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Porträt: Los Angeles

Mittwoch, 16. Dezember 2009

Non-Fiction

Jim Heimann (Hg.)
Kevin Starr, David L. Ulin

Los Angeles - Porträt einer Stadt
Taschen 2009, En./Fr./Dt., 572 S., über 500 Sw- und Farbfotos
ISBN 978 3 8365 0291 7

 Los Angeles

Städte sind wie ihre Bewohner ständigen Veränderungen unterworfen. Sie wachsen, werden erwachsen und ihre Entwicklung wird dokumentiert. Das großformatige Stadtalbum von Los Angeles ist eine Hommage an historische Momente, die nicht nur die Stadt der Engel, sondern die ganze Welt bewegten. Mehr als 500 Fotos aus privaten Sammlungen, Galerien, Museen und Instituten spüren der Stadt und ihren BewohnerInnen ab den 1860ern nach.

Von den bescheidenen Anfängen über den Bevölkerungsboom, zur Unterhaltungsmetropole und tief in die Wirtschaftskrise sowie durch die goldenen Jahre bis in die Gegenwart spannt sich der fotografische Bogen. Exzellente Texte umreißen dazu die historischen Rahmenbedingungen und richten das Augenmerk auf jene Details, die die Bilderflut zu fassbaren Dokumenten werden lassen.

Die Megastadt mit ihrer magnetischen Anziehungskraft auf Künstler, Reiche und Schöne hat einen Hang zum potemkinschen Dorf. Protzige Kulissen und verwahrloste Ecken treffen auf polierten Reichtum und bittere Armut. Die Auswahl der Fotos präsentiert vordergründig das schöne, moderne, aufstrebende, schillernde und wachsende Los Angeles. Die Würze erhält diese zunächst glatt anmutende Auswahl jedoch durch Schlaglichter auf die gärenden, unruhigen, nicht immer erwünschten oder geförderten Aspekte der Stadt. Verhaftete Transvestiten, verzweifelte aber fröhliche Marathontänzer, den Sieg über Japan Feiernde individualiseren die multikulturelle Menschenmasse und lassen ihre Sorgen, Nöte und Interessen hinter den Hausfassaden und auf den Straßen erahnen. Die realistische, ungeschminkte Seite, die die Geschichte von Mafiaopfern, Volksgruppenaufständen, Elendsdemonstrationen und politische Ereignisse anreißt, zeigt den Moloch hinter dem Glamour. Neben bekannten Fotos, die untrennbar mit Los Angeles und Ereignissen verbunden sind, finden sich in dem Band viele kaum oder unbekannte Aufnahmen. Sie zeichnen ein abwechslungsreiches Bild von einer Stadt in der täglichen geschossen wird - mit Waffen und Kameras. 

Unersättliche, die mehr über Los Angeles wissen wollen, können sich durch ein breites Spektrum an Film-, Musik- und Literaturempfehlungen arbeiten. Biografien der renommiertesten Fotografen und eine Bibliografie schließen das aufwändige Coffee Table Book.

Los Angeles ist nebenan!

© S. Strohschneider-Laue

Los Angeles
Berlin - Rezension

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Magie & Magier

Mittwoch, 16. Dezember 2009

Non-Fiction

Noel Daniel (Hg.)
Mike Caveney, Rick Jay, Jim Steinmeyer 

Magic Book 1400s-1500s
Taschen 2009, En./Fr./Dt., Riesenformat, 670 S., zahlr. Farb- und Sw-Abb.
ISBN 978 3 8365 0977 0

 Magic Book: 1400s - 1950s

Immer wenn man glaubt, größer, bunter und prächtiger geht es nicht mehr, übertrifft Taschen seine eigenen Produkte. Die Geschichte des magischen Showbiz ab dem 15. Jahrhundert ist ein dreisprachiger Riesenwälzer in fantastisch-magischen Bildern und spannenden Texten.

Lassen Sie sich verzaubern, verblüffen und überraschen. Die größten Illusionisten, Magier, Zauberer und Taschenspieler geben hier eine Vorstellung im Bühnenformat. Über 500 Jahre hinweg wird in über 1000 plakatgroßen Bildern von einer ganz eigenen Kunst Zeugnis abgelegt. Von den Jahrmärkten zu den Unterhaltungspartys der Reichen bis zu den Varieté- und Showbühnen haben Zauberer und Illusionisten ihre (un)durchschaubaren Tricks vorgeführt. Schwebende Jungfrauen sind genauso dabei, wie mit Zähnen aufgefangene Pistolenkugeln, unechte Chinesen, Entfessler, Schwertstecher, Sägefreudige, Feuermeister und Goldmacher. Vom Schamanen zum Showman war es nur ein kleiner Schritt, wie die einzelnen Kapitel belegen.

Und immer wieder drehte es sich um Leben und Tod, Teufelswerk, Geister und anderem übernatürlichen Spuk. Hinter allem standen Menschen mit Gespür für den richtigen Moment und ihr Publikum. Einige der Künstler sind sprichwörtlich wie Houdini geworden, der einzige, der sogar dem Tod entkommen könnte und ausgerechnet an Halloween gestorben ist. In Vergessenheit geraten, sind dagegen die vielen namenlosen Assistentinnen und auch die wenigen weiblichen Illusionistinnen. Madame Girardelli, Adlaide Hermann, Mercedes Talma, Marian Chavez, Suzy Wandas, Evelyn Maxwell oder Margo begeisterten zu ihrer Zeit aber genauso wie ihre männlichen, noch dazu deutlich unattraktiveren Kollegen. Weiblicher Aufputz, der sich freiwillig zersägen ließ oder über die Bühne schwebte, wurde mehr und mehr eingesetzt, denn nicht jeder Magier konnte sich selbst nackt wie Houdini exhibitionieren. Der schmächtige Körper des Holländers Theodore Bamberg hatte erst in chinesischen Outfit unter dem Namen Okito etwas zu bieten. Das verbindende Element aller Magier, Taschenspieler und Illusionisten ist, dass sie eine einsame Kunst, deren Geheimnisse das Kapital stellen, ausüben. Dazu gehört bis heute eine beeindruckende Persönlichkeit und gute Werbung - am besten mit roten faustischen Teufelchen, die hart an der Niedlichkeit vorbeischrammen.

Und seien wir doch ganz ehrlich: Wissen ist Macht und macht zugleich vieles furchtbar langweilig. Wenn man nicht weiß, wo der Spiegel und der Projektor steht, warum es raucht, wieso das Kügelchen verschwunden bleibt und weshalb die zersägte Frau sich putzmunter verbeugen kann, ist das Leben zumindest für eine kurze Zeit wesentlich bunter und überraschender.

Ein genial von Noel Daniel editiertes Buch zu dem Mike Caveney, Rick Jay, und Jim Steinmeyer exzellent recherchierte und aufbereitete Texte beigetragen haben. Die schönste Pflichtlektüre für Illusionisten -Laien und Profis gleichermaßen -, Designer, Werbeleute, Historiker und andere ewig Verzauberte.

© S. Strohschneider-Laue

Magic Book: 1400s - 1950s

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Liebe zwischen den Seiten - Kriegsbriefe

Mittwoch, 16. Dezember 2009

Notiz

Kriegsbriefe deutscher Studenten

Postkarte: Lieber Karl 16.IV.1940

Bücher sind Freunde, gehören zur Familie. In den späten 70ern des letzten Jahrhunderts kam der kleine spitzartige Hund “Kleist” (Kleist kam zu erst) in unsere Familie. Er schlich sich geschmeidig über Heinrich Kleist’s sämtlicher Werke ein und gehört seither dazu. Etwa 2007 zog das ruhige Michael-Baby (Michael Yerry/Terry Ramirez Jr.) mit The Mummy bei uns ein. Seit dem dritten Advent 2009 wohnen Karl und Josef in Kriegsbriefe gefallener Studenten bei uns.

Eigentlich sollte ich es besser wissen und einen großen Umweg um Buchflohmärkte machen. Aber der Advent-Flohmarkt im Pfarrheim hatte eine ganz unchristliche, magische Anziehungskraft. Satte dreizehn Euro habe ich dort gelassen. Ein hoher Stapel Parental-Advisory-Schwermetall-Cds, die die anständigen Kirchgänger geflissentlich ignorierten, hat dort eindeutig auf mich gewartet und natürlich ist auch ein Buch an mir hängen geblieben:

Philipp Witkop
Kriegsbriefe gefallener Studenten
© Georg Müller Verlag 1928, 
161. bis 170. Tausend. Volksausgabe 1933

Ich kannte den Titel nicht, dachte aber sofort an den Antikriegsroman von Erich Maria Remarque “Im Westen nichts Neues”. Tatsächlich habe ich das Buch aber gekauft, weil drei Schriftstücke, die auf der letzten Seite im Schutzumschlag eingeklemmt waren, mein Interesse weckten.

  Klemens Tilmann, Todesverächter, Ein Tatsachenbericht aus der Geschichte der Kirche in Fern-Ost Klemens Tilmann, Todesverächter, Ein Tatsachenbericht aus der Geschichte der Kirche in Fern-Ost

Oberschütze Karl Haugeneder aus böhmisch Krum(m)au (Český Krumlov) hat im April 1940 zwei Bücher in Wien gekauft: von Witkop “Kriegsbriefe” (3 Reichsmark 60 Reichspfennige) und von Tillmann “Todesverächter” (3 Reichsmark 20 Reichspfennige). In Anbetracht der damaligen Einkommensverhältnisse kein billiger Einkauf und inhaltlich schwere Kost. Denn obwohl die jüngeren Ausgaben der “Kriegsbriefe”, die ab 1933 erschienen den Lesern todesbereiten Heldenmut für Deutschland suggerieren sollten, konnte das inhaltlich wohl kaum erreicht werden. Der Hurrapatriotismus jener jungen Männer, die weltfremd, indoktriniert und ohne klaren Gedanken in den Ersten Weltkrieg stürmten, wird von Brief zu Brief mehr und mehr relativiert. Sie sehnten sich nach ihren Müttern, klammerten sich an göttliche Heilsversprechungen und lebten von Adrenalinschub zu Adrenalinschub, während der lebenslang eingedrillte Gehorsam und die unreflektierte Pflichterfüllung sich bis zum Tode erschöpfte. Die Konfrontation mit der Kriegsrealität, die mit den Bierbankgesprächen in den Studentenverbindungen so gar nicht übereinstimmten, ließen sie die bittere Wahrheit dieses und jeden anderen Krieges kurz vor ihrem Tod erkennen. Die Briefe, die die jungen Männer von der Einberufung, vom Marsch, von der Front und aus den Lazaretten schrieben, sind zeitlos.

David-Postkarte Lieber Karl 16.IV.1940

David hat Goliath besiegt. Gerade deshalb war die Postkarte von Josef aus dem Zisterzienserstift Wilhering an Karl in Krummau in diesen “unruhigen Zeiten” schlecht gewählt. Auch die Hoffnung Josefs, dass Karl sich “in den schönen kräftigen Inhalt einlesen und auch Freude aus diesem Buch schöpfen” könne, spricht nicht für den Schreiber, der “den Geist des Ganzen” (noch) nicht erfasst haben dürfte. 1940 wurde das Stift durch die Nationalsozialisten beschlagnahmt und enteignet, die Mönche kamen ins Gefängnis oder wurden zum Kriegsdienst eingezogen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt sollte auch Josef klarer gesehen haben.

Die Kriegsbriefe gefallener Studenten aus dem Ersten Weltkrieg verbinden sich zweiundzwanzig Jahre nach Kriegsende durch die Lebensspuren von Karl und Josef mit dem Wahnsinn des Zweiten Weltkriegs. Ein erschütterndes Zeitzeichen, das mich nur einen Euro gekostet hat, aber dessen Inhalt mit vielen Leben bezahlt wurde.

© S. Strohschneider-Laue

siehe auch
Kleist kam zu erst
Michael Yerry/Terry Ramirez Jr.
Loving Memory
Die Fotos der Rosi Z.

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Mamerot - Chronik der Kreuzzüge

Donnerstag, 10. Dezember 2009

Non-Fiction

Thierry Delcourt, Danielle Quéruel, Fabrice Masanès 
Sébastien Mamerot - Chronik der Kreuzzüge
Von Karl dem Großen bis Sultan Bajsit
Taschen 2009, 2 Bände, 224 S., zahlr. Farb- und Sw-Abb.
ISBN 978 3 218 00795 5

Mamerot - eine Chronik der Kreuzzüge

Das wunderbar illuminierte Manuskript “Les Passages d’Outremer” aus dem 15. Jahrhundert befindet sich in der französischen Nationalbibliothek in Paris. Text und Bilder erzählen die Geschichte der Kreuzzüge ab Karl dem Großen bis zum Aufstand in Genua (1462). Das unbezahlbare Original in Händen zu halten, ist nur Wenigen vergönnt. Um so schöner ist es, dass Taschen ein hochwertiges Faksimile in herausragender Detailtreue und mit Goldhöhung vorgelegt hat. Begleitet wird dieses Werk von einem umfassenden Kommentarband, der eine vollständige Übersetzung enthält. Prachtband und Kommentarband werden gemeinsam durch einen königsblauen Schuber mit goldenen Lilien geschützt. Zieht man die beiden Bände heraus, hält man zwei gewichtige rot gebundene Bücher in Händen, deren aufwändige Ausstattung jedem Bibliophilen das Herz höher schlagen lassen.

Mit der Entstehung des Originals sind vor allem drei Namen verbunden: Sébastien Mamerot (um 1430-1490), der Autor,  Jean Colombe (um 1430-1493), der Illustrator, und Louis de Laval (1411-1489), der Auftraggeber. Jean Colombe ist für seine unsterblich schöne Buchmalerei der ”Très Riches Heures” des Duc de Berry berühmt und nicht minder fantastisch sind die Illustrationen, die er für “Les Passages d’Outremer” schuf.

Die Kreuzzüge verursachten tiefgreifende politische und soziale Veränderungen. Die vordergründig religiös motivierten Kreuzzüge, hatten wie alle Kriege wirtschaftliche und strategische Hintergründe. “Jenseits des Meeres” (Outremer) vollzogen sich daher auch für die teilnehmenden Adeligen zahlreiche gesellschaftliche Ereignisse, die ihre Wirkung bis in die jeweilige Heimat entfalteten. Eines dieser tiefgreifenden Ereignisse ist wohl den meisten Menschen bekannt: Der berühmte Streit zwischen Richard Löwenherz und Leopold von Österreich vor Akkon im Jahr 1191. Der Zwist mündete schließlich in der Gefangenschaft Richard Löwenherz bei seiner Rückreise 1192 durch Österreich. Das hohe Lösegeld, das seine Untertanen für ihn aufbringen mussten, ermöglichte schließlich den Ausbau der Stadtbefestigung von Wien. Die Beschreibung der gegenseitigen Provokationen vor Akkon, das undiplomatische Verhalten kann man sowohl dem Faksimile als auch der Übersetzung im Kommentarband entnehmen. Die lebendige Schilderung lässt die Mächtigen der damaligen Welt durchaus als postpubertäre, machtgeile Männer erscheinen, die in ihrer Überheblichkeit jegliche, damals üblichen Umgangsformen weit hinter sich ließen. Das erfreut nicht nur Historiker, sondern verschafft noch immer - nach rund 550 Jahren - ein überraschendes Lesevergnügen.

Thierry Delcourt steuert im Kommentarband das umfassende Essay “Die Passages d’Outremer, ein Meisterwerk der französischen Buchmalerei des 15. Jahrhunderts” bei. Gemeinsam mit Danielle Quérel verfasste er zu dem “Editorische Anmerkungen”. Die Übersetzung des Originals besorgten Eva Dewes, Hubertus von Gemmingen und Regine Schmidt. Die Bildkommentare und die Zusammenfassung übernahm Fabrice Masanès. Abgerundet wird der Kommentarband von einer umfassen Bibliografie.

Ein herrliche Anschaffung, die ihren Wert behält!

Mamerot - eine Chronik der Kreuzzüge

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Botanischer Garten Bern

Donnerstag, 10. Dezember 2009

Non-Fiction

Fred Zaugg, Adrian Moser
Botanischer Garten Bern 
Haupt 2009, 240 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 258 07540

 Botanischer Garten Bern

In einem Außenbezirk von Wien, dort wo Stadtrandverbauung und Wienerwald aufeinander treffen, steht ein Apfelbaum. Ich kenne und liebe ihn seit meiner Kindheit. Jeden Frühling verleihen ihm tausende Blüten das Aussehen einer fröhlichen Wolke. Jeden Herbst biegen sich seine Äste unter der Last der vielen, dicht an dicht hängenden roten Äpfelchen. Jetzt steht das Grundstück zum Verkauf und ich fürchte den Tag an dem das Geräusch der Motorsäge erschallt und das Leben dieses wunderbaren alten Baums jäh beendet wird.

In Bern, Schweiz, befindet sich ein herrlicher botanischer Garten. Auch er ist bedroht.

150 Jahre ist es her, dass der Botanische Garten Bern seinen Standort in Rabbental gefunden hat. Zum Jubiläum ist ihm ein ungewöhnliches Buch mit dem schlichten Titel “Botanischer Garten Bern” gewidmet. Es ist so schön und vielfältig wie die Anlage, von der es berichtet. Schon der Bucheinband verheißt, ganz wie der Garten selbst, stille Freuden: Wie von Mondlicht beschienen, zeichnen sich die cremeweiß schimmernden Schattenrisse von Pflanzen auf dem, in einem geheimnisvollen Grünton gehaltenen, Leinen ab. Im Buchinneren offenbart sich in den Fotografien von Adrian Moser die ganze Pracht des Botanischen Gartens Bern. Ob der Blick nun über Alpinum, Jahreszeiten-Wildgarten, Teichufer, Waldgarten, Grotte, Bauerngarten, Schmetterlingsgarten oder Heilpflanzengarten schweift: Ein Areal ist schöner als das andere. Stattliche Bäume, üppiges Grün und buntes Blütenmeer verlocken zum Erkunden. Namenschildchen verraten, was man vor sich hat. In den Glashäusern sind die Exoten und Empfindlichen untergebracht. Aus ungewöhnlichen Blickwinkeln aufgenommene Pflanzenporträts machen mit dem botanischen Bestand im Freiland und unter Dach bekannt. Ob die Schnecke am Wegesrand, der Farbenrausch der herbstlich verfärbten Blätter oder das Glitzern des alles bedeckenden Schnees - gekonnt fängt der Fotograf die zauberhafte Stimmung des Gartens ein. Auf einigen Bildern betreten Menschen die Bühne der Natur. Wer sie sind und warum sie einen Platz in dem Buch über den Botanischen Garten Bern gefunden haben, ist aus den Texten von Fred Zaugg zu erfahren. Und mit dem Wort kommt auch der Schock der Ernüchterung, werden BetrachterInnen der idyllischen Bilder schnell wieder in die brutale, von der Jagd nach Rendite bestimmte, Realität zurückgeholt.

Dreimal drohte dem Botanischen Garten Bern seit 1999 die Schließung. Fred Zauggs Texte sind ein Plädoyer für dessen Erhalt. Mit seinen vielschichtigen, sehr persönlich gefärbten Essays, Porträts und Erzählungen hat er eine elegante Lösung gefunden, um darzulegen wie wichtig der Botanische Garten Bern ist: Als Ort des Forschens und Bewahrens, Lernens und Entdeckens, der Inspiration und Erholung.

Was der Botanische Garten für die Menschen bedeutet, wird in den auf Interviews basierenden Porträts von Männern und Frauen deutlich, die für den Fortbestand dieses einzigartigen Ortes kämpfen oder als BesucherInnen hier Kraft und Inspiration schöpfen. Es sind diese zwanzig, für die Kapitel “Die Menschen und ihr Garten” Befragten, die LeserInnen auf den Fotos aus der üppigen Vegetation entgegenblicken. Wie sie zum Botanischen Garten gefunden haben, ist so verschieden wie die von ihnen genannten Lieblingsblumen.

In den “Gartenräume”-Kapiteln hingegen, wird die Aufmerksamkeit auf einzelne Bereiche dieser Oase mitten in der Stadt und zu bewundernde botanische und zoologische Schätze gerichtet. Von Alpinum und Heilpflanzengarten über die ältesten Bäume und die in Palmenhaus und Wildgarten flatternden Schmetterlinge bis zum Herbarium und den Angeboten der Gartenpädagogik spannt sich der Bogen. Nicht nur einheimischen Pflanzen und Tieren begegnet man auf Freiflächen und in Glashäusern, sondern Schönheiten aus der ganzen Welt. Schritt für Schritt offenbart sich der Artenreichtum der Natur. Studenten des Instituts der Pflanzenwissenschaften der Universität Bern können hier ihr Wissen vertiefen, während andere Besucher sich ganz dem Genuss des schönen Anblicks hingeben.

Die Geschichte des Botanischen Gartens schlängelt sich als roter Faden durch das Buch. Zu ihr gesellen sich in den als “Geschichten” ausgewiesenen Kapiteln Erzählungen, die den Garten und seine Pflanzen mit Erinnerungen des Autors, historischen Begebenheiten, Literatur, Kunst und Philosophie vernetzten. Geschickt verpackt wird wortgewandt Stoff zum Nachdenken geboten: über Kleinigkeiten, welche das Leben lebenswert machen; über die Auswüchse des modernen Kulturbetriebs; oder über die Symbolkraft eines Baumes. Mehrmals bezieht Fred Zaugg im Buch auch expliziter Stellung und findet deutliche Worte zum Überlebenskampf des Botanischen Gartens Bern und der Kurzsichtigkeit der Politik. Hut ab, vor diesem Mut!

Botanische Gärten gehören zu den großen kulturellen Errungenschaften der Menschheit. In einer Zeit, in der Pflanzen und Tiere mit beängstigender Geschwindigkeit von unserem Planeten verschwinden und sich die Menschen Zusehens ihrer Umwelt entfremden, lässt sich der Wert eines öffentlichen Raums, der ein stilles Genießen der reichen Gaben der Natur ebenso ermöglicht wie selbstbestimmtes Lernen, nicht in Geld bemessen. Es sollte in unser aller Interesse sein, diese lebenden Archive zu schützen und für ihren Fortbestand zu sorgen. So bleibt zu guter Letzt nur zu hoffen, dass dieses wunderbare Buch über den Botanischen Garten Bern nicht zum Schwanengesang vor dessen Untergang wird. Für die nächsten vier Jahre ist der Betrieb wenigstens gesichert. Mehr über den Botanischen Garten Bern und seine botanischen Kostbarkeiten ist im Internet auf den vorzüglichen Seiten zu erfahren.

© Ch. Ranseder

Botanischer Garten Bern

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Interior Design 1 + 2

Mittwoch, 09. Dezember 2009

Non-Fiction

Graeme Brookner, Sally Stone
form + struktur
Interior Design Basics 01

Stiebner 2009,176 Seiten, zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8307 1372 2

 Interior Design Basics 01. Form und Struktur

Graeme Brookner, Sally Stone 
kontext + raum
Interior Design Basics 02

Stiebner 2009, 176 Seiten, zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8307 1373 9

 Interior Design Basics 02. Kontext und Raum

Der moderne Mensch verbringt einen Großteil seiner Zeit vor einem Bildschirm. Computermonitore, Infoscreens und Fernseher begleiten uns durch den Tag. Kein Wunder also, dass die positive Erfahrung des dreidimensionalen Raumes für viele befreiend wirkt. Dabei spielt es keine Rolle, ob die emotionale Reaktion bewusst wahrgenommen wird oder nicht. Concept Stores, gestylte Restaurants oder Museumsneubauten werden nicht nur wegen des gelungenen Marketing-Hypes aufgesucht, sondern weil sie uns - unter anderem - einzigartige Raumerlebnisse ermöglichen. Doch bis das vollendete Werk des (Innen-)Architekten von Auftraggebern und Publikum genossen werden kann, ist es ein weiter Weg.

Die neue Reihe Interior Design Basics macht mit den Grundzügen der Innenarchitektur vertraut. Gleich vorweg sei angemerkt, dass es in den beiden vorliegenden Bänden nicht um die Behübschung von Wohnungen geht. Wie in jeder hoch entwickelten Disziplin gibt es auch in der Innenarchitektur feine Abstufungen der Tätigkeitsfelder. Graeme Brooker und Sally Stone beginnen daher den ersten Band der Serie, form + struktur, mit der Definitionen von Innenarchitektur, Interior Design und Inneneinrichtung. Dabei geht es weniger um die Differenzierung beruflicher Aufgabengebiete als um Kategorien des Umganges mit dreidimensionalen Baukörpern beziehungsweise den von ihnen umschlossenen Raumvolumina.

In “form und struktur” erläutert das Autorenteam Aufgaben und Grundlagen der Innenarchitektur, die sich mit bereits bestehenden Gebäuden und Innenräumen befasst. Schritt für Schritt werden in sechs Kapiteln die für einen gelungenen Entwurf notwendigen Vorarbeiten sowie die wichtigsten Prinzipien der Organisation und Gestaltung von Innenräumen vorgestellt. Dabei steht der Designprozess im Mittelpunkt. Dieser beginnt mit der Analyse von Konstruktion und Geschichte eines Bauwerkes sowie dessen Umgebung und endet mit der Auswahl jener Komponenten, die maßgeblich zur Schaffung einer bestimmten Atmosphäre beitragen. Um das Erscheinungsbild eines Raumes der gestellten Bauaufgabe sowie den Bedürfnissen der Auftraggeber und Benutzer anzupassen, kann aus einer Vielzahl von Möglichkeiten gewählt werden. Kompakt, übersichtlich und von exzellenten Grafiken begleitet, werden die einzelnen Verfahren - Intervention, Insertion, Installation, Verblendung und Einbau - erklärt.

“kontext + raum” greift einen im ersten Band der Reihe nur angerissenen Einzelaspekt heraus und ergründet ihn tiefer. In diesem Buch dreht sich alles um die Wechselwirkung zwischen Innenraum, Gebäude und Umwelt. Große Bedeutung wird dabei den Themen Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein beigemessen. Im Rahmen der Kontextanalyse werden die Eigenschaften und Geschichte des Gebäudes, dessen Lage und Interaktion mit benachbarten Bauwerken ebenso untersucht wie die Eingangssituation, die Bewegung innerhalb der architektonisch vorgegebenen Raumhülle sowie visuelle Verbindungen von Innen nach Außen. All dies wirkt sich letztlich auf die Wahrnehmung des Innenraumes und dessen Gestaltung aus. Auch Umweltfaktoren, also Licht, Temperatur oder Feuchtigkeit, können eine entscheidende Rolle darin spielen, ob ein Raum als angenehm empfunden wird. Sie müssen im Rahmen des Designprozesses berücksichtigt und gegebenenfalls technisch reguliert werden. Nicht zuletzt gewinnen in Zeiten des Klimawandels der sorgsame Umgang mit Ressourcen, Recycling sowie der Einsatz von Fund- und historischen Versatzstücken an Bedeutung.

In beiden Büchern verdeutlichen Fallbeispiele aus der Praxis die Grundsätze der Innenarchitektur. Die geschilderten Prinzipien können mittels prägnanter Texte und reichhaltigem Bildmaterial an tatsächlich realisierten Projekten nachvollzogen werden. Dies fördert das Verständnis der Anwendungsmöglichkeiten, regt die kritische Auseinandersetzung an und schult den Geschmack. Auffallend sind allerdings der hohe Anteil von Gebäuden mit kultureller Nutzung sowie das Fehlen von Projekten, die sich mit der Raumgestaltung von Spitälern, Kindergärten, Altenheimen, Flug- und Bahnhöfen etc. auseinandersetzen. Spiegelt sich hier etwa das nicht selten triste innere Erscheinungsbild eines notwendigen, wenngleich wenig glamourösen Sektors der Nutzbauten?

Der Aufbau und die Gestaltung der neuen Reihe Interior Design Basics folgen einem Konzept, das sich bereits für die Vermittlung von Basiswissen der Grafik und Mode bewährt hat. Als Einführung in die Welt der Innenarchitektur sind sowohl “form und struktur” als auch “kontext + raum” bestens geeignet und daher jedem zu empfehlen, der sich mit dem Gedanken trägt, ein Innenarchitektur- oder Architekturstudium zu beginnen. Fachstudenten, Einsteigern in die Berufspraxis und Menschen, die sich neigungsbedingt mit ihrer gebauten Umwelt auseinandersetzten, werden die beiden Bücher als Nachschlagwerke oder Analysehilfen gute Dienste leisten.

© Ch. Ranseder

Interior Design Basics 01. Form und Struktur

Interior Design Basics 02. Kontext und Raum

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James Cook

Mittwoch, 09. Dezember 2009

Non-Fiction

Kunst und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Museum für Völkerkunde Wien, Historisches Museum Bern (Hgg.)
James Cook und die Entdeckung der Südsee
Hirmer 2009, 276 S., zahlr. Farb- und Sw-Abb.
ISBN 978 3 7774 2121 6

James Cook und die Entdeckung der Südsee

Nichts vermag den Ruhm so zu beflügeln wie ein unerwarteter Tod unter ungeklärten Umständen. Das gewaltsame Ableben von James Cook auf Hawaii ist keine Ausnahme. Dem Seefahrer wurden posthum Gedichte, Theaterstücke, Gemälde, Münzen und Medaillons gewidmet. Sein Name wurde zum Synonym der Erforschung der Südsee.

Auch in dem Buch “James Cook und die Entdeckung der Südsee”, das anlässlich der gleichnamigen Ausstellung erschienen ist, dient Cook als Leitfigur. Die drei Reisen unter seinem Kommando führen als roter Faden durch die Weiten des Themenspektrums einer stattlichen Anzahl von Aufsätzen, die als Inseln des Wissens von den im Geiste mitreisenden LeserInnen angelaufen werden können. Entlang des Weges ist die Person James Cooks (1728-1779) der Ausgangs- und Referenzpunkt für die Erzählung über die Geschehnisse und Leistungen, die in Verbindung mit den Weltumsegelungen stehen: Von den Errungenschaften der an den Expeditionen teilnehmenden Wissenschaftler und Künstler über den zu dieser Zeit herrschenden Forschungsstand bis zu den Begegnungen mit den Bewohnern des Pazifiks spannt sich der Bogen der 26 Essays. Erfreulich ist der in den Texten dargebotene Facettenreichtum der Sichtweisen. Cooks Tod durch die Hand eines hawaianischen Kriegers ist dafür ein gutes Beispiel. Sowohl die eurozentrische Schilderung und Interpretation der Bluttat als auch die hawaianische Sicht des historischen Ereignisses und seines Kontexts werden ausführlich dargelegt. Dass nicht nur die Perspektive der Entdecker, sondern auch jene der Entdeckten berücksichtigt wird, ist eine Bereicherung des Wissens über eine Epoche die prägend für das europäische Selbstverständnis war.

Die Abenteuer des unerschrockenen Kapitäns, der vor allem als Kartograph und Navigator große Leistungen vollbrachte, stehen in engem Zusammenhang mit der Aufklärung und dem Bestreben die Welt zu erforschen. So hatte Cook nicht nur den Auftrag Land für England in Besitz zu nehmen und den großen Südkontinent zu suchen, er sollte auf seiner ersten Reise auch Tahiti anlaufen, um dort gemeinsam mit dem Astronom Charles Greene den Venusdurchgang zu beobachten. Weitere Stationen dieser von 1768 bis 1771 dauernden Entdeckungsfahrt waren Neuseeland, Australien und Batavia. Dass sich gerade Cooks erste Reise als Meilenstein für die Wissenschaft erwies, war jedoch weder ihm noch der Weitsicht der Admiralität, sondern dem Privatgelehrten Joseph Banks zu verdanken, der sich auf eigene Kosten mit seinem Forschungsteam an der Reise beteiligte. Die von ihnen gesammelten Pflanzen und Tiere, ethnografischen Objekte, Zeichnungen und Gemälde gingen in die Tausende. Kaum zurück in England war Mr. Banks Reise in aller Munde. An der nächsten Expedition in die Südsee nahm Joseph Banks wegen seines Zerwürfnisses mit der Admiralität nicht teil. Als Cook 1772 neuerlich in See stach, befanden sich als Naturforscher Johann Reinhold Forster und sein Sohn Georg an Bord. Die Fahrt ging nach Neuseeland, Tahiti, Tonga, Vanuatu, Neukaledonien sowie zu den Oster- und Marquesas-Inseln. Diesmal gehörte nach der Rückkehr 1775 die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit ganz James Cook - der es sich nicht nehmen ließ, den Abschlussbericht selbst zu schreiben.

Für die dritte Reise, die 1776 begann und nach Tonga, Tahiti, der nordamerikanischen Pazifikküste und Hawaii führte, verzichtete Cook auf die Mitnahme von offiziellen Wissenschaftlern. Die Bedeutung der bildlichen Dokumentation wurde allerdings erkannt und in die Hände des Malers John Webber gelegt.

Den von zahlreichen Abbildungen aufgelockerten Essays des Buches “James Cook und die Entdeckung der Südsee” steht ein vortrefflich bebilderter Katalog zur Seite, der 599 Einträge umfasst. Nahezu jedes der Objekte ist mit einer ausführlichen Erklärung versehen. Es zahlt sich aus, in diesen zumindest zu schmökern, denn sie geben - zum Teil belebt durch Zitate aus den Aufzeichnungen der Expeditionsteilnehmer - faszinierende Details preis. Von den zwischenmenschlichen Beziehungen der Expeditionsteilnehmer ist im Kleingedruckten ebenso zu lesen wie über Beobachtungen von Ritualen und die Verwendung von Navigationsinstrumenten oder ethnografischen Artefakten.

Wer Auszüge aus den Reisedokumentationen und repräsentative Objekte im Original bestaunen möchte, hat bis Februar 2011 noch an folgenden Orten die Gelegenheit zu einem Besuch der Ausstellung “James Cook und die Entdeckung der Südsee”:
Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland 28. August 2009 bis 28. Februar 2010, Museum für Völkerkunde Wien 10 Mai bis 13. September 2010, Historisches Museum Bern 7. Oktober 2010 bis 13. Februar 2011

© Ch. Ranseder

James Cook und die Entdeckung der Südsee

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