Artikel mit ‘Ebensolch Rez-E-zine 59/10’ getagged

Augenschmaus

Sonntag, 07. März 2010

Non-Fiction

Ingried Brugger, Heike Eipeldauer (Hgg.)
Augenschmaus
Vom Essen im Stillleben

Prestel 2010, 248 S., zahlr. Farbabb. 
ISBN 978 3 7913 5016 5

Augenschmaus: Vom Essen im Stillleben

Das schmucke Buch “Augenschmaus. Vom Essen im Stillleben” hält was sein Titel verspricht. Ob staunenswerter Riesenrettich, prunkvolles Tischgeschirr oder die Reste einer kargen Mahlzeit - die ausgewählten Kunstwerke sind ein sinnlicher Genuss, der die Fantasie beflügelt. Die Vorstellung von Geschmack und Geruch der dargestellten Nahrungsmittel, das Erfinden von passenden Rezepten und das Spekulieren über illustre Tischgesellschaften spornen zu vergnüglicher geistiger Tätigkeit an. Heute setzen Food-Stylisten Leckereien und Geschirr für Lifestyle-Magazine und edle Kochbücher in Szene, früher griffen virtuose MalerInnen zum Pinsel.

Die kunstfertig komponierten Stillleben berichten nicht über heroische Taten, der Mensch ist in ihnen nur indirekt präsent. Dennoch kann, wer sehen will, in ihnen Geschichten von den kleinen Freuden und Ritualen des häuslichen Alltags entdecken. Stillleben erzählen von Hingabe und Askese, Sinnesfreuden und deren Beherrschung, dem Stolz an Besitz von Statussymbolen, Prunksucht und Bescheidenheit, Lebenslust und dem Bewusstsein der Sterblichkeit. In Zeiten periodisch wiederkehrender Hungersnöte mag ein stattlicher Schinken den ultimativen - und daher bildwürdigen - Luxus verkörpert haben. Kostbare Pokale aus Edelmetall, chinesisches Porzellan und andere Preziosen waren in der frühen Neuzeit alles andere als gewöhnlich.

Die Geburt des autonomen Stilllebens im Lauf des 16. Jahrhunderts belebte den Kunstmarkt. Sammler und Genießer schätzten die Werke von KünstlerInnen, die Nahrungsmittel, Hausrat und exotische Kuriositäten einsetzten, um Aussagekräftiges und Schönes zu schaffen. Von den Mitgliedern der akademischen Kreise, in denen Historiengemälde als die Krönung der malerischen Schöpfung galten, wurde das Stillleben jedoch lange Zeit als niedrig geschmäht. Diese Beurteilung erwies sich als kurzsichtig, denn das geringe Ansehen des Stilllebens wurde von KünstlerInnen als Chance begriffen: In diesem Genre konnten sie sich ganz der Lust am Malen hingeben und so neue Wege beschreiten. Diese Flexibilität des Stilllebens als vielseitiger Bedeutungs- und Ausdrucksträger lässt sich an den mehr als 90, in “Augenschmaus. Vom Essen im Stillleben” präsentierten, Kunstwerken ablesen. Zeitlich spannt sich der Bogen von den Anfängen des Stilllebens, als die in den Vordergrund gerückten Lebensmittel noch von szenischen Darstellungen begleitet waren, über das goldene Zeitalter des autonomen Stilllebens im 17. Jahrhundert bis zur zeitgenössischen Videokunst. Damit bietet sich BetrachterInnen die einzigartige Möglichkeit des mühelosen Vergleiches.

Der Wandel der Sachkultur lässt sich an den Stillleben ebenso ablesen wie die Verschiebung der Interessen ihrer Schöpfer. Die MalerInnen des 16. und 17. Jahrhunderts brillierten in der Darstellung der sinnlichen Qualitäten von Nahrungsmitteln und Gegenständen. Sie waren Meister der Wiedergabe unterschiedlicher Texturen, Oberflächen und Spiegelungen. Den KünstlerInnen des 19. und 20. Jahrhunderts hingegen waren die Überwindung der Form, das Experiment mit malerischen Ausdrucksmitteln und schließlich die technischen Möglichkeiten der Neuen Medien ein Anliegen.

Die zahlreichen in “Augenschmaus” versammelten Essays und Katalogbeiträge beleuchten das Phänomen des kulinarischen Stilllebens von allen Seiten. Wie ein gutes Büffet bietet das Buch von allem etwas: Kunsthistorische Analysen des Genres, Betrachtungen zu Esskultur und Tischsitten, tiefsinnige philosophische Überlegungen zur Konsumkultur, Gender-Aspekte der Stilllebenmalerei und vieles mehr. Nur die Realienkunde wird - wie so oft - außer acht gelassen. Das ist schade, denn Stillleben stellen gemeinsam mit Archäologie und musealen Sammlungen eine hervorragende Quelle für die Erforschung der Sachkultur dar. Hungrige Hobbyköche werden sich über die in den Katalogteil eingestreuten Rezepte von Starköchen freuen. Die Zeichen der Zeit gehen auch an Begleitpublikationen von Ausstellungen nicht vorbei.

Die Ausstellung “Augenschmaus. Vom Essen im Stillleben” ist noch bis zum 30. Mai ‘10 im Bank Austria Kunstforum in Wien, zu sehen.

© Ch. Ranseder

Augenschmaus: Vom Essen im Stillleben

Aktuelle Ausstellungskataloge 
Ebensolch | AmazonStore

Barrierefreie Architektur

Donnerstag, 04. März 2010

Non Fiction

Joachim Fischer, Philipp Meuser (Hg.)
Barrierefreie Architektur: Handbuch und Planungshilfe.
Alten- und behindertengerechtes Planen und Bauen im 21. Jahrhundert

DOM 2009, 330 S., ca. 300. Abb.
ISBN 978 3 9386 6646 3

 Barrierefreie Architektur: Handbuch und Planungshilfe

Die überaus spannende Publikation überrascht schon beim ersten Anblick: Strahlendes Magenta weckt die Neugierde, verlockt dazu, das Buch in die Hand zu nehmen, mehr zu erfahren. Piktogramme, deren klare grafische Umsetzung an Brailleschrift erinnert, machen bereits am attraktiv gestalteten Cover klar, dass barrierefreie Architektur mehr ist als Rampen bauen für mobiltätseingeschränkte Personen. Noch vor dem Öffnen des Buches wird so unaufdringlich, aber effizient die Sensibilität des Lesers / der Leserin gegenüber den potentiellen Zielgruppen und NutznießerInnen barrierefreier Lösungen in der Architektur geweckt. Im Kern setzt sich die klare Gliederung fort - jedem der großen Schwerpunkte der Publikation ist eine eigene Kontrastfarbe gewidmet. Noch vor dem Lesen und tatsächlichen Einstieg in die Inhalte wird so eine Orientierung ermöglicht. So werden nicht nur die Forderungen von barrierefreiem Bauen vorbildlich in eine schriftliche Publikation umgesetzt, sondern gleichzeitig gezeigt, dass Barrierefreiheit durchaus attraktiv umgesetzt werden kann.

Vertieft man sich in „Barrierefreie Architektur - Handbuch und Planungshilfe”, herausgegeben von Kommunikationsberater und Autor Joachim Fischer und Architekt Philipp Meuser, erhält man eine hervorragende Zusammenfassung für alten- und behindertengerechtes Planen und Bauen im 21. Jahrhundert.

Die Ausstattung mit Rampen, Türöffnern und Sanitäranlagen für bewegungsbeeinträchtige Menschen wird in Europa zum Teil bereits vorbildlich umgesetzt. Barrierefreiheit heißt jedoch mehr als rollstuhlgerecht. Dies umso mehr, als angesichts der Überalterung unserer Bevölkerung und dem Auftrag zur möglichst uneingeschränkten Zugänglichkeit in Zukunft auch älteren Mitbürgern eine verbesserte Lebensqualität zu ermöglichen sein wird.

Das umfassende Thema wird in vier große Schwerpunkte gegliedert.
In “Essays” werden die LeserInnen durch kurze und prägnante Artikel der vier AutorInnen Philipp Meuser, Lothar Marx, Christine Degenhart und Meinhard Erlacher in die Thematik eingeführt. In komprimierter Form werden anhand von Barrieren im Alltag Lösungsvorschläge aufgezeigt.

“Projekte” stellt über 25 “best practise” Projekte vor - die Palette reicht vom Altenwohn- und Pflegeheim über Museen bis hin zur Fußgängerbrücke, berücksichtigt aber auch Wohnungen und Wohnbereiche sowie Fertighäuser. Im anschließenden Themenschwerpunkt “Planungsgrundlagen für barrierefreie Wohnungen” wird auf unterschiedliche Beeinträchtigungen und die daraus folgenden spezifischen Planungsanforderungen eingegangen. Besonders hilfreich für alle NutzerInnen des Buches sind die praktischen Erläuterungen zu den Planungsanforderungen. Schlusspunkt der Publikation bildet der Architekten- und Bildnachweis.

Das exzellente “Handbuch und Planungshilfe - Barrierefreie Architektur” ist allen, in diesem Bereich Tätigen, uneingeschränkt zu empfehlen!

© Doris Prenn

Barrierefreie Architektur: Handbuch und Planungshilfe. Alten- und behindertengerechtes Planen und Bauen im 21. Jahrhundert

Ebensolch | AmazonStore

Kontroversen

Mittwoch, 03. März 2010

Notiz

Kontroversen
Justiz, Ethik und Fotografie
KunstHausWien
4. März bis 20. Juni ‘10

150 Jahre Fotografie im historischen, gesellschaftspolitischen und vor allem im juristischen Kontext präsentiert das KunstHausWien. Die vom Musée de l’Elysée Lausanne entwickelte Ausstellung ist ein Pflichttermin für alle, nicht nur für jene, die mit Fotografie beruflich befasst sind, ihr ein größeres Interesse entgegenbringen oder selbst gerne auf den Auslöser drücken.

Chronologisch gehängt, werden rd. 90 Fotografien gezeigt, die schon seit den Anfängen der Fotografie polarisierten und Juristen beschäftigten. Bis heute bieten Fotografen und ihre Werke immer wieder Anlass für Kontroversen. Das sogenannte “Caroline-Urteil”, das vom europäischen Gerichtshof für Menschenrechte 2004 gefällte Urteil, das die Bildberichterstattung über Prominenten einschränkt, ist wohl vielen bekannt. Wie viele sehr differenzierte oder nur oberflächlich ähnliche Streitfragen rund um die Fotografie vor Gericht landen, ist hingegen kaum  bekannt. Es geht dabei weniger häufig um Abgeltung finanzieller Rechte der Urheber, sondern um viele andere, rechtlich abzuklärende Fallbeispiele. 

Fotografie muss nicht gleich Kunst sein, um an ethische, politische oder sonstige zeitgeistige Grenzen zu stoßen. Zu dem sind Zurückhaltung sowie Veröffentlichungen von Fotos ein probates politisches Mittel zur Steuerung der öffentlichen Meinung wie es u. a. für die Atomwaffentests gehandhabt wurde. Dokumentationen, Kriegs- und Katastrophenfotografien können genauso Anlass für Diskussionen, Verbote und rechtlichen Konsequenzen sein. Manipulationen, die die Fotografie selbst betreffen können oder den Kontext in den Fotografien gestellt werden, sind vielfältig und machen zuweilen auch Abgeklärte fassungslos.

Bei 78 eher fragwürdigen als originalen Abzüge von Man-Ray-Fotos ging es um die Rückerstattung von  2,3 Millionen Dollar. Originalfotos und deren retuschierte Varianten oder in einem anderen politischen Kontext interpretierte Fotos belegen politische Zielsetzungen mit Hilfe von Bilddokumenten.

“Alice im Wunderland” oder “Lewis Carrol im Kinderpornoland” war 1858 das Gerücht, das zu kursieren begann, als Carroll die kleine Alice Liddell als Bettelmädchen ablichtete. Die Gerüchte sind auf Grund von ihm selbst vernichteter Fotos und Säuberungsaktionen seiner Familie nach seinem Tod zwar nicht mehr zu bestätigen, können aber auch genauso wenig widerlegt werden. Wo die Kinderpornografie vermeintlich beginnt und wo sie vermeintlich aufhört, ist sowieso ein breites Feld der Interpretation wie auch anhand etlicher Beispiele in der Ausstellung aufgezeigt wird.

Wie gerechtfertigt Fotos sein mögen, die von Sterbenden, Toten und deren Körperteilen gemacht werden, bietet seit dem unautorisierten Foto des Otto von Bismarck im Sterbebett reichlich Konfliktstoff. Egal ob es eine zerfetzte Hand  vom 11. September 2001, das zu Tode erschöpfte und vom Geier beobachtet Kleinkind im Sudan oder die sterbende Omayra Sánchez in Kolumbien ist. Es sind Fotos die polarisieren, sich einprägen, strikte Ablehnung und spontane Hilfsbereitschaft auslösen.

Zwischen freiwilliger Selbstzensur und bedingungsloser Verteidigung der Freiheit der Kunst angesiedelt, sind Entscheidungen, die die Veröffentlichung von Bildern betreffen, die auch nur ansatzweise gegen ein bestehendes Verbot verstoßen könnten. Es ist dennoch subjektiv, ob z. B. die Pose von Angelina Jolie mit Pferd als sodomistisch interpretiert wird oder nicht.

Es hat sich seit jeher für Künstler ausgezahlt die Reichen und Schönen nicht nur wegen ihrer - oft vermeintlichen -Zahlungskraft zu porträtieren. Die Porträts bieten einerseits Einnahmen durch den Verkauf der Abzüge und andererseits das große Potenzial eine Schar zahlungswilliger, weniger berühmter bzw. gänzlich unbedeutender Kunden zu gewinnen. Die Rechtsstellung der Porträtfotografie als Kunstwerk sowie die Sicherung des Urheberrecht am Foto wurde in den USA bereits 1883 durch ein Porträt von Oscar Wilde ausgelöst, das kopiert wurde.

Die großartige Ausstellung mit hohem Mehrwertfaktor benötigt vor allem eines: Zeit. Zeit um die Bilder anzusehen, noch mehr Zeit die erstaunlichen Inhalte der Texte zu erfassen und sehr viel Zeit zum Nachdenken. Während eine Personale nach einem kurzem Rundgang oft das Gefühl der Leere hinterlässt, ist hier der hohe und breitgefächerte Informationsgehalt von bleibenden Wert.

Überraschend ist hingegen die freiwillige Selbstzensur der Ausstellung. Kinder unter 14 Jahren haben keinen Zutritt, sensiblen Personen wird von der Ausstellung abgeraten. Es sollte zumindest Erziehungsberechtigten diese Entscheidung überlassen bleiben, ob sie ihre Kinder mit in die Ausstellung nehmen oder nicht. Unverständlich, denn tagtäglich ist jeder Mensch - unabhängig von Alter und Sensibilität - einer Flut vergleichbarer visueller Eindrücke ausgesetzt, deren kulturhistorischer Kontext und rechtliche Tragweite dabei verschlossen bleiben. Unverständlich, weil auch die unprofessionelle, private Bilderflut, die tagtäglich im Internet veröffentlicht wird, von den gleichen rechtlichen Aspekten und Folgen betroffen ist.

Fazit: Pflichttermin!

© S. Strohschneider-Laue

Aktuelle Ausstellungskataloge
Ebensolch | AmazonStore

Schule schaut Kunst

Montag, 01. März 2010

Österreichweiter Aktionstag
2. März ’10
Albertina, Kunsthaus Bregenz, Kunsthistorisches Museum Wien, Landesmuseum Kärnten, Landesmuseum Niederösterreich, Leopoldmuseum, MAK, Museum Moderner Kunst Kärnten, Oberösterreichisches Landesmuseum, Österreichische Galerie Belvedere, Salzburg Museum, Tiroler Landesmuseen, Volkskundemuseum Wien, Wien Museum.

Am 2. März findet der österreichweite Aktionstag “Schule schaut Kunst” statt. Initiiert wurde der Aktionstag vom Universalmuseum Joanneum. Als Kooperationspartner wurden - mit Ausnahme des Burgenlandes - österreichweit Museen und Vertreter der kreativen Fächer gewonnen. Ziel ist es, Schulen zum Museumsbesuch zu animieren und zugleich allgemein auf den Lernort “Museum” aufmerksam zu machen. Obwohl dabei die kreativen Fächer in den Mittelpunkt gerückt werden, ist offensichtlich, dass Lernen im Museum trotz des Schwerpunkts “Kunst” auch alle anderen Unterrichtsfächer betreffen kann.

Werbung braucht die Veranstaltung nicht mehr, die Vermittlungsangebote sind ausgebucht. Der Aktionstag benötigt hingegen Öffentlichkeit - und nicht nur der Aktionstag. Es ist die Bildung, die über “Ausbildung” hinausreichen muss, um Allgemeinbildung zu sein, die dringend Öffentlichkeit finden muss.

“Bildung ist, was bleibt, wenn der letzte Dollar weg ist”, zitiert Sabine Haag, Generaldirektorin des Kunsthistorischen Museums, dazu ganz passend den aus einer verarmten Familie stammenden Mark Twain. PolitikerInnen hingegen zitieren gerne die Kreativwirtschaft als den kulturellen Motor des Landes. Wenn die Kreativität ein Wirtschaftsfaktor ist, dann sollte damit nicht gemeint sein, kreative Möglichkeiten der Geldbeschaffung zu entwickeln. Bedauerlich daher, dass alles was dazu nötigt ist, um gehaltvoll kreativ tätig sein können, den Lehrplanveränderungen und der desaströsen Lehrpersonalpolitik zum Opfer fällt. Inhaltlich betrifft das mehr als “nur” die Fächer Musik-, Kunst- und Werkerziehung. Humanistische Grundlagen tragen wesentlich zum historischen sowie kulturellen Verständnis bei. Kulturkompetenz kommt schließlich nicht von ungefähr. Wer nicht das Glück hat aus einem bildungsaffinen und finanziell abgesicherten Umfeld zu stammen, wird es weniger leicht gemacht sich diese Fähigkeiten anzueignen, vor allem wenn der Pflichtunterricht sich ausschließlich auf das Erlangen von Kernkompetenzen und Sport beschränkt.

In den Bundesmuseen zahlen Kinder und Jugendliche - auch außerhalb des Klassenverbandes - keinen Eintritt. Dennoch werden sich bei den derzeitigen Eintrittspreisen viele Eltern schon aus wirtschaftlichen Gründen überlegen müssen, ob sie ihre Sprösslinge in die Museen begleiten können. Der Anreiz für Kinder und Jugendliche alleine ins Museum zu gehen, wird wohl schon aus Schwellenängsten eher gegen Null tendieren - falls unbeaufsichtigten Minderjährigen überhaupt der Zutritt gestattet wird. Was für die Mehrheit bleibt, ist der Museumsbesuch im Klassenverband. Für die meisten Kinder die einzige Gelegenheit ein Museum von innen zu sehen.

Museen haben den Auftrag zu sammeln, zu bewahren, zu forschen und auszustellen. Dass es mit dem Ausstellen nicht getan ist, sondern jede Ausstellung von ihrer publikumsgerechten Aufbereitung und Vermittlung lebt, ist inzwischen hinreichend bekannt. So liegt es zuletzt an den KulturvermittlerInnen, meist das schwächste Glied in der hierarchischen Struktur der Museen, jungen Menschen positive und gehaltvolle Erinnerungen an das Erlebnis “Museumsbesuch” zu verschaffen. Vielleicht sind nach dem Besuch einige unter ihnen, die wieder kommen und der Institution auch als Erwachsene positiv gegenüberstehen. Nicht zuletzt benötigen selbst die großen Museen in Österreich hohe Besucherzahlen, die nicht von zwangsverpflichteten SchülerInnen dominiert werden, sondern auch erwachsene BesucherInnen aufweisen sollten.

Dem ambitionierten Ansatz des Aktionstages “Schule schaut Kunst” ist hoffentlich über den 2. März 2010 hinaus Erfolg beschieden.

© S. Strohschneider-Laue

Aktuelle Ausstellungskataloge
Ebensolch | AmazonStore

Prinz Eugen - Feldherr, Philosoph und Kunstfreund

Dienstag, 23. Februar 2010

Prinz Eugen - Feldherr, Philosoph und Kunstfreund
Belvedere 11. Februar bis 6. Juni ‘10

Prinz Eugen Feldherr Philosoph: Der edle Ritter als europäischer Kulturheros.

Prinz Eugen Franz von Savoyen-Soissons (1663-1736) ist in seiner Sommerresidenz, Belvedere Wien, eine Sonderausstellung gewidmet. In sechs Abschnitten wird der Versuch unternommen, ausgewählte Aspekte seiner Persönlichkeit zu beleuchten und seine Leistungen zu würdigen. Der Franzose mit italienischen Wurzeln machte als Türkenbezwinger in Österreich Militärkarriere. Vor dem Hintergrund einer bewegten Zeit, deren höfische Intrigen die politisch angespannte Lage zusätzlich anheizten, wird das öffentliche Leben von Prinz Eugen vorgestellt.

  

Vor allem wird dabei Prinz Eugens Bautätigkeit und seine Sammelleidenschaft hinsichtlich Büchern, Gemälden, Pflanzen und Tieren besondere Beachtung gezollt. Das Belvedere steht dabei nicht nur als Präsentationsfläche zur Verfügung, sondern bildet zu gleich den passenden Mittelpunkt. Die Residenz des Prinzen war und ist bis heute eines der schönsten und geschmackvollsten Schlösser Österreichs. In vielen Bereichen noch im Originalzustand, fehlt dennoch Wesentliches, um den Geist des ehemaligen Bewohners spürbar werden zu lassen: Die unermessliche Sammlung.

Für kurze Zeit gelingt es, diese vergangene Pracht - trotz der Fülle exzeptioneller Exponate nur in kleinen Ansätzen - sichtbar zu machen. Selbst im Kriegslager beschäftigte sich Prinz Eugen mit Bauplänen und Ankäufen für seine Sammlung. 

 

Er kaufte niemals unbedacht, auch wenn er hin und wieder überhöhte Preise zahlte, denn es standen ihm ausgezeichnete Berater zur Seite. Und seine Planungen waren niemals oberflächlich. Sie betrafen nicht nur den Ankauf, sondern auch die Verpackung und den geeigneten Transport.

  

Naturwissenschaftlich interessiert, war es ihm daher auch wichtig exotische Wildtiere artgerecht über Unterbringung bis hin zum geeigneten Futter zu halten.

 

Ungewöhnlich für eine Zeit in der Tiere zur Hatz und Belustigung dienten. Ein Schicksal, dass den Tieren nach dem Tod des Prinzen nicht erspart blieb. Sie wurden an Schausteller verkauft.

Die Bibliothek des Prinzen Eugen war und ist bis heute legendär. Seine Bücher bilden den Grundstock der heutigen Österreichischen Nationalbibliothek. Etliche Werke sind so einzigartig, dass sie in dieser Ausstellung aus konservatorischen Gründen nicht im Original gezeigt werden und man mit vielen Faksimiles vorlieb nehmen muss. Unverständlich ist zuweilen für die Schau getroffene Auswahl der Bücher. Etliches lässt sich weder durch Präsentationsform, inhaltlichen Zusammenhang noch durch Beschriftung erschließt. So hätte man u. a. erwarten dürfen, dass man von der berühmten Tabula Peutingeriana (mittelalterliche Abschrift aus dem 13. Jh. einer römischen Straßenkarte des 4. Jh. n. Chr.) jenes Blatt auswählt auf dem Wien zu sehen ist. Dass es sich ehemals um eine Pergamentrolle und nicht um Einzelblätter gehandelt hat, wird dem Laienpublikum in dieser Präsentationsform ebenfalls verborgen bleiben. Was bleibt, ist jedenfalls der Eindruck von vielen, schönen und wertvollen Büchern. 

Die Ausstellung spart weitgehend Persönliches aus. Das anscheinend als heikel empfundene Thema “Homosexualität” gehört auch dazu und man versäumt dadurch die Gelegenheit den tatsächlichen Menschen hinter dem Kriegshelden, Kunst- und Büchersammler darzustellen. Dafür beschäftigt sich der letzte Ausstellungsraum um so großzügiger mit dem Verbleib des Erbes. Der politische Entscheid, der sich leicht als juristisch korrekter Entscheid darlegen lässt, zu Gunsten der Nichte Prinz Eugens, führte zu einer massiven Ausverkauf des enormen Erbes. Ankäufe, die das Kaiserhaus nicht hätte tätigen können, wenn statt Prinzessin Anna Maria Viktoria von Savoyen Kardinal Colonna geerbt hätte. Ohne die prekäre Ausgangssituation der Erbin, ein typisches Frauenschicksal dieser Zeit, dem interessierten Publikum hinreichend darzulegen, entsteht ein völlig anderer Eindruck. Was bleibt, ist die Büste einer älteren, übergewichtigen Frau, die in ihrer Lebensechtheit das Bild einer gierigen, hässlichen Banausin in den Köpfen der BesucherInnen verankern hilft.

Fazit: Unbedingt ansehen, aber zum tieferen Verständnis sind Führung und Katalog nötig!

© S. Strohschneider-Laue

siehe auch:
Prinz Eugen Feldherr Philosoph: Der edle Ritter als europäischer Kulturheros. Katalogbuch zur Ausstellung im Wien, Belvedere, 11.02.2010-06.06.2010

Aktuelle Ausstellungskataloge
Ebensolch | AmazonStore

Nullerjahre

Donnerstag, 07. Januar 2010

Fiction

Judith-Maria Gillies 
Unsere Nullerjahre  
Das Jahrzehnt der Bagels, Blogs und Billigflieger
Eichborn 2009, 233 S.
ISBN 978 3 8218 6501 0

 Unsere Nullerjahre: Das Jahrzehnt der Bagels, Blogs und Billigflieger

Biene Maia, Bircher-Müsli und Bubblegum sind Schnee von vorgestern, Relikte des letzten Jahrhunderts. Die Relikte von morgen sind die noch immer aktuellen modischen und/oder menschlichen Höhen und Tiefen der letzten 10 Jahre. Was haben Alcopops und Botox bzw. Prinzessin Lillifee und Paris Hilton gemeinsam? Ja, da können so manche Parallelen gezogen werden. Vor allem aber polarisierten sie und sie teilen sich daher die Buchseiten der Nuller(!)jahre mit Autofähnchen und Tattoos bzw. Bob dem Baumeister und Dieter Bohlen.

Allein die Stichworte zu lesen genügt, um den Schweiß auf die Stirn zu treiben. Die Texte dazu sind jedenfalls ein Born des Genusses. Jene, die sich gegen irreversible Modesünden entschieden haben, werden sich über die Entsorgungsproblemen ArschgeweihlerInnen amüsieren. Es ist eben einfacher “Ugly-Boots” und tiefgelegte Beinkleider zu entsorgen als ins Fleisch geprägte Bekenntnisse. Ob man zukünftig anderem importierten Grauen wie Halloween entkommen mag, ist wohl leider zu bezweifeln.

Herrlich böse und wunderbar amüsant ist die lexikalische Abrechnung mit dem zur Schau getragenen Lebensgefühl im neuen Jahrtausend. Für die meisten ist das Buch ein romantisch-nostalgischer Blick retour, viele werden nachdenklich gestimmmt und für die Verweigerer aller Trends ist es ein hämischer Blick auf das zusammengefasste Verkaufsgespräch eines Jahrzehnts. Egal unter welchen Voraussetzungen man zu schmökern beginnt, am Ende wird man mit einem lachenden und weinenden Auge in Erinnerungen kramen. Grenzgeniale Pflichtlektüre für Trendjunkies und Verweigerer ist das Buch in jeden Fall - auch wenn man den Eindruck bekommt, dass Frauen die größten Torheiten begehen und männliche Volltoren allseits bejubelt Karriere machen.

Prosit 2010 und alles was bis Ende 2019 kommen mag!

© S. Strohschneider-Laue

Unsere Nullerjahre: Das Jahrzehnt der Bagels, Blogs und Billigflieger

Teeblätter | AmazonStory/e
Gastmahl | Ama/Koch/zon/e
AugenBlick | AmaZino

Apfeliges Copyright

Montag, 04. Januar 2010

Notiz

Wem gehört das Paradies oder ist da der Wurm drin?

Copyright kann seltsame Blüten treiben. 

2009 wurden Pfotenspuren auf Selbstgestricktem zu klagbaren Plagiaten erklärt - zumindest solange bis der betreffende Konzern mit massiven Imageverlusten zu kämpfen hatte.

2010 ist der Apfel erstmals seit Willhelm Tell wieder zur Zielscheibe der Rechtsverbindlichkeit geworden. Und wie man weiß, ist nicht nur Schneewittchen ein angebissener Apfel zum Verhängnis geworden.

Denn als der Apfel aus dem Paradies geschmuggelt wurde, bekamen Adam und Eva mehr Ärger mit dem illegalen Obstbau als der ganze Most durch den Apfel-Erstbiss wert war. Sogar einer ihrer Söhne züchtete in Folge lieber vierbeinige Vegetarier als das gesunde Zeug selber zu konsumieren. Der nachfolgende Familienzwist ist übrigens bis heute nicht geschlichtet.

Daher stellt sich folgende besorgte und berechtigte Frage:
Welcher der beiden biblischen Großkonzerne mit Monopolansprüchen, die bereits zu Beginn der Apfelmisere - die zum paradiesischen Menschenkonkurs führte - beteiligt waren, hat das Copyright-C auf den Apfel gestempelt?

© S. Strohschneider-Laue

Siehe auch: Eindeutig zweideutig

Teeblätter | AmazonStory/e
AugenBlick | AmaZino

Wenn sie ein Mann wäre

Freitag, 01. Januar 2010

Non-Fiction

Michael Spang  
Wenn sie ein Mann wäre
Leben und Werk der Anna Maria van Schurman

WBG 2009, 240 S.
ISBN 978 3 534 21630 7

 Wenn sie ein Mann wäre: Leben und Werk der Anna Maria van Schurmann (1607-1678)

Anna Maria van Schurman (1607-1678) war hochbegabt, daran besteht kein Zweifel. Ihr künstlerisches Schaffen bewegte sich auf professionellem Niveau. Sie erlernte über 12 Sprachen, beherrschte die Regeln des wissenschaftlichen Diskurses und machte sich einen Namen als in der Theologie versierte Gelehrte, die sich auch mit dem Zugang von Frauen zu Bildung beschäftigte. Ihr selbst wurde das Privileg zuteil, Vorlesungen an der Universität besuchen zu dürfen - versteckt in einem aus Holz gezimmerten und mit Stoff bespannten Verschlag sitzend.

Wer war diese zu ihren Lebzeiten berühmte Frau? Was trieb sie an? Antworten auf diese Fragen sind in der Biographie “Wenn sie ein Mann wäre. Leben und Werk der Anna Maria van Schurman” zu finden. Michael Spang schildert in diesem hervorragenden Buch wortgewaltig und wissenschaftlich fundiert den Lebensweg der wissensdurstigen Tochter aus höherem Haus vor dem Hintergrund des politischen und religiösen Zeitgeschehens. Das gelingt ihm so vortrefflich, dass er mich als Rezensentin ein wenig in die Zwickmühle bringt. Ein guter Text lässt, ganz wie ein großartiges Kunstwerk, Spielraum für eine Vielzahl an Deutungsmöglichkeiten. Die Lektüre von “Wenn sie ein Mann wäre” rief in mir Assoziationen und Interpretationen wach, die in meinem Geist eine (Re-)Konstruktion der Persönlichkeit Anna Maria van Schurmans mit dunkleren Untertönen entstehen ließen, als sie im Buch präsentiert wird.

Für mich ist Anna Maria van Schurman eine Zerrissene, an deren Biographie sich sehr gut ablesen lässt, welchen Belastungen ein wacher Geist in einem restriktiven, religiös dominierten Umfeld unterworfen ist. Ihre Transformation vom gelehrten Wunderkind zum religiösen Groupie ist letztlich die Geschichte eines Scheiterns, auch wenn sie selbst dies im Rückblick auf ihr Leben nicht so gesehen hat. Die frühe Indoktrination durch van Schurmans strenggläubigen Vater, der dem Mädchen neben der religiösen Unterweisung einen von ihm kontrollierten Zugang zu Bildung ermöglicht, führt dazu, dass für sie lebenslang jeder Erwerb von Wissen oder Fertigkeiten auf die Religion hin ausgerichtet ist. In ihren Jugendjahren wirkt sie wie eine Getriebene: Dichtung, Malerei, Plastik, Kupferstich, Sprachen, Theologie, ihr Wissensdurst scheint keine Grenzen zu kennen. Studium als Selbstgeißelung? Als Ablenkung von den Verlockungen der Welt und der Freude an den eigenen Leistungen? Anna Maria van Schurman glänzt in jedem Fach, wird bekannt und zeigt ja doch einen Hauch von Extrovertiertheit. Schon als 15-Jährige klinkt sie sich in den Briefwechsel der Gelehrtenrepublik ein. Briefe bleiben ihr bevorzugtes Medium - sie sind einer Frau angemessen, werden aber dennoch von den (männlichen) Empfängern weitergereicht, in einigen Fällen auch publiziert. Eine geschickte Taktik für jemanden, der immer wieder beteuert, nicht gerne in der Öffentlichkeit zu stehen. Zumal so auch vermieden wird, durch eine eigenständige Publikationstätigkeit in offene Konkurrenz zu den Gelehrten zu treten. Auffallend ist auch, dass Anna Maria van Schurman nach dem unerwarteten Tod des Vaters, 1623, nach Vaterfiguren und väterlicher Autorität zu suchen scheint. Die im Buch “Wenn sie ein Mann wäre” zitierten Beispiele aus ihren Briefwechseln zeigen eine emotionale Schaukelbewegung aus Demutsbekundung - eigene Meinung vertreten - Demutsbekundung, bei der sich die Frage aufdrängt: Ist das jetzt Unsicherheit oder Kalkül?

Ein Thema, das van Schurman lange Zeit beschäftigt, ist die Frauenbildung. 1641 veröffentlicht sie ihre “Dissertatio”, ihr einziges eigenständig publiziertes Werk. Weitergebracht hat diese Schrift den Emanzipationsdiskurs nicht. Van Schurmann ist keine Wegbereiterin. Im Gegensatz zu anderen Frauen, die sich für Frauenbildung und Frauenrechte einsetzen, ist ihr Blick rückwärts gewandt, ihre Haltung traditionsgebunden. Aus heutiger Sicht lesen sich Anna Marias Argumente für die Frauenbildung wie die Rechtfertigung ihres eigenen Tuns, gepaart mit einer gehörigen Portion Standesdünkel. Nur christlichen, begabten Frauen mit Vermögen, die dazu die Muße hätten, solle Bildung durch privaten Unterricht zuteil werden. Van Schurmann war reich, unverheiratet und hatte jede Menge Zeit - zumindest bis zum Tod ihrer Mutter, 1637. Ist vielleicht die von ihr in einem -quasi als Test für die “Dissertatio” dienendem - Brief aus demselben Jahr vertretene Ansicht, für Ehefrauen und andere mit Haushalts- und familiären Angelegenheiten betraute Frauen sei Bildung keineswegs notwendig, auf einen Groll angesichts der von der Mutter auf sie übergegangenen zeitraubenden Pflicht der Haushaltsführung zurückzuführen?

Mit fortschreitendem Alter geht jedenfalls Anna Marias Beschäftigung mit wissenschaftlichen Fragen zurück. Stattdessen gewinnt ihre Religiosität, die selbst für damalige Verhältnisse zum Extrem tendiert, die Oberhand. Die Abneigung der gebildeten Frau gegen alles Weltliche wächst ebenso wie ihre Ansicht, dass es mit der Kirche bergab gehe. In letzter Konsequenz gibt die vielseitig Begabte ihr Leben in Utrecht auf, um sich der Sekte von Jean de Labadie anzuschließen. Ihm folgt sie in ihren letzten Jahre von Amsterdam nach Herford, Altona und schließlich auf Schloss Walta. In diesen Jahren verfasst sie ihre Autobiographie “Eukleria oder die Wahl des besseren Teils”. Anna Maria van Schurman - eine gequälte Seele, die im Alter innere Ruhe gefunden hat?

“Jede Biographie ist eine Hypothese, ist eine Wirklichkeit von vielen und notwendig subjektiv.” schreibt Michael Spang in der Einleitung des Buches. Das Verarbeiten der in einem Text dargebotenen Information ist nicht minder subjektiv. LeserInnen mögen sich also eine eigene Meinung bilden.

“Wenn sie ein Mann wäre. Leben und Werk der Anna Maria van Schurman” ist ein lesenswertes Buch über eine Frau, die in einem inneren Kampf zwischen Begabung und Bestimmung gefangen, gerade durch ihre Ambivalenz fasziniert.

© Ch. Ranseder

Wenn sie ein Mann wäre: Leben und Werk der Anna Maria van Schurmann (1607-1678)

Bertha Buch | Amazon(e)Store
Ebensolch | AmazonStore