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Heiße Bescherung

Donnerstag, 19. November 2009

Fiction

Corinna Rückert (Hg.)
Heiße Bescherung
Erotische Geschichten
Rowohlt 2009, 223 S.
ISBN 978 3 499 25292 1

 Heiße Bescherung: Erotische Geschichten

Weihnachten ist das Fest der Liebe. Verbunden wird Weihnachten wohlige Wärme, knisterndes Feuer und prickelnde Vorfreude. Völlig richtige Assoziationen, wenn auch ein wenig kindlich. Die erwachsene Variante ist sinnlicher, wohliger, knisternder, prickelnder und wird gekrönt von einer heißen Bescherung.

Zehn Autorinnen verführen zum Lesen und locken mit Versuchungen der besonderen Art. Sie beschenken sich selbst und ihre PartnerInnen mit dem Unerwarteten. Regina Nössler, Sophie Andresky, Luna, Laura Mérrit, Corinna Rückert, Susanna Calaverno, Patricia Amber, Astrid Martini, C. C. Stern und Aveleen Avide entfachen das Feuer, stellen die Kerzen auf und verführen zu sinnlichen Höhepunkten.

Corinna Rückert wählte für diesen Band hochkarätige Autorinnen aus. Das Arrangement der lustvollen Momente entspricht der Weihnachtzeit. Es beginnt mit der Vorfreude “Auf engstem Raum” und steuert unaufhörlich über “Brust oder Keule”,  “Bye-bye Dr. Feelgood”, “Das Abendmahl”, “Der Connaisseur”, “Ein ganz besonderer Adventkalender”,  “Engel im Schnee, “Himmlische Eroberung” und ”Hot ‘n’ Cold” quer durch die Weihnachtszeit auf “Michelle und ihre Weihnachtsmänner” zu. Jede Story ist ein besonderes Geschenk. Wundervoll geschrieben und immer wieder lustvoll überraschend.

Eindeutig ein Buch zum selbst behalten oder als Überraschung im erotischen Weihnachtskalender einplanen. Meine Empfehlung lautet: Lesen Sie die letzten zehn Tage vor Weihnachten täglich eine Story und genießen sie Aveleen Avides Hauptgang ”Weihnachtsmänner” am 24. Dezember als unvergleichlichen Nachtisch. Es wird ein unvergessliches Fest werden.

“Be”sinnliche Weihnachten!

© S. Strohschneider-Laue

Heiße Bescherung: Erotische Geschichten

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Indien hören

Mittwoch, 18. November 2009

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Peter Pannke, Lisa Fehrenbach
Indien hören
Silberfuchs Verlag 2009, 1 CD, Laufzeit 80′, 16 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 940665 13 3

 Indien hören - Das Indien-Hörbuch: Eine klingende Reise durch die Kulturgeschichte Indiens von den Mythen bis in die Gegenwart

Die klingenden Reisen sind unverwechselbar. Kompakt und stimmungsvoll zugleich verführen sie zu Ohrenreisen in die Ferne. Fundiert aufbereitet, wird die Kulturgeschichte des jeweiligen Landes erzählt. Das klangliche i-Tüpfelchen bildet die jeweilige Kombination aus exzellentem Sprecher und mit Bedacht gewählten Musikzitate. Gemeinsam komplettieren sie die sinnliche Atmosphäre aller Hörreisen. Die anspruchsvollen Produktionen erfreuen durch ihre grafische und akustische Aufbereitung Augen und Ohren gleichermaßen. Aber das wirklich Besondere an Ihnen ist, dass sie wertfrei neugierig auf das Andere, das Fremde machen.

Auf Indien muss man allerdings nicht neugierig machen. Unvorstellbar das Land der Vielfalt nicht reizvoll zu finden. Indien denkt, fühlt und lebt in anderen Dimensionen. Nicht nur hinsichtlich Bevölkerung, Kulturen und Sprache ist Indien ein bunter Gigant. Mitprägend waren für die Entwicklung Indiens die Ausbreitung des Buddhismus, Hinduismus, Jainismus, Islam, Bhakti-Kult, Sufismus, Sikhismus oder auch des Krishna-Kults. Die von innen und von außen kommenden politischen Veränderungen waren zusätzliche Faktoren, die Indien einen nachhaltigen Stempel aufdrückten.

Die neue klingende Reise aus dem Silberfuchs Verlag vermittelt einen akustischen Farbrausch für die Ohren, der Indien mehr als nur gerecht wird. Von den frühen Schöpfungsmythen, über politische, philosophische und religiöse Strömungen bis zum modernen Indien des Mahatma Gandhi, Bollywood oder auch Slumdog Millionär wird der Bogen gespannt. Die enorme Herausforderung eine gewaltige Informationsfülle auf 80 Minuten zu verdichten, ist genial bewältigt worden. Die spannende Aufbereitung in Kombination mit der Stimme von Rufus Beck verführt immer aufs Neue zum Wiederhören. Mit traditioneller indischer Musik unterlegt, entsteht ein Klangerlebnis, das Ohren Curry hören, riechen und schmecken lässt. Dass die Augen bei diesem inhaltlichen und akustischen Fest nicht zu kurz kommen, dafür hat Roswitha Rösch mit farbenprächtiger Gestaltung von CD, Cover und Booklet gesorgt.

Hörprobe 

© S. Strohschneider-Laue

Indien hören - Das Indien-Hörbuch: Eine klingende Reise durch die Kulturgeschichte Indiens von den Mythen bis in die Gegenwart 

höre auch:
China hören
Deutschland hören 
Frankreich hören  
Griechenland hören 
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Niederlande hören 
Russland hören 
Türkei hören  
Ungarn hören 

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Geografische Kostbarkeiten

Dienstag, 17. November 2009

Non-Fiction

Jan Mokre (Hg.)
Annäherungen an die Ferne
Geografische Kostbarkeiten aus der Österreichischen Nationalbibliothek

Kremayr&Scheriau 2009, 224 S., zahlr. Farb- und Sw-Abb.
ISBN 978 3 218 00795 5

  Annäherungen an die Ferne: Geografische Kostbarkeiten aus der Österreichischen Nationalbibliothek

Habgier kennt keine Grenzen. Weltumspannendes Agieren auf der Suche nach Profit ist keinesfalls eine Erscheinung des 20. und 21. Jahrhunderts. Die Globalisierung mag auf einem vorläufigen Höhepunkt angekommen sein, ihre Wurzeln hingegen reichen tief in die Vergangenheit zurück.

Als die Europäer sich aufmachten die Welt zu entdecken, taten sie dies nicht weil ihnen Fragen der Wissenschaft oder Erkenntnisgewinn um seiner selbst willen am Herzen lagen. Es ging, wie immer, um Geld und Macht. Expeditionen wurden ausgesandt, um Land in Besitz zu nehmen, wertvolle Rohstoffe auszubeuten und Luxusgüter zu finden. Die zu Beginn des 17. Jahrhunderts gegründeten Handelsgesellschaften genossen Privilegien und konnten in vieler Hinsicht wie ein Staat auftreten. Das Sammeln von Informationen erfolgte als zweckgebundene Begleiterscheinung, die gewonnenen Kenntnisse wurden oft geheim gehalten. Wer sich die Erde untertan machen möchte, muss erst einmal wissen, wie sie aussieht und beschaffen ist, wer beziehungsweise was auf ihr lebt und wie man am schnellsten von Punkt A nach Punkt B kommt. Die Vermessung der Welt ging Hand in Hand mit einer Bestandsanalyse. Fleißig wurde gezeichnet, beschrieben und gesammelt. Reisen erweitert - nolens volens - den Horizont. Kartenwerke, Reiseberichte, ethnografische und geografische Schilderungen, botanische und zoologische Schriften sowie Sammlungen von Objekten aller Art vermittelten den europäischen Eliten Kenntnisse über ferne Länder und ihre Bewohner. Dreh- und Angelpunkt der Verbreitung des neuen geografischen Wissens waren die Verlagshäuser, die aufwändig gestaltete Atlanten und Bücher über die Menschen, Flora und Fauna fremder Erdteile herausbrachten. Heute gehören diese historischen Zeugnisse der Erkundung der Welt zu den Beständen großer Universalbibliotheken, zu denen auch die Österreichische Nationalbibliothek zählt.

In dem reich bebilderten Buch “Annäherungen an die Ferne” präsentiert die Österreichische Nationalbibliothek Kostproben aus ihrer Sammlung geografischer Aufzeichnungen. Im Mittelpunkt der Betrachtung des europäischen Wissensstandes über Afrika, Asien und Amerika steht das 17. Jahrhundert, in dem nicht nur der Fernhandel erblühte, sondern auch das Verlagswesen Glanzleistungen hervorbrachte. Zu den schönsten, umfangreichsten und zu seiner Zeit teuersten Atlanten zählt der, 1662 im Amsterdamer Verlag Blaeu erschienene, “Atlas Maior sive Cosmographia Blaviana”. Mit seinen über 600 Karten stellt er - gleichsam als Spiegel der zu dieser Zeit bestehenden Kenntnisse über das Aussehen der Erde - eine einzigartig reichhaltige Bildquelle dar.

Jede der für das Buch “Annäherungen an die Ferne” ausgesuchten Bildquellen hat ihren eigenen visuellen Reiz. Im 17. Jahrhundert gab es auf den Landkarten noch viele weiße Flecken. Der Fernhandel erfolgte weitgehend auf dem Seeweg, folglich waren die Küsten und ihr Hinterland bis ins 19. Jahrhundert besser bekannt und erforscht als das Innere der Länder und Kontinente. Zeichner griffen oft auf fragwürdige Berichte zurück und ließen ihrer Fantasie freien Lauf. Sie bevölkerten die Meere mit Ungeheuern und das Festland mit seltsamen Kreaturen, darunter die Acephalen (Kopflosen) und das einäugige Monoculi. Mit der Zeit wurde der Glaube an Mythen wie Eldorado und Fantasiewesen, die in fernen Ländern angeblich anzutreffen seien, durch Beobachtungen und verlässliche Augenzeugenberichte entkräftet. Die Europäer lernten schnell. Ihre von Illustratoren, Kartografen und Kupferstechern festgehaltenen Irrungen machen aus den Bildquellen charmante Zeitzeugnisse.

Was die attraktiven Land- und Seekarten, Kupferstiche mit Szenen des Alltags der fremden Völker, botanischen Illustrationen und anderen Bildquellen nicht selbst Preis geben, ist den hervorragenden Texten zu entnehmen. Nach Kontinenten gegliedert, erzählen die Autoren des Buches “Annäherungen an die Ferne” von den Fahrten und Taten der Eroberer und Kaufleute, die durch ihr Handeln in wenigen Jahrhunderten nicht nur das Anlitz der Erde, sondern auch das Leben fremder Völker gründlich veränderten. Die Europäer waren im Umgang mit der Natur und der indigenen Bevölkerung nicht zimperlich. Selbst kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den Kolonialmächten waren keine Seltenheit, wenn es um den Schutz eines Monopols oder anderer wirtschaftlicher Vorteile ging. Diplomatische Missionen, die vor allem in den Beziehungen zu China und Japan eine bedeutende Rolle spielten, folgten wiederum anderen Regeln. Virtuos verbinden Jan Mokre, Elisabeth Zeilinger und Helga Hühnel in ihren Essays kartografische, politische, völkerkundliche, wirtschaftliche und kulturelle Aspekte der Begegnung Europas mit dem Rest der Welt.

Eine gut bestückte Bibliothek, wie es die Österreichische Nationalbibliothek zweifelsohne ist, kann durch die Präsentation ihrer Schätze zur Zeitmaschine werden. Das Buch “Annäherungen an die Ferne” lädt ein zu einer Reise zurück zu den Anfängen der Globalisierung.

© Ch. Ranseder

Annäherungen an die Ferne: Geografische Kostbarkeiten aus der Österreichischen Nationalbibliothek

siehe auch:
Ausstellungsrezension

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Insekten von Surinam

Montag, 09. November 2009

Non-Fiction

Katharina Schmidt-Loske (Hg.)
Maria Sibylla Merian - Insects of Surinam
Taschen 2009, En./Dt./Fr., 192 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 9783 8228 5278 1

  Merian - Insects of Surinam

Das 1705 erschienene Werk “Metamorphosis Insectorum Surinamensium” ist der brilliante Höhepunkt im Schaffen einer Frau, die mit eisernem Willen ihren eigenen Weg ging. Maria Sibylla Merian (1647-1717) gelang der Spagat zwischen Familie und Berufung, zu einer Zeit als weibliche Selbstverwirklichung die Ausnahme darstellte und Frauen in der Wissenschaft nahezu undenkbar waren. Ihre herausragende Leistung muss daher im Kontext mit der Lebensgeschichte betrachtet werden, da das Werk über die Insekten Surinams eine im Grunde logische Folge der jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit Faltern darstellt.

Aufgewachsen in einem intellektuell geprägtem Künstlermilieu - ihr Vater war der Kupferstecher und Verleger Matthäus Merian d.Ä., ihr Stiefvater der Blumen- und Stilllebenmaler Jacob Marrel, entwickelt Maria Sybilla Merian bereits als 13-jährige ein Interesse für Raupen. Sie verfolgt den Lebenszyklus des Seidenspinners und schreibt ihre erste Abhandlung, “Verwandlung und Veränderung der Seidenwürm”. Glücklicherweise lässt die Familie das begabte Mädchen, das unter anderem Zeichnen, Malen und Kupferstechen erlernt hat, gewähren. Auch der Erwerb des obligatorischen Ehemanns, die Geburt zweier Töchter und der Umzug von Frankfurt nach Nürnberg können Maria Sybilla nicht von ihren naturkundlichen Studien abhalten, die sie um die Suche nach Farbrezepturen erweitert. Ihre erste Veröffentlichung ist jedoch ein Blumenbuch. Wenig später, 1679, erscheint “Der Raupen wunderbare Verwandelung und sonderbare Blumen=Nahrung”. In diesem Buch gibt die Naturforscherin erstmals die Entwicklungsstadien zum Schmetterling, angeordnet auf einer einzelnen (Futter-)Pflanze, wieder. Diese ganzheitliche Darstellung ist etwas völlig Neues. Wo auch immer sich Maria Sybilla Merian aufhält, sammelt sie Raupen - zwei Fortsetzungen des Raupenbuches (1683, 1717) sind die Folge. 1685 verlässt die Künstlerin ihren Mann und zieht mit Töchtern und Mutter bei den Labadisten auf Schloss Waltha ein. In den folgenden Jahren ordnet Merian ihre Zeichnungen und Notizen nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten. Surinam rückt näher, denn Schloss Waltha wird der Sekte vom Gouverneur der holländischen Kolonie zur Verfügung gestellt. Doch zuerst geht es 1691 nach Amsterdam, wo Maria Sybilla den Lebensunterhalt für sich und die Töchter durch den Handel mit Farben und Naturalien sowie der Ausführung von Auftragsarbeiten bestreitet. In der geschäftigen Handelsstadt kann die forschende Künstlerin Sammlungen besuchen, zu deren Exponaten auch Insekten aus Surinam zählen. Ihre Neugier ist geweckt, sie will selbst in dieses Land fahren, um eigene Beobachtungen zu machen. 1699 ist es endlich so weit: Maria Sybilla Merian, mittlerweile 52 Jahre alt, und ihre Tochter Dorothea Maria stechen in See. Zwei Jahre verbringen die beiden Frauen sammelnd, zeichnend und forschend in Surinam, bevor sie gesundheitliche Gründe zur Rückkehr zwingen. Zurück in Amsterdam und wieder genesen macht sich Maria Sybilla voller Tatendrang an die Herausgabe ihres Werkes über die Insekten Surinams.

“Metamorphosis Insectorum Surinamensium” erscheint 1705 und umfasst insgesamt 60 Kupferstiche. Das Geld für die Herstellung des Buches brachte Merian selbst auf, indem sie Subskribenten warb und Auftragsarbeiten annahm. Käufer konnten zwischen einer schwarz-weißen oder einer handkolorierten Fassung des Werkes wählen. Der exquisite Prachtband “Insects of Surinam” des TASCHEN Verlages basiert auf den besonders schön kolorierten Tafeln des in der öffentlichen Bibliothek der Universität Basel befindlichen Exemplars der “Metamorphosis Insectorum Surinamensium”.

Im 18. Jahrhundert präsentierten die 60 Tafeln Ergebnisse der Grundlagenforschung, auf die sogar der Naturwissenschaftler Carl von Linné für sein wegbereitendes Ordnungssystem der Natur zurückgriff. Heute bezaubern Merians Darstellungen durch ihre dekorative Eleganz. Wer in den Medien des 21. Jahrhunderts schon alle Hässlichkeit dieser Erde gesehen hat, ist durch die hübschen Abbilder der “unachtbaren Thierlein” nicht zu erschüttern. Im Gegenteil. Was Merians Zeitgenossen vielleicht als garstig abstoßende Schädlinge angesehen haben, wirkt geradezu niedlich. Auf und um anmutigen, fast ornamental angeordneten Pflanzen tummelt sich eine bunte Insektenschar. Fette Raupen knabbern an saftigen Blättern. Plumpe Kokons und Puppen ruhen auf Ästen und Stängeln. Prächtige Schmetterlinge flattern herum. Käfer krabbeln im Laubwerk oder erheben sich behäbig in die Lüfte. Heuschrecken, Zikaden, Wespen und Ameisen lassen sich gelegentlich blicken. Auf einigen Tafeln hat Maria Sybilla Merian sogar Fösche, Kröten, Eidechsen, Schlangen und Vogelspinnen festgehalten. Auffällig ist das Spiel mit Größenverhältnissen. Merian ist bemüht, die Insekten in Originalgröße wiederzugeben. Die Pflanzen hingegen zeigt sie verkleinert, wohl auch, um möglichst viel von Wuchs und anderen Charakteristika auf dem beschränkten Platz der Tafeln zeigen zu können. Es ist bekannt, dass die Forscherin für ihre Studien auch ein Mikroskop benutzte. Die Künstlerin genießt sichtlich die an den Insekten zu beobachtbaren Farben, Muster und Texturen, die sie nicht nur zeichnet sondern auch beschreibt. Trotz des Bestrebens nach Wahrhaftigkeit der Wiedergabe, verliert die dual Begabte nie den ästhetischen Wert ihrer Bildkompositionen aus den Augen.

Wer mehr über die abgebildeten Insekten und Pflanzen erfahren will, kann allerlei Wissenswertes in den Bilderläuterungen aus der Feder von Katharina Schmidt-Loske erfahren, die Merians Originaltext ersetzen. Die Leiterin des Biohistoricums, Bonn, hat auch den Essay “Maria Sybilla Merians ‘kostbare’ Reise in die Schatzkammer der Natur” zu Leben und Werk der forschenden Künstlerin verfasst. Ergänzendes Bildmaterial, darunter Arbeiten einer der Töchter der Künstlerin, begleitet diesen Text.

“Insects of Surinam” ist ein verführerisch schönes Buch. Maria Sybilla Merians unvergleichliche Darstellungen der Insekten- und Pflanzenwelt Surinams sind eine Augenweide, die niemals an Frische verliert. Auch die Designer des prächtigen Bandes scheinen sich an den dekorativen Krabbeltieren und Räupchen erfreut zu haben. Seitenfüllende Vergrößerungen von Details aus den Tafeln beleben die ohnehin schon attraktive grafische Gestaltung.

Folgen Sie nicht dem in Wohnzeitschriften immer wieder zu bemerkenden Trend, sich aufgespießte Schmetterlingsleichen in Kästchen an die Wand zu hängen. Schaffen Sie sich stattdessen das wunderschöne Buch “Insects of Surinam” an - das schont die Umwelt und stimuliert den Geist.

© Ch. Ranseder

Merian - Insects of Surinam

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In Wahrheit wird viel mehr gelogen

Mittwoch, 04. November 2009

Fiction

Kerstin Gier
In Wahrheit wird viel mehr gelogen
Lübbe 2009, 269 S.
ISBN 978 3 7857 6014 7

In Wahrheit wird viel mehr gelogen

Carolin ist 26 und das erste Mal in ihrem Leben Witwe. Das kann passieren, wenn man sich in einen viel älteren Mann verliebt. Blöd nur, wenn der Mann der Vater ihres Exfreundes ist, mit dem sie sich nun um das nicht unbeträchtliche Erbe streiten darf. Mit ihm und seinen beiden zänkischen Schwestern, die in etwa genauso blond sind wie deren Mutter. Aber nicht umsonst hat Carolin einen IQ von 158 und einen ganzen Haufen ausgefallener Ideen sowie eine “pflaumige” Schwester, einen ausgestopften Yorkshire Terrier mit Namen “Zweihundertdreiundvierzig” und eine feuchtigkeitscremebenutzenden Apotheker an ihrer Seite. Da macht notorisches Zählen auch schon nichts mehr aus…

“In Wahrheit wird viel mehr gelogen” ist eine erfrischende Abwechslung. Gut, es ist außen rosa, aber irgendwas ist ja immer. Ideenreich und selten sarkastisch bringt es so manches Schmunzeln mit sich - und meine erst durchlesene Nacht seit Langem!

Fazit: ein echter Lesetipp!

© K. Zotzmann

In Wahrheit wird viel mehr gelogen

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Rock ‘n’ Old

Dienstag, 03. November 2009

Non-Fiction

Esther Haase
Rock ‘n’ Old
Kehrer 2009, 128 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 8682 8109 5

  Rock ‘n’ Old

Lebensfreude ist keine Frage des Alters sondern des Anlasses. Die in dem Fotoband “Rock ‘n’ Old” zu bewundernden hochbetagten Frauen und Männer, hatten sichtlich Spass daran, in eine Rolle zu schlüpfen und sich als Model fantasievoll in Szene setzen zu lassen. Große Roben und schöner Schmuck stehen ihnen gut. Wagemutig werfen sich die Senioren in Pose, albern herum oder lassen arrogant den Blick schweifen. Hohes Alter hindert nicht daran gute Figur zu machen.

Seit vielen Jahren fotografiert Esther Haase Patienten der Ambulanten Pflegestation Jahnke für den Kalender der privaten Einrichtung. Angesichts der steigenden Lebenserwartung der Menschen in der westlichen Welt, ist das dahinterstehende Konzept wegweisend. Auch im Alter wirken Begegnungen mit neuen Situationen, welche der Fantasie Freiräume gewähren, belebend. Eine Auswahl der schönsten Kalenderbilder ist nun mit dem treffenden Titel “Rock ‘n’ Old” als Buch erschienen. Betrachter bleiben emotional nicht unberührt.

Dass die Fotografin unter anderem für die provozierende Kontraste liebende Modebranche arbeitet, ist vielen der Arbeiten anzusehen. Themen und Bildsprache der erzählten Geschichten rufen immer wieder Assoziationen zu Werbekampagnen und Fotostrecken in Modemagazinen wach. Doch im Unterschied zu diesen, ist beim ersten Blättern im Buch “Rock ‘n’ Old” die Grenze zwischen Fiktion und Realität nicht sofort erkennbar. Handelt es sich bei den faszinierenden Persönlichkeiten um lebenshungrige Exzentriker, die ihr Selbstbild vermitteln? Dienen Ausstattung oder Pose als Hinweis auf eigene Vorlieben, Statussymbol, Referenz an ein Ereignis in ihrem Leben? Oder übernehmen die alten Damen und Herren eine Rolle in einer von jemand Anderem erfundenen Geschichte? Schlüpfen sie dafür mutig für die Dauer eines Shootings in eine andere Haut, um einen Traum zu leben? Diese Ambivalenz weckt Neugier. Wer sind diese Personen, welche Lebensgeschichte haben sie, möchte man als Betrachter der Bilder wissen. Doch das Buch bleibt diese Antworten schuldig, der Normbruch ist nur ein Spiel mit unserer Vorstellung vom Alter. Esther Haases Fotos sind ein Beweis, wie befreiend das Abrücken von Konventionen sein kann.

Das Buch “Rock ‘n’ Old” ist ein berührender Fotoband, der lehrt das Alter mit anderen Augen zu sehen.

© Ch. Ranseder

Rock ‘n’ Old

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Rinde

Dienstag, 03. November 2009

Non-Fiction

Cédric Pollet
Rinde
Die Wunderwelt der Bäume entdecken 

Ulmer  2009, 192 S., zahl. Farbabb.
ISBN 978 3 8001 5911 6

 Rinde: Die Wunderwelt der Bäume entdecken

Einen Baum zu pflanzen ist eine emotionale Geste mit hohem Symbolgehalt. Daher greifen Politiker bei bestimmten Anlässen gerne zum Spaten, um neben einem kostengünstigen Gedenk-Bäumchen für die Medien zu posieren. Schließlich mögen viele Menschen Bäume. Doch wehe ein Wäldchen oder ehrwürdiger Solitär steht einem Bauvorhaben im Weg. Dann wird gnadenlos umgesägt, was Jahrzehnte zum Wachsen brauchte. Es scheint, als hätte der Baum in erster Linie den Menschen zu dienen. Sein ökonomischer und ökologischer Wert ist unbestritten. Doch Hand aufs Herz: Wann haben Sie sich zuletzt einen Baum bewusst angesehen? Sich dabei an der Schönheit seines Stammes, der Blätter, Blüten oder Früchte, erfreut? Deren Reichtum an Formen, Farben und Strukturen bestaunt?

Bäume sind es wert, genauer betrachtet zu werden. Cédric Pollet hat genau das gemacht und dabei eine Leidenschaft für Rinde entwickelt. Der exquisite Prachtband “Rinde. Die Wunderwelt der Bäume entdecken” ist das Ergebnis einer bereits über zehn Jahre währenden Liebe. Dabei fing alles ganz harmlos mit dem Blick auf eine alte Eiche an. “Es war eine Offenbarung, die mein Leben veränderte”, gesteht Cédric Pollet in der Einleitung des Buches. Der ausgebildete Landschaftsarchitekt griff zur Spiegelreflexkamera und begann die Welt zu bereisen, um Baumrinden zu fotografieren. Eine Auswahl der schönsten Bilder ist in “Rinde” zu bewundern. Für seine 81 Baumporträts konnte der Naturfotograf aus dem Vollen schöpfen: mehr als 15.000 Dias sind über die Jahre auf seinen Entdeckungsreisen zusammengekommen.

Zum Staunen gibt es in “Rinde” genug. Die Nützlichen, die Schönen und die Bizarren haben Cédric Pollet gleichermaßen inspiriert. So bietet zum Beispiel Ficus benjamina, als Zimmerpflanze ein schmächtiges Bäumchen, in freier Natur mit seinem Gewirr aus Luftwurzeln einen an Alien erinnernden Anblick. Fröhlich mutet hingegen die psychedelisch rot-grün-gelb-braun gestreifte Rinde des Trichterfrucht-Eukalyptus an. Der Seidenwollbaum wiederum gibt sich mit seiner silbergrauen Rinde, die in maigrünen Rissen und Schildpattmuster aufbricht, überaus elegant. Blick für Blick schärfen die rund 400 Abbildungen das Bewusstsein für die atemberaubende Vielfalt und Anpassungsfähigkeit der Bäume.

“Rinde” ist mehr als ein Fotoband. Das attraktiv gestaltete Buch paart optischen Genuss mit informativem Lesevergnügen. Jeder der ausgewählten Bäume wird mit mindestens zwei Bildern vorgestellt. Ganzseitige Nahaufnahmen der Rinde verwandeln wenige Quadratzentimeter Baumstamm in abstrakte Kunstwerke. Kleinere Fotos geben mehr vom Aussehen der Bäume und der Landschaft, in der sie wachsen, preis. Handelt es sich um eine wirtschaftlich genutzte Baumart, zeigen Fotoserien die Ernte des Naturprodukts. Zwischen die Baumporträts eingeschobene Doppelseiten sind interessanten Phänomenen wie z. B. der Stammblütigkeit gewidmet oder feiern die Vielfalt des Erscheinungsbildes einer Gattung. Die begleitenden Texte bieten eine bunte Mischung aus Botanik und Kulturgeschichte mit einer Prise Kulinarik und Medizin. “Rinde. Die Wunderwelt der Bäume entdecken” hält, was sein Untertitel verspricht. Cédric Pollets Fotos entführen auf eine optische Entdeckungsreise, die lehrt, das Wunderbare im Alltäglichen zu sehen. Mit offenem Auge und wachem Geist lässt sich das Erlebnis des herrlichen Buches vor der eigenen Haustür fortsetzen. Ist das nicht schön?

© Ch. Ranseder

Rinde: Die Wunderwelt der Bäume entdecken

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Helmut Böhm-Raffay

Sonntag, 01. November 2009

Notiz

Was ist das Nichts?  
Helmut Böhm-Raffay
Einer, der zwischen Realität und Illusion mühelos hin- und herspaziert 
Ein Film von Herbert Link 2009, ca. 40′.

Helmut Böhm-Raffay lebt seinen Traum. Spontan will er sein und kreativ nach dem Ende seines minutiös geplanten, technisch orientiertem Berufslebens. Unter dem Pseudonym “Heinz Brandtner” ist er schriftstellerisch tätig. Er schreibt für die Bühne und wird sein eigener Darsteller. Er schreibt zu Bildern und wird so ein Teil von ihnen. Kreativ und spontan sucht er nach seinen persönlichen Plattformen und findet sie oft an ungewöhnlichen Orten. Doch für ihn ist nichts davon raumgreifend genug. Böhm-Raffay hatte seine Liebe zum Tanzen als Junge entdeckt und ist ihr bis in die Gegenwart treu geblieben. Dabei hat er den nach und nach den Gesellschaftstanz hinter sich gelassen. Über Masken, Pantomime und Afro Dance entdeckt er schließlich den Ausdruckstanz für sich. Helmut Böhm-Raffay ist einer, der den Sog spürt und einer, der ein ewig Suchender bleiben wird.

Herbert Link gelang es den kreativen Freigeist Helmut Böhm-Raffay mit der Kamera einzufangen. In der biografischen Dokumentation bewies er sich als Formgeber der Spontaneität und Bändiger einer kreativen Lebensflut. Ganz passend dient daher das Ende des Interviews als Einstieg in den Film. Rückwärts tritt Helmut Böhm-Raffay ins Bild, setzt sich, bekommt das Mikrophon angesteckt von dem er am Ende des Films wieder befreit wird, um diese Bühne zu Gunsten einer anderen zu verlassen. Mit dem spannend inszenierten Film und der verdichteten Biografie unterstreicht Herbert Link dezent das zufällig Unzufällige des “Heinz Brandtner”.

© S. Strohschneider-Laue

Siehe auch:
Don Quixote am Michaelerplatz - Film
Der verzauberte Spiegel. Schauspiel in zwei Abteilungen. - Buch

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