit einem Raster als Skelett des zu entwickelnden Grafikdesigns gelingt es spielerisch, die einzelnen Bestandteile des Entwurfes zu organisieren und harmonisch aufeinander abzustimmen. Der Designer kann mit Hilfe des Rasters Texte und Bilder so anordnen, dass Wertigkeiten entstehen, die den Blick des Lesers lenken und so die Botschaft klar vermitteln. Dem Leser wiederum dient der nur in der Disposition der Designelemente zueinander wahrnehmbare Raster als Orientierungshilfe bei der Entschlüsselung der dargebotenen Informationen. Auch wenn die Entwicklung eines Rasters zeitaufwändig sein kann, macht sich diese Investition meist im Lauf eines Projektes bezahlt. Auf seiner Basis geht die Arbeit rascher von der Hand und das Endprodukt gewinnt an visueller Kohärenz. Paradoxerweise ist ein Raster, dem doch eine gewisse Regelhaftigkeit und Starrheit eigen ist, extrem flexibel. Er bietet der Kreativität nahezu unbeschränkte Ausdrucksmöglichkeiten und das nicht nur in der Druckgrafik sondern auch im Webdesign, der Ausstellungsgrafik und im Zusammenspiel von Grafik und Architektur.

Gavin Ambrose und Paul Harris führen in “Designraster” die Nützlichkeit von Rastern anschaulich vor Augen. Im mittlerweile siebten Band der hervorragenden Reihe “Basics Design” vermitteln die beiden Autoren in sechs Kapiteln Grundwissen über die Funktionen, Arten und Anwendungsmöglichkeiten von Rastern. Als Auftakt geht das Kapitel “Warum Raster” unserem Leseverhalten und dem Sinn von Rastern auf den Grund. “Rastergrundlagen” spannt den Bogen von Faktoren, die bei der Anlage eines Rasters berücksichtigt werden müssen - wie zum Beispiel Papierformate, Seitenaufbau, Proportionen und Hierarchien - bis zu den ersten Schritten der Entwicklung eines Rasters. In der Folge stellt das Kapitel “Rastertypen” die einzelnen Arten von Rastern - vom symmetrischen Raster bis zum Winkelraster - vor. Den am Raster auszurichtenden Designelementen wie Texte und Bilder ist der Abschnitt “Rasterelemente” gewidmet, wobei der Umgang mit Schrift und Spalten im Mittelpunkt steht. Das fünfte Kapitel “Verwendung des Rasters” bietet eine bunte Mischung von Möglichkeiten des Umgangs mit Rastern, darunter ihr Einsatz als Muster, zur Bändigung von Tabellen und mehrsprachigen Texten sowie als Hilfe bei der Beschriftung von Architektur. “Raster im Web” schließlich zeigt, dass sich der gute alte Raster auch bei der Gestaltung von Internetseiten bewährt. Ein Glossar rundet das Buch ab.

Die hochwertige Publikation “Designraster” strotzt vor unentbehrlichem Basiswissen, das benutzerfreundlich und leicht verständlich präsentiert wird. In der bereits bewährten Weise übersichtlich gestaltet, glänzen Gavin Ambrose und Paul Harris abermals mit präzisen Texten und hervorragendem Bildmaterial. Illustriert mit zahlreichen Musterseiten wird “Designraster” zum inspirierenden Handbuch, das man gerne aus dem Regal zieht.

© Ch. Ranseder

Designraster: Struktur oder Muster aus Linien, die als Gerüst für die Anordnung der Elemente eines Designs dienen

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Temple of Flora

Samstag, 27. Dezember 2008

Non-Fiction

Robert John Thornton
The Temple of Flora
Einleitung und Tafelbeschreibungen von Werner Dressendörfer
Taschen 2008, Dt./Engl./Frz./Span., Kassette, Booklet 44 S., zahlr. Abb., Mappe mit 33 Tafeln (53 x 42,5 cm)
ISBN 978 3 8228 5273 6

The Temple of Flora Thornton, Temple of Flora

Im sanften Licht des Mondes entfaltet die “Königin der Nacht” (Selenicereus grandiflorus) ihre Blütenpracht. Über ihr erhebt sich am Ufer eines Flusses die Ruine eines Glockenturmes, dessen Uhr die zwölfte Stunde anzeigt. An Romantik ist die im Jahr 1800 für “The Temple of Flora” angefertigte botanische Illustration kaum zu übertreffen. Es handelt sich um eine der stimmungsvollsten Tafeln in einem Werk, dem zu seiner Entstehungszeit - trotz seiner Schönheit - nur wenig Erfolg vergönnt war.

“The Temple of Flora” ist die Frucht der Leidenschaft eines Mannes, die ihn in den finanziellen Ruin trieb. Robert John Thornton ist ein gutes Beispiel dafür, dass Begeisterung allein noch keinen guten Geschäftsmann macht. Der studierte Mediziner praktizierte als Arzt in London, bewies sich als Autor und wurde zum “Public Lecturer on Medical Botany” ernannt. Seine Liebe zur Botanik gipfelte in einem monumentalen, dreiteiligen Publikationsvorhaben mit dem Titel “New Illustration of the Sexual System of Carolus Von Linnaeus”, mit dessen drittem Teil “The Temple of Flora” er dem großen Botaniker Carl von Linné huldigen wollte.

Das Fortsetzungswerk, dessen erste Lieferung 1799 erschien, vereinte wissenschaftlichen Anspruch mit emotionalem Überschwang. Während im ersten Teil (”Preliminary Observations”) Grundbegriffe der Botanik vermittelt werden, lässt das dem zweiten Teil (”The Prize Dissertation on the Sexes of Plants by Carolus Von Linnaeus, Written Anno Domini 1759″) vorangestellte Motto bereits Robert J. Thorntons Hang zur Poesie anklingen. Die folgende englische Übersetzung der bahnbrechenden Arbeit von Linné wird demgemäß nicht nur von Thorntons ergänzenden Kommentaren, sondern auch von lyrischen Ausbrüchen und überschwänglicher Kalligrafie begleitet.

“The Temple of Flora” schließlich setzt sich aus den botanischen Bildtafeln zusammen. 70 großformatige Pflanzenabbildungen sollten es werden, doch nicht einmal die Hälfte der geplanten Tafeln konnten umgesetzt werden. Die Kosten für die Maler der als Vorlage dienenden Ölbilder und die aufwändige Herstellung der Farbdrucke hatten Robert John Thorntons Vermögen verschlungen. Der Verkauf lief schleppend, die zu Werbezwecken eröffnete Galerie blieb erfolglos und auch eine Lotterie brachte nicht die erhoffte Finanzspritze. Das Projekt war nicht mehr zu retten. Thornton starb 1837 verarmt. Von seinem Enthusiasmus für Botanik geleitet, hatte er den Markt für seine unkonventionelle Publikation und deren Produktionskosten falsch eingeschätzt.

Die zahlungskräftige, der Pflanzenkunde zugeneigte Bevölkerungsschicht verlor durch den Krieg mit Napoleon, der nicht nur neue Steuern für den Erhalt des Militärs sondern 1806 auch die Kontinentalsperre zur Folge hatte, das Interesse an botanischen Publikationen. Für die Wissenschaft hatte der “Temple of Flora” wenig Wert, denn die Darstellung der Pflanzen folgte nicht den Regeln der botanischen Illustration. Auch die Landschaften, in denen die Gewächse wiedergegeben wurden, zeigte nicht deren tatsächliches natürliches Umfeld, sondern was die Maler dafür hielten.

Heute sind es gerade die malerische Qualität, die emotionsgeladene Dramatik und der - unfreiwillige - Humor der Darstellungen, die ihren Charme ausmachen. Wer kann sich schon das Schmunzeln verkneifen, wenn ein sanft errötender Amor durch den Dschungel pirscht und seinen gespannten Bogen auf eine ahnungslose Strelizie richtet? Oder Flora, blass und sichtlich verausgabt, in den Wolken schwebt, um “ihre wohltuenden Gaben über die Erde” zu verteilen?

Die Tafeln des “Temple of Flora” sind hübsch anzusehen. Noch mehr Spaß macht es, sich Geschichten zu den Hintergrundszenen einfallen zu lassen. Was denkt sich der Eingeborene, der den Puderquastenstrauch bestaunt? Werden die Schiffe, die der Sturm im Hintergrund von Meads Götterblume über das aufgewühlte Meer treibt, kentern? Wer wohnt in der abgelegenen, tief verschneiten Holzhütte hinter der Anhöhe, auf der Schneeglöckchen und Krokus den nahenden Frühling ankündigen? Fordert der Vulkanausbruch am Horizont der Landschaft mit Drachenwurz Menschenleben? Wird sich ein Liebespärchen im antikisierenden Rundtempel hinter der weißen Lilie treffen? Mit ein wenig Fantasie wird “The Temple of Flora” zur Unterhaltung der ganzen Familie.

Es sind die wunderbar unkonventionellen Tafeln von “The Temple of Flora” die Robert J. Thornton seinen Platz in der Geschichte der botanischen Illustration gesichert haben. Auch in der Veröffentlichung des Taschen Verlags bilden sie das Herzstück. Für jene, die sich einer so eindrucksvollen botanischen Publikation mit dem ihr gebührenden Ernst widmen wollen, hält ein Maxi-Booklet eine Vielzahl wissenswerter Fakten über das Werk, Robert J. Thornton und die beteiligten Künstler bereit. Hier sind auch die, den ersten und zweiten Teil des Gesamtwerkes zierenden, Grafiken und kalligraphischen Blätter abgebildet. Als Vergleichsbeispiele angeführte Seiten aus anderen botanischen Werken verdeutlichen die Einzigartigkeit des “Temple of Flora”.

In der Produktgestaltung hat sich der Taschen Verlag wieder einmal selbst übertroffen. Schon das Auspacken des Buches ist ein Erlebnis, ein fast erotisches Vergnügen des Enthüllens. Zuerst fällt die Verpackung aus braunem Karton. Schicht für Schicht dringt man zu den Tafeln vor… Und steht zu guter Letzt vor der Entscheidung: Lässt man sie in ihrer berückend schönen Hülle oder erfreut man sich ihrer als Wandschmuck?

© Ch. Ranseder

Thornton, Temple of Flora

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Adrian Frutiger Schriften

Montag, 08. Dezember 2008

Non-Fiction

Heidrun Osterer/Philipp Stamm/Schweizerische Stiftung Schrift und Typographie, Bern (Hgg.) 
Adrian Frutiger - Schriften
Das Gesamtwerk
Birkhäuser 2008, 462 S., 439 Farb- und 620 Sw-Abb.
ISBN 978 3 7643 8576 7

Adrian Frutiger - Schriften Adrian Frutiger Schriften. Das Gesamtwerk

Der in der Schweiz geborene Adrian Frutiger hat im Lauf seines Lebens über 50 Schriften entworfen. Internationale Bekanntheit erlangte er mit dem in den 50er-Jahren entstandenen Schriftkonzept Univers. Doch auch andere schöne und nützliche Schriften stammen von seiner Hand. Adrian Frutiger hat Standards gesetzt und am technischen Puls der Zeit mehr als einmal eine Vorreiterrolle gespielt. Seine Schriften zeichnen sich durch Klarheit, gute Lesbarkeit, Ausgewogenheit und den gleichmäßigen Rhythmus des Gesamtbildes aus. Funktionalität, nicht künstlerische Selbstverwirklichung steht im Mittelpunkt seines Schaffens. So sind Schriften von Adrian Frutiger auch dort zu finden, wo man sie nicht erwarten würde: Auf Einzahlungsscheinen oder Identitätskarten zum Beispiel. Mit der von Maschinen lesbaren OCR-B schuf er Mitte der 60er-Jahre eine Schrift, die trotz stringenter technischer Vorgaben mit einer ästhetischen Anmutung punktet. Neben den beliebten Schriften für den Satz von Büchern finden sich in Adrian Frutigers Werk Signalisationsbeschriftungen für Flughäfen und die Pariser Mètro ebenso wie für den visuellen Auftritt von Firmen entworfene Schriften und zahlreiche Logos.

Als Lehrender, Autor und Berater hat der namhafte Schriftgestalter von Beginn an sein Wissen weitergegeben. Auch das vorliegende Buch basiert zum Teil auf Interviews mit Adrian Frutiger. Die aus der Transkription der Gespräche entstandenen, in der Ich-Form geschriebenen Texte bilden den erzählerischen Rahmen der beeindruckenden Publikation. In der Tradition der “oral history” erinnert sich Adrian Frutiger an sein Berufsleben und erlaubt den LeserInnen einen Einblick in den Entstehungsprozess seiner Schriften - vom Auftrag über die technischen Anforderungen bis zum Marketing. Dabei nimmt er sich in chronologischer Reihenfolge jede Schrift einzeln vor, analysiert sie und nennt dabei zuweilen persönliche Vorlieben oder Abneigungen.

Dieser “Innensicht” von Adrian Frutiger ist die “Außensicht” der Herausgeber zur Seite gestellt. Sie bieten in ihren Texten vertiefende Informationen zu den Schriften, setzen diese in Beziehung zu historischem und technischem Umfeld und knüpfen Verbindungen zur Schriftgeschichte. Mustertext, Schriftvermaßung, Schriftenvergleich, Höhenvergleich und Alphabetvergleich der ursprünglichen Schriftform mit dem digitalen Font runden die einzelnen Schriftkapitel ab.

In die Abfolge der Schriftkapitel werden an chronologisch passender Stelle Seiten zu den Satztechniken eingeschoben. So werden technische Entwicklungen und die unterschiedlichen Anforderungen, die sie an die Schriftentwerfer stellten, für LeserInnen nachvollziehbar. Diese anschaulich illustrierten Abrisse zur Technikgeschichte umfassen Handsatz, Fotosatz Photon-Lumitype, Maschinensatz Einzelbuchstabenguss, Fotosatz Monophoto, Maschinensatz Zeilenguss, Optical Character Recognition OCR, Schreibsatz, Anreibesatz, Fotosatz Linofilm, Lichtsatz CRT, Lasersatz, Digitalsatz.

“Adrian Frutiger - Schriften. Das Gesamtwerk” ist ein übersichtlich gegliedertes Buch, das eine atemberaubende Informationsfülle benutzerfreundlich im Gewand feinster Buchgestaltung präsentiert. Viele Menschen waren an seiner Entstehung beteiligt. Der in der Einleitung der Publikation beschriebene, sich über mehr als 10 Jahre erstreckende Werdegang des Projektes legt davon beredtes Zeugnis ab. Heidrun Osterer, Philipp Stamm und ihrem Team ist mit “Adrian Frutiger - Schriften. Das Gesamtwerk” durch ihr ausgefeiltes Buchkonzept, ihre akribische Recherche gepaart mit der Fähigkeit Fachwissen in leicht verständlichen Texten zu vermitteln und der Kunstfertigkeit, in den auf Diskussionen mit Adrian Frutiger basierenden Texten die Lebendigkeit eines Gespräches zu bewahren, ein bedeutender Beitrag zur typografischen Literatur gelungen.

“Adrian Frutiger - Schriften. Das Gesamtwerk” setzt dem großen Schriftgestalter ein Denkmal mit einzigartigem kultur- und technikgeschichtlichen Tiefgang. Es ist ein Nachschlagewerk das Fachpublikum und interessierte Laien gleichermaßen begeistern wird.

© Ch. Ranseder

Adrian Frutiger Schriften. Das Gesamtwerk

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Frauen erobern die Welt

Dienstag, 28. Oktober 2008

Non Fiction

Alexandra Lapierre, Christel Mouchard
Frauen erobern die Welt
Abenteuer - Reisen - Expeditionen. Unterwegs auf fernen Kontinenten
Aus dem Französischen von Franziska Weyer 
Flammarion (im Vertrieb von Prestel) 2008, 240 S., zahlreiche Abb.
ISBN 978 2 08 020067 9

Frauen erobern die Welt Frauen erobern die Welt

Die von Alexandra Lapierre und Christel Mouchard für ihr Buch “Frauen erobern die Welt” ausgewählten weiblichen Reisenden bewiesen Neugier, Mut, Durchhaltevermögen, Organisationstalent, Improvisationsgeschick, Durchsetzungskraft, diplomatisches Fingerspitzengefühl und Führungsqualitäten. Forscherinnen erprobten ihr Fachwissen im Feld und zeigten ihre Fähigkeit wissenschaftlich zu arbeiten. Müßiggängerinnen genossen es, neue Erfahrungen zu sammeln. Literarisch Ambitionierte erwiesen sich als begnadete Reiseschriftstellerinnen. Netzwerkerinnen bemühten sich um internationale Beziehungen.
Jede der 31 porträtierten Frauen ist einzigartig. Familiäre Hintergründe, Vermögensverhältnisse und Lebensläufe weisen kaum Übereinstimmungen auf. Und doch eint diese Frauen der eiserne Wille zu einem selbstbestimmten Leben.

Die aktive Reisetätigkeit der, von den Autorinnen für das attraktiv gestaltete Buch ausgewählten, fernwehgeplagten Damen fällt - bis auf drei Ausnahmen - in die Jahre von 1850 bis 1950. Es ist eine Zeitspanne des gesellschaftlichen Umbruchs, in der es Frauen gelingt, sich im bewussten oder unbewussten Aufbegehren gegen herrschende Rollenbilder Freiräume zu schaffen. Die Protagonistinnen des Buches “Frauen erobern die Welt” waren Pionierinnen, auch wenn sie sich meist nicht als solche empfunden haben.
Vorgestellt werden: Catalina de Erauso, Aphra Behn, Isabel Godin des Odonais, Ida Pfeiffer, Alexine Tinne, Mary Seacole, Florence Baker, Isabella Bird, May French Sheldon, Marianne North, Jane Dieulafoy, Fanny Stevenson, Mary Kingsley, Fanny Bullock Workman, Gertrude Bell, Margaret Fountaine, Daisy Bates, Nellie Bly, Isabelle Eberhardt, Charmian Kittredge, Alexandra David-Néel, Freya Stark, Karen Blixen, Evelyn Cheesman, Rosita Forbes, Margaret Mead, Ella Maillart, Osa Johnson, Odette du Puigaudeau, Anita Conti, Emily Hahn.

Dass auf den 240 Seiten eines reich bebilderten Buches die Lebensgeschichten von 31 Frauen nur oberflächlich abgehandelt werden können, liegt auf der Hand. Ein echtes Ärgernis ist jedoch die stellenweise bemüht lockere Wortwahl, die wenig dazu beiträgt Klischees zu entkräften. Als kleine Kostprobe mag ein Kommentar zur Reisetätigkeit englischer Frauen genügen: “… , da das viktorianische Zeitalter zahlreiche Damen hervorbringt, die wie sie mit steifem Kragen, Hutschleier und Sonnenschirm, manchmal auch mit Staffelei oder Schmetterlingsnetz, aber immer mit einer ansehnlichen Rente und Empfehlungsschreiben, die Kontinente abgrasen. Sie alle sind ältliche Jungfern, ehrenhaft und einsam, ungestüm und doch so sittsam.” Die Frau, deren Porträt diese Worte einleiten, ist Marianne North (1830-1890), die als 40-Jährige aufbricht, um Pflanzen ferner Länder auf Leinwand festzuhalten. 832 ihrer Gemälde können noch heute in der Marianne North Gallery, Royal Botanic Gardens, Kew bewundert werden. Um zu malen, bereiste Marianne North, unter anderem, Amerika, Kanada, Jamaica, Brasilien, Chile, Japan, Borneo, Indien, Ceylon, Südafrika, Australien und Neuseeland. Selbst in Zeiten des Langstreckenflugs ist das eine beeindruckende Leistung. Vor allen, wenn es sich nicht um sinnentleertes Jetsetten, sondern um die Erfüllung einer selbst gewählten Aufgabe, also um Arbeit, handelt.

“Frauen erobern die Welt” ist ein Buch, das so manches “Aha-Erlebnis” bereithält. Die unerschrockenen Fernreisenden durchquerten Wüsten, unwirtliche Berglandschaften und den Dschungel, engagierten sich für Eingeborene oder in Kriegen verwundete Landsmänner, sammelten Informationen oder Insekten und fanden Wege ihre Erlebnisse einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln. Die 31 - aus Kurzbiografie, historischem Bildmaterial und einem Zitat bestehenden - Steckbriefe machen mit faszinierenden Persönlichkeiten bekannt. Schlussfolgerungen und Entwicklungstendenzen werden in Texten präsentiert, die das Buch in zeitliche Abschnitte gliedern. “Frauen erobern die Welt” ist ein Coffee Table Book dem es gelingt, die Lust zu wecken, sich mittels anderer Quellen eingehender mit den vorgestellten Frauen und ihrem Werk zu beschäftigen.

© Ch. Ranseder

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Impressionistinnen

Mittwoch, 11. Juni 2008

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Ingrid Pfeiffer, Max Hollein (Hg.) 
Impressionistinnen
Hatje Cantz 2008, 320 S. 305 Abb., davon 274 farbig
ISBN 978 3 7757 2078 6

Impressionistinnen Impressionistinnen - Berthe Morisot, Mary Cassatt, Eva Gonzalès, Marie Bracquemond

Eine pausbäckige junge Frau blickt auf ihr Schoßhündchen und krault ihm den Hals. Die Darstellung des Hundes ist beinahe eine Karikatur. Zwei Knopfaugen lugen aus dem zotteligen mit kräftigen, langen Pinselstrichen wiedergegebenen Fell hervor. Die knubbelige Nase ist leicht gerötet und das Maul wird nur mit einem kurzen braunen Strich angedeutet. Der Körper des Hundes bleibt konturlos. Sein Hinterteil verblasst ins Nichts. Und dennoch möchte man lachen, so gut hat die Malerin den Charakter des kleinen Köters eingefangen.

Berthe Morisot gelingt es in dem 1887 entstandenen Gemälde “Mädchen mit Hund” bravourös die Essenz der Dargestellten und den Zauber des Augenblicks mit wenigen dynamischen Pinselstrichen einzufangen. Berthe Morisot (1841-1895) zählt gemeinsam mit ihren Zeitgenossinnen Mary Cassatt (1845-1926), Eva Gonzalés (1847-1883) und Marie Bracquemond (1840-1916) zu jenen Frauen, denen es im 19. Jahrhundert gelang, sich in der von Männern dominierten Kunstszene als Malerinnen einen Namen zu machen. Als angesehene Vertreterinnen des Impressionismus waren sie zu Lebzeiten durchaus erfolgreich. Doch Kunstgeschichte wurde jahrzehntelang von Männern geschrieben, die wenig von den Leistungen der Frauen hielten. Sie marginalisierten Künstlerinnen und gaben ihre Werke dem Vergessen preis. Zum Umschwung kam es erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, nicht zuletzt Dank der feministischen Forschung. Dennoch ist der Prozess Künstlerinnen wieder sichtbar zu machen und ihnen den gebührenden Platz sowohl in der Kunstgeschichtsschreibung als auch in der öffentlichern Wahrnehmung einzuräumen, noch lange nicht abgeschlossen. Ausstellungen wie die kürzlich in der Schirn Kunsthalle Frankfurt zu Ende gegangene Schau “Impressionistinnen - Berthe Morisot, Mary Cassatt, Eva Gonzalés, Marie Bracquemond” erfreuen daher ganz besonders. Viele wichtige Beiträge zur Kunstgeschichte sind Ausstellungsprojekten zu verdanken. Die aus der Präsentation der vier Künstlerinnen des Impressionismus in der Schirn Kunsthalle hervorgegangene Begleitpublikation “Impressionistinnen” ist einer von ihnen.

Dass Ausstellungskataloge mit reichhaltigem, technisch hervorragend wiedergegebenem Bildmaterial aufwarten und die Exponate möglichst umfassend präsentieren, ist mittlerweile nichts Neues. Was das Buch “Impressionistinnen” in das Spitzenfeld der Kunstbuchproduktion katapultiert, ist die außergewöhnliche Qualität der Textbeiträge. Die Autorinnen und Autoren haben eine ganzheitliche Herangehensweise an Leben und Werk der vier Künstlerinnen gewählt. Sie verweben Biographie, Werkanalyse, Kunst- und Sozialgeschichte zu facettenreichen, wissenschaftlich fundierten Essays, die inhaltliche Tiefe mit exzellenter Lesbarkeit vereinen.

Ingrid Pfeiffer macht in “Der Impressionismus ist weiblich - Zur Rezeptionsgeschichte von Morisot, Cassatt, Gonzalés und Bracquemond” mit den vier Künstlerinnen bekannt. Sie analysiert wie die Arbeiten der vier Frauen im Rahmen des Impressionismus von zeitgenössischen Kritikern wahrgenommen wurden und welche Bewertungen sie durch nachfolgende Generationen von Kunsthistorikern erfuhren.

Linda Nochlin nimmt sich in “Morisots Amme - Arbeit und Freizeit in der impressionistischen Malerei” der Motivwahl der Malerinnen und ihrer männlichen Kollegen an.
Sylvie Patry widmet sich in “‘Etwas festhalten von dem, was vorüberzieht’ - Berthe Morisot und der Impressionismus” Morisots Arbeitsweise, ihrer Themenwahl sowie Kompositions- und Maltechnik.
Hugues Wilhelm leitet mit “Sieben unveröffentlich Briefe von Mary Cassatt an Berthe Morisot und deren Tochter Julie Manet” zu dem Mary Cassatt gewidmeten Themenblock über.
Griselda Pollock analysiert in “Mary Cassatt - Berührung und Blick oder Impressionismus für denkende Menschen” die Bildsprache der amerikanischen Malerin, die eine Meisterin der Darstellung zwischenmenschlicher Beziehungen war.
Pamela A. Ivinsky zeigt in “‘Mit einer festen und kräftigen Hand’ - Mary Cassatts Techniken und Fragen des Geschlechts” wie sich Cassett im Lauf ihrer künstlerischen Entwicklung die unterschiedlichsten Techniken zu Eigen machte und welche Reaktionen sie dabei bei den Betrachtern ihrer Arbeiten erzielte.
Marie-Caroline Sainsaulieu vergleicht in “Eva Gonzalés und Henri Toulouse-Lautrec - Das expressive Rot” wie Gonzalés und Toulouse-Lautrec die Farbe Rot in ihren Bildern einsetzten.
Jean-Paul Bouillon verfolgt in “Marie Bracquemond - Die Dame mit dem Sonnenschirm” den Verlauf der kurzen Karriere der vielseitigen Künstlerin, die im Salon und bei den Impressionistenausstellungen reüssierte und dennoch ihre Tätigkeit auf Drängen ihres Ehemanns aufgab.
Anna Havemann führt in “Vorwärts marsch - Der Kampf der Künstlerinnen um berufliche Anerkennung in der Kunstwelt des 19. Jahrhunderts” vor Augen mit welchen Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen sich Künstlerinnen des 19. Jahrhunderts konfrontiert sahen. Von historischen Fotografien begleitete Lebensläufe der Künstlerinnen runden das gelungene Buch ab.

Die Arbeiten von Berthe Morisot, Mary Cassatt, Eva Gonzalés, Marie Bracquemond können von 21. Juni bis 21. September 2008 noch im Fine Arts Museum of San Francisco bewundert werden.

© Ch. Ranseder

Impressionistinnen - Berthe Morisot, Mary Cassatt, Eva Gonzalès, Marie Bracquemond

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Designmuster

Dienstag, 22. April 2008

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Drusilla Cole
Designmuster
Haupt Verlag 2008, 240 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 258 07267 8

Deignmuster Designmuster. Zeitgenössische Oberflächengestaltung

Kreative Menschen lassen sich von vielen Quellen inspirieren. Oft mit erstaunlichen Ergebnissen. Filme, literarische Texte, Musik, Gegenstände des Alltags, Blumen oder Erinnerungen - fast alles kann als Auslöser für eine Entwurfsidee dienen. Das spiegelt sich auch in den Mustern, die Drusilla Cole für das opulente Buch “Designmuster” gesammelt hat. 102 Künstlerinnen und Künstler sind mit ihren Kreationen vertreten. Ihre in den Jahren von 2000 bis 2005 entstandenen Entwürfe sind am Puls der Zeit und zieren die unterschiedlichsten Trägermaterialien. Das Spektrum der angewandten Techniken reicht von klassischem Siebdruck über Stickereien und Applikationen zu modernsten High-Tech-Verfahren. Es wird fröhlich gemalt, gezeichnet und digital am Computer komponiert. Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Die dekorative Musterflut wird in fünf Kapiteln gebändigt und in geordnete Kanäle geleitet. Säuberlich in thematische, abstrakte, geometrische und organische Muster sowie Retromuster gegliedert, entfalten die wunderschönen Schöpfungen ihre ganze Pracht. In den begleitenden Texten sind die leider allzu knappen Kommentare der Designer zu Ursprungsidee, Intention und gewählter technischen Umsetzung ein besonderer Leckerbissen.

Das Buch “Designmuster” ist zugleich dokumentarische Momentaufnahme, Inspirationsquelle und - dank eines Verzeichnisses mit Kontaktadressen der Designerinnen und Designer - Einkaufswegweiser. Die gelungene Auswahl der Arbeiten fügt sich zu einer faszinierenden Zusammenstellung zeitgenössischer Ornamentik und macht das Buch zu einem visuellen Genuss von der ersten bis zur letzten Seite.

© Ch. Ranseder

Designmuster. Zeitgenössische Oberflächengestaltung

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Stilllebenmalerei

Donnerstag, 17. April 2008

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Jochen Sander (Hg.)
Die Magie der Dinge. Stilllebenmalerei 1500-1800
Texte von Julie Berger Hochstrasser, Gerhard Bott, Ursula Härting, Stephan Kemperdick, Magdalena Kraemer-Noble, Heidrun Ludwig, Fred G. Meijer, Jochen Sander, Sam Segal
Hatje Cantz 2008, 368 S. 246 Farbabb.
ISBN 978 3 7757 2206 3

Stilllebenmalerei Die Magie der Dinge. Stilllebenmalerei 1500 - 1800

Die Mahlzeit ist vorbei. Ein weißes Tuch liegt zerknüllt über der verrutschten Tischdecke. Die silberne Konfektschale ist leer und umgestürzt. Von einer Speise sind zwei Garnelen übrig geblieben. An der prächtigen Pastete jedoch wurde nur ein wenig genascht, der Löffel liegt noch daneben. Die kostbaren Gläser sind halbvoll und die Schale einer gerade geschälten Zitrone kringelt sich dynamisch auf der Tischplatte. Makellos und prall verlocken Kirschen, Trauben und eine Orange zu baldigem Konsum. Das von Jan Davidsz. de Heem 1651 gemalte Prunkstillleben vereint mit größter Eleganz die Lebensmitteln innewohnende Sinnlichkeit mit zur Schau gestelltem Reichtum und demonstrativem Konsum. Obwohl die menschlichen Darsteller fehlen, erzählt das Bild eine Geschichte. Man muss sie nur (er)finden. Die Raffinesse der malerischen Wiedergabe unterschiedlicher Oberflächentexturen und die dramatische Überhöhung des Arrangements durch das Spiel von Licht und Schatten faszinieren ohnedies und laden zum Verweilen ein. Es ist - wie es der trefflich formulierte Titel von Buch und gleichnamiger Ausstellung so schön auf den Punkt bringt - die “Magie der Dinge”, die das Auge fesselt und den Geist verführt.

Mit dem Betrachten von Stillleben geht eine Entschleunigung einher, die im heutigen Alltag gut tut. Nehmen Sie sich Zeit für die Lektüre von “Die Magie der Dinge. Stilllebenmalerei 1500-1800″. Es gibt auf den rund 100 Gemälden aus den Beständen von Städel Museum (Frankfurt am Main), Kunstmuseum Basel und Hessischem Landesmuseum Darmstadt viel zu entdecken. Anspielungen auf die Bedeutungslosigkeit irdischer Dinge und die Vergänglichkeit des Lebens wollen ebenso entschlüsselt werden wie Huldigungen an die Freuden der Sinne und des Fleisches. Selbst dem Stolz und der Prahlerei reicher Auftraggeber, die ihr kostbares Tischgeschirr oder ihr Jagdprivileg im Bild dokumentieren wollten, wird in den Stillleben Stil und Charme verliehen. Krabbeltiere eilen durch die Bilder, Schmetterlinge flattern fröhlich und Schnecken beäugen begehrlich frisches Obst und Gemüse. Alles wird in Stillleben möglich: Mit Früchten beladene Zweige trotzen der Schwerkraft, Frühlings- und Herbstblumen formen Seite an Seite unglaubliche Sträuße und sogar die schlaffen Körper toter Hasen und Fische wirken noch irgendwie attraktiv. Bei gleichbleibender Virtuosität reicht das Spektrum der Darstellungsweisen von beinahe minimalistisch bis zu atemberaubend opulent, von edel monochrom bis zu fröhlich bunt und von deskriptiver Feinmalerei bis zu illusionistisch-lockerer Pinselführung.

Natürlich bleibt es bei der “Magie der Dinge” nicht beim Augenschmaus allein. Die Autoren des Buches führen in zehn Kapiteln im Zeitraffer durch die ersten 300 Jahre der Geschichte des Stilllebens. Von seinen bescheidenen Anfängen als Arrangement in Tafelbildern mit religiösem Inhalt über die Emanzipation als eigene Gattung der Malerei um 1600 bis zu den neuen Wegen, welche die Stilllebenmaler des 18. Jahrhunderts einschlugen, spannt sich der thematische Bogen.

Vanitas- und Bankettstillleben, Prunkstillleben, Fischstillleben, Jagdstillleben, Kartuschen- und Nischenbilder, Waldbodenstücke - die Wiedergabe der unbeweglichen Sachen fand viele Ausprägungen. Den beiden wunderbaren Künstlern Jan Davidsz. de Heem und Willem van Aelst sowie ihrem jeweiligen Kreis sind eigene Kapitel gewidmet. Zu zahlreich sind die in dem berückend schönem Buch vertretenen MalerInnen, um sie alle zu nennen. Stellvertretend seien deshalb nur Georg Flegel, Sebastian Stoskopff, Peter Binoit, Jacob Marrel, Abraham Mignon und Jean Siméon Chardin erwähnt. Ausführliche Katalogtexte erläutern jedes der großformatig wiedergegebenen Gemälde. Aus vielen der Stillleben werden zusätzlich besonders attraktive Detailausschnitte herausgegriffen und in größerem Maßstab seiten- bzw. doppelseitenfüllend zur näheren Betrachtung präsentiert.

Wer nach dem Genuss des - grafisch sehr ansprechend gestalteten - Buches die Gemälde nun auch im Original sehen möchte, hat dazu vom 20. März bis 17. August ‘08 im Städel Museum, und von 5. September ‘08 bis 4. Januar ‘09 im Kunstmuseum Basel, die Gelegenheit.

© Ch. Ranseder

Die Magie der Dinge. Stilllebenmalerei 1500 - 1800

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Lichtdesign

Freitag, 11. April 2008

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Andreas Schulz (Hg.)
Licht Kunst Licht 2. Lichtdesign für Architektur
avedition 2007, Dt./Engl, Broschur mit Klappen im Schuber, 176 S., 332 farbige Abb. und Pläne
ISBN 978 3 89986 057 3

Lichtdesign Licht Kunst Licht 2. Lichtdesign für Architekten

Welch wunderbare, perfekt funktionierende Ergebnisse der Einsatz professioneller Lichtgestalter zeitigen kann, zeigt die neueste Publikation des Büros Licht Kunst Licht. Um keine falschen Erwartungen zu wecken: Es geht in diesem Buch weder um eventgebundene Lichtspektakel noch um selbstverliebte (Licht)Kunst am Bau. Die Ingenieure, Designer und Architekten von Licht Kunst Licht entwickeln für die ihnen anvertrauten Bauwerke maßgeschneiderte, dauerhafte Lichtlösungen auf höchstem Niveau. Ihre Entwürfe gewährleisten einerseits die optimale Lichtversorgung der in den Gebäuden arbeitenden Menschen, andererseits kleiden sie die Architektur in ein attraktives nächtliches Lichtgewand fernab jeder Effekthascherei. Soviel wird schon beim ersten Durchblättern des Buches “Licht Kunst Licht 2. Lichtdesign für Architektur” klar. Die hervorragenden, großformatigen Fotografien vermitteln den Eindruck eines diskreten, sich sensibel mit dem jeweiligen Ort auseinandersetzenden Lichtdesigns, das ganz im Dienst der Sache steht. Acht, zwischen 2001 und 2006 fertig gestellte, Projekte werden in dem gleichermaßen prächtigen wie wohldurchdachten Bildband präsentiert. Aus der staatlichen Sphäre sind es der Plenarsaal des Bayerischen Landtags (München) sowie zwei Parlamentsbauten im Berliner Regierungsviertel, das Paul-Löbe-Haus und das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus. Aus dem kulturellen Umfeld sind das RuhrMuseum in der ehemaligen Kohlenwäsche Zollverein (Essen) und die Helmut Newton Foundation (Berlin) vertreten. Der Welt der Wirtschaft zuzurechnen sind ein Bürogebäude am Novartis Campus (Basel), der Uniqua Tower (Wien) und die Galeria Kaufhof Alexanderplatz (Berlin). Unterschiedlicher könnte die Architektur nicht sein. Jedes Gebäude und jede Nutzung desselben stellte die Lichtplaner vor neue Herausforderungen. So gut die fotografische Bilddokumentation auch ist, erst der begleitenden Text hilft das Ausmaß der jeweiligen technischen und gestalterischen Leistung zu verstehen. Übersichtlich gegliedert werden in deutscher und englischer Sprache historische Vorgeschichte von Gebäude und Umfeld, bauliche Rahmenbedingungen, Aufgabenstellung, Entwurf und angestrebte Lichtwirkung sowie Grundzüge der technischen Umsetzung dargelegt. Ergänzend führen Grund- und Aufrisse, Längs- und Querschnitte Dimension und Komplexität der zu beleuchtenden Architektur vor Augen. Konstruktionszeichnungen einzelner Leuchten vermitteln technische Details.

Als Abschluss des Buches sind ein Verzeichnis der Projekte des Planungsbüros Licht Kunst Licht sowie eine Liste der erhaltenen Auszeichnungen zu finden.

Ebenso maßgeschneidert wie das Lichtdesign des Planungsbüros Licht Kunst Licht ist die grafische Gestaltung des Buches “Licht Kunst Licht 2. Lichtdesign für Architektur”. Aus dessen Cover wurden 144 kleine Quadrate ausgestanzt, sodass das verbleibende Gitter unterschiedliche, von Lichteinfall und Papierkrümmung bestimmte Schatten auf die eingeschlagene Klappe des Umschlags wirft. So wird schon als Auftakt der Beschäftigung mit dem Buch subtil auf die Wirkung von Licht hingewiesen. Ganz abgesehen von diesem didaktischen Erfolg, macht es einfach verdammt viel Spaß mit dem Einband zu spielen! Doch noch auf einer anderen Ebene wirkt die edle Publikation bewusstseinsbildend. Tätigkeits- und Aufgabenfeld von Lichtplanern werden so anschaulich dargestellt, dass nicht nur potentielle Auftraggeber sondern auch junge Menschen, die sich auf der Suche nach einem Beruf befinden, von der Lektüre profitieren werden. “Licht Kunst Licht 2. Lichtdesign für Architektur” ist somit eine Werkdokumentation mit Mehrwert - wie erfrischend!

© Ch. Ranseder 23. Oktober 2007

Licht Kunst Licht 2. Lichtdesign für Architekten

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Kunst kommunizieren

Freitag, 11. April 2008

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Stefan Lüddemann
Mit Kunst kommunizieren. Theorien, Strategien, Fallbeispiele
VS Verlag für Sozialwissenschaften 2007, 198 S.
ISBN 978 3 531 15581 4

Kunst kommunizieren Mit Kunst kommunizieren. Theorien, Strategien, Fallbeispiele

Mit und über Kunst lässt sich gut kommunizieren. Künstler tun es seit Jahrhunderten, oft im Dienst von kirchlichen und weltlichen Herrschern. Vertreter der vergleichsweise jungen Disziplin der Kulturvermittlung (Museumspädagogik) sind ebenfalls darin geübt und machen ihr Publikum mit dem intellektuellen Werkzeug zur Entschlüsselung der Bildern innewohnenden Botschaften vertraut. Doch was diese beiden Gruppen zu sagen haben, spielt in der vorliegenden Publikation keine Rolle. Hinter dem griffigen Titel “Mit Kunst kommunizieren. Theorien. Strategien. Fallbeispiele” verbirgt sich ein mit hoher Informationsdichte aufwartender Text zu einem Teilaspekt des Themas, der erst in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hat: Der Einsatz der bildenden Kunst in der Markenbildung beziehungsweise Selbstinszenierung. Bevor jedoch das Kulturmanagement in den Mittelpunkt der Betrachtungen rückt, wird sowohl eine Definition der Begriffe Kunst und Kommunikation erarbeitet als auch der heutige Kunstbetrieb einer eingehenden Analyse unterzogen. Damit wird ein theoretisches Fundament geschaffen, das einerseits viel zum Verständnis der Funktionsweisen des Instrumentalisierungsprozesses von Kunst beiträgt, andererseits aber auch zeigt, wie dehnbar der Begriff “Kommunikation” ist. Ausführlich werden die Mechanismen des Kunstsystems geschildert, im Rahmen dessen eine kleine Zahl von “Experten” in einem zunehmend selbstreferenziellen Diskurs festlegt, welche Werke als Kunst gelten. Dass in diesem Zusammenhang die Präsentation von Kunst in Museen, Ausstellungen und Katalogen ausgerechnet unter dem Begriff “Vermitteln” im Sinne “der ersten Form der Kommunikation mit Kunst” zusammengefasst wird, mag so manchem Kulturvermittler sauer aufstoßen, geht es doch in diesem Fall einzig um den Kontext der Darbietung, nicht um die Inhalte des Dargebotenen. Mit der Sichtbarmachung von Werken der bildenden Kunst in öffentlichen Institutionen und deren Printprodukten werden den ausgewählten Arbeiten ein Wert und ein Platz im Kanon zuerkannt. Auratische Inszenierungen verleihen - mit Unterstützung der Publizisten - einzelnen Werken, Künstlern oder Kunststilen eine emotionale Dimension, die sie auch für kunstferne Personen zum Erlebnis macht.

Für die Schaffung eines Markenimages kann die Wahl derart durch Präsentationsform und Medien auratisch aufgeladener Werke von Vorteil sein, sie ist jedoch nicht zwingend notwendig. Um ein Produkt mit emotionalem Mehrwert aufzuladen, kann es auch genügen, sich weniger bekannter Kunst zu bedienen. Das belegen die für das Buch “Mit Kunst kommunizieren” ausgewählten Fallbeispiele, welche die Darlegung des auf der Managementebene ablaufenden Arbeitsprozesses ergänzen. Im Rahmen der, ausführlich erläuterten, erforderlichen strategischen und operativen Planungsschritte sind dem Erfindungsreichtum der Kultur- und Marketingmanager keine Grenzen gesetzt. Die zur Verfügung stehende historische und zeitgenössische Kunst ist in ihrer Vielfalt und wirtschaftlichen Verwertbarkeit nahezu unerschöpflich. Über fundierte Kenntnisse der Funktionsweisen des Kunstbetriebs verfügenden Kulturmanagern steht es frei, dessen Mechanismen durch geschickte Manipulation zu nutzen, um die Wertigkeit von vergessenen oder unbedeutenden Künstlern zu erhöhen - so sich dies zur Erreichung der gesteckten ökonomischen Ziele als notwendig herausstellt. Die Deutungsmacht liegt damit fallweise nur mehr vordergründig bei den Protagonisten des Kunstsystems. Im bilderhungrigen 21. Jahrhundert macht diese Volatilität die Kommunikation mit Kunst im wirtschaftlichen Kontext zu einem faszinierenden Betätigungsfeld mit rosigen Entwicklungsperspektiven.

“Mit Kunst kommunizieren” ist ein komplexes, stellenweise erhellendes Buch, das allerdings gerade in seinen theoretischen Teilen nicht frei von Widersprüchen ist. Der passagenweise eine Vielzahl von Auslegungen zulassende, übersichtlich gegliederte Text, dessen Wurzeln in der Lehrtätigkeit des Autors fest verankert sind, birgt Zündstoff für anregende Diskussionen. Bedauerlich ist jedoch der Mangel an Abbildungen, die Leserinnen und Lesern ohne kunsthistorische Vorbildung die gedankliche Visualisierung der wortreich beschriebenen Vergleiche und Fallbeispiele erleichtert hätten. Letztlich bleibt die erfolgreiche Entschlüsselung der mit Bildern kommunizierten Botschaften immer abhängig von der Zugehörigkeit des Rezipienten zu einem bestimmten Kulturkreis und innerhalb dessen zu einer anvisierten Zielgruppe.

© Ch. Ranseder 14. Oktober 2007

Mit Kunst kommunizieren. Theorien, Strategien, Fallbeispiele

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Tutanchamun Katalog

Freitag, 11. April 2008

Non-Fiction

Zahi Hawass, Sandro Vannini (Fotos)
Tutanchamun
Frederking und Thaler 2008, 296 S., ca. 320 Farbfotos und 26 Ausklapptafeln.
ISBN 978 3 8940 5711 4

katalog_tutanchamun.jpg Tutanchamun

Tutankhamun. The Golden King and the Great Pharaos” ist das Begleitbuch der gleichnamigen Ausstellung, die von 9. März bis 28. September 2008 im Wiener Museum für Völkerkunde gastiert und danach in den USA zu sehen sein wird. Der Kontrast zwischen der Ausstellung, deren hervorstechendstes Attribut eine ebenso extensive wie aggressive Marketingstrategie ist, und ihrem qualitativ hochwertigen Begleitbuch ist in jeder Hinsicht bemerkenswert.

Das sorgfältig produzierte Buch präsentiert die rund 150 archäologischen Funde auf eine Weise, die deren einzigartiger Schönheit gerecht wird. Gleichzeitig vermitteln leicht verständliche Texte fundiertes Hintergrundwissen zu Politik, Religion und Alltagsleben im Ägypten der Pharaonen. Es ist - salopp formuliert - eine informative Augenweide.

Sandro Vanninis hervorragende, ganzseitig wiedergegebene Fotos der kunstvollen Objekte fesseln den Blick. In einem Buch ist die auratische Inszenierung von Skulpturen, Kleinplastiken und Goldschmuck mittels dramatischer Lichtführung vor schwarzem Hintergrund eine feine Sache. In Museen werden zu Dunkelkammern mutierte Ausstellungsräume zu Stolperfallen. Dass perfekt ausgeleuchtete Artefakte vor weißem Hintergrund ebenfalls gut aussehen - auch dies lässt sich anhand von Fotos im Begleitbuch nachvollziehen.

Tutankhamun steht übrigends weit weniger im Mittelpunkt als es sein in großen goldenen Lettern am Cover prangender Name vermuten lässt. Was das Buch wirklich bietet, ist eine Reise durch die Geschichte des alten Ägyptens und einen Einblick in das Leben der Menschen an Pharaos Hof. Die Informationsfülle wird durch die inhaltliche Gliederung der Publikation in einen allgemeinen und einen ausstellungsbezogenen Teil, der gleichzeitig als Katalog fungiert, gebändigt.

Im allgemeinen Teil führen Zahi Hawass und sein AutorInnen-Team durch die Geschichte Ägyptens von der prädynastischen Periode bis zu den Ptolomäen. Eingebettet in den politisch-religiösen Kontext wird in sechs Kapiteln auf gesellschaftliche Entwicklungen ebenso eingegangen wie auf Veränderungen in Architektur und Kunst. Stimmungsvolle Fotos der archäologischen Stätten vermitteln Lokalkolorit und machen neugierig auf das Land Ägypten.

Der Katalogteil folgt offensichtlich der für die Amerikatour der Ausstellung festgelegten Raumfolge. Ein kurzer themenbezogener Text leitet jeden der sieben Abschnitte (Gallery I-VII) ein. Danach wird, auf ein bis zwei Buchseiten, jedes Artefakt mit Foto und ausführlichem Objekttext vorgestellt. Anstatt langatmiger Beschreibungen bieten diese Texte erfreulich reichhaltige Informationen zu kulturhistorischem Hintergrund und Fundgeschichte der ausgewählten Gegenstände.

Zum Abschluss werden im Nachwort wichtige Ausgrabungsstätten und dort getätigte Ergebnisse der aktuellen Feldforschung vorgestellt. Ganz am Ende des Buches ist auch noch eine Zeitleiste versteckt. Der Aufbau der Publikation entspricht also im Großen und Ganzen der klassischen dreistufigen Informationshierarchie, die sich im Ausstellungswesen bewährt hat. Die gut durchdachte, attraktive grafische Gestaltung ermöglicht es den Lesern sich mithilfe unterschiedlicher Schrifttypen und farbiger Texthinterlegungen schnell im Buch zurecht zu finden.

Das der Rezensentin in der englischen Ausgabe (Washington 2008, National Geographic Society, ISBN 978 1 4262 0264 3) vorliegende Buch, ist auch in deutscher Sprache erhältlich.

© Ch. Ranseder

Tutanchamun

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Basler Münsterhügel

Freitag, 11. April 2008

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Andrea Hagendorn, Eckhard Deschler-Erb
mit einem Beitrag von Guido Lassau
Auf dem Basler Münsterhügel. Die ersten Jahrtausende
Archäologische Denkmäler in Basel 5
Christoph Merian 2007, 66 S., 30 Farb- und 10 Sw-Abb.
ISBN 978 3 85616 345 7

Basel Münsterhügel Auf dem Basler Münsterhügel

Der Münsterhügel im Zentrum von Basel ist seit rund 3000 Jahren besiedelt. Bis zu drei Meter hoch sind die in diesem Zeitraum von seinen Bewohnern zurückgelassenen Kulturschichten. Das freut Archäologinnen und Archäologen, denen es dank zahlreicher Rettungsgrabungen gelang, die Geschichte der Besiedlung zu rekonstruieren. Die Broschüre “Auf dem Basler Münsterhügel. Die ersten Jahrtausende”, Band 5 der Reihe “Archäologische Denkmäler in Basel”, folgt den Spuren der ersten Siedler, welche die Vorzüge des Siedlungsareals für sich entdeckten.

Den natürlichen Schutz seiner steil zu Rhein und Birsig abfallenden Hänge wussten bereits die Bewohner der ersten, in der Spätbronzezeit (1300-800 v. Chr.) errichteten, befestigten Siedlung zu schätzen. Dennoch verließen sie am Ende der Bronzezeit den Münsterhügel. Seine bis heute kontinuierlich fortdauernde Besiedlung setzte erst um 80 v. Chr. ein, als das Sicherheitsbedürfnis der keltischen Bevölkerung angesichts der wachsenden Bedrohung durch die Germanen zunahm. Die von einer mächtigen Wall-Graben-Anlage geschützte keltische Siedlung diente als Adelssitz und Zentralort. Nach der Eroberung Galliens geriet auch der Münsterhügel unter die Kontrolle der Römer, unter deren Befehl die keltischen Adeligen nun die Rheingrenze sicherten. Die Befestigung der Siedlung wurde eingeebnet, neue vom römischen Baustil beeinflusste Häuser entstanden. Mit der Verlegung der römischen Reichsgrenze büßte die Ansiedlung auf dem Münsterhügel ihre strategische Bedeutung ein. Viel wichtiger war nun die Anbindung an das römische Straßennetz und die damit gegebene Möglichkeit am überregionalen Handel Teil zu haben. Erst in der zweiten Hälfte des krisengeschüttelten 3. Jahrhunderts n. Chr. wurde die römische Grenze wieder an den Rhein zurückverlegt und der Münsterhügel erneut mit einer massiven Mauer befestigt. Mit dem von Kaiser Valentinian beaufsichtigtem Ausbau der Grenzbefestigung erlebte Basel eine kurze Blütezeit, bevor um 400 n. Chr. die römischen Truppen endgültig abzogen und die Zivilbevölkerung auf sich gestellt zurück blieb.

Andrea Hagendorn und Eckhard Deschler-Erb erzählen mit großer inhaltlicher und sprachlicher Klarheit vom Leben und Sterben der Bewohner des Münsterhügels und deren archäologischen Hinterlassenschaften. Dabei verlieren sie trotz faszinierender Detailbefunde niemals das große Ganze aus dem Blick. Die Geschichte der Besiedlung wird stets in Beziehung zum überregionalen Zeitgeschehen gesetzt, aus dem sich die wechselnde strategische und wirtschaftsgeographische Bedeutung des Standortes bedingte. Unterstützt durch ausgezeichnetes, abwechslungsreiches Bildmaterial entsteht so ein anschaulicher Ablauf des Siedlungsgeschehens.

“Auf dem Basler Münsterhügel. Die ersten Jahrtausende” macht Lust auf einen Spaziergang über das Areal. Dank des von Guido Lassau verfassten, von zahlreichen Plänen begleiteten chronologischen Überblicks der Siedlungsentwicklung, finden sich auch Ortsfremde leicht zurecht. Die grafisch attraktiv gestaltete Broschüre vermittelt Stadtgeschichte in jeder Hinsicht vorbildlich.

© Ch. Ranseder

Auf dem Basler Münsterhügel

siehe auch:
Zeitreisen durch 50000 Jahre Basel   -   Rezension

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Kuss der Sphinx

Freitag, 11. April 2008

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BA-CA Kunstforum (Hg.)
Der Kuss der Sphinx. Symbolismus in Belgien
Hatje Cantz
2007, 280 S., 194 meist farbige Abb.
ISBN 978 3 7757 2067 0

Der Kuss der Sphinx Der Kuss der Sphinx

Mit an die Lippen gelegtem Finger, den Blick unfokussiert in die Weite schweifend, gebietet eine junge Frau Schweigen. Ihre bewegungslos verharrende, in starker Untersicht monumental überhöht wiedergegebene Gestalt zwingt den Betrachter, der die Augen zu ihrem Gesicht erheben muss, in die Position des Supplikanten. Fernand Khnopff stellt in seinem 1890 entstandenen Pastell “Stille” die Frau zugleich als Wächterfigur und anbetungswürdiges mystisches Wesen dar. Es ist nicht das einzige Werk des Künstlers, in dem äußere Ruhe und meditative Besinnung eine zentrale Rolle spielen, eine Figur der inneren Stimme zu lauschen scheint. Auch die Besucher seines als Heiligtum inszenierten Ateliers wurden zum Schweigen angehalten. Sowohl in seinem Heim als auch in seinen Bildern erschuf sich Khnopff eine eigene Welt fernab der Realität.

Damit sind bereits einige zentrale Themen des belgischen Symbolismus angesprochen, dessen Vertreter weit mehr durch ihre Geisteshaltung als durch stilistische Ähnlichkeiten geeint werden.

Am Ende des 19. Jahrhunderts werden die wissenschaftlichen und industriellen Errungenschaften, welche tief greifende gesellschaftliche Umwälzungen mit sich bringen, von einer großen Zahl der Künstler als Bedrohung empfunden. Eine spirituelle Krise gepaart mit der Trauer um vergangene Zeiten und deren Wertvorstellungen verstärken das Bedürfnis aus der feindlich empfundenen Umwelt in ein selbst geschaffenes Gedankenreich zu entfliehen. Die Esoterik blüht in der Kunst des Symbolismus, die eine enge Verbindung mit der Literatur eingeht, ebenso wie das Spiel mit Dekadenz und Verfall. In bewährter Tradition werden Frauen - vom reinen Ideal bis zur Femme fatal - zur Projektionsfläche für die Ängste und Sehnsüchte der die Grenzen ihrer Träume und erotischen Fantasien auslotenden männlichen Künstler. Ganzheitlich betrachtet lebt der Symbolismus von der Spannung zwischen dem Reich der Schatten und dem Reich des Lichts, dem Expliziten und dem Angedeuteten.

Brüssel, die Heimstatt von zahlreichen Künstlerzirkeln und Zeitschriften, fungierte für die belgischen Vertreter des Symbolismus zugleich als Zentrum des Diskurses und Schmelztiegel andernorts geborener Ideen beziehungsweise Formen des Ausdrucks.

Mit der Publikation “Der Kuss der Sphinx” ist es gelungen, einen Meilenstein in der Erforschung des belgischen Symbolismus zu setzen. Gleichzeitig bringt das grafisch ansprechend gestaltete Buch diese von Doppeldeutigkeit geprägte Kunstrichtung auch einem breiteren Publikum näher. Dies ist in erster Linie den hervorragenden Texten zu verdanken, deren Autoren es nicht nur verstehen, den belgischen Symbolismus und seine Verbindungen zu den Kunstmetropolen Europas in seiner Essenz zu erfassen, sondern auch ihre Forschungsergebnisse sprachlich leicht verständlich darzulegen.

Michel Draguet macht in seinem Essay “Brüssel - Drehscheibe des Symbolismus in Europa” mit den Grundzügen des belgischen Symbolismus bekannt und verortet ihn im kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Kontext.

Dominique Marechal untersucht in “’Verging nicht diese Stadt?’. Brügge als Treffpunkt europäischer Symbolisten” die Rolle dieser sehr ambivalent wahrgenommenen Stadt im Werk zahlreicher Künstler, wobei sie Fernand Khnopff besondere Aufmerksamkeit zuteil werden lässt.

Sabine Plakolm-Forsthuber zeigt in “Spiegelbilder der Seele. Der belgische Symbolismus und der Wiener Jugendstil”, welche Impulse die Wiener Kunstszene um 1900 von den belgischen Symbolisten, insbesondere von Fernand Khnopff und dem Bildhauer George Minne, erhielt.

Den Tafelteil des Katalogs gliedernde, ausführliche Kapiteltexte von Michel Draguet bieten vertiefende Informationen zu einzelnen Künstlern und Themen des Symbolismus. Auf detaillierte Beschreibungen der ausgewählten Werke wird zugunsten der Abbildungsgrößen jedoch verzichtet. Abgerundet wird das stattliche Buch “Der Kuss der Sphinx. Symbolismus in Belgien” von Kurzbiografien der Künstler, einer Literaturliste und einem Verzeichnis der in der gleichnamigen Ausstellung präsentierten Werke. Wer die rund 150 Arbeiten von 36 Künstlern im Original sehen möchte, hatte dazu bis 3. Februar 2008 im BA-CA Kunstforum in Wien die Gelegenheit.

© Ch. Ranseder 21.10.2007

Der Kuss der Sphinx

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Preußens Glanz

Freitag, 11. April 2008

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Hans-Joachim Giersberg, Leo Seidel
Preußens Glanz. Königsschlösser in Berlin und Brandenburg
Prestel
2007, Dt./Engl., 192 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 7913 3751 7

Preußens Preußens Glanz und Gloria. Königsschlösser in Berlin und Brandenburg

Die Regenten Preußens waren fleißige Bauherren. Einige der schönsten Schlösser Deutschlands sind Mitgliedern der Familie Hohenzollern zu verdanken, darunter Schloss Sanssouci, Schloss Charlottenhof, Schloss Rheinsberg und die bemerkenswerten Gebäude auf der Pfaueninsel in Berlin. Opulent bebildert, präsentiert „Preußens Glanz” im Tourismus bereits etablierte bauliche Kulturschätze und international weniger bekannte Perlen königlicher Architektur in Brandenburg und Berlin.

Die Gliederung des Buches folgt der chronologischen Abfolge der Herrscher, deren Porträts den detaillierten Beschreibungen der Bauwerke ihrer Ära vorangestellt sind. Leo Seidel hat den heutigen Zustand der Gebäude – deren Spektrum von Schlössern über Belvedere bis zu in die Gartenanlagen integrierte Tempel, Teehäuser und Pavillons reicht – in herrlichen Farbfotografien festgehalten. Ergänzt von historischen Ansichten wecken die brillanten Aufnahmen den Wunsch sich auf eine Reise zu begeben, um das Dargestellte selbst zu erleben. Die akribisch recherchierten Texte von Hans-Joachim Giersberg vermitteln wertvolles Hintergrundwissen zu Besitzer-, Bau- und Nutzungsgeschichte. Eindrucksvoll dokumentieren sie das wechselhafte Schicksal der prächtigen Schlossanlagen und die großen Verdienste der in den letzten beiden Jahrzehnten erfolgten Restaurierungs- und Revitalisierungsarbeiten.

Als zweisprachig (Deutsch/Englisch) angelegtes Buch wendet sich “Preußens Glanz” an eine internationale Leserschaft. Umso mehr verwundert es, dass sowohl auf eine Einleitung, die mit gekrönten Häuptern und politisch-kulturellem sowie wirtschaftlichem Umfeld bekannt macht, als auch auf einen Serviceteil verzichtet wird. Gerade für Ortsfremde wären zumindest eine Überblickskarte zur besseren Orientierung und ein Standortverzeichnis mit Internetadressen für eine etwaige Reisevorbereitung hilfreich.

In seiner vorliegenden Form weckt “Preußens Glanz” in der ersten Phase der Lektüre Neugier, lässt jedoch praxisorientierte Reiselustige kurzfristig allein. In der zweiten Phase der Lektüre entfaltet das Buch seine Stärken und wird als großartiges Nachschlagewerk und Erinnerungshilfe an Gesehenes noch nach Jahren erfreuen.

© Ch. Ranseder 15. August 2007

Preußens Glanz und Gloria. Königsschlösser in Berlin und Brandenburg

 

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Stille Örtchen

Freitag, 11. April 2008

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Morna E. Gregory, Sian James
Stille Örtchen. Ein Besuch auf den Toiletten der Welt
Knesebeck
2006, 256 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 89660 3920

Stille Örtchen Stille Örtchen. Ein Besuch auf den Toiletten der Welt

Auch wenn es absurd erscheint: Wenige Dinge sind einprägsamer als der Gang zur Toilette und was man dort vorfindet. Das Spektrum der Emotionen rund um eine im Grunde banale biologische Notwendigkeit und das architektonische Ambiente, in dem sie verrichtet wird, reicht von Ekel über Heiterkeit bis zu beglückender Befriedigung. Verzweiflung macht sich breit, wenn man eine Toilette braucht und keine da ist. Und zu den wohl unvergesslichsten Urlaubserinnerungen zählen Besuche von WCs fern der Heimat. Denn ist dort anstatt der vertrauten Kloschüssel eine fremdartige Vorrichtung vorzufinden, offenbaren sich die kulturellen Unterschiede im Umgang mit der Notdurft. Das Bedürfnis sich zu erleichtern, mag ein universelles sein, kein Mensch kommt darum herum. Die Ausstattung der dafür vorgesehenen Räumlichkeiten, das Ritual der Handlung und die damit verbundenen Tabus sind jedoch von Land zu Land, von Kontinent zu Kontinent überraschend unterschiedlich.

Die Schriftstellerin Morna E. Gregory und die Fotografin Sian James haben sich die Aufgabe gestellt, die kulturellen Verschiedenheiten rund um das Klo zu dokumentieren. Ihr Buch “Stille Örtchen. Ein Besuch auf den Toiletten der Welt” entführt auf eine amüsante, oft auch verblüffende Entdeckungsreise zu sanitären Anlagen in 27 Ländern (USA, Kanada, Bolivien, Peru, Costa Rica, Panama, Brasilien, Chile, Großbritannien, Spanien, Belgien, Frankreich, Deutschland, Österreich, Niederlande, Türkei, Namibia, Südafrika, Swasiland, Mosambik, Neuseeland, Australien, Indien, China, Japan und Thailand). Die geglückte Kombination von kulturhistorischer Betrachtung und fotografischer Bestandsaufnahme der vielfältigen, erfinderischen Weisen, wie Menschen rund um den Globus das Problem der Beseitigung ihrer Ausscheidungen lösen, erweist sich als faszinierende Lektüre.

Die Bandbreite der für das Buch ausgewählten Aborte ist eindrucksvoll. Der Bogen spannt sich von einfachen Plumpsklos in der Wildnis über historische Toilettenanlagen bis zu gestylten high-tech Wundern, an denen sich die Besucher schicker In-Lokale erfreuen dürfen. “Stille Örtchen” bietet sowohl Alltägliches als auch Kurioses. Seit Jahren nicht mehr benutzte Toiletten in verlassenen Geisterstädten sind ebenso vertreten wie von Wasser überspülte stählerne Pissoirwände, die “Urinette” für Frauen, ein per Fernbedienung aus dem Straßenuntergrund ausfahrbares Pissoir, eine über selbst gebuddelten Löchern zu platzierende mobile Falttoilette, zu Zielübungen einladende Pissoirs und ein Raum voll riesiger Eier, in deren Innerem sich jeweils ein WC verbirgt. Eine Freude für Benutzer, die Klopapier nicht schätzen, sind ausgefeilte Klos, die den Allerwertesten per Knopfdruck mit Wasser besprühen. Und für Schamhafte gibt es in Japan eine Taste, mittels derer dem WC kaschierende Spülgeräusche zu entlocken sind. Eine singende Toilette ist den Erleichterung suchenden glücklicherweise bislang erspart geblieben!

Der Reiz des Buches “Stille Örtchen. Ein Besuch auf den Toiletten der Welt” liegt nicht zuletzt in seiner Fähigkeit Assoziationen und Erinnerungen zu wecken – sei es an denkwürdige Filmszenen wie das “Geheimnis der drei Muscheln” in “Demolition Man” oder eigene Erlebnisse. So werde ich sicher nie meine erste Begegnung mit einem rotierenden Toilettensitz vergessen!

© Ch. Ranseder 12. August 2007

Stille Örtchen. Ein Besuch auf den Toiletten der Welt

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Lucien Clergue

Freitag, 11. April 2008

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Lucien Clergue
Magie und Mythos

KunstHausWien 2007, Dt./Engl, 224 S. mit zahlr. Farb- und Sw-Abb.
ISBN 978-3-901247-17-0

Lucien Clergue, Magie und Mythos Lucien Clergue: Magie und Mythos. Ausstellungskatalog

Lucien Clergues Fotografien ist eine poetische Stille eigen, die zur Kontemplation über das prekäre Verhältnis von Mensch und Natur, Vergänglichkeit und Permanenz, einlädt. Zwischen den Polen Tod und Leben angesiedelt, gehören der Stierkampf und der weibliche Akt, das Wasser und der Sand zu den Leitthemen seines Lebenswerkes. Ein Querschnitt durch das Schaffen des 1934 in Arles geborenen Künstlers ist derzeit in einer rund 200 Arbeiten umfassenden Ausstellung des KunstHausWien sowie dem als Begleitbuch erschienenen Katalog “Lucien Clergue - Magie und Mythos” zu bewundern. Die reich bebilderte Publikation zeichnet in chronologischer Abfolge den künstlerischen Werdegang Lucien Clergues nach. Ein den Bildteil vorangestellter Essay von Karen Sinsheimer schildert die wichtigsten Stationen in der Biografie des vielfach ausgezeichneten Fotografen, der sich auch erfolgreich mit dem Medium Film beschäftigt.

In den Nachkriegsjahren erkundet Lucien Clergue mit seiner Kamera das zerbombte Arles und sein Umland. In den Ruinen der Stadt inszeniert er “tableaux vivantes” mit als Zirkusartisten verkleideten Kindern, deren starre Posen und Anordnung im Bildraum aus heutiger Sicht Assoziationen mit der Modefotografie wachrufen. In starkem Kontrast zu dieser, in ihrer Grundstimmung seltsam melancholisch wirkenden, Bildserie stehen die reportageartigen Fotografien der Zigeuner, die Lucien Clergue eine Zeit lang begleitet. Doch nicht nur der Mensch, auch die Natur fesselt den Fotografen. Seine Aufnahmen von sich im Wasser einer Überschwemmung spiegelnden Weinstöcken, von Maisstauden und der kargen Vegetation der Küste besitzen durch Nahsicht und die betonte Licht-Schatten-Wirkung eine abstrakte Qualität, die sie der modernen Malerei nahe bringt. Begegnungen mit Picasso und Jean Cocteau eröffnen dem jungen Fotografen neue Wege. Lucien Clergue entdeckt das künstlerische Potential des weiblichen Körpers. Der Frauentorso - von Wasser umspült, als Projektionsfläche für Zebramuster aus Licht und Schatten oder in Doppelbelichtungen mit historischen Gemälden kombiniert - wird für ihn zum bildlichen Symbol des Lebens.

Mit der “Sprache des Sandes”, einer Sammlung von Aufnahmen der von natürlichen und künstlichen Spuren gezeichneten Übergangszone zwischen Wasser und Land, erwirb der Meister der Schwarz-Weiss-Fotografie 1979 den Doktorgrad an der Universität von Marseille-Provence. Die behutsame Annäherung an die Farbfotografie erfolgt erst spät. 1981 beginnt Lucien Clergue mit einer Polaroid-Kamera zu experimentieren - mit überraschenden Resultaten. Zu Sequenzen aneinandergereiht, erhalten die kleinformatigen Farbbilder eine zusätzliche rhythmisch-grafische Dimension. Schließlich entstehen auch großformatige Arbeiten, die durch das Spiel mit Doppelbelichtungen eine geheimnisvolle Tiefe erhalten. Das Buch “Lucien Clergue - Magie und Mythos” stellt eine exzellente Einführung in das Werk des großen Fotografen dar. Wer es in Händen hält, sollte übrigens auf keinen Fall verabsäumen die Umschlagklappen aufzuschlagen. Hier sind insgesamt 108 weitere Fotos versteckt, die erahnen lassen, welche Schätze das Archiv des Künstlers noch birgt.

Die Ausstellung “Lucien Clergue - Der Dichter mit der Kamera”, seine erste Retrospektive in Österreich, ist bis 17.02.2008 im KunstHausWien zu sehen. Danach gastiert sie vom 07.03. bis 18.05.2008 im Graphikmuseum Pablo Picasso Münster und vom14.06. bis 20.07.2008 in der Städtischen Galerie Erlangen.

© Ch. Ranseder

Lucien Clergue: Magie und Mythos. Ausstellungskatalog

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Farben Natur.Technik.Kunst

Freitag, 11. April 2008

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Norbert Welsch, Claus Chr. Liebmann
Farben Natur.Technik.Kunst
Elsevier München 2007², Dt., Broschur, 434 S., zahlr. Farbabb., CD-ROM
ISBN 978-3-8274-1772-5

Farben Natur.Technik.Kunst Farben - Buch und CD-ROM. Natur - Technik - Kunst

Farbe ist etwas so Selbstverständliches, dass wir sie nur selten bewusst wahrnehmen. Eine Auseinandersetzung mit unserer bunten Umwelt hat meist praktische Gründe. Von Zeit zu Zeit muss ja, zum Beispiel, die Küche frisch ausgemalt oder ein neues Kleidungsstück angeschafft werden. Spätestens dann wird klar, dass Farbe etwas sehr Subjektives ist. Jeder nimmt sie anders wahr und zu formulieren was wir da sehen, ist nicht ganz einfach. Wer jemals einer anderen Person per Telefon die Farbe einer neuen Anschaffung zu schildern versucht hat, wird wissen welche Kluft sich zwischen Imagination und Realität auftun kann. Norbert Welsch und Claus Chr. Liebmann haben sich in “Farbe. Natur - Technik - Kunst”, das nun bereits in seiner zweiten Auflage vorliegt, auf die Spuren des Phänomens Farbe begeben. Sie durchforsteten zahlreiche Bücher und das Internet nach Wissenswertem zum Thema Farbe, vernetzten die Informationen aus den verschiedensten Disziplinen und setzten so manches multimedial um. Angesichts der Weitläufigkeit des Forschungsgebietes fürwahr eine herkulische Aufgabe! Das Ergebnis ihrer Recherche ist nicht nur eine interaktive CD-ROM sondern auch ein bemerkenswert umfangreiches Buch, das wegen seines beträchtlichen Gewichtes gut und gerne als Schwarte oder Wälzer angesprochen werden kann. Ein nicht abreißen wollender Informationsstrom trägt die Leserin und den Leser durch eine bunte Mischung aus 134 Themen zum Phänomen Farbe. Eltern, deren Kinder sich gerade in der “warum?”-Phase befinden, können aufatmen. Fragen wie “Warum ist der Himmel blau?” verlieren mit “Farbe. Natur - Technik - Kunst” ihren Schrecken.Das mit anschaulichen Abbildungen und Diagrammen reich bebilderte Werk bändigt die Themenfülle in vier Kapiteln. Ein von einem exzellenten Glossar unterstützter Index macht die Navigation innerhalb der 434 Seiten zum KinderspielKapitel 1, “Das Wesen der Farbe”, widmet sich der Wirkung und Ordnung der Farben, untersucht Symbolik und Psychologie einzelner Farben und streift die Anwendng von Farbe in Kunst und Kultur.Kapitel 2, “Farben in Natur und Chemie”, erklärt Färbeverfahren und stellt natürliche Farbstoffe sowie synthetische Farbmittel vor.Kapitel 3, “Farbwahrnehmung”, entführt in das Reich der Biologie und geht dem Wunder des menschlichen und tierischen Farbensehens auf den Grund.Kapitel 4, “Farbe in Physik und Technik”, analysiert Licht und Farbe aus der Sicht der Physik und führt praktische Anwendungsbeispiele vor Augen. Abgerundet wird das Buch durch einen Anhang, der neben Index und Glossar, auch noch mit einer Zeittafel, Anleitungen zu Experimenten und einem Literaturverzeichnis aufwarten kann. Vollgepackt mit Informationen bietet “Farbe. Natur - Technik - Kunst” ein kunterbuntes Allerlei zum Thema Farbe, das gleichermaßen unterhält und belehrt. Liebhaber der Interaktivität können sich mit der CD-ROM Vergnügen und so manchen Farbeffekt selbst ausprobieren. In Summe ist “Farbe. Natur - Technik - Kunst” ein Produkt, dem es gelingt das komplexe Thema Farbe einem breiten Publikum anschaulich näher zu bringen.

© Ch. Ranseder

Farben - Buch und CD-ROM. Natur - Technik - Kunst

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