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Mittwoch, 09. November 2011

Alfried Wieczorek, Wilfried Rosendahl (Hgg.)
Schädelkult
Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen
Publikationen der Reiss-Engelhorn-Museen 41
Schnell + Steiner 2011, 388 S, zahlr. Fotografien und Grafiken.
ISBN 978 3 7954 2454 1
Schädelkult: Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen
Der gewichtige Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Reiss-Engelhorn-Museum ist beispielgebend. Die herausragende inhaltliche Qualität ist optisch und haptisch in einer attraktiven Publikation umgesetzt worden. Über 50 AutorInnen aus verschiedenen Forschungsbereichen unterziehen menschliche Schädel minutiösen Betrachtungen und interpretieren deren kulturgeschichtliche Bedeutung.
Das Thema wird in fünf Kapiteln gegliedert, die Sinnvoll und Geistreich - der Schädel, Vom Neandertaler bis zur Völkerwanderung - Ein Gang durch die Vor- und Frühgeschichte, Von Schrumpfköpfen, Schädelbechern und Schillerschädeln - Ein Gang durch die Weltkulturen, Schädelfaszination heute und Schädelgalerie betitelt sind. Den einzelnen Beiträgen sind umfassende Literaturzitate angeschlossen.
Im ersten Kapitel stehen Seele-Herz-Hirn - damit Sinn und Verstand - in antiker Vorstellung (Elisabeth Ahner), Schädel als Knochenstruktur (Helmut Wicht) sowie operative Eingriffe am Schädel (Kurt W. Alt) quer durch die Zeiten im Mittelpunkt. Wahrlich spannend, was aus dem Unikat des Schädels “herausgeholt” werden kann. Einerseits wurden schon früh medizinische und philosophische Betrachtungen mit dem Kopf verbunden, andererseits wurden bereits in prähistorischer Zeit mehr (!) oder minder erfolgreiche Eingriffe im Schädelbereich vorgenommen.
Eine spannende Zeitreise durch die Vor- und Frühgeschichte wird im zweiten Kapitel unternommen. Beiträge führen von der Alt- und Mittelsteinzeit (Joachim Wahl) über das Neolithikum (Jörg Orschiedt, Andrea Zeeb-Lanz), Bronzezeit (Christiane Ana Buhl) und Eisenzeit (Axel von Berg, Béatrice Vigié) mit einem Abstecher ins Alte Ägypten (Tanja Pommering und Stan Hendricx) und zu den Skythen (Claudia Braun). Betrachtungen zur Antike (C.B.) und Spätantike (Gerhard Hotz) schließen den genialen Überblick. Schädelkult, Kannibalismus, der Ritualplatz von Herxheim, Masken und Schädeldeformationen sind nur einige Aspekte, die berücksichtigt werden.
Der Blick auf die Weltkulturen im dritten Kapitel wirft Schlaglichter aus Afrika (Andrea Schlothauer), Asien (Katja Müller, Paolo Maiullari, Richard Kunz, A.S.), Ozeanien (Bernd Leicht, Alexandra Wessel, Antje Kelm, Wilfried Rosendahl, Christian Fink, Heaether Gill-Frerking, Thomas Henzler, Markus Monreal, Stefan Schlager, Ursula Wittwer-Backofen), Nord und Mesoamerika (Martin Schultz, Nikolaus Stolle, Ursula Thiemer Sachse, W.R., Sinas Steglich) Südamerika (A.S., Anna-Maria Begerock, Virgina und Michael Tellenbach, Sabine Bernschneider-Reif, Timo Gruber, Reiner Sörries, Dario Piombino-Mascali, Alber Zink, Ulrike Neurath-Sippel, Eva-Maria Günther, Elisabeth Ahner, Rudolf Maurer, U.W.-B., Daniel Möller, Uwe Hoßfeld, W.R., Gisela Gruppe, Marina Vohberger). Kopfjagd, Schädelschmuck, Skalps, Kristallschädel und Schrumpfköpfe zeigen u. a. vielfältige Rituale rund um Triumph und Trauer in außereuropäischen Kulturen auf. Während Heilmittel, religiöse und weltliche Reliquien sowie Rassenkunde Beispiele für europäischen Schädelkult sind.
Der ungebrochenen Schädelfaszination in der Gegenwart wird im vorletzten Kapitel Rechnung getragen. Die schwarze Szene (C.A.B.), das Totengedenken in Mexiko (Ulrike Umstätter), Kriminalistik (U.W.-B.), Hirnforschung (Hans Günter Gassen) und Totenkopfsymbolik (Magdalena Pfeifenroth) sind hier die zentralen Themen. Tristesse und Zuckerwerk, Kriminalistik und Forschung sowie Symbolkraft stehen für die breitgefächerte, moderne Schädelfaszination.
Mit der Schädelgalerie schließt das fünfte Kapitel. Als Highlights zur Ausstellung (Doris Döppes, A.-M.B., D.M., W.R., A.S., A.W.) werden herausragende Beispiele wie z. B. Trophäenköpfe und künstlich deformierte Schädel aus Peru oder für die Aufbewahrung im Beinhaus bemalte Schädel aus Hallstatt in Österreich in hochwertiger Fotoqualität inklusive Kurzinformationen gezeigt.
Autorenregister und Bildnachweis beschließen den - auch durch seine übersichtliche und attraktive Gestaltung - hochwertigen Band. Ein Pflichtkauf in Fachkreisen und für kulturgeschichtlich Interessierte ebenso.
© S. Strohschneider-Laue
Schädelkult: Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen
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Tags:Antike, Archäologie, Ausstellung, Biologie, Bronzezeit, Deutschland, Ebensolch Rez-E-zine 69/11, Eisenzeit, Katalog, Kultur, Sistlau, Steinzeit, Völkerkunde
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Donnerstag, 03. November 2011

“O, schaurig ist’s übers Moor zu gehn …”
220 Jahre Moorarchäologie
Schriftenreihe des Landesmuseums Natur und Mensch Oldenburg 79
Philipp von Zabern 2011, 260 S, zahlr. Fotografien und Grafiken.
ISBN 978 3 8053 4361 9
O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn. 220 Jahre Moorarchäologie
175 Jahre Oldenburger Landesmuseum Natur und Mensch ist Anlass die Bedeutung der Moorarchäologie seit 220 Jahren aufzuzeigen. Die Begleitschrift zur Ausstellung im Landesmuseum Natur und Mensch in Oldenburg 2011 widmet sich dem Thema Moorarchäologie.
In acht gut strukturierten Kapiteln mit jeweils beigefügtem Literaturverzeichnis werden archäologische Forschungen rund ums Moor vorgelegt. Die spektakulärsten - aber nicht unbedingt immer aufschlussreichsten - Funde sind Moorleichen, sie werden in diesem Band ausgespart. Der Faszination Moorleichen ist nämlich ein eigener Band gewidmet worden.
Carsten Ritzau und Lena Strauch setzen sich einleitend mir dem Hochmoor als einmaligen Lebensraum und “nassen Geschichtsbuch” auseinander. Von der Moorentstehung über den Lebensraum bis hin zur Bedeutung von Mooren als einzigartige archäologische Tresore spannt sich der inhaltliche Bogen. Ein komprimierter Überblick über die einzigartige (Fund-)Landschaft.
Mystische Moorlandschaften stehen zusätzlich noch bei Lena Strauch im Mittelpunkt. Zwischen wirtschaftlicher Nutzung und künstlerischer Inspiration bieten Moore eine weite Spanne für Realität und Fantasie.
Frank Both und Mamoun Fansa, die auch für den Band “Faszination Moorleichen” verantwortlich zeichnen, bieten in zwei Kapitel Überblicke über Moorwege und ihre Forschungsgeschichte im Weser-Ems-Kreis. Moore sicher und schnell zu durchqueren, war zu allen Zeiten ein Anliegen. Die dazu angelegten Bohlenwege sind der Forschung schon lange bekannt. Ihre Bauweise und ihr feuchtbodenbedingter exzellenter Erhaltungszustand bieten der Forschung mehr Erkenntnisse als so manch anderer zur Sensation aufgeblasener Einzelfund.
Vier hölzerne Übungsschwerter stellt Philipp Roskoschinski vor. Die durch sie gewonnen Einblicke in die militärische Ausbildung im Babaricum der älteren Römischen Kaiserzeit, spricht für ein regelmäßiges Waffentraining.
Frank Both unterzieht Rad und Wagenentwicklung einer genaueren Betrachtung. Aus Wagenresten, die quer durch die Urgeschichte bis in das Mittelalter nachgewiesen wurden, sind Rückschlüsse auf Transport und Verkehr möglich. Eine Reihung dieses Beitrags im Anschluss an die Ausführungen über Bohlenwege wäre m. E. thematisch sinnvoller gewesen.
Erhard Cosack stellt Überlegungen zu einem Brotopfer beim Bohlenweg XII (Ip) im Ipweger Moor an. Vom am Schreibtisch interpretiertem Brotopfer bis zum im Experiment verwendeten Achsfett”brot” reichen die interessanten Ausführungen.
Zuletzt wird noch das “Erfolgsmodell Einbaum” von Christina Wawrzinek näher beleuchtet. Denn auch diese sind aus Feuchtgebieten des Oldenburgerraumes bekannt und werden hier katalogsystematisch vorgestellt.
Der Band bietet einen guten Überblick über die Feuchtbodenfunde und den Forschungsstand in Nordwestdeutschland. Deutlich wird dabei, wie wesentlich organische Reste zum Klären offener chronologischer, wirtschaftlicher und ganz allgemein lebenspraktischer Fragen beitragen. Spannend aufbereitet und somit für Fach- und Laienpublikum gleichermaßen wertvoll.
© S. Strohschneider-Laue
O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn. 220 Jahre Moorarchäologie
Siehe auch:
Faszination Moorleichen. 220 Jahre Moorarchäologie
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Tags:Archäologie, Biologie, Deutschland, Ebensolch Rez-E-zine 69/11, Eisenzeit, Katalog, Mittelalter, Römer, Sistlau
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Donnerstag, 03. November 2011

Frank Both und Mamoun Fansa
Faszination Moorleichen
220 Jahre Moorarchäologie
Schriftenreihe des Landesmuseum Natur und Mensch 80.
Philipp von Zabern 2011, 119 S, zahlr. Sw- und Farbfotografien.
ISBN 978 3 8053 4360 2
Faszination Moorleichen. 220 Jahre Moorarchäologie
Im Rahmen der Ausstellung 220 Jahre Moorarchäologie im Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg sind zwei Begleitschriften erschienen. Vorliegende stellt die Moorleichen aus dem Weser-Ems-Raum in den Mittelpunkt.
Moorleichen sind ein steter Quell überraschender Erkenntnisse, die weit über das Erscheinungsbild des Menschen zwischen Eisenzeit und Mittelalter hinausgehen. Zugleich werfen sie leider oft mehr Fragen auf, als sie Antworten liefern. Was auch daran liegt, dass sie zumeist Zufallsfunde ohne ideale wissenschaftliche Bergungsbedingungen sind. Für die Ausstellung konnten jedenfalls neue Untersuchungen vorgenommen werden, deren Ergebnisse in diesem Band - inklusive einer Überschau aller bisherigen Funde - vorgelegt werden.
Komplette Moorleichen, ein Zopf, ein Hautstück sowie ein Knochen in einem Schuh bieten ganz unterschiedliche Aspekte zum Tod der einzelnen Individuen. Auch die Beifunde, der Beitrag von Julia Gräf widmet sich minutiös dem Fellumhang der Kayhauser Moorleiche, lassen nicht automatisch durch ihre exzellente Erhaltung einen allgemeingültigen “modischen” Rückschluss auf den gesamten Zeithorizont zu. Fundumstände, Erhaltungsbedingungen und Interpretationen, die sich im Laufe der Zeit - nicht nur aufgrund labortechnischer Möglichkeiten - verändern, zeigen, wie schwierig es ist, mit diesen spektakulären Funden zu verfahren. Andererseits ist der im Moor beerdigte 1828 verstorbene Hausierer Jan Spieker für die Archäologie ein wunderbares Beispiel dafür, wie Erhaltungs- und Verfallsprozesse im Moor in einem exakt überschaubaren Zeitrahmen ablaufen. Dennoch sorgen von der Analyse über Interpretation bis hin zur Präsentation im musealen Rahmen Leichen(teile) aus Mooren immer wieder für neuen Diskussionsstoff.
Der Verdienst des Bandes ist es, die historischen Fakten von Fund und Befund inklusive reichen Bildmaterials, durch ein Literaturverzeichnis abgerundet, vorzulegen und diese durch aktuelle Untersuchungen zu ergänzen. Der wichtige Beitrag zur Moorarchäologie ist zugleich auch breitenwirksam vorgelegt und kann daher dem interessierten Laienkreis ebenfalls empfohlen werden.
© S. Strohschneider-Laue
Faszination Moorleichen. 220 Jahre Moorarchäologie
Siehe auch:
O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn. 220 Jahre Moorarchäologie
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Tags:Archäologie, Biologie, Deutschland, Ebensolch Rez-E-zine 69/11, Eisenzeit, Katalog, Mittelalter, Römer, Sistlau
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Freitag, 14. Oktober 2011

Britta Jürgs - Bücherfrau 2011
Aviva Verlag 
Im Rahmen der Frankfurter Buchmesse (12. bis 16. Oktober ‘11) luden die Bücherfrauen zur Ehrung der Bücherfrau des Jahres 2011. Gastgeberin war Karina Schmidt, Vorsitzende der Bücherfrauen - das Netzwerk von Frauen für Frauen aus allen Bereichen der Buchbranch. Sie konnte ein erfreulich großes Publikum begrüßen, unter das sich tatsächlich auch unfällig einige wenige Männer verirrt hatten. Die Buchbranche ist weiblich und kaum wird es deutlicher als bei diesem Ereignis. Dennoch sind eindeutig zu wenige Frauen in Führungspositionen und selbst dann sind sie zu wenig sichtbar, zu wenig laut und zu wenig gefeiert. Umso wichtiger sind Auszeichnungen wie diese, die 2011 an Britta Jürgs für ihre verlegerische Tätigkeit und ihr frauenspezifisches Engagement verliehen wurde.
Die Laudatio hielt Esther Dischereit. Eloquent spannte sie den Bogen von Autorinnenwunsch über Verlergerinnennotwendigkeit zum frauenspezifischen Stand der Dinge, der im besonderen Maße mehr als nur wirtschaftlichen Zwängen unterworfen ist.
Der Avia Verlag in Ebensolch Rez-E-zine: Schwarze Hunde. Bunte Hunde: Künstlerinnen und Schriftstellerinnen und ihre Hunde
- Rezension
© S. Strohschneider-Laue
Siehe auch die Studie zu Frauen in der Buchbranche:
MehrWert: Arbeiten in der Buchbranche heute
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Tags:Deutschland, Ebensolch Rez-E-zine 68/11, Gender, Sistlau, Sozial
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Montag, 27. Juni 2011

Doris Hansmann
Künstlerkolonie Worpswede
Prestel 2011, 142 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 7913 4523 9
Künstlerkolonie Worpswede
“Ich fand ein höchst originelles Dorf, das auf mich einen durchaus fremdartigen Eindruck machte; der hügelige, sandige Boden im Dorfe selbst, die großen bemoosten Strohdächer und nach allen Seiten (so weit man sehen konnte), alles so weit und groß, wie am Meer.”
Dies vertraut Otto Moderson am 3. Juli 1889 kurz nach der Ankunft in Worpswede seinem Tagebuch an. Er war dem Ruf seines Freundes Fritz Mackensen gefolgt, der als erster die Schönheit der Landschaft um den abgelegenen kleinen Ort im Teufelsmoor entdeckt hatte. Wenig später reist auch Hans am Ende an und damit ist das Trio der Gründerväter der Künstlerkolonie Worpswede komplett. Ihren Vorbildern - den Malern der Schule von Barbizon - nacheifernd, zieht es die jungen Künstler ins Freie. Enthusiastisch malen sie Moorkaten, Wolkenstimmungen, Birkenalleen, Wasserläufe und den weiten Horizont des flachen Landes. Bald gesellen sich der Landschaftsmaler Fritz Overbeck und der dem Jugendstil zugeneigte Heinrich Vogeler zu ihnen. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten, schon 1895 gelingt den Malern mit ihrer Ausstellung im Münchner Glaspalast der künstlerische Durchbruch. Das verwundert wenig, denn die Bilder der in ihrem Habitus standesgemäß bürgerlichen Künstler geben sich modern, ohne radikal zu sein. Avantgardistische Positionen halten erst mit den Frauen, allen voran Paula Becker, Einzug in Worpswede.
Doris Hansmann erzählt in ihrem Buch “Künstlerkolonie Worpswede” gekonnt von Entstehung und Schicksal der kleinen Gemeinschaft aus Künstlern und Künstlerinnen, deren Werk noch heute zu bezaubern vermag. Dabei menschelt es ganz gewaltig - Paare finden zueinander und trennen sich wieder, illustre Gäste kommen zu Besuch, Freundschaften zerbrechen und Karrieren erblühen. Die Geschichte der Künstlerkolonie ist geprägt von Freundschaft und Liebe, Eheglück und Beziehungskrisen, gemeinsamen Unternehmungen und heller Lebensfreude, künstlerischen Erfolgserlebnissen und Experimenten, Konkurrenzdenken und beleidigten männlichen Egos, weiblicher Resignation und persönlichen Tragödien. Zahlreiche Zitate vermitteln im Originalton die Aufbruchsstimmung und Befindlichkeiten der KünstlerInnen, die darüber hinaus durch eine Auswahl historischer Fotografien präsent sind. Ihre wichtigsten Lebensdaten sind in tabellarischen Kurzbiografien am Ende des Buches zusammengefasst.
Die umfassende, hervorragend mit Beispielen illustrierte Werkanalyse wirft Licht auf die stilistische Vielfalt in der Künstlerkolonie und stellt das erstaunlich reichhaltige Motivspektrum vor. Dessen Bandbreite reicht von Darstellungen der von den Narben des Torfstichs geprägten Landschaft mit ihren Moorkaten, Torfkähnen und atmosphärischen Farbspielen über Ansichten des Dorfes und der Wohnstätten der KünstlerInnen bis zu Porträts und Akten. Als Modelle dienten den MalerInnen unter anderem Angehörige der bäuerlichen Familien und Alte aus dem Armenhaus, deren Lebenswelten von der Autorin einfühlsam geschildert werden. Darüber hinaus griffen die Worpsweder Kreativen, allen voran Vogeler und Moderson, vereinzelt auch Themen aus der Märchenwelt auf.
Mit dem Buch “Künstlerkolonie Worpswede” ist ein exzellenter Überblick zu Leben und Arbeiten in der berühmtesten Künstlerkolonie Deutschlands gelungen. Sein flott geschriebener Text steht in einem ausgewogenen Verhältnis zu der abwechslungsreichen Bebilderung und die ausgewählten Arbeiten von Otto Moderson, Fritz Mackensen, Heinrich Vogeler, Hans am Ende, Fritz Overbeck, Carl Vinnen, Paula Moderson-Becker, Ottilie Reylaender, Clara Rilke-Westhoff, Marie Bock und Hermine Overbeck-Rohte sind ein überraschend opulenter Augenschmaus.
© Ch. Ranseder
Künstlerkolonie Worpswede
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Donnerstag, 28. April 2011

Beate Neubauer
Schönheit, Grazie und Geist
Die Frauen der Familie Humboldt
edition ebersbach 2010², 144 S., 6 Sw-Abb.
ISBN 978 3 9387 4039 2
Schönheit, Grazie und Geist
Lebensgeschichten von Frauen werden gerne im Kombipack angeboten. In Sammelbänden über Literatinnen, Entdeckerinnen, Gärtnerinnen oder Malerinnen geben sich die, vorzugsweise Kreativen, Pionierinnen ein Stelldichein. In dem hübschen Buch “Schönheit, Grazie und Geist. Die Frauen der Familie Humboldt” sind es adelige Damen mit berühmten Namen, die ins Licht der Aufmerksamkeit gerückt werden. Beate Neubauer folgt den Lebensläufen von fünf Frauen der kinderreichen Familie Humboldt, die über vier Generationen das Schicksal der Dynastie mitbestimmten.
Die Erfolgsgeschichte beginnt mit Marie Elisabeth (1741-1796), der Strategin. Die reiche Bürgerstochter heiratet 18-jährig in den Adel ein. Nach dem Tod des ersten Mannes ehelicht die gutsituierte Witwe 1766 den, noch sehr jungem Adel entstammenden, Alexander Georg von Humboldt, der gute Verbindungen zum Hof in die Beziehung einbringt. Durch die Vereinigung beider Vermögen finanziell unabhängig geworden, lassen die Eltern ihren Söhnen, den später berühmten Alexander und Wilhelm, eine umfassende Bildung angedeihen, um sie für den Staats- und Hofdienst Preußens vorzubereiten.
Caroline (1766-1829), die Lebenslustige, lernt Wilhelm kennen und lieben. Sie ist der Star des Buches. Lebte sie heute, würde sie als Vertreterin des Jetsets der Yellow Press vermutlich viel Freude bereiten. Im Geist der Aufklärung erzogen und für die Literatur des Sturm und Drang entbrannt, begegnet sie ihrem späteren Ehemann auf gleicher Augenhöhe. Durch Wilhelms Erbe finanziell abgesichert, widmen sich die Eltern von acht Kindern der Persönlichkeitsbildung. Die junge Familie und ihre Dienerschaft ist viel unterwegs und lebt lange im Ausland. Aus beruflichen Gründen ist Wilhelm oft jahrelang von seiner Frau getrennt und bleibt ihr dennoch innig verbunden. Die emotionale, extrovertierte Caroline führt in Rom, Paris und Wien einen Salon und glänzt als Gastgeberin. Auch als Kunstkennerin vermag sie sich zu etablieren.
Ihre Tochter Adelheid (1800-1859), die Managerin, erbt Carolines Organisationstalent. Resolut und praktisch veranlagt, zeigt sie früh Interesse an Haushaltsführung. Das ist ein Glück, denn sie wird bereits mit 14 Jahren verheiratet. Ihr Leben verläuft in konventionellen Bahnen. Sie managt nicht nur das Personal ihres eigenen Haushalts, sondern auch das der Mutter auf Schloss Tegel, wenn diese abwesend ist. Selbst kinderlos, kümmert sie sich zeitweise sogar um das Wohlergehen der Sprösslinge ihrer Schwester Gabriele.
Gabriele (1802-1887), die Diplomatengattin, konzentriert sich als Ehefrau Heinrich von Bülows, den sie mit 19 Jahren heiratet, auf ihre Repräsentationspflichten. Die Mutter von sieben Kindern erweist sich als versierte Gastgeberin und ist, dank hervorragender Kenntnisse der Etikette und ihrer Nähe zum Hof, als Beraterin in gesellschaftlichen Belangen gefragt.
Deren Tochter Constance (1832-1920), die anpassungsfähige Introvertierte, gilt als Schönheit. Sie wirkt kühl, gefühlsbeherrscht und ist überaus lernfähig. Als brave Ehefrau und Mutter von drei Kindern führt sie ein konventionelles, auf die Familie und ihre hofnahen Freundschaften ausgerichtetes Leben. Mit 35 ist Constance Witwe, finanziell unabhängig, und nach dem Tod ihrer Mutter auch Herrin auf Schloss Tegel. Die letzte der Geschwister Bülow und Bewahrerin des Humboldt´schen Erbes stirbt 1920, am Ende einer Ära.
Das Buch “Schönheit, Grazie und Geist”, dessen zeitlicher Rahmen sich von der Aufklärung bis zum Ende der Vorherrschaft des Adels nach dem Ersten Weltkrieg spannt, zeigt den Stellenwert von Töchtern in der Familienpolitik. Durch Heiraten werden nicht nur Vermögen und Besitz vermehrt, sondern auch Netzwerke aufgebaut, die dem gesellschaftlichen Aufstieg dienlich sind. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Was das Buch interessant macht, ist der lange Beobachtungszeitraum weiblichen Schaltens und Waltens. Denn die unterschiedlichen Lebensentwürfe der fünf Frauen spiegeln die gesellschaftlichen Werte einer privilegierten Klasse im Wandel der Zeiten. Schwerpunkte und Interessen verschieben sich von Generation zu Generation - weg vom Bildungshunger, hin zur Beschäftigung mit sich selbst und dem gesellschaftlichen Leben im Umkreis des preußischen Hofes.
Mit flinker Feder beschreibt Beate Neubauer beschauliche Phasen sowie Höhe- und Tiefpunkte im Leben der porträtierten Frauen, die durch Zitate aus ihrem umfangreichen Briefwechsel auch selbst zu Wort kommen. Ein Stammbaum rundet das, mittlerweile in seiner zweiten Auflage vorliegende, Buch über die Frauen der Familie Humboldt ab.
© Ch. Ranseder
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Sonntag, 19. Dezember 2010

ADC Deutschland Jahrbuch 2010
ADC Germany Annual 2010
avedition 2010, Dt./En., 536 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8998 6135 8
ADC Deutschland Jahrbuch 2010
Für die Besten der Besten ist das Beste gerade gut genug. Dementsprechend edel ist die diesjährige Ausgabe des ADC Deutschland Jahrbuchs geraten. Durch den von einer Vielzahl ausgestanzter Punkte durchlöcherten Schutzumschlag blitzen vier unterschiedlich breite Streifen. Ihr farbiger Vierklang nimmt die Rangordnung der Auszeichnungen auf: Gold, Silber und Bronze sprechen für sich selbst, Pink steht für die Nominierungen. Gleich vier Lesebändchen führen die Farbharmonie im Buchinneren fort, dessen zurückhaltende Typografie die Bühne ganz den präsentierten Arbeiten überlässt. Von der Seite betrachtet, zeigt sich das Jahrbuch in feierlichem Glanz - dafür sorgt der makellose Goldschnitt. Doch das ist noch längst nicht alles. Als wäre das haptische Erlebnis ein paar Kilo Buch in Händen zu halten nicht genug, werden auch die feinen Sinneszellen in den Fingerspitzen stimuliert. Das Logo des Art Directors Club für Deutschland ist am Schutzumschlag zusätzlich mit einer Prägung versehen. Das weckt den Geist von Gütesiegeln und Reviermarkierungen. Die Buchgestaltung des erstmals im international renommierten Verlag avedition erscheinenden Jahrbuchs ist ebenso aufwändig wie gut durchdacht. Inhaltliche Struktur und Aussage werden auf den Punkt genau umgesetzt.
Das ADC Deutschland Jahrbuch besticht mit seiner Hülle und gibt sich darüber hinaus auch inhaltlich als Publikation der Superlative. Die Dokumentation von Höchstleistungen der Werbebranche wurde zur Plattform für Kreative aus vielen Sparten. Grundlage für den stattlichen Band des Jahres 2010 bildet in bewährter Weise der ADC Wettbewerb. Kommerzielle Auftragsarbeiten konnten in einem der folgenden Bereiche eingereicht werden: Klassische Medien, Digitale Medien, Dialogmarketing/Promotion/Media, Design, Editorial, Räumliche Inszenierung, Ganzheitliche Kommunikation und Generic Craft. In 25 Kategorien galt es, Entscheidungen zu treffen. 23 Fachjurys, selbstverständlich aus ADC-Mitgliedern zusammengesetzt, wählten aus und kürten. 429 Einsendungen zum ADC Wettbewerb schafften es. Davon haben 187 einen goldenen, silbernen oder bronzenen Nagel erhalten. Im Inhaltsverzeichnis des ADC Deutschland Jahrbuch 2010 werden 286 Projekte gelistet und in der Folge vorgestellt. Um Ordnung zu schaffen und Doppelungen zu vermeiden, wurde ein Punktesystem ersonnen, das die Gliederung des Buches bestimmt. So wird die Erfassung der Projekte in ihrem vollen Umfang ermöglicht, anstatt sie in einzelne Fachbereiche zu zersplittern.
Doch genug der Zahlen und Fakten. Was hält der Löwenanteil der Seiten, die für manche die Welt bedeuten, für LeserInnen bereit? Wer sind die Gewinner und Nominierten? Das sei hier nicht verraten. Nur so viel: Neben Global Players und Luxusmarken finden sich auch Lokalmatadoren und Kulturinstitutionen. Klassisches reiht sich an Originelles, das nicht selten mit dem Unterhaltsamen wetteifert. Auch das Abstoßende gehört wie die Provokation schon lange zum Repertoire in Gerangel um die Aufmerksamkeit. Stilistisch gilt ganz zeitgemäß “anything goes!” und Schönheit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters. Dass unter dem Dargebotenen fallweise eine - mehr oder weniger unterschwellige - abwertende Haltung gegenüber weiblich konnotierten Gegenständen, Handlungen, Interessen und Einstellungen auszumachen ist, vermag in Zeiten des Verteilungswettkampfes mittlerweile nicht mehr zu erstaunen.
In seiner Gesamtheit bietet das ADC Deutschland Jahrbuch einen spannenden repräsentativen Querschnitt durch ein Segment der angewandten Kreativwirtschaft. Geleitworte, Ehrungen und Nachrufe sowie diverse Verzeichnisse von Preisträgern, Sponsoren, Mitgliedern, Jurys, Agenturen und Verlagen, Firmen und Machern runden das Jahrbuch ab.
© Ch. Ranseder
ADC Deutschland Jahrbuch 2010
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Tags:Business, CRans, Design, Deutschland, Ebensolch Rez-E-zine 64/10, Grafik, Handbuch, Kommunikation
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Sonntag, 05. Dezember 2010

Eva Lirot
Seelenbruch
Ein Thriller aus Frankfurt
Schardt 2010, 204 S.
ISBN 978 3 8984 1504 0
Seelenbruch: Ein Thriller aus Frankfurt
Dieser Krimi ist ein blutiges Lesevergnügen. Starke Nerven sind somit Voraussetzung für prickelnden Schauder.
Und wie es sich für einen packenden Thriller gehört, muss man nicht lange auf die - vermeintlich - erste Leiche warten. Die Behauptung, dass öffentliche Orte und Menschenmengen sichere Plätze seien, relativiert sich durch diesen Mord schnell; denn die junge Frau wird im vollen Frankfurter Kaiserdom ermordet. Pikanterweise hatten Opfer und Täter während der Bischofsweihe Sex in einem Beichtstuhl. Sex, dessen Höhepunkt mit einer durchschnittenen Kehle beendet wurde. Es war nicht die erste Leiche und wird nicht die letzte Leiche dieses Falles sein. Der Mörder ist ein Getriebener und was ihn antreibt, ist in jeder Hinsicht der blanke Wahnsinn.
Eine Leiche im Kaiserdom ist also Eva Lirot nicht genug. Nach und nach zieht sie ihre Leser genussvoll tiefer in die verstörenden Hintergründe der Morde. Die wendungsreiche Suche nach dem Serienmörder halten den Ermittler Jim Devcon und sein Team ständig auf Trab. Spuren, die auch in die Welt der sozialen Netzwerke zu finden sind, führen schließlich zu einer Studentengruppe um Laura Münchenberg.
Die kniffelige Mischung aus Philosophie, Psychologie und Wahnsinn ist es, die den Leser kalte Schauer über den Rücken jagt. Die exzellent beschriebene Arbeit des Ermittlungsteams sowie der Lokalkolorit von Mainhatten verschaffen “Seelenbruch!” genau jene Prise bildhafte Realität, die einen guten Krimi auszeichnet.
Eindeutig auch filmtauglich. Es verwundert, dass Eva Lirot ihren Thriller auch noch nicht zu einem Drehbuch umgearbeitet hat und sich die Studios um die Rechte reißen.
© S. Strohschneider-Laue
Seelenbruch: Ein Thriller aus Frankfurt
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Gastmahl | Ama/Koch/zon/e
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Tags:Deutschland, Ebensolch Rez-E-zine 63/10, Krimi, Literatur, Sistlau
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Dienstag, 23. November 2010

Corinna Hesse
Das Schumann Hörbuch
Eine klingende Biografie
Silberfuchs Verlag 2010, 1 CD, Laufzeit 80′, 15 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 940665 17 1
Das Schumann-Hörbuch: Eine klingende Biografie
Die klingende Biografie zum Paraderomantiker Robert Schumann (*8. Juni 1810) erschien rechtzeitig zum 200. Geburtstag des Komponisten und Pianisten. Die chronologische Struktur des Erzählflusses verbindet den permanenten seelischen Ausnahmezustand Schumanns mit wesentlichen Ereignissen, die sein Leben prägten. Zitate aus Briefen, Literatur sowie aus Schumanns zahlreichen Selbstbetrachtungen werden mit über 50 Musikbeispielen aus seinem Werk unterlegt.
Schöpferische Fluten entfalteten sich in seinen größten Tiefs. Eines davon wurde ausgelöst durch seinen Kampf um die Hand Clara Wiecks, deren dominanter Vater - durchaus nachvollziehbar - alles gegen diese unerwünschte Verbindung unternahm. Robert und Clara schlossen gegen allen Widerstand 1840 den Bund der Ehe. Clara tauschte damit den dominanten Vater, der ihr Tagebuch führte, für einen weitaus komplizierteren Ehemann ein, der ein gemeinsames Ehetagebuch verlangte. Die gefeierte Pianistin Clara gebar acht Kinder, begann zu komponieren und trug mit ihren Konzerten das Gros zur Haushaltskasse bei. Unterstützung bei diesen Tourneen konnte Clara von Robert nicht erwarten. Im Schatten seiner erfolgreichen Frau zu stehen, behagte ihm offenbar nicht. Er brach die gewinnträchtigen Reisen vorzeitig ab oder er erkrankte. Sein Gemütszustand wird dramatisch. Zwischen seiner bipolaren Störung und Auswirkungen der Syphilis aufgerieben, endet Schumann zwei Jahre nach seinem Selbstmordversuch am 29. Juli 1856 im Irrenhaus.
Schumanns zeitlos schöne Kompositionen sind die Sprache seiner Seele, zu einer Zeit als man den Zusammenhang zwischen beiden noch nicht erkannt hatte. Corinna Hesse bereitet Schumann und seine Musik mit fesselndem Tiefgang auf. Zeitlos schöne Musik und lebendige Präsentation durch Dietmar Mues und Anne Moll lassen Schumann auferstehen. Das von Roswitha Rösch gestaltete Booklet ist perfekter optischer Begleiter des akustischen Genusses. Auf 15 Seiten werden in hoffnungsfrohen Grüntönen, die passend zum Seelenzustand Schumanns mit psychedelischen Mustern unterlegt sind, wichtige Stationen und Bilder aus Schumanns Leben vorgelegt.
Hörproben
© S. Strohschneider-Laue
Das Schumann-Hörbuch
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Mozart Leben in der Musik - Mozart-Hörbuch
Das Händel-Hörbuch - Im Festivalschuber der Internationalen Händelfestspiele Göttingen
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Gastmahl | Ama/Koch/zon/e
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Tags:Biografie, Deutschland, Ebensolch Rez-E-zine 63/10, Hören, Musik, Sistlau
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Montag, 25. Oktober 2010

BücherFrauen e.V. (Hg.)
MehrWert.
Arbeiten in der Buchbranche heute
Ulrike Helmer 2010, 125 S., Sw-Fotos, zahlr. Tab.
ISBN 978 3 8974 1310 8
MehrWert: Arbeiten in der Buchbranche heute
Frauen halten die Buchbranche am Leben. Gingen alle Frauen, die mit der Buchproduktion und dem -vertrieb zu tun haben, in unbefristeten Streik, wären vorerst das letzte Buch produziert und Buchhandlungen geschlossen.
Das große deutsche Netzwerk Bücherfrauen hat anlässlich ihres 20jährigen Bestehens eine Studie bei Romy Fröhlich (Universität München) in Auftrag geben. Der Anteil der Frauen rundum das Produkt “Buch” und deren Arbeitssituation standen bei dieser Studie im Mittelpunkt. Die Präsentation der Studie und der Publikation erfolgten mit ausgewählten Beispielen und daraus gezogenen, beklemmenden Erkenntnissen während der Frankfurter Buchmesse 2010.
Neun Autorinnen zeichnen inhaltlich verantwortlich: Irmela Erckenbrecht, Romy Fröhlich, Judith Grubel, Doris Hermanns, Hannelore Jouly, Karen Nölle, Tamara Weise, Silke Weniger und Edda Ziegler. Wenn man sich anschließend die Namen der Projektgruppe, Schlusskorrektur und Herstellung durchliest, weiß man, dass, wenn es die Fotografen nicht gegeben hätte, Männer für vorliegende Publikation vermutlich nur in den “mechanischen Bereichen thätig” waren.
Den Auftakt des Bandes bietet einen historischen Rückblick auf die Buchbranche und ihr Verhältnis zu Frauen. Die unglaubliche Verachtung, denen Frauen abseits ihrer Gebärfunktionen ausgesetzt waren, wird auch im Buchwesen deutlich. Über Jahrhunderte wurde Frauen der Zutritt zur Bildung verwehrt. Lesende, gebildete Frauen könnten zu einer Bedrohung der Männer und ihrer Domänen werden. Im Nachhinein betrachtet stimmt es. Denn auch im Buchwesen überflügelten Frauen ihre männlichen Zeitgenossen, wenn man(n) sie ungehindert ließe. Um das Ver- und Behindern von selbstständigen Frauen ist es seit jeher und mit allen Mitteln gegangen.
Wie es um die Geschlechterverteilung der Büchermenschen und deren Situation in Deutschland bestellt ist, zeigt die aktuelle Studie. Nicht einmal die bis heute klaffenden Lohn- und Karrierescheren zwischen männlichen und weiblichen Angestellten, hindert Frauen daran den Medienbereich als Traumberuf zu erobern. Mit bis zu 83% ist die Buchbranche heutzutage hoch feminisiert. Dass es dabei trotz akademischer Ausbildung und Kinderlosigkeit - Doppelbelastung und Karrierebrüche sind widerlegte Argumente - für Frauen schlechter als für ihre oft geringer ausgebildeten männlichen Kollegen aussieht, ist eine heftige Erkenntnis. Frauen müssen unabhängig von allen Faktoren mit einem Minus von bis zu 36% am Gehaltszettel rechnen. Das verstört ebenso nachhaltig wie die Erkenntnis, dass höherwertige Ausbildungen und Elternschaft nur Männern einen finanziellen Vorteil bringen können. Frauen schneiden dafür bei Gehaltsverhandlungen besser ab als Männer. Meines Erachtens ist das kein Wunder. Der große Spielraum den Arbeitgeber haben, einer Arbeitnehmerin nach ihrer erfolgreichen Gehaltsverhandlung noch immer weniger zu zahlen als einem männlichen Arbeitnehmer, entlarvt jede Verhandlung als Posse.
Die Situationsanlysen zu Urheberinnen, Übersetzerinnen und Illustratorinnen zeigen, dass diese oft ein gemeinsames Schicksal teilen: Sie können von einem Gehalt - nämlich ihrem - nicht leben. Entweder springt der Partner ein oder sie arbeiten mehrgleisig. Auch Literaturagentinnen müssen sich durch enorme Leistungen auf dem männlichen Markt behaupten. Antiquarinnen sind “am Ende” des Buchmarktes tätig. Die allgemeine Situation ist hier für beide Geschlechter nicht rosig. Dennoch ist auffällig, dass Sammlen - was vielleicht auch auf das höhere Einkommen von Männern zurückzuführen ist - ein männliches Phänomen ist, während Frauen eher an aktuellen Inhalten, denn an einer Raritätensammlung interessiert sind. Bibliothekarinnen übernehmen stetig auch diese einstige Männerdomäne. Durch die Gleichstellung im öffentlichen Dienst werden zumindest in den öffentlichen und wissenschaftlichen Bibliotheken Frauen und Männer gleich entlohnt.
Der Reibungsverlust, der in nicht nur in der Buchbranche durch die Rahmenbedingungen für die Mehrheit, nämlich die weiblichen Angestellten, entsteht, ist enorm. Warum nach wie vor im gesamten öffentlichen Leben Einfalt über Vielfalt gestellt wird und durch geschlechtsspezifische Sozialisation grenzenlose Möglichkeiten verhindert werden, bleibt mir persönlich ein Rätsel. Zumal Einfalt auch den politischen Rechtsruck fördert, der Frauen ausschließlich mit Mutterschaft, Heim und Herd verbindet. Die Ellenbogen auszupacken und ebenfalls den hohlen Marktschreier zu mimen, darf und kann für Frauen nicht die einzige Möglichkeit sein, Karriere zu machen.
Die seit Jahrzehnten andauernde Stagnation der Gleichberechtigung tritt in dieser Studie in ganz besonders erschreckender Weise zu Tage und bietet perfekten Anlass, die Diskussion neu zu eröffnen, statt den Feminismus permanent totzusagen.
© S. Strohschneider-Laue
MehrWert: Arbeiten in der Buchbranche heute
siehe auch:
Die Freundinnen der Bücher, Bd. 1. Buchhändlerinnen
Die Freundinnen der Bücher, Bd. 2. Buchhändlerinnen - Antiquarinnen - Bibliothekarinnen
Frauen machen Bücher
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Sonntag, 24. Oktober 2010

Martina Fiess, Silvija Hinzmann (Hgg.)
Bis zum letzten Tropfen
Mörderische Weinkrimis
emons: 2010, 240 S.
ISBN 978 3 8970 5765 4
Bis zum letzten Tropfen
Kriminelle Schreibenergie rund um den Wein zu entfalten, ist besonders leserInnenfreundlich. So manche gedruckte Schandtat wird auch von mir zur späten Stunde, begleitet von einem guten Tropfen, gelesen. Im Vertrauen und ganz “in vino veritas”, begleitet von Blaufränkisch Reserve 2007 las ich die letzte Nacht Bis zum letzten Tropfen durch. Manche Bücher kann man nicht aus der Hand legen und bestimmte Flaschen muss man bis zum letzten Tropfen genießen. Kein Wunder, dass ich die Anthologie nicht aus der Hand legte, bevor nicht der beste Wein zu Champagner veredelt seinen Korken zielgerichtet knallen ließ.
Von 19 AutorInnen wendungsreiche, hinterfotzige, zuweilen augenzwinkernde und allesamt fesselnde Kurzkrimis zu lesen, ist wie die besten Appetithäppchen zu genießen. So kommt es, dass ein leichter Abgang hier ganz gewaltig unter die Haut gehen kann oder - ganz im Sinne von ”Weinverkostertum verpflichtet” - es zu allerlei vergnüglich zu lesenden Schandtaten kommt. Auf 240 Seiten wird gestorben, betrogen, gestohlen und noch viel mehr, ohne dass Schuld und Sühne im Vordergrund stehen. Es ist der Wein, der sein zart-herbes Bouquet verströmt und den Geruch von Schweiß und Saumagen lieblich werden lässt; denn so manche Tat wird erst durch den Wein richtig schmackhaft.
Ulf Annel, Matthias Biskupel, Wolfgang Burger, Horst Eckert, Martina Fiess, Monika Geier, Brigitte Glaser, Carsten Sebastian Henn, Elisabeth Herrmann, Silvija Hinzmann, Thomas Hoeth, Regine Kölpin, Tatjana Kruse, Christine Lehmann, Ulla Lessmann, Hannes Nygaard, Heidi Rehn, Britt Reißmann und Nina Schindler sind die genialen PlotterInnen. Sie präsentieren die Deutsche Anbaugebiete von ihren tätlichen Seiten und werden selbst in kurzen Steckbriefen am Ende des Bandes umrissen.
“Bis zum letzten Tropfen” ist die perfekte Lektüre für Krimifans unter den WeinkennerInnen und für solche, die eines von beiden noch werden wollen! Begleitet mit der richtigen Flasche - ich empfehle nach meiner mit einem fantastischem, aber schweren ostösterreichischen Barrique verbrachten Nacht einen lieblichen Moselwein als idealen Lesebegleiter - ein geschmackvoll verbrecherisches Vergnügen.
© S. Strohschneider-Laue
Bis zum letzten Tropfen
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Donnerstag, 07. Oktober 2010

Toilettendesaster

Die Buchbranche ist feine und sinnige Frauensache.
Die Architektur ist großk(l)otzige Männersache.
Paritätisch geht es hingegen bei der Toilettenfrage zu. Männer planen sie und Frauen benutzen (putzen) sie am häufigsten. Mit anderen Worten: Es gibt immer und überall zu wenige Damentoiletten. Außerdem sind die Etablissements immer zu klein. Dass sie jetzt auch ungebetene Einblicke gewähren, ist neu. Hingegen ist eine altbekannte Tatsache, dass Frauen sich zu helfen wissen. Dass Frauen sich in einer der raren und winzigen Zelle zuerst mit einer Klopapier-Verstopfungsaktion beschäftigen müssen, bleibt hoffentlich einmalig!
Erlebt, mitverstopft und fotografiert auf einem großen Messegelände in Deutschland.
© S. Strohschneider-Laue
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Mittwoch, 12. Mai 2010

Helga Schimmer
Giftmord
Gerichtschemiker in ihrem Element
Kremayr&Scheriau 2009, 192 S., Sw.-Abb.
ISBN 978 3 2180 0801 3
Giftmord: Gerichtschemiker in ihrem Element
Wie die Gerichtsmedizin zur heutigen Wissenschaft wurde, bietet die Grundlage zu den nachfolgenden spektakulären, unheimlichen und nahezu perfekten Todesfällen durch Gift. Säuberlich in giftige Elemente und anorganische Verbindungen sowie toxische organische Verbindungen getrennt, legt Helga Schimmer die passenden Verbrechen zu den entsprechenden Substanzen vor. In flotter journalistischer Manier wird erzählt, wie forensischen Toxikologen die jeweiligen Fälle nachweisen konnten.
Über die Wirkung und den Erfolg von Gift war man vermutlich schon in Urzeiten, aber ganz sicher ab der Antike bestens informiert. Den Nachweis des freiwilligen oder meist eher unfreiwilligen Giftkonsums zu erbringen, war - und ist es teilweise heut noch jedenfalls - nicht so einfach. Mal ganz abgesehen davon, dass bekanntlich “die Dosis das Gift macht”, kann in kleinen Mengen durchaus Verträgliches - wie z. B. Alkohol - in großen Mengen konsumiert zum Tode führen. Die minutiöse wissenschaftliche Spurensuche und ihre Beweise konnten sich vor Gericht außerdem nicht seit jeher behaupten. Auch James Marsh musste 1836 erst einen besseren Arsennachweis als den des Homöopathen Samuel Hahnemann entwickeln - die sog. Marshsche Probe -, um seine wissenschaftliche Glaubwürdigkeit vor Gericht durchsetzen zu können. Wegen der guten Nachweisbarkeit ist Arsen bei Giftmischern aus der Mode gekommen - zumindest solange bis die Gerichtsmedizin begann Arsentests zu vernachlässigen.
Egal ob Arsen, Thallium, Selen, Blausäure dem Essen, Getränken oder Medikamenten beigemischt werden oder ein bisschen Knollenblätterpilzgift heimtückisch unter die Haut gespritzt wird, das Ergebnis ist in jeden Fall verheerend. So locker und flockig auch die Schreibe sein mag, die Autorin weiß, worüber sie berichtet. Helga Schimmer nicht nur Chemikerin, sondern auch bestens mit Giftstoffen und ihren Wirkungen in realen Vergiftungsfällen vertraut. Ihr Buch ist eine fesselnde Lektüre für KrimispezialistInnen, schließlich wollen AutorInnen und LeserInnen wissen, welche Mittelchen probate Opferproduzenten sind. Und wer dann noch nicht genug von Gift hat, wird unter der weiterführenden Literatur sicher fündig werden.
© S. Strohschneider-Laue
Giftmord: Gerichtschemiker in ihrem Element
Siehe auch:
Kriminologie: Eine praxisorientierte Einführung mit Beispielen
Mordmethoden: Ermittlungen der bekanntesten Kriminalbiologen der Welt
CSI-Forensik für Dummies
Von Arsen bis Zielfahndung: Das aktuelle Handbuch für Krimiautorinnen und Neugierige
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Freitag, 01. Januar 2010

Michael Spang
Wenn sie ein Mann wäre
Leben und Werk der Anna Maria van Schurman
WBG 2009, 240 S.
ISBN 978 3 534 21630 7
Wenn sie ein Mann wäre: Leben und Werk der Anna Maria van Schurmann (1607-1678)
Anna Maria van Schurman (1607-1678) war hochbegabt, daran besteht kein Zweifel. Ihr künstlerisches Schaffen bewegte sich auf professionellem Niveau. Sie erlernte über 12 Sprachen, beherrschte die Regeln des wissenschaftlichen Diskurses und machte sich einen Namen als in der Theologie versierte Gelehrte, die sich auch mit dem Zugang von Frauen zu Bildung beschäftigte. Ihr selbst wurde das Privileg zuteil, Vorlesungen an der Universität besuchen zu dürfen - versteckt in einem aus Holz gezimmerten und mit Stoff bespannten Verschlag sitzend.
Wer war diese zu ihren Lebzeiten berühmte Frau? Was trieb sie an? Antworten auf diese Fragen sind in der Biographie “Wenn sie ein Mann wäre. Leben und Werk der Anna Maria van Schurman” zu finden. Michael Spang schildert in diesem hervorragenden Buch wortgewaltig und wissenschaftlich fundiert den Lebensweg der wissensdurstigen Tochter aus höherem Haus vor dem Hintergrund des politischen und religiösen Zeitgeschehens. Das gelingt ihm so vortrefflich, dass er mich als Rezensentin ein wenig in die Zwickmühle bringt. Ein guter Text lässt, ganz wie ein großartiges Kunstwerk, Spielraum für eine Vielzahl an Deutungsmöglichkeiten. Die Lektüre von “Wenn sie ein Mann wäre” rief in mir Assoziationen und Interpretationen wach, die in meinem Geist eine (Re-)Konstruktion der Persönlichkeit Anna Maria van Schurmans mit dunkleren Untertönen entstehen ließen, als sie im Buch präsentiert wird.
Für mich ist Anna Maria van Schurman eine Zerrissene, an deren Biographie sich sehr gut ablesen lässt, welchen Belastungen ein wacher Geist in einem restriktiven, religiös dominierten Umfeld unterworfen ist. Ihre Transformation vom gelehrten Wunderkind zum religiösen Groupie ist letztlich die Geschichte eines Scheiterns, auch wenn sie selbst dies im Rückblick auf ihr Leben nicht so gesehen hat. Die frühe Indoktrination durch van Schurmans strenggläubigen Vater, der dem Mädchen neben der religiösen Unterweisung einen von ihm kontrollierten Zugang zu Bildung ermöglicht, führt dazu, dass für sie lebenslang jeder Erwerb von Wissen oder Fertigkeiten auf die Religion hin ausgerichtet ist. In ihren Jugendjahren wirkt sie wie eine Getriebene: Dichtung, Malerei, Plastik, Kupferstich, Sprachen, Theologie, ihr Wissensdurst scheint keine Grenzen zu kennen. Studium als Selbstgeißelung? Als Ablenkung von den Verlockungen der Welt und der Freude an den eigenen Leistungen? Anna Maria van Schurman glänzt in jedem Fach, wird bekannt und zeigt ja doch einen Hauch von Extrovertiertheit. Schon als 15-Jährige klinkt sie sich in den Briefwechsel der Gelehrtenrepublik ein. Briefe bleiben ihr bevorzugtes Medium - sie sind einer Frau angemessen, werden aber dennoch von den (männlichen) Empfängern weitergereicht, in einigen Fällen auch publiziert. Eine geschickte Taktik für jemanden, der immer wieder beteuert, nicht gerne in der Öffentlichkeit zu stehen. Zumal so auch vermieden wird, durch eine eigenständige Publikationstätigkeit in offene Konkurrenz zu den Gelehrten zu treten. Auffallend ist auch, dass Anna Maria van Schurman nach dem unerwarteten Tod des Vaters, 1623, nach Vaterfiguren und väterlicher Autorität zu suchen scheint. Die im Buch “Wenn sie ein Mann wäre” zitierten Beispiele aus ihren Briefwechseln zeigen eine emotionale Schaukelbewegung aus Demutsbekundung - eigene Meinung vertreten - Demutsbekundung, bei der sich die Frage aufdrängt: Ist das jetzt Unsicherheit oder Kalkül?
Ein Thema, das van Schurman lange Zeit beschäftigt, ist die Frauenbildung. 1641 veröffentlicht sie ihre “Dissertatio”, ihr einziges eigenständig publiziertes Werk. Weitergebracht hat diese Schrift den Emanzipationsdiskurs nicht. Van Schurmann ist keine Wegbereiterin. Im Gegensatz zu anderen Frauen, die sich für Frauenbildung und Frauenrechte einsetzen, ist ihr Blick rückwärts gewandt, ihre Haltung traditionsgebunden. Aus heutiger Sicht lesen sich Anna Marias Argumente für die Frauenbildung wie die Rechtfertigung ihres eigenen Tuns, gepaart mit einer gehörigen Portion Standesdünkel. Nur christlichen, begabten Frauen mit Vermögen, die dazu die Muße hätten, solle Bildung durch privaten Unterricht zuteil werden. Van Schurmann war reich, unverheiratet und hatte jede Menge Zeit - zumindest bis zum Tod ihrer Mutter, 1637. Ist vielleicht die von ihr in einem -quasi als Test für die “Dissertatio” dienendem - Brief aus demselben Jahr vertretene Ansicht, für Ehefrauen und andere mit Haushalts- und familiären Angelegenheiten betraute Frauen sei Bildung keineswegs notwendig, auf einen Groll angesichts der von der Mutter auf sie übergegangenen zeitraubenden Pflicht der Haushaltsführung zurückzuführen?
Mit fortschreitendem Alter geht jedenfalls Anna Marias Beschäftigung mit wissenschaftlichen Fragen zurück. Stattdessen gewinnt ihre Religiosität, die selbst für damalige Verhältnisse zum Extrem tendiert, die Oberhand. Die Abneigung der gebildeten Frau gegen alles Weltliche wächst ebenso wie ihre Ansicht, dass es mit der Kirche bergab gehe. In letzter Konsequenz gibt die vielseitig Begabte ihr Leben in Utrecht auf, um sich der Sekte von Jean de Labadie anzuschließen. Ihm folgt sie in ihren letzten Jahre von Amsterdam nach Herford, Altona und schließlich auf Schloss Walta. In diesen Jahren verfasst sie ihre Autobiographie “Eukleria oder die Wahl des besseren Teils”. Anna Maria van Schurman - eine gequälte Seele, die im Alter innere Ruhe gefunden hat?
“Jede Biographie ist eine Hypothese, ist eine Wirklichkeit von vielen und notwendig subjektiv.” schreibt Michael Spang in der Einleitung des Buches. Das Verarbeiten der in einem Text dargebotenen Information ist nicht minder subjektiv. LeserInnen mögen sich also eine eigene Meinung bilden.
“Wenn sie ein Mann wäre. Leben und Werk der Anna Maria van Schurman” ist ein lesenswertes Buch über eine Frau, die in einem inneren Kampf zwischen Begabung und Bestimmung gefangen, gerade durch ihre Ambivalenz fasziniert.
© Ch. Ranseder
Wenn sie ein Mann wäre: Leben und Werk der Anna Maria van Schurmann (1607-1678)
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Mittwoch, 16. Dezember 2009

Kriegsbriefe deutscher Studenten

Bücher sind Freunde, gehören zur Familie. In den späten 70ern des letzten Jahrhunderts kam der kleine spitzartige Hund “Kleist” (Kleist kam zu erst) in unsere Familie. Er schlich sich geschmeidig über Heinrich Kleist’s sämtlicher Werke ein und gehört seither dazu. Etwa 2007 zog das ruhige Michael-Baby (Michael Yerry/Terry Ramirez Jr.) mit The Mummy bei uns ein. Seit dem dritten Advent 2009 wohnen Karl und Josef in Kriegsbriefe gefallener Studenten bei uns.
Eigentlich sollte ich es besser wissen und einen großen Umweg um Buchflohmärkte machen. Aber der Advent-Flohmarkt im Pfarrheim hatte eine ganz unchristliche, magische Anziehungskraft. Satte dreizehn Euro habe ich dort gelassen. Ein hoher Stapel Parental-Advisory-Schwermetall-Cds, die die anständigen Kirchgänger geflissentlich ignorierten, hat dort eindeutig auf mich gewartet und natürlich ist auch ein Buch an mir hängen geblieben:
Philipp Witkop
Kriegsbriefe gefallener Studenten
© Georg Müller Verlag 1928, 161. bis 170. Tausend. Volksausgabe 1933
Ich kannte den Titel nicht, dachte aber sofort an den Antikriegsroman von Erich Maria Remarque “Im Westen nichts Neues”. Tatsächlich habe ich das Buch aber gekauft, weil drei Schriftstücke, die auf der letzten Seite im Schutzumschlag eingeklemmt waren, mein Interesse weckten.

Oberschütze Karl Haugeneder aus böhmisch Krum(m)au (Český Krumlov) hat im April 1940 zwei Bücher in Wien gekauft: von Witkop “Kriegsbriefe” (3 Reichsmark 60 Reichspfennige) und von Tillmann “Todesverächter” (3 Reichsmark 20 Reichspfennige). In Anbetracht der damaligen Einkommensverhältnisse kein billiger Einkauf und inhaltlich schwere Kost. Denn obwohl die jüngeren Ausgaben der “Kriegsbriefe”, die ab 1933 erschienen den Lesern todesbereiten Heldenmut für Deutschland suggerieren sollten, konnte das inhaltlich wohl kaum erreicht werden. Der Hurrapatriotismus jener jungen Männer, die weltfremd, indoktriniert und ohne klaren Gedanken in den Ersten Weltkrieg stürmten, wird von Brief zu Brief mehr und mehr relativiert. Sie sehnten sich nach ihren Müttern, klammerten sich an göttliche Heilsversprechungen und lebten von Adrenalinschub zu Adrenalinschub, während der lebenslang eingedrillte Gehorsam und die unreflektierte Pflichterfüllung sich bis zum Tode erschöpfte. Die Konfrontation mit der Kriegsrealität, die mit den Bierbankgesprächen in den Studentenverbindungen so gar nicht übereinstimmten, ließen sie die bittere Wahrheit dieses und jeden anderen Krieges kurz vor ihrem Tod erkennen. Die Briefe, die die jungen Männer von der Einberufung, vom Marsch, von der Front und aus den Lazaretten schrieben, sind zeitlos.

David hat Goliath besiegt. Gerade deshalb war die Postkarte von Josef aus dem Zisterzienserstift Wilhering an Karl in Krummau in diesen “unruhigen Zeiten” schlecht gewählt. Auch die Hoffnung Josefs, dass Karl sich “in den schönen kräftigen Inhalt einlesen und auch Freude aus diesem Buch schöpfen” könne, spricht nicht für den Schreiber, der “den Geist des Ganzen” (noch) nicht erfasst haben dürfte. 1940 wurde das Stift durch die Nationalsozialisten beschlagnahmt und enteignet, die Mönche kamen ins Gefängnis oder wurden zum Kriegsdienst eingezogen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt sollte auch Josef klarer gesehen haben.
Die Kriegsbriefe gefallener Studenten aus dem Ersten Weltkrieg verbinden sich zweiundzwanzig Jahre nach Kriegsende durch die Lebensspuren von Karl und Josef mit dem Wahnsinn des Zweiten Weltkriegs. Ein erschütterndes Zeitzeichen, das mich nur einen Euro gekostet hat, aber dessen Inhalt mit vielen Leben bezahlt wurde.
© S. Strohschneider-Laue
siehe auch
Kleist kam zu erst
Michael Yerry/Terry Ramirez Jr.
Loving Memory
Die Fotos der Rosi Z.
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Tags:Biografie, Deutschland, Ebensolch Rez-E-zine 58/09, Literatur, Nationalsozialismus, Sistlau, Sozial
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Donnerstag, 22. Oktober 2009

Stefan Selke (Hg.)
Tafeln in Deutschland
Aspekte einer sozialen Bewegung zwischen Nahrungsmittelumverteilung und Armutsintervention
VS Verlag 2009, 300 S.
ISBN 978 3 5311 6139 6
Tafeln in Deutschland: Aspekte einer sozialen Bewegung zwischen Nahrungsmittelumverteilung und Armutsintervention
Der Tisch ist gedeckt und lädt zum Tafeln ein! Wirklich? Nein, es ist kein Kochbuch und es geht nicht um Haubenrestaurants in Deutschland. Es geht um die stetig wachsende Realität, dass immer mehr Menschen immer weniger Geld für den täglichen Nahrungsbedarf haben. Ehrenamtliche decken den Tisch für jene, die sich die Überproduktion nicht (mehr) leisten können.
Die Außensicht und Innensicht auf die deutschen Lebensmitteltafeln wird in drei Kapiteln vollzogen: Einordnung der Tafeln sowie Fallstudien und Positionen zu Tafeln. 14 SpezialistInnen aus Wissenschaft, Forschung und Praxis widmen sich in ihren Analysen Aspekten rund um das Tafelphänomen und ziehen Bilanz: Jens Becker, Kerstin Clausen, Udo Engelhardt, Dieter Hartmann, Hannes Klasen, Petra Krüger, Stephan Lorenz, Luise Molling, Eckhard Rohrmann. Heribert Rhoden, Stefan Selke, Hans Jürgen Teuteberg, Konstantin von Normann und Sabine Werth. In diesem Sammelband werden die wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Aspekte der Tafelbewegung gebündelt, begleitet von Tabellen und Abbildungen sowie weiterführender Literatur vorgelegt.
Nach dem Vorbild des New Yorker “City Harvest” entstand 1993 unter der Leitung engagierter Frauen in Berlin die erste Deutsche Tafel. Seither ist ihre Zahl in Deutschland auf erschreckende 800 Tafeln mit rund 40.000 ehrenamtlichen HelferInnen angewachsen. Erschreckend, weil der Bedarf so groß ist und erschreckend, weil so viel - trotzdem unbezahlbarer - Überschuss produziert wird, der diese Tafeln decken kann. Zynisch auch der Kosten-Nutzen-Faktor hinter der Wohltätigkeit, denn die Tafel-Selbstabholer können für Betriebe lukrativer als die Entsorgung sein. Wechselwirkungen zwischen Tafelorganisatorinnen und TafelnutzerInnen werden daher bei den Betrachtungen ebenso berücksichtigt wie jene zwischen AbholerInnen und SpenderInnen. Umfassende wertneutrale Betrachtungen dieser sozialen Bewegung kann dieser Band (noch) nicht in allen Bereichen liefern, will aber einen interdisziplinären Anfang setzen und zu weiterführenden Studien anregen.
Eine beispielgebende Pflichtlektüre für alle, die von verschiedenen Ansätzen ausgehend mit gesellschaftlichen Entwicklung (u. a. Armutsforschung) befasst sind oder sein sollten - also insbesondere VerantwortungsträgerInnen aus Politik und Wirtschaft - und jene, die die Tafelbewegung einer minutiösen Betrachtung unterziehen wollen.
Dennoch: Der größte Erfolg für Tafeln wird sein, wenn Tafeln nicht (mehr) nötig sind.
© S. Strohschneider-Laue
Tafeln in Deutschland: Aspekte einer sozialen Bewegung zwischen Nahrungsmittelumverteilung und Armutsintervention
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Tags:Business, Deutschland, Ebensolch Rez-E-zine 56/09, Handbuch, Sistlau, Sozial
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Sonntag, 30. August 2009

Henning Ahrens
Provinzlexikon
Knaus 2009, 304 S., sw. illustriert.
ISBN 978 3 8135 0324 1
Provinzlexikon
Frisches Grün lädt in die Provinz und frisches Grün lädt ein, das Provinzlexikon aufzuschlagen. Was mit einem harmlosen Blättern im Buch beginnt, erinnert an einen geplanten kurzen Spaziergang, der in eine großartige Wanderung ausartet.
Was ist eigentlich Provinz? Sicherlich auch das, was man selbst im Kopf hat. Was man aus seiner persönlichen Provinz macht, ist ein individuelles Problem - zumindest solange Provinzgedanken nicht anderen Menschen und schlimmer noch einer ganzen Nation aufgezwungen werden. Dem geistigen Provinzialismus so viele Breitseiten zu verpassen wie möglich, ist - hoffentlich nicht nur - ein Anliegen des Autors. Es ist daher die Individualität der geografischen Provinz, die das Provinzlexikon so herrlich abwechslungsreich vollkommen unvollkommen macht. Genauso wie es Henning Ahrens ankündigt, wird das Provinzlexikon nicht - und soll es auch nicht - der Vielfalt gerecht werden, sondern sich auf die Provinz Norddeutschlands beziehen.
In 274 scharfsichtig dacht gewählten Stichworte klärt Ahrens über die mehr oder weniger wahnsinnigen Provinztatsachen auf. Das frische Design und die minimalistischen Illustrationen von Jana Cerno unterstreichen den pointierten Inhalt zusätzlich. Lexikalisch, humorig, doppelbödig und noch viel mehr ist das provinzdurchtränkte Buch. Dem Ackerrain nähert man sich durch den Tagebucheintrag von Karl. Der Leserbrief des Studienrates Horst an die Allgemeine Provinzzeitung bezieht (eine) Stellung zu Fettleibigkeit. Heuboden wird durch den Brief von Lieselotte an ihre Jugendliebe Karl erschlossen und Trecker (Traktor) bekommt eine eigene und völlig ungeahnte Dimension im Radio-Interview mit Udo. Übrigens derselbe Udo, der nicht nur von 280 PS fasziniert ist, sondern auch über Viagra einiges im selben Medium verlautbart. Das Provinzlexikon ist nicht so norddeutsch wie Ahrens selbst glaubt, kenne ich doch Niedersachsen (Deutschland) seit meiner Kindheit ebenso gut wie das Burgenland (Österreich). Manches, Menschen und Gedanken, sind zuweilen bis zur Austauschbarkeit gleich.
Danke Henning Ahrens, jetzt gewinne ich der Provinz andere Aspekte ab, obwohl ich mich weiterhin einer abgewandelten Form des Woddy-Allan-Zitats auf der Buchrückseite anschließe: “Das Land macht mich nervös. Da sind Spinnen und in der Früh ist es laut, und man kann - vor allem montags - nirgendwo zum Essen hingehen.” Immerhin kann ich jetzt kann lachen, wo ich vorher schreien wollte. Kann die verdrehten Vorzeichen sehen, die die Stadt nur zu einer anderen Form der Provinz macht. Dem Menschelnden, das Wilhelm Busch einst bei seinen Familienbesuchen in Wolfenbüttel zeichnerisch festhielt, setzt Henning Ahrens in seinem Provinzlexikon ein literarisches Denkmal.
© S. Strohschneider-Laue
Provinzlexikon
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Tags:Deutschland, Ebensolch Rez-E-zine 54/09, Humor, Kommentar, Literatur, Sistlau
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Freitag, 28. August 2009

Bauhaus-Archiv Berlin, Stiftung Bauhaus Dessau, Klassik Stiftung Weimar (Hgg.)
modellbauhaus
Hatje Cantz 2009, 376 S., 302 Abb., 236 davon farbig.
ISBN 978 3 7757 2414 2
Modell Bauhaus
Was den Österreichern die Wiener Werkstätte, ist den Deutschen das Bauhaus. Dessen neunzigster Geburtstag ist Anlass für die neuerliche, breitenwirksame Auseinandersetzung mit der Institution, die fast schon zu einem modernen Mythos geworden ist. Und mit nichts lässt sich der Diskurs über die, von Beginn an die Meinungen polarisierende Ausbildungsstätte besser fortsetzen, als mit Ausstellungs- und begleitenden Publikationsprojekten. 2009 darf sich das kunstinteressierte Publikum daher an “modellbauhaus” erfreuen.
Die Deutungsmöglichkeiten der Geschichte und Erzeugnisse des 1919 von Walter Gropius gegründeten Bauhauses sind so facettenreich wie die an ihm lehrenden Persönlichkeiten, darunter Künstler wie Paul Klee, Oskar Schlemmer oder Wassily Kandinsky. Die berühmte Lehranstalt war eine Spielwiese für Individualisten. Das wird auch an den 68, für “modellbauhaus” ausgewählten, Objekten deutlich. Unter ihnen befinden sich natürlich Design-Ikonen, wie der Clubsessel B3 von Marcel Breuer, das Tee-Extraktkännchen von Marianne Brandt oder das Bauhaus-Gebäude in Dessau. Aber auch Kleinigkeiten, die etwas über das Leben am Bauhaus erzählen sind dabei. Das 1919 herrschende Wirgefühl und die Aufbruchsstimmung könnte nicht schöner als in der informellen Einladung in Form eines an die Tür gehefteten Zettels “Unser Spiel, unser Fest, unsere Arbeit” zum Ausdruck kommen. Von Objekt zu Objekt erschließt sich im Rahmen der Werkanalysen langsam die Geschichte des Bauhauses, an dem bildende Kunst, Architektur, Design und Bühnenbild gelehrt wurden. Die Arbeiten von Bauhauslehrern und -schülern dienen als Ausgangspunkt für die Betrachtung von Einzelaspekten wie Schulpolitik, Unterrichtsmethoden und die dem Bauhaus zu Grunde liegenden Philosophien. Der Plural steht hier ganz bewusst, denn es war nicht eine Ursprungsidee, die am Bauhaus Jahr für Jahr starr umgesetzt wurde. Ganz im Gegenteil. Walter Gropius verband in seinem ersten Programm Vision und Praxis und legte damit den Grundstein für einen Entwicklungsprozess, der zu keiner Zeit des Bestehens der das Experiment begrüßenden Schule abgeschlossen war. Vom Gründungsmanifest bis zur Auflösung durch die Nationalsozialisten 1933 erfand sich das Bauhaus immer wieder von Neuem. Jeder seiner drei Leiter, Walter Gropius, Hannes Meyer und Ludwig Mies van der Rohe, drückte ihm seinen Stempel auf. Jeder Wechsel des Standortes - zuerst Weimar, dann Dessau und schließlich Berlin - hinterließ seine Spuren. Nur eines blieb konstant: Der hohe Stellenwert der Architektur.
Trotz der Vielzahl unterschiedlicher Haltungen und der großen Bandbreite der Produkte war das Bauhaus auch ein frühes Beispiel für eine gelungene Markenbildung. Alles war vorhanden: Wort-Bild-Marke, bewusster Einsatz der Sprache, gezielte Pressearbeit, Selbstpräsentation durch Feste, Ausstellungen, Publikationen und nicht zuletzt ein passendes - Stichwort Corporate Architecture - Schulgebäude.
“modellbauhaus” nimmt die unter dem Dach der Marke Bauhaus geeinte künstlerische Pluralität auf und zeigt sich ebenso bunt wie die unvergessliche Ausbildungsstätte. Mit 77 Essays ist die Publikation ein Katalog der Superlative, der mit den vereinten Kräften aller drei der Pflege des Bauhaus-Erbes gewidmeten deutschen Institutionen - Bauhaus-Archiv Berlin, Museum für Gestaltung, Stiftung Bauhaus Dessau und Klassik Stiftung Weimar - entstand. Ein schneller Überblick über die Bauhausgeschichte ist mit einer derartigen Fülle an Beiträgen nur schwer zu erlangen, obwohl die chronologische Gliederung die Orientierung erleichtert. Stattdessen lässt sich das Phänomen Bauhaus in Jahresschritten genießen. Jeder Jahreswechsel wird von einem Trennblatt markiert, dem auf der farbigen Seite Daten zur Entwicklung des Bauhauses und auf der grautonigen Seite Informationen zum Geschehen in Deutschland entnommen werden können. Jahr für Jahr und Kunstwerk für Kunstwerk gewährt “modellbauhaus” LeserInnen die Freiheit nach Herzenslust zu Schmöckern ohne den roten Faden zu verlieren und so eine Institution kennen zu lernen, die Designgeschichte geschrieben hat.
Die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, Berlin, ist noch bis 4. Oktober zu sehen.
© Ch. Ranseder
Modell Bauhaus
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Tags:Architektur, Ausstellung, CRans, Design, Deutschland, Ebensolch Rez-E-zine 54/09, Kunst
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Dienstag, 11. August 2009

Kirsten John
Tobi in den Gärten
Ein Kinderführer durch die Herrenhäuser Gärten
Nicolai 2009, 65 S., zahlr. Farbfotos und Illustration
ISBN 978 3 8947 9484 2
Tobi in den Gärten: Ein Kinderführer durch die Herrenhäuser Gärten
Großer Garten, Berggarten, Georgengarten und Welfengarten bilden zusammen die Herrenhäuser Gärten. Die ehemalige Sommerresidenz der Herzöge, Kurfürsten und Könige von Hannover und England ist voller Überraschungen und mehr als nur einen Besuch wert. Verschiedene historische Gartenstile, Bau- und Kunstwerke locken vor allem Erwachsene in die Anlage. Es gibt aber für Kinder viel mehr zu entdecken als nur das Sealife im Berggarten, man muss nur wissen wo und genau hinschauen.
Natürlich bedarf es ein wenig Hintergrundinformation, um die offensichtlichen und versteckten Besonderheiten zu erkennen. Genau hier setzt “Tobi in den Gärten” an. Kirsten John verbindet geschickt die Geschichte eines Gärtnerjungen aus der Barockzeit mit dem modernen Erscheinungsbild des großen Gartenareals. Einerseits stellt die Autorin das historische dem modernen Erscheinungsbild der Anlage vor und andererseits zeigt sie die sozialen Bedingungen sowie die Situation eines arbeitenden Kindes auf.
Auf den Umschlaginnenseiten sind die Gartenpläne zu finden. Vorne ist der Große Garten, hinten ist der der Berggarten abgebildet. Schwarze, rote und blaue Passagen gliedern den Text in übersichtliche Lesehäppchen. Der schwarze Text, erzählt Tobis Geschichte und folgt seinen Weg durch den Park. Blau hervorgehoben sind in Tobis Story jene Gebäude und Objekte, die auf den Plänen eingezeichnet sind. Rote Textteile bieten Hintergrundinformationen zu Persönlichkeiten und Sehenswürdigkeiten. Auf diese Weise können Kinder nach Lust und Laune leicht die - ohnedies informative - Geschichte verfolgen oder auch nur die Zusatzinformationen lesen. Schade, dass diese geschickte Textgliederung den jungen LeserInnen vorab nicht erklärt wird. Optisch ergänzt wird der Text von ausgezeichneten Fotos, historischen Stichen und zeitgenössischen Illustrationen von Henriette von Bodecker.
Flockig-locker geschrieben und auf das Wesentlichste reduziert, wird das Buch GrundschülerInnen vor als auch nach dem Besuch in den Herrenhäuser Gärten fesseln. Ein Pflichtkauf, wenn man die historische Gartenanlage mit Kindern nicht nur besuchen, sondern kennenlernen möchte.
© S. Strohschneider-Laue
Tobi in den Gärten: Ein Kinderführer durch die Herrenhäuser Gärten
Und für Erwachsene::
Die Herrenhäuser Gärten
Hannover: Die Stadt an der Leine entdecken und erleben. Ein illustriertes Reisehandbuch
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Freitag, 07. August 2009

Frank Rudolph
Strandsteine für Kids
Wachholtz 2009, 69 S., zahlr. Farbfotos und Illustration
ISBN 978 3 5290 5414 3
Strandsteine für Kids: Sammeln und Bestimmen
Unglaublich was so alles vom Meer angespült wird. Selbst die Steine sind es wert aufgehoben zu werden. Man müsste nur noch wissen, was man für Schätze aus den letzten Jahrmillionen der Ergeschichte gefunden hat.
Angenehme Erinnerungen an unzählige Sammelstunden an den Stränden von Nord- und Ostsee kommen auf, wenn man vom Titel verführt dieses Buch zur Hand nimmt.
Mir ist in letzter Zeit kein so kindgerecht aufgearbeitetes, nettes und klar verständliches sowie gut strukturiertes Sachbuch untergekommen. Wer sollte da keine Lust auf Strand, Steine und Donnerkeile bekommen? Schon der Satz Kennt Ihr Steine, die man riechen oder hören kann? macht neugierig auf den weiteren Inhalt und vor allem auf die Steine selbst. Das handliche, strapazfähige Outfit und die kindgerechte Aufbereitung von “Strandsteine für Kids” regen zum Mitnehmen an den Strand ein. Die exzellente Fotoauswahl in Kombination mit korrekt dargestelltem fachlichem Inhalt ist auch für Erwachsene ein Anreiz gemeinsam mit dem Nachwuchs auf Steinjagd zu gehen.
Steine, die am Strand von Nord- und Ostsee herumliegen, sind zum Teil ziemlich herumgekommen. Passend, niedlich und genial zugleich sind die von Lutz Mathesdorf entwickelten Comicfiguren. Sie repräsentieren die Herkunftsländer, führen durch das Buch und kennzeichnen die Erdzeitalter. Möwe Pauli (überall daheim), Erik (Dänemark), Knolle Troll (Norwegen), Sören (Schweden), Lena (Finnland) und Fiete (Deutschland) werden sofort Fans finden. Diese zweckmäßige Verniedlichung täuscht nicht darüber hinweg, dass in diesem Werk fundiertes Fachwissen weitergegeben wird. Kenntnisse die im Schulunterricht bis weit in die Mittelstufe ausreichen.
Folgende Informationen werden geboten:
- Wie und woher Steine an den Strand kommen, die Rolle der Eiszeit.
- Sinnvolles Steinesammeln, die Anlage einer eigenen Sammlung.
- Ein Überblick der Geologischen Zeittabelle.
- Was sind Gesteine, welche Arten von ihnen gibt es?
- Besondere Gesteine, Steine die man hören oder schmecken kann.
- Ein Überblick der Gesteine nach ihrer Entstehung (Tiefen- und Ergussgesteine, Umwandlungs- und Ablagerungsgesteine)
- Ergänzende Darstellungen über Bernstein, magnetische Sande, Fossilien und vieles mehr.
- Und wie es sich für ein solides Fachbuch gehört, gibt es selbstverständlich Begriffserklärungen und ein Literaturverzeichnis.
Findige Eltern haben schon lange Rezepte für Schlechtwettertage während Strandaufenthalten entwickelt, um ihre eventuell nervenden Kinder zu beschäftigen. Mit diesem Buch wird das noch einfacher, weil es auch Eltern Spaß machen wird. Für die besonders Wissbegierigen und für Erwachsene gibt es von Frank Rudolph noch mehr Bestimmungsliteratur für den Nord- und Ostseeraum. Auf jeden Fall für den nächsten Urlaub an Nord- und Ostsee “Strandsteine”, Hammer, Schutzbrille - nicht nur - für die Kids einpacken!
© V. Strohschneider
Strandsteine für Kids: Sammeln und Bestimmen
Noch mehr:
Strandsteine. Sammeln und Bestimmen.
Noch mehr Strandsteine: Sammeln und Bestimmen an Nord- und Ostsee
Strandfunde: Sammeln & Bestimmen von Tieren und Pflanzen an Nord- und Ostseeküste
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Montag, 20. Juli 2009

WunderWeltWald
BöhmerWALDArena
ab 18. Juli 2009

Die BöhmerWaldArena steht auf der österreichischen Seite des Dreiländerecks mit Deutschland und Tschechien. In der zwischen Tradition und Moderne positionierten Architektur wird seit 18. Juli 2009 die komplett barrierefrei eingerichtete Ausstellung “WunderWeltWald” gezeigt.

Tatsächlich ist die Ausstellung über 400 Millionen Jahre Waldgeschichte mit Schwerpunkt Böhmerwald etwas Besonderes. Sie ist nämlich mehr als nur rollstuhlgerecht. Es wird den BesucherInnen gute Mobilität gewährleistet und zusätzlich alle Sinne angesprochen. Optische Eindrücke erwartet man als BesucherIn, aber das ist für sehbeeinträchtigte und blinde Menschen sowie Personen mit eingeschränktem oder fehlendem Hörvermögen zu wenig.
Die Ausstellung bietet eindeutig mehr als der Titel “WunderWeltWald” verspricht. BesucherInnen werden über den Wald informiert und gleichzeitig für die Bedürfnisse anderer BesucherInnen sensibilisiert; denn diese Ausstellung kann man mit allen Sinnen sehen, hören, riechen und tasten.
Wie differenziert Bedürfnisse sein können, wird deutlich, wenn man Audiodeskriptionen - gesprochene Informationen inklusive Informationen zur Orientierung im Raum - hört oder auf kleinen Monitoren Zuspielungen in Gebärdensprache sieht. Ganz abgesehen davon, dass die Audiodeskriptionen für alle BesucherInnen von Vorteil sind, die lieber zuhören als lesen möchten.
Von Informationen werden BesucherInnen in Ausstellungen oft überflutet. Hier wird sie bedarfsorientiert angeboten. Bei individuell per Knopfdruck abgerufenen Informationen sind BesucherInnen empfänglicher für das “etwas mehr”. Interaktive Stationen sorgen darüber hinaus für abwechslungsreiche Erlebnisse.
Der Böhmerwald, das Original, befindet sich unmittelbar vor der Tür, die abstrahierte Form in der Ausstellung. Die moderne Inszenierung lädt zum Mitdenken ein. Sie bietet zugleich einen zeitgemäßen Kontrast zur traditionsreichen Waldwirtschaft. Auftakt macht ein Säulenwald mit Monitoren. hier werden sowohl Waldbewohner (Fuchs, Kauz, etc.) gezeigt als auch Waldnutzer (Förster, Pilzsucher etc.) mit Interviews vorgestellt. Das Keimen des Samen bis Heranwachsen eines jungen Baumes ist in neun Vitrinen verfolgbar. Gleich daneben zeigt ein 3D-Kino wie ein Baum fällt/fehlt. Vitrinen zu den Waldelementen zeigen die Bedeutung von Licht, Luft, Wasser und Boden im Wald.

Zwei großzügige Raumelemente zeigen auf ihren Außenseiten die Klimakurve und die Bedeutung der Forstwirtschaft. Im Inneren umschließen sie die Themenbereiche Fauna und Flora. Bäume sind Wunderwerke der Natur. Wurzel, Stamm und Blatt eines Baumes haben differenzierte Funktionen. Drei begehbare Elemente verdeutlichen diese Aufgaben.

Besucher dürfen die Exponate zum Teil auch anfassen. Die empfindliche “Waldbibliothek” - ein in Buchform angelegtes Baumherbarium - ist durch eine Vitrine geschützt, aber Eichhörnchen, Fuchs und Hirsch laden zum Streicheln ein. Ein eigens entwickelter Fällsimulator erlaubt es BesucherInnen gefahrlos mit einer Motorsäge zu hantieren und sich im Holzschneiden zu üben.
Egal ob Plantagen, Urwälder oder naturnahe Waldwirtschaft, der Wald ist definitiv mehr als nur die Summe seiner Bäume. Ein tolles Ausstellungserlebnis für ALLE Menschen (Universelles Design von prenn_punkt), dem nur noch gute Begleitpublikationen fehlen.
© S. Strohschneider-Laue
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Montag, 20. Juli 2009

Philipp Meuser, Ansgar Oswald (Hgg.)
Luftbildatlas Weltkulturerbe Oberer Mittelrhein
DOM publishers 2009, 152 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 9386 6673 9
Luftbildatlas Weltkulturerbe Oberer Mittelrhein
(inkl. CD-ROM)
Zwischen Bingen und Koblenz zwängt sich der Rhein durch das Rheinische Schiefergebirge. Es ist eine enge und schroffe Landschaft, die eine wechselvolle Geschichte hinter sich hat. In römischer Zeit war der Rhein Grenzgebiet. Im Laufe des Mittelalters und am Beginn der Neuzeit entwickelte sich der obere Mittelrhein zur wirtschaftlichen und kulturellen Lebensader, die unter wechselnden politischen Einflüssen stand. Insbesondere der 30jährige Krieg, der Pfälzische Erbfolgekrieg und die französischen Besetzung ab 1792 der linksrheinischen Seite hinterließen dauerhafte Spuren. Zahlreiche Festungsbauten bzw. ihre Ruinen legen für die wechselvolle Geschichte und das Bestreben überall und jederzeit - auch um den Preis des Kirchenbanns - Zoll, Maut und Steuern zu fordern Zeugnis ab. Die zerstörerischen Kräfte der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts verschonten das Rheintal hingegen weitgehend. Daran konnten auch die anwachsende Rheinschifffahrt und der Ausbau des Eisenbahnnetzes nichts ändern. Die ungünstigen topografischen Bedingungen waren für Neugründungen und Ausbau abträglich. Dafür entdeckten die Künstler ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert das vom Weinbau und Ruinen geprägte Rheintal für sich. Sie verewigten den unwegsamen Naturraum und die Vergangenheit in ihren Werken. Die politische Bedeutung behält die Region aber stets bei, wie auch der Wiederaufbau der Burgen beweist. Vor allem König Friedrich Wilhelm IV. (1795-1861) investierte in Restaurierungen und moderne Festungsarchitektur. Und wo der Adel sich hervortat, drängten sich aufstiegswillige Bürger mit vergleichbaren Tätigkeiten hinzu. Dieser herrschaftlichen Aktivitäten und Ansiedlungen waren Anlass für den beginnenden Tourismus. In den Gründerjahren nach 1871 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs begaben sich die Gutsituierten auf die Suche nach der Rheinromantik. Bis heute ist diese Landschaft Anziehungspunkt für Touristen und aufgrund seiner historischen Bedeutung wird die Forschung mit der Aufarbeitung noch lange beschäftigt sein. Die Kulturlandschaft des Oberen Mittelrheintals wurde 2002 in das UNESCO-Welterbe aufgenommen.
Die Burgen und Ruinen drängen sich in dieser Natur- und Kulturlandschaft zwischen Bingen und Koblenz regelrecht aneinander. Mit Steckbriefen von Ansgar Oswald, Grundrissen und in außergewöhnlichen, seitenfüllenden Luftbildern von Philipp Meuser werden 28 Burgen vorgestellt. Von Burg Klopp bis Burg Kobern führt die Reise. Die zum Buch gehörige CD bietet - honorarfrei für den privaten Gebrauch - das Bildmaterial zusätzlich hochaufgelöst als JPEG (RGB).
Touristen und Burgenromantiker werden an dieser Publikation naturgemäß Freude haben. Wissenschaftler werden an dem raschen Überblick Gefallen finden. Dringend ans Herz gelegt werden muss der “Luftbildatlas Weltkulturerbe Oberer Mittelrhein” KunsthistorikerInnen. Zuletzt zeigte die Ausstellung “Rembrandt und seine Zeit” (Albertina, Wien) anhand der Bauwerken - u a. Pfalzgrafenstein - leicht identifizierbare Rheinlandschaften, die unerkannt als Fantasielandschaften angesprochen wurden. Hier kann die attraktive Publikation spielend peinliche Wissenslücken schließen.
Ein Pflichtbuch und es gibt - bis jetzt - noch zwei weitere Luftbildatlanten aus dieser Reihe.
Luftbildatlas Weltkulturerbe Oberer Mittelrhein
(inkl. CD-ROM)
Luftbildatlas Entlang der Berliner Mauer: 1961 bis heute (inkl. CD-ROM)
Luftbildatlas Berliner Innenstadt (inkl. CD-ROM)
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Freitag, 17. Juli 2009

Freya Mülhaupt (Hg.)
John Heartfield: Zeitausschnitte
Fotomontagen 1918-1938
Hatje Cantz 2009, 176 S., 230 Abb. davon 144 farbig
ISBN 978 3 7757 2432 6
John Heartfield: ZEITausSCHNITTE. Fotomontagen 1918 bis 1938
John Heartfield arbeitete in einem geschlossenen System. Der Mann mit der spitzen Schere bediente sich der gedruckten Massenmedien, um seine Fotomontagen und deren Botschaften zu verbreiten. Sein Arbeitsmaterial wiederum schöpfte er überwiegend aus der illustrierten Presse, die er mit Argusaugen beobachtete. Unvergesslich sind die für die “Arbeiter Illustrierte Zeitung” entstandenen Montagen, in denen sich Heartfield gegen Adolf Hitler und die nationalsozialistische Bewegung, Krieg und Kapitalismus wandte. Seine originelle, auf alles Überflüssige verzichtende Bildsprache, hat bis heute nichts an Verständlichkeit eingebüßt. Die Fotomontagen haben Biss, obwohl die den Schaffensakt provozierenden politischen Ereignisse und revolutionären Haltungen längst Geschichte sind.
Das opulent bebilderte Buch “John Heartfield: Zeitausschnitte. Fotomontagen 1918-1938″ verfolgt den Werdegang und die Blütezeit des Künstlers, der eigentlich Helmut Herzfeld hieß. Der 1891 in Berlin geborene Pionier der Montage fand seinen Stil als Layouter für die dadaistische Publikation “Neue Jugend”, die in dem von ihm und seinem Bruder Wieland 1917 gegründeten Malik-Verlag erschien. In den von der Zusammenarbeit und Freundschaft mit George Grosz geprägten Jahren, wurde Heartfield zum Berliner Botschafter des Dada. “DADA ist GROSS und John Heartfield ist sein Prophet” trompetet er auf einem Plakat, das sein Selbstbildnis mit zum Schalltrichter geformten Händen zeigt.
Als der Malik-Verlag 1921 begann Romane zu verlegen, wurden Buchumschläge mit einer einfacheren Bildsprache benötigt. Nicht mehr Provokation und Verwirrung wie im Dada waren das Ziel, sondern die klare Kommunikation mit den Kunden. Auch bei der Lösung dieser Aufgabe erwies sich Heartfield, der auf seine Kenntnisse als Werbegrafiker zurückgriff, als innovativer Gestalter. Seine aus wenigen Elementen zusammengesetzten Buchcover sind schlüssige Kompositionen mit erzählerischer Qualität. Das fesselt den Blick. Scheinbar harmlos gefällig, erregen die Einbände Aufmerksamkeit ohne zu schockieren und büßen dennoch nichts an Schlagkraft ein. Doch dem Künstler mit Mission war die Buchhülle nicht genug. In einer Gemeinschaftsarbeit mit Kurt Tucholsky, der die Texte beisteuerte, entstand 1929 das Buch “Deutschland, Deutschland über alles”, ein Rundumschlag gegen Kapitalismus, Militär, Demokratie und rechten Nationalismus.
Bereits 1919 war John Heartfield der KPD beigetreten, in deren Dienst er seine Schaffenskraft stellte. Den Höhepunkt seiner Monteurkunst erreichte er in den politischen Fotomontagen, die er von 1930 bis 1938 für die AIZ anfertigte. Bildidee und begleitender Text der schrägen satirischen Collagen entstanden oft in Zusammenarbeit mit seinem Bruder, Wieland Herzfelde. Danach kam die Schere zum Einsatz. War in Heartfields Sammlung von Pressefotos der richtige Schnappschuss für die Umsetzung des visuellen Konzeptes nicht vorhanden, beauftragte er einen Fotografen, der nach seinen Anweisungen das passende Tableau inszenierte.
Der glühende Pazifist und Kommunist John Heartfield kombinierte Kunst mit kommerziellen Printmedien, um ein möglichst großes Publikum zu erreichen. Das dies nicht ungefährlich ist, musste er am eigenen Leib erfahren. Zur Emigration gezwungen, verlegte er seinen Arbeits- und Lebensmittelpunkt zuerst nach Prag, dann nach London. Erst 1950 kehrte er nach Deutschland, in die DDR, zurück.
Die Autoren des Buches “John Heartfield: Zeitausschnitte. Fotomontagen 1918-1938″ verschränken in ihren tiefgreifenden, akribisch recherchierten Essays Werkanalyse, Biografie und Zeitgeschichte. Das Ergebnis ist weniger ein chronologischer Erzählstrang als ein dichtes Informationsgewebe. Thomas Friedrich, Sabine Kriebel, Roland März, Freya Mülhaupt, An Paenhuysen, Rosa von der Schulenburg, Andrés Mario Zervigón und Peter Zimmermann nähern sich dem politisch engagierten Künstler John Heartfield von vielen Seiten. Lebensweg und künstlerische Entwicklung, Bildanalysen exemplarisch herausgegriffener Fotomontagen, die enge Zusammenarbeit mit dem Bruder, Freundschaften und ihre Auswirkungen auf das Werk, Selbstporträt und Selbstsicht, Arbeitweise, politische und zeitgeschichtliche Hintergründe - all das und vieles mehr ist in der beeindruckenden Publikation zu finden. Auch mit Abbildungen wurde nicht gegeizt. Fotografisches Rohmaterial und fertige Fotomontage, Abbildungen von Buchumschlägen und für diverse Printmedien gestaltete Seiten, Schnappschüsse aus dem Privatleben John Heartfields und dokumentarische Aufnahmen seiner Ausstellungen begleiten die Texte. Zu verdanken ist die Bilderflut dem in der Kunstsammlung der Akademie der Künste, Berlin, erhaltenen Nachlass, aus dem es möglich war für Buch und Ausstellung nach Herzenslust zu schöpfen. Denn natürlich ist “John Heartfield: Zeitausschnitte. Fotomontagen 1918-1938″ eine Begleitpublikation. Die gleichnamige Ausstellung ist vom 29. Mai bis zum 31. August 2009 in der Berlinischen Galerie zu sehen. Zeitgeschichte einmal anders.
© Ch. Ranseder
John Heartfield: ZEITausSCHNITTE. Fotomontagen 1918 bis 1938
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Montag, 15. Juni 2009

Adrian Aebischer
Der Rotmilan
Ein faszinierender Greifvogel
Haupt 2009, 232 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 258 07417 7
Der Rotmilan: Ein faszinierender Greifvogel
Jede/r aufmerksame/r NaturfreundIn hat den Rotmilan irgendwann einmal beobachtet, zumindest in Deutschland, Frankreich oder Spanien. In diesen Ländern befinden sich drei Viertel des Weltbestandes. In Österreich ist die Zahl der mehr oder minder erfolgreichen, maximal zwanzig Brutpaare leider nur als verschwindend zu bezeichnen.
Der Kulturfolger trägt viele Namen, darunter Gabelweihe oder Roter Habicht. Die auffällige Erscheinung des etwa bussardgroßen Vogels mit seinen langen schlanken, auf der Unterseite dreifarbigen Flügeln, rostbraunem Gefieder und dem langen, gegabelten Schwanz, verschaffen selbst ungeübten Vogelbeobachtern beim Erkennen ein rasches Erfolgserlebnis. Insbesondere die kurzen Drehbewegungen des Schwanzes zur Flugkorrektur sind typisch für den Rotmilan und ein echter Eye-Catcher. Die fantastischen Fotografien in diesem Buch zeigen den wunderschönen Vogel tatsächlich von seinen besten Seiten und bei eindrucksvollen Flugmanövern.
“Der Rotmilan” ist das beste Handbuch, das zum Rotmilan bisher vorgelegt wurde. Am Puls der Forschung vereinigt es die zahlreichen Einzelstudien mit den in der Westschweiz seit 2000 erhobenen Fakten zu Brutbiologie, Wanderungen und Überwinterungen zu einer ebenso spannenden wie wissenschaftlich fundierten Lektüre. Unglaublich wie viele Fakten für dieses Buch erhoben wurden und wie viele Fragen zum Rotmilan beim derzeitigen Stand der Forschung trotzdem noch offen bleiben. Ein Verdienst dieses Buches ist es diese Forschungslücken aufzuzeigen und Studien wie z. B. zur Sterblichkeit, Wanderungsrouten des Rotmilans in Winterquartieren einzufordern. Statistiken, Tabellen und Karten präsentieren übersichtlich u. a. Verbreitung, Bestandsdichte, Zugrichtungen oder Todesursachen des Rotmilans.
Vorliegende Publikation zeichnet sich durch seine systematische inhaltliche Gliederung, die zusätzlich durch ein perfektes Layout unterstützt wird, aus. Die sechs Kapitel “Beschreibung”, “Lebensraum und Nahrung, Balz, Brut und Jungvögel”, “Ein echter Europäer: Verbreitung des Romilans”, “Überwinterung und Wanderung”, “Gefährdung und Schutz” werden durch einen Ausblick auf “die Greifvögel Mitteleuropas” sinnvoll ergänzt. Der Anhang rundet den benutzerfreundlich angelegten Band mit einem exzellenten Literaturverzeichnis, Bildnachweis, nützlichen Adressen und einem Register ab. Erfreulich, dass der Autor nicht mit Dank an die zahlreichen MitarbeiterInnen, KollegInnen und Rotmilan-FreundInnen geizt. Unterstreicht doch diese Transparenz die Bedeutung und die Unentbehrlichkeit internationaler sowie interdisziplinärer wissenschaftlicher Kooperationen.
Wie es wirklich um den Rotmilan steht und was gut für ihn ist, weiß man allerdings erst nach dieser großartigen Bestandsaufnahme. Unentbehrlich für OrnithologInnen und ein Muss für jeden Greifvogelfan!
© V. Strohschneider
Der Rotmilan: Ein faszinierender Greifvogel
siehe auch:
Zürcher Tierschutz (Projektförderung)
Birdlife Schweiz
Birdlife Österreich
Naturschutzbund Deutschland
Atlas der bedrohten Arten
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Freitag, 12. Juni 2009

Ulrike Müller
Ingrid Radewaldt, Sandra Kemker
Bauhaus-Frauen
Meisterinnen in Kunst, Handwerk und Design
Elisabeth Sandmann 2009, 152 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 938045 36 7
Bauhaus-Frauen - Meisterinnen in Kunst, Handwerk und Design
Das 1919 gegründete Bauhaus nahm auch weibliche Studenten auf. Und die Frauen kamen in Scharen, um die zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch rare Chance auf eine fundierte Ausbildung zu nutzen. Im ersten Semester seines Bestehens inskribierten am Bauhaus vierundachtzig Frauen und neunundsiebzig Männer - sehr zur Besorgnis seines Gründers, Walter Gropius, der nicht mit diesem weiblichen Ansturm gerechnet hatte. In seiner Antrittsrede propagierte Gropius noch “… absolute Gleichberechtigung, aber auch absolute gleiche Pflichten …”, doch schon bald begannen Lippenbekenntnis und Realität auseinander zu driften.
Ulrike Müller und ihre Gastautorinnen Ingrid Radewaldt und Sandra Kemker schildern in “Bauhaus-Frauen. Meisterinnen in Kunst, Handwerk und Design” wie es den Frauen am Bauhaus erging. In brillant geschriebenen Texten erzählen sie von Studienbedingungen, Lehrplänen und den herausragenden Leistungen, welche die Frauen - trotz der Schwierigkeiten und Diskriminierungen mit denen sie sich konfrontiert sahen - erbrachten.
Wie so oft, wenn es Frauen gelingt in männliche Domänen vorzudringen, stand das weibliche Geschlecht auch am Bauhaus bald vor neuen Barrieren. Es hatte nicht lange gedauert bis Maßnahmen ergriffen wurden, um die Zahl der am Bauhaus studierenden Frauen zu beschränken und die Studentinnen auf den ihnen von den Männern zugedachten Platz zu verweisen. Die Mehrzahl der Frauen wurde in die Handweberei abgedrängt, da die Herstellung von Textilien als eine ihnen angemessene Tätigkeit galt. Es muss ein Schock für die männlichen Führungs- und Lehrkräfte gewesen sein, dass sich ausgerechnet die Weberei durch Innovation und Produktivität profilierte und zu einer der erfolgreichsten der Werkstätten entwickelte. Apropos Leitungspositionen: Kaum eine der zahlreichen Frauen am Bauhaus wurde in eine solche berufen, selbst Lehraufträge waren spärlich gesät und, wie Ulrike Müller anmerkt, schlechter bezahlt.
Dennoch ließen sich die außerordentlich begabten Frauen nicht entmutigen. Sie zeigten Durchhaltevermögen und eroberten sich den Zugang zu den anderen Werkstätten, wie Metall, Keramik, Holz, Wandmalerei und Grafik. Doch die Disziplin, in der die zweitgrößte Anzahl an Frauen tätig wurde, war die Fotografie. Damit wird auch am Bauhaus die weibliche Strategie des Ausweichens in relatives Neuland, also in Bereiche deren Hierarchien noch nicht von Männern festgelegt und besetzt sind, sichtbar.
In dem bemerkenswerten Buch “Bauhaus-Frauen” werden 20 Künstlerinnen vorgestellt, die am Bauhaus lehrten, studierten oder als Ehefrauen Bauhausmeister unterstützten. Ihre Lebensgeschichten sind eine spannende, oft berührende Lektüre, im Zuge derer der bedeutende Beitrag sichtbar wird, den Frauen zum Gedeihen des Bauhauses leisteten. Den Auftakt des Biografien-Reigens bestreiten zwei Lehrkräfte aus den Anfängen des Bauhauses, Gertrud Grunow und Helene Börner, sowie eine der ersten Schülerinnen, Ida Kerkovius. Die Reihung der folgenden Porträts erfolgt lose nach den am Bauhaus eingerichteten Werkstätten. Die Weberei repräsentieren Benita Otte, Gunta Stölzl, Anni Albers, Gertrud Arndt und Otti Berger. Aus der Töpferei, die nur in den Weimarer Jahren des Bauhauses bestand, sind Margarete Heymann-Loebenstein-Marks und Marguerite Friedlaender-Wildenhain vertreten. Mehrfachbegabungen, denen die Aufnahme in die Werkstätten für Druckgrafik, Wandmalerei oder Bildhauerei und Bühnenarbeit gelang, waren Ilse Fehling, Friedl Dicker und Lou Scheper-Berkenkamp. Mit den Werkstoffen Holz beschäftigte sich Alma Siedhoff-Buscher. Marianne Brandt leistete Hervorragendes in der Metallwerkstatt. Die Innenarchitektin Lilly Reich wurde 1932 als Leiterin von Ausbauabteilung und Weberei berufen. Das abschließende Kapitel schließlich ist den Fotografinnen und Chronistinnen des Bauhauses, Florence Henri, Grete Stern, Ise Gropius und Lucia Moholy, gewidmet.
Reichhaltiges Bildmaterial, darunter Fotos des Arbeitsumfelds und Abbildungen ihrer Werke, begleitet die Kurzbiografien. Dank zeitgenössischer Fotografien bleiben auch die Frauen selbst nicht “gesichtslos”. Lächelnd oder mit forschen Blick, in die Arbeit versunken oder ihre Werke präsentierend begegnen sie den Augen der Leserinnen und Leser. Originalzitate lassen ihre Persönlichkeit aufblitzen. Wer, neugierig geworden, mehr über eine der Frauen erfahren will, muss nach weiterführender Literatur nicht lange suchen. Sie ist gleich im Anschluss jedes biografischen Textes angeführt. Zeitgeschichtlicher Kontext und die am Bauhaus vorzufindenden Rahmenbedingungen werden in der Einleitung des Buches sowie in den sechs Kapiteln vorangestellten Texten vermittelt.
Den Autorinnen Ulrike Müller, Ingrid Radewaldt und Sandra Kemker ist mit dem Buch “Bauhaus-Frauen” ein wunderbares und zugleich wichtiges Buch gelungen. Nicht nur werden erstmals die Leistungen der am Bauhaus wirkenden Frauen gewürdigt, es bietet sich dadurch auch eine längst überfällige, neue Sichtweise auf die Geschichte einer avantgardistischen, stilprägenden Institution aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
© Ch. Ranseder
Bauhaus-Frauen - Meisterinnen in Kunst, Handwerk und Design
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Donnerstag, 28. Mai 2009

Ulrike Gropp
Deutsche Erfinder
Silberfuchs Verlag 2009, 1 CD, Laufzeit 76′, 15 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 940665 12 6
Deutsche Erfindungen - Das Erfinder-Hörbuch: Eine Entdeckungsreise in die Erfindenation Deutschland
Unheimlich beginnt diese Erfolgsgeschichte mit “Das Röntgenbild eines Schädels…” und mit Stimmen, Fakten, Geräuschen und Musik geht es die Ohren fesselnd quer durch den deutschen Erfindertraum. Max Foster (Dietmar Mues) bastelt an einer neuen Publikation. Ihm zur Seite steht Wissenschaftlerin Pia Blumenbach (Hannelore Hoger). In Dialogen und erläuternden Erzählungen (Holger Löwenberg) erschließen sich die deutschen Erfindungen.
Kindliche, völlig zweckfreie Entdeckerlust steht am Anfang des Forschens. Wissenschaft und Bildung sollten frei sei, und nicht völlig von zweckgebundenen Förderungen abhängen, denn Grundlagenforschung ist der Nährboden der Erfindung. Forschungsergebnis oder Erfindung? Egal, die Wirkung und vor allem deren Wirtschaftlichkeit zählen. Manche Erfindung geht auf die Beseitigung eines Ärgernisses zurück. Andere Erfindungen sind Verbesserungen von Vorhandenem, wieder anderes ist systematischer Forschungen zu verdanken oder als schlichtes Nebenprodukt erfunden worden. Egal, die Kombination guter Ideen zu einer funktionalen Einheit, die im besten Fall für den Schöpfer auch noch wirtschaftliche Vorteile bringt, schreibt Geschichte, die oft über deren erstes Ziel weit hinaus gehen. So ist Gutenberg mehr als nur ein Buchdrucker. Er schuf die Basis für das erste Massenmedium und damit die Basis für die Verbreitung von Ideen, Wissen und Bildung auf breiter Ebene.
Es ist eine Männerwelt in der sich die Frauen nur anstandshalber finden. Melitta und Herta haben sich mit ihren - durchaus bahnbrechenden - Küchenerfindungen von Kaffeefilter und Currywurst zumindest eine Erwähnung im Erfinderolymp gesichert. Auch Männer sind hungrig, wollen Kaffee und schließlich kann man mit beidem Geld, eigentlich sogar sehr viel Geld verdienen. Und trotz Dampfmaschine, Glühbirne, Dieselmotor und Atombombe ist die Deutsche Erfindergeschichte ein Beispiel für verschwendete Energie. Verschwendete Energie, weil die zündenden Ideen von Frauen, die sich nicht vornehmlich um die eine oder andere Aufrüstung drehen, von deren Männern eingesackt wurden. Frauen haben mehr geleistet als Erfinder zu gebären, aufzuziehen oder das Laborkaninchen abzulösen, wenn man zum Beispiel “nur” an Fallschirm und leichte Augengläser denkt. Vielleicht hätte der “verschwundene” Frauenanteil diesem durchaus angenehmen und informationsgeladenen Ohrenschmaus ab und an einen unangenehmeren Beiklang gegeben, aber sicher nicht mehr als jenen alltäglichen Beiklang über Misserfolge, Hindernisse und Neid, denen auch männliche Erfinder ausgesetzt sind.
“Made in Germany” war einst als Warnung gedacht und wurde doch zum Gütezeichen. Vom Buchdruck (um 1450) bis zum Scheinwerfer (2009) wurden internationale und nachhaltige Maßstäbe gesetzt. Ob die Currywurst ebenso wie Aspirin über Deutschland hinaus erfolgreich werden wird, ist auf jedenfall hörwürdig. Drei geniale Stimmen und zahlreiche Musik- sowie Textzitate halten durchgehend die Spannung aufrecht. Und auch die Optik kommt nicht zu kurz. In hoffnungsfrohen Grüntönen gehalten, besticht wieder die Grafik von Roswitha Rösch durch thematische Ausgewogenheit.
Hörprobe
© S. Strohschneider-Laue
Deutsche Erfindungen - Das Erfinder-Hörbuch: Eine Entdeckungsreise in die Erfindenation Deutschland
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Samstag, 09. Mai 2009

Irma Hildebrandt
Frauen setzen Akzente
Prägende Gestalten der Bundesrepublik
Diederichs 2009, 256 S., 12 Sw-Fotos.
ISBN 978 3 424 35003 6
Frauen setzen Akzente: Prägende Gestalten der Bundesrepublik
Irma Hildebrandt ist Frauenbiografin und das mit einem unglaublichen erzählerischem Talent. In ihrem neusten Werk widmet sie sich zwölf Frauen, die die ersten 60 Jahre der Bundesrepublik Deutschland entscheidend mitgeprägt haben. Die Auswahl zu treffen, ist ihr vermutlich nicht leicht gefallen; denn es gibt wesentlich mehr als nur zwölf Frauen, die zum Werden der Bundesrepublik entscheidend beigetragen haben. Umso erfreulicher ist es, dass Irma Hildebrand sich gerade für diese zwölf Persönlichkeiten entschieden hat. Die Frauen repräsentieren verschiedene Fachbereiche und Weltanschauungen, gebrochene und ungebrochene Lebensläufe, aber vor allem polarisieren sie in sehr differenzierter Weise.
Frauen wurde und wird es nicht leicht gemacht. Und einige sind - auch aus diesem Grund - einen kompromisslosen Weg gegangen, der blutig und unblutig zum persönlichen Scheitern verurteilt war. Trotzdem oder gerade deshalb prägten sie Zeitabschnitte des 60-jährigen Deutschlands durch ihre Aktionen und ihr Streben entscheidend. Es sind also nicht die inhaltsleeren Reichen und Schönen vertreten, die heute für die Medien so wichtig scheinen, sondern inhaltsorientierte Powerfrauen: Hannah Arendt, Hilde Domin, Hildegard Hamm-Brücher, Petra Kelly, Lore Lorentz, Ulrike Meinhof, Angela Merkel, Christine Nüsslein-Volhard, Gesine Schwan, Alice Schwarzer, Dorothee Sölle und Rita Süssmuth. Die ganze Bandbreite der intellektuellen Frauen, die Wissenschaft, Literatur, Philosophie, Theologie, Feminismus, Politik und zuweilen auch blanke Gewalt zu ihren Inhalten erklärten. Sie alle haben gemeinsam, in Deutschland entscheidende Akzente gesetzt zu haben.
Zitate und Schwarzweiß-Fotografien und zentrale Lebensaspekte leiten die jeweils rund 20-seitigen Essays ein. Und was folgt, ist Spannung pur. Zurückhaltend kommentiert, aber niemals unkritisch betrachtet, erzählt Irma Hildebrandt Lebensläufe, die Emigration und Rückkehr ebenso in sich vereinen wie Kritikfähigkeit und Toleranz oder ungebrochenen Kämpfergeist und Forscherdrang. Flexibilität wurde diesen Frauen im hohen Maße abverlangt, aber kaum eine der Unbeugsamen zeichnet sich wirklich durch diese - männlich eingeforderte - sogenannte weibliche Tugend aus. Nur im Porträt der Naturwissenschaftlerin Angela Merkel, die ab 2005 erste Bundeskanzlerin Deutschlands ist, wird sie betont. Aber die Bundeskanzlerin bezeichnete sich ja auch selbst als angepasst und nicht als Heldin.
Literatur- und Bildhinweise beschließen das überaus lesenswerte Buch über Frauen, die wahrhaft in Deutschland Akzente setzten und jene, die es weiterhin tun werden. Fantastisch, ich werde wohl einige Exemplare verschenken und eines davon auf jeden Fall meiner Mutter (*1931) .
© S. Strohschneider-Laue
Frauen setzen Akzente: Prägende Gestalten der Bundesrepublik
siehe auch:
Große Frauen (Diederichs): Porträts aus fünf Jahrhunderten
Bin halt ein zähes Luder: 15 Münchner Frauenporträts
Berühmte Münchnerinnen: 18 Frauenporträts
Provokationen zum Tee. Leipziger Frauenporträts.
Tun wir den nächsten Schritt. 18 Frankfurter Frauenporträts.
Zwischen Suppenküche und Salon. 22 Berlinerinnen.
Mutige Schweizerinnen. 18 Frauenporträts.
Immer gegen den Wind. 18 Hamburger Frauenporträts.
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Donnerstag, 09. April 2009

Eva Afuhs, Andreas Strobl (Hgg.)
Hermann Obrist Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900
Museum Bellerive, Staatliche Graphische Sammlung München
Scheidegger & Spiess 2009, Dt./Engl., 248 S., zahlr. Abb. ISBN
ISBN 978 3 85881 239 1
Hermann Obrist: Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900
Hermann Obrist (1862-1926) war ein Suchender. Vielseitig begabt und leicht zu langweilen, kam er über den Umweg der Naturwissenschaften zur Kunst. Vier “Visionen” brauchte es, bis der junge Hermann seine Berufung erkannte und sich ganz dem Kunstgewerbe verschrieb. Wie sein Werdegang verlief, erzählt der Künstler, der einst in München den deutschen Jugendstil maßgeblich formte, in der Autobiografie “Ein glückliches Leben”. Seine Erinnerungen bilden - durch Papier, Farbe und mittige Platzierung von den wissenschaftlichen Beiträgen abgehoben - das Herzstück des Buches “Hermann Obrist. Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900″.
Das künstlerische Schaffen von Hermann Obrist ist nur noch lückenhaft erhalten. Vieles kam nie über das Entwurfsstadium hinaus, ging verloren oder wurde im zweiten Weltkrieg zerstört. Nahezu das gesamte bildhauerische Werk sowie eine fotografische Dokumentation der Grabmäler und Brunnen befinden sich heute im Museum für Gestaltung, Zürich. Ein weiterer bedeutender Teil seines Nachlasses hat sich in der Staatlichen Graphischen Sammlung, München, erhalten. Das als gemeinsames Projekt der beiden Institutionen entstandene Buch “Hermann Obrist. Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900″ und die begleitende Ausstellung führen erstmals diese Teile des Nachlasses zusammen.
Unter welchen dramatischen Bedingungen Teile des Werkes von Hermann Obrist gerettet werden konnten, schildert der erste Beitrag des reich bebilderten Buches. Eva Afuhs und Andreas Strobl stellen in “Erste Grundlagen zu einem fragmentierten Werk” den Nachlass vor. Im Zuge dessen untersuchen sie sowohl die künstlerische Entwicklung des Bildhauers als auch die Rezeption und Bedeutung seines Werkes im Kontext des damaligen Kunstverständnisses. Hermann Obrist wollte neue Wege beschreiten. Er fand neue, originelle Ausdrucksformen und experimentierte als einer der Ersten mit den Materialien Plastilin und Zement. Als Inspirationsquelle für seine Plastiken, Textilien und Zeichnungen sammelte er Abbildungen aus Zeitschriften. Damit nahm er die “mood-boards” heutiger Designer vorweg. Wäre Hermann Obrist noch am Leben, könnte er vermutlich als Ausstatter von Fantasy-Filmen Erfolge feiern. Seine bildhauerischen Arbeiten wirken fantastisch-fremdartig, bisweilen sogar bedrohlich. Eva Afuhs und Andreas Strobl benutzen den treffenden Ausdruck “biomorph”. Obrist orientierte sich an der Natur, jedoch ohne sie zu kopieren. Er fing Bewegung und Wachstum als Ausdruck der inneren Kraft eines Organismus ein und verkörperlichte sie als Spirale oder Peitschenschlaglinie. Für ihn sollte Kunst das Gefühl des Lebens in übersteigerter Form erfahrbar machen.
Annika Waenerberg legt in “Lebenskraft als Leitfaden” dar, welche Faktoren sowohl Obrists Ringen nach einem einzigartigen persönlichen Stil als auch seine kunsttheoretischen Ideen beeinflusst haben. Die Erforschung der Wahrnehmung und der abstrakten Form beschäftigten den Künstler auch in seinen Zeichungen.
Stacy Hand geht in ihrem Beitrag “Feuer in Schwarzweiss” der Frage nach, welche Bedeutung Wahrnehmungspsychologie und naturwissenschaftliche Illustration für das Werk von Hermann Obrist hatten. Dieser widmete sich ja nicht nur der Praxis sondern auch der Theorie und Lehre. Als Mitbegründer der “Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk” dürfte er gut mit anderen Künstlern vernetzt gewesen sein.
Ingo Starz wirft in “Ornamental-Plastik” Licht auf den Dialog und die, anlässlich der Werkbundausstellung in Köln 1914 erfolgte, Zusammenarbeit mit Henry van de Velde.
Dass Hermann Obrist sich der Bedeutung seiner Grabmäler und Brunnen bewusst war, darf aus der qualitativ hervorragenden fotografischen Dokumentation der Werke geschlossen werden. Viola Weigel analysiert in “Hermann Obrist und die Fotografie” das im Nachlass erhaltene Konvolut von 49 Aufnahmen. Im Zuge dessen legt sie dar, wie der Blick durch das Objektiv die Wahrnehmung der Arbeiten und ihrer Platzierung im Raum beeinflusst.
Warum Obrist ausgerechnet der Gestaltung von Grabmälern besondere Aufmerksamkeit schenkte und welche Erfolge er mit seinen Werken verbuchen konnte, beschäftigt schließlich Hubertus Adam in “Symbolische Erinnerungen an die Natur”.
“Hermann Obrist. Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900″ ist die erste Monografie über den eigenwilligen Bildhauer, Textildesigner, Zeichner, Theoretiker und Lehrer. Die in deutscher und englischer Sprache wiedergegebenen Essays leisten einen bedeutenden Beitrag zur Erforschung des Gesamtwerkes von Hermann Obrist. Zu den hervorragenden Texten und der großzügigen Bebilderung gesellt sich für designbewusste LeserInnen ein zusätzlicher Bonus. Das Buch besticht mit einer edlen Gestaltung, die es wohltuend von der Masse der verfügbaren Kunstpublikationen abhebt. Mehr sei hier nicht verraten.
© Ch. Ranseder
Hermann Obrist: Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900
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Donnerstag, 09. April 2009

Katja Behling, Anke Manigold
Die Malweiber
Unerschrockene Künstlerinnen um 1900
Elisabeth Sandmann 2009, 152 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 938045 37 4
Die Malweiber - Unerschrockene Künstlerinnen um 1900
Im 19. Jahrhundert gab es zahllose Frauen, die als Künstlerinnen tätig waren. Sie nutzten die wenigen ihnen offen stehenden Ausbildungsmöglichkeiten, stellten aus, gewannen Preise, schlossen sich in Vereinen zusammen und verkauften ihre Werke. Nur in die offizielle Kunstgeschichte haben sie, bis auf wenige Ausnahmen, ihren Weg nicht gefunden. Je radikaler, fortschrittlicher und innovativer die von den Künstlerinnen entwickelte eigene Bildsprache war, desto größer die Ablehnung der zeitgenössischen männlichen Kunstkritiker. Der mutige Bruch mit den bestehenden Geschlechterrollen, die Überwindung äußerer und innerer Barrieren kostete die kunstschaffenden Frauen enorme Kraft. Nicht selten waren Anfeindung und Spott der einzige Lohn. Besser fuhren Künstlerinnen, deren Werke mit Attributen wie charmant, reizend etc. bedacht werden konnten. Solange ihre Lebensführung und ihr künstlerischer Ausdruck einigermaßen den gesellschaftlich zementierten Vorstellungen des Weiblichen entsprachen, wurde ihnen zumindest zu Lebzeiten die Anerkennung nicht verwehrt. Die Zeit überdauert haben auch viele ihrer Werke nicht.
Wahre Wertschätzung zeigt sich im Sammeln, Bewahren und lebendig halten der Erinnerung. Das Ausmaß dessen, was verloren ging oder vernichtet wurde, macht erst die Lektüre eines Buches wie “Die Malweiber” bewusst. So fragwürdig es auch scheinen mag, 45 Künstlerinnen auf mageren 127 Seiten zu präsentieren, ermöglicht es doch einen einzigartigen Vergleich der Biografien und Überlebensstrategien dieser Frauen. Malen konnte jede von ihnen ebenso gut wie ihre männlichen Kollegen. Der Preis, den sie für die Ausübung ihrer Profession zu zahlen hatten, war ungleich höher. Der Balanceakt zwischen ersehnter Freiheit zur künstlerischen Verwirklichung und der Erfüllung weiblicher Pflichten gelang nur wenigen. Ehemänner oder Lebensgefährten, die sich willig zeigten, ihr Ego hintanzustellen und ihre Frauen zu unterstützen waren die Ausnahme. Von jenen Künstlerinnen, die nicht allein oder mit einer anderen Frau zusammenlebten, gaben viele wegen der Familie ihre künstlerischen Ambitionen frühzeitig auf oder pausierten. Andere stellten sich in den Schatten ihrer berühmteren Männer und verschrieben sich der Pflege deren Nachlasses anstatt jener des eigenen Werkes. Ohne Menschen, die ihre Arbeiten schätzen, ohne Fürsprecher, Förderer und Nachlassverwalter liefen und laufen Künstlerinnen Gefahr, vergessen zu werden. Wer liebender Verwandter entbehrt und von den Torwächtern des Kunstbetriebes, den Kritikern, Wissenschaftlern, Kuratoren und Galeristen, totgeschwiegen wird, der verschwindet in der Versenkung. Die Ökonomie der Aufmerksamkeit ist keine Erscheinung des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Nur wessen Name in aller Munde ist, geradezu gebetsmühlenartig wiederholt wird, findet Aufnahme ins kulturelle Gedächtnis.
“Die Malweiber” leistet einen Beitrag, die Namen von Künstlerinnen in die Welt hinauszutragen und das Interesse für sie zu schüren. 45 Frauen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz wurden von Katja Behling und Anke Manigold für ihr Buch ausgewählt: Paula Moderson-Becker, Marie Bock, Clara Rilke-Westhoff, Louise Moderson-Breling, Katharina Bamberg, Elisabeth Büchsel, Antonie Biel, Clara Arnheim, Henni Lehmann, Anna Gerresheim, Elisabeth von Eiken, Anna Natalie Sinnhuber, Margarethe Sinnhuber, Helene Neumann, Alma del Banco, Anita Rée, Käte Lassen, Julie Wolfthorn, Augusta von Zitzewitz, Clara Siewert, Charlotte Berend-Corinth, Dora Hitz, Käthe Kollwitz, Ida Braubach, Mathilde Knoop-Spielhagen, Mathilde Battenberg, Viktoria von Preussen, Anna Klein, Maria Langer-Schöller, Emmi Walther, Paula Wimmer, Johanna Oppenheimer, Marianne Werefkin, Lolo von Hornstein, Waltraut Niepmann, Gabriele Münter, Sophie Taeuber-Arp, Clara von Rappard, Louise Breslau, Aloïse Corbaz, Bronica Koller, Tina Blau, Helene Funke, Marie-Louise von Motesiczky und Else Lasker-Schüler. Ihren knappen Biografien ist eine Einleitung, die sich mit den Ausbildungsbedingungen von Frauen im Kunstbetrieb und der Bedeutung von Künstlerkolonien auseinandersetzt, vorangestellt. Bestimmend für die Gliederung des Buches sind die Arbeitsorte der Künstlerinnen - sei es ländliche Künstlerkolonie oder Großstadt. Jeder wird kurz vorgestellt, doch leider beleben diese Texte nur Zitate von Männern, die sich überschwänglich zur Schönheit der Orte und ihren Besonderheiten äußern. Wäre es in einem Buch über Künstlerinnen nicht interessanter zu erfahren, wie es ihnen dort gefiel? Und so las ich “Die Malweiber” mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Lachend weil jede Publikation über Künstlerinnen zählt, weinend weil hier den einzelnen Persönlichkeiten so wenig Platz eingeräumt wird. Zwischen einer und vier Seiten sind die - Text, Foto der Künstlerin und Werkbeispiele umfassenden - Biografien lang. Oder sollte ich sagen: kurz? Die Möglichkeit zusätzliches Bildmaterial in der Einleitung und auf Schmuckseiten unterzubringen, wurde bedauerlicherweise nicht ausgeschöpft. Stattdessen finden Bilder zweimal Verwendung, Katharina Bambergs “Schafstall auf Hiddensee” ist sogar dreimal abgebildet.
Das Buch “Die Malweiber” ist Zusammenfassung und potentieller Ausgangspunkt zugleich. Paula Moderson-Becker und Käthe Kollwitz haben bereits Aufnahme in den “Kanon” der Kunstgeschichte gefunden. An ihnen kommt man nicht mehr so leicht vorbei. Einige der in dem Buch vorgestellten Malerinnen wurden in den letzten Jahren wiederentdeckt und mit Ausstellungen gewürdigt. All jenen, die bislang nur in Sammelbänden aufscheinen, wünsche ich eine Monografie, reich an Abbildungen und Originalzitaten. Damit auch ihre Stimme gehört wird.
© Ch. Ranseder
Die Malweiber - Unerschrockene Künstlerinnen um 1900
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Donnerstag, 02. April 2009

Ingke Brodersen, Rüdiger Dammann
Mahlzeit!
60 Jahre Deutschland - Eine kulinarische Zeitreise
Dumont 2009, 255 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8321 9503 8
Mahlzeit: 60 Jahre Deutschland - Eine kulinarische Zeitreise
Unter dem Motto “Gerichte schreiben Geschichte” enthüllen sehr g’schmackige Essays das Werden der beiden getrennten und wieder vereinten Nachkriegsdeutschlands. Anhand wichtiger gesellschaftspolitischer Stationen wird superspannend und superlässig das beste zeitgeschichtliche Antispeisenbuch, das je geschrieben, vorgelegt. Und spätestens nach der Lektüre beginnt man sich zu fragen: War Berlin oder etwa ganz Deutschland jemals das Gelbe vom Ei?
1949 (Kaugummi und Luftbrücke) bis 2008 (Arme Ritter oder Wir Steuersünder) wird Jahr für Jahr als eigenes Kapitel zwischen Kochtopf und Tatsachen serviert. Und zuweilen bleibt der Geschmack der Republik im Halse stecken - manchmal vor Lachen, manchmal ob des bitteren Beigeschmacks und manchmal auch weil es einfach noch immer zum Kotzen ist. Was auf den Tisch kommt, ist ein gesellschaftlicher (Hanswurst-)Spiegel. Was nicht auf den Tisch kommt - und die Folgen davon - ebenso.
Und viele Gerichte polarisieren tatsächlich bis heute ganze Nationen bis hin zur familiären Keimzelle des Staates: Döner contra Currywurst, Müsli contra Bauernfrühstück und nicht zuletzt in meiner eigenen deutsch-österreichischen Mischfamilie Wienerschnitzel (Variante Deutschland mit saftiger Sauce) contra Wienerschnitzel (Variante Österreich mit trockener knuspriger Panier) oder Königsberger Klopse contra “alles außer Königsberger Klopse”. Und natürlich habe ich meine Lebensstationen nachgeschlagen! Danke Ingke Brodersen und Rüdiger Dammann für den Nudelsalat. Ich denke mit Schaudern an jene Parties, wo jeder eine andere schale Variation zum (Miss-)Erfolg beigesteuert hat. Aber leider ist die Feststellung, dass Nudelsalat kein 80er Revival miterleben würde, nicht zutreffend. Denn bei meinem 20jährigen Abitreffen war das keine Erinnerung an alte Zeiten, sondern nackte gegenwärtige Tatsache. Manches stirbt eben nie aus. Und warum manche an dem Zauberwürfel verzweifelt sind, war mir schon damals ein Rätsel. Kräftig auseinandernehmen und leichthändig neu zusammenstecken lautet bis heute meine Devise. Aber vielleicht serviere ich als geborene Auseinandernehmerin schon deshalb keinen Nudelsalat, weil man das Zeug drehen und wenden kann ohne je “zu Potte zu kommen”.
Wer wissen will, was die ehrliche Blutwurst und Bildzeitung, unverdauliche zähe Senfeier mit Franz Josef Strauß, Ravioli aus der Dose und Emanzipation, dreitägige Brötchen und Rosmarie Nitribitt oder Wiener Schnitzel (siehe oben) und EU gemeinsam haben oder warum ausgerechnet die Banane zur Frucht der Einheit wurde, muss dieses deutsche *****Menü bis zur letzten Seite genießen. Die beste deutsch-deutsche politische Meisterküche, die je auf dem Büchertisch gestellt wurde, vor allem weil es ja nicht immer Kaviar sein muss.
“Mahlzeit!” serviert die erlesenste polit-literarische Deutschlandbetrachtung, die in den letzten Jahren geschrieben wurde. Mit viel Augenzwinkern und noch mehr Verstand wird auf den Punkt gebracht, was im Westen heiß gekocht oder im Osten eiskalt serviert wurde. Ein Prosit nach der gewaltigen “Mahlzeit!” noch auf den “Sous Chef de Cuisine” Peter Mathews und das appetitliche Arrangement von Kurt Blank-Markard.
Leider muss ich jetzt mit dem Schreiben aufhören, obwohl ich über das Buch stundenlang - was mir leider viel zu selten passiert - schriftlich auslassen könnte. Ich muss nämlich unbedingt mein zerfleddertes Exemplar noch einmal von vorne bis hinten und von der Mitte seitlich genießen. Zwei neue “Mahlzeit(en)!” für meine Eltern muss ich auch noch kaufen. Für jeden eine, damit es keinen familiären Osterunfrieden gibt und plötzlich eine Mauer durch das Haus gezogen wird. Und diese “Mahlzeit!” passt doch gar so schön für das bunte Eier- und Hasenfest mit dem Deutschen Spiegelei am Cover, Senfeiern in der Mitte und dem letzten alten Brotkanten für den Armen Ritter am Ende.
Eine echte Pflichtlektüre für Deutsche und solche, die die Deutschen besser verstehen wollen!
© S. Strohschneider-Laue
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