Artikel mit ‘Ebensolch Rez-E-zine 55/09’ getagged

Schatzkammer Natur

Mittwoch, 30. September 2009

Non-Fiction

Museum Mensch & Natur Hofpfisterei München (Hg.)
Schatzkammer Natur
Von der Vielfalt heimischer Arten 

oekom 2009, 221 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 86581 134 9

Schatzkammer Natur: Von der Vielfalt heimischer Arten

Dieses Buch bietet eine Entdeckungsreise durch die Natur für die ganze Familie. In wunderschönen Bildern von Rita Mühlbauer und herrlichen Texten führt es durch Bach und Tümpel, Feld und Flur, Hecke und Wald.

Dreiunddreißig heimischen Tiere und Pflanzen sowie Natur- und Umweltschutz stehen im Mittelpunkt der Betrachtung. Dass dieser hohe Anspruch nicht langweilig, belehrend oder bis zur Unverständlichkeit wissenschaftlich sein muss, ist hohes Verdienst der neunzehn AutorInnen. Die renommierten WissenschaftlerInnen haben sich zum Ziel gesetzt Kinder und Erwachsene gleichermaßen für ihren unmittelbaren Lebensraum zu begeistern und damit dessen Erhalt zu fördern.

Blitzschnelle Wasserjäger, denen die Luft ausgeht, gepanzerte Ritter, denen das Wasser bis zum Hals steht oder Langstreckenflieger, die ohne Navi auskommen, sind einfach faszinierend, wenn der Finger auf den Punkt gelegt wird. Kurz, prägnant und trotzdem abwechslungsreich sind die Betrachtungen, denen neun ”Denkstücke” zur Seite gestellt werden.  Durch zartgelbes Papier farblich abgehoben, bieten die “Denkstücke” Fakten und Querbezüge, die dem großen Überblick gewidmet sind. In ihnen wird aufgezeigt, warum Vielfalt besser als Einfalt ist und welche Wechselseitigkeiten in überraschenden Bereichen bestehen.

Dass das Ausprobieren und Selbermachen ein wesentlicher Schritt zum Verständnis ist, ist Menschen angeboren - obwohl das zu viele vergessen haben. In diesem Buch ist es nicht vergessen worden. Egal ob im Trüben für die neue Teichlupe gefischt wird oder Hagebuttenmarmelade gekocht wird, es ist altersunabhängig, interessant und spaßbetont. Die zusätzlichen Publikationshinweise und Ansprechpartner machen Lust auf mehr Aktivitäten in der freien Natur und zu naturkundlichen Themen. Nützlich ist unter anderem die Liste der Naturkundemuseen mit ihren vielfältigen Attraktionen. Das Frankfurter Senckenberg liebe ich, das Erfurter sollte ich mal wieder besuchen, das Stuttgarter und einige andere stehen schon länger auf der Liste, dass ich allerdings das älteste Naturkundemuseum Deutschlands in Braunschweig diesen Sommer verpasst habe, ist mir erst durch das Buch bewusst geworden. Veranstalter von Waldführungen, Buchtipps zur Natur, Autorenporträts und das Artenregister runden den schönen Band benutzerfreundlich ab.

“Schatzkammer Natur” ist auch in gebundener Form vielfältig und bunt wie die Natur selbst. Dem Anspruch einen Beitrag zum Erhalt der Natur zu leisten wird das Buch - somit auch die herausgebende Hofpfisterei - in jeder Hinsicht gerecht.

© V. Strohschneider

Schatzkammer Natur: Von der Vielfalt heimischer Arten

(a)biotisch | Amazon(as)Store
Gastmahl | Ama/Koch/zon/e

Salz

Freitag, 25. September 2009

Non-Fiction

Ingrid Schindler, Bärbel Schermer (Texte)
Matthias Hoffmann, Frauke Koops (Fotos)

Das kleine Buch vom Salz
Teubner 2009, 192 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8338 1655 0

Das kleine Buch vom Salz

Ohne Salz läuft gar nichts. Verstreut bringt es Unglück, es wird manchmal mit Gold aufgewogen, es kann die Liebe einer Prinzessin bedeuten und ein bisschen Salz entscheidet unter Umständen über Leben oder Tod.

In der Genussreihe ist nun “Das kleine Buch vom Salz” erschienen und mein erster - eigentlich ganz unprofessioneller - Gedanke war: “Ist das aber schön!” Der Umschlag ist altrosa-silbrig wie manches Steinsalz. Die Schnittkantenkanten aus dem das silberne Seidenbändchen vorlugt, sind spiegelndes Silber. Geöffnet, beglückt sofort ein doppelseitiges Foto - exemplarisch für weitere exzellente Fotos - von in Streifen aufgestreuten vielfarbigen Salzvarianten. Wenn das Buch nicht so nützlich wäre, würde man es am liebsten nur bewundern. Ein richtiger Prachtband im handlichen Kleinformat

Schönheit ist nichts als eine vergängliche Hülle, wenn sie nicht mit Inhalt verbunden ist. Wunderbar, dass neben der Schönheit auch der Inhalt überzeugt. Die saubere Gliederung in Warenkunde, Küchenpraxis und Rezepte lässt sofort die praxisorientierten Stärken des Bandes erkennen. Da den Mythen, Fakten und Geheimnissen rund ums Salz ebenfalls nachgespürt wird, kommt neben der Praxis auch das Lesevergnügen nicht zu kurz. Der Anhang bietet einen zusammenfassende Überblick über Salzqualitäten und seine Bezugsquellen, Register und erfreulicher Weise auch die Spitzenköche, die für die Rezepte im Band verantwortlich zeichnen.

Und keine Sorge, auch wenn Salz im Mittelpunkt steht, geht es nicht nur um pikante kalte oder warme Gerichte, sondern auch um Desserts, Süßspeisen und Gebäck. Die Rezepte versprechen Kulinaria vom Feinsten. Perfekt sind dafür die Angaben vom Zeitrahmen über benötigte Zutaten und Ablauf der Zubereitung bis zum Serviertipp gegliedert. Für erfahrene KochkünstlerInnen wird in diesem Band viel Neues, Überraschendes und Verführerisches geboten. Für Neulinge ist es ein wunderbar gehaltvoller Appetizer, um mit dem Kochen anzufangen und sich für Warenkunde zu begeistern.

© S. Strohschneider-Laue

Das kleine Buch vom Salz
Das kleine Buch der Schokolade
Das große Buch der Saucen

Gastmahl | Ama/Koch/zon/e
Teeblätter | AmazonStore
Ebensolch | AmazonStore

Kundinnen I

Donnerstag, 24. September 2009

Notiz

Alltagsdrama: Sprachfrau trifft auf Baumarktmann

Neulich wollten wir unsere Wohnung wieder etwas auffrischen. Eine neue Brausetasse sollte es unter anderem sein. Bei solchen Gelegenheiten möchte man nicht die gleichen Fehler - egal ob geschmäcklerischen oder bautechnischen - wiederholen und nochmals zehn Jahre den Anblick der letzten Fehlentscheidung ertragen müssen. Wir einigten uns auf ein technisch-futuristisch anmutendes Badezimmerdesign. Möglichst viel Chrom und Glas sowie möglichst kein weißes Porzellan oder Plastik sollte es sein.

Dass Männer und Frauen nicht die dieselbe Sprache sprechen - auch wenn sie die gleiche nutzen -, dürfte wohl allgemein bekannt sein. Dass das Zuhören und Verstehen aber auch wesentliche Aspekte sind, wird immer unter den Tisch gekehrt. Wie gravierend sich dies beim Einkaufen auswirken kann, wenn es nicht um Grundnahrungsmittel, Hygieneprodukte und Bekleidung geht, sei hier am ersten Beispiel dargestellt. Es war ein Ding der Unmöglichkeit den diversen Angestellten in den zahlreichen Baumärkten und Heimwerkerzentren diese Wünsche darzulegen. Die Dialoge zwischen den durchwegs männlichen Angestellten und mir - definitiv Frau - entspannten sich zusammenfassend etwa so:

Ich: Guten Tag, ich bräuchte ein Brausetasse - möglichst 90 x 90 - im Nirosta-Design.

Er: So was gibt’s nicht.

Ich: Was gibt’s nicht, die Größe oder das Nirosta?

Er: Die Größe gibt’s schon.

Ich: Haben Sie wirklich keine Metalltassen?

Er: Doch, aber das baut man heute nicht mehr ein. Die Restbestände stehen dahinten in der Ecke.

Ich: Nein, die meine ich nicht. Das sind Emailwannen.

Er: Was? Bei E-Mail haben’s wohl was verwechselt. HAHAHA

Ich: Sehr witzig, selten so gelacht. Das ist Gusseisen mit Emailschicht - was nichts mit E-Mail zu tun hat. Ich will ein Hochglanz-Edelstahl-Produkt. Sehr hygienisch, wenn Sie das verstehen.

Er: So was gibt’s gar nicht. Putzen muss man sowieso alles.

Ich: Es geht nicht ums Putzen, sondern um Material und Oberflächenqualität. Brausetassen aus Nirosta gibt’s sehr wohl. Nirosta wird oft in Fabriken oder auf Raststationen eingebaut.

Er: Wenn’s so schlau san, dann schau’n mir mal in den Katalog, da ist alles drin was’ gibt.
Gelangweiltes Blättern folgt, wobei sämtliche Plastik- und Emailwannen von ihm triumphierend durch Fingerklopfer hergezeigt werden.  Da schaun’s her, so schau’n Brausetassen aus.

Ich (bereits ausgereizt): Guter Mann, ich bin sogar mit der Benutzung vertraut. Ich will aber eine aus Metall ohne Email. So ein Ding, das aus schaut wie eine Küchenspüle, bloß die flache und quadratische Variante, zum Reinstellen von Menschen.

Er: Warum sagen’s das nicht gleich? Das haben wir hier gleich hier.

Er stapfte zwei Regalreihen weiter. Zufrieden zeigte er auf ein rechteckiges Metallobjekt, das meinen Wünschen nur mit äußerster Fantasie ähnlich war. In den mediterranen Ländern nennt man so etwas eine Stehtoilette.

“Baumarktberatung” ist ein Oxymoron und ich war einem “Ox-Moron” ausgeliefert.

© S. Strohschneider-Laue

siehe auch Kundinnen II

Teeblätter | AmazonStore

Schokolade

Dienstag, 22. September 2009

Non-Fiction

Ingrid Schindler, Bärbel Schermer (Texte)
Matthias Hoffmann, Frauke Koops (Fotos)

Das kleine Buch der Schokolade

Teubner 2009, 192 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8338 1656 7

Das kleine Buch der Schokolade

Theobroma cacao, die Kakaopflanze, hat die Welt verändert. “Das kleine Buch der Schokolade” erzählt GenießerInnen allerlei Wissenswertes über die süße Versuchung aus Mittelamerika. Von der Kulturgeschichte über die Warenkunde bis zur richtigen Verarbeitung spannt sich der Bogen der angeschnittenen schokoladigen Themen. Die Schokolade hat, wie Kaffee und Tee, Europa nicht nur um einen kulinarischen Genuss reicher gemacht. Ihr Konsum veränderte auch die kleinen Rituale des Alltags und des gesellschaftlichen Zusammenlebens.

Olmeken, Mayas und Atzteken schätzten Kakao als kostbares Getränk. Die spanischen Eroberer waren weniger von seinem bitteren Geschmack, als dem Geldwert der Bohnen angetan. Hernán Cortés erkannte das wirtschaftliche Potential des Kakaos und brachte ihn an den spanischen Hof. Dem Adel schmeckte das neue, nun mit Zucker gesüßte Heißgetränk, die Schokolade. Damit nahmen die Dinge ihren Lauf. Langsam wurde aus dem Genussmittel für Privilegierte, dank erfindungsreicher Köche und Industrieller, eine Götterspeise für die Masse. Heute wird die Kakaopflanze nicht nur in ihrer Heimat, sondern weltweit in den tropischen Zonen angebaut. Auf den Rohstoffbörsen belegt Kakao nach Erdöl und Kaffee den dritten Platz der meistgehandelten Waren. Der Siegeszug der Schokolade geht ungebrochen weiter. Als nahrhafter Frühstückstrank, Snack für Zwischendurch, verführerisches Leckerli im menschlichen Balzverhalten, geeignetes Mitbringsel für jeden Anlass, hedonistische Gaumenfreude und universaler Trostspender ist Schokolade aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Nach Wein und Käse mutierte sie in den letzten Jahren zum Lifestyle-Produkt, für das zahlreiche Spezialgeschäfte eröffnet wurden. Eine Liste von Bezugsquellen für hochwertige Schokoladen ist auch im Buch zu finden.

Mit theoretischem Wissen gerüstet, können Schokoliebhaber nun zur Tat schreiten. “Das kleine Buch der Schokolade” bietet eine Fülle von Rezepten. Den Auftakt machen die pikanten Gerichte. Ja, auch dafür eignet sich Schokolade! Es folgen Süßspeisen und Desserts. Den krönenden Abschluss bilden die Rezepte für Pralinen, Torten und Konfekt. Fotografisch dokumentierte Arbeitsschritte zeigen bei kniffeligeren Aufgaben, wie es geht. Im begleitenden Text sind Tipps zu finden. Die von Spitzenköchen zubereiteten und angerichteten Speisen wurden von Fotografen wunderbar in Szene gesetzt. Alles ist vom Feinsten und lässt beim Betrachten das Wasser im Mund zusammenlaufen. Also genug der Worte, ich brauche jetzt ein Stückchen Schokolade! Es empfiehlt sich bei der Lektüre von “Das kleine Buch der Schokolade” die Lieblingssorten griffbereit zur Hand zu haben.

© Ch. Ranseder

Das kleine Buch der Schokolade
Das kleine Buch vom Salz
Das große Buch der Saucen

Gastmahl | Ama/Koch/zon/e
Teeblätter | AmazonStore
Ebensolch | AmazonStore

Fotokurs: Das weibliche Auge

Montag, 21. September 2009

Non-Fiction

Almut Adler
Das weibliche Auge
Anders sehen, anders fotografieren
Addison-Wesley 2008, 287 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 8273 2632 4

Das weibliche Auge: anders sehen, anders fotografieren - Fotokurs für Frauen

Almut Adler ist Fotografin, Grafikdesignerin und Weltenbummlerin mit offenem Blick für den richtigen Moment große Details und kleine Großartigkeiten einzufangen. Mit vorliegendem Buch entschädigt sie all jene, die keinen Kurs bei ihr besuchen können.  Zugleich bietet sie jenen eine Gedächtnisstütze, die einen Kurs in München oder Spanien besuchten.

Was unterscheidet Almut Adlers vorliegendes Fotobuch von den oft austauschbaren Fotobüchern ihrer männlichen Kollegen?
Es ist die fotografische Improvisationskunst, die im Mittelpunkt steht, und das wohltuende Fehlen von angeberischen Firlefanz. Hier werden Festbrennweiten vorgestellt und nicht Objektivgrößen verglichen. Außerdem wird nichts vorausgesetzt, alles wird knapp und präzise erklärt und das ohne eine Fachbezeichnung durch eine andere zu ersetzen.

Und was dürfen EinsteigerInnen erwarten?
Zwölf Kapitel die vom geschichtlichen Überblick, Aufnahmetechnik, Bildaufbau, Perspektive, Licht, Actionfotografie, Fotomotiv, Filterkunde, Nachtaufnahmen, Spezialthemen, Aufnahmefehler bis zu Activseiten reichen. Im Anhang des strapazfähigen Buches befinden sich ein benutzerfreundliches Glossar sowie ein Stichwortverzeichnis.

Und was hat mir besonders gefallen?
Adler stellt im Überblick die technische Seite und die Funktion einer Spiegelreflexkamera vor ohne Spitzenreiter oder Marken in das Rampenlicht zu rücken. Damit gewährt sie finanziellen Spielraum, den Frauen häufiger beachten (müssen) als Männer. Das ein Foto ein komplexes Produkte ist, das aus dem Zusammenspiel von FotografIn, Spielgelreflex, Motiv und zahlreichen Faktoren wie Licht und Blickwinkel entsteht, wird von ihr von ihr aufgezeigt ohne angehende Fotokünstlerinnen zu entmutigen. Der Fotokurs lebt daher auch von seinen zahlreichen Beispielen. Jede Aussage, jedes Beispiel wird mit passenden Fotos anschaulich belegt. Die Autorin geizt nicht mit Tipps und Tricks, die häufig ganz nebenbei einfließen und dadurch niemals den Charakter eines belehrend geschwungenen Zeigefingers haben. Diese Tipps betreffen ebenso die Körperhaltung der Person hinter der Kamera als auch ganz selbstverständlich scheinende Hinweise auf die behagliche Raumtemperatur für Aktmodelle zu achten. Und besonders schön ist, dass für Almut Adler misslungene Aufnahmen nur dann ein Drama sind, wenn man nicht daraus lernt oder nicht weiß, wie man das Foto retten kann. Bei ihr steht eindeutig der Spaß am Fotografieren im Mittelpunkt ohne die professionellen, technischen Aspekt zu vernachlässigen.

Das großartige Fotobuch für Frauen, muss auch Männer ans Herz gelegt werden; und ganz unabhängig vom Geschlecht gibt es zu viele Menschen, die nur “draufhalten und abdrücken”. Sie haben ihr Gespür für Farben, Formen, Blickwinkel und vieles mehr verloren. Das muss nicht sein. Fotografieren kann man lernen und Kreativität kann man schulen, wie die Fotos von zwei Personen, denen ich das “Das weibliche Auge” bereits geschenkt habe, beweisen.

© S. Strohschneider-Laue

Das weibliche Auge: anders sehen, anders fotografieren - Fotokurs für Frauen

Ebensolch | AmazonStore
Bertha Buch | Amazon(e)Store

Die Kunst des Essens

Montag, 21. September 2009

Fiction

MFK Fisher
Die Kunst des Essens
Herausgegeben und übersetzt von Brigitte Ebersbach
edition ebersbach 2009, 168 S.
ISBN 978 3 938740 88 0

Die Kunst des Essens: Anleitung zum Genuss

Mary Frances Kennedy Fisher (1908-1992) gehört zu den großen Damen der kulinarischen Literatur. Die erzählerische Kraft und Lebendigkeit ihrer sehr persönlich gefärbten Essays über Kochen und Essen sind unübertroffen. Mit Kochbüchern haben ihre literarischen Leckerbissen nichts gemeinsam. Gelegentlich wird ein Rezept erwähnt, doch eigentlich geht es um den geselligen Akt des Essens, die Freuden der Nahrungszubereitung und die verführerische Qualität der Zutaten. MFK Fisher beschreibt Geschmack, Konsistenz, Farbe und Duft der Lebensmittel, dass einem beim Lesen das Wasser im Mund zusammenläuft. Im Mittelpunkt der kulinarischen Geschichten stehen aber stets Menschen. Sie tragen die Erzählung und treiben die Handlung voran. Meist schöpft Fisher aus dem großen Repertoire eigener Erinnerungen an die Kochkünste und Vorlieben von Freunden, Familienmitgliedern, Wirten und Zufallsbekanntschaften. Sie schreibt über die kleinen, alltäglichen Dinge des Lebens: Ihre Freude, wenn sie als Kind der Großmutter beim Marmeladekochen helfen durfte. Den Geschmack der ersten Auster. Die Kniffeligkeit ein Familienessen reibungslos über die Bühne zu bringen. Manchmal gerät sie dabei ins Philosophieren. Über die Veränderungen des Geschmacksinns, der mit dem Altern einhergeht, zum Beispiel. Geschickt komponiert sie eigene Beobachtungen und Beschreibungen längst nicht mehr praktizierter Haushaltsrituale ihrer Kindheit mit kulinarischer Kulturgeschichte oder Zitaten der Klassiker zu locker-leichten Texten.

Dass auch in der deutschen Übersetzung Fishers Eleganz der Sprache, ihr Witz und die Präzision ihrer Beschreibungen von Menschen, Orte und Situationen erhalten bleibt, ist der große Verdienst von Brigitte Ebersbach. Die von ihr für “Die Kunst des Essens” ausgewählten und perfekt ins Deutsche übertragenen Texte entstammen vier Büchern von MFK Fisher, die zwischen 1937 und 1949 erschienen. Als 20-gängiges Menü dargeboten, lassen die sinnesfreudigen Essays, bei deren Lektüre vor dem inneren Auge in goldenes Licht getauchte Bilder idyllischen Lebens entstehen, die mühselige Realität des Alltags vergessen.

In “Achthundert Tage und Nächte Kauen und Schlucken” meint MFK Fischer, dass kulinarische Experimente in Jugendjahren zeigen würden, “… wohin man sich entwickeln wird, das heißt, für welche der beiden oft zitierten Möglichkeiten man sich entscheidet: ob man isst, um zu leben, oder ob man lebt, um zu essen”. Ich gehöre zu jenen, die Essen weil es notwendig ist. Für mich ist Einkaufen eine Quälerei, kochen würde ich am liebsten mit dem Flammenwerfer, damit es schneller geht, und der Gedanke stundenlang bei Tisch zu sitzen, treibt mir die Schweißperlen auf die Stirn. “Die Kunst des Essens” habe ich dennoch mit Begeisterung verschlungen und mich dabei prächtig unterhalten. Damit ist eines bewiesen: MFK Fishers Texte sind auch für kulinarische Muffel ein Genuss.

© Ch. Ranseder

Die Kunst des Essens: Anleitung zum Genuss

Teeblätter | AmazonStore
Gastmahl | Ama/Koch/zon/e

Papierdesign: unfolded

Montag, 21. September 2009

Non-Fiction

Petra Schmidt, Nicola Sattmann
unfolded
Papier in Design, Kunst, Architektur und Industrie
Birkhäuser 2009, 256 S., zahlr. Farbabb. 
ISBN 978 3 0346 0031 6

 Unfolded: Papier in Design, Kunst, Architektur und Industrie

Papier hat in den letzten Jahren die Herzen der Designer, Architekten und Künstler erobert. Zeichner und mit dem klassischen Printbereich befasste Grafiker schätzen seine Qualitäten ja seit langem. Doch als Mittel zur Aneignung des dreidinemsionalen Raumes ist Papier ein relatives Novum. Dank technischer Entwicklungen in der Papierherstellung, die dem Markt sowohl verbesserte als auch mit völlig neuen Eigenschaften ausgestattete Papiere bescherten, und der Imagekorrektur erlebt das bescheidene Material derzeit eine Hochkonjunktur. Es wird fleißig geklebt, gefaltet, gegossen, geschnipselt, gefräst und manchmal sogar geschraubt. Auch in dem Buch “unfolded. Papier in Design, Kunst, Architektur und Industrie” dreht sich alles um das dreidimensionale Gestalten mit Papier.

Der erste Teil des Buches fungiert als Schaufenster für herausragende Projekte, im Rahmen derer Papier auf innovative Weise verwendet wurde. Erste Experimente mit dem vielseitigen Material stammen bereits aus den 60er-Jahren. Bunt bedruckte Wegwerfkleider waren damals in Amerika der letzte Schrei. Von den schlicht geschnittenen Kleidchen zu den ausgetüftelten, gefalteten und gestanzten Kreationen junger zeitgenössischer Designer war es ein weiter Weg. Als wunderbares Experimentierfeld erweisen sich auch Sitzmöbel, wie die zahlreichen Beispiele im Buch belegen. Die Idee Papier für Sessel zu verwenden ist ebenfalls nicht neu: Der aus Wellpappe gefertigte Wiggle Side Chair von Frank Ghery aus dem Jahr 1972 hat bis heute nichts von seiner Attraktivität eingebüßt. Nicht zu unterschätzen ist die Nützlichkeit des Papiers bei der Entwicklung von Prototypen für Möbel und sogar, wie die Entwürfe von Konstantin Grcic zeigen, für Haushaltsgeräte oder Mülleimer.

Selbst in die Architektur hat das Papier Einzug gehalten. Shigeru Ban baute temporäre Gebäude aus Pappröhren und ließ für einen Messepavillon Tragwerksprofile aus Papierresten herstellen. In der Innenraumgestaltung findet Papier, dank seiner hohen Belastbarkeit, bei der Gestaltung von Shops und Messeständen Verwendung. Ein besonders originelles Beispiel für diesen Einsatzbereich ist die Einrichtung eines Büros in der holländischen Stadt Eindhoven.

Zeitgenössische Künstler bedienen sich des Papiers auf neue Art und Weise. Meine Favoriten unter den vorgestellten Projekten, sind die Arbeiten von Peter Callesen. Fingerfertig verwandelt er einfache A4-Blättern in fantasievolle 3D-Welten mit denen er kleine Geschichten erzählt. Überrascht hat mich, dass von der ansonsten repräsentativen Zusammenstellung Künstlerbücher weitgehend ausgeschlossen blieben, obwohl auch sie sich durchaus die dritte Dimension zu eigen machen.

Der zweite Teil von “unfolded” befasst sich mit der Materialkunde. Er ist das Ergebnis der Recherche der Autorinnen nach technischen Papieren für 3D-Anwendungen und birgt manche Überraschung. Beginnend mit der Herstellung entfaltet sich ein beeindruckender Produktreichtum. Die gebotenen Kategorien sind: Modifiziert, Outdoor-Papier, Formteile aus Papierschichten, Chemisch aktiv, Gesintert, Feuerfest und Reinigend, Elektronisch, Textilien, Komposite und Laminate, Tiefgezogen, Wabenstrukturen, Waben-Formteile, CNC-Waben, Formgeschäumt, 3D-Geschöpft, Konstruktionselemente, Origami für die Serie, Computer-Origami und Gelasert.

Fotos, Produktbeschreibungen, Formate, Hersteller, Kontaktadresse und der Vermerk, ob es sich um ein bereits in Serie hergestelltes Papier, ein Unikat oder ein Forschungsprojekt handelt, machen “unfolded” zu einem praktischen Handbuch.

Nicht nur die in “unfolded” vorgestellten Designer durften mit Papier spielen, auch die Gestalter des Buches nutzten die unterschiedlichen haptischen Qualitäten von Papier. Es zahlt sich übrigens aus den Umschlag zu entfalten - aber Vorsicht mit dem Sticker!

© Ch. Ranseder

Unfolded: Papier in Design, Kunst, Architektur und Industrie

Ebensolch | AmazonStore

Tag des Denkmals: Kreativität & Innovation

Freitag, 18. September 2009

Notiz

Tag des Denkmals 2009
Kreativität und Innovation
Bundesdenkmalamt
25. September ‘09 - Denkmaltag für Schulen
27. September ‘09 - Denkmaltag für Alle

Seit elf Jahren wird auch in Österreich der Tag des Denkmals durchgeführt - und das sehr erfolgreich. Am 25. September findet ein eigener Termin für Schulen mit speziellem Programm statt. Der 27. September ist für alle Interessierten organisiert worden.

Das diesjährige Programm steht unter dem Motto “Kreativität und Innovation” und verspricht in allen Bundesländern außergewöhnliche Einblicke. Einblicke, die sowohl die Arbeit des Bundesdenkmalamtes, als auch die Arbeit und Attraktionen hinter den Kulissen betreffen. Das Angebot ist so vielfältig wie die Aufgaben der obersten Denkmalschutzbehörde Österreichs. Da für einige Programmpunkte Anmeldungen erforderlich sind, lohnt es sich rechtzeitig die Folder (siehe unten) der Bundesländer durchzusehen und aus über 200 Veranstaltungsorten zu wählen.

Exemplarisch für die Angebote, die von der Urgeschichte bis in die Gegenwart reichen, soll an dieser Stelle u. a. die revitalisierte Brenner-Wohnung genannt werden. Der Architekt entwarf in den 20er Jahren einen bis zu den Möbeln in den Wohnungen durchgestylten Wiener Gemeindebau. Das überraschend moderne, funktionale Design auf 38 m² wird in seinem Nutzfaktor bestätigt, da der Architekt selbst in dieser Wohnung lebte. In Aschach an der Donau (OÖ) kann man seine Erlebnisse in Schloss und Museum zusätzlich beim Ortsrundgang um den barrierefreien Kulturwanderweg bereichern oder in Feldkirch (Vbg.) den Dachboden der Dompfarrkirche Hl. Nikolaus betreten.

Zusätzliche Würze erhält der Tag des Denkmals durch die erste Ausgabe der Publikumszeitschrift “Denkmal heute”, die an diesem Tag gratis in ganz Österreich an die BesucherInnen “Tag des Denkmals” verteilt wird. Zweimal jährlich soll das neue Magazin in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Gesellschaft der Denkmalfreunde herausgegeben werden. Abonnements können ab sofort per Kontaktformular beim Bundesdenkmalamt bestellt werden.

Fazit: Unbedingt hingehen!
Burgenland
Kärnten
Niederösterreich
Oberösterreich
Salzburg
Steiermark
Tirol
Vorarlberg
Wien

© S. Strohschneider-Laue

Aktuelle Ausstellungskataloge
Ebensolch | AmazonStore

Archäologie: Europäische Straßen

Mittwoch, 16. September 2009

Non-Fiction

Thomas Szabó (Hg.)
Die Welt der europäischen Straßen
Von der Antike bis in die Frühe Neuzeit
Boehlau 2009, Dt., Eng., Fr., Ital., Span., 378 S., sw. Abb.
ISBN 978 3 4122 0336 8

 Die Welt der europäischen Straßen: Von der Antike bis in die Frühe Neuzeit

Eine urgeschichtliche, antike oder mittelalterliche Straße ist mehr als eine interessante und oft schwer nachweisbare Baustruktur. Wege und Straßen stellten - oft über weite Strecken - vielfältige Verbindungen her. Dabei darf nicht vergessen werden, dass großräumige Straßennetze bis in die Gegenwart hinein nur vordergründig zum Transport von Handelsgütern und dem Personenverkehr dienen. Straßen ermöglichten in Zeiten vor der Entdeckung moderner Kommunikationsmittel wie der Telegraphie raschen Austausch von Informationen und Befehlen sowie dem Militär effiziente Truppenverschiebungen. Genau aus diesen Gründen war - und wird - die staatliche Finanzierung von Hauptverbindungen gewährleistet, während das Nebenstraßensystem mehr oder minder ein Anrainerproblem blieb. Nicht überschätzt werden darf der Personenverkehr, der selbst in Knotenpunkte wie der Großstadt Byzanz, in der Fernhandelswege und Heerstraßen eine Rolle spielten, gering war. Ein bedeutender Faktor ist der mit guten Straßen einhergehende wirtschaftliche und kulturelle Austausch, wobei der “Ideentransport”, der ebenfalls von den Straßen profitierte, am schwersten wissenschaftlich fassbar ist. 

Die Beiträge belegen ab den frühen Bohlenwegen aus der Mitte des 4. Jahrtausends, dass bestehende naturräumliche Gegebenheiten im Zusammenspiel mit historischen, politischen, religiösen und wirtschaftlichen Faktoren den Aufbau eines Straßennetzes in vieler Hinsicht zugleich förderlich wie abträglich sein konnten. Das baulich und rechtlich systematisierte antike Straßensystem, das sich seinerseits an bestehenden Wegenetzen orientierte, ist auf Grund der schriftlichen und archäologischen Quellenlage oft besser fassbar als Straßenstrukturen früherer oder sogar nachfolgender Epochen. Es bildet zudem vielerorts die Basis nachfolgender Straßen. 

Straßenforschung ist ohne interdisziplinäre Kooperationen nicht denkbar. Die Sichtung von Schriftquellen sowie die Gewinnung und die Aufarbeitung archäologischer Funde und Befunde sind erforderlich, um solide wissenschaftliche Ergebnisse zu erzielen. Sicher ist, Altstraßen beeinflussten historische Entwicklungen maßgeblich und die Gegenwart wäre ohne sie undenkbar.

Der Sammelband des gleichnamigen Kolloquiums in Göttingen (2006) bietet trotz seiner sprachlichen Hürden einen exzellenten Überblick zur Forschungsgeschichte und zum aktuellen Stand der Straßenforschung. Die Abhandlungen von 19 WissenschafterInnen beziehen Stellung zu “Antike”, “Das europäische Mittelalter”, “Die Zeugnisse der Archäologie”, “Die Straßen in der mittelalterlichen Literatur und Kunst”, “Von der Kartographie zu den Poststraßen” und “Das Straßenwesen in der Neuzeit”. Eine wesentliche Schwachstelle des fünfsprachigen Bandes zeigt sich in fehlenden mehrsprachigen Zusammenfassungen der Artikel. Es wäre Pflicht der Wissenschaftsredaktion gewesen für Resümees in Deutsch und Englisch Sorge zu tragen. Das gute zusammenfassende Nachwort zu “Ergebnissen und Problemen” von Thomas Szabó entschädigt für das Fehlen jedenfalls nicht. 

© S. Strohschneider-Laue

Die Welt der europäischen Straßen: Von der Antike bis in die Frühe Neuzeit

Ebensolch | AmazonStore

Gottes Segen und Rot Front

Dienstag, 15. September 2009

Fiction

Harry Rowohlt
Gottes Segen und Rot Front
Nicht weggeschmissene Briefe II
Kein & Aber 2009, 272 S.
ISBN 978 3 0369 5536 0

 Gottes Segen und Rot Front: Nicht weggeschmissene Briefe zweiter Teil

Sich darauf einlassen und sich dann darüber auslassen, kann keiner wie Harry Rowohlt. Der zweite Teil der wortgewandten Briefsammlung der andersartigen Art beweist dies mit jeder Zeile.

Jedes Mal frisst mich beim Lesen von Rowohlt-Texten der Neid über flockig-lockere Eloquenz, sprachliche Treffsicherheit und unverblümte Kernaussagen. Umso mehr hat es mich gefreut diese Briefsammlung zu lesen und Harry Rowohlt in schriftlicher Höchstform zu erleben. Bei ihm gibt es keinen sprachlichen oder inhaltlichen Unfall, es sei denn, er will ihn verursachen. Rowohlt schreibt wie er redet und er redet wie er ist. Das kann gut oder schlimm für die Adressaten sein und ist oft genug überraschend. Überraschend, weil die meisten gar nicht mehr wissen wie es ist Ehrlichkeit zu begegnen. Höfliches Salbadern und diplomatisches Formulieren darf man nicht von Rowohlt erwarten. Erwarten muss man hingegen geschliffene Aussagen, deutliche oder verspielte Worte oder ein stilistisch passendes Echo in dem alles von ätzender Kritik bis zum warmherzigen Glückwunsch enthalten sein kann.

“Gottes Segen und Rotfront” ist Pflichtlektüre für Rowohlt-Fans, Sprachfanatiker und Hirnbesitzer. Also kein Gelabere über ein tolles Buch, wer es jetzt noch nicht liest, dem ist sowieso nicht zu helfen.

“WARUM KÖNNEN DIESE MAKAKEN NICHT ALLES SO LASSEN, WIE ICH ES HINGESCHRIEBEN HABE?! ICH SCHREIB DAS JA NICHT ZUM SPASS SO HIN.” (Harry Rowohlt, Brief an Nikolaus Heidelbach)

© S. Strohschneider-Laue

Gottes Segen und Rot Front: Nicht weggeschmissene Briefe zweiter Teil

Teeblätter | AmazonStore

Karl der Kühne

Montag, 14. September 2009

Notiz

Karl der Kühne
Kunsthistorisches Museum
15. September ‘09 bis 20. Januar ‘10

Karl der Kühne (1433-1477), der letzte Herzog von Burgund, war einer der reichsten und mächtigsten Fürsten seiner Zeit. Die kurze Lebensspanne Karl des Kühnen ist geprägt von prunkvoller Hofhaltung und zahlreichen Kriegszügen. Verwandtschaftliche Bindungen und wirtschaftliche Macht festigten zunächst seine politische Position. Zuletzt teilte es das Schicksal vieler seiner Soldaten. 44jährig fiel er am Schlachtfeld. Nackt und bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, konnte er nur mit Mühe identifiziert werden. Die Ehe seiner einzigen Tochter Maria mit Maximilian I. wurde im selben Jahr geschlossen. Sie ermöglichte den Habsburgern durch das burgundische Erbe den Aufstieg zur Weltmacht.

Wer war Karl der Kühne? Dieser Frage geht die Ausstellung im Kunsthistorischen Museum anhand exquisiter Objekte auf den Grund. Die bereits in Bern und Brügge gezeigte Ausstellung wird bis Januar 2010 in Wien - um zusätzliche Objekte aus österreichischen Sammlungsbeständen erweitert - präsentiert. Inhaltlich werden in acht Räumen Familienbande, Kunst und Frömmigkeit, Diplomatie und Kriege, Tod und Erbe, Orden vom Goldenen Vlies, Prachtentfaltung, Haus Habsburg sowie Burgundisches Erbe in der Wiener Schatzkammer dem Publikum näher gebracht.

 

Unter vielen anderen Beispielen höfischem Auftretens ist die Ledertasche aus den Beständen der Hofjagd- und Rüstkammer zu sehen. Die Tragweise am Gürtel eines Mannes ist auf dem Cäsarenteppich (Historisches Museum Bern) dargestellt. Und schön ist es, dass dieser Vergleich den BesucherInnen leicht gemacht wird, da der Teppich direkt hinter der Vitrine hängt. Neben all den Kunstschätzen sind gerade diese Tapisserien, die Gewänder und Stoffe echte Highlights, da es nur wenige erhaltene weltliche Gewänder gibt. Die Darstellung höfischer Bekleidung auf dem Cäsarenteppich sowie die ausgestellten Stoffe und Tapisserien belegen einen unglaublichen Prunk bis ins letzte Detail.

 

Der letzte Herzog von Burgund hat dieser Pracht in allen Belangen gefrönt. Seine beeindruckenden Auftritte bei öffentlichen Anlässen, die auch das Gefolge einschloss, ist mehrfach beschrieben worden. Die in der Ausstellung gezeigten Rechnungen von Ausstattern belegen sein Prestigebedürfnis sowie seine Ausgaben dafür in zierlicher Schrift und großen Zahlen. Wie es mit seiner Zahlungsmoral bestellt war, wird allerdings verschwiegen. Immerhin ist für Maximilian I. belegt, dass er zu Verpfändungen gezwungen war, aber auch bestrebt war “Versilbertes” wieder auszulösen.

Die Ausstellung ist sichtlich bemüht die konservativen Ausstellungsgepflogenheiten des Hauses aufzubrechen. Raum- und Objekttexte bieten ausreichende Basisinformationen. Videozuspielungen ermöglichen zusätzliche inhaltliche Vertiefung. Querbezüge zwischen Objekten und Bildquellen regen die Schau- und Entdeckerlust des Publikums an. 
Dem gewichtigen Gesamtkatalog “Karl der Kühne” für die drei Ausstellungsorte wird zusätzlich die Begleitpublikation “Schätze burgundischer Hofkunst in Wien” zur Seite gestellt. Sogar an ein Kinderheft wurde gedacht, dem allerdings eine sprachliche Überarbeitung - auch hinsichtlich der Sinnzusammenhänge - gut getan hätte. Auch scheinen zwei Euro im Vergleich strapazfähigen, farbigen Kinderkatalogen (z. B. aktuell in Braunschweig zum Kaiserjahr 2009: Otto IV.- vom Pagen zum Kaiser: Ein Kurzführer für Kinder ab 9 Jahren zur Ausstellung Otto IV. Traum vom welfischen Kaisertum) in Kunstdruckqualität um den selben Preis doch ein wenig überzogen. Zumindest ist es löblich, dass - im Gegensatz zu anderen österreichischen Museen und Großausstellungen - überhaupt an eine Kinderbroschüre gedacht wurde.
Zuletzt noch ein Hinweis auf das attraktive Begleitprogramm, das den Informationsgehalt der Ausstellung mit interessanten Themen bereichert.

Fazit: Unbedingt ansehen!

© S. Strohschneider-Laue

siehe auch:
Kleidung und Mode im Mittelalter

Aktuelle Ausstellungskataloge
Ebensolch | AmazonStore

Eierbowle mit Weihnachtsmann

Sonntag, 13. September 2009

Notiz

Frohes Fest in Wien

Der Realitätsschock Juli bis August ‘09:

Weihnachtskalender Ende Juli im Papiergeschäft.
Lebkuchen Anfang August im Supermarkt.
Taschen mit Aufdruck “Frohes Fest” im passenden Design beim türkischen Bäcker Ende August.

Die Zukunftsvisionen für September ‘09 bis August ‘10:

Schoko-Weihnachtsmänner im September.
Schoko-Weihnachtsmänner mit Raketen im Oktober.
Schoko-Weihnachtsmänner mit Hasenohren im November.
Ostereier unterm Weihnachtsbaum im Dezember.
Ostereier für den Recycling-Ganzjahresbaum im Januar.
Ostereier im Weihnachtsmänner-Faschingsoutfit im Februar.
Weihnachtsmann bringt Ostereier im März.
Weihnachtsmänner mit Zuckereiern oder Ostereier gefüllt mit Weihnachtsmännern am 1. April.
Eierbowle mit Weihnachtsmanngeschmack im Mai.
1000jährige Eiermänner im Juni.
Fondue aus Beständen der unverkäuflichen 1000jährigen Männereiern im Juli.
Schultüten mit Weihnachtseiern und Ostermännern im August.

© S. Strohschneider-Laue

Teetipp Amazon

Impressionismus - Wie das Licht auf die Leinwand kam

Donnerstag, 10. September 2009

Notiz

Impressionismus - Wie das Licht auf die Leinwand kam
Albertina
11. September ‘09 bis 10. Januar ‘10

“Nicht schon wieder Impressionisten”, mögen manche beim Ausstellungstitel denken. Keine Sorge, es ist keine Déjà-vu verursachende Personale eines Impressionisten, Seerosenschau oder Sonnenblumenpräsentation. Diese Ausstellung bringt dem Publikum den frischen Wind der Freiluftmalerei und den flüchtigen Augenblick in großen Inszenierungen und mikroskopisch kleinen Details näher. So viel und so genial strukturierte Information bekommt man in österreichischen Museen selten geboten. Kein Wunder, ist die Ausstellung doch vom Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corbud konzipiert worden und dort scheint man sich nicht auf rein chronologische Hängungen spezialisiert zu haben. Und noch schöner ist es, dass sich die Albertina dazu entschloss die Ausstellung, die bereits in Köln erfolgreich war, zu präsentieren.

Was unterscheidet diese Ausstellung von den zahlreichen anderen Impressionisten-Präsentationen?
Es ist der gelenkte Blick auf Details, die sonst nicht herausgestrichen werden. Minutiöse Untersuchungen brachten es an den Tag: Selbst so große Werke wie die “Trocknende Wäsche an der Seine” entstanden im Freien und nicht im Atelier. Eine Pappelknospe blieb in der feuchten Farbe haften. Gustave Caillebotte hatte sie beim Malen in der Allee wohl übersehen. Das Forscherteam um die Restauratorin Iris Schaefer vom Wallraf-Richartz-Museum hat die Knospe nach rund 100 Jahren entdeckt und kann dadurch ein weiteres Puzzelstück zur Entstehungsgeschichte des Bildes gefunden. Und das ist längst noch nicht alles, was mit detektivischer Akribie, Mikroskop, Röntgen und dem Einsatz anderer Technologien entdeckt wurde. Farbflächen verraten den Handlungsablauf beim Werden eines Bildes. Randliche Farbfehlstellen belegen die Befestigung des Bildes im Malkoffer oder auf der Feldstaffelei. Löcher und Druckstellen rühren von Abstandhalter zwischen den frischen Bildern her. Vorzeichnungen, Ergänzungen, Übermalungen relativieren sowohl die Spontaneität der Künstler als auch die Wertschätzung der späteren Besitzer. Die Bilder wurden nicht nur künstlerisch “verbessert”, sondern auch gefirnist, ihrer schlichten Rahmen beraubt und mit Prunkrahmen versehen. Und all diese erstaunlichen Erkenntnisse werden in vergrößerten Bildausschnitten deutlich gemacht, so dass es ist eine Freude ist, selbst nach dem winzigen Indiz auf dem Original zu fanden. Es lohnt sich zusätzlich zum Ausstellungsbesuch die Online-Publikation zum Forschungsprojekt anzusehen. Sie wartet mit vielen weiteren überraschenden Entdeckungen und das in guter optischer Qualität sowie perfekten Texten auf.

 

Inszenierungen, Vitrinen mit Malmaterialien und Künstlerutensilien, darunter die dunkle Brille von Edgar Degas, Farbtuben von Vincent van Gogh und die Palette von Georges Seurat sowie wandfüllende Porträtfotos, würdigen die Künstler und ihre Malweise über die 125 ausgestellten Gemälde hinaus.

Erfrischend informativ und kein begehbares Buch; definitiv ein Pflichttermin, an den man sich gerne und vor allem mit inhaltlichen Mehrwert erinnern wird.

© S. Strohschneider-Laue

Aktuelle Ausstellungskataloge
Ebensolch | AmazonStore