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Film: Mobiles Caritas Hospiz

Mittwoch, 01. April 2009

Notiz

Die fallenden Blätter geben dem Wind die Gestalt - Film
20 Jahre Mobiles Caritas Hospiz
Ein Film von Herbert Link 2008, Dt., Engl., Gehörlosen Fassung, ca. 40′, Booklet 20 S.

Die Hospizbewegung existiert seit über vierzig Jahren. Vor zwanzig Jahren hat man die Idee des “Leben bis zuletzt” außerhalb von Heil- und Pflegeanstalten auch in Österreich aufgegriffen. Der unheilbare, sterbende Mensch und seine Angehörigen bilden den Mittelpunkt. Ihnen zur Seite steht ein interdisziplinäres Team von Angestellten und Freiwilligen, das sich durch gute Kenntnisse der Symptomkontrolle und kontinuierliche Verfügbarkeit auszeichnet.

Zwanzig Jahre Mobiles Caritas Hospiz sind der Anlass für den Film “Die fallenden Blätter geben dem Wind die Gestalt”. Der Hauptfilm gliedert sich in zwei Kapitel, die sich der “Zeit des Aufbruchs” und der Frage nach dem “Wie es geworden ist” annehmen. Wer einen Betroffenheitsfilm erwartet, irrt. Es geht um eine Bestandaufnahme, um Tatsachen. Es geht nicht um abstrakte Möglichkeiten, sondern konkrete Situationen und Menschen, die sie gemeinsam tragen. Krankheit, Leid und langsames Sterben betreffen Viele und vielleicht gehört man selbst eines Tages dazu. In Zeiten aufbrechender sozialer Netze, sind es nicht “nur” die verwaisten Alten. Und der soziale Tod tritt für die meisten früher ein als der physische, weil man unbequem für die Spaßgesellschaft und uninteressant für die Erwerbswelt wird.

Mit viel Gespür - also auch so mit ausreichend Zeit und Respekt  - für persönliche Belange werden die Statements von Betreuenden, Angehörigen und Patienten von Herbert Link eingeholt. Eingeblendete Fotos, unterstreichen durch ihre Schwarzweiß-Optik die Distanz zwischen Leben und Tod. Rasche Wechsel zwischen den Stellungnahmen aus unterschiedlichen Perspektiven geben dem Film über das würdevolle Sterben jene lebendige Note, die dem Hospiz-Motto “Ja zum Leben ist kein Nein zum Lebensende” entspricht. Die Goldberg-Variationen von Bach, die von Gerda Zens interpretiert wurden, begleiten den Film. Sie gaben Manfred Dvorak, der seine Frau bis zu ihrem Tod zuhause betreute, Kraft. Ein Zitat aus seinem Tagebuch wurde zum Filmtitel. Das mit dem Mund gemalte Bild eines Baumes Walter Sikula ziert die DVD.

Zu Wort kommen in diesem Pflichtfilm Hildegard Teuschl (Hospiz-Expertin, Krebspatientin, 1937-2009), Walter (ALS-Patient) und Elfriede Sikula, Petra (Krebspatientin, 1970-2005) und Manfred Dworak, Franz Zdrahal (Ärztl. Leiter Caritas Wien), Rudi Babits (Caritas-Hospizarzt), Kurt Alker (Caritas-Hospizarzt), Klaus Schweiggl (Hospiz-Seelsorger), Agnes Glaser-Hekman (Caritas-Hospizschwester), Franz Eder (ehrenamtlicher Hospizbegleiter), Claudia Chizzali-Bonfadin (Ärztin, Mobiles Caritas Hospiz), Tilli Egger (Strahlen- und Psychotherapeutin, Hospiz-Förderin) , Christian Metz (Theologe, Ausbildungsleiter Kardinal-König-Haus).

Der fünfminütige Zusatzfilm ist SR Mag.a Hildegard Teuschl CS (1937-2009) gewidmet. Ihr Name ist untrennbar mit der Hospizbewegung in Österreich verbunden. Die Vorkämpferin wurde 2007 selbst zur unheilbaren Patientin. Ihre Insider-Kenntnis als Hospizinitiatorin ist in Kombination mit ihrem Erfahrungsbericht als betroffene Patientin ein unermessliches Erbe an Offenheit und Ehrlichkeit an Jene, die die Hospizbewegung in Österreich ohne sie weitertragen. Ihre Hoffnung und Stärke, aber auch ihre Angst und Sorge werden durch die Totentanz-Grafiken von Herwig Zens, die das Interview optisch gliedern, zur Passion.

Besser hätte man 20 Jahre Mobiles Caritas Hospiz nicht zeigen können.

© S. Strohschneider-Laue

Siehe dazu auch:
Ein “…ganz langsamer Walzer”, Film (30′) über das Wirken der Hospiz-Pionierin Sr. Hildegard Teuschl CS. Der Film ist absofort bei avp Link erhältlich.
Würdig leben bis zum letzten Augenblick: Idee und Praxis der Hospiz-Bewegung
Hospizpraxis: Ein Leitfaden für Menschen, die Sterbenden helfen wollen
Leitfaden Palliativmedizin - Palliative Care
Palliative Care: Handbuch für Pflege und Begleitung
Erfülltes Leben - würdiges Sterben
Sterbende begleiten lernen. Mit CD-ROM: Das Celler Modell zur Vorbereitung Ehrenamtlicher in der Sterbebegleitung
Sterbebegleitung: Hilfen zur Pflege Sterbender
Sterben, Tod und Trauer: Handbuch für Begleitende

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Friaul Essen und Trinken

Freitag, 27. März 2009

Non-Fiction

Gerd Wolfgang Sievers
Friaul genießen
200 authentische Rezepte und Lokaltipps
Brandstätter 2009, 160 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 85033 228 6 

Friaul genießen  Friaul genießen: 200 authentische Rezepte und Lokaltipps

Friaul, die Landschaft im Nordosten von Italien, mit ihrer Landeshauptstadt Udine ist ein touristischer Reizpunkt. Eingebettet zwischen Venetien, karnischen Alpen, Slowenien und Adria wurde das ehemalige langobardische Herzogtum durch unterschiedliche kulturelle und politische Einflüssen geprägt. Diese Vielfalt zeichnet sich auch in den Sprachen der Region ab. Neben Italienisch wird furlanisch, slowenisch und deutsch gesprochen.

Und kein Wunder, dass sich somit auch die Küchenkunst als abwechslungsreich erweist. Gerd Wolfgang Sievers hat sich als Profikoch in seiner zweiten Heimat auf die Spurensuche nach der authentischen Küche begeben. Und er hat sich für die Bauernküche entschieden, die die Region Julisch-Venetien mit ihren maritimen Schwerpunkten und Einflüssen ausklammert.
Gut so! 
Getreide, Hülsenfrüchte und Fleisch - insbesondere Wild - stehen nicht auf jedermanns Speisezettel. Aber ganz ehrlich, wollen Sie tatsächlich ”jedermann” sein? Jemand der das Unbekannte verschmäht, um Gewohntes zu konsumieren? Wo ist die Entdeckerlust, die alle Sinne - also auch den Gaumen - anspricht? Keine Sorge, wenn man Friaul ohne Julisch-Venetien als Gourmet erkundet, muss man trotzdem nicht auf Fisch verzichten und ganz bestimmt nicht verhungern.

Von der Vorspeise bis zum süßen Schluss ist der friulanische Tisch reichlich und abwechslungsreich gedeckt. Radicchio mit Wurst oder Wachtelbohnen, eingelegte Pilze (Halimasch) oder mit Zitronensaft marinierte rohe Forellenfilets zur Vorspeise klingen fantastisch, aber Hirschschinken mit Honig lässt mir sprichwörtlich das Wasser im Munde zusammen laufen. Rollgerste-Bohnen-Suppe ist mir danach etwas zu üppig, aber Spinatsuppe klingt passend. Vor allem damit noch Platz für die gegrillte Forelle bleibt. Auf die Muscheln werde ich aus ganz persönlichen, überlebenstechnischen Gründen wohl wieder einmal verzichten müssen. Es ist schon Pech, wenn man nicht nach dem Geschmack, sondern nach der Verträglichkeit entscheiden muss, was serviert werden darf. Die Polenta lasse ich ebenfalls aus, sonst passt nichts mehr hinein und es gibt doch noch so viele gute Speisen zu verkosten. So gute Speisen wie die Tagliatelle mit Wildschweinsauce oder die Brennnessel-Gnocchi. Die Entenbrust von der Grillplatte oder der Hase süß-sauer muss es dann unbedingt noch sein. Dann kann ich getrost auf Pilze, Gemüse und Eierspeisen verzichten, um mich mit letzter Kraft den Süßwaren zuzuwenden. Süßwaren wie Ramandolo-Gebäck oder Maronitorte. Die Obstvarianten lasse ich aus, so gesunde Köstlichkeiten ist mein Körper nicht gewohnt und ich will es ja nicht gleich bei der ersten authentischen Friaul-Mahlzeit restlos übertreiben. Schließlich wurde Rom nicht in einem Tag erbaut und Friaul kann nicht in einem Tag kulinarisch erkundet werden.

Nein, Friaul kann definitiv nicht an einem Wochenende mit dem Gaumen und Magen erfasst werden. Zum Vorverkosten, Miterleben und Nachgenießen, wenn Norditalien Urlaubsziel ist, ist “Friaul genießen” sehr empfehlenswert. Dennoch sollte man kein Einsteigerkochbuch erwarten. Die speziellen landestypischen Zutaten sind sicher nicht überall leicht zu beschaffen. Und Schengener-Abkommen hin oder her, wenn man einen Lastwagen beladen mit Spezialitäten “für den privaten Bedarf” über die Grenze bringen will, fällt man sicher negativ auf. Für weniger versierte KöchInnen - die Rezepte sind exzellent beschrieben und sollten keine Probleme bereiten - ist dieses Buch ein idealer Friaulbegleiter. Ausgewählte Lokaltipps, Hinweise auf Weinfeste und ein Glossar, das ein wenig umfangreicher hätte ausfallen dürfen, runden das appetitliche Buch ab.

Erwähnt sei noch, dass Gliederung und Layout übersichtlich und ansprechend sind. Und selbstverständlich ist das Buch strapazfähig genug, um einen ständigen Kücheneinsatz zu überleben. Schön, dass Gerd Wolfgang Sievers nicht nur Kochen und Schreiben kann, sondern auch ein Händchen für das Fotografieren hat. Die Fotos zeigen nicht nur die Speisen von ihrer appetitlichsten Seite, sondern sie bestechen besonders durch ihre trügerische Schlichtheit. Perfekt zubereitete und servierte Gerichte, die trotzdem echt wirken, und normale Menschen, die keine Nip-Tuck-Opfer sind, sieht man in Publikationen nur noch selten. Meist wirken von der Avocado bis zur Servierkraft alle Beteiligten wie Pappe, Plastik und Haarspray, dieses Gefühl hat man hier nicht - vielen Dank dafür!

© S. Strohschneider-Laue

Friaul genießen: 200 authentische Rezepte und Lokaltipps

Gastmahl | Ama/Koch/zon/e
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Halali Esterházy

Donnerstag, 26. März 2009

Non-Fiction

Stefan Körner (Hg.)
Fürstliches Halali
Jagd am Hofe Esterházy
Prestel 2008, im Schuber, 345 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 7913 4153 8

Fürstliches Halali Fürstliches Halali: Jagd am Hofe Esterházy

Auf Burg Forchtenstein wird vom 10. Mai ‘08 bis 31. Oktober ‘10 die Jagdtradition im Fürstenhaus Esterházy präsentiert. Der Katalog bietet unabhängig von der Ausstellung einen exzellenten Überblick zur Jagdgeschichte zwischen adeligem Privileg, elitärem Zeitvertreib und modernem Waidwerk. Vier Jahrhunderte fürstlicher Jagd werden hier von ihren prächtigsten und selbstbewussten Seiten gezeigt.

Hält man den großformatigen Prachtband in Händen, fällt der Blick sofort auf die moderne Diana mit ihrem Gebirgsschweißhund, die den Schuber zieren. Das leinengebundene Werk hingegen lädt die Augen mit dem Bild eines Jägers aus Meißner Porzellan auf eine Zeitreise ins 18. Jahrhundert. Und der thematisch einstimmende Augenschmaus setzt sich im Inneren ungebrochen mit historischen Stichen, Gemälden, Kunstobjekten, Trophäen, alten und modernen Fotografien - Manfred Horvath, Gerhard Wasserbauer -  fort.

Die AutorInnen des Bandes unterziehen die Jagd und die Jagd der Fürsten Esterhazy in ihren Beiträgen genaueren Betrachtungen.

Henrike Hülsbergen widmet sich unter dem Titel “Jagdlust: Von der höfischen Jagd zur Großwildjagd im 21. Jahrhundert” vor allem den gesellschaftlichen Wechselbeziehungen der männerdominierten Jagd. Dennoch spart sie verhaltenspsychologische Aspekte nicht aus und verleiht ihrem spannend geschriebenen Beitrag eine kritische Note, die man sonst nicht findet.

“Den “Formen und Mitteln der Hohen Jagd” widmet sich ausführlich Margit Knopp. Beizjagd, Hetzjagd und Parforcejagd sind nur drei der von ihr ausführlich beschriebenen Methoden Tiere zur Strecke zu bringen. Jagdformen denen auch die Esterházys und ihre Gäste gerne frönten. Die Kosten waren von Methode zu Methode unterschiedlich, aber bei der Umstellten Jagd nur noch als enorm zu bezeichnen. Die gewaltige Anzahl der erlegten Tiere wurden nicht nur an der höfischen Tafel aufgetischt, sondern wurden u. a. verkauft oder zu wohltätigen Zwecken verschenkt.

Identität, Stand, Würde und Zeitvertreib stellt Stefan Körner in “Die Fürsten Esterházy und die ungarische Jagdgeschichte” in den Mittelpunkt. Tiergärten, Jagdhunde und Ausstattung waren wichtige Besitztümer, die in Urkunden und Bildquellen festgehalten wurden. Der umfangreiche Beitrag schöpft zu dem aus einer Fülle von Originalzitaten und stellt auch durch aktuelle Fotos Querbezüge zwischen historischen Dokumenten und der Gegenwart her.
In einem knappen, wenig reflektierenden weiteren Beitrag widmet Körner sich noch “Wilderei als Diebstahl und Auflehnung gegen den Fürsten”.

Endre Balsay trägt mit “Esterházy-Jagden und -Jagdgebiete bei Eszterháza 1871-1945″ zum Verständnis der wirtschaftlichen Faktoren bei.

“Jagd heute - heute jagen? Die Bedeutung der Jagd bei den Esterházy Betrieben” von  Hans-Peter Weiss verfolgt die wirtschaftliche Bedeutung anhand der betrieblichen Situation bis in die Gegenwart.

Florian Thaddäus Bayer nimmt sich am Beispiel eines Mitglieds der Fürsten Familie der Großwildjagd an. “In beinahe 80 Tagen um die Welt: Prinz Louis Esterházy und die Großwildjagd” werden seine Leidenschaften für Reisen, Jagd und Militär begleitet von zahlreichen Fotografien und Trophäen aufgegriffen. Kuriositäten, darunter die Reisetoilette, die auf den Fahrten mitgeschleppt wurde, wie seltsame Mitbringsel und Präparate begleiten die Biographie. Janós Hasenbock - ein präparierter Hase, der am 31. Dezember 1898 sein Leben aushauchte - mutet unter all den unzähligen Überresten von toten Tieren auf verdrehte Weise geradezu menschlich  an. Auf den Hinterbeinen stehend, stützt er sich auf eine Krücke, um seine verbundene Hinterpfote zu schonen. Um sein Haupt ist ein Tüchlein gebunden und er hat einen geflickten Leinenbeutel umhängen. In der rechten Pfote hält er einen Brief, seinen “Amtlichen Erlaubnisschein” für lebenslange Almosen. Ein überaus spannender Artikel, spiegelt er doch am Beispiel von Prinz Louis Esterházy - oder auch durch Janós Hasenbock - das Selbstverständnis des Adelshauses.

Die richtige Ausrüstung betrifft nicht nur Waffen. “Die Jagdbekleidung am Hofe der Fürsten Esterházy” von Angelika Futschek zeigt deutlich wie Funktionalität mit Standesbewusstsein miteinander verwoben waren. Und dies betraf nicht nur die Fürsten selbst, sondern auch die Ausstattung, die sie ihren jagdlichen Angestellten maßschneidern ließen. Die Schriftquellen informieren genau über die Kosten, sie beschreiben, Stoffqualitäten, Farben und nennen die beauftragten Schneider. Und wenn man von einem Augenzeugen erfährt, dass die Uniform des Fürsten mit Perlen, Brillanten und Smaragden besetzt war, weiß man auch, dass man sich Kleidung für den Angestellten passend zu deren Funktion gut leisten konnte und aus Hofhaltungsgründen auch leisten wollte.

“Josef Haydn, die Jagd und die Musik” greift Gerhard J. Winkler analytisch an ausgewählten Instrumenten und musikalischen Beispielen auf. Josef Haydn war bis 1790 rund 30 Jahre als Musiker und Hofkappellmeister im Dienste der Fürsten Esterházy. Und Musiker dienten seit dem Altertum dazu den Auftraggeber nicht nur zu unterhalten, sondern ihn auch zu preisen und damit seine Hofhaltung zu unterstreichen. Somit widmete sich Haydn musikalisch auch der Jagd, die einen großen Raum der Fürsten einnahm.

Felix Tobler greift unter dem sperrigen Titel “Forstverwaltung und Jagdorganisation des Esterházy-Majorates vom Beginn des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts” ein wirtschaftsgeschichtliches Thema auf. Der Aufbau einer zentralen Jagd- und Forstverwaltung ermöglichte langfristig, zielgerichtet und vor allem wirtschaftlich zu planen.  Auch wenn in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts prunkvolle Hofjagden aus finanziellen Gründen eine Seltenheit wurden. Schade, dass man nichts Näheres über die dienstlichen Verfehlungen des Domänendirektionsrates Rampichel erfährt, das hätte das hochinteressante aber dennoch aus überwiegend buchhalterischen Quellen schöpfende  Jagd- und Forstgeschichtekapitel um geschmackige menschliche Details abseits der Verwaltung bereichert. 

Herbert Zechmeister und Stefan Körner werfen in ”Die Jagdmonturdepots der Fürsten Esterházy: Waffen, Netze und Kutschen für die Jagd” einen ausgiebigen Blick auf den Bestand.1806 enthielt z. B. die Gewehrkammer in Eisenstadt 630 Jagdwaffen. Viele kamen von namhaften Herstellern. Und leider hat sich hier ein Druckfehler eingeschlichen: Der berühmte Joseph Manton wurde fälschlich als Monton bezeichnet. Waffen, Netze, Kutschen und vieles mehr musste gelagert, gepflegt und veraltet werden. Dazu kommen noch die Trophäen, die sich im Laufe der Jahrhunderte gefrönten Jagdlust angesammelt haben. Eine große Herausforderung an das Personal und an den Geldbeutel - damals wie heute.

Der Katalogteil hebt sich optisch und haptisch vom Textteil ab. Die rauere Papierqualität des Katalogs - der Textteil ist auf Hochglanzpapier gedruckt -  unterstreicht historische Dimension der Objekte zusätzlich. Die Objekte aus vier Jahrhunderten fürstlicher Jagdgeschichte werden gelistet, anschaulich beschrieben und abgebildet. Karten zu den Jagdgebieten und Bibliographie runden das gewichtige Werk, dessen grafische Gestaltung ebenfalls besticht, ab. Ein besseres Korrektorat (u. a. alte/neue Rechtschreibung) wäre allerdings wünschenswert gewesen.

© S. Strohschneider-Laue

Fürstliches Halali: Jagd am Hofe Esterházy

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Gemalte Gärten

Dienstag, 24. März 2009

Non-Fiction

Nils Büttner
Gemalte Gärten
Bilder aus zwei Jahrtausenden
Hirmer 2009, Geb. m. Schutzumschlag im Schuber, 238 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 7774 4245 7

Gemalte Gärten Gemalte Gärten: Bilder aus zwei Jahrtausenden

Der Garten auf Carl Spitzwegs Gemälde “Der Gartenfreund” (1860) hat schon bessere Zeiten gesehen. Die begrenzende Mauer bröckelt, die Einfassungen der Beete sind geflickt und Unkraut wuchert. Dennoch wird das Gärtlein geliebt und gepflegt, davon zeugen schon die vielen blühenden Topfpflanzen. Ein Blick auf den einsamen Gärtner vertreibt jeden Zweifel, dass es anders sein könnte. Fürsorglich neigt sich der Mann, die Giesskanne in der Hand, zu einem Rosenbusch, der ihm in graziösem Bogen einige Ranken entgegenstreckt.

Spitzweg malte seinen Garten mit einem ironischen Augenzwinkern. Andere Maler verfolgten andere Ziele. Mit Pinsel und Farbe festgehaltene Gärten sind eine ergiebige Quelle mit deren Hilfe sich kultur-, kunst- und sozialgeschichtliche Fragen beantworten lassen. Gartenbilder erzählen von kultivierter Lebensart, sozialem Wandel, religiöser Erziehung, geheimen Wünschen, Besitzerstolz und Prestigedenken. Sie spiegeln die sich wandelnden Gartenmoden und Kunstströmungen. Natürlich bildet nicht jeder gemalte Garten einen realen Garten ab. Viele der schönsten Gartenansichten sind reine Fantasieprodukte, deren einzelne Bestandteile als Bedeutungsträger fungieren. Auch der Reiz des als dekoratives Beiwerk gemalten Grüns ist nicht zu unterschätzen. Auf der anderen Seite des Spektrums stehen Gartenbilder, die tatsächlich existierende Gärten in topografischen Ansichten festhalten.

“Gemalte Gärten” entführt auf einen Streifzug durch die glanzvolle Welt des Gartens in der Kunst. In chronologischer Abfolge bietet der Bilderreigen von allen Themen und Malweisen ein bisschen: römische Wandmalereien, Paradies- und Liebesgärten, als Orte mythologischen oder biblischen Geschehens dienende Gärten, topographische Ansichten, barocke Gartenanlagen, Landschaftsparks, bürgerliche Kleingärten, Künstlerrefugien, sogar ein Gemüsegarten und ein Münchner Biergarten sind dabei. Der graduelle Kontrast von der Feinmalerei, die auch noch die zarteste Blüte naturgetreu wiedergibt, zur völligen Abstraktion des Gartens führt die gesamte Bandbreite künstlerischen Ausdrucks vor Augen. Das großformatige, prachtvolle Buch lebt von der Vielzahl der in erstklassiger Qualität wiedergegebenen Gartendarstellungen. Aus den schönsten Abbildungen der gezähmten Natur werden Details herausgegriffen und seitenfüllend vergrößert, sodass Blumen oder einzelne Elemente des Gartens gebührend bewundert werden können. Das Register der vertretenen Künstler liest sich wie das Who´s Who der Kunstgeschichte. Nils Büttner setzt bei der Auswahl der Bilder zum überwiegenden Teil auf bekannte Namen. Jan van Eyck, Botticelli, Mantegna, Altdorfer, Lucas Cranach d. Ä., Tizian, Tintoretto, Pieter Brueghel d. J., Jan Brueghel d. Ä., Rubens, Watteau, Fragonard, Canaletto, Constable, Caspar David Friedrich, Corot, Pissaro, Renoir, Manet, Monet, Cezanne, van Gogh, Klimt, Nolde, Hundertwasser, Hockney - die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Wie bereits der Untertitel des herrlichen Buches verkündet, liegt der Schwerpunkt von “Gemalte Gärten” auf den Bildern. Die fulminante Flut der Abbildungen wird von einem Text begleitet, der nach Herzenslust Hintergrundwissen zu den Gemälden und den auf ihnen dargestellten Szenen, Künstlern, Charakteristika der Kunstepochen und Strömungen der Gartenkunst vermittelt. Fraglos alles sehr interessant, aber auch ein wenig beliebig. Bei mehr als einem der ausgewählten Gemälde wäre ein konkreter Bezug zu dem dargestellten Garten (anstatt zu dem in ihm stattfindendem Geschehen) oder eine tiefergehende Analyse einzelner Gartenelemente wünschenswert gewesen.

“Gemalte Gärten” ist in erster Linie ein Fest für die Augen und somit das ideale Geschenkbuch für kunstsinnige Gartenfreunde.

© Ch. Ranseder

Gemalte Gärten: Bilder aus zwei Jahrtausenden

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Grafik Design

Dienstag, 24. März 2009

Non-Fiction

Timothy Samara
Grafik Design
Theorie, Konzept, Realisierung

Stiebner 2009, 365 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 8307 1361 6

Grafik Design Theorie, Konzepte, Realisierung Grafik Design: Theorie, Konzept, Realisierung

Timothy Samara hat ein Buch geschrieben, dem ich wünschen würde, dass es möglichst vielen jungen Menschen in die Hände fiele, bevor sie sich zum Grafik-Design-Studium entschließen. Eigentlich müsste “Grafik Design. Theorie, Konzept, Realisierung” in jeder Berufsberatungsstelle aufliegen. Neben vielen anderen Dingen zeigt die Publikation nämlich sehr anschaulich, dass Kommunikationsdesign Knochenarbeit ist und so mancher Kunde dem Designer das Leben schwer machen kann - auch wenn das natürlich niemals explizit ausgesprochen wird. Abgesehen davon hat der Beruf durchaus seinen Reiz. Schließlich bietet fast jedes Projekt neue Herausforderungen. Von Kreativen wird verlangt, dass sie Ideen am laufenden Band produzieren, deren Weiterentwicklung sich selten als linearer Prozess gestaltet. Ganz im Gegenteil, der Weg vom ersten Skribble zum fertigen Produkt ist oft gewunden und manchmal steinig. Nie wird er allein begangen, sondern gemeinsam mit dem Kunden, dessen Wünsche berücksichtigt werden müssen, und Kollegen aus verwandten Disziplinen, die ihren Beitrag zum Gelingen eines Projektes beisteuern. Selbstverwirklichung ist nur wenigen Designern vergönnt. Das bringt Timothy Samara in einer seiner 20 Regeln, die helfen sollen Entwürfe zu optimieren, deutlich zum Ausdruck. Regel Nummer 11 des in New York arbeitenden Grafikdesigners lautet: “Universalität ist gefragt; es geht nicht um Sie.” Sein Vorschlag, wenn man sich ausleben möchte, möge man doch Maler werden, das sei lukrativer, hat mich allerdings zum Schmunzeln gebracht. Hierzulande (Österreich) verhungern Maler noch schneller als Grafikdesigner.

Im Anschluss an seine 20 Gebote stellt der Autor im Blitzdurchgang die visuellen Elemente des Grafikdesigns (oder wie es so passend heißt, den “visuellen Werkzeugkasten”) vor: Form und Raum, Farbe, Typografie, Bilder und Layout.

Den Löwenanteil des reich bebilderten Buches bestreiten 40 Fallstudien. Sie führen vor Augen, wie aufwändig und komplex Designprozesse von der ersten Ideenskizze bis zum fertigen Produkt sein können. Ein lehrreicher Leckerbissen sind die zahlreichen Abbildungen von Handskizzen und Entwurfsvarianten, die Außenstehende gewöhnlich nicht zu Gesicht bekommen. Vieles verschwindet im Verlauf eines Projektes ja in der Schublade. Zusammen mit kurzen Texten, die Aufgabenstellung und Verlauf des Projektes beschreiben, illustrieren sie die Vielzahl möglicher Arbeitsweisen. Die für das Buch getroffene Auswahl der Projekte ist aber auch noch aus anderen Gründen gelungen. Timothy Samara ist sichtlich bestrebt, eine möglichst große Bandbreite des Grafik Designs zu zeigen - sowohl in seinen Anwendungsmöglichkeiten als auch in den zur Verfügung stehenden Ausdrucksformen. Das Spektrum der Arbeiten umfasst die Entwicklung von Markenidentitäten für Weine, die Gestaltung von Büchern, Foldern, Postern und anderen Printprodukten ebenso wie Web-, Messestand- und Textildesign. Um die jeweiligen Botschaften zu vermitteln, bedienen sich die Gestalter der unterschiedlichsten Techniken. Sogar Linolschnitte kommen für einen Auftrag, mit wirklich zauberhaftem Ergebnis, zum Einsatz. Auffallend ist auch die Internationalität der Mitwirkenden. Das Verzeichnis der 38 Designer und Designstudios, die Einblick in ihre Projekte gewähren, liest sich wie das Programm einer Reise um die Welt.

“Grafik Design. Theorie, Konzept, Realisierung” zeigt, wie die Theorie des Grafik Designs in der Praxis umgesetzt wird. Nichts befriedigt die Wissbegier spannender und nachhaltiger, als als ein Blick hinter die Kulissen. Das Konzept geht auch in Buchform auf.

© Ch. Ranseder

Grafik Design: Theorie, Konzept, Realisierung

Wiener Aktion 2009

Montag, 23. März 2009

Notiz

Hundstrümmerlkunst (A)/Hundehaufenkunst (D) in der zweiten Runde

Wiener Aktion 2009 © S. Strohschneider-Laue

Nach dem Aufflammen des Wiener Aktionismus 2008 wurde neulich eine weiteres Statement fotografisch dokumentiert. Nun ist Hundstrümmerlkunst keine Singularität mehr. Die Straßenszene hat die bürgerliche Empörung endgültig aufgespießt. Mit für Wiener Verhältnisse vehementer Eigendynamik (immerhin liegt erst ein Jahr zwischen dieser und der ersten Beobachtung) kam es daher zur bezirksübergreifender Spontansolidarität. Vom 16. auf den 7. übertragen, ist es nur noch eine Frage der Zeit bis die Wiener Innenstadt um eine flexible Attraktion reicher wird.

Eine neuerliche Stellungnahme des künstlerischen Leiters der Halle zu dieser Kunstform fiel nach einem Jahr tiefer Gedankenkrise überraschend aus, denn ”…seine Vorstellung von Kunst hat das virtuell Unfassbare hinter sich gelassen und bedient sich jetzt aus dem reichen Fundus ungeschützter freier Ideen junger Ungenierter…”

Eine Stellungnahme seitens kommunal Engagierter konnte wieder nicht eingeholt werden. Wohlinformierte Kreise kolportieren, dass Bürgernähe in Zeiten der Krise nicht notwendig sei, da wir ohnedies alle im selben Rinnstein lägen. Die Kommission, die bereits die letzte Aktion aufgriff, hat jetzt den undotierten “Rinnstein”-Wettbewerb ausgeschrieben. Die nicht unbeträchtliche Teilnahmegebühr soll - nach Abgeltung der Sitzungstantiemen für Funktionsträger aus Politik und Wirtschaft - an jene KünstlerInnen refundiert werden, die für die Kommission bisher gratis Ideen und Entwürfe geliefert haben.

Übrigens: Die minderjährigen Schaschlikspießschnitzer in Südostasien bleiben von etwaigen Nutzungsrechten ausgeschlossen und das Spießchen ist ab sofort unter Denkmalschutz gestellt.

© S. Strohschneider-Laue

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Ameisen Ameisen Ameisen

Sonntag, 22. März 2009

Notiz

Ameisen
Unbekannte Faszination vor der Haustüre
22. März ‘09 bis 7. Februar ‘10
Landesmuseum Niederösterreich

Ameisen ©  S. Strohschneider-Laue

Das Frühjahr kommt und die große Krabbelei beginnt erneut in freier Natur, im Haus und sogar im Landesmuseum Niederösterreich. Die heimischen Ameisen krabbeln tatsächlich für ein Jahr unter geschützten Bedingungen durch die Sonderausstellung “Ameisen - Unbekannte Faszination vor der Haustüre”. Das ansonsten - schon aus konservatorischen Gründen - ameisenfreie Landesmuseum zeigt die flinken (nicht immer) Fußgänger unter den Insekten von ihrer spannendsten und - so unglaublich es klingen mag - von ihren attraktivsten Seiten.

Ameisen ©  S. Strohschneider-Laue Nichts hätte mich dazu gebracht das Landesmuseum zu betreten, solange die achtbeinigen Monster vor zwei Jahren das Haus regierten. Spinnen sind mit meiner Psyche absolut inkompatibel. Mit Ameisen will ich zwar nicht die Dusche teilen - was seit einem Jahr leider nicht zu verhindern ist -, aber interessant finde ich Ameisen trotz oder auch aufgrund ihrer Hartnäckigkeit auf jeden Fall. Und in dieser Ausstellung bin ich vollkommen auf meine Kosten gekommen und das werden alle BesucherInnen. Egal, ob sie nun Ameisen mögen oder nicht und völlig gleichgültig welchen Alters sie sind.

Ameisen: Zahlen und andere Fakten ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: Krabbelei aktiv und im Großformat ©  S. Strohschneider-Laue Damit man die richtige Perspektive gewinnt, wird man beim Betreten der Ausstellung ”geschrumpft”. Ameisenfakten und Zahlen sowie das erste Formicarium schaffen dafür die Basis. Großformatige Filmsequenzen aus dem Ameisenleben ermöglichen anschließend eine Begegnung in gleichwertiger Augenhöhe zwischen BesucherInnen und Ameisen.

Ameisen: Die Wiese ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: Knackpunkt Charles Darwin? ©  S. Strohschneider-Laue Riesige Grashalme und saftiges Grün säumen den weiteren Weg zum in heimeliges Rot getauchten Bau am Ende der Wiese. Und der Weg dortin ist gespickt mit Information. Man erfährt z. B. viel über 130 Millionen Jahre Entwicklungsgeschichte, das Geheimnis des Kastensystems, den Vorteil in der Kolonie zu leben, warum die Lebensweisen der Ameisen Charles Darwin nervös machten und warum Ameisen nicht beißen, sondern auch stechen. 

Ameisen: Waldameisen Formicarium ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: Waldameisen Formicarium Laufröhre ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: Waldameisen Formicarium ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen leben nicht alle in riesigen Ameisenhaufen, manche Völker finden auch in einer Eichel ausreichend Platz. Und die Ausstellung zeigt sie (fast) alle, die großen und die kleinen Unterkünfte, ihre riesigen oder winzigen Baumeister oder Untermieter. Beeindruckend daher der große Waldameisenhaufen, der sich über mehrere durch Laufröhren verbundene Quadratmeter erstreckt. Nicht weit davon entfernt, in einer eigenen grasgrünen Sockelvitrine untergebracht, eine unscheinbare aber bewohnte Eichel.

Ameisen: ortstafel ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: Porträtgalerie ©  S. Strohschneider-Laue Sind die BesucherInnen im warmen Rot getauchten Bau angelangt, können die kleinsten unter ihnen gerne auch Abkürzungen durch das Wegsystem nehmen. Die Entdeckerlust ist aber für Erwachsene auch ohne Schlupflöcher in Bodennähe genauso groß. Formicarien für verschiedene Ameisenvölker mit unterschiedlichen Bedürfnissen zeigen die Vielfalt und die Ansprüche dieser Insekten.

Ameisen: Nektarien ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: ortstafel ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: Kreislauf Leberegel ©  S. Strohschneider-Laue Die Bedeutung von Ameisen für die Umwelt wurde schon recht früh erkannt und die meisten haben auch schon davon gehört. Dennoch überrascht es sicher viele BesucherInnen wie wichtig heimische Ameisen für die Verbreitung der Frühjahrsblüher sind und welche Pflanzen eine “süße” Wechselbeziehung mit Ameisen pflegen. Das es aber auch einen parasitischen Kreislauf gibt, an dem Ameisen (unfreiwillig) beteiligt sind, ist sicher den wenigsten geläufig.

 Ameisen: Skrupelose Herrscher ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: Formicarium ©  S. Strohschneider-Laue  Ab und an menschelt es auch bei den Ameisen. Sie sind territorial und achten darauf, dass ihnen alles Unerwünschte fernbleibt. Friedlich geht es im Bau nicht zu. Skrupellose Herrscher, Intrigen, Meuchelmord, Untermieter (gebetene und ungebetene), Hochzeitsflug, Sklaverei, Bettelei, Raub und vieles mehr halten die wohl organisierten Staaten ständig auf Trab.

Ameisen: Volkskultur ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: Ortstafel ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: Sparverein ©  S. Strohschneider-Laue Die Bedeutung der Ameise ist vielfältiger als man glaubt: Sparverein und Dorf sind nach ihr benannt, Ameisen zieren T-Shirt und Gesellenbrief. Sogar wirtschaftliche Bedeutung hatten Ameisen. Ameisler sammelten bis zu Beginn der 1970er Jahre die Puppen und verkauften sie als Vogel- und Fischfutter.

Ameisen ©  S. Strohschneider-Laue Dass dieser gewaltige Informations-Tsunami, den der Ausstellungskurator Christian Dietrich über Ameisen zusammengestellt hat, nicht so gewaltig wirkt wie er wirklich ist, ist der flockig-lockeren Umsetzung zu verdanken. Es gibt eine wahre Textflut, etliche Ameisenvölker mit unzähligen Individuen, viel Bild- und Filmmaterial und zahlreiche Objekte. Die abwechslungsreiche Gestaltung von Doris Prenn (prenn_punkt) führt stimmig durch die Themenbereiche der Ausstellung. Grüne Wiese, roter Bau, schwarz-weiße Menschenwelt machen die Ausstellung emotional über Farben und lebendige Arrangements fassbar. Spätestens, wenn man nach dem “Ameisen-Watching” auf die Uhr schaut oder man zu Hause im Katalog liest, bemerkt man erstaunt, wie viel kurzweilige Zeit man mit ameisenfleißiger Wissensvermehrung verbracht hat.

Non-Fiction

Die sogenannte Begleitbroschüre “Ameisen - Unbekannte Faszination vor der Haustüre” von Christian Dietrich und Erich Steiner ist zudem ein echter Pflichtkauf. Um den Sensationspreis von 3,50 € kann man das stattliche 80 Seiten umfassende Werk, das nur produktionstechnisch eine Broschüre ansonsten aber ein gewichtiger Katalog ist, erwerben. In sechs Kapiteln und acht Exkursen liegt damit die komplette Ameisenausstellung und zugleich Grundlagenwissen zu Ameisen vor. Wer da nicht zugreift, dem ist nicht zu helfen. 

Zur Ausstellung ist ebenfalls erschienen:
Johann Ambach, Christian Dietrich (Hgg.)
Geschätzt, verflucht, allgegenwärtig - Ameisen in Biologie und Volkskultur
Denisia 25 (Katalog OÖLM N.S. 85), 188 S.
ISBN 978 3 85474 203 6 

© S. Strohschneider-Laue

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Alter Vogel, flieg!

Freitag, 20. März 2009

Non-Fiction

Bärbel Danneberg
Alter Vogel, flieg!
Promedia 2008, 206 S.
ISBN 978 3 85371 286 3

Alter Vogel, flieg! Alter Vogel, flieg!: Tagebuch einer pflegenden Tochter

Der Schmerz sitzt beim Lesen im Herz. Mit jeder Seite nimmt er zu. Bärbel und Julius haben Else zu sich genommen. Else ist über 90, ihr langes Leben neigt sich dem Ende zu. Mit jedem Monat, jeder Woche und zuletzt fast jedem Tag wird ihr Körper schwächer, ihr Gedächtnis brüchiger und die Demenz wächst unabwendbar. Die gemeinsame Gefangenschaft in Wohnung und Haus lässt Bärbel verzweifeln und die wenigen Möglichkeiten, dem Gefängnis der Pflege und Betreuung zu entfliehen, sind die kargen Tankstellen. Zugleich aber entdecken Julius und sie einander immer wieder in neuen Rollen und neuer Nähe. Und Else lebt zwischen ihnen in ihren eigenen Welten, zu denen niemand mehr Zutritt hat.

Ein Buch, in dem zwischen dem ganz normalen Alltag der Pflege und Betreuung einer alten, dementen Mutter immer deutlicher wird, wo gesellschaftliches und politisches Totalversagen pflegende Angehörige einem gnadenlosen Schicksal überlässt. Erst der Tod bringt die Erlösung für alle Beteiligten und ist zugleich schmerzlicher Verlust.

Wie in diesen Jahren aber Beziehung gelingt zwischen Bärbel, Julius und Else, wie in diesen Jahren Lernen durch Krise gelingt, hilft jenen, die noch vor dieser Situation der Pflege und Betreuung dementer alter Menschen stehen oder mitten in ihr, Kraft zu schöpfen und sich nicht allein und verlassen zu fühlen. Ein bewegendes, dichtes und starkes Buch einer starken Frau.

© B. Meinhard-Schiebel

Alter Vogel, flieg!: Tagebuch einer pflegenden Tochter

Alfons Mucha

Sonntag, 15. März 2009

Non-Fiction

Agnes Husslein-Arco, Jean Louis Gaillemin, Michel Hilaire, Christiane Lange (Hgg.)
Alfons Mucha
Hirmer 2009, 365 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 7774 7035 1

Alfons Mucha Alfons Mucha: Katalog zur Ausstellung in Wien, 2.02.2009-01.06.2009, Belvedere und in München, 25.09.2009-10.-01.2010

Das Buch “Alfons Mucha” und die gleichnamige Ausstellung kommen zum richtigen Zeitpunkt. Sie spiegeln in Konzept und Werkauswahl zwei seit einigen Jahren vorherrschende, sich zu Trends verdichtende, gegensätzliche Stimmungen. Zum Einen ist die Freude am Dekorativen wieder erlaubt. Diese Sehnsucht nach dem Ornament lässt sich mit dem Erstarken der Illustration auch in der zeitgenössischen Grafik ablesen. Zum Anderen besinnen sich viele Volksgruppen trotz des vielbeschworenen europäischen Gedankens wieder auf ihre Wurzeln. Alfons Muchas Gesamtwerk vermag mit seiner beeindruckenden Bandbreite beide Pole abzudecken. Als Gebrauchsgrafiker wurde er mit Plakaten, Entwürfen für Verpackungen und Buchillustrationen im Stil der Art Nouveau berühmt. Mit der monumentalen Historienmalerei, die in der Bildfolge des “Slawischen Epos” gipfelte, verwirklichte er ein Herzensanliegen.

Alfons Mucha (1860-1939) war ein Multitalent. Den Anforderungen eines Projektes entsprechend, wechselte er mühelos zwischen den Genres, Medien und Formen des emotionalen Ausdrucks. Auch mit dem Verlauf seiner Karriere stand der vielseitig begabte Künstler dem heutigen Bild des Stardesigners näher als den Malerfürsten des 19. Jahrhunderts. Herausragendes Können reicht oft nicht aus, um in der Kunstszene zu bestehen. Mucha verfügt darüber hinaus über die Fähigkeit Netzwerke aufzubauen, die Bereitschaft zur Mobilität und eine gehörige Portion Glück. Im südmährischen Ivančice geboren, zieht es Alfons Mucha nach seiner Ablehnung durch die Prager Akademie der bildenden Künste nach Wien, wo er als Theatermaler tätig ist. Es folgen Abstecher nach Mikulov und Schloss Gandegg in Tirol. Mucha hat das Glück in den Grafen Egon und Eduard Khuen Belassi finanzielle Förderer zu finden. Ihre Unterstützung ermöglicht ihm einen Studienaufenthalt in München und die Fortsetzung seiner Ausbildung in Paris. Prägender als die akademische Schulung sind in diesen Jahren jedoch die Treffen mit Künstlerfreunden, in deren Rahmen nicht nur Geselligkeit gepflegt, sondern - vor allem in München - Seite an Seite selbst gewählte Aufgabenstellungen gelöst werden. Gegen Ende des Jahres 1894 erhält Alfons Mucha durch eine glückliche Fügung die Chance ein Plakat für das Theaterstück “Gismonda” zu entwerfen. Die Schauspielerin Sarah Bernhardt ist von seiner Schöpfung so begeistert, dass sie mit ihm einen Vertrag auf sechs Jahre abschließt. Von da an geht es mit Muchas Karriere steil bergauf. Es folgen zahlreiche kommerzielle grafische Arbeiten, Schmuckentwürfe sowie die fantastische Ausstattung des Juweliergeschäftes von Georges Fouquet. Seine Beschäftigung mit dem Kunstgegenstand erreicht mit den als Handbuch gedachten “Documents Décoratifs” einen Höhepunkt. Die Gebrauchsgrafik allein befriedigt den begnadeten Zeichner jedoch nicht. Neben seinen dekorativ-heiteren Arbeiten verwirklicht Mucha künstlerische Projekte zu religiösen und patriotischen Themen, darunter die bildliche Umsetzung des Vaterunsers. Ein weiteres Standbein ist seine Lehr- und Vortragstätigkeit. Letztere führt ihn 1904 in die USA, wo er mehrere Jahre lebt und arbeitet. Hier gelingt es ihm auch einen Mäzen für den “Slawischen Epos” zu finden. Doch Amerika kann Mucha nicht halten. Er übersiedelt nach Prag, um sich der Ausschmückung des Primatorensaals im Repräsentationshaus und den Monumentalgemälden des “Slawischen Epos” zu widmen.

Der Prachtband “Alfons Mucha” würdigt die Vielseitigkeit des weitgereisten Künstlers. Großformatige Abbildungen, die ein wahres Fest für die Augen sind, bieten einen Querschnitt durch sein Lebenswerk. Die zahlreichen Essays zeichnen sich durch originelle Zugänge zu Muchas Kunstschaffen und neue Schwerpunktsetzungen aus.

Jean Louis Gaillemin geht in “Linie und Figur - der ‘Mucha-Stil’” Muchas Interesse an spiritistischen Experimenten nach und untersucht, wie der Künstler seine Beobachtungen zu Kompositionsregeln verdichtete, um sie in verschiedenen Ausdrucksstilen zur Anwendung zu bringen.

Roger Diederen rekonstruiert in “‘Hier leuchtete die Flamme der Kunst’. Alfons Muchas Münchner Jahre (1885-1887)” Muchas Weg nach München, wo sich sein Geschick soziale Netzwerke zu knüpfen voll entfaltete.

Arnauld Pierre setzt in “Musikalische Ekstase und Fixierung des Blicks. Mucha und die Kultur der Hypnose” die in Muchas Atelier stattfindenden Experimente in einen historisch-medizinischen Kontext. Im Zuge dessen führt er vor Augen, wie Mucha die Betrachter seiner Plakate manipuliert und welche hypnotische Wirkung seiner Gebrauchsgrafik innewohnt.

Olivier Gabet stellt in “Der Kunstgegenstand bei Mucha” den Perfektionisten als fantasiebegabten Schöpfer kunstgewerblicher Gegenstände vor und spannt dabei den Bogen von der Gebrauchsgrafik über die “Documents Décoratifs” bis zu Schmuckentwürfen und Geschäftsausstattung für den Juwelier Georges Fouquet.

Dominique de Font-Réaulx schildert in “Die fotografische Inszenierung bei Alfons Mucha” die Freude des Künstlers an der Fotografie, mit deren Hilfe er nicht nur seine Freunde und Familie für die Ewigkeit festhielt, sondern auch seine historischen Gemälde vorbereitete.

Alfred Weidinger befasst sich in “Alfons Mucha und der Pavillon für die osmanischen Provinzen Bosnien-Herzegowina auf der Weltausstellung in Paris 1900″ mit Entstehungsgeschichte und Bildprogramm des repräsentativen Projektes.

Lenka Bydźovská und Karel Srp verfolgen in “Das ‘Slawische Epos’: Wort und Licht” die Genese des Monumentalwerkes. Im Zuge dessen analysieren sie Muchas Interpretation der slawischen Geschichte, seine Erzählweise und die gewählten Formen des visuellen Ausdruckes.

Tomoko Sato entdeckt in “Fotografie: Die andere Seite Muchas” Mucha als Fotokünstler.

Den Aufsätzen folgt ein umfassender, nach 11 Themen gegliederter Bildteil mit jeweils einem einleitenden Text zu jedem Abschnitt. Biographie, Werkverzeichnis und Auswahlbibliographie runden das stattliche Buch ab. Anlass für das Erscheinen der Publikation “Alfons Mucha” ist die gleichnamige Ausstellung, die von 12. Februar bis 1. Juni ‘09 im Belvedere, vom 20. Juni bis zum 20. September ‘09 im Musée Fabre und vom 9. Oktober ‘09 bis zum 24. Jänner ‘10 in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, gastiert.

© Ch. Ranseder

Alfons Mucha: Katalog zur Ausstellung in Wien, 2.02.2009-01.06.2009, Belvedere und in München, 25.09.2009-10.-01.2010

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Geschichte des Essens & Trinkens

Sonntag, 15. März 2009

Non-Fiction

Klaus E. Müller
Kleine Geschichte des Essens und Trinkens
Vom offenen Feuer zu Haute Cuisine

Beck 2009, 175 S., 16 Abb.
ISBN 978 3 406 58349 0

Kleine Geschichte des Essens und Trinkens Kleine Geschichte des Essens und Trinkens: Vom offenen Feuer zur Haute Cuisine

Manche Bücher erinnern mich an glückliche Besuche in Museen. Die “Kleine Geschichte des Essens und Trinkens” ist so ein Buch. Beim Lesen entstand vor meinem inneren Auge das Bild eines Gemischtwarenladens, wie ich ihn unzählige Male in Stätten des kulturellen Bewahrens und Präsentierens gesehen habe. In meiner Fantasie roch der Raum nach altem Holz, Gewürzen, frischen Keksen und parfümierten Seifen. In hohen Regalen lockten dekorative Schachteln und Dosen, Schubladenkästen versprachen Delikatessen aus fernen Ländern, auf der Theke und am Boden stapelten sich Waren aller Art und von der Decke baumelten Körbe, Pfannen und Bürsten. Das Arrangement der Dinge erschien chaotisch und doch war bei näherer Betrachtung ein System zu erkennen. Viel Vertrautes fand sich im Sortiment, aber auch so manche Überraschung. Auf jedem Quadratmeter des vollgestopften, in Dämmerlicht gehüllten Raumes gab es etwas zu entdecken.

Für geistige Nahrung Suchende hält die “Kleine Geschichte des Essens und Trinkens” ein reichhaltiges Angebot an Informationen bereit. Klaus E. Müller verschmilzt europäische Kultur- und Sozialgeschichte, ethnologische Beobachtungen, Mythen und die Literatur des klassischen Altertums zu einer ganzheitlichen weltumspannenden Betrachtung des Essens und Trinkens. Zwölf Kapitel beherbergen - wundersamen Verpackungen gleich - kulinarische Ausflüge, die auf den Spuren des Genusses in großen Sprüngen durch Zeit und Raum führen. Von der mühsamen Nahrungsgewinnung in grauer Vorzeit über Hungerfantasien, Nahrungsgebote, Geschmacksvorlieben, Rituale der Gastfreundschaft und des Verhaltens bei Tisch bis zur Nahrung als Mittel der sozialen Abgrenzung sowie der Verknüpfung des Mahls mit sakralen Handlungen reicht das Themenspektrum. Das Hinzuziehen der Völkerkunde und die damit einhergehende Einbindung außereuropäischer Kulturen bringt eine Erweiterung des Horizontes und stellt die europäischen Gepflogenheiten durch die Verschiebung des Standpunktes in einen neuen Kontext.

Lässig geschrieben und unbehindert durch einen Fußnotenapparat ist das Buch ein unterhaltsamer und bildender Begleiter, der Dank seines kleinen Formats locker in (fast) jede Tasche passt.

© Ch. Ranseder

Kleine Geschichte des Essens und Trinkens: Vom offenen Feuer zur Haute Cuisine

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Gastmahl | Ama/Koch/zon/e

Art Brut in Österreich

Freitag, 13. März 2009

Non-Fiction

Angelica Bäumer (Hg.)
Kunst von Innen. Art Brut in Austria
Holzhausen 2007, Dt, Engl., 480 S., zahlr. farbige Abb.
ISBN 978 3 85493 126 3

Kunst kommt von Innen Kunst von Innen: Art Brut in Österreich

Der 480 Seiten mächtige zweisprachige Katalog nimmt sich umfassend der Art Brut / Outsider Art in Österreich an.  Der Katlog steht einer internationalen Wanderausstellung  zur Seite die zur Zeit in Istanbul (26. März bis 27. April ‘09: Marmara Universität, Fakultät für Schöne Künste) zu sehen ist. Beiträge von 26 AutorInnen, Interviews, Porträts der Ateliers und Werkstätten und zahlreiche Abbildungen bieten einen tiefen Einblick in die Szene zwischen Therapie und Kunst, deren KünstlerInnen und ihre Werke einen festen Platz im Kunstschatz der Moderne erobert haben.

In fünf Kapiteln - Geschichte der Art Brut, Dialog zwischen Therapie und Kunst, Art Brut und die Moderne Kunst, Ateliers und Werkstätten | Ziele und Projekte, Museen und Sammler - entwickelt sich anhand der Beiträge ein umfassendes Bild des derzeitigen Forschungsstandes. Die AutorInnen: Daniel Baumann, Angelica Bäumer, Roder Cardinal, Rainer Danzinger, Claudia Dichter, Jean Dubuffet, Gerhard Ederndorfer, Karlheinz Essl, Johann Feilacher, Franzobel, Peter Gorsen, Christine und Irene Hohenbüchler, Alfred Hrdlicka, Max Kläger, Michael Landau, leo Navratil, Peter Pongratz, Arnulf Rainer, Hannah Rieger, Thomas Röske, Gerhard Roth, Elisabeth Telsnig, Michel Thévoz, Günther Weixlbaumer, Margit Zuckriegl.

“Art Brut in Austria” dokumentiert einerseits die Diskussion und Entstehungsgeschichte rund um Art Brut / Outsider Art, andererseits wird ein guter Einblick in die derzeitige Situation in Österreich geboten. Die Stärke des Sammelbandes liegt nicht zuletzt darin, dass unterschiedliche Ansätze gleichberechtigt nebeneinander vorgestellt werden. Die Diskussion, ob Art Brut als eigenständige Kunst - unabhängig von der begeleitenden Krankengeschichte - betrachtet werden soll oder nicht, wird von beiden Seiten minutiös analysiert und ausführlich auch im Rahmen des historischen Kontextes argumentiert. Insbesondere Psychiater und Künstler haben sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Art Brut befasst und sich mit der Intensivität des künstlerischen Schaffens abseits der tradierten und oft auch zeitgeistigen Normen auseinandergesetzt. So war Max Ernst der erste, der seine Werke und die Arbeiten von Geisteskranken gleichberechtigt nebeneinander ausstellte. Das Kunstverständnis der Nationalsozialisten griff hingegen auf die Sammlung Prinzhorn zurück, um genau das Gegenteil im Rahmen der Ausstellung “Entartete Kunst” zu dokumentieren.

Das bekannteste Atelier in Österreich ist das Art/Brut Center Gugging, das von Leo Navratil 1981 als “Zentrum für Kunstpsychotherapie” gegründet wurde. Aber “Gugging” ist nicht allein. Rund 30 weitere Einrichtungen arbeiten in ganz Österreich. Aufnahme in den Katalog fanden allerdings nur jene, die nicht nur temporär und mit Erwachsenen arbeiten.

Angelica Bäumler ist es als Herausgeberin von “Kunst von Innen, Art Brut in Austria” gelungen, renommierte ExpertInnen in diesem Band zu versammeln und trotzdem noch die Zeit zu finden selbst zu recherchieren und ihre Fachkenntnis einzubringen. Eine große Herausforderung, die dazu führte, dass die Bandbreite des Themas wirklich umfassend beleuchtet wurde. Nicht zuletzt tragen die von ihr geführten Gespräche auch  dazu bei, eine Innensicht der Museen und Sammleranliegen zu erhalten. Ein bisschen mühsam ist es allerdings, weiterführende Literatur den Fußnoten der einzelnen Beiträge zu entnehmen. Ein Literaturverzeichnis wäre benutzerfreundlich gewesen, hätte aber den Band vermutlich auf 500 Seiten anschwellen lassen. Mit und ohne Literaturverzeichnis ein unverzichtbares Grundlagenwerk, das seine Bedeutung behalten wird und für diesen Kaufpreis nachgerade ein Schnäppchen ist.

Die Frage, ob Art Brut Kunst ist, hat sich m. E. erübrigt; denn Kunst, wenn sie nicht reines ausführendes Kunsthandwerk ist, sondern entwerfend, rezipierend und erzählend, darstellend, gestaltend den soziokulturellen Kontext aufgreift sowie persönliche Emotionen widerspiegelt, nicht zuletzt immer Art Brut ist. Erst in der persönlichen Auseinandersetzung mit sich selbst und der Umwelt sowie der anschließenden künstlerischen Umsetzung kommt Kunst von Innen und ist Kunst wirklich Kunst. Und sie kommt dann ganz unabhängig von pathologischen Bedingungen von innen, aber nur wenn sie von psychisch schwer gestörten Menschen stammt, wird sie unter Art Brut als eigene Stilrichtung geführt. Eine Gesellschaft, die Art Brut ablehnt, grenzt aus; denn sie lehnt nicht nur allein Kunst, sondern damit die Individualität und die Freiheit des Menschen an sich ab.

© S. Strohschneider-Laue

Kunst von Innen: Art Brut in Österreich

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Galerie Gulliver

Dienstag, 10. März 2009

Notiz

Von der großen Kunst im kleinen Raum

Galerie Gulliver © Inge Link

So manches Großes in der Welt der Kunst ist einfach nur aufgeblasen. Und wenn man genauer schaut, ist ganz schnell die Luft raus.

Andererseits hat so manches Kleine in der Welt der Kunst die Kunst für sich entdeckt wirklich größer zu sein als der umgebende Raum. Und wenn man genauer schaut, ist man immer noch draußen und trotzdem schon mittendrin.

Der Ausstellungsraum (B80 x T34 x H20 cm) der Galerie Gulliver ist hiermit für den RDG-Award “Größte unter den kleinsten Galerien” nominiert. Sponsoren für den soeben geschaffenen RDG-Award werden noch gesucht. Von der RDG (=Relativität der Größe) des Sponsorings hängt die Umbenennung des Awards nach Wünschen des Hauptsponors und unter Rücksichtnahme auf bereits rechtlich geschützte Namen wie BASTA, Pasta oder Oscar ab.

© S. Strohschneider-Laue

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Women’s World Congress

Donnerstag, 05. März 2009

Notiz

Feminismus ist nicht neu


 
Begrüßung und Eröffnung

Der Women’s World Congress (4. bis 5. März ‘09) im Wiener Rathaus muss sich gefallen lassen, schlecht beworben worden zu sein. Er hat nämlich seine Zielgruppe nicht erreicht. Wie von etlichen Frauen, die auch nur durch diverse Zufälle vom Kongress erfahren hatten, bemerkt wurde. Zumindest wurden Frauen nicht am ersten Tag herbeigelockt - und übrigens auch nicht am zweiten. Und da nutzte auch die enorme Zeitverzögerung zu Beginn nichts, die ging nur zu Lasten des ersten Themenblockes. Der Festsaal blieb zu leer und er wurde noch wesentlich leerer als die Journalisten nach der Eröffnung ebenso verschwanden wie die Stadträtin für Frauenfragen und nach der Pause die hinteren Stuhlreihen.


  
Feminismus im Wandel:
Brauchen wir einen “neuen” Feminismus?

Schön ist, dass sich der Feminismus trotzdem nicht umbringen lässt - auch wenn das natürlich nicht Ziel der ansonsten sehr engagierten Veranstaltung ist, sondern das genaue Gegenteil. Feminismus lässt sich auch nicht umbenennen. Auch wenn die Politik es gerne sähe, wenn das Wörtchen “neu” davor stünde. Etwa so wie beim ÖGB “neu” von allerlei ablenken soll. “Neu” macht es zum Beispiel nämlich nicht besser, dass Österreich beim Einkommen der Frauen fast das Letzte ist. Also um genau zu sein: Österreich rangiert an unter den EU-Ländern an 26. Stelle, was zahlenmäßig fast deckungsgleich mit 25,5% weniger Lohn für Frauen ist. Die feurige Eröffnungsrede von Stadträtin Sandra Frauenberger in der “neu” eine tragende Rolle spielte, stieß deshalb nicht auf ungeteilte Zustimmung im Laufe der Veranstaltung. Wie besonders eloquent von Sibylle Hamann zusammengefasst wurde, dass für feministische Anliegen “neu” nicht kennzeichnend sei. Mal ganz abgesehen davon, was war denn am “alten” Feminismus so schlecht, wenn er uns Frauen doch soviel gebracht hat, dass wir “neu”erdings wieder verlieren? Mal abgesehen davon, dass der alte Feminismus noch so viele offene Forderungen hat.


 
Multikulturalität und Feminismus:
Wo bleiben die Migrantinnen?

Der Unterschied zu den “alten” Zeiten, die noch gar nicht lange her sind, ist, dass sich in der Forschung viel getan hat; Gender Mainstreaming macht den Inhalt verwaltbar, ändert aber nichts an der Realität. Und nichts scheint ein erfreuliches Ergebnis zu bieten. “Männer sind noch immer nicht kinderlos” wie Alexandra Weiss treffend zu hierarchischer Heterosexualität und dem konservativem Bild als Rettungsanker bemerkte. Dass es Männer mit Feminismus wirklich schwer haben, legte Erich Lehner dar. Die Privilegierten, haben eine interne Hackordnung, die den Nährboden für die geringe Präsenz in der Familie, geringe Lernintention, Konkurrenzstress und Gewaltneigung bietet. Da kann man ganz schnell vom Alpha zum Omega werden, wenn man bei der Familienarbeit in die Pflicht genommen wird.

Dass der moderne Feminismus nicht mehr auf die Straße geht wurde bei der Vorstellung des Missy Magazine durch Stefanie Lohaus deutlich. Missy dient nicht der Selbstverbesserung, sondern unter anderem Vielfalt sichtbar zu machen. Sehr gut, denn die Anliegen des Feminismus sind ebenso vielfältig, wie die Frauen selbst. Ich werde mir die neue Ausgabe zu legen, denn allein der Spruch “Missy ist gut, nicht ‘obwohl’, sondern ‘weil’ es von Feminismus handelt” so genial. Junges - nicht “neues” - feministisches Engagement findet über Publikationen, im Internet statt und es geht frische, engagierte, selbstbestimmte Wege wie Amanda Ruf aufzeigte, denn kein Mädchen ist wie Barbie.


Barbie weint nicht

Das Motto unter dem die 10 “Barbie”-Kuben der Ausstellung anlässlich der 10 Jahre  ”Amazone” stehen. Die Bemerkung, dass es eine Angela-Merkel-Barbie gäbe, löste allerdings bei mir folgende feministische Assoziation aus: Wird Barbies Ken zu Helmut Kohl?

Eine Forderung des “neuen” Feminismus ist es, die Migrantinnen zu berücksichtigen. Als ob Feminismus Frauen klassifizieren würde. Migrantinnen sind kein monolithischer Block. Es geht nicht um feministische Missionierung. Es geht um pluralistische Betrachtung. Wobei eine Selbstreflexion der weißen Frauenbewegung nie schaden kann, wenn es um Farbe bekennen geht, wie Belinda Kazeem formulierte.


 
Gewalt, Geschlecht, Kultur:
Wege aus der Sackgasse

Menschenhandel und Sklaverei sind ein massives Problem. Kinder, Frauen und Männer sind davon betroffen. Und es fand gestern, findet gerade jetzt und morgen statt, überall, jederzeit, immer wieder und unvorstellbar grausam in seiner Menschenmassen (12 Millionen!)  traumatisierenden Vielfalt. Und wieder sind die meisten Opfer Frauen. Opfer, Überlebende und überraschend häufig Täterinnen. Häufiger als in allen anderen Formen der Gewalt. Joana Adesuwa Reiterer beleuchtete die (Un)Perspektive der Opfer:
Glaubt mir jemand?
Wird mir geholfen?
Wem kann ich trauen?
Schadet es meiner Familie?

Männer sind Konsumenten und dadurch Förderer der sexuellen Ausbeutung. Und Vergewaltigung ist das größte Kriegsverbrechen. Edith Schlaffer weist daher deutlich darauf hin, dass Sicherheit ein abstrakter Begriff ist und dass Angriff die beste Verteidigung ist. Und der stete Angriff hat mit Worten zu erfolgen und nicht mit Waffen oder Schweigen. Deshalb sollten alle Menschen sich die Worte von Betty Williams zu Herzen zu nehmen: Nicht schweigen, aufzeigen, reden, Verständnis für einander erwirken, aufklären und vor allem sofort aktiv werden. Ihr Wunsch ist es, dass Frauen nach diesem Kongress dazu motiviert sind.

Das ist auch mein Wunsch und hoffentlich werden am zweiten Tag mehr Frauen erreicht.

Und um noch einmal die treffsichere Sybille Hamann zu zitieren:
Feminismus macht das Leben schöner.
Feminismus tut nicht nur Frauen gut.
Feminismus bringt handfeste ökonomische Vorteile.
Ohne Feminismus verschwenden wir Ressourcen.

© S. Strohschneider-Laue

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