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Liebe zwischen den Seiten - Kleist

Donnerstag, 26. Februar 2009

Notiz

Kleist kam zu erst

Kleist der Hund © S. Strohschneider-Laue

Bücher sind Freunde, gehören zur Familie. In meine Familie kam in den späten 70ern des letzten Jahrhunderts folgendes in lindgrünes Leinen gebundenes Buch:

Heinrich von Kleist’s
sämtliche Werke
in zwei Bänden

Herausgegeben
von
Eduard Grisebach
Erster Band
Mit einem Bildnis Kleist’s
——————–
Leipzig
Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
(Das Vorwort des Herausgebers wurde  im Oktober1883 in St. Petersburg verfasst.)

Ich kaufte das Buch gemeinsam mit einer tollen, uralten Ausgabe von Schillers Werken in einem Berliner Antiquariat, irgendwo auf dem Weg zwischen Jugendherberge und Ku’damm. Von meinem Taschengeld investierte ich damals 5 D-Mark und fand sie besser angelegt als alles andere, das ich mir während der Klassenfahrt nach Berlin hätte gönnen können.

Tatsächlich enthält das Buch dem Titel gegenübergesetzt ein Bildnis “Kleist’s”. Des Literaten Kleist, der die Werke, die darin abgedruckt sind, verfasst hat. Aber der wahre Kleist dieses Buches ist er trotzdem nicht. Den wahren Kleist fand ich auf den letzten Seiten, was übrigens ein echter Beweis ist, dass ich alle 459 Seiten tatsächlich gelesen habe, weil der wahre Kleist nämlich dort feststeckte. Kleist hat alle diese Jahre in diesem Buch verbracht und ist nie herausgefallen. Kleist wartete geduldig bis ich ihn abholte und ihn vor mehr als 30 Jahren in die Familie aufnahm.

Kleist ist das Foto eines goldigen Hundes. Er sitzt auf einem Stuhl. An seiner linken Seite befindet sich ein Tisch und darauf eine Kaffeetasse. Im Hintergrund ist die Lehne einer hölzernen Sitzbank (?) zu sehen. An der Wand hängen eine Uhr (?) und ein mit Blumenranken und Spruch besticktes Tuch. Kleist ist aufmerksam. Seine Aufmerksamkeit gilt aber nicht dem Fotografen, der rechts vor ihm hockt. Kleist starrt nach oben, wo vermutlich ein Leckerli irgendwo außerhalb des Bildausschnittes auf ihn wartet. Kleist ist ein Spida bzw. Daspi, die lebendig gewordene Liebe zwischen einem Dackel und einem Spitz.

Kleist wurde geliebt. Er wurde gebürstet, war stolzer Träger einer Hundemarke und Kleist durfte auf die Möbel springen. Man hat also Geduld, Zeit, Geld (Halsband, Hundemarke und Fotografie beweisen das) und Zuneigung in ihn investiert. Und jetzt, nachdem Kleist schon lange verblichen ist, darf er noch immer auf dem Stuhl sitzen, sich auf das Leckerli freuen. Regelmäßig wird er von mir aus seiner Kleistausgabe an die frische Luft und jetzt sogar in seiner ganzen virtuellen Realität in das Web entlassen. Dann freut sich Kleist, weil ich keine Ahnung von ihm habe. Ich kann sein hohes Kläffen förmlich hören, ich kann sehen wie er wedelnd um mich herumspringt und dann ein ganz braves Männchen macht, um das Leckerli von mir zu bekommen.

Und ich frage mich, hat er Else gehört, die das Buch 1928 gewidmet bekam?

Unserer lieben Else,
zur freundlichen
Erinnerung.
Ernst u. Erna Hertzberg
Wilmersdorf im August 1928

Und ich frage mich, wer waren Else, Ernst und Erna?

© S. Strohschneider-Laue

Siehe auch 
Michael Yerry/Terry Ramirez Jr. 
Loving Memory 
Kriegsbriefe 
Die Fotos der Rosi Z.

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Prinzip Monochrom

Sonntag, 22. Februar 2009

Non-Fiction

Monika Kopplin (Hg.)
Prinzip Monochrom
Lack und Keramik der Song- und Qing-Zeit
Hirmer 2008, Dt./Engl., 188 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 7774 7055 9

Prinzip Monochrom Prinzip Monochrom: Lack und Keramik der Song- und Qing-Zeit

Die in “Prinzip Monochrom” präsentierten Lack- und Keramikobjekte wirken so frisch, innovativ und modern als hätte sie ein trendiges Designstudio des 21. Jahrhunderts entworfen. Dass sie mehrere hundert Jahre alt sind und großteils aus archäologischen Ausgrabungen stammen, sieht man ihnen auf den ersten Blick nicht an. Doch sie wurden zum überwiegenden Teil in der Song-Zeit (960-1279 n. Chr.) von begnadeten chinesischen Handwerkern für die damalige gesellschaftliche Elite geschaffen. Die atemberaubend schönen Gefäße spiegeln den verfeinerten Geschmack der Song-zeitlichen Oberschicht, die sich lieber mit Kunst- und Kultur als mit der Kriegsführung beschäftigte. Die Song-Dynastie setzte in ihrer Außenpolitik auf Friedensverträge. Da durch Tributzahlungen weniger Gold und Silber im Umlauf waren, mussten neue Statussymbole gefunden, neue Werte definiert werden. Lack- und Keramikkunst eigneten sich - gemeinsam mit der Teezeremonie - hervorragend, um kultivierten Geschmack und Gelehrsamkeit zur Schau zu stellen.

Hochwertige, großformatige Fotografien rücken in “Prinzip Monochrom” die noch immer begehrenswerten Lack- und Keramikarbeiten ins rechte Licht. Beim Blättern in dem reich bebilderten Buch ist nicht zu übersehen, dass die Natur den Song-zeitlichen Handwerkern eine Quelle der Freude und Inspiration war. Blüten, denen auch eine symbolische Bedeutung beigemessen wurde, standen Pate für anmutige Teller, Schalen, Schalenständer und Dosen. Die Ausgewogenheit der schlichten Formen und die technische Perfektion der exquisiten Oberflächengestaltungen verleihen den Produkten eine außergewöhnliche Eleganz und Zeitlosigkeit. Jahrhunderte nach dem Untergang der Song-Dynastie kam es in der Qing-Zeit zu einem Wiederaufleben der Wertschätzung monochromer Lacke und Keramiken. Formen und Glasuren der Song-Zeit wurden nachgeahmt. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts beflügelten technische Neuerungen kreative Handwerker jedoch auch zu eigenständigen Schöpfungen im Geiste des Altertums, die an Schönheit den Song-zeitlichen Werken ebenbürtig sind.

“Prinzip Monochrom” - ein gemeinsames Buchprojekt von Museum für Lackkunst, Münster, und Fondation Baur, Genf - erfreut durch eine perfekte Balance von attraktivem Bildteil und exzellenten Texten. Die Bandbreite der angeschnittenen Themen ist groß:
Dieter Kuhn vermittelt in “Die gesellschaftlichen Hintergründe für die Blüte monochromer Lacke und Keramiken in der Song-Zeit” die Grundlagen zum Verständnis der Song-zeitlichen Kunst. Dabei spannt er den Bogen von der Vorstellung des politischen und gesellschaftlichen Gefüges über die Kunst und Kultur favorisierende Geisteshaltung bis zum Lebensstil und den ästhetischen Vorlieben der herrschenden Elite.
Patricia Frick stellt in “Leichte Formen, stille Farben - die Vollendung Song-zeitlicher Lackkunst” die Techniken, in der die monochromen - zum Teil mit Aufschriften und Goldverzierungen versehenen - Lackobjekte gefertigt wurden, vor und weist auf die enge Wechselwirkung mit der Keramik hin.
Monique Crick befasst sich in “Schlichtheit, Eleganz und technische Perfektion - die Keramik der Song-Zeit” eingehend mit der Keramikherstellung und der künstlerischen Vielfalt der Warenarten.
Patricia Frick zeigt in “Formenreichtum - die Entdeckung der Schönheit der Natur” wie sehr die Keramiken und Lacke der Song-Zeit von der Natur inspiriert sind und welche symbolische Bedeutung den Formen innewohnt.
Soon-Chim Jung erzählt in ” Bedeutung und Einfluss der Song-zeitlichen Teekultur” von der Zubereitung und dem Genuss des Tees, dem mit der Wahl der richtigen Teeschale verbundenen Vergnügen und der Rolle des Teetrinkens im gesellschaftlichen Leben.
Monika Kopplin schildert in “Kaiserliche Chrysanthemen - eine Gruppe monochrom roter Lacke und ihrer Porzellanimitationen aus der Ära Quianlong” das vom Kaiserhaus ausgehende Bestreben im 18. Jahrhundert die Formen und ästhetischen Ideale der Song-Zeit wieder aufleben zu lassen.
Monique Crick widmet sich in “Die Wiederbelebung der monochromen Glasur unter der Quing-Dynastie” der mit den ausklingenden 18. Jahrhundert endenden letzten Blüte der monochromen Keramik, wobei sie den technischen Aspekten besondere Beachtung schenkt.
Ein ausführliches Glossar und ein Literaturverzeichnis runden schließlich die umfassende Darstellung der monochromen Lack- und Keramikproduktion in der Song- und Qing-Zeit ab.

“Prinzip Monochrom” ist ein bedeutender Beitrag zur Erforschung der chinesischen Handwerkskunst und gleichzeitig von der ersten bis zur letzten Seite ein intellektueller und optischer Genuss.

© Ch. Ranseder

Prinzip Monochrom: Lack und Keramik der Song- und Qing-Zeit

siehe auch:
Im Zeichen des Drachen. Von der Schönheit chinesischer Lacke
Japanische Lacke, die Sammlung der Königin Marie-Antoinette
Japanische Lackkunst der Gegenwart. Funktion und Design, Tradition und Modernität am Beispiel Kyotoer Lackmeister (Ausstellungskatalog (zweisprachig) Deutsch / Englisch)
Russische Lackkunst aus zwei Jahrhunderten
Lacke des Barock und Rokoko. Baroque and Rococo Lacquers

Sichuan Restaurant Wien

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Tagebuch eines Wombat

Sonntag, 22. Februar 2009

ab acht

Jackie French, Bruce Whatley
Tagebuch eines Wombat
Gerstenberg 2009, Mini-Ausgabe 32 S., zahlr. Farbbb.
ISBN 978 3 8369 5240 8

Tagebuch eines Wombat  Tagebuch eines Wombat. Mini-Ausgabe

Sie ist knubbelig, hat kleine Äuglein und ein zufriedenes Grinsen. Kein Wunder, die Wombatdame, die in “Tagebuch eines Wombats” eine Woche lang aus ihrem Leben berichtet, lässt es sich gut gehen. Die meiste Zeit verbringt sie schlafend. Wenn sie hungrig ist, fordert sie Karotten oder Haferflocken - und wehe, sie bekommt nicht, was sie will. Selbstbewusst und frech dressiert der schlaue Wombat ihre Menschen. Ähnliche Erziehungsmaßnahmen kenne ich eigentlich nur von Katzen. Die nagen zwar nichts an, beharren aber ebenso konsequent auf die Erfüllung ihrer Wünsche. Dazu sind die Menschen ja schließlich da - oder? Ganz ehrlich, säße diese Wombatdame in meinem Garten, hätte sie mich auch herumgekriegt ihr Karotten zu spendieren. Das dralle Tierchen ist einfach umwerfend niedlich.

Der australischen Autorin Jackie French ist mit “Tagebuch eines Wombats” ein bezauberndes Kinderbuch gelungen. Ihre jahrelange Erfahrung im Umgang mit Wombats ist dem flotten Text, der mit wenigen Worten die Persönlichkeit der Wombatdame vermittelt, anzumerken. Ebenso humorvoll wie die Geschichte sind die entzückenden Zeichnungen von Bruce Whatley. Sein possierlicher Wombat mit dem abgeklärten Blick muss man einfach ins Herz schließen.

© Ch. Ranseder

Tagebuch eines Wombat. Mini-Ausgabe

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Basel: 50 000 Jahre

Donnerstag, 19. Februar 2009

Non-Fiction

Guido Lassau
Zeitreisen durch 50 000 Jahre Basel
Christoph Merian 2009, Dt./Engl., 72 S., 22 farbige Abb.
ISBN 978 3 85616 466 9

Zeitreise Basel Zeitreisen durch 50000 Jahre Basel

Guido Lassau, Kantonsarchäologe von Basel, macht mit prägnanten Texten und Fotos Lust auf archäologische Entdeckungstouren in Basel. Von der Altsteinzeit bis ins Spätmittelalter führt seine Zeitreise.

Elf Fundorte, die repräsentativ für ihren Epoche oder Zeitabschnitt sind, werden in Wort und Bild vorgestellt. Die kurzen Abrisse führen auch archäologische Neulinge sprachlich leicht fassbar und fesselnd in die für die jeweilige Zeit kennzeichnenden Situationen wie Umwelt, Lebensweise, technische Entwicklungen oder soziale Strukturen ein. Verweise auf die Häufigkeit, Verteilung oder Weiterentwicklung der Fundstellen verschaffen eine guten Eindruck der Besiedlungsgeschichte Basels. Eine Besiedlungsgeschichte, die mit den ersten Begehungen durch die noch nicht sesshaften Neandertalern der Altsteinzeit ihren Anfang nimmt und bis zu den städtischen Strukturen im Mittelalter reicht.

Anschaulich illustriert werden die Texte durch die Gegenüberstellung von digitaler Rekonstruktion der Vergangenheit und aktuellem Foto des Fundortes. Für die exzeptionellen Rekonstruktionen, die den Fotos der Fundorte maßstäblich entsprechen, zeichnet Digitale Archäologie verantwortlich. Der Umschlag des Buches ist abnehmbar und entpuppt sich beim Aufklappen als Luftbild von Basel. Die im Buch beschriebenen Fundorte sind auf dieser fotografischen Übersichtskarte verortet und leicht auffindbar.

Ein idealer Reisbegleiter sowohl für archäologisch Interessierte als auch für Schulen in Basel und Umgebung - für letztere ein eindeutiges “Muss”. Ein weiteres gelungenes Produkt der Archäologischen Bodenforschung Basel-Stadt und definitiv beispielgebend für alle Elfenbeintürmler in vergleichbaren Institutionen.

© S. Strohschneider-Laue

Zeitreisen durch 50000 Jahre Basel

siehe auch:
Auf dem Basler Münsterhügel  -  Rezension

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Albertina: Fotografie und das Unsichtbare

Donnerstag, 19. Februar 2009

Non-Fiction

Corey Keller (Hg.)
Fotografie und das Unsichtbare
Brandstätter 2009, Dt, Engl., 216 S., ca. 200 Abb.
ISBN 978 3 8503 3271 2

Albertina: Fotografie und das Unsichtbare Fotografie und das Unsichtbare 1840-1900

Von 11. Februar bis 24. Mai ‘09 wird in der Albertina eine Ausstellung des SFMOMA gezeigt.

Die Zeit als sich Wissenschaft und Kunst in der Fotografie trafen, steht im Mittelpunkt von Ausstellung und Publikation. Unsichtbare, kleine, entfernte und bewegte Bildwelten taten sich damals vor dem staunenden Publikum auf. Trotz der heutigen Möglichkeiten und Erkenntnisse übendiese Fotos eine bis heute ungebrochene Faszination aus. Fotografie im Dienste der Wissenschaft verwandelt für das menschliche Auge Unsichtbares in Sichtbares. Die Ausstellung in der Albertina steht mit dem Katalog und fällt ohne ihn. Der Mehrwert für BesucherInnen liegt in Authentizität und Nähe zum Original(-abzug), während der Mehrwert für LeserInnen in der Aufbereitung des komplexen Inhalts sowie Bildmaterial liegt. 

Corey Keller - Kuratorin für Fotografie am SFMOMA -  betrachtet mit “Abbilder des Unsichtbaren” das an wissenschaftlichen Entdeckungen und industriellen Neuerungen reiche 19. Jahrhundert mit den Augen der Fotografen und des staunenden Publikums. Zugleich verweist sie auf die Schnittstelle von Wissenschaft und Kunst. Der Artikel trägt maßgeblich zum Verständnis der Wissenschaftsfotografie in ihrer historischen Entwicklung bis zur Jahrhundertwende - und darüber hinaus - bei und regt zur weiteren Beschäftigung mit dem Thema an.

“Die gesellschaftliche Prägung des fotografischen Blicks” stellt Jennifer Tucker in ihrem Essay vor. Amateure im Dienste der Wissenschaft und die damit voranschreitende Professionalisierung der beinahe schon massentauglichen Fotografie vor. Der gesellschaftliche Kontext in dem Wissenschaft und Fotografie sich damals bewegten, kann von Tucker natürlich nur angerissen werden, spannend ist es aber trotzdem. Es ist nteressant und spannend, wenn man bereit ist, auf der gebotenen Basis weitere Schlüsse zu ziehen. Es wird zwar nicht deutlich angesprochen, aber unterschwellig schwingt im Beitrag mit, dass Amateure nicht nur mehr, sondern sicher auch billiger waren als - wenn schon nicht gut, so dennoch bezahlte - Spezialisten. Und dass das Betätigungsfeld von reiner Wissenschaft auf den Spiritualismus (Geisterfotografie) ausgeweitet wurde, ist m. E. nicht verwunderlich. Mit der Dummheit der Menschen ist - abgesehen von der Pornographie - noch immer das meiste Geld zu machen. Von der Ehre der Forschung zu dienen, konnten auch im 19. Jahrhundert Fotograf nicht leben. Dasselbe gilt für die Suche nach der breiten Öffentlichkeit der Wissenschafter, deren Anliegen siche rnicht Volksbildung war. Klappern gehört zum Handwerk und ohne Öffentlichkeit gibt es bis heute keine Forschungsgelder.

Als die Fotografie die Natur entdeckte, wurden unsichtbare Welten mit sichtbaren Medien kombiniert. Tom Gunning widmet sich den Röntgenbildern, der Chronofotografie und den Geisterfotos. Die Albertina zitiert zu den Chronofotografien Josef Maria Eder (1886) Möglich auch, dass der Künstler in Zukunft manche gewagte Stellung einer Momentfotografie wiedergeben darf, welche man jetzt nicht goutieren will. Ein wahrhaft prophetischer Ausspruch in Anbetracht der ausgestellten “Bewegungsstudie” von Eadweard Muybridge vom “Verhauen eines Kindes”, deren wissenschaftlicher Anspruch vermutlich hinter den Verkaufsoptionen blieb. Während bei den Geisterbildern deutlich wird, dass man von der wissenschaftlichen Authentizität der Fotografie so überzeugt war, dass alles Abgebildete real sein musste. Der Widerstand von Wissenschaft und der Kirchenvertreter führte zur Verfolgung von Betrügern, die man heute eher als Verkaufstalente, Fakegenies und Künstler, denn Betrüger in ihrer Zunft ansehen sollte.

“Die wissenschaftliche Fotografie bei Josef Maria Eder” unterzieht Maren Gröning - Kuratorin der Fotosammlung  der Albertina - einer genauen Betrachtung. Wenn ihrem Beitrag auch die sprachliche Leichtigkeit fehlt, so ist der Inhalt um so spannender und ein Stück typisch österreichische (Wissenschafts-)Geschichte. Der Österreicher Josef Maria Eder (1855-1944) war Fotochemiker und Initiator der K.k. Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie und Reproduktionsverfahren. Seine persönlichen Netzwerke trugen maßgeblich zum Erfolg seines Instituts und dem Aufbau einer bedeutenden Sammlung bei, an die nach seiner Pensionierung niemand angeknüpft konnte. Der fotografische Teil - inklusive Apparate - wurde der Albertina 2000 als Dauerleihgabe übergeben und befindet sich seither in Aufarbeitung.

Der umfangreiche Tafelteil gliedert sich in: Das Mikroskop, das Teleskop, Bewegungsstudien, Elektrizität und Magnetismus, Röntgenstrahlen, Geisterfotografie, Farbfotografie. Die Einführungen in die einzelnen Themenbereiche stammen von Marie-Sophie Corcy, Maren Gröning, Corey Keller, Erin O’Toole und Carole Troufléau-Sandrin.

Technisches Glossar, Verzeichnis der Werke, Bildnachweis und ausgewählte Literatur runden einen ebenso attraktiven wie überaus spannenden Band zur Entwicklung der Wissenschaftsfotografie ab. Ein unverzichtbarer Katalog für alle, die sich für Fotografie interessieren. Dass der wissenschaftliche Kontext zentrales Anliegen ist, macht einen größeren Reiz aus als man zunächst annehmen möchte.

© S. Strohschneider-Laue

Fotografie und das Unsichtbare 1840-1900

Siehe auch:
Facts - Tatsachen: Fotografien des 19. und 20. Jahrhundert aus der Sammlung Agfa Foto-Historama im Museum Ludwig Köln
Foto-Essays: Zur Geschichte und Theorie der Fotografie
Eder, Josef Maria (Hrsg.) und Eduard Kuchinka: Jahrbuch für Photographie, Kinematographie und Reproduktionsverfahren für die Jahre 1921-1927.

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Albertina: Gerhard Richter

Sonntag, 15. Februar 2009

Non-Fiction

Klaus Albrecht Schröder, Barbara Steffen
Gerhard Richter. Aquarelle und Zeichnungen
Hatje-Cantz 2009, Dt, Engl., 176 S., 124 farbige Abb.
ISBN 978 3 7757 2347 3

Gerhard Richter Gerhard Richter: Aquarelle und Zeichnungen

Von 30. Januar bis 3. Mai ‘09 werden in der Albertina 150 Werke von Gerhard Richter gezeigt. Das vielschichtige Œuvre wird durch Gemälde, Zeichnungen und Aquarelle, die zwischen 1963 und 2007 entstanden, repräsentiert. Das breite Spektrum der angewandten Techniken, stehen die Motive gegenüber, die auch private Erinnerungsorte des Künstlers zeigen.

Gerhard Richter (*1932, Dresden) begann seinen künstlerischen Werdegang als Schriften-, Bühnen- und Werbemaler bevor er an der Kunstakademie Dresden Aufnahme fand. 1961 floh er nach Westdeutschland und setzte sein Studium an der Kunstakademie Düsseldorf fort. 1971 bis 1993 übernahm er dort die Professur für Malerei. Von Konrad Lueg und Gerhard Richter wurde der “Kapitalistische Realismus”, der den “Sozialistischen Realismus” ironisierte, begründet. Kennzeichnend für sein Werk ist es nicht festgelegt zu sein. Abrupte Stilwechsel, permanente Stilbrüche, frei von Anliegen und subjektiver Befindlichkeit kennzeichnen seine Vorstellung vom offenen Werkbegriff.

Der bei Hatje Cantz in überragender Qualität erschienene Katalog “Aquarelle und Zeichnungen” widmet sich den weniger bekannten Arbeiten auf Papier. Im breiten Schaffen Richters nehmen diese Werke einen vergleichsweise kleinen Raum ein. Seine ersten Papierarbeiten entstanden 1964, einen Höhepunkt kann in den 80ern verzeichnet werden. Die letzten Blätter stammen von 1999. Nicht nur um auf dem letzten “Gerhard Richter” Stand zu sein, kann man auf diesen Katalog nicht verzichten. Der Katalog ist ein Muss, um sich nichts aus dem breiten Spektrum von Gerhard Richter zu übersehen.

Barbara Steffen ist die tragende Autorin von “Gerhard Richter. Aquarelle und Zeichnungen”. Sie stellt in dem exzellent aufgebauten Essay einen knappen biografischen Abriss voran. Beginnend mit den Aquarellen folgt eine minutiöse Betrachtung Richters Arbeitsweise, die sich auch hier nicht an die engstreckten Vorgaben nur eines Mediums halten. Die Rolle des Zufalls und mögliche Querbeziehungen werden ebenso analysiert wie Ölarbeiten auf Papier. Im letzten Teil widmet sie sich Richters Zeichnungen, die sie in figurative Zeichnungen, Zeichnungen mit Tusche und die abstrakten Zeichnungen der 1990er Jahren trennt. Der umfassende Bild (1966 - 2006) und Katalogteil wird durch Biografie, Ausstellungen, Bibliografie und dem Fotonachweis abgerundet.

Die grafische Gestaltung des Bandes ist durch sein attraktives und zugleich zurückhaltendes Layout mit ausreichend Weißraum ein Lichtblick in der Katalogwelt und soll deshalb zuletzt auch erwähnt sein.

© S. Strohschneider-Laue

Gerhard Richter: Aquarelle und Zeichnungen
Gerhard Richter: Bilder aus privaten Sammlungen
Gerhard Richter: Übermalte Fotografien
Gerhard Richter: Abstrakte Bilder
Die Porträts von Gerhard Richter

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Kulinaria: Martin Luther

Donnerstag, 12. Februar 2009

Non-Fiction

Alexandra Dapper
Zu Tisch bei Martin Luther
Theiss 2008, 134 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 8062 2253 1

Zu Tisch bei Martin Luther Zu Tisch bei Martin Luther

“Spatzen sind sehr delikate Vögel. Es ist ein gutes Gericht von den Spatzen, denn sie essen nichts Unreines …” fand Martin Luther (1483-1546). Der große Reformator liebte Hausmannskost. Und zu dieser zählten an der Wende vom Spätmittelalter zur Neuzeit auch kleine Wildvögel.

Was tatsächlich in Luthers Elternhaus zu leckeren Speisen verarbeitet wurde, gibt das Buch “Zu Tisch bei Martin Luther” preis. Archäologen legten in Mansfeld auf jenem Grundstück, das einst Hans und Margarethe Luder gehörte, eine tiefe Grube frei, die um 1500 in einem Zug zugeschüttet worden war. In ihrer Verfüllung fanden die Ausgräber neben Geschirr und Münzen auch Pflanzenreste und Tierknochen. Die sterblichen Überreste von Spatzen waren zwar nicht darunter, doch konnten Buchfink, Rotkehlchen, Goldammer, Dorngrasmücke, Rotschwänzchen und Singdrossel nachgewiesen werden. Sogar eine Lockpfeife wurde in der Abfallgrube entsorgt. Martin Luther durfte sich wohl schon in Jugendjahren öfter an Gerichten aus “klainen walt vogelein” erfreuen.

Alexandra Dapper nimmt den Haushaltsabfall der Familie Luther als Ausgangsbasis für eine vergnügliche kulinarische Reise. Sie beschreibt die Ausstattung einer Küche um 1500, analysiert die einzelnen Nahrungsmittel und weckt mit Beschreibungen der verschiedenen Zubereitungsarten den Appetit der LeserInnen. Die Aufbewahrung und Konservierung der leicht verderblichen Lebensmittel waren ebenso wie das richtige Würzen eine hohe Kunst. Bei der Erstellung des Speiseplans mussten zahlreiche Regeln befolgt werden. Möglichkeiten, die soziale Stellung eines Haushaltes kulinarisch zu demonstrieren gab es dennoch genug - nicht zuletzt durch die Ausstattung der Tafel und der Befolgung der “Tischzuchten”. Trotz der Themenvielfalt verliert die Autorin nie den Bezug zu den Funden aus der Lutherschen Abfallgrube. LeserInnen übrigens auch nicht, denn was in der Grube gefunden wurde, ist im Fließtext rot gesetzt. Attraktives historisches Bildmaterial und stimmungsvolle Fundfotos ergänzen den akribisch recherchierten Text optimal.

Der zweite Teil von “Zu Tisch bei Martin Luther” wird das Herz all jener, die beim Kochen gerne experimentieren, höher schlagen lassen. 42 Rezepte führen vom Schlachtmonat November bis zum Weinmonat Oktober durch ein fiktives kulinarisches Jahr in Luthers Elternhaus. Abermals dienen die bei der Ausgrabung gefundenen Speisereste als Ausgangspunkt. Passende mittelalterliche Rezepte werden in moderne Kochanleitungen verwandelt, die kulinarische Genüsse verheißen. Eilig haben, darf man es bei der Zubereitung allerdings nicht. Leckereien wie “Wiederbefüllte Aalhaut in Weinsoße” brauchen ihre Zeit. Wer lieber schaut als kocht, kann sich im Rezeptteil an den wunderbaren Stillleben-Fotos erfreuen - sie sind ein wahrer Augenschmaus.

“Zu Tisch bei Martin Luther” ist ein ergötzliches, auch grafisch attraktiv gestaltetes Buch, das ein lebendiges Bild der kulinarischen Freuden um 1500 zeichnet.

© Ch. Ranseder

Zu Tisch bei Martin Luther

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Gastmahl | Ama/Koch/zon/e

Hunger auf Kunst und Kultur

Dienstag, 10. Februar 2009

Notiz

Ist Armut (un)sichtbar?

Sieht man reichen Leuten ihr Geld an? Nicht unbedingt! Es hängt von der Lebensphilosophie ab. Nicht alle Menschen erfüllen die an sie gerichteten Erwartungshaltungen hinsichtlich ihres Erscheinungsbildes. Nicht alle Superstars laufen ständig im Glamourlook herum, nicht alle erfolgreichen Banker gehen in karierten Knickerbockern Golf spielen, nicht alle betuchten Österreicher tragen Steireranzüge und nicht alle Promifrauen tragen Etikettenmuster.

Also ich persönlich kenne einige reiche Leute, darunter mehrfache Euro-Millionäre, die Handstrickpullis von ihrer Mutter bevorzugen, grundsätzlich am Flohmarkt ihre Ledersachen kaufen und niemals Werbung - außer in eigener Sache - auf Bekleidung oder Accessoires herumtragen würden. Diese Gruppe wird ständig falsch eingeschätzt, was unter anderem einen Teil ihres Erfolges ausmacht.

Andererseits kenne ich bedeutend mehr Leute, die überhaupt nicht mit ihrem Geld auskommen. Nicht nur, weil sie wenig Einkommen haben mit dem es wirklich schwer ist ein Auskommen zu finden, sondern weil sie sich mit jedem etikettierten Firlefanz - auch wenn es asiatische Fakeware ist -  ausstaffieren, der nach fünf Minuten auseinanderfällt oder modisch untragbar wird. Diese Gruppe wird ebenfalls falsch eingeschätzt, was wiederum einen Hauptteil ihrer erfolgreichen Überlebensstrategie ausmacht.

Und dann gibt es noch jene unfassbare Masse, von deren Geldbörsel man absolut nichts weiß und die man gar nicht einschätzen kann. Leute aller Schichten, die irgendwann einmal ein mehr oder minder teures Qualitätsprodukt für die Ewigkeit gekauft haben. Genau das Gewand, das man früher als “gutes Sonntagsgewand” bezeichnet hat und nur zu besonderen Anlässen aus dem Schrank geholt wurde. Anlässe wie Hochzeiten, Taufen, Beerdigungen, Museums-, Konzert- und Theaterbesuche. Auch mein Vater hat so einen Anzug - der nach 50 Jahren bereits zum dritten Mal modern ist - im Schrank. Die Konfirmation meines Bruders machte den Anfang. Bei meiner Hochzeit und Victorias Taufe hat er ihn auch getragen. Das gute Stück macht noch immer etwas her und bietet nicht zuletzt immer erstklassigen Gesprächsstoff. Einerseits weil mein Vater unverschämter Weise noch immer hineinpasst und andererseits, dass er Anzügen immer mit einer Wendigkeit ausweicht, dass es einem Hasen schwindlig würde und er deshalb das Stück tatsächlich als ebenso neuwertig wie historisch wertvoll bezeichnen kann. Das ist eindeutig der Stoff, aus dem Erb- und Museumsstücke gemacht werden. 
Armutskonferenz
Und solche Sonntagskleider gibt es in vielen Schränken. Auch in den Schränken von Menschen mit so einem schmalen Geldbeutel, dass es monatlich nicht einmal zum Essen reicht und die Wiener Tafel aushelfen muss. Nur Gelegenheit das gute Stück anzuziehen gibt es für arme Menschen keine. Es gibt keine Konzertabende, keine Theateraufführungen und keine Museumsbesuche für die sie sich gerne fein anziehen würden - auch um das Besondere, das kulturelle Ereignis durch beste Bekleidung vom Überlebens-Alltag abzuheben. Die Kosten für nur einen einzigen kulturellen Genuss im Monat, der eigentlich  selbstverständlich oder zumindest leistbar sein sollte, sind für erschreckend viele Menschen völlig unerschwinglich.

Armut ist (un)sichtbar
Als ihr Mann noch lebte, sind sie häufig gemeinsam ins Konzert gegangen. Von der Mindestrente ist das für die Witwe nicht mehr möglich. Der edle Persianer, das “Must-Have” der 60er Jahre, hängt seit dem Tod ihres Mannes gut eingemottet im Schrank. Eine tiefschwarze Erinnerung an glücklichere Zeiten. Die Nachbarn halten sie für eine zurückhaltende Person. Immer sauber gekleidet, immer gleich, immer im Stil ihrer besseren Jahre.

Armut ist (un)sichtbar
Der Herr mit den Krücken ist Rentner. Er hat sein rechtes Bein durch Diabetes verloren. Bei schönem Wetter sitzt er im Park und spielt mit den anderen Tarock. Eigentlich würden er und seine Frau gerne ab und an ins Theater gehen, aber finanziell ist bei den vielen Medikamenten, die sie brauchen, und dem wenigen Geld, das sie gemeinsam haben, schon lange nicht mehr möglich. Er würde seinen dunklen Anzug und den Mantel anziehen und sie das blaue Kostüm mit der weißen Bluse. Die Nachbarn halten sie für stilles altmodisches Ehepaar. Er geht einkaufen, sie macht den Haushalt und abends sind sie immer daheim.

Aktionstag 2007 © lucy lynn, www.lynn-art.com

Wie ihnen geht es Vielen. Die AlleinerzieherInnen, die Geschiedenen, die MindestlohnempfängerInnen, die ProjektarbeiterInnen mit den “neuen Sonderverträgen” und die, die verzweifelt auf Arbeitssuche sind, weil sie nie die Voraussetzungen erfüllen und natürlich die Flüchtlinge aus allen Winkeln dieser Welt. Viele davon sind ebenso hungrig auf Kunst und Kultur wie auf das Essen, das sie oft genug nicht selbst bezahlen können. Und nur Wenigen sieht man die Armut wirklich an.
Ich habe die Armut auch nicht gesehen bei der Alleinerzieherin, deren Tochter in dieselbe Schule ging wie meine. Wir saßen im selben Businesskurs des Arbeitsamtes. Beide Uniabsolventinnen, beide auf der Suche nach neuen beruflichen Herausforderungen. “Herausforderung”, auch nur eine blöde Formulierung für: arbeitslos, zu alt (über 35!), überqualifiziert und obendrein auch noch weiblich. Im Gegensatz zu mir begann für sie die wirkliche Herausforderung schon beim täglichen Essen, setzte sich beim Schulmaterial kaufen fort und endete beim verzweifelten Hoffen, dass der Ex irgendwann einen Teil der Alimente zahlen würde. Die Bekleidung von der Caritas, um beim Vorstellungsgespräch einen guten Eindruck machen zu können, war ein wirtschaftlicher Einbruch für einen ganzen Monat. Ihr hätte eine Auszeit im Theater, bei dem sie ihr schönes, aber ansonsten nutzloses Standesamt-Kleid hätte tragen können, sicher neue Kraft gegeben. Heute arbeitet die studierte Biotechnikerin für eine Versicherung. Sie gönnt sich wieder Kultur und spendet für andere, die es sich nicht leisten können, ab und an eine Eintrittskarte. Wie sie, halte ich es ab sofort auch; denn hungrig auf Kunst und Kultur sollte man nicht bleiben. Denn nicht nur der Magen gefüllt, sondern auch das Kulturbedürfnis muss gestillt werden, um dem Alltag begegnen zu können.

Aktionstag 2007 © lucy lynn, www.lynn-art.com

Und dass der Kulturhunger nicht zu groß wird, ist der Aktion Hunger auf Kunst und Kultur zu verdanken. Armutskonferenz und Schauspielhaus Wien initiierten die Aktion. Seit 2003 gewinnt “Hunger auf Kunst und Kultur” Kulturinstitutionen als Partner, um Menschen, die es sich nicht leisten können, den Zugang zu den Musentempeln zu erleichtern. Die Kulturpartner sind für die Finanzierung der Karten durch Veranstaltungen, Privatspender, die z. B. an der Museumskasse einfach den Wert einer Eintrittskarte spenden, und Großsponsoren selbst verantwortlich. Das Netzwerk der Armutskonferenz, karitative und soziale Hilfsorganisationen und das AMS übernehmen die Ausgabe der Kulturpässe. Menschen, die unter der Armutsgrenze leben, die Sozialhilfe, Notstandshilfe oder Mindestpension beziehen und Flüchtlinge können auf diese Weise trotz ihrer fundamentalen Existenzsorgen ab und an Kunst und Kultur genießen.
Details wie es funktioniert, wie Sie Eintrittskarten spenden können oder wie Sie falls nötig einen Kulturpass beantragen können, erhalten Sie auf den Seiten von Hunger auf Kunst und Kultur.

Armut beginnt nicht erst in der Gruft.
Armut ist oft unsichtbar.
Armut kann jeden treffen.
Armut wohnt neben an.
Armut ist weiblich.
Armut grenzt aus.
Armut macht krank.
Armut macht hilflos.
Armut macht einsam.
Armut tut weh.
Armut muss nicht sein.

© S. Strohschneider-Laue

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Georg Friedrich Händel

Samstag, 07. Februar 2009

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Corinna Hesse
Das Händel-Hörbuch
Silberfuchs Verlag 2009, Laufzeit 80′, 15 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 940665 08 9

Das Händel-Hörbuch Das Händel-Hörbuch - Leben in der Musik: Eine klingende Biografie mit zahlreichen Briefen von Händel und seinen Zeitgenossen

Die Musik von Georg Friedrich Händel (23. Februar 1685 - 14. April 1759) ist unsterblich. Erstaunlich viele kennen seine Kompositionen und können sich ihrem Charme oder ihren Ohrwurm-Qualitäten nicht entziehen. Weniger bekannt sind sein Geschäftssinn und sein Werdegang zwischen Deutschland, Italien und vor allem England. Klassik-Neulinge kommen an diesem Hörbuch nicht vorbei. Händel-Fans werden noch Neues erfahren und so manche Komposition neu entdecken.

Händel hatte das Glück musikalisches Talent zu besitzen, eine gute Ausbildung zu erhalten und ein - gemessen an vielen anderen von steten Geldsorgen geplagten Künstlern - ungewöhnliches kaufmännisches Geschick zu entfalten. Halle, Hamburg, Rom, Venedig, Innsbruck und Hannover sind die Stationen, die ihn schließlich nach England führen und 1712 in London sesshaft werden lassen. Vor dem Hintergrund seiner musikalischen und wirtschaftlichen Karriere und den historischen Geschehnissen erklingen passende Musikzitate aus seinem vielfältigen Werk, das mit Opern und (patriotischen) Oratorien vielschichtiger ist als die berühmte Wassermusik oder Feuerwerksmusik vermuten lassen.

Der biografisch-musikalische Hörgenuss aus der Reihe “Klingende Biografien” zeichnet sich durch einen gut strukturierten und inhaltlich aufeinander abgestimmten Wechsel von gelesenen Texten (Dietmar Mues) und Musikbeispielen aus. In 17 Kapiteln werden Georg Friedrich Händel, seine Zeit und seine Musik zum Leben erweckt.  Erstklassige Qualität - wie bei allen Produkten aus dem Silberfuchs Verlag - von geschriebenen und gesprochenen Text, ausgewählten Hörbeispielen sowie das übersichtliche Booklet machen das Händel-Hörbuch, auch in Hinblick auf die jährlichen Händel-Festspiele in Göttingen, zu einer kurzweiligen und lohnenswerten Anschaffung.

Hörprobe

© S. Strohschneider-Laue

Das Händel-Hörbuch - Leben in der Musik: Eine klingende Biografie mit zahlreichen Briefen von Händel und seinen Zeitgenossen

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Frauenkarriere: M. I. Hummel

Dienstag, 03. Februar 2009

Non-Fiction

Dido Nitz
M. I. Hummel
M. I. Hummel Ich will Freude machen!
Eine schicksalhafte Frauenkarriere

arsEdition 2009, Dt/Engl., 224 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 7607 2964 0

Ich will Freude machen - Eine schicksalhafte Frauenkarriere Ich will Freude machen: Eine schicksalhafte Frauenkarriere

Sechs Kinder hatten die Kaufleute Adolf und Viktoria Hummel aus Massing an der Rott in Niederbayern. Eines davon, Berta (* 21. Mai 1909), wurde weltberühmt. Bertl war ein lebhaftes Kind, das nicht gerne stillsaß, aber die Welt trotzdem verträumt betrachten konnte. Und sie zeichnet nicht nur gerne, sondern auch sehr gut. Auf dem Internet Marienhöhe darf sie später sogar den Zeichensaal außerhalb der Schulstunden nutzen. Mit einem guten Zeugnis bewirbt sie sich 1927 auf der Staatliche Kunstgewerbe Schule in München, die sie ebenfalls mit ausgezeichneten Zeugnissen 1931 verlässt. Bereits ein Jahr zuvor hat sie um die Aufnahme bei den Franziskanerinnen in Sießen angesucht. Und so wird schließlich aus ihr Maria Innocentia Hummel und bereits 1932 begann die unglaubliche Hummel-Erfolgsgeschichte mit Kinderzeichnungen und Fleißbildchen. 1934 fallen die niedlichen Kinderbilder schließlich dem Vertreter der Porzellanmanufaktur W. Goebel auf. 1935 werden die ersten Hummel-Figuren präsentiert und beginnen ihren Siegeszug - bis zu ihrem Produktionsende 2008 - um die Welt. Und dabei war Hummels Werk vielfältiger. Trotzdem kennen die meisten “nur” Hummels pummelige Kleinkinder, die die Nazis übrigens als entartete Kunst mit “Darstellungen von klumpfüßigen Dreckspatzen” bezeichneten. Die Reichskammer der bildenden Künste nahm die Franziskanerin dennoch auf. Eine Ablehnung wäre einem Berufverbot gleichgekommen und das Deutsche Reich wäre um sehr viele Reichsmark ärmer gewesen, die als Steuergelder, Dank des enormen und weltweiten Hummel-Erfolges, in die Staatskasse flossen.

Anlässlich ihres 100. Geburtstages wird das kurze Leben, Wirken und Sterben der Franziskanerin Maria Innocentia “Bertl” Hummel von Dido Nitz akribisch und liebevoll zugleich eingefangen. Begleitet wird der übersichtlich gegliederte Band von unzähligen Familienbildern, Zeitzeugnissen und natürlich den Werken der Ausnahmekünstlerin selbst. Abgerundet wird die gut recherchierte Biografie im Anhang durch Fußnoten, Bildnachweise und Adressen. Zweisprachig auf Deutsch und Englisch abgefasst, wird die Publikation auch die zahllosen Fans in Amerika ansprechen. Das grafisch exzellente Layout wird für Bibliophile noch mit rotem Lesebändchen und einem Schuber abgerundet. Ein herrlicher Prachtband, der der talentierten Künstlerin und frommen Ordensfrau ein würdiges Denkmal setzt.

© S. Strohschneider-Laue

Ich will Freude machen: Eine schicksalhafte Frauenkarriere

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KUNSTWERK

Montag, 02. Februar 2009

Notiz

KUNSTWERK
Kunst von Menschen mit Behinderung aus den Werkstätten von JaW im KHM

3. bis 15. Februar ‘09

Irokese, Caktas Wohl die meisten BesucherInnen im Kunsthistorischen Museum wünschen sich reich genug zu sein, um sich zumindest ein den Ausstellungsstücken vergleichbares Kunstwerk leisten zu können. Vielleicht ein dürres Mädchen von Cranach oder eine pralle Frau von Rubens. Atelierbetriebe, die damals die Reichen und Schönen so malten wie es sich die Fotografen-Kundschaft von heute ebenfalls erträumt. Denn auch vor der Erfindung der Fotografie und lange vor Photoshop wurde weggelassen, was unerwünscht war und ergänzt, was fehlte. Nicht umsonst ist Heinrich VIII. auf der Suche nach der idealen vierten Frau auf das Porträt der Anna von Cleve (Hans Holbein) “hereingefallen”. Jahrhunderte formten das Verhältnis von Künstlern und Kunden. Ein Verhältnis das übrigens selten eine Auftragsbeziehung zwischen Künstlerinnen und Kundinnen war und sich daher deutlich in den von Männern bevorzugten Sujets niedergeschlagen hat. Und Vieles hat vielleicht die Aktualität eingebüßt aber trotzdem die Anziehungskraft behalten. Und alle, deren Geldbeutel zu klein und das Plakat aus dem Museumshop zu schäbig ist, hoffen auf den zeitgenössischen Glückskauf als Wohnungsbehübschung mit Identifikationspotential. Leider haben die Dauerausstellung des KHM und die Sonderausstellung KUNSTWERK mehr als nur die Qualität der Bilder, Zeichnungen, Druckwerke und Skulpturen gemein. Man kann auch von den ausgestellten zeitgenössischen KUNSTWERKen nichts im Kunsthistorischen Museum kaufen. Es geht nämlich bis zum 15. Februar ‘09 nicht um Charity, sondern es geht um Kunst.

Schwimmerin, Lutschaunig Ohne den Streit “Künstler oder Kunsthandwerker” oder “Was ist Kunst” anzufachen, der ohnedies schon längst geführt wird, sind die Fragen nach “Künstler” oder “Kunsthandwerker”, Einzel- oder Atelierleistung zumindest berechtigt. Unberechtigt ist hingegen die Frage, ob Kunst von Menschen mit Behinderung überhaupt Kunst ist. Erlebtes verarbeiten, Befindlichkeit zum Ausdruck bringen, Sichtweisen zeigen, Erzählen durch Gestalten und vieles mehr macht Kunst(handwerk) zur Kunst. Obwohl rein finanziell gesehen erst das phrasenreiche Verkaufsgespräch und “Kaisers” Kaufbereitschaft so manche Kunst zum Kassenschlager macht.

Vision, Weissenbacher “Kunst ist das gemalte Wort”, sagte Thomas Weissenbacher (Künstler und Vorsitzender von Vienna People First) bei seiner Eröffnungsrede.
Direkt und unverfälscht, sind die Werke, die in KUNSTWERK gezeigt werden. Und sie lösen beim Betrachten “etwas” aus, ganz unabhängig von den SchöpferInnen werden die Werke unvoreingenommen wertvoll. Denn Begeisterung und Anerkennung für die gezeigte Kunst zu empfinden, hat ganz und gar nichts mit Mitleid zu tun.  Stolz sind daher die KünstlerInnen, die sie geschaffen haben. Sie sind stolz ernst genommen zu werden, dass ihre Kunst gefällt und auch ein bisschen stolz, dass ihre Werke im altehrwürdigen Bassano-Saal des Kunsthistorischen Museum gezeigt werden. Aber als KünstlerInnen sind vor allem eines: unprätentiös, begeisteurngsfähig und unabhängig.

Stadtlandschaft, Lehner Die KünstlerInnen wollen/müssen es niemand recht machen. Sie sind frei. Sie bringen ihre Befindlichkeiten zum Ausdruck und verarbeiten Erlebtes. Sie können über ihre Arbeiten sprechen ohne Schlüsselworte wie Position, Installation, ästhetisches Leitmotiv, abrupter Stilwechsel, minimalistische Farbfeldmalerei, eruptive Energie oder expressiv abstrakte Monochromie zu gebrauchen. Zufriedenheit ist befriedigend, Ehrlichkeit ansteckend. So ansteckend, dass BMin Dr. Claudia Schmied über das Bild, das ihr im Zuge der Eröffnung überreicht wurde, erfreut sagte: “Es sind meine Farben!”
Der Koloss KHM kommt langsam in Bewegung und entdeckt seine sozialen Kompetenzen - u. a. mit Führungen für blinde und sehbehinderte Menschen ab Frühjahr ‘09. Und für den kaufmännischen Direktor Dr. Paul Frey war es auch eine persönliche ”Herzensangelegenheit” diese Ausstellung zu ermöglichen. Trotzdem ist die Ausstellung KUNSTWERK viel zu kurz. Andererseits besteht an keinem anderen Ort eine bessere Chance, dass sie in dieser Zeitspanne von sehr vielen Menschen auf der Suche nach hoher Qualität und der Kunstelite gesehen wird. 

Ich schließe mich dem Wunsch von Thomas Weissenbacher vollinhaltlich an: “Ich hoffe, es wird ein Riesenerfolg!”

© S. Strohschneider-Laue

KUNSTWERK
Beteiligte KünstlerInnen und Gruppen der Ausstellung

Bilder/Zeichnungen

Harfe, Basnar Charlotte Basnar (*1980 Wien), Werkstätte Im Werd, 1020 Wien.

Thomas Weissenbacher (*1945 Steiermark) Werkstätte Grundsteingasse, 1160 Wie

Frühlingswiese, Im Werd 2 Gruppe Werd Zwei,  Werkstätte Im Werd, 1020 Wien

Pharao, Mirkovic Dragan Mirkovic (*1982), Werkstätte Kuefsteingasse, 1140 Wien

Abstrakt Rot, Katic Zeljko Katic (*1976 in Kroatien), Werkstätte Ayrenhoffgasse/FlipFlap, 1090 Wien

Hannes Lehner (*1986 Wien), Werkstätte Ayrenhoffgasse/FlipFlap, 1090 Wien

Schlangen, Grasnek Kurt Grasnek (*1944 Wien), Werkstätte Speckbachergasse, 1160 Wien

Bienen, Kuzma Susanne Kuzma (*03.06.1966), Werkstätte Ayrenhoffgasse/FlipFlap, 1090 Wien

Lisi Seidl (*12.11.1952), Werkstätte Ayrenhoffgasse/FlipFlap, 1090 Wien

Sarah Lutschaunig (*24.04.1984), Werkstätte Ayrenhoffgasse/FlipFlap, 1090 Wien

Schiff, Coban Michael Coban (*18.01.1967), Werkstätte Ayrenhoffgasse/FlipFlap, 1090 Wien

Teletubbies, Klaus Christine Klaus (*01.06.1949), Werkstätte Im Werd, 1020 Wien

Franz Widmann (*18.02.1957), Werkstätte Elisenstraße, 1230 Wien

Rudolf Steindl (*25.05.1969), Werkstätte Im Werd, 1020 Wien

Kunstobjekte

Schnecke, Wagner Wolfgang Wagner (*19.10.1971), Werkstätte ALPHA, 1220 Wien

Keramikgruppe Landstraße, Werkstätte Landstraße, 1030 Wien

Rudolf Proschek (*18.01.1956), Werkstätte Kuefsteingasse, 1140 Wien

Vogel, Horizont Metallgruppe HORIZONT, Werkstätte HORIZONT, 1210 Wien

Dino Caktas (*1978 Wien), Werkstätte Speckbachergasse, 1160 Wien

Silvia Annerl (*1977 Wien), Werkstätte Speckbachergasse, 1160 Wien

Kunstwerk Kunst von Menschen mit Behinderung aus den Werkstätten von JaW im KHM 3. bis 15. Februar ‘09

Kunst kommt von Innen Kunst von Innen: Art Brut in Österreich

Buntes Haus  Buntes Haus 
siehe auch Rezension “Buntes Haus”

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Frosch & Lurch

Montag, 02. Februar 2009

Non-Fiction

Thomas Marent
Frösche und andere Amphibien
Dorling Kindersley 2009, 280 S., über 400 Farbfotos. 
ISBN 978 3 8310 1356 2

Frösche und Amphibien Frösche & andere Amphibien

Sie sind hübsch, manchmal tödlich giftig und in vielen Fällen extrem gefährdet: Frösche und Amphibien. Sie reagieren empfindlich auf Klimaänderungen. Sie benötigen Feuchtigkeit und haben es gerne kuschelig warm. Trotzdem schwimmen nicht alle gut oder gerne. Es gibt Flugakrobaten, Wüstenbewohner und Frosttaugliche. Eines haben sie aber alle gemeinsam: Sie sind attraktive Fotomodelle und viel mehr als nur “kermit”-grün. So vielfältig wie ihr Erscheinungsbild sind ihre Lebensräume. Winzigkleine Hüpfer im Privatuniversum ihrer winzigen Blattteiche, Welten im Miniformat. Und als Eltern haben sie sich für ihren Nachwuchs sehr viel einfallen lassen. Huckepack dabei, Eischnüre und Geleeballen im Wasser oder auf einem Blatt gut in Schleim verpackt sind einige Möglichkeiten der nächsten Generation einen guten Start zu ermöglichen. Die Kapitel Artenspektrum, Körperbau, Überleben, Fortpflanzung und Amphibienfamilien bieten einen guten Überblick zum Thema. Grundlegende Informationen, die durch ihre fantastische fotografische “Verpackung” umso mehr an Gewicht gewinnen.

Es gibt viele Gründe das Buch zu kaufen und jeder davon ist stichhaltig. Übersichtliche Information und einzigartigen Aufnahmen sind zwei davon; denn Thomas Marent gelingt es Frösche ins rechte Licht zu rücken und sie von ihren beeindruckenden Seiten zu zeigen. Einmal spiegelt sich der Fotograf sogar selbst im Froschauge und kehrt damit die Sichtweisen von Fotograf und Motiv um. Und die Fotomodelle sind allesamt frei von Allüren, ganz natürlich, garantiert botoxfrei und vielleicht gerade deswegen echte Persönlichkeiten. Es macht Spaß die Bilder zu erkunden und es macht Spaß die - oft sehr persönlichen - Texte zu lesen. Es macht Spaß das tolle Buch zu besitzen. Aber das Buch weckt auch Wünsche. Wünsche die Artenvielfalt dieses Planeten zu erhalten, sie zu beobachten, sie zu dokumentieren, sie an die nächste Generation im vollen Umfang weitergeben zu können und nicht zuletzt den Wunsch so fotografieren zu können wie Thomas Marent.

© V. Strohschneider

Frösche & andere Amphibien

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