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Der Mond

Montag, 13. April 2009

Non-Fiction

Andreas Blühm (Hg.)
Der Mond
Hatje Cantz 2009, 304 S., 160 Farb- und 20 SW-Abb.
ISBN 978 3 7757 2403 6

Der Mond Der Mond

Für “Der Mond” wurde nicht mit Papier gespart. Der Mond darf im Vorspann des Buches von der Sichel zum Vollmond schwellen und im Nachspann wieder zur Sichel schrumpfen. Grundlage für das lehrreiche Daumenkino sind die 40 Mondkarten des Johannes Hevelius, die dieser 1647 in seiner “Selenographia sive lunae descriptio” veröffentlichte. Erstmals vollständig wiedergegeben, sind diese Mondansichten trotz ihrer Wissenschaftlichkeit kunstvoll ausgeführt und schön anzusehen. Damit ist das Thema der ansehnlichen Publikation “Der Mond” bereits umrissen. Es geht um die Darstellung des Himmelskörpers in Wissenschaft und Kunst. Denn der wissenschaftliche Fortschritt, der solche Meilensteine wie die Erfindung des Fernrohres und die Mondlandung mit sich brachte, schlug sich auch in dem Bemühen um die korrekte Wiedergabe des Mondes nieder. Schließlich bedurfte die Forschung schon immer der Bilder, um ihre Ergebnisse zu kommunizieren. Doch der Mond und sein Abbild fesselten nicht nur Astronomen, wissenschaftliche Illustratoren und später Fotografen, sondern auch Vertreter der bildenden Kunst. Ihr Interesse am Erdtrabanten war stärker von kulturhistorisch bedingten Trends geprägt, gänzlich frei von wissenschaftlicher Neugier waren jedoch auch viele Maler nicht.

Andreas Blühm verfolgt in seinem unterhaltsamen Essay “Monde” das Wechselspiel der Disziplinen, die von Wissbegier und technischen Erfindungen ausgelösten Wandlungen der Weltanschauung und ihren Niederschlag in der Kunst. Künstler reagierten nicht nur auf den Wissensstand der Zeit, sondern entwickelten eigene Vorlieben. So verschob sich zum Beispiel im Verlauf des 18. Jahrhunderts ihr Interesse von der Darstellung der physischen Gestalt des Mondes auf jene des Mondlichts. Sinister wird es im 20. Jahrhundert, wenn als Dritter im Bunde PR-Fachleute Fotos des Mondes zu Propagandazwecken einsetzen.

Ob sich Künstler bei der Darstellung des Mondes an der Stellung des Originals am Firmament orientierten, erkundet Hermann-Michael Hahn in seinem Beitrag “Wie Künstler den Mond sahen. Künstlerische Freiheit und astronomische Wirklichkeit” an ausgewählten Gemälden - und kommt dabei zu überraschenden Ergebnissen.

Der Wettlauf in der Wissenschaft ist nichts Neues. Er machte schon Galileo Galilei zu schaffen. Horst Bredekamp legt in “Galileio Galileis ‘Sternenbote’ von 1610: Der Beginn der neueren Mondbetrachtung” dar, wie sich der große Astronom eilte, der Erste zu sein.

Der ausführliche Katalogteil des Buches “der Mond”, das anlässlich der gleichnamigen Ausstellung erschienen ist, gliedert sich in sechs Kapitel - treffend als Mondphasen bezeichnet. Das Spektrum der vorgestellten Objekte umfasst wissenschaftliche Kartenwerke und Instrumente, Gemälde vom 15. Jahrhundert bis zur modernen Kunst, Fotografien des Mondes, Sattelitenaufnahmen und vieles mehr. Sogar Standbilder aus Filmen - Kubricks “2001″ und Langs “Die Frau im Mond”- fanden Aufnahme. Die begleitenden Texte sind großzügig bemessen, reich an Informationen und eine überraschend spannende Lektüre. Freunde des Erzählerischen seien jedoch gewarnt! Wer hofft, in “Der Mond” Illustrationen von Märchen, Nursery Rhymes, Science-Fiction-Romanen oder ähnlich Populärem zu finden, wird enttäuscht werden.

Die Ausstellung “Der Mond” ist noch bis 16. August 2009 im  Wallraf-Richartz Museum & Fondation Corboud, Köln, zu sehen.

© Ch. Ranseder

Der Mond

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Wiener Aktion 2009

Montag, 23. März 2009

Notiz

Hundstrümmerlkunst (A)/Hundehaufenkunst (D) in der zweiten Runde

Wiener Aktion 2009 © S. Strohschneider-Laue

Nach dem Aufflammen des Wiener Aktionismus 2008 wurde neulich eine weiteres Statement fotografisch dokumentiert. Nun ist Hundstrümmerlkunst keine Singularität mehr. Die Straßenszene hat die bürgerliche Empörung endgültig aufgespießt. Mit für Wiener Verhältnisse vehementer Eigendynamik (immerhin liegt erst ein Jahr zwischen dieser und der ersten Beobachtung) kam es daher zur bezirksübergreifender Spontansolidarität. Vom 16. auf den 7. übertragen, ist es nur noch eine Frage der Zeit bis die Wiener Innenstadt um eine flexible Attraktion reicher wird.

Eine neuerliche Stellungnahme des künstlerischen Leiters der Halle zu dieser Kunstform fiel nach einem Jahr tiefer Gedankenkrise überraschend aus, denn ”…seine Vorstellung von Kunst hat das virtuell Unfassbare hinter sich gelassen und bedient sich jetzt aus dem reichen Fundus ungeschützter freier Ideen junger Ungenierter…”

Eine Stellungnahme seitens kommunal Engagierter konnte wieder nicht eingeholt werden. Wohlinformierte Kreise kolportieren, dass Bürgernähe in Zeiten der Krise nicht notwendig sei, da wir ohnedies alle im selben Rinnstein lägen. Die Kommission, die bereits die letzte Aktion aufgriff, hat jetzt den undotierten “Rinnstein”-Wettbewerb ausgeschrieben. Die nicht unbeträchtliche Teilnahmegebühr soll - nach Abgeltung der Sitzungstantiemen für Funktionsträger aus Politik und Wirtschaft - an jene KünstlerInnen refundiert werden, die für die Kommission bisher gratis Ideen und Entwürfe geliefert haben.

Übrigens: Die minderjährigen Schaschlikspießschnitzer in Südostasien bleiben von etwaigen Nutzungsrechten ausgeschlossen und das Spießchen ist ab sofort unter Denkmalschutz gestellt.

© S. Strohschneider-Laue

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Liebe zwischen den Seiten - Kleist

Donnerstag, 26. Februar 2009

Notiz

Kleist kam zu erst

Kleist der Hund © S. Strohschneider-Laue

Bücher sind Freunde, gehören zur Familie. In meine Familie kam in den späten 70ern des letzten Jahrhunderts folgendes in lindgrünes Leinen gebundenes Buch:

Heinrich von Kleist’s
sämtliche Werke
in zwei Bänden

Herausgegeben
von
Eduard Grisebach
Erster Band
Mit einem Bildnis Kleist’s
——————–
Leipzig
Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
(Das Vorwort des Herausgebers wurde  im Oktober1883 in St. Petersburg verfasst.)

Ich kaufte das Buch gemeinsam mit einer tollen, uralten Ausgabe von Schillers Werken in einem Berliner Antiquariat, irgendwo auf dem Weg zwischen Jugendherberge und Ku’damm. Von meinem Taschengeld investierte ich damals 5 D-Mark und fand sie besser angelegt als alles andere, das ich mir während der Klassenfahrt nach Berlin hätte gönnen können.

Tatsächlich enthält das Buch dem Titel gegenübergesetzt ein Bildnis “Kleist’s”. Des Literaten Kleist, der die Werke, die darin abgedruckt sind, verfasst hat. Aber der wahre Kleist dieses Buches ist er trotzdem nicht. Den wahren Kleist fand ich auf den letzten Seiten, was übrigens ein echter Beweis ist, dass ich alle 459 Seiten tatsächlich gelesen habe, weil der wahre Kleist nämlich dort feststeckte. Kleist hat alle diese Jahre in diesem Buch verbracht und ist nie herausgefallen. Kleist wartete geduldig bis ich ihn abholte und ihn vor mehr als 30 Jahren in die Familie aufnahm.

Kleist ist das Foto eines goldigen Hundes. Er sitzt auf einem Stuhl. An seiner linken Seite befindet sich ein Tisch und darauf eine Kaffeetasse. Im Hintergrund ist die Lehne einer hölzernen Sitzbank (?) zu sehen. An der Wand hängen eine Uhr (?) und ein mit Blumenranken und Spruch besticktes Tuch. Kleist ist aufmerksam. Seine Aufmerksamkeit gilt aber nicht dem Fotografen, der rechts vor ihm hockt. Kleist starrt nach oben, wo vermutlich ein Leckerli irgendwo außerhalb des Bildausschnittes auf ihn wartet. Kleist ist ein Spida bzw. Daspi, die lebendig gewordene Liebe zwischen einem Dackel und einem Spitz.

Kleist wurde geliebt. Er wurde gebürstet, war stolzer Träger einer Hundemarke und Kleist durfte auf die Möbel springen. Man hat also Geduld, Zeit, Geld (Halsband, Hundemarke und Fotografie beweisen das) und Zuneigung in ihn investiert. Und jetzt, nachdem Kleist schon lange verblichen ist, darf er noch immer auf dem Stuhl sitzen, sich auf das Leckerli freuen. Regelmäßig wird er von mir aus seiner Kleistausgabe an die frische Luft und jetzt sogar in seiner ganzen virtuellen Realität in das Web entlassen. Dann freut sich Kleist, weil ich keine Ahnung von ihm habe. Ich kann sein hohes Kläffen förmlich hören, ich kann sehen wie er wedelnd um mich herumspringt und dann ein ganz braves Männchen macht, um das Leckerli von mir zu bekommen.

Und ich frage mich, hat er Else gehört, die das Buch 1928 gewidmet bekam?

Unserer lieben Else,
zur freundlichen
Erinnerung.
Ernst u. Erna Hertzberg
Wilmersdorf im August 1928

Und ich frage mich, wer waren Else, Ernst und Erna?

© S. Strohschneider-Laue

Siehe auch 
Michael Yerry/Terry Ramirez Jr. 
Loving Memory 
Kriegsbriefe 
Die Fotos der Rosi Z.

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Albertina: Fotografie und das Unsichtbare

Donnerstag, 19. Februar 2009

Non-Fiction

Corey Keller (Hg.)
Fotografie und das Unsichtbare
Brandstätter 2009, Dt, Engl., 216 S., ca. 200 Abb.
ISBN 978 3 8503 3271 2

Albertina: Fotografie und das Unsichtbare Fotografie und das Unsichtbare 1840-1900

Von 11. Februar bis 24. Mai ‘09 wird in der Albertina eine Ausstellung des SFMOMA gezeigt.

Die Zeit als sich Wissenschaft und Kunst in der Fotografie trafen, steht im Mittelpunkt von Ausstellung und Publikation. Unsichtbare, kleine, entfernte und bewegte Bildwelten taten sich damals vor dem staunenden Publikum auf. Trotz der heutigen Möglichkeiten und Erkenntnisse übendiese Fotos eine bis heute ungebrochene Faszination aus. Fotografie im Dienste der Wissenschaft verwandelt für das menschliche Auge Unsichtbares in Sichtbares. Die Ausstellung in der Albertina steht mit dem Katalog und fällt ohne ihn. Der Mehrwert für BesucherInnen liegt in Authentizität und Nähe zum Original(-abzug), während der Mehrwert für LeserInnen in der Aufbereitung des komplexen Inhalts sowie Bildmaterial liegt. 

Corey Keller - Kuratorin für Fotografie am SFMOMA -  betrachtet mit “Abbilder des Unsichtbaren” das an wissenschaftlichen Entdeckungen und industriellen Neuerungen reiche 19. Jahrhundert mit den Augen der Fotografen und des staunenden Publikums. Zugleich verweist sie auf die Schnittstelle von Wissenschaft und Kunst. Der Artikel trägt maßgeblich zum Verständnis der Wissenschaftsfotografie in ihrer historischen Entwicklung bis zur Jahrhundertwende - und darüber hinaus - bei und regt zur weiteren Beschäftigung mit dem Thema an.

“Die gesellschaftliche Prägung des fotografischen Blicks” stellt Jennifer Tucker in ihrem Essay vor. Amateure im Dienste der Wissenschaft und die damit voranschreitende Professionalisierung der beinahe schon massentauglichen Fotografie vor. Der gesellschaftliche Kontext in dem Wissenschaft und Fotografie sich damals bewegten, kann von Tucker natürlich nur angerissen werden, spannend ist es aber trotzdem. Es ist nteressant und spannend, wenn man bereit ist, auf der gebotenen Basis weitere Schlüsse zu ziehen. Es wird zwar nicht deutlich angesprochen, aber unterschwellig schwingt im Beitrag mit, dass Amateure nicht nur mehr, sondern sicher auch billiger waren als - wenn schon nicht gut, so dennoch bezahlte - Spezialisten. Und dass das Betätigungsfeld von reiner Wissenschaft auf den Spiritualismus (Geisterfotografie) ausgeweitet wurde, ist m. E. nicht verwunderlich. Mit der Dummheit der Menschen ist - abgesehen von der Pornographie - noch immer das meiste Geld zu machen. Von der Ehre der Forschung zu dienen, konnten auch im 19. Jahrhundert Fotograf nicht leben. Dasselbe gilt für die Suche nach der breiten Öffentlichkeit der Wissenschafter, deren Anliegen siche rnicht Volksbildung war. Klappern gehört zum Handwerk und ohne Öffentlichkeit gibt es bis heute keine Forschungsgelder.

Als die Fotografie die Natur entdeckte, wurden unsichtbare Welten mit sichtbaren Medien kombiniert. Tom Gunning widmet sich den Röntgenbildern, der Chronofotografie und den Geisterfotos. Die Albertina zitiert zu den Chronofotografien Josef Maria Eder (1886) Möglich auch, dass der Künstler in Zukunft manche gewagte Stellung einer Momentfotografie wiedergeben darf, welche man jetzt nicht goutieren will. Ein wahrhaft prophetischer Ausspruch in Anbetracht der ausgestellten “Bewegungsstudie” von Eadweard Muybridge vom “Verhauen eines Kindes”, deren wissenschaftlicher Anspruch vermutlich hinter den Verkaufsoptionen blieb. Während bei den Geisterbildern deutlich wird, dass man von der wissenschaftlichen Authentizität der Fotografie so überzeugt war, dass alles Abgebildete real sein musste. Der Widerstand von Wissenschaft und der Kirchenvertreter führte zur Verfolgung von Betrügern, die man heute eher als Verkaufstalente, Fakegenies und Künstler, denn Betrüger in ihrer Zunft ansehen sollte.

“Die wissenschaftliche Fotografie bei Josef Maria Eder” unterzieht Maren Gröning - Kuratorin der Fotosammlung  der Albertina - einer genauen Betrachtung. Wenn ihrem Beitrag auch die sprachliche Leichtigkeit fehlt, so ist der Inhalt um so spannender und ein Stück typisch österreichische (Wissenschafts-)Geschichte. Der Österreicher Josef Maria Eder (1855-1944) war Fotochemiker und Initiator der K.k. Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie und Reproduktionsverfahren. Seine persönlichen Netzwerke trugen maßgeblich zum Erfolg seines Instituts und dem Aufbau einer bedeutenden Sammlung bei, an die nach seiner Pensionierung niemand angeknüpft konnte. Der fotografische Teil - inklusive Apparate - wurde der Albertina 2000 als Dauerleihgabe übergeben und befindet sich seither in Aufarbeitung.

Der umfangreiche Tafelteil gliedert sich in: Das Mikroskop, das Teleskop, Bewegungsstudien, Elektrizität und Magnetismus, Röntgenstrahlen, Geisterfotografie, Farbfotografie. Die Einführungen in die einzelnen Themenbereiche stammen von Marie-Sophie Corcy, Maren Gröning, Corey Keller, Erin O’Toole und Carole Troufléau-Sandrin.

Technisches Glossar, Verzeichnis der Werke, Bildnachweis und ausgewählte Literatur runden einen ebenso attraktiven wie überaus spannenden Band zur Entwicklung der Wissenschaftsfotografie ab. Ein unverzichtbarer Katalog für alle, die sich für Fotografie interessieren. Dass der wissenschaftliche Kontext zentrales Anliegen ist, macht einen größeren Reiz aus als man zunächst annehmen möchte.

© S. Strohschneider-Laue

Fotografie und das Unsichtbare 1840-1900

Siehe auch:
Facts - Tatsachen: Fotografien des 19. und 20. Jahrhundert aus der Sammlung Agfa Foto-Historama im Museum Ludwig Köln
Foto-Essays: Zur Geschichte und Theorie der Fotografie
Eder, Josef Maria (Hrsg.) und Eduard Kuchinka: Jahrbuch für Photographie, Kinematographie und Reproduktionsverfahren für die Jahre 1921-1927.

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Frosch & Lurch

Montag, 02. Februar 2009

Non-Fiction

Thomas Marent
Frösche und andere Amphibien
Dorling Kindersley 2009, 280 S., über 400 Farbfotos. 
ISBN 978 3 8310 1356 2

Frösche und Amphibien Frösche & andere Amphibien

Sie sind hübsch, manchmal tödlich giftig und in vielen Fällen extrem gefährdet: Frösche und Amphibien. Sie reagieren empfindlich auf Klimaänderungen. Sie benötigen Feuchtigkeit und haben es gerne kuschelig warm. Trotzdem schwimmen nicht alle gut oder gerne. Es gibt Flugakrobaten, Wüstenbewohner und Frosttaugliche. Eines haben sie aber alle gemeinsam: Sie sind attraktive Fotomodelle und viel mehr als nur “kermit”-grün. So vielfältig wie ihr Erscheinungsbild sind ihre Lebensräume. Winzigkleine Hüpfer im Privatuniversum ihrer winzigen Blattteiche, Welten im Miniformat. Und als Eltern haben sie sich für ihren Nachwuchs sehr viel einfallen lassen. Huckepack dabei, Eischnüre und Geleeballen im Wasser oder auf einem Blatt gut in Schleim verpackt sind einige Möglichkeiten der nächsten Generation einen guten Start zu ermöglichen. Die Kapitel Artenspektrum, Körperbau, Überleben, Fortpflanzung und Amphibienfamilien bieten einen guten Überblick zum Thema. Grundlegende Informationen, die durch ihre fantastische fotografische “Verpackung” umso mehr an Gewicht gewinnen.

Es gibt viele Gründe das Buch zu kaufen und jeder davon ist stichhaltig. Übersichtliche Information und einzigartigen Aufnahmen sind zwei davon; denn Thomas Marent gelingt es Frösche ins rechte Licht zu rücken und sie von ihren beeindruckenden Seiten zu zeigen. Einmal spiegelt sich der Fotograf sogar selbst im Froschauge und kehrt damit die Sichtweisen von Fotograf und Motiv um. Und die Fotomodelle sind allesamt frei von Allüren, ganz natürlich, garantiert botoxfrei und vielleicht gerade deswegen echte Persönlichkeiten. Es macht Spaß die Bilder zu erkunden und es macht Spaß die - oft sehr persönlichen - Texte zu lesen. Es macht Spaß das tolle Buch zu besitzen. Aber das Buch weckt auch Wünsche. Wünsche die Artenvielfalt dieses Planeten zu erhalten, sie zu beobachten, sie zu dokumentieren, sie an die nächste Generation im vollen Umfang weitergeben zu können und nicht zuletzt den Wunsch so fotografieren zu können wie Thomas Marent.

© V. Strohschneider

Frösche & andere Amphibien

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Torso

Montag, 12. Januar 2009

Notiz

KopftypInnen auf den Roten Listen! 

Torso © Sistlau

Man(n) braucht keinen Kopf, um vorwärts zu kommen. Vom Socken in der Hose bis zum Nippelwonderbra unter der Bluse oder die Chirurgenvarianten, egal der nackte, blanke, rudimentäre Torso ist “in”.

Und schon fragt sich der Kopftyp und -typin - auch ohne “Troja” gesehen zu haben: “Ist das alles, wirklich alles?”

Nein, denn man muss alles, wirklich alles, wirklich-wirklich alles geben, um ein echter Torso zu werden: Kopf, Arme, Beine.

Aber immerhin ist die Freizeitindustrie noch an Armen und Beinen interessiert. Irgendjemand muss ja noch die im Winter die Bretteln, im Frühjahr die Räder, im Sommer die Flossen und im Herbst die Walkingstöcke kaufen.

Nur beim Kopf sinkt die Nachfrage mehr und mehr. Im öffentlich-rechtlichen Medienbereich ist der Kopf innerhalb wie außerhalb schon ziemlich “out”. Befüllte Köpfe erweisen sich zudem für staatspolitische Interessen als zu schwer kontrollierbar. Wirtschaftlich relevant sind nur noch die rudimentären - also hohlen - Köpfe. Andererseits wurden schon immer die besten Geschäfte mit der Blödheit der Leute gemacht.

Fazit: Investieren in den Torso lohnt sich, verblöden dürfen wir gratis.

© S. Strohschneider-Laue

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Völkerkunde Wien

Montag, 17. November 2008

Notiz

Museum für Völkerkunde, Wien
Neueröffnung einer Abteilung und drei Sonderausstellungen

Das Museum für Völkerkunde in Wien wird seit vier Jahren vor allem in den Arbeits- und Depotbereichen saniert. Jetzt ist wieder ein kleiner Teil der Dauerausstellung für die Öffentlichkeit zugänglich. Ab dem 19. November ‘08 ist unter dem Motto “Götterbilder” die Abteilung “Süd-, Südostasien und Himalayaländer” als neueröffneter Teil der nach wie vor geschlossenen Dauerstellung zu sehen. Begleitet werden die zwei neuen Räume der Dauerausstellung durch die temporäre Präsentationen, die bis 2. März ‘09 Gegenwartskunst aus Sri Lanka, Bandwebereien und Fotografien aus Tibet präsentieren.

Süd-, Südostasien und Himalayaländer widmet sich mit 21 Vitrinen den Religionen. Neben Hinduismus, Buddhismus und Taoismus werden auch regionale Vorstellungen berücksichtigt. Das museale Konzept ist gekennzeichnet durch erhellte Objekte in dunklen Räumen und Texte, die auch den anspruchsvollen Besucher durch Umfang und gebotene Inhalte herausfordern. Weiterführende Informationen und innerer Zusammenhang können sich BesucherInnen vermutlich durch eine gesprächs- und/oder aktionsorientierte personale Vermittlung verschaffen oder den zusätzlichen Erwerb des Sammlungsführers. “…unser Museum ist das Schönste unter den vielen ethnologischen Museen, die ich schon gesehen habe…”, wurde bei der Pressekonferenz formuliert. Nun, ich habe in jeden Fall schon bessere als Wien gesehen. Allerdings bin auch ich von der schönen Architektur, soweit sie noch wahrnehmbar ist, angetan. Die internationalen Ansprüche an einen umfassenden und somit multisensorischen barrierefreien Zugang zur Ausstellung und ihren Inhalten, ganz im Sinne einer inklusiven Kultur für alle Menschen, entspricht diese Schau jedenfalls nicht.

Sri Lanka: KunstVoller Widerstand ist als Wanderausstellung konzipiert. Die zeitgenössischen Arbeiten konzentrieren sich auf das letzte Jahrzehnt. In Anbetracht, dass im Niederösterreichischen Landesmuseum zur Zeit u. a. durchaus sehenswerte Kinderarbeiten von Egon Schiele gezeigt werden, mag es verständlich sein, Werke von Kindern, die es durchaus mit der Kunst ihrer erwachsenen Kollegen aufnehmen können, einzubeziehen.

Straps & Bands. Textilien aus der Sammlung Foitl zeigt Kopfschmuck für Kamele und Pferde, Lastenbänder, Gürtel und viele Bänder mehr. 30 Jahre hat der inzwischen 80jährige Gerhard Foitl, Facharzt für Neurologie und Psychatrie, Webereien gesammelt. Deutlich war er mit Freude am Textil, Spaß am Ausprobieren, systematischen Untersuchen und Katalogisieren bei der Sache und hat gesammelt was ihm gefiel. Über 730 Objekte hat er zusammengetragen. Darunter Altes aus präkolumbische Zeit oder der Safawidenzeit und Junges aus dem letzten Viertel des 20. Jahrhunderts. Seine Bänder “umspannen” die Kontinente und sparen auch Österreich nicht aus. Natürlich werden nicht alle gezeigt. Sorgsam in Pultvitrinen gebettet, nehmen sie nämlich überraschend viel Platz im ebenso attraktiven wie uninformativen Weißraum ein. Immerhin meldet sich ab und an der Sammler persönlich durch Texte über Vitrinen zu Wort, der Kurator hält sich zurück. Die Sammlung gehört zur offensichtlichen Freude der Wissenschafter nach der Ausstellung dem Museum für Völkerkunde, Foitl bleibt neben der Erinnerung - eventuell den Fotos - zumindest der umfangreiche Katalog als Nachschlagewerk seiner Sammlung.

© Barbara Krobath Frau in traditioneller Alltagskleidung uin Maniganggo, Kham, Osttibet 2001  © Barbara Krobath Mann possiert vor Graflex Plattenkamera. langmusi, Amdo, Osttibet 2001
See Tibet now. Fotografien von Barbara Krobath ist das kleinste aber feinste Highligt des Ausstellungsreigens, das auch im Zeichen des Monats der Fotografie steht. Auf Augenhöhe mit der Abteilung “Süd-, Südostasien und Himalayaländer” präsentiert sie ihre Arbeiten, die in Osttibet von Menschen und Räumen entstanden. Mit einer 4×5 inch Graflex Plattenkamera richtete sie ein altes Objektiv auf eine durch China zum Tode verurteilte Kultur und deren RepräsentantInnen. Die dabei entstandenen Aufnahmen von Tibetern zwischen Neonlicht und Automatikwaffen wirken hypnotisch-historisierend. Dennoch ist die Fotoserie keine Reportage. Es sind Momente der Vergänglichkeit, die nach dem Olympia-Kommerz schon wieder aus dem Blickfeld der Weltöffentlichkeit verschwunden sind. Gelungene Bilddokumente auf einen Istzustand der nach acht Jahren längst der Vergangenheit angehört, obwohl er zugleich die zukunftsarme Gegenwart repräsentiert. Das zur Ausstellung bereitgestellte Diskussionsboard bietet die Möglichkeit die Ausstellung zu kommentieren. Die sprechenden Bilder laden jedenfalls dazu ein.
© Barbara Krobath Tibetische Kinder in Labrang, Amdo, Osttibet 2000  © Barbara Krobath Zwei Besucher in Lithang, Kham, Osttibet 2001
© S. Strohschneider-Laue

Siehe zu Barbara Krobath auch:
Das Land der Stille
Die neue Welt des Weines. Österreich auf dem Weg zur Weltklasse
Licht-Jahre: 15 Jahre Christoffel-Blindenmission Österreich

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Eindeutig zweideutig

Freitag, 14. November 2008

Notiz

Eindeutig zweideutig zum Quadrat

Evas Apfel © Ch. Ranseder

Es geht um Sechs, Sixpack oder doch um Sex?

Obiges grüne Äpfelchen kam im Sixpack und verkündete trotzdem einmalig stolz ”Sechs mit Sexappeal”!

Mit diesem Äpfelchen ist es eindeutig bewiesen: Es ging damals im Paradies - als unsere Ur-zum-Quadrat-Großeltern noch nicht aus Kostengründen nackt herumliefen und auch deshalb ganz verschieden aussahen - um nichts anderes als 6! Und weil drei eine heilige Zahl ist, ist es nicht verwunderlich, dass drei 6-Äpfel mathematische tierische Probleme von satanischen Ausmaßen verursachen, an dem vor allem pubertierende Schüler besonders zu beißen haben.

Und weil Eva Adam zu jener 6-Apfel-Erkenntnis verhalf, zu der er von alleine gar nicht gekommen wäre, sind die heutigen ungesunden Potenzmittelchen klein, rauten-(nein, nicht alraunen)förmig und blau statt gesund, rund und apfelfarben.

© S. Strohschneider-Laue

Siehe auch: Apfeliges Copyright

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Lachnudeln

Mittwoch, 05. November 2008

Notiz

Doppeldeutig III

funny fish © S. Strohscheider_Laue

Schreibfehler mit Nachkorrektur?

Wort zu lang und den unwichtigsten Buchstaben ausgelassen?

Vielleicht wird ein Lachsack (”Lach-sack” nicht “Lachs-ack”) mitserviert!

Egal, denn es war ein echter Hingucker!

Dieser “funny-fish” wurde am 31. Oktober ‘08 in Wien serviert.

© S. Strohschneider-Laue

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Kochfest

Dienstag, 15. April 2008

Notiz

Doppeldeutig II

kochfest © K. Kaus

Damen beim Kochfest?

Damen beim feste Kochen?

Damen beim Festkochen?

Fest kochende Damen?

Feste Damen gekocht?

Damen fest gekocht?

Damen fest kochend?

Kochfeste Damen?

Echt unheimlich…

Diese Doppeldeutigkeit wurde im Burgenland entdeckt.

© S. Strohschneider-Laue

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Handleder

Freitag, 11. April 2008

Notiz

Doppeldeutig

Handleder © S. Strohschneider-Laue

Leder aus besten Händen!

Leder aus besten Händen?

Wirklich?

Aus Händen?

Aus besten Händen?

Aus besten Gerberhänden?

Aus besten von Gerbern gegerbten Händen?

Von besten Gerberhänden gegerbte Hände?

Von besten Gerberhänden händisch Gegerbtes?

Von besten Gerberhänden händisch gegerbtes Leder?

Von besten Gerberhänden händisch gegerbtes tierisches Leder?

Echt unheimlich…

Diese Doppeldeutigkeit wurde in Wien entdeckt.

© S. Strohschneider-Laue

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Deutschproblem I

Freitag, 11. April 2008

Notiz

Komm zu mich
ich lern dich Deutsch
im Flüchtli(n)gswerk

Orthographie

Die es geschrieben haben, brauchen die Tafel nicht.
Die es bräuchten, fragen lieber.
Sie war teuer.
Sie bleibt dort.
Dafür hängt sie hoch und der Gang ist finster…

In einem dunklen Winkel im Osten Österreichs gesehen und geblitzt…

© S. Strohschneider-Laue

siehe auch: Deutschproblem II

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Bier-Dosen-Öffner

Freitag, 11. April 2008

Notiz

Werkzeuggebrauch bei Primaten

Bier-Dosen-Öffner

Der Werkzeugerfolg gibt ihnen Recht: Affen stochern mit Stöckchen, um Apfelmus zu angeln und sie stapeln Kisten, um die Banane zu erwischen, die ein Wissenschaftler aufgehängt hat. Der Bonobo Kanzi nutzt einen großen Wortschatz, kann den Kühlschrank aufmachen, Kartoffel schälen und vermutlich auch Dosen öffnen…

Nur der kleine Blonde nimmt einen Flaschenöffner, um eine Bierdose zu öffnen, um an das kleine Blonde darin zu kommen
…und da er nicht verdursten wollte, hat ihm wohl eine große Blonde den Dosentrick verraten müssen!

Diese seltsame Kombination wurde in Linz geknipst.

© S. Strohschneider-Laue

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Wiener Aktion

Freitag, 11. April 2008

Notiz

Kommunale Navigationshilfe
oder

Hundstrümmerlkunst (A)/Hundehaufenkunst (D)

Wiener Aktion © Ch. Ranseder Wiener Aktion © Ch. Ranseder

Ein Aufflammen des Wiener Aktionismus wurde neulich nebenan in Wien vermutet und fotografisch dokumentiert. Noch kann die neue Ausprägung der an die singuläre Uni-Ferkelei erinnernde Übermalungsvariante nicht definiert werden. Diskutiert wird von renommierten Experten der Installationscharakter der an die Straßenkunst und Landart angelehnten Vergänglichkeit am animalisch vollendeten Werk. Die öffentliche Sichtbarmachung der canin verrichteten Notdurft kommt innerlich und äußerlich im abstrahierenden aber signalstarken Grün erdnah als neue Wirklichkeit zum Ausdruck. Die partizipatorisch angelegte Aktion einer Minorität blieb - bisher - eine anonyme Singularität.

Die Stellungnahme des künstlerischen Leiters der Halle für die Zukunft der neuen Kunstform blieb kryptisch-pessimistisch, denn “…seine Vorstellung von Kunst definiert sich über virtuelle Raumlayer in einem aufstrebend umhegtem Geviert mit einer abschließenden Einrichtung oben und einem ebenen Konstrukt unten, welches in aktuellen Bezug zum temporären Gestrigen ein imhomogenes Ganzes in extrovertierte Heißluft konvertiert und nasal-fußtaktile Synästheten exkludiert…”

Eine Stellungnahme seitens kommunal Engagierter konnte nicht eingeholt werden. Wohlinformierte Kreise kolportieren, dass eine Übernahme der bürgernahen Kunstform in Planung ist. Die Gründung einer gut dotierten Kommission, die sich aus Kommissionsprofis aus Politik und Wirtschaft zusammensetzen wird, wurde schon in die Wege geleitet. Folder und Plakatwerbung sollen sich bereits in Planung befinden. Am mehrstufigen Eignungsverfahren, das die zukünftigen Hundstrümmerl-Künstler selbst zahlen müssen, wird noch gefeilt. Die schwer unterdotierten Kunstförderungen werden davon unberührt bleiben. Das Entgelt der kommisionär schwer geprüften Künstler wird durch die öffentliche Initialzündung gegeben sein und sich in der Nennung auf der Homepage erschöpfen. Ein Anrecht auf die Künstlersozialversicherung kann davon jedenfalls nicht abgeleitet werden, da die kommissionäre Prüfung nicht die Berufsberechtigung über den akademischen Zugang zur Kunst ersetzen wird.

Übrigens: Die Fußgänger hat die Hundstrümmerl-Navigations-Hilfe jedenfalls gefreut.

© S. Strohschneider-Laue

siehe auch: Wiener Aktion 2009

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Raoul Korty

Freitag, 11. April 2008

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Österreichische Nationalbibliothek
Zur Erinnerung an schönere Zeiten…

29. Februar bis 13. April 2008

Raoul Korty in der Uniform des Husarenregiments Nr.5, 1919 © Österreichische Nationalbibliothek Der Ausstellungstitel greift die Widmung auf, die Raoul Korty unter sein Porträt in Husarenuniform schrieb. Entstanden ist die Aufnahme 1919 als der Krieg vorbei, die Monarchie abgelöst und die kaiserliche Uniform bereits Geschichte war. Er blieb Offizier und Lebemann. Seine Einstellung Ich habe den Rock des Kaisers getragen, da werde ich Hitler nicht fürchten wurde ihm 1944 schließlich zum Verhängnis. Auch Raoul Korty überlebte Auschwitz nicht.

Carte de Visite: Beidseitig betrachtbar 1865 © Österreichische NationalbibliothekCarte de Visite: Beidseitig betrachtbar 1865 © Österreichische Nationalbibliothek Der Stammhalter des wohlhabende Kaufmanns Siegfried Hermann Kohn, der 1896 den Namen Korty(i) annahm, wurde am 4. Februar 1889 in Wien geboren. Die Erziehung des jungen Raoul dürfte wohl der Zeit entsprochen haben, dennoch blieb die vom Vater gewünschte Entwicklung aus. Raoul entpuppte sich bereits in früher Jugend als besessener Fotosammler. Ein Ratenkauf, um an eine bedeutende Fotosammlung zu gelangen, endete beim Anwalt. Briefe der Mutter an den 12jährigen sind wohl nicht umsonst mit Sammler oder Ansichtskartenkrampfinhaber betitelt und mahnen brav und fleißig zu sein. Die 50.000 Damenporträts aus einem Nachlass, den er mit dem väterlichen Geld erwarb, werden ebenfalls nicht zur Bewahrung des häuslichen Friedens - angeblich hat aufgrund des Chaos das Stubenmädchen gekündigt - beigetragen haben.

Schauspielerin Mizzi Palme, um 1900 © Österreichische Nationalbibliothek Der junge Sammler beendete die Realschule und trat in die Wiener Kunstakademie ein, die er aber durch Eintritt in den Präsenzdienst und Ausbruch des Ersten Weltkrieg nicht beendete. Korty kehrte als Oberstleutnant heim, er war während des Krieges mit einer silbernen Tapferkeitsmedaille 2. Klasse ausgezeichnet worden. Ohne Ausbildung aber mit einer begüterten Familie war die Rückkehr ins bürgerliche Leben für Raoul Korty sicher leichter als für viele andere Heimkehrer. Seine Leidenschaft für Fotografie legte die Gründung des Fotoateliers Gorgette nahe. Keine kluge Entscheidung. Exzessive Sammler sind Süchtige. Ein Jahr später stand das Studio bereits vor dem Ruin. Foto(sammel)leidenschaft und organisiertes wirtschaftliches Denken scheinen sich bei Raoul Korty ausgeschlossen zu haben, obwohl das Atelier nicht unproduktiv gewesen war. Um 20.000 Kronen war Vaters Geldbeutel schmaler geworden als die Firma 1929 aufgelöst wurde. Nach seiner Heirat mit einer Nichtjüdin blieb ihm Vaters Geldbeutel verschlossen. Andererseits war die Sammlung auf rund 250.000 Fotos angewachsen. Das erste große Fotoarchiv auf das Printmedien zugreifen konnten, begann Geld einzubringen. Allerdings nicht genug. In den 30er Jahren begannen Korty aus Geldnot Teile seiner Sammlung zu verpfänden und zu verkaufen. Mit dem Anschluss Österreichs brach die Welt um ihn zusammen. Zu spät dachte er an Emigration. Am 28. Oktober 1944 wurde der Sammler und Chronist einer versunkenen Zeit Raoul Korty nach Auschwitz deportiert.

Sammlung Raoul Korty ab 1939 in der ÖNB © Österreichische NationalbibliothekUnter den nahezu 500.000 Objekte, die durch die Beschlagnahmungen während des Nationalsozialismus in die Österreichische Nationalbibliothek gelangten, befanden sich auch die letzten 30.000 Fotos, die Raoul Korty noch geblieben waren. Seit 1939 harrten sie in Transportkisten verpackt ihrer Wiederentdeckung. Es ist gut bekannt und wenig diskutiert, dass Österreich besonders vergesslich mit der Zeit des Nationalsozialismus umgeht. Die Gedächtnislücken sind besonders ausgeprägt, wenn es um die Rückgabe von Raubgut geht. Die Österreichische Nationalbibliothek hat sich auch nicht beeilt. Bereits 1946 nahmen die Hinterbliebenen von Raoul Korty mit den Verantwortlichen für die Rückstellung auf, aber erst 66 Jahre nach der Beschlagnahmung wurde die Fotosammlung der Tochter Kortys rechtmäßig abgekauft. Erfreulich ist, dass die Österreichische Nationalbibliothek sich ihrer unrühmlichen Erwerbsstrategien in aller Offenheit stellt und gemäß des Kunstrückgabegesetzes von 1998 endlich agiert.

Bearbeitung: 30.000 Bilder, 2007 © Österreichische Nationalbibliothek Seit 2007 wird die Sammlung Korty aufgearbeitet. Ein Katalog, auf den zurückgegriffen werden könnte, exitiert nicht; denn Raoul Korty hatte wie jeder besessene Sammler seine Objekte, deren Erwerb und die zugehörigen Hintergründe im Kopf. Der “spärliche” - gemessen an einst 250.000 Fotos - Bestand stellt somit eine große Herausforderung dar. Der Monarchist und Lebemann Korty spiegelt sich deutlich in seiner Sammlung. Der Schwerpunkt liegt auf Porträts von Adeligen und KünstlerInnen.

Non-Fiction

Michaela Pfundner, Margot Werner (Hg.)
Zur Erinnerung an schönere Zeiten
Bilder aus der versunkenen Welt des jüdischen Sammlers Raoul Korty
ÖNB 2008, 103 S. zahlr. Abb.
ISBN 978-3-01-000037-6

Katalog: Raoul Korty Die von 29. Februar bis 13. April 2008 im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek gezeigte Ausstellung Zur Erinnerung an schönere Zeiten. Bilder aus der versunkenen Welt des jüdischen Sammlers Raoul Korty wird der komplexen Thematik mehr als nur gerecht. Ausgehend von der Persönlichkeit Kortys spannt sich der Bogen über Adel, Gesellschaft, Bühne und Kurioses bis zum Sammlungsschicksal selbst. Übersichtlich struktruiert und äußerst ansprechend präsentiert, ist es eine Freude von Vitrine zu Vitrine zugehen und sich mit dem gut aufbereiteten Inhalt zu beschäftigen. Flüssige Texte, stimmig gewähltes Fotomaterial sowie einige Schmuck- und Bekleidungsstücke verdeutlichen die Lebenswelt Kortys und zeigen die informative Breite des Bestandes auf.

Die Ausstellungen im Prunksaal sind immer interessant, viele sind gelungen und immer zeigen sie Besonderes. Diese Ausstellung ist außergewöhnlich. Die exzellenten Texte und die frische Grafik stellen die rund 300 Fotos, deren Fülle man kaum bemerkt, nicht nur in einen informativen Zusammenhang, sondern sparen auch die Forschungsgeschichte nicht aus.
Definitiv eine Ausstellung bei der man keinesfalls auf den Katalog verzichten sollte. Die Persönlichkeit Kortys, das Sammlungsschicksal und die Bildauswahl werden so spannend vorgestellt, dass man den auch grafisch attraktiven Band erst aus der Hand legt, wenn man die rund 100 Seiten gelesen hat.

© S. Strohschneider-Laue

Raoul Korty
Franz Joseph I. in 100 Bildern
Kaiserin Elisabeth von Österreich in zweihundert Bildern

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Lucien Clergue

Freitag, 11. April 2008

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Lucien Clergue
Magie und Mythos

KunstHausWien 2007, Dt./Engl, 224 S. mit zahlr. Farb- und Sw-Abb.
ISBN 978-3-901247-17-0

Lucien Clergue, Magie und Mythos Lucien Clergue: Magie und Mythos. Ausstellungskatalog

Lucien Clergues Fotografien ist eine poetische Stille eigen, die zur Kontemplation über das prekäre Verhältnis von Mensch und Natur, Vergänglichkeit und Permanenz, einlädt. Zwischen den Polen Tod und Leben angesiedelt, gehören der Stierkampf und der weibliche Akt, das Wasser und der Sand zu den Leitthemen seines Lebenswerkes. Ein Querschnitt durch das Schaffen des 1934 in Arles geborenen Künstlers ist derzeit in einer rund 200 Arbeiten umfassenden Ausstellung des KunstHausWien sowie dem als Begleitbuch erschienenen Katalog “Lucien Clergue - Magie und Mythos” zu bewundern. Die reich bebilderte Publikation zeichnet in chronologischer Abfolge den künstlerischen Werdegang Lucien Clergues nach. Ein den Bildteil vorangestellter Essay von Karen Sinsheimer schildert die wichtigsten Stationen in der Biografie des vielfach ausgezeichneten Fotografen, der sich auch erfolgreich mit dem Medium Film beschäftigt.

In den Nachkriegsjahren erkundet Lucien Clergue mit seiner Kamera das zerbombte Arles und sein Umland. In den Ruinen der Stadt inszeniert er “tableaux vivantes” mit als Zirkusartisten verkleideten Kindern, deren starre Posen und Anordnung im Bildraum aus heutiger Sicht Assoziationen mit der Modefotografie wachrufen. In starkem Kontrast zu dieser, in ihrer Grundstimmung seltsam melancholisch wirkenden, Bildserie stehen die reportageartigen Fotografien der Zigeuner, die Lucien Clergue eine Zeit lang begleitet. Doch nicht nur der Mensch, auch die Natur fesselt den Fotografen. Seine Aufnahmen von sich im Wasser einer Überschwemmung spiegelnden Weinstöcken, von Maisstauden und der kargen Vegetation der Küste besitzen durch Nahsicht und die betonte Licht-Schatten-Wirkung eine abstrakte Qualität, die sie der modernen Malerei nahe bringt. Begegnungen mit Picasso und Jean Cocteau eröffnen dem jungen Fotografen neue Wege. Lucien Clergue entdeckt das künstlerische Potential des weiblichen Körpers. Der Frauentorso - von Wasser umspült, als Projektionsfläche für Zebramuster aus Licht und Schatten oder in Doppelbelichtungen mit historischen Gemälden kombiniert - wird für ihn zum bildlichen Symbol des Lebens.

Mit der “Sprache des Sandes”, einer Sammlung von Aufnahmen der von natürlichen und künstlichen Spuren gezeichneten Übergangszone zwischen Wasser und Land, erwirb der Meister der Schwarz-Weiss-Fotografie 1979 den Doktorgrad an der Universität von Marseille-Provence. Die behutsame Annäherung an die Farbfotografie erfolgt erst spät. 1981 beginnt Lucien Clergue mit einer Polaroid-Kamera zu experimentieren - mit überraschenden Resultaten. Zu Sequenzen aneinandergereiht, erhalten die kleinformatigen Farbbilder eine zusätzliche rhythmisch-grafische Dimension. Schließlich entstehen auch großformatige Arbeiten, die durch das Spiel mit Doppelbelichtungen eine geheimnisvolle Tiefe erhalten. Das Buch “Lucien Clergue - Magie und Mythos” stellt eine exzellente Einführung in das Werk des großen Fotografen dar. Wer es in Händen hält, sollte übrigens auf keinen Fall verabsäumen die Umschlagklappen aufzuschlagen. Hier sind insgesamt 108 weitere Fotos versteckt, die erahnen lassen, welche Schätze das Archiv des Künstlers noch birgt.

Die Ausstellung “Lucien Clergue - Der Dichter mit der Kamera”, seine erste Retrospektive in Österreich, ist bis 17.02.2008 im KunstHausWien zu sehen. Danach gastiert sie vom 07.03. bis 18.05.2008 im Graphikmuseum Pablo Picasso Münster und vom14.06. bis 20.07.2008 in der Städtischen Galerie Erlangen.

© Ch. Ranseder

Lucien Clergue: Magie und Mythos. Ausstellungskatalog

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