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Kaltmamsell und Haubenköchin

Mittwoch, 30. Januar 2013
eb_000_011.gifEbensolch Rez-E-zine 73/13

Ilona Zubrod, Melanie Goldmann
Hier kocht die Frau!
Von Kaltmamsellen und Küchenchefinnen
Gerstenberg 2013, 193 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 8369 2757 4

Hier kocht die Frau! Von Kaltmamsellen und Küchenchefinnen Hier kocht die Frau! Von Kaltmamsellen und Küchenchefinnen

Frauen in der Küche: Ewiger Kampf um Anerkennung

Es ist erstaunlich, dass der Wert einer Tätigkeit und/oder eines  Produkts danach beurteilt wird, ob Frau oder Mann verantwortlich zeichnet. Was beim Mann als hochspezialisierte Kunst gilt, wird bei einer Frau als semiprofessionelle Dienstleistung abgetan.

Gendergerechte Sprache auf dem Höhepunkt ihrer Absurdität

Die Welt der Speisezubereitung macht da keine Ausnahme. Die Schweiz - ein gutes Beispiel für zweierlei Maß - machte aus Koch und Köchin zwei verschiedene Berufe. Zweieinhalb Jahre Lehre für den Mann, ein Jahr für die Frau. Ob für den Mann in der verlängerten Lehrzeit der Beruf “Köchin” inkludiert war, ist zu bezweifeln, ebenso wie die Möglichkeit für die Frau, die Lehre bis zum Abschluss als “Koch” zu verlängern.

Hausfrau - Kochbuchautorin - Starköchin

In fünf Kapiteln werden Frauen, die es schafften, ins Rampenlicht der Kochgeschichte zu treten, vorgestellt. Nur wenigen gelang es bisher, in der männerdominierten Kocharena zu gefeierten Hauben- und Sternenköchinnen aufzusteigen.

Der Überblick über das 19. Jahrhundert macht den Auftakt. Die Frauen kochten, um die Familie zu versorgen. Dass sie dabei möglichst wirtschaftlich vorgingen, war höchste Pflicht. Kochbücher wurden zu Verkaufsschlagern und Aussteuerbestandteil. Kein Wunder, dass Puppenküchen “Spiel”zeug für Töchter waren. Auch deshalb sind die von und für Frauen verfassten Kochbücher zugleich auf die sparsame und übersichtliche Haushaltsführung zugeschnitten. Berühmt wurde “Praktisches Kochbuch” von Henriette Davidis (*1801 †1876), das jahrelanger Bestseller war. Es überrascht nicht, dass Davidis beim Abschluss des Vertrags vom Verlag über den Tisch gezogen wurde und ein jahrelanger Kampf um Tantiemen folgte. Wilhelmine Schreibler (um *1749 †1829) verfasste mit “Allgemeines deutsches Kochbuch für bürgerliche Haushaltsführung” ein ebenso berühmtes Handbuch. 1839 kam ein Plagiat davon auf den Markt, gegen das erfolgreich gerichtlich vorgegangen wurde.

Im zweiten Kapitel werden Konventionen einerseits und Reformbewegungen andererseits einer näheren Betrachtung unterzogen. Die Ausbildung der jungen Mädchen berücksichtigte mehr und mehr das Kochen. Die angehenden Ehefrauen und Mütter sollten wirtschaftlich agieren sowie gut kochen können oder als ledige Lehrerin, Haushälterin und Köchin ihr Auslangen finden. Der Vorteil lag auf der Hand: Ehemänner, die daheim versorgt wurden, sparten Essensgeld und waren weder dem Alkohol noch dem sozialistischen Gedankengut in Gaststätten ausgesetzt. Die emanzipatorischen Bestrebungen galten auch der fundierten Ausbildung von Mädchen. Kochbücher und Bücher zur Haushaltsführung entstammten daher oft der Feder der Lehrerinnen.

Der Schritt vom heimischen Herd in die professionelle Küche war nicht mehr aufzuhalten. Das dritte Kapitel stellt erstmals Frauen vor, die ins Rampenlicht der Gastronomie traten. Interessant ist, dass Frankreich mit den “Mères Lyonnaises” eine Vorreiterrolle einnahm. Auslöser dafür waren die Entlassungswellen von 1929, die auch über die Köchinnen großbürgerlicher Haushalte hereinbrachen. Sie waren es, die in den Restaurants von Lyon zu arbeiten begannen oder selbst Restaurants eröffneten. 1926 begann Michelin in seinen Reiseführern Sterne an Restaurants zu verteilen. 1933 schafften es erstmals zwei Frauen aus Lyon in die Oberliga der Sternerestaurants. Dagegen verblasst sogar das goldene Verdienstkreuz, das Kaiser Franz Josef  1899 an Emma Hellenstainer - natürlich nicht alleine für die besten Küche Tirols - verlieh.

Der erfinderische unternehmerische Geist von Frauen wird durch die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky und die beiden Food-Unternehmerinnen Irmgard von Opel und Henriette Schmidt-Burkhardt gewürdigt, die nur äußerst peripher mit “Hier kocht die Frau!” in Zusammenhang gebracht werden können. Sie stehen eher für weibliche Fähigkeiten in Sachen Management und Multitasking sowie der Erschließung von Männern bis dahin unbeackerten Geschäftsfeldern.

Unleugbar hat das Kochen ab den späten 30er-Jahren das TV erobert. Inzwischen gibt es sogar eigene Koch-Kanäle. Auch hier gab es zunächst ausnahmslos Männer, die das Sagen über das Kochen hatten. Sie dominieren bis heute die Bildschirme: Egal, ob sie tatsächlich Köche sind oder nur erfolglose Schauspieler. Die erstklassigen TV-Köchinnen haben quer durch die Sender weniger Auftritte und Stars wie Sarah Wiener findet man vorwiegend auf Kultur- und Qualitätssendern. Eine erstklassige Köchin zu sein, ist nicht genug. Eine Frau muss auch noch die sinnlichen Qualitäten einer Glamour-Queen im Gastroporno beisteuern. Dieses gewisse attraktiv-anziehende Etwas, das man von Johann Lafer oder Jamie Oliver gar nicht erst verlangen würde.

Dass inzwischen Promis aller Sparten als Autorinnen von Kochbüchern auftreten, hat m. E. andere Gründe. Es scheint eher zu bedeuten, dass eigene Kleider- oder Parfummarken unrentabel wären, aber Kochbücher zumindest einen gewissen Lifestyle werbetauglich unterstreichen.

Fazit

Es sei, wie es sei: Die Haubenköchinnen und Quotenkaiserinnen sind trotz der in den Weg gelegten Steine endlich im Gourmetolymp angekommen.

“Hier kocht die Frau” ist extrem spannend, zuweilen augenzwinkernd ätzend geschrieben und überdies reich bebildert und benutzerfreundlich gegliedert. Dass dazu  Kulturgeschichte rund um zwei Schwerpunktthemen “Frauen” und “Kochen” geboten wird, macht das Lesevergnügen perfekt.

© S. Strohschneider-Laue

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Die Höhle der vergessenen Träume

Mittwoch, 19. Oktober 2011
NotizEbensolch Rez-E-zine 69/11

Die Höhle der vergessenen Träume - Film
Film von Werner Herzog Frankreich/USA/Großbritannien/Deutschland 2010, 90′, 3D, Kinostart 4. November ‘11.
Trailer

Die Sondervorführung des Films “Höhle der vergessenen Träume” fand im Haydnkino statt. Zu dieser Preview, die zusätzlich zum Pressetermin abgehalten wurde, waren insbesondere ArchäologInnen eingeladen.

Im Mittelpunkt des Films steht die Grotte Chauvet in Südfrankreich. Die Höhle, die den Namen des Höhlenforschers und Entdeckers Jean-Marie Chauvet trägt, wurde erst Ende 1994 entdeckt. Sie offenbarte eine erstaunliche Menge und Vielfalt an erstklassig erhaltener, altsteinzeitlicher Höhlenkunst, deren Alter die bisher bekannten Malereien wie z. B. in Lascaux übertrifft. Die ältesten Bilder entstanden in der Zeit vor 35.000-32.000 Jahren, die jüngsten vor rund 25.000 Jahren. Ein Felssturz vor 22.000 Jahren, der die Höhle verschloss, verhinderte seither das Betreten des Gangsystems durch Menschen, trug aber zugleich zum guten Erhaltungszustand der Kunstwerke bei. Der restriktive Zugang, nur einem ausgewählten Wissenschaftsteam ist es vorbehalten die Höhle zu Forschungszwecken zu betreten, soll dazu beitragen, dass der Höhle nicht der derselbe Verfall droht, wie jener von Lascaux. Dort waren die Bilder von 1948 bis 1963 zu viel Licht, Wärme, Besuchsströmen und damit der Schimmelbildung ausgesetzt und konnten nur durch aufwendige Restaurierungsarbeiten vor dem vollständigen Verlust bewahrt werden. In der über 8.000 m² großen Chauvet-Höhle befinden sich vier Säle, an deren Wänden zahlreiche Tiere (u. a. Mammuts, Wollnashörner, Rentiere, Großkatzen, Bären, Hyänen) sowie Symbole und Handabdrücke zu sehen sind. Auf dem Höhlenboden hat sich eine menschliche Fußspur erhalten. Knochenfunde - vor allem von Höhlenbären - komplettieren das Fundspektrum aus der Höhle.

Interessierten war es bisher nur möglich wissenschaftliche Publikationen und Berichte zu verfolgen, um den Stand der Dinge rund um die Chauvet-Höhle zu erfahren. Der große Verdienst des Filmes ist es daher, einen 3D-Eindruck des reichen Bildschatzes zu vermitteln, der aus Denkmalschutzgründen nur wenigen Menschen zugänglich gemacht wird. Mit dem Film “Die Höhle der vergessenen Träume” werden 3D-Eindrücke der Höhle nach außen gebracht, die kein  Printmedium in diesem Ausmaß bieten kann. Dafür erträgt man im Kino gerne eine zusätzliche Brille. Erfreut sich das Fachpublikum auch an dem ausführlich gebotenen Überblick im Inneren der Höhle, so schränkt sich die Freude bei der Interpretation, die weit über den wissenschaftlichen Rahmen hinausgeht, deutlich ein. Woran es auch liegen mag - seien es sprachliche Missverständnisse,  Interviewmethoden oder mediale Ungeschicklichkeit der WissenschaftlerInnen - es gibt wissenschaftlich Unbelegbares, erzählerisch Unnötiges und zukunftsorientiert Spekulatives, das in einer an sich seriösen Dokumentation nichts verloren hat. Andererseits ist es ein Film von Werner Herzog. Er lebt seinen Hang zu poetischen Bildern, mystischen Zusammenhängen und zu spirituell angehauchter Musik aus und bringt andere dazu, es ihm gleichzutun - zumindest solange bis er sie bei seiner Vision von sprechenden Atom-Krokodilen im Epilog endgültig verliert.

© S. Strohschneider-Laue

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Mamerot - Chronik der Kreuzzüge

Donnerstag, 10. Dezember 2009
Non-FictionEbensolch Rez-E-zine 58/09

Thierry Delcourt, Danielle Quéruel, Fabrice Masanès
Sébastien Mamerot - Chronik der Kreuzzüge
Von Karl dem Großen bis Sultan Bajsit
Taschen 2009, 2 Bände, 224 S., zahlr. Farb- und Sw-Abb.
ISBN 978 3 218 00795 5

Mamerot - eine Chronik der Kreuzzüge

Das wunderbar illuminierte Manuskript “Les Passages d’Outremer” aus dem 15. Jahrhundert befindet sich in der französischen Nationalbibliothek in Paris. Text und Bilder erzählen die Geschichte der Kreuzzüge ab Karl dem Großen bis zum Aufstand in Genua (1462). Das unbezahlbare Original in Händen zu halten, ist nur Wenigen vergönnt. Um so schöner ist es, dass Taschen ein hochwertiges Faksimile in herausragender Detailtreue und mit Goldhöhung vorgelegt hat. Begleitet wird dieses Werk von einem umfassenden Kommentarband, der eine vollständige Übersetzung enthält. Prachtband und Kommentarband werden gemeinsam durch einen königsblauen Schuber mit goldenen Lilien geschützt. Zieht man die beiden Bände heraus, hält man zwei gewichtige rot gebundene Bücher in Händen, deren aufwändige Ausstattung jedem Bibliophilen das Herz höher schlagen lassen.

Mit der Entstehung des Originals sind vor allem drei Namen verbunden: Sébastien Mamerot (um 1430-1490), der Autor,  Jean Colombe (um 1430-1493), der Illustrator, und Louis de Laval (1411-1489), der Auftraggeber. Jean Colombe ist für seine unsterblich schöne Buchmalerei der ”Très Riches Heures” des Duc de Berry berühmt und nicht minder fantastisch sind die Illustrationen, die er für “Les Passages d’Outremer” schuf.

Die Kreuzzüge verursachten tiefgreifende politische und soziale Veränderungen. Die vordergründig religiös motivierten Kreuzzüge, hatten wie alle Kriege wirtschaftliche und strategische Hintergründe. “Jenseits des Meeres” (Outremer) vollzogen sich daher auch für die teilnehmenden Adeligen zahlreiche gesellschaftliche Ereignisse, die ihre Wirkung bis in die jeweilige Heimat entfalteten. Eines dieser tiefgreifenden Ereignisse ist wohl den meisten Menschen bekannt: Der berühmte Streit zwischen Richard Löwenherz und Leopold von Österreich vor Akkon im Jahr 1191. Der Zwist mündete schließlich in der Gefangenschaft Richard Löwenherz bei seiner Rückreise 1192 durch Österreich. Das hohe Lösegeld, das seine Untertanen für ihn aufbringen mussten, ermöglichte schließlich den Ausbau der Stadtbefestigung von Wien. Die Beschreibung der gegenseitigen Provokationen vor Akkon, das undiplomatische Verhalten kann man sowohl dem Faksimile als auch der Übersetzung im Kommentarband entnehmen. Die lebendige Schilderung lässt die Mächtigen der damaligen Welt durchaus als postpubertäre, machtgeile Männer erscheinen, die in ihrer Überheblichkeit jegliche, damals üblichen Umgangsformen weit hinter sich ließen. Das erfreut nicht nur Historiker, sondern verschafft noch immer - nach rund 550 Jahren - ein überraschendes Lesevergnügen.

Thierry Delcourt steuert im Kommentarband das umfassende Essay “Die Passages d’Outremer, ein Meisterwerk der französischen Buchmalerei des 15. Jahrhunderts” bei. Gemeinsam mit Danielle Quérel verfasste er zu dem “Editorische Anmerkungen”. Die Übersetzung des Originals besorgten Eva Dewes, Hubertus von Gemmingen und Regine Schmidt. Die Bildkommentare und die Zusammenfassung übernahm Fabrice Masanès. Abgerundet wird der Kommentarband von einer umfassen Bibliografie.

Ein herrliche Anschaffung, die ihren Wert behält!

Mamerot - eine Chronik der Kreuzzüge

Hier kann man im Buch blättern

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