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Foto-Herbarium

Donnerstag, 29. Oktober 2009

Non-Fiction

Pierre und Délia Vignes
Faszinierende Wildpflanzen
Delius Klasing 2009, 564 S., zahlr. Farbfotos
ISBN 978 3 3 7688 2614 3

 Faszinierende Wildpflanzen: Ein Herbarium in Fotos

Herbarien anzulegen ist - außerhalb von wissenschaftlichen Sammlungen - eine zum Vorteil des Naturschutzes in Vergessenheit geratene Kunst. Neben dem wissenschaftlichen Anspruch spielt und spielte bei Herbarien der ästhetische Aspekt eine wesentliche Rolle. Allerdings war es immer schon ein fast unlösbares Problem die zerbrechliche Schönheit und Natürlichkeit von Pflanzen haltbar zu machen. Und selbst heute, wenn alle Faktoren für den Erhalt der empfindlichen Pflanzenmumien gewährleistet scheinen, genügen einige gefräßige “Sammlungskäfer”, um ganze Bestände in kürzester Zeit zu vernichten. Künstliche Herbarien als getreue Abbilder der Natur sind naheliegende und naturschonende Alternativen. Bereits früh waren sie in ihren schönsten Varianten begehrte Sammelobjekte. Gezeichnet, gemalt, gedruckt und koloriert wurden sie von reichen Forschern, Kunstmäzenen und stolzen Gartenbesitzern in Auftrag gegeben.

Wie ansprechend Wissenschaft rund um Pflanzen in Verbindung mit Fotokunst sein kann, beweist dieser Prachtband auf 275 Bildtafeln und erklärenden Texten. 400 Arten aus 135 botanischen Familien werden berücksichtigt, davon wurden 275 detailliert beschrieben. Übersichtlich wird der Aufbau des Buches sowie der botanischen Fachbegriffe dem eigentlichen Foto-Herbarium vorangestellt. Die nachfolgende Gestaltung auf Doppelseiten - links der erklärende Text, rechts die Pflanze und ihre sorgfältig sezierten Organe - gibt dem Werk eine eingängige, einheitliche Struktur. Im Anhang machen Glossar, Tabellen der Blütenformeln aller 275 Pflanzenarten, geordnet nach Familien und das Register den ohnedies fachlich beeindruckenden Band zu einem attraktiven Nachschlagewerk mit wissenschaftlichem Mehrwert.

Die vier europäischen Vegetationszonen und die evolutionäre Anpassung bilden das zentrale Thema der Betrachtung, dass dabei auch Neophyten - also eingeschleppte Arten - berücksichtigt werden, ist in Anbetracht ihrer ungehemmten Verbreitung vernünftig. Die sorgfältig ausgewählten Pflanzen wurden im A4-Format aufgenommen. Der etwas kleinere Band präsentiert sie annähernd in Originalgröße, weshalb auf eine Maßleiste verzichtet wurde. Die Fotos sind eine Augenweide, deren Qualität zusätzlich durch hochwertige Druck- und Papierqualität unterstützt wird. Der leicht verständliche Text erhält optische eine historisch anmutende Note durch die Hinterlegung mit einer gelblichen, faserhältigen Papierstruktur mit gerissenen Kanten. Gemeinsam geben Text und die durchwegs vor schwarzem Hintergrund gezeigten Fotos eine harmonische Verbindung ein. Selbst Nicht-Botaniker werden es schwer haben das Buch aus den Händen zu legen.

In Anbetracht des gewichtigen Bandes und der gelieferten inhaltlichen sowie optischen Qualitäten, lädt zusätzlich das überzeugende Preis-Leistungs-Verhältnis zur Anschaffung ein.

© S. Strohschneider-Laue

Faszinierende Wildpflanzen: Ein Herbarium in Fotos

siehe auch:
Garten von Eichstätt. Die vollständigen Tafeln 
Thornton, Temple of Flora 
Früchte: Faszinierende Kunstwerke der Natur

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extra.

Donnerstag, 29. Oktober 2009

Non-Fiction

Franziska Morlok, Till Beckmann
Mit Texten von Markus Zehentbauer, Uwe Jäger Birkhäuser
extra.
Enzyklopädie der experimentellen Druckveredelung
Birkhäuser 2009, 144 S., 33 Beispielseiten Druckveredelungen
ISBN 978 3 0346 0083 5

EXTRA: Enzyklopädie der experimentellen Druckveredelung

Edel, hilfreich und gut können nicht nur Menschen sein, sondern auch Bücher. “Extra” ist ein leuchtendes - oder unter Berücksichtigung der Einbandgestaltung vielmehr glitzerndes - Beispiel dafür.

Erlesen sind die Buchgestaltung und die 33 Beispielseiten zu möglichen Druckveredelungen, auf denen sich fast ebenso viele internationale Gestalter austoben durften. Vorbildhaft ist die Einbeziehung der LeserInnen, die betatschen, rubbeln, schnuppern und sanft streicheln dürfen, dazu angehalten werden das Buch zu drehen und zu kippen, unters Licht zu halten (um sich danach an der Nachleuchtfarbe zu erfreuen) oder an einem Farbauftrag ein Streichholz anzureiben. Sogar mit einer der Schnittkanten des Buchblocks darf gespielt werden. “extra” ist ein haptisch stimulierendes Buch, das viel Freude beschert, weil die Wirkung der Techniken real erlebt werden kann. Daher Vorsicht! Es besteht die Gefahr mit “aha”s, “oh”s und anderen Lautäußerungen Bürokollegen zu nerven.

Ist die Neugierde fürs Erste einmal befriedigt, liegt der Griff zum hilfreichen Teil nahe. Auf 144 Seiten erfahren Wissbegierige, was es mit den Veredelungen so auf sich hat. In den fünf Kapiteln Drucken und Lackieren, Kaschieren, Prägen, Stanzen und Schnittveredelung finden sich Antworten auf eine Flut von Fragen. Woraus besteht das den edlen Touch verleihende Material? Wie wird es verarbeitet? Wofür eignet es sich? Was ist bei Entwürfen zu beachten, damit die Veredelung optimale Wirkung entfaltet? Wie müssen Daten aufbereitet werden, damit der Druck fehlerfrei klappt? Welche Bedruckstoffe eignen sich? Worauf muss bei der Weiterverarbeitung geachtet werden? Dezente Sternchen deuten die Kosten des Spaßes an - als Notwendigkeit können Druckveredelungen ja nun wirklich nicht bezeichnet werden. Obwohl natürlich ihr sensorischer und emotionaler Mehrwert nicht zu unterschätzen ist. Veredelte Produkte sind schon kleine Verführer. Folgerichtig wird von Lust und Tücke des Umgangs mit Druckveredelungen im Entwurfs- und Fertigungsprozess sowohl in Interviews mit Gestaltern als auch in Miniessays erzählt. In Letzteren werden weiters Themen wie Planung, Umweltverträglichkeit und Wahrnehmungspsychologie angerissen.

Ein ausführliches Glossar sowie ein Anhang mit Kurzinformationen (inklusive Kontaktadresse) über die beteiligten Gestalter und Firmen, welche die Veredelungsverfahren produktionstechnisch meistern, runden das Buch ab.

“extra. Enzyklopädie der experimentellen Druckveredelung” wird mit seinem klaren Konzept, der Informationsfülle und einer hervorragenden Gliederung, die sich beim Nachschlagen bestens bewährt, seinem Anspruch eine Enzyklopädie zu sein, gerecht. Der konventionelle Textteil und die Sammlung veredelter Musterseiten sind in einem schmucken Gewand benutzerfreundlich geeint, sodass die beiden sich ergänzenden Blöcke parallel genossen werden können. Das Buch kommt ohne lose Seiten aus! Als Spielzeug, Nachschlagwerk und Ratgeber in einem, wird es daher in schönster Vollständigkeit überleben. Vorbei die Zeiten, die man auf der Suche nach alten novum-Heften verbracht hat. Ein Griff ins Bücherregal reicht von nun an.

Für Grafiker ist “extra” schlicht unentbehrlich.

© Ch. Ranseder

EXTRA: Enzyklopädie der experimentellen Druckveredelung

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Englische Schriftstellerinnen

Freitag, 23. Oktober 2009

Non-Fiction

Luise Berg-Ehlers
Das Glück des Schreibens. Englische Schriftstellerinnen und ihre Lebensorte
Nicolai 2009, 184 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 89479 292 3

 Das Glück des Schreibens

Wie ärmlich wäre die Weltliteratur ohne den Beitrag der vielen schreibenden Frauen! Vor allem den Engländerinnen gelang es mit ihren herrlichen Geschichten die westliche Kultur zu prägen. Ihnen verdanken wir Charaktere wie Mr. Darcy und Elisabeth Bennet, Jane Eyre, Heathcliff, Hercule Poirot, Miss Marple, Harry Potter und Peter Rabbit. Ein Buch wie “Das Glück des Schreibens. Englische Schriftstellerinnen und ihre Lebensorte” kann also aus dem Vollen schöpfen. Schließlich ersannen die britischen Literatinnen nicht nur starke Romanfiguren, sondern revolutionierten das Genre gleich mehrmals. Im 18. Jahrhundert passten sie die Struktur des Romans den ihnen offen stehenden Themen an. Dabei verdichteten und verkürzten sie - im Gegensatz zu den männlichen Kollegen - ihre Geschichten. Seitdem wird munter weiterentwickelt und experimentiert.

Luise Berg-Ehlers trägt mit der für “Das Glück des Schreibens” getroffenen Auswahl schreibender Frauen dieser Kontinuität und Ausdrucksvielfalt Rechnung. Noch lebende und sehr erfolgreiche Schriftstellerinnen sind ebenso vertreten wie ihre im 18., 19. und frühen 20. Jahrhundert schreibenden Schwestern im Geiste. Vorgestellt werden: Jane Austen, Charlotte, Emily und Anne Brontë, George Eliot, Virginia Woolf, Vita Sackville-West, Nancy Mitford, Radclyffe Hall, Jeanette Winterson, Iris Murdoch, Muriel Spark, Barbara Cartland, Rosamunde Pilcher, Daphne du Maurier, Agatha Christie, Dorothy Sayers, P. D. James, Beatrix Potter, Enid Blyton und J. K. Rowling. Zu den Werken dieser Meisterinnen des Wortes zählen Gesellschaftssatiren, Liebesromane und Krimis ebenso wie Reiseerzählungen und Kinderbücher.

Was trieb diese Frauen an? Wie lebten sie? Wie sah ihr Weg zum Erfolg aus? Die in “Das Glück des Schreibens” präsentierten Kurzbiografien der 21 englischen Autorinnen geben Antwort auf diese Fragen. Wortgewandt und humorvoll erzählt Luise Berg-Ehlers aus den Lebensgeschichten dieser gleichermaßen mit Begeisterung und Disziplin schreibenden Frauen. Deren Bücher sind nicht selten als Meilensteine auf dem Weg zu literarischer Größe, einer Millionen starken begeisterten Leserschaft oder gar beidem anzusehen und werden im Text dementsprechend gewürdigt. Als roter Faden ziehen sich die englische Landschaft und die in sie eingebetteten Häuser durch “Das Glück des Schreibens”, dessen Seiten zahlreiche stimmungsvollen Fotos zieren. Englische Schriftstellerinnen verewig(t)en in ihren Romanen die eleganten Straßenzüge von Bath und London, die Heiden und Moore in Englands Norden, die Strände Cornwalls, stattliche Herrenhäuser, einfache Cottages und üppige Gärten. Ihre Schilderungen haben das Englandbild von Generationen von LeserInnen geprägt. Das Glück des Schreibens ist die eine Seite der Medaille, das Glück des Lesens die andere.

© Ch. Ranseder

Das Glück des Schreibens

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Tafeln in Deutschland

Donnerstag, 22. Oktober 2009

Non-Fiction

Stefan Selke (Hg.)
Tafeln in Deutschland
Aspekte einer sozialen Bewegung zwischen Nahrungsmittelumverteilung und Armutsintervention
VS Verlag 2009, 300 S.
ISBN 978 3 5311 6139 6

Tafeln in Deutschland: Aspekte einer sozialen Bewegung zwischen Nahrungsmittelumverteilung und Armutsintervention

Der Tisch ist gedeckt und lädt zum Tafeln ein! Wirklich? Nein, es ist kein Kochbuch und es geht nicht um Haubenrestaurants in Deutschland. Es geht um die stetig wachsende Realität, dass immer mehr Menschen immer weniger Geld für den täglichen Nahrungsbedarf haben. Ehrenamtliche decken den Tisch für jene, die sich die Überproduktion nicht (mehr) leisten können.

Die Außensicht und Innensicht auf die deutschen Lebensmitteltafeln wird in drei Kapiteln vollzogen: Einordnung der Tafeln sowie Fallstudien und Positionen zu Tafeln. 14 SpezialistInnen aus Wissenschaft, Forschung und Praxis widmen sich in ihren Analysen Aspekten rund um das Tafelphänomen und ziehen Bilanz: Jens Becker, Kerstin Clausen, Udo Engelhardt, Dieter Hartmann, Hannes Klasen, Petra Krüger, Stephan Lorenz, Luise Molling, Eckhard Rohrmann. Heribert Rhoden, Stefan Selke, Hans Jürgen Teuteberg, Konstantin von Normann und Sabine Werth. In diesem Sammelband werden die wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Aspekte der Tafelbewegung gebündelt, begleitet von Tabellen und Abbildungen sowie weiterführender Literatur vorgelegt.

Nach dem Vorbild des New Yorker “City Harvest” entstand 1993 unter der Leitung engagierter Frauen in Berlin die erste Deutsche Tafel. Seither ist ihre Zahl in Deutschland auf erschreckende 800 Tafeln mit rund 40.000 ehrenamtlichen HelferInnen angewachsen. Erschreckend, weil der Bedarf so groß ist und erschreckend, weil so viel - trotzdem unbezahlbarer - Überschuss produziert wird, der diese Tafeln decken kann. Zynisch auch der Kosten-Nutzen-Faktor hinter der Wohltätigkeit, denn die Tafel-Selbstabholer können für Betriebe lukrativer als die Entsorgung sein. Wechselwirkungen zwischen Tafelorganisatorinnen und TafelnutzerInnen werden daher bei den Betrachtungen ebenso berücksichtigt wie jene zwischen AbholerInnen und SpenderInnen. Umfassende wertneutrale Betrachtungen dieser sozialen Bewegung kann dieser Band (noch) nicht in allen Bereichen liefern, will aber einen interdisziplinären Anfang setzen und zu weiterführenden Studien anregen.

Eine beispielgebende Pflichtlektüre für alle, die von verschiedenen Ansätzen ausgehend mit gesellschaftlichen Entwicklung (u. a. Armutsforschung) befasst sind oder sein sollten - also insbesondere VerantwortungsträgerInnen aus Politik und Wirtschaft - und jene, die die Tafelbewegung einer minutiösen Betrachtung unterziehen wollen.

Dennoch: Der größte Erfolg für Tafeln wird sein, wenn Tafeln nicht (mehr) nötig sind.

© S. Strohschneider-Laue

Tafeln in Deutschland: Aspekte einer sozialen Bewegung zwischen Nahrungsmittelumverteilung und Armutsintervention

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Herz der Nacht

Donnerstag, 22. Oktober 2009

Fiction

Ukrike Schweikert
Das Herz der Nacht
Lyx 2009, 478 S.
ISBN 978 3 8025 8223 3

Das Herz der Nacht

Mystery trifft auf History: Ulrike Schweikert reiht sich mit Herz der Nacht in die Reihe der prominenten Vampirschriftstellerinnen Anne Rice und Barbara Hambly. Sie alle hauchen Untoten jene realistisch anmutende Unsterblichkeit ein, die die LeserInnen wirklich fasziniert.

“Das Herz der Nacht” spielt in der Ära nach Napoleon in Wien und Hamburg. Die historischen Städte - vor allem der Hauptschauplatz Wien - mit den typischen Plätzen dienen Schweikert als Kulissen für ihre realistisch gezeichneten Figuren. Der Realitätseindruck wird zusätzlich durch die berühmten Namen der  Protagonistinnen verstärkt. Alle könnten jenen Familien entstammen, die ihre politischen und wirtschaftlichen Wurzeln in der k.u.k. Monarchie hatten und die mehr oder minder zwielichtigen Drahtzieher jener Epoche waren. Der Adel amüsierte sich zu dieser Zeit zwischen teuerem Spiel, opulenten Bällen und geistreicher Salonkultur, während das soziale Elend in den Vorstädten auf dem Vormarsch war. Den anziehenden Mittelpunkt in diesem schillerenden Reigen bildet der Vampir András Petru Báthory, der nicht umsonst den Namen der ebenso historisch verbürgten wie berüchtigten Blutgräfin trägt. Alles scheint perfekt, bis sich seltsame Todesfälle - weit in hocharistokratische Kreise hinein - ereignen, die eine Verbindung mit Báthory vermuten lassen. Vor diesem Hintergrund entspinnt sich ein perfektes Intrigenszenario in dem sich alles um Macht und Liebe dreht und auch reale historische Persönlichkeiten die Story bereichern dürfen. 

Romantischer Horror und spannender Krimi bilden in diesem Roman eine harmonische und vor allem gut recherchierte Einheit. Die bildhafte Sprache von Schweikert sowie die abwechslungsreich gestalteten Szenenfolge machen es schwer, das Buch aus der Hand zu legen. Der Handlungsverlauf ist schlüssig und mit einigen überraschenden Wendungen garniert, so dass die Spannung, die durch den alten Bekannten Peter von Borgo ( Feuer der Rache, Der Duft des Blutes) angeheizt wird, konstant aufrecht bleibt.

AnhängerInnen des romantischen Vampirgenres werden beim Lesen ebenso auf ihre Kosten kommen wie Krimifans.

© S. Strohschneider-Laue

Das Herz der Nacht

siehe auch:
Feuer der Rache
Der Duft des Blutes

Die Erben der Nacht - Nosferas  -  Rezension
Die Erben der Nacht - Pyras
Lycana: Die Erben der Nacht

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Vulkane

Montag, 12. Oktober 2009

Non-Fiction

Olivier Grunewald, Jacques-Marie Bardintzeff
Vulkane
Delius Klasing 2009, 192 S., zahlr. Farbfotos
ISBN 978 3 3 7688 2619 8

 Vulkane

Graphitschwarz verdunkeln hoch aufquellende Wolken den blauen Himmel. Ein Feuerwerk aus flüssigem Gestein zieht leuchtende Glutfäden in der Nacht. Schneeweiß ist der Bergmund aus dem sich blutrot der Lavastrom talwärts wälzt, schwarze Massen neben sich anhäufend. Nicht umsonst wird seit dem Altertum von der Schmiede der Götter gesprochen.

Aber es gibt auch jene Regionen, in denen der ”rauchende Großvater” nur morgens und abends aktiv wird. Blubbernd, dampfen, aufbrausend und rauchend zeigen sich Geysire den Betrachtern. Giftgelbe Schichten, schneeweiße Schollen und schlammgraue Blasen sind obskur-prächtige Fotomodelle.

Die Schönheit der brennenden Naturgewalt ist für Forscher wie für Künstler gleichermaßen faszinierend. Und das richtige Forscher-Künstler-Team hat für diesen Prachtband zusammengearbeitet. Der Vulkanologe Jacques-Marie Bardintzeff liefert die umfassende wissenschaftliche Basis zu den geologischen Vorgängen und Ausbrüchen, die Olivier Grunwald in exzeptionellen Fotografien direkt am vulkanischen “Brandherd” dokumentierte. Die vernichtende Urgewalt wird in der üppigen Kombination aus farbenprächtigen Bildern und informativen Texten fast spürbar. 

Eine Einführung und drei Kapitel widmen sich umfassend dem lebenden Planeten Erde, Eruptionen, Landschaften, Geysire und im Exkurs, wie es ist, mit Vulkanen zu leben. Wutausbrüche der Erde lautet eine der sprechenden Überschriften im Kapitel “Eruptionen”. Es gab in den letzten 10.000 Jahren 1546 aktive Vulkane auf der Erde, die zu gigantischen Wutausbrüchen fähig waren und teilweise noch sind. Noch mehr sind es im Meer. Und sie spucken nicht immer auf gleiche Weise. Manchmal werden Lavabomben herausgeschleudert, ein anderes Mal ist es ein flüssiger Lavastrom. Verheerend sind Ausbrüche immer, weil nicht nur Lava, sondern auch Schlammlawinen, alles unter sich begraben können. Irgendwann kehrt Stille ein, die Wut kühlt ab. Bizarre Landschaften aus erkaltetem Gestein entstehen: Ein See im Krater und an den Hängen raue Massen, glattpolierte Flächen, faltenreiche Decken und Säulenwälder am Bergfuß. Trügerischer Frieden auf unbestimmte Zeit.

Vulkanologie ist ein hochkomplexes Forschungsgebiet und trotzdem gelingt es Bardintzeff fachliche Korrektheit interessierten Laien schmackhaft zu machen. Der großformatige Prachtband verbindet einen soliden Überblick mit schier unglaublichen Fotografien in exzellenter Druckqualitär. Weltkarte, Glossar und Register runden dieses Ausnahmesachbuch ab. Die Herausforderung der Übersetzung aus dem Französischen wurde von Elisabeth Szilagyi-Westphal angenommen.

Überwältigend!

© S. Strohschneider-Laue

Vulkane

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Tatort Wien

Freitag, 09. Oktober 2009

Non-Fiction

Anna Lindner, Thomas Gasser
Wiener Kriminalschauplätze 
50 Orte des Verbrechens

Metroverlag 2009, 126 S.
ISBN 978 3 902517 23 4

 Wiener Kriminalschauplätze: 50 Orte des Verbrechens

50 Orte des Verbrechens von Anna Lindner und Thomas Gasser für den neuesten Band aus der Reihe “wienfacetten” ausgewählt. Quer durch Wien und von Kaiser Joseph II bis Kottan zieht sich die Spur des Verbrechens. Von Diebstahl über Entführung bis zum Mord reichen die Untaten. Die zuckerlbunte Walzerstadt hat einen deutlichen Beigeschmack von Bittermandeln.

Eine fiktive Tat und 49 wahre Minikrimis führen quer durch die Wiener Bezirke. Der Tatort ist jeweils dem Verbrechen vorangestellt. Das Ende jeder Untat wird durch Zitate, Linktipps oder spannende Querverweise abgerundet. Gemeinsam ist den unterschiedlichen Verbrechen der letzten 2. Jahrhunderte, dass sie in aller Kürze tiefe Einblicke in der Heimatstadt der Psychoanalyse gewähren.

Die Gerichtsurteile beschließen zwar die Fälle, stehen aber nicht thematisch im Vordergrund. Kritischen LeserInnen wird dennoch auffallen, dass zu oft nicht das eigentliche Verbrechen den Schweiß auf die Stirn treibt, sondern die nachfolgenden Gerichtsurteile. Raub, Unzucht, Körperverletzung und Mord ist keine Männerdomäne, die Rechtsprechung hingegen sehr wohl. Frauen werden strenger bestraft, und schneller - auch bei unsicherer Beweislage - verurteilt. Reichtum und soziale Netzwerke, Mitwisser und Mittäter in einflussreichen Schichten sind durch alle Zeiten gute Garanten für Freisprüche oder milde Urteile. Und es sind bis heute fast ausschließlich Männer, die über Einfluss, Macht und Reichtum verfügen und sich dadurch der (Mit-)Verantwortung entziehen können.

So unterhaltsam und spannend die “Wiener Kriminalschauplätze” sind, sollte man nicht vergessen, dass es 49mal reale Opfer und Täter gab und die Wiener-Realität die beschriebene Kottan-Fiktion weit übertrifft. Es ist kein Zufall, dass schräge Krimifiguren wie Kottan oder Lemming nur Wiener sein können.

© S. Strohschneider-Laue

Wiener Kriminalschauplätze: 50 Orte des Verbrechens 

Auswahl weiterer “wienfacetten”
Jüdisches Wien: Eine Entdeckungsreise von Herzl bis Hakoah 
Wiener Literaturschauplätze: Auf den Spuren großer Namen 
Wiener Frauenspaziergänge
Böhmisches Wien 
Das zuckerlsüße Wien: Vom Betthupferl bis zum Wäschermädel 
Wien und der Tod: Irdische Orte zwischen Himmel und Hölle 

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Innovationen für den Journalismus

Montag, 05. Oktober 2009

Non-Fiction

Susanne Fengler, Sonja Kretzschmar (Hgg.)
Innovationen für den Journalismus

VS Verlag 2009, 165 S.
ISBN 978 3 5311 5450 3

Innovationen für den Journalismus Innovationen für den Journalismus

Die Spirale von Fortschritt und Veränderung dreht sich immer rasanter. Auch die Medienwelt ist davon erfasst. Der Journalismus hat im letzten Jahrzehnt eine massiven Wandel in Verarbeitung von Input und Erstellen von Output sowie in den dazwischen befindlichen redaktionellen Belangen erfahren.

Die Reihe Kompaktwissen Journalismus hat zum Ziel die Ergebnisse aus Wissenschaft und Praxis in Lehrbüchern zu vereinen. Die Herausgeberinnen arbeiteten für diesen Band mit den Medienprofis Soheil Dastyari, Gabriele Fischer, Kai Gniffke, Christoph Keese - im Autorenverzeichnis fehlend -, Marcus Lindemann, Christoph Moss, John V. Pavlik und Jens Radü zusammen. In zwölf Kapiteln und einem Exkurs werden Aspekte des Redaktionsmanagements, Leserkommunikation, Darstellungsformen, Themenfindung, Recherche, aber auch weiterführende Aspekte, die oft vergessen werden, wie Bedürfnisperspektive, Technik und Ethik, werden einer näheren Betrachtung unterzogen. Zugleich wird der Inhalt - bis auf ein schmerzlich vermisstes Register im Anhang - benutzerfreundlich gegliedert. Praxisbeispiele, Lernziele sowie Zusammenfassungen am Schluss der Kapitel werden zusätzlich optisch hervorgehoben.

An der Schnittstelle von Wissenschaft und Praxis angesiedelt, ist der Band guter Ausgangspunkt für Diskussionen. Diese Schnittstelle bietet ausreichend Reibungsflächen, die letztlich wiederum die Stärke von “Innovationen für den Journalismus” ausmachen. Erfahrungen mit und Sichtweisen auf Recherchen oder Arbeitsabläufe zeigen, dass bei aller aufgezeigten Effizienz letztlich die redaktionelle Zielsetzung prägend für den Umgang mit und die Verarbeitung von In- und Output ist.

Journalistisches Transportieren von Inhalten trifft somit auch auf wissenschaftliches Publizieren. Gemeinsam ist beiden Seiten, Qualitätskriterien zu finden, die für Journalismus im größeren Rahmen des schnelllebigen digitalen Zeitalters maßgeblich sein sollen. Und das, obwohl sich gar nicht so viel geändert hat. Es geht in einer - zugegebenermaßen - vielfältigeren Publikationspalette immer noch um inhaltliche Qualität und zielgruppenorientierte Vermittlung bei größtmöglicher Effektivität. Geändert hat sich die Konkurrenz hinsichtlich Struktur und Umfang. Niemals zuvor war es für “Otto Normalverbraucher” so einfach und so billig selbst auf Sendung zu gehen, zu veröffentlichen, einen öffentlichen Stammtisch zu betreiben. So vielfältig die Laienanbieter sind, so unterschiedlich sind auch der gebotene Inhalt und die Qualität. Deshalb gilt es wie bisher für LeserInnen jede Nachricht hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit einer genauen Personal- und Contentkritik zu unterziehen. Daher ist es ebenso fragwürdig Blogs pauschal als Graswurzeljournalismus von wenig vertrauenswürdigen Laien zu bezeichnen, wie es unkritisch ist kommerzielle und öffentlich-rechtliche Nachrichtenlieferanten automatisch für vertrauenswürdig zu halten. Im Ethikkapitel wird dies nochmals deutlich, wenn die verhängnisvolle Verquickung des Journalismus mit Kommerz und Politik angesprochen wird. Der Profijournalismus ist dabei sein Claim neu zu definieren und deutlich gegenüber der Laien-Grauzone abzustecken, dass viele Journalisten auch Blogger sind, wird nicht weiter diskutiert.

Die Berichterstattung aus Politik und Wirtschaft stehen bei den vorgelegten Insider-Betrachtungen im Vordergrund. Dass in einem Journalismus-Buch unglückliche Formulierungen Platz finden, ist teilweise ebenso unterhaltsam wie befremdlich. Opernkritiker, die in die Ecke der Verhaltensaufälligen gerückt werden, locken noch ein Schmunzeln hervor. Befremdlich ist hingegen, wenn schnelle Berichterstattung als wenig konzentrationsintensiv dargestellt wird - es erklärt aber so manche Ente. Wichtig ist hingegen, dass auf die wachsende Problematik der Urheberrechtsverletzungen eingegangen wird, die digital schneller machbar, aber auch leichter strafrechtlich verfolgbarer ist. Naiv, wer glaubt, dass Journalisten nur Opfer wären.

“Innovationen für den Journalismus” bietet sehr spannende Einblicke in Redaktionsstrukturen. Darüber hinaus werden wichtige Bereiche von der Qualitätssicherung bis zu ethischen Fragen angesprochen. Das Spannungsfeld von Profis und Laien wird angesprochen. Es würde aber eine umfassende und sachliche Betrachtung, nicht nur hinsichtlich des Journalismus, verdienen - vielleicht sogar einen eigenen Band in dieser neuen Reihe “Kompaktwissen Journalismus”.

© S. Strohschneider-Laue

 Innovationen für den Journalismus

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Kundinnen II

Samstag, 03. Oktober 2009

Notiz

Alltagsdrama: Ausstellungsmacherin trifft auf Autohändler

Warum sollte es einer Freundin in Sachen Männerkommunikation besser gehen als mir (siehe dazu Kundinnen I)?

Besagte Freundin ist eine typische Bleifuß-Frau, die sich so fortbewegt wie es Gott für den Menschen offenbar vorgesehen hat: Mit dem Auto. Immer auf großen Strecken zwischen Wien - Linz - Salzburg - Graz sowie dem zugehörigen Umland pendelnd, fährt sie zwischendurch noch einige Touren quer durch Europa. USA, Mali und China hat sie dieses Jahr notgedrungen - Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel - mit dem Flugzeug angesteuert. Diese Megastrecken hält das beste Auto auf Dauer nicht aus und irgendwann verlassen uns auch die robustesten unter ihnen. Nur um es vorweg zu nehmen, sie ist zwar viel unterwegs aber trotzdem keine Drogendealerin, sondern als Austellungsarchitektin eine echte Spezialistin für Kommunikation und Gestaltung. Das bedeutet, dass ihre Brieftasche nicht prall gefüllt ist und sie ein finanzierbares Auto mit großen Transportflächen aber nicht mit Versteckmöglichkeiten braucht. Jedenfalls war sie auf der Suche nach einem neuen fahrbaren Untersatz.

Ihre Odyssee durch die Autohäuser ihrer Heimatprovinz sei in nachfolgendem Dialog zusammengefasst.

Er: Guten Tag. Auf der Suche nach einem roten Frauenauto?

Sie: Eigentlich habe ich an etwas Flottes, Strapazfähiges für lange Autobahnfahrten gedacht. Ein Cello sollte auch noch Platz finden.

Er: Na, Internetanschluss in Kleinwagen gibt’s noch nicht! HAHAHA. Aber wir haben hier einige rote Modelle.

Sie: Ich meine “Cello” nicht “Chello”. Das eine ist ein Musikinstrument, das andere ein Provider.

Er: Der ist auch gut. HAHAHA Wie gefällt Ihnen dieser schicke rote Kleinwagen? Sehr kompakt und wendig, gut geeignet für den Stadtverkehr.

Sie: Langstrecken, schnell und groß sind meine Anforderungen. Stadtverkehr ist das geringste Problem.

Er (unbeirrt): Schaun’s, in den Roten passen gleich drei Bierkisten für den Mann rein und der Kindersitz für den Spross seiner Lenden hat trotzdem genug Platz.

Sie (schon ausgereizt): Ich trink das Bier nicht aus Kisten und der Spross meiner Eierstöcke braucht keinen Kindersitz, sondern Platz für ihr Cello. Na, dieser große Geländewagen da wäre schon passender.

Er: Na, das ist aber kein guter Stadtwagen zum Einkaufen. Sie werden nur Schwierigkeiten beim Einparken haben und in rot gibt es dieses Modell auch nicht. Das ist eher ein richtiges Männerauto.

Sie: Ich habe nie Schwierigkeiten beim Einparken. Mein Problem sind Autoverkäufer, die nicht zuhören.

Er: Na welches Glück, dass ich jetzt für Sie da bin. Ich habe den idealen Wagen für Sie. Sehr klassisches Modell, seit Jahren unverändert und ausschließlich in rot erhältlich. Kein technischer Schnickschnack. Wird fast ausschließlich von Frauen gekauft. Damen legen ja doch mehr Wert auf Sicherheit als auf Geschwindigkeit.

Sie ist sehr friedfertig, sie hat ihn und die vielen andern Autoverkäufer nicht erschlagen, sogar der nette Herr vom Automobilclub, der - zur modellspezifischen Unfallstatistik befragt - meinte “Frauen kaufen sich meist ein rotes Auto”  lebt noch. Aber wie meine Freundin schließlich zu ihrem Auto - natürlich ist es nicht rot - gekommen ist, ist mir ein Rätsel. Vielleicht hat sie irgendwo eine Autoverkäuferin gefunden, die zugehört hat.

© S. Strohschneider-Laue

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