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Humanbiologie

Montag, 21. Juni 2010

Wolfgang Clauss, Cornelia Clauss 
Humanbiologie kompakt 
Spektrum 2009, 458 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 8274 1899 9

 Humanbiologie kompakt (Bachelor)

Für angehende AnthropologInnen, BiowissenschaftlerInnen und MedizinerInnen ein unentbehrliches Handbuch für den Einstieg ins Thema. Die Grundlagen werden in diesem übersichtlichen Werk, didaktisch perfekt aufbereitet, vorgelegt. Siebzehn Kapitel informieren beginnend mit der Stammesgeschichte des Menschen und Paläogenetik über den Bauplan und Funktion des Systems “Mensch” bis zur Humanökologie und -ethologie minutiös über sämtliche Aspekte - inklusive Gesundheit und Krankheit -  der Humanbiologie.

Den Kapiteln sind die jeweiligen Lernziele vorangestellt. Anschließend folgen nach dem logischen Prinzip “Vom Allgemeinen zum Besonderen” gegliedert die Details zu diesem Abschnitt. Strukturiertes und überschaubares Lernen ist für Studierende durch diesen Aufbau in jedem Fall gewährleistet. Deutliche Schwächen zeigt der in humanbiologischer Hinsicht ausgezeichnete Bandes bezüglich aktueller prähistorischer Forschung. Wesentliche Charakteristika der Epochen und ihrer Zeitstufen, die durch ihre Sachkultur ebenso gekennzeichnet sind wie durch Lebensspuren und Überreste des Menschen selbst, sind falsch oder fehlen völlig. Dadurch wird das bisher durch archäologische Methoden gewonnene Bild der Menschheitsentwicklung stark verzerrt. Ein Verzicht auf die bis zur Unkenntlichkeit umgezeichneten Werkzeuge, unter denen die Wichtigsten fehlen, wäre jedenfalls besser gewesen.

Unabhängig vom wissenschaftlichen Inhalt, muss die die herausragende grafische Gestaltung des Bandes erwähnt werden. Die zahlreichen Grafiken, Diagramme, Formeln und Tabellen sind in übersichtliche Form gebracht und ergänzen harmonisch den Fließtext. Mit nur einer Schmuckfarbe, einem kräftigen “Tintenblau” wird Wesentliches sofort optisch hervorgehoben. Blaue mit abfallend gedruckten Linien eingefasste und mit Rufzeichen versehene Einschübe, heben Definitionen, Forschungsmeinungen hervor und kennzeichnen Kernaussagen deutlich.

Fazit: Hier liegt tatsächlich kompakte Humanbiologie vor. Schon vor dem Studium sollte der Band in OberstufenschülerInnen zur Vorbereitung auf ein einschlägiges Studium in Schulbibliotheken zur Verfügung stehen.

© S. Strohschneider-Laue

Humanbiologie kompakt (Bachelor)

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Mazzesinsel Kochbuch

Montag, 21. Juni 2010

Katja Sindemann  
Mazzesinsel Kochbuch 
Kulinarische Streifzüge durch das jüdische Wien  

Metroverlag 2009, 160 S., zahlr. Farbfotos.
ISBN 978 3 9025 1789 0

 Mazzesinsel Kochbuch: Kulinarische Streifzüge durch das jüdische Wien

Die Leopoldstadt in Wien ist die Mazzesinsel. Die Insel zwischen Donau und Donaukanal, der heutige 2. Bezirk, ist seit dem frühen 17. Jahrhundert trotz Verfolgung und Terror bis in die Gegenwart mit jüdischem Leben verbunden. Das Mazzesinsel Kochbuch rund um jüdische Festtage ist mehr als nur ein geschmackiger Wienbezug. Es ist Stadtgeschichte, Lifestyle und Kulinarium zugleich.

Die jüdische Esskultur ist vielfältig und rein gefühlsmäßig scheint der Gefilte Fisch das weltweite Bindeglied zu sein. Die in Wien zubereiteten Speisen zeichnen sich durch Einflüsse aus der gesamten Donaumonarchie aus. Die jüdische Küche ist da keine Ausnahme, dennoch kommen in Wien vor allem osteuropäische Einflüsse zum Tragen. Und zugleich spiegeln die nach rituellen Speisevorschriften zubereiteten Gerichte Religion und Geschichte gleichermaßen wider. 

Ein essenzielles Merkmal ist, dass die Zutaten von der Herstellung über die Aufbewahrung bis zur Verarbeitung koscher, also den Speisevorschriften entsprechend, sein müssen. Dass es dabei oft nicht leicht nachvollziehbare Regeln gibt, hat u.a. verschiedene historische und regionale Gründe. Was für kühlschranklose vergangene Zeiten in heißen Regionen sinnvoll war, mag heute überholt anmuten. Religiöse Traditionen werden von Gläubigen selten hinterfragt, wie man ja auch an der Tatsache erkennen kann, dass Christen den Biber wegen seines schuppigen Schwanzes ohne Zögern zum fastentauglichen Fisch erklärten. Mit einem flotten Text, dessen steter Informationsfluss Gehalt mit etlichen treffenden Witzen angereichert ist, wird das komplexe “koscher” verständlich umrissen.

Im Jahreskreis der jüdischen Feiertage werden die Gerichte vorgestellt und die Parallelen zur allgemeinen Küche sind unverkennbar. Die koscheren Produkte und die koschere Zubereitungsweise sind oft der wesentliche Unterschied von wientypischen Rezepten.

Schabbat, das jüdische Jahr, Rosh Hashana, Jom Kippur, Sukkoth, Chanukka, Purim, Pessach und Schawuoth heißen die Kapitel, unter denen die Kulinaria gelistet sind. Die Kapitel leiten mit einer, oft sehr unterhaltsamen, Beschreibung des betreffenden Festes zu den passenden Speisen über. Viele der Rezepte sind auch für ungeübte KöchInnen zu meistern und nur wenige benötigen umfassende Kocherfahrung. Und im Vertrauen, wer sich nicht an die vielen fantastischen Süßspeisen heranwagt, dem ist sowieso nicht zu helfen. Benutzerfreundliche Rezeptregister, ausgewählte Adressen und Literaturhinweise schließen einen wahren Prachtband im Kochbuchformat.

Die stimmigen Fotos von Christine Wurnig und das gelungene Layout machen das inhaltliche Vergnügen des “Mazzesinsel Kochbuchs” zu einem optischen Genuss.

Gelungen und erfreut nicht nur solche, die gerne in der Küche stehen!

© S. Strohschneider-Laue

Mazzesinsel Kochbuch: Kulinarische Streifzüge durch das jüdische Wien 

siehe auch:
Wiener Wirtshauskochbuch 
Koscher & Co: Über Essen und Religion 
Am Anfang war die Ökologie. Naturverständnis im Alten Testament 
Der koschere Knigge: Trittsicher durch die deutsch-jüdischen Fettnäpfchen

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Samtene Nächte

Montag, 21. Juni 2010

Fiction

Aveleen Avide
Samtene Nächte 
rororo 2010, 237 S.
ISBN 978 3 4992 5243 3

 Samtene Nächte: Erotische Geschichten

Aveleen Avide hat es endlich wieder getan: Frau nimmt sich, was Frau möchte. Sinnlich, erotisch, begehrend - Aveleen Avide weiß, was Frauen wünschen. Wieder verführt die Meisterin der Erotik lesend zu allerlei Spielarten der Lust und Leidenschaft und immer sind es Frauen, die im Mittelpunkt stehen. Ihre Heldinnen genießen, entscheiden und werden überrascht und die LeserInnen mit ihnen. Egal ob es Singlefrauen oder Verheiratete sind, sie wissen, was sie von Horst und Hami wollen oder was Dietmar verdient.  

Vom intimen Kuschelsex zur erotisierenden Wohlfühlmassage spannt sie den Bogen. Dazwischen tummeln sich Singlefrauen, alte Paare, frisch Verliebte in Swingerklubs und mehr oder weniger privaten Räumen. Und alle Frauen erhalten, wonach sie sich gesehnt haben, die Luxusstripperin ebenso wie die Theaterbesitzerin. Sex kann dabei alles sein auch voyeuristisch oder ultimativ. Und selbst die Entscheidung den Partner zum Teufel zu schicken, ist erregend.

Zehn erotische Geschichten, gewürzt mit dem gewissen erzählerischen Kick, der über das Lustprinzip hinausgeht, versprechen sinnlich-fesselnde Lesestunden. Natürlich dürfen auch Männer an diesen weiblichen Freuden teilhaben. Eigentlich sollte es Männerpflichtlektüre sein, denn es könnte ihnen und ihren PartnerInnen gut tun.

© S. Strohschneider-Laue

Samtene Nächte: Erotische Geschichten

siehe auch:
Seidene Küsse: Erotische Geschichten
Heiße Bescherung: Erotische Geschichten
Sinnliche Fluchten: Erotische Erzählungen

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Schumann: Kinderszenen

Montag, 21. Juni 2010

ab acht

Marko Simsa, Doris Eisenburger  
Kinderszenen
Eine Geschichte zur Musik von Robert Schumann 
Annette Betz 2010, 27 S., zahlr. farbige Illustr. 1 CD (40′)
ISBN 978 3 2191 1431 7

  Kinderszenen: Eine Geschichte zur Musik von Robert Schumann

Robert Schumann (1810- 1856) wurde vor 200 Jahren geboren. Der Komponist vieler bis heute beliebter Werke wird daher dieses Jahr besonders geehrt.

Unter den zahlreichen Produkten, die anlassbezogen vorgelegt werden, sind auch solche für Kinder zu finden. Ein besonders gelungenes ist die vorliegende  Kombination aus Buch und CD. Aufgegriffen werden Schumanns “Kinderszenen”, ein Zyklus aus 13 kurzen Klavierstücken, die ursprünglich nicht für Kinder, sondern für Erwachsene geschrieben wurden. Das musikalische Bilder- und Geschichtenbuch wird von einer CD begleitet, die eine ideale Kombination aus Musik, Text und Bild darstellt. Liebevoll von Marko Simsa erzählt, entzückend von Doris Eisenburger illustriert und perfekt von Giovanna Farigu am Klavier dargeboten, ist das Buch für die ganze Familie ein Vergnügen.

Musik ist von Beginn an persönlichkeitsbildend und prägend für die weitere Entwicklung von Kindern. Akustische, visuelle und haptische Eindrücke tragen gemeinsam dazu bei, die Umwelt multisensorisch begreifen zu lernen. Ein wichtiger Bestandteil musikalischer Erfahrungen ist es, eine große Vielfalt zu bieten, dazu gehört auch die Musik vergangener Epochen zu spielen. Dass die Begegnung mit der Vergangenheit fröhlich und zwanglos geschieht, dafür sorgt diese gelungene Kombination aus Buch und CD.

© S. Strohschneider-Laue

Kinderszenen: Eine Geschichte zur Musik von Robert Schumann

Und für Erwachsene::
Das Schumann-Hörbuch: Eine klingende Biografie 

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Orientreisen

Sonntag, 20. Juni 2010

Fiction

Annemarie Schwarzenbach
Orientreisen
Herausgegeben von Walter Fähnders
edition ebersbach 2010, 192 S.
ISBN 978 3 8691 5019 2

Orientreisen: Reportagen aus der Fremde 

Annemarie Schwarzenbach war Historikerin. Ihre Zugehörigkeit zu eine reichen, angesehen Schweizer Familie ermöglichte ihr zumindest wirtschaftliche Unabhängigkeit, wenn auch die inhaltliche Unterstützung ausblieb. Die intelligente Beobachterin fährt mit offenen Augen durch Europa, den Orient und Amerika und sie behält ihre dabei gewonnenen Eindrücke sowie bedrückenden Erkenntnisse nicht für sich. Sie ist unverhohlen lesbisch, antifaschistisch und definitiv ihrer Zeit und zuweilen ihrer Familie zu weit voraus. Als Autorin, Fotografin und Reporterin wird sie bekannt. Viel zu jung stirbt sie bereits mit 34 Jahren nicht an den Folgen ihres Drogenmissbrauchs, sondern durch eine Fehldiagnose ihrer Kopfverletzungen nach einem Fahrradunfall.

Zwischen 1933 und 1940 bereiste Annemarie Schwarzenbach währen vier Reisen den Orient. Die Reisereportagen der außergewöhnlichen Schweizerin bestechen durch ihre vielfältige Mischung aus historischen, zeitgeschichtlichen und persönlichen Eindrücken. Sie sind zugleich präzise auf den Punkt gebrachte Sozial- und Befindlichkeitsstudien. Denn Austauschbarkeit scheint nicht nur die logistischen Strukturen römische Legionslager zu betreffen, sondern auch weltweite Hotelketten und ihre NutzerInnen. Annemarie Schwarzenbach hält diese Beliebigkeiten fest und spießt sie auf, wie eine Insektensammlerin ihre Trophäen. Sie beobachtet die Reisenden - die heute genauso sind, aber massenhafter auftreten - wie sie genau das tun, was daheim von ihnen erwartet wird. Sie besuchen die richtigen Länder, sehen dort die richtigen Sehenswürdigkeiten, essen und trinken das Richtige - also das was man von daheim kennt -, schlafen in der richtigen Hotelkette, sprechen mit Ihresgleichen über die Banalitäten ihrer eigenen Wichtigkeit und hätten den Einheimischen einen großen Gefallen getan, wenn sie daheim geblieben wären. Es liest sich, als ob der Kolonialismus nahtlos durch Tourismus ersetzt wurde, getragen von der gleichen Gesinnung.

Wie moderne, inhaltsstarke Videoclips sind die bewusst nicht chronologisch gereihten Texte zu lesen. Schwarzenbachs Stil und Themenwahl hat ihre Aktualität in den letzten über 65 Jahren nicht verloren. Die Lektüre bleibt Seite für Seite ein fesselnder, inhaltsstarker Genuss.

Im Anhang setzt sich der Herausgeber mit dem Werk von Annemarie Schwarzenbach auseinander. Im Mittelpunkt seiner Betrachtungen stehen die vorgelegten Reportagen aus der Fremde und leider nur äußerst randlich die Autorin selbst.

© S. Strohschneider-Laue

Orientreisen: Reportagen aus der Fremde

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Fußball in Spanien

Sonntag, 20. Juni 2010

ab acht

Juliane Buschhorn-Walter, Claudia von Holten
fùtbol en España - Fußball in Spanien
Silberfuchs 2009, 52 S., farbig illustriert.
ISBN 978 3 9406 6520 1 

 fútbol en España / Fußball in Spanien 

Spanisch - nicht nur - für Kinder bieten die Kurse von Amiguitos. Für alle, die mehr von einem kindgerechten Sprachkurs erwarten, gibt es Bücher zum Selberlesen und Cds zum Zuhören und Mitsprechen. Die Sprachschule hat nach El tesoro de cuentos / Der Märchenschatz, der zugehörigen CD El tesoro de cuentos / Der Märchenschatz: Hörbuch sowie Weihnachten mit den Amiguitos / La Navidad con los amiguitos ein brandaktuelles Thema für Kinder aufgegriffen: Fußball / fútbol. In bewährter Zusammenarbeit mit Silberfuchs ist ein hochwertiges Printprodukt entstanden, das Kinderansprüchen gerecht wird. Das vorliegende Fußballbuch macht Spanisch für kleine und große Leute von seiner sportlichen Seite lesens- und lernenswert. 

Von der Bekleidung über das Spielfeld bis hin zur Geschichte des Fußballs und ihrer wichtigsten Vereine und Spieler spannt sich der Bogen. Durchgehend zweispaltig trifft schwarz auf grün. In der linken, schwarz
auf weiß geschriebenen, Spalte springt der spanische Text sofort ins Auge. Der rasengrüne deutsche Text tritt dadurch didaktisch wertvoll leicht in den Hintergrund und lädt auch durch die Kursivschrift weniger zum Lesen ein. Ein herausnehmbares Quiz und die Bastelaufgabe ermöglichen das Erlernte spielerisch und auf witzige Weise einzuüben.

Man kann mit dem Lernen nicht früh genug anfangen und sollte nie damit aufhören. Ganz unabhängig von der Weltmeisterschaft eine gute Gelegenheit diese spaßige und wertvolle Lernlektüre, die außerdem auch einiges aushält und für einen moderaten Preis zu haben ist, für den Urlaub in Spanien einzuplanen.

© S. Strohschneider-Laue

fútbol en España / Fußball in Spanien 

Siehe auch:
Weihnachten mit den Amiguitos / La Navidad con los amiguitos
El tesoro de cuentos / Der Märchenschatz: Cuentos y fábulas de España y Latinoamérica / Geschichten und Fabeln aus Spanien und Lateinamerika
El tesoro de cuentos / Der Märchenschatz: Hörbuch zum Buch CUENTOS Y FÁBULAS DE ESPAÑA Y LATINOAMÉRICA / Geschichten und Fabeln aus Spanien und Lateinamerika
Cantado y contado para los amiguitos. Spanisch für Kinder - Rezension - Hörprobe

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Der kleine Erotiker

Sonntag, 20. Juni 2010

Fiction

Dennis DiClaudio
Der kleine Erotiker
DVA 2010, 208 S., zahlr. Sw-Abb.
ISBN 978 3 4210 4410 5

 Der kleine Erotiker: Lexikon der unzüchtigen Vergnügungen 
 

Nach Der kleine Hypochonder folgte Der kleine Neurotiker. Mit einer Steigerung war eigentlich nicht mehr zu rechnen, bis der neue Geniestreich auch auf Deutsch vorgelegt wurde. Wer den Neurotiker und den Hypochonder gelesen hat, kommt an diesem lüsternen Brevier nicht vorbei. Die Pflichtlektüre für unbefangene SchmunzlerInnen lässt kein schrilles Verlangen aus und hat der Übersetzerin Anne Uhlmann einiges abverlangt.

Wer die ersten beiden Bände versäumt hat, sei gesagt, dass es sich auch hierbei nicht um ein medizinisches Nachlagewerk handelt, dafür wurden zu viele Fakten ausgelassen. Es ist auch keine Anleitung für Experimentierfreudige, dazu ist es ebenfalls zu unpräzise. Worin es wirklich präzise ist, ist die Absurdität der menschlichen - im größeren Ausmaß männlicher - Neigungen.

Mit den Titeln schöner Schmerz, Körperteile und ihre Funktionen, unbeseelte Gegenstände, im Land der Fantasie(n), Fauna und Flora, Kostüm und Rollenspiel unterteilt er feinsäuberlich den Lustgewinn in Kapitel. Wie oft dabei der sexuelle Mehrweit durch Ein- und - mehr oder weniger erfolgreich - Abgeführtes erreicht wird, davon können wohl nur Chirurgen berichten, die Sammlungen von allerlei kalziniertem Getier, floralen Resten oder unbeseelten Objekten wie - anscheinend aus gutem Grund torpedoförmigen - Marienstatuetten vorweisen können. Wer jemals gehört hat, dass Liebe durch den Magen geht, denkt an gutes Essen und hat nicht unbedingt mit Hüttenkäse gefüllte Badewannen im Sinn. Ja so sind manche Sinnsprüche von mehr Doppelbödigkeit als man annehmen möchte. Sollten Sie jemals den Spruch “wie die Nase des Mannes, so sein Johannes” gehört haben, sind sie eindeutig noch nie einer Nasophilien begegnet. Ihr ist nämlich der Johannes mit seinem Johannes völlig gleichgültig, wenn sie nur sein unwiderstehliches Riechorgan ohne den restlichen Johannes behalten könnte. Was den nasophilen ihn hingegen beflügelt, lesen Sie lieber selbst nach.

DiClaudio behauptet, dass er bestimmte Details ausgelassen habe, wenn man allerdings jene liest, die er zu publizieren willens war, verzichtet man gerne auf den Rest, aber nicht auf “Der kleine Erotiker”.  Dass er in vielen Belangen recht hat, bestätigt folgendes Zitat: “Jahrzehnte hindurch, in denen Fetischisten gezwungen waren, ihre Lebensweise geheim zu halten, galten Leder und Latexbekleidung als Marken- und Erkennungszeichen des Bondage. Heute gehen Zehn- bis Zwölfjährige so in die Schule. Die Zeit hat schon einen schrägen Sinn für Humor.” Und so beweist auch Dennis DiClaudio mit seinen Büchern immer wieder seinen schrägen Sinn für Humor, den seine Fans lieben!

© S. Strohschneider-Laue

Der kleine Erotiker: Lexikon der unzüchtigen Vergnügungen 

siehe auch:
Der kleine Neurotiker 
Der kleine Hypochonder

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Albertina: Heinrich Kühn & Walton Ford

Samstag, 19. Juni 2010

Heinrich Kühn und Walton Ford
Vollkommene Fotografie und Bestiarium
Albertina 
Heinrich Kühn 11. Juni bis 29. August ‘10
Walton Ford 18. Juni bis 10. Oktober ‘10

Zwei großartige Künstler erhalten in der Albertina eine würdige Plattform. Ihre Gemeinsamkeiten sind stilistisch unkonventionell, in ganz eigener Weise retro und zugleich narrativ zu sein. Es ist ein Glück für das kunstinteressierte Publikum, dass beide Ausstellung fast zeitgleich in der Albertina gezeigt werden.

Heinrich Kühn (1866 Dreden - 1944 Innsbruck)
Heinrich Kühn: Die vollkommene Fotografie 

Der technisch fortschrittlich orientierte Heinrich Kühn  vervollkommnete stets aufs Neue seine fotografischen Möglichkeiten, um künstlerisch harmonische, impressionistische Bilder zu fertigen. Den Schnappschusscharakter vieler seiner Fotos erzielte er durch minutiöse Planung und oft langwierige Sitzungen.

 

Im Mittelpunkt seiner Fotografie standen zu meist seine vier Kinder. Der festgehaltene Blick des Fotografen auf die eigene Familie und die umgebende Landschaft lässt seine großbürgerlichen im 19. Jahrhundert verhafteten Ansichten deutlicher hervortreten als es die künstlerische Unschärfe im ersten Moment der Betrachtung vermuten lässt. Seine patriarchalische Gesinnung gegenüber Frauen und Kindern ist trotz der idyllischen Sujets unverhohlen. Bedauerlicherweise wird dieser persönliche Aspekt Kühns ungeachtet des großen Blocks privater Fotografien nicht herausgearbeitet. Seine technischen Verdienste sowie seine Stellung innerhalb der internationalen Fotografie werden hingegen gelungen präsentiert. Ein exzellenter Kurzfilm verschafft zuletzt noch jenen Fotos, die nicht für Abzüge gedacht waren, einen passenden Auftritt.

  

Walton Ford (1960)
Walton Ford: Pancha Tantra

 

Altmeisterlich, perfekt und zugleich boshaft-humorig sind Walton Fords gewaltige Werke. Kein Wunder, dass sich ihre Besitzer nur ungern von ihnen für Ausstellungsprojekte wie dieses trennen. Mit Walton Fords Bildern lebt man, den Picasso hat man halt auch. Beliebigkeit kann man den Bildern jedenfalls nicht vorwerfen, stehen sie doch in einen kulturhistorischen Kontext und fordern eine Stellungnahme ein.

 

Zudem ist jedes Einzelne eine Augenweide. Lebensgroß, dramatisch und technisch ausgereift, zeigen sich die an alte Naturstudien erinnernden Bilder. Bei Verharren und Betrachten wird man entweder in das Geschehen hineingesogen oder spürt die bedrohliche Situation auf sich zukommen. Kalt lässt jedenfalls keines der gezeigten Themen. Man gönnt dem Toten, dass der Gorilla sein Gewehr verbiegt, besonders, da der Originalbericht, der dem Bild zugrunde liegt, eine andere Situation schildert. Abgeschlachtete und aufgestapelte Beutelwölfe, ein Monsterstar, der von anderen nach Amerika eingeschleppte “Shakespeare-Vögel” gefüttert wird oder wie das sinnlose Kanonenfutter von Borodino zu sinnvollem Futter für die Wildtiere wird. Es ist erfreulich zu sehen, wie meisterhaft Inhalt und Form qualitätvoll in einer Zeit zueinanderfinden in der seit Jahrzehnten schnell gequirlte Scheiße als aussagekräftige Kunst gilt. Und noch erfreulicher ist, dass dies in der Albertina gewürdigt wird, wo es gewisse Techniken, Materialien und Formate seit geraumer Zeit sehr schwer haben die Absolution zu erhalten.

Fazit: Beide Ausstellungen gemeinsam betrachtet, sind genussvoll wie ein mehrgängiges Haubenmenu. Man benötigt ausreichend Zeit, muss genau beobachten und anschließend zwischen den Zeilen lesen. Ein Genuss für Menschen, die Inhalt zu schätzen wissen.

© S. Strohschneider-Laue

Heinrich Kühn: Die vollkommene Fotografie 
Walton Ford: Pancha Tantra

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Dornröschen - Sleeping Beauty

Dienstag, 15. Juni 2010

Schlafende Schönheit
Meisterwerke viktorianischer Malerei aus dem Museo de Arte de Ponce (MAP)
Belvedere 15. Juni bis 3. Oktober 2010

Es ist ein großes Glück, dass das MAP zur Zeit ausgebaut wird und die Gemälde bis Oktober statt auf Puerto Rico in Wien zu sehen sind. 1959 wurde das durch den Industriellen, Politiker, Musiker und Kunstsammler Don Luis Alberto Ferré Aguayo (1904-2003) gegründete MAP eröffnet. Grundstock der Sammlung bildeten 71 von ihm gestiftete Gemälde. Unter zahlreichen bedeutenden Gemälden europäischen Kunstschaffens befinden sich auch etliche Schlüsselwerke viktorianischer Malerei in der Sammlung. In den 60er Jahren wurden sie weit unter ihrem heutigen Wert verkauft, da sie u. a. dem Zeitgeschmack nicht mehr entsprachen.

 

Nach Präsentationen in London, Madrid, Den Haag und Stuttgart werden die Werke, darunter auch das Monumentalgemälde von Burne-Jones “The Sleep of King Arthur in Avalon”, im Belvedere ausgestellt, bevor sie zurück nach Puerto Rico reisen. Hinter dem etwas unglücklichen Titel “Schlafende Schönheit”, unter dem man im Englischen ”Dornröschen” verstehen würde, verbirgt sich viel mehr als das Märchenthema. Die Schau im Belvedere hat es sich zur Aufgabe gemacht, die 65 gezeigten Gemälde in einen größeren Kontext im Vergleich zwischen Nazarener und Präraffaeliten zu zeigen sowie einen Querbezug zu den gleichzeitig in Österreich wirkenden Künstlern herzustellen.

Dass hingegen das Märchenthema nicht minder zu schätzen ist, wird durch Burne-Jones’ Gemäldezyklen deutlich. Auf dem ersten Bild ist der Ritter zu sehen, wie er vor der Dornenhecke steht und fünf  - nicht wie behauptet vier - tote Ritter und Reste der Ausrüstung im Gestrüpp vorfindet. Das zweite zeigt den schlafenden König mit seinem Hofstaat und das letzte Bild schließlich das schlafende Dornröschen mit drei Dienerinnen. Betrachtet man diese Bilder in Zusammenhang mit den Walter Crane geschaffenen Buchillustrationen, wird deutlich wie prägend die Bildsprache des 19. Jh. und deren Rezeption für das Märchenverständnis bis in die Gegenwart geblieben ist. Zugleich zeigt das Beispiel “Buch als Gesamtkunstwerk” wie obsolet die Unterscheidung zwischen Kunst und Kunstgewerbe ist.

 

Besonders gut gelingt der Querbezug zu Österreichs Kunstschaffenden jener Zeit in der Gegenüberstellung von Frederic Leightons “Flaming June” mit anderen erotisch positionierten Schläferinnen. Darunter sticht vor allem das “Leda-Motiv” hervor, das seine Krönung in Reiters “Schlummernder Frau” erfährt. Hier reduziert sich der - gerupfte - Schwan auf ein pralles Federbett, dessen bauschige Form an den “entschlafenen” Vogel erinnert.

  

So sehr dies auch die BetrachterInnen heute zum Schmunzeln bringen mag, ist die im 19. Jahrhundert zwar ebenso heiß begehrte wie in dieser moralinsauren Zeit schwer verkäufliche Erotik geschickt und vielfältig in Szene gesetzt. Dem Zeitgeist entsprechend wird religiöses und/oder nationales Gedankengut aufgegriffen. Die Künstler des 19. Jh. bedienten sich wie ihre Vorgänger u. a. mythologischer Themen, um nackte Körper an den “Mann” zu bringen. Denn es sind Männer, die das nötige Kleingeld besaßen, um Gemälde zu erwerben. Und natürlich waren - und sind bis heute - mit dem Erwerb eines Gemäldes persönliche Ziele verbunden. Zum einen kann der öffentliche Eindruck und zum anderen das weit gesteckte Feld des privaten Vergnügens gefördert werden. 

 

Unabhängig vom Sujet, bleibt Schönheit ein erfreulicher Anblick. Auch wenn zerbrechliche Frauen in Leidens- und Opferrollen nicht “jederfraus” Geschmack treffen, sind - unabhängig von den überragenden künstlerischen - die komplex erzählerischen Qualitäten der Werke eine wunderbare Entschädigung. Genugtuung verschafft daher die genaue Betrachtung Millais’ ”The Escape of a Heretic”. Dem mit dem eigenen Rosenkranz geknebelten Priester, der mit auf den Rücken gebundenen Händen noch nach dem Umhang der Flüchtenden greift, gilt die Häme der BetrachterInnen.

Fazit: Definitiv eine Ausstellung, die man mit einem Lächeln verlässt. Unbedingt mit der ganzen Familie mit oder ohne Themenführung ansehen! Anschließend nicht vergessen den exquisiten und trotzdem erschwinglichen Katalog zu kaufen, so dass man sich auch daheim noch an den Bildern erfreuen kann.

© S. Strohschneider-Laue

siehe auch:
Frederic, Lord Leighton (1830-1896): Maler und Bildhauer der viktorianischen Zeit 
Edward Burne-Jones · The Flower Book
William Morris 
Die Nazarener. Religion, Macht, Kunst
Präraffaeliten
Gustav Klimt. Auf der Suche nach dem Gesamtkunstwerk

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Blattgold

Montag, 07. Juni 2010

Karin Havlicek
Vergolden mit Blattgold
Schritt für Schritt

DVA 2010, 192 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 4210 3713 8

 Vergolden mit Blattgold: Schritt für Schritt

Gold. Das Wort allein ist eine Verheißung. Die Symbolkraft des wertvollen Edelmetalls ist legendär. Seine Materialeigenschaften sind kaum zu übertreffen. Zu Blattgold geschlagen, lassen sich mit den hauchdünnen Blättchen Oberflächen so perfekt veredeln, dass die Objekte wirken als bestünden sie aus massivem Gold. Unzählige Bilder- und Spiegelrahmen, Wandvertäfelungen und Statuen verlangten in längst vergangenen Jahrhunderten nach der kundigen Hand des Vergolders. Wie geschäftig es in deren Werkstätten zugegangen sein muss, lässt ein Stich in der von Denis Diderot ab 1751 zusammengestellten “Encyclopédie, ou Dictionaire raisonné des sciences, des arts et des métiers” erahnen. Heute ist es um das traditionsreiche Handwerk stiller geworden. Der Beruf des Vergolders scheint langsam in Vergessenheit zu geraten - ein Schicksal, das er mit anderen Handwerken, die auf Qualität statt Massenfertigung setzen, teilt. Doch solange es MeisterInnen gibt, die bereit sind ihr Wissen nicht nur an Auszubildende, sondern auch an interessierte Laien weiterzugeben, werden die alten Techniken nicht verloren gehen. Karin Havlicek ist eine von ihnen. In ihrem herrlich informativen Buch “Vergolden mit Blattgold” bietet die Schreinerin und Vergoldermeisterin eine umfassende Einführung in die Techniken des Vergoldens.

Der Aufbau des Buches ist übersichtlich und logisch. Ausgehend von der Materialkunde werden zunächst Blattmetalle und Vergoldungsarten vorgestellt. Der Hinweis auf die Bedeutung der richtigen Beschaffenheit und Sauberkeit von Arbeitsplatz und Werkzeugen für das Gelingen einer perfekten Vergoldung dient als Überleitung zur Vorbereitung des Untergrundes, die besonders sorgfältig erfolgen muss. Im Anschluss daran folgen die Kapitel zu den unterschiedlichen Vergoldungsarten. Der Bogen spannt sich dabei von der Polimentvergoldung über Mixtionvergoldungen/Anlegevergoldungen, Vergoldung mit dem Kölner Instacoll-System bis zu Hinterglasvergoldungen und Mordentvergoldungen.

Karin Havlicek führt mit ihrem präzise formulierten, leicht verständlichen und mit nützlichen Tipps gespickten Text Schritt für Schritt durch den jeweils erforderlichen Arbeitsvorgang. Hervorragende Fotos begleiten die verbalen Erklärungen und machen es möglich, die einzelnen Arbeitsschritte sowie die Handhabung der Werkzeuge auch optisch nachzuvollziehen. Benötigte Materialien und Arbeitsgeräte sowie die Abfolge der Arbeitsschritte in Kurzform werden als Listen präsentiert. Sogar Rezepte verrät die Autorin.

Der Verwendung von Blattgold für die Veredelung von Büchern (Goldschnitt) und anderen mit Leder bezogenen Werkstücken (Vergoldung von Lederprägungen) ist ein eigener Abschnitt am Ende des Buches gewidmet. Zu guter Letzt wird es kulinarisch, denn Blattgold kann auch zur Verzierung von süßen Leckereien verwendet werden. “Vergolden mit Blattgold” ist ein Buch mit hohem Informationsgehalt, das als Anleitung und Nachschlagwerk unverzichtbar ist. Karin Havlicek gelingt es, mit den Grundlagen auch die vom Vergolderhandwerk ausgehende Faszination zu vermitteln. Obwohl sie vor Augen führt, wie arbeitsauswendig eine Vergoldung ist, wie viel Übung und Sachkenntnis zu ihrer Ausführung benötigt wird, bleibt der Tonfall des Textes ermutigend. Unterstützt von der attraktiven Gestaltung - für die unter anderem stimmungsvolle Nahaufnahmen von Blattgold zum Einsatz kommen - weckt das Buch

“Vergolden mit Blattgold” die Lust zumindest einige der vorgestellten Techniken selbst auszuprobieren.

© Ch. Ranseder

Vergolden mit Blattgold: Schritt für Schritt

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Landschaftsarchitektur visualisieren

Montag, 07. Juni 2010

Elke Mertens
Landschaftsarchitektur visualisieren
Funktionen, Konzepte, Strategien
Birkhäuser 2010, 192 S., zahlr. Farbabb., 1 DVD
ISBN 978 3 7643 8788 4

 Landschaftsarchitektur visualisieren: Funktionen, Konzepte, Strategien

In der Welt des Designs ist es üblich, mit Bildern und Modellen zu kommunizieren. Auch Landschaftsarchitekten vermitteln ihre Ideen und Gestaltungsvorschläge für Freiräume mit Hilfe von Visualisierungen aller Art, deren Anfertigung ein integraler Bestandteil des Arbeitsprozesses ist. Die Wahl der Ausdrucksmittel und -modi richtet sich dabei nach der Planungsaufgabe und der Zielgruppe, mit der es gilt in Dialog zu treten. Im Lauf der Auseinandersetzung mit einem Projekt entstehen zahlreiche bildliche Darstellungen, die nicht für die Augen der Auftraggeber bestimmt sind, sondern nur der bürointernen Kommunikation im Rahmen der Ideenfindung sowie der Optimierung von Entwürfen dienen. Sie sind im allgemeinen von einer größeren Spontanität und Unmittelbarkeit geprägt als die ausgefeilten Reinzeichnungen, welche für die Weitergabe an Externe angefertigt werden.

In dem Buch “Landschaftsarchitektur visualisieren” sind alle Typen der visuellen Kommunikation planerischer Inhalte, die im Rahmen der Freiraumgestaltung zum Einsatz kommen können, vertreten. Das Spektrum reicht vom Scribble bis zum Film, vom nüchternen Bestandsplan bis zur Collage, die emotional ansprechen soll. Obwohl auch flüchtige Handskizzen Aufnahme in den Reigen der Abbildungen gefunden haben, wurde bei der Auswahl des reichhaltigen Bildmaterials der Schwerpunkt auf Darstellungen, die einen hohen Grad der optischen Perfektionierung aufweisen, gelegt.

Das grafisch übersichtlich gestaltete Buch ist in drei farbcodierte Teile gegliedert, denen einführende Worte zu Ideen- und Gestaltfindung sowie einige Beispiele historischer Darstellungsweisen vorangestellt sind.

Teil 1 - Funktionen - befasst sich mit der Darstellung von Fläche, Raum und Zeit. Zweidimensionale Ansichten, also Grundrisse und Schnitte, sind die Grundlage der visuellen Kommunikation in der Landschaftsarchitektur. Auf sie beruhen die zur Analyse eines Areals unabdingbaren Bestandspläne ebenso wie Vorentwurfs- und Entwurfspläne, Struktur- und Flächennutzungspläne, Pflanzpläne sowie Geländequerschnitte mit Terrain- und Vegetationshöhen. Dreidimensionale Darstellungsmodi umfassen Perspektiven, Axonometrien und Modelle. Mit ihrer Hilfe können Raumeindrücke wiedergegeben werden. Ansichten aus der Vogelschau erleichtern sowohl die Vorstellung des Zusammenspiels von Gelände, Entwurfsstruktur und Vegetation, als auch der Eingliederung einer Neuplanung in den bestehendem städtischen oder ländlichen Kontext. Durch die Wahl eines ungefähr der Augenhöhe späterer Nutzer entsprechenden Blickwinkels kann das intendierte Raumerlebnis angedeutet werden. In ihrer Extremform wird die dreidimensionale Darstellung - künstlerisch aufgewertet durch gewagte Perspektiven oder mit positiv besetzten Elementen (wie Schmetterlingen, Vögeln, bunten Blüten etc.) versehen - zum reinen Stimmungsträger. Der Faktor Zeit schließlich spielt vor allem für Beleuchtungskonzepte und die Zusammensetzung der Bepflanzung eine Rolle. Zuweilen ist die Einbeziehung der besonderen Geschichte eines Ortes opportun oder wird vom Auftraggeber explizit gewünscht.

Teil 2 - Konzepte - legt anhand von Fallbeispielen dar, wie Visualisierungen im tatsächlichen Planungsprozess und im Rahmen von Wettbewerben zum Einsatz kommen. Erst die überzeugende Komposition individueller Pläne und Zeichnungen, deren aussagekräftiges Ineinandergreifen in Bildfolgen, ermöglicht die erfolgreiche ganzheitliche Vermittlung einer komplexen Planung.

Teil 3 - Strategien - setzt sich mit der Herausforderung großräumiger Planungen im gesellschafts- und umweltpolitischen Kontext auseinander. Das Wachstum der Städte, die Zersiedlung der Landschaft und der Klimawandel wird in der nicht allzu fernen Zukunft auch die Fähigkeiten der Landschaftsarchitekten auf die Probe stellen.

“Landschaftsarchitektur visualisieren” gibt einen Querschnitt durch die Bandbreite der Kommunikationsmittel und Stile, derer sich Landschaftsarchitekten für die Präsentation vielschichtiger Inhalte bedienen. Unabhängig davon, ob sie lieber mit dem Bleistift oder mit dem Computer zeichnen, ist ihre Bildsprache international. Das belegt die Auswahl der Beispiele aus der Praxis von Büros aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Dänemark, der Schweiz, den Niederlanden, Israel, Kanada, den USA, Kolumbien, Japan, China und Australien. Es ist nicht zu leugnen, dass sich unsere Sehgewohnheiten durch den zur Selbstverständlichkeit gewordenen Einsatz von Computern und die globale Ausweitung der Märkte verändert und vereinheitlicht hat. Die Freiheit als Landschaftsarchitekt eine individuelle Handschrift des grafischen Ausdrucks zu entwickeln, ist dennoch beträchtlich. Schließlich geht es in der Berufspraxis auch um die Entfaltung von Überzeugungskraft. Ansprechende Präsentationsunterlagen mit ästhetischem Mehrwert helfen, Entscheidungsträger und Geldgeber, Wettbewerbsjuroren und befragte künftige Nutzer für sich und ein Projekt zu gewinnen. Durch seinen weit gefassten Überblick der heutigen Darstellungsmöglichkeiten ist das Buch eine hervorragende Inspirationsquelle für die Erarbeitung eines eigenen Stils. Welche technischen Daten (z. B. Bemaßung, Nivellements, Maßstab, Nordpfeil) auf Plänen für ein tiefgreifenderes Verständnis jenseits des visuellen Oberflächenreizes hilfreich sind, wie sich Legenden sinnvoll zusammensetzen oder wie die Positionen von Schnitten auf Grundrissen markiert werden können, sodass der Zusammenhang auch Laien auf den ersten Blick klar wird, erschließt sich durch das Betrachten und den Vergleich des Anschauungsmaterials. Leider sind durch die beträchtliche Größenreduktion der Bilder deren Originalbeschriftungen fallweise so klein geraten, dass der Griff zur Lupe fast unausweichlich ist. Mit der Vorstellung der Darstellungsformen und -techniken nimmt bei der Lektüre von “Landschaftsarchitektur visualisieren” auch der berufliche Alltag von Landschaftsarchitekten schemenhaft Gestalt an.

“Landschaftsarchitektur visualisieren” ist ein fachlich fundiertes Buch, dessen unbeschwerter Text und grosses Spektrum sorgfältig kommentierter visueller Erscheinungsbilder zahlreichen Studienanfängern die Tore zur Erkenntnis öffnen werden.

© Ch. Ranseder

Landschaftsarchitektur visualisieren: Funktionen, Konzepte, Strategien

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